Weimarer Republik IV

Das politische Ende des "spiritus rector" Dr. Grandel


(501-1924) Den Berliner Landgerichts-Prozess hat Dr. Grandel nach rund fünfmonatiger Untersuchungshaft überstanden.

Trotz des juristischen Freispruchs bezüglich seiner Attentatsplanungen auf den Chef der deutschen Heeresleitung wird es ab Juli 1924 politisch ruhig um den ehemaligen Drahtzieher der völkischen Bewegung. Direkt nach dem Prozessende geht es zurück nach Augsburg:

"Durch den Riesenerfolg, den der Rechtsanwalt Dr. (-Alfons-) Sack durch seine Rede 'Zauberfluß' in der Verteidigung Grandels errungen hatte, sah er sich gemüßigt, in seinem mit Blumen vollgestopften Auto seinen entlarvten  Unschuldsklienten wie eine brilliantenstrotzende Filmdiva aus dem Moabiter roten Hause heimwärts zu expedieren." (Geh.StA PK: I.HA, Rep.84a Justizminist. Nr.55584, Bl.167, Das Deutsche Tageblatt, Nr.128 - "Epilog zum Grandel-Thormann-Prozeß" v. 7.6.1924)

Für Gottfried Grandel ist dieser Aufwand sicher unangenehm, dennoch ist es für ihn ein besonderer Tag: Endlich Bayern, endlich heim! Inwieweit seine Familie über die prozessualen Hintergründe tatsächlich informiert ist, bleibt jedoch unklar. Zumindest in der Schule wird seinen Kindern das Thema unweigerlich begegnet sein mit Sätzen, wie:

"Gell, Dei Vater isch a Krimineller, Dei Vater sitzt im Loch!"

Das wäre in solch einer Situation noch die harmlosere Form der Betrachtung gewesen. Innerhalb der Augsburger Familie Grandel aber wird sich darüber möglicherweise einfach nur ausgeschwiegen worden sein. Wichtig ist: Der Vater ist zurück.



Endlich zurück in Augsburg: Dr. Grandel mit Ehefrau Helene und Tochter Christine - Juni 1924 (Fotografie im Privatbesitz)


Herzlich vermisst: Dr. Grandel mit Stieftochter Eleonore Winternitz und Tochter Christine - Juni 1924 (Fotografie im Privatbesitz)


Dr. Grandel mit Sohn Felix, Stieftochter Eleonore Winternitz, Ehefrau Helene und Töchtern Christine und Maidl Grandel - Juni 1924 (Fotografie im Privatbesitz)

Über die allgemeine Stimmung der politisch interessierten Zeitgenossen schreibt das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts:

"Die Oeffentlichkeit ist es müde geworden, sich in die Einzelheiten der völkischen Zwistigkeiten und Zusammenschlüsse zu vertiefen, und das ist nur allzu begreiflich, denn es kann keinem Freude machen, in diesem Schleim von Verrat und gemeiner Hinterfotzigkeit - um mit dem Hitler-Offizier Götz zu sprechen - herumzurühren. Die Abenteuer der Kahr-Lossow-Hitler, Ludendorff, Ehrhardt, Claß, Grandel usw. sind so verwickelt und zugleich menschlich so widerwärtig, daß ihren Schilderungen gegenüber eine gewisse Abstumpfung eingetreten ist." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.60, S.1 - "Wetterwinkel Bayern" v. 5.2.1924)


Nach den Wirren der Berliner U-Haft sich wieder der Faktis-Forschung verschrieben: Dr. Grandel mit Sohn Felix, Ehefrau Helene und deren Tochter aus erster Ehe, Eleonore Winternitz - 1926 (Fotografie im Privatbesitz)

Auch, wenn Dr. Grandel von seiner Familie offenbar sehr vermisst wurde: Durch seinen Auftritt vor Gericht haftet dem vormals völkischen Drahtzieher plötzlich der Geruch eines schwächlichen "Wirrkopfes" an.

Noch kurz zuvor bekundete in Berlin der studentische Spitzelzeuge Koepke, der nach den Vorstellungen von Alexander Thormann und Gottfried Grandel den Auftrag zur Ermordung des Generals v. Seeckt ausführen sollte:

"Grandel wurde von Thormann als spiritus rector der ganzen Sache bezeichnet." (GStA PK, I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.114 - Berliner Tageblatt, Nr. 256: "Belastungszeugen im Thormann-Grandelprozeß" v. 30.05.1924)

Diese Zeiten sind trotz des juristischen Freispruches nun endgültig vorbei. Darüber hinaus ist die NSDAP seit dem zuvor ebenfalls gescheiterten November-Putsch von 1923 noch immer verboten, Dr. Grandels politischer Ziehsohn Adolf Hitler seitdem in Landsberger Festungshaft.

Im Gegensatz zu Hitlers Verurteilung in München ist Dr. Grandel zwar in seinem Berliner Prozess freigesprochen worden, doch anders als bei Hitler ist sein Ruf des ruhigen Strategen nun selbst in völkischen Kreisen ruiniert.

In Dr. Grandels umfassendem NSDAP-Archivbericht von 1941/42 findet sein Berliner Attentats-Prozess von 1924 mit keinem einzigen Wort Erwähnung. Nur in einer Formulierung deutet er auf den hohen Preis hin, den sein politisches Engagement in der ersten Hälfte der 20er-Jahren verursachte:

"Wirtschaftlich hat mir dies sehr geschadet. Ich wurde in der roten Presse angeprangert, insbesondere nachdem durch Indiskretionen bekannt geworden war, dass ich Hitler Geld gegeben und den Völk. Beo. für die Partei 'gekauft' hatte. In dem berüchtigten 'Braunbuch' soll mein Name als Geldgeber der Partei öfter vorkommen." (BArch Berlin: NS 26/514 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. Oktober 1941)

In den Jahren nach dem Hitlerputsch herrscht eine völkische Flaute. Resignation macht sich unter den "alten Kämpfern" breit. Beispielhaft wirkt hier der Brief Wilhelm Pechers, Mitglied und Finanzier zahlreicher völkischer Gruppierungen in Detmold, der 1926 an den antisemitischen Wanderredner Heinrich Dolle schreibt:

"Ich bin durch die wirtschaftliche Lage gezwungen, alle möglichen politischen, sowie andere ideale Bestrebungen, vollständig zurück zu stellen und mich nur dem Wirtschaftsleben zu widmen, wodurch meine Zeit auch völlig in Anspruch genommen ist. Manchmal brennt man wohl dafür, wieder einmal hinein zu fahren und dem elenden Gesox, welches unser Vaterland ruiniert, entgegen zu treten. Aber man kann bloß seine Faust in der Tasche ballen. Umso mehr wünsche ich Ihrer Arbeit und Ihrem Eintreten für das Vaterland den besten Erfolg." (StA Detmold L 113 Nr.1167, Wilhelm Pecher an Heinrich Dolle v. 30.4.1926)


22. Januar 1925

Am ersten Jahrestag seines Berliner Zusammenbruchs verstirbt Gottfried Grandels erster Augsburger Rechtsanwalt, Dr. Emil Epstein.


1927

In einem Aufmacherartikel vom 6. Oktober 1927 (Nr.472) des sozialdemokratischen Vorwärts zum bayerischen Untersuchungsausschuss des Hitler-Putsches wird auch Dr. Grandel als Geldgeber der Hitler-Bewegung mit aufgeführt.

Unabhängig von dieser "Indiskretion" hat sein Ansehen in erster Linie durch sein gescheitertes Attentats-Vorhaben gegen den obersten Soldaten des Reiches stark gelitten.

Seine kränklich-leidende Rolle vor Gericht, verbunden mit dem widersprüchlichen Aussageverhalten gegenüber dem anfangs von ihm beschuldigten Justizrat Class, hatte sein Image als vorausschauender, kluger Parteigenosse nachhaltig beschädigt. Zudem wurden die wenig schmeichelhaften Informationen über ihn und die damit zusammenhängenden Attentatsplanungen seit Monaten ungesteuert durch den Pressewald der Republik getrieben.

Für ihn, der die letzten fünf Jahre äußerst darauf bedacht war, weitestgehend geheim und kontrolliert im Hintergrund die politischen Fäden zu ziehen, ist dieser Aspekt wohl eine der größten Niederlagen seines Lebens.

Darüber hinaus stellt sich für ihn nun auch die wirtschaftliche Existenzfrage, denn die Anwaltskosten wiegen schwer. Auch der haftbedingte Verdienstausfall schlägt zu Buche. Durch die Hausdurchsuchung der Kriminalpolizei sind ihm zwar offiziell keine Unterlagen abhanden gekommen, doch behauptet er in seinem Brief an Georg Grassinger vom 21. November 1940:

"Bei früheren Haussuchungen sind mir durch die Kriminalpolizei die diesbezüglichen Unterlagen und Urkunden weggenommen worden und nicht zurückerstattet worden." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: ZS-50-8, Georg Grassinger - Dr.Grandel an Georg Grassinger v. 21.11.1940)

Hier ist nicht ganz klar, welche Haussuchung hier gemeint ist; möglicherweise gab es nach dem Prozess von 1924 noch weitere. Falls Unterlagen gefunden wurden, so dürften sie für Gottfried Grandel hoch-kompromittierend gewesen sein.

Privat hinterläßt der Prozess weitere unangenehme Spuren: Dr. Grandels Ehefrau Helene ist nach Zeugenaussage bei der Verhaftung im Januar 1924 "wie vom Donner gerührt". Vermutlich wusste sie von all den politischen Aktivitäten ihres Mannes nicht viel.
Diese Haltung wäre für die Zeit, in der sich Frauen nach Ansicht vieler Männer aus der Politik gänzlich fernzuhalten hätten, nicht ungewöhnlich. Auch die Frau von Manfred v. Killinger, führendes Mitglied der terroristisch agierenden Organisation-Consul, gab nach der Verhaftung ihres Mannes in einer polizeilichen Vernehmung zu Protokoll:

"Mein Mann (...) war immer ein politischer Hitzkopf. Dabei aber ein guter Mensch.(...) Von irgendeinem geheimen Plan hat er mir gegenüber nie gesprochen. Über politische Dinge hat er sich mit mir überhaupt nur wenig unterhalten, da nach seiner Meinung die Frauen von Politik nichts verstünden.(...) Die Nachricht (-von der Verhaftung-) hat mich aufs Höchste überrascht und aufs schwerste getroffen. Ich finde keine Erklärung dafür, zumal ich meinen Gatten sonst als einen ruhigen und verständigen Mann kenne." (StaaAF: F179/4 Nr. 88, polizeiliche Vernehmung Frau v. Killinger v. September 1921)

Diese Erklärung von Frau v. Killinger hätte Helene Grandel im Bezug auf ihre eigene Situation im  Januar 1924 vermutlich nicht viel anders formuliert.

Noch ein halbes Jahr zuvor fungierte ihr Mann als süddeutscher Vertrauensmann des einflussreichen Berliner Justizrates Heinrich Class, wurde von ihm zur politischen Gestaltung mit hohen Finanzmitteln ausgestattet, galt kurzzeitig sogar als möglicher Finanzminister innerhalb eines geplanten bayerischen Direktoriums. Auch mit dem oberbayerischen Regierungspräsidenten Gustav von Kahr verhandelte Dr. Grandel im Auftrag des alldeutschen Verbandsvorsitzenden, der mit ihm offenbar endlich einen verlässlichen Kooperationspartner im Süden der Republik gefunden hatte. Das alles gehört nach dem Prozess nun der Vergangenheit an. 

