Die Machtübernahme der NSDAP
(601-1933) Die Nationalsozialistische-Arbeiterpartei (NSDAP) hat nach 14 Jahren ihr wichtigstes Ziel erreicht: Sie stellt mit Adolf Hitler am 30. Januar 1933 erstmals den Kanzler der neuen Reichsregierung.
Zwei Tage zuvor wird der Rücktritt des nur zwei Monate währenden Kabinetts um Kurt v. Schleicher bekannt gegeben.

Augsburg vor der zweiten Reichstagswahl des Jahres 1933 (Nerdinger/Wolf/Schmid: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.10 - 2012)
Bei der darauf folgenden Reichstagswahl am 5. März 1933 erlangt die NSDAP die relative Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Der Wahl-Hamburger Gottfried Grandel schreibt dazu in seinem Bericht an das Hauptarchiv der NSDAP:
"Als 1933 in Hamburg auf dem schönen Rathause die Hakenkreuzflagge hochging, war ich zugegen und freute mich." (BArch Berlin: NS26/515, S.594/Bl.9 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Der international renommierte Chirurg, der schon während der Räterepublik in München praktizierende Professor Dr. Ferdinand Sauerbruch, gilt als nationalistisch, doch sein ärztliches Selbstverständnis ist universell angelegt. Zu Beginn der NS-Diktatur verfasst er einen offenen Brief 'an die Ärzteschaft der Welt':
"Es ist eines der unwandelbaren, unantastbaren Gesetze der Menschheit, daß ihre Ärzte frei von zeitgebundenen Kräften ihr Werk tun. So sehr auch die Medizin als Wissenschaft ihr wechselndes Gepräge von einzelnen Kulturepochen empfängt, die ideelle Haltung des Arztes bei seiner verantwortungsvollen Arbeit muß unbeeinflußt und menschlich frei bleiben. In der unmittelbaren Beziehung zu jedem Kranken, der sich ihm anvertraut, liegt seine königliche, ja göttliche Sendung . Aus dieser inneren Unabhängigkeit entspringt aber auch eine großzügige, lebendige Anschauung der Zeitfragen. Die Eigenart des ärztlichen Berufes lehrt uns zudem Ehrfurcht vor den ewig unerforschlichen Mächten des Daseins. Sie bestimmen die Lebenslinie des einzelnen und prägen das Schicksal ganzer Völker. Jede Anklage muß vor ihnen verstummen und Begriffe wie 'Schuld' und 'Ursache' verblassen. Bei einer solchen Betrachtungsweise verknüpfen wir auch mit dem Weltkrieg nicht die Vorstellung einer 'Schuld', sondern sehen in ihm nur die Folgen einer übersetzten, ungesunden Entwicklung, die, wie eine Naturkatastrophe, zur Auseinandersetzung der Völker führen mußte. Er war das erste Symptom einer Weltenwende, die alle Staaten früher oder später erfaßt und ihnen mit schicksalsmäßiger Unerbittlichkeit neue Werte, neue Formen aufzwingt, ohne Rücksicht auf bisherige Bindungen. Internationale Konferenzen zur allgemeinen Rettung versagten, weil sie die historischen und biologischen Bedingungen der Völker verkannt haben. So wie ein kluger Arzt seinen Heilplan den Naturgesetzen anpaßt, so kann auch die Gesundung eines Volksorganismus nur durch Wiedererwecken seiner lebendigen Kräfte eingeleitet werden. Das deutsche Volk hat nach schweren Jahren einer durch den Versailler Vertrag bedingten Unterdrückung sein nationales Selbstbewußtsein zurückgefunden und möchte sich nun in friedlichem Aufbau festigen. Vielleicht trüben noch harte Maßnahmen und schwere Eingriffe, die jede revolutionäre Tat begleiten, den Blick für ihre Größe und täuschen Außenstehende über den zielbewußten und ernsten Aufbauwillen unserer Regierung. Die nationale Regierung Deutschlands gründet ihre Idee auf einer sittlich hohen Auffassung ihrer Bürger. Sie glaubt an die Erziehung des einzelnen an sich selbst, sowie an die Opferwilligkeit dem Nächsten und damit dem ganzen Staate gegenüber. Diese Forderung des Gemeinsinnes und der Opferbereitschaft schließt nach meiner Meinung unmittelbar den Glauben an ein friedliches Auskommen der Völker untereinander ein. Denn der Wille zur Gesundung eines Volkes, das mit dem nationalen Selbstbewußtsein das starke Bekenntnis zum Sozialismus verbindet, kann nur seinen Ausdruck in steter, ungehinderter Friedensarbeit finden." (Die Medizinische Welt, Bd.7, Ausg.2, S.1447 - "An die Ärzteschaft der Welt!" Offener Brief des Geheimrats Professor Dr. E. F. Sauerbruch, Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Berlin, Charité v. 1933)
In Reaktion auf den von Dr. Sauerbruch vertretenen Anspruch schreibt das sozialdemokratische Wochenblatt Neuer Vorwärts im Oktober 1933:
"Herrliche Worte und großartige Wahrheiten! Man möchte meinen, daß sie der Ausgang für ein Verdammungsurteil seien gegenüber dem Hitlerdeutschland, das die Freiheit des Arztes auf schimpflichste Weise geschändet hat. Oder weiß Sauerbruch nichts von der Vernichtung ungezählter deutscher Aerzte durch den Nationalsozialismus, weiß er nichts von der brutalen Anwendung des Arierparagraphen und der 'politischen Unzuverlässigkeit', diesen infamen Drosselschlingen gegen tausende seiner Kollegen? Sauerbruch glaubt, 'national' zu handeln. Aber nur der Geistesarbeiter, der sich gegen das Deutschland von heute empört, rettet damit vor den Augen der Welt ein Stück des deutschen Ansehens. Wer sich ihm unterwirft, macht sich selber und seiner Nation nichts als Schande." (Digitalisiert auf //collections.fes.de/historische-presse: Neuer Vorwärts, Nr.17, S.7 - "Der Nationalchirurg - Sauerbruch als Nazipropagandist" v. 8.10.1933)
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"Schleppenträger der Nazipropaganda": Professor Dr. Ferdinand Sauerbruch (Wikimedia Commons - Datei: (UAZ) AB.1.0843 Sauerbruch.tiff / Schmelhaus - 1914)
Die von Dr. Sauerbruch angesprochene "stete, ungehinderte Friedensarbeit" der neuen Regierung findet auch in Augsburg ihren ersten Ausdruck: Nationalsozialisten besetzen kurzerhand den politischen Raum, der ihnen aus ihrer Sicht nun zusteht:

Nach 12 Jahren Kampf: Besetzung des Augsburger Rathauses (Westportal) durch SA und SS - 9. März 1933 (augsburger-allgemeine.de: "Die Revolutionäre in Haft, die Nazis im Kommen" v. 7.5.2019 / Fotografie im Besitz des Stadtarchives Augsburg)
1934
Professor Sauerbruch bleibt mit seinen Ansichten auch im zweiten Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme im öffentlichen Gespräch:
"Vor einigen Wochen wandte sich der bedeutende Chirurg an die Aerzte der Welt mit einem Aufruf. Er war eine Fürbitte für Hitler-Deutschland und die Errungenschaften der 'nationalen Revolution'. Die neue Erklärung Sauerbruchs, sehr vorsichtig und zurückhaltend in der Form, gibt erschütternden Aufschluß darüber, wie es mit einer dieser Errungenschaften steht: mit der Freiheit der Wissenschaft. Sauerbruchs Abwehr richtet sich gegen die allzu heftige Gleichschaltung, gegen die Kommandierung der Professoren durch Unberufene, gegen den Versuch, jeden Gelehrten zu diffamieren, der nicht dauernd den Arm zum Hitler-Gruß erhebt. Er protestiert gegen die Militarisierung der Studenten und die Erniedrigung der Universität zu einer Fachschule, wobei die Universität zum nationalsozialistischen Exerzitium gestempelt wird. Sauerbruch ist kein Held. Aber die andern? Sie schweigen. Sie lassen sich alles bieten. Nicht nur das! Sie beugen sich widerspruchslos jener denkwürdigen Entschließung der preußischen Hochschulrektoren, die mit 'tiefer Dankbarkeit' an die Adresse Hitlers und Rusts feststellt, daß dem Nationalsozialismus die neue schöpferische Grundlage der deutschen Wissenschaft zu danken sei." (Digitalisiert auf //collections.fes.de/historische-presse: Deutsche Freiheit, Nr.60, S.6 - "Sauerbruch in Abwehr" v. 13.3.1934)
Vom Reichspräsidenten Hindenburg wird Professor Sauerbruch Ende Juli 1934 um Kranken-Beistand gebeten.
"Im Juli 1934 verschlechterte sich der Gesundheitszustand Hindenburgs weiter. Bis dahin hatte er seine Dienstpflichten als Reichspräsident noch wahrgenommen. Auch in der Endphase seines Blasenleidens 'blieb Hindenburg im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Erst zwanzig Stunden vor dem Ableben fiel er in Bewusstseinstrübungen, erkannte jedoch Hitler, als dieser den Sterbenden am Nachmittag des 1. August erneut aufsuchte'.(...) Am Morgen des 2. August 1934 um 9 Uhr starb Hindenburg im Alter von 86 Jahren auf Gut Neudeck." (Wikimedia: "Paul von Hindenburg")
"Politisches Testament? Ja, Oskar, der die letzten Worte seines Vaters vernahm, ist in der Lage zu erklären, daß der mit dem Tode Ringende, als er den letzten Seufzer tat, verzweifelt 'Hitler! Hitler!' rief. Man hat einen Zeugen dafür, den berühmten Chirurgen Professor Ferdinand Sauerbruch. Den Tod hat er von dem Kranken nicht fernhalten können, aber er hat sich schließlich noch über ihn neigen können, um ihn mit letzter Kraft die Worte 'Hitler! Hitler!' aussprechen zu hören. Offenbar habe das heißen sollen, Hindenburg sterbe ruhig, da er wisse, daß Hitler sich der verwaisten Nation annehme." (Digitalisiert auf //collections.fes.de/historische-presse: Deutsche Freiheit, Nr.189, S.4 - "Noch keine Totenliste - Aber vereinzelte Todesanzeigen" v. 17.8.1934)
Filmsequenz ab Minute 54:50: "Sauerbruch - Das war mein Leben" - 1954
Für die politischen Gegner der Nationalsozialisten beginnen mit dem Machtwechsel schwere Zeiten, viele von ihnen werden mittlerweile eingeschüchtert, verfolgt, in Konzentrationslagern interniert und ermordet.
https://www.youtube.com/watch?v=b5edEODY-6w
Eine zunehmend radikalisierte Behörden-Maschinerie entrechtet systematisch und mit hoher Dynamik sowohl die Gegner des Regimes, als auch die Mitbürger jüdischen Glaubens. In Augsburg bildet die Stadtverwaltung eine der tragenden Eckpfeiler der nationalsozialistischen Herrschaft.

Totengedenken im Goldenen Saal: Augsburgs NSDAP-Fraktionsführer und spätere Zweite Bürgermeister Matthias Kellner bei seiner Rede zum Jahrestag der Machtübernahme - 9. März 1934 (Nerdinger/Wolf/Schmid: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.8 - 2012 + "'Machtergreifung' in Augsburg", hinteres Umschlagbild und S.24/314 - 2008 + Stadtarchiv Augsburg, Schriftdokumentation 849)
Das, was zuvor ein Jahrzehnt lang im Völkischen Beobachter, über Veranstaltungen und Flugblätter angekündigt und skizziert wurde, gelangt nun durch politische Machtübernahme zur radikalen Ausführung.
Video: Amerikanische Touristenbusse durchqueren Bayern - 1934
In Gunzenhausen, wo der durch Dr. Grandel nationalsozialistisch geschulte Wanderredner Heinrich Dolle aus Westfalen bereits im Jahre 1923 zum Einsatz kam, stellt sich die Situation für die jüdischen Mitbürger im Jahr der Machtübernahme besonders kritisch dar:
"Mit der Machtübernahme wurde die sogenannte Schutzhaft zum alltäglichen Mittel, politische Gegner wie vor allem Juden zu drangsalieren und einzuschüchtern. Symbolpolitischer Ausdruck dieser Entwicklung war neben zügigen Umbenennungen wie auch der Umgestaltung von Plätzen die Errichtung eines 'Denkmals der nationalen Erhebung'. Das im Volksmund sogenannte Hitlerdenkmal, im April 1933 mit großem Pomp und unter reger Beteiligung der Bevölkerung eingeweiht, war das erste seiner Art in Deutschland. Im Juni 1933 rotteten sich erstmals an die hundert Sympathisanten der Nationalsozialisten vor lokalen jüdischen Privatanwesen zusammen. Ein knappes Jahr später, am 25. März 1934, erfolgte der lang angestaute Ausbruch antisemitischer Wut. Es kam zu einem 'in der Phase des NS-Regimes wohl reichsweit einzigartigen Pogrom'. An diesem sogenannten Blutpalmsonntag nahmen nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 700 und 1500 Personen teil. Bis in die späten Abendstunden zog der Mob marodierend durch die Gassen der Stadt, drang gewaltsam in die Häuser jüdischer Eigentümer ein, zerschlug Mobiliar, misshandelte die Bewohner und verschleppte 29 Männer und sechs Frauen in das örtliche Gefängnis. Im Verlauf der Hetzjagd kamen zwei jüdische Männer ums Leben. Der als Gegner des Nationalsozialismus bekannte, dreißig Jahre alte Sozialdemokrat Jakob Rosenfelder wurde erhängt in einem Schuppen gefunden, der 65-jährige Max Rosenau hatte sich aus Angst vor dem in sein Haus einbrechenden Mob erstochen."(Medicus: "Verhängnisvoller Wandel: Ansichten aus der Provinz - Am Beispiel einer Kleinstadt", S.15 -)
Auch der jüdische Journalist und Sozialdemokrat Felix Fechenbach gerät 1933 in die Hände der SA.

Bereits 1922 Augsburger SPD-Funktionärin und seit dem 26. September 1925 mit Felix Fechenbach verheiratet: Rechtsanwaltstochter Irma Fechenbach, geb. Epstein - 1931 (Fechenbach/Kempner: "Mein Herz schlägt weiter" - 1987)
Der seit dem 6. September 1926 mit der Tochter des am 22. Januar 1925 verstorbenen Augsburger Rechtsanwaltes Dr. Emil Epstein verheiratete Journalist und ehemalige Kanzlei-Sekretär des 1919 ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, wird auf der Überführungsfahrt vom westfälischen Detmold zum bayerischen Konzentrationslager Dachau in unmittelbarer Nähe von Heinrich Dolles Wohnsitz Heilgrund im Kleinenberger Wald am 7. August 1933 "auf der Flucht erschossen". Die SA wird über Jahre bei Heinrich Dolle im Kleinenberger Heilgrund in Lehrgängen geschult. Als offizielle Darstellung wird vermeldet:
"Bei einer Rast in der Nähe von Warburg in Westfalen versuchte Fechenbach, sich dem Weitertransport durch die Flucht zu entziehen. Die Begleitmannschaft mußte von der Waffe Gebrauch machen. Fechenbach wurde verwundet und starb nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus." (//anno.onb.ac.at: Innsbrucker Nachrichten, Nr.182, S.2 - "Fechenbach bei einem Fluchtversuch erschossen" v. 9.8.1933)

SA-Führerschulung bei Heinrich Dolle (l.) im westfälischen Heilgrund mit dem Augsburger Gauleiter Karl Wahl (erste Reihe stehend, 2.v.r.) - 1933 (Foto: Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: S - M4A, Nr. 10/2 - Nachlass Heinrich Dolle)
Zum Tod von Felix Fechenbach schreibt Der jüdische Arbeiter in Wien:
"Die braunen Banditen redeten sich natürlich aus, daß Fechenbach auf der Flucht erschossen wurde. Es konnte aber kein Zweifel bestehen, daß hier ein neuer gemeiner Meuchelmord vorliegt. Jung und lebenslustig wie er war, einige und dreißig Jahre alt, ein aufrichtiger und aufrechter Kämpfer, aktiver Sozialist, Redakteur der soz.-dem. Zeitung in Detmold und (-seit 1925-) treues Mitglied der Poale Zion, wie zahlreich waren die Motive, einen solchen Menschen zu töten. Und die braunen Bestien haben auch diesen edlen Kämpfer ermordet.(...) Nach seiner Rückkehr aus Palästina nahm Fechenbach (-1926-) aktiven Anteil an der Arbeit der Poale-Zion in Deutschland." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Der jüdische Arbeiter, Nr.33, S.4 - "Unser Felix Fechenbach" v. 18.8.1933)
"Umso mehr galt dies für die sozialistische Variante des Zionismus in Gestalt der Poale-Zion, die in den Jahren ihres Bestehens nicht mehr als 500 Mitglieder in Deutschland zählen sollte." (yadvashem.org: "Eine jüdische Randerscheinung - Der Poale-Zionismus in Deutschland" - 2012)

Aufmacher des Neuen Vorwärts aus dem Exil
Zu Felix Fechenbach und dem weiteren Lebensweg seiner hinterbliebenen Familie heißt es:
"Als Journalist, engagierter Demokrat und Schriftsteller war er bereits bekannt, als er im Oktober 1929 verantwortlicher Redakteur der Detmolder sozialdemokratischen Tageszeitung 'Volksblatt' wurde. Als Jude, Sozialist und Pazifist und als Journalist, der in aller Offenheit und Schärfe Interna der Machteroberungsstrategien der Nationalsozialisten seiner Leserschaft zugänglich machte und kommentierte, wurde er einer der entschiedensten und profiliertesten Gegner der Machthaber der NSDAP, die ihn nach der sog. Machtergreifung in Lippe mit aller Härte verfolgten. Seine Familie musste Felix Fechenbach in Sicherheit bringen, während er trotz allem in Detmold blieb. Er erhielt 1933 Redeverbot in öffentlichen und Schweigepflicht in Parteiversammlungen. Am 5. März 1933 wurde er von Nationalsozialisten überfallen und misshandelt. Am 11. März 1933 besetzten diese das Volkshaus als Sitz der Gewerkschaften, Redaktion des 'Volksblatt', der Konsumzentrale und als SPD-Geschäftsstelle. Felix Fechenbach wurde verhaftet und in sog. Schutzhaft genommen. Die Meldeunterlagen der Stadt zeigen den Vermerk vom 8. Juni 1933: 'In Schutzhaft. Frau und Kinder in Augsburg, Maximilianstr. 9 III bei Epstein.' Am 7. August 1933 wurde Felix Fechenbach mit dem Auto von Detmold nach Warburg gebracht. Von dort sollte er mit der Bahn nach Dachau überstellt werden. Bei dieser Überführung durch den SA-Obertruppführer Friedrich Grüttemeyer, die Sturmführer Karl Segler und Josef Focke und den SS-Mann Paul Wiese wurde er im Kleinenberger Wald bei Scherfede ermordet. Er wurde von zwanzig Kugeln getroffen und schwerverletzt und bewusstlos auf einem Pferdefuhrwerk nach Scherfede gebracht, wo er am Abend starb. Seiner Frau wurde mitgeteilt, er sei 'bei einem Fluchtversuch erschossen' worden.(...) Irma Fechenbach floh mit ihren Kindern im Sommer 1933 in die Schweiz. 1946 zog die Familie in die USA. Irma Fechenbach kehrte 1965 in die Schweiz zurück. 1973 verunglückte sie tödlich. Curt Fey lebte bis zu seinem Tod in den USA, Lotti Wiederkehr starb in der Schweiz. Hanni Sherman lebt in den USA." (gedenkbuch-detmold.de: Fechenbach, Felix)
Augsburg nach der Machtübernahme
Seit 1933 weht auch vom Augsburger Perlachturm die Hakenkreuzfahne. Dem zukünftigen Gauleiter Karl Wahl und seiner Frau überkommt am Wahlabend das "große Weinen. Die Freude ist unbeschreiblich", berichtet er später über diesen Moment, als Adolf Hitler in Berlin zum Reichskanzler gewählt wird. Karl Wahl "sieht in Hitlers Partei die deutsche Freiheitsbewegung schlechthin, das Programm 'Wie kann unser am Boden liegendes, geknechtetes Vaterland wieder in Ehren entstehen und zu neuem Ansehen in der Welt kommen?' empfindet er als Offenbarung", berichtet Gerhard Römer in seinem Buch "Es gibt immer zwei Möglichkeiten ..."

Neues Staatssymbol an Augsburger Perlachturm und Rathaus: Hakenkreuz-Beflaggung an öffentlichen Gebäuden zu den Olympischen Sommerspielen - August 1936 (Postkarte im Privatbesitz / Süddeutscher Kunstverlag, M. Seidlein)
Die neuen Machthaber in Augsburg zeigen nicht den judenfeindlichen Fanatismus, wie ihn ein Julius Streicher in Nürnberg praktiziert, doch schon ein Jahr nach der Reichstagswahl wird der Augsburger Judenanzeiger aufgelegt, eine Auflistung nicht-arischer Firmen. Gauleiter Karl Wahl droht "allen Parteigenossen, die sich dem Boykott nicht anschließen, mit dem Ausschluß aus der NSDAP".
Die NS-Zeit bedeutet das Ende des blühenden jüdischen Lebens in Augsburg, zahlreiche Augsburger werden Opfer des Holocaust, die meisten aber können rechtzeitig fliehen.
Gottfried Grandel hat sich noch kurz vor der Machtübernahme von seiner "jüdisch versippten" Familie in Augsburg losgesagt. Nach der Aufgabe seines Produktionsstandortes am Hanreibach lässt der nun in Hamburg lebende neue DOG-Firmenteilhaber seine halbjüdische Frau Helene mit vier Kindern in Augsburg zurück, zahlt ihnen nach seinem kurz darauf erfolgten Ausstieg aus der Firma als vermögender Privatier mit 70 Mark eine überschaubare monatliche Unterstützung.

Abgekoppelt von Augsburg: Dr. Gottfried Grandel - 1930 (Fotografie im Privatbesitz)
Hinzu kommen für die Augsburger Familie auch zunehmend die Repressionen im nationalsozialistischen Alltag, die besonders Helenes volljüdischen Kinder Hans und Nora Winternitz betreffen. In ihrer Not kompensiert Helene ihre Angst und den gesellschaftlichen Abstieg zunehmend mit Alkohol. In dem Geburtstags-Versreim aus dem Jahre 1976 heißt es zu dieser Zeit:
"Bürgermeister-Fischerstraße - jetzt kommt eine neue Phase.
Munne, Lena und 4 Gören, Mieter auch dazugehören.
Nora lernt auf Lehrerin. Hans geht zu Kammgarn hin.
Didl (-Christl-) und Maid in Schule und Lehre. Soweit gut - wenn der Hitler nicht wäre .....
Die Judengesetze engen uns ein, Nora darf nicht mehr Lehrerin sein!
Zu Veits geht sie erst, nach England dann. Dr. Jamin zieht ein. Annaliese kam."
Das Diktat der neuen Regierung zeigt sich bereits 1933 in vielerlei Hinsicht, auch in der reichsweiten Umbenennung von öffentlichen Plätzen. Zu dem großzügig an die Bürgermeister-Fischerstraße angrenzenden Königsplatz, zu Ehren des bayerischen Monarchen Ludwig II., wird berichtet:
"Der Stadtrat hat in seiner Sitzung am 25.4.33 einstimmig Adolf Hitler als den Erwecker der inneren Kraft des Deutschen Volkes, als den Erneuerer und Umgestalter des Deutschen Staatslebens und den glühenden Verfechter der Ehre und des Freiheitswillens des Deutschen Volkes, zum Ehrenbürger der Stadt Augsburg ernannt. Um die Verdienste des Volkskanzlers auch nach außen und für dauernd zum Ausdruck zu bringen, ist die Umbenennung des Königsplatzes in Adolf-Hitler-Platz zu beschließen." (Nerdinger: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.71 - 2012 + StadtAA, 45/631)

Reichskanzler Adolf Hitler - 1933 (Digitalisiert auf didibib.genealogy.net: Einwohnerbuch der Stadt Augsburg, S.17/A9 - 1935)

Direkt vor dem jüdischen Kaufhaus Landauer: Umbenennung in Adolf-Hitlerplatz - 30. September 1933 (Nerdinger: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.70 - 2012 + FS StadtAA_K711)
Der ehemalige Kaiser Wilhelm II. äußert sich 1933 verbittert zu den neuen Machtverhältnissen aus seinem holländischen Exil:
"Alles wird von den Leuten ja beseitigt: die Fürsten, der Adel, die Offiziere, die Stände usw.; aber das wird sich rächen, man wird die einzige Fahne, die sie noch übriggelassen haben, die mit dem Hakenkreuz, noch einmal verfluchen, und die Deutschen selber werden sie eines Tages verbrennen." ("Das Haus Hohenzollern 1918-1945", S.211)
In Brand gerät in Augsburg bereits 1934 das größte Versammlungshaus. Geplant als größte Maifeier der Stadt erwartet die Besucher verschiedene Ansprachen der lokalen Parteiprominenz, Massenchöre und weitere Unterhaltung - doch es kommt anders. Das Centralblatt vermeldet empört:
"Ruchlose Verbrecher legten in der Nacht zum 1. Mai (-1934-) die 'Sängerhalle' in Augsburg in Asche. Die Sängerhalle wurde 1886 erbaut und hat seither alle sängerischen Veranstaltungen von Augsburg in ihren Mauern gesehen. Auch für den 1. Mai war eine Veranstaltung vorgesehen, bei der Massenchöre zu Gehör kommen sollten. Brandstiftung staatsfeindlicher Elemente machte die Feier zunichte." ("Die Stimme - Centralblatt für Stimm- und Tonbildung", Bd. 27-29, S.173 - 1934)

Probe für den 1. Mai: Massenchor in der Augsburger Sängerhalle - 1934 (Postkarte im Privatbesitz / Sturm, Edmund, Augsburg)
In einer weiteren Abhandlung wird vermerkt:
"Am Vorabend des 1.5.1934 brannte die Sängerhalle in Augsburg nieder, Anlass zur Verhaftung von 72 Regimegegnern, unter ihnen Hans Adlhoch ..." (Broszat/Mehringer: "Bayern in der NS-Zeit", S.639 - 1983)

Geplante Versammlungsstätte für den nationalen Tag der Arbeit: Sängerhalle in Augsburg (Postkarte im Privatbesitz / v. d. Grün, Pöttmers - Bonzani, Frz.)
Die SPD-Mehring erwähnt in ihrer historischen Rückschau:
"In der Nacht zum 1. Mai 1934 brannte aus nie geklärter Ursache die Sängerhalle (ein riesiger Holzbau für 6000 Personen) im Stadtgarten (Wittelsbacher Park) an der Gögginger Straße Augsburg ab. Die Nazis stellten sofort Vergleiche mit dem Reichstagsbrand her. 'Durch bolschewistische Brandstiftung', telegraphierte Gauleiter Karl Wahl noch in der Brandnacht an Hitler, Innenminister Frick und Propagandaminister Goebbels." (Historischer Rückblick auf: SPD-Mering.de, S.24)

Abgebrannt zum 1. Mai 1934: Augsburger Sängerhalle (Postkarte im Privatbesitz / Schedlbauer, Jakob - Augsburg)

Umfunktioniert für nationale Zwecke: Tag der nationalen Arbeit - 1. Mai 1934 (Fotografie im Privatbesitz / Hermann Schedlbauer - Augsburg)
Völkische aus der "Kampfzeit": Das Andienen an die neuen Machthaber
Der Wanderredner Heinrich Dolle aus Westfalen blickt bei Machtübernahme der NSDAP auf rund 15 Jahre völkisch-antisemitische Agitation zurück. Auch er hofft, wie Arnold Ruge und Gottfried Grandel, auf eine angemessene Würdigung der völkischen Verdienste und Verwendung im neuen NS-Staat, doch auch bei ihm bleibt der erhoffte Ruf nach Berlin aus. Seit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 hatte Heinrich Dolle rund 200 öffentliche Vorträge und Schulungen abgehalten. So schreibt er zu Hitlers Geburtstag dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Joseph Goebbels, am 20. April 1934 ein Empfehlungsschreiben in eigener Sache:
"... - und habe 3 mal bei den Franzosen und Belgiern, - und 4 mal bei den Schwarz/Roten für mein Deutschtum im Gefängnis gesessen, und darin 2 mal einen Hungerstreik durchgemacht, - und dadurch zu arg mitgenommen, um mit der bei Euch nötigen Spannkraft im Ministerium wirken zu können;- und ich habe mir auf einem Stück Sumpf und Heide, dem 'Mückenloch' meine Siedlung 'Heilgrund' geschaffen,- mitten im Walde! - Die kann ich nicht vertauschen mit Berlin. Es sei denn, Ihr hättet mich da dringend nötig! -- Ich dachte an eine Verwendung im Reiche, hier und da bei besonderen Anlässen. Das kann ich noch, und will ich auch gern.- Herr Minister Dr. Göbbels wird sich meiner Fähigkeiten vielleicht noch erinnern, wenn er gefragt wird,- falls er dieses Schreiben nicht zu Gesicht bekommt.
Es sind wohl nur wenige im Reiche, die das Gesamt des Wirkens für Heimat=National, und Volksgemeinschaftsleben=Sozialismus so in sich haben, wie ich,- und wohl auch nur wenige, die so mitten in gestanden haben - überall in den Brennpunkten seit dem 9.11.1918 - wie ich.- Ein kleines Büchlein: 'Rettende Wege! Richte für den Wirtschaftsbund', lege ich Ihnen hier bei als ein Teil-Beweis. Ich habe es verfaßt nach dem Tode Rathenaus (-24. Juni 1922-), als 'politisch' in Norddeutschland nicht mehr im Deutschen Sinne gewirkt werden konnte.- (-Heinrich Dolle wechselt daraufhin zum Augsburger Wohnsitz Gottfried Grandels über, der ihm dort über Monate geistige Unterstützung, Kost und Logis bietet-) Ein Blick hinein auf die rot angestrichenen Stellen wird überzeugen, daß ich der geistige Vorbereiter bin für Vieles, was heute körperhaft wird.- Das Büchlein ist (-vermutlich von Gottfried Grandel vollfinanziert-) in 10 000 Stück 1922 in Bayern verbreitet worden. Ebenso lege ich ein Gedichtchen bei, das Dietrich Eckart auf mich gemacht hat.- Das darin erwähnte Buch 'Aus Not zu Brot' hat der Führer auch gelesen.- Ich meine, da könntet Ihr meine Kraft doch auch noch gebrauchen, eben jetzt, da alle Kräfte so dringend nötig sind." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle, Kart.11)
Am 30. Dezember 1933 schickt Adolf Hitler seinem früheren Weltkriegs-Vorgesetzten und Geschäftsführer des Völkischen Beobachters, Max Amann, einen Dankesbrief. In den Zuständigkeitsbereich des neuen Präsidenten der Reichspressekammer fällt nun die Gleichschaltung der nationalen Presseorgane. Adolf Hitler notiert:
"Mein lieber Amann! Der Sieg der nationalsozialistischen Idee war entscheidend abhängig von der Möglichkeit, das Gedankengut unserer Bewegung durch ein zentral geleitetes Schrifttum einer grossen Zahl von Parteigenossen zu vermitteln." (BArch Berlin: NS 8/215, S.101)
Auch seinem früh verstorbenen Nährvater Dietrich Eckart aus München widmet Adolf Hitler nach der Machtübernahme eine Würdigung:
"Ein erbärmlich kleines Geschlecht hat damals (-26. Dezember 1923-) sinnlos einen Mann zu Tode gebracht, der kein anderes Ziel hatte, als für Deutschland einzutreten. Nun, da sein Ziel heute in herrlicher Vollendung begriffen ist, haben wir ein Recht, vor den Toten hinzutreten und zu sagen: Du bist nicht umsonst gestorben! Du lebst neben den Hunderten, neben den Tausenden und Millionen, die alle dahingegangen sind für Deutschlands Auferstehung. Denn das Gebet Dietrich Eckarts ist in Erfüllung gegangen. Das deutsche Volk ist erwacht!" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Neues Wiener Tageblatt, Nr.126, S.3 - "Dietrich Eckart - ein Kämpferschicksal" v. 8.5.1938)
Geburtsstadt ihrer Mutter: Christel Grandel besucht Reichenberg
(602-1934) Mit ihrer Freundin Karolina unternimmt die 16-jährige Christine Grandel zum Abschluss ihrer Schulausbildung eine größere Radtour.
Die Reise führt sie über Heu-Hotels und Jugendherbergen von Augsburg in das rund 500 km entfernte böhmische Reichenberg in Tschechien, der Heimatstadt ihrer Mutter Helene Grandel, geb. Willner.
In der Heinrich-Liebig-Straße 41 wohnt Helenes Bruder Rudolf Willner mit seiner Frau Resi. Beide führen in Reichenberg das renommierte Geschäft Rafael & Carl Willner in zweiter Generation. Christel Grandel ist gleich nach Ankunft von dem Möbel- und Einrichtungsgeschäft begeistert. In ihrem Tagebuch vom 30. Juli 1934 notiert sie:
"Es ist schon unglaublich, das Geschäft. Es hat fabelhafte Sachen. Aber vor allem war ich ganz überrascht: Die Wohnung!(...) Im großen Zimmer steht ein Sofa oder wie man das nennt, mit großen, gestalteten Chinzpolstern und mit Daunen gefüllt!!! Wenn man sich da rein setzt, was ja nie vorkommt, dann sinkt man langsam runter. Also, unglaublich!"

Einrichtungshaus Willner in Reichenberg: Werbeanzeige vom 6. Dezember 1931
Nicht nur Helenes Ursprungsfamilie stammt aus Böhmen, auch die Angehörigen ihres ersten Mannes, des im 1. Weltkrieg gefallenen Dr. Fritz Winternitz, wohnen in Grottau, unweit von Reichenberg entfernt.
Der ältere Bruder von Fritz, Kaufmann Rudolf Salomon Winternitz, hat hier mit seiner Frau Hermine in zweiter Generation die Likörfabrik seiner Eltern Jenny und Gustav Winternitz übernommen. Rudolf und Hermine freuen sich über den Besuch aus Augsburg. Ihr Sohn Erwin ist zum Zeitpunkt des Besuchs schon in Reichenberg. Christine schreibt in ihrem Tagebuch vom 6. August 1934:
"Wir hatten von Onkel Rudi gehört, daß der Erwin Winternitz (-geb. 5.11.1909-) hier sein Militärjahr macht. Also, mittags rief der Herr Dr. (-Erwin-) Winternitz an und wir verabredeten, daß er um 6 kommt.(...) Um 6 Uhr kam Erwin in Uniform. Nebenbei bemerkt ist er mein Vetter. Er war sehr nett und man merkte schon, wie gescheit er ist und dabei so pfundig witzig. Wir verabredeten uns auf morgen zum Tanzen.(...) Erwin war sehr nett und lustig, und wir waren's auch. Ich tanz' halt gern. Um halb 12, als wir gingen, schrieben wir noch eine Karte an Munne, die sich durch Erwins Humor sehr witzig gestaltete. Dann, als wir draußen waren auf der Straße, suchte Erwin an allen Ecken und Enden ein Postkastel (er sagte Kotzbastel) und fand keins. Er rannte überall rum und es war halt keins da. Dann glaubte er aber, eins zu sehen und sagte, also, wenn das keins ist, dann will ich 'Schnuggi, der Grausame' heißen. Und da es dann wirklich keins war, behielt er den Namen."
Am 10. August 1934 schreibt Christine Grandel:
"Wir waren in der Talsperre, und gegen Abend trafen wir Erwin und gingen in den Wald rauf, was soo wunder-, wunderschön ist. Erwin trug uns ein fabelhaftes Gedicht vor, wo aus allen Schillergedichten bissel was raus ist und wo dann furchtbar witzige Sachen rauskommen. Ein Gedächtnis hat der Mensch! Unglaublich. Er wollte, daß wir am Samstagabend in den 'Löwen' (das ist das Eleganteste hier) zum Tanzen kommen."
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Spaziergang an die Talsperre von Reichenberg: Resi Willner, Karolina und Christl Grandel. Hinten rechts: Vermutlich der zu diesem Zeitpunkt 24-jährige Erwin Winternitz - 10. August 1934 (Fotografie im Privatbesitz)
Das Verhältnis zwischen Christel Grandel und ihrem Vetter Erwin Winternitz entwickelt sich herzlich. Tagebucheintrag vom 13. August:
"Halb 9. Jetzt sind wir seit 6 Uhr mit Erwin umeinand gelaufen! So viel wie jetzt hab ich, glaub ich, noch selten gelacht. Wie besoffen! Aber er ist wirklich ein arg netter Mensch. Wir waren mit ihm beim Eis. Und ich musste aufs Klo, und das war so schrecklich, jedes mal, wenn ich wieder so lachen musste, wurde es schlimmer. Schrecklich war das! Aber nett!"
Auch die Mutter von Erwin, Hermine Winternitz, wird in Grottau besucht. In ihrem Tagebuch schreibt Christine Grandel:
"Hermine war furchtbar lieb."
Selbst die verstorbenen Verwandtschaft in Reichenberg bekommt von Christel noch einen Besuch abgestattet. Von der Familie existieren lediglich alte Fotos, kennengelernt hat sie ihre Großeltern aus Reichenberg nicht.

Familie Willner: Helenes Bruder Rudolf neben seine jüngeren Schwester Helene, dahinter Vater Rafael und mittig Mutter Marie, rechts Rafaels Bruder Carl mit Ehefrau Auguste - 1898 (Fotografie im Privatbesitz)
Am 9. August 1934 notiert Christine Grandel in ihrem Tagebuch:
"Munne hatte mir gesagt, daß am jüdischen Friedhof geläutet werden muß, weil der immer geschlossen ist.(...) Wir läuteten und eine alte Jüdin machte uns auf. Innerhalb 4 Wänden, kann man fast sagen, war dieser Friedhof. So klein. Wir fanden das Grab bald. Also, da schliefen meine nächsten Vorfahren. Auf dem Reichenberger Judenfriedhof! Wir blieben bissel dort und machten bissel die welken Blätter weg. Und dann, nachdem wir der Frau 1 Krone gegeben hatten, gingen wir."
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Gedenkstein für die Gefallenen Juden der Reichenberger Gemeinde, unter ihnen Helenes erster Ehemann, Fritz Winternitz - 1927

Abschied ohne Wiederkehr: Fritz Winternitz mit Sohn Hans - August 1914 (Fotografie im Privatbesitz)

(Digitalisiert auf druckschriften-digital.marchivum.de: "General-Anzeiger der Stadt Mannheim", Nr.460, S.6303 v. 29.9.1914)
In der Buchveröffentlichung von Isa Engelmann heißt es zum jüdischen Friedhof in Reichenberg:
"Um ihre Toten zur Bestattung nicht mehr nach Turnau (Turnov) bringen zu müssen, sah die neugegründete Israelitische Kultusgemeinde eines ihrer ersten Ziele in der Anlegung eines eigenen Friedhofs. Er wurde am 20. April 1865 von Kreisrabbiner Dr. Elbogen aus Jungbunzlau (Mladá Boleslav) an der Ruppersdorfer Straße (Ruprechtiká ulice) eingeweiht, wo er sich noch heute befindet." (Engelmann: "Reichenberg und seine jüdischen Bürger", S.65 - 2012)

Gedenkstein, seitliche Ansicht - 2021 (Fotografie: Lea Květ Židovská obec Liberec, ehemals Reichenberg)
Weiter heißt es in der Buchveröffentlichung:
"An die Gefallenen des ersten Weltkrieges erinnert ein Kriegerdenkmal, das 1927 nahe dem Eingang errichtet wurde." (Engelmann: "Reichenberg und seine jüdischen Bürger", S.66 - 2012)

Gedenkstein - 2021 (Fotografie: Lea Květ Židovská obec Liberec, ehemals Reichenberg)

Ruhestätte von Christine Grandels Großeltern mütterlicherseits: Rafael und Marie Willner aus Reichenberg (Fotografie: Lea Květ Židovská aus Liberec, ehemals Reichenberg - 2021)

Eltern von Helene Grandel: Rafael und Marie Willner aus Reichenberg (Fotografie im Privatbesitz - 1907)

Todesanzeige von Christel Großvater mütterlicherseits: Rafael Willner aus Reichenberg (Fotografie im Privatbesitz)
Lisa Engelmann berichtet:
"Die Gräber verdienstvoller Mitglieder der israelitischen Gemeinde von Reichenberg sind mit einer Ehrentafel gekennzeichnet." (Engelmann: "Reichenberg und seine jüdischen Bürger", S.66 - 2012)

"Unvergesslich der Familie": Ruhestätte von Carl Willner, dem Bruder von Christels Großvaters aus Reichenberg (Fotografie: Lea KvětŽidovská aus Liberec/ehem. Reichenberg - 2021)

Todesanzeige von Rafaels Bruder: Carl Willner aus Reichenberg (Fotografie im Privatbesitz)
Der Aufenthalt in Reichenberg ist für Christine Grandel mit einer Überraschung verbunden. Sie hat die genaue Beobachtungsgabe ihres Vaters, doch kommt sie zu anderen Schlüssen. Am 13. August 1934 schreibt sie erstaunt in ihrem Tagebuch:
"Es ist unglaublich, was wir auf politischem Gebiet hier erfahren, was uns in Deutschland nie zu Ohren gekommen wäre! Wir können hier 'Tagebuch', 'Weltbühne' und viele bei uns verbotene Sachen lesen. Also, unerhört! Über die Metzelei am 30. Juni (-Röhm-Ermordung-) z.B. erfahren wir hier zum ersten Mal logische Zusammenhänge. Und fabelhafte Witze, z.B., daß Hindenburg schon längst gestorben sei, der (-Büroleiter Otto-) Meissner hätt's ihm bloß noch nicht gesagt. Oder noch besser, daß die Radfahrer und die Juden am Weltkrieg schuld sind. Dann ist natürlich die Frage des anderen: 'Wieso die Radfahrer?' Naja, 'wieso die Juden?' Horst Wessel hat in Berlins Unterwelt mit und von einer Dirne gelebt, und als deren Zuhälter das erfahren hatte, schoss er ihn nieder. Das war der Held Horst Wessel. So ähnlich mit Schlageter. Der 30. Juni (-Röhm-), d.h. das Geschehen dieses Tages entspricht im Prinzip dem Reichstagsbrand. Ach, ich müsst ewig schreiben, wenn ich all das erzählen wollt, was uns in Deutschland verheimlicht worden ist!"
Für ihre 16 Jahre besitzt Christine Grandel einen erstaunlich klaren Blick. Der Tagebucheintrag vom 19. August 1934:
"Politisch ist die Lage Deutschlands unsagbar schlimm! Ich hab jetzt das Braunbuch gelesen! Da bleibt einem wahrhaftig die Spucke weg. 'Kein Jude ist misshandelt worden'. Und das glaubt man wahrhaftig! Hunderte von Tragödien haben sich abgespielt. Die Menschen sind buchstäblich zerrissen, erschlagen und zu Tode gemartert worden. Ich konnt's kaum lesen. Diese Menschen sind keine Menschen mehr. Und die Qualen, die die Konzentrationslager-Sträflinge aushalten! - oder auch nicht, indem sie nämlich buchstäblich krepieren. Heute ist Wahl in Deutschland. Und zwar - wo die Leute ihr Gehirn haben, frag ich mich! - soll man jetzt, nachdem alles schon fest ist, bezeugen, ob man einverstanden ist, daß Hitler Präsident- und Kanzlerschaft in sich vereinigt hat. Am anderen Tag hieß es dann, daß ganz Deutschland den Sieg des Führers und der Volksgemeinschaft feiert."
Mit ihrer Freundin fährt Christine von Reichenberg nach Berlin. Es sind nur Randbemerkungen vom 29. August 1934, doch sie spiegeln das Spannungsfeld dieser Zeit:
"Dann kam das Brandenburger Tor und der Postdamer Platz. Und die ganzen Straßen waren voll Hitlerjugend und Jungvolk, und die marschierten singend in unendlichen Massen. Es war nämlich Staatsjugendtag.(...) Der ganze untere Raum (-der Jugendherberge-) war gestopft voll BDM (-Bund deutscher Mädchen-), 'Bedürfnis deutscher Männer'. Doch wir gingen ohne zu grüßen durch. Überhaupt haben wir, seit wir wieder in Deutschland sind, noch nie mit 'Heil Hitler' gegrüßt. Auch die Hand nicht gehoben. Nicht 1x. Und das heißt was. Denn wir müssen auf das 'Heil Hitler' der anderen mit 'Grüß Gott' antworten, und das ist nicht so leicht."
Auf dem Weg zurück nach Augsburg kommen Sie mit dem Fahrrad an Nürnberg vorbei. Die 16jährige Christel notiert am 5. September 1934:
"In den Dörfern, durch die wir heut kamen, steht überall am Anfang ein Schild mit der Aufschrift: 'Juden sind hier unerwünscht'. Oder: 'Die Juden sind unser Unglück'. 'Wer beim Juden kauft, ist Volksverräter'. Oder: 'Jeder Jude betritt das Dorf auf eigene Gefahr' und so weiter. Das macht die Nähe Nürnbergs und somit Streichers, des Schweinehundes. Ich fühle mich aber keineswegs betroffen."
Aus Christine Grandels Aufzeichnungen sind etliche Seiten nachträglich herausgerissen. Tagebücher stellen im Nationalsozialismus eine zunehmende Gefahr dar, sofern aus ihnen keine politische Linientreue herauszulesen ist. Vielleicht war das der Grund.
Die völkische Religion des Dr. Grandel
(603-1934) Schon 1905 bricht der Naturwissenschaftler Dr. Gottfried Grandel mit der christlichen Kirche und steigt als getaufter Protestant aus dem Kirchenschiff aus.
Sein Vater stand noch unter dem Einfluss des in Bächingen verbreiteten Pietismus, einer Frömmigkeitsbewegung der Tat, die in einem katholisch geprägten Umfeld einen Sonderstatus besaß.
In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg ist Gottfried Grandel hingegen im Rahmen des Deutschen Monistenbundes aktiv:
"Die Ortsgruppe Augsburg des D. M. B. sendet nach einem äußerst wirkungsvollen Vortrage des Herrn (-Generalsekretär-) Dr. Heinrich Schmidt ihrem hochverehrten Altmeister (-und Ehrenvorsitzenden Ernst Heinrich Haeckel-) herzliche Grüße!
Ergebenst!
Dr. Grandel
C. Hauck. R. Rascher. | Hanns Witzig. Dr. Marburg. Stella Marburg | Lotte Hahn. Laura Hahn. Dr. Hahn | Dr. (-Siegmund-) Eisenmann. Kalkart. Schreyer. Jos. Seibold. Karl Bolkart. Albert Haus. | Ludwig Ferdinand Jung. Lina Eisenmann. Walter Krauß. Margarete Loyan | Anna Hauck. Erna Binswanger. | Ludwig Binswanger. H. Keller [et al.]
Einen herzlichen Gruß von Ihrem (-Dr.-) Heinrich Schmidt (-Jena-)" (Digitalisiert auf //haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_24400: Gottfried Grandel und weitere Monisten-Mitglieder an Wissenschaftler und Monistenbund-Gründer Ernst Haeckel v. 8.2.1912)

(Digitalisiert auf //haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_24400: Gottfried Grandel und weitere Monisten-Mitglieder an Wissenschaftler und Monistenbund-Gründer Ernst Haeckel v. 8.2.1912)
Zu dem Augsburger Monistenbund wird berichtet:
"Bereits hatte die Münchner Ortsgruppe des Monistenbundes so zahlreiche Mitglieder aus Nürnberg und Augsburg zu verzeichnen, daß schon am 6. März 1907 im großen Stadtgartensaal zu Nürnberg auf Veranlassung und unter Leitung des Münchner Ausschusses, ein öffentlicher Vortrag 'über die Abstammung des Menschen' mit Lichtbildern stattfinden konnte; die Gründung einer selbstständigen Ortsgruppe in Nürnberg war die Folge. In gleicher Weise machten sich damals die Augsburger Mitglieder nach einigen einleitenden Vorträgen durch den Münchner Ausschuß selbstständig." (Deutscher Monistenbund: "Fünf Jahre Deutscher Monistenbund", S.22 - 1911)
Weiter heißt es:
"Der Deutsche Monistenbund war eine freidenkerische Organisation des frühen 20. Jahrhunderts. Sie wurde 1906 in Jena federführend von dem Naturwissenschaftler Ernst Haeckel gegründet. Ziel des Bundes war die Organisation und Verbreitung einer monistischen Weltanschauung. Der Bund hatte zunächst großen Zulauf und gewann bis 1912 6000 Mitglieder, darunter eine Reihe prominenter Namen (...). Mit dem Monistenbund entstand mit Unterstützung freidenkerischer Verbände eine neue freigeistige Bewegung, die einen betont philosophisch-naturwissenschaftlichen Bildungscharakter hatte. Der Monistenbund hatte auch zahlreiche jüdische Mitglieder. Wie andere Organisationen der freireligiösen und freigeistigen Bewegung entwickelte er eine eigenständige weltliche Feierkultur. Die Zielrichtung des Monistenbundes kommt im Gründungsaufruf zum Ausdruck: 'Tausende und Abertausende finden keine Befriedigung mehr in der alten, durch Tradition oder Herkommen geheiligten Weltanschauung; sie suchen nach einer neuen, auf naturwissenschaftlicher Grundlage ruhenden einheitlichen Weltanschauung.'(...) Vor allem durch das Engagement Wilhelm Ostwalds richtete sich die Tätigkeit des Monistenbundes nicht zuletzt gegen die Kirchen. Das 'Komitee konfessionslos' des Bundes unterstützte die 'Kirchenaustrittsbewegung' und betrieb antiklerikale Aufklärungsarbeit. Kaum zu überbrücken wurden die inneren Widersprüche des Monistenbundes, dessen Weltanschauung zum Internationalismus und Pazifismus tendierte, mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Während der Weimarer Republik beschäftigte sich der Bund vor allem mit ethischen und sozialethischen Fragen. Sein Internationalismus und auch, dass einige führende Monisten forderten, den Antisemitismus zu ächten, brachten den Bund in Gegensatz zu den Nationalsozialisten." (Wikipedia: Deutscher Monistenbund)
Darüber hinaus wird über die Monisten berichtet:
"Auf Grund seiner Bedeutung erlangten (-der Gründer Ernst-) Haeckel und seine Anhänger zur Lebenszeit des Biologen fast ein Informationsmonopol - und beherrschten somit wissenschaftliche wie öffentliche Meinungsbildung auf diesem Feld. Die Monisten wirkten mit ihrer Idee daher nachhaltig auf die Lebensreformbewegung ein und bereiteten der Ideologisierung der Biowissenschaften im beginnenden 20. Jahrhundert den Weg. Bedeutsam ist dabei, dass der im Bund vertretene 'Monismus' keineswegs nur für Naturwissenschaftler interessant war, sondern breite Bevölkerungskreise ansprach und so einen wesentlichen Beitrag zur Popularisierung der Naturwissenschaft leistete. Zugleich war er für eine moderne Strömungen aufnehmende Theologie interessant. Der erste Vorsitzende des Monistenbundes war der Bremer Reformtheologe Albert Kalthoff. Der Deutsche Monistenbund verstand sich somit nicht als eine Vereinigung von Naturwissenschaftlern, sondern auch als kulturbildende Organisation. Dabei sah man sich als eine Alternative zur christlichen Religionsgemeinschaft. Der Monismus und die von ihm propagierte Vorstellung von Naturwissenschaft wurden quasi in den Status einer Ersatzreligion erhoben. Die Ziele des DMB sollten über eine aktive Einbindung breiter Volksmassen verwirklicht werden. Hierzu sollte das bisher in 'Unwissenheit' und unter kirchlicher Dogmatik gehaltene Volk durch das Selbstbekenntnis der überzeugten Monisten aufgeklärt werden. Dies geschah bei vielfältigen Festen, Kursen und u. a. durch die von Wilhelm Ostwald herausgegebenen Reden zum Monismus. Sie tragen den Titel 'Monistische Sonntagspredigten' und sollten an Sonntag-Vormittagen - also zur Zeit der kirchlichen Gottesdienste - in monistischen Versammlungen vorgetragen werden. Dennoch war das inhaltliche Spektrum des Monismus durchaus heterogen, wie auch in der neuen Exposition zu erfahren ist." (//nachrichten.idw-online.de: "'Alternativ-Religion' vor 100 Jahren in Jena geformt" v. 6.1.2006)
Möglicherweise zählte sich Gottfried Grandel auch zu den "Stillen im Lande", einer christlich orientierten Richtung, deren Namensableitung sich auf den Psalm 35, Vers 20 bezieht:
"Denn sie reden nicht, was dem Frieden dient, und ersinnen falsche Anklagen wider die Stillen im Lande." ()
Weiter heißt es auf mennoniten.de/die-stillen-im-lande/:
"Ein stilles Leben - danach strebten offenbar einige im 18. Jahrhundert ... und irgendwann fand man für sie das Label 'Die Stillen im Lande'. Liest man die verschiedenen Äußerungen jedoch genau, so stellt man fest, dass es qualitative Unterschiede im 'stillen Leben' gab. Während (-der im 18. Jahrhundert tätige Mystiker Gerhard-) Tersteegen stark auf eine kontemplative Frömmigkeit und auf die durch die Mystik geprägte Jesuserfahrung abzielte, war das ruhige Leben der Täufer zunächst einmal davon geprägt, dass man nach einer harten Verfolgungssituation ein Plätzchen zum Leben fand und dort toleriert wurde. Um diese Tolerierung nicht zu gefährden, verlegte man sich auf ein zurückgezogenes, unauffälliges sowie lautloses und für die Öffentlichkeit nicht sichtbares Leben. Freiheit wird quasi mit dem Rückzug und der Stille erkauft. Die 'Stillen im Lande' - ein schillernder Begriff, der als Selbst- oder Fremdbezeichnung auf verschiedene Einzelgemeinden und Frömmigkeitsbewegungen angewandt wurde. Traditionellerweise sind damit pietistische Gruppierungen gemeint, zu denen eben auch Gerhard Tersteegen mit seinem Kreis zu zählen ist."
In seinen speziell den Söhnen hinterlassenen Lebenserinnerungen schreibt Gottfried Grandel rückblickend:
"Die 2. u. 3. Ehe wurden nur standesamtlich getraut, da ich ja inzwischen (-1905-) aus der christl. Kirche ausgetreten war." (Lebenserinnerungen Gottfried Grandel, Privatbesitz)
Dennoch hält er die geschäftlichen Beziehungen zur katholischen Kirche aufrecht:
"Ich fabrizierte in Augsburg Faktis seit 1908; ferner Ewiglichtöl, das als Nebenbetrieb der Oelmüllerei seit Generationen in der Familie Grandel hergestellt wurde." (Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG-Gesellschafter, S.1 v. 7.1.1941)

Verwendung von Ewiglichtöl im religiösen Zusammenhang: Katholische Hauskapelle mit Altarbildern von J. Altheimer und Kaspar Schleibner (Postkarte im Privatbesitz / Ludwigs-Institut Augsburg )

Ewiglicht-Ampel in katholischer Kirche (Wikimedia Commons / Elcom.stadler, Datei: Frauenhofen Sankt Georg Ewiglichtampel.jpg - 2001)
Als Gegenwartsymbol für Jesus Christus verwendet die katholische Kirche noch heute das mit bis zu acht Tagen Brenndauer versehene Ewiglicht. Es beleuchtet ganzjährig die Tabernakel und wird lediglich zu Gründonnerstag gelöscht, um in der Osternacht erneut angezündet zu werden.
Abgesehen vom Verdienstansatz hält Gottfried Grandel wenig von dem kirchlichen Hintergrund seiner Produktionslinie. Das Weltbild Gottfried Grandels setzt sich im Laufe seines Lebens zunehmend aus völkischen Ideologie-Elementen zusammen. Der von ihm ab August 1922 in Augsburg über Monate geschulte Wanderredner Heinrich Dolle wird schließlich die bei Dr. Grandel auch in religiöser Hinsicht aufgenommenen "Gedanken des Nationalsozialismus" reichsweit verbreiten. So heißt es in einer kritischen Betrachtung aus dem Jahre 1924 über den mit Dr. Grandel befreundeten Westfalen:
"Auf keinen Fall behaupte ich natürlich, daß alle Nationalsozialisten und Deutsch-Völkischen auf dem Standpunkt des nationalsozialistischen Agitators (-Heinrich-) Dolle stehen, der in einer vom nationalsozialistischen Zweckverband Nürnberg einberufenen Versammlung am 10. August 1923 in naiver Geschichtsphilosophie meinte:
'Das alte Sonnenrad, das religiöse Symbol unserer heidnischen Vorfahren, sei mit dem Untergang des germanischen Heidentums zum Hakenkreuz geworden. Daraufhin sei das Judenchristentum stärker zu Einfluß gekommen und habe das deutsche Volk immer mehr verweichlicht und zur Feigheit erzogen und das Hakenkreuz hätte die Form des christlichen Kreuzes angenommen. Es sei dann der Untergang durch die Revolution gekommen. In der Erniedrigung sei wieder das Hakenkreuz erschienen, vertreten durch die nationalsozialistische Bewegung. Und wenn nunmehr diese nationalsozialistisch-völkische Bewegung gesiegt habe, dann werde sie das Hakenkreuz wieder auf seinen Ursprung zurückführen, und das künftige religiöse Zeichen des Deutschen sei dann wieder das Sonnenrad in seiner alten Form. Freilich werde die Vernichtung des Christentums und seine Ersetzung durch den altgermanischen Götterkult nur unter ungeheuren blutigen Kämpfen möglich sein. Es sei damit zu rechnen, daß von 70 Millionen Deutschen nur 7 Millionen Lebende aus der Wallstatt hervorgehen würden. Diese 7 Millionen und ihre Nachkommen würden aber einst berufen sein, über die ganze Welt zu herrschen.'
So naiv denken selbstverständlich nicht alle Nationalsozialisten und Deutschvölkischen. Und doch drückt Dolle nur ganz parterre aus, was viele in dieser Form bloß nicht auszusprechen oder doch nur leise zu hoffen wagen. Es sind nicht wenige und sind gerade die aktivsten Kreise, die heute, aus welchen Gründen nur immer, die Forderung nach Nationalisierung und Germanisierung der Religion, ja nach einer nationalen Religion aufstellen. Und wir müssen diese Forderungen, ihre Möglichkeiten, Ziele und Aussichten und die Versuche, sie durchzusetzen, untersuchen, wenn wir die nationalistische und deutsch-völkische Bewegung nach der religiösen Seite hin verstehen wollen." (Schlund: "Neugermanisches Heidentum im heutigen Deutschland", S.9/10 - 1924 + Bayerische Volkszeitung, Nr.192 v. 18.8.1923)
Eine weitere Interpretation des Verhältnissen von Hakenkreuz zu Christentum findet sich 1923 in der Kirchenzeitung für die Erzdiözese Bamberg:
"Diese beiden sind wie Wasser und Feuer unvereinbare Gegensätze. Hand- und Werfzettel des deutschen Volksrats (Dr. Heinrich Pudor, Leipzig, Roßstraße 10), die noch in Bamberg herumgegeben werden, sagen es mit erschreckender Deutlichkeit. Da heißt es auf einem solchen wortwörtlich:
1. Aus einem Helden- und Herrenvolke sind die" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Coburger Zeitung, Nr.120, S.4 - "Erwiderung" v. 25.5.1923)
Durch die spätere Machtübernahme der NSDAP im Jahre 1933 erleben die völkisch-religiösen Bestrebungen einen besonders starken Auftrieb, auch Gottfried Grandel fühlt sich von dieser Dynamik angesprochen. Der Privatier lebt mittlerweile in Freiburg mit seiner jungen Frau und den zwei Söhnen zurückgezogen. Ein späterer Detektei-Bericht führt zu seinen Interessen der beginnenden 30er-Jahre aus:
"Er arbeitete nichts Produktives, sondern las viel und befasste sich mit Vorträgen und Schriften über eine eigene Religion, und früher auch mit völkischen Fragen." (Detektei Otto Schultz, Hamburg: Bericht an Josef Rupp in Fa. DOG , S.1 v. 27.6.1943)
Von der Machtübernahme der Nationalsozialisten inspiriert fühlt sich auch der sächsische Verlagsinhaber Theodor Emil Hubricht, der mit Gottfried Grandel schon über lange Jahre eng befreundet ist. Der völkische Verleger ist u. a. im Kolonialhandel tätig. Als Geschäftsführer der Firma Mafia-Pflanzungs-Gesellschaft m.b.H. koordiniert er aus Deutschland für die Margaretenhöhe auf Mafia den Wahrenverkehr mit der Region Kilwa-Ostafrika. (Fitzner: "Dt. Kolonial-Handbuch", S.28 - 1913)
Schon 1923 arbeiten Dr. Grandel und Kaufmann Emil Hubricht während der dramatischen Hyper-Inflation an Überlegungen zum bayerisch-separatistischen Währungsplan, der jedoch unter dem Landespolitiker v. Kahr nicht zur Anwendung kommt. Verleger Emil Hubricht bringt diese Ausarbeitung zeitversetzt im Jahre 1931 in handlicher Buchform heraus:
"Währungsreform als Vorbedingung wirtschaftlicher Gesundung - 1922/1931"
Im Selbstverlag veröffentlicht er für den gleichen Zeitraum u. a. die Titel:
"Runen und ihre heutige Verwendung - 1929"
"Irrwege der nordischen Glaubensbewegung - 1931"
"Julbräuche aus vorchristlicher Zeit - 1931"
"Christentum oder Heimatreligion? - 1931" (e-book)

(e.book: //elk-wue.gbv.de/index.php?id=6&tx_dlf%5Bid%5D=1578&tx_dlf%5Bpage%5D=1)
Wikipedia schreibt über den von Emil Hubricht gewählten Verlagsnamen:
"Irminsul war ein frühmittelalterliches Heiligtum der Sachsen, das nach den Einträgen fränkischer Annalen zum Jahr 772 auf Veranlassung Karls des Großen von den Franken zerstört wurde. Der Name kann etymologisch auf germanisch irmana- = groß und sul = Säule zurückgeführt werden, bezeichnet also eine Große Säule."

Eingeklebte Besitzanzeige: Ex Libris von Emil Hubricht - 1925 (Digitalisiert auf deutschefotothek.de: slub_prov_0013000)
Auch Gottfried Grandel kann dem altgermanischen Julbrauchtum etwas abgewinnen. Während des Krieges schreibt er:
"Zum Glück gab es keinen Fliegeralarm und man konnte das liebe Julfest mit den Kindern feierlich und kriegsmäßig begehen." (Gottfried Grandel an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, S.1 v. 15.1.1941)
Emil Hubricht veröffentlicht nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1934 in zweiter Auflage einen
"Buchweiser für das völkisch-religiöse Schrifttum - 1928"
In dessen Vorwort schreibt er:
"Nachdem die erste Auflage vergriffen war, ließ der lebhaftere Fluß, in den die deutsche Glaubenserneuerung jetzt geraten ist, eine ausgedehnte Überarbeitung und Ergänzung des Buchweisers notwendig erscheinen.(...) Denn aus allen diesen scheinbar etwas abseits liegenden Geistesgebieten läßt sich Wertvolles für unsere junge Bewegung herausholen, wenn wir mit kritisch sichtendem Blick das allgemeinreligiöse Gedankengut aus den vorwiegend christlichen Einstellungen auszusondern verstehen und es alsdann für die Begründung unserer artbedingten germanischen Religiösität verwerten." (Hubricht: Vorwort zum "Buchweiser für das völkisch-religiöse Schrifttum" - 1934)
Emil Hubricht schließt sein Vorwort mit den Sätzen:
"Noch nie ist der Nachweis versucht worden, das an und für sich Metapsychologie und Christentum geschworene Feinde sein müssen. Und doch liegt es auf der Hand, daß die 'angewandte' Metapsychologie die lebendige 'Rückverbindung' mit artgebundenen seelischen Willenskräften und damit eine seelische Abkehr vom Christentum fast zwangsläufig zur Folge hat, während das Christentum nur den Weg zu semitischen oder bestenfalls unvölkischen Seelenkräften zu zeigen vermag."
In einer weiteren Neuauflage von 1930 wird Emil Hubrichts Vorwort mit den Worten zitiert:
"Es ist bemerkenswert, wie der Verfasser, lange bevor es so etwas wie eine deutsch-gläubige oder germanisch-gläubige Bewegung gab, schon ganz klar die Abkehr vom Christentum gefordert und die Entwicklungslinien der nordischen Glaubensbewegung vorgezeichnet hat. Der Weltkrieg hat die Entwicklung beschleunigt, aber wenn die Geschichte der nordischen oder junggermanischen Glaubensbewegung geschrieben wird, dann gehört Ernst Wachler als einer der frühesten Verfechter, ein Ehrenplatz darin." ("Handbuch zur Völkischen Bewegung", Vorwort zu Wachler: Über die Zukunft des dt. Glaubens, S.781 - 1999)
In einer weiteren Betrachtung wird zu Emil Hubrichts Buchweiser festgestellt:
"Der Band orientierte sich vornehmlich an den Schriften von Neuheiden, (...). Die Zusammenstellung des 'Buchweisers' (-von Emil Hubricht-) zeigt deutlich, dass sich hier eine eigene Gruppe formiert hat, die trotz vieler Verbindungen zum völkischen Gros in Zukunft als eigenständige Größe Beachtung finden sollte." (Köck: "Die Geschichte hat immer Recht", S. 23 - 2015)
Gottfried Grandel nimmt 15 Jahre später in seinen Lebens-Erinnerungen Bezug auf den am 18. Januar 1941 verstorbenen Emil Hubricht:
"In späteren Jahren habe ich erkannt, dass es richtig und gut ist, die Lebensabschnitte festlich und feierlich zu begehen, also die Geburt, die Konfirmation oder etwas ihr Entsprechendes, die Trauung, das Begräbnis (wenn ein solches vorhanden). Es ist bedauerlich, daß es für die Nichtchristen noch keine Kirche gibt, wo solche Feiern stattfinden können. Mein Freund Emil Hubricht bemühte sich so sehr um die Gründung einer neuen nichtchristlichen Religion und gab dafür viel Geld aus. Sehr wohl hätte er eine leerstehende christliche Kirche kaufen können und für nichtchristliche Feiern zur Verfügung stellen können. Daran würde ich mich sogar mit Geld beteiligt haben. Es ist gewiss, dass viele Menschen, die dem Christentum längst fernstehen, trotzdem aber noch nicht ausgetreten sind, diese nichtchristliche Kirche besuchen und ihre Feiern in ihr abhalten würden. Orgel, Kanzel und Altar könnten ruhig übernommen werden. Denn gerade an diesen Äusserlichkeiten hängen die meisten." (Lebens-Erinnerungen von Gottfried Grandel)
In seiner Publikation zur Religionsfrage führt Emil Hubricht aus:
"Es gibt Dinge, die für die Zukunft unseres Volkes von größter Bedeutung sind, denen aber keine bürgerliche Zeitung ihre Spalten öffnet, von denen kein Rundfunk seinen Hörern erzählt, über die man sich in den Parlamenten und politischen Parteien ängstlich ausschweigt. Zu diesen Dingen gehört die religiöse Not unseres Volkes, die unser gesamtes Kulturleben durchzieht und verdunkelt.(...) Man gewinnt den Eindruck, daß eine Art stiller Vereinbarung aller der Macher und Lenker der öffentlichen Meinung vorliegt, die Erörterung der religiösen Frage in den Hintergrund zu drängen und an ihrer Statt die Gemüter an äußeren Nöten, an Wirtschaftsreformen, an Parlamentsstreitigkeiten, an Sportkämpfen und anderen Ablenkungen zu erhitzen. Es soll nicht betritten werden, daß wirtschaftliche und politische Nöte gebieterisch Abhilfe heischen, aber diese Aufgabe kann nie zu einem guten, dauerhaften Ende geführt werden, wenn sie nicht im Einklang mit den richtigen Sittlichkeitsbegriffen, mit der zweckentsprechenden Religion und damit der zweckentsprechenden Geisteseinstellung gelöst wird. Alle brennenden Tagesfragen gewinnen erst dann ihre rechte Beleuchtung, wenn sie unter dem Gesichtswinkel der sittlichen Erneuerung des deutschen Menschen betrachtet werden. Denn die wirtschaftliche und politische Zerrissenheit ist zu einem sehr großen Teil eine Folge der religiösen Verflachung, des religiösen und sittlichen Zwiespaltes, in den unser Volk durch ein fremdartiges Religionssystem, durch weltflüchtige und naturfeindliche Religionslehren versetzt wurde. Unhaltbar gewordene Glaubensdogmen in Verbindung mit naturwissenschaftlich bedingter Stoffgläubigkeit einerseits, die Sehnsucht nach innerer Wärme und Erhebung, der unstillbare Drang der Seele, den Sinn des Lebens unter höheren Gesichtspunkten zu begreifen andererseits, verursachen in feinsinnigen Menschen ein Gefühl seelischer Verarmung und Verkümmerung, das sich bis zur Qual steigern kann. Seit etwa einem Jahrhundert ist der Kampf zwischen christlicher Theologie und Naturwissenschaft in voller Schärfe entbrannt. Aber wichtiger als dieser Kampf gegen unglaubhaft gewordene Dogmen ist die Veränderung unserer Stellung zur christlichen Moral als einer ausgesprochenen mönchischen Büßermoral, die infolge des Wachsens völkischer Hochziele allenthalben mit dem Sippengewissen und dem völkischen Gewissen in Widerstreit gerät. Dieser religiösen Verarmung können weder die Naturwissenschaften mit ihrer Aufzeigung ehener unentrinnbarer Naturgesetze, noch die verstandesmäßig-metaphysischen Konstruktionen des Monismus und Pantheismus abhelfen. Aber trotz aller Widerstände und Trägheitsmomente wird die religiöse Umwälzung, an deren Anfang wir stehen, ihren schicksalhaften Weg gehen und von ungeheurer Tragweite sein, weitaus bedeutungsvoller und tiefgreifender als Luthers Werk. Prof. Ludwig Schemann schrieb (in der Uebersetzung von Graf Gobineaus Rassenwerk):
'Eben jetzt bereitet sich in der germanisch-deutschen Welt, wenn nicht alle Zeichen trügen, eine religiöse Umwelzung und Neugeburt vor, welche noch ganz anders tief, als das Christentum bisher vergönnt hat, in den heimischen Schacht arisch-germanischen Empfindens hinabsteigen und auf der Spur vergangener großer Germanon, religiöser wie philosophischer Genien, es von den mit jenem zugleich eingedrungenen semitischen Fremdkörpern reinigen will.'
Die Selbstzersetzung des Christentums, bedingt durch die erzwungene Vermischung von Bestandteilen, die sich einfach nicht organisch vereinigen lassen, schreitet unaufhaltbar fort. In der ganzen Christenheit ist eine Schwächung des Glaubens zu beobachten, die nicht selten bis zu ausgesprochenem Widerwillen geht." (Hubricht: "Christentum oder Heimatreligion?", S.1-3 - 1931)
1930
In Gottfried Grandels Augsburger Heimatstadt wird unterdessen im Juni 1930 in der Barfüßerkirche das 400-jährige Reformationsjubiläum zur Überreichung der Confessio Augustana an den damaligen Kaiser gefeiert. Das Augsburger Bekenntnis gilt als die erste offizielle Darstellung von Lehre und Praxis der Wittenberger Reformation mit weitreichender Ausstrahlung auf den gesamten Protestantismus:
"Wie 1530 kam das Bekenntnis, wenngleich nur in schmaler Auswahl, auch jetzt zur Verlesung. In der Festgemeinde, die stehend zuhörte und dann im Choral 'Ein feste Burg' respondierte, huldigte mit den Vertretern des DEKB (-Deutschen Evangelischen Kirchenbundes-) und Repräsentanten der politischen Welt, prominenten Gestalten des kulturellen Lebens wie dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler und einer großen Zahl evangelischer Christen ohne Rang und Namen, der ganze deutsche Protestantismus dem Augsburger Bekenntnis, ja, in den geladenen Gästen vieler ausländischer Kirchen auch ein Teil der - durch die Reformation gegangenen - ökumenischen Welt."(Wendebourg: "So viele Luthers ...", S.125 - 2017)

Zeitgenössische Darstellung des Reformators Martin Luther bei seinem Verhör vor dem Kardinal Cajetan auf dem Augsburger Reichstag - Stadtpalast der Fugger, 12. Oktober 1518 (Frank Leslie's Illustrated Newspaper, S.260 v. 17.11.1883)
Schon Gottfrieds Vater, der Gewürzmüller Georg Grandel, bekannte sich 1883 mit anderen Vertretern öffentlich als evangelischer Glaubensgenosse zum Jahrestag des Reformators. In der Augsburger Abendzeitung heißt es in einer halbseitigen Anzeige:
"Am 10. November dieses Jahres werden es 400 Jahre, daß Martin Luther geboren worden, unter den großen Männern unseres Volkes einer der größten. Wer weiß nicht, was wir ihm verdanken! Er war der Bahnbrecher einer neuen Zeit, nicht für unser Volk blos, sondern für die gesammte christliche Welt. Er hat uns die Segnungen der Reformation gegeben; er hat die Christenheit wieder zurückgeführt zu der Quelle des Christenthums, zur heiligen Schrift und das Leben der Kirche aus ihr erneuert; er hat uns das große Gut der Gewissensfreiheit erkämpft, das Recht selbstständiger Prüfung und Erforschung der Wahrheit. Und nicht blos das kirchliche, das gesammte geistige Leben der Nation ist in neue Bahnen von ihm gelenkt worden." (Augsburger Abendzeitung)
Weiter heißt es zu dem kirchlich bedeutsamen Ereignis:
"Beim Reichstag zu Augsburg im 16. Jahrhundert, genauer im Jahr 1530, wurde die 'Confessio Augustana' von den protestantischen Reichsständen vorgelegt, die Grundlage des lutherischen Glaubens. Damit wurde die Spaltung der Kirche in eine katholische und eine evangelische offiziell."

Feierlichkeit in der Barfüßerkirche - Juni 1930 (Postkarte im Privatbesitz / Schedlbauer, Augsburg)

Werbeprospekt zur Veranstaltung in Augsburg - 1930 (Prospekt im Privatbesitz)

Delegierter Dr. Seiper aus New York spricht vor der Versammlung in der prachtvollen, aus dem 13. Jahrhundert stammenden Barfüßerkirche - 25. Juni 1930 (Postkarte im Privatbesitz / N.E.A. Service)
Auch Heinrich Dolle, der Anfang der 20er-Jahre mit Gottfried Grandel in engem Austausch steht, äußert sich 1929 zur Religionsfrage:
"Ihre Macht (-Juden, Jesuiten, Junker-) ist hin, wenn Ihnen die Geldwirtschaft genommen wird und ersetzt wird durch Deutsche, zinslose Wirtschaft und Deutsches Recht, vor allem Boden-recht, - wenn Ihnen diese Wahlen und Parlamente ersetzt werden durch Deutsche Ordnung: Selbstverwaltung von der Sippe angefangen über die Nachbarschaften, Heimat-Gemeinden, Gaue, Länder, bis zum Reiche. Jeweils mit Führern, die auf außerordentliche Opfer- und Aufbauleistungen zurückblicken können, die von den Nachbarschaften, darinnen jeder jeden kennt, gewählt werden und aufsteigen. Aufsteigen in vorbildlicher, aufbauender Arbeit. Die satanische Macht von Jude, Jesuit und Junker ist hin, wenn drittens ihrem heuchlerischen, orientalischen Kirchenkram ein Deutsches Gottum entgegengesetzt wird." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle + Augsburger Stadtbibliothek: Volk-Freiheit-Vaterland, Nr.49 - "Sollen wir noch einmal wählen? - Nein!" v. 1929)
1933
Die Nationalsozialisten okkupieren diverse Formen religiöser Rituale, so auch die Barbarafeier:
"Die heilige Barbara zählt zu den Vierzehn Nothelfern, und ihr Verhalten im Angesicht von Verfolgung und Tod gilt als Symbol der Wehr- und Standhaftigkeit im Glauben. " (Wikipedia: Barbara von Nikomedien)

Barbarafeier - 4. Dezember 1933 (Postkarte im Privatbesitz / Oberschlesischer Bilderkalender v. 1973)
1934
Unter Mitwirkung des behördlich als gottgläubig geführten Dr. phil. Gottfried Grandel erscheint im Februar 1934 Dr. med. Heinrich Rogges "Stellungnahme zu den religiösen Fragen der Gegenwart". Der 36 Seiten umfassende Einband des Rechtswissenschaftlers titelt mit einer schlichten Aufmachung:

Gemeinsame Veröffentlichung von Dr. Rogge und Dr. Grandel: "Wir fordern germanisch-deutsche Glaubensfreiheit" - 1934 (Fotografie im Privatbesitz)
Vorgestellt wird die Schrift als bewusst kurz gefasster Brückenschlag, um vorhandene Glaubensgegensätze nicht zu verschärfen, denn: Das völkische Lager ist auch in der Glaubenslehre stark zerstritten. Die Doktoren Grandel und Rogge betonen dann auch in ihrem Vorwort:
"Auch wir kämpfen gegen jeden Religionshaß, aber noch mehr gegen die Heuchler, die unter diesem Kampfruf nur den Haß der andern, nicht aber ihren eigenen bekämpfen, damit sie um so ungestörter ihre eigene Konfession vorwärtstreiben können."
Mit "Wir" verbinden die beiden Autoren eine universelle Gruppe von Glaubensopfern der Vergangenheit, seien sie durch Glaubenskriege, Hexenverbrennung oder "eine teuflische Inquisition zu Tode" gekommen. Ihr Anliegen ist es, "das Erbe dieser Toten als eine Aufgabe" zu empfinden und im Volk "die Glaubensspaltung von innen her" zu überwinden. Der von ihnen zu erwartenden Kritik begegnen sie schon vorab. Im Schlusswort heißt es:
"Glaubt der eine herauszufinden: 'Das ist ja deutsche Mystik', der andere: 'Das ist ja Freidenkertum', der dritte: 'Die deutsche Gotterkenntnis will ja genau dasselbe', oder: 'Die A.D.G. (-Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Glaubensbewegung-) will ja auch nichts anderes', so sagen wir: 'Wohin man uns einordnet, wie man uns bezeichnet, ist völlig gleichgültig. Mit Bezeichnungen, Schlagworten ist der Sache nie gedient. Solche Einordnungen sollen oft auf bequeme Weise den Gegner erledigen, treffen aber nie den Nagel auf den Kopf. Das wahre religiöse Leben droht in Tinte und Dialektik zu versinken. Gelehrtenstreitigkeiten sind unfruchtbar. Sie bringen uns nicht einen Schritt weiter. Nicht das Empfehlen dicker philosophischer Bücher, nicht ihr Studium ist das, was uns hilft, sondern nur die Selbstbesinnung auf unsere Erbanlage, aber nicht durch den Geist entkräfteten Innenleben. Wort und Schrift lassen sich nicht entbehren. Sie seien so kurz wie möglich."
Das dementsprechend kurz gehaltene Heft schließt mit dem Satz:
"Wir wollen ein kraftvolles, völkisches Eigenleben."

Bewerbung der germanisch-deutschen Glaubensfreiheit - 1934
Vorgestellt wird die Religions-Schrift von Heinrich Rogge und Gottfried Grandel in "Rasse, Monatsschrift für die nordische Bewegung":
"Zu den religiösen Grundfragen der Gegenwart nehmen G.(-ottfried-) Grandel und H. Rogge Stellung und fordern 'germanisch-deutsche' Glaubensfreiheit. Sie erörtern die wichtigsten religiösen Begriffe in kurzen Sätzen und schließen mit zehn Forderungen, von denen Aufhebung der Klöster, Aufhebung des biblischen Religionsunterrichts, Beseitigung der staatlichen Kirchensteuern und jedes Zwanges in Glaubensangelegenheiten hier aufgeführt sein mögen." ("Rasse, Monatsschrift für die nordische Bewegung", S.454 v. 22.11.1935)
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Werbung für die Religionsfreiheit: Rasse - 1935
Impulsgeber für diese Bucherscheinung ist möglicherweise der Anschluss der Germanischen-Glaubensgemeinschaft an die Nordisch-Religiöse-Arbeitsgemeinschaft (NRA) im Jahr 1932. Ziel dieser als Sammelbecken fungierenden Vereinigung ist die vorerst gleichberechtigte Anerkennung als dritte Konfession innerhalb des NS-Staates.
Die NRA steht von Beginn an in einer Linie mit ihm, lehnt jedoch das Christentum ab. Im Juli 1933 formuliert sie ein Nordisches Artbekenntnis. Die gezielte Unterstützung der NRA durch die neue NS-Religionspolitik bleibt hingegen aus, möglicherweise aus Gründen des gesellschaftlichen Friedens vor dem bereits geplanten Krieg. Die zukünftigen Soldaten sollen in ihrem christlichen Glaubensfundament nicht allzusehr verunsichert werden. Der NS-Staat setzt hier taktisch auf die erwartete Unterstützung der Kirchen.
Vielleicht zeigen sich auch aufgrund der neuen Konkurrenzsituation die etablierten Kirchenvertreter zu Kompromissen bereit, schließlich bedeutet NS-Diktat ideologisches Konkurenzverbot bzw. Gleichschaltung aller relevanten Gesellschaftsbereiche. Das befürchten letztendlich auch die Kirchen für ihre Institutionen.
Die völkische Religionsideologie bringt die neuheidnische Gesinnung denn auch auf die Kurzformel:
"Hakenkreuz gegen Kreuz, da das Christentum die Verschiedenheit der Menschenrassen verneine. Wer völkisch ist, ist artbedingt, wer christlich ist, ist international. Beides schließt sich aus."
Durch die erstarkende NSDAP stehen die Kirchenleitungen unter Druck. Die NS-Führung beäugt genau, inwieweit der christliche Glaube für ihr geplantes Machtsystem eine Stütze oder möglicherweise eine Gefahr darstellt. Schon 1923 schreibt Gottfried Grandel nach dem gescheiterten Hitler-Putsch an seinen Freund Dr. Brehmer aus dem Berliner Germanen-Orden:
"Man unterschätzt die Bedeutung der klerikalen Partei (-Zentrumspartei-) und ihre Macht in ihren Kreisen sehr. Nicht Juda, sondern Rom wurde Hitler zum Verderben." (Franz-Willing: "Putsch und Verbotszeit der Hitlerbewegung", S.193 - Dr. Grandel an Dr. Wilhelm Brehmer v. 12.12.1923)
Im Buch "Nationalsozialistische Kommunalpolitik"(S.26/27) von Bernhard Gotto heißt es denn auch:
"Der verhältnismäßig zähe Aufstieg der NSDAP in Augsburg geht in erster Linie auf das Resistenzpotential des katholischen und des sozialistischen Milieus zurück.(...) Bei allen Wahlen erzielte die NSDAP ihre schlechtesten Ergebnisse zum einen in den Arbeitervorstädten, zum anderen in den katholischen Bezirken."
Das Verhältnis des Nationalsozialismus zu den etablierten Kirchen ist durchweg angespannt:
"Gerade der bayerische Nationalsozialismus und seine Führer betonen, daß sie durchaus nicht unkirchlich und unkatholisch seien und sein möchten. So kann der 'Völkische Beobachter' in Nr. 123 vom 23. Juni 1923, das Münchener Parteiblatt der N.S.D.A.P., z.B. den Wunsch aussprechen: 'Wir hoffen, daß demnächst auch von katholischer Seite erklärt werde, daß Christentum und Nationalsozialismus Mächte sind, die brüderlich zusammengehören im Kampfe der Geister der Gegenwart." (Steiger: "Der neudeutsche Heide", S.181 - 1924)

"Zusammengehören im Kampfe der Geister": SA begrüßt Abt Alban Schachleiter zum 50-jährigen Ordensfest - Mai 1933 (BArch Berlin: NS26/1323 - Alban Schachleiter / Fotografie im Privatbesitz)
Indessen wird Adolf Hitler in einer Äußerung gegenüber dem General Ludendorff zitiert:
"Man darf - wie er dem General Ludendorff in dieser Frage mitteilt - dem Gegner seine eigenen Pläne nicht vorher wissen lassen: 'Ich aber brauche zum Aufbau einer großen politischen Bewegung die Katholiken Bayerns ebenso wie die Protestanten Preußens. Das andere kommt später.' Darüber hinaus muß Hitler 'instinktiv gewußt haben, daß er seine beiden eigentlichen Ziele, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die Ausrottung des europäischen Judentums ... nicht gegen den erklärten Widerstand der beiden Kirchen, vor allem der römisch-katholischen, würde erreichen können.' Das ursprüngliche Freund-Feind-Verhältnis von 'katholischer Kirche' und 'Nationalsozialismus' ist in diesen Worten nicht zu überhören." (Althaus: "'Heiden', 'Juden', 'Christen' - Positionen und Kontroversen", S.491 - 2007)
"Das andere kommt später!": Reichskanzler Adolf Hitler mit Landwirtschaftsminister Hermann Esser begrüßen den päbstlichen Nuntius Alberto Vasallo di Torregrossa - 15. Oktober 1933 (Wikimedia Commons - Datei: Haus der Deutschen Kunst, Nazi Germany Grundsteinlegung 15.10.1933 House of German Art foundation stone. Hilter, Esser, Nuntius Vasallo di Torregrossa. Heute versteh ich Sie. NSDAP Propaganda Reichstagswahl 12 Nov Election poster xx199.jpg / The Wolfsonian-Florida International University, The Mitchell Wolfson, Jr. Collection)
In einer weiteren Überlieferung wird das Verhältnis Adolf Hitlers zu der katholischen Religion wie folgt beschrieben:
"'Die katholische Kirche wird nichts zu lachen haben, wenn ich einmal zur Macht gelangt bin. Aber ich brauche die Katholiken, um zur Macht zu kommen.' So zitiert das Katholische Sonntagsblatt für die Diözese Augsburg 1932 warnend Adolf Hitler und fügt hinzu: 'Bischof Joseph von Augsburg hat neuerdings einem seiner Priester (-Philipp Haeuser-) das Auftreten in nationalsozialistischen Versammlungen verboten.'" (katholische-sonntagszeitung.de: Bistum-Augsburg/Verbot der Sonntags-Zeitung v. 22.5.2021. Hitler zu Dinter, zitiert nach J. Nötges: Nationalsozialismus und Katholizismus, S.99 - 1931)
In diesem Spannungsfeld hält nun auf Einladung der Augsburger NSDAP bereits am 14. Dezember 1930 der katholische Geistliche Dr. theol. Philipp Haeuser die Weihnachtsfestrede "an das erwachende Deutschland". Er versucht sich damit auch in einem Brückenschlag zu den Nationalsozialisten, um Perspektiven für seine eigene Glaubensrichtung zu eröffnen.
Hauptpressewart "Dr. Hans Geßwein, zunächst Mitglied des Vorstands der Ortsgruppe und 1925 bis 1926 deren Leiter" (aus: "Nationalsoz. Kommunalpolitik", S.22), ist begeistert und läßt die Rede vervielfältigen. Er gibt sich "überzeugt, damit der Partei und der deutschen Bewegung überhaupt zu dienen (...), hoffe aber auch, dem Redner selbst einen Dienst zu erweisen, dass" er "seine echt deutschen und echt christlichen Worte durch Drucklegung in das Deutsche Volk hinaustragen lasse. Der deutschen Bewegung zur Wehr, dem Redner zur Ehr!", schließt er seine einleitenden Worte.
"Joseph Kumpfmüller erteilte (-Philipp-) Haeuser ein Redeverbot in nationalsozialistischen Versammlungen. In der katholischen Presse wurde die Entscheidung Kumpfmüllers mit folgenden Worten gerechtfertigt: 'Der Bischof von Augsburg hat Dr. Haeuser ... in erster Linie deswegen das Auftreten in nationalsozialistischen Versammlungen verboten, weil es heute, nachdem man in ganz Deutschland den Nationalsozialismus als ein Element der Unordnung, der Gewalttätigkeit und als Feind katholischer Interessen erkannt hat, einfach ein Skandal ist, wenn sich ein katholischer amtierender Pfarrer zu Hakenkreuzlertum öffentlich bekennt. Ein solches Ärgernis kann der Bischof des betreffenden Herrn nicht zulassen, ohne seine Pflicht als Bischof zu vernachlässigen.' Haeuser, weiterhin überzeugter Nationalsozialist, versuchte nach der Machtergreifung Mitglied der NSDAP zu werden und suchte deshalb den Kontakt mit Rudolf Heß. Dieser riet ihm jedoch, sich aus Rücksicht auf die katholische Kirchenführung zunächst zurückzuhalten. Haeuser wurde statt des Parteibeitritts als Ehrengast zum Nürnberger Reichsparteitag 1939 eingeladen, wo ihm von Hitler persönlich das 'Gedenkzeichen in Silber' überreicht wurde." (Wikipedia: Philipp Haeuser)
Unter den regierenden Nationalsozialisten gerät das Kirchenschiff zunehmend in schweres Fahrwasser. So heißt es zu der evangelischen Ausrichtung:
"Pfarrer Ludwig Müller trat 1931 der NSDAP bei und war Mitgründer und Landesleiter der „Glaubensbewegung Deutsche Christen". Nach Hitlers Amtsantritt fungierte er als dessen „Bevollmächtigter für Angelegenheiten der Evangelischen Kirche" und wurde am 27. September des Jahres zum „Reichsbischof" ernannt. Als ranghöchster evangelischer Würdenträger des Dritten Reiches verfolgte er die institutionelle und doktrinäre Gleichschaltung der Kirche von innen. Die von ihm propagierte Synthese von Christentum und Rassentheorie wurde jedoch von Teilen der evangelischen Kirche, vor allem von der Bekennenden Kirche, abgelehnt. Müller erreichte weder kirchliche Einigkeit noch totale staatliche Kontrolle über das Evangelium. Ab Juli 1935 verfolgte das NS-Regime diese Ziele durch das neu gegründete Ministerium für kirchliche Angelegenheiten unter Hanns Kerrl, der eine Verfolgungs- und Unterdrückungskampagne gegen oppositionelle Theologen und Geistliche begann. In der NS-Kirchenpolitik verlor Müller nun fast vollkommen an Bedeutung und beging kurz nach Kriegsende Selbstmord." (ghdi.ghi-dc.org: Reichsbischof Ludwig Müller)

Reichsbischof Ludwig Müller bei seiner Amtseinführung im Berliner Dom. Bildmitte oben: Ministerialdirektor August Jäger - 23. September 1934 (Fotografie im Privatbesitz + ähnliches Bild unter Wikimedia Commons, Datei: Bundesarchiv Bild 102-16219, Berlin, Dom, Einführung des Reichsbischofs.jpg)
Film: Pfarrer für Hitler - 2007

Hakenkreuz-Beflaggung im Zentrum von Göggingen/Augsburg: Im Hintergrund die Kirche St. Georg und Michael, vorne die evangelische Dreifaltigkeitskirche mit dem dazugehörigen Torhaus, welches von der protestantischen Kirche z. T. an einen Tabakladen vermietet wird. Das NS-Denkmal auf dem zentralen Verkehrsknotenpunkt beinhaltet die auffordernde Aufschrift: "Opfert" - November 1937 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Franz Vogt)
Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler findet im Folgejahr in Augsburg eine große Weihnachtsfeier der NSDAP im Saalbau Herrle statt, zu der es heißt:
"Christliche Symbolik diente als Staffage und beschränkte sich auf das Aufstellen eines Weihnachtsbaumes. Bei der Weihnachtsfeier 1934 im Saalbau Herrle schreckte das WHW (-Winterhilfswerk-) freilich nicht davor zurück, sich der Offenbarung der Engel an die Hirten 'Ehre sei Gott in den Höhen und auf Erden Friede unter den Menschen seiner Huld!' (Lukas 2,14) zu bedienen, allerdings verkürzt auf 'und Friede auf Erden'. Angesichts des heutigen Wissens um Hitlers Ziele und die noch geheimen, aber schon angelaufenen Rüstungsprogramme muss ein solches Motto zynisch wirken; zum damaligen Zeitpunkt passte es ideal zur Friedensrhetorik Hitlers, mit der er seinen aggressiven außenpolitischen Kurs nach Innen wie Außen bemäntelte." (S.142)
Weiter wird über die Veranstaltung berichtet:
"Und so trafen sich, durchpulst vom Geist der Zeit, Augsburgs Nationalsozialisten wiederum im Herrle. Der weite Raum hatte ein wundervolles, ganz auf deutsche Weihnacht abgestimmtes Ehrenkleid angelegt. Im Saal, auf der Bühne und Galerie grüßte das Grün der Tannen und Fichten. Dazwischen leuchteten hunderte glitzernder silberner Sterne. Von der Decke flammte das Rot der Kakenkreuzbanner." (Nerdinger: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.69 - 2012)

Weihnachtsfeier unterm Hakenkreuz: Augsburger NSDAP im Saalbau Herrle - Dezember 1934 ("'Machtergreifung' in Augsburg", S.142 - 2008 - Stadtarchiv Augsburg: Fotosammlung W 185 + Nerdinger: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.68 - 2012)
Die nationalsozialistischen Vereinahmungs-Bemühungen gegenüber tradierten Christen-Ritualen machen selbst vor Weihnachtsliedern nicht halt:
"Stille Nacht, heilige Nacht,
Alles schläft, einsam wacht,
Adolf Hitler für Deutschlands Geschick,
Führt uns zur Größe, zu Ruhm und zum Glück,
Gibt uns Deutschen die Macht - Gibt uns Deutschen die Macht." (Wehler: "Der Nationalsozialismus", S.115 - 2009)
Auch der westfälische Wanderredner Heinrich Dolle hält in religiösen Fragen Kontakt zu Emil Hubricht in Sachsen. Am 25. November 1925 schreibt er auf Seite 3 seines Briefes:
"Da habe ich über unsere damalige Unterhaltung über Gottum nachgedacht. Zugleich bekomme ich, gleichsam angezogen, die Nachricht, dass Neues Leben (-"Monatsschrift für deutsche Wiedergeburt"-) aus Geldmangel nicht mehr erscheinen könne; wieder einmal. Darum sei mit Dr. Dickel vereinbart worden, in seinem 'Glaube und Rasse' (-Untertitel: 'Gewaff und Rüstung im Kampf um die deutsche Seele', 1924-28 auf https://d-nb.info/019792727-) Ersatz für Neues Leben zu schaffen. Kaum vereinbart, aber wieder aufgehoben, und Neues Leben käme wieder selbstständig, wahrscheinlich, weil Ihr wieder Geld geopfert. Das hat mich so nachdenklich gestimmt, und drum schreibe ich Euch. Auf 'Neues Leben' ruht kein Segen. Und der (-Deutsche/Germanen?-) Orden krankt, ist teils hysterisch, teils schwindsüchtig. Wir sprachen damals darüber."
Dr. Heinrich Pudor schreibt 1920 in der vom Völkischen Emil Hubricht geförderten Zeitschrift Neues Leben:
"Der Gott des Neuen Testaments ist, ebenso wie der des Alten Testaments, ein Judengott und entspricht der jüdischen Auffassung. Die Bibel ist ein Judenbuch, ein Buch von Juden für Nichtjuden. Germanien soll wieder auferstehen. Fort mit dem Judenbuch, der Bibel."
Zu den Überlieferungen der Edda heißt es:
"Die Frage nach der Lösung des Rätsels der (-Schöpfungssage-) Edda hat sich uns im Laufe der Untersuchung dahin geklärt, daß die Antwort nur dort gegeben scheint, wo wirkliches lebendiges Gottum aus den steinigen Trümmern der Verwüstung als zeitüberlegene innere Wahrheit hervorquillt." (Reuter: "Das Rätsel der Edda und der arische Urglaube", S.166 - 1922)
In einem Brief Heinrich Dolles an Alfred Rosenberg vom 22. März 1924 geht Dolle auf den Edda-Ring ein. Rosenberg ist bekannt in der antisemitisch-völkischen Szene:
"Bereits 1921 war er mit Dietrich Eckart zum Völkischen Beobachter gewechselt, dessen Chefredaktion er (-im-) Februar 1923 von Eckart übernahm." (Wikipedia)
Hitler hatte aus der Haft Rosenberg als dessen Statthalter bestimmt, um die seit dem gescheiterten Putsch vom 9. November 1923 verbotene NSDAP personell zusammenzuhalten. Dolle schreibt an Rosenberg aus Frankfurt:
"Der Eddaring ist keine Loge nach Art der Freimaurer, sondern der Deckmantel, unter dem die führenden Köpfe der N.S. sich ungestört zusammenfinden können."
Die Entwicklung des Völkischen während des zweiten Weltkrieges enthemmt in der Praxis um ein weiteres die radikalen Vorstellungen der NSDAP-Funktionäre. Walter Groß ist einer von ihnen. Als Leiter des rassenpolitischen Amtes der NSDAP erklärt er im zweiten Kriegsjahr:
Der "Fettschlachtplan" des Dr. Gottfried Grandel
(604-1936) Während die Parteigenossen aus der nationalsozialistischen 'Kampfzeit' durch Adolf Hitlers Machtübernahme vermehrt in gesellschaftliche Führungsämter streben, bleibt es um dessen ersten politischen Nährvater auffallend ruhig.
Doch auch als Privatier wider Willen zeigt Gottfried Grandel erneut Initiative: Vorraussetzung scheint für ihn seine kurz zuvor vollzogene arischen Heirat zu sein.
Über die frühen Freiburger Jahre der Familie führt ein Detektei-Bericht seines ehemaligen Prokuristen aus:
"Dr. Grandel hatte keinerlei geselligen Verkehr, und er schnitt auch durch seine Selbstsucht, dass seine Frau nur zu seiner Verfügung zu stehen hatte, ihr jegliche Verbindung ab. Die junge Frau lebte neben dem alten Manne wie gefangen.(...) Er arbeitete nichts Produktives, sondern las viel und befasste sich mit Vorträgen und Schriften über eine eigene Religion, und früher auch mit völkischen Fragen." (Detektei Otto Schultz, Hamburg: Bericht an Hamburger DOG-Teilhaber Josef Rupp, S.1 v. 27.6.1943)
In seiner eigenen Rückschau an das NSDAP-Hauptarchiv bestätigt Gottfried Grandel in Teilen diese Beschreibung:
"Seit 1936 wohne ich ganz zurückgezogen in Freiburg i. Br.(-eisgau-), nehme jedoch an dem grossen Geschehen der Hitler-Zeit den lebhaftesten inneren Anteil, und meine heissesten Wünsche gelten einer guten deutschen Zukunft. Ich begrüsse Sie mit Heil Hitler!" (BArch Berlin: NS26/514, S.594/Bl.9 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Dr. Gottfried Grandel - 1936 (Fotografie im Privatbesitz)
Für Gottfried Grandel ist der Fettschlachtplan offenbar ein letzter Versuch, sich erneut politisch ins Gespräch zu bringen. Am 2. Januar 1936 reicht er nach vorheriger Fürsprache durch das Berliner VDI-Mitglied Ing. Emil Lessel ein 18-seitiges Konzept zur "Vermehrung des Öl- und Fettanfalls" beim Chef der Reichskanzlei, Dr. H. H. Lammers, ein.

Dr. Grandels Anschreiben zu seinem Fettschlachtplan - 2. Januar 1936 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 43-II/200, S.355 - Chemiker Dr. phil. Gottfried Grandel, Reichsmin. für Ernährung und Landwirtschaft; Denkschrift zur Steigerung der Fetterzeugung v. 2.1.1936)
Der Berliner Direktor der Lohmann-Metallwerke, Emil Lessel, taucht schon in dem Berliner Thormann-Grandel-Prozess von 1924 auf, in dem er von Gottfried Grandels Verteidiger Dr. Alfons Sack als Entlastungszeuge aufgeboten wird. Auch in die Vorbereitungen zum Mord an Walter Rathenau soll VDI-Ing. Lessel nach Zeitungsberichten involviert gewesen sein.

Funktionär im Verein deutscher Ingenieure: Emil Lessel (Fotografie im Privatbesitz)
Der für die von Dr. Grandel angefertigte Denkschrift gewählte Begriff Fettschlachtplan hat seinen Vorlauf. Bereits 1930 veröffentlicht Richard Walther Darré seine ersten Überlegungen zur Erzeugungsschlacht im Völkischen Beobachter. Ursächlich ist das Bestreben der Nationalsozialisten, die Importabhängigkeiten im Bereich der Lebensmittelversorgung vor dem Hintergrund eines bevorstehenden Krieges zu minimieren.
Verkündet wird das fertige Konzept zur Optimierung der Lebensmittelproduktion schließlich am 17. November 1934 auf dem Reichsbauerntag in Goslar durch den Reichsbauernführer und neu ernannten Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Richard Walther Darré.
Auch Georg Reichardt (geb. 13.2.1906 - BArch Berlin: R16-I/1021), der während des Sanatorienaufenthaltes von Gottfried Grandel vom 13.6.1927-29.2.1928 als Betriebsassistent im Oelwerk Georg Grandel beschäftigt war, hat sich bereits 1934 vom stellvertretenden Reichskommissar für Vieh-, Milch- und Fettwirtschaft zum Generalinspekteur für die Durchführung der Marktordnung im Reichsernährungsministerium positionieren können, Als Mitglied der NSDAP (Nr. 2.623.203) und der SS steht seinem beruflichen Karriereweg staatlicherseits nichts im Wege.
Dr. Gottfried Grandel fühlt sich herausgefordert, seine Fachkompetenz den neuen und doch allzu vertrauten Machthabern anzudienen:
"Meine Frau sagt oft, dass ich nie ein 'Ruheständler' werde; denn unablässig studiere ich und halte mich in Allem auf dem Laufenden., Ich habe auch der Regierung eine umfangreiche Denkschrift über Vorschläge zur Erhöhung der Fett-Erzeugung unterbreitet." (Gottfried Grandel an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, S.3 v. 15.1.1941)
Sein diesbezüglich erster Versuch versandet jedoch auf dem behördlichen Dienstweg.
Als alter Kampfgenosse bittet er daher um einen direkten Vortragstermin beim Führer, um ihm gegenüber eine "Lösung der Fettfrage mit rein nationalsozialistischer Blickrichtung zu entwickeln".
Im Hinblick auf seine Weltkriegserfahrung mit englischen Handelsblockaden wähnt er Deutschland "in stetiger Lebensgefahr, solange die Versorgung mit Nahrungsfetten aus deutschem Boden nicht sichergestellt ist".
Gottfried Grandel scheint aufgrund der sich festigenden NS-Diktatur schon 1936 von einem bevorstehenden Krieg auszugehen. In seiner Zusammenfassung des Fettschlachtplanes warnt er dann auch:
"Fettmangel führt im Krieg oder in der Blockade zur Niederlage."
Privatier Dr. Grandel plädiert daher für eine autarke Nahrungsfett-Versorgung. Wichtig ist ihm u.a. die chemische Erzeugung von Spiritus, um bisheriges Kartoffelland dem Ölfruchtanbau zur Verfügung stellen zu können.
Die fünfseitige Stellungnahme des Reichsministers für Landwirtschaft und Ernährung fällt für Gottfried Grandel jedoch ernüchternd aus:
"Die Vorschläge enthalten nichts Neues", heißt es lapidar aus dem Ministerium. Mehr noch:
Die Wege, die er vorschlägt, seien nicht gangbar, undurchführbar, könnten nicht in Betracht kommen, schwerwiegende betriebswirtschaftliche Überlegungen würden gegen sie sprechen.
Zu einem von Dr. Grandel erhofften "Ruf nach Berlin" kommt es nicht.
Die Antwort auf die Frage, warum Dr. Gottfried Grandel bei seiner nicht geringen Vorleistung aus der "Kampfzeit" am Ende doch keine Berücksichtigung im Führungszirkel der späteren NS-Diktatur erfährt, liest sich im Entnazifizierungsverfahren seines Sohnes wie folgt:
"Es ist mir bekannt, daß mein Vater sich eine Zeitlang stark politisch betätigt hat und auch bei der Gründung der NSDAP Einfluß hatte, später aber mit dem Aufkommen der antisemitischen Strömung in der Partei wegen seiner Ehe mit einer Jüdin immer mehr ausgeschatet wurde, sich im Jahr 1924 ganz zurückzog und dann ein heftiger Gegner der NSDAP wurde. Obwohl ihm später öfter Ämter und einflußreiche Stellungen in der Partei und Wirtschaft angeboten wurden, behielt er seine ablehnende Haltung. Mein Vater besaß nach seinen Angaben keine Mitgliedschaft und trug auch nie eine Nadel." (Staatsarchiv Augsburg:Spruchkammerakte Felix Grandel: "Politischer Lebenslauf" v. 22.7.1946)
Politisch isoliert hat sich Gottfried Grandel tatsächlich im Jahre 1924: Durch den aufgedeckten Attentatsversuch auf den Chef der deutschen Reichswehr, General von Seeckt.
Die "Ehe mit einer Jüdin" löst Gottfried Grandel hingegen zum Unwillen von Helene Grandel einen Monat vor der Machtübernahme "mit alleinigem Verschulden" auf; heiratete nur 3 Jahre später "arisch": Die junge Anna Pachaly aus Breslau.
Auch beruflich ist Dr. Grandel er 1936 durch den vorherigen Verkauf seiner Firmenanteile auf eine neue Aufgabenstellung in dem entstehenden NS-Staat vorbereitet. So heißt es in der späteren Firmenfestschrift von 1952 zu der Phase der abflauenden Weltwirtschaftskrise:
"Dr. Grandels Glaube an die Firma und die Zukunft des Faktis war so schwer erschüttert, daß er es vorzog, im Jahre 1932 auszuscheiden, obgleich sich das Ende der Krise bereits abzeichnete."
Zuletzt: Die vom Sohn aufgezeigte "ablehnende Haltung" oder heftige Gegnerschaft zur NSDAP ist aus dem Anschreiben zum Fettschlachtplan nicht herauszulesen, eher hoffte Gottfried Grandel da noch auf einen "Ruf nach Berlin".
Woran liegt es also, dass Gottfried Grandel trotz schwindender Finanzreserven und dritter Familiengründung keine NS-Berücksichtigung in adäquater Führungsposition mehr findet?
Vermutlich liegt der Schlüssel zur Beantwortung der Frage in einem Schreiben an ein frühes Mitglied des Germanen-Ordens in Nürnberg: Julius Rüttinger.
In einem Beschluss wird dem engagierten Wegbereiter aus der Kampfzeit vom regionalen NS-Gaugericht in Franken am 20. August 1936 mitgeteilt:
"Dem Pg.(...) wird die Fähigkeit zur Bekleidung von Parteiämtern auf Lebensdauer aberkannt."
In der Begründung heißt es weiter:
"Pg. Julius Rüttinger(...) gehörte von März 1912 - Mai 1921 dem Germanenorden in Leipzig an. Wenn nun auch ehemalige Logenangehörige, die vor der Machtübernahme aus der Loge ausgetreten sind, Parteigenossen bleiben können, so muss ihnen doch die Fähigkeit zur Bekleidung von Parteiämtern auf Lebensdauer aberkannt werden. Diese Massnahme stellt keine Strafe für den davon Betroffenen dar. Sie entspricht nur der grundsätzlichen Einstellung der NSDAP der Freimaurerei gegenüber. Beschwerde gegen diesen Beschluss ist nicht zulässig."
Es ist nicht bewiesen, dass Gottfried Grandel tatsächlich Mitglied des geheimen Germanen-Ordens gewesen ist; Berührungspunkte hatte er hingegen einige, von denen letztendlich auch Adolf Hitler aus seiner politischen Frühphase Kenntnis gehabt haben musste.
Scheidung von Helene: Dr. Grandels dritte Ehe mit Magda Pachaly
(605-1935) Die beginnenden 30er-Jahre bedeuten für den Privatier Gottfried Grandel sowohl beruflich, wie auch privat, eine radikale Neuorientierung.
Von seiner zweiten Ehefrau Helene ist er mittlerweile getrennt. Am Ende des zweijährigen Rechtsstreits geht es 1932 um die Höhe des finanziellen Ausgleichs gegenüber Helene Grandel. In diesem Zusammenhang wird betont:
"Um diese Ziel zu erreichen, stellte (-der neue Hamburger Teilhaber Josef-) Rupp im Einvernehmen mit den 3 Hamburger Herren (-Teilhaber-) nach der Fusion an Dr. Grandel die Anfrage, ob er nicht bereit sein würde, ihm jährlich 1% von seiner Gewinnquote gegen entsprechende Kapitalvergütung abzutreten, damit auch er nach 10 Jahren mit 20% beteiligt sein könnte. Dies hat Dr. Grandel abgelehnt mit der Begründung, daß er eine größere Familie habe und wegen des schwebenden Ehescheidungsprozesses größere Beträge benötige." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die ehemaligen Hamburger Teilhaber, S.4)
Zeitlich gesehen kann die Trennung für Helene Grandel nicht ungünstiger fallen: Kurz vor der reichsweiten Machtübernahme der NSDAP ist für viele Bürger jüdischer Abstammung der gesellschaftliche Abstieg schon klar vorhersehbar. Auch Helene Grandel wird durch das lange politische Engagement ihres Mannes eine Ahnung davon bekommen haben, mit welcher Konsequenz sie und ihre zwei volljüdischen Kinder aus erster Ehe in Zukunft zu rechnen haben würden. In einem späteren Versreim wird zu den 30er-Jahren notiert:
"Nora lernt auf Lehrerin. Hans geht zu Kammgarn(-Spinnerei-) hin.
Didl (-Christl-) und Maid in Schule und Lehre. Soweit gut - wenn der Hitler nicht wäre .....
Die Judengesetze engen uns ein, Nora darf nicht mehr Lehrerin sein! Zu Veits geht sie erst, nach England dann. Dr. Jamin zieht ein. Annaliese kam.
Mit Max und Micha, Sommerin gehn viele schöne Stunden hin.
Piechlers Chöre, muss man wissen, wollte Hans gar niemals missen.
Geselliges Leben trotz Nazizeit, voller Freundschaft und auch Heiterkeit.
Die Judenverfolgung nimmt jetzt zu, raubt Hans und Munne alle Ruh -
Christel lernt aus, sie wechselt zu (-Metallverarbeitung-) Frisch, noch sitzen 3 Kinder um Munnes Tisch."
Zumindest Gottfried Grandel dürfte von den geplanten Vorhaben einer kommenden NS-Regierung ein klares Bild gehabt haben. Seine familiären Absetzbewegungen mögen perspektivisch auch einem arischen Stammbaum gedient haben.
So geraten nach der Machtübernahme besonders Helene Grandels Kinder aus erster Ehe in das Visier der Nürnberger Rassegesetze. Im Kampf um das Leben ihres Sohnes Hans Winternitz ist sie gezwungen, die nationalsozialistische Rassenideologie aufzugreifen. Gegenüber der NS-Bürokratie definiert sie ihren Herkunftsstatus:
"Ich selbst bin Mischling ersten Grades im Sinne § 2 der 1.RVO. zum Reichsbürgergesetz. Ich bin die Tochter des Raffael Willner, geb. am 13.11.1850, gest. 10.9.1908 (Volljude) und dessen Ehefrau Marie, geb. Fleischner, geb. am 11.11.1850, gest. am 8.3.1919 (Arierin). Ich bin evangelischen Bekenntnisses." (Briefabschrift eines undatiertes Gesuchs, vermutl. v. Mai 1941 an den Augsburger Gauleiter Karl Wahl, Betreff: "Auswanderung ihres erstehelichen Sohnes Hans Winternitz", S.2)
Ob Gottfried Grandels zukünftige Ehefrau ihm schon in diesem Trennungs-Zeitraum bekannt ist und durch welche Umstände er die um 27 Jahre jüngere Magdalena Pachaly aus Breslau schließlich kennenlernt, bleibt etwas unklar. In einem späteren Versreim wird hierzu lediglich notiert:
"Für einige Jahre (-ab 1924-) kehrt Friede ein, doch welches Glück könnt von Dauer sein?
Nach 13 Jahren gemeinsam Leben, beginnt Dr. Grandel (-1929-) wegzustreben.
Trotz geteiltem Leid und geteiltem Glück, hat eine Andre (-Magda Pachaly/Breslau-) sein Herz berückt.
Schon zieht er (-Hamburg-)aus, der (-Scheidungs-)Prozess (-1930-) beginnt. 2 schlimme Jahre, bis sie ihn (-im Dezember 1932-) gewinnt."
In einem Detektei-Bericht über Dr. Grandels Privatleben heißt es später lediglich:
"Er hat sie (-Magda Pachaly-) bei einem Besuche einer Gemäldegalerie in Dresden kennen gelernt." (Detektei Otto Schultz, Hamburg: Bericht an Josef Rupp in Fa. DOG, S.1 v. 27.6.1943)

Anna Maria Magdalena Grandel, geb. Pachaly - 1929 (Fotografie im Privatbesitz der Enkeltochter)
Die Scheidung von seiner "jüdisch versippten" Ehefrau Helene Grandel ist hingegen zum 22. Dezember 1932 rechtskräftig vollzogen. Das Verschulden wird laut dem Urteil des Kieler Oberlandesgerichts dabei alleinig dem Ehemann Gottfried Grandel zugewiesen.
Am Ende der juristischen Auseinandersetzung zeigt sich Gottfried Grandel schwer enttäuscht über seinen ehemaligen augsburger Prokuristen Josef Rupp:
"Er hatte in meinem damals laufenden Ehescheidungsprozess, dessen günstiger Ausgang für mich von grösster Wichtigkeit sein musste, als Zeuge auszusagen. Herr Rupp war in Augsburg (-während Dr. Grandels U-Haft 1924 in Berlin-) eine Zeit lang der Vertraute meiner früheren geschiedenen Ehefrau (-Helene Grandel-) gewesen. Seine erste Zeugenaussage, in der er meine Frau schonte, musste mich sehr enttäuschen und forderte meine Kritik heraus. Jedoch habe ich ihn nicht des Meineids bezichtigt." (Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG-Gesellschafter, S.6 v. 7.1.1941)
Gottfried Grandel wird rückblickend für das Fusionsjahr 1930 mit folgender Haltung zitiert:
"Um diese Ziel zu erreichen, stellte (-der neue Hamburger Teilhaber Josef-) Rupp im Einvernehmen mit den 3 Hamburger Herren nach der Fusion an Dr. Grandel die Anfrage, ob er nicht bereit sein würde, ihm jährlich 1% von seiner Gewinnquote gegen entsprechende Kapitalvergütung abzutreten, damit auch er nach 10 Jahren mit 20% beteiligt sein könnte. Dies hat Dr. Grandel abgelehnt mit der Begründung, daß er eine größere Familie habe und wegen des schwebenden Ehescheidungsprozesses größere Beträge benötige." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben an die ehemaligen Teilhaber, S.4 v. 7.1.1941)
Für Gottfried Grandel scheint durch die von ihm beabsichtigte Trennung von Helene Grandel tatsächlich finanziell viel auf dem Spiel zu stehen. So erhofft er sich der prozessualen Zeugen-Unterstützung durch seinen bisherigen Augsburger Prokuristen und neue Hamburger Teilhaber der DOG, Josef Rupp:
"Dr. Grandel glaubte, in mir das willenlose Werkzeug gefunden zu haben, das bei dem Ehescheidungsprozess so aussagen sollte, wie dies erforderlich gewesen wäre, damit Dr. Grandel den Prozess hätte gewinnen können. Dagegen habe ich mich gewehrt und weil ich nicht willens war, nach seiner Pfeife zu tanzen, deswegen musste der böse Rupp als Vorwand dienen, um einen Grund zum Ausscheiden zu haben." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die ehemaligen Teilhaber, S.6)
Nach einem Treffen Dr. Grandels mit dem Hamburger Teilhaber Dr. Alexander notiert dieser in einem Gedächtnisprotokoll:
"Am Mittwoch, den 22. Juni (-1932-) vormittags, erschien Dr. Gr.(-andel-) das erste Mal seit seiner 9 wöchigen Abwesenheit wieder im Geschäft. Ich begrüßte ihn, erkundigte mich nach seinem Befinden und ging mit ihm in mein Zimmer. Er sprach sofort von seinem verlorenen Ehescheidungsprozeß, beklagte sich über das jedem Vergleich abgeneigte Verhalten seiner Frau und deren Anwalt.
Er zeigte mir auch einen Brief seines eigenen Anwalts, Dr. Budzerus, der sich kurz über die Berufungsmöglichkeit äußerte. Dann sagte er, daß auch die Firma von dem Ausgang des Prozesses betroffen sei und dass er sogar im Interesse der Firma erwogen habe, ob er ausscheiden könne und solle.
Ich meinte, es würde sich schon eine Form finden lassen. Nachdem dann noch weiter über den Prozeß gesprochen wurde, fragte ich ihn, wie denn die Äußerung in seinem letzten Brief an mich zu verstehen sei, daß er den Prozeß hauptsächlich durch das Versagen des Zeugen Herrn Rupp verloren habe. Dazu äußerte er sich etwa so:
Herr Rupp habe etwas Wesentliches von dem, was sich zwischen ihm und seiner Frau begeben habe, im Prozeß verschwiegen, und als ich fragte, was das sei, machte er mit dem Arm eine Geste, die Umarmung bedeutete. Als ich mich darüber wunderte und fragte, was denn Herr R.(-upp-) für ein Motiv haben könnte, das zu verschweigen, sagte er, Herr R.(-upp-) habe überhaupt als Zeuge auf alle Prozeßbeteiligten einen denkbar ungünstigen Eindruck gemacht. Er sei verlegen gewesen und habe zu Boden geblickt.
Ich fragte dann weiter, warum denn Herr R.(-upp-) nicht nach dem als wesentlich bezeichneten Vorfall von seinem Anwalt gefragt worden sei. Darauf sagte Dr. Gr.(-andel-), sein Anwalt sei nicht dazu gekommen. Als Grund aber, weshalb seine Aussage unvollständig gewesen sei, gab Dr. Grandel an, Herr R.(-upp-) habe Angst vor seiner Frau (-Helene Grandel-) gehabt.
Es fiel mir bei den Reden des Herrn Dr. Gr.(-andel-) über den Prozeß auf, daß er sagte, er sei nicht der Kläger, sondern seine Frau habe ihn verklagt. Ich wandte ein, daß ich bisher der Meinung gewesen sei, daß er Recht erhalte. Er bekräftigte aber ausdrücklich seine Behauptung, daß er überhaupt nicht habe klagen wollen. Ich habe mich später davon überzeugt, daß Dr. Gr.(-andel-) mir gegenüber die Unwahrheit gesagt hat, denn er wußte sicher von seinem eigenen Prozeß, wer Kläger und wer Beklagter ist." (Gedächtnisprotokoll von Dr. Walter Alexander nach einem Treffen mit DOG-Teilhaber Dr. Gottfried Grandel v. 22.6.1932)
Sollte es stimmen, dass Gottfried Grandel (aus rasse-ideologischer Erwägung?) selbst die Scheidungsklage eingereicht hat, dann offenbar mit der (erpressten?) Zusicherung seines Prokuristen, das Verschulden des Ehescheiterns seiner Ehefrau Helene Grandel unterzuschieben. Dadurch wären ihm finanzielle Vorteile erwachsen, die durch die Weigerung des Hauptbelastungszeugen Rupp nun wegfielen.
Aus Sicht Gottfried Grandels stellt sich die Situation wie folgt dar:
"Leider hatte ich zu jener Zeit den Rücken nicht frei, weil mich der Ehescheidungsprozess in Anspruch nahm. Auch wusste ich ja bereits aus dessen Verlauf, dass ich ---- im Jahre 1932 ----- vor den mit Juden und Freimaurern besetzten Richtertischen den Kürzeren ziehen werde.(...) Was konnte ich unter den damaligen Zeitverhältnissen kurz vor Beginn des III. Reiches und Einer gegen Vier, darunter ein Jude, anderes tun, als in Verhandlungen einzutreten, welche mein (-Firmen-)Ausscheiden unter einigermassen befriedigenden Bedingungen zum Gegenstand hatten? Sollte ich die Handelskammer oder das Handelsgericht um Hilfe anrufen, an deren Spitzen damals Juden sassen?" (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.7 v. 7.1.1941)
Die ehemalige Fabrikantengattin Helene Grandel zieht nach der endgültigen Trennung von 1932 und dem Verkauf des aufgelösten Firmenareals an Edeka mit ihren vier Kindern in die Bürgermeister-Fischer-Straße 5 (B 239/4), einer belebten Einkaufsstraße in der Augsburger Innenstadt:

Bürgermeister-Fischer-Straße - 1912 (Postkarte im Privatbesitz / Kaufhaus der Brüder Landauer)
Im 4. Geschoss über dem jüdischen Kaufhaus Landauer richtet sich die in Augsburg verbliebene Familie Grandel ein, auch ein Klavier befindet sich auf der Etage. Im Erdgeschoss firmiert u.a. der Zigaretten-Großhandel E. Obermayer; Helene bevorzugt die Marke Jonny.
Die Wohngegend ist beliebt: An der 20 Meter breiten Fahrstraße stehen repräsentative Wohn- und Geschäftshäuser, eine Trambahn verbindet den anliegenden Königs- mit dem Moritzplatz.
Kurz nach dem Einzug der Familie Grandel wird der Königsplatz nach Adolf Hitler umbenannt. Dem Obermayer-Teilhaber und Lotterieannahme-Geschäft im Erdgeschoss des Kaufhauses, Hans Cassel, wird aufgrund der jüdischen Abstammung 1935 die Konzession entzogen.
(Römer:"An meine Gemeinde in der Zerstreuung", S.197 - 2007)
Nach 16 Ehejahren mit Helene hat Gottfried Grandel 1932 nicht nur beruflich, sondern auch privat mit seiner Heimatstadt Augsburg abgeschlossen.

Abschied von Augsburg: Dr. Grandel - 1929 (Fotografie im Privatbesitz - Dinkelsbühl/Bayern, Hotel Deutsches Haus)
Für den von Gottfried Grandel vollzogenen Perspektivwechsel gibt es verschiedene Erklärungsansätze:
- Vielleicht entstand der private Bruch infolge des Gerichtsprozesses von 1924, in dessen Folge den völkischen Gruppen bekannt wurde, dass Helene einen jüdischen Vater und zwei jüdische Kinder hatte
- Möglicherweise weigerte sich seine Ehefrau Helene 1930, mit ihm zusammen Augsburg in Richtung Hamburg zu verlassen. Im Gespräch war damals die Unterbringung der Kinder in einem Internat.
- Denkbar ist aber auch, dass sich der Parteidruck auf Gottfried Grandels nach dem Prozess bekannt gewordene Mischehe erhöhte: Helenes Vater war jüdischer Abstammung, die zwei noch im Haushalt lebenden Kinder aus Helenes erster Ehe hatten mit dem im Krieg gefallenen Fritz Winternitz einen volljüdischen Hintergrund.
- Nicht ausgeschlossen ist, dass allein schon die Hamburger Firmenfusion im privaten Bereich deutliche Spuren der Entfremdung mit den süddeutschen Wurzeln hinterließ und schließlich zu einer privaten Neuorientierung Gottfried Grandels beigetragen hat.
- Dass Dr. Grandel darüber hinaus um 1929 Signale aus der nationalsozialistischen Politik erhofft, sich nach der absehbaren Machtübernahme für zukünftige Führungsaufgaben bereit zu halten, ist ein weiteres Erklärungsmuster für die vollzogenen Brüche in seinem beruflichen wie privaten Leben.
Vielleicht rechnet er aus einer Fehleinschätzung heraus nach der Machtübernahme mit seiner Verwendung im oberen Führungs-Segment, ohne jedoch letztendlich von der Partei gerufen zu werden. Sein ältester Sohn Felix führt in seinem späteren Lebenslauf dazu aus:
"Es ist mir bekannt, daß sich mein Vater eine Zeitlang stark politisch betätigt hat und auch (-1919-) bei der Gründung der NSDAP Einfluß hatte, später aber mit dem Aufkommen der antisemitischen Strömung in der Partei wegen seiner Ehe mit einer Jüdin immer mehr ausgeschaltet wurde, sich im Jahr 1924 (-durch den Attentatsplan auf General v. Seeckt-) ganz zurückzog und dann heftiger Gegner der NSDAP wurde. Obwohl ihm später öfter Ämter und einflußreiche Stellungen in der Partei und Wirtschaft angeboten wurden, behielt er seine ablehnende Haltung (-Mitglieder von Geheimorden wurden aus Ämtern ferngehalten-). Mein Vater besaß nach seinen Aussagen keine Mitgliedschaft in der Partei (-er war für ein Jahr offizielles Parteimitglied vom August 1920/21-) und trug auch nie eine Nadel." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammerakte Felix Grandel, politischer Lebenslauf v. 22.7.1946)
Im späteren Rückblick führt Gottfried Grandel als erschwerend an, dass seine zweite Frau Helene ihre eigenen Kinder aus erster Ehe in Konkurrenz zu seinem ersten Sohn Felix gesehen habe. Er sei auf eine Kriegerwitwe hereingefallen, die sich für ihn zuletzt als "Furie" entpuppte, ihm den Beruf und sein Vermögen gekostet habe. Noch 1927 besucht Helene Grandel ihren Mann Gottfried während seines Sanatorium-Aufenthaltes in Italien. Mit seinem Sohn Felix, der Stieftochter Nora, Tochter Christine und seiner noch in Augsburg wohnhaften Mutter verbringt die Familie gemeinsame Zeit am Lago di Lugano.
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Ehepaar Grandel zur Erholung in Morcote am Luganer See - Oktober 1927 (Fotografie im Privatbesitz)

Familie Grandel in Lugano - 1927 (Fotografie im Privatbesitz)
Von einer tiefgreifenden Ehekrise sprechen diese Bilder nicht. Noch im Winter 1927 ist er in seinem Weihnachtsbrief an seine 10-jährige Tochter Christine in Bezug auf seine Ehefrau des Lobes voll:
"Mutters Herz, aus dem Du kamst, ist warm und süss und so reich an treuer Liebe, wie der reichste Himmel"

Verfolgung: Nürnberger Rassegesetze
(606-1935) Seit der Kanzlerschaft der NSDAP verschlechtern sich die Zeiten für Juden in Deutschland zunehmend.
Zu den ersten Veränderungen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird berichtet:
"Am Dienstag (-28. März 1933-) ist es in verschiedenen Teilen des Reiches, so in Gleiwitz, Glogau, Schwerin-Warthe, Eberswalde, Augsburg usw. zu Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte gekommen. In allen Fällen wurden die Inhaber von Warenhäusern und jüdischen Geschäften, sowie die jüdischen Rechtsanwälte aufgefordert, ihren Betrieb zu schließen und den Angestellten das Gehalt im voraus zu bezahlen. Zu Zwischenfällen ist es nirgends gekommen. Wie die nationalsozialistische Partei mitteilt, sind diese Maßnahmen noch nicht angeordnet gewesen, sondern stellen Einzelaktionen dar. Die Partei werde zunächst abwarten, welche Wirkung ihre Ankündigung haben werde, daß alle jüdischen Unternehmungen in Deutschland und alle aus dem Ausland eingeführten jüdischen Waren boykottiert werden, bis der jüdische Boykott gegen Deutschland aufgehoben sei. Aus diesem Grunde sind die in den verschiedenen Orten unternommenen Einzelaktionen eingestellt worden. Man wird erst in einigen Tagen auf Grund der ausländischen Pressestimmen darüber schlüssig werden, ob es noch nötig sein wird, den Boykottaufruf herauszugeben und die bis ins Kleinste fertige Boykottorganisation in Gang zu setzen.
Die von der nationalsozialistischen Parteileitung erlassenen Anordnungen für den Abwehkampf gegen die Juden lauten im einzelnen wie folgt: In jeder Ortsgruppe und Organisationsgliederung der nationalsozialistischen Partei sind sofort Aktionskomitees zu bilden zur praktischen, planmäßigen Durchführung des Boykotts jüdischer Geschäfte, jüdischer Waren, jüdischer Aerzte und jüdischer Rechtsanwälte. Die Aktionskomitees sind verantwortlich dafür, daß der Boykott keine Unschuldigen, die Schuldigen aber umso härter trifft. Die Komitees sind verantwortlich für den höchsten Schutz aller Ausländer ohne Ansehen ihrer Konfession und ihrer Rasse. Der Boytott ist eine reine Abwehrmaßnahme, die sich ausschließlich gegen das deutsche Judentum wendet. Es muß nach dem Grundsatz vorgegangen werden: kein Deutscher kauft noch bei einem Juden oder läßt von ihm und seinen Hintermännern Waren anpreisen. Der Boykott muß ein allgemeiner sein. Er muß das Judentum an seiner empfindlichsten Stelle treffen. Vorsitzender des Zentralkomitees für den Boykott ist Parteigenosse (-Julius-) Streicher. Die Aktionskomitees haben auf das Schärfste die Zeitungen, die sich nicht an dem Aufklärungsfeldzug gegen die jüdische Greuelhetze im Ausland beteiligen, zu überwachen. Kein deutscher Mann und kein deutsches Geschäft soll in solchen Zeitungen noch Annoncen aufgeben. Die Aktionskomitees müssen bis ins kleinste Bauerndorf hinein vorgetrieben werden und besonders auf dem flachen Land die jüdischen Händler treffen. Es sollen Anordnungen an die S.A. und S.S. ergehen, um vom Augenblick des Boykotts an durch Posten die Bevölkerung vor dem Betreten der jüdischen Geschäfte zu warnen. Der Boykott soll schlagartig am Samstag, 1. April, punkt 10 Uhr vormittags einsetzen. Er wird solange fortgesetzt, bis eine Anordnung der Parteileitung die Aufhebung verfügt. Die Aktionskomitees haben weiterhin die Aufgabe, daß jeder Deutsche, der irgend eine Verbindung zum Ausland besitzt, diese verwendet, um aufklärend die Wahrheit zu verbreiten, daß in Deutschland Ruhe und Ordnung herrschen und daß Deutschland den Kampf gegen die jüdische Greuelhetze nur als reinen Abwehrkampf führt. Die Aktionskomitees sind verantwortlich, daß sich dieser Kampf in größter Ruhe vollzieht. Auch weiterhin darf keinem Juden auch nur ein Haar gekrümmt werden. Zum Schluß heißt es dann: Wir sind mit den marxistischen Hetzern in Deutschland fertig geworden. Sie werden uns nicht in die Knie zwingen, auch wenn sie vom Ausland aus ihre volksverbrecherischen Verrätereien fortsetzen. Nationalsozialisten, Samstag Schlag 10 Uhr soll das Judentum wissen, wem es den Kampf angesagt hat!
Vor den Bureaux zweier deutscher Schiffahrtsgesellschaften kam es zu Kungebungen. Nach den Erklärungen der Vertreter dieser Gesellschaftten haben die Juden ihre vorgemerkten Schiffskarten für deutsche Schiffe abbestellt. Die Generalversammlung der Rabbiner Amerikas hat eine Entschließung gefaßt, in der die Verfolgung der Juden durch die deutschen Nationalsozialisten als eine Rückkehr zur Barbarei bezeichnet wird. Professor (-Albert-) Einstein, der sich unterwegs nach Europa befindet, hat vom Schiff aus an die jüdische Nachrichtenagentur für Palästina eine Botschaft gerichtet, in der er die Notwendigkeit einer Verteidigungsaktion der Juden gegen ihre Verfolger und einer Intensivierung der jüdischen Kolonisation in Palästina hervorhebt. In Newyork wurde eine amerikanische Liga für Menschenrechte gegründet, die die Absicht hat, eine Protestaktion gegen die deutschen Judenverfolgungen zu organisieren. Die Angelegenheit der Judenverfolgungen in Deutschland wird auch im Kongreß zur Sprache kommen." (Digitalisiert auf e-newspaperarchies.ch: , Nr.13, S.3 - "Boytott gegen die jüdischen Geschäfte" v. 31.3.1933)
Die antisemitischen Auswirkungen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sind vielfältig. Selbst zu der Augsburger Flugzeugschmiede von Dr. Edmund Rumpler heißt es:
"Mit der 'Machtergreifung' der Nationalsozialisten verschoben sich die Gewichte in der öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Edmund Rumpler und Igo Etrich um die Entstehungsgeschichte der 'Taube'. Edmund Rumpler wurde aufgrund seiner 'jüdischen' Herkunft verleugnet und mit seiner Familie kontinuierlich aus der 'Volksgemeinschaft' ausgeschlossen. Zu dieser antisemitischen Diskriminierung sowie der nationalsozialistischen Ausgrenzung Rumplers aus der deutschen Luftfahrtgeschichte trug auch das Deutsche Museum mit bei. So wurde in der Luftfahrtausstellung ab 1940 der Name Rumpler und die damit verbundenen Leistungen in der Luftfahrt- und Automobiltechnik gezielt entfernt: Die originale Rumpfbeschriftung der 'Taube' wurde durch die kuriose Beschriftung 'Etrich Berlin' ersetzt. Ebenso verschwand der Name aus der dazugehörigen Objektbeschriftung und aus den Texten des Ausstellungsführers. Er wurde historisch unkorrekt durch 'Etrich' ersetzt." (blog.deutsches-museum.de: Dietl: "Aufschwung und Absturz der Taube" v. 8.11.2019)
Auch am neuen Wohnsitz der in Augsburg verbliebenen Familie Grandel/Winternitz, in der Bürgermeister-Fischer-Straße 5, zeichnet sich bereits 1933 die gesellschaftliche Entsolidarisierung gegenüber den jüdischen Geschäftsinhabern ab. Vor der belebten Geschäftszeile des großen Kaufhauses Landauer hindern SA-Boykottposten mit Transparenten die potentielle Kundschaft am Betreten des Einrichtungshauses:
"Deutsche, meidet dieses jüdische Geschäft! Unterstützt die Regierung im Abwehrkampf gegen die Lügenpropaganda des Judentums!"

Unter den Fenstern von Helene Grandel: SA-Aktion vor dem Kaufhaus Landauer - 1. April 1933 (Sammlung Häußler + "'Machtergreifung' in Augsburg", S.338 - 2008)
Auch in München, der Stadt der Bewegung, wird der Antisemitismus offen zu Tage getragen:
"Vier SA-Männer sind gerade dabei, die Schaufenster des in der Stadt weithin bekannten Herren- und Knabenbekleidungsgeschäfts Bamberger & Hertz (-in der Kaufingerstraße 22-) mit Flugblättern zu bekleben. Darauf wird die Bevölkerung ermahnt, nicht bei Juden zu kaufen. Den Aktivitäten wohnt eine größere Menschenmenge bei, aus der das hocherfreute Gesicht der einzig erkennbaren Frau hervorsticht. Es ist nur eine von zigtausenden Boykott-Aktionen gegen jüdische Geschäfte, die am 1. April landesweit und in aller Öffentlichkeit stattfinden." (jmberlin.de: "Boykott-Aktion am Geschäftshaus Bamberger & Hertz" v. 1. April 1933)

Unter den Augen der Bevölkerung: Judenfeindliche Boykott-Aktion vor den Geschäftsräumen - 1. April 1933 (jmberlin.de: "Boykott-Aktion am Geschäftshaus Bamberger & Hertz" v. 1. April 1933 / Schenkung an das Jüdische Museum Berlin durch Henry J. Bamberger)

Offenbar Aufnahme zu Propaganda-Zwecken: Auch hier signalisiert die selbe Frau die angeblich ungeteilte Zustimmung einer zufällig anwesenden Anwohnerschaft - 1. April 1933 (Digitalisiert auf delpher.nl: Trouw, Nr.15096, S.15 v. 8.1.1994)
Trotz der teils massiven Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung erhält sich bei einigen Betroffenen ein starkes Bedürfnis, die staatlich forcierte Ausgrenzung mit Humor zu ertragen - auch mit sarkastischem Humor. So schreibt der rassisch verfolgte Hans Winternitz seiner Halbschwester Christine Grandel regelmäßig neue Witze über Adolf Hitler, von denen zwei hier aufgeführt sind:
"Zwei Juden wollen eine Bittschrift an Hitler machen, sind sich jedoch über die zu wählende Anrede nicht einig:
'No, werd ich schreibn: 'Sehr geehrter Herr.'
Kannst nich schreibn, er ist immerhin ä Staatsmann.
'Schreib ich: 'Eier Excellenz.'
Kannste nich schreibn, er war doch bloss ä Anstreicher!
'Schreib ich: 'Unser Führer.'
Was heiß! Is er Dein Führer, ist er mein Führer?
'Werd ich schreiben kaufmännisch.‘
Und wie?
'Durch Iere Broschiere 'Mein Kampf' auf Sie aufmerksam geworden ...!'" (Brief von Hans Winternitz an seine Halbschwester Christine Grandel v. 27.8.1942)
"ER kommt in den Himmel und der liebe Gott trägt Petrus auf, doch ja recht auf IHN aufzupassen, weil ER sonst alles durcheinanderbringt, da heroben! Nach 14 Tagen fragt Gottvater den Petrus, was er denn mit IHM gemacht habe, man hört und sieht IHN ja überhaupt nicht? Oh, sagt Petrus, IHN habe ich fabelhaft beschäftigt, ich habe IHM einen Kübel Farbe gegeben und jetzt malt ER 'Jude' auf jeden Stern!" (Brief von Hans Winternitz an seine Halbschwester Christine Grandel v. 2.9.1942)
Für die zwei Grandel-Kinder aus Helenes erster Winternitz-Ehe verändert sich das Lebensgefühl in ihrer Augsburger Umgebung drastisch, der allgegenwärtige Fahnenkult ist nur der äußere Eindruck ihrer sich einschränkenden Lebensperspektiven.

Hakenkreuze, wohin man schaut: Das Jakobertor - 1933 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Steinbrecht, Diessen)
Nora Winternitz, die Stieftochter von Gottfried Grandel, zieht es, im Unterschied zu Ihrem Bruder Hans, in die Welt.
In Augsburg absolviert sie die Ausbildung zur Lehrerin, als reichsweit die rassische Denkweise politisch verordnet in die Schulen einzieht. Ihrem schulischen Umfeld ist nicht bekannt, dass sie jüdischer Abstammung ist und so wird sie vom Seminarleiter nach vorn gebeten: Als optisch hervorzuhebendes Beispiel arischer Abstammung.
Sie schweigt zu dieser fragwürdigen Auszeichnung, bereut es aber in späteren Jahren, nicht den Mut zur Richtigstellung gehabt zu haben.

Arisches Vorbild wider Willen: Die Jüdin Eleonore Winternitz - Stieftochter Gottfried Grandels - 1934 (Fotografie im Privatbesitz)
In einem familieninternen Rückblick wird zu den beginnenden 30er-Jahren vermerkt:
"Bürgermeister-Fischerstraße - jetzt kommt eine neue Phase.
Munne, Lena und 4 Gören, Mieter auch dazu gehören.
Nora lernt auf Lehrerin. Hans geht zu der Kamgarn hin.
Didl und Maid in Schule und Lehre. Soweit gut - wenn der Hitler nicht wäre ...
Die Judengesetze engen uns ein, Nora darf nicht mehr Lehrerin sein! Zu Veits geht sie erst, nach England dann. Dr. Jamin zieht ein. Annaliese kam.
Mit Max und Micha, Sommerin gehn viele schöne Stunden hin.
Piechlers Chöre, muß man wissen, wollte Hans gar niemals missen.
Geselliges Leben trotz Nazizeit, voller Freundschaft und auch Heiterkeit.
Die Judenverfolgung nimmt jetzt zu, raubt Hans und Munne alle Ruh -" (Gedicht zu Helene Grandels 90. Geburtstag v. 2.8.1976)
1934
Christine Grandel schreibt über ihre jüdische Halbschwester am 13. August 1934 in ihrem Tagebuch:
"Nora gondelt fantastisch in der Welt rum. Ich beneid sie, ohne unzufrieden zu sein, wahnsinnig. In Köln, Elberfeld, Barmen, Bremen, Hamburg war sie. Die Glückliche! Sie hat ja immer Glück, immer!"

Gefährdet durch die Nürnberger Rassegesetze: Eleonore Winternitz - 1935 (Fotografie im Privatbesitz)
1935
Nora Winternitz, Gottfried Grandels Stieftochter und Helene Grandels Tochter aus erster Ehe, hat tatsächlich Glück. Bereits 1935 verläßt sie mit 21 Jahren ihre Familie in Augsburg.
1939
Liiert ist Nora Winternitz zu dieser Zeit mit dem jüdischen Architektur- und Möbeldesigner Robert Gutmann (geb. 18.4.1910 in Augsburg), der aufgrund anti-nationalsozialistischer Aktivitäten (KPD) sein Stuttgarter Studium bei Adolph Schneck abbrechen muss. Von 1935-39 arbeitet er zum Teil freiberuflich als Innenarchitekt in Berlin. Zu seinem weiteren Lebenslauf heißt es:
"Im Juni 1939 flüchtete (-Robert-) Gutmann und seine jüdische Frau (-Eleonore, geb. Winternitz-) nach England vor den Verfolgungen in Deutschland." (yvesvincentgrossmann.info: "Robert Gutmann: Ein deutsch-britischer Industriedesigner")

Augsburg unterm Hakenkreuz: Nora Winternitz mit Partner Robert Gutmann vor dem ehemaligen Wohnsitz der Familie Grandel in der Johannes Haagstraße - 1935 (Fotografie im Privatbesitz)
Zu ihrer Halbschwester vermerkt Christine Grandel am 1937 in ihrem Tagebuch:
""
Vom Juni 1940 bis zum April 1941 wird Robert Gutmann als deutschstämmiger Ausländer in England Interniert.
Als AuPair-Mädchen beginnt Eleonore ab 1939 ihren Aufenthalt in London und kehrt aufgrund der politischen Entwicklungen in Ihrer Heimat nicht wieder zurück nach Deutschland.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kindertransport
Großbritannien hat, wie fast alle Länder weltweit, zuvor einen Aufnahmestopp für jüdische Flüchtlinge erlassen, doch durch die Reichspogromnacht von 1938 lockert die britische Regierung noch einmal die Verordnung für jüdische Kinder bis zum Alter von 17 Jahren, sofern sich eine Aufnahmefamilie findet.
Die Niederlande, Schweiz, aber auch Frankreich, Belgien und Schweden, schließen sich der solidarischen Maßnahme an, die bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs von der nationalsozialistischen Regierung geduldet wird.
Auch der Vermieter von Helene Grandels Augsburger Wohnung kommt aufgrund der Nürnberger Rassegesetze in schweres Fahrwasser. So heißt es aus der Firmengeschichte der bekannten Augsburger Unternehmerfamilie:
"Nach über hundert erfolgreichen Geschäftsjahren gibt die Baumwollweberei M.S. Landauer in Augsburg den Verkauf des Unternehmens bekannt. Während des Naziregimes wurden Juden gezwungen, ihren Besitz an 'Arier' zu verkaufen - für gewöhnlich erheblich unter dem tatsächlichen Wert. In manchen Fällen kamen die Besitzer der offiziellen Aufforderung zuvor, was sie aber in der Regel nicht vor größeren Verlusten bewahrte. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Gründer der Firma F.C. Ploucquet, in deren Besitz das Unternehmen übergegangen war, hugenottischer Abstammung und damit selbst Mitglied einer Gemeinschaft gewesen war, die schwere Verfolgungen erlebt hatte." (lbi.org/1938projekt/de/detail/arisierung/: Arisierung der Fa. Landauer)

(Leo Baeck Institute, New York/Berlin, Sammlung Landauer, AR 207, Archivbox 1, Ordner 2)
Noras älterer Bruder, Hans Winternitz, hat es im Gegensatz zu seiner nach England geflüchteten Schwester dagegen in Augsburg schwer. Er verliert als sogenannter Volljude nicht nur seine Beschäftigung als kaufmännischer Angestellter, sondern wird 1941 "aufgrund einer Verfügung der Geheimen Staatspolizei München" aufgerufen, nach Polen "auszuwandern". Diese Formulierung bedeutet in der Praxis die zwangsweise Deportation in die östlichen Vernichtungslager.
Helene Grandel hat eine Vorstellung von dem nahenden Unglück. Sie kämpft um das Leben ihres Sohnes aus erster Ehe und bedient sich notgedrungen der nationalsozialistischen Logik der Rasselehre.
Seit 1935 gelten im neuen III. Reich die Nürnberger Gesetze, unterzeichnet von zwei ehemals guten Bekannten der Familie Grandel: Reichskanzler Adolf Hitler und Innenminister Wilhelm Frick.