Gottfried Grandel beschreibt in seinem Archivbericht an die NSDAP den Rückzug aus politischen Zusammenhängen hingegen etwas einseitig; persönliches Eigenverschulden zu reflektieren war seine Stärke nicht:

"Infolge der Inflation hatte ich nahezu mein ganzes selbsterworbenes Vermögen eingebüßt und stand vor größten wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Ich musste mich mit ganzer ungeteilter Kraft auf meine berufliche Tätigkeit als Chemiker und Fabrikant legen, dies umso mehr, als ich eine große Familie hatte. Ich sah mich daher leider genötigt, der Politik von 1924 ab fern zu bleiben und musste mich ganz meinem Geschäft widmen."

Diese Darstellung von Dr. Gottfried Grandel ist sicher nicht falsch, aber sie ist auch nicht besonders umfassend. Sie verschweigt den harten Einschnitt der fast 5-monatigen Untersuchungs-Haft, den 10-tägigen Prozess in Berlin und die daraus entstandenen privaten, wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen. Allein schon die Kosten für die teuersten Verteidiger der Republik werden erheblich gewesen sein, zumal Grandel mit seinem Rechtsanwälten im Vorwege sicher auch eine Erfolgsprovision im Falle eines Freispruchs vereinbart haben dürfte. Dr. Alfons Sack ließ es sich dann auch nicht nehmen, seinen freigesprochenen Mandanten mit blumengeschmückter Karosse aus der Berliner Haftanstalt Moabit abzuholen.

Der Freispruch ist hingegen mit allgemeiner Verwunderung aufgenommen worden. Es ist daher nur eine Vermutung: Sah sich Gottfried Grandel durch die kriminalpolizeiliche Hausdurchsuchung und den darauf folgenden Prozess 1924 in seiner wirtschaftliche Existenz derart bedroht, dass er sich im Bezug auf die "Organisation Consul" (O.C.) dem Staat notgedrungen als Informant andiente? In seinem Bericht an das Hauptarchiv der NSDAP (S.1) schreibt Gottfried Grandel später:

"Leider fehlen mir fast alle Dokumente aus jener Zeit (-1919 bis 1924-); teils sind sie mir von der Kriminalpolizei weggeholt worden, teils sind sie bei dem Grossfeuer meiner Fabrik im Juli 1926 (-7.7.1925-) vernichtet worden."

Vermutlich war er durch die Beweissicherung der polizeilichen Hausdurchsuchung erpressbar geworden. Als Gegenleistung für seine umfassenden Kenntnisse könnte ihm von den Behörden Straffreiheit in Aussicht gestellt worden sein mit der Auflage, sich in Zukunft doch bitte schleunigst zu entpolitisieren.

Nicht lange nach dem existenzbedrohlichen Prozess und mit Beginn der Auflösung der O.C. verlässt Gottfried Grandel dann auch sein Umfeld in Augsburg. Die offizielle Lesart ist später eine länger andauernde Erkrankung, die ihn über Jahre zu wechselnden Aufenthalten in ausländische Sanatorien führte. In einer Situation "größter wirtschaftlicher Schwierigkeiten" wirkt dieser Verlauf ungewöhnlich.

Es kann daher für ihn eher die Befürchtung ursächlich gewesen sein, dass ein möglicher Verrat aus Kreisen der O.C. noch immer hart sanktioniert werden würde. Vielleicht war der zeitliche Zusammenhang mit dem Grossbrand seiner Firma auch kein Zufall gewesen.
Zumindest existiert ein Aktenvermerk des Oberreichsanwalts vom 19. November 1926 über einen Aussteiger Namens "Karl Schmidt", der über den Geheimbund Organisation Consul detailliertes Wissen preisgibt.

(StaAF 179/4 Nr. 32)

Unter normalen Umständen entspräche das Aussageverhalten des Aussteigers einem selbstverschuldeten "Todesurteil", das der angebliche "Karl/Carl Schmidt" aus Berlin damit im Rahmen der Feme-Morde für sich riskierte.
Darüber hinaus wird von einer weiteren Zeugenaussage in Offenburg berichtet, die sich 1926 auf den Aufenthaltsort des Gründers der O.C., dem sogenannten "Consul Erhardt", bezieht:

"Ein Zeuge, der jedoch bittet, seinen Namen nicht zu nennen, weil er sich vor der Feme fürchtet, und ihm Drohbriefe zugekommen waren, gab an, daß Erhardt im September 1924 in Bozen ein Geschäft (...) betrieb."

Der hier formulierte Zusammenhang besitzt jedoch einen rein spekulativen Charakter.

Der frühe Weggefährte von Dr. Grandels politischen Aktivitäten, Dr. Arnold Wagemann, gibt zu Protokoll:

"Dr. Grandel ist eine stark ethisch veranlagte Kampfnatur, die aber durch das aesthetisch Widerwärtige des Kampfes sich stark abgestossen fühlt, dadurch begeistert er sich schnell und verliert dann die Kraft, wird leicht mutlos und verzweifelt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.233/235, Bl.1/2 - Dr. Arnold Wagemanns "Erklärung in der Untersuchungssache Grandel" v. 2.3.1924)

Der westfälische Wanderredner Heinrich Dolle fasst in seinem Brief an Erich Ludendorff vom 25. November 1925 die politische Situation seines Freundes Gottfried Grandel nach dem Berliner Attentats-Prozess zusammen:

"Grandel ist durch verzweifelte Taten, die ihn in furchtbare Lagen brachten, zermürbt und ausserdem politisch getötet."


Hitlers Verhältnis zum "Völkischen"


(502-1924) Bereits im Verlauf seiner parteipolitischen Frühphase entwickelt Adolf Hitler ein gespaltenes Verhältnis zu völkischen Vertretern.

Diese lernt er besonders im Zusammenhang mit dem völkischen Geheimbund Germanen-Orden bzw. dessen bayerische Tarnorganisation Thule-Gesellschaft kennen, denen auch Dr. Grandel zumindest nahe steht. Rückblickend wird über den industriellen Frühförderer der Deutschen Arbeiterpartei berichtet:

"Dr. Grandel ist ein völkisch vielbewährter Mann, der sich um die Bewegung besondere Verdienste erworben hat und keinerlei eigennützige Ziele verfolgt. Heil Hitler!" (invenio.bundesarchiv.de: R 43-II/200, Bl.175 - Lösung der Fettversorgungsfrage - Emil Lessel, Bismarkstraße 11, Berlin an Staatssekretär und Chef der Reichskanzlei Dr. H. Lammers v. 1012.1935)

Doch als ausgebildeter Propagandist ist sich Adolf Hitler schon in seiner politischen Frühphase schnell darüber im Klaren: Mit den verstaubten Stilmitteln dieser Gruppierung lassen sich die Arbeitermassen agitatorisch nicht einfangen. So formuliert er später in seiner Buchveröffentlichung:

"Die Nachwelt wird einmal wenig Veranlassung besitzen, das Heldendasein dieser Rauschebärte in einem neuen Epos zu verherrlichen. Ich habe diese Leute zu gut kennen gelernt, um nicht vor ihrer elen­den Schauspielerei den tiefsten Ekel zu empfinden. Auf die breite Masse aber wirken sie lächerlich, und der Jude hat allen Grund, diese völkischen Komödianten zu schonen, sie sogar den wirklichen Verfechtern eines kommenden deutschen Staates vorzuziehen." (Hitler: "Mein Kampf", S.396 - 1943)


Eingerahmt von völkischen Führern und Ehrengästen: Propagandist Adolf Hitler am Nürnberger Hauptmarkt - 2. September 1923 (BArch: Bild 102-16148 / Pahl, Georg - 'Deutscher Tag' der völkisch-nationalen Verbände, auf dem Reichsflagge, SA und Oberland an den Gästen in großer Anzahl vorbeimarschieren)

Bereits mit der durch Gottfried Grandels hälftiger Bürgschaft frisch erworbenen Propaganda-Zeitung Völkischer Beobachter betont Adolf Hitler zwei Wochen nach deren Übernahme durch die NSDAP:

"Und die deutsch-völkische Bewegung mag ruhig als einzige vielleicht erkennen, daß der ganze innere Aufbau unseres Staates nicht germanisch, sondern mehr semitisch ist, daß unser ganzes Handeln, ja selbst Denken von heute, nicht mehr deutsch, sondern jüdisch ist. Sie mag es hundertmal beklagen, daß unser Volk im Geiste des ihm innerlich so fremden Mammonismus zugrunde gehen wird. Sie mag erkennen, daß Klassenkampf und Parteihader uns den letzten Rest von Widerstandskraft nehmen wird, mag mit prophetischem Geist vorausahnen, daß auch wir im Blutsumpf des Bolschewismus noch versinken werden, und sie mag tausendmal nachweisen, daß die letzten Ursachen dieses ganzen Jammers, der letzte Keim dieser Rassenerkrankung nur der Jude ist; dies alles mag die deutsch-völkische Bewegung erkennen, helfen aber wird sie nicht und kann sie nicht, solange nicht der Boden rein theoretischer Erwägungen verlassen wird und an seine Stelle tritt der Entschluß, die Erkenntnis umzugießen in politische Macht, die duldsame wissenschaftliche Forschung zu vertauschen mit der Bereitwilligkeit der Anwendung der organisierten Kraft." (Digitalisiert auf Wille und Macht, Bd.5, Ausgabe 1-24, Nr.17 v. 1.9.1937, darin: Adolf Hitler aus dem Völkischen Beobachter, Nr.1 - "Der völkische Gedanke und die Partei" v. 1.1.1921)

Diese Distanzierung von der völkischen Vorgehensweise erfährt speziell in Adolf Hitlers Buch Mein Kampf ihren deutlichsten Ausdruck. Nach seinem endgültigen Bruch mit dem germanischen Orden kommt der ab 1921 proklamierte Parteiführer hier zu einem deutlichen Urteil:

"Es ist das Charakteristische dieser Naturen, daß sie von altgermanischem Heldentum, von grauer Vorzeit, Steinäxten, Ger und Schild schwärmen, in Wirklichkeit aber die größten Feiglinge sind, die man sich vorstellen kann. Denn die gleichen Leute, die mit altdeutschen, vorsorglich nachgemachten Blechschwertern in den Lüften herumfuchteln, ein präpariertes Bärenfell mit Stierhörnern über dem bärtigen Haupte, predigen für die Gegenwart immer nur den Kampf mit geistigen Waffen und fliehen vor jedem kommunistischen Gummiknüppel eiligst von dannen." (Hitler: "Mein Kampf", S.396 - 1943)


Kampfverbände im Zenith ihrer Macht: Julius Streicher mit der Hand am Revolver (?) rechts neben Adolf Hitler - 2. September 1923 (BArch: Bild 102-16148 / Pahl, Georg - Vorbeimarsch der völkisch-nationalen Verbände beim Deutschen Tag in Nürnberg)

Doch auch die brieflichen Ausführungen des mit Dr. Grandel eng verbundenem westfälischen Wanderredners Heinrich Dolle geben hier einen Einblick in die Welt der Völkischen.

In verschiedenen Briefwechseln schildert dieser seine persönlichen Erfahrungen mit der bayerisch-völkischen Szene der beginnenden 20er-Jahre. Dabei greift er einen typischen Generationskonflikt mit auf, in den neben Dr. Grandel auch die Mitglieder des Germanen-Ordens Lorenz Mesch und Dr. Arnold Ruge involviert sind.

Parteigenosse Dr. Grandel fungiert hier nicht nur als früher Finanzier Adolf Hitlers, er ist zu dieser Zeit auch ein aktiver Netzwerker; ein zumeist stiller Arbeiter, der tunlichst darauf achtet, nicht in das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu geraten. Und er ist völkisch.

In einer politischen Selbstverortung schreibt er in späteren Jahren seinem Hamburger Fusionspartner:

"Im Einzelnen mögen noch besondere Wünsche eine Rolle mitgespielt haben,(...) so bei Dr. (-Walter Bismarck-) Alexander der (-vermeintliche-) Hass des Juden gegen mich, den völkischen und nationalsozialistischen Vorkämpfer." (Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG, Bl.4 v. 7.1.1941)


"Völkisch-nationalsozialistischer Vorkämpfer": Dr. Gottfried Grandel - 1932 (Fotografie im Privatbesitz)

Der mit ihm bekannte Vordenker der völkisch-antisemitischen Szene, Theodor Fritsch, fasst den ideologischen Begriff wie folgt:

"Das Völkische will nicht nur Partei-Gegensätze, sondern auch Klassen- und Standes-Gegensätze überbrückt sehen. Es will die Volks-Gemeinschaft, gegründet auf Blut und einheitlicher Geistesart." (Fritsch: "Hammer - Blätter für den deutschen Sinn", Nr.25, S.537: "Der Alldeutsche Verband und der völkische Gedanke" - 1926)


Literatur der Völkischen - 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Reichswarte, Nr.22, S.4 v. 31.5.1924)

Der geschulte Propagandist Adolf Hitler hingegen verachtet die "völkische Schlafwandler", die es nicht fertig brächten, von ihren "Gegnern gehaßt zu werden".

In der ersten Ausgabe von "Mein Kampf" (S.380 ff.) rechnet er deutlich mit der Personengruppe der Völkischen ab. Dort heißt es:

"Die junge Bewegung mußte und muß sich hüten vor einem Zustrom an Menschen, deren einzige Empfehlung zumeist in ihrer Erklärung liegt, daß sie schon dreißig oder gar vierzig Jahre lang für die gleiche Idee gekämpft hätten (-Alldeutsche Verbandsvorsitzende Justizrat Heinrich Class?-). Wer aber vierzig Jahre lang für eine sogenannte Idee eintritt, ohne selbst den geringsten Erfolg selber herbeiführen zu können, ja ohne den Sieg des Gegenteils verhindert zu haben, hat den Wahrheitsbeweis für die eigene Unfähigkeit eben in vierzigjähriger Tätigkeit erbracht.(...) Wehe aber, wenn man solchen Leuten eine junge Bewegung ausliefert! So wenig ein Geschäftsmann, der in vierzigjähriger Tätigkeit ein großes Geschäft konsequent vernichtete, zum Begründer eines neuen taugt, so wenig paßt ein solcher völkischer Methusalem, der in eben dieser Zeit eine große Idee verkorkste und zum Verkalken brachte, zur Führung in einer neuen, jungen Bewegung."

Eine weitere Formulierung fällt bei der Betrachtung des Briefes von Dr. Grandels Augsburger Freund Georg Fischer auf. Am 31. Januar 1924 schreibt der Verwaltungs-Amtmann dem Verleger Julius F. Lehmann in München über Gottfried Grandel:

"Ich halte ihn für einen aufgeregten Wirrkopf (...) - für einen Hansdampf in allen politischen Gassen."

Auch Adolf Hitler greift bei den Ausführungen zu seinem Parteieintritt von 1919 in "Mein Kampf" diesen Begriff mit auf:

"Ich wußte, daß dies für mich eine Entscheidung für immer werden würde, bei der es dann ein 'Zurück' niemals mehr geben könnte. Ich habe schon damals immer eine instinktive Abneigung vor Menschen besessen, die alles beginnen, ohne etwas aber dann auch durchzuführen. Diese Hansdampf in allen Gassen waren mir verhaßt. Ich hielt die Tätigkeit dieser Leute für schlechter als Nichtstun." (Hitler: "Mein Kampf", S.234 - 1924)

Wen Adolf Hitler mit dieser Beschreibung genau vor Augen hatte, ist nicht bekannt. Ein weiterer Punkt, weshalb er sich möglicherweise in der politischen Frühphase in Gegenwart von Dr. Grandel und Dr. Dickel nicht auf Augenhöhe sah, findet sich in seinem Buch:

"Dazu kam noch die Schwierigkeit, die sich aus meinem Mangel an Schulen ergeben mußte. Die sogenannte 'Intelligenz' sieht ja ohnehin immer mit einer so wahrhaft unendlichen Herablassung zu jedem herunter, der nicht durch die obligaten Schulen durchgezogen wurde und so das nötige Wissen sich einpumpen ließ." (Hitler: "Mein Kampf", S.235 - 1924)

Als weiteren Kritikpunkt greift Adolf Hitler das Verhältnis von Gewalt zu Geist auf. Dazu schreibt er:

"Für sie (-Troß der Ritter mit dem 'geistigen' Schwert-) hatte freilich unser Grundsatz 'Wer uns mit Gewalt entgegen tritt, dessen erwehren wir uns mit Gewalt' etwas Unheimliches an sich. Sie warfen uns nicht nur die rohe Anbetung des Gummiknüttels, sondern den mangelnden Geist an sich auf das eindringlichste vor. Daß nun in einer Volksversammlung ein Demosthenes zum Schweigen gebracht werden kann, wenn nur 50 Idioten, gestützt auf ihr Mundwerk und ihre Fäuste, ihn nicht sprechen lassen wollen, berührt einen solchen Quacksalber allerdings nicht im geringsten. Die angeborene Feigheit läßt sie ja nie in eine solche Gefahr geraten. Denn sie arbeiten nicht 'lärmend' und 'aufdringlich', sondern im 'stillen'."

Dr. Grandel, der sich eher als Netzwerker "im Stillen" empfindet, schreibt nach der partei-internen Machtergreifung Hitlers am 12. August 1921 an Dietrich Eckart:

"Wir müssen im Auge behalten, daß jedes gewalttätige Wesen und jedes Parteibonzentum die besten Kräfte und Mitarbeiter verscheucht und lahm legt, dafür aber die minderwertigen Elemente nach vorne bringt."

Hitler hingegen führt in seinem Buch auf Seite 385 weiter aus:

"Ich kann auch heute unsere junge Bewegung nicht genug davor warnen, in das Netz dieser sogenannten 'stillen Arbeiter' zu kommen. Es sind dies nämlich nicht nur Feiglinge, sondern auch immer nur Nichtskönner und Nichtstuer. Ein Mensch, der eine Sache weiß, eine gegebene Gefahr kennt, die Möglichkeit einer Abhilfe mit seinen Augen sieht, hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, nicht im 'stillen' zu arbeiten, sondern vor aller Öffentlichkeit gegen das Übel auf- und für seine Heilung einzutreten. Tut er das nicht, dann ist er ein pflichtvergessener, elender Schwächling, der entweder aus Feigheit versagt oder aus Faulheit und Unvermögen."

Der Weg des Augsburger Dr. Gottfried Grandel ist ein anderer. Sein Verhalten entspricht dem eines "stillen Arbeiters", die Hitler im Grunde verachtet. Ihm ist als Familienvater und Fabrikant die bürgerliche Deckung wichtig, doch diese Fassade hält, so sehr er sich auch darum bemüht, letztendlich nicht stand.

So vermerkt er in seinem Archivbericht von 1941:

"Die unfaire Kampfesweise (-Dr. Otto-) Dickels widerte mich (-1921-) so an, dass ich mich etwas zurückzog und die Führung der Ortsgruppe dem Pg. Dr. (-Adolf-) Frank überliess. Ich tat aber nach wie vor alles, um die Partei in Augsburg zu fördern. Wirtschaftlich hat mir das sehr geschadet. Ich wurde in der roten Presse angeprangert, insbesondere, nachdem durch Indiskretionen bekannt geworden war, dass ich Hitler Geld gegeben und den Völk.(-ischen-) Beo(-bachter-) für die Partei 'gekauft' hatte. In dem berüchtigten 'Braunbuch' soll mein Name als Geldgeber der Partei öfters vorkommen." (BArch: NS26/514 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv - S.589/Bl.4 v. 22.10.1941)

In seinem Brief an General a.D. Erich Ludendorff fasst der westfälische Wanderredner seine Beobachtungen zu Adolf Hitlers völkischen Ersthelfern (Grandel, Mesch und Ruge) rückblickend mit folgenden Worten zusammen:

"Grandel ist durch verzweifelte Taten (-gescheiterte Attentatsplanungen auf General v. Seeckt-), die ihn (-1924-) in furchtbare Lagen brachten, zermürbt und ausserdem politisch getötet.(...) Ruge sass ein Jahr im Gefängnis. Hitler konnte ihm helfen. Wir sprachen mehrmals darüber. Er tats nicht. Er konnte wenigstens Ruges Weib und Kind helfen. Er tats nicht.(...) Frau Ruge starb fast Hungers. Nun ist Ruge für Hitler verloren.(...) Mesch ist imgleichen verbittert." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Schreiben Heinrich Dolles an Erich Ludendorff v. 25.11.1925)

Heinrich Dolle schreibt weiter:

"(-Lorenz-) M.(-esch-) ist von anderen völkischen Männern zu schwer verletzt; will nun nichts mehr tun." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Schreiben vom 29.9.1927)


"Deutschland den Deutschen": Völkische Zigaretten mit Hakenkreuz-Aufdruck - 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Reichswarte, Nr.22, S. v. 31.5.1924)


Nach den Prozessen 1924: Neuorientierung für Hitler und Grandel


(503-1925) Adolf Hitlers Perspektive wechselt zum Jahresbeginn 1925. Bereits nach dem Urteilsspruch im April 1924 löst sich bei ihm die Anspannung gegenüber seiner bis dahin völlig ungewissen Zukunft.

Während seiner Haftzeit nimmt Heinrich Dolle Kontakt zu Dr. Dickel auf:

"Dann ging ich nach Augsburg zu Dickel und habe ihm gesagt; was Hitler und seine an Euch gesündigt, mache ich jetzt gut: Arbeitstellung ! und haben gelacht dabei und gingen an die Arbeit, bis, --- der Völk. Beo, Euer Blatt, von Neuem stört und spakten will, bzw. soll. ! (Zu spät, Jesuit.) In Landsberg und in Eurer Wohnung in München wies ich Euch auf die Gefahr des Jesuiten hin: Das Konkordat steht im Landtag zur Verhandlung! Ihr habt mich beruhigt: Es legt nur in gesetzliche Form, was schon immer war, bringt gar nichts Neues.- Herr Hitler, wird das Konkordat Wahrheit, verliert Bayern seine Staatswälder, und kommt die bayerische Lehrerschaft in die Gewalt des Papstes in Rom!- Da habt Ihr mir gesagt: Ich kann nich nach zwei Fronten kämpfen.--- Die bayerischen Staatswälder sind verloren. Der Jesuit hat sie. Die bayerische Lehrerschaft und damit die Jugend und Zukunft hat ebenfalls der Jesuit. Ihr habt in Bayern den Juden die Herrschaft genommen. Damit den Jesuiten gegeben. Ob gewollt oder ungewollt. Er hat sie." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Abschrift aus "Volk, Freiheit, Vaterland", Nr.20 - 11.2.1926 + Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg)

Trotz vierjähriger Haftstrafe rechnet er bereits zum Herbst 1924 damit, nach rund einjähriger Haft auf Bewährung vorzeitig entlassen zu werden.