Die Nürnberger Gesetze zum "Schutz des deutschen Blutes" - 15. September 1935 (BArch Berlin: NS26/96 / Fotografie im Privatbesitz)
Der politische Antisemitismus wird von den Nationalsozialisten nach nur zwei Jahren Regierungsverantwortung um den biologischen Antisemitismus erweitert. Nach anwaltlicher Beratung schreibt Helene Grandel 1941 einen Brief, vermutlich an Karl Wahl, den Gauleiter von Augsburg:
"Mein erster Mann (-Fritz Winternitz-) war Volljude im Sinne des Paragraphen 5. Ich selbst bin Mischling ersten Grades im Sinne des Paragraphen 2 der 1. RVO. zum Reichsbürgergesetz. Ich bin die Tochter des Raffael Willner, geb. am 13.11.1850, gest. 10.9.1908 (Volljude) und dessen Ehefau Marie, geb. Fleischner, geb. am 11.11.1850, gest. am 8.3.1919 (Arierin). Ich bin evangelischen Bekenntnisses. Mein Sohn Hans Winternitz, der Jude im Sinne des Paragraphen 5 der 1. RVO. zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 ist, aber doch nur zu 75% abstammungsmäßig Jude, lebt mit mir und meiner Tochter aus 2. Ehe, Gerlinde Grandel, die im Sinne des Paragraphen 2 Abs. 2 der 1. RVO zum Reichsbürgergesetz jüdischer Mischling ist, aber nur mit 25% jüdischem Anteil, (-in der Bürgermeister Fischerstraße-) in einem gemeinsamen Haushalt. Da der Unterhaltsbeitrag (70 Mark), den mein 2. Ehemann (-Gottfried Grandel-) im Hinblick darauf, daß unsere Ehe aus seinem alleinigen Verschulden geschieden ist, leistet, zur Bestreitung der Kosten unserer Lebsucht nicht hinreichte, war ich und bin ich auf den Unterhaltsbeitrag angewiesen, den mein Sohn Hans Winternitz in Erfüllung der gesetzlichen Unterhaltspflicht an mich leistet. Auf diesen Unterhaltsbeitrag bin ich umso mehr angewiesen, als, wie ich hörte, mein zweiter Mann (-Gottfried Grandel-) sich (-nach dem Tod von Emil Hubricht vom Januar 1941-) von seiner jetzigen Frau (-Magdalena, geb. Pachaly-) wieder scheiden lassen will und beabsichtigt, (-mit der verwitweten Gertrud Hubricht aus Freiberg/Sachsen-) eine neue Ehe einzugehen, sodass mit der Möglichkeit zu rechnen ist, dass er im Hinblick auf Paragraph 66ff. 96 EHG eine Herabsetzung seiner Unterhaltsleistung unter Bezugnahme auf Paragraph 323 ZPO. anstreben und durchsetzen wird. Nach einer mir gewordenen Mitteilung soll die Abstellung von Juden, die in einer sogenannten bevorzugten Hausgemeinschaft leben und gegenüber Personen, die für die Abstellung nach Polen nicht in Frage kommen, unterhaltspflichtig sind, nicht erfolgen. Ich bitte deshalb unter Berücksichtigung meiner besonderen Verhältnisse die bisherige Stellungnahme einer Nachprüfung zu unterziehen und wenn möglich, von der Abstellung meines Sohnes Hans Winternitz im Hinblick darauf, daß ich sonst möglicherweise der öffentlichen Fürsorge anheimfiele, Abstand zu nehmen." (Undatiertes Gesuch v. Frühjahr 1941, vermutl. an Augsburger Gauleiter Karl Wahl, Betreff: "Auswanderung ihres erstehelichen Sohnes Hans Winternitz", S.2)

Gauleiter Karl Wahl - 1935 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Neue Augsburger Zeitung, Nr.270 - "15 Jahre Kampf um Schwaben" v. 20.11.1937)
Die amtlichen Formulierungen, wie "Abstellung" oder "Umsiedlung" nach Polen, bedeuten 1942 für die Zwangsdeportierten zu einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit den Tod in den Gaskammern der östlichen Konzentrationslager. Auf der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 wird vom nationalsozialistischen Verwaltungsapparat die politisch vorgegebene Endlösung der Judenfrage besiegelt.
Bedenken werden hierbei auf Staatssekretärs-Ebene nicht geäußert. Selbst der Organisator des Massenmordes, Adolf Eichmann, wundert sich im Nachhinein, dass zum Teil die Vorgaben sogar noch durch eigene Vorschläge der politischen Beamten übertroffen werden.
Der Bruder von Helene Grandels erstem Mann, des im ersten Weltkrieg gefallenen Dr. Fritz Winternitz, Rechtsanwalt Dr. Rudolf Salomon Winternitz, lebt zu dieser Zeit mit seiner Familie im tschechischen Kolín, Stitarerova 120. Bis 1918 wird die Stadt anerkennend als das Köln an der Elbe bezeichnet und gehört zeitweise zu den "bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Böhmen".
Familie Winternitz trifft der Rassewahn der Nationalsozialisten mit voller Wucht: Die überregional bekannte Likörfabrik Gustav Winternitz & Sohn wird aufgenommen in das "Verzeichnis jüdischer Unternehmungen, über deren Entjudung im Reichskommissariat in Reichenberg am 28. Februar 1939 entschieden wurde".
(Isa Engelmann: "Reichenberg und seine jüdischen Bürger", S. 328 - 2012)
Mit der Einführung des deutschen Protektorates begeht die Firma im Jahr 1939 ihr 70. Firmenjubläum, doch zu feiern gibt es nichts mehr. Durch die 'Arisierung' verliert der Sohn Rudolf Salomon mit Anfang 60 seine wirtschaftliche Existenzgrundlage, das Lebenswerk seiner bereits verstorbenen Eltern. Als Bewerberin für die Übernahme tritt (Auguste) Berta (Marie) Hanisch in Erscheinung (geb. Kropatsch, 2. Mai 1897 in Reichenberg geboren - verheiratet mit Karl Hanisch, geb. 20. September 1903). Zum Treuhänder wird am 22. April 1939 Rudolf Fischer als Geschäftsführer bestimmt (Grottau, Schützengasse 269).
(Amtliche Bekanntmachung des Reichenberger Landgerichts in 'Die Zeit').
Ob und zu welchem Zweck die Firma weitergeführt wird, ist unklar.
Ein Rudolf Fischer wird im Internet als Inhaber der Firma Otto Reichel angegeben, einer Lederwarenfabrik für Pistolentaschen
(aus: 'Pistolen der deutschen Wehrmacht'- tague.at)
26. November 1941
Doch für die Familie von Rudolf Salomon Winternitz bleibt es nicht bei der wirtschaftlich-sozialen Ausgrenzung in Kolín:
"Bekanntmachung. Auf Grund von § 1 Abs. 2 der Verordnung über die Einziehung von Vermögen im Protektorat Böhmen und Mähren vom 4. Oktober 1939 (Reichsgesetzbl. I S.1998) wird das Vermögen folgender Personen
1. Rudolf Winternitz, geb. 16.2.1873 in Grottau, Hermine Winternitz, geb Wodischka, geb. 19.5.1879 in Tabor, (-Sohn-) Dr. Erwin Winternitz, geb. 5.11.1909 in Grottau, alle zuletzt wohnhaft gewesen in Kolin II, Stitarergasse 120.(...)
hierdurch zugunsten des Reiches - vertreten durch den Reichsprotektor in Böhmen und Mähren - eingezogen. Festgestellte Vermögenswerte sind dem Vermögensamt des Reichsprotektors, Prag I, Emaus-Kloster, zu melden. Eine Abschrift bzw. Durchschrift dieser Anzeige ist der Staatspolizeileitstelle Prag zuzuleiten. Prag, den 26. November 1941. Geheime Staatspolizei Staatspolizeileitstelle Prag." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Deutscher Reichsanzeiger, Nr.280, S.1 v. 29.11.1941)
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Helene Grandels Schwager aus erster Ehe: Rudolf Salomon Winternitz aus Grottau - 1916 (Fotografie im Privatbesitz)
Auf den 21. Oktober 1941 ist der Deportationsbefehl für seine in Prag XIV., Leflova 811 wohnende Schwester Elly Barth, geb. Winternitz ausgestellt. Zusammen mit ihrem Ehemann, Dr. Ludwig Barth, verlassen sie, eingepfercht in alten Güterwaggons, den Bahnhof in Prag. Das Ziel des Transportes B 855 ist das Konzentrationslager Lodz in Polen. Für 922 der 1003 Personen jüdischer Abstammung ist es eine Reise ohne Wiederkehr; das Ehepaar Barth gehört zu dieser Gruppe. Im Jahr darauf bekommt auch die in Kolín n verbliebene Familie Winternitz den Deportationsbefehl zugestellt: Am 13. Juni 1942 besteigen mit nur wenig Habseligkeiten Rudolf Salomon, Hermine und ihr Sohn Erwin Winternitz den Güterwaggon am Bahnhof von Kolín. Von den 736 an diesem Tag deportierten Personen jüdischer Abstammung überleben nur 63 das folgende Konzentrationslager.
Der Transport führt Sie zunächst in das Ghetto Theresienstadt. Von dort wird die Familie am 15. Dezember 1943 mit weiteren 2516 Personen nach Osvětím/Auschwitz transportiert. Nur 278 Inhaftierte überleben das dortige KZ.
Die Selektion erfolgt bereits direkt nach ihrer Ankunft: An der Rampe von Auschwitz werden die Männer getrennt nach rechts, die Frauen nach links aufgeteilt. Darüber hinaus gibt es ein Familien-KZ. Gelegentlich fährt ein Rot-Kreuz-Fahrzeug an der Rampe vorbei. Manche Beobachter leiten ein Fürsorgeempfinden der Lagerleitung davon ab, doch ist dies eine Täuschung: In den Fahrzeugen befindet sich Zyklon B, das tödliche Gift für die als Duschen getarnte Gaskammern. Nach nur wenigen Atemzügen bringt die gasförmig, aus den Duschköpfen austretende Blausäure die innere Zellatmung zum Stillstand. Die Schreie der Eingeschlossenen sind für das Wachpersonal zu hören.
Rudolf und Hermína Winternitz werden im KZ Auschwitz mit ihren fast 70 Jahren der industriellen Ermordung durch Gas zugeführt.
Doch nicht nur in den stationären Konzentrationslagern wird die Vernichtung jüdischen Lebens forciert, auch mobile Einheiten verrichten ihr grausames Werk im Osten. So berichtet der SS-Führer Otto Ohlendorf von der Einsatzgruppe D als Zeuge während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses:
"Sie (-die Juden-) wurden mit LKWs an die Hinrichtungsstätte gefahren, und zwar immer nur so viel, wie unmittelbar hingerichtet werden konnten; auf diese Weise wurde versucht, die Zeitspanne so kurz wie möglich zu halten, in der die Opfer von dem ihnen Bevorstehenden Kenntnis bekamen, bis zu dem Zeitpunkt der tatsächlichen Hinrichtung.(...) Es war ja der Befehl, dass die jüdische Bevölkerung total ausgerottet werden sollte." (spiegel.de: "Es war ja der Befehl, dass die jüdische Bevölkerung total ausgerottet werden sollte" v. 29.9.2016)
Der 34-jähriger Sohn von Rudolf und Hermína Winternitz, Dr. Ervin Winternitz, ist kräftig gebaut; er wird von den anwesenden Ärzten für arbeitsfähig gehalten und vom Juli 1944-45 in das Konzentrationslager Schwarzheide bei Dresden verlegt. In dem neben dem BRABAG-Fabrikgelände gelegenen Arbeitslager bekommt er die Häftlings-Nummer 86153 zugeteilt. Das Werk zur Herstellung von synthetischem Benzin aus den dort vorhandenen mageren Kohlevorkommen soll Deutschland unabhängiger von ausländischen Ölquellen machen, deren Zugang schon nach dem verlorenen ersten Weltkrieg nur beschränkt ermöglicht wurde.
Auf Führerbefehl entsteht bereits 1935 in Schwarzheide, zusammen mit neuen Autobahnprojekten, das dritte von vier BRABAG-Werken.
Nach fünf Jahren Krieg fallen am 28. Mai 1944 die ersten Bomben auf die kriegswichtigen Produktionsanlagen. Zeitgleich bewegen sich sowjetische Truppen auf die rumänischen Ölfelder zu. Der deutschen Ölversorgung droht damit der Zusammenbruch.
"Vor diesem Hintergrund ordnete Adolf Hitler umgehend und persönlich am 30. Mai 1944 'Sofortmaßnahmen zur Wiederinbetriebnahme und zum Schutz der Hydrierwerke' an. Es entstand der sogenannte Mineralölsicherungsplan, ein Geheimprojekt, für dessen Umsetzung rund 350.000 Menschen, darunter zirka 100.000 KZ-Häftlinge, zum Einsatz kamen. Unter der Regie von Gerhard Maurer ließ das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt unverzüglich hunderte 'Konzentrationslager im Kleinformat', Außenkommandos und Zwangsarbeiterlager errichten." (BRABAG-Wikipedia)
Zu dieser Selektion für kriegswichtige Betriebe heißt es bei Wikipedia:
"Das KZ-Außenlager Schwarzheide war vom 5. Juli 1944 bis 16. April 1945 eines der Sachsenhausen-Außenlager mit ungefähr zehn Holzbaracken in einem Kiefernwäldchen. Nahe dem Zwangsarbeiterlager, in einer Entfernung von rund 100 Metern, befand sich die BRABAG, die Braunkohle Benzin-AG zur Produktion von synthetischem Treibstoff.
Vorher für eine Abteilung deutscher Schutzpolizei, dann als Kriegsgefangenenlager für italienische Gefangene genutzt, wurden am 3. Juli 1944 1000 Inhaftierte von Auschwitz-Birkenau hierher verlegt, um nach den Bombardements der Alliierten Wiederaufbauarbeit zu leisten. Für die Häftlinge überraschend wurde die Arbeit im April 1945 plötzlich eingestellt und ab dem 18. April 1945 begann ein Todesmarsch südwärts in Richtung der böhmischen Stadt Warnsdorf. Von hier aus erfolgte über verschiedene Stationen in Güterwagen bis zum 7. Mai 1945, unmittelbar vor der Befreiung durch die Rote Armee, der Rücktransport in das KZ Theresienstadt. Von den ehemals 1000 Häftlingen überlebten nur etwa zweihundert oder nach Angaben von Jakov Tsur, einem ehemaligen Häftling, weniger als ein Drittel. Viele Angaben zum Verlauf und über die Opfer des Todesmarsches sind durch den Häftling und Lagersanitäter Heinrich Roeder überliefert, der verbotenerweise die Namen der umgekommenen Häftlinge in einem Notizbuch notierte, das er in einem Verband am Oberarm versteckt bei sich trug."
Der Produktionsbetrieb in Schwarzheide wird zum 23. März 1945 eingestellt. Auch das KZ-Außenlager steht vor der Auflösung. Nur drei Tage vor dem Eintreffen der Roten Armee beginnt für die Lagerinsassen der vom 18. April bis zum 8. Mai 1945 andauernde "Evakuierungsmarsch".
Von den SS-Bewachern werden auf dem Todesmarsch fast täglich entkräftete Häftlinge erschossen. In der Nacht vor dem Erreichen des Ghettos von Theresienstadt setzt sich schließlich die SS-Bewachung ab. Der Krieg ist vorbei. In einem Gefangenenverhör des 7th US Army Interrogation Center bekennt der deutsche Offizier Generalmajor Heinrich Gäde (47) vor dem Vernehmungsoffizier Major Paul Kubala:
"Many things that were done are difficult to defend, for example the mass murder of the Jews. As an officer it was sometimes difficult to participate in these actions. They should have solved the problem in another way. Sometimes it was horrible the way they shot women and children." (cia.gov/readingroom: Geheimbericht 7th ASrmy Interrogatin Center, Kopie Nr.30 v. 14.4.1945)

Menschliche Abgründe: Konzentrationslager Buchenwald, nördlich von Weimar, nach der Befreiung durch amerikanische Truppen - April 1945 (BArch: Bild 183-35011-0004 / o.Ang.)
Von den 30.000 Personen jüdischer Abstammung, die aus dem Protektorat Böhmen und Mähren über Theresienstadt deportiert werden, überleben nur rund 1000 Menschen.
Von den 1000 Häftlingen, die von Auschwitz in das Arbeitslager Schwarzheide verlegt wurden, lediglich 318 Personen. Ervin Winternitz ist einer von ihnen.
Nach dem Krieg emigriert er Ende 1948 nach Australien, wo er ein Studium mit der Absicht beginnt, zusammen mit einem weiteren aus Deutschland ausgewanderten Verfolgten eine Anwaltskanzlei zu eröffnen.
Die älteste Tochter von Gottfried Grandel ist in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre begeisterte Skifahrerin. Am 26. Dezember 1937 schreibt sie im Oberjoch/Allgäu in ihr Tagebuch:
"Inzwischen sind 3 Berliner gekommen, die ich voriges Jahr schon flüchtig kennenlernte (...). Die anderen 2 jünger als ich, aber sehr lustig und nett. Besonders Kurt, ein Viech erster Güte. Ich verstehe mich gut mit ihm."
Kurt schreibt in seinen späteren Erinnerungen vom 4. April 1938:
"Am Heimweg von einer schönen Pontenabfahrt erzählt sie mir ohne Zaudern, daß sie nichtarisch ist. Ich muß sie bewundern, mit welcher Selbstsicherheit sie darüber spricht. Ich selbst bin zu feig, ihr etwas von mir selbst zu sagen."
Am 11. Juni 1943 heiratet Christine ihren Kurt.
Ende Oktober 1944
Auch Cristels Ehemann Kurt gerät zum Ende des Krieges in das Visier der Gestapo:
"Das dauernde Gemunkel hat sich bewahrheitet, zur besseren Überwachung werden viele Mischlinge in Arbeitslager eingezogen. Auch ich bekomme die Aufforderung. Fest steht für mich, daß ich nicht gehe. Ich fahre (-zu den Elten-) nach Füssen, bespreche dort und in Augsburg alles und komme dann mit Herta und Steffen, die gerad dort in Urlaub sind, zurück. Inzwischen ist der (-Gestapo-)Befehl da: Am 7.11.(-1944-) soll ich antreten."
14. Dezember 1944 - Mischlinge - Hans Winternitz an Mutter Helene Grandel
"Von den eingezogenen Mischlingen kommen durchwegs gute bis hervorzügliche Nachrichten. Trotzdem traue ich dem Frieden nur halb, weil ich einfach nicht einsehen kann, warum dies geschieht, warum man die Leute aus teils wichtigen Positionen herausreißt, warum man sie unbedingt auf einen Haufen beisammen haben will.
Hier (-in Berlin-) sind die arischen Frauen jüdischer Männer zur Fabrikarbeit erfaßt worden. Frau Fallmann arbeitet seit dieser Woche, obwohl sich das Büro, wo sie vorher war, die allergrößte Mühe gegeben hat, um sie behalten zu dürfen."
Eine juristische Aufarbeitung der menschenfeindlichen NS-Ideologie ist nach dem Zusammenbruch des Führerstaates umfassend. Am Beispiel Auschwitz führt der Staatsanwalt Kügler im Jahre 1965 aus:
https://www.auschwitz-prozess.de/zeugenaussagen/Sta-Kuegler_Plaedoyer_1/
Ortsgruppen-Jubiläum: Adolf Hitler in Augsburg
(607-1937) Augsburg ist in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre eine geschäftige Stadt.
Die wirtschaftlichen Verwerfungen sind vorbei, politische Grabenkämpfe mit Saalschlachten gehören seit der diktatorischen Machtfülle der Nationalsozialisten der Vergangenheit an.

Maximilianstraße in Augsburg - 1937 (Fotografie im Privatbesitz)

Blick auf den Perlachturm - 1937 (Fotografie im Privatbesitz / Kurt B.)

Blick auf St. Ullrich - 1937 (Fotografie im Privatbesitz / Kurt B.)

Maximilianstraße in Augsburg - 1937 (Fotografie im Privatbesitz)
Zum 15. Jahrestag der schwäbischen Ortsgruppe kündigt sich im November 1937 Adolf Hitler zu einem Besuch in Augsburg an.

Anstecker zur Erinnerung: 15 Jahre NSDAP Augsburg - November 1937 (Fotografie im Privatbesitz)
Auf vielfältiger Ebene werden zu diesem Jubiläums-Wochenende propagandistische Vorbereitungen getroffen. Auch privates Farbfilm-Material aus der Augsburger Innenstadt liegt aus dieser Zeit vor:
Redaktionell sind die bereits auf NS-Kurs ausgerichteten Print-Medien bemüht, den politischen Weg Adolf Hitlers als unkritische Erfolgsgeschichte zu verkaufen. Eine Sonderbeilage titelt:

(Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung v. 22.11.1937 + StadtAA, Schriftdokumentation 670 A)
In der zurückblickenden NSDAP-Sonderbeilage "15 Jahre Kampf und Sieg" der Augsburger National-Zeitung findet unter der Überschrift "Der Führer startet in Augsburg" auch Dr. Gottfried Grandel für das Jahr 1921 eine kurze Erwähnung.
Die offizielle Zeitrechnung der nationalsozialistischen Ortsgruppe beginnt bei dieser Jubiläumsveranstaltung jedoch erst mit dem Jahre 1922; Dr. Grandel wirkt auch im Abstand von Jahrzehnten verstimmt:
"Als ich Hitler (-im März 1921-) einlud, in Augsburg zu sprechen, was dann am 10. Mai 1921 im Cafe Maximilian stattfand, bestand bereits die Ortsgruppe Augsburg. Ich erwähne dies deshalb, weil die 'Neue Augsburger Zeitung' (-Augsburger National-Zeitung-) zur 15-Jahrefeier der Gründung der Ortsgruppe behauptete, 'es sei bei jenem ersten Vortrage Hitlers noch nicht zur Gründung einer Ortsgruppe gekommen'. Dass diese bereits bestand, beweist u. a. der Wortlaut meiner schriftlichen Einladung zu diesem Vortrage mit der Überschrift 'Nat. soz. Deutsche Arbeiterpartei, Ortsgruppe Augsburg'." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4, Gottfried Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
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(Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Dr. Grandels abgedrucktes Einladungsschreiben vom Mai 1921 in der Neuen Augsburger Zeitung, "15 Jahre Kampf um Schwaben" v. 20.11.1937)
Der Besuch des Führers in Augsburg wird redaktionell aufwändig vorbereitet, doch bleibt der Beitrag Gottfried Grandels zur Sonderbeilage entgegen mancher Erwartung gänzlich unpolitisch. Der mittlerweile über Hamburg nach Freiburg verzogene Privatier trägt hier nicht mit eigenen Erlebnissen aus der sogenannten Kampfzeit, sondern nur mit einem ganzseitigen schwäbischen Reisebericht zu der Augsburger Jubiläums-Sonderausgabe der NSDAP bei. Vermutlich war dieser Beitrag bereits bei der redaktionellen Anfrage vorrätig. In seiner heimatkundlichen Ausarbeitung titelt "Dr. Gr.":
"Zwischen Donau und Alpen - Ein Streifzug durch den Gau Schwaben."

(Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Auszug aus der Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung v. 22.11.1937)
Die Tagebuchaufzeichnungen von Dr. Grandels ältester Tochter Christine deuten darauf hin, dass der politische Werdegang ihres Vaters innerhalb der in Augsburg verbliebenen Familie tabuisiert wird.
So schreibt die 20-jährige Schneiderin lediglich ein paar kurze Zeilen in ihrem Tagebuch und fragt sich dabei, ob ihr Vater wohl Partei-Karriere gemacht habe. Rund 16 Jahre zuvor saß sie als dreijährige Fabrikanten-Tochter noch auf dem Schoß des damaligen Werbeobmanns Adolf Hitler, nachdem dieser 1919 bei ihrem Vater geschult und im Anschluss an seine späteren Augsburg-Besuche bei Familie Grandel auf dem Sofa übernachtet hatte. In späteren Jahren wird die erste Tochter von Gottfried Grandel von ihrer Schwiegertochter mit den Worten zitiert:
"Du hast erzählt, dass Hitler in seinen politischen Anfängen (-ab 1919-) mehrfach zu Gast war im Grandelschen Haus und Du auf seinem Schoß gesessen hättest. Vater (-Gottfried-) Grandel war, wie Du später mit Entsetzen feststellen musstest, einer seiner (-ersten-) Geldbgeber ..." (Nach dem Tod von Christine geb. Grandel: "Abschiedsbrief an die Verstorbene" von ihrer Bremer Schwiegertochter Lisa B., S.2 v. Juli 2011)
Es ist zu vermuten, dass Christine Grandel im Jahre 1937 wenig Informationen zu der politischen Tätigkeit ihres Vaters besitzt. In Ihren Tagebuch-Aufzeichnungen notiert sie zum Jubiläums-Besuch des Führers:
"Samstag, 20. November 1937: Heut steht in der (-Neuen Augsburger-) Zeitung ein Brief (-vom Mai 1921-) als Einladung an die 1. Nationalsozialisten in Augsburg, unterschrieben 'Mit deutschem Gruß - Gottfried Grandel.'(...) Ob er wohl in der Partei was ist heute?"

Aus dem Partei-Archiv: Dr. Grandels Einladung (u.r.) zu Adolf Hitlers zweiten Augsburg-Rede aus dem Jahre 1921 (Staats- und Stadtarchiv Augsburg: Neue Augsburger Zeitung, Sonderbeilage "15 Jahre Kampf um Schwaben" - 20.11.1937)
Sonntag, 21. November 1937
Das Wochenendprogramm der Jubiläumsfeier ist umfassend. Nach dem im Ludwigsbau stattfindenden Mittagessen für die "Alten Kämpfer", zu denen sich besonders auch Gottfried Grandel zählt, führt sie der Weg durch die Bürgermeister-Fischer-Straße zum Rathaus-Empfang mit dem Führer, vorbei an dem Erker der im 4. Geschoss befindlichen Wohnung der Hausnummer 5 von Helene Grandel:
"Die 433 Ehrengardisten des Gaues marschierten durch die von vielen tausend Volksgenossen eingesäumten, im Fahnenschmuck prangenden Straßen zum Rathaus, um gleich den Ehrenformationen der Politischen Leiter vor dem Rathaus die Ankunft des Führers zu erwarten." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Die Glocke, Nr.318, S.1 - "Eine Kundgebung des Sieges" v. 22.11.1937)

Vorbeimarsch der "Alten Garde" auf dem Weg zum Führerempfang: Angeführt von Pg. Hans Rehm folgt die älteste Sturmfahne Schwabens, getragen von Pg. Sepp Mahler - 21. November 1937 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger National-Zeitung, Nr.271 v. 22.11.1937)
Die in Augsburg verbliebene Ex-Ehefrau Dr. Grandels wohnt hier seit Anfang der 30er-Jahre mit den zwei volljüdischen Kindern aus erster Ehe (Hans/Eleonore Winternitz) und den zwei Töchtern aus der zweiten Ehe mit Gottfried Grandel (Christl/Maidl Grandel).
Christl (l) und Helene Grandel mit Nora und Hans Winternitz - 1930 (Fotografie im Privatbesitz)
Tochter Eleonore ist zum Zeitpunkt des Führerbesuchs bereits mit ihrem Partner Robert Gutmann in Berlin und versucht kontinuierlich, bei einer englischen Familie Veith in der Nähe von London als Haushaltshilfe untergebracht zu werden. Christine schreibt in ihrem Tagebuch zum 23. Geburtstag ihrer jüdischen Halbschwester:
"Wenn ich an Nora denke, weiß ich keinen Ausweg."
Die zwei gemeinsam mit Gottfried Grandel großgezogenen Töchter Christine und Gerlinde (Maidl) Grandel befinden sich 1937 mit Helenes Sohn Hans noch in dem gemeinsamen Haushalt in der Bürgermeister-Fischerstraße B 239 IV, die spätere Hausnummer 5. Zwei Etagen unter ihnen wohnt die hinterbliebene Ehefrau von Dr. Emil Epstein, dem ersten Rechtsanwalt von Gottfried Grandel nach dessen Verhaftung im Jahre 1924. Justizratswitwe Elsa Epstein verstirbt zwei Monate vor dem Augsburg-Besuch des Diktators am 3. Oktober 1937.

Hakenkreuzfahnen an jeder Straßenecke: Adolf-Hitler-Platz - 1937 (Postkarte im Privatbesitz)

Blick auf das Kaufhaus Landauer: Adolf-Hitler-Platz mit Zufahrt zur Bürgermeister-Fischer-Straße (Fotografie im Privatbesitz)

Am anderen Ende der Bürgermeister-Fischerstraße: Das Weberhaus mit dem Merkurbrunnen - 1939 (Fotografie im Privatbesitz)
Der Schriftzug der alteingesessenen Modewarenhandlung Ginsberger & Co. ist mittlerweile von der Fassade des Weberhauses entfernt. Über die jüdischen Eigentümer heißt es:
"Aufgrund der anhaltenden antijüdischen Ausgrenzungen in den Folgejahren verzeichnete das Geschäft der Loebs immer stärkere Geschäftsrückgänge und stand 1936 kurz vor dem Konkurs. Fritz' Vater sah sich gezwungen, das Geschäft zu verkaufen, wobei ein weiterer Grund wohl entscheidend dafür war: Das Weberhaus war im Besitz der Stadt Augsburg, und das städtische Grundstücksreferat verweigerte die Verlängerung des Mietvertrags. Das Geschäft wurde an die Kommanditgesellschaft Bendel & Co. verkauft." (gedenkbuch-augsburg.de/biografien/fritz-loeb)
https://www.youtube.com/watch?v=9wFAfeeSdwo&t=26s

Luftaufnahme des Adolf-Hitlerplatzes mit Zufahrt zur Bürgermeister-Fischerstraße (Postkarte im Privatbesitz)
In ihren Tagebuchaufzeichnungen notiert Christel Grandel für den November 1937:
"Beim (-Franz-) Kroher haben wir uns fotografieren lassen. Hans, Maid und ich. Für Munne (-Mutter Helene Grandel-) zu Weihnachten. Es ist leider schlecht geworden. Ortners taten dasselbe.(...) Der Kroher (-Fotowerkstätten, Karlstraße 19 F, Klassenkamerad von B. Brecht-) gibt sich keine Mühe."

Hans Winternitz, Gerlinde (Maidl) und Christine Grandel - 26. November 1937 (Fotografie im Privatbesitz / Fotoatelier Kroher - Augsburg)
Die in Augsburg verbliebene Familie Grandel lebt in einer unsicheren Zukunftserwartung; seit 1935 gelten reichsweit die Nürnberger Rassegesetze. Zunehmend greifen staatliche Vorgaben empfindlich in das Leben von Menschen jüdischer Abstammung ein. Seit dem Wegzug Gottfried Grandels nach Hamburg und der von ihm daraufhin 1932 herbeigeführten Ehetrennung besitzt Helene Grandel mit ihren zwei erstgeborenen Kindern in Augsburg perspektivisch nur noch eine Art Duldungsstatus. Doch ganz schutzlos scheint sie nicht zu sein. In einer eidesstattlichen Erklärung notiert sie 1948 zu ihrer Lebenssituation während der NS-Diktatur:
"Ich galt nach den Nürnberger Gesetzen als Volljüdin (-?-Mischling 1. Grades-) und habe stets Hilfe und Zuflucht bei ihm (-ihrem Stiefsohn Dr. Felix Grandel-) gefunden." (Staatsarchiv-Augsburg: Spruchkammer Augsburg-Stadt I u. III Akten G 475, Felix Grandel - 1948)
Adolf Hitler trifft am Mittag des 21. November 1937 mit einem Sonderzug am Augsburger Hauptbahnhof ein:
"Gegen 12 Uhr fuhr der Zug des Führers im Bahnhof ein. Die Truppen präsentierten, die Musik setzt ein. Hell braust der Jubel der vielen Tausende auf. Der Führer besteigt seinen Wagen und fährt, nach allen Seiten grüßend, durch die von den stürmischen Heilrufen der Massen erfüllten Feststraßen zum Rathaus." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Die Glocke, Nr.318, S.1 - "Eine Kundgebung des Sieges" v. 22.11.1937)

Umstieg in den Cabriolet-Mercedes 770: Abfahrt vom Augsburger Hauptbahnhof - 21. November 1937 (neue-szene.de / o.Ang.)

Augsburger Bahnhofsvorplatz - 21. November 1937 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_6796)

Augsburger Bahnhofsvorplatz - 21. November 1937 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_6120)

Adolf Hitler bei der Begrüßung der Ehrenformation vor dem Augsburger Hauptbahnhof - 21. November 1937 (Sammlung Franz Häußler)

Gauleiter Karl Wahl (l) mit Adolf Hitler am Augsburger Bahnhof: "Arbeitsdienst, präsentiert den Spaten!" - 21. November 1937 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_B_3035)

Der ehemalige DAP-Werbeobmann in seinem Element: Nach dem Abschreiten der Formationen für Propaganda-Filmaufnahmen der Wochenschau - 21. November 1937 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_6121)

Einfahrt zur Augsburger Innenstadt - 21. November 1937 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_6123)
Stehend wird er im offenen Cabriolet an den am Straßenrand jubelnden Augsburgern vorbei in Richtung Rathaus gefahren. Sein Terminplan ist dabei dicht getaktet:

Terminabfolge für die Jubiläumsfeier in Augsburg (Staats- und Stadtarchiv Augsburg: Augsburger National-Zeitung - 19.11.1937)
Die am Straßenrand wartenden Menschengruppen sind hierbei nicht alle Augsburg zuzuordnen. Viele werden, teils als ganze Firmen-Belegschaft, mit Bussen aus ganz Schwaben und Bayern zum Jubeln herangefahren. Der Besuch dient auch der propagandistischen Beschwörung einer Volksgemeinschaft, die mit geheimen Programmen militärisch hochgerüstet vor einem sich abzeichnenden Eroberungskrieg steht. Nichts wäre schlimmer für die Propaganda, als wenn die Bevölkerung sich in dieser Phase teilnahmslos zeigen würde.

Cabriolet-Fahrt im November: Vierfache Durchquerung der Bürgermeister-Fischerstraße - 21. November 1937 (Sammlung Franz Häußler / Augsburg)

Augsburg - 21. November 1937 (Postkarte im Privatbesitz)
Im Goldenen Saal des Rathauses angekommen erklingt zur Begrüßung Adolf Hitlers der "Einzug der Götter in Walhall" aus Richard Wagners "Rheingold":
"Oberbürgermeister Mayr geleitet den Führer in den Goldenen Saal des Rathauses. Hier haben mit den alten Kämpfern des Gaues Schwaben die Spitzen der Partei, der Wehrmacht, des Staates, der Industrie, der Wirtschaft der Kunst und Wissenschaft Aufstellung genommen, um dem Führer ihren Gruß zu erbieten." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Die Glocke, Nr.318, S.1 - "Eine Kundgebung des Sieges" v. 22.11.1937)

In Erwartung des Führers: Beflaggtes Rathaus in Augsburg - 21. November 1937 (Sammlung Franz Häußler / Augsburg)
Über den Empfang im Rathaus heißt es:
"Gauleiter Karl Wahl entbietet dem Führer den Willkomm der gesamten Augsburger und schwäbischen Bevölkerung. Er schildert die wunderbare Wandlung in Deutschland nach der Machtübernahme durch den Führer und stellt fest, daß das neue Reich der Größe und Ehre, der Kraft, der Herrlichkeit und Gerechtigkeit heute in Europa wie ein Fels im brandenden Meer stehe und daß in seinem Führer heute das Volk den Schöpfer dieses Reiches sehe." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Die Glocke, Nr.318, S.1 - "Eine Kundgebung des Sieges" v. 22.11.1937)

Augustusbrunnen am Rathausplatz - 1939 (Fotografie im Privatbesitz)

Rathaussaal in Augsburg - 1939 (Fotografie im Privatbesitz)
Die Empfindungen von Helene Grandel zum Führer-Besuch sind nicht überliefert. Adolf Hitler quert ihre Wohnadresse in der Bürgermeister-Fischerstraße 5 während seines Tagesbesuchs in Augsburg noch weitere drei Male. Ihre Tochter Christine schreibt in ihrem Tagebuch:
"Sonntag, 21. November 1937: Heut ist der Führer da! Welch eine Wonne. Huch! 6 Mark mußte Munne (-Mutter Helene, geschiedene Grandel-) zahlen für die Dekoration! Das Stadtbild herrlich. Aber das ist auch das Einzige und teuer erkauft bei uns. Da standen dann die Leute unten (nicht mal so sehr dicht) und er fuhr vorbei, etliche Male, und dann schrien sie ziemlich doof, wie die Augsburger halt sind. Das war alles. Abends war er in Aida, dann festliche Illumination der Stadt. Schön. Ich war den ganzen Tag zu Haus und war fleißig. Ab und zu gingen wir ans Fenster. Alles ist abgesperrt. Heute, nach der Kirche, kamen wir fast nicht heim."

Der Prophet Daniel (Kapitel 9, Vers 17) als Motiv im romanischen Glasfenster: "Herr, lass auch um deiner selbstwillen dein Angesicht über deinem Heiligtum leuchten, das verwüstet daliegt." (Postkarte im Privatbesitz)
Zu derm kulturellen Höhepunkt des Führer-Besuches in Augsburg heißt es:
"Am 21. November 1937 wohnte der Führer anläßlich der 15. Gründungsfeier der Ortsgruppe Augsburg der NSDAP der ihm zu Ehren veranstalteten Festvorstellung von Verdis 'Aida' bei . Die Wiedergabe der heroischen Oper fand die volle Anerkennung des Führers." (Holl-Enzler: "Zwischen Provinz und Staatstheater", S.201 - 2024)

Adolf Hitler während der AIDA-Aufführung im Augsburger Stadttheater - 21. November 1937 (Nerdinger: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.75 - 2012 + Neue National-Zeitung - 22.11.1937)
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Vom Perlachturm über die Zirbelnuss des Rathauses in Richtung St. Ulrich: Christel Grandel mit Blick auf Augsburg - Sommer 1937 (Fotografie im Privatbesitz)
Zeitgleich zu den Vorbereitungen des Führer-Besuchs singt Dr. Grandels Tochter Christine im Augsburger Oratorienverein unter Arthur Piechler Das Tagewerk, doch wird Arthur Piechlers kultureller Einsatz in Augsburg von Propagandaminister Joseph Goebbels zum Anlass einer heftigen Kontroverse genommen.
(Lethmair: "Arthur Piechler: 1896-1974; Bayer, Komponist, Organist", S.40 - 1976)
Ab dem 10. November 1937 notiert Christine Grandel zu dem bewusst zurückhaltenden Komponisten in ihrem Tagebuch:
"Letzte Probe unterm (-Arthur-) Piechler.(...) 1. Probe unterm (-Oswald-) Kabasta fürs Tagwerk. Er nimmt's unbandig genau: Schleift und horcht und wiederholt alles, bis es ihm gefällt. Hauptprobe im Ludwigsbau. Ich bin wild begeistert! Einzelnes kann ich nicht aufzählen. Es ist zu viel, was mich entzückt oder erschüttert oder begeistert. Kabasta ist fabelhaft. Das Werk ist unerhört. Und der das gemacht hat (-Arthur Piechler-), saß ganz klein und unscheinbar unten - es ist eigentlich unfasslich."

Gemischter Chor der städtischen Singschule mit Direktor Otto Jochum im Ludwigsbau - 5. Juli 1936 (Fotografie im Privatbesitz)

Das Tagewerk: Arthur Piechlers Chorzyklus mit Soli und Orchester - 1934 (Fotografie im Privatbesitz)

(Stadtarchiv Augsburg, Bestand 40002, Schriftdokumentation, Sign.: 277)

Zum 60. Geburtstag des Komponisten: Das Tagewerk - Chorzyklus mit Soli und Orchester - 1956 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40067/Plakatsammlung/1397)

Das Tagewerk: Chorzyklus mit Soli und Orchester im Ludwigsbau - 1937 (Nerdinger: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.67 - 2012 + Neue Nationalzeitung)
Weiter notiert Christine Grandel in ihrem Tagebuch:
"Ich war heute sehr schlecht in Form und das Tagwerk mit allem Drum und Dran regte mich sehr auf. Aber es war sehr, sehr schön. Kabasta dirigierte unglaublich musikalisch und originell und exakt. Einfach fabelhaft. Mein Kleid mit den Granatohrringen war sehr schön. Hernach waren wir im Frohsinn.(...) Piechler sprach so sehr schön hernach. Er sagte, er war restlos glücklich und er kann nur eins sagen: Dank. Rosi Baumann sang miserabel, (-Halbbruder-) Hans (-Winternitz-) überirdisch. Das Werk ist unerhört. Da saß er, Piechler, klein, unscheinbar, jüdisch, niederbayrisch und sehr bescheiden. Das rührte mich direkt. Vorbei - einfach vorbei. Jetzt kommt das Requiem von Mozart. Fein. Aber Tagwerk ist Tagwerk." (s.a. Bay. Staatsbibliothek: Sammlungen - Piechler, Arthur, Ana 789 - Fotoalbum)

Insgesamt acht Aufführungen von Arthur Piechlers Tagewerk: Christine Grandel (l) beim Einsingen vor dem Auftritt - 1934 (Fotografie im Privatbesitz)
Weiter heißt es zu Arthur Piechler:
"Arthur Piechler übernahm nun die musikalische Leitung und führte den Chor von Erfolg zu Erfolg. Als er wegen der Nazis nicht mehr dirigieren durfte, widmete er sich unermüdlich der Probenarbeit und bereitete Konzerte für andere Dirigenten gewissenhaft vor." (Wißner: "175 Jahre Philharmonischer Chor Augsburg", S.54 - 2018)

"Da saß er, Piechler, klein, unscheinbar, jüdisch, niederbayrisch und sehr bescheiden": Komponist Prof. Arthur Piechler - 1950 (StA Augsburg: Bestand 40002, Schriftdokumentation, Sign. 805 Fotografie aus Jubiläumsheft "1856-1956: Oratorien-Verein Augsburg")
Zu dem in Augsburg beliebten und fachlich hochgeschätzten Chorleiter Arthur Piechler wird in einer späteren Schrift vermerkt:
"Piechlers Tagewerk passte zur kulturellen Stimmung des nationalsozialistischen Deutschlands, die offensiv an die konservative Beschwörung des Bäuerlichen und Heimatlichen anknüpfte, sie ehrte und ihr Raum gab. Die Kritik feierte das Werk, das bis zum Verbot 1938 in den großen Konzerthäusern des Reiches erklang." (Steber - Katholischer Kulturkonservatismus in: "Was glaubten die Deutschen zwischen 1933 und 1945?", S.217 - 2020)

Anlässlich des 450. Konzertes des weit über Augsburg hinaus bekannten Oratorienvereins: Aufführung Beethovens IX. Symphonie im Ludwigsbau - 5. November 1938 (StA Augsburg: Bestand 40004, Zeitungsauschnittsammlung, Sign. 904 / Sauler)
Doch der Komponist gerät im Vorlauf zu Adolf Hitlers Augsburg-Besuch in den Fokus der nationalsozialistischen Rassen-Ideologie. Vermutlich kam in Augsburg die Überlegung auf, dem Führer das beliebte "Tagewerk" zu präsentieren:
"Die Reichsmusikkammer, in der die Mitgliedschaft zwingend war, wurde im Frühjahr 1937 auf den erfolgreichen Musiker aufmerksam und forderte bei der Gauleitung Schwaben eine Stellungnahme zu dessen Abstammung an." (FN: StadtAA, P16, 921, NSDAP Gauleitung Schwaben an den Stadtrat Augsburg, 29.5.1937)
"(...) So zog sich die Schlinge um Arthur Piechler immer enger. Am 1. Juni 1938 wurde er auf explizite Weisung des Reichspropagandaministeriums aus der Reichsmusikkammer mit sofortiger Wirkung ausgeschlossen." (FN: StadtAA, P16, 921, Präsident der Reichsmusikkammer an Piechler, 1.6.1938)
"Das bedeutete Auftritts- und Aufführungsverbot für seine Werke. Fortan tauchte sein Name im Lexikon der Juden in der Musik auf, dem antisemitischen Manifest der nationalsozialistischen Säuberungsaktion deutscher Musik." (Steber in: "Was glaubten die Deutschen zwischen 1933 und 1945?", S.204/205 - 2020)
Arthur Piechler an der Hechenberger-Orgel des Passauer Doms - 1915 (Wikimedia Commons / o.Ang. - Datei: Arthur Piechler.jpg)
Die nationalsozialistische Stadtspitze in Augsburg gibt sich gegenüber den Berliner Vorgaben hingegen sperrig, sie fürchtet um ihr musikalisches Aushängeschild. Zu einem Brief an den Reichsinnenminister Dr. Wilhelm Frick heißt es:
"Vor diesem Hintergrund konnte Josef Mayr mit Fug und Recht an Wilhelm Frick schreiben, dass Piechler sich 'als Künstler nie auf Abwegen' betätigt habe, sondern sich 'stets für die Erhaltung und Förderung der deutschen Kunst' eingesetzt habe. Sein Stellvertreter, Matthias Kellner, wie Mayr Nationalsozialist der ersten Stunde, war sich gar sicher, dass, '(w)enn Piechler nicht selbst unter seiner unglücklichen jüdischen Abstammung leiden würde, dieser sich 'positiv zum Nationalsozialismus bekennen würde''." (Steber in: "Was glaubten die Deutschen zwischen 1933 und 1945?", S.218-2020 + StadtAA, P 16, 921, Mayr an Frick v. 7.1.1941)

Reichskanzler Adolf Hitler und Reichsinnenminister Dr. Wilhelm Frick verlassen nach der Vereidigung durch den Reichspräsidenten das Palais der Alten Reichskanzlei - 1933 (BArch: Bild 183-R99188 / o.Ang.)
Auch Dr. Grandel ist mit Wilhelm Frick bekannt:
"Durch (-den Münchener Polizeipräsidenten Ernst-) Pöhner lernte ich (-1920?-) auch bald Dr. (-Wilhelm-) Frick kennen, mit dem ich häufige Unterredungen hatte." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 - Dr. Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Zu dem weiteren Werdegang von Arthur Piechler vermerkt Christine Grandel am 9. Februar 1941 in ihrem Tagebuch:
"Piechler ist grad auch kaltgestellt. Er kann den Oratoriums-Verein nicht halten. Er ist 'beurlaubt'. Was aus ihm wird, weiß niemand."

Von 1931-1941 der 1. Dirigent des Augsburger Oratorienvereins: Arthur Piechler - 1938 (Fotografie aus dem Archiv des Oratorienvereins / Wißner: "175 Jahre Philharmonischer Chor Augsburg", S.54 - 2018)
Der Besuch von Adolf Hitler im vollbesetzten Goldenen Saal des Augsburger Rathauses fällt hingegen festlich aus.

Empfang im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses. Erste Reihe v.l.n.r.: Obergruppenführer Helfer, Kreisleiter Schneider, stellv. Bürgermeister Matthias Kellner, Oberbürgermeister Josef Mayr, Adolf Hitler, Gauleiter Karl Wahl - 21. November 1937 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung v. 22.11.1937)

Goldener Saal im Augsburger Rathaus, erbaut um 1620 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Preiss & Co, München)

Abfahrt vom Augsburger Rathaus - 21. November 1937 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_B_4803)

Abfahrt vom Augsburger Rathaus Höhe Perlachturm - 21. November 1937 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_6124)

Adolf Hitler bei der Abfahrt vom Augsburger Rathaus - 21. November 1937 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung v. 22.11.1937)

Nach dem kurz zuvor verabschiedeten Gesetz zur Neugestaltung deutscher Städte: Erläuterungen zum geplanten Ausbau Augsburgs zur Gauhauptstadt durch Stadtbaurat Sametschek. V.l.: Gauleiter Karl Wahl, Adolf Hitler, Oberbürgermeister Josef Mayr und Kreisleiter Schneider - 22. November 1937 (Wahl: "Aus Liebe zu Deutschland", S.112/4 - 1997)
Die Nationalsozialisten bedienen sich auch bei Adolf Hitlers Jubiläumsbesuch der representativen Wirkung des Hotels Drei Mohren. Hier weilten in den vorherigen zwei Jahrhunderten bereits Könige, Präsidenten, berühmte Künstler sowie Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Technik. Für den Jubiläumsbesuch werden zwei bewaffnete Wachen vor dem Eingang positioniert:

Fertig für den Hotelempfang: Direktor in Erwartung des Diktators - 21. November 1937 (Nerdinger: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.72 - 2012 + Sammlung Franz Häußler)

Vom Direktor freudig begrüßt: Adolf Hitler bei der Ankunft vor dem Hotel Drei Mohren - 21. November 1937 (Nerdinger: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.73 - 2012 +Sammlung Franz Häußler)
Nach dem Zwischenstopp im Hotel Drei Mohren setzt Adolf Hitler seinen Besuch mit einer Rede zum 15. Jahrestag der "hitlertreuen" Ortsgruppe im Saalbau Heerle fort.
Auch Hitlers Rede aus dem Saalbau Herrle wird über Lautsprecher in die Straßen seiner Anfahrt übertragen. Hierzu heißt es:
"Adolf Hitler spricht auf der 15-Jahrsfeier der NSDAP-Ortsgruppe in Augsburg über die unbedingte Führerautorität als völlig neue Grundlage im politischen Leben des deutschen Volkes. Zudem verkündet er: 'Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ist die größte Organisation, die jemals Menschen aufgebaut haben!'" (Bruppacher: "Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP", S.637 - 2008)
Weiter wird über Adolf Hitlers Rede berichtet:
"Er hielt dabei, wie bereits kurz gemeldet, eine Ansprache, die schon deshalb Beachtung verdient, weil sie direkt auf das Gespräch mit Lord Halifax folgt und weil die deutsche Presse noch kurz zuvor betont hatte, Informationsreisen ausländischer Staatsmänner seien überflüssig, denn das Wesen der deutschen Außenpolitik gehe ganz eindeutig aus den Reden des Führers und Reichskanzlers hervor. Hitler betonte die Erfolge seines Kampfes, der aus einem vor fünfzehn Jahren noch verspotteten Häuflein von Fanatikern die Führer eines von einer starken Wehrmacht getragenen starken Staates gemacht habe. Die Nationalsozialistische Partei habe jetzt genau wie die Armee jährlich ihre Rekrutenjahrgänge, schule Jahr für Jahr die deutsche Jugend und erziehe die deutschen Männer und die deutschen Frauen. Der deutsche Mensch werde dadurch allmählich genau so das Produkt der neuen Erziehung wie er früher das der alten Erziehung geworden sei." (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Neue Züricher Zeitung, Nr.2110, S.1 - "Hitlers Rede in Augsburg" v. 23.11.1937)
Über die inhaltlichen Ausführungen der Rede wird darüber hinaus vermerkt:
"Heute stehen uns neue Aufgaben bevor, denn der Lebensraum unseres Volkes ist zu eng. Die Welt versucht, sich von der Prüfung dieses Problems und Beantwortung dieser Frage frei zu machen, aber es wird ihr nicht gelingen. Die Welt wird eines Tages unsere Forderung berücksichtigen müssen. Ich zweifle keine Sekunde daran, daß wir genau so, wie es uns möglich war, die Nation empor zu führen, auch die äußern gleichen " (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Waliser Volksfreund, Bd.18, Nr.134, S.2/3 - "Hitler zur deutschen Kolonialforderung" v. 24.11.1937)
Weiter wird über Adolf Hitlers Vortrag berichtet:
"Von den letzten öffentlichen Aeußerungen Hitlers unterscheidet sich die Augsburger Rede dadurch, daß diesmal nicht die deutsche Kolonialforderung vorangestellt, sondern der Expansionsdrang des Dritten Reiches in allgemeiner Form hervorgehoben wird. Besonders eindringlich tritt der Appell an die militärische Stärke Deutschlands hervor. Auch der Hinweis, daß die schwersten Vorarbeiten für die Durchsetzung des deutschen Lebensrechts bereits geleistet seien, bezieht sich offenbar auf die erfolgreiche Durchführung der Aufrüstung. Die Rede ist erst nach einer Ueberarbeitung des Textes, die einige Schärfen ausmerzte, den Zeitungen mit einer halbtägigen Verspätung zugeleitet worden. Die Berichte aus Augsburg verzeichnen bei den außenpolitischen Stellen der Rede minutenlange donnernde Heilrufe und eine Aufwallung der Masse, die von ihrem Platz aufsprang und dem Führer begeisterte Huldigungen bereitete." (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Neue Züricher Zeitung, Nr.2110, S.1 - "Hitlers Rede in Augsburg" v. 23.11.1937)

15 Jahre Ortsgruppe Augsburg: Adolf Hitler im Saalbau Herrle - 21. November 1937 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger National-Zeitung + gettyimages.de: Bild-Nr. 825515546 + Nerdinger: "Bauten erinnern - Augsburg in der NS-Zeit", S.69 - 2012 + FS StadtAA_B224 + digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_A_6126 + StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_B_3036)
"Nach Absolvierung der `Parteierzählung' wandte sich Hitler wieder einmal gegen seine innerpolitischen Gegner und sprach ihnen das 'Recht zur Kritik' ab:
'Wir haben auch Kritik, nur kritisieren bei uns die Vorgesetzten die Untergebenen und nicht die Untergebenen, die Vorgesetzten!'" (Hitler/Domarus: "Reden und Proklamationen - Triumpf, 1932-1938", S.759 - 1962)
"'Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ist die größte Organisation, die jemals Menschen aufgebaut haben!'
Nach einem nochmaligen Rückblick auf die Leistungen in den vergangenen fünfzehn Jahren , kam er auf die neuen Aufgaben und den 'zu engen Lebensraum des deutschen Volkes' zu sprechen. Hitler erklärte:
'Ich darf schon sagen, meine alten Parteigenossen: Unser Kampf hat sich wohl gelohnt. Noch niemals ist ein Kampf begonnen worden mit soviel Erfolg wie der unsrige. Wir haben in diesen 15 Jahren ein gewaltiges Werk auf uns genommen. Das Werk hat die Arbeit gesegnet. Unsere Arbeit war nicht vergebens, denn aus ihr heraus ist eine der größten geschichtlichen Neugeburten erfolgt. Deutschland hat die große Katastrophe überwunden und ist aus ihr zu einem besseren und neuen und starken Leben erwacht. Das können wir am Abschluß dieser 15 Jahre sagen. Darin liegt der Lohn für jeden einzelnen auch von Euch, meine alten Parteigenossen! Wenn ich mein eigenes Leben überblicke, so kann ich wohl sagen, welch ein unermeßliches Glück, in dieser großen Zeit tätig gewesen sein zu können für unser Volk. Es ist doch etwas wunderbares, wenn das Schicksal Menschen ausersehen hat, für ihr Volk sich einsetzen zu dürfen. Heute stehen uns neue Aufgaben bevor. Denn der Lebensraum unseres Volkes ist zu eng. Die Welt versucht, sich von der Prüfung dieser Probleme und Beantwortung dieser Fragen freizumachen. Aber es wird ihr nicht gelingen! Die Welt wird eines Tages unsere Forderungen berücksichtigen müssen. Ich zweifle keine Sekunde daran, daß wir genau so, wie es uns möglich war, die Nation im Innern emporzuführen, auch die äußeren gleichen Lebensrechte wie die anderer Völker uns verschaffen werden. Ich zweifle nicht daran, daß auch dieses Lebensrecht des deutschen Volkes eines Tages von der ganzen Welt verstanden wird! Ich bin der Überzeugung, daß die schwersten Vorarbeiten bereits geleistet wurden. Was jetzt notwendig ist, ist nur immer wieder Zurückbesinnung aller Nationalsozialisten auf die Prinzipien, durch die wir groß geworden sind. Wenn die ganze Partei und damit die ganze Nation geschlossen hinter der Führung steht, dann wird es dieser Führung, gestützt auf diese gemeinsame Kraft eines 68-Millionen-Volkes, ausgeprägt zum Letzten in seiner Wehrmacht, möglich sein, die Interessen der Nation auch erfolgreich zu verteidigen und die Aufgaben, die uns gestellt sind, auch erfolgreich zu lösen!'
Hier in Augsburg sprach Hitler zu einem Zeitpunkt, da er sich endgültig zu einer gewaltsamen Lösung der Zukunftsaufgaben entschlossen hatte, erneut aus, was seit dem 30. Januar 1933 Richtschnur für ihn gewesen war und bis in letzten Taghe des 2. Weltkrieges bleiben sollte:
'Ich zweifle keine Sekunde daran, daß wir genau so, wie es uns möglich war, die Nation im Innern emporzuführen, auch die äußeren gleichen Lebensrechte wie die anderer Völker uns verschaffen werden." (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Waliser Volksfreund, Bd.18, Nr.134, S.2/3 - "Hitler zur deutschen Kolonialforderung" v. 24.11.1937 + Hitler/Domarus: "Reden und Proklamationen - Triumpf, 1932-1938", S.760 - 1962)

15 Jahre Ortsgruppe Augsburg: Adolf Hitler im Saalbau Herrle - 21. November 1937 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_B_3037)
Video: Englischer Zusammenschnitt verschiedener Auftritte Adolf Hitlers - 1935
In seinem siebenseitigen Rede-Manuskript geht Adolf Hitler auf die Konfrontationslinie vor der zweiten Ortsgruppengründung von 1922 ein, die sein Verhältnis zu dem germanischen Orden aufzugreifen scheint:
"2 Welten - in sich abgeschlossen - gegenseitig feindlich - ... gegen Kräfte! entweder vereinen, oder ewiger Kampf." (Rede-Manuskript im Privatbesitz)
Weiter nimmt er zu dem beabsichtigten Kolonialismus Stellung:
"Um Kolonien zu bekommen, sagte Hitler, müsse geredet und geredet werden, 'lauter und lauter, bis die Welt diese Forderung nicht mehr abweisen kann.'" (Schwarzschild: "Das Neue Tage-Buch", Band 5, S. 1131 - 1937)
Auch Gottfried Grandel wird an dem Jubiläums-Treffen im Saalbau Herrle teilgenommen haben. Rückblickend notiert er:
"Denn es ist Ihnen und besonders Herrn Rupp (-ehem. Prokurist der Augsburger Ölfabrik-) bekannt, dass der Führer mich kennt und meine Verdienste um die Partei nicht vergessen hat. Diese Verdienste sind ja (-am 21.11.1937-) auf der Gründungsfeier der NSDAP, Ortsgruppe Augsburg, in Gegenwart des Führers erneut anerkannt worden." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG-Teilhaber, Bl.11 v. 7.1.1941)

Unter alten Mitkämpfern: Adolf Hitler im Saalbau Herrle, links vorn der Gauleiter Karl Wahl, rechts Oberbürgermeister Josef Mayr - 21. November 1937 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung v. 22.11.1937)
Adolf Hitlers Rede wird weiter mit den Worten zitiert:
"In Deutschland haben wir kein Regime der Knute, nein! Es ist ein Regime des Vertrauens und der tiefsten Kameradschaft, ein Glaubensband, das die Millionen zusammenkettet." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger National-Zeitung - "Ein unvergeßlicher Festtag für Augsburg", S.1 v. 22.11.1921)
Zum Zeitpunkt der Rede ist der ehemalige Regierungspräsident von Oberbayern schon seit drei Jahren tot. Der 71-jährige Gustav von Kahr wird von den Nationalsozialisten maßgeblich für das Scheitern des Hitler-Putsches vom 9. November 1923 verantwortlich gemacht. Bereits am 30. Juni 1934 wird er im Konzentrationslager Dachau von einem SS-Angehörigen nach seiner Verhaftung kurzerhand erschossen. Das Reichsjustizministerium erklärt daraufhin, dass der Fall v. Kahr ...
"... unter das Gesetz über Maßnahmen der Staatsnotwehr vom 3. Juli 1934 ..."
falle - und der Mord damit rechtens sei. Weiter heißt es bei Wikipedia:
"Daraufhin stellte der zuständige Oberstaatsanwalt beim Münchener Landgericht II das Verfahren wegen der Tötung Kahrs mit der Begründung ein, dass eine strafbare Handlung nicht vorliegt."
Auch Adolf Hitlers ehemals selbstbewusster Kritiker des Jahres 1921, der Augsburger Dr. Otto Dickel, gerät im Jahr nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in das Visier des totalitären Regimes. Für zehn Monate wird Dr. Otto Dickel in Gestapo-Haft genommen. Vor seiner zweiten Verhaftung nimmt er sich schließlich das Leben. Deutsche Zeitungen berichten 1937 schon lange nicht mehr über diese Schicksale.
Zur Übernachtung dient Adolf Hitler am 21. November 1937 sein Augsburger Stammhotel Drei Mohren in der Maximilianstraße 40.

Erste Adresse für Adolf Hitlers Aufenthalte in Augsburg: Hotel Drei Mohren - 1937 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Georg Voegeli, Augsburg)

Beflaggung für den Führer: Hotel Drei Mohren mit angrenzendem Fuggerhaus - 1937 (Fotografie im Privatbesitz)

Festsaall Hotel Drei Mohren (Postkarte im Privatbesitz / Farbenphotographische Gesellschaft, Stuttgart)
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Adolf Hitler beim Verlassen des Hotels Drei Mohren (Bay. Staatsbibliothek, Bild: hoff-16229 / Hoffmann, Heinrich)
Nach dem Besuch Adolf Hitlers kommt Gauleiter Karl Wahl in seiner späteren Jahresabschluss-Bilanz für Augsburg zu folgendem Ergebnis:
"Wenn in diesem Jahr die Silvesterglocken an unser Ohr dringen, dann haben wir schwäbischen Nationalsozialisten allen Grund, besonders glücklich zu sein. Nicht nur, weil wir das stolze Bewußtsein in uns tragen, wieder ein Jahr als des Führers politische Soldaten unseren Mann gestellt zu haben, sondern insbesondere deshalb, weil das Ende des vergangenen Jahres dem Gau Schwaben die höchste Auszeichnung gebracht hat, die der nationalsozialistische Staat zu vergeben hat: Den Besuch des Führers." (Neue Augsburger Zeitung, Nr.304, StadtAA, Schriftdok. 670 A, Silvesteransprache Karl Wahl - 1937/38)
Die älteste Tochter von Gottfried Grandel ist derweil in das Allgäuer Oberjoch zum Skifahren gereist. Am 26. Dezember 1937 schreibt sie dort in ihr Tagebuch:
"Inzwischen sind 3 Berliner gekommen, die ich voriges Jahr schon flüchtig kennenlernte (...). Die anderen 2 jünger als ich, aber sehr lustig und nett. Besonders Kurt, ein Viech erster Güte. Ich verstehe mich gut mit ihm."
Christine Grandel wird ihre Ski-Bekanntschaft sechs Jahre später in Berlin heiraten. Kurt ist jüdischer Abstammung und kommt aus dem Protektorat Böhmen und Mähren.

Heirat mit ungewisser Zukunft: Kurt und Christel in Berlin - 11. Juni 1943 (Fotografie im Privatbesitz)
Die Wehrbezirks-Kommandos ziehen nun reichsweit die kriegstauglichen Männer in die Pflicht. Auch Christines Freundeskreis in Augsburg ist hiervon betroffen, doch noch ist die Stimmung zumeist unbeschwert.

Abschied von Augsburg: Einberufung zum vaterländischen Dienst - 1937 (Fotografie im Privatbesitz - Maidl (l) und Christine (m) Grandel)
Augsburg, März 1938
Das Augsburger Wehrbezirkskommando hat viel zu tun. Nach fünf Jahren Regierungsverantwortung nehmen die schon von Adolf Hitler 1925 in Mein Kampf vorformulierten Expansionsbestrebungen der Nationalsozialisten konkrete Formen an:
"Am Morgen des 12. März 1938 überquerte die Wehrmacht die Grenze zu Österreich - und stieß auf keinerlei Widerstand. Im Gegenteil: Die deutschen Truppen wurden begeistert begrüßt. Drei Tage später (15. März 1938) verkündete Hitler vor über hunderttausend jubelnden Menschen auf dem Heldenplatz in Wien den 'Anschluss' Österreichs an das Deutsche Reich." (bpb.de: "Vor 80 Jahren: Einmarsch der Wehrmacht in Österreich" v. 19.3.2018)

Verkehrsknotenpunkt und Spiegelbild historischer Ereignisse: Vorplatz des Augsburger Hauptbahnhofs - 1927 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Bromsilber, 6351/4721)
Die Schweizer Presse berichtet:
"Nachdem die deutsche motorisierte Division in der Nacht vom Samstag zum Sonntag in Wien eingetroffen ist, sind auf dem Matzleinsdorfer Güterbahnhof am Sonntag auch die ersten deutschen Militärtransportzüge angekommen. Zuerst wurde das Infanterieregiment 40, Augsburg, ausgeladen. In den ersten Abendstunden des Sonntags feierte die motorisierte Division über die Mariahilferstraßze und die Ringstraße ihren offiziellen Einzug in Wien. Die Häuser waren mit großen Hakenkreuzfahnen beflaggt. Die Nationalsozialisten hatten sich zur begeisterten Begrüßung der Truppen eingefunden." (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Neue Züricher Zeitung, Nr.457, S.1 - "Der Anschluß Oesterreichs an das Deutsche Reich" v. 14.3.1938)

Nach der Rückkehr vom Empfang am 18. März 1938 im Burgtheater/Wien: Bayerisches Jagdgeschwader am Augsburger Hauptbahnhof auf dem Weg zum Fliegerhorst Landsberg am Lech - 19. März 1938 (Fotografie im Privatbesitz)

Rückkehr aus dem besetzten Österreich: Gruppenkommandeure des Kampfgeschwaders 255 vor dem Augsburger Postamt/rechtsseitig vom Hauptbahnhof - 19. März 1938 (Fotografie im Privatbesitz - Geschwaderkommodore: Oberst Willibald Spang, Gruppenkommandeure I. Gruppe: Major Hans Korte, II. Gruppe: Oberstleutnant Johann-Volkmar Fisser, III. Gruppe: Major Walter Schroeder)

Gleiche Blickrichtung: Augsburger Bahnhofsvorplatz mit Blick auf das Postamt - 1912 (Postkarte im Privatbesitz)

Abholung durch Cabriolet nach Rückkehr aus dem besetzten Österreich: Gruppenkommandeur des Kampfgeschwaders 255 vor dem Augsburger Postamt/Hauptbahnhof - 19. März 1938 (Fotografie im Privatbesitz - Geschwaderkommodore: Oberst Willibald Spang, Gruppenkommandeure I. Gruppe: Major Hans Korte, II. Gruppe: Oberstleutnant Johann-Volkmar Fisser , III. Gruppe: Major Walter Schroeder)
Zu der Rückführung der Landsberger Einheiten wird vermerkt:
"NS-Schriftsteller 'betreuten' im heimischen Revier unter anderem Rekrutenvereidigungen, Fahnenweihen, Aufmärsche, Siegesfeiern, so im März 1938, als die Schlagbäume in Österreich fielen und Landsberg seine zurückkehrenden Bataillone enthusiastisch empfing." (Kriegl: "Adolf Hitlers 'treueste Stadt': Landsberg am Lech", S.180 - 2003)
Video: Empfang Adolf Hitlers in Wien - 14. März 1938
Weitere Truppenteile werden am 20. März 1938 über Augsburg verlegt:

An der Verladerampe des Augsburger Hauptbahnhofes: Wehrmachtsgeneral im Gespräch mit dem Wehrbezirks-Kommando - 20. März 1938 (Fotografie im Privatbesitz)
"Der 'Völkische Beobachter' war in den langen Jahren des Kampfes um die Macht eine der schärfsten Waffen unserer Bewegung. Es erfüllt mich daher mit Freude und Genugtuung, daß das Zentralorgan der NSDAP nunmehr neben den Ausgaben in München und Berlin auch in Wien eine eigene, der Bedeutung unserer deutschen Ostmark würdige besitzt. An diesem Tage, da der Wiener 'Völkische Beobachter' zum erstenmale in dem uns so vertraut gewordenen Großformat erscheint, gelten meine besten Wünsche der weiteren erfolgreichen Arbeit unserer ältesten Parteizeitung im Dienste der Bewegung des Großdeutschen Reiches." (Völkischer Beobachter/Wien, Nr.1, S.1 - "Der Führer an den 'V. B.' - Wien" v. 1.8.1938)

(Völkischer Beobachter/Wien, Nr.1, S.1 - "Der Führer an den 'V. B.' - Wien" v. 1.8.1938)

Angetreten: Gauleiter Karl Wahl empfängt Adolf Hitler am Augsburger Bahnhof - 12. September 1938 (Fotografie im Privatbesitz)

Vereidigung der Rekruten des Panzergrenadier-Ersatzbataillons in der Augsburger Infanterie-Kaserne - September 1939 (Fotografie im Privatbesitz - Im Hintergrund das Gebäude 307)

Blick auf das Kasernen-Gebäude 309 an der Von-der-Tann-Straße: Rekruten-Vereidigung in Augsburg - September 1939 (Fotografie im Privatbesitz)

Vereidigung der Rekruten auf dem großen Exerzierplatz der ehemaligen Augsburger Prinz-Karl-Kaserne - September 1939 (Fotografie im Privatbesitz)

Rekruten-Vereidigung vor dem Gasthof Zum Augsburger Tor - 1939 (Fotografie im Privatbesitz)

Mit Blumen geschmückt: Verabschiedung der Soldaten in den Kriegseinsatz - 1941 (Fotografie im Privatbesitz)
Im Anfangsverlauf des zum 1. September 1939 begonnenen Krieges kommt es bei der Auswahl von dienstfähigen Männern im Bereich der Mischlinge 1. Grades zu Irritationen. So heißt es zu der Kriegsfreiwilligen-Bewerbung des Augsburgers Karl Ludwig Wienskowitz:
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Wehrbezirks-Kommando Augsburg - 1938 (Fotografie im Privatbesitz)
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Wehrbezirks-Kommando Augsburg - 11. November 1939 (Fotografie im Privatbesitz)
Der neue Militarismus zieht optisch in alle Lebensbereiche der Gesellschaft ein; selbst Hochzeitspaare nebst Trauzeugen passen sich bereitwillig dem neuen Leitbild der militarisierten Gesellschaft an:

Zur Hochzeit gratis: Die Ausgabe von 'Mein Kampf' - 1939 (Fotografie im Privatbesitz)
Berlin, 11. Juni 1943
Die Hochzeit von Christine Grandel und Kurt B. verläuft anders: In Berlin erscheint zu ihrem Fest niemand in Uniform.

Berliner Luft nach dem Standesamt: Brautmutter Helene Grandel mit Christel und Kurt. Im Hintergrund die Trauzeugen Maidl und Steffen - 1943 (Fotografie im Privatbesitz)
Von ihrem jüdischen Halbbruder Hans Winternitz bekommt das Hochzeitspaar ein Gedicht:
"Was uns allen längst bekannt, weiß nun auch das Standesamt. Verlobt wart Ihr so manches Jahr und seid nun endlich heut ein Paar.
In der Zeit, so arm und mager, werd zum zweiten Mal ich Schwager. Erstmals wars in Engelland, weit und uns nicht mal bekannt. Doch so vornehm seid Ihr nicht. Drum, zur Hochzeit, ein Gedicht wenigstens, muß ich doch bringen, hoffentlich wird es gelingen.
Reime machen macht mir Spaß, schwierig ist ja nur das Was. Und speziell in Eurem Falle: Eure Fahrten sind ja alle schon von Kurt ganz groß bedichtet und manch schönes Bild berichtet, von den Dingen die geschehen, was erlebt Ihr und gesehen."

Kirchliche Trauung in Berlin: Christel B., geb. Grandel - Juni 1943 (Fotografie im Privatbesitz)
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Zu dem Architektonischen Anspruch Adolf Hitlers:
"Hitler baut -
Aus Augsburg wird berichtet: Auch Augsburg soll ein anderes Gesicht bekommen. Hitler hat bei seinem letzten Besuch (-im November 1937-) selbst eingegriffen und hat der Stadt Augsburg die Baulinien vorgeschrieben. Vom Stadttheater weg soll eine grosse Aufmarschstrasse gebaut werden. Dazu ist erforderlich, dass in der Kaiserstrasse die ganze Strassenseite mit ca. 50 grossen Wohnhäusern niedergerissen wird. Die Aufmarschstrasse soll eine Länge von 2 km bekommen. Am Ende der Strasse soll die neue grosse Stadthalle gebaut werden. Dieser neue Bauplan hat eine Vorgeschichte, über die wir folgendes aus sicherer Quelle erfahren haben: Die Stadtvertretung in Augsburg hatte beschlossen, in der Nähe der abgebrannten Sängerhalle eine neue Stadthalle zu errichten. Nach längeren Vorberatungen wurden die Pläne genehmigt und die Finanzierung geregelt. Zwischen Rossenauerstrasse, Gutbrotstrasse, Telotviertel und Wittelsbacherstrasse sollte auch ein Aufmarschplatz geschaffen werden, der hier ohne grössere Unkosten anzulegen ist. Nicht nur um Hitler zu ehren, wollte man durch ihn den Grundstein zu den neuen Bauten legen lassen, sondern auch deshalb, weil das Reich Gelder für die Stadthalle geben soll. Der Führer wurde festlich empfangen und in einem besonderen Saal wurden ihm die Baupläne vorgelegt. Hitler, der seine Berater mithatte, studierte die Pläne längere Zeit und hörte dabei gar nicht auf die Erklärungen des Bürgermeisters. Schliesslich liess er den Bürgermeister und die verantwortlichen Ratsherrn zu sich rufen und erklärte ihnen, dass die Baupläne nicht seine Billigung gefunden hätten. Was ihm hier gezeigt worden sei, habe keinen neuen Stil und sei die Fortsetzung der bekannten Zweckschusterei. Er gab nun an Hand der Stadtpläne seine Vorstellung über die Neuanlage der Stadt bekannt. Der Oberbürgermeister Meier, der wegen seiner guten Finanzpolitik überall geschätzt ist und der in den letzten Jahren aus Augsburg etwas gemacht hat, war über die Pläne des Führers sichtlich erschrocken. Er wagte die Einwendung, dass die Stadt( die 165.000 Einwohner hat) finanziell nicht in der Lage sei, ein solches Bauprogramm durchzuführen. Er gab einen finanziellen Ueberschlag und wies besonders auf die erhöhten Kosten hin, die durch den Abbruch von 50 Häusern und die Neuansiedlung der Einwohner entstünden. Ausserdem müsse nach dem Plan des Führers die neue Stadthalle an die Stelle zu stehen kommen, wo jetzt die alte Infanteriekaserne stehe. An dieser Kaserne seien in den letzten Jahren viele bauliche Veränderungen vorgenommen worden, die erhebliche Mittel verschlungen hätten. Die Kaserne müsse also ebenfalls abgerissen und an anderer Stelle neu errichtet werden. Das sei für die Stadt nicht zu leisten, weshalb er den Führer bitte, seine Vorschläge noch einmal zu überprüfen. Hitler antwortete auf diese Einwendungen mit einem Tobsuchtsanfall. Er schrie den Bürgermeister an, dass er keine Vorstellung von einem Bauplan habe. Was in München und Berlin und in vielen Städten Deutschlands gehe, müsse auch in Augsburg gehen. Wenn die Stadtverwaltung sich nicht für die neuen Vorschläge entschliesse, werde das Reich keinen Pfennig nach Augsburg geben. Er verliess wütend den Saal. Der Oberbürgermeister Meier erklärte in der darauffolgenden Ratssitzung seinen Rücktritt, weil er nicht in der Lage sei, für die finanzielle Belastung der Stadt die Verantwortung zu übernehmen. Von dem Rücktritt wurde nichts bekanntgegeben. Der Gauleiter Karl Wahl fuhr nach Berlin, um dort in persönlichen Verhandlungen die Angelegenheit zu regeln. In welcher Weise sie geregelt wurde, ist nicht genau bekannt geworden. Jedenfalls soll der Bürgermeister seine Rücktrittserklärung zurückgezogen haben, nachdem entsprechende finanzielle Zusagen durch das Reich erfolgt sind. Sicher scheint, dass der Bauplan der Stadtverwaltung erledigt ist, da die Bauarbeiten eingestellt sind. In der Bevölkerung hat man über diese Vorgänge verschiedene Gerüchte verbreitet, die die phantastischen Formen angenommen haben. In den Zeitungen war über die internen Vorgänge nichts zu lesen." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, S. A10-A13 - "4. Hitler baut" v. 12.3.1938)
Familiengründung: Grandels in Freiburg
(608-1938) Neuanfang in Freiburg: Gottfried Grandels dritte Ehe mit der jungen Magdalena Pachaly aus Breslau.
Der Beginn der 30er-Jahre bedeutet für den Privatier Gottfried Grandel beruflich, wie auch privat, eine radikale Neuorientierung.
Seine zweite Augsburger Eheverbindung wird nach rund zweijähriger Prozessdauer zum Ende des Jahres 1932 gelöst. Helene Grandel schreibt hierzu:
"Die Ehe mit meinem Mann wurde durch das Urteil des Oberlandesgerichts Kiel vom 22.12.1932 aus dem Verschulden meines Ehemannes geschieden." (Brief-Abschrift eines undatiertes Gesuchs - vermutl. v. Mai 1941 an den Augsburger Gauleiter Karl Wahl - Betreff: "Auswanderung ihres erstehelichen Sohnes Hans Winternitz", S.2)
Es handelt sich hierbei um keine harmonische Trennung. Ob Dr. Grandels zukünftige Ehefrau ihm schon in diesem Zeitraum bekannt ist und durch welche Umstände er die um 27 Jahre jüngere Magdalena Pachaly aus Breslau schließlich kennenlernt, bleibt unklar. In einem späteren Detektei-Bericht über Gottfried Grandels Privatleben heißt es hierzu lediglich:
"Er hat sie bei einem Besuche einer Gemäldegalerie in Dresden kennen gelernt." (Detektei Otto Schultz, Hamburg: Bericht an Hamburger DOG-Teilhaber Josef Rupp, S.1 v. 27.6.1943)

Ort der Begegnung: Gemälde in der Sempergalerie in Dresden (BArch: Bild 183-38739-0002 / Pohl/Höhne, Erich)
1935
Nach der vollzogenen Scheidung von seiner "jüdisch versippten" Ehefrau Helene geht der 58-jährige Gottfried Grandel bereits am 4. November 1935 mit Anna Maria Magdalena Pachaly aus Breslau seine dritte Ehebeziehung ein.

Heiratsurkunde des Ehepaars Grandel im Deutschen Einheits-Familienstammbuch - 1935 (Fotografie im Privatbesitz)
Eine kirchliche Hochzeitsfeier gibt es auch mit Magdalena Pachaly nicht. Die Eltern von Magdalena, der Fotograf und Reklamefachmann Willi und Mutter Luise, sind bei der standesamtlichen Trauung zugegen. In seinen den Söhnen hinterlassenen Lebenserinnerungen schreibt Gottfried Grandel rückblickend über seine Eheverbindungen:
"Die 2.(-1916-) u. 3.(-1935-) Ehe wurden nur standesamtlich getraut, da ich ja inzwischen (-1905-) aus der christl. Kirche ausgetreten war. Der II. Frau (-Helene verw. Winternitz, geb. Willner-) war es egal. Die III. (-Magdalena Pachaly-) wäre sehr gern kirchlich getraut worden, wenn ihr auch der Myrtenkranz nicht zustand."
Der Altersunterschied zu seiner neuen Frau Magdalena beträgt 27 Jahre; Gottfried Grandel könnte ihr Vater sein.

Magda Grandel, geb. Pachaly - 1929 (Fotografie im Privatbesitz des Sohnes und der Enkeltochter)

Neuer Wohnsitz der Familie Grandel: Freiburg im Breisgau. Blick vom Schlossberg auf den Münster - Dezember 1941 (BArch: Bild 212-342 / Proietti, Ugo)
1936
Kurz nach der standesamtlichen Heirat in Breslau bezieht das Ehepaar 1936/37 in der Eggstraße 9 ein geräumiges Haus im badischen Freiburg, wo kurz darauf die beiden Söhne R. (1936) und Ernst Ulrich (1938) das Licht der Welt erblicken. Bei der Namensgebung hält sich das Ehepaar an die Vorschläge aus dem Deutschen Einheits-Familienstammbuch. Übernommen wird das Haus von der verwitweten Vorbesitzerin Maria Hauser, deren Untermieter und Kunstmaler Karl Hauptmann durch den Eigentumswechsel sich in Freiburg eine neue Unterkunft sucht.

Freiburger Kaiserstraße mit Martinstor - 1941 (BArch: Bild 212-340 / Ugo Proietti)
Privatier Dr. Grandel, offiziell Chemiker im Ruhestand, lebt hier zurückgezogen. Ein späterer Detektei-Bericht von 1943 beleuchtet im Auftrag seines früheren Prokuristen und Hamburger Fabrikteilhabers Josef Rupp die privaten Verhältnisse der Freiburger Familie Grandel. Hintergrund sind die 1941 aufgestellten Nachforderungen Dr. Grandels gegenüber seinen ehemaligen Firmenteilhabern der Hamburger Ölfabrik DOG. Der Detektei-Bericht führt über die Freiburger Jahre der Familie Grandel aus:
"Dr. Grandel hatte keinerlei geselligen Verkehr, und er schnitt auch durch seine Selbstsucht, dass seine Frau nur zu seiner Verfügung zu stehen hatte, ihr jegliche Verbindung ab. Die junge Frau lebte neben dem alten Manne wie gefangen.(...) Er arbeitete nichts Produktives, sondern las viel und befasste sich mit Vorträgen und Schriften über eine eigene Religion, und früher auch mit völkischen Fragen." (Detektei Otto Schultz, Hamburg: Bericht an Hamburger DOG-Teilhaber Josef Rupp, S.1 v. 27.6.1943)

Mit dem Hang zur Selbstsucht: Dr. Gottfried Grandel - 1937 (Fotografie im Privatbesitz des Sohnes und der Enkeltochter)
In seiner eigenen Rückschau an das NSDAP-Hauptarchiv bestätigt Gottfried Grandel in Teilen die Beschreibung des Privatdetektives:
"Seit 1936 wohne ich ganz zurückgezogen in Freiburg i. Br., nehme jedoch an dem grossen Geschehen der Hitler-Zeit den lebhaftesten inneren Anteil, und meine heissesten Wünsche gelten einer guten deutschen Zukunft. Ich begrüsse Sie mit Heil Hitler!" (BArch Berlin: NS26/514, S.594/Bl.9 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Zeitgleich schreibt der in Freiburg sesshaft gewordene Privatier an die verwitwete Teilhaberin der Hamburger Ölfabrik:
"Meine Frau sagt oft, dass ich nie ein richtiger 'Ruheständler' werde; denn unablässig studiere ich und halte mich in Allem auf dem Laufenden. Ich habe auch (-1935-) der Regierung eine umfangreiche Denkschrift über Vorschläge zur Erhöhung der Fett-Erzeugung (-Fettschlachtplan-) unterbreitet." (Dr. Grandels Brief an die stille DOG-Hauptanteilseignerin Bertha Lohmann v. 15.1.1941)
Das freistehende Haus der Familie Grandel wirkt in der ruhigen Wohngegend Freiburgs repräsentativ. Ein Telefonanschluss unter 7752 ist vorhanden, auch eine Steuernummer liegt in Freiburg vor; 10/558. Als Besonderheit lässt sich der Hausherr im Eingangsflur ein Waschbecken installieren: Nach jeder Begrüßung wäscht er sich dort aus hygienischen Gründen die Hände. Zu seiner Wohnsituation des Kriegsjahres 1940 schreibt er:
"Im letzten strengen Winter kamen wir knapp durch die Brennstoffnot. Jetzt habe ich der Sicherheit halber neben den Koksofen einen Gasofen aufstellen lassen, mit Wärmefühler in der Wohnung, sodass man ohne jede Mühe automatisch die Temperatur regeln kann." (Gottfried Grandels Brief an die Hamburger DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, S.1/2 v. 7.11.1940)

Dr. Grandels neues Familien-Domizil in Freiburg: Eggstraße 9 - 1936 (Fotografie im Privatbesitz des Sohnes und der Enkeltochter)
Zur allgemeinen Wohnsituation in Freiberg schreibt Gottfried Grandel:
"Uebrigens lieben wir Freiburg als Wohnstadt gar nicht so sehr, wie Sie zu vermuten scheinen; vielmehr haben wir oft Heimweh nach dem schönen und weniger langweiligen Hamburg, möchten auch unsere zwei gutbegabten Bübchen lieber nicht zu 'Bobbeles' (-Spitzname der Freiburger-) werden lassen. Auf die Dauer ist Freiburg nur passend für pensionierte Beamte und Generäle a. D.
Das früher lustige Studentenleben existiert ja nicht mehr; die Klerikalen dominieren dagegen wie früher; die Luft ist nicht hitlerisch. Der Winter dauert in Freiburg genau so lange wie in Hamburg, 8 Monate sind Winter und 4 Monate regnet es. Das einzig Grossstädtische ist hier das Theater. Alles in Allem: gut katholisch und schläfrig, kein Platz für geistig regsame Menschen. Wenn man Freiburger frägt, welche Bedeutung die Wiedereindeutschung des Elsass habe, dann sagen sie: 'Ha no, dass wieder mehr Gemüse auf den Markt kommt!'" (Gottfried Grandel an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, S.4 v. 15.1.1941)
Der Detekteibericht beleuchtet auch den Freiburger Alltag der Familie Grandel:
"Vom Beginn der Ehe an nahm Grandel seine Frau völlig für sich in Anspruch, sodass sie sich ausschliesslich zu jeder Zeit ihm zu widmen hatte.(...) Seine Frau musste dauernd ihn während beliebiger Fahrten und Spaziergänge, ganz nach Laune des Dr. G.(-randel-), begleiten, im Kraftwagen seinen Chauffeur spielen und sie kam daher zu keiner geregelten Haus- und anderen Arbeit. Sie musste sich dafür ein Haus- und ein Kindermädchen halten. Dadurch wurde der Haushalt teuer." (Detektei Otto Schultz, Hamburg: Bericht an Josef Rupp in Fa. DOG , S.1 v. 27.6.1943
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Ulrich und Raimund Grandel mit Kindermädchen - 1939 (Fotografie im Privatbesitz)
Die finanziellen Reserven der Freiburger Familie Grandel scheinen sich schon im Jahre 1938 überschaubar darzustellen. Der Detektei-Bericht vermerkt:
"Ausserdem machte Dr. G.(-randel-) für sich grosse Ausgaben (-Sanatorien-Aufenthalte-). Er hatte auch noch andere Verpflichtungen, auf die noch die Rede kommt. (-Unterhaltszahlungen an Helene und ihre Kinder in Augsburg-)" (Detektei Otto Schultz, Hamburg: Bericht an Josef Rupp in Fa. DOG , S.1 v. 27.6.1943)
In einem 1938 verfassten Schreiben des Freiburger Finanzamtes wird zu den wirtschaftlichen Verhältnissen Gottfried Grandels vermerkt:
"1. Mietwohnungsgrundstück und Lagerhaus in Augsburg, Milchberg A123/124 (-heute Nr.17-) 53.100.-- RM
2. Einfamilienhaus, Freiburg, Eggstr. 9 20.900.-- RM
3. Wertpapiere 108.565.-- RM
Rohvermögen 182.565.-- RM
4. Schulden 42.859.-- RM
Gesamtvermögen 140.706.-- RM
Steuerrückstände bestehen (-zum 1. Januar 1938 als Stichtag der Veranlagung-) nicht.(...) Er darf angeblich infolge eingegangener Karenzverpflichtungen in dem bisherigen Geschäftszweig nicht mehr tätig sein.(...) Aus einer von Dr. Grandel selbst zu den Akten gegebenen Mitteilung vom 14.3.1933 ist er Anfang 1933 oder Ende 1932 aus der Firma (-DOG-) ausgeschieden. Entsprechend sind seit 1933 auch weder Vermögenswerte noch Einkünfte aus einer solchen Beteiligung erfasst. " (Digitalisierte Akte im Staatsarchiv Hamburg, Finanzamt Freiburg-Stadt, Bestand 314-15. Verz.-Einh. R1938/0613t v. 9.9.1938)
Die wirtschaftliche Situation der Freiburger Grandels wirkt sich unmittelbar auf die in Augsburg zurückgebliebene Familie aus. Laut Scheidungsurteil von 1932 hat Dr. Grandel monatlich einen Unterhaltsbeitrag von 150 Mark zu leisten. Zu seinen in Augsburg lebenden Kindern Christine und Gerlinde besteht seit der Trennung nur noch ein finanzielles Verhältnis. So notiert die älteste Tochter Christl kurz nach ihrer bestandenen Schneider-Gesellenprüfung am 24. September 1938 im Tagebuch über ihren Vater:
"Dr. Grandel hatte vor etwa 4 Wochen um die Hälfte gekürzt. Sie (-Mutter Helene-) bekommt also noch 75 Mark monatlich. Was damit für Aufregungen verbunden waren, lässt sich ja denken. Sie war sofort bei ihrem Anwalt in München, der ihr sagte, wenn sie klagen muss, dann braucht sie das Armenrecht, weil sie doch kein Geld hat. Also musste sie aufs Gericht und aufs Wohlfahrtsamt und wieder aufs Gericht und am Schluss, nach all den schrecklichen Wegen, bekam sie es wirklich. In dem Schriftsatz steht: Verhandlungen ausgeschlossen. Was bleibt also: klagen."
Doch Helene Grandel scheut einen erneuten Prozess. In Christls Tagebuchaufzeichnungen heißt es weiter:
"Munne kann sich aber noch nicht entschließen zu klagen. Denn ein neuer Prozess ... Sie will ihm (-Ex-Ehemann Gottfried Grandel-) aber persönlich noch einen Brief schreiben."
Nach der vollzogenen Unterhalts-Halbierung befindet Helene Grandel schließlich, dass der Betrag, wie sie es formuliert, "zur Bestreitung der Kosten für unsere Lebsucht nicht hinreiche". Sie bittet schließlich die gemeinsamen Töchter Christine und Maidl, ihren in Freiburg lebenden Ex-Mann persönlich um eine Erhöhung zu bitten.
Christels Tagebuch-Einträge vom 3.-17. Oktober 1938 schildern ihr letztes persönliches Erlebnis mit ihrem Vater in Freiburg:
"Munne (-Mutter Helene-) sagte, daß sie findet, es sei das Richtige, ihn zu besuchen. Ich wehrte mich sehr dagegen, denn ich fühle mich ihm nicht gewachsen, so, wie ich ihn kenne. Und Hans sagt auch, daß es keinen Wert hat. Andrerseits möchte ich doch der Munne helfen. Und ich will nicht, daß sie denkt, sie hat an mir doch keine Stütze.
Ich gewöhne mich langsam an den Gedanken. (-Schwester-) Maidi hat so ein freches Mundwerk und ist so kaltschnäuzig, daß sie mir sicher eine Stütze ist. Ob er uns rauswirft? Ob er uns anbrüllt? Man weiß ja nie. Auch möglich, daß er sein Vatergefühl erwachen sieht. Wir können uns so wenig vornehmen! Alles ist eine vage Annahme. Wenn er dann sagt .... usw., was kann man da vorher besprechen? Aber ich weiß so schrecklich wenig. Munne sagt, es kommt ihr vor, wie wenn ich mit geschlossenen Augen durch unser Leben ginge.
Am Mittwoch im Oratorienverein war Dr. Hagen noch so rührend zu mir, er sagte, er zweifelt nicht im geringsten daran, daß ich's richtig mach und den richtigen Herzenstakt in undefinierbaren Situationen finde und er informierte mich nach dem bürgerlichen Gesetzbuch und sagte u.a.:
'Also, Christel, darüber wollen wir uns doch klar sein, wir, nicht nur ich, sondern viele andere auch, haben Sie ganz besonders gern. Und daß da der Tropfen Judenblut mit dran schuld ist, das ist ja auch klar, denn in der richtigen Mischung wirkt der eben ganz groß. Und die Mischung ist da bei Ihnen.'"
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Freiburg, Eggstraße 9 - 2014 (Fotografie im Privatbesitz)
"In Freiburg waren wir um halb 4, gingen in ein Cafè, tranken einen Kaffee zum Aufmöbeln und fuhren hinaus zur Eggstraße. Sie liegt in einem Villenviertel. Das Haus ist schön und groß. Wir waren so läppisch und mußten so viel lachen, daß wir nicht läuten konnten. Vermutlich war's Nervosität. Jedenfalls mußten wir uns grausam zusammennehmen, als wir läuteten, um nicht rauszuplatzen. Nichts rührte sich. Nochmal läuten. Endlich kam ein reizendes Kindermädchen, jung und hübsch mit Häubchen und sagte, daß niemand da ist. Ob sie was ausrichten kann? Nein, wir wollten Herrn Dr. persönlich sprechen. Wann? Ja, etwa um 7 bestimmt."

Gottfried Grandels Töchter: Christl und Maidl Grandel - 1936 (Fotografie im Privatbesitz)
"Tja. Jetzt war's 4. Was tun bis 7? Mit unserem Köfferle konnten wir keine großen Sprünge machen. Gleich hinterm Haus war ein Park, ganz wild. Da lustwandelten wir. Die Zeit wollte nicht vergehen. Unsere ganze sprühende Laune verflog. Um 7 zogen wir zum 2. Mal hin.
Die Säuglingsschwester führte uns gleich rein und sagte, 'sie' müßten jeden Moment kommen, wir sollten den Moment warten. Da saßen wir und zwar auf Kohlen, denn wir wollten doch ihn rausrufen lassen und wenn er so mit ihr kommt, dann ist es doch ganz ungünstig. Also zogen wir doch wieder ab und ließen den Koffer dort, nachdem wir uns mit dem Mädchen unterhalten hatten. Wir standen auf der Straße rum und wollten sie abpassen, damit wir nicht nochmal umsonst hingehen und warteten und warteten. Es war schon 8, ¼ 9, halb 9, dann holten wir unseren Koffer und weihten das Mädchen ein, und die war so nett und sagte, sie hat sich's schon gedacht, weil wir aus Bayern sind und wegen der Ähnlichkeit und sie wußte schon von uns. Wir sollten am andern Vormittag kommen. Wir übernachteten in einem Gasthaus 'Zum Schiff', ganz nah, und ich schlief wie ein Stein 10 Stunden. Ich war total kaputt am Abend. Früh starteten wir zu dem durch Hagens empfohlenen Anwalt Dr. Kopf und ich sprach mit ihm. Er war ungeheuer sympathisch und fein, machte mir aber im Prozessfall nicht viel Hoffnung. Wir fuhren mit der Tram wieder hinaus und standen wieder vor der Tür."
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Dr. Gottfried Grandel - 1941 (Fotografie im Privatbesitz)
"Die Schwester kam und sagte, daß sie nix verraten hat und rief Herrn Dr. Grandel raus:
'Die zwei Fräuleins von gestern sind wieder da!'
Er kam - ein alter gebrochener Mann:
'Ja, Sie wünschen?'
Ich sagte: 'Kennst Du uns noch?'
Und er schaute und schaute und wir mußten lachen.
'Ach ja, von Hinterzarten am Sonntag?'
Jetzt war ich baff, drum sagte ich: 'Müssen wir's wirklich sagen?'
'Ja.'
Und wir sagten unsere Namen. -
'Christl!', und er nahm mich in seine Arme. 'Ich wusste, daß ihr kommt, ich hab Euch nie vergessen. Ihr wart immer in meinem Herzen, jeden Tag hab ich an Euch gedacht.' Und dann holte er uns gleich rein, setzte sich mit uns hin und sagte: 'Wie geht es Euch, wie geht's Eurer Mutter? Ich weiß schon, ihr kommt wegen der Geldsache.'
Dann erzählten wir alles, was wir uns vorgenommen hatten zu sagen, vom Hans, von Maidis Schulgeld, von meinem schlechten Tarif usw. und er nahm alles bereitwillig und interessiert auf. Wir mussten natürlich zum Essen dableiben und wir sagten ihm aber wirklich alles, was wichtig war. Er fragte sogar, wieviel wir denn wollten, und ich sagte, mindestens 110 oder 120 Mark, und er sagte gar nix drauf! - Später kam dann 'sie'. Im 1. Moment mir schrecklich unsympathisch, nicht hübsch, aber allem Anschein nach nicht dumm. Wir mussten dableiben, nachmittags gingen wir spazieren. Er ist sehr alt, sie 34, er 61. R. ist 2 Jahre, Uli 6 Monate. Reizend sind beide."

Familienvater Dr. Grandel mit Sohn Raimund - 1940 (Fotografie im Privatbesitz)
"Ich erzählte beim Kaffee viel, redete dauernd von meinem Beruf und dessen Chancen oder Nicht-Chancen, und sie waren beide interessiert. Abends war's noch ziemlich gezwungen. Wir waren heilfroh, als wir im 3. Stock in unserem Zimmer waren.
Am Sonntag gingen wir runter zur vereinbarten Zeit zum Frühstück, dann kam niemand. Wir warteten, endlich kam sie, sagte kurz 'Guten Morgen', ging ans Telefon, telefonierte den Arzt an, ihr Mann hätte einen Anfall gehabt, läge im Bett und könne sich nicht bewegen und er solle gleich kommen. Der Arzt war nicht da. Dann kam sie und sagte: 'Ja, Eurem Vater geht es schlecht.'
Natürlich waren wir schuld, es war sehr unangenehm - die Stimmung ekelhaft. Sie kam dann zum Frühstück und wir redeten allerhand. Sie ließ immer durchblicken, daß sie eben nicht so dran seien, daß sie mehr Geld verlieren dürften, weil sie ja damit rechnen muß, daß er vor ihr stirbt. Und daß er wohl damit rechnen muß, den Töchtern mal eine Aussteuer zu geben, daß er aber ebenso damit rechnet, daß die monatliche Rente derselben bald wegfällt. Die Situation war denkbar unerquicklich, wir saßen rum, sie war bei ihm, dann ließ er uns rein, er lag wie tot im Bett, konnte kaum sprechen und sich nicht bewegen. Er tat mir leid. Sie sagte, gestern Abend, als sie noch geschwätzt haben, hatte er eben die traurige Tatsache nicht verwunden, daß seine Kinder bloß kommen, wenn sie was wollen. Da wusste ich natürlich, woher der Wind blies. Zum Essen kam er dann runter und danach fing er zu reden an. Es war wie ein Ausbruch. Und er spie Hass, Hass, Hass gegen Munne (-Helene-). Sie habe (-durch die scheidungsbedingte finanzielle Rückforderunge der Eheeinlage von 1916-) sein Leben zerstört. Sie habe ihm seine Stellung (-als Hamburger DOG-Teilhaber durch seine schuldhafte Scheidung und damit Zahlungspflicht-) genommen, sein Vermögen und alles. Sie sei eine Furie und - ach, ich kann und will das nicht niederlegen. Es war entsetzlich. Ich dachte an Munne, meine liebe, arme Munne und da konnte ich nicht kalt bleiben und musste heulen und das war mir so arg, denn ich wollte doch stark sein."

Ulrich, Magdalena und Gottfried Grandel - 1939 (Fotografie im Privatbesitz)
Der Besuch in Freiburg endet für die beiden Töchter Gottfried Grandels mit einem Gefühl der Enttäuschung. Zu den strittigen Unterhaltszahlungen vermerkt Christine Grandel in dem späteren Tagebucheintrag vom 9. Februar 1941:
"Dr. Grandel kürzt uns wieder. Ich gebe der Munne jetzt 70. Für Singstunden brauch ich 10,- im Monat. Mein Geld reicht nicht hinten und vorn."
Dass Dr. Grandel zum Ende der 30er-Jahre äußerst bestrebt ist, seine finanziellen Rahmenbedingungen zu verbessern, lässt sich an einem weiteren Briefwechsel erkennen.
Im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme der von ihm zwanzig Jahre zuvor eingegangenen Bürgschaftserklärung zum NS-Ankauf des Völkischen Beobachters erwähnt Gottfried Grandel in einem Schreiben an den Münchener Verleger Georg Grassinger vom 21. November 1940:
"Auf meine Anfrage haben Sie mir unterm 19. ds. mitgeteilt, dass Ihnen die Adresse des Herrn Rudolf von Sebottendorff, des Verfassers des in ihrem Verlage erschienenen Buches 'Bevor Hitler kam' nicht bekannt sei. Da mir bekannt ist, dass Herr von Sebottendorff aus bestimmten Gründen gerne inkognito bleiben will, so erlaube ich mir, einen an ihn gerichteten Brief beizulegen mit der höfl. Bitte, denselben weiterleiten zu wollen. Es ist aber möglich, dass Ihnen die Adresse seiner Schwester, Frau Dora Kunze bekannt ist oder die von Frl. Bierbaumer. Diese beiden Damen waren Mitbesitzerinnen des 'Völkischen Beobachters', ehe derselbe an die NSDAP überging. Ich übernahm damals zusammen mit Herrn Dietrich Eckart die Bürgschaft für die Zahlung des Kaufpreises und ich wurde von Herrn Sebottendorff, Frl. Bierbaumer (-Freundin von Seb.-) und Frau Kunze (-Schwester von Seb.-) bald danach dafür in voller Höhe in Anspruch genommen und habe die ansehnlichen Beträge an diese drei Personen ausbezahlt.(...) Bei früheren Haussuchungen sind mir durch die Kriminalpolizei die diesbezüglichen Unterlagen und Urkunden weggenommen worden und nicht zurückerstattet worden. Sie sind aber jetzt von größter Bedeutung für mich geworden und ich möchte mich dieserhalb an Herrn v. Sebottendorff oder an eine der oben erwähnten Damen wenden zwecks Erlangung einer Bestätigung darüber, dass ich die Summen an sie ausbezahlt habe. Sie werden daher verstehen, dass es für mich sehr wichtig ist, mit einer der drei Personen oder mit allen Dreien in Verbindung zu kommen und ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie mir dazu verhelfen könnten." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: 3807/67, ZS-50-8/9 - Dr. Grandel an Georg Grassinger v. 21.11.1940)
Über mögliche Geschäftstätigkeiten Gottfried Grandels in Freiburg ist nichts bekannt. In einem Briefwechsel geht er während des Krieges auf seine Lebenssituation als Privatier ein:
"Mein Aeltester, Felix, der in Emmerich (-als Chefchemiker-) am Niederrhein wohnt, ist bis jetzt immer zurückgestellt worden; er ist jetzt 35 J. alt u. hat eine ganz bedeutende Stellung in seinem Konzern; er ist ja auch mehr als fleissig und hat hervorragende Erfolge. Sie wissen ja, die Grandel sind solche Arbeitsmenschen und haben den Kopf voller Ideen und Probleme. So von weitem beteilige ich mich an den Aufgaben und Arbeiten von Felix, und bedauere oft, nicht mehr aktiv tätig sein zu können, umsomehr, als ich so frisch und gesund bin und mir Niemand meine 63 Jahre ansieht. Meine junge Frau und meine zwei Bübchen halten mich jung." (Brief Gottfried Grandels an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, S.3 v. 15.10.1940)
Als Privatier lebt Gottfried Grandel aus den Zins-Erlösen seiner 1932 verkauften Firmenanteile und aus Mieteinnahmen der verbliebenen Augsburger Wohn-Immobilie. Mittlerweile ist er auch Großvater:
"Liebe Enkelkinder zu haben ist gewiss Ihr Wunsch, und es wird wohl noch erfüllt werden. Bei meinem Felix hat es auch ein paar Jährchen gedauert, nun hat er ein Pärchen (-Aus erster Ehe mit Käthe Hildebrandt: Renate, 28. Mai 1935/Roermond, Lutz, 10. Januar 1937/Emmerich und Jochen, 15. März 1942/Emmerich-), und ich bin Grosspapa; dabei ist es gewiss selten, dass die Enkel noch fast gleichaltrige Onkels (-Gottfrieds letzten Kinder Raimund, 26. August 1936/Freiburg und Ulrich, 6. Mai 1938/Freiburg-) haben; wir lachen oft darüber. Nur schade, dass man so weit auseinander wohnt und sich in dieser langen Kriegszeit nicht oft sehen kann." (Gottfried Grandels Brief an die Hamburger DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, S.1/2 v. 7.11.1940)
Es gibt jedoch noch einen weiteren Tätigkeits-Hinweis von dem Münchener Verleger Georg Grassinger, der mit Dr. Grandel noch 1940 in schriftlichem Kontakt steht. In einem Briefwechsel mit der IfZ-Historikerin Dr. Sonja Noller betont Grassinger:
"Wenn von Grandel gesprochen wurde, so wurde nur von Notar Grandel gesprochen. Wenn Sie im Zweifel sind und genau wissen wollen, ob der Genannte bestimmt Notar war, so schreiben Sie doch an das Einwohneramt in Freiburg /Br. Adresse von 1940: Dr. G. Grandel, Freiburg /Br. Eggstrasse 9." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: ZS-50-22 - Georg Grassinger an Dr. Sonja Noller v. 31.8.1961)

Rechte Hand von Rudolf v. Sebottendorff, Mitglied im Kampfbund der Thule und Münchener Buchverleger: Hans Georg Grassinger - 1930 (Foto aus Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.181 - 1933)
Die Geschichtsforscherin Frau Dr. Noller folgt sodann der Anregung Grassingers:
"Wegen der Frage, ob Grandel wirklich Notar gewesen ist, habe ich Ihrem Rate folgend an das Einwohnermeldeamt Freiburg geschrieben." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: ZS-50-24 - Dr. Sonja Noller an Georg Grassinger v. 13.11.1961)
Das Ergebnis ihrer Recherche ist aus Sicht des Meldeamtes jedoch überschaubar:
"Wir teilen höflichst mit, dass für Obengenannten keine Meldevorgänge vorliegen. Sämtliche Meldeunterlagen bis einschl. 1944 wurden durch Kriegseinwirkung vernichtet. Bei der Neuerstellung der Meldekartei kam er nicht zur Anmeldung." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: ZS-50-23 - Meldeamt Freiburg i.Br. an Dr. Sponja Noller v. 16.11.1961)
Doch Georg Grassinger bleibt abschließend bei seiner Einschätzung:
"Wir haben in Freiburg i. Br. in Erfahrung gebracht, daß Grandel Notar war." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: ZS-50-27 - Georg Grassinger an Dr. Sonja Noller v. 17.11.1961)
In einer Veröffentlichung von 1970 wird darüber hinaus erwähnt:
"Neben Dietrich Eckart bzw. General von Epp spendeten für den Erwerb der Parteizeitung der Guts- und Brauereibesitzer Simon Eckart, der Zahnarzt Dr. Friedrich Krohn und der Augsburger Notar Dr. Gottfried Grandel." (Plewnia: "Auf dem Weg zu Hitler", S.68 - 1970)
1941
Zum Anfang des Jahres tritt Gottfried Grandel an seine ehemaligen Teilhaber in Hamburg heran:
"Wie Ihnen wohl bekannt geworden ist, habe ich Ihrem Vorschlage zufolge den offiziellen Weg beschritten und an die Firma das Ersuchen um Rehabilitierung, ehrenvolle Wiedergutmachung des 1932 an mir begangenen Unrechts und Wiederaufnahme als Gesellschafter gerichtet. Es war und ist überaus schmerzlich für mich, die alten Wunden aufreissen zu müssen. Es liegt jetzt an den Herren und damen, die in der Firma 'Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co.' heute mitzubestimmen haben, ob diese Angelegenheit eine mich befriedigende Lösung findet, oder ob ich gezwungen bin, mein zweifelloses Anrecht auf Beteiligung mit allen gesetzlichen Mitteln zu erkämpfen." (Gottfried Grandel an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, S.2 v. 15.1.1941)
Die dritte Ehe Dr. Grandels mit Magda, geb. Pachaly, scheitert nach nur 5 ½ Jahren. Auch Helene Grandel ist über diesen Umstand durch Magda Grandel informiert und weiß zu berichten:
"Auf diesen Unterhaltsbeitrag bin ich umso mehr angewiesen, als, wie ich hörte, mein zweiter Mann sich von seiner jetzigen Frau (-Magda-) wieder scheiden lassen will und beabsichtigt, eine neue Ehe (-mit Gertrud Hubricht-) einzugehen, sodass mit der Möglichkeit zu rechnen ist, dass er im Hinblick auf § 66ff. 96 EHG eine Herabsetzung seiner Unterhaltsleistung unter Bezugnahme auf § 323 ZPO. anstreben und durchsetzen wird." (Undatiertes Gesuch v. Frühjahr 1941, vermutl. an Augsburger Gauleiter Karl Wahl, Betreff: "Auswanderung ihres erstehelichen Sohnes Hans Winternitz", S.2)
Anfang der 40er-Jahre stellt sich Gottfried Grandel erneut einer privaten Veränderung; sein nächster und letzter Wohnort wird Freiberg in Sachsen.
Der Kontakt zu der kurz zuvor im Januar 1941 verwitweten Gertrud Hubricht aus Freiberg besteht schon seit Jahrzehnten.
Dr. Grandel lernt ihren Mann, den völkischen Unternehmer Emil Hubricht, vermutlich über die Ordensverbindung kennen; im Jahre 1923 verfasst er darüber hinaus einen gemeinsamen Währungsplan für das inflationsgeschwächte Bayern, der jedoch nicht zur Anwendung gelangt.
Der nun im Sommer 1943 zur Abwehr von Dr. Grandels Forderungen an die Hamburger DOG gefertigte Detektei-Bericht an den DOG-Teilhaber Josef Rupp greift dabei auch Dr. Grandels Verhältnis zu dem sächsischen Ehepaar Hubricht mit auf:
"Dr. Grandel hatte nur Verbindungen mit den Eheleuten Emil und Gertrud Hubricht in Freiberg/Sachsen, Leipzigerstrasse 18/I.(...) Emil Hubricht ist am 18.1.1941 gestorben. Am 6.3.1941 ist Frau Gertrud Hubricht als Mitinhaberin an ihres verstorbenen Mannes Stelle in diese Firma eingetreten, denn Kinder hat Frau H.(-ubricht-) nicht. Frau Witwe Hubricht ist eine sehr wohlhabende Dame, denn nicht nur die Firma Carl Hubricht hat grossen und wertvollen Grundbesitz, sondern auch die beiden Inhaber, Frau Hubricht und ihr Schwager, Carl Hubricht, sind noch jeder persönlich und gemeinsam Besitzer verschiedener Hausgrundstücke in Freiberg/Sa.(-chsen-). Sie und ihr Schwager gelten als sehr angesehene Bürger der Stadt Freiberg." (Detektei Otto Schultz, Hamburg: Bericht an Hamburger DOG-Teilhaber Josef Rupp, S.1/2 v. 27.6.1943)

Im regen Briefverkehr: Gottfried Grandel und das Ehepaar Hubricht aus Sachsen - 1928 (Fotografie im Privatbesitz)

Dr. Grandels letzter Wohnsitz ab 1941: Freiberg in Sachsen, Leipziger Straße 18 b bei Gertrud Hubricht (Wikimedia Commons / Unukorno - Datei: Freiberg Leipziger Straße 18.jpg - Aufnahme vom 12.2.2015)
Nach den Informationen der auf Dr. Grandels Privatleben angesetzten Detektei hat der Wechsel von Freiburg nach Freiberg einen längeren Vorlauf:
"Ausser dieser (-Hubricht-)Verbindung hatte Dr. Grandel noch eine in Freiburg im Breisgau, seiner damaligen Wohnung, und zwar zu einem Dr. Riedlin. Dieser, 85 (-1943=82-) Jahre alt, betrieb ein sehr bekanntes Fasten-Sanatorium." (Detektei Otto Schultz, Hamburg: Bericht an Josef Rupp in Fa. DOG , S.1/2 v. 27.6.1943)
Über Dr. Riedlin heißt es in einer späteren Ärztezeitschrift:
"Dewey beeinflußte zwei wichtige deutsche Ärzte: Gustav Riedlin aus Freiburg und Siegfried Möller aus Dresden. Diese beiden Ärzte, die schon mit den damaligen Pionieren der 'Lebensreform', wie Bircher-Benner, Schroth (1800-1851) und Kneipp (1821-1897) in Kontakt gekommen waren, veröffentlichten auch selber Bücher über Fasten. Riedlin schilderte das Fasten mit poetischen Titeln 'Die große Useputzete' oder 'Fastenkuren und Lebenskraft'." (aerztegesellschaft-heilfasten.de: "Kurze Geschichte des Fastens - Ärztezeitschrift für Naturheilverfahren", de Toledo/Klepzig v. 4/1994)
In dem Geheimbericht der Detektei wird über Gottfried Grandels Dutzfreund Dr. Riedlin weiter berichtet:
"Er war lange verheiratet, hatte aber ein Liebesverhältnis mit einer Krankenschwester Gudrun und diese bekam von ihm 2 uneheliche Kinder. Nach dem Tode seiner Frau hat Dr. Riedlin diese Gudrun geheiratet, die beiden Kinder waren schon gross."

Dr. Gustav Riedlin - 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
Es ist bei Dr. Grandel nicht auszuschließen, dass seine Wohnortwahl von 1936 auch mit der Tätigkeit des in Freiburg ansässigen Fastenarztes Dr. Gustav Riedlin im Zusammenhang steht. Für Dr. Riedlin wäre es auch nicht der erste Fall schweren Gelenkrheumatismus gewesen, der durch seine Fastenkur vollständige Heilung erfahren hätte, doch sind die Beschwerden bei Gottfried Grandel über Jahre konstant. Noch während seiner Freiburger Trennungsphase schreibt er an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Leider konnte ich Ihr Schreiben v. 22. Sept.(-1941-) nicht eher beantworten, weil ich an einem schmerzlichen Rheumatismus darniederlag." (BArch Berlin: NS26/514, S.583a - Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 14.10.1941)
Zu Dr. Riedlins zweiter Ehefrau heißt es in dem Detektei-Bericht weiter:
"Gudrun Riedlin, eine übergrosse, stattliche Frau, sexuell stark, scheint aber auch mit Dr. Grandel engere Beziehungen gehabt zu haben, jedenfalls trachtete sie danach, Dr. Grandel als Nachfolger ihres alten Mannes zu erhalten. Dr. Grandel und seine Frau Magda standen mit Riedlins auf dem Duzfusse, ebenso mit beiden Eheleuten Hubricht. Dr. Riedlin ist auch 1941 (-1949?-) verstorben.
Gudrun verkehrte weiter im Hause Grandel und Frau Magda glaubte, dass sie an ihr eine Freundin habe, da sie von dem Trachten der Gudrun keine Ahnung hatte. In den letzten Jahren kam die eheliche Gemeinschaft der Eheleute Grandel zum Erliegen. Jedes hatte sein getrenntes Schlafzimmer. Den Grund wusste Frau Magda nicht; sie vermutete ihn im Alter ihres Mannes.
Während nun früher Dr. Grandel eifrig über jeden Weg und jede Reise von Magda wachte und sie jeweils vorzeitig zurückrief, schickte er sie 1941 plötzlich allein nach Baden-Baden zur Kur, worüber Magda sehr erfreut, aber auch erstaunt war, denn Dr. Gr.(-andel-) besuchte sie nicht und ermunterte sie vielmehr zum Längerbleiben.
Auch Gudrun griff nun als 'gute Freundin' ein, spornte Magda an, sich die Zeit zu verkürzen und das Leben wahrzunehmen, denn sie sei doch noch viel zu jung, um an der Seite des Grandel zu verkümmern. Während ihres Aufenthaltes in Baden-Baden verbrauchte Frau Magda RM 200,- bar, denn ihr war das Geld zugemessen. Dr. Grandel, der, wie sie erst später erfuhr, bald danach mit Gertrud Hubricht nach (-Bad-)Gastein gefahren war, verbrauchte in gleicher Zeit für sich allein RM 2.000!
Gelegentlich eines andern kurzen Ausfluges nach Strassburg/Elsass lernte Magda einen Herrn aus Mannheim kennen und es kam mit ihm zum intimen Verkehr. Sie glaubte in Gudrun Riedlin eine Freundin zu haben, und so ergab es sich bei gelegentlichen Unterhaltungen, dass Gudrun von dem Mannheimer Herrn Kenntnis erhielt und sich erbot, den diskreten Verkehr mit ihm und Magda über ihre Adresse zu regeln. Sie empfing seine Post und seine telefonischen Anrufe und machte sich so zum kupplerischen Mittler. Jedenfalls half Gudrun kräftig nach, dass Magda auf dem Abwege blieb und schliesslich, als sie den geeigneten Zeitpunkt für gekommen hielt, um selbst bei Dr. Grandel voranzukommen, teilte sie ihm die Tatsache mit.
Es kann hier offen bleiben, wieweit Gudrun und Dr. Grandel sich überhaupt von Anfang an in dieser Sache einig waren und gemeinsam operierten. Jedenfalls reichte nun 1941 Dr. Grandel die Ehescheidungsklage gegen Magda ein. Magda war nun in ziemlich bedrängter Lage, die Dr. Grandel auszunützen versuchte, um alle finanziellen Vorteile von ihr zu erreichen, man kann ruhig sagen, zu erpressen.
Das Villengrundstück Freiburg/Breisgau, Eggstrasse 9, mit Vor- und Hintergarten, war eingetragen auf den Namen beider Eheleute Grandel. Sie sollte nun auf ihren Hausanteil verzichten, auf die beiden Kinder R.(...) und Ernst-Ulrich (Uli), und was Dr. Grandel sonst noch alles für sich allein beanspruchte. Allerdings aufgefallen war Magda früher schon, dass Emil Hubricht (man duzte sich auch mit den Hubrichts) sich urplötzlich von Dr. Grandel zurückgezogen hatte und die Familien nicht mehr zusammen verkehrten.
Während nun die Ehescheidungsklage (-1941/42-) gegen Magda lief, fand sie im Anzug Dr. Grandels einen Brief von Gertrud Hubricht an diesen, der ihr die Augen über die Beziehungen zu Gertrud öffnete. Magda suchte dann - per Nachschlüssel - in den verschlossenen Behältnissen ihres Mannes weiter und fand ein ganzes Konvolut von Schriftwechsel, und zwar über eine Zeit von 20 Jahren! (-1921/41-)
Dr. Grandel hatte also das Liebesverhältnis mit Gertrud durch alle Zeiten durchgehalten, durch seine sämtlichen 3 (-2 vorherigen-) Ehen und seine sonstigen polnischen und anderen illegalen Verhältnisse. Er hat alle Frauen (-außer Auguste-) mit Gertrud (-Hubricht-) betrogen. Trotzdem hielt Gertrud durch alle Jahre zu ihm. Dies musste schwerwiegende Gründe haben. Dies bewiesen nunmehr die gefundenen Briefe nur zu eindeutig, denn infolge sexueller Verirrungen war Gertrud völlig dem Dr. Grandel verfallen. Ein Brief sprach besonders offen von Küssen auf ihren 'inneren Mund' und ähnlichen abwegigen Dingen. (-Gertrud-) Hubrichts Ehemann war schon früher auf diese Dinge gekommen, als Magda, daher war seine Ehe schon lange getrübt und er hatte deswegen die Beziehung zu Dr. Grandel abgebrochen.
Die Familie Grandel aus Freiburg durchlebt im Frühjahr 1942 schwere Zeiten, das Ehepaar sammelt Informationen, und nunmehr reichte aufgrund dieser klaren Beweise Frau Magda ihrerseits die Gegenklage auf Scheidung gegen Dr. Grandel ein. Als dieser davon erfuhr, hat er zwei Tage lang geschrien und getobt wie ein Irrsinniger. Es gab im Hause Eggstrasse 9 einen so unbeschreiblichen Lärm, dass die Polizei in die Eggstrasse kam und Dr. Grandel mit sofortiger Verhaftung drohte, falls er sich nicht sofort ändere. Dies half. Aber nun schlug Dr. Grandel eine andere Taktik ein, um seine Frau sich gefügig zu machen.
Er appellierte an ihr Herz und Gemüt, schilderte ihr, wie er ohne 'seine Gertrud' nicht leben könne usw. Auch dieser Appell an das Mitleid verfing nicht. Darauf warf sich Dr. Grandel wie tot auf die Erde, wollte sterben, und benahm sich wie ein altes hysterisches Weib. Er schauspielerte jeden Tag eine andere Situation.
Schliesslich erreichte er, was er wollte, seine Frau wurde weich. Sie ging auf seine angeblichen (-S.4-) 'guten Vorschläge' ein, da ja auch sie selbst, wenn auch eine provozierte, Schuld an der Ehezerrüttung hatte, wie sie damals glaubte. Sie willigte ein in die Abtretung ihres Hausanteiles etc., und liess sich abfinden durch einen notariellen Vertrag, wonach sie von Dr. Grandel monatlich RM 400,- Alimente bekam, aber sie willigte auch ein, ihren Sohn Uli abzugeben und nur den älteren R. (...) zu behalten.
Allerdings, wenn Uli zu Besuch oder sonst einem Grunde zu seiner Mutter Magda kommen sollte, bekäme sie monatlich weitere RM 100,-.
An seinen Hausgrundbesitz in Augsburg, Wert etwa RM 70.000, hatte Magda keinen Anteil, auch nicht an seinem sonstigen Vermögen, das man einschliesslich diesem Augsburger Besitz insgesamt auf mindestens RM 150.000 schätzt, wenn nicht mehr. Das Barkapital hat Dr. Grandel heute bei der Hauptstelle der Dresdner Bank in Dresden und lebt zum Teil von dessen Zinsen und den Einnahmen aus dem Hause in Augsburg.
Inzwischen hatte Magda noch festgestellt: Dr. Grandel hatte, als Magda 3 Wochen nach Baden-Baden verreist war, seine Gertrud aus Freiberg nach Freiburg/Br.(-eisgau-) kommen lassen, um ihm den Haushalt aufrecht zu erhalten. Sie war ja nun, wie Dr. Grandel sie schilderte, nach dem Tod ihres Mannes ein so bemitleidenswertes Geschöpf, die sich freuen würde, dem Ehepaar Grandel diesen Gefallen zu tun.
Das Hausmädchen hat aber später verraten, dass Gertrud das getrennte Schlafzimmer des Dr. Grandel allein besorgte und dem Hausmädchen das Betreten und Reinigen verboten hatte. Das Hausmädchen bemerkte aber, dass morgens früh gegen 7 Uhr Gertrud aus dem Schlafzimmer Grandels herauskam. Die Ehe Grandels mit geb. Pachaly wurde alsdann am 20.5.1942 geschieden und das Urteil im (-8.-) Juni 1942 rechtskräftig. Beide Eheleute trugen Schuld an der Scheidung.
Inzwischen hatte Dr. Grandel das Villengrundstück Eggstrasse 9 verkauft an den Schuhwarenhändler Adolf Grumann, Adolf-Hitler-Strasse 220, der es für RM 27.000 zuzüglich der Hauszinssteuerablösung etc., insgesamt etwa RM 31.000, erwarb. Der Betrag von RM 27.000 wurde an Dr. Grandel bar ausgezahlt. Es gab auch noch wegen der Möbel eine nicht gerade erquickliche Auseinandersetzung, wobei Frau Magda nicht vorteilhaft wegkam. Schon am 17. Mai 1942, also 3 Tage vor dem Urteilsspruch der Scheidung, meldete sich Dr. Grandel in Freiberg/Sachsen, an überschriebener Adresse als Untermieter bei Frau Gertrud Hubricht Wwe. an, wo er seither als Chemiker im Ruhestande lebt, als Privatmann, der keinerlei geschäftliche Tätigkeit mehr ausübt. Die Feststellungen in Freiberg ergaben, dass dort in keiner Form irgendetwas von einem Verhältnis des Dr. Grandel zu Frau Hubricht bekannt ist. Es ist nichts von einer beabsichtigten Verlobung oder Heirat festzustellen, und offiziell wohnt Dr. Grandel nur bei Frau Hubricht, und beide geniessen nach aussen hin den besten Ruf. Die Vergangenheit des Dr. Grandel ist in Freiberg/Sa. nicht bekannt. Es wurde aber in Freiburg/Breisgau festgestellt, dass sie mit (-S.5-) Dr. Grandel seit Jahren in heimlichem Briefwechsel stand, und er hat die Briefe während der ganzen Ehe mit Magda geb. Pachaly in Freiburg/Br. hauptpostlagernd unter 'Gottlieb Quincke' empfangen. (-Georg Quincke war 1899 Gottfried Grandels Physik-Professor an der Heidelberger Universität-)
Dr. Grandel hat also mit allen Frauen stets ein Doppelspiel getrieben und verdient in dieser Beziehung keinerlei Vertrauen. Seine diesbezügliche Lebensführung hat sich auch finanziell ausgewirkt. Bisher hatte Dr. Grandel die monatliche Alimente an Magda mit RM 400,- prombt überwiesen. Seit einem Monat ist auch Uli in Freiburg/Br. bei seiner Mutter zu Besuch und ebenso prompt hat Dr. Grandel die ersten RM 100,- für ihn bezahlt.
Dr. Grandel beabsichtigt, Ende Juni/Anfang Juli 1943 mit Gertrud Hubricht zur Kur nach Bad Brambach zu fahren. An seine zweite geschiedene Frau, eine Halbjüdin aus Augsburg, Bürgermeister-Fischer-Strasse 5, zahlt er monatlich RM 200,-(-70,-?-) Alimente. Aus dieser Ehe stammen die Töchter Maidel und Christl.
Aus seiner ersten Ehe stammt ein Sohn Dr. phil.. Felix Grandel in Emmerich/Rhein, Fischerort 17. Zu diesem ist das Verhältnis sehr gespannt, ebenso zu dem Bruder der geschiedenen dritten Frau Magda, geb. Pachaly, der in Dortmund wohnt.
Der Abfindungsvertrag mit Magda bietet dieser wenig Garantien. Wenn Dr. Grandel sein Vermögen für sich bei Lebzeiten verbraucht, oder sonstige Einnahmequellen verliert, so dürfte Frau Magda noch ihre Schwierigkeiten haben, weil Dr. Grandel ein ausgesprochener Ich-Mensch ist, der nur (-nach-) seinen eigenen Interessen und Vorteilen lebt, so dass bei bisheriger Lebensweise bald die finanziellen Möglichkeiten zusammenschmelzen können.
Es verlautet zwar, dass Uli, der sonst mit Grandel und Gertrud Hubricht in Freiberg im gemeinsamen Haushalt lebt, die Hubricht beerben soll; es ist dies aber von manchen Zufälligkeiten abhängig.
Gertrud bekommt laut Testament ihres am 18.1.1941 verstorbenen Mannes aus dessen Firma jährlich RM 24.000,- Entnahmen. Bei einer Wiederverheiratung aber soll sie nur 12.000 erhalten und ausserdem weitere Einschränkungen ihres Erbvermögens. Das Geschäft wird von dem Bruder Curt Hubricht des Verstorbenen geführt. Man denkt daher in Freiberg nicht an eine Heirat Gertruds mit Dr. Grandel, sondern beide leben in wilder Ehe zusammen, wobei das Verhältnis dieser kinderlosen Frau zu Grandel schon geschildert ist. Merkwürdig ist nur, dass diese Frau eine ausgesprochene Hässlichkeit ist. Sie ist lang, hager und mager und zeigt nichts an weiblichen Gefälligkeiten her. Die geschiedene Magda dagegen ist eine kleine, ganz hübsche, temperamentvolle und aufgeweckte Frau, indessen doch beschränkt und gutgläubig. Wenn also Dr. Grandel, der seinerzeit, als konjunkturmässig das Geschäft der Deutschen Ölfabrik Dr. Grandel & Co. darniederlag, das sinkende Schiff verliess, und endlich bei seinem Wiederaufstieg um die Jahreswende 1941 sich mit Geldansprüchen wieder meldete,(-S.6-) so übersieht man heute infolge bisheriger Feststellungen, dass die Einrichtung seiner Finanzen nach genau vorherberechnetem Plan geschah. Um diese Zeit beabsichtigte er schon, sich von seiner Frau zu trennen, suchte einen Grund zur Scheidung, denn auch Hubricht starb zu dieser Zeit und Gertrud wurde frei. Wenn nun ein Vertrag der Deutschen Ölfabrik mit Dr. Grandel zustande gekommen ist, wonach er für die Dauer vom 1.3.1941 bis zum 31.12.1945 monatlich 500,- erhält, so passt dieser Betrag genau in die Kalkulationen des Grandel, die er durch Vertrag mit Magda festgelegt hat. Tatsächlich zahlt also nicht er aus seinem Vermögen die Alimente mit RM 400,- an Magda, sondern die Deutsche Ölfabrik, wobei Dr. Grandel noch RM 100,- für sich übrig hat, wenn der Sohn Uli gerade bei ihm lebt. Es war daher nicht besonders schwer für Dr. Grandel, sich von Magda zu trennen, da das Risiko nicht besonders gross war. Er hatte gewissermassen eine Rückversicherung geschaffen. Wieweit Dr. Grandel Nutzniesser an dem Vermögen von Gertrud Hubricht ist, bequem in ihrem Haushalte lebt, oder doch besser lebt, als er selbst es haben würde, kann dahingestellt bleiben. Die ganze Situation erscheint unwürdig und unanständig. Das Gehabe des Dr. Grandel, seine Doppelzüngigkeit und sein Doppelspiel sind widerwärtig. Er hat - unbeschadet der eigenen Schuld seiner geschiedenen Frau Magda - diese Frau, wie man so sagt, übergefahren. Er hat übrigens während seiner Ehe mit dieser Frau den allergrössten Wert darauf gelegt, dass sie niemals erfuhr, weshalb er früher geschieden worden war, ebenso durfte sie mit seinem Sohne und sonstigen Verwandten nicht zusammen kommen. Er fürchtete, dass seine Frau vorzeitig erfuhr, wie er handelte und sich beizeiten darauf einstellen konnte. Frau Magda Grandel will aber versuchen, ob sie auf dem Rechtswege ihre Lage irgendwie stabilisieren kann. Sie ist inzwischen in das Haus Adolf-Hitler-Strasse 220/IV, gehörig dem Schuhwarenhändler Grumann (-Käufer der Immobilie Eggstraße 9-), woselbst dieser sein Geschäft betreibt, gezogen und hat von ihrer Wohnung zwei Zimmer untervermietet. Sie lebt dort nicht mehr so gut, wie vordem in der Eggstrasse. Das ganze Haus riecht nach Leder, es befindet sich dort auch die Bekleidungskammer des Polizeipräsidiums Freiburg/Br.
Sie erhielt von Dr. Gr.(-andel-) nur (-die Möblierung für-) ein Zimmer, das Speisezimmer musste sich Frau Magda erst wieder von ihren Eltern kaufen lassen. Die kleine Frau ist sichtlich zusammengefallen und heute nur, gegen früher, eine kleine Mädchenfigur. Sie hat sichtlich unter der ganzen Situation schwer gelitten und fühlt sich (-nicht-) übervorteilt.
Hamburg, 27. Juni 1943"
Zwischenzeitlich war Dr. Grandel offenbar der von ihm 1918 notierte Bibelspruch aus Lukas 8, Vers 17 entfallen:

Zeitgleich zu seinem Scheidungsverfahren in Freiburg schreibt Dr. Gottfried Grandel an seine ehemaligen Hamburger DOG-Teilhaber einen längeren Brief mit folgender Selbsteinschätzung:
"Jedermann kennt mich als höflich und korrekt." (Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG-Gesellschafter, S.7 v. 7.1.1941)
Magda, gesch. Grandel, verbleibt bis 1944 in Freiburg, doch auch hier im Breisgau fallen Bomben. Am 30. November 1944 verschickt sie eine Eilmeldung nach Breslau:


Nach dem Verlust der Freiburger Wohnung zieht Magdalena Grandel mit ihrem Sohn R. nach Stuttgart.
Am 1. April 1945 findet im Stadtteil Weilimdorf zwischen 7:17 bis 9:45 Uhr ein Luftangriff mit zwei Toten statt. Es ist der vorletzte Luftangriff auf Stuttgart. Magdalena ist eine von den zwei Toten.
Pogrom, russisch: Verwüstung
(609-1938) Die Pogrome gegen die jüdische Minderheit haben im national-sozialistischen Deutschland ihren sichtbaren Vorlauf.
Bereits im Februar 1919 heißt es über den mit Gottfried Grandel politisch eng verbundenen Heidelberger Privatdozenten Dr. Arnold Ruge:
"In geradezu verbrecherischer Weise aber spielt Herr (-Dr. Arnold-) Ruge mit dem Gedanken von Judenpogromen, an denen er, wie gewöhnlich, den Juden selbst die Schuld zuschiebt. Welch eine empörende Verdrehung! Wenn das deutsche Volk - was wir niemals glauben, weil wir eine bessere Meinung von ihm haben, als Herr Ruge - sich zu Pogromen hinreißen ließe, dann fiele die Schuld für diese 'Schande' nicht auf die Juden, sondern auf Sie, Herr Ruge, und Ihresgleichen zurück, die an gewissenloser Verhetzung und Aufpeitschung aller Leidenschaften seit langer Zeit das denkbar Möglichste leisten." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Nr.4, S.28 - "Oeffentliche Kundgebungen gegen die antisemitische Hetze" v. 17.2.1919)
Besonders in der Berichterstattung des Völkischen-Beobachters ist die politische Agenda der NSDAP schon früh ablesbar.
Die rasse-ideologisch begründete Entrechtung zeigt sich nach 1933 nicht nur über beruflich-kulturelle Ausgrenzung, sondern auch über soziale Isolation jüdischer Mitbürger. An Gemeindehäusern werden Namenslisten von Personen veröffentlicht, die noch bei jüdisch-geführten Geschäften einkaufen.
Video: Antisemitische Markierung von Berliner Geschäften durch die SA - 1935 (u.a. Leder- und Schuhwaren Gebr. Alster, Berliner Str. 16 - gegr. 1930, erloschen 1935)
Auch die Auflösung jüdischer Sportvereine trägt zur gesellschaftlichen Isolation bei, die Maßnahmen sind umfassend. Am 30. September 1938 titelt die Neue Augsburger Zeitung:
"In Augsburg gibt es keine jüdischen Ärzte mehr!"
Auf der Seite ikg-augsburg.com werden die Erlebnisse der jüdischen Gemeinde von Walter Jacob geschildert, dem Sohn des letzten Augsburger Rabbiners vor dem 2. Weltkrieg, Dr. Ernst I. Jacob:
"Vor dem Gebet am letzten Freitag vor dem Pogrom (-am 4. November 1938-) hat mein Vater zum ersten Mal alle offen zur Emigration aufgerufen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er gehofft und wollte niemanden herausfordern."
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(Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Allgemeine Zeitung des Judentums, Heft 20, S.238 - "Die neue Augsburger Synagoge" v. 18.5.1917)
Weiter wird auf der Seite der Israelischen Kultusgemeinde die Tochter des damaligen Vorstandes, Sofie Dann, zitiert:
"Am 10. November (-1938-) sind in der Nacht 20 bis 30 junge Männer (in Zivil), ausgerüstet mit Stangen, Äxten und Keulen, gewaltsam in die Synagoge eingedrungen, haben die Telefonleitungen durchschnitten und begonnen, die Dokumente zu zerstören. Im Großen Saal zerschlugen sie Leuchter und die heiligen Gegenstände, einschließlich Tora-Rollen. Kurz danach stieg Qualm auf und Brandgeruch machte sich breit. Um 4 Uhr am Morgen löschte die Feuerwehr den Brand wegen der Sicherheit der umgebenden Gebäude und der nahegelegenen Tankstelle. Die Durchsuchungen (bei denen viele Dinge gestohlen wurden), die Zerschlagung des Inventars und die Verhöre der Juden dauerten mehrere Tage. Die Juden wurden danach der Zerstörung der Telefonleitung und der Brandstiftung bezichtigt. Obwohl das Gebäude intakt wirkte, war es im Innern schwer beschädigt. Einige Juden wurden gezwungen, Talit (-den Gebetsschal-) anzulegen, Zylinder aufzusetzen und einen Lkw mit Tora-Rollen, Büchern, Tales zu beladen und darüber Kohl aufzuschichten. Alles wurde in das bereits geschlossene Altersheim in der Frohsinnstraße gebracht. In dieser Woche wurden 319 Juden im Alter bis zu 70 Jahren aus der Stadt in das Lager Dachau gebracht, wo sie über einen Monat geblieben sind."

Innenansicht der alten Synagoge in Augsburg - 1919 (Wikimedia Commons - Datei: Alte_Synagoge_in_Augsburg.jpg / HaimK)
Die Reichspogromnacht vom 8./9. November 1938 verwüstet viele Geschäfte jüdischer Eigentümer. Häuser und Synagogen werden in Brand gesteckt, Juden verlieren schutzlos landesweit ihr Leben.
In Augsburg erwähnt der Lagebericht, daß "Einrichtungsgegenstände in der Synagoge verbrannt oder vernichtet wurden. Die Zahl der in Schutzhaft genommenen Juden beträgt in Schwaben 319", unter ihnen viele Augsburger. Zahlreiche Schaufenster gehen in der Stadt zu Bruch, jüdische Männer müssen auf Knien die Hauptstraßen säubern.
(G. Römer: "Es gibt immer zwei Möglichkeiten ...")
In "Das kontaminierte Museum" von Erich Keller heißt es:
"Nach dem Novemberpogrom 1938 ('Reichskristallnacht' genannt) setzte die letzte große jüdische Fluchtbewegung aus NS-Deutschland ein. Als Martha und Berthold Nothmann sich 1939 nach London aufmachten, 'verließen sie Deutschland nicht, wie es in den dürren Provenienzangaben der Bührle-Stiftung heißt, - sie retteten ihr nacktes Leben. Danach blockierte der Krieg die letzten sicheren Wege aus dem NS-Staat. Während die Nothmanns in Berlin geblieben, wären sie bald von den Massendeportationen erfasst worden, die dort im Oktober 1941 begannen. Die Hauptstadt sollte 'judenfrei gemacht werden. Die ersten Züge gingen nach Lodz, Minsk, Kowno oder Riga, im Jahr danach fuhren alle direkt nach Auschwitz. Wären die Nothmanns früh deportiert worden, hätte die SS sie als 'Reichsjuden' entweder zur Arbeit gezwungen oder, angesichts ihres Alters, weiter nach Minsk oder Riga deportiert. Dort wurden Tausende sowjetische Juden und Jüdinnen erschossen, nur um in den eilig errichteten und überfüllten Lagern vorübergehend Platz für 'Reichsjuden' zu schaffen.
Das Zögern dauerte nur kurz, dann wurden auch jüdische Deutsche systematisch ermordet. Bis Ende November 1941 wurden allein vom berüchtigten Einsatzkommando III 133.364 Jüdinnen und Juden erschossen. Die 'Endlösung' hatte begonnen. Martha und Berthold Nothmann wären ihr schutzlos ausgeliefert gewesen."
Gottfried Grandels ehemaliger Untersuchungsrichter, der 1887 geborene Dr. jur. Friedrich Nothmann aus Berlin, wird mit seiner Familie am 4. September 1944 nach Theresienstadt deportiert und am 18. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet.
Auch die Familienangehörigen von Helenes im 1. Weltkrieg verstorbenen Ehemannes Friedrich Winternitz geraten während des 2. Weltkrieges in die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten.
Schwager Rudolf Winternitz wird am 13. Juni 1942 zusammen mit seiner Frau Hermine und Sohn Ervin nach Theresienstadt zwangsdeportiert. Von dort fährt ein weiterer Deportationstransport die Familie am 15. Dezember nach Auschwitz, wo die Eltern von Erwin am 27. Dezember 1943 ermordet werden.