Und tatsächlich: Am 20. Dezember 1924 besteigt er vor der Haftanstalt Landsberg schließlich das Auto von seinem Fotografen Heinrich Hoffmann - als freier Mann.


Haftentlassung in Landsberg - 20. Dezember 1924 (BArch Berlin: NS26/96 + Bay. Staatsbibliothek: hoff-6648 / Hoffmann, Heinrich + Dresler/Maier-Hartmann: "Dokumente der Zeitgeschichte", S.160 - 1938)

Später wird Adolf Hitler in Bezug auf die einjährige Haftzeit von seiner "Hochschule auf Staatskosten" sprechen.  Doch durch seine vorzeitige Entlassung ist er nun beim bayrischen Ministerpräsidenten im Wort, von weiteren Putschversuchen zukünftig Abstand zu nehmen.

Noch während seines Prozesses gab er sich vor dem Münchener Richter selbstbewußt:

"Immer war meine Erklärung: Ich werde den politischen, agitatorischen Kampf führen, weil ich glaube, daß ich das allein kann, sonst niemand. Hätte es ein anderer gekonnt im Kriege, so wäre Deutschland nicht zugrunde gegangen."

Der spätere Reichspropagandaminister, Dr. Joseph Goebbels, zeichnet gegenüber seinem Tagebuch vom Juni 1924 ein etwas selbstkritischeres Bild der Situation:

"Wir haben jetzt 5 Jahre lang geprügelt, Radau geschlagen, experementiert und gedichtet. Wir müssen jetzt bald wieder einmal anfangen zu arbeiten. Die eiserne Notwendigkeit wird uns schon von selbst ins rechte Lot bringen.(...) Wir sind die Generation der Wandlungsfähigen. Wir tasten und suchen! Werden wir finden???"

Schon kurz nach seiner Haftentlassung und nach Ablauf des Parteiverbotes gründet Adolf Hitler am 27. Februar 1925 erneut die NSDAP: Im Bürgerbräukeller, wo im November 1923 sein gescheiterter Putsch den Ausgangspunkt nahm.


Ankündigung zur erneuten Parteigründung - 27. Februar 1925 (Sammelwerk Nr.8: "Deutschland erwacht - Werden, Kampf und Sieg der NSDAP", Bild-Nr.33, Gruppe 28: "Der Kampfbeginnt von neuem.")

Hitler entscheidet sich zugleich für seine Variante der Parlamentisierung: Über demokratische Wahlen schließlich am Ende die Diktatur zu erreichen. Er betont dabei in seiner Rede erneut seinen diktatorischen Machtanspruch:

"Nach einem Jahr sollen Sie urteilen, meine Parteigenossen; habe ich recht gehandelt, dann ist es gut; habe ich nicht recht gehandelt, dann lege ich mein Amt in Ihre Hände zurück. Bis dahin aber gilt: Ich führe die Bewegung allein, und Bedingungen stellt mir niemand, solange ich persönlich die Verantwortung trage. Und ich trage die Verantwortung wieder restlos für alles, was in der Bewegung vorfällt." (Heiden: "Adolf Hitler: Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit")

Doch Bayern belegt ihn sogleich bis zum 5. März 1927 mit einem öffentlichen Redeverbot.

Dr. Gottfried Grandel gehört zu den wichtigen Geldgebern aus der Frühzeit der Hitlerbewegung, drängt zeitlebens aber nie in die erste Führungsebene der Parteihierarchie. Seinem Naturell entspricht eher die kontinuierliche Vorbereitung im Hintergrund.

Über den eigenen Berliner Prozessverlauf rückte sein Handeln jedoch in den grellen Fokus der Öffentlichkeit, welches er im Vorwege lange verborgen halten konnte. Auch seine frühe NSDAP-Unterstützung und -Mitgliedschaft wird vor Gericht offenbar aus Unwillen oder Unkenntnis nicht weiter thematisiert.

Zur allgemeinen Typisierung seiner Person leistet das Gerichtsverfahren jedoch einen wichtigen Beitrag, wobei die vielen Zeitungsartikel je nach politischer Couleur unterschiedliche Schwerpunkte setzen. So schreibt Prozessbeobachter Joseph Roth am 4. Juni 1924 in der Frankfurter Zeitung:

"Dr. Grandel repräsentiert die ältere Generation und ist ein Kleinbürger. Bei ihm bricht sich der Fanatismus an den Schutzwällen des kleinbürgerlichen Gemüts, und eine furchtsame Besonnenheit wehrt sich gegen die Gewalt der Idee. Deshalb wird er ein Sonderling, ein Eigenbrötler, der die Ziele der Partei außerhalb der Partei erstrebt und ein zuverlässiger Kämpfer nicht in, sondern neben der Reihe wird. Er leidet an Herzanfällen. Gewiß fördert die Aufgeregtheit den konstitionellen Fehler. Er ist ein Choleriker mit Hemmungen, er hat das Gesicht eines alten Verwaltungsbeamten. Die Haltung eines lange Sitzenden, der mechanisch und fleißig Kolonnen schreibt." (Roth: "Werke: Bd. 2: Das journalistische Werk 1924-1928", S. - 2009)

Der Prozessverlauf ist eine deutliche Zäsur im Leben des Gottfried Grandel. Es ist naheliegend, dass im Zuge der Verhaftung vom 17. Januar 1924 umfassende kriminalpolizeiliche Ermittlungen und auch Durchsuchungen im Hause Grandel durchgeführt wurden. So schreibt Gottfried Grandel am 21. November 1940 in einem Brief an den Verleger Georg Grassinger: 

"Bei früheren Haussuchungen sind mir durch die Kriminalpolizei(...) Unterlagen und Urkunden weggenommen worden und nicht zurückerstattet worden."

Seine älteste Tochter, Christine Grandel, zitiert später in ihrem Tagebuch eine Äußerung ihres Vaters: Die Mutter ...

"... habe sein Leben zerstört. Sie habe ihm seine Stellung genommen, sein Vermögen und alles."

Gemeint ist hier der von Dr. Grandel angestrengte Scheidungsprozess von 1930-32, an dessen Ende er schuldhaft von Helene geschieden wird. Zu der vorherigen Lebensphase heißt es jedoch in einer späteren Firmen-Festschrift von 1952 über seine Tätigkeit als Chemiker: 

"In jahrelanger Arbeit gelang es ihm, die Grundlage für neuartige Schwefelfaktisse zu schaffen. Unter dem Namen 'Gloria' brachte das Augsburger Werk 1926 einen Faktis auf den Markt, der den bisherigen deutschen und ausländischen Sorten eindeutig überlegen war. Die 'Gloria'-Erzeugung wurde schnell zum Hauptgeschäft des Oelwerkes Georg Grandel. Zwar wurden daneben auch weiterhin Brennoel für die ewigen Lampen der katholischen Kirchen und Glaserkitt hergestellt. Die Kitterzeugung kam aber 1925 nach einem Brand des betreffenden Betriebsteiles zum Erliegen, da der Wiederaufbau nicht gelohnt hätte. Ebenso wurde eine kleine Oelmühle wieder stillgelegt, deren Betrieb sich nicht rentiert hatte. 'Gloria' dagegen war ein Erzeugnis, das alle Konkurrenzprodukte übertraf." 


Erfolg in der Faktis-Forschung: Dr. Grandel mit Sohn Felix, Ehefrau Helene und deren Tochter aus erster Ehe, Eleonore Winternitz - 1926 (Fotografie im Privatbesitz)

Das NSDAP-Archiv bekommt 1941 von Gottfried Grandel folgende Darstellung geliefert:

"Infolge der Inflation hatte ich nahezu mein ganzes selbsterworbenes Vermögen eingebüßt und stand vor größten wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Ich mußte mich mit ungeteilter Kraft auf meine berufliche Tätigkeit als Chemiker und Fabrikant legen, dies umsomehr, als ich eine große Familie hatte. Ich sah mich daher leider genötigt, der Politik von 1924 ab fern zu bleiben und musste mich ganz meinem Geschäft widmen. Nur mit sehr viel fleißiger Arbeit gelang es mir, mich allmählich von der Inflationskatastrophe zu erholen." (BArch Berlin: NS26/514, S.594/Bl.9 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Es gibt noch eine dritte Variante, die der älteste Sohn Felix seiner eigenen Spruchkammerakte (StaA Augsburg) am 22. Juli 1946 hinzufügt:

"Es ist mir bekannt, daß mein Vater sich eine Zeitlang stark politisch betätigt hat und auch bei der Gründung der NSDAP Einfluß hatte, später aber mit dem Aufkommen der antisemitischen Strömung in der Partei wegen seiner Ehe mit einer Jüdin immer mehr ausgeschaltet wurde, sich im Jahr 1924 ganz zurückzog und dann ein heftiger Gegner der NSDAP wurde. Obwohl ihm später öfter Ämter und einflußreiche Stellungen in der Partei angeboten wurden, behielt er seine ablehnende Haltung. Mein Vater besaß nach seinen Aussagen keine Mitgliedschaft in der Partei und trug auch nie eine Nadel."


Gottfried Grandels Rückkehr zum Vegetarismus


(504-1926) Dr. Gottfried Grandel bekommt zwei Jahre nach seinem Berliner Prozess ein schweres Gicht- und Rheumaleiden.