Großmutter Jenny Winternitz mit Sohn Rudolf, der Schwiegertochter ihres verstorbenen Sohnes Frierdrich, Helene, und deren Kindern Hans und Eleonore Winternitz - Grottau 1915 (Fotografie im Privatbesitz)


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Spaziergang an die Talsperre von Reichenberg: Resi Willner, Karolina und Christl Grandel. Hinten rechts: Vermutlich der zu diesem Zeitpunkt 24-jährige Erwin Winternitz - 10. August 1934 (Fotografie im Privatbesitz)

Der Bruder des im ersten Weltkrieg gefallenen Dr. Fritz Winternitz, Rechtsanwalt Dr. Rudolf Salomon Winternitz, lebt zu dieser Zeit mit seiner Familie im tschechischen Kolín, Stitarerova 120. Bis 1918 wird die Stadt anerkennend als das Köln an der Elbe bezeichnet und gehört zeitweise zu den "bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Böhmen".
Familie Winternitz trifft der Rassewahn der Nationalsozialisten mit voller Härte: Die Likörfabrik Gustav Winternitz & Sohn wird aufgenommen in das "Verzeichnis jüdischer Unternehmungen, über deren Entjudung im Reichskommissariat in Reichenberg am 28. Februar 1939 entschieden wurde". Mit der Einführung des deutschen Protektorates begeht die Firma im Jahr 1939 ihr 70. Firmenjubläum, doch zu feiern gibt es nichts für die jüdische Unternehmer-Familie. Durch die Arisierung verliert der Sohn mit Anfang 60 seine wirtschaftliche Existenzgrundlage, das Lebenswerk seiner bereits verstorbenen Eltern.
Als Bewerberin für die Übernahme tritt (Auguste) Berta (Marie) Hanisch in Erscheinung (geb. Kropatsch, 2. Mai 1897 in Reichenberg geboren - verheiratet mit Karl Hanisch, geb. 20. September 1903).
Als Treuhänder wird am 22. April 1939 Rudolf Fischer als Geschäftsführer erwähnt/Grottau, Schützengasse 269. (Amtliche Bekanntmachung des Reichenberger Landgerichts in 'Die Zeit'). Ob und zu welchem Zweck die Firma weitergeführt wurde, ist unklar. Ein Rudolf Fischer wird im Internet als Inhaber der Firma 'Otto Reichel' angegeben, einer Lederwarenfabrik für Pistolentaschen (aus: 'Pistolen der deutschen Wehrmacht'- www.tague.at)
Für die Familie von Rudolf Salomon Winternitz bleibt es nicht bei der wirtschaftlich-sozialen Ausgrenzung in Kolín. Auf den 21. Oktober 1941 ist bereits der Deportationsbefehl für seine in Prag wohnende Schwester Elly Barth, geb. Winternitz ausgestellt. Zusammen mit ihrem Ehemann Dr. Ludwig Barth verlassen sie, eingepfercht in schlichten Güterwaggons, den Bahnhof in Prag. Ziel ist das Konzentrationslager Lodz in Polen.
Für 922 der 1003 Personen jüdischer Abstammung ist es eine Reise ohne Wiederkehr, das Ehepaar Barth gehört dazu. Zwei Jahre darauf bekommt Familie Winternitz in Kolín den Deportationsbefehl zugestellt: In drei großen Transporten wird die jüdischstämmige Bevölkerung aus dem Stadtbild verschwinden, in den meisten Fällen über das KZ Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet. Der erste Transport AAd beginnt am 13. Juni 1942. Mit nur wenig Habseligkeiten besteigen Rudolf Salomon und dessen Frau Hermine mit ihrem Sohn Ervin Karl Winternitz den Güterwaggon am Bahnhof Kolín.
Von den 736 an diesem Tag deportierten Personen jüdischer Abstammung überleben nur 63 das Konzentrationslager. Der Transport führt Sie zuerst in das Ghetto Theresienstadt. Von dort wird die Familie am 15. Dezember 1943 mit weiteren 2516 Personen nach Osvětím/Auschwitz transportiert. Nur 278 Inhaftierte überleben das dortige KZ.
Die Selektion erfolgt direkt nach ihrer Ankunft: An der Rampe von Auschwitz werden die Männer getrennt nach rechts, die Frauen nach links separiert. Der 34jähriger Sohn Dr. Ervin Winternitz ist kräftig, er wird von den anwesenden Ärzten für arbeitsfähig gehalten. Die Familie verliert sich daraufhin aus den Augen. Gelegentlich fährt ein Rot-Kreuz-Fahrzeug an der Rampe vorbei. Manche Beobachter leiten ein Fürsorgeempfinden der Lagerleitung davon ab, doch ist dies eine Täuschung: In den Fahrzeugen befindet sich Zyklon B, das tödliche Gift für die als Duschen getarnte Gaskammern.
Nach wenigen Atemzügen bringt die gasförmig austretende Blausäure die innere Zellatmung zum Stillstand. Rudolf und Hermína Winternitz werden im KZ Auschwitz mit ihren fast 70 Jahren der industriellen Ermordung zugeführt. Ihr Sohn Erwin hingegen wird vom Juli 1944-45 in das Konzentrationslager Schwarzheide bei Dresden verlegt. Dort bekommt er die Häftlings-Nummer 86153. Das Werk zur Herstellung von synthetischem Benzin aus den dort vorhandenen mageren Kohlevorkommen soll Deutschland unabhängiger von ausländischen Ölquellen machen, deren Zugang schon nach dem verlorenen ersten Weltkrieg nur beschränkt ermöglicht wurde. Auf Führerbefehl entsteht bereits 1935 in Schwarzheide, zusammen mit neuen Autobahnprojekten, das dritte von vier BRABAG-Werken.
Nach fünf Jahren Krieg fallen am 28. Mai 1944 die ersten Bomben auf die kriegswichtigen Produktionsanlagen. Zeitgleich bewegen sich sowjetische Truppen auf die rumänischen Ölfelder zu. Der deutschen Ölversorgung droht damit der Zusammenbruch.
"Vor diesem Hintergrund ordnete Adolf Hitler umgehend und persönlich am 30. Mai 1944 'Sofortmaßnahmen zur Wiederinbetriebnahme und zum Schutz der Hydrierwerke' an. Es entstand der sogenannte Mineralölsicherungsplan, ein Geheimprojekt, für dessen Umsetzung rund 350.000 Menschen, darunter zirka 100.000 KZ-Häftlinge, zum Einsatz kamen. Unter der Regie von Gerhard Maurer ließ das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt unverzüglich hunderte 'Konzentrationslager im Kleinformat' -Außenkommandos und Zwangsarbeiterlager errichten." (BRABAG-Wikipedia)
Zu dieser Selektion für kriegswichtige Betriebe heißt es bei Wikipedia:
"Das KZ-Außenlager Schwarzheide war vom 5. Juli 1944 bis 16. April 1945 eines der Sachsenhausen-Außenlager mit ungefähr zehn Holzbaracken in einem Kiefernwäldchen. Nahe dem Zwangsarbeiterlager, in einer Entfernung von rund 100 Metern, befand sich die BRABAG, die Braunkohle-Benzin-AG zur Produktion von synthetischem Treibstoff Vorher für eine Abteilung deutscher Schutzpolizei, dann als Kriegsgefangenenlager für italienische Gefangene genutzt, wurden am 3. Juli 1944 1000 Inhaftierte von Auschwitz-Birkenau hierher verlegt, um nach den Bombardements der Alliierten Wiederaufbauarbeit zu leisten. Für die Häftlinge überraschend wurde die Arbeit im April 1945 plötzlich eingestellt und ab dem 18. April 1945 begann ein Todesmarsch südwärts in Richtung der böhmischen Stadt Warnsdorf. Von hier aus erfolgte über verschiedene Stationen in Güterwagen bis zum 7. Mai 1945, unmittelbar vor der Befreiung durch die Rote Armee, der Rücktransport in das KZ Theresienstadt. Von den ehemals 1000 Häftlingen überlebten nur etwa zweihundert oder nach Angaben von Jakov Tsur, einem ehemaligen Häftling, weniger als ein Drittel. Viele Angaben zum Verlauf und über die Opfer des Todesmarsches sind durch den Häftling und Lagersanitäter Heinrich Roeder überliefert, der verbotenerweise die Namen der umgekommenen Häftlinge in einem Notizbuch notierte, das er in einem Verband am Oberarm versteckt bei sich trug."
Der Produktionsbetrieb der BRABAG in Schwarzheide wird zum 23. März 1945 eingestellt. Auch das KZ-Außenlager steht vor der Auflösung. Nur drei Tage vor dem Eintreffen der Roten Armee beginnt für die Lagerinsassen der vom 18. April bis zum 8. Mai 1945 andauernde Evakuierungsmarsch.
Von den SS-Bewachern werden auf dem Todesmarsch fast täglich entkräftete Häftlinge erschossen. In der Nacht vor dem Erreichen des Ghettos von Theresienstadt setzt sich schließlich die SS-Bewachung ab. Der Krieg ist vorbei. Es ist davon auszugehen, dass hier auch Identitäten von zuvor ermordeten Häftlingen zum eigenen Schutz vor der absehbaren Verfolgung der SS-Mannschaften angenommen wurden.
Von den 30.000 Personen jüdischer Abstammung, die aus dem Protektorat Böhmen und Mähren über Theresienstadt deportiert werden, überleben nur rund 1000 Menschen. Von den 1000 Häftlingen, die vom KZ Auschwitz in das Arbeitslager Schwarzheide verlegt wurden, lediglich 318 Personen. Ervin Karl Winternitz ist offiziell einer von ihnen.
Nach dem Krieg emigriert er Ende 1948 nach Australien, wo er ein Studium mit der Absicht beginnt, zusammen mit einem weiteren aus Deutschland Ausgewanderten eine Anwaltskanzlei zu eröffnen. Sein Name Ervin Karl Winternitz gehört der Vergangenheit an, fortan nennt er sich Ervin Charles Winter.
(Winter, E.C. & Co., 10 Sherbrooke Avenue, Elsternwick 3185, Eintrag von 1970, sein Sohn Thomas Harry Winter studierte 1973)
Über die Weltanschauung, die in der Konsequenz zu Verfolgung, Leid und Tod für Millionen von Menschen führte, erklärt Adolf Hitler am 24. April 1942 in seiner letzten Rede vor dem deutschen Reichstag:
"Der britische Jude Lord Disraeli hat es einst ausgesprochen, daß die Rassenfrage der Schlüssel zur Weltgeschichte sei. Wir Nationalsozialisten sind in dieser Erkenntnis groß geworden. Indem wir dem Wesen der Rassenfrage unsere Aufmerksamkeit widmeten, haben wir die Aufklärung für viele Vorgänge gefunden, die an sich sont unbegreiflich erscheinen müßten." (Althaus: "Heiden, Juden, Christen: Positionen und Kontroversen", S.223)
Helene Grandels Bruder: Tod in Gestapo-Haft
(610-1941) Helene Grandel besucht nach 20 Jahren ihre alte Heimat im neuen "Protektorat Böhmen und Mähren", wo sie als Tochter der Kaufmannsfamilie Rafael und Marie Willner, geb Fleischner, aufgewachsen war.
Ihr Bruder führt mittlerweile in zweiter Generation das renommierte Reichenberger Fachgeschäft Rafael & Carl Willner - Galanterie- und Modewarenhandlung.
Bruder von Helene Grandel: Rudolf Willner aus Reichenberg - 1917 (Fotografie im Privatbesitz)
Auch Helenes Kinder aus erster Ehe halten über die Jahre Kontakt zu ihrem Onkel Rudi aus Reichenberg.
Rudolf Willner aus Reichenberg zu Besuch in Augsburg - September 1916 (Fotografie im Privatbesitz)
Hans und Nora Winternitz zu Besuch bei Onkel Rudi in Reichenberg - 1922 (Fotografie im Privatbesitz)
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Ankunft in Reichenberg: Helene Grandel mit ihrem Bruder Rudolf Willner - Mai 1941 (Fotografie im Privatbesitz)
Angeboten werden in dem Familienbetrieb Produkte des gehobenen Bedarfs:
"Ein renomiertes Fachgeschäft war die 1879 gegründete Firma Rafael & Carl Willner in der Schückerstraße (Pražská Ulice) Nr. 18, die ausgewählte Mode- und Einrichtungsstoffe, Kleinmöbel in modernem Design und vor allem Kunstgewerbe der Wiener Werkstätten führte. Carl Willner war Obmann des Tempelchors und sein Bruder Rafael Mitglied des Tempelbau-Comités gewesen. Sein Sohn Rudolf Willner, dem das Geschäft 1938 gehörte, war in einer Mischehe verheiratet und vertraute seiner Integration in der Reichenberger Gesellschaft." (Engelmann: "Reichenberg und seine jüdischen Bürger", S.128 - 2012)
Gestapo-Verhaftung von Rudolf Willner
Während des Besuchs von Helene Grandel in Reichenberg wird ihr Bruder Rudi von der Geheimen Staatspolizei verdächtigt, vor französischen Kriegsgefangenen Zigaretten fallen gelassen zu haben.
Seine Augsburger Nichte Christine Grandel berichtet darüber in ihrem Tagebuch vom 4. Juni 1941:
"Mutter schrieb furchtbare Nachrichten. Ihr Bruder Rudi ist von der Gestapo geholt worden, ganz plötzlich und in ein Arbeits- und Schulungslager bei Teplitz verfrachtet worden. Arme Munne."
Zu dem Zeitpunkt der Tagebuch-Aufzeichnungen ist ihr Onkel Rudolf Willner bereits verstorben. Am Montag, dem 9. Juni 1941, notiert Christine Grandel:
"Eben erfahre ich von Hans, daß Onkel Rudi am Pfingstmontag (-3.6.1941 im Kreiskrankenhaus Brüx-) gestorben ist! Es ist unausdenkbar traurig für ihn, Munne (-Helene Grandel-) und Resi (-Ehefrau Therese Willner-). Onkel Rudi tut mir unendlich leid! Ein Opfer mehr dieser Saubande, denn sein Tod war bestimmt nicht 'natürlich'. Er hatte eine Fersenwunde, wurde zu spät behandelt und bekam anscheinend Blutvergiftung - der Arme."
Tagebuch-Eintrag vom Mittwoch, 11. Juni 1941:
"Gestern Abend ist Munne gekommen und hat eine Welt von Leid und Verzweiflung mitgebracht. Sie ist völlig am Ende. In Kürze: Onkel Rudi kam in ein Lager bei Brüx (-tschechisch: Most-). Am Pfingstdienstag rief die Reichenberger Gestapo bei Resi an: 'Frau Willner, Ihr Mann ist gestorben. Wollen Sie die Urne oder soll er überführt werden?' Sie konnte nur schreien. Resi hat ihn geliebt, geliebt. Onkel Rudi tot! Von den Hunden gemordet!"
Nach dem plötzlichen Tod von Rudolf Willner wird das Geschäft von der arischen Familie seiner Frau Therese, geb. Laubner, unter bekanntem Namen fortgeführt.

(Digitalisiert auf digi.bib.uni-mannheim.de: Zentralhandelsregisterbeilage zum Reichs- und Staatsanzeiger, Nr.19, S.3 v. 23.1.1942)
Auf einem Firmen-Kuvert vom Dezember 1942 findet die Änderung ihren Ausdruck durch Überstempelung des Firmen-Logos:


17. Dezember 1942 (Firmen-Postkarte im Privatbesitz)
Gestapo-Gefängnisse sind 1941 bekannt für Folter und Mord, die Verhörmethoden zielen oft auf die körperlich-psychische Zerstörung der Gefangenen. Die Praktiken Unterliegen keiner behördlichen Kontrolle oder gar einer gerichtlichen Nachprüfung.
Für ihre 16 Jahre besitzt Christine Grandel einen erstaunlich klaren Blick. In ihrem Tagebucheintrag vom 19. August 1934 notiert sie bereits:
"Politisch ist die Lage Deutschlands unsagbar schlimm! Ich hab jetzt das Braunbuch gelesen! Da bleibt einem wahrhaftig die Spucke weg. 'Kein Jude ist misshandelt worden'. Und das glaubt man wahrhaftig! Hunderte von Tragödien haben sich abgespielt. Die Menschen sind buchstäblich zerrissen, erschlagen und zu Tode gemartert worden. Ich konnt's kaum lesen. Diese Menschen sind keine Menschen mehr. Und die Qualen, die die Konzentrationslager-Sträflinge aushalten! - oder auch nicht, indem sie nämlich buchstäblich krepieren."
Rettung für Helenes Sohn Hans: Winifred Wagner
(611-1941) Auf der Flucht vor der "Umsiedlung nach Polen" wendet sich Helene Grandels jüdischer Sohn Hans Winternitz an Winifred Wagner in Bayreuth - und bekommt Hilfe.
Durch die Anwendung der Nürnberger Rassegesetze verliert auch Dr. Grandels Stiefsohn Hans ab 1935 zunehmend an gesellschaftlicher Perspektive.
Eine Auswanderung, wie es faktisch seine Schwester Eleonore Winternitz als Au-pair nach England praktiziert, ist für ihn trotz Anraten seines Umfeldes keine Option. Nach den Erzählungen seiner Nichte liebt er sein Heimatland. Möglicherweise wirkt aber auch die empfundene Fürsorgeverpflichtung gegenüber seiner Mutter hier ausschlaggebend. Zum Ende der national-sozialistischen Diktatur schwinden schließlich seine realen Fluchtmöglichkeiten.
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Hans Winternitz mit seinen Halbschwestern Gerlinde (Maidl) und Christine (Christl) Grandel - 26. November 1937 (Fotografie im Privatbesitz / Fotoatelier Kroher - Augsburg)
Durch wen der Kontakt von Hans Winternitz zu Winifred Wagner entsteht, ist unklar. Hans ist zwar begeisterter Sänger im Augsburger Oratorien-Verein, doch die Bewunderung für die klassischen Stücke von Richard Wagner werden allein nicht ausschlaggebend für die Hilfe von dessen Schwiegertochter gewesen sein.
Diese ist als frühe Finanz-Unterstützerin der völkischen Bewegung und persönliche Freundin Adolf Hitlers bekannt, verkehrt bereits zum Putsch am 9. November 1923 in den Sammelstätten der Münchener Nationalsozialisten. (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1773, S.2 - "Frau Siegfried Wagner als Hakenkreuzlerin" v. 22.1.1924)
Auch während der Festungshaft von Adolf Hitler ist sie unterstützend tätig, liefert mit Papier und Schreibgeräten die Voraussetzung für die Verfassung von Adolf Hitlers Mein Kampf. In der späteren Spruchkammer-Akte von Winifred Wagner heißt es über ihre Kontakte zu Adolf Hitler:
"Die Freundschaft zwischen Frau Wagner und Hitler entstand schon 3 Jahre vor ihrem Parteieintritt (-von 1926-). Bereits im Jahre 1923 sah die Betroffene Hitler zum ersten Male in München beim Putsch im November, wo sie zufällig mit ihrem Mann weilte. Am 30.9.1923 hat Hitler erstmalig in der Reithalle in Bayreuth gesprochen. Die Familie Wagner war nicht unter den Zuhörern. Am nächsten Tag (1.10.1923) machte Hitler seine Aufwartung im Hause Wahnfried und besuchte die letzte Ruhestätte des Meisters. Von da ab entwickelte sich eine grosse Freundschaft zwischen Hitler und Frau Winifred Wagner. Das zweite Zusammentreffen fand im Februar 1925 in München statt. Von nun an wiederholten sich die Besuche sehr häufig; zwischen 1925 und 1933 machte Hitler auf seinen Fahrten zwischen Berlin und München häufig kurze Rast in Bayreuth und Besuche im Wahnfried. Ab 1933 war Hitler regelmässiger Festspielgast in Bayreuth und Frau Wagner besuchte ebenfalls Hitler des öfteren in Berlin. Die Beziehungen von Frau Wagner zu Hitler waren ursprünglich rein persönlicher Art zu ihm, dem Führer der nationalsozialistischen Bewegung. Sie sah in ihm damals nach ihrer eigenen Aussage den Retter Deutschlands. In wieweit die Betroffene beim Abschluss dieser Freundschaft von den Gedanken bezw. der Hoffnung geleitet worden ist, die Beschlagnahme des Festspielhauses von staatswegen zu verhüten, ist schwer zu sagen. Sicher konnte Frau Wagner mit Hitlers Hilfe, nachdem er zur Macht gekommen war, weiterhin selbst während des Krieges ihr Festspielunternehmen fortführen. Nachdem die ausländischen Gäste während des Krieges weggefallen waren, wurden die notwendigen Zuhörer durch K(-raft-)D(-urch-)F(-reude-) gestellt. Auch Hitler hatte somit durch die Freundschaft mit Frau Wagner seine Vorteile, er konnte das Wagnersche Unternehmen zu propagandistischen Zwecken für die Partei benützen. So ist auch der Ausspruch in dem Gutachten der Kommission für Kulturschaffende in München zu erklären: Frau Wagner habe durch ihr Eintreten für den Nationalsozialismus als Trägerin eines Deutschen Namens den Nazismus im Ausland sozusagen salonfähig gemacht. Hitler, der nach Auffassung des Herrn Arnold in München, des Sachverständigen der Kommission der Kulturschaffenden durchaus unmusikalisch war, konnte das Bayreuther Festspielunternehmen gut für seine Zwecke gebrauchen. Hitler hat sogar Richard Wagner zum Nationalsozialisten gestempelt und die Worte geprägt: 'Die Werke Wagners schliessen alles ein, was der Nationalsozialismus erstrebt.'(...) Wenn auch zu verstehen ist, dass die Betroffene am Anfang ihrer Bekanntschaft mit Hitler, in dem sie den kommenden Leiter der Geschicke Deutschlands sah, auf dessen Freundschaft Wert legte mit Rücksicht auf ihre Stellung als Leiterin der Bayreuther Festspiele, so ist doch ihre Einstellung zum Nationalsozialismus in den späteren Jahren umso erstaunlicher und daher für sie sehr belastend, weil sie die nationalsozialistische Ideologie, die Massnahmen der Partei gegen die Juden und die Greueltaten, die in den KZ begangen worden sind, genau kennen mußte. Praktisch war Frau Wagner keine Antisemitin; sie kaufteselbst in jüdischen Geschäften und hat sich für viele Juden, vor allem jüdische Künstler, eingesetzt. Obgleich sie über die sadistischen Vorgänge in den KZ unbedingt unterrichtet gewesen sein muss, hielt sie trotzdem Hitler gegenüber die Treue und blieb auch in ihrer inneren Einstellung dem Nationalsozialismus gegenüber die Gleiche. Sie ist vom Nationalsozialismus nicht abgerückt, trotz der allgemein und ihr im Besonderen bekannten Gewaltherrschaft des Nationalsozialistischen Systems." (Staatsarchiv München, Spruchkammer II Bayreuth-Stadt, Akte Winifred Wagner, AZ: II 347/47, Karton 1894, S.1-2 - Urteilsbegründung - Belastungen, Punkt 3 v. 2.7.1947)
Der mittlerweile in Freiburg wohnende Gottfried Grandel hilft dem in Augsburg strauchelnden Hans in dieser Situation offenbar nicht. Über 14 Jahre begleitete er seinen Stiefsohn aus zweiter Ehe fürsorglich innerhalb der Augsburger Familienkonstellation, doch gerade mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endet seine zuvor empfundene Schutzverpflichtung gegenüber dem jüdischen Stiefsohn.
"Hübsche Kinderchen": Gottfried Grandel und sein neuer Stiefsohn Hans Winternitz bei der Birnenernte im eigenen Obstgarten - September 1916 (Fotografie im Privatbesitz)
Der Kontakt zu der in Augsburg verbliebenen Familie aus zweiter Ehe ist dem zwischenzeitlichen Wahl-Freiburger während der NS-Diktatur nicht weiter wichtig, er beschränkt sich auf die gesetzlich festgelegte Alimente für seine leiblichen Töchter Christine und Maidl. Dabei hatte nach der zweiten Heirat 1916 alles recht hoffnungsvoll in Augsburg für die Familie Grandel begonnen.
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Bei der Ernte am angrenzenden Hanreibach: Hans Winternitz und Gottfried Grandel - Oktober 1916 (Fotografie im Privatbesitz)
Über die Jahre entsteht zwischen Gottfried Grandel und seinem jungen Stiefsohn Hans eine normale familiäre Atmosphäre. Der Stiefvater bemängelt lediglich die "weiche" Erziehung Helenes gegenüber ihrem ersten Kind. Zumindest optisch wird nachgebessert: Der Haarschnitt von Hans passt sich bereits 1917 den Vorstellung des Stiefvaters an.
Von den Familienfotos ableitbar ist im Anfangsjahr der neuen Familienzusammenstellung nur das anfängliche Missfallen des ältesten Sohnes Felix gegenüber der neuen Orientierung seines Vaters.
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Erste gemeinsame Obsternte: Felix Grandel mit Hans und Eleonore Winternitz - Oktober 1916 (Fotografie im Privatbesitz)
Gottfried Grandel stellt in seinen rückblickenden Lebenserinnerungen das interne Familienverhältnis als kompliziert dar:
"Bringt die Witwe (-Helene Winternitz-) vollends gar kleine Kinder (-Hans und Eleonore-) in die neue Ehe ein, so sind diese ganz zweifellos eine Hypothek, welche der Ehemann auf sich nimmt, ohne eine Gegenleistung dafür zu erhalten. Kommen weitere Kinder hinzu, dann sind also zweierlei Kinder vorhanden und da beginnt eine endlose Tragik für den Mann. Ich war so unüberlegt und thöricht, mit 38 Jahren, nachdem meine I. Ehe geschieden worden war, eine Kriegswitwe mit zwei hübschen Kinderchen zu heiraten. Eigene Kinder kamen hinzu und aus meiner I. Ehe war Felix vorhanden. Es waren dann dreierlei Kinder vorhanden. Das tat nicht gut. Ich ertrug es. Nicht aber die Frau, welche den Stiefsohn Felix hasste und ihre Kinder Hans und Nora aus erster Ehe bevorzugt sehen wollte. Um Gottes willen, nur keine Witwe heiraten, weder ohne, noch weniger mit Kindern."
Mit der Geburt von Christine kommt für Helene und Gottfried Grandel 1917 das erste gemeinsame Kind in die Augsburger Familie.

Nach der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes: Christine Grandel. Mutter Helene (sitzend) und Gottfried Grandel mit seinem Sohn Felix aus erster Ehe und Helenes Kindern aus erster Ehe: Hans und Eleonore Winternitz. Links stehend: Haushaltshilfe Lena Randy - 1918 (Fotografie im Privatbesitz)
Hans hilft seinem Stiefvater im Garten, wo er kann:
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Bei der hausangrenzenden Heuernte: Hans Winternitz und Gottfried Grandel - 1920 (Fotografie im Privatbesitz)

Obsternte im eigenen Garten: Hans Winternitz und Gottfried Grandel - 1926 (Fotografie im Privatbesitz)

Obsternte im eigenen Garten: Hans Winternitz, Maidl und Gottfried Grandel - 1926 (Fotografie im Privatbesitz)

Halbgeschwister Hans und Christine mit Mutter Helene, verw. Winternitz, gesch. Grandel - Clevers, 11. August 1940 (Fotografie im Privatbesitz)
Trotz der fröhlich wirkenden Bilder verschlechtert sich die Situation für Hans dramatisch. Zum April 1941 verliert er aufgrund der jüdischen Herkunft seine Beschäftigung in Augsburg.
8. April 1941
Christine Grandel notiert in ihrem Tagebuch:
"Hans ist seit dem 31.(-3.1941-) nicht mehr in der Kammgarn(-Spinnerei/Augsburg-). Sein Gesuch (-auf Arbeitserlaubnis-) beim (-Reichsinnenminister Wilhelm-) Frick läuft, er (-Frick-) hat es persönlich weitergegeben - hoffentlich befürwortet.(...) Hans war inzwischen bei der Winifred Wagner in Bayreuth, die ihn unglaublich aufgenommen hat und auf Hans' Bitte persönlich an Frick schreiben wird zur Betonung des Gesuchs. Wir hoffen ..."
Weiter schreibt Christine Grandel am 22. April 1941 in ihrem Tagebuch:
"Hans hat viel hinter sich, Munne (-Hans' Mutter Helene Grandel-) weiß noch nichts (-von der Arbeitslosigkeit-). Seit einigen Tagen stehen die Akazien besser, denn ein Bekannter von ihm, der bei (-der Zahnradfabrik-) Renk eine einigermaßen führende Stelle hat, will ihm helfen und sagt, er wüßte in einer kleinen Firma eine Stelle für ihn und - seit kurzem hat er auch die Genehmigung vom Arbeitsamt bekommen, die so sehr wichtig ist: Daß er in Augsburg beschäftigt werden darf."

Das bange Hoffen auf eine Systemlücke im fragilen Netzwerk von Hans Winternitz - 1941 (philaseiten.de)
Das Gesuch bei Reichsinnenminister Frick zeigt offenbar Wirkung; Hans darf in Augsburg wieder einer geregelten Arbeit nachgehen.
Vorerst gerettet: Arbeitserlaubnis für Hans Winternitz - 1942 (Fotografie im Privatbesitz)
Zugleich wirkt jedoch die Geheime Staatspolizei weiter auf seine "Evakuierung nach Polen" hin.
Noras älterer Bruder, Hans Winternitz, hat es in Augsburg schwer. Er verliert als sogenannter Volljude nicht nur seine Beschäftigung als kaufmännischer Angestellter, sondern wird 1941 "aufgrund einer Verfügung der Geheimen Staatspolizei München" aufgerufen, nach Polen "auszuwandern".

Aktenkundig bei der Gestapo-Außendienststelle Augsburg: Hans Winternitz - 1941 (Fotografie im Privatbesitz)
8. Mai 1941
Christels Tagebucheintrag:
"Was haben wir erlebt, und - ich muß das blöde Wort gebrauchen - durchgemacht! Jetzt, wo sich die große Spannung, die uns monatelang aufrecht gehalten hat, langsam lockert, spüren wir unsere Nerven erst. Wieder ganz kurz: Dieser (-Anton?-) Kremer (von Renk) hat einen Bekannten am Arbeitsamt, dem er Hans' Angelegenheit in die Hände gelegt hat, aber (!) in dem Sinn, dass er Hans für Renk haben will! Der Direktor und alle wären einverstanden - eine schöne Stelle mit dem gleichen Gehalt stünde ihm offen. Er braucht nur noch die endgültige Zulassung vom Arbeitsamt. Und auf die warten wir nun schon die ganze Zeit. Es ist eine arge Nervenanspannung. Seit gestern sind wir etwas beruhigter, denn da sprach Hans mit dem Menschen vom Arbeitsamt, der ihm versicherte, dass alles zu seinem Besten geschieht. Man suche eben eine Stelle für ihn, wo keine Gefahr bestehe und es fände sich bestimmt etwas. Hans ist wirklich unendlich tapfer; ich wünsch ihm von Herzen, dass es gut geht. Seit Mai weiß Munne von allem. Wir hatten sehr Angst davor, aber sie war recht tapfer. Allerdings war ja auch das Schlimmste überstanden, und wir dachten damals, als Hans es ihr sagte (bzw. sie selber was spannte), dass es sich nur um paar Tage handelt und er fängt woanders an."

Angst vor der "Evakuierung nach Polen": Hans Winternitz - 1941 (Fotografie im Privatbesitz)
November 1941
Zum Ende des Jahres 1941 verschärft sich die Situation für Hans Winternitz. In einem roten Erinnerungsbuch aus den ersten Kriegsjahren schreibt seine Mutter Helene Grandel:
"Am 12. Nov. 1941 wurde mein geliebter, feiner, edler Sohn Hans von der geh.(-eimen-) S.(-taats-)Pol.(-izei-) München für Aufbauarbeiten in Polen bestimmt. Das ist gleichbedeutend einer Verbannung nach Sibirien, einer Verurteilung zum Verhungern, Erfrieren, Verkommen in Schmutz u. Elend, schlimmer als der Tod. Nach zwei Tagen voll Angst und unaussprechlicher Qualen wurde mein edler, feiner Sohn, dessen Vater für Deutschland gefallen ist, und der seit seiner Geburt im Christentum erzogen ist und wahrhaft darin gelebt hat, noch einmal 'zurückgestellt'."

Erinnerungen an eine dunkle Zeit: Helene Grandels Eintrag vom November 1941 (Fotografie im Privatbesitz)
Ab dem Jahr 1937 im Polizeipräsidium am Prinzregentenplatz 1 untergebracht, nutzen die rund 30 Beschäftigten der Augsburger Gestapo im Folgejahr ein arisiertes Gebäude in der Prinzregentenstraße 11. Die jüdischen Vorbesitzer fliehen zuvor in die USA.

Im zweiten Kriegsjahr suspendiert und zur Außenstelle der Leitstelle München erklärt: Die auf 100 Mitarbeiter angewachsene Staatpolizeistelle Augsburg - Juni 1941 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 58/5875, S.290)

"Evakuierung von Juden nach Riga": Deportationsliste aus dem Staatspolizei-Bereich München - 15. November 1941 (Staatsarchiv München: "'... verzogen, unbekannt wohin' - Die erste Deportation von Münchener Juden im November 1941", Dokument 12 - 2000)
Video: Albert Gemmecker: Massen-Deportation von Gefangenen durch die SS - 1942
Zu dieser im November 1941 durchgeführten Juden-Abschiebung nach Polen heißt es:
"Mit der ersten Deportation von Juden aus Bayern wurden am 20.11.41 aus München und Augsburg 998 Menschen nach Kowno verschleppt. Unmittelbar nach der Ankunft, am 25.11.41, wurden die Deportierten zusammen mit Juden aus Berlin und München, insgesamt 2934 Menschen, vom Einsatzkommando 3 der Einsatzgruppe A des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD im Fort IX außerhalb von Kowno erschossen." (statistik-des-holocaust.de: Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich, München-Augsburg nach Kowno)
In einer weiteren Schilderung heißt es zu dieser ersten Augsburger Deportation:
"Am 23. Oktober 1941 verbot das NS-Regime Juden die Auswanderung, womit das Schicksal derer, die die Emigration nicht realisieren konnten, besiegelt war. Mitte November (-1941-) kamen die ersten Deportationsbefehle und die Kultusgemeinde wurde gezwungen, den Transport mit zu organisieren. 20 Männer, Frauen und Kinder wurden am 22. November 1941 von Augsburg über das Sammellager Milbertshofen bei München nach Kowno/Kaunas in Litauen transportiert. Niemand hat die Deportation überlebt. Unter ihnen befand sich auch Eugen Luchs mit seiner Frau Else und den beiden Töchtern Alice und Sofie. Diese Deportation sollte, wie sich in den 1950er Jahren herausstellte, eigentlich nach Riga gehen und nicht nach Kaunas. Das Ghetto in Riga war aber zu diesem Zeitpunkt überbelegt. Die Transportliste beinhaltete insgesamt 1.060 Namen, da auch Ersatzleute nominiert werden mussten, vorgesehen waren allerdings 1.000 Personen. Mit 1.000 Menschen war der Transport nach Kaunas der größte aus München. Es gab auch bestimmte Kriterien, nach denen die Transportteilnehmer ausgesucht wurden, so waren nur Juden unter 65 Jahren vorgesehen, Familien sollten nicht getrennt werden. Verschont blieben ausländische Juden, diejenigen die hohe Kriegsauszeichnungen vorzuweisen hatten und Juden aus 'Mischehen' oder auch 'Mischlinge'. Anhand dieser zu beachtenden Punkte musste die Münchner Kultusgemeinde die Liste innerhalb weniger Tage zusammenstellen. Die Transportteilnehmer bekamen auch eine Liste der Gegenstände, die sie mitnehmen mussten, und ihr Gepäck durfte das Maximalgewicht von 50 kg nicht überschreiten. Außerdem mussten die 'Reisekosten' von den Juden selbst übernommen werden, wer dazu nicht in der Lage war, für den musste die Kultusgemeinde aufkommen. Zusätzlich musste jede Person noch 50,00 RM in bar an die Gestapo zahlen. Die Gestapo behielt die Papiere der Juden ein und sortierte außerdem alle Gegenstände aus dem Gepäck aus, die sie für nicht notwendig hielten, welche dann später zugunsten des Deutschen Reiches versteigert wurden. Bei diesem Transport, der vermutlich schon einige Tage früher hätte stattfinden sollen, wurden fast alle Insassen des Lagers in Milbertshofen deportiert." (gedenkbuch-augsburg.de: Biographie Eugen Luchs)

Deportationszug am Bahnhof Milbertshofen bei München: Gepäckverstauung durch zivile Hilfskräfte der jüdischen Kultusgemeinde unter Aufsicht der Geheimen Staatspolizei - 19. November 1941 (StadtAM: DE-1992-FS-NS-00015 / o.Ang. + Stadtarchiv München: "'... verzogen, unbekannt wohin' Die erste Deportation von Münchener Juden im November 1941", S.23 - 2000)
"Die genaue Strecke, die sie damals fuhren, ist heute nicht mehr rekonstruierbar; nach drei Tagen Zugfahrt erreichten sie (-am 22.11.1941-) Kaunas. Von dort mussten sie zu Fuß etwa sechs Kilometer zum Fort IX laufen. Die Forts, die um Kaunas liegen, stammen noch aus der Zarenzeit und dienten ehemals als Befestigungsanlagen, um sich vor deutschen Überfällen zu schützen und um Kriminelle zu inhaftieren. Von den Deutschen wurden sie dann in Hinrichtungsstätten für Juden umgewandelt. Noch bevor die Deportierten (-aus München-) ankamen, wurden gerade in Fort VII und IX Tausende litauische Juden ermordet. In schäbigen Arrestzellen im Fort IX wurden dann die Juden aus München und Augsburg eingesperrt. Am 25. November 1941 wurden alle Deportierten von Angehörigen des Einsatzkommandos 3 erschossen und die Leichen der Ermordeten in bereits ausgehobenen Gräbern verscharrt." (gedenkbuch-augsburg.de: Biographie Eugen Luchs)
Nicht nur aus Berlin und Bayern treffen zu diesem Zeitpunkt Deportationszüge in Kowno/Kaunas ein:
"Der Zug mit den Männern, Frauen und Kindern verließ Frankfurt (-a. M.-) am 22. November (-1941-) und traf wenige Tage nach der Ankunft von Juden aus Berlin und München (-am 25.11.1941-) in Kaunas ein. Nachdem die Deportierten am Bahnhof Kaunas vom 11. Deutschen Polizeibataillon und von Litauischen Helfern aus dem Zug befohlen worden waren, mussten sie sechs Kilometer durch die Stadt und entlang des Ghettos zum Fort IX marschieren. Kurz nachdem sie ihr Ziel am 25. November 1941 erreicht hatten, wurden sie zu Gruben geführt und von Männern des Einsatzkommandos 3, der Deutschen Ordnungspolizei und Litauischen Helfern ermordet - Dies war die erste Massenerschießung von deutschen Juden überhaupt." (collections.arolsen-archives.org: Sig.1.2.1.1 - Deportation von Frankfurt/Main nach Kaunas, 22.11.1941)
Trotz der Unwissenheit über das genaue Schicksal der bereits nach Polen deportierten und ermordeten Augsburger Juden kämpft Helene Grandel um ihren in Augsburg wohnenden Sohn und bedient sich dabei notgedrungen der nationalsozialistischen Logik der Rasselehre. Seit 1935 gelten im III. Reich die Nürnberger Rassegesetze, die politische Judenfeindlichkeit wird hier bereits nach nur zwei Jahren Regierungsverantwortung um den biologischen Antisemitismus erweitert.

In Trauer um ihren verfolgten Sohn: Helene Grandel - 1942 (Fotografie im Privatbesitz)
30. März 1942
Die Mutter von Hans Winternitz notiert in ihrem roten Erinnerungsbuch für das Jahr 1942 rückblickend:
"Am 30. März dieses schmerzlichen Jahres (-1942-), an seinem 30. Geburtstag, erhielt mein feiner, edler Sohn, dessen Vater für Deutschland (-1914-) gefallen ist, zum 2. Mal den Befehl der geh.(-eimen-) S.(-taats-)P.(-olizei-) zur Ausweisung nach Polen. Diesmal gab es keine Rettung. Er wollte sich zu Gott retten und vergiftete sich am 2. April. Als er gelähmt im Krankenhaus lag, erschienen in unserer Wohnung sieben Männer von der geh.(-eimen-) S.(-taats-)Pol.(-izei-), um ihn in diese Hölle menschlicher Qualen zu holen. Er hat unschuldig übermenschliche Qualen erduldet, sein junges Herz ist das Herz eines Helden.
'Wisset, ein Held sein zum Tode ist schwer und herrlich. Schwerer und herrlicher ist ein Held sein im Leben.'" ("Monatsschrift für das Deutsche Geistesleben", S.770 - 1929)

Helene Grandels Erinnerungsbuch: Schmerzlicher Rückblick auf das Jahr 1942 (Fotografie im Privatbesitz)
Hans Winternitz wird unter Beteiligung der im Haus mitwohnenden Krankenschwester Frau Sommerer in das städtische Krankenhaus verbracht. Die Nationalsozialisten scheuen sich hier offenbar, den unter starken Vergiftungserscheinungen stehenden Patienten unter den Augen der Öffentlichkeit nach Polen zwangszudeportieren. Der Deportationszug verläßt ohne Hans Winternitz den bayrischen Bahnhof.

Mit starken Vergiftungserscheinungen im städtisches Krankenhaus: Hans Winternitz - März 1942 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Theodor Junge, Augsburg)
Zu diesem Transport wird berichtet:
"In den frühen Morgenstunden des 4.4.42 verließ dieser Transport mit 774 Juden aus Oberbayern und Schwaben das Sammellager Milbertshofen in München. In Regensburg kamen weitere 213 Personen hinzu, davon 43 aus Niederbayern, so dass insgesamt 987 Menschen in das Getto von Piaski im Distrikt Lublin des Generalgouvernements deportiert wurden." (statistik-des-holocaust.de: Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich, München-Augsburg-Regensburg nach Piaski)
Nach anwaltlicher Beratung schreibt Helene Grandel im April 1942 an den Gauleiter Karl Wahl ein Gesuch:
"Mein erster Mann war Volljude im Sinne des Paragraphen 5. Ich selbst bin Mischling ersten Grades im Sinne des Paragraphen 2 der 1. RVO. zum Reichsbürgergesetz.
Ich bin die Tochter des Raffael Willner, geb. am 13.11.1850, gest. 10.9.1908 (Volljude) und dessen Ehefau Marie, geb. Fleischner, geb. am 11.11.1850, gest. am 8.3.1919 (Arierin). Ich bin evangelischen Bekenntnisses. Mein Sohn Hans Winternitz, der Jude im Sinne des Paragraphen 5 der 1. RVO. zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 ist, aber doch nur zu 75% abstammungsmäßig Jude, lebt mit mir und meiner Tochter aus 2. Ehe, Gerlinde Grandel, die im Sinne des Paragraphen 2 Abs. 2 der 1. RVO zum Reichsbürgergesetz jüdischer Mischling ist, aber nur mit 25% jüdischem Anteil, in einem gemeinsamen Haushalt.
Da der Unterhaltsbeitrag (70 Mark), den mein 2. Ehemann im Hinblick darauf, daß unsere Ehe aus seinem alleinigen Verschulden geschieden ist, leistet, zur Bestreitung der Kosten unserer Lebsucht nicht hinreichte, war ich und bin ich auf den Unterhaltsbeitrag angewiesen, den mein Sohn Hans Winternitz in Erfüllung der gesetzlichen Unterhaltspflicht an mich leistet. Auf diesen Unterhaltsbeitrag bin ich umso mehr angewiesen, als, wie ich hörte, mein zweiter Mann sich von seiner jetzigen Frau (-Magda, geb. Pachaly-) wieder scheiden lassen will und beabsichtigt, eine neue Ehe (-mit Gertrud Hubricht-) einzugehen, sodass mit der Möglichkeit zu rechnen ist, dass er im Hinblick auf Paragraph 66ff. 96 EHG eine Herabsetzung seiner Unterhaltsleistung unter Bezugnahme auf Paragraph 323 ZPO. anstreben und durchsetzen wird.
Nach einer mir gewordenen Mitteilung soll die Abstellung von Juden, die in einer sogenannten bevorzugten Hausgemeinschaft leben und gegenüber Personen, die für die Abstellung nach Polen nicht in Frage kommen, unterhaltspflichtig sind, nicht erfolgen. Ich bitte deshalb unter Berücksichtigung meiner besonderen Verhältnisse die bisherige Stellungnahme einer Nachprüfung zu unterziehen und wenn möglich, von der Abstellung meines Sohnes Hans Winternitz im Hinblick darauf, daß ich sonst möglicherweise der öffentlichen Fürsorge anheimfiele, Abstand zu nehmen."

Aus der Kampfzeit mit der Augsburger Familie Grandel gut bekannt: Schwabens Gauleiter Karl Wahl und Reichskanzler Adolf Hitler - 21. November 1937 (Wahl: "Aus Liebe zu Deutschland", S.112/4 - 1997)
Hans Winternitz mit Mutter Helene, gesch. Grandel in der Bürgermeister-Fischer-Str. 5 - 1941 (Fotografie im Privatbesitz)
Die amtlichen Formulierungen, wie "Abstellung", "Evakuierung" oder "Umsiedlung" nach Polen, bedeuten 1942 für die Zwangsdeportierten zu einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit den Tod in den Gaskammern der östlichen Konzentrationslager. Auf der Berliner Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 wird vom nationalsozialistischen Verwaltungsapparat die politisch vorgegebene "Endlösung" der Judenfrage besiegelt. Auch, wenn diese industrielle Menschenvernichtung in ihren Ausmaßen den wenigsten Deutschen bekannt ist, scheint Hans Winternitz eine Ahnung davon zu besitzen, was ihn im Osten erwartet.
29. April 1942
Hans Winternitz schreibt an seine Halbschwester Christine Gandel:
"Frau Dr. Reisert war gestern in München und sprach kurz mit Micha, die natürlich auch nicht mehr wusste und, wie wir, wartet und wartet. Kremer will heute mit (-dem Sachgebietsleiter im städtischen Arbeitsamt, Georg-) Achatz telefonieren, ich glaube aber nicht, dass da schon etwas geschehen ist, nachdem mein Gesuch ja gestern erst in München eingelaufen ist. A.(-chatz-) wollte auf Grund dieses Gesuchs die Gestapo bitten, so lange nichts zu unternehmen, wie eben dieses Gesuch läuft."
12. Mai 1942
Im Frühjahr 1942 holt sich Hans Winternitz eine persönliche Sterndeutung ein. Seine Münchener Freundin Micha(-ela-) notiert in einem Brief an ihn:
"Die Planetentant(-e, Astrologin-) hatte doch gesagt, dass um Mitte Mai für Dich besonders gute Konstellationen im Umgang mit Behörden etc. vorliegen. Pass mal auf, das hat so sein sollen, dass der Olle erst jetzt, nun tatsächlich Mitte Mai, mit dem Mann im Ministerium darüber sprechen kann."
13. Mai 1942
Hans Winternitz schreibt an seine Halbschwester Christine Gandel:
"Vielen Dank für Euren lieben Brief und die viele Mühe, die Ihr Euch mit Eurer missratenen Mischpoche macht! Wisst Ihr, was (-Georg-) Achatz zu Kremer (-Firma Renk-) sagte, als ihm der Letztere von dem Gesuch an (-Reichsinnenminister Wilhelm-) Frick erzählte? Je höher die Stelle ist, an die man sich wendet, desto aussichtsloser! Das leuchtet dem Laien natürlich nicht ein, aber fast glaube ich es. Und zwar deshalb, weil so etwas, also wenn so ein Hoher wirklich etwas tut, nie geheim bleibt und der sich dann natürlich überhaupt nicht mehr retten kann. Ganz abgesehen davon, dass ja gerade H.(-itler-) das Prinzip, es gibt keine Ausnahmen, aufgestellt hat und dann schwerlich ausgerechnet selbst dagegen verstossen wird. Natürlich werden wir alles tun und sind dankbar, wenn die fremden Menschen sich dieser Sache überhaupt annehmen wollen. Nur ist Herrn H.(-itler-) gegenüber natürlich auch einige Vorsicht am Platz, er braucht m. E. nicht zu wissen, wie nett z. B. der hiesige (-Gauleiter-) K.(-arl-) W.(-ahl-) zu mir bis jetzt war und was so damit zusammenhängt. Das wäre natürlich in München mit diesen Leuten selbst zu besprechen.
Inzwischen ist ja die Berliner Sache in greifbare Nähe gerückt, nächste Woche um diese (....)"

"Je höher die Stelle ist, an die man sich wendet, desto aussichtsloser!": Dr. Wilhelm Frick - 1927 (Illustrierter Beobachter, Nr.6, S.84 - "Dr. Fricks 50. Geburtstag" v. 1927)
28. Mai 1942
Hans Winternitz schreibt an seine Halbschwester Christine Gandel:
"Gestern war (-Arthur-) Piechler da um mir zu sagen, daß er guter Hoffnung im allgemeinen und , in meinem Fall im besonderen, sei. Nur soll ich mich so unsichtbar als möglich machen. Auch in seinem Fall kamen die Vorstöße der offiziellen Stellen immer nur auf Angriffe seitens Privater, also wenn irgendwo von ihm etwas mit Erfolg aufgeführt wurde und es Neider gab. Darum rät er mir, mich möglichst wenig zu zeigen und so nicht der Anlaß zu sein, daß sich liebe Zeitgenossen über meinen Müßiggang, bzw. überhaupt über mein Vorhandensein aufregen. Da hat er vollkommen Recht, wenngleich es natürlich wahnsinnig schwer ist. Denn, wie ich neulich zum Zahnarzt fuhr, traf ich Herrn Tiefenbach (der Gauner, der mal in der Haagstr. bei uns im Haus wohnte) und so einer dünkt mich gefährlicher, als es mir beispielsweise werden kann, meinetwegen eine Woche lang täglich ins Theater zu gehen. Es bleibt also nichts als weiter zu warten, und für jeden Tag froh zu sein, an dem nichts Schlimmes passiert."
2. Juni 1942
Hans Winternitz schreibt an seine Halbschwester Christine Gandel:
"Hoffentlich kommt jetzt Herr Wagenseil bald und holt alles ab, denn ich möchte mich nicht bootschiebend durch Augsburs Hauptstrassen bewegen, das wäre an einem so schönen Tag, wie heute, vielleicht doch zu aufreizend. Ich werde übrigens tagtäglich mehr Piechlers Meinung. Die Leute, die einen sehen, sind nämlich gar nicht unbedingt die gefährlichen. Aber das Gerede ist zu fürchten. Irgendwer erzählt ganz harmlos und wirklich ohne jegliche schlechte Absicht, dass er den W.(-internitz-) gesehen hätte und, dass es dem scheinbar wieder ganz gut ginge und das hört jemand, dem es aus weiter nichts als aus Neid nicht passt, dass es mir gut geht und so entstehen die anonymen Briefe an die Stellen, die wir nun mal fürchten müssen."
8. Juni 1942
Hans Winternitz schreibt an seine Halbschwester Christine Gandel:
"Alle übrigen 'Stellen' schweigen sich weiterhin hartnäckig aus, heute sind es übrigens genau 11 Wochen, daß der ganze Rummel losging. Am Lech war ich inzwischen nur 2x, es ist halt so dumm, weil einen so viel Menschen kennen. Andererseits genügt natürlich Frau Haffner allein, um mir jemanden auf den Hals zu hetzen. Bei Thosti (-Augsburger Firma Thormann & Stiefel-) hat schon mal jemand gefragt, 'wann kommt denn der W.(-internitz-) endlich wieder zu uns, dauernd fährt er in der Stadt umeinander!' Nun, vielleicht habe ich doch die längste Zeit schon gewartet."
28. Juni 1942
Hans Winternitz schreibt an seine Halbschwester Christine Gandel:
"Am letzten Donnerstag war ich wieder bei meinem Freund (-Gauleiter Karl Wahl-), der mich mit den Worten empfing: wie stets mit der Arbeit? Ich sagte ihm, daß mich Thosti (-Augsburger Firma Thormann & Stiefel-) sofort wieder einstellen würden, daß aber für (Dr. Adolf-) Frank die damalige Ablehnung (die er (-Wahl-) ja bestreitet) noch maßgebend sei. Darauf schickte er mich hinaus, telefonierte mit F.(-rank-), bestritt auch ihm persönlich gegenüber dessen Gesuch und sagte, er müsse sich das noch überlegen. Mich verwies er dann ans Arbeitsamt, wo ich vorgestern war, von Oberreg.(-ierungs-) Rat Dr. Mander gütig empfangen wurde, der mir dann nach einem Telefonat zur Gestapo sagte, daß ich Arbeit bekäme und zwar im Angestelltenverhältnis und, daß ich zufrieden sein werde. Was die beiden telefoniert haben, worauf sie noch warten usw., das weiß ich nicht. Sollte Dir überhaupt an der ganzen Sache manches unklar sein, so sei beruhigt - mir geht es nicht besser. Aber Tatsache ist wohl, daß sie 'droben' recht nett zu mir waren, sie hätten mir ja auch eine Einfahren können, daß mir die Sterne vor den Augen oder mindestens einer (-gelber Judenstern-) vor der Brust gefunkelt hätten! An dieser Stelle ist mir der rechtwinklig abgebogenen Zeigefinger 3 x auf Holz zu klopfen!"
Seine Mutter Helene Grandel notiert rückblickend:
"Mein Sohn Hans Winternitz galt nach den Nürnberger Gesetzen als Jude und wurde 12 Jahre von der GESTAPO in unvorstellbarer Weise gehetzt und gequält. Dreimal stand das Judenauto vor unserer Türe (-Bürgermeister-Fischer-Str. 5-), um ihn zur Zwangsarbeit bzw. Vergasung nach Polen zu bringen. Das erste Mal (-Deportationen von München: 999 Personen am 20.11.1941 nach Kowno/Kauen, Fort IX-) wurde er von seinem Direktor 'zurückgestellt'." (StaA München,Spruchk.Ka.1894 - Eingereichtes Verteidigung-Schreiben im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens bei der Spruchkammer Bayreuth: "Denkschrift" von Winifred Wagner, enthält als Entlastungsdokument unter dem Gliederungspunkt "5. Rassisch Verfolgte" das Bestätigungsschreiben von Helene Grandel-Winternitz)
Die Zuständigkeit für die Augsburger Deportationen liegt im Verantwortungsbereich von Anton Mahler, der von 1938 bis zum Dezember 1941 der lokalen Gestapo zugeordnet ist.
10. Juni 1942
Hans Winternitz schreibt an seine Halbschwester Christine Grandel:
"Von (-Georg-) Achatz hört man nicht viel, er kann erst aktiv werden, wenn das Gesuch irgendwie Beschieden ist, allerdings habe ich in dieser Richtung keine Hoffnung mehr. Eigentlich ist dies auch nicht so besonders wichtig, das Gesuch um Weiterbesch.(-äftigung-) bei Thosti (-Augsburger Firma Thormann & Stiefel-) wurde ja nur aus Angst gemacht, bzw. um einer evtl. Beschäftigung als Hilfsarbeiter vorzubeugen. Und ob Q. in der Lage wäre, mich im Falle einer neuerlichen Evakuierung herauszureißen, wie ihm das in Mchn. (-München-) bei einem Fall gelungen ist, das ist doch sehr zweifelhaft. Denn schließlich sind inzwischen wiederum einige Monate vergangen und man kann doch bloßen Auges verfolgen, wie sich alles zuspitzt und die Verhältnisse täglich schärfere Formen annehmen! Dies alles jedoch nur ganz unter uns. Ob von G. noch etwas zu erhoffen ist, Micha meinte ja, 'mindestens' brächte er die Auswanderungsgenehmigung mit, denn einmal müßte ich ja schließlich auch dieses erfahren."
Helene Grandel vermerkt über ihren Sohn:
"Das zweite Mal vergiftete er sich, konnte aber ins Leben zurückgerufen werden."(-Deportationen von München: 989 Personen am 3.4.1942 nach Piaski-) (StaA München,Spruchk.Ka.1894 - Eingereichtes Verteidigung-Schreiben im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens bei der Spruchkammer Bayreuth: "Denkschrift" von Winifred Wagner, enthält als Entlastungsdokument unter dem Gliederungspunkt "5. Rassisch Verfolgte" das Bestätigungsschreiben von Helene Grandel-Winternitz)
Hans Winternitz schreibt am 8. Juni 1942:
"Es gelang mir auch, sie aufzurichten, ich mußte ihr heilig versprechen, nie wieder so etwas zu tun, wie am 1. April (-1942-)."
28. Juni 1942
Im Zusammenhang mit seinem Krankenhausaufenthalt berichtet Hans Winternitz:
"Eines muß ich doch sagen: Kammersänger Hans (-Winternitz-) regte sich im Krankenhaus mal auf, als ein Arzt zu ihm sagte, 'wir wollen mal sehen': 'Hoifen solls ma, net sehn!' Als die Sommerin nach der Untersuchung des Bäuerleins zu dem auch sagte, wolln mal sehn, sagte ich zu Maid(-el Grandel-), die bei mir am Bette saß: helfen sollns ihm usw. Maid erzählte es der Sommerin und die war sehr beeindruckt von der Sache. A. drum!"
3. August 1942
Hans an Christel:
„Jedenfalls bekam ich am 11.7.(-1942-) die Aufforderung seitens des Arbeitsamtes, ich solle mich am 14.7. bei (-der Kissinger Fa.-) Weitmann vorstellen, zwecks Arbeitsaufnahme. Draußen (-in Kissingen-) erfuhr ich, dass genau an dem Tag, an dem ich die Zustellung vom Arbeitsamt bekommen hatte, Dr. Mander Herrn Weitmann anrief, um ihm zu sagen, die Gestapo mache noch Schwierigkeiten und Weitmann bekäme Bescheid. Am 18.7. war Kramer bei (-Oberregierungsrat-) Dr. Mander und erfuhr, dass die Gestapo die Genehmigung des Landesarbeiteramtes verlangt habe, die er telefonisch bereits habe. Sowie sie schriftlich vorliege, käme die Sache in Ordnung.(...) Alle Mutmaßungen sind völlig zwecklos, ob ich es als Opti- oder Pessimist betrachte, es bleibt einfach Mist und ich bin halt jetzt an jedem Tag, an dem nichts Schlechtes kommt, froh und dankbar. Es geschieht ja jetzt wieder so viel Schlimmes, dass man wieder recht bescheiden wird!"
13. August 1942
Hans an Christel:
"Die Arbeit ist verheerend, ich bitte dauernd Thosti ab, denn das war wirklich sehr gut gegen das, was ich hier tun muß. Vielleicht kann man am 4. Tag noch nicht endgültig urteilen, jedoch ist mir nicht klar, warum die mich eingestellt haben, denn, dass es insgesamt nicht viel Arbeit gibt, soviel versteh ich auch vom Wetter! Allerdings ist die Bezahlung mit RM 180,50 derart minimal, dass ich mir auch keine Gewissensbisse zu machen brauche, wenn ich hier sehr wenig arbeite, oder was sagsch Do? "
18. August 1942
Hans an Christel:
"Bei Woronesch - wo übrigens auch Heini Drescher liegt - muß irgend eine Augsburger Einheit liegen. Jeden Tag stehen welche drin, die bei Woronesch fallen. - Übrigens, jammern tu ich nicht, aber Du weißt ja, wie das geht. Mutter fragt mich, wie es war und dann sage ich eben der Wahrheit entsprechend und dann ist sie unglücklich. Daß es besser ist, hier in Kissing Zettel an die Waggons zu kleben, als etwa nach Polen evakuiert zu werden, oder siehe (-Todesanzeige-) links oben, das weiß ich doch selbst genau. Aber wenn ich nicht mit hipp hipp hurrah nachhause komme, dann ist gleich der Teufel los!"
Zettel kleben in Bad Kissingen: "Besser, als nach Polen evakuiert zu werden." - Juni 1942 (Fotografie im Privatbesitz)
2. September 1942
Hans klammert sich in dieser unsicheren Zeit an den Humor. In einem Brief an Christel notiert er:
„ER kommt in den Himmel und der liebe Gott trägt Petrus auf, doch ja recht auf IHN aufzupassen, weil ER sonst alles durcheinanderbringt, da heroben! Nach 14 Tagen fragt Gottvater den Petrus, was er denn mit IHM gemacht habe, man hört und sieht IHN ja überhaupt nicht? Oh, sagt Petrus, IHN habe ich fabelhaft beschäftigt, ich habe IHM einen Kübel Farbe gegeben und jetzt malt ER 'Jude' auf jeden Stern!"
14.+ 17. Dezember 1942
Hans an Christel:
"Heute Nachmittag geschah folgendes: Das Arbeitsamt rief an und wollte wissen, wieviel J.(-uden-) hier noch beschäftigt werden. Er sagte, es handle sich um eine Erfassungsaktion, vorläufig, damit sie wüßten, wieviel Ersatz sie uns im Falle einer Aussiedlung geben müßten. Es sei noch nicht so weit, schloß er. Davon erzählte ich natürlich zuhause nichts (...). Ich habe in solchen Reisemarken, die am 10.1.1943 verfallen, ca. 1000 g Fleisch, 200 g Butter und 120 g Käse. Könntest Du mir die in Militär-Urlauber-Marken umtauschen, die weiterhin gelten? Für alle Fälle wenigstens Fleisch und Butter, das andere ist nicht wichtig. Das ist mein Erspartes für so einen Fall und wenn ich es auch nicht hoffe, daß ich es so brauche, besser ist besser.(...) Dieses Telefonat hat bis jetzt keinerlei Nachwehen gezeitigt und den ersten Schrecken habe ich wohl überwunden! Eigentlich habe ich nie aufgehört, mit der Möglichkeit einer Wiederholung dieser Dinge zu rechnen, nur ist der Moment, in dem einem das, quasi amtlicherseits, in Erinnerung gebracht wird, einigermaßen schweißtreibend."
Mutter Helene berichtet:
"Das dritte Mal floh er nach Berlin, wo er 2 Jahre ohne Namen, ohne Wohnung und ohne Marken das Leben eines gehetzten Tieres lebte." (StaA München,Spruchk.Ka.1894 - Eingereichtes Verteidigung-Schreiben im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens bei der Spruchkammer Bayreuth: "Denkschrift" von Winifred Wagner, enthält als Entlastungsdokument unter dem Gliederungspunkt "5. Rassisch Verfolgte" das Bestätigungsschreiben von Helene Grandel-Winternitz)
Der Kontakt von Hans Winternitz zu Winifred Wagner wird von Helene Grandel in späteren Jahren hervorgehoben:
"In diesen Jahren höchster Verfolgung und Qual war ihm Frau Wagner eine mütterliche Freundin. Sie nahm ihn, den geächteten Juden, als Gast in ihrem Hause auf, bewirtete und beherbergte ihn in wahrer Nächstenliebe und versuchte, sich bei den ihr zugänglichen höchsten Stellen für sein tragisches Schicksal zu verwenden." (StaA München,Spruchk.Ka.1894 - Eingereichtes Verteidigung-Schreiben im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens bei der Spruchkammer Bayreuth: "Denkschrift" von Winifred Wagner, enthält als Entlastungsdokument unter dem Gliederungspunkt "5. Rassisch Verfolgte" das Bestätigungsschreiben von Helene Grandel-Winternitz)
Reichskanzler Adolf Hitler ist über die Jahre seiner Diktatur ein regelmäßiger Gast in Bayreuth. Winifred Wagner wird ihm gegenüber das Schicksal von Hans Winternitz angesprochen haben, zumal Adolf Hitler nach dem 1. Weltkrig mit dessen Stiefvater Dr. Grandel in enger Verbindung stand und Hans im Alter von sieben Jahren aus diesem Grunde vermutlich auch persönlich kannte.

Enges Verhältnis: Winifred Wagner (m.l.) und Adolf Hitler (m.) auf der Gedenkfeier zum 50. Todestag Richard Wagners - 13. Februar 1933 (BArch: Bild 183-R19549 / o.Ang.)
Das freundschaftliche Verhältnis Adolf Hitlers zu Winifred Wagner wird schon in den 20er-Jahren als eng bezeichnet. Der Parteiführer sucht nach dem 1. Weltkrieg früh die Nähe zum Hause Wagner. Auf seinem ersten Flug, den Gottfried Grandel im März 1920 für ihn zum Berliner Kapp-Putsch organisiert, führt die Flugroute den Doppeldecker nicht zufällig über Bayreuth hinweg.
Auch Hans Winternitz ist ein großer Bewunderer der klassischen Musik von Richard Wagner. Ob diese durch den Aufenthalt Hitlers bei den Grandels im Jahre 1919 geweckt wird, bleibt spekulativ. Zumindest dürfte Adolf Hitler bereits im Zeitraum von Januar bis August 1919 Hans am Augsburger Wohnsitz der Familie Grandel öfter begegnet sein, wenn man hier der Schilderung des westfälischen Wanderredners Heinrich Dolle folgt.
Im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens gegen Winifred Wagner erinnert sich Helene Grandel-Winternitz rückblickend:
"Sie tat es unter Einsatz ihrer eigenen Existenz und es ist mir nicht unbekannt geblieben, dass sie für ihre furchtlose und christliche Handlungsweise von höchster Stelle einen strengen Verweis und eine Verwarnung erhielt.
Es ist mir ein dringendes Bedürfnis, diese Tatsache zu bestätigen und ich bitte, meinen Angaben Glauben zu schenken und in der Beurteilung Frau Winifred Wagners größte Milde walten zu lassen.
Augsburg, den 26.3.46
Helene Grandel-Winternitz" (StaA München,Spruchk.Ka.1894 - Eingereichtes Verteidigung-Schreiben im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens bei der Spruchkammer Bayreuth: "Denkschrift" von Winifred Wagner, enthält als Entlastungsdokument unter dem Gliederungspunkt "5. Rassisch Verfolgte" das Bestätigungsschreiben von Helene Grandel-Winternitz)

Das letzte Foto: Hans Winternitz mit Freundin Hilde Herms aus Werder/Brandenburg, Kemnitzer Str. 4 - 1943 (Fotografie im Privatbesitz)
12./14. Dezember 1944
Wehrpass: Hans an Helene Grandel
"Ich habe ja immer noch eine leise Hoffnung, dass es doch nicht mehr sehr lange dauert, denn wenn sie mal durchbrechen, dann geht es bestimmt so wie in Frankreich, oder wenigstens fast so. Aber freilich, bis jetzt sind sie halt noch nicht durchgebrochen.(...) Vorher muß ich Dir allerdings noch Unannehmlichkeiten bereiten und das stellt gewissermaßen das dicke Ende dieses Briefes dar. Es ist allerdings von ganz eminenter Wichtigkeit und ich kann es kaum erwarten, bis dieser Brief in Deine Hände und damit - hoffentlich - die Sache ins Rollen kommt. Es ist kein Tag, ja keine Stunde zu verlieren! Sei so gut und setze Dich mit der Frau Ziegler in Verbindung und bitte sie, falls sie mit dem Kiderle noch befreundet ist, sich in folgender Angelegenheit bei ihm zu verwenden: K.(-iderle-) hat einen Wehrpaß, aus dem hervorgeht, dass er nicht eingezogen wird. Wenn er nun sagt, er habe ihn verloren, oder, noch besser, er sei ihm verbrannt, dann bekommt er anstandslos einen neuen, kann den seinigen mir schicken, der hier mit meinem Bild versehen wird und - ich bin gerettet. Da ist mit wenigen Worten unendlich viel gesagt. Was für mich von dem Gelingen abhängt, ist unbeschreiblich. Ich habe natürlich keine Ahnung, wie er sich dazu stellt. Im ersten Moment wird er wohl etwas vor den Kopf gestoßen sein. Dann kannst Du ihm sagen (oder Frau Ziegler), dass ich ja bereits so ein Papier in Händen habe: Den Studentenausweis von Steffen. Kurt (-der Ehemann von seiner Halbschwester Christine Grandel-) hat mir seinen (-Protektorats-)Paß nicht gegeben. Steffen hat mir diesen Ausweis völlig von sich aus angeboten - zweimal hat er (-der Ausweis-) mir bereits unschätzbare Dienste geleistet. Kann sein, daß ich damit auch weiterhin Glück habe, es kann aber auch sein ... Die Kontrollen sind denkbar oberflächlich, wenn sie einen Wehrpaß sehen, dann schauen sie kaum hinein. Es ist also ganz ausgeschlossen, daß dadurch für Kiderle etwas Unangenehmes entstehen kann, ganz abgesehen davon, daß mit zunehmender Verschärfung der Kriegslage wohl die Kontrollen häufiger werden, jedoch die Möglichkeit geringer wird, jedem einzelnen Fall mit echt deutscher Gründlichkeit nachzugehen. Will sagen, daß ich es für völlig unmöglich halte, daß die von Augsburg z.Z. sofort nach Berlin Meldung erstatten und daß dann gleichzeitig alle Kontrollorgane sofort wissen - auswendig wissen - daß der Wehrpaß Nr. soundsoviel, auf Herrn K(-iderle-) lautend, ungültig ist. Und wenn ja etwas kommen sollte, bleibt ihm immer noch zu sagen, daß er ihn verloren hat. Freilich ist mir lieber, er sagt, der Paß sei verbrannt oder ins Wasser gefallen oder sonst was, was der totalen Vernichtung gleichkommt, um eben zu vermeiden, daß etwa Ermittlungen nach ihm angestellt werden. Ich bin jedoch fest der Meinung, daß die heute keine Zeit zu sowas haben. Wie gesagt, es hängt unendlich viel für mich davon ab und ich bange sehr, wie seine Antwort wohl ausfällt. Ich hätte ebensowenig gedacht, daß mir Kurt diese Bitte rundweg abschlägt, als ich geglaubt hätte, daß mir Steffen diesen unschätzbaren Dienst völlig von sich aus anbietet. Dazu kommt noch, daß so ein Studikerausweis zwar eine gute Sache ist, daß er aber kein Militärpapier darstellt, sodaß die Gefahr für den Steffen, dabei (-durch kritischere Kontrollen-) hereinzufallen, weitaus größer ist, als es für den Kurt gewesen wäre, wenn er mir seinen Paß gegeben hätte. Denn es kann natürlich schon mal einer stur Militärpapiere verlangen, während ein Protektorats-Paß (-für Böhmen u. Mähren-) hieb- und stichfest ist. Der Wehrpaß von K.(-iderle-) ist es aber auch. Wie schon gesagt, suchen die bei Kontrollen doch nur Leute ohne Papiere und sind, wenn einer seinen Wehrpaß zückt, schon zu 50% befriedigt. Wenn dann noch dazu eine Bemerkung drin ist, wie im Wehrp.(-aß-) vom Kiderle, dann interessiert sie der Fall überhaupt nicht mehr, soviel Erfahrung habe ich bereits gesammelt. Wenn es Kiderle nicht macht, dann werden wir uns deswegen auch nicht aufhängen. Ich kann zu meinem Ausweis volles Vertrauen haben, nur sind eben die Möglichkeiten, die sich mir dann bieten würden, wenn ich den Wehrpaß hätte, unbeschreiblich und die kommenden Monate werden doch allerhand Anforderungen an uns stellen. Vor allem wird es gut sein, wenn man ein klein wenig beweglicher ist, als ich das jetzt bin. Wenn ich im Umkreis von wenigen Kilometern um die hiesige Universität mit einem Ausweis derselben angetroffen werde, dann spricht das natürlich auch mehr oder weniger für die Richtigkeit der Sache. Weiter außerhalb ist das natürlich schon wieder etas anderes. - Hoffentlich bereite ich Dir nun mit dieser ganzen Sache nicht allzuviel Ungelegenheiten und Herzklopfen. Den Versuch muß man unbedingt machen und zwar so bald, als nur irgendmöglich. Sowie es den Feinden gelingt, irgendwo durchzubrechen, wird sich ja die Ordnung hier sowieso immer mehr auflösen, ja, vielleicht wird schneller als wir denken die Nord-Süd-Verbindung überhaupt unterbrochen und somit die Möglichkeit genommen, umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Das mußt Du Kiderle gegenüber sehr betonen.
Gestern hieß es, sie seien bei Aachen an einigen Stellen in unser Hauptkampffeld eingebrochen - vielleicht gelingt jetzt, was 3 Wochen lang vergeblich versucht wurde! Es ist in dem Krieg immer alles anders gekommen, als man es angenommen hat. Ich hätte es nie und nimmer für möglich gehalten, daß die Anglo-Amerikaner den Atlantikwall durchbrechen und hätte ebensowenig geglaubt, daß der Westwall ein ernstliches Hindernis für sie bedeuten würde, geschweige denn, daß er sie Monate lang aufhält. Vielleicht geht auch die weitere Entwicklung anders, als wir es uns vorstellen. Ich meine, daß es jetzt, wo wir nicht mehr daran glauben, doch schneller geht. Mach Dir aus diesem Grunde auch wegen Kurt keine Gedanken. Jeden Augenblick kann etwas passieren, was wieder völlig neue Verhältnisse schafft.(...) Nachträglich ist mir noch eingefallen, ob es nicht klüger wäre, von einer Notlüge Gebrauch zu machen und ihm (Kiderle) zu sagen, sein Name, sowie seine Personalbeschreibung, würden aus dem Wehrpaß verschwinden und durch meine ersetzt werden, das müßtest Du eben herausfinden. Das ergibt sich daraus, wie er sich zur ganzen Angelegenheit grundsätzlich verhält. Es kann ja sein, daß er es derart grundsätzlich ablehnt, daß jedes weitere Wort überflüssig ist. Es kann aber auch sein, daß es eben einiger Überredung bedarf und in diesem Fall kannst Du ja auch von der obigen Notlüge Gebrauch machen. Insgesamt habe ich nicht allzuviel Hoffnung, aber versuchen muß man es wenigstens."
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"Eminent wichtig": Wehrpass der deutschen Wehrmacht - 1937 (Symboplbild Wikimedia Commons/Schwabe, Bernd - Datei: Amtsdokument Paul Fischer 1937 Leutnant Wehrpass Luftwaffe Seite 04 05 Passbild Fliegerschule Celle Angaben zur Person.jpg - Ausstellung v. 1935)
14. Dezember 1944
Mischlinge: Hans an Helene Grandel
"Von den eingezogenen Mischlingen kommen durchwegs gute bis hervorzügliche Nachrichten. Trotzdem traue ich dem Frieden nur halb, weil ich einfach nicht einsehen kann, warum dies geschieht, warum man die Leute aus teils wichtigen Positionen herausreißt, warum man sie unbedingt auf einen Haufen beisammen haben will.
Hier sind die arischen Frauen jüdischer Männer zur Fabrikarbeit erfaßt worden. Frau Fallmann arbeitet seit dieser Woche, obwohl sich das Büro, wo sie vorher war, die allergrößte Mühe gegeben hat, um sie behalten zu dürfen."
11. März 1945
Der Kampf um die Hauptstadt Berlin wirft seine Schatten voraus. Für Hans Winternitz besteht keine Möglichkeit mehr, die Reichshauptstadt zu verlassen. In einem letzten Brief schreibt er seiner Mutter Helene:
"Und nun leb' wohl. Halte auch diese letzte Zeit noch durch, damit nicht alles umsonst war. Im Herbst 1938 begann mit (-dem Attentat auf den Pariser Diplomaten-) Ernst vom Rath die Misere mit dem Theaterverbot, die sieben mageren Jahre sind also heuer zu Ende! Ich muß jetzt eilen, es bedarf keiner großen Worte. Du weißt, daß ich Dir danke und Dich immer wieder bitte, doch jetzt nicht den Mut sinken zu lassen, so schwer es auch sein wird, was uns noch bevor steht. Grüße Erich, ich danke auch ihm immer wieder für alles, was er Dir tut und daß er mir den Paß geschickt hat, ohne den ich mir das Leben überhaupt nicht vorstellen könnte. 1000 Grüße und alles, alles Liebe - Hans"
Doch alles Hoffen findet ein jähes Ende. In einem späteren Schreiben notiert Helene Grandel über ihren Sohn Hans:
"Fünf Minuten vor der (-russischen-) Einnahme Berlins wurde er beim Löschen, im Dienst für Andere, durch eine Handgranate getötet."
Die Nachricht vom Tod erreicht die Familie aufgrund der Nachkriegswirren erst mit einer zeitlichen Verzögerung.

Nachkriegsaufzeichnungen von Christine Grandels Ehepartner Kurt - Herbst 1945 (Fotografie im Privatbesitz)
Zu dem Kampfverlauf um die Reichshauptstadt Berlin heißt es in einer späteren Zusammenfassung:
"Nur in vergleichsweise zähen und verlustreichen Straßenkämpfen gelang es den Sowjets, in das Zentrum Berlins vorzustoßen. Am 30. April hissten Rotarmisten auf der Spitze des zuvor von Freiwilligen der französischen Waffen-SS Einheit 'Charlemagne' verteidigten Reichstags die rote Fahne mit Hammer und Sichel. Wenige hundert Meter entfernt hatte sich Hitler Stunden zuvor in seinem Bunker das Leben genommen, nachdem er erfahren hatte, dass ein letzter Entsatzversuch der deutschen 12. Armee unter General Walther Wenck (1900-1982) einen Tag zuvor bei Potsdam abgebrochen werden musste. Am 2. Mai 1945 streckten die letzten versprengten Wehrmachtsverbände in der Stadt ihre Waffen. Eine Woche darauf unterzeichnete der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, am 8./9. Mai im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte." (Digital auf dhm.de: Deutsches Historisches Museum, Berlin - Arnulf Scriba v. 14.5.2020)
In seinem Erinnerungsbuch fügt Kurt zum Tod von Hans einen Vers aus Rainer Maria Rilkes Buch von der Armut und vom Tode an:
"Denn er war keiner von den immer Müdern,
die freudeloser werden nach und nach,
mit kleinen Blumen wie mit kleinen Brüdern
ging er den Wiesenrand entlang und sprach.
Und sprach von sich und wie er sich verwende
so daß es allem eine Freude sei;
und seines hellen Herzens war kein Ende,
und kein Geringes ging daran vorbei.
Er kam aus Licht zu immer tieferm Lichte,
und seine Zelle stand in Heiterkeit.
Das Lächeln wuchs auf seinem Angesichte
und hatte seine Kindheit und Geschichte
und wurde reif wie eine Mädchenzeit."
In einem Brief vom 5. Dezember 1945 an seine "liebe Mutti" Helene bezeichnet Felix Grandel rückblickend ihren Sohn Hansi als seinen über "Jahre hindurch besten Freund und Jugendkamerad".
Dr. Grandel und das NSDAP-Hauptarchiv
(612-1941) Das Hauptarchiv der NSDAP ist in München bemüht, die eigene Parteigeschichte umfassend zu recherchieren.
Während Helene Grandel in Böhmen ihren Bruder Rudolf an die Geheime Staatspolizei der NSDAP verliert und ihr Sohn Hans Winternitz nach ihrer Auskunft "von der Gestapo in unvorstellbarer Weise gehetzt und gequält" wird, meldet sich ihr geschiedener Mann zu einem Besuch im NSDAP-Hauptarchiv in München an.
Die reichsweit geschalteten Suchanzeigen des nationalsozialistischen Archivwesens titelten zuvor:
"Männer schreiben Geschichte!"
Weiter heißt es in der Textanzeige des NSDAP-Archivs:
"Deutschland ist wieder ein Land der Ehre.(...) Wie war der Weg zu diesem Erfolg? Wie hat Adolf Hitler ihn begonnen, gewiesen, zum Ziele geführt? Wer waren all seine Mithelfer, was war ihr Tun, wie ihr Kämpfen, Entsagen, Hoffen, Glauben und Siegen?" (BArch Berlin: NS26/1923a)
Der frühe Parteigenosse Gottfried Grandel fühlt sich durch den Aufruf sicherlich angesprochen, doch unterliegt er als Hochgradfreimaurer dem Schweigeversprechen.

Politischer Schattenmann der frühen NSDAP: Gottfried Grandel - 1941 (Scherenschnitt im Privatbesitz des Sohnes von Gottfried Grandel)
So entsteht der Archiv-Kontakt durch den bereits vorliegenden Bericht von Karl Böhrer aus Augsburg. Dieser skizziert ausfürlichen den Gründungsverlauf der Augsburger NSDAP in seiner Niederschrift vom April 1941, die auch mit Hinweisen auf Dr. Grandel versehen ist.
(BArch Berlin: NS26/158 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Am 30. Juli 1941 wird Dr. Grandel schließlich im Münchener Hauptarchiv der NSDAP, Barerstraße 15, vorstellig.
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NSDAP-Hauptarchiv: Großraumbüro in der Münchener Barerstraße 15 - 1938 (BArch: Bild 119-05-43-14 / o.Ang.)
Auf Einladung des Parteigenossen und Oberreichsleiters Dr. Erich Uetrecht, der durch Verordnung von Rudolf Heß ab 1935 zuständig wird für das gesamte Archivwesen der NSDAP, erläutert Dr. Gottfried Grandel in der ersten Besprechung seine "Tätigkeit in der Kampfzeit". Auch die damit zusammenhängenden "Verbindungen mit führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens" finden von Seiten der Archivleitung besonderes Interesse.
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Dr. Erich Uetrecht - 1935 (BArch: Bild 119-11-06-11 / o.Ang.)
Das Hauptanliegen des Parteiarchivs schildert Dr. Uetrecht in seinem Schreiben gegenüber Dr. Grandel wie folgt:
"Sehr geehrter Herr Doktor!
Ich komme heute zurück auf Ihren Besuch im H.(-aupt-)A.(-rchiv-) am 30. Juli ds. Jhrs. (-1941-) Die Besprechung, die wir damals über Ihre Tätigkeit in der Kampfzeit und Ihre aufschlußreichen Verbindungen mit führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens führten, veranlassen mich,(...) Sie heute schon zu bitten, mir einstweilen die Gruppen und Personen namhaft zu machen, die zu Ihrer Zeit im Sinne des Für und Wider Einfluß auf die Bewegung ausübten.
Das Hauptarchiv hat nicht nur die Aufgabe, alles parteigeschichtlich wichtige Material zu sammeln, sondern auch die Unterlagen für die kommende Geschichtsschreibung der NSDAP und des neuen Deutschlands aufzubereiten. Hierbei ist es von besonderer Wichtigkeit, die Zeitgenossen, Zeugen und aktiven Mitarbeiter, sei es auf offenem Plane oder hinter den Kulissen, festzustellen, und sie soweit als möglich und notwendig, zur persönlichen Darstellung und Aufklärung zu veranlassen." (BArch Berlin: NS26/514, S.584 - Dr. Uetrecht an Dr. Grandel v. 22.9.1941)

NSDAP-Hauptarchiv in München: Archivieren für die "kommende Geschichtsschreibung" - 1938 (Bild 119-05-43-29 / o.Ang.)
Die erwünschten Angaben umfassen dabei nicht nur Dr. Grandels eigene aktive Tätigkeit und die Identität seiner engeren Weggefährten, sondern auch "Stellen und Personen, die dem gegnerischen Lager zuzurechnen sind". Letztere dürften darüber hinaus auch für die Gestapo von Bedeutung gewesen sein.
Weiter heißt es in dem Schreiben des Hauptarchivs an Dr. Grandel:
"Ihr ausführlicher Erlebnisbericht, dem wir mit besonderem Interesse entgegensehen, wird dann wohl ein anschaulich abgerundetes Bild der damaligen Situation vermitteln. Sie dürfen überzeugt sein, dass Sie unserer Arbeit einen grossen Dienst erweisen, wenn Sie dieser Bitte entsprechen." (BArch Berlin: NS26/514, S.584 - Dr. Uetrecht an Dr. Grandel v. 22.9.1941)
Doch die Geschichtsschreibung Dr. Uetrechts muss sich etwas gedulden; am 14. Oktober 1941 antwortet ihm Dr. Grandel:
"Leider konnte ich Ihr Schreiben vom 22. Sept. (-1941-) nicht eher beantworten, weil ich an einem schmerzlichen Rheumatismus darniederlag. Dieser ist nun seit ein paar Tagen behoben, und Sie werden den gewünschten Bericht in kurzer Zeit erhalten.
Mit freundlichen Grüßen und Heil Hitler!" (BArch Berlin: NS26/514, S.583a - Dr. Grandel an Dr. Uetrecht v. 14.10.1941)
Möglicherweise ist hier die bevorstehende Trennung von seiner jungen Frau Magdalena ein stressbedingter Auslöser für einen erneuten Rheumaschub.
Kurz darauf fertigt Gottfried Grandel vereinbarungsgemäß "einen eingehenden Bericht über die damaligen Verhältnisse" für das NSDAP-Hauptarchiv an, der insgesamt neun Maschinenschriftseiten umfasst und durch einen zweiseitigen Nachtrag Ergänzung findet. (BArch Berlin: NS26/514, Bl.583-599 - Dr. Gottfried Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 1941/42)
Seine Ausführungen zu den "Bemühungen für die Partei in den Jahren 1919 bis 1924", die Gottfried Grandel schließlich dem Parteiarchiv in zwei Teilen bis zum 6. November 1942 zukommen lässt, stellen den wichtigsten Beitrag zur rückwärtigen Betrachtung seines politischen Wirkens dar. Doch betont er zugleich in seinem ersten Schreiben:
"Leider fehlen mir fast alle Dokumente aus jener Zeit; teils sind Sie mir von der Kriminalpolizei weggeholt worden, teils sind sie bei dem Großfeuer meiner Fabrik in Augsburg im Juli 1926 (-7.7.1925-) vernichtet worden. Ich bin also fast ganz auf mein Gedächtnis angewiesen." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/Bl.1 - Dr. Grandel an Dr. Uetrecht v. 22.10.1941)

(BArch Berlin: NS26/514, S.586/Bl.1 - Dr. Grandel an Dr. Uetrecht v. 22.10.1941)
Die von Dr. Grandel dennoch recht umfassend gemachten Angaben sind den entsprechenden Gliederungs-Abschnitten der hier zusammengestellten Chronik thematisch hinzugefügt, wobei die Auflistung Dr. Grandels eine ganz offensichtliche Lücke aufweist:
Der international beachtete Thormann-Grandel-Prozess findet in seinem Archivbericht mit keinem einzigen Wort Erwähnung. Der 1924 misslungene Attentatsplan auf den Generaloberst Hans v. Seeckt, Chef der deutschen Heeresleitung, dürfte eine deutliche Zäsur in seinem privaten, beruflichen und politischen Leben dargestellt haben.
In den von ihm zum Ende seines Lebens verfassten Erinnerungen findet dieses für ihn einschneidende Erlebnis nur in einem kurzen Satz Erwähnung: Gottfried Grandel beklagt darin die mit dem Prozess entstandenen hohen Anwaltskosten.
Auch in Bezug auf seine Parteimitgliedschaft taucht aus heutiger Betrachtung eine Fragestellung auf:
Ist für Dr. Grandel bislang das NSDAP-Eintrittsdatum der 17. August 1920 mit der Nr. 1713 verifiziert (BArch Berlin: NS26/230), so behauptet Gottfried Grandel in seinem NSDAP-Archivbericht (Bl.2), bereits "im März 1920 Mitglied der 'Deutschen Arbeiterpartei' geworden" zu sein.
Eine weitere Ungenauigkeit ergibt sich in seinem Verhältnis zum Augsburger Dr. Otto Dickel. Hier scheint Dr. Grandel genau zu wissen, wie er formulieren und von wem er sich nachträglich zu distanzieren mhat, um nicht doch noch in das Visier der NS-Staatsverfolgung zu geraten.
Beispiele für den Drangsal dürften ihm bekannt gewesen sein: Die Verhaftung Dr. Dickels und die Ermordung des Reichsorganisationsleiters Georg Strasser kurz nach der Machtübernahme waren nur zwei Beispiele für die rigorose Vorgehensweise des NS-Regimes.
Manches seiner dem Archiv zur Verfügung gestellten Verschriftlichung mag aber auch in Andeutungen verhaftet geblieben sein. So ist von seinem inhaltlichen Schreibstil eine deutliche Zurückhaltung abzulesen, in den Vordergrund rückt er seine persönlichen Beiträge aus der sogenannten Kampfzeit nicht.
Anders verhält es sich bei seinem früheren Kampfgenossen Julius Rüttinger aus Nürnberg. Dieser betont in einem persönlichen Schreiben an Dr. Uetrecht:
"Am 19.4.(-1937-) werde ich 60 Jahre alt. Wenn nun das an sich auch kein Ereignis von besonderer Bedeutung ist, so möchte ich aber doch, wenn Ihnen möglich ist, in der Fränkischen Tageszeitung in Nürnberg unter Berücksichtigung des Ihnen vorliegenden Materiales von mir, einen Hinweis von Ihnen. Mich selbst dort anzubieten, liegt mir nicht.(...) Bitte ziehen Sie aus meinem Schreiben keine falschen Schlüsse. Ich habe bisher kein besonderes Aufheben um Verdienste gemacht, aber allzuviel frühere Bescheidenheit bringt uns paar Alte ohnedies bald in Vergessenheit." (BArch Berlin: NS28/887, S.277 - Julius Rüttinger an Dr. Uetrecht/NSDAP-Hauptarchiv v. 29.3.1937)
Max Neunzert (29.8.1892 - Windhöring, Bez.-Amt Altötting)
Der alte Kampfgenosse Gottfried Gtrandel setzt in der Konversation mit dem NSDAP-Hauptarchive andere Schwerpunkte. Bemerkenswert wirkt sein wiederholtes Interesse am Verbleib eines alten, von Adolf Hitler abtrünnigen, Weggefährten, des Diplom-Landwirts und Leutnant d. R. Max Neunzert:
"Gelegentlich unserer Unterredung in Ihrem Büro im Sommer 1941 frug ich Sie nach Max Neunzert, dessen wertvolle Tätigkeit für die Bewegung ich in meinem Erlebnisbericht hervorhob.(...) Es wäre mir sehr lieb, wenn Sie mir Neunzerts Aufenthalt namhaft machen könnten." (BArch Berlin: NS26/514, S.597/Bl.2 - Dr. Grandel an Dr. Bohl/NSDAP-Hauptarchiv v. 6.11.1942)

Max Neunzert - 1918 (Traunsteiner Tageblatt: "Die Czermak-Wehrung-Fehde und ihre Hintergründe" v. 25.2.2014)
Ob es sich hier um ein rein persönliches Anliegen Dr. Grandels handelt, bleibt unklar. Vermutlich eher nicht, denn da würde er sich hier mit einem deutlichen Hitler-Kritiker der gefürchteten Kontaktschuld aussetzen. Es scheint eher plausibel, dass er sich mit seinen gezielten Nachfragen des "Falles Neunzert" anzunehmen bereit erklärt.
Dr. Grandel schließt seinen 11-seitigen Archivbeitrag im November 1942 schließlich mit einem "innigen Wunsch" - an das NSDAP-Hauptarchiv schreibt er:
"Dafür freut sich mein Herz darüber, wie unsere Wehrmacht unter Adolf Hitlers Führung der deutschen Nation die Tore zur Entfaltung weit geöffnet hat; welche großartige Zukunftsmöglichkeiten!
Eröffnet sind 'Räume vielen Millionen, nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.' (Faust II. Teil)
Ich habe nur den innigen Wunsch, dass sich unser Volk einig und stark genug erweisen möge, um das Errungene festzuhalten und auszubauen.
Ich begrüße Sie mit
Heil Hitler!
Dr. Gottfried Grandel" (BArch Berlin: NS26/514, S.597/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 6.11.1942)
Auch Hitler erwähnt im Herbst 1931 in einer privaten Unterhaltung ähnliche Faust-Worte:
"Wir werden einmal über ungeheure Räume gebieten, für die Sicherheit ungeheurer Räume Sorge tragen müssen. Kann man das mit hunderttausend Mann, mit dreihunderttausend Mann? Millionen werden wir mobilisieren!" (Krebs: "Tendenzen und Gestalten der NSDAP", S.145 - 1959)
Doch nach nur zwei Wochen erfährt der "innige Wunsch" Gottfried Grandels eine schwere Erschütterung. Im seit 1941 wütenden Russlandfeldzug wird ab dem 19. November 1942 die verschlissene 6. Armee im hart umkämpften Stalingrad von frischen russischen Kräften in einer Zangenbewegung eingekesselt. Der verantwortliche General Paulus bittet um einen Ausbruchversuch, doch Hitler lehnt auch aus Prestigegründen ab, erneuert zudem am 23. November 1942 seinen strikten Durchhaltebefehl.
Ersatzkräfte sind für die bei Minus 40 Grad eingeschlossene Armee nicht in Sicht, die versprochene Luftversorgung gerät zum Debakel. Stattdessen ernennt Adolf Hitler schließlich am 30. Januar 1943 den eingeschlossenen General zum Generalfeldmarschall; ein Signal, dass er doch motiviert den Heldentod wähle. Einen Tag später kapituliert Paulus.
Von den rund 250.000 eingekesselten Wehrmachtsoldaten geraten noch 91.000 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nur 6.000 von ihnen kehren bis 1956 aus der Kriegsgefangenschaft zurück nach Deutschland.
Die Opfer auf russischer Seite sind erheblich höher und werden auf 400.000 Personen geschätzt.
Der ausschlaggebende Aspekt mag gewesen sein: Stalin untersagt der Zivilbevölkerung, die Stadt vor der anrückenden Wehrmacht zu verlassen. Nur so läßt sich für ihn der Kampfwille seiner Truppen aufrecht erhalten, die sonst die schon zu 90% eroberte Stadt vermutlich aufgegeben hätten.
Der Völkische Beobachter berichtet erst am 4. Februar 1943 über die militärische Katastrophe:
"Das Opfer der Armee war nicht umsonst. Als Bollwerk der historischen europäischen Mission hat sie viele Wochen hindurch den Ansturm von sechs sowjetischen Armeen gebrochen. Vom Feinde völlig eingeschlossen, hielt sie in weiteren Wochen schwersten Ringens und härtester Entbehrungen starke Kräfte des Gegners gebunden. Sie gaben damit der deutschen Führung die Zeit und die Möglichkeit zu Gegenmaßnahmen, von deren Durchführung das Schicksal der gesamten Ostfront abhing."
Die Niederlage von Stalingrad markiert unübersehbar den Wendepunkt in Hitlers Kriegsführung. In einer Nachbetrachtung drängen sich Parallelen zu seinem frühen Verhaltensmuster beim Erwerb des Völkischen Beobachters auf. Der Unterschied: Stalingrad ist weit entfernt, die Nachschublogistik wird überdehnt.
Zeigte sich schon beim Erberb des Völkischen Beobachters die Ungeduld eines wahnhaft Getriebenen in Kombination mit unbelehrbarem Größenwahn, so hatten nun diese Eigenschaften im militärischen Bereich ihre Grenzziehung gefunden, von der sich das NS-Regime nicht mehr erholen sollte. Der Jäger wurde nun zum Gejagten. Die russischen Ölfelder, mit denen Hitler den Krieg noch hätte verlängern können, bleiben außerhalb seines Einflussbereiches.
Noch im selben Jahr werden die NSDAP-Archivbestände vorausschauend aus München evakuiert.
Gottfried Grandels letzter Umzug: Freiberg/Sachsen
(613-1941) In seinem letzten Brief an das NSDAP-Hauptarchiv schreibt Gottfried Grandel am 6. November 1942 dem Leiter der Archivalien-Abteilung, Dr. Bohl:
"Indem ich den Empfang Ihres Schreibens vom 16. Oktober 1942 bestätige, teile ich Ihnen zunächst mit, dass ich meinen Wohnsitz aus Freiburg i. Br. nach Freiberg i. Sachsen verlegt habe." (BArch Berlin: NS26/514, S.597/Bl.1 - Dr. Grandel an Dr. Bohl/Hauptarchiv v. 6.11.1942)

Letzter Wohnsitz von Gottfried Grandel: Leipziger Straße 18 in Freiberg/Sachsen (Wikimedia Commons / Unukorno - Datei: Freiberg Leipziger Straße 18.jpg - Aufnahme vom 12.2.2015)
Unter dem Dach der Villa von der kurz zuvor verwitweten Gertrud Hubricht findet Gottfried Grandel nach der Trennung von seiner dritten Ehefrau Magdalena, geb. Pachaly, ein neues Zuhause. Ein weiterer Chemiker wohnt bereits in der feudalen Stadtvilla: Professor Dr. phil. Otto Brunck, Rektor der Bergakademie Freiberg.
Für Gottfried Grandel ist es der fünfte Wohnsitz innerhalb von 12 Jahren, doch geheitratet wird diesmal nicht: Der verstorbene Ehemann Emil Hubricht verfügt noch in seinem Testament, dass es bei einer neuen Verbindung seiner Frau zu finanziellen Einbußen käme.

Offiziell nur zu Untermiete: Gottfried Grandels Altersruhesitz in der Leipziger Straße 18 in Freiberg - 2024 (Fotografie im Privatbesitz)
Zu den in Sachsen wohnhaften Hubrichts unterhält Gottfried Grandel schon seit Beginn der 20er Jahre freundschaftliche Beziehungen. Nicht nur der mit Emil Hubricht gemeinsam verfasste Währungsplan von 1923 ist hier zu erwähnen, auch die ähnlichen Vorstellungen im völkisch-religiösen Bereich haben beide Männer anfangs zu Freunden werden lassen. Auch die Arbeit in deutschgesinnten Orden vereinte ihr Bestreben. In seinem Lebensrückblick schreibt Gottfried Grandel:
"Es ist bedauerlich, dass es für die Nichtchristen noch keine Kirche gibt, wo solche Feiern stattfinden können. Mein Freund Emil Hubricht bemühte sich so sehr um die Gründung einer neuen nichtchristlichen Religion und gab dafür viel Geld aus." (Lebenserinnerungen aus dem Privatbesitz des Sohnes und der Enkeltochter)

Gottfried Grandel: Über Jahrzehnte reger Kontakt mit der Familie Hubricht aus Sachsen (Fotografie im Privatbesitz)
In seinem Buchweiser für das religiöse Schriftentum und dessen Grenzgebiete hatte Emil Hubricht seine Zusammenstellung bereits 1934 in der Schriftenreihe für Junggermanische Religion und Weltanschauung herausgegeben. Unabhängig von den Aktivitäten des Verlegers ist in Freiberg auch der Firmenname Hubricht ein Begriff:
"Carl Hubricht begann 1873 mit dem Handel von Bettfedern, bevor er die Häuser Erbische Straße 2 und 4 und Fischerstraße 2 kaufte und zu modernen Geschäftshäusern umbaute. Seine Söhne Emil und Curt führten das Geschäft weiter. Hergestellt wurde Tischwäsche, Kinderwäsche, Stepp- und Daunendecken, Gardinen, Kleiderstoffe." (Lauterbach/Wirth: "Freiberg", S.105 - 2002)

Firma Hubricht: Teile der Belegschaft - 1925 (Lauterbach/Wirth: "Freiberg", S.105 - 2002)
Der Freiberger Kaufmann und Verleger Theodor Emil Hubricht, mit seinem Bruder Carl Mitinhaber der gleichnamigen Handelsfirma für Weißwaren- und Bettfedern, verstirbt jedoch am 18. Januar 1941.
Im daruf folgenden Jahr entschließt sich Gottfried Grandel, mit seinem jüngsten Sohn Ulrich zur Witwe Hubricht nach Freiberg in Sachsen zu ziehen. Die Ehe mit seiner dritten Frau Magdalena, geb. Pachaly, gestaltet sich zu Beginn der 40er-Jahre schwierig, es kommt zur Trennung. Nach den Schilderungen seines zweitjüngsten Sohnes konnten dabei zuletzt schon mal Einrichtungsgegenstände durch den Hausflur fliegen. Bei der Scheidung der Eltern werden schließlich auch die zwei jungen Brüder getrennt. Der 1936 geborene Sohn R. verbleibt bei seiner Mutter Magdalena, die nach der Trennung von Gottfied Grandel später bei der Familie ihrer Schwester in Stuttgart unterkommmen kann.
Der mittlerweile 65-jährige Gottfried Grandel bezieht 1942 schließlich die Räume seines zuvor verstorbenen Freundes Emil Hubricht in Freiberg.
Kurz darauf heiratet die jüngste Tochter Gottfried Grandels am 11. Juni 1943 in Berlin den Maschinenbau-Ingenieur Dr. Kurt B.; er ist jüdischer Abstammung. Zu der kleinen Hochzeitsfeier in der Reichshauptstadt ist Dr. Grandel nicht anwesend. Eine kurze Nachricht von ihm an seine Tochter ist aus diesem Zeitraum jedoch erhalten geblieben. Sie zeigt ein herzliches Foto auf einer kleinen, gelochten Fotobuch-Seite, mit seiner sich anschmiegenden kleinen Tochter Christl aus dem Sommer 1923. Seine damalige zweite Ehefrau Helene hatte dazu notiert:
"2 die sich lieben."
Vom 30. August 1943 ist von Gottfried Grandel darunter handschriftlich hinzugefügt:
"Es war einmal. Dein Vater"

"Es war einmal": Christine Grandel mit Vater Gottfried am Augsburger Gartenhaus - 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
Der Alltag in Sachsen ist für Gottfried Grandel gewöhnungsbedürftig. Ein Hausmädchen steht aus finanziellen Gründen nicht mehr zur Verfügung und so fühlen sich Gertrud Hubricht und Gottfried Grandel mit ihren fast 70 Jahren schließlich zu alt für die Erziehung des mittlerweile 5-jährigen Ulrich aus der dritten Ehe von Gottfried Grandel. Hinzu kommt die Gefahr alliierter Bomberverbände, die bereits ganze Städte des Deutschen Reiches in Schutt und Asche legen.
Auch Freiberg in Sachsen wird von den Fliegenden Festungen angeflogen: Am 7. Oktober 1944 laden zwei Dutzend amerikanische Fernbomber rund 60 Tonnen Sprengbomben über der Stadt ab. Von den 172 Toten sind 133 Frauen und Kinder, 1500 Freiberger verlieren ihre Wohnung. So wird der jüngste Sohn Gottfried Grandels im Zuge der Kinderlandverschickung noch vor Kriegsende von einer Pflegefamilie übernommen.
Die Tochter seiner in Augsburg verbliebenen Schwester Karolina Fratz (geb. Grandel), die 42jährige Rosa Krebs, erklärt sich als Betreiberin eines christlichen Freizeitheimes im allgäuer Oberstdorf bereit, ihren jüngsten Cousin Ulrich Grandel zu ihren eigenen acht Kindern mit aufzunehmen.
Bomber über deutschen Städten
(614-1943) Nachdem der Schrecken der Bomben von Deutschland in die Welt getragen wurde, kommt nun die Wucht des Krieges durch die alliierten Kriegsgegner zurück nach Deutschland.
Die Kriegsbegeisterung erfasst anfangs noch weite Teile der Bevölkerung. Gerade Männer wähnen sich in einem großen Abenteuer und wachsen durch die gesellschaftliche Anerkennung, die ihnen durch die Uniform zuteil wird, über die bisherige Stellung hinaus. Die Uniform wird zum Ausdruck des überzeugten Staatsbürgers. Sie dringt dabei in alle Bereiche der Gesellschaft vor, selbst zur Hochzeit darf sie nicht fehlen.

Anfängliche Begeisterung für die neue Technik des Krieges: Deutscher Bomberpilot im Cockpit - 1940 (Fotografie im Privatbesitz)
Der neue Freiburger Lebensmittelpunkt der jungen Familie Grandel bleibt, im Gegensatz zu Hamburg, in der ersten Hälfte des Krieges von größeren Bombenangriffen verschont. Im Oktober 1940 notiert Gottfried Grandel jedoch:
"Wir hatten es bisher in Fr.(-eiburg im Breisgau-) gut. Die Franzosen waren fabelhaft anständig, von Kriegsbeginn bis zum Beginn der großen Westoffensive haben sie keine Bombe abgeworfen, obwohl jeden Tag frz.(-französische-) Flieger über der Stadt waren. Das einzige Mal, am 10. Mai 1940, bombardierten sie Frbg. (-Freiburg-), am hellen Tage ganz überraschend, u. es gab viele Tote. Die Engländer waren nur in der ersten Septemberwoche über Frbg., ohne Bomben abzuwerfen, sie flogen jedesmal nach der Schweiz weiter." (Brief Gottfried Grandels an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann v. 15.10.1940)
Nach dem Krieg wird der vermeintlich französische Bombenangriff auf Freiburg genauer recherchiert. Dabei stellt sich heraus:
"Ab dem 10. Mai 1940 nahm das (-Kampf-)Geschwader (-51 aus Landsberg-) am Westfeldzug teil. Dabei kam es an diesem Tag zu einem schweren Irrtum: Drei Maschinen vom Typ He 111 der III. Gruppe waren vom Fliegerhorst Landsberg/Lech um 14:27 Uhr aus gestartet, um die französische Stadt Dijon oder das Ausweichziel Dole-Tavaux zu bombardieren. Durch Navigationsfehler verloren sie allerdings die Orientierung und kamen nie dort an. Sie waren zwar nicht in der Lage, ihre genaue Position zu bestimmen, hielten die Stadt unter sich allerdings für eine französische. Da die Freiburger Flugwache auf dem Hildaturm die Flugzeuge als deutsche identifizierte, wurde erst nach Beginn des Angriffs Fliegeralarm ausgelöst. Die Flugzeuge warfen ab 15:59 Uhr insgesamt 69 Bomben auf die Stadt ab. Dabei starben 57 Einwohner Freiburgs." (lexikon-der-wehrmacht.de/Gliederungen/Kampfgeschwader/KG51.htm)
Zum Verlauf dieses Angriffes wird im Kriegstagebuch des Geschwaders durch Kettenführer Leunant Seidel vermerkt:
"Nach dem Start in Landsberg mußte ich verschiedentlich blind fliegen. Ich bin offensichtlich vom Kurs abgekommen. Als ich nach Flugzeitberechnung in der Nähe von Dijon sein mußte, hatte ich zwar Bodensicht, fand aber die Orientierung nicht wieder. Ich hatte dann verschiedentlich Kurswechsel gemacht, um durch Wolkenlöcher die Bodenorientierung wiederzufinden. Plötzlich tauchte vor mir eine größere Stadt mit einem Flugplatz auf, ich erkannte Dijon und habe um X-Uhr meine Bomben auf den Flughafen geworfen. Wirkungsbeobachtung war wegen der Sichtbehinderung nicht möglich. Nach dem Abwurf habe ich Kurs auf Landsberg genommen, zuerst teils wieder Blindflug, dann unter den Wolken mit Bodensicht." (Dierich: "Chronik Kampfgeschwader 51 'Edelweiss'", S.83 - 2011)

Bei Kunstfliegern und Flugschülern sehr beliebt: Bayerische Kampfgeschwadergruppe bei der Ausbildung an der Focke-Wulf Fw 44 'Stieglitz' - 4. Oktober 1936 (Fotografie im Privatbesitz)
Die Sicherheitslage in Deutschland ändert sich während des Krieges zunehmend. Die Bedeutung des Resonanzgesetzes erhält für die deutsche Bevölkerung in den letzten Kriegsjahren einen grausamen Höhepunkt. Waren es deutsche Soldaten gewesen, die ab 1939 Krieg, Tod und Zerstörung in viele Länder der Erde getragen hatten, so schlägt nun die Wut der Überfallenen mit aller Härte auf das mittlerweile ausgezehrte Deutschland zurück. In dieser Phase fasst der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, einen verwegenen Plan. Hierzu wird rückblickend berichtet:
"(-Der Augsburger-) Ingenieur Willh. Messerschmidt, der hier als allfälliger Zeuge für weitere Gerichtsverfahren in Haft gehalten wird, hat Rudolf Heß für dessen berühmten Flug nach England im Jahre 1941 ahnungslos zu einem gut ausgerüsteten Flugzeug verholfen. Der bekannte deutsche Flugzeugkonstrukteur erzählte darüber folgende Einzelheiten: 'Im Spätherbst 1940 erklärte mir der Stellvertreter Hitlers in Augsburg, er wünsche ein neues Kampfflugzeug auszuprobieren. Anfänglich weigerte ich mich, aber Heß beharrte auf seinem Verlangen mit der Begründung, daß seine Position einen derartigen Wunsch wohl rechtfertige. Schließlich gab ich nach und erteilte Heß die Erlaubnis, eine ME 110 zu Versuchsflügen zu verwenden. Heß unternahm denn auch vom Augsburger Flugfeld aus etwa 20 Flüge. Er war übrigens ein ausgezeichneter Pilot. Aber nach jedem Flug verhöhnte er mich und meine Ingenieure über die Unzulänglichkeiten des Apparats und fragte uns über alle möglichen Einzelheiten aus.' Dies stachelte den Ehrgeiz der Ingenieure an, die sich bemühten, das Flugzeug zu vervollkommnen und dadurch - unbewußt - Heß zu einem für den Flug nach England geeigneten idealen Flugzeug zu verhelfen. So meinte Heß beispielsweise nach einem derartigen Versuchsflug: 'Das Kampfflugzeug ist ausgezeichnet, eignet sich aber nur für kurze Strecken. Ich wette, daß es alle Manövrierfähigkeit verlieren wird, wenn Sie in den Flügeln zusätzliche Tanks unterbringen.' - Bald darauf wandte Heß hinsichtlich einer weitreichenden Radioausrüstung dieselbe Taktik an. Seine Kritik reizte mich und so installierte ich eine entsprechende Radioausrüstung, um Heß zu zeigen, daß die Eigenschaften des Flugzeugs durch einen starken Radioempfänger und -sender keineswegs beeinträchtigt würden. So kam Heß allmählich zu einem Apparat, der dem Zweck seiner unangemeldeten Luftreise nach England entsprach. Am 10. Mai 1941 stieg Heß in Augsburg auf, nachdem er eine Fliegeroffiziers-Uniform ohne Abzeichen angezogen und seinen Flug unter dem Mädchennamen seiner Frau eingetragen hatte. Er flog nach Stavanger in Norwegen und schloß sich dort einer nach England fliegenden Bomberformation an; schon das allein war fiir einen Amateur eine beträchtliche Leistung. Die erste Nachricht über den Englandflug des Führer-Stellvertreters, fuhr Messerschmidt fort, erreichte mich am selben Abend in Innsbruck, als ich in einem Wirtshaus bei einem Glas Wein saß. Zwei Stunden später bestellte mich Göring telephonisch zu einer Besprechung nach München. Ich traf ihn in seinem Sonderzug im Münchener Bahnhof. Gekleidet in eine seiner Fantasieuniformen, wies der Reichsmarschall mit seinem Marschallstab auf meinen Bauch und brüllte: 'Soweit es Sie betrifft, Herr Messerschmidt, kann offenbar jedermann fliegen.' - Ich fragte ihn, was er meine, worauf Göring antwortete: 'Sie kennen diesen Burschen Heß sehr wohl.' - Darauf Messerschmidt: 'Aber Heß ist nicht gerade jedermann.' - Göring, sich etwas beruhigend: 'Sie hätten sich erkundigen müssen, bevor Sie einem solchen Manne ein Flugzeug übergaben.' - Messerschmidt: 'Wenn Sie in mein Flugzeugwerk kommen, müßte ich den Führer zuerst um Erlaubnis fragen?' -- Diese Frage brachte Göring erneut in Wallung: 'Das ist ein Unterschied; schließlich bin ich der Luftfahrtminister.' - Messerschmidt: 'Und Heß ist Hitlers Stellvertreter. - Göring: 'Aber Sie hätten sehen müssen, daß dieser Mann verrückt war.' - Messerschmidt: 'Wie hätte ich annehmen können, daß ein Wahnsinniger im Dritten Reich einen so hohen Posten einnehmen konnte? Sie hätten ihn entlassen müssen, Herr Reichsmarschall.' - Göring grinsend: 'Sie sind unverbesserlich, Messerschmidt. Gehen Sie zu ihren Flugzeugen zurück; ich werde Ihnen aus dem Schlammassel heraushelfen, falls Ihnen (-Heinrich-) Himmler Schwierigkeiten machen sollte.'" (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Zürcher Oberländer, Nr.110, S. - "Wie Heß Messerschmidt überlistete" v. 14.5.1947)
Da das innerdeutsche Aufbegehren gegen die nationalsozialistische Kriegs-Diktatur für die Alliierten nicht wahrnehmbar ist, schicken die Befehlshaber besonders zum Ende des Krieges massive Bomberverbände über Deutschlands Großstädte, um den Kriegswillen der Bevölkerung zu brechen. Die Zahl der zivilen Opfer ist hoch. Die Kapitulation wird schließlich auch über die Zerstörung der großen Städte herbeigebombt.
Zahlreiche Ziele werden von Ost-England aus mit großen Bomber-Verbänden angeflogen. Auch der süddeutsche Raum gerät in den Fokus der Fliegenden Festungen.

Anflug auf das Reichsgebiet: Britische Short Stirling - 1942 (BArch: Bild 183-S68817 / o.Ang.)
Einer dieser Angriffe findet am 7. Oktober 1944 statt. In Ost-England starten rund 1400 große B17-Bomber in Richtung Mitteldeutschland. Abgesichert werden sie von 900 Langstrecken-Jagdflugzeugen. Da die Stadt Brüx in Nordböhmen vermutlich künstlich eingenebelt wird, entscheiden sich die Verbände für die alternativen targets of opportunity: Zwickau, Dresden und Freiberg.
Augsburg, 1942
Der Krieg dauert länger, als erwartet. Während die Kriegswirtschaft im Deutschen Reich im dritten Kriegsjahr noch in geordneten Bahnen verläuft, frieren die Soldaten im russichen Winter. Die Deutsche Wochenschau von 1942 beschwört als wichtiges Propagandainstrument den Zusammenhalt und die bedingungslose Opferbereitschaft innerhalb der Volksgemeinschaft:
https://digitaler-lesesaal.bundesarchiv.de/video/5452/685426
Auf Wikipedia wird zu den Angriffen von 1942 berichtet:
"Der Luftangriff vom 17. April 1942 (Operation 'Margin') gilt als einer der waghalsigsten des gesamten Zweiten Weltkrieges. Ziel war das MAN-Werk. Das RAF Bomber Command wollte die Produktionsstätte von Schiffsdieselmotoren für U-Boote treffen und gleichzeitig die Fähigkeiten ihrer neuen Bomber vom Typ Avro Lancaster testen. Der unerwartet und präzise bei Tag tief im Feindesland ausgeführte Angriff sollte außerdem Angst und Schrecken verbreiten. Man versprach sich davon auf britischer Seite einen Propagandaerfolg. Augsburg wurde ausgewählt, da die am Lech gelegenen Fabrikhallen gut zu erkennen waren und die Stadt zu der Zeit nur einen relativ schwachen Flak-Schutz aufwies.(...) Der Anflug der in Waddington und Woodhall Spa stationierten Bomber fand am helllichten Tag ohne Eskorte statt, zunächst über den Ärmelkanal in nur 15 Metern (50 feet) Flughöhe, um das Radar zu unterfliegen und den Angriff durch deutsche Jagdflugzeuge zu erschweren, dann über Frankreich. Vier Bomber wurden jedoch bereits über Frankreich bei Sens abgeschossen. Die acht übrigen Flugzeuge begannen den tatsächlichen Angriff auf die MAN um 20:00 Uhr aus zwei Kilometern Höhe. Sie sanken schnell auf Bodennähe, um sich der Flak zu entziehen. Die Flughöhe war so niedrig, dass die Flak beim Versuch, die Flugzeuge zu treffen, so niedrig zielte, dass sie sogar Häuser traf. Jedes Flugzeug trug vier 450-kg-Bomben. Zwei Lancaster stürzten während des Angriffs ab, eine kurz danach.(...) Zunächst als Erfolg deklariert, führte die Bombardierung jedoch nur zu einem mehrwöchigen Ausfall der Motorenproduktion. Fünf Bomben versagten, nur wenige Maschinen in der Produktion wurden tatsächlich zerstört. Auch die Papierfabrik Haindl und die mechanische Baumwollspinnerei und Weberei wurden unbeabsichtigt leicht getroffen. Zwölf Augsburger starben bei dem Angriff, über 20 wurden verletzt. Die Royal Air Force führte danach keinen vergleichbaren Angriff mehr durch." (Wikipedia: "Luftangriffe auf Augsburg" + Pöhlmann: "Es war gerade, als würde alles bersten ...", S.96 - 1994)

Eine der Avro Lancaster, die bei der gewagten Tageslicht-Attacke über Augsburg abgeschossen wurde - 18. April 1942 (Fotografie im Privatbesitz / Transatlantic-Photo Hamburg)
Video: Interview zum Tagesangriff der RAF auf Augsburg
Augsburg - 8. März 1943
Alfred Rosenberg hält in Augsburg eine Ansprache:
"Reichsminister Alfred Rosenberg hielt an einer Kundgebung der NSDAP eine Ansprache, in der er einleitend betonte, daß dieser Krieg nicht nur auf allen Gebieten ein totaler sei, sondern auch ein 'Krieg der Weltanschauungen und darüber hinaus ein Krieg, der um das Leben selbst gehe. Die Konsequenz der gegenwärtigen Erprobung Deutschlands sei entweder kampflose Vernichtung oder Kampf um die endgültige Freiheit. Der heutige Kampf gehe um soziale Gerechtigkeit. Der Glaube an die Gerechtigkeit und Notwendigkeit dieses Kampfes trage die ganze Nation. Rosenberg schloß seine Ansprache mit den Worten: 'Wir kämpfen heute für das Vaterland, aber ebenso für unser Kinderland, das einmal die Früchte dieses großen Ringens um Deutschlands Freiheit und Europas Sicherung erhalten soll zur fortdauernden Bewährung für alle Nachkommen.'" (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Der Bund, Bd.94, Nr.114, S.1 - "Kampf für das Vater- und Kinderland" v. 9.3.1943)
Augsburg, 1944
In einer zusammenfassenden Beschreibung heißt es über Augsburg:
"Im Jahr 1944 schlug der von den Nationalsozialisten begonnene Krieg auf zerstörerische Weise auf Augsburg zurück. Weite Teile der historischen Altstadt und zahlreiche bedeutende Baudenkmäler wie das historische Rathaus, der Perlachturm und die Fuggerei wurden durch Bomben und Feuer schwer beschädigt oder ganz zerstört. Den Bombenangriffen fielen im Kriegsverlauf rund 1.500 Menschen zum Opfer, darunter zahlreiche Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, denen der Zutritt zu den Luftschutzräumen verwehrt wurde. Tausende Augsburgerinnen und Augsburger wurden obdachlos, 80.000 Menschen verließen in einer großen Fluchtwelle die Stadt." (augsburg.de: "Bombennacht in Augsburg 1944")
Im vierten Kriegsjahr erfährt die Industriestadt Augsburg von britisch-amerikanischen Bomberverbänden besondere Aufmerksamkeit:
"Zu Beginn des Jahres 1944 war die militärische Planung der Alliierten auf ein großes Ziel gerichtet, auf das sich ihre Luftwaffen einzustellen hatten, und das vom Luftmarschall Sir Arther Tedder wie folgt formuliert wurde: 'Unsere Rückkehr auf den Kontinent stellt die wichtigste Operation für das Jahr 1944 dar. Dafür muß den alliierten Armeen durch unsere Luftwaffe jede Unterstützung zuteil werden, damit sich diese im Invasionsgebiet festsetzen können.' Für das britische Bomber Command hieß das im Hinblick auf seine Einsatzplanung: '... mit aller Kraft müssen sich die strategischen Bomberstreitkräfte auf Schlüsseleinrichtungen der deutschen Jagdflugzeug-Produktion konzentrieren ... und auf die mit diesen Einrichtungen verbundenen Städte." (Pöhlmann: "Es war gerade, als würde alles bersten ...", S.98 - 1994 + Frankland/Webster: "Strategic", Bd.III, S.37)
In Konsequenz dieser Entscheidung formuliert ein Augsburger Einwohner in seinen Erinnerungen über die verherendste der insgesamt 19 Augsburger Bombardierungen:
"So lag mir vor allem eine Briefzeile im Sinn, die nach der Unglücksnacht vom (-25./26.-) Februar 1944 neben vielen schrecklichen Einzelheiten über die Heimatstadt das Urteil sprach: 'Augsburgs Innenstadt ist verloren und wird nie wieder zum Leben erweckt werden können.' Das war nicht mit dem Willen zur Übertreibung gesagt, es war damals die herrschende Meinung." (Merian/Augsburg: Erhard Kästner, S.54 - 1948)

Nach dem Bombenangriff: Zerstörte Annastraße in der Augsburger Innenstadt. Links die Eingänge zum Stadtmarkt, im Vordergrund Rollen mit Wasserschläuchen - Aufnahme vermutlich vom 27. Februar 1944 (StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_A_39168 / Lischer, Karl)
In einer weiteren Schilderung wird zu den Bombenangriffen berichtet:
"Am Morgen des verhängnisvollen 25. Februar 1944 hatte ein größerer Verband feindlicher Flugzeuge wichtige militärische Ziele im Bereiche der Stadt angegriffen, ohne privates Eigentum, kulturelle und kirchliche Güter, Herz und Seele dieser ehrwürdigen Matrone, mit vernichtenden Waffen zu suchen. Daher kam es, daß leider fast niemand, als abends gegen 10 Uhr das Aufheulen der Sirenen die Menschen abermals in die Keller jagte, den Warnruf übermäßig ernst nahm. Auch in der Fuggerei (-Stiftungssiedlung für Mittellose-) vertraute sich mancher lieber dem angeblich erprobten Schutze seiner häuslichen Küche an. Die anderen saßen aufgeschreckt und verängstigt in ihren Unterständen. Hier wie da erlebten dann alle,jählings aus den süßen Täuschungen der Verschonung ihrer Heimat gerissen, den schauderhaften Feuerregen der Brandstäbe und Kanister, das Sausen der fallenden Sprengbomben. Wie ausgelöscht ist plötzlich das beklemmende Dröhnen der schweren Motoren, verschluckt vom Lärme sich überstürzender Einschläge, des platzregengleichen Klatschens der Flammen, des Niederbrechens ungezählter Häuser, der grauenerregenden Entladungen. Erst nach rund zwei Stunden kommt es scheinbar zum Abflauen des Angriffes. Sogleich eilt ein Trupp beherzter, über sechzigjähriger Feuerwehrleute der Fuggerei, begleitet von mutigen Frauen, aus der Geborgenheit hervor, sucht unter ständiger Anleitung das Unheil zu meistern. Rauch und Phosphor, beißender Qualm erfüllen die Luft. Ganz Augsburg ist in ein einziges aufloderndes Meer des Jammers getaucht. Die tapferen Helfer hasten im Funkenregen die Feuergassen auf und nieder, müssen das Markuskirchlein als hoffnungslos verloren preisgeben. Längs den Zeilen springen die Flammen von Dachstuhl zu Dachstuhl, werden selten und nur dort durch Menschenkraft bezwungen, wo der Schaden noch nicht übermächtig geworden ist. Immerhin scheint noch schwache Aussicht vorhanden, einen Großteil der kleinsten Stadt vor dem Untergang zu retten. Da fallen nach einer weiteren knappen Stunde abermals die Bomben. Männer und Frauen müssen erneut zurück unter die Erde. Ein Teil wirft sich mit keuchenden Lungen in notdürftigen Unterständen flach auf den Boden. Die meisten flüchten wie zum Troste in den großen Bunker, wo die übrigen, Frauen und Kinder, lauschen und beten. Zu hunderten hocken sie dort auf Bänken, jämmerlichen Koffern und Bündeln, starren in das Wesenlose. Halbsterbenden wird hier dioe letzte Lossprechung erteilt. Drüben in einem anderen Winkel entbindet eine Frau, schenkt neues Leben zwischen Tod und Vernichtung. Der alte Meßner schleppt treppab die goldenen Gefäße mit dem Allerheiligsten. Man hat sie aus dem brennenden Gotteshäuschen noch gerettet und birgt sie nun, so gut es geht. Ein Luftschutzarzneischrank dient ihnen als notdürftiges Tabernakel. Endlich vermindern sich draußen die schrecklichen Erschütterungen. Wieder springen die Kräftigen hinaus, wehren, wo irgend sie das vermögen, der Flammenwut, deren Toben sich nun erst zum Gipfel steigert, rettenwas an kümmerlicher Habe den Opfern dieser Nacht wie ein Hohn des Schicksals rein zufällig verblieb. Allerdings, viel ist nicht mehr auszurichten. Zwar mindert vereinzelt der dichte Schnee das allzu jähe Umsichgreifen der Brunst. Jedoch auf die Dauer bedeutet seine Kühle keinen hilfreichen Beistand gegen die Gewalt des Feuersturmes. Immer scheußlicher verpestet der Rauch das Atmen. Die Menschen können aus den blutig entzündeten Augen nichts mehr sehen. Als gar das Wasser zur Neige geht, die eingefrorenen Handpumpen den Dienst versagen, wird es aussichtslos, gegen die Herrschaft des demonischentfesselten Elementes weiter anzukämpfen." (Merian: "Brief aus der kleinsten Stadt", S.44/45 - 1948)

Kranzniederlegung auf dem Westfriedhof durch Gauleiter Karl Wahl im Auftrag Adolf Hitlers: Erste Massenbeerdigung nach einem Luftangriff - verm. vom 25./26. Februar 1944 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_41778 / Bergmayer, Rudolf)

Zeichen der Anteilnahme auf dem Augsburger Westfriedhof: Gauleiter Karl Wahl konduliert den Angehörigen bei der ersten Massenbeerdigung nach einem Luftangriff - verm. vom 25./26. Februar 1944 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_41777 / Bergmayer, Rudolf)
Auch Helene Grandel setzt das Kriegsleben erheblich zu. Die noch mit ihr in gemeinsamer Wohnung lebende Tochter Maidl schreibt an ihre Schwester Christine bereits am 18. Juni 1942:
"Munne ist körperlich gar nicht gut beisammen, vor lauter Schlafpulver und Wein - Du weisst ja."
Rund ein Jahr vor Kriegsende verliert sie mit ihrer Tochter Maidl am 25. Februar 1944 den gemeinsamen Wohnsitz in der Bürgermeister Fischer-Straße 5. In einem späteren Brief an die Universität ihres ersten Mannes Fritz Winternitz schreibt sie rückblickend:
"Alle einschlägigen Unterlagen, die ich besaß, sind durch meine totale Ausbombung in Augsburg am 25.2.44 verlorengegangen." (Helene Grandel an die Heidelberger Universität v. 28.5.1965)

Zerstörtes Dachgeschoss rechts neben den 3 Spitzgiebeln: Der ehemalige Wohnsitz von Helene Grandel in der Bürgermeister-Fischer-Straße 5 - 1946 (Fotografie im Privatbesitz)
Der diensthabende Truppführer der Luftschutz-Warnwache, Franz Xaver Böld, beobachtet am 25. Februar 1944 den ersten um 13:54 Uhr beginnenden Angriff vom Turm der Ulrichskirche aus:
"Sie kamen in vier bis fünf Wellen von insgesamt 120-130 Maschinen (tatsächlich handelte es sich um 199 Maschinen; M.P.). Es nahm sich jede Welle ein bestimmtes Werk von Messerschmitt vor ... Der ganze Angriff dauerte etwa 30 Minuten, es sackten ungefähr 8-9 Maschinen brennend oder mit Rauchfahnen ab." (Pöhlmann: "Es war gerade, als würde alles bersten ...", S.98 - 1994 + Tagebucheintrag des LS-Warnkommandos vom 25. 2.1944)
In einer Tagebuchnotiz von Alfred Rosenberg heißt es zu diesem Bomberangriff auf Augsburg:
"Anhalten in Augsburg: am Tage schwerster Angriff gewesen, keine Zugverbindung. In einem Wagen d.(-er-) Gauleitung fuhren wir um Mitternacht ein. Nymphenburger Str. ein Gewirr von Trümmern u. Drähten. Die Nachbarstraßen ebenfalls zerstört. Mit Umwegen schliesslich ins Hotel.- München: zerfetzt, alles was M.(-ünchen-) ausmachte, zerstört, verstümmelt. Auch ein Bild des heutigen europäischen Wahnsinns." (Matthäus/Bajohr: "Alfred Rosenberg - Die Tagebücher von 1934 bis 1944", S. - 2015)

Angriff auf die Messerschmitt-Werke in Augsburg: Amerikanische B-17-Bomber der 1943 zusammengestellten 452. Bombergruppe aus South-Dakota - 13. April 1944, 14:54-16:02 (Fotografie im Privatbesitz)
Auch an dem ehemaligen Wohn- und Firmensitz der Familie Grandel richtet der Bombenangriff erhebliche Schäden an. Wohn- und Lagerhaus in der Johannes-Haagstraße 18-20 werden am 25. Februar 1944 durch Bombentreffer vollends zerstört.

Blick von der Johannes-Haagstraße auf die durch einen Volltreffer komplett zerstörte Hausnummer 18 und das Restgerüst der Nr. 20. Vorn rechts das Eingangsportal zum zerstörten Edeka-Gelände, dem ehemaligen Ölfabrik-Standort der Familie Grandel - März 1944 (StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_A_39426)

Während die Kriege kommen und gehen, bleiben die Zaunelemente bestehen: Frühere Straßenansicht der Ölfabrik Grandel - September 1916 (Fotografie im Privatbesitz / Nora Winternitz im Arm von ?)

"Der ganze Angriff dauerte etwa 30 Minuten": Ruinenansicht auf das ehemalige Wohnhaus der Familie Grandel in der Johannes-Haagstraße 20 - März 1944 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_A_9578 / Lischer, Karl)

Ansicht auf das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der Familie Grandel in der Johannes-Haagstraße 18-20 - März 1944 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_A_41683 / Lischer, Karl)

Blick vom Werk I (Altbau) der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei (SWA) zum zerstörten Edeka-Gelände, der ehemaligen Ölfabrik Grandel. Im Hintergrund der Turm des Glaspalastes - 1944 (StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_A_39489)
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Blick vom Werk I (Altbau) der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei (SWA) zum Restgebäude Nr. 20 und dem Eingangsportal des zerstörten Edeka-Geländes, dem ehemaligen Fabrik-Standort der Familie Grandel - März 1944 (StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_A_39505)

Vor der Zerstörung: Blick vom Werksgelände der Ölfabrik zum Eingangsportal an der Johannes Haagstraße - 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Blick durch das Fenster des zerstörten Verwaltungsgebäudes vom Werk I (Altbau) der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei (SWA) zum zerstörten Gebäude der Hausnummer 20 des Edeka-Geländes, dem ehemaligen Ölfabrik-Standort der Firma Grandel - März 1944 (StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_A_39506)

Durch Bombentrichter freigelegter Eisbach in der Johannes-Haagstraße - 4. November 1944 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_C_3474 / Stadtbildstelle)
Viele Menschen in den industriell geprägten Großstädten überleben die flächendeckenden Bombenteppiche nicht, die Situation entwickelt sich zum Teil katastrophal. Dennoch schafft es die Propaganda, den Widerstandswillen in der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Der hierfür verantwortliche Propagandaminister Josef Goebbels notiert:
"Der Vortrag von Generalmajor Galland auf der Tagung der Reichspropagandaleiter hat nicht besonders gut gewirkt. Galland ist zu sehr ins Detail gegangen und hat eine Reihe von Schwierigkeiten unserer Luftabwehr geschildert, für deren Darlegung der Kreis zu groß war. Galland hat mit großem Ernst gesprochen, was für einen kleineren Kreis ja auch durchaus angemessen gewesen wäre. Aber die Reichspropagandaleiter kommen ja nicht nach Berlin, um die Schwierigkeiten unserer Jagdwaffe kennenzulernen, sondern um sich mit neuem Mut zu erfüllen. Diesen Zweck hat Gallands Vortrag völlig verfehlt. Ich veranlasse, daß in Zukunft die Redner auf den Tagungen unserer Reichspropagandaämter etwas sorgfältiger ausgewählt werden." (Josef Goebbels: Tagebücher Januar-März 1944, Bd. 11, S.388 v. 3.3.1944)

Identifizierung der Toten nach einem Bombenangriff - 4. Juli 1943 (BArch: Bild 146-1970-050-31 / o.Ang.)
Die dritte geschiedene Ehefrau von Gottfried Grandel, Magda, geb. Pachaly, verbleibt bis 1944 in Freiburg, doch auch im Breisgau fallen Bomben. Am 30. November 1944 verschickt sie eine Eilnachricht an ihre Eltern Luise und Willi Pachaly in Breslau:


Nach dem Verlust der Freiburger Wohnung zieht Magdalena Grandel mit ihrem Sohn R. nach Stuttgart. Am 1. April 1945 findet im Stadtteil Weilimdorf zwischen 7:17 bis 9:45 Uhr ein Luftangriff mit zwei Toten statt. Es ist der vorletzte Luftangriff auf Stuttgart während des Krieges. Magdalena ist eine von den zwei Toten. Sie stirbt nach der Druckwelle neben ihrem achtjährigen Sohn R.
Der ehemalige Rumpler-Flugplatz in Augsburg, der während der nationalsozialistischen Diktatur von der Firma Messerschmitt betrieben wird, entwickelt sich in dem letzten Kriegsjahr zu einem Trümmerfeld:
"Nach mehreren alliierten Bombardements allein zwischen Februar 1944 und Februar 1945 lag der Augsburger Messerschmitt-Flugplatz am Nordrand von Haunstetten weitgehend in Trümmern. Die Ära der Augsburger Luftfahrtgeschichte war zumindest vorerst am Ende." (amerika-in-augsburg.de: "Flugplatz Haunstetten")
In seinen Tagebüchern notiert Reichspropagandaminister Josef Goebbels:
"Messerschmitt-Augsburg ist nur zu 30% getroffen, so daß 2/3 der monatlichen Sollprodukztion alsbald wieder erreicht werden können.(...) Auch wenn man die an den verschiedenen Kriegsschauplätzen erfolgten Verluste mit einkalkuliert, so ist durch das Zufließen von 1000 neuen Jägern im Februar zur Zeit doch immerhin etwa der gleiche Stand der kampfeinsatzfähigen Jäger erhalten geblieben. Nach Meinung von Milch kann der Amerikaner die hohen Verluste materiell und personell durchaus vertragen, er glaubt jedoch nicht, daß er sie moralisch wird durchhalten können. Aus Aussagen abgeschossener Flieger ist deutlich zu erkennen, daß bei den horrenden Verlusten der letzten Woche ein auffälliges Absinken der Stimmung festzustellen ist. Milch läßt Sie ganz besonders bitten, Ihren Einfluß dahingehend einzusetzen, bei allen Stellen, wo es nötig ist, der Erkenntnis zum Durchbruch zu verhelfen, daß die Steigerung der Jägerproduktion die entscheidende Frage des Krieges ist." (Josef Goebbels: Tagebücher Januar-März 1944, Bd. 11, S.390/391 v. 3.3.1944)
Video: Luftkampf und US-Angriffe auf deutsche Flugplätze - 1944
Auch die MAN-Werke in Augsburg werden schwer von alliierten Bombardements getroffen:

Kurz vor der Kapitulation: Zerstörung der MAN-Produktionsbetriebe in Augsburg - 22. April 1945 (Fotografie im Privatbesitz)
Um feindliche Bomber von den wichtigen Industriezielen abzulenken, wird zur Täuschung auch mit Attrappen gearbeitet.

Tarnen und Täuschen: Flugzeugatrappe auf Wiese (BArch: Bild 101I-337-0020-10A / Spieth)
In einer Rückschau erklärt der Augsburger Flugzeugkonstrukteur Professor Willy Messerschmitt während seiner Augsburger US-Internierung aus seinem Blickwinkel den militärischen Zusammenbruch des III. Reiches:
"Er erzählte hochinteressant von den Verhältnissen, die während des Krieges in der deutschen Flugzeugindustrie geherrscht hatten, wie persönliche Interessen den Vorrang vor den sachlichen Notwendigkeiten bekamen und wie es durch eine falsche Beurteilung der Lage durch die Führung, durch Indolenz und Fehldispositionen zur Serienherstellung deutscher Düsenjäger erst zu einem Zeitpunkt kam, als es bereits zu spät war. 'Hätten wir in Deutschland im richtigen Augenblick Düsenjäger in großen Massen zur Verfügung gehabt', schloß er seine Erzählung, 'hätte man der feindlichen Luftangriffe damit genau so Herr werden können, wie es den Engländern mit der deutschen Luftwaffe 1940 gelungen ist.'" (Schmidt: "Der Statist auf der Galerie", S.53 - 1951)
Auch Reichsmarschal Hermann Göring bestätigt später im Augsburger Internierungslager Bärenkeller auf die Frage des amerikanischen Verhörspezialisten:
"Spaatz:
Hätten die Düsenjäger wirklich eine Chance gehabt, gegen uns zu gewinnen?
Göring:
Ja, davon bin ich noch immer überzeugt, wenn wir nur vier bis fünf Monate mehr Zeit gehabt hätten. Unsere unterirdischen Produktionsanlagen waren nahezu fertig. Die Fabrik in Khala hätte eine Kapazität von 1000 bis 1200 Düsenjäger pro Monat gehabt. Mit 5000 bis 6000 Düsenjägern wäre es anders ausgegangen."

Düsenjäger der Augsburger Firma Messerschmitt: ME 262A (Wikimedia Commons - Datei: Messerschmitt Me 262A at the National Museum of the USAF.jpg / USAF Museum - 2007)
Die Hamburger Ölfabrik im III. Reich
(615-1933) Durch Adolf Hitlers Machtübernahme beginnt ab 1933 die konzentrierte militärische Aufrüstung der gesamten deutschen Wehrmacht; erste Vorzeichen stehen deutlich auf Krieg.
Teilbereiche der Wirtschaft profitieren von dieser dynamischen Entwicklung. Auch die fusionierte Hamburger Ölfabrik Dr. Grandel erarbeitet sich nach der überwundenen Weltwirtschaftskrise von 1930 eine lukrative Marktposition.
"In diesen Jahren überholte die Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co. schnell die Produktionsleistungen, die früher das Hamburger und das Augsburger Werk zusammen erreicht hatten. Sie übernahm sowohl im Inland wie im Export die führende Stellung innerhalb der deutschen Faktisindustrie. In der Ausfuhr lag das Hamburger Werk vor 1939 weit an der Spitze und auch mehr als die Hälfte des Inlandsbedarfs wurde hier gedeckt." (Festschrift: "50 Jahre DOG", S.11 - Dezember 1952)

DOG-Straßenansicht im Hamburger Freihafen - Bau des Hochturms im Dezember 1936 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co. am Ellerholzdamm 50 - 1937 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)

Straßenansicht mit Gleisanschluss: DOG-Firmensitz am Ellerholzdamm 50 - 1937 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Der neue Hamburger Teilhaber Josef Rupp bewohnt mit seiner Familie mittlerweile eine Villa in der Blankeneser Elbchaussee 93, die sein Eigentum ist. Verheiratet ist er mit Josepha Rupp, geb. Strauß, der Großtante von dem späteren Ministerpräsidenten aus Bayern.

Aus Bayern nach Hamburg: Josef und Josepha Rupp mit Tochter - 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
1932
Während sich Dr. Grandel kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten von den Firmenteilhabern wieder hat auszahlen lassen, wird innerhalb der Firmenleitung vorausblickend der erste Generationswechsel eingeleitet:
"In der nun folgenden Zeit schnellen Wiederaufstiegs der Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel & Co. trat die zweite Generation als Mitarbeiter ein: Dipl.-Ing. Alexander Snyckers (-*22.6.1908-), der Schwiegersohn von Dr. Bünz, war schon am 1. Oktober 1932 dazugekommen. Ihm folgte am 1. Januar 1934 Dr. Gerhard Alexander und am 1. Januar 1935 der Chemiker Dr. Heinz Lohmann. Am 1. Januar 1936 wurden alle drei als persönlich haftende Gesellschafter aufgenommen." (Festschrift: "50 Jahre DOG", S.11 - Dezember 1952)

Werbung für den Kautschuk-Ersatz - 1936 (DOG-Jubiläumszeitung: "Der Zeitzeuge" - 2002 / Fotografie im Privatbesitz)

Postkennung der DOG - 1953 (Archiv-Stempelbildkarte im Privatbesitz)
Derweil stellt sich Privatier Dr. Grandel im süddeutschen Freiburg auf seine dritte Familiengründung ein. Möglicherweise hofft er als früher Förderer aus der nationalsozialistischen Kampfzeit auf einen Ruf nach Berlin, doch wartet er diesbezüglich vergebens.

Bis zum Juli 1932 Teilhaber der DOG: Dr. Gottfried Grandel - 1930 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)
Der sich in dieser Angelegenheit für ihn einsetzende Berliner Ingenieur Emil Lessel ist hingegen Mitte der 30er-Jahre von den Qualitäten Dr. Grandels überzeugt. An den Chef der Reichskanzlei schreibt er:
"Der auch dem Führer aus München her gut bekannte Oel- und Fettchemiker und Fabrikant, Dr. Gottfried Grandel, Hamburg, Haynstrasse 29 II (...) hat der Regierung einen praktischen Vorschlag zu machen.(...) Dr. Grandel genießt auch im Ausland den Ruf eines wissenschaftlich und praktisch an erster Stelle stehenden ernsten Mannes, so daß ich es für meine Pflicht gehalten habe, Sie auf ihn aufmerksam zu machen und ihn für einen Vortrag vor dem Führer angelegentlichst zu empfehlen." (Emil Lessel/ V.D.I. an Reichskanzleichef Dr. H. H. Lammers v. 10.12.1935)
1934
Mittlerweile greift durch die Machtübernahme der Einfluss der von Gottfried Grandel früh geförderten NSDAP auf weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens über.
Dabei gerät auch die Hamburger Ölfabrik Dr. Grandel zunehmend unter den parteipolitischen Druck der nationalsozialistischen Ideologie.

Feiern unterm Führerbild mit Hakenkreuzfahne: Dr. Rudolf Bünz hinter Dr. Walter Alexander (mit Zigarre mitte-links am Tisch), gegenüber von Teilhaber Josef Rupp beim 10-jährigen Betriebsjubiläum der DOG-Schwesterfirma Artifex - 4. März 1934 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp, rechts-mittig am Tisch)
Am 1. Mai 1934, dem von der NSDAP neu eingeführten Nationalen Feiertag des Deutschen Volkes, ist der Betrieb bereits organisiert im Verbund der Nationalsozialistischen Betriebszellen (NSBO). Seit dem Frühjahr 1933 steht die NSBO in offizieller Konkurrenz zu den etablierten Gewerkschaften. Der stellvertretende Hauptabteilungsleiter Reinhold Muchow erklärt zu den Zielen der neuen Organisationsform:
"Die Betriebszellenorganisation der NSDAP als jüngste Kampfform der Partei auf einem speziellen Gebiet ist die spezifische Waffe der Arbeiterschaft. Da die NSDAP ihre historische Aufgabe darin sieht, die Arbeitnehmerschaft ideal und organisatorisch vom Marxismus zu lösen, um sie wieder für die Nation zurückzugewinnen, so darf sie sich auch nicht scheuen, ihren Namen und ihr Programm im Betrieb zu vertreten. Im Gegenteil: sie hat die Verpflichtung hierzu. Der Nationalsozialismus, der einmal vor der Weltgeschichte Bestand hat, muß inmitten des heute tobenden Machtkampfes gerade dort seine Fahnen aufpflanzen, wo der Widerstand des Systems noch am hartnäckigsten ist. Da die Betriebe die letzten Bollwerke des Marxismus sind, ist auch hier der Machtkampf unausbleiblich." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de - Deutsches Zeitungsportal: Karlsruher Tageblatt, S.3 v. 24.4.1933)

Hamburger Geschäftsleitung und Belegschaft der DOG - 1. Mai 1934 (Fotografie im Privatbesitz / o.Ang. - Höhe Kieler Str. 108, mittlerweile Clemens-Schultz-Str., lfd.Nr.: 345 75)
Das Foto vom Aufmarsch zur Abschlusskundgebung auf dem Hamburger Heiliggeistfeld zeigt in der Mitte die Führungsriege der Hamburger Ölfabrik: Dr. Rudolf Bünz, Josef Rupp (Mitte, heller Mantel) und Dipl.-Ing. Alexander Snyckers. Nicht erkennbar auf dem Foto: Dr. Walter Alexander und Wilhelm Lohmann.
Als Wirtschaftslenker jüdischer Abstammung muss es Dr. Alexander in den folgenden Jahren ertragen, kontinuierlich aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen der Hansestadt herausgedrängt zu werden.