Gesundheitlich anfällig war er schon in den Jahren vor der gerichtlichen Auseinandersetzung. So berichtet im Januar 1924 der Berliner Medizinalrat Dr. Stoermer:

"Ferner leide er (-Gottfried Grandel-) schon seit Jahren an einer Herzerweiterung, die er sich wohl schon in der Jugend durch Bergsport zugezogen habe; er werde durch seinen 'Herzfehler' sehr belästigt. Genau nach den Beschwerden befragt, gibt er mir an, er habe ein aussergewöhnliches Unbehagen hauptsächlich nach Alkohol und Tabak, die er deswegen vollkommen vermeide. Schon 1 Gl.(-as-) Wein und 1 Tasse Bohnenkaffee oder Schokolade wirke auf sein Herz ein, vor allem grössere körperliche Anstrengungen und hauptsächlich Gemütsaufregungen jeder Art; er müsse wegen des Herzfehlers auch im Essen sehr müssig sein, müsse sich vor Ueberladung des Magens hüten, zumal er auch zu Sodbrennen und Erbrechen neige. Ferner bezeichnet sich G.(-randel-) als seelisch weichlich, leicht zur Weinerlichkeit geneigt." (LArch Berlin: A Rep. 358-01 Nr. 6011, S.1-2/Bl.137-138 - Prozessakte Thormann-Grandel: Erstes Gutachten über Dr. Grandels Befragung durch Medizinalrat Dr. Stoermer v. 25.1.1924)


Herzerweiterung wohl schon in der Jugend durch Bergsport zugezogen: Gottfried Grandel mit Stieftochter Eleonore Winternitz - 1927 (Fotografie im Privatbesitz)


1926

Schmerz gepeinigt kehrt Gottfried Grandel zum Vegetarismus zurück. Aufgrund des recht angeschlagenen Gesundheitszustandes übernimmt sein Sohn Felix von 1926 an bis zum Beginn seines eigenen Chemie-Studiums im "Oktober 1927 die Leitung der väterlichen Fabrik", führt dieser 1931 in seinem für die Promotion verfassten Lebenslauf aus. Weiter wird hierzu später vermerkt:

"Er wurde zunächst Diplom-Landwirt und mußte dann 1927 infolge Krankheit des Vaters die Leitung der väterlichen Fabrik, der Ölwerke G. Grandel, in Augsburg übernehmen. So wurde er schon frühzeitig mit allem vertraut, was das Öl als Nahrungsmittel betraf." (Medizin und Ernährung, Bd.11, S.196 - 1970)

Gottfried Grandel vermerkt zudem über diesen Zeitraum in seinem NSDAP-Archivbericht von 1941, dass ihm "fast alle Dokumente aus jener Zeit" durch ein Großfeuer in seiner "Fabrik in Augsburg im Juli 1926 (-7. Juli 1925-) vernichtet worden" sind. Der Fabrikant scheint auch durch die Anforderungen des Großbrandes gesundheitlich ernsthaft angeschlagen zu sein. Sein erstgeborener Sohn Felix notiert weiter:

"Um von seinem Leiden befreit zu werden, konsultierte er nicht nur den bekannten biologischen Arzt Dr. Maximilian Bircher-Benner, Zürich, mit dem ihn eine feste Freundschaft verband, sondern suchte er auch das damals sehr bekannte Sanatorium (-und Wasser-/Naturheilanstalt-) von Dr. (-Bernhard-) Binswanger in Lichtenthal bei Baden-Baden auf, das Sanatorium Rheinburg bei Säckingen, das von (-Chef-Arzt-) Dr. (-Adolf-) Keller(-Hoerschelmann-) geleitete Sanatorium in Cademario und das Diätkurheim in Trogen bei St. Gallen." (Grandel: "Gesundheit und Ernährung - einmal anders gesehen" - 1952)


Große Auswahl: Wasser- und Naturheilanstalt Lichtental - Februar 1932 (Westermanns Monatshefte, S.21 - Februar 1932)


"Um von seinem Leiden befreit zu werden": Kurhaus Cademario bei Lugano - 1927 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Wyrsch, Bern)


Appartements für die Erholung: Sanatorium Cademario bei Lugano - 1927 (Fotografie im Privatbesitz)

Vom Kurhaus Cademario zieht es morgens den Gymnastik-Kurs auf die Alpe Agra, eine als Weide auf 935 Metern genutzte Lichtung, umrahmt von gemischtem Laubwald und Weihern.


Morgengymnastik am Kurhaus Cademario - 1927 (Fotografie im Privatbesitz)


Ungewohnte Bewegungsabläufe auf der Alpe Agra bei Cademario - Mai 1927 (Fotografie im Privatbesitz)


Bewegung an frischer Morgenluft: Dr. Grandel auf der Alpe Agra am Sanatorium Cademario - Mai 1927 (Fotografie im Privatbesitz)


Helene Grandel auf der Alpe Agra bei Cademario - Mai 1927 (Fotografie im Privatbesitz)

Für einen Privatier recht kostspielig gestaltet sich der Lebenswandel durch die Sanatorien-Aufenthalte:

"Während ihres Aufenthaltes in Baden-Baden verbrauchte Frau Magda (-Grandel-) RM 200,- bar, denn ihr war das Geld zugemessen. Dr. Grandel, der, wie sie erst später erfuhr, bald danach mit Gertrud Hubricht (-aus Freiberg/Sachsen-) nach (-Bad-) Gastein gefahren ist, verbrauchte in gleicher Zeit für sich allein RM 2.000!" (Detektei Otto Schultz an DOG-Teilhaber Josef Rupp wg. Gottfried Grandel, S.2 v . 27.6.1943)

Der geheime Detektei-Bericht greift später auch Dr. Grandels Verhältnis zu dem Freiburger Ehepaar Riedlin auf:

"Ausser dieser (-Hubricht-)Verbindung hatte Dr. Grandel noch eine in Freiburg im Breisgau, seiner damaligen Wohnung, und zwar zu einem Dr. (-Gustav-) Riedlin. Dieser, 85 (-1943=82-) Jahre alt, betrieb ein sehr bekanntes Fasten-Sanatorium."

Über den Mediziner Dr. Riedlin (1861-1949) heißt es bei der Ärztegesellschaft weiter:

"Dewey beeinflußte zwei wichtige deutsche Ärzte: Gustav Riedlin aus Freiburg und Siegfried Möller aus Dresden. Diese beiden Ärzte, die schon mit den damaligen Pionieren der 'Lebensreform', wie Bircher-Benner, Schroth (1800-1851) und Kneipp (1821-1897), in Kontakt gekommen waren, veröffentlichten auch selber Bücher über Fasten. Riedlin schilderte das Fasten mit poetischen Titeln 'Die große Useputzete' oder 'Fastenkuren und Lebenskraft'." (aerztegesellschaft-heilfasten.de: "Kurze Geschichte des Fastens" - Ärztezeitschrift für Naturheilverfahren, de Toledo/Klepzig v. April 1994)

In dem Geheimbericht der Detektei wird über Gottfried Grandels Duzfreund Dr. Riedlin darüber hinaus berichtet:

"Er war lange verheiratet, hatte aber ein Liebesverhältnis mit einer Krankenschwester Gudrun und diese bekam von ihm 2 uneheliche Kinder. Nach dem Tode seiner Frau hat Dr. Riedlin diese Gudrun geheiratet, die beiden Kinder waren schon gross."


Dr. Gustav Riedlin - 1920 (Fotografie im Privatbesitz)

Es ist nicht auszuschließen, dass die Wohnortwahl Dr. Grandels Mitte der 30er-Jahre auch mit der Tätigkeit des in Freiburg ansässigen Fastenarztes Dr. Gustav Riedlin im Zusammenhang steht. Es wäre für Dr. Riedlin auch nicht der erste schwere Fall von Gelenkrheumatismus gewesen, der durch seine Fastenkur vollständige Heilung erfahren hätte. Zu seinem Gesundheitszustand berichtet Gottfried Grandel während seiner zum Sommer 1932 genommenen betrieblichen Auszeit von neun Wochen:

"Sehr geehrter Herr Dr. Alexander! Wegen ärztlicher Spezialbehandlungen muss ich noch bis zum Ende des Monats in München bleiben (...)." (DOG-Teilhaber Dr. Gottfried Grandel aus München/Hotel Schottenhammel an Dr. Walter Alexander v. 3.6.1932)

Zu Dr. Riedlins zweiter Frau heißt es in dem Detektei-Bericht an den früheren DOG-Teihaber Josef Rupp weiter:

"(-Krankenschwester-) Gudrun Riedlin, eine übergrosse, stattliche Frau, sexuell stark, scheint aber auch mit Dr. Grandel engere Beziehungen gehabt zu haben, jedenfalls trachtete sie danach, Dr. Grandel als Nachfolger ihres alten Mannes zu erhalten. Dr. Grandel und seine Frau Magda standen mit Riedlins auf dem Duzfusse (...)."

Weiter wird in der Schriftenreihe des Sohnes Felix Grandel vermerkt:

"Es ging ja Dr. (-Gottfried-) Grandel nicht allein um die Wiedergesundung von seinem persönlichen Leiden, sondern darum, alles, was mit einer gesunden Lebensführung in Zusammenhang stand, gründlich kennen zu lernen. Alles Gute wurde dann zu Hause übernommen und in diesem Geiste wurde auch sein Sohn Felix erzogen. Sowohl diese lebensreformerische Einstellung als auch die Liebe zur Natur hat Dr. Gottfried Grandel seinem Sohn hinterlassen."

Dr. Felix Grandel zitiert den Vater in seinem Rückblick mit dem Ausspruch:

"Der Mensch ist das einzige Wesen in der Natur, das nicht weiß, was es essen muß, um gesund zu bleiben." (Felix Grandel: "Was soll ich tun? Ich möchte doch gesund sein!", S.2 - 1972)

In dem von Dr. Grandel frequentierten Schweizer Sanatorium Cademario wirkt der Chefarzt Adolf Keller. Über ihn heißt es:

"In der Folge nahm (-Adolf-) Keller auf Anregung von Maximilian Oskar Bircher-Benner eine Stelle als Assistenzarzt in Bremen bei Franz Schönenberger an, einem Vorkämpfer der Naturheilbewegung. Seit 1907 stand er neben der Leitung einer Arztpraxis in Zürich dem Sanatorium Fellenberg in Erlenbach vor. 1914 gründete er das Kurhaus Cademario bei Lugano, das er bis zu seinem Tod leitete. Dort entwickelte er eine eigene Naturheilmethode mit Sport, Diät und Suggestion u. a., die er in zahlreichen Schriften, Kursen und Vorträgen bekannt machte. Seit den 1920er Jahren gab er als Hauszeitschrift monatlich die Cademario-Nachrichten heraus, die sich als 'Führer für körperliche und geistige Gesundheitspflege' verstanden.(...) Fleisch und Alkohol waren untersagt, dafür gab es vegetarische Diätkost, Kräutertee und Sonnenbäder,(...) Frischluft-Gymnastik und Barfuß-Spaziergänge zu allen Jahres- und Tageszeiten." (Wikipedia: Adolf Keller, Mediziner)

Auch Dr. Grandels Freund Theodor Emil Hubricht in Freiberg kann dem Thema der gesunden Ernährung etwas abgewinnen: Ende September 1936 ist er in Behandlung bei San. Dr. N. Blixenkrone-Möller in Bad Weißer Hirsch, welcher sich über die Veröffentlichung "Sonderformen der Heilernährung" Aufmerksamkeit verschafft.


1928

Gottfried Grandels Sohn Felix besteht mittlerweile im Juli 1928 die "Prüfung für Hochbegabte ohne Reifezeugnis" und beginnt 1929 seine Doktorarbeit in Jena.


Hochbegabt: Felix Grandel (r) mit Vater Gottfried und Halbschwestern Christine und Maidl Grandel am Augsburger Eisbach - 1928 (Fotografie im Privatbesitz)


1931

Bereits zwei Jahre später erlangt Felix Grandel die Doktorwürde mit der Arbeit:

"Die jodometrische Säuremessung in der Fettanalyse und die Hydrierumesterung der Fette."

Seine Schwerpunktforschung wendet sich dem Weizenkeim-Öl hin. Dabei interessiert ihn besonders der "ernährungsphysiologische und arzneiliche Wert des Produktes".

Über "Sich selbst konservieren", das erste Heft der vom Chemiker Dr. Felix Grandel im August 1951 herausgegebenen Schriftenreihe über die zusammengefassten Erkenntnisse seines kurz zuvor verstorbenen Vaters, wird berichtet:

"In liebenswürdiger Form lenkt einer am Leben Gereifter (-Gottfried Grandel-) unsere Aufmerksamkeit auf vergessene Kräfte aus der Pflanzenwelt, die bei richtiger Anwendung zu einer Art Selbstkonservierung, einer Frischhaltung führen können." (Lisa Mar: "Die Volksgesundheit", S. - 1951)

Die Verfasserin dieser Zeilen ist zusammen mit Wilhelm Heupke ab 1943 Leiterin des Instituts 'Deutsche Lebensreform: Lehrstätte für naturgemäße Ernährung und Lebensführung'. Das Interesse an einer naturnahen Ernährung ist bereits früh angelegt. Gottfried Grandel wuchs ...

"... bis zu seiner Studienzeit in Heidelberg als ausgesprochener Vegetarier auf. Ein 6-Tagwerk großer Garten mit rund 350 Obstbäumen an der engeren Peripherie von Augsburg zeigte, daß die Familie Grandel noch fest mit dem Bauerntum verwachsen war."

 

Mit dem Bauerntum eng verwachsen: Der große Obstgarten am Hanreibach nach Aufgabe des Augsburger Standortes - 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Weiter heißt es in dem von seinem ältesten Sohn herausgegebenen Buchbegleittext:

"Die Ernährungsweise der Familie Grandel wurde schon früh durch den geistig hochstehenden Onkel (-Direktor-) August Leiner (-Wohnhaft: St. Sebastian I.315-) - einem überzeugten Vegetarier - beeinflußt."

Der hier erwähnte Bruder von Gottfried Grandels Mutter, August Leiner, verfasst bereits im Jahre 1886 die umfassende Schrift:

"Der Vegetarismus im Kampfe mit der Wissenschaft."

Lebensreformerische Problemstellungen beschäftigen nicht nur Gottfried Grandel, auch Adolf Hitler wendet sich Mitte der 20er Jahre allmählich einer bewussten Ernährung zu. Fleisch und Alkohol scheinen auch ihm nicht zu bekommen, sodass er mit seiner radikalen Veranlagung den Vegetarismus schnell für sich zum Dogma erklärt. Die lebensreformerischen Ideale werden somit zunehmend für den erstarkenden Nationalsozialismus ideologischer Bestandteil von deutschem Volkstum und rassebiologischer Erneuerung.


Felix Grandel - Landwirt, Chefchemiker, Wissenschaftler

In einem späteren Lebensrückblick wird zu dem ältesten Sohn von Gottfried Grandel vermerkt:

"Er studierte Chemie an der Thüringischen Landesuniversität Jena. Unter der Obhut Prof. H.P. Kauffmanns schloß er im Jahre 1932 seine Studien auf fettchemischem Gebiet mit suma cum laude ab. Im Parallelstudium erwarb er bereits 1930 an der Jenaer Universität das landwirtschaftliche Diplom." (Deutsches Ärzteblatt, Heft 42 v. 16.10.1975)

Felix Grandel interessiert sich schon früh für gesunde Nahrung und, im Gegensatz zu seinem Vater, wenig für Politik. In seinem Lebenslauf schreibt er:

"Es ist mir bekannt, daß mein Vater sich eine Zeitlang (-1918 bis 1924-) stark politisch betätigt hat und auch bei der Gründung der NSDAP Einfluß hatte, später aber mit dem Aufkommen der antisemitischen Strömung in der Partei wegen seiner Ehe mit einer Jüdin immer mehr ausgeschaltet wurde (-wurde erst bekannt durch den von ihm maßgeblich im Januar 1924 unterstützten und aufgeflogenen Plan zur Ermordung des Chefs der deutschen Heeresleitung-), sich im Jahr 1924 (-nach fünf Monaten U-Haft-) ganz zurückzog und dann ein heftiger Gegner der NSDAP wurde. Obwohl ihm später öfter Ämter und einflußreiche Stellungen in der Partei angeboten wurden, behielt er seine ablehnende Haltung (-Unvereinbarkeitsbeschluss der NSDAP zu Logen-Mitgliedern-). Mein Vater besaß nach seinen Aussagen keine Mitgliedschaft (-offiziell erst zum August 1920 aufgrund der bevorstehenden NS-Versammlung in Salzburg-) in der Partei und trug auch nie eine Nadel. Obwohl ich in Bayern und zu Hause sehr früh mit der nationalsozialistischen Weltanschauung in Kontakt kam, hielt ich mich als junger Mann und Student politisch sehr zurück, wenn ich auch mit manchen Ideengängen des Nationalsozialismus sympathisierte. Obwohl ich in den Jahren 1924-1931 in dem stark nationalsozialistischen Thüringen (Ministerpräsident Dr. Frick) lebte und damals in Jena Chemie und Landwirtschaft studierte, bin ich aus meiner politischen Zurückhaltung auch dort nicht herausgegangen. Meine Interessen lagen - wie auch heute noch - in der Arbeit, wie ja meine zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen in der Fachpresse hinreichend beweisen. (Siehe angehängtes Verzeichnis.) Nach Beendigung meines Studiums (-1931-) bekam ich die Anstellung als Chemiker bei der N.V. Elektrochemische Industrie, einem Zweigwerk des großen holländischen Familienkonzerns Koninklijke Industrieele Maatschappij v/h Noury & van der Lande, Deventer/Holland. In Roermond lebte ich (-mit Frau Käthe Hildebrandt, geb. 15. September 1905 in Berlin, und Tochter Renate Grandel, geb. 28. Mai 1935 in Roermond/Holland-) von 1931 bis Juni 1936 (-in der Kapellerlaan 45 c-) völlig unpolitisch." (Augsburger Staatsarchiv, Spruchkammerakte Felix Grandel G 475, "Politischer Lebenslauf" v. 22.7.1946)

In einem Geleitwort zu Felix Grandels späterer Publikation wird über seinen beruflichen Einstieg vermerkt:

"Äußere Umstände schufen die idealen Voraussetzungen für eine junge Forscherpersönlichkeit. Aus dem Landwirt wurde der Nahrungsmittelchemiker, der seine erste Anstellung (-ab dem 19. September 1931-) in einem Laboratorium in (-Roermond/-)Holland fand, das sich mit der Verbesserung der Backfähigkeit der Mehle beschäftigte." (Felix Grandel: "Zündstoff für den Organismus", S.11 - 1960)

 

Der Politik gegenüber abgeneigt: Wohnumfeld der jungen Familie Grandel in Roermond - ca. 1920 (Wikimedia Commons - Datei: Kapellerlaan, Roermond, 1920, ca.jpg / o.Ang.)

Zur familiären Situation seines Sohnes erwähnt dessen Vater Gottfried Grandel in einem Brief an die Hamburger DOG-Teilhaberin:

"Liebe Enkelkinder zu haben ist gewiss Ihr Wunsch, und es wird wohl noch erfüllt werden. Bei meinem Felix hat es auch ein paar Jährchen gedauert, nun hat er ein Pärchen (-Aus erster Ehe mit Käthe Hildebrandt: Renate, 28. Mai 1935/Roermond, Lutz, 10. Januar 1937/Emmerich und Jochen, 15. März 1942/Emmerich-), und ich bin Grosspapa; dabei ist es gewiss selten, dass die Enkel noch fast gleichaltrige Onkels (-Gottfrieds letzten Kinder Raimund, 26. August 1936/Freiburg und Ulrich, 6. Mai 1938/Freiburg-) haben; wir lachen oft darüber. Nur schade, dass man so weit auseinander wohnt und sich in dieser langen Kriegszeit nicht oft sehen kann." (Brief von Dr. Gottfried Grandel an die verwitwete DOG-Hauptanteilseignerin Bertha Lohmann v. 7.11.1940)


1935

Im Jahre 1935 erbt der beruflich aufwärts strebende Dr. Felix Grandel durch den unerwarteten Tod seines Onkels Gottfried Richter von seiner Mutter die historische Pfladermühle in der Augsburger Pfladergasse 7-13. Die zukünftig unter der Firmenbezeichnung Richters Pfladermühle am 11. Dezember 1935 auf ihn übertragene Kunstmühle im historischen Stadtkern zählt zu den ältesten Mühlenstandorten des gesamten süddeutschen Raumes:

"Im Jahre 982 wird die 'Wassermühle am Vorderen Lech' in der Chronik des heiligen Ulrich, 1276 in der Stadtrechtsurkunde König Rudolfs von Habsburg genannt. 1288 ging die Pfladermühle in den Besitz des Augsburger Hochstifts. 1571 wurde sie von der Müllerfamilie Richter erworben." (Augsburger Allgemeine: "Die Geschichte eines ungewöhnlichen Unternehmens" - 2009)


Mühlwerk im Angebot: Pfladermühle Gottfried Richter - 1876 (Augsburger Neueste Nachrichten, Nr.141, S.1132 v. 17.6.1876)


Historischer Ort: Richters Pfladermühle in Augsburg - 1911 (Fotografie im Privatbesitz)

Basierend auf dem chemischen Wissen und den industriellen Grundlagen des väterlichen Ölwerkes: Erste Fertigung unter Dr. Felix Grandels Verantwortung in Richters Pfladermühle, der von der Mutter Auguste, geb. Richter, gesch. Grandel, im Jahre 1935 von ihrem Bruder geerbten und weitergereichten Liegenschaft im Zentrum der Augsburger Altstadt.

 

Richters Pfladermühle in Augsburg - 1930 (Sammlung Franz Häußler: "Wasserkraft in Augsburg", S.14 - 2015 + augsburger-allgemeine.de: "Augsburgs älteste aktive Wasserkraftanlage erzeugt Ökostrom" v. 7.8.2022 + Augsburger Stadtanzeiger, AZ/Nr.29, S.21: "1000 Jahre alt: 'muly di pflaterlach" v.7.6.1994)


Das Wasserkraftwerk an der Rückseite von Richters Pfladermühle in Augsburg am Vorderen Lech - 1935 (Sammlung Franz Häußler)


Nach Übereignung mit neuem Firmenschriftzug: Richters Pfladermühle - 24. Juni 1937 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_C_13 / Baupolizei)


1936

Felix Grandel hat Pläne mit der historischen Pfladermühle. Auch in ihm steckt der Erfindergeist seines Vaters, doch für das bislang produzierte weiße Feinmehl zeigt er wenig Interesse. Ihn interessieren vielmehr die Abfälle der Produktion, aus denen bislang Viehfutter entsteht. Das Grundverfahren ist dabei schon länger bekannt: Stefan Steinmetz entwickelt bereits 1892 ein wasser- und reibungsbasiertes Verfahren zur Veredelung des Kornes durch Trennung wertvoller Bestandteile von störenden Schichten. Der Geheime Medizinalrat Prof. Dr. Rubner führt bereits 1917 aus:

"Das Verfahren über die Entkeimung des Getreides hat mit Recht Aufsehen erregt, da eine wertvolle Methode der Oeffentlichkeit bekannt gegeben wurde.(...) Bei Mais, bei dem die Entkeimung schon seit langen Jahren ausgeführt wird, sind stets sogar reichliche Schalen beigemengt. Der Keim ist gewissermaßen die Eianlage des Getreidekornes, aus der die neue Pflanze sich bildet. Er unterscheidet sich in der Zusammensetzung wesentlich vom übrigen Mehlkörper und der Kleie, ist reich an Eiweiß und Fett. Am frühesten hat sich die Maisentkeimung zum Zwecke der Fettgewinnung eingebürgert, aber auch deshalb, weil das Mehl dadurch besser und haltbarer wird. Das Fett in den Keimlingen hält sich nämlich nicht dauernd frisch, sondern wird unter dem Einfluß eines Fermentes ranzig und verschlechtert dann den Geschmack des Mehles. Aehnlich liegt es auch bei Weizen und Roggen. Das Fett kann aus den Keimlingen in reinster Form gewonnen werden und läßt sich kaum von Olivenöl unterscheiden." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Sauerländisches Volksblatt, Nr.190, S.4 - "Die Entkeimung des Getreides" v. 18.8.1917)

In einem Rückblick wird berichtet:

"Erst im 20. Jahrhundert legten die Forscher ein besonderes Augenmerk auf die 'Abfallprodukte' der Mehlherstellung, die Keime und Kleiebestandteile. Als einer der ersten hob der berühmte Ernährungsexperte C. von Noorden in den Jahren 1917 bis 1919 die hohe biologische Wertigkeit von Getreideprodukten als natürliches Vitaminkonzentrat zur Anreicherung der Krankenkost hervor. 'Seit langem verwendet man Kleie mit Keimen als unentbehrliche Bestandteile des Tierfutters, man glaubte aber, dass der Mensch diese Bestandteile nicht brauche, weil das Tierfleisch ihm vollen und sogar besseren Ersatz gewähre', schrieb einst Werner Kollath." (textatelier.com: "Anekdoten über Ernährungspioniere")

(Wikimedia Commons - Datei: Zea mays Blanco2.279.png / Francisco Manuel Blanco (O.S.A.) - 1880)

Ein altes Merian-Heft über Augsburg greift zum Eintritt Dr. Felix Grandels in die Pfladermühle eine Unterhaltung zwischen dem jungen Firmenchef und seinem Angestellten auf:

"'Was wollen Sie mit den Keimen?' fragte der Obermüller. 'Die schmecken bitter und werden schnell ranzig. Keime sind allenfalls für Viecher gut.'