DOG-Teilhaber: Dr. Bünz, Dr. Alexander, Josef Rupp und Wilhelm Lohmann - 1933 (Privataufnahme aus dem Familien-Fotoalbum v. Iris Borck-Goldfield)
Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verstirbt ein Teilhaber der Hamburger Ölfabrik. Die Verbandszeitung schreibt:
"† Am 3. Juli (-1935-) starb in Hamburg an den Folgen eines schweren Herzleidens im 60. Lebensjahre Dr. Rudolf Bünz, Mitinhaber der Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel u . Co. in Hamburg , sowie der Firma Artifex , Chem. Fabrik G. m . b . H. in Altona - Stellingen, rühriges Vorstandsmitglied des Bezirksvereins Hamburg, den er auch mehrmals als 1. Vorsitzender geleitet hat. Er war geborener Hamburger, studierte Pharmazie und Chemie in Erlangen bei Gutbier, wo er über Peroxyde des Wismuts arbeitete. Dort war er auch Assistent, ebenso in Berlin bei Thierfelder am Physiologischen Institut , ging aber nach Hamburg zurück als Mitarbeiter Dennstedts im Hamburger Chemischen Staatslaboratorium, an den ersten Kohleforschungen teilnehmend." (Verbandszeitung: "Angewandte Chemie", Bd.48, S.592 - 1935 + Staatsarchiv Hamburg, 732-8_A 752 Bünz, Rudolf)

Todesanzeige für den Mitbegründer der Hamburger Ölfabrik (Staatsarchiv Hamburg: Best.-Nr. 731-8, Sign. A752 - Bünz, Rudolf - Hamburger Nachrichten, Abend-Ausgabe v. 5.7.1935)

(Digitalisiert auf //zeitungen.sub.uni-hamburg.de: Hamburger Fremdenblatt, Nr.184, S.4 v. 5.7.1935)
Von der Firmenleitung werden nun regelmäßig Betriebsappelle erwartet, um die Mitarbeiter auf den parteipolitischen Kurs der NSDAP einzustellen. Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft ändert sich auch die Wirtschaftsordnung im Deutschen Reich:
"Als die Fusion vertraglich beschlossen war und auch noch in der Zeit, als Dr. Grandel im Jahre 1932 aus der o.H.G. (-offenen Handelsgesellschaft-) ausgeschieden war, herrschte volle uneingeschränkte Wirtschaftsfreiheit. Jede Firma konnte so viel Oel kaufen, soviel sie wollte, es bestanden nicht die geringsten Beschränkungen. Der Beginn der Wirtschaftsplanung war der 1. August 1934 gemäß Anordnung Nr.1 der Überwachungsstelle für industrielle Fettversorgung vom 31.8.1934. Von diesem Zeitpunkt an war jeder Betrieb verpflichtet, Bücher über die Rohstoffe zu führen." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an seine ehemaligen Teilhaber, S.2/3)

Antritt der Gauleitung: "Betriebe als letzte Bollwerke des Marxismus" - 1935 (Fotografie im Privatbesitz)
1936
Für das Jahr 1936 werden am 22. Mai drei neue Gesellschafter aus den bereits aktiven Teilhaber-Familien in die DOG mit aufgenommen: Dr. phil. Gerhard Wolfgang Alexander, Dipl.-Ing. Alexander Jules Snyckers, auf Hof Drumbergen bei Asendorf/Kreis Harburg und der Chemiker Dr. phil. Heinz Willy Lohmann (geb. 15.3.1908), wohnhaft in der Elbchaussee 99/Blankenese. In einem späteren Bericht einer Auskunftei wird vermerkt:
"Die Genannten (-Alexander Snyckers, Heinz Lohmann-) werden als tüchtige Geschäftsleute bezeichnet, Ruf und Charakter werden günstig beurteilt." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Einschätzung durch "Verband Deutscher WYS Muller-Auskunfteien" v. 30.8.1943)

(Digitalisiert auf //zeitungen.sub.uni-hamburg.de: Hamburger Tageblatt, Nr.139, S.8 v. 23.5.1936)

Archiv-Stempelbildkarte zur Frankiermaschine - Juli 1936 (Karte im Privatbesitz)
Als weitere Reaktion auf den politischen Machtwechsel heißt es zu dem neuen DOG-Gesellschafter Alexander Snyckers:
"Sein Eintritt in die Partei im Jahre 1938 (-lt. späterer Selbstauskunft bereits zum 1.5.1937-) geschah mit Billigung seiner damaligen Teilhaber aus der Erwägung heraus, dass unter dem damaligen Regime ein derartiger Schritt nicht zu umgehen war, um für Betrieb und Belegschaft Unannehmlichkeiten zu vermeiden." (Entnazifizierungsverfahren Alexander Snyckers, Zeugenbericht Dr. Heinz Lohmann - 1947)

DOG-Teilhaber Dipl.-Ing. Alexander Jules Snyckers - 1952 (DOG-Jubiläumszeitung: "Der Zeitzeuge" - 2002 / Fotografie im Privatbesitz)
Für die Familie des jüdischen Seniorchefs Dr. Alexander stellen sich die von der Firmenleitung zu vermeidenden "Unannehmlichkeiten" dennoch als existenziell dar.
Die Enkeltochter des Ölfabrikanten, Ulrike Bork, erinnert sich aus den Erzählungen an den Vorlauf der 20er-Jahre:
"Mein Großvater hatte zusammen mit einem Vetter in (-Berlin-)Köpenick eine Chemische Fabrik gegründet (-Dr. Alexander & Posnansky-), trennte sich aber nach dem Ersten Weltkrieg von dieser und zog nach Hamburg, wo er (-1919-) Teilhaber der Deutschen Ölfabrik (...) wurde. Wirtschaftlich ging es meinen Großeltern sehr gut, sie wohnten in Hamburgs Nobelvorort Blankenese in einer geräumigen Villa mit vielen Dienstboten, hatten ein Auto und einen Chauffeur, viele gute Freunde und Bekannte." (stolpersteine-hamburg.de: Ulrike Bork über ihren Großvater Dr. Walter Bismarck Alexander, Erik-Blumenfeld-Platz 15)

Ehepaar Hedwig und Dr. Walter Bismarck Alexander - 1931 (Privataufnahme aus dem Familien-Fotoalbum v. Iris Borck-Goldfield)
1938
Nur ein Jahrzehnt später wird der Familie Alexander die gewohnte Sicherheit genommen: Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung verliert die Hamburger Fabrikantenfamilie einen Großteil ihres Besitzes. Eine systematische Entrechtung und soziale Ausgrenzung durch die neuen nationalsozialistischen Machthaber findet auch bei ihnen eine rücksichtslose Anwendung. Zu einem späteren DOG-Firmenjubiläum wird rückblickend berichtet:
"Mitte 1938 schieden Dr. Walter Alexander und (-sein Sohn-) Dr. Gerhard Alexander aus, um der Firma politische Schwierigkeiten zu ersparen, die sonst mit immer größerer Wahrscheinlichkeit zu befürchten waren. So sehr sich alle Teilhaber um eine freundschaftliche und möglichst faire Regelung für beide bemühten, so schmerzlich blieb es besonders für Dr. W.(-alter-) Alexander, sich von seinem Lebenswerk trennen zu müssen, um es nicht zu gefährden." (Festschrift: "50 Jahre DOG", S.12/13 - Dezember 1952)
Im Rahmen des späteren Entnazifizierungsverfahrens zur Entlastung des Parteigenossen und Teilhabers Alexander Snyckers wird ein Zusammenhang zwischen ihm und dem unfreiwilligen Ausscheiden Dr. Alexanders geprüft. Der von Alexander Snyckers bemühte Zeuge Peter Hintz führt zu der geäußerten Vermutung am 26. Juli 1947 aus:
"Ich weiss nur von einem guten freundschaftlichen Verhältnis zu seinem jüdischen Kompagnon Dr. (-Walter-) Alexander, dessen wissenschaftliche Verdienste er achtete und betonte. Von einer Änderung dieser seiner Einstellung ist mir nichts bekannt."
In einem bislang unveröffentlichten Buch über die Geschichte ihrer Vorfahren schreibt Dr. Iris Bork-Goldfield über ihren Hamburger Familienzweig:
"Trotz des Erfolges scheiden mein Urgroßvater und Großvater als Gesellschafter aus, um - wie es in der Festschrift heißt - 'der Firma politische Schwierigkeiten zu ersparen, die sonst mit immer größerer Wahrscheinlichkeit zu befürchten waren'. Wegen ihrer jüdischen Abstammung mussten die beiden getauften Juden, Dr. Walter Alexander, Teilhaber der Firma, und sein Sohn Dr. Gerhard Alexander, gehen. Im März 1938 hatte sich mein Urgroßvater mit dem Hamburger Notar Dr. Wäntig in Verbindung gesetzt, um den möglichen Verkauf seiner Geschäftsanteile in der Oelfabrik an Wilhelm Lohmann rechtlich zu regeln. Einen Monat später, am 25. April (-1938-), wird ein entsprechender Vertrag, der den Verkauf der Anteile an Herrn Lohmann geltend macht, meinem Urgroßvater zur Unterschrift vorgelegt.
[Den Vertrag habe ich und zitiere in meinem Buch daraus.]
Zweifellos hat mein Urgroßvater dieses Angebot gemacht, denn es war abzusehen, dass die Juden aus allen deutschen Wirtschaftszweigen vertrieben und ihre Unternehmen geschlossen bzw. 'zwangsarisiert' werden würden. Doch er hätte seine Firmenanteile nie verkauft, wenn die 'politischen Verhältnisse' ihn nicht dazu genötigt hätten, denn mit dem Verkauf waren ihm und meinem Großvater jede berufliche Existenzmöglichkeit geraubt worden. Ich versuche mir meinen Urgroßvater vorzustellen, wie er dieses Dokument in den Händen hält und gezwungen ist, sein Lebenswerk und Vermögen mit einem Federstrich wegzugeben. Ich halte das Papier in den Händen und merke, wie eine unbändige Wut in mir aufsteigt. Nach dem Krieg betonten meine Großeltern wiederholt, dass sich Herr Lohmann immer sehr anständig der Familie gegenüber verhalten hätte. Dennoch, meine Wut und Unverständnis bleiben." (Mail von Dr. Iris Bork-Goldfield an Oliver Meier v. 23.3.2021)
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Schmerzliche Trennung vom Lebenswerk: Dr. Walter Bismarck Alexander - 1932 (Privataufnahme aus dem Familien-Fotoalbum v. Iris Borck-Goldfield)
Durch die politisch bedingte Trennung von Dr. Alexander wird ab 1938 Wilhelm Lohmann, Vater von Dr. Heinz Lohmann, zum neuen Seniorchef der Hamburger Ölfabrik bestellt.

Wilhelm Lohmann: Teilhaber der DOG von 1921-1939 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp / Zeichnung in Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)
Für das Jahr 1938 wird archivalisch über Gottfried Grandel vermerkt:
"Enthält v. a.: Ermittlungen wegen Auswanderungsabsicht." (Staatsarchiv Hamburg: //actapro-benutzung.hamburg.de - 314-15, Oberfinanzpräsident (Devisenstelle und Vermögensverwertungsstelle), R 1938/0613)
Einziger Hinweis diesbezüglich ist ein Gerücht zum Ende des Ehescheidungsprozesses. Der von Helene Grandel im Jahre 1930 beauftragte Scheidungsanwalt Dr. Kurt Erhardt aus München (Kanzlei am Odeonplatz 5) vermerkt in einem Schreiben an die Hamburger Teilhaber der DOG vom 10. Januar 1933:
"In einem fast zweijährigen Ehescheidungsstreit (-1930/32-) habe ich Frau Helene Grandel gegen ihren Ehemann Dr. Gottfried Grandel vertreten.(...) Meine Mandantin hat nunmehr nach Scheidung der Ehe (-1932-) die Rückgabe des von ihr eingebrachten Gutes (-40.000,- RM-) zu verlangen. Dieses ist seinerzeit in das Grandel'sche Unternehmen gesteckt worden. Ausserdem haben meine Mandantin und deren aus der Ehe mit Dr. Grandel entsprungenen Kinder Unterhaltsansprüche gegen diesen. Gerüchtweise ist meiner Mandantin zu Ohren gekommen, Dr. Grandel beabsichtige nunmehr, nachdem er seine Beteiligung an dem gemeinsam mit Ihnen betriebenen Unternehmen aufgegeben habe, nach Russland auszuwandern. Mag dieses Gerücht haltlos sein oder nicht, in jedem Fall besorgt meine Mandantin eine Gefährdung ihrer Ansprüche und jener der Kinder."
Ein weiteres Gerücht aus dem Jahr 1938 bringt Gottfried Grandel in den kurzzeitigen Fokus der Steuerfahndung und Gestapo:
"Der STFD (-Steuerfahndungsdienst Hamburg 1-) hat gegen Dr. Grandel persönlich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dr. Grandel ist Jude und scheint die Absicht zu haben, auszuwandern. Der STFD will daher prüfen, ob Grandel seinen steuerlichen Verpflichtungen nachgekommen ist. Der STFD hat die ZFST (-Zollfahndungsstelle-) wegen der Behandlung der devisenrechtlichen Angelegenheit zu den Ermittlungen hinzugezogen" (Digitalisierte Akte im Staatsarchiv Hamburg, Aktennotiz der Hamburger Devisenstelle, Bestand 314-15. Verz.-Einh. R 1938/0613 v. 10.5.1938)
Erklärbar wird diese mutmaßliche, von außen über Hörensagen herangetragene Denunziation vor dem Hintergrund, dass die Familie des ein Jahr zuvor aus der Ölfabrik ausgeschiedenen jüdischen Teilhabers Dr. Alexander sich zeitgleich mit der Absicht befasst, Deutschland zu verlassen. Die Vermengung des Firmennamens 'Oelfabrik Dr. Grandel' und der Auswanderungsabsicht des ehemaligen jüdischen Teilhabers führt nun höchstwahrscheinlich zu der behördlichen Annahme, Dr. Grandel selbst wäre jüdischer Abstammung und wolle Deutschland fluchtartig verlassen. So wird noch im Juli 1938 vermerkt:
"Dr. Grandel scheint die Absicht zu haben, auszuwandern. Ich bitte deshalb um Mitteilung, ob Ihre Ermittlung gegen Dr. Grandel Anhaltspunkte dafür ergeben hat, dass die Voraussetzungen für einen Erlass einer Sicherungsanordnung (-u. a. Passentzug-) gemäss § 37a Dev.Ges. gegeben sind. Welche Vermögenswerte hat Dr. Grandel und welcher Art sind diese Vermögenswerte? Wo liegen sie?" (Digitalisierte Akte im Staatsarchiv Hamburg, Bestand 314-15. Verz.-Einh. R 1938/0613 - Hamburger Devisenstelle an Steuerfahndungsdienst v. 6.7.1938)
Die Schlinge, die sich hier um die persönliche Lebenssituation von Gottfried Grandel zu legen droht, hat nicht nur in Hamburg Methode:
"Ende September 1938 erließ (-der Hamburger-) Regierungsrat Fritz Klesper (geb. 1900, seit 1.5.1933 NSDAP-Mitglied) von der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten eine 'Sicherungsanordnung gemäß § 37a Devisengesetz' gegen das gesamte Vermögen von Benno und Betty Hirschfeld und entzog es damit der freien Verfügbarkeit der Eigentümer. Darüber hinaus wurde Benno Hirschfeld am 19. November 1938 die Geschäftsführung entzogen und von der Devisenstelle Edgar Koritz (geb. 1889, seit August 1935 Mitglied der NSDAP) von der 'Treuhansa' (Hanseatische Vermögensverwaltungs- und Treuhand-Gesellschaft mbH) als 'alleinvertretungsberechtigter Treuhänder' im Sinne der nationalsozialistischen Politik eingesetzt. Benno Hirschfeld befand sich zu dieser Zeit in Haft. Er war im Zuge des Novemberpogroms mit seinem Sohn Hans Hirschfeld am 10. November 1938 in Bremen frühmorgens verhaftet und dort in Massensammelzellen des Gefängnisses gepfercht worden. Hans Hirschfeld, nach einigen Stunden wieder entlassen, versuchte umgehend über den Anwalt der Firma Gebr. Hirschfeld seinen Vater freizubekommen. Der Anwalt verwies resigniert auf die Machtlosigkeit der Justiz und die Allmacht der Gestapo. Benno Hirschfeld wurde erst nach einem zweiten Herzanfall entlassen." (stolpersteine-hamburg.de: Benno Hirschfeld)
Nach den ersten Ermittlungsergebnissen erlischt das Interesse an der weiteren Verfolgung Gottfried Grandels:
"Nach den hier (-im Freiburger Finanzamt-Stadt-) gemachten Feststellungen besteht auch keine Auswanderungsabsicht des Dr. Grandel.(...) In dieser Beziehung wird noch vermerkt, dass Dr. Gottfried Grandel arisch und altes Parteimitglied ist, sodass die sonst üblichen Auswanderungsgründe entfallen." (Digitalisierte Akte im Staatsarchiv Hamburg, Finanzamt Freiburg-Stadt, Bestand 314-15. Verz.-Einh. R 1938/0613 v. 9.9.1938)
3. März 1939
Nach dem Verlust des Firmenteilhabers Dr. Rudolf Bünz (59) verstirbt nur vier Jahre darauf mit 58 Jahren auch der langjährige DOG-Mitinhaber Wilhelm Lohmann:

Traueranzeige der Familie Lohmann - 3. März 1939 (Digitalisiert auf //zeitungen.sub.uni-hamburg.de: Hamburger Fremdenblatt, Nr.63, S.4 v. 4.3.1939)

Traueranzeige der Hamburger Oelfabrik - 4. März 1939 (Digitalisiert auf //zeitungen.sub.uni-hamburg.de: Hamburger Tageblatt, Nr.63, S.8 v. 4.3.1939)
Gottfried Grandels früher Prokurist aus Augsburger Zeiten, der Kaufmann Josef Rupp, wird als mittlerweile ältester Teilhaber der 1929 fusionierten Ölfirmen die Position des Seniorchefs übernehmen.

DOG-Teilhaber Josef Rupp - 1934 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Der bis 1938 tätige Seniorchef Dr. Walter Alexander ist in den Traueranzeigen zu seinem langjährigen Teilhaber nicht zu finden. Seine familiären Rahmenbedingungen verschlechtern sich zu diesem Zeitpunkt erneut:
"Im März 1939 verbrachte Walter Alexander aus politischen Gründen über 14 Tage in Gestapo- und Untersuchungshaft im Stadthaus und im Gefängnis Fuhlsbüttel. Im selben Jahr mussten die Großeltern ihr Haus verkaufen. Sie zogen dann in unser Häuschen (wir fanden eine andere Bleibe)." (stolpersteine-hamburg.de: Ulrike Bork über ihren Großvater Dr. Walter Bismarck Alexander, Erik-Blumenfeld-Platz 15)
Zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wird rückblickend ausgeführt:
"Bis Kriegsausbruch, (-1.-)Septb. 1939, war es uns gestattet, die von uns zur Herstellung von Faktis und sonstigen Produkten benötigen Mengen Oele und Fette in dem Umfange zu kaufen, die wir nach Maßgabe unseres Verbrauchs überhaupt verarbeiten konnten. Im Laufe des Jahres 1936 gab die Reichsstelle die Richtlinien bezüglich der Verarbeitung von Oelen und Fetten bekannt. Es wurden uns alle Mengen, die wir zur Herstellung von Faktis und zum Verkauf an In- und Ausland benötigten, vorbehaltlos freigestellt. Erst bei Kriegsausbruch ordnete Berlin an, dass
1) für Inlandsbedarf nur 50% der Rohstoffmengen, die wir 1938 verarbeitet haben, zur Faktis-Herstellung verwendet werden dürfen,
2) daß der Export von Faktis überhaupt untersagt ist.
Die gleichen Anordnungen hatten auch Gültigkeit für die Herstellung und den Verkauf von Ewiglichtoel." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an seine ehemaligen Teilhaber, S.3)
November 1940
Das Thema Zwangsarisierung wird nach dem Ausscheiden der zwei jüdischen Gesellschafter Dr. Walter und Dr. Gerhard Alexander auch für Privatier Gottfried Grandel ein Thema. So schreibt er in seiner privaten Kontaktaufnahme zu der kurz zuvor verwitweten DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann:
"Es ist ja an mir auch etwas gutzumachen, besonders Seitens des Herrn Rupp, und das wäre dann ein weiterer Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit. Im Falle Dr. W.(-alter-) Alexander hat sie sich ja schon betätigt; und er war der spiritus rector anno 1932 zu den Verunglimpfungen und Drohungen, die zu meinem Ausscheiden unter so ungünstigen Bedingungen führten. Wovon lebt er denn jetzt? Wird er immer noch von der Firma bezahlt?" (Dr. Grandels Brief an Bertha Lohmann v. 7.11.1940)
1941
Während des Krieges meldet sich nach 8-jähriger Kontaktunterbrechung der Freiburger Privatier Dr. Grandel nach der Kontaktaufnahme zu Bertha Lohmann nun auch offiziell bei den Hamburger DOG-Teilhabern zurück. Sein Einschreiben beginnt mit den Worten:
"Sie werden einigermassen überrascht sein, von Ihrem früheren Gesellschafter wieder ein Lebenszeichen zu erhalten." (Einschreiben: Dr. Grandel an DOG-Teilhaber, S.1 v. 7.1.1941)

Kontaktaufnahme aus finanziellen Gründen: Dr. Gottfried Grandel - 1941 (Fotografie im Privatbesitz)
Der spätere DOG-Seniorchef und Enkelsohn von Wilhelm Lohmann erinnert sich:
"Gern wäre er (-Dr. Gottfried Grandel-) wieder eingestiegen oder hätte seinen Sohn (-Dr. Felix Grandel-) als Gesellschafter gesehen. Das scheiterte am entschiedenen Widerstand der Gesellschafter (er schrieb sogar freundliche Briefe an meine Großmutter (-Bertha-) Lohmann, die inzwischen als Witwe - mein Großvater war (-am 3. März-) 1939 gestorben - die größte Anteilseignerin war)." (Mail von Carl-Wilhelm Lohmann an Oliver Meier v. 9.4.2022)
Die nun beginnenden Nachverhandlungen mit seinen ehemaligen Geschäftspartnern gestalten sich für Dr. Grandel jedoch schwierig:
"Als er (-der Krieg-) dann da war, fand Dr. Grandel, er habe ein Anrecht auf einen Abfindungs-Nachschlag von der DOG.(...) Für seine Ansprüche argumentierte Dr. Grandel, er habe für sein Knowhow und seine eingebrachten Produktionsmittel seinerzeit zu wenig bekommen. Von 1940 bis 1943 zieht sich der Briefwechsel zwischen den Kontrahenten hin, bis schließlich eine Vereinbarung zustande kommt, nach der Dr. Grandel (rückwirkend) vom 1.3.1941 bis zum 31.12.1945 monatlich RM 500,-- erhält, also insgesamt 29.500,--. Im Falle seines Ablebens soll an seine erbberechtigten Nachkommen weitergezahlt werden." (Mail von Carl-Wilhelm Lohmann an Oliver Meier v. 9.4.2022)
Seiner Verhandlungsstrategie in der Auseinandersetzung mit den aktuellen Teilhabern der DOG versucht Dr. Grandel schließlich mit der frühen Bekanntschaft zu Adolf Hitler Gewicht zu verleihen:
"Dass mir von Seiten der Partei, und nachdem die Firma arisiert wurde, heute die gewünschte Unterstützung mit Nachdruck zuteil werden würde, werden Sie nicht bezweifeln. Denn es ist Ihnen und besonders Herrn Rupp bekannt, dass der Führer mich kennt und meine Verdienste um die Partei nicht vergessen hat." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.11 v. 7.1.1941)
Zusammenfassend notiert Gottfried Grandel zu seiner Motivation:
"Wie Ihnen wohl bekannt geworden ist, habe ich Ihrem Vorschlage zufolge den offiziellen Weg beschritten und an die Firma (-DOG in Hamburg-) das Ersuchen um Rehabilitierung, ehrenvolle Wiedergutmachung des 1932 an mir begangenen Unrechts, und Wiederaufnahme als Gesellschafter gerichtet." (Dr. Grandels Brief an die stille Hauptanteilseignerin Bertha Lohmann v. 15.1.1941)
Ob das vom Firmenrisiko noch nicht absehbare Vorhaben Gottfried Grandels auch zu folgender Konstruktion mit beiträgt, bleibt unklar:
"Am 4. Juni 1941 ist Kaufmann Josef Rupp in Hamburg als Vorstand (-des zum gleichen Zeitpunkt gegründeten Unterstützungsvereins der Firmen Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co und Artifex Chemische Fabrik Dr. Lohmann & Co-) bestellt." (Staatsarchiv Hamburg, Bestand 231-10, Verz.-Einh. A1, Bd.60, S.76, Eintrag in das Vereinsregister Nr.3411-3450 - 1941 v. 11.7.1941)
1. August 1941
Für den August 1941 erzielt Dr. Grandel in seinen Bemühungen zur nachträglich eingeforderten Karenzvergütung einen ersten Verhandlungserfolg:
"Die Firma Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co., Hamburg, zahlt Herrn Dr. Gottfried Grandel mit (-Rück-)Wirkung ab 1. März 1941 bis zum 31. Dezember 1945, unabhängig von dem zwischen den Parteien bestehenden Auseinandersetzungsvertrag, eine monatliche Karenz-Vergütung von RM. 500,--." (Vereinbarung zur Karenz-Vergütung zwischen Hamburger DOG und Dr. Grandel v. 1.8.1941)
1942
Zu Beginn des Jahres 1942 fühlt sich Adolf Hitler im Rahmen seiner Berliner Sportpalastrede zum 9. Jahrestag seiner Machtübernahme veranlasst, der aufkommenden Kriegsmüdigkeit innerhalb der Bevölkerung mit klaren Durchhalteparolen zu begegnen:

Video: Im Bann des Führers: Euphorisierte Volksgemeinschaft - 1940
Das dritte Kriegsjahr birgt auch für die Teilhaber der Deutschen Ölfabrik Dr. Grandel weitere Herausforderungen:
"Die Fabrikation des Ewiglichtöls ist seit Frühjahr 1942 aus Kriegsgründen geschlossen und die Erträgnisse der Faktis-Fabrik sind durch Anordnungen des Reichskommissars für Preisbildung und durch Preissenkungsauflagen wesentlich beeinflusst." (Hamburger DOG-RA Dr. Hübbe an Dr. Grandel v. 29.6.1943)

Ewiglicht-Ampel in katholischer Kirche (Wikimedia Commons - Datei: Frauenhofen Sankt Georg Ewiglichtampel.jpg / Elcom.stadler - 2001)
Die Geschäftsgrundlagen stellen sich aufgrund des andauernden Krieges für die Hamburger Ölfabrik von Jahr zu Jahr schwieriger dar. Während Dr. Grandel von Sachsen aus beharrlich mit seinem ehemaligen Hamburger Teilhaber Josef Rupp um weitere finanzielle Vergünstigungen ringt, bekommt das ehemalige Teilhaber-Ehepaar Alexander von der Hamburger Gestapo zum 19. Juli 1942 die Aufforderung zur Umsiedlung nach Polen zugestellt:
"Im Juli 1942, eine Woche nach meinem siebten Geburtstag, erhielten sie den Deportationsbefehl. Meine Mutter fragte sorgenvoll meinen Großvater, wie ihm zumute sei. Er antwortete: 'Ich denke, ich gehe auf eine große Reise.'" (stolpersteine-hamburg.de: Ulrike Bork über ihren Großvater Dr. Walter Bismarck Alexander, Erik-Blumenfeld-Platz 15)
Im zweiten Hamburger Sammeltransport wird das jüdische Ehepaar vom Hannoverschen Güterbahnhof in das polnische Konzentrationslager Theresienstadt zwangsdeportiert.

Für viele Zwangsdeportierten eine Fahrt ohne Wiederkehr: Sammlungspunkt Hannoverscher Bahnhof in Hamburg (Postkarte im Privatbesitz / o.Ang.)
Die Bedingungen im Konzentrationslager Theresienstadt sind äußerst schlecht:
"Das Lager Theresienstadt war im Frühjahr und Sommer 1942 extrem überfüllt. Es war eigentlich nur für 16.000 Menschen vorgesehen. Tatsächlich waren im September mehr als 58.000 Menschen dort eingesperrt." (Deutschlandfunk Kultur: "Sie spielten ihre eigene Totenmesse", 6.9.2017)
Vom dortigen Ghetto aus droht vielen Insassen die industrielle Ermordung durch die Nationalsozialisten:
"Damals war das Lager noch nicht fertig. Aber nach der Wannseekonferenz, also nach dem 20. Januar 1942, nachdem die Endlösung der Judenfrage beschlossen worden war, wurde Theresienstadt zu einem Durchgangslager für die Juden aus ganz Europa.(...) Die hygienischen Bedingungen waren sehr schlecht, das Wasser fehlte." (Interview mit Maria Stolarzewicz in: "Sie spielten ihre eigene Totenmesse", Deutschlandfunk Kultur v. 6.9.2017)
In der späteren DOG-Jubiläumsschrift von 1952 heißt es zu dem Schicksal des ehemaligen Senior-Teilhabers:
"Trotz dieses schweren Verzichtes (-Verkauf seiner Teilhaberschaft und Villa-) und trotz seines hohen Alters mußte er in den folgenden Jahren ein noch härteres Schicksal erleiden: 1942 wurden er und seine Frau nach Theresienstadt gebracht. Dort starben beide kurz hintereinander im Winter 1942/43 unter ungeklärten Umständen. Die Tragik dieses Todes zwingt zu ehrerbietigem Gedenken." (Festschrift: "50 Jahre DOG", S.13 v. Dezember 1952)
Enkeltochter Ulrike Bork vermerkt über die letzten Monate ihrer Großeltern:
"Es war eine Reise ohne Wiederkehr. Beide wurden am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Mein Großvater ist dort am 6. Dezember 1942 gestorben. Verhungert? Ermordet? Die Todesfallanzeige gibt Blutzersetzung und Herzmuskelentartung als Todesursache an. Meine Großmutter starb am 15. Februar 1943 - laut Todesfallanzeige litt sie an Wundrose und Durchfall." (stolpersteine-hamburg.de: Ulrike Bork über ihren Großvater Dr. Walter Bismarck Alexander, Erik-Blumenfeld-Platz 15 + StaH 351-11, Amt für Wiedergutmachung, 1730, Dr. Alexander, Walter Bismarck)
Die offizielle Firmendarstellung in der direkten Nachkriegszeit tut sich offenbar noch schwer mit dem tatsächlichen Verlauf zum Ausscheiden des ehemaligen Seniorchefs Dr. Alexander. So heißt es in einem Bericht der britischen Wirtschaftsspionage:
"... da der frühere Technische-Direktor Dr. Alexander 1938 in Rente ging, gab es erhebliche Schwierigkeiten beim Einholen stichhaltiger Informationen ..." ("B.I.O.S. Final Report" des British Intelligence Objectives Sub-committee, Ausg. 921-929, S.9 - 1946)

Walter Bismarck Alexander: Teilhaber der DOG von 1919-1938 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)
Der von den Nationalsozialisten seit 1919 praktizierte Antisemitismus wird auch für Gottfried Grandel zu einem familiären Problem. Die bereits 1932 von ihm vollzogene Ehescheidung von seiner halbjüdischen Ehefrau Helene könnte hier einem erhöhten Parteidruck geschuldet gewesen sein. Seit seiner Untersuchungshaft von 1924 war einem breiteren Kreis bekannt geworden, dass er "jüdisch versippt" sei.

Christine Grandel, Eleonore Winternitz, Felix, Helene und Gottfried Grandel - Lugano, 1927 (Fotografie im Privatbesitz)
Die juristisch über zwei Jahre sich hinziehende Ehetrennung von seiner Frau Helene zwingt Gottfried Grandel im Ergebnis, dass er ihr die frühere Heiratseinlage aus dem Jahre 1916 zurückzuzahlen hat. Da er über Barmittel in Höhe von 40.000.- Mark nicht verfügt, steigt er notgedrungen aus der Hamburger Firmen-Teilhaberschaft wieder aus. Ihm fehlen nach der Haftentlassung, Fusion und den desaströsen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise schlichtweg die finanziellen Reserven.
Gottfried Grandel hat zudem klar vor Augen, was seine ehemaligen Parteigenossen nach mehr als einem Jahrzehnt Vorbereitungszeit mit der jüdischen Bevölkerung planen. Als sogenannter Arier legt er daher keinen Wert darauf, sich während der zu erwartenden nationalsozialistischen Herrschaft aufgrund einer Mischehe rechtfertigen und Repressalien mit aussetzen zu müssen.
Es kommt schließlich, wie viele es erwartet haben: Juden, aber auch "jüdisch versippte" Reichsbürger, werden ab 1933 verstärkt diskriminiert; ihnen bleiben u.a. bestimmte Berufe und Aufstiegsmöglichkeiten verschlossen.
Möglicherweise erhofft sich Dr. Grandel im bevorstehenden III. Reich eine parteipolitische Karriere an führender Stelle. Theoretisch steht er dafür nun ab 1933, nach vollzogener Trennung von Frau, Familie und Firma, in Hamburg für einen "Ruf nach Berlin" bereit.
Als "heftiger Gegner der NSDAP", so wie sein ältester Sohn Felix ihn im eigenen Entnazifizierungsverfahren nach dem Krieg bezeichnet, kann Gottfried Grandel hingegen nicht beschrieben werden.
Noch 1934 empfiehlt sich der frühe Parteigenosse "aus der Kampfzeit" dem Führer mit einem detaillierten "Fettschlachtplan" für den Fall eines zu erwartenden Krieges und hofft dabei tatsächlich auf einen Ruf nach Berlin, um dem Führer persönlich vortragen zu können; doch Gottfried Grandel wartet vergeblich.
Auch Gottfried Grandels Antisemitismus scheint zu Beginn der 40er-Jahre weiterhin ausgeprägt zu sein. In einem Briefwechsel mit der verwitweten DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann führt er zu den allgemeinen Perspektiven der jüdischen Bevölkerung aus:
"Aus dem Land Baden-Baden, das wird Sie interessieren, sind ja alle Juden in letzter Zeit fortgeschafft worden, zunächst in die großen Lager in Südfrankreich, von da sollen sie nach Madagaskar u. in französische afrikanische Kolonien kommen u. da angesiedelt werden. Sie dürfen nur RM 100,- u. kleines Gepäck mitnehmen, und wurden in französischen Autobussen abtransportiert. Wie man allgemein hört, sollen auch aus dem übrigen Deutschland alle Juden fortgeschafft werden." (Dr. Grandels Brief an Bertha Lohmann, Bl.4 v. 7.11.1940)
Wikipedia schreibt zu den national-sozialistischen Erwägungen, vier Millionen europäische Juden nach Madagaskar zu deportieren:
"Der antisemitische Plan wurde nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 im Reichssicherheitshauptamt und im Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches ausgearbeitet. Er wurde allerdings nie umgesetzt, insbesondere wegen des Seekriegs gegen Großbritannien und der damit nicht vorhandenen Hoheit über die entsprechenden Seewege. So endeten die Arbeiten am Madagaskarplan noch im selben Jahr. Stattdessen wurde letztlich ein Großteil der europäischen Juden im Holocaust ermordet."
Die Durchsetzung seiner nachträglich formulierten Forderungen gegenüber den Hamburger DOG-Teilhabern versucht Dr. Grandel 1941 zunehmend durch einen offenen Antisemitismus zu begünstigen. Zu den von ihm behaupteten Begleitumständen seines 1932 vollzogenen DOG-Austrittes schreibt er rückblickend:
"Über die Beweggründe der anderen damaligen Gesellschafter glaube ich mich nicht zu irren, wenn ich annehme, dass den Herrn Dr. Alexander der Hass des Juden gegen mich als bekennendem nationalsozialistischen Freund und Förderer Adolf Hitlers antrieb, daneben auch geschäftliche Eifersucht." (Dr. Grandels Brief an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, Bl.4 v. 7.11.1940)
In Reaktion auf die Anwürfe gegen den ehemaligen Seniorchef der Hamburger Ölfabrik vermerken die DOG-Teilhaber:
"Es ist Herrn Rupp nicht bekannt geworden, daß Dr. Alexander als Hetzer aufgetreten ist." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die DOG-Teilhaber, S.5)
"Dr. Grandel war bekannt, daß Dr. Alexander Jude ist. Dies war Dr. Grandel genau so gut bekannt, wie die Tatsache, daß Dr. Grandel 1915 (-1916-) eine Halbjüdin, Frau Helene Winternitz heiratete.(...) Dr. Grandel hatte (-1929-) bei der Fusion nicht die geringsten Bedenken gehabt, auch mit Dr. Alexander eine geschäftliche Ehegemeinschaft einzugehen. Es muß daher als unfair bezeichnet werden, wenn Dr. Grandel nicht vorhanden gewesenen Haß oder Eifersucht als Motiv benutzt, um Dr. Alexander zu belasten." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die Teilhaber, S.4)
DOG-Bestellung einer Vacuum-Extraktionsanlage zur Entölung von Abfallprodukten
Zum August 1942 beabsichtigt die Hamburger Ölfabrik, aufgrund zunehmender Rohstoffverknappung aus Braunkohlepech Öl zu extrahieren. Auch Sägemehl mit Rüböl, Schlamm mit Ölrückständen, Braunkohle-Teerrückstände und Teerfettöle geraten in den Blickwinkel der Verwertung. Besonders Bleicherde-Rückstände aus der Mineralölraffination versprechen hohe Rückgewinnungspotentiale, deren Entölung durch Extraktion bis auf die verlangten 3-5% Restgehalt möglich erscheint. Von der in Hamburg mit der DOG befreundeten Firma Rhenania-Ossag geht die Initiative aus, eine neue Verfahrenstechnik anzuwenden. Die daraufhin angefragte Apparate- und Maschinenbaufirma Otto Wilhelm aus Stralsund notiert:
"Nach Ansicht und Erfahrung des Herrn Wrede (-DOG-) sind für diese Rohstoffe einzig und allein Wilhelms rot.(-ierende-) Extrakteure die geeigneten. Da sie im Augenblick noch nicht wissen, wieviel Material sie pro Tag verarbeiten werden, da alles noch im Aufbau ist, bitten sie um Angebot der vorerst kleinsten rentablen Anlage. Auf seine Frage nach schnellster Lieferung eines gebrauchten Extrakteurs wurde diese Frage, als nicht vorhanden, verneint. Ob Kennziffer mit Sonderstufen erteilt werden kann, wußte er im Augenblick nicht zu sagen, doch bat er im Bestellungsfalle um möglichst schnelle Lieferung. Die Anlage kommt im Freihafengebiet von Hamburg zu stehen." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - Anrufsnotiz der Fa. Otto Wilhelm v. 10.8.1942)

Nach Patent der Firma Otto Wilhelm: Rotierender Extrationsapparat mit beweglicher Extraktionsflüssigkeit (Austerweil/Roth: "Gewinnung und Verarbeitung von Harz und Harzprodukten", S.133 - 1917)
In dem höchsten Gebäudeteil der Hamburger DOG wird zu diesem Zeitpunkt durch Demontage einer fehlinvestierten Anlage eine Räumlichkeit frei. Das zu verarbeitende Rohmaterial wird laut der Planung später in Kesselwagen angeliefert, in ein unterirdisch anzulegendes Reservoir abgelassen um dann mittels Druckluft in einen heizbaren Mischbehälter auf der obersten Etage des Extraktionsgebäudes abgedrückt zu werden. Von dort erfolgt die Zuleitung in den Auflöser (Extrakteur), dessen Rückstände dann über eine Rutsche abgeleitet werden. Als Endprodukt werden rund 85% Öl und 15% Asphalt, Unlösliches, Kalk und Wasser angestrebt. Der Monatsdurchlauf wird auf 120 Tonnen Rohmaterial veranschlagt. Um Platz zu gewinnen, sollen die Kühler auf dem Dach des Gebäudes aufgestellt werden.
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Straßenansicht des Hochgebäudes der Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co. am Ellerholzdamm 50 - 1930 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)

DOG-Straßenansicht mit Hochgebäude - September 1937 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Eisen ist in dem vierten Kriegsjahr schwer zu bekommen. Vor der Realisation ist daher für dieses Konstruktionsprojekt bei den zuständigen Berliner Dienststellen bezüglich der Eisenkontingentzuteilung vorzusprechen. Die formulierten Anträge werden dem Reichsamt für Wirtschaftsausbau und der Reichsstelle für Mineralöl zugeleitet. Geplant ist aber von der DOG auch, die verwertbaren Komponenten der unbrauchbaren Altanlage erneut zu verwerten.
In einem Briefwechsel der DOG mit dem Zuliefererbetrieb aus Stralsund heißt es:
"Die Herren fahren noch diese Woche nach Berlin, um die Angelegenheit bezüglich Erhalt der erforderlichen Eisenmenge auf das äußerste zu beschleunigen." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - Besuchsbericht Fa. Otto Wilhelm v. 20.1.1943)

Hamburger Metallsammlung für die letzten Kriegsjahre der deutschen Wehrmacht (BArch: Bild 183-R99041 / o.Ang.)
Der Material-Antrag auf Ausbau der Hamburger Faktiserzeugung wird der DOG vom Beauftragten für den Vierjahresplan zum 19. März 1943 kontingentiert. Unter der erteilten Wehrmachtauftrags-Nr. 4022-7706(1)/43 können von der Firma DOG für 1943 unter dem Kennwort Bunaverarbeitung rund 23 Tonnen Eisen angefordert werden. Dipl.-Ing. Snyckers vermerkt:
"Wie Sie aus der Wehrmachtsnummer ersehen haben werden, handelt es sich bei dem Auftrag um eine dringliche Anlage, die vor der SS-Stufe rangiert. Demzufolge müssen wir darauf gefasst sein, dass uns das Reichsamt für Rüstungsausbau sehr grosse Schwierigkeiten bereiten wird, wenn wir unsererseits nicht dafür sorgen, dass die Anlage bis spätestens zum Herbst (-1943-) in Betrieb kommt." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Schreiben an Fa. Otto Wilhelm v. 18.5.1943)
In der verschriftlichten Anfrage des DOG-Gesellschafters Snyckers wird gegenüber dem Stralsunder Unternehmen betont, dass zunächst eine Tagesleistung von 1000 kg Rückstände-Extraktion mittels Benzin oder einem anderen geeigneten Lösemittel beabsichtigt ist, die jedoch durch Erweiterung der Anlage bis zum Vierfachen der Menge gesteigert werden soll. Mittels mechanischen Förderbandes gelangt das Material sodann in den langsam rotierenden Behälter, wo es schließlich mit Lösungsmittel und Wärmezufuhr in Kontakt gerät. Die Rotation bewirkt dabei die gleichmäßige Durchmischung des Extraktionsgutes. Eine hierdurch gewonnene Lösung wird abgepumpt, gefiltert und destilliert. Zu dem geplanten Vorhaben wird von Dipl.-Ing. Snyckers weiter ausgeführt:
"Unter Bezugnahme auf das heute mit Ihnen geführte Ferngespräch bitten wir Sie um Ihr Angebot mit Angabe der kürzesten Lieferfrist für eine Extraktionsanlage bzw. den dafür benötigten Extrakteur, wie er zur Extraktion von Bleicherde-Rückständen verwendet wird.(...) Zu Ihrer Orientierung fügen wir hinzu, dass wir als chemische Fabrik uns mit der Herstellung von Oelkautschuk für die Gummiindustrie befassen und auf diesem Gebiet Deutschlands grösstes Unternehmen sind. Als Lieferer der Gummiindustrie werden unsere Erzeugnisse fast ausschliesslich zur Erfüllung von S-(-onder-) und SS-Aufträgen verwendet. Da wir jedoch nur Rohstoffe herstellen, können wir unmittelbare Wehrmachts-Kennziffern nicht zur Verfügung stellen, sondern nur die von der Wirtschaftsgruppe chemische Industrie erteilten Kennziffern. Wir wären Ihnen ausserordentlich dankbar, wenn Sie uns schnellstens Ihre Antwort mit möglichst ausführlichem Angebot zugehen lassen würden, da die Sache äusserst dringlich ist. Heil Hitler!" (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Schreiben an Fa. Otto Wilhelm v. 10.8.1942)
Nach rund acht Monaten Verhandlungen, Materialprüfungen und Abstimmungen stellt sich schließlich heraus, dass die beantragte Eisenmenge von 21 Tonnen für den Umfang der Maßnahme nicht ausreichen wird. Der Materialansatz hatte sich mittlerweile auf 42 Tonnen erhöht. DOG-Teilhaber Snyckers vermerkt:
"Unter Bezugnahme auf das mit Ihnen geführte Ferngespräch teilen wir Ihnen wunschgemäss auf Ihr Angebot vom 15. u. 17.4.43 mit, dass es ganz ausgeschlossen ist, beim Reichsamt für Wirtschaftsausbau nochmals um Nachbewilligung von Kennziffern anzufragen. Wir müssen deshalb die Planung der Anlage und den Ausbau so durchführen, dass mit den vorhandenen 23 tons auszukommen ist, wobei wir Sie baten, dass bei der Aufstellungszeichnung darauf Rücksicht genommen wird, dass wir die Anlage jederzeit um die fehlenden Apparate erweitern können.(...) Weiterhin teilen wir Ihnen mit, dass wir in unserem Stellinger Werk noch über Tanks verschiedener Größen und Abmessungen verfügen. Wir würden bereit sein, diese Tanks, soweit sie gebraucht werden können, mit für die Anlage zu verwerten." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Schreiben an Fa. Otto Wilhelm v. 22.4.1943)
Im Ergebnis reduziert sich das Vorhaben nun auf die Aufbereitung von Säureharz, während die übrigen Extraktionen zurückgestellt werden. Doch noch vor Umsetzung der Maßnahme nehmen die Bombenangriffe auf Hamburg zu.
1943
Im vierten Kriegsjahr hat sich der militärische Erfolg gegen das Deutsche Reich gewendet. Waren es zuvor Kriegsschauplätze außerhalb der Reichsgrenzen, so verschieben sich diese zunehmend auf deutschen Boden. Kriegswichtige Industrieanlagen, besonders Fabriken im Hamburger Hafen, werden bevorzugtes Ziel alliierter Bombenabwürfe. Zu der dort ansässigen Firma Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel heißt es noch für das zurückliegende Jahr 1942:
"Das Geschäft hat sich im Laufe der Jahre gut entwickeln können und arbeitet auch heute mit Nutzen. Die Gefolgschaft besteht aus über 100 Personen." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Einschätzung durch "Verband Deutscher WYS Muller-Auskunfteien" v. 6.2.1943)
Trotz dieser stabilen Ausgangslage geht die Ölfabrik harten Zeiten entgegen.
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Anflug auf Norddeutschland: Britische Bomber Avro Lancaster - 1943 (Wikimedia Commons / Royal Air Force, o.Ang. - Datei: Avro Lancaster Bombers in Flight, 26 August 1943 TR1156.jpg - Aufnahme vom 26. August 1943)
Während der sogenannten Operation Gomorrha wird die norddeutsche Elbestadt von großen Bomberverbänden aus Ost-England angeflogen. Die Bezeichnung des militärischen Kommandounternehmens ist biblischen Ursprungs.
Die verfolgte Absicht von Churchill und Roosevelt: Brechung der deutschen Kriegsbereitschaft, insbesondere die der Zivilbevölkerung.
Angenommen wird, dass schon nach zwei Operationen diesen Umfangs der Krieg gegen Deutschland ein Ende finden würde. Über 2200 Flugzeuge steuern in sieben Angriffswellen, die vom 24. Juli bis zum 3. August 1943 andauern, die Industriemetropole im Norden des Reiches an.

Luftangriff auf Ölfabrik - 1942 (BArch Berlin: NS26/96 / Fotografie im Privatbesitz)
Am 25. Juli 1943 werden mehrere Mineralölbetriebe im Bereich des Hamburger Hafens von den Bomben schwer getroffen. Nachfolgende Angriffswellen können zum Teil durch starke Rauchentwicklung die vorgesehenen Ziele nicht mehr erkennen.

Hamburg: Ruinen am Eilbeker Weg nach der Operation Gomorrha - 1943
Im Zusammenhang mit einer schon seit Wochen andauernden Hitzewelle entwickeln sich durch die flächendeckenden Bombenabwürfe verheerende Feuerstürme in der Stadt, die Feuerwehren sind machtlos.

Hamburg-Eilbek: Durch Flächenbombardement zerstörter Stadtteil - 1943
Die nach Abschluss der Angriffe geschätzte Opferzahl liegt bei mindestens 34.000 Menschen; ganze Stadtbezirke werden durch die Folgen der Bombenabwürfe nahezu dem Erdboden gleichgemacht. Auch die Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel erhält während der Angriffe auf die Hafenanlagen schwere Treffer:
"Bei den Tagangriffen am 25. und 26.7.(-1943-) wurde unsere Faktisfabrik sowie unsere Büro- und Laboratoriumsgebäude erheblich durch Brand- und Sprengbomben beschädigt, sodaß der gesamte Betrieb vorübergehend stillgelegt werden musste. Leider befinden sich mehr als die Hälfte unserer Gefm. (-Gefolgschaftsmitglieder-) unter den Totalbeschädigten. Unsere Schwesterfabrik ARTIFEX, Stellingen, Kielerstr. 339 wurde dagegen in der Nacht vom 24./25.7.(-1943-) total zerstört. Die gesamte Einrichtung sowie sämtliche Maschinen und Vorräte, ebenso die Werkswohnungen und das Vorderhaus sind bis auf die Grundmauern abgebrannt. Die seit Frühjahr 1942 stillgelegte Oelraffinerie erlitt ebenfalls Gebäudeschäden." (DOG-Schreiben an DOG-RA Dr. Hübbe, Akte Nr. 55163 v. 1.9.1943)
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Kurz nach dem Bombenabwurf: Hamburger Freihafengelände Steinwerder (Hamburg-Archiv / Royal Air Force, o.Ang. - DOG-Standort mit rotem Punkt markiert)

"In der Nacht vom 24./25.7. total zerstört.": Schwesterfabrik Artifex in Hamburg Stellingen - Juli 1943 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
In der späteren Jubiläums-Festschrift wird sich an die Zeit massiver Bombenangriffe auf die Stadt erinnert:
"Bis zum Sommer 1943 konnte die Arbeit noch in geordneten Bahnen fortgeführt werden (...), aber die großen Schwierigkeiten begannen doch erst mit den Luftangriffen. Gleich bei den Juliangriffen 1943 auf Hamburg wurden Mahlanlagen und die Hälfte der Laboratorien zerstört. Damals und noch manches spätere Mal wäre ohne den rücksichtslosen Einsatz der alten Mitarbeiter im Betriebsluftschutz sehr viel mehr, vielleicht alles vernichtet worden. So aber gelang es, die Feuer auf ihren Entstehungsraum zu beschränken und trotz des Fehlens fremder Hilfe wirksam zu bekämpfen. Bei den immer dichter aufeinander folgenden weiteren Angriffen lernte man, es als Glück zu betrachten, daß von nun an fast nur noch Sprengschäden entstanden. Mit ihrer Ausbesserung wurde begonnen, sobald der Entwarnungston verklungen war." (Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG", S.13/14 - Dezember 1952)

Öllager in Flammen: Löscharbeiten im Hamburger Hafen (Fotografie im Privatbesitz)
Der von der DOG mit der Stralsunder Firma seit einem Jahr forcierte Einbau einer neuen Entölungsanlage steht bei der Bombardierung kurz vor der Umsetzung. Besorgt heißt es von der Firmenleitung:
"Nachdem nunmehr die Postverbindung mit Hamburg wieder einigermaßen funktioniert, drängt es mich bei Ihnen anzufragen, ob auch Sie von den Terrorangriffen in Mitleidenschaft gezogen wurden und wie weit. Insbesondere hätte ich gern über das persönliche Ergehen Ihres sehr geehrten Herrn Snyckers sowie Ihrer sehr geehrten Herren Dr. (-Herbert-) Kant(-r-)owitz (-Harburg, Meyerstraße 33a-), Dr. (-Wilhelm-) Lohmann und (-Josef-) Rupp erfahren. Insbesondere bitte ich auch um Bescheid, ob das Gebäude, in dem die von mir zu bauende Anlage untergebracht werden soll, in Mitleidenschaft gezogen wurde oder ob der Einbau der Anlage in der geplanten Art vor sich gehen kann." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - Schreiben Fa. Otto Wilhelm an DOG v. 9.8.1943)
Dipl.-Ing. Snyckers teilt daraufhin mit:
"In Beantwortung Ihrer Anfrage vm 9.8. teilen wir Ihnen mit, dass erfreulicherweise unser Werk sowie deren Inhaber und ein Teil der Gefolgschaft vor Schäden bewahrt blieb. Wir hoffen spätestens Anfang September die Produktion im alten Umfang wieder aufnehmen zu können und werden dann auch eingehend weiter den Ausbau der Neuanlage betreiben.(...) Irgend eine Änderung im Aufbau ist nicht vorzusehen, es sei denn, dass berücksichtigt wird, dass im Anbau des Turmes der Luftschutzraum untergebracht ist und nach den letzten Erfahrungen über diesem zweckmässigerweise keine brennbaren Flüssigkeiten untergebracht werden dürfen. Es wird also vielleicht notwendig sein, eine Brandmauer seitlich oberhalb des Luftschutzraumes anzubringen, sofern die augenblickliche Bauausführung dies zulässt." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Schreiben an Fa. Otto Wilhelm v. 14.8.1943)
Doch die Fertigung der Anlageteile hat in Stralsund nicht nur mit Materialengpässen zu tun. Von dort heißt es:
"Ich beschleunige natürlich die Angelegenheit nach Kräften, aber bei dem geringen mir verbliebenen Arbeiterstand, der zum erheblichen Teil auch noch für Kriegsmarinefertigung angesetzt wird, kann ich beim besten Willen nicht schneller bauen." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - Schreiben Fa. Otto Wilhelm an DOG v. 25.1.1944)
Auch für den mittlerweile in Freiberg/Sachsen bei Witwe Hubricht untergekommenen Dr. Grandel haben die starken Bombenschäden der Hamburger Ölfabrik wirtschaftliche Konsequenzen. Der ehemalige Seniorchef Carl-Wilhelm Lohmann erinnert sich:
"1943 wurde die DOG durch Bombardements schwer getroffen, andere Betriebsteile wurden stillgelegt, und deshalb kündigte die DOG die 'Karenzvereinbarung', war aber bereit, ab Oktober 1943 noch RM 250,-- nach Freiberg zu überweisen." (Mail von Carl-Wilhelm Lohmann an Oliver Meier v. 9.4.2022)
Seit der schweren Zerstörung Hamburgs bangt Dr. Grandel durch das Ausbleiben bzw. Reduktion der nachträglich ausgehandelten Karenzvergütung um seine monatlich fest eingeplanten Stillhalte-Zahlungen:
"Durch die Nichtüberweisung der Karenzvergütung für August und ev. für weitere Monate komme ich in rechte Verlegenheit ..." (Schreiben des DOG-Anwaltes Dr. Johann Georg Hübbe an Fa. DOG über Briefeingang v. Dr. Grandel v. 24.8.1943)
Die vertragsgemäße Umsetzung des dreimonatigen Kündigungsrechts mit der hernach von der DOG angebotenen Halbierung der Karenzvergütung auf RM 250,- empfindet Dr. Grandel als "beschämende Herabsetzung". Relativierend fällt demnach auch sein Antwortschreiben an den DOG-Anwalt Dr. Hübbe aus:
"Immerhin sind Ihrer Partei die Herren Inhaber, die Aussenstände, das Bankguthaben, der Kredit und die günstigen Zukunftsaussichten verblieben. Die Fliegerschäden werden ausgebessert und vom Staat vergütet werden. Die Faktisfabrikation kann vermutlich schon jetzt oder binnen kurzer Zeit wieder fortgesetzt werden. Es kann sich nur um eine vorübergehende Betriebsstörung handeln." (Schreiben des DOG-Anwaltes Dr. Johann Georg Hübbe an DOG über Briefeingang v. Dr. Grandel v. 25.9.1943)
Kurz vor den Bombenangriffen auf Hamburg beauftragt Josef Rupp die Hamburger Privatdetektei Otto Schultz, Neueburg 6, um die persönlichen Verhältnisse Dr. Grandels in Süddeutschland zu durchleuchten.
Der mit RM 1722,- vergütete sechsseitige Bericht vom 27. Juni 1943 offenbart diverse Informationen zum Nachteil Dr. Grandels:
"Ob Herr Rupp sich davon 'Munition' für die Auseinandersetzung mit Dr. Grandel versprach? Immerhin hat er eine Kopie bei seinem Anwalt hinterlegen lassen. Da man sich auf die reduzierte Zahlung der Karenz - einer Art Stillhalte-Zahlung - einigte, scheint diese 'Waffe' nicht mehr eingesetzt worden zu sein." (Mail von Carl-Wilhelm Lohmann an Oliver Meier v. 9.4.2022)
Zu dem eigentlichen Hintergrund seiner nachträglich formulierten Ansprüche gegenüber der Hamburger Ölfabrik heißt es auf Blatt 5/6 des ausführlichen Detektei-Berichtes:
"Wenn also Dr. Grandel, der seinerzeit, als konjunkturmässig das Geschäft der Deutschen Ölfabrik Dr. Grandel & Co. darniederlag, das sinkende Schiff verliess, und endlich bei seinem Wiederaufstieg um die Jahreswende 1941 sich mit Geldansprüchen wieder meldete, so übersieht man heute infolge bisheriger Feststellungen, dass die Einrichtung seiner Finanzen nach genau vorherberechnetem Plan geschah. Um diese Zeit beabsichtigte er schon, sich von seiner Frau (-Magdalena, geb. Pachaly-) zu trennen, suchte einen Grund zur Scheidung, denn auch (-sein Freund Emil-) Hubricht starb zu dieser Zeit und Gertrud (-Hubricht aus Freiberg/Sachsen-) wurde frei. Wenn nun ein Vertrag der Deutschen Ölfabrik mit Dr. Grandel zustande gekommen ist, wonach er für die Dauer vom 1.3.1941 bis zum 31.12.1945 monatlich RM 500,- erhält, so passt dieser Betrag genau in die Kalkulationen des Grandel, die er durch Vertrag mit Magda festgelegt hat. Tatsächlich zahlt also nicht er aus seinem Vermögen die Alimente mit RM 400,- an Magda, sondern die Deutsche Ölfabrik, wobei Dr. Grandel noch RM 100,- für sich übrig hat, wenn der Sohn Uli (...) bei ihm lebt. Es war daher nicht besonders schwer für Dr. Grandel, sich von Magda zu trennen, da das Risiko nicht besonders gross war. Er hatte gewissermassen eine Rückversicherung geschaffen."
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Bei Grandels in Freiburg: Gottfried undMagda mit Sohn Uli - 1939 (Fotografie im Privatbesitz)
Mit Beginn der Bombardierungen übernimmt der seit 1932 im Betrieb tätige Schwiegersohn des 1935 verstorbenen Teilhabers Dr. Rudolf Bünz, Dipl.-Ing. Alexander Jules Snyckers, den zusätzlich geschaffenen Posten des Luftschutzleiters. Dieser erstreckt sich über weitere sieben angrenzende Hafenbetriebe. Privat ist Dipl.-Ing. Snyckers Eigentümer des Hofes Brumberges Alsendorf bei Jesteburg.

Dipl.-Ing Alexander Jules Snyckers - Dezember 1952 (DOG-Jubiläumszeitung: "Der Zeitzeuge" - 2002 / Fotografie im Privatbesitz der Enkelin von Josef Rupp)
In dem späteren Entnazifizierungsverfahren notiert der damalige Betriebsteilhaber Dr. Heinz Lohmann am 2. Januar 1949 rückblickend über den Mitinhaber Alexander Snyckers:
"Seinem Einsatz verdankt es unser Betrieb, dass er trotz der äusserst gefährdeten Lage im Hamburger Freihafen relativ unbeschädigt den Krieg überstand." (Staatsarchiv Hamburg: Sign. 221-11_I(C)478 v. 2.1.1949)
Doch Ingenieur Snyckers zeigt in dieser Phase des Krieges noch eine weitere Eignung: Gegenüber der politischen Ideologie der Nationalsozialisten.
Das Verhältnis zwischen Josef Rupp und seinem Junior-Gesellschafter Snyckers wird dadurch in den folgenden Kriegsjahren schwer belastet; der Konflikt führt schließlich zur Absetzung des erfahrenen Seniorchefs.
So notiert Josef Rupp rückblickend:
"Im August 1943 ist mein Junior-Partner, Herr Dipl.Ing. Alexander Snyckers, unter Missbrauch seiner Parteizugehörigkeit und mit Unterstützung der DAF (-Deutsche Arbeitsfront-) Kreisverwaltung III Hamburg, 'Betriebsführer' der Firma Deutsche Ölfabrik Dr. Grandel & Co. Hamburg geworden. Von diesem Zeitpunkt an hielt er zahlreiche Betriebsappelle." (Staatsarchiv Hamburg: Josef Rupp in einer Aktennotiz vom 25. April 1945)

DOG-Teilhaber Dr. Rudolf Bünz (blau markiert), Josef Rupp (heller Mantel) und Alexander Snyckers - 1. Mai 1934 (Fotografie im Privatbesitz / o.Ang. - Höhe Kieler Str. 108, mittlerweile Clemens-Schultz-Str., lfd.Nr.: 345 75)
Zu den Vorwürfen gegenüber Josef Rupp heißt es in einem anwaltlichen Schreiben:
"Diese Absetzung des 15 Jahre älteren Seniorchefs wurde von Snyckers in die Wege geleitet durch Intrigen bei der DAF bezw. dem derzeitigen Beamten der DAF, Rehder. Dieser wurde vorgeschickt, um Rupp zum Eintritt in die Partei zu veranlassen. Als Rupp dies ablehnte, wurden ihm von Snyckers heftigste Vorwürfe gemacht; er sei politisch unzuverlässig und als Katholik und Logenbruder für die Betriebsführung ungeeignet. Er habe auch Betriebsappelle nicht vorschriftsmässig abgehalten und die Weisungen der DAF missachtet. Dem ständig von Snyckers auf ihn ausgeübten Druck musste Rupp schliesslich weichen und die abschriftlich beigebrachte Erklärung vom 17.8.1943 unterzeichnen. In der Folge verbot Snyckers Herrn Rupp die Unterzeichnung von Briefen und Schriftstücken, die an Behörden, Parteien, Angestellte und Arbeiter gerichtet waren." (StaaA Hamburg, Entnazifiz.-Verf. A. Snyckers: J. Rupps RA H.G. Kleinwort an Zentralstelle für die Ausschaltg. v. NS, 4.8.1947)
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DOG-Teilhaber Josef Rupp - 1940 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)
Das Band zwischen den beiden DOG-Teilhabern Rupp und Snyckers scheint zerschnitten. In der betriebsinternen Vereinbarung, die Josef Rupp am 17. August 1943 schließlich widerwillig unterzeichnet, heißt es:
"Um diesen Erfordernissen Rechnung zu tragen und um auch eine einheitliche und weitgehend gerechte Bearbeitung aller sozial-politischen Dinge gewährleisten zu können, hat sich unser seit Jahren als Betriebsführer eingesetzte Teilhaber, Herr Josef Rupp, entschlossen, mit dem heutigen Tage und im Einvernehmen mit der DAF das Amt des Betriebsführers unserem, den gesamten Fabrikations-Betrieb leitenden, Herrn Dipl. Ing. Snyckers zu übertragen. In Übereinstimmung mit den übrigen Gesellschaftern unserer Firma übernimmt heute Herr Snyckers damit die verantwortliche Führung der sozial-politischen Aufgaben, die im Zeichen des totalen Kriegs ausschliesslich nur dem Gesamtwohle aller zur Betriebsgemeinschaft unserer Firma gehörenden Gefm. (-Gefolgschaftsmitglieder-) dienen dürfen."
Zu der prozessualen Auseinandersetzung schreibt Josef Rupp in diesem Zusammenhang weiter:
"Diese, auf seine Parteizugehörigkeit gestützte Intrige, hat Snyckers, gedeckt durch seinen Bruder, den einflussreichen Parteischriftsteller und SA-Standartenführer Dr. Hans Snyckers, mit vollem Erfolg gegen mich durchgeführt und mich erst nach dem Einmarsch der Engländer, auf Betreiben meines Rechtsanwaltes, wieder als Betriebsführer eingesetzt." (StaaA Hamburg: undatierte "Anlage Nr.1", die zusammen mit einem Fragebogen am 4. Januar 1946 der Handelskammer eingereicht wird)
Auch der von Josef Rupp erwähnte Bruder von Alexander Snyckers, SA-Obersturmbannführer Hans Snyckers, ist überzeugter Nationalsozialist. Im Jahre 1937 verfasst er als 23-jähriges SA-Mitglied seine Doktorarbeit über das Thema:
"Bedeutung des Führererlasses über die SA-Wehrmannschaften für die deutsche Wehrverfassung und für die staatliche Stellung der SA."
Seine Buchveröffentlichung von 1940, das "Tagebuch eines Sturmführers", erfährt in nationalsozialistischen Parteikreisen weitgehende Beachtung.

Obersturmbannführer Dr. Hans Snyckers - 1942 ("Die SA - Zeitung der Sturmabteilung der NSDAP", S.12 - 1941)
Hans Snyckers wird daraufhin Literaturpreisträger der SA. Laut dem Buch "Belastung als Chance" erfolgt aufgrund dieser Veröffentlichungen auch Dr. Snyckers Berufung zur Dienstleistung in die Oberste SA-Führung. Hier wirkt er ab 1941 als Kulturreferent an der deutschen Botschaft in Bratislava und übernimmt die dortige Kulturabteilung, ein Propagandainstrument der deutschen Außenpolitik. In der agitatorischen Abteilung wird maßgeschneiderte NS-Propaganda für die jeweiligen slowakischen Zielgruppen erarbeitet.
(Laut "Biographisches Handbuch des Auswärtigen Dienstes" ist Hans Snyckers seit 9.11.1942 Obersturmbannführer; s.a. BArch: BDC-SA, Hans Snyckers; BArch: BDC-PK, Hans Snyckers, geb. 26.6.1914 in Leipzig)
In der Folgezeit orientiert sich die DOG-Betriebszelle unter der Leitung von Alexander Snyckers zunehmend an den ideologischen Vorgaben der bestimmenden Nationalsozialisten.
1944
Zum 1. April 1944 feiert Teilhaber Josef Rupp sein 25-jähriges Dienstjubiläum innerhalb der ölverarbeitenden Industrie, doch die Rahmenbedingung sind alles andere als entspannt.
Ausgerechnet zum Führergeburtstag am 20. April 1944 muss Parteigenosse Alexander Snyckers im Rahmen eines Betriebsappells einen Rückschlag aus dem eigenen Verantwortungsbereich vermelden. Seine durch Josef Rupp in der späteren Entnazifizierungsakte beigefügte Ansprache an die Belegschaft gliedert sich in zwei Abschnitte. So heißt es in Alexander Snyckers Einleitung:
"Kameraden und Kameradinnen! Der Grund unseres heutigen Appelles ist uns allen bekannt. Bevor ich jedoch zum eigentlichen Thema komme, muss ich, so leid es mir tut, aus Zeitersparnisgründen ein Ereignis berühren, das für unseren Betrieb höchst unangenehm ist. Wie mir gesagt wurde, ist es bereits im Betriebe bekannt geworden, dass (-Arbeiter W.-) Buskohl (-Brüderstraße 1, Hamburg 36-) in Haft genommen wurde. Buskohl kommt vor das Sondergericht, weil er grössere Mengen fetter Öle entwendet und auf dem schwarzen Markt für hohes Geld veräussert hat. Seine Verbindung zum schwarzen Markt führt ihn nun der gerechten Strafe zu, für uns ist er als Gefolgschaftsmitglied verloren, seine Existenz dürfte auf lange Sicht zerstört sein. Zu seiner Entlastung hat B. jedoch bekanntgegeben, dass jeder seiner Kameraden im Betrieb sich täglich ein 100g-Fläschchen Öl mit nach Haus nähme und dass die Betriebsführung das wüsste und billigte. Hierzu möchte ich erklären, das wir bisher von solchen Gebräuchen, die völlig über das Mass des Übersehbaren hinweggehen, keine Kenntnis hatten. Ich glaube auch nicht, dass die Aussage von Buskohl für Sie alle, meine Kameraden, zutrifft, in diesem Fall wäre es ein sehr bedauerliches Zeichen für unsere Betriebsgemeinschaft und deren Einstellung zum Kriegsgeschehen. Unabhängig davon, dass infolge dieser Aussagen vermutlich amtlicherseits weitere Untersuchungen durchgeführt werden und vielleicht der eine oder andere von Euch, sofern er Verbindungen zum schwarzen Markt gehabt hat, ebenfalls noch verhört werden wird, steht weiterhin fest, dass B. durch seine Verbindungen mit Verbrecherkreisen in Berührung gekommen ist, die gefasst wurden und als Volksschädlinge ausgemerzt werden dürften. Diese unlauteren Elemente haben B. unter Druck gesetzt und ihn veranlasst, dass er ihnen Zugang zum Betrieb verschaffte und ihnen zeigte, wo essbare Öle abgezapft werden konnten. Er hat sich mit dieser Handlungsweise, mag sie auch wie bei vielen Verfehlungen ungewollt erzwungen gewesen sein, völlig gegen unseren Betrieb und die Kriegswirtschaft gestellt und wird aus diesem Grunde einer schweren Bestrafung entgegensehen müssen. Ich möchte wünschen, dass der Fall Buskohl, ohne weitere Kreise in unserm Betrieb zu ziehen, genügt, um diejenigen zur Vernunft und Einsicht zurückzubringen, die sich vielleicht in ähnlicher Form auf Abwegen befinden. Sollten irgendwelche Ölfehlmengen auch in Zukunft trotz Vergällung und Ungeniessbarmachung festgestellt werden, werden wir bei dem Umfang, den diese Angelegenheit angenommen hat, auf rücksichtsloses Durchgreifen amtlicher Stellen gegen die Täter sehen müssen. Ich bedaure, dass es zu meinen Aufgaben immer wieder gehört, Tadel zu erteilen oder harte Entscheidungen zu treffen, aber jeder unter uns wird zugeben, dass die Nervenbelastung des Krieges Folgen zeitigt, die den Widerstandswillen bei schwachen Naturen brechen können und hiergegen helfen nur straffe Massnahmen."