'Denen geht es gut dabei und den Menschen immer schlechter', entgegnete (-Dr. Felix-) Grandel. Das war im Jahr 1936. Ihm war damals schon klar, daß das Wertvollste am Weizenkorn der ölhaltige Keim ist. Nur wurde der zusammen mit den Randschichten in der modernen Hochmüllerei entfernt." (pharmazeutische-zeitung.de: "Dr. Grandel GmbH: Ein Saatkorn, das aufgeht", Firmenportrait zum 50-jährigen Jubiläum v. 21.7.1997 + Firmenportrait der Pharmazeutischen Zeitung, Nr.30 - 1997 + Merian-Heft Nr.1 - 1966)

Der junge Forscher ist sich sicher:

"Der Keim ist der Edelstein im Korn." (grandel.de: "Dr. Grandel - der Weizenkeim-Pionier")

"Zunächst ging er daran, die im Keim enthaltenen Bitterstoffe, Enzyme und andere Verbindungen, die den Verderb bedingen, zu entfernen. 1936 gelang ihm dies. Nach vielen Versuchen hatte er die ersten entbitterten und haltbaren Weizenkeime hergestellt. Das Besondere war, dass durch dieses biologische Verfahren kaum Verluste an lebenswichtigen Wirkstoffen auftraten. Schon innerhalb eines Jahres (-1937-) kamen die 'Richters entbitterten Roggen- und Weizenkeime' in die Reformhäuser, 1939 folgten Dr. Grandels 'Keimdiät-Weizenkeime'.(...) Der Chemiker und Diplomlandwirt Dr. phil.nat. Felix Grandel (1905-1977) bemerkte in seinem Buch 'Zündstoff für den Organismus' aus dem Jahre 1960: 'Das wertvollste am Getreidekorn ist der in ihm ruhende Getreidekeim, das 'Pflanzenei'. Da die Natur in diesem Keim die Fortpflanzung sichert, hat sie alle Nähr- und Wirkstoffe in höchster Konzentration darin bereitgestellt.' Dann beklagte er den grossen Konsum von 'kastrierten' Feinmehlprodukten, die nicht mehr den 'biologisch hochwertigen Keim' enthalten. Dafür erfreuen sich die Schweine, die die wertvollsten Teile des Getreides erhalten, bester Gesundheit. Felix Grandel äusserte schon damals, dass diese Mangelkost und der Verzehr von grossen Mengen isolierten Zuckers unweigerlich zu Ernährungskrankheiten führe. 'Kein Zweifel, das volle Getreidekorn und die daraus hergestellten Vollkorngebäcke, vor allem der Frischkornbrei, sind die gesündesten und billigsten Getreidegrundnahrungsmittel, die auch dem Ganzheitsbegriff in unserer Ernährung gerecht werden', schreibt er in seinem Buch. Da es viele Menschen gibt, die eine solche Kost ablehnen, reifte in ihm der Entschluss, die wertvollsten Teile des Korns zu isolieren und für die Aufwertung der Zivilisationskost nutzbar zu machen. Er bezeichnete diese als natürliche Schutzkostkonzentrate, 'mit deren Hilfe wir bis ins hohe Alter leistungsfähig bleiben'." (textatelier.com: "Anekdoten über Ernährungspioniere" + Bircher-Benner Verlag, Heinz Scholz: "Kleiner Keim, große Wirkung", S.13/16 - 2006)

Über die Firmenhistorie wird später berichtet:

"Gegründet wurde das Unternehmen, wie man es heute kennt, 1947 von Dr. phil. nat. Felix Grandel in Augsburg. Dieser erbte 11 Jahre zuvor (-11. Dezember 1935-) die sogenannte Pfladermühle von seiner Mutter (-Auguste, gesch. Grandel, geb. Richter-). Die Geschichte dieser besonderen Mühle zur Mehlherstellung geht bereits mehr als 1.000 Jahre zurück und wurde bereits mehrfach durch Feuer und andere Katastrophen (-zuletzt 1905-) zerstört - und wieder aufgebaut. Doch mit Felix Grandel sollte (-ab November 1935-) die jahrelange Müllers-Tradition der Familie einen Wendepunkt nehmen. Dieser Forscher vereinte nämlich die mannigfaltigen Fachgebiete der Chemie, Landwirtschaft, Biologie, sowie der Ernährungswissenschaften miteinander und hatte demnach ganz andere Pläne. Der Gründer des Unternehmens hinter dem Namen DR. GRANDEL zeigte Interesse an der Ware, die einfach nebenbei bei der Mühlennutzung entstand: Weizenkeime und Weizenkleie. Sein Ziel ist es, diese beiden Inhaltsstoffe für eine gesunde Ernährung einzusetzen. Das gelang ihm ein Jahr später (-1937 unter dem Firmennamen 'Richters Pfladermühle'-) mithilfe eines eigens entwickelten Fermentationsverfahrens, welches es möglich macht, die Weizen-Nebenprodukte für die Ernährung von Menschen zu nutzen. Somit war die sogenannte Keimdiät und das Unternehmen (damals noch unter dem Namen 'Keimdiät GmbH') als Tochtergesellschaft der Pfladermühle (-ab 1947-) geboren." (beautywelt.de/DR-GRANDEL)

"Zu seinen ersten Kunden seiner Keime, so erfuhr ich bei weiteren Treffen, zählte (-ab 1937?-) die Bircher-Benner-Klinik in Zürich. Berühmte Forscher, wie Prof. W. Stepp, Prof. W. Zabel und Prof. W. Halden erkannten die Möglichkeit der Anreicherung vitamin- und mineralstoffarmer Zivilisationskost mit Weizenkeimen. Sie waren voll des Lobes und bestärkten Dr. Grandel, in seiner Forschung fortzufahren. In der Folgezeit entstanden weitere Weizenkeimprodukte. Grandel wurde Begründer der Getreidekeimtherapie und der Keimdiät." (textatelier.com: "Anekdoten über Ernährungspioniere" + Bircher-Benner Verlag, Heinz Scholz: "Kleiner Keim, große Wirkung", S.17 - 2006)

Weiter wird zum 50-jährigen Firmenjubiläum der Keimdiät in einer Fachzeitschrift erwähnt:

"In den 30er Jahren hat noch kein Mensch von 'Denaturierung' gesprochen. Diesen Begriff hat der Zeitgeist erst Jahre später nach oben gespült. (-Dr. Felix-) Grandel war aber bereits überzeugt, daß sich der Mensch durch den Aufschluß von Nahrungsmitteln, also der Denaturierung, ernährungs-physiologisch keinen Gefallen tut. Er wußte, daß im Getreidekeim auf engstem Raum alle für die werdende Pflanze nötigen Nährstoffe enthalten sind: fett- und wasserlösliche Vitamine, Fermente, Pflanzenhormone, Mineralsalze und Spurenelemente. Kein Grund, die Keime ins Tierfutter wandern zu lassen. Vielmehr müssen sie für die menschliche Ernährung erschlossen werden. In der Pfladermühle in Augsburg, die Grandel 1935 von seiner Mutter erbte, konnte er seiner Experimentierfreude nachgehen. Er entwickelte ein spezielles Fermentierungsverfahren, um den Weizenkeim zu entbittern und für eine gewisse Zeit haltbar zu machen, ohne seinen biologischen Wert zu mindern. Außer den Vitaminen der B-Gruppe ist der Keim randvoll mit Vitamin E. Auch die zellstoffreichen Randschichten des Weizenkorns, die bei der Hochmüllerei fortfallen, rettete Grandel: Weizenkleie liefert Ballaststoffe." (pharmazeutische-zeitung.de: Firmenportrait "Dr. Grandel GmbH: Ein Saatkorn, das aufgeht" v. 21.7.1997)

Über den Start in die Selbstständigkeit von Dr. Felix Grandel wird berichtet:

"Da ist der Chemiker Hans Neumann, der schon 1936 nach Augsburg mitkam, als Dr. (-Felix-) Grandel die uralte Pfladermühle erbte und zum Ausgangspunkt seiner Forschungen nahm. Neumann arbeitet seither unermüdlich daran, die Pläne des Forschers in die Praxis umzusetzen." (Hübscher/Grandel: "Was soll ich tun? Ich möchte doch gesund sein!", S.6 - 1972)


Chemotechniker Hans Neumann - 1970 (Hübscher/Grandel: "Was soll ich tun? Ich möchte doch gesund sein!", S.1 - 1972)

In dem historischen Firmensitz der geerbten Pfladermühle ensteht daraufhin als Neuerung ein biologisch-pharmazeutisches Laboratorium. Gefertigt werden hier Arzneimittel, chemische Erzeugnisse für Heilzwecke und Gesundheitspflege.

Die seit dem 29. März 1932 mit Dr. Felix Grandel verheiratete erste Ehefrau, Käthe Alice Charlotte, geb. Hildebrandt, ist als Hausfrau ab dem 22. Mai 1936 mit ihrem Mann in Emmerich an der Wohnadresse Fischerort 17 gemeldet. Der Wohnsitz liegt südseitig und parallel mit Blick zum Rhein. Im Erdgeschoss befindet sich der Kolonialwarenladen von Wilhelm Hüls. Das mehrgeschossige Haus wird außerdem bewohnt von der vierköpfigen Familie um Georg Nathan, die 1941 in die östlichen Konzentrationslager deportiert und zum Teil ermordet wird. Käthe Grandel tritt nach ihrem Wohnortwechsel von Holland nach Deutschland laut Emmericher Meldekartei mit ihrem Ehemann zum 1. September 1936 aus der evangelischen Kirche aus. 