Betriebsappell im Hamburger Hafen - 1933 (Hamburg-Archiv SHMH / Werbeck, Gustav)
Bei dem Hanseatischen Sondergericht, auf welches Betriebsführer Snyckers im Zusammenhang mit der Bestrafung des Arbeiters W. Buskohls einleitend hinweist, sind die juristischen Möglichkeiten der Beschuldigten von Anfang an stark begrenzt; auch können von den Betroffenen nach dem Urteil keine Rechtsmittel mehr eingelegt werden.
In der Buchveröffentlichung "Die 101 wichtigsten Fragen - das Dritte Reich" heißt es zu der von den Nationalsozialisten geschaffenen Sondergerichtsbarkeit ab Seite 59:
"Die Strafpraxis der Sondergerichte war drakonisch mit steigender Tendenz. Im Krieg galten sie als 'Standgerichte der inneren Front' (-Roland Freisler-), und sie entsprachen mit 11000 Todesurteilen dieser Forderung.(...) Unter (-Präsident-) Freisler stieg die Zahl der Todesurteile von 102 im Jahre 1941 auf 2097 im Jahr 1944."
Seit dem Jahre 1942 ist Richter Otto Prinz als stellv. Vorsitzender am Hamburger Sondergericht tätig. Der mit ihm angestellte Landgerichtsrat Hans Bock wechselt später nach Kriegsende zum Bundesverfassungsgericht. Laut den "Veröffentlichungen - Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg" heißt es in einem zitierten Bericht (S.107) über die allgemeine Meinung bezüglich der Sondergerichtsbarkeit:
"Die abschreckende Wirkung hat eine Anklage vor dem Sondergericht in Hamburg jedenfalls nicht eingebüßt, weil bekannt ist, daß die Sondergerichte mit besonders tatkräftigen, guten Richtern besetzt sind, und daß man nicht mit unangebrachter Milde rechnen kann. Das Volk fürchtet das Sondergericht."
Im zweiten Teil des DOG-Betriebsappelles vom 20. April 1944 an die Belegschaft geht Dipl.-Ing. Snyckers mit eindringlichen Worten auf die Kriegssituation und den Geburtstag Adolf Hitlers ein:
"Wir stehen im 5. Kriegsjahr am Geburtstage unseres Führers enger zusammen als je zuvor. Wenn wir heute die bisher schwerste Krisenzeit dieses Krieges durchstehen, lenken wir unseren Blick unwillkürlich zurück zur Person unseres Führers und blicken auf ihn. Wie hat er seit Beginn seines Kampfes unbeirrt durchgestanden und immer kurz nach den kritischen Zeiten den unumschränkten Sieg davongetragen. Damals waren es die Kreise unseres Volkes, die an ihn unbeirrbar glaubten und dadurch allein ihm halfen, den Sieg zu erfechten. Heute ist uns allen, dem ganzen deutschen Volk die Verpflichtung auferlegt, ihm bei dem Durchkämpfen der Krisen zu helfen, jeder auf dem Platz, wo er steht und wo er versuchen muss, für seinen Teil mitzuhelfen an dem reibungslosen Ablauf der Kriegsrüstung oder der lebenswichtigen Aufgaben, die dem Einzelnen gestellt sind. Der Kampf, den wir durchkämpfen, gibt nur dem Starken den Sieg in die Hand. Und der Starke wird zuallererst mit dem inneren Schweinehund in sich fertig, kann dann aber in sich gefestigt nach aussen so zur Wehr greifen, wie es Not tut, wenn andere sich seines Landes, seiner Kultur und Wirtschaft bemächtigen wollen. Der eiserne Wille zum Sieg ist der Garant dieses Sieges und wir müssen nur darauf achten, dass dieser Wille unser oberstes Gesetz bleibt. Die Wahl hat uns Russland leicht gemacht und England mit seinen sinnlosen Angriffen unseren Willen nur gestählt. Blicken wir in schwachen Augenblicken auf unseren Führer als den verkörperten eisernen Willen, mit dem er Berge versetzt hat und weiter noch ungezählte Jahre versetzen möge. Unsere heissen Wünsche begleiten ihn auf allen seinen Wegen und bei seinen Taten. Sehen wir zu, dass wir in seinen Augen würdige Deutsche sind und bleiben, dann wird sich das Geschick unseres Volkes in diesem Gigantenkampf zum Guten wenden. Wie auf unsere Wehrmacht vertrauen wir auf ihn und seine gesegnete Kraft. Er wird auch in diesem Ringen der stärkere bleiben, komme was wolle. In diesem Glauben und in dieser Zuversicht wollen wir wieder an unsere Arbeit eilen und unser Sieg-Heil soll unser Treuegelöbnis bleiben.
Hamburg, den 20.4.1944"
Die Hansestadt wird zum Sommer 1944 erneut das Ziel schwerer britischer Luftangriffe. So schreibt Dip.-Ing. Snyckers an den Stralsunder Gerätehersteller Otto Wilhelm:
"Wie Sie erfahren haben werden, wurde Hamburg am 18. und 20.6.(-1944-) durch feindliche Einwirkung wieder erheblich in Mitleidenschaft gezogen, sodaß es Ihnen wahrscheinlich nicht möglich gewesen sein dürfte, den Waggon mit den restlichen Apparaten an uns zu verladen. Die Anlagen unserer Güterstation und die zu unserem Werk führenden Anschlussgleise sind beschädigt, sodass wir keine Waggons aufnehmen können. Wir bitten Sie daher, die Verladung der restlichen Apparate zurückzustellen, bis Anfuhr wieder möglich ist. Ausser leichtem Gebäudeschaden erlitten wir keine Verluste, sodaß wir nach Ingangsetzung der unterbrochenen Energieversorgung (Strom und Wasser) die Fabrikation wieder fortsetzen können." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Schreiben an Fa. Otto Wilhelm v. 21.6.1944)
Weiter heißt es in einem Schreiben der DOG:
"Da wir unter den augenblicklichen Verhältnissen in Hamburg für den Einbau der Anlage keinerlei Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt erhalten, bitten wir Sie gleichzeitig zu prüfen, ob Sie den Einbau für uns mit Ihren Kräften durchführen können. Allein davon wird abhängen, ob die Anlage noch während des Krieges in Betrieb genommen werden kann oder nicht." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Schreiben an Fa. Otto Wilhelm v. 1.7.1944)
Doch der Versand der in Stralsund gefertigten Apparaturen scheitert an der beschädigten Infrastruktur:
"Wie ich Ihnen bereits sagte, habe ich grosse Schwierigkeiten, die hier fertig liegenden Apparate zu verladen, da Hamburg nach wie vor für den Güterverkehr gesperrt ist. Ich möchte Sie bitten zu versuchen, ob Sie mir nicht einen bevorzugt abgestempelten Frachtbrief einsenden können, damit ich auf Grund dessen den erforderlichen Waggon gestellt bekomme. Eine Möglichkeit zur Verladung besteht auf dem Wasserwege nach Hamburg, jedoch weiß ich nicht, wie es mit der Abnahme dort durch Sie aussieht, ob Sie die Möglichkeit haben, die Apparate aus dem Hafen abzufahren. Die Dampfer löschen an den Vorsetzen." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - Schreiben Fa. Otto Wilhelm an DOG v. 18.7.1944)
Schon am 28. Juli 1944 hält Betriebsführer Snyckers einen weiteren Appell an die Belegschaft der Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel.

Hamburger Hafen: Bombenschäden nach britisch-amerikanischen Luftangriffen - 1944 (BArch: Bild 183-V02203-3 / o.Ang.)
Die Ansprache von DOG-Teilhaber Alexander Snyckers gliedert sich wiederum in zwei Abschnitte: Die aktuelle Betriebssituation, als auch der Attentatsversuch auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 werden von Betriebsführer Snyckers thematisch aufgegriffen:
"Meine Arbeitskameraden und Kameradinnen! Es ist längere Zeit her, dass wir uns im gemeinsamen Appell zusammengefunden und Angelegenheiten besprochen haben, die uns alle betrafen. Inzwischen erlebten wir Stunden höchster Anspannung und haben sie überwunden mit einem inneren Dank an die Fügung, dass unsere Einsatzbereitschaft nicht die Zerreissprobe bestehen brauchte. Auf jeden Fall ist deutlich in Erscheinung getreten, dass trotz all der Nervenbelastung der vergangenen Kriegsjahre Eure Einsatzbereitschaft erhalten blieb. Mit Freude durfte ich feststellen, dass unsere Frauen sich den seelischen Belastungen der Kriegsereignisse in eben dem Masse gewachsen zeigten, wie unser so genanntes 'starkes Geschlecht'.Ich danke Ihnen allen in dieser Stunde für Ihre tatkräftige Mithilfe beim Löschen des Feuers in den Räumen unseres Nachbarn. Wenn dieses Tun auch als selbstverständliche Pflicht von uns verlangt wird, so wollen wir doch unsere innere Befriedigung durch das Wissen erhöhen, dass unser Einsatz rüstungswichtige Motoren und Maschinen gerettet hat, die zur Deckung unmittelbaren Frontbedarfs dienen. Ich danke vor allem den Kameraden, die beim Bekämpfen des Feuers sich am Strahlrohr ablösten und die damit den anstrengenden Teil dieser Arbeitsleistung übernommen haben. Ich glaube zu wissen, dass Sie, meine Kameraden, mit noch grösserer Einsatzbereitschaft dabei sind, wenn einmal von uns der Einsatz zur Rettung der eigenen Betriebsstätte gefordert werden sollte.Inmitten dieses Kriegsdaseins schlug am 20. Juli wie eine Bombe die Nachricht vom schandbaren Attentat auf unseren Führer ein. Jedem von uns hat wohl zunächst der Herzschlag ausgesetzt, bis die Nachricht von der wunderbaren Errettung aus dieser Gefahr den Schreck in gläubige Zuversicht auf die vom Schicksal bestimmte Mission Adolf Hitlers wandelte. Dass eine so überragende und gewaltige Persönlichkeit, wie die Adolf Hitlers, ständig erhöhter Bedrohung durch die Feindseite unterworfen ist, ist verständlich. Dass auch in unserem Volke Verräter und damit Feinde des Führers leben, lässt sich bei der Vielfalt der menschlichen Regungen und Verstandeskraft in einem grossen Volke nicht vermeiden. Dass sich aber inmitten unserer Tapfersten aus der Heimat kommende deutsche Offiziere als solche schlechtesten, als solchen Auswurf eines grossen und starken Volkes gezeigt haben, erfüllt uns alle, besonders aber wohl die, die in fanatischem Einsatz im grauen Rock oder am Arbeitsplatz in der Heimat ihre Pflicht tun, mit einem Abscheu und einer Wut, die sich nur lösen kann in dem erneuten Gelöbnis unserer Treue und Einsatzbereitschaft für den Kampf unseres Volkes, das Leben der Nation und den Gehorsam zu unserem geliebten Führer bis zur höchsten Opferbereitschaft. Das deutsche Volk, besonders wir, die wir die Verpflichtung haben, unserer Front die Waffen für den Sieg zu schmieden, rücken weit ab von den Verrätern, die ihr Schicksal sehr schnell ereilte. In einem Augenblick, wo der Feind mit unfassbaren Kräften in unsere Feste einzudringen sucht, können wir weniger denn je Rücksicht auf Kreaturen nehmen, die nicht nur verbrecherisch schlecht, sondern auch noch unfassbar dumm sind, denen das Beispiel Italien nicht genügte, obwohl dort wesentlich andere Voraussetzungen für den Erfolg einer Verräterei schon durch die Charaktereigenschaften der italienischen Führerschaft gegeben waren. Die wunderbare Errettung unseres Führers aus dieser tödlichen Gefahr stärkt in uns - und damit hat das Schicksal uns wohl helfen wollen - den Glauben an den Endsieg unserer Waffen und die Bereitschaft, uns ohne Rücksicht auf unser Eigenleben voll und ganz den Forderungen des Krieges zu unterwerfen. Nehmen wir dieses Zeichen als das Fanal, das uns aufruft zu letzter und höchster Kraftanstrengung, dann erhält unsere Front die Waffen, die sie braucht und unsere Kameraden draussen werden mit Hölle, Tod und Teufel fertig. Ihm aber, der allein von allen Deutschen in der Lage ist, den einmalig grossen Kampf einer Zeitenwende zu unseren Gunsten zu entscheiden, gehört unser tiefster Glaube und Dank. Als kleines Rad im Getriebe der deutschen Rüstungswirtschaft darf ich unser aller Gefühl zusammenfassen in dem Bekenntnis, dass wir unserem Gauobmann aus Anlass der wunderbaren Errettung aus Todesgefahr senden wollen und das lautet: Die Führung und Gefolgschaft der Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel & Co. und der Artifex Chemische Fabrik Dr. Lohmann & Co. übermittelt Ihnen, Gauobmann, zum Dank für die wunderbare Errettung unseres Führers ihr Treuegelöbnis zu Adolf Hitler im festen Glauben an den uns vom Schicksal durch seine Kraft bestimmten Endsieg. Sie wird ihren Beitrag in diesem gigantischen Kampf durch erhöhte Einsatzbereitschaft, in selbstverständlichem Gehorsam und Pflichtbewusstsein, komme was wolle, leisten. Auch sie will dem Führer und der kämpfenden Front beweisen, dass die Heimat bereit ist, das Letzte aus sich herauszuholen, wenn der Kampf es fordert. Heil unserem Führer!"
Im Auftrag der DOG wird während des Krieges auch maßstabsgerechtes Kartenmaterial zur Verfügung gestellt.

Kartenmaterial der DOG - 1941 (Fotografie im Privatbesitz)
Eine große Europa- und Afrikakarte zeigt hier den von Hand eingetragenen deutschen Frontverlauf ab 1941, der mit Fortgang des Krieges fortlaufend Korrektur erfährt. Zudem sind in der Karte mit Punkten die geschäftlichen Vertriebspartner gekennzeichnet. Aufgrund der kriegsbedingten Engpässe wird der deutsche Vormarsch nach Osten gerade in rohstoff-technischer Hinsicht aufmerksam verfolgt.

DOG_Europakarte: Korrektur des östlichen Frontverlaufes - 1944 (Fotografie im Privatbesitz)
Die Hamburger Ölfabrik berichtet zu den Feindeinwirkungen am Hamburger Produktionsstandort:
"Die von Ihnen gelieferten Behälter usw. haben wir auf einem neben dem Fabrikationsraum befindlichen Lagerplatz gelagert. Genau auf den Platz, auf dem die eisernen Behälter lagen, fiel eine schwere Sprengbombe, die 4 Behälter beschädigt und einen Behälter zerrissen hat. Nach Beendigung der Aufräumungsarbeiten und genauerer Feststellung des Schadens beabsichtigen wir Ihnen die geborgenen Behälter, soweit sie beschädigt, verbeult oder durchlöchert sind, per Waggon nach dort zu senden." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - Schreiben der DOG an Fa. Otto Wilhelm v. 2.8.1944)
"Da unser Fabrikgelände am 6. August (-1944-) erneut mit Bomben belegt wurde, besteht, weil es sich um einen noch nicht explodierten Zeitzünder handelt, die Gefahr, dass weitere der von Ihnen gelieferten Apparate in Mitleidenschaft gezogen werden, falls es nicht heute oder morgen dem Sprengtrupp gelingt, diesen unschädlich zu machen.(...) Eine Aufnahme der versandbereitliegenden Apparate auf dem Wasserwege ist uns nicht möglich, da wir unsere am Wasser gelegene Aufzugsanlage nur für Gewichte bis 500 kg verwenden können. Hinzu kommt noch, dass die Uferbefestigung durch eine Sprengbombe so stark beschädigt wurde, dass der Wasseranschluß bis auf weiteres nicht mehr benutzt werden kann. Wir sind daher darauf angewiesen, die Apparate per Waggon abzunehmen. Dies ist uns jedoch nicht vor Anfang September möglich, da wir erst den auf unserem Lagerplatz entstandenen Schaden und angerichteten Wirrwarr soweit beseitigen müssen, dass Ihre Apparate bei Ankunft des Waggons entladen und gelagert werden können." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Schreiben an Fa. Otto Wilhelm v. 9.8.1944)

DOG-Aufzugsanlage am Hamburger Hafenbecken - September 1937 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

DOG-Öllager mit Aufzugsanlage am Hamburger Hafenbecken - September 1937 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Lieferung über Bargen: DOG-Verladung am Hamburger Hafenbecken - September 1937 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Februar 1945
Das Deutsche Reich steht im Februar 1945 kurz vor dem Zusammenbruch, doch der Hamburger Ölfabrik wird in dieser letzten Kriegsphase durch die Deutsche Arbeitsfront (DAF) noch eine Auszeichnung zuteil:

Leistungskampf unter deutschen Betrieben: "Gaudiplom für hervorragende Leistung" - 1945 (Fotografie im Privatbesitz)
Noch vor dem absehbaren Kriegsende bekommt der Sohn von Dr. Walter Alexander und ehemalige Junior-Teilhaber der Deutschen Oelfabrik seinen Deportationsbefehl:
"Ihr Sohn Gerhard Alexander, bis dahin durch seine 'privilegierte' Mischehe geschützt, wurde noch am 14. Februar 1945 ebenfalls nach Theresienstadt deportiert." (stolpersteine-hamburg.de: Ulrike Bork über ihren Großvater Dr. Walter Bismarck Alexander * 1871, Erik-Blumenfeld-Platz 15 und StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 1730, Dr. Alexander, Walter Bismarck)
In der Anlage 3 des anwaltlichen Schreibens vom 4. August 1947 gibt Teilhaber Josef Rupp rückblickend eine Situation wieder, die symptomatisch wirkt und sich seiner Darstellung nach nur drei Wochen vor der deutschen Kapitulation ereignet:
"Aus Anlass des Geburtstages des 'Führers' am 20. April 1945 beabsichtigte Herr Snyckers, noch einen kurzen Betriebsappell abzuhalten. Er gab mir davon Kenntnis. Ich erklärte Herrn Snyckers, dass er wie bisher Appelle halten könne, soviel er wolle, dass ich aber angesichts der militärischen Lage (der Feind stand nördlich Hannover) ihm doch anraten würde, dies zu unterlassen. Auch Herr Dr. Lohmann, dem ich von der Absicht des Herrn Snyckers Mitteilung machte, stimmte mir zu. So unterblieb der Appell, der wohl ein erneutes Treuegelöbnis zu unserem 'geliebten Führer', wie Snyckers stets auszudrücken pflegte, sein sollte.
gez. Josef Rupp - Partner der Fabrik: Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co."

Nach dem Krieg wieder an einem Tisch: Ehepaar Alexander und Lotte Snyckers, geb. Bünz mit der verwitweten Mutter und Josef Rupp im Hamburger Ratsweinkeller - 8. Januar 1952 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Ende April 1945 begeht Adolf Hitler aufgrund der militärisch ausweglosen Situation in seinem Berliner Führerbunker Selbstmord, die deutschen Truppen legen kurz darauf durch Kapitulation am 9. Mai 1945 ihre Waffen nieder.
Zu dem bis dahin im Konzentrationslager Theresienstadt inhaftierten Dr. Gerhard Alexander heißt es:
"Am 8. Mai 1945 erlebte er dort die Befreiung." (stolpersteine-hamburg.de: Ulrike Bork über ihren Großvater Dr. Walter Bismarck Alexander, Erik-Blumenfeld-Platz 15, StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 1730, Dr. Alexander, Walter Bismarck)

Dr. Gerhard Alexander - 1934 (Fotografie aus dem Familienalbum der Enkeltochter Iris Bork-Goldfield/USA)
Die von der Hamburger Ölfabrik seit dem August 1942 geplante Nachrüstung zur Entölung von industriellen Abfallprodukten gelangt trotz fertig gestellter Apparaturen während des Krieges nicht mehr zum Einsatz. In einem nach der starken Kriegszerstörung wieder aufgenommenen Briefwechsel mit dem Stralsunder Zuliefererbetrieb Otto Wilhelm vermerkt der nunmehr reaktivierte Seniorchef Josef Rupp:
"Nachdem der Postverkehr auch nach dort wieder funktioniert, wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie uns über den Verbleib der seinerzeit gekauften und bereits bezahlten Maschinen und Apparate entsprechende Nachrichten zugehen lassen würden. Wir hoffen, daß auch Ihr Betrieb das Kriegsende gut überstanden hat. Dies ist bei uns, bekannte Gebäudeschäden ausgenommen, der Fall."(Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Schreiben an Fa. Otto Wilhelm v. 15.11.1945)
Die Briefsendungen passen sich nun wieder den neuen Rahmenbedingungen an. Hieß es zuvor wahlweise "Mit Deutschem Gruß" oder politisch korrekt "Heil Hitler!", so einigt man sich nun auf das Wort "Hochachtungsvoll" am Ende der brieflichen Kommunikation. Auch das DAF-Gaudiplom wird aufgrund fehlender Alternativen aus dem Briefpapier der DOG mit einem Locheisen entfernt.
Dezember 1945
Zum Heiligen Abend 1945 meldet sich der Zuliefererbetrieb aus Stralsund:
"Leider kann ich dieses von mir nicht berichten. Mein Betrieb ist restlos von der russ. Wehrmacht ausgebaut worden und hat man auch sämtliche Ihnen gehörenden Apparate mit für den Abtransport vorgesehen, trotz meiner wiederholten Vorhaltungen, daß diese Ihr Eigentum sind. Bisher ist allerdings noch nichts abtransportiert worden und warten wir auf den Abtransport. Sobald dieser durchgeführt ist, muß ich sehen, wie ich wieder anfangen kann. Leider sind auch sämtliche Bankkonten gesperrt und kann ich über meine früheren Guthaben nicht verfügen. Ich bedaure es selbst am meisten, Ihnen keine besseren Nachrichten bringen zu können. Soll das Projekt der Extraktionsanlage in der geplanten Form weiter durchgeführt werden? Ich hoffe, daß wir auch später in der bisherigen angenehmen Weise zusammen arbeiten können und höre gern wieder von Ihnen." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - Schreiben Fa. Otto Wilhelm an DOG v. 24.12.1945)
In Erwiderung der enttäuschenden Nachricht schreibt DOG-Teilhaber Josef Rupp:
"Unsere Befürchtungen über das Schicksal Ihres Werkes und unserer dort lagernden Apparate finden damit leider ihre Bestätigung. Nun heißt es überall wieder von Vorn anfangen und mit neuer Tatkraft an den Aufbau herangehen. Es wäre zu begrüssen, wenn, wie anderweitig, auch dort der Abtransport wieder rückgängig gemacht werden würde. Da unser Betrieb weiterhin stillliegt, und wir wahrscheinlich erst im Laufe der kommenden Monate eine Produktionsgenehmigung erhalten werden, können wir die sich entwickelnde Lage ebenfalls noch nicht beurteilen." (Stadtarchiv Stralsund: Rep.26, Nr.192 - DOG-Schreiben an Fa. Otto Wilhelm v. 14.1.1946)
1947
Während Josef Rupps Anwalt am 4. August 1947 Zeugen dafür benennt, "dass Snyckers Aktivist schärfster Prägung war", stellt sich der Beschuldigte während des Entnazifizierungsverfahrens in ein gänzlich anderes Licht. Vor dem Fachausschuss 15d betont der von der britischen Militärregierung nach Kriegsende mit einem Arbeitsverbot belegte Alexander Snyckers laut Schreiben vom 24. September 1946, "dass er Techniker ist und keinerlei besonderes Interesse für Politik besitzt".
Weiter heißt es in der ersten Ausschuss-Beurteilung über den ehemaligen Betriebsführer Snyckers:
"Er erkannte die deutsche Niederlage, lange bevor sein Bruder (-Dr. Hans Snyckers-) auch nur eine Ahnung hatte. In sozialer Hinsicht tat Snyckers, was er konnte (Bezeugt der Betriebsrat, wenn erforderlich). In Anbetracht der seit Anfang des Jahres ergangenen genaueren Bestimmungen unterstützt der Fachausschuss mit Rücksicht auf den späten Eintritt in die Partei und auf die Tatsache, dass Snyckers kein aktiver Nazi gewesen sein dürfte, den Einspruch des Snyckers, der zudem noch 8 Kinder hat und empfiehlt Rehabilitierung und Wiedereinstellung."
Möglicherweise rechnet sich die britische Militärregierung Vorteile von der erneuten Verwendung des ehemaligen Betriebsleiters aus. Für den in den Kriegsjahren von Alexander Snyckers abgesetzten Seniorchef Josef Rupp dürfte diese Entscheidung eine Zumutung dargestellt haben.

DOG-Seniorchef Josef Rupp - 1952 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Der Hamburger Hafen bietet nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen ein Bild der Verwüstung:
"Die Luftaufnahme zeigt in der Bildmitte (von unten nach oben) den Steinwerder-Kanal im Hamburger Hafen, der etwa in der Bildhälfte vom Grevenhofkanal gekreuzt wird. Die Straße auf der rechten Seite des Steinwerder-Kanals, wo damals wie heute Eisenbahngleise verlaufen, ist der Ellerholzdamm." (https://www.trolley-mission.de/de/luftaufnahme-hamburg-hafen-weltkrieg-steinwerder-kanal-grevenhofkanal-reiherdamm-ellerholzdamm)

Das Ausmaß der Hamburger Zerstörung ist erheblich. Zum 25-jährigen Firmenjubiläum des Hamburger Teilhabers und Chefchemikers Dr. Heinz Lohmann wird rückblickend berichtet:
"Geschicke des Unternehmens. Durch alle Wirren der Kriegs- und Nachkriegsjahre hindurch, trotz starker Zerstörung und eines Fertigungsverbotes, welches die Deutsche Ölfabrik Dr. Grandel & Co. drei Jahre lang behinderte und vom Weltmarkt verdrängen sollte, galt es, den alten Namen zu erhalten und nach der Währungsreform wieder aufzubauen. Es wird das besondere Verdienst von Dr. Lohmann bleiben, immer tiefer in die Kenntnisse der Faktis-Chemie eingedrungen zu sein. Er hat dadurch dem Betrieb die Möglichkeit gegeben, der Gummi-Industrie einen echten Hilfsstoff zur Verfügung stellen zu können." (Gummi und Asbest, Bd. 13, S.54 - 1960, darin: "Dr. Heinz Lohmann" zum Jubiläum am 1.1.1960)
Da Dr. Grandel innerhalb der sowjetischen Besatzungszone Freiberg/Sachsen in seinen Handlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt ist und sich als Alt-Nationalsozialist der ersten Stunde dort bedeckt hält, kommt es nach der Beendigung des Krieges offenbar zu keiner weiteren Kommunikation mit den DOG-Teilhabern.
Zu den an Dr. Grandel 1941 vereinbarten Karenzzahlungen heißt es Rückblickend:
"Ob tatsächlich bis zum 31.12.1945 gezahlt wurde, konnte ich nicht mehr herausfinden." (Mail von Carl-Wilhelm Lohmann an Oliver Meier v. 9.4.2022)
Gottfried Grandel wird trotz der Entfernung zu Hamburg realisiert haben, dass es sich bei dem Ausmaß der Zerstörung im Freihafen nicht "nur um eine vorübergehende Betriebsstörung handeln" konnte. Noch 1941 hatte er in seinem Schreiben an die DOG betont:
"Durch den Abfindungsvertrag vom 26. Juli 1932 ist mir die Karenzverpflichtung auferlegt, bis zum 31. Dez. 1945 der Firma in den von der D.O.G. und Artifex zu jener Zeit hergestellten Artikeln keine Konkurrenz zu machen. Obwohl mir diese Karenz gar nicht bezahlt wurde, habe ich sie bis jetzt loyal gehalten, trotzdem mir von zwei sehr seriösen Seiten Angebote gemacht wurden. Man wollte sogar an die massgebende Stelle, zu der persönlich nahe Beziehungen bestehen, herantreten, um die Karenz aufzuheben mit dem berechtigten Hinweis, dass in einer Zeit, wo jeder Mann nötig ist, 'keine so wertvolle Kraft untätig und karenzgelähmt dasitzen dürfe'. Indes habe ich gebeten, einstweilen noch davon Abstand zu nehmen. Ebenso habe ich meinen Sohn Dr. Felix Grandel in Emmerich gebeten, den Auftrag seiner Firma zur Errichtung einer Faktisfabrik zunächst abzulehnen. Natürlich kann ich meinen Sohn nicht daran hindern, Faktis zu fabrizieren und Ewiglichtöl. Andererseits können Sie mich nicht daran hindern, Ihnen nach Kriegsende sowohl in Faktis als auch in Ewiglichtöl, dem alten Grandelschen Artikel, scharfe Konkurrenz zu machen, ev. sogar im Hamburger Freihafen, sobald die Karenz für mich durch die zuständige staatliche Stelle aufgehoben ist. Auch können Sie mich nicht daran hindern, nach etwaigen Ablauf der Karenzzeit die sämtlichen Verfahren zu verkaufen, falls mein Sohn Felix vorziehen sollte, nicht selbst zu fabrizieren.(...) Vielleicht sehen Sie sich dann veranlasst, meine Verfahren selbst zu kaufen, um keine neue Grandel-Konkurrenz aufkommen zu lassen." (Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG, Bl.10 v. 7.1.1941)
Aus der DOG-Jubiläumschrift von 1952 ist über die Aktivitäten der Nachkriegszeit zu erfahren:
"Als Freihafenbetrieb erhielt die 'Deutsche Oelfabrik' zunächst keine Wiederaufbau- und Produktionserlaubnis. An den Ruinen des Werkes setzten Wind und Wetter ihr Zerstörungswerk fort. Die Belegschaft mußte fast vollzählig entlassen werden. Fachleute der Militärregierung verlangten Einblick in alle Geheimverfahren und besichtigten die Betriebsanlagen, um die Produktionsmethoden genau kennenzulernen. Dipl.-Ing. Alexander Snyckers wurde bis 1949 durch politische Maßnahmen (-Spruchkammerverfahren/Entnazifizierung-) daran gehindert, weiterzuarbeiten.(...) Auf dem Inlandmarkt konnte die Oelfabrik ihre führende Stellung in der Faktis-Industrie zurückgewinnen. Auch der Export nimmt langsam zu, obgleich ausländische Firmen jetzt die deutschen Geheimverfahren kennen. Der Export nach diesen Ländern steht nun vor verschlossenen Türen." (Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG", S.15 - 1952)
Im ausführlichen 'final report' des 'British Intelligence Objectives Sub-committee' (B.I.O.S.) heißt es hierzu wörtlich:
"Aufgrund der Bitte des Forschungs- und Entwicklungsverbands Ölkautschuk und mit dem Einverständnis der Handelskammer, unternahm das Team eine Vorprüfung der Herstellung und des Gebrauchs von Ölkautschuk in Deutschland, und das Unternehmen 'Deutsche Ölfabrik Dr. Grandel & Co.' wurde als erstes Ziel erwählt, da diese Firma den bekannten Ölkautschuk 'Gloria' herstellt und die einzige Fabrik in der britischen Zone ist."
Unter Berücksichtigung der Tatsache jedoch, daß dort (-aufgrund der Zerstörung-) im Grunde keine Produktion stattgefunden hat und den Schwierigkeiten, genügend detaillierte Informationen über Einzelheiten bei der Herstellung zu erhalten, wurden Vorkehrungen für einen Besuch eines Mitglieds des Teams (W.H. Reece) bei der Firma Rhein Chemie (ehemals Dubois & Kaufmann, Mannheim) getroffen. Diese stellt den Ölkautschuk für die deutschen Gummiproduzenten in der britischen Zone zur Verfügung und entwickelte vor dem Krieg den Ölkautschuk 'Victoria', der von britischen Herstellern benutzt wurde. Während des Besuchs bei der Radium-Gummiwarenfabrik Köln wurde auch festgestellt, daß ein spezieller Typ Ölkautschuk von ihr benutzt worden war, den die Firma Dr. Alexander & Posnansky in Berlin-Köpenick herstellte, aber die Zeit war zu kurz, um hier näheres herauszufinden. Jedoch konnte man eine kleine Menge dieses Posnansky- Ölkautschuks namens 'Trumpf' erhalten, zusammen mit einigen Angaben über seinen Gebrauch bei Radium. Dieser Posnansky-Ölkautschuk ist von außerordentlichem Interesse. Er war keiner der Ölkautschuksorten, die britische Gummihersteller vor dem Krieg zur Verfügung hatten.
2. Ölkautschuk-Hersteller 'Dr. Grandel & Co.'
(I) Allgemeines
Die Fabrikgebäude der Firma 'Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co.' lagen im Hamburger Hafengebiet und waren extrem beschädigt durch Bombenabwurf. Die Anlage war jedoch voll verfügbar und viel vom Schutt wurde bereits beseitigt. Es hieß, daß alle Labor- und andere Berichte zerstört wurden. Die Anlage war nicht in Betrieb, und da der frühere Technische-Direktor Dr. Alexander 1938 in Rente ging (-rassische Verfolgung/Deportation-), gab es erhebliche Schwierigkeiten beim Einholen stichhaltiger Informationen, die hätten bestätigen können, daß die zur Verfügung stehenden Details wirklich die Herstellung des Ölkautschuks 'Gloria' betrafen. Die Reste eines gut ausgestatteten Forschungs- und Pilotanlage-Labors konnten besichtigt werden, aber obwohl versichert wurde, daß keine Kontrolltests an den gekauften Rohmaterialien vorgenommen wurden und daß das Labor sich nur auf Forschung und Entwicklung konzentrierte, waren die erhaltenen Antworten auf Fragen zur Art der vorgenommenen Forschung und den Ergebnissen der Untersuchungen sehr vage und weit davon entfernt, befriedigend zu sein. Die Informationen betrafen hauptsächlich Versuche zu Standardtypen von Ölkautschuk aus synthetischen oder anderen Rohmaterialien, die im Deutschland der Kriegsjahre eher verfügbar waren als die Standardtypen aus Raps- Samenöl.
(II) Typen des produzierten Ölkautschuks und Kapazität der Anlage
Eine große Palette von Ölkautschuk, sowohl Sulfurchlorid- und Sulfurtypen, wurde vor dem Krieg hergestellt und die Firma gibt an, 65% des deutschen Marktes abgedeckt zu haben. Die generelle Herstellungsmenge der Anlage wird mit 250 Tonnen pro Monat angegeben, aber durch Bombenschaden würden nunmehr nur 50 bis 100 Tonnen monatlich produziert. Während des Kriegs produzierten alle Ölkautschuk-Hersteller Deutschlands Standardtypen in nur zwei Ausführungen: 'L' - für den Gebrauch in Dingen, die im Zusammenhang mit Nahrungsmittelzusätzen stehen oder für chirurgische Artikel. 'T' - für allgemeine industrielle Zwecke. Die vollständige Liste von Ölkautschukarten, die Grandel zusammen mit seiner Warenbeschreibung vorlegte, ist folgende:
(A) Sulfur Ölkautschuk (Brauner Kautschuk) (i) Vorkriegstypen 'Gloria', ein Raps-Samenölkautschuk, 'Transparent' gelblich, fein gemahlen. Bevorzugt für rote Gummi-Stocks (?). Keine festzustellende Wirkung auf Beschleunigung. 'Gloria Fließqualität', wie oben, nur leichter 'Hamburg 4', ein gelber, feingemahlener Kautschuk, für bunte, glatte rote stocks (?). Gut für Mischungen 'Hamburg 4 Fließqualität', wie oben, nur leichter 'F 10, flüssig', eine leichte, bräunliche Raps-Samenöl-Qualität für weiche rote oder hellfarbige Mischungen wie für Schläuche oder Ringe an Saftkrügen usw., zu benutzen bei offenem Dampf oder in heißer Luft. Besonders geeignet für synthetischen Buna-Gummi 'F 14 und F 17', wurden benutzt für Dinge wie Spritzen und chirurgische Artikel 'BT 14 und BT 16', braune Kautschuksorten aus Kabeljau-Leberöl für alle möglichen mechanisch handgemachten und gegossenen Artikel 'Para schwimmend V', ein dunkelbrauner Kautschuk aus Kabeljau- und Mineralöl, speziell für synthetische Artikel aus mechanischem Bunagummi. Sehr leicht und deshalb geeignet für Druckrollen mit niedrigem Füllgehalt 'Innenraum', dies war ein Raps-Samen-Mineralölersatz, aber stärker vulkanisiert. Besonders geeignet für feine mechanische Artikel. 'Innenraum W', ein Kabeljau- und Mineralöl-Kautschuk für billige mechanische Artikel 'DS', ein guter Kautschuk für Fahrradschläuche, gepresste, gegossene Artikel und Druckrollen.
9. Forschung und Entwicklung
Unser Augenmerk wurde kürzlich gelenkt auf ein gut ausgerüstetes Labor für Forschung und Entwicklung, was jedoch schwer beschädigt worden war während der Luftangriffe und es hieß, dass alle Laborberichte geplündert wurden. Dr. Lohmann wurde jedoch hinsichtlich der Ergebnisse seiner Forschung befragt. Seine Antworten fielen vage aus und nicht sehr befriedigend. Aufgrund seiner Informationen scheint allerdings, daß die Hauptarbeit darin bestand, Standardkautschukarten herzustellen, wobei alternative Materialien benutzt wurden, die in Deutschland noch erhältlich waren. Es wurde vorgeschlagen, diesen Punkt zu einem späteren Zeitpunkt genauer zu untersuchen.
Zusammenfassung der Aussagen von Dr. Lohmann
„Da die gebräuchlicheren Materialien zur Herstellung von Kautschuk nicht mehr verfügbar waren, wurden verschiedene polyhydrische Alkohole und ungesättigte Säuren untersucht. Der bestmögliche Alkohol hinsichtlich Verfügbarkeit und Endprodukt war Pentaerythritol. Kautschuk aus diesem Stoff und Raps-Samenöl oder Fettsäuren daraus war bis zu einem gewissen Maß zufriedenstellend. Das Produkt war erheblich minderwertiger im Vergleich zum gewöhnlichen braunen Kautschuk, besonders, was die Elastizität angeht. Weißer Kautschuk konnte jedoch nicht aus diesen Estern aus Sulfurchlorid gewonnen werden. Polyvinylderivate wurden in Erwägung gezogen, aber es ergab sich keine Esterifikation oder Re-Esterifikation. Ein gewisser Erfolg ergab sich durch den Gebrauch von Raps-Samenöl- Fettsäuren mit Triethanolamin-Alkohol. Unter anderen untersuchten Stoffen waren Markenmaterialien (deren Zusammensetzung unbekannt war), aber im allgemeinen waren hier die Ergebnisse unbefriedigend oder, wenn ein Material als möglicherweise nützlich erachtet wurde, verbaten sich die Kosten. Einige Materialien ergaben Produkte, die entweder zu weich oder zu lederig waren für den Gebrauch in der Gummiindustrie. Adipische Säure, esterifiziert mit Glycerol oder Pentaerythritol und Raps-Samenöl-Fettsäuren ergab einen einigermaßen guten Kautschuk, aber die Kosten waren zu hoch. Raps-Samenöl-Fettsäure und 'Buna 32' scheinen die einzigen zufriedenstellenden Stoffe zu sein als Basis für ungesättigte Fettsäuren. Verschiedene andere Materialien, Markenprodukte eingeschlossen, waren unbefriedigend, was Lagerung, Preis oder Verträglichkeit mit Gummi angeht. Im Großen und Ganzen waren die getesteten Ersatzkautschuks ungenügend und würden die Qualität normaler Produkte nicht erreichen.(...) W.H. Reece"

Warenkontrolle durch die britische Besatzungstruppe - April 1946 (BArch: Bild 183-2005-0731-521 / Krueger, Erich O.)
In späteren Jahren wird bekannt:
"Auch britische Spezialeinheiten entführten in streng geheimen Aktionen deutsche Wissenschaftler, darunter 50 Chemiker und wissenschaftliche Mitarbeiter (...). Wie der 'Guardian' 2007 in freigegebenen Akten herausfand, geschah das im Auftrag der britischen Regierung, um das geistige Vermögen des besiegten Landes zu plündern, seine Wettbewerbsfähigkeit zu beeinträchtigen und um gleichzeitig britischen Unternehmen Vorteile zu verschaffen'. Zwar war schon vor den Enthüllungen lange bekannt, daß deutsche Wissenschaftler und Techniker nach dem Krieg in den USA und in Großbritannien gearbeitet haben, doch wurde allgemein bis dahin angenommen, daß es sich ausschließlich um Freiwillige handelte, die durch das Versprechen guter Bezahlung angeworben wurden. Aus den freigegebenen Dokumenten geht jedoch hervor, daß die Jagdkommandos die Betroffenen nicht selten unter Zwang mitnahmen und daß diese mehrere Jahre nach Beendigung der Feindseligkeiten in staatlichen Einrichtungen und privaten Unternehmen arbeiten mußten. Einer der größten Nutznießer dieses 'Wissenstransfers' war der britische Staatskonzern 'Imperial Chemical Industries' (ICI)."(BRABAG-Wikipedia)
Obtober 1949
Die Familie von Alexander Snyckers gibt aufgrund der ehemaligen SA-Karriere von Dr. Hans Snyckers den Wohnsitz in der Lüneburger Heide auf und wandert nach Südafrika aus:
"Unserem Vater wurde ein Angebot als Verwalter auf einem Hof in der Lüneburger Heide gemacht. So kamen wir im Oktober 1949 auf den Hof Drumbergen der Familie Snyckers. Den Hof hat Vater später gepachtet." (momente-im-werder.net: "Hof MG 24 - Fluchtbericht: 37. Elsa B., geb. Bindemann" in Wolfes: "Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Jesteburg und Umgebung", Jesteburger Arbeitskreis für Heimatpflege, S.93 ff - 2005)
17. Dezember 1952
Zum Ende des Jahres 1952 begeht die Firma DOG ihr 50. Firmenjubiläum, doch der Seniorchef Josef Rupp erlebt die Feierlichkeiten nicht mehr. Die Jubiläums-Festschrift vermerkt:
"So schwer der Wiederaufbau aber auch war und so harte Arbeit er kostet: es geht vorwärts! Im Winter 1945 hätte wohl vom ältesten Teilhaber bis zum jüngsten Mitarbeiter keiner zu hoffen gewagt, daß die Deutsche Oelfabrik wenige Jahre später ihr 50jähriges Bestehen feierlich begehen könnte als ein wieder intakter, ausgelasteter Betrieb, der seine alte Stellung im Inland zurückgewonnen hat und auch auf fremden Märkten wieder konkurrenzfähig auftritt. Ein entscheidendes Verdienst an diesem Werk der Gesundung nach der dritten und schwersten - und hoffentlich letzten - Krise hat sich J. Rupp erworben. Umso trauriger ist es, daß nun auch er, am 19. August 1952, im Alter von kaum 58 Jahren durch einen plötzlichen Tod aus der Arbeit gerissen wurde. Er durfte - ähnlich wie Dr. Bünz und W. Lohmann nach der Krise der 30er Jahre - erleben, daß sein und seiner Mitarbeiter Mühen um den Wiederaufbau erfolgreich war. Aber den Zustand nach der Gesundung konnte er so wenig auskosten wie seine Vorgänger. An seinen Platz ist nun sein Schwiegersohn, Nikolai Naeve, getreten, der schon seit 1. April 1948 als Prokurist im Unternehmen tätig ist." (Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG", S.15 - 1952)

DOG-Inhaber Dr. Phil. Heinz Willy Lohmann, Nicolai Friedrich Peter Naeve und Dipl.-Ing. Alexander Snyckers vor der Portrait-Zeichnung des verstorbenen Seniorchefs Josef Rupp - Dezember 1952 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Portrait-Zeichnung des verstorbenen Seniorchefs Josef Rupp - Dezember 1952 (Original im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Festrede zum 50. Firmenjubiläum: Dipl.-Ing. Alexander Snyckers - 20. Dezember 1952 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Postkennung der DOG - 1956 (Archiv-Stempelkarte im Privatbesitz)
.jpg)
Grabstelle des Hamburger Ehepaars Josepha und Josef Rupp - 2023 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Mit 69 Jahren verstorben: Todesanzeige von Josepha Rupp aus Die Welt - 21. Januar 1963 (Fotografie im Privatbesitz)
Ein weiterer langjähriger Mitarbeiter der DOG: Der Chemiker Dr. phil. Otto Bähr, geb. 9.7.1903 in Leipzig, wohnhaft Hikeberg 8 in Hamburg-Wandsbeck.
Die Hamburger Ölfabrik gerät 1974 noch einmal in den Blick der Öffentlichkeit:
"In der Chemischen Fabrik ,Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co' am Ellerholzdamm 50 drangen Chlorschwefeldämpfe aus einem undichten Hahn. Die Beschäftigen der umliegenden Firmen mußten evakuiert werden." (Staatsarchiv Hamburg: 720-1/388-00, 80341+Dia Nr.2562 / Bildagentur CONTI-PRESS, Walloch)

Giftgasalarm am Ellerholzdamm 50 in Hamburg: Einsatzleitung mit Gasmaske - 1974 (Staatsarchiv Hamburg: 720-1/388-00, 80341+Dia Nr.2562, Dia-Streifen lfd. Nr.11 / Bildagentur CONTI-PRESS, Walloch)
Das Kriegsende
(616-1945) Christine Grandel, die älteste leibliche Tochter von Gottfried Grandel, flieht mit ihrem Mann Kurt B. 1944 aus Berlin. Seit dem Spätsommer weiß sie, dass sie schwanger ist.
In ihren Lebenserinnerungen heißt es zum 60. Geburtstag ihres ältesten Sohnes Christoph am 9. März 2005:
"Wie dramatisch war doch die Zeit noch vor Christophs Geburt (-am 9. März 1945-), die Vertreibung der Großeltern (...) aus Berlin nach Füssen und meine (-während der Schwangerschaft mit Christoph unternommene-) Flucht (-am 9. November 1944 von Berlin-) nach Augsburg, zuerst (-allein-) zu meiner (-bereits am 26. Februar 1944-) ausgebombten Mutter (-Helene Grandel-), dann nach Hirschegg im Kleinen Walsertal, wo wir als alte Skiurlaubsgäste unterschlüpfen konnten."
Doch ihr Ehemann Kurt wird aufgrund seiner jüdischen Abstammung "rassisch verfolgt". Lange war er aufgrund seiner böhmischen Herkunft unter die Gesetzgebung des Protektorats Böhmen und Mähren gefallen, welche in ihrer Schärfe gegen die jüdische Bevölkerung noch zeitversetzt zum übrigen Reichsgebiet Anwendung findet. Kurt arbeitet in Berlin bis 1944 zudem als Maschinenbau-Ingenieur in kriegswichtiger Industrie.
Möglicherweise verspricht sich das Paar durch die Heirat am 11. Juni 1943 für ihn einen verbesserten Schutz vor der drohenden Deportation, doch zum Kriegsende fallen die letzten Schranken der NS-Diktatur.
Christels Ehemann Kurt soll 1944 in ein Arbeitslager nach Jena deportiert werden, um die Schäden an den durch Fliegerbomben zerstörten Fabrikanlagen zu beseitigen. Wenige Monate vor dem Kriegsende entzieht er sich dem Zugriff durch die Berliner Gestapo:
"Das dauernde Gemunkel hat sich bewahrheitet: Zur besseren Überwachung werden viele Mischlinge in Arbeitslager eingezogen. Auch ich bekomme die Aufforderung. Fest steht für mich, daß ich nicht gehe. Ich fahre (-zu den Eltern-) nach Füssen, bespreche dort und in Augsburg alles und komme dann mit Herta und Steffen, die gerad dort in Urlaub sind, zurück. Inzwischen ist der (-Berliner Gestapo-)Befehl da: Am 7.11.(-1944-) soll ich antreten."
Die Tochter von Gottfried Grandel schreibt weiter zu ihrem Aufenthalt im kleinen Walsertal:
"Dorthin gelangte auch Post von der Gestapo an mich. Es war ein Befehl: 'Ihr Mann ist flüchtig; nennen Sie sofort seinen Aufenthaltsort!' Zu der Zeit pendelte er mit Fahrrad zwischen Augsburg bzw. Hirschegg und Füssen, wo sich seine Eltern und die Schwester aufhielten, hin und her. Niemand ahnte, wie gefährdet wir waren. Und dann fuhren wir (-am 8. März 1945-) mit dem letzten Lastauto (-vor der Sperrung wegen extremer Schneelage im Walsertal-) nach Immenstadt zur Entbindung (-von Christoph B.-) ... Christophs Vater wurde immer noch von der Gestapo gesucht, als die Befreiung kam."

Immenstadt im verschneites Allgäu: Blick vom Horngipfel gen Osten - 1939 (Postkarte im Prtivatbesitz / Photohaus Hipp, Immenstadt)
Berlin, 25. Februar 1945
Während sich landesweit der Zusammenbruch der nationalsozialistischen Weltanschauung in aller Deutlichkeit abzeichnet, kommt der Verursacher derselben auf der letzten Gauleitertagung zu folgender Einschätzung:
"Auf seinen Hitler läßt (-Gauleiter Karl-) Wahl nichts kommen, und als er am 25. Februar 1945 in Berlin an der letzten Reichs- und Gauleitertagung mit Hitler teilnimmt und der Führer vom deutschen Volke sagt, ein verlorener Krieg sei nur das Zeichen dafür, 'daß das deutsche Volk den inneren Wert nicht besitzt, der ihm bisher beigemessen wurde', da findet Wahl immer noch die Entschuldigung: 'Der harte Ausspruch fiel, das mindert seine Bedeutung freilich ein wenig, in einer starken krankhaften Überreizung. Hitler war in dieser Stunde nach meinen Beobachtungen ein schwerkranker Mann.' Dem Gauleiter Wahl drängt sich bei dieser letzten Besprechung immerhin auch schon der Gedanke auf, 'daß Hitler die Katastrophe wohl vor Augen sah, aber aus irgendwelchen mir unverständlichen Gründen weitermachte'." (spiegel.de: "Es ist das deutsche Herz" - 21.12.1954)
Derweil bewegt sich die US-Infanterie vom Westen her in Richtung Süddeutschland. Nach dem jeweiligen Ende der lokalen Kampfhandlungen spüren Einheiten der Alliierten die verantwortlichen Funktionsträger aus NSDAP, Gestapo und Wehrmacht auf:
"Parallel zu PWD/SHAEF und den armeeigenen P&PW-Abteilungen existierten in der psychologischen Kriegsführung phasenweise weitere Verhörinstanzen wie beispielsweise die eigenständigen 'Mobile Field Interrogation Units' (MFIU), von denen insgesamt fünf seit Ende 1944 hinter der Front im Westen operierten." (Bischof: "Kriegsgefangene des zweiten Weltkriegs", S.273 - 2005)
Video: Amerikanische Soldaten in bereits besetzten Gebieten Deutschland - 1944
Heidelberg, März 1945
Kurz vor der Einnahme Heidelbergs bekommt die amerikanische Einheit MFIU 5 noch die intakte Brückeninfrastruktur zu sehen, die jedoch von deutschen Soldaten gesprengt wird:

Vorrauskommando des amerikanischen MFIU 5: Blick auf Heidelberg kurz vor der Brückensprengung - März 1945 (Fotografie im Privatbesitz)

Umsetzung des Führerbefehls durch die SS: Heidelberg nach der nächtlichen Brückensprengung vom 19. März 1945 (Wikimedia Commons - Datei: Heidelberg Alte Brücke 1945.jpg / o.Ang., Mitglied der 101st US-Cavalry)
Unterdessen kämpft sich die amerikanische Infanterie weiter durch die deutschen Städte. Wo Ihnen noch militärischer Widerstand entgegenschlägt, wird er gebrochen.

Vorrücken amerikanischer Infanterie im schwäbischen Waldenburg - April 1945 (Fotografie im Privatbesitz)
Video: Einmarsch der amerikanischen Armee im schwäbischen Hohenlohe - April 1945
Video: Amerikanisches Wiesen-Sammellager für deutsche Soldaten - April 1945
Video: Unweit von Augsburg: Einmarsch der 7th Army in Mergentheim - 8. April 1945
10. März 1945
Wenige Stunden nach der Entbindung bekommt Christl die traurige Nachricht über ihre in Augsburg bei der Mutter Helene verbliebene Schwester, Gottfried Grandels zweiter Tochter:
"Maidl ist tot! Gestern bekamen wir noch einen entzückenden Brief von ihr, in dem sie ihren Besuch ankündigte. In einem Anfall von Schwermut hat sie sich im (-Augsburger-) Siebentischwald vergiftet. Arme Maid!
Schlußstück:
'Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen, mitten in uns.'
Rainer Maria Rilke"
Wie Gottfried Grandel das Kriegsende in Freiberg erlebt, mit welchen Gedanken er die endgültige Vernichtung seiner jahrelangen nationalsozialistischen Aufbauarbeit verfolgt, bleibt unbekannt.
In den letzten Kriegswirren erreicht ihn von seiner geschiedenen Frau Helene die Nachricht vom Freitod seiner zweiten Tochter. In einer kurzen Antwort schreibt er:

Freiberg in Sachsen: Antwort auf die Todesnachricht aus Augsburg - 5. April 1945 (Fotografie im Privatbesitz)
Bächingen a. d. Brenz, 23. April 1945
Der Herkunftsort der in Augsburg sesshaft gewordenen Grandels gerät in den letzten zwei Wochen des fünfeinhalbjährigen Krieges in das Visier der amerikanischen Jagdbomber:
"Frontgebiet wurde Bächingen am Abend des 23. April 1945: Pioniere der Wehrmacht sprengten die Brenzbrücken, die Schlossbrücke zunächst nicht. Ein amerikanischer Luftwaffenverband griff den Ort am 24. April 1945, 15.30 Uhr, an, nachdem dort in der Nacht vom 23. auf 24. April 1945 - von Ellwangen kommend - eine Einheit der Waffen SS in Stellung gegangen war (Bataillonsquartier im Gasthaus 'Zum Hirsch'). Bei dem Tieffliegerangriff gingen von den rund 170 Gebäuden, die Bächingen damals zählte, 31 in Flammen auf. Drei Zivilisten und ein Kind fanden den Tod. Zwei SS-Soldaten, die in den anschließenden Kämpfen mit den nachrückenden Amerikanern fielen, fanden auf dem Bächinger Friedhof in einem Doppelgrab ihre letzte Ruhestätte. In der folgenden Nacht rückte die SS-Formation, die die Aufgabe gehabt hatte, einen Brückenkopf für dieDonaubrücke bei Offingen zu bilden und zu halten, in Richtung Günzburg ab. Am 25. April 1945, 9.00 Uhr, wurde Bächingen den Amerikanern übergeben." ("Der Landkreis Dillingen", S.145 - 2005)
In der örtlichen Feuerwehrchronik wird vermerkt:
"Immer wieder kamen in jenen Tagen deutsche Truppenteile auf dem Rückzug durch das Dorf, sie zogen aber meist schnell weiter. Eine SS-Einheit begann jedoch, sich im Schloß und der Umgebung zu verschanzen, um eine Widerstandslinie gegen die von Nordwesten her vorrückenden feindlichen US-Streitkräfte aufzubauen. Sie konnten auch vom hochbetagten damaligen Schloßherrn und General a.D., Richard von Süßkind, nicht dazu bewegt werden, abzuziehen. In der Folge wurden zwei der drei Bächinger Brenzbrücken gesprengt und die in Sicht gekommenen gegnerischen Verbände unter Beschuß genommen. In den Wochen davor war es immer wieder zu Fliegerangriffen nicht nur auf motorisierte Fahrzeuge und Züge, sondern sogar gegen pferde- und ochsenbespannte landwirtschaftliche Fuhrwerke und auch Fahrradfahrer gekommen, wie Zeitzeugen berichten. Alles was sich draußen bewegte, sei von den Fliegern beschossen worden. Etliche tote Bächinger waren deshalb zu beklagen, auch der damalige Feuerwehrkommandant kam bei einem solchen Angriff ums Leben, als sein Kiesbagger aus der Luft beschossen wurde.
Der näherkommende Fliegerlärm gegen 15 Uhr an diesem 24. April kündigte für Bächingen jedoch die größte Katastrophe seiner neueren Geschichte an. Die amerikanischen Kampfflieger eröffneten das Feuer aus ihren Bordwaffen und setzten so in einer Vielzahl von Überflügen viele Bauernhöfe in Brand. Als der Luftangriff nach etwa 20 Minuten endete, brannte es überall im Ort. Vieh lief schreiend durch die Straßen, so es aus den brennenden Ställen noch hatte fliehen können. Die Feuerwehr war durch diese Lage völlig überfordert - auch die heutige wäre es, darauf ist niemand eingerichtet. Viele Feuerwehrmänner standen selbst im Kriegseinsatz oder waren gefallen, die vorhandene Ausrüstung war spartanisch. Motorisierte Pumpen standen nicht zur Verfügung. Zudem hatte sich die Hauptwasserleitung unter einer der Brenzbrücken befunden, die gesprengt worden waren. Eine Wasserversorgung über Hydranten war somit nicht mehr möglich. Die Bächinger versuchten, die überall brennenden Feuer mit Erde und Jauche zu löschen, was mehr schlecht als recht gelang. Die traurige Bilanz dieses Tages lautete wie folgt: Der Angriff forderte vier Todesopfer unter den Einwohnern, davon ein Kleinkind. 32 Gebäude brannten bis auf die Grundmauern nieder." (ffw-baechingen.de: "Vier Tote, 32 abgebrannte Gebäude in Bächingen" - 2015)
Auch die parallel zur Lindenstraße stehende Schafstallung des Kirchbauerhofs der Bächinger Familie Grandel wird vom Brand erfasst.

Wilhelm Grandel vor den abgebrannten Scheune seines Großvaters Friedrich Grandel - 28. April 1945 (Fotografie im Privatbesitz + Donau Zeitung: "Als ein Inferno über Gundelfingen, Bächingen und Medlingen hereinbrach" v. 27.4.2020 + ffw-baechingen.de: "Vier Tote, 32 abgebrannte Gebäude in Bächingen" - 28.4.2015)

Bächingen: In Brand geschossene Gebäude nach dem amerikanischen Fliegerangriff - 24.04.1945 (Historischer Lageplan auf ffw-baechingen.de: "Vier Tote, 32 abgebrannte Gebäude in Bächingen" - 28.4.2015)
Augsburg, April 1945
Anfang April 1945 stehen die vorrückenden US-Truppen bereits im süddeutschen Raum. Es ist nur noch eine Frage von wenigen Wochen, wann sie die Tore von Augsburg erreichen. Gemäß des Führerbefehls werden Vorbereitungen getroffen:
"Perhaps the experiences of two Freikorps recruits, Wilhelm Irion and Helmuth Brunisch, can be regarded as typical. Mobilized in early April 1945 by the Kreisleiter of Augsburg, they joined a Gau contingent of 100 'activists' and were trained for two weeks with small arms, Panzerfäuste, hand grenades and land mines. Instruction concentrated on the use of explosives for sabotage and the setting of booby traps. On 14 April, the class was broken up into groups of seven men, each of which received caps, wind-breakers and camouflaged uniforms, although they were informed that these could be readily discarded 'in an emergency.' Irion and Brunisch travelled through most of Bavaria, eventually joining Wehrmacht units at the front. When the German Army collapsed in early May, the two Freikorps members were given vehicles, fuel and food, despite severe shortages, and were instructed to return home. Apparently, they were supplied with special orders instructing them to hamper American military government by terrorizing German 'collaborators', although they were captured by the Counter Intelligence Corps (CIC) on 28 May 1945." (Biddescombe: "The Last Nazi", S. - 2004)
Gegenüber der Spruchkammer betont Karl Kriebel (26.2.1888 Metz) in einer eidesstattlichen Erklärung:
"Als sich im März 45 die amerikanischen Truppen Nürnberg und Stuttgart näherten, war (-Gauleiter Karl-) Wahl der Einzige ausserhalb meiner engsten Mitarbeiter, dem gegenüber ich offen sprechen konnte. Es handelte sich um die Frage der Kampfführung in seinem Gau und damit um die Verteidigung von Augsburg. Herr Wahl bat mich, Augsburg die durch eine Verteidigung unvermeidliche Zerstörung zu ersparen und deshalb auf die Verteidigung von Augsburg zu verzichten. Herr Wahl bewies mit dieser Bitte, die schroff allen Befehlen der Partei widersprach, grössten persönlichen Mut und sein Verantwortungsbewustsein gegenüber der ihm anvertrauten Bevölkerung. Seine Bitte entsprach sowohl meiner Auffassung wie meinen eigenen Absichten. Abgesehen davon, dass Augsburg nach seiner Lage zur Verteidigung völlig ungeeignet war und die dafür nötigen militärischen Kräfte fehlten, war ich entschlossen, nicht mit einer völlig unzureichenden Truppe, der es an Waffen und Munition fehlte, durch das Land zum Gebirge zu fliehen und so meiner Heimat weiteren Zerstörungen preiszugeben, sondern an der Donau zu kapitulieren. Ich war mit Herrn Wahl einig, dass die Pflicht gegen Volk und Heimat jetzt über den formalen Gehorsam gegen sinnlose Befehle der untergehenden Diktatur zu stellen war, auch wenn wir dabei unseren Kopf riskierten." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40002/Schriftdokumentation/576: Karl Kriebel, 1943/45 General d. Inf. u. Befehlshaber im Wehrkreis VII v. 18.2.1948)
Als zu dieser Zeit noch in Verantwortung stehender Gauleiter beschreibt rückblickend Karl (Rudi) Wahl aus seiner Sicht die Rahmenbedingungen des Augsburger Kriegsendes:
"Aber man soll die Kirche im Dorf lassen und auch denen Gerrechtigkeit widerfahren lassen, die in amtlicher Eigenschaft die entscheidenden Vorbereitungen zur Nichtverteidigung der Stadt getroffen haben. Niemand hätte Gelegenheit bekommen, sich in den letzten Tagen und Stunden ein wenig hervorzutun, wenn von amtlicher Seite die Absicht bestanden hätte, die Stadt zu verteidigen. Wer von militärischen Dingen nur eine Ahnung hat, dem wird eines klar sein: ohne eine entsprechende Verteidigungsstellung und den dazu nötigen Soldaten kann eine Stadt nicht verteidigt werden. Beides war weder da noch vorgesehen und daher bekamen die wilden Parlamentäre ein ungefährliches Betätigungsfeld." (Wahl: "Patrioten oder Verbrecher", S.237/238 - 1973)
Augsburg, 24. April 1945
Die Augsburger National-Zeitung schreibt nach Jahren der Propaganda:

"Unmittelbar Frontstadt": Letzter Artikel vor dem Zusammenbruch - 24. April 1945 (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger National-Zeitung, Nr.95, S.1 v. 24.4.1945)
Augsburg, 27./28. April 1945
Zum Ende des Krieges spielen sich reichsweit dramatische Situationen ab, auch in Augsburg. Die Stadt ist durch die Luftangriffe der vergangenen Monate in Teilbereichen bereits erheblich zerstört.

Stark beschädigt: Augsburger Bahnhofsgelände aus Blickrichtung Gögginger Brücke - 15. Januar 1945 (Deininger: "Augsburg - Portrait einer Fliegerstadt", S.92 - 1995)
In dem amerikanischen Report wird zu der Einnahme der Stadt durch die 3. Inf. Div. (XV Corps) vermerkt:
"American forces, tanks wheeled up to every building from which shots had been fired and levelled them, eventually leaving the entire town in ruins. In Augsburg, where a sniper fired a carbine at an American tank in the surrendered city, the tank turret swerved and the cannon fired, although it missed the structure covering the sniper and instead hit the house next door, burying in rubble eight civilians standing in the front yard.(...)
officer of the US Third Army reported on 5 April 1945 that SS troops 'under cover of darkness and sometimes in civilian clothes', were harassing American forces. 'Some of them', he added, 'are hiding in villages and peasant houses. We have orders to burn any house which harbours an SS man. The sooner civilians get to know this the quicker they will stop giving cover to these (...)
Augsburg, Wehrmacht officers intervened to smother the revolt, although Werewolf agents were called in to deliver a final coup de grace. Rummer's coup might have succeeded but for the unfortunate coincidence that a Wehrmacht unit pulled " (Biddescombe: "The Last Nazi", S. - 2004)
"The German troops and civilians in Augsburg did not desire to put up a fight and wished to surrender as soon as possible. Lieutenant Colonel Duncan contacted the Burgomeister who expressed willingness to surrender the city and further stated the commanding general of the German military forces also wished to surrender. The German military commander was not to be found in the hours of darkness and very early morning. As it turned out he was in the southwestern portion of the city and surrendered eventually to 15th Infantry forces who advanced from the west and entered Augsburg from "the back door", so to speak, some time after the Seventh Infantry had passed through the 'front entrance'. But as there was no fighting in the city, and white flags of surrender flew from every window it did not matter. Whenever German troops were met they surrendered without further ado.(...) During the operation of 25-28 April 1945 when the Seventh Infantry pushed into Augsburg, only a small unknown number of enemy were killed but 827 German soldiers including 28 officers were taken prisoners. Ten 105mm anti-aircraft and three 150mm guns were captured as well as the chemical factory at Stau Weiher. This was accomplished at a cost of four killed in action and one so seriously wounded that he died of his wounds a few days later. Battle casualty reports show that only 13 were wounded in the action. Those who made the supreme sacrifice were Second Lieutenant Ralph E. Leuze and Technical Sergeant Walter M. Clarke of Company 'A', Private Robert Haeni of First Battalion Headquarters. Private Peter Nuttale of Company 'K' and Private First Class Harry E. Frank. Jr., of Company 'E'." (archive.org: 'From Fedala to Berchtesgaden; a history of the Seventh United States Infantry in World War II', S.272 - 1945)
In einer deutschen Rückschau wird betont:
"Die Amerikaner ließen wissen, 2000 Bombenflugzeuge stünden zum Angriff auf Augsburg bereit. Diese Drohung half, die prekäre Situation den Verantwortlichen drastisch vor Augen zu führen und sie zur Eile anzuspornen. Nachdem General Fehn unter Berufung auf die ihm erteilten Befehle den Gedanken einer Kapitulation weiterhin von sich wies, schritt die Widerstandsgruppe zu eigenem Handeln. Sie schickte Emissäre zu den Kampfspitzen der Amerikaner, um diese in die Stadt zu lotsen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, zum Zeichen der Übergabebereitschaft weiße Fahnen zu hissen, was weitgehend befolgt wurde. An vielen Stellen wurden auch Brücken- und Straßensperren beseitigt. Der Schlußakt verlief äußerst dramatisch: Geführt von einem Mitglied der Augsburger Freiheitsaktion erschienen im Zentrum der Stadt ein amerikanischer Aufklärungswagen, ein Panzer und drei Jeeps. Die Leute um Dr. Lang hatten ihr Versteck verlassen und gaben sich durch Schwenken weißer Fahnen den ankommenden Amerikanern zu erkennen. Gemeinsam wurde nun der Gefechtsstand des Kommandanten im Handstreich genommen." (Fröhlich-Broszat: "Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt", Teil 3, S.670 - 1981)
Desweiteren wird vermerkt:
"Augsburg seemed as if it might fight. But 'Iron Mike' O'Daniels, who commanded the US 3rd Infantry Division, which had suffered 35,000 casualties in two years of war and which had won more Congressional Medals of Honor than any other US outfit, wanted no more losses. He gave Augsburg an ultimatum - surrender or be shattered. The civilians decided to surrender. Medieval Augsburg, accordingly, did not suffer the fate of Nuremberg."
"Es schien, als würde Augsburg kämpfen. Aber 'Iron Mike' O'Daniels, der die 3. US-Infanteriedivision befehligte, die in zwei Kriegsjahren 35.000 Opfer erlitten und mehr Ehrenmedaillen des Kongresses als jede andere US-Organisation gewonnen hatte, wollte keine weiteren Verluste. Er stellte Augsburg ein Ultimatum: Kapitulation oder Zerschlagung. Die Zivilisten beschlossen, sich zu ergeben. Demnach erlitt das mittelalterliche Augsburg nicht das Schicksal Nürnbergs." (Whiting: "America's forgotten Army", S.207 - 1999 + Whiting: "Paths of Death and Glory", II - 2021)
Aus der rückblickenden Darstellung des Gauleiters Karl Wahl geht hervor:
"Als der Krankenhaus-Oberarzt Dr. Lang, der geistige Kopf der kurzfristigen Widerstandsbewegung, in Begleitung von Oberbürgermeister Mayr in der letzten Nacht (-27.4.1945-) in meine Wohnung kam und mich bat, ich solle die Amerikaner, mit denen er in telefonischer Verbindung sei, in die Stadt hereinführen, bedauerte ich, dem Ansinnen aus Selbstachtung nicht Folge leisten zu können und gab ihm den Rat, er selbst könne das an meiner Stelle ohne weiteres tun. Beim Weggehen sagte ich wörtlich: 'Sagen Sie den Amerikanern, sie können unbesorgt in die von Truppen völlig geräumte Stadt einmarschieren, mit einem Widerstand hätten sie nicht zu rechnen." (Wahl: "Patrioten oder Verbrecher", S.238 - 1973)

Im Schutz des gepanzerten Sherman: Amerikanische Infanterie bei der Einnahme süddeutscher Städte - April 1945 (Fotografie im Privatbesitz)

Vormarsch unter Scharfschützenbeschuss: 1st Infantry Division - 14. April 1945 (Fort Rylay / Tyrell Boyd)

Weiße Fahnen an den Fenstern: Amerikanische Sherman-Panzer beim Einrücken in die Stadtgebiete - April 1945 (Fotografie im Privatbesitz)
In späteren Jahren bietet der Sohn von Felix Grandel das Funkgerät des angeblich ersten amerikanischen Sherman-Panzers an, der Augsburg über die Gögginger Brücke erreicht hatte.

Handelsware Funkgerät: Ausgebaut aus einem amerikanischen Sherman-Panzer (Fotografie im Privatbesitz)
Zu dem weiteren Verlauf der amerikanischen Besatzung wird vermerkt:
"Kurz nach der Besetzung Augsburgs veranlaßten die Amerikaner die ersten Festnahmen. Unter diesen sogenannten 'automatischen Arrest' fielen ranghohe Mitglieder der NSDAP und ihrer Gliederungen ( bis hinab zum Kreisleiter ) sowie Personen, die als Kriegsverbrecher gesucht waren oder nach Auffassung der Amerikaner die Sicherheit ihrer Truppen gefährdeten. Für die Internierung der Festgenommenen wurden bereits bestehende Lager genutzt und neue eingerichtet. Neben Dachau, Garmisch-Partenkirchen, Moosburg und Nürnberg entstand 1945 ein Lager auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei in Augsburg-Göggingen. Mit einer Aufnahmekapazität von 1400 Internierten blieb dieses Lager jedoch das kleinste in der amerikanischen Zone. Unterstützt durch deutsche Polizei verhafteten die Amerikaner die lokalen NS-Größen und nahmen sie zunächst im Untersuchungsgefängnis an der Blauen Kappe, im Sammellager Bärenkeller und in den Räumen der Fabrik Kahn und Arnold in Gewahrsam. Die Zahl der Festgenommenen belief sich anfangs auf bis zu 120 Personen pro Tag. Darunter waren Oberbürgermeister Josef Mayr, Bürgermeister Kellner sowie der Stadtrechtsrat Willy Förg. Die Amerikaner beauftragten Mayr noch am Tag der Besetzung, einen geeigneten Amtsnachfolger zu benennen. Er schlug den Stadtkämmerer Wilhelm Ott vor, der ebenso wie der Stadtrechtsrat und künftige Personalreferent Josef Kleindinst nicht Mitglied der NSDAP gewesen war. Der Gauleiter von Schwaben, Karl Wahl, stellte sich noch am 28. April den Amerikanern. Sein Stellvertreter Mündler entzog sich der Festnahme durch Selbstmord. Man brachte Wahl zunächst in den Räumen der Firma Kahn und Arnold unter, bevor er ins Dachauer Sonderlager überführt wurde." (Pöhlmann: "Kellerwohnung und Persilschein", S.76 - 1995)
Gottfried Grandels bereits 1944 in Augsburg ausgebombte 2. Ehefrau Helene Grandel, geb. Willner, erfährt zum Kriegsende noch einen weiteren Schicksalsschlag. In einem Rückblick zu ihrem erstgeborenen Sohn notiert sie:
"Fünf Minuten vor der Einnahme Berlins wurde er (-Hans Winternitz-) beim Löschen, im Dienst für Andere, durch eine Handgranate getötet."
Zeitgleich, nur wenige 100 Meter von Hans Winternitz entfernt, entscheidet sich Adolf Hitler aufgrund der militärisch ausweglosen Situation im Führerbunker zum Freitod durch Gift.

Ende eines weltgeschichtlichen Wahnsinns: Selbstmord im Führerbunker - 30. April 1945 (Wikimedia Commons / US-Army - Datei: Stars & Stripes & Hitler Dead2.jpg - Ausgabe v. 2.5.1945)
Die geschlagene Armee: US-Gefangennahme deutscher Wehrmachtsoldaten

Wo alles begann: Hausmeister Wilhelm Guillon im Münchener Sterneckerbräu - Mai 1945 (Fotografie im Privatbesitz / LIFE, S.37 v. 14.5.1945)