Seit 1936 neuer Wohnsitz der Grandels: Fischerort in Emmerich - 1915 (Postkarte im Privatbesitz / Cramers Kunstanstalt, Dortmund)

In die Augsburger Firma von Dr. Felix Grandel tritt nach dessen im Mai vollzogenen Umzug von Roermond/Holland nach Emmerich im Jahre 1936 eine Person ein, die in späteren Untersuchungsunterlagen von dem ehemaligen Pfladermühlen-Abteilungsleiter der SS zugeordnet wird:

"Der Zeuge (-Anton Zass, geb. 16. Januar 1906 in Benrath/Urdenbach/Düsseldorf, geh. am 22.11.1932 Maria Theresia, geb. Berghausen 25.9.1909, in Venlo/Holland; Eltern Walter Jakob und Therese, geb. Boes, Augsburger Wohnsitz Bahnhofstr.12-) kennt den Betroffenen (-Dr. Felix Grandel-) seit Mai 1935. Im Februar 1936 trat der Zeuge (-der gelernte Kellner-) als Geschäftsführer in den Mühlenbetrieb (Pfladermühle) Augsburg ein (-in Venlo gemeldet ab Oktober 1932, in Augsburg ab 21. April 1936-). Von diesem Zeitpunkt an hatte der Zeuge einen sehr regen Briefverkehr. (Bis zu 10 Briefe in der Woche) Dieser Briefverkehr erstreckte sich ausschliesslich auf den Betrieb, bzw. auf die chemischen Arbeiten desselben." (Staatsarchiv Augsburg, Spruchkammer-Akte G 475 zu Dr. Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III, Bl.7 - Webers "Ermittler-Bericht" v. 3.2.1948)

Anton Zass soll in den Jahren 1932/34 in Roermond bei B. Crones beschäftigt gewesen und dort werbend für die NSDAP aufgetreten sein. Über seinen betrieblichen Eindruck vom neuen Augsburger Firmenchef vermerkt Anton Zass:

"Der Zeuge (-Geschäftsführer Anton Zass-) schildert den Betroffenen (-Dr. Felix Grandel-) als einen äusserst intelligenten und strebsamen Menschen, mit dem eine andere Unterhaltung als die über den Betrieb oder der Entdeckung der Keimdiät nicht möglich ist, geschickt weiss der Betroffene (-Dr. Felix Grandel-) das Gespräch auf diese Punkte zu bringen." (Staatsarchiv Augsburg, Akten G 475, Spruchkammer Augsburg-Stadt I u. III - Felix Grandel: "Ermittlerbericht" v. 3.2.1948)

Rückblickend wird über die Verhältnisse rund um die Firma Richters Pfladermühle von dem ehemaligen Abteilungsleiter des Unternehmens berichtet:

"1936/37 Eintrit (-von Dr. Felix Grandel-) in die NSDAP (in Holland). Ständiger Mitarbeiter am 4 Jahresplan H.(-ermann-) Görings. Geschäftsführer der Pfladermühle A.(-nton-) Zass (SS-Mann und Pg. seit 1936/37)" (Staatsarchiv Augsburg, Spruchkammer-Akte G 475 zu Dr. Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III - Schreiben an den öffentlichen Ankläger der Spruchkammer Augsburg bzw. Mindelheim von Willy Junker, Falkensteinstr.1/0 v. 27.7.1946)

Zum Vierjahresplan heißt es bei Wikipedia:

"Der Vierjahresplan bezeichnet die auf dem Auftrag Adolf Hitlers gründende nationalsozialistische Wirtschaftsprogrammatik, ab 1936 binnen vier Jahren die wirtschaftliche und militärische Kriegsfähigkeit durch Autarkie und forcierte Aufrüstung zu erreichen. Dazu wurde ab Ende 1936 eine entsprechende Vierjahresplanbehörde unter Hermann Göring eingerichtet." (Wikipedia: Vierjahresplan)

"Als Göring mit seinem reichseigenen Eisenunternehmen auf den Plan trat, wurde dieses auf die Liste der Bedarfsträger gesetzt, aber dafür der landwirtschaftliche Siedlungsbau, die 'Bauten zur Umbildung des deutschen Bauerntums' und der Getreidesilos daraus verbannt, die bis dahin als Kontingentträger des öffentlichen Bedarfs angesehen worden waren. Die hehrsten Ziele des Nationalsozialismus werden also der Kriegsindustrie geopfert. Für Industrieanlagen gibt es jetzt nur dann noch Baueisen, wenn sie als Bauten im Rahmen des Vierjahresplanes ausdrücklich anerkannt sind. Die Anerkennung muß vom Amt für die deutschen Roh- und Werkstoffe erteilt sein. Unter Vierjahresplanbauten versteht man also in diesem Falle Industrieanlagen zur Herstellung von Ersatzstoffen." (collections.fes.de: Neuer Vorwärts, Nr.233, S.4 - "Eisen nur fürs Militär" v. 28.11.1937)


Familiäre Wurzeln zu Emmerich a. Rhein: Reichsmarschall Hermann Göring bei der Geschmacksprobe - 1939 (Deutsche Eiweiß-Gesellschaft mbH: "Ein deutscher Rohstoff" - 1942 + Greim in: "Historische Produktionslogiken technischen Wissens", S.61 - 2023)



Grundlage der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik: Der Vierjahresplan - 1939 (Fotografie im Privatbesitz)


Hang zu Phantasie-Uniformen: Reichsmarschall Herman Göring - 1937 (Fotografie im Privatbesitz / Photo Reuse, Schleswig)

Reichsmarschall Hermann Göring besucht Emmerich am Rhein, den zukünftigen Wirkungsort des Chemikers Dr. Felix Grandel, bereits im Jahr 1934 anlässlich der 700-Jahr-Feier der Stadt. Der Bezug zu Emmerich ist auch biografisch begründet, da sein Vater, Heinrich Ernst Göring, dort im Jahre 1839 geboren wurde und die Familie tiefe Wurzeln in der Stadt hat. Während seines Aufenthalts von 1934 besucht Reichsmarschall Hermann Göring vermutlich auch die ortsansässige Industrie. Noury & van der Lande (zwischenzeitlich Teil von AkzoNobel und heute Oleon) ist zu dieser Zeit eines der bedeutendsten Unternehmen in Emmerich und spezialisiert auf die Veredelung von Ölen und Fetten sowie Herstellung von Bleichmitteln für Mehl:

"Die Fabrik am Rhein in Emmerich wurde im Jahr 1908 gegründet. (-sr. Jan Diederik-) Postma erhielt als Hausarchitekt von Noury & Van der Lande den Auftrag, die Fabrik umzubauen (...):

Umbaumaßnahmen: ca. 1925-1930
Erweiterung um die Extraktfabrik II: ca. 1935-1940
Mälzerei (Mouttafel): ca. 1935-1940
Umbau des Bürogebäudes: ca. 1938
Laboratorium: ca. 1939 (-1936-)
Erneuter Umbau: ca. 1947" (//zoeken.nieuweinstituut.nl: "Oliefabriek Noury & Van der Lande (Emmerich)")


Getreide-Silo direkt am Industriehafen: Ölwerk Noury & van der Lande in Emmerich a. Rhein - 1910 (albert-gieseler.de: Ölwerke Noury & van der Lande G.m.b.H. / Deutsche Ölmühlen-Industrie, Nr.186)

"Emmerich , einen eigenen Industrie- hafen zu bauen , zur Verwirklichung und die Heranziehung der Firma gelang , nachdem ein großes Gelände über 25 000 qm , käuflich erworben wurde . In den Jahren 1905/07 errichtete man das nunmehrige

imstande, 7000 t Saat aufzubewahren. Vier vollspurige Bahnanschlüsse verbürgen die reibungslose Abfuhr der Produkte in Fässern oder in unseren eigenen Kesselwagen. Das Werk hat eine Wasserfront, am Industriehafen, von rund 200 m in unmittelbarer Verbindung mit dem Rhein und ist durch Gleisanschluß mit der Staatsbahn sowohl als auch mit der Kleinbahn Emmerich-Zutphen (in Kürze gleichfalls mit Deventer) verbunden. Anfangs war eine Leistungsfähigkeit von 10 000 t jährlich vorgesehen. Die Entwicklung nahm aber einen der kühnsten Erwartungen übertreffenden Verlauf. Große Tanklager in Mannheim und Karlsruhe wurden errichtet, um die hemmungslose Bedienung Süddeutschlands vorzunehmen. Eigene Tankschiffe lagen im steten Pendelverkehr zwischen Emmerich und den Tanklagern." (Verband der deutschen Ölmühlen: "Die deutsche Oelmühlenindustrie - Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Verbandes", S.187/188 - 1925)


Briefkopf der Firma Noury & van der Lande - 1925 (beeldarchiefgildedeventer.nl: "Noury & van der Lande", Zutphenseweg)

"Dieser (-Sicherheits-)Hafenbau blieb ohne Auswirkungen auf den Umschlag. Ebenso wenig führte der Bau einer Kaimauer auf seiner Südseite und der Gleisanschluß an den benachbarten Bahnhof zu dem erhofften Erfolg. 1906 bis 1913 hatte der Hafen nur einen Verkehr von 10 000 t aufzuweisen. Mehr Glück erzielte die Stadt 1908 mit dem Bau des Industriehafens auf der Stadtwiese. Zunächst gab man dem Becken eine Länge von 600 m. Der Umschlag stieg 1913 auf 55 307 t an. Trotz Verlängerung auf insgesamt 1400 m sind weitere Erfolge ausgeblieben. Die wichtigsten Betriebe am Industriehafen sind die Ölwerke Noury und van der Lande, das Tanklager Deutsche Gasolin, ein Sägewerk und die Oxydowerke." (Wasser- und Schiffartsdirektion Duisburg: "Der Rhein: Ausbau, Verkehr, Verwaltung", S.386 - 1951)


Im Hintergrund der Getreidespeicher von Noury & van der Lande: Güterverladung am Industriehafen von Emmerich - 1935 (Stadtarchiv Emmerich)


Führungsplan zur 700 Jahrfeier der Stadt Emmerich - 1934 (Embica Historia, Abbildung 4 v. Mai 2024 + StdAEmm: 02 Stadtgrundrisse, Stadtpläne und Katasterunterlagen Emmerich vor 1945, Sig. 2 81_1.)


Seit 1907 in Emmerich: Industriestandort des Dampfölwerks Noury & van der Lande in der Industriestraße 6 - ca. 1929 (StaA Emmerich: Schiffarts- und Industriekarte)

Dr. Felix Grandel ist zu diesem Zeitpunkt angestellter Chemiker für Noury & van der Lande in Roermond/Holland. Möglicherweise wird zum Zeitpunkt des Göring-Besuchs die Grundlage für das neu zu errichtende Forschungslabor von Noury & van der Lande in Emmerich gelegt, dessen Chefchemiker Dr. Felix Grandel ab 1936 werden wird. Ein Belegschaftsfoto der Firma Noury & van der Lande aus dem Jahr des Göring-Besuchs:


Belegschaft der Ölfabrik Noury & van der Lande - 1934 (Mannis kleines Museum, Emmerich)

"Dieses Unternehmen (-Noury & van der Lande-) wurde 1838 ins Leben gerufen, als die Familien von Jan Noury und Gerrit Van der Lande ihre Kräfte bündelten und eine offene Handelsgesellschaft gründeten. In jenem Jahr erwarben sie in Deventer die Mühlen und Betriebsgebäude von Pieter van Delden, um mit Raps, Leinsamen, Rapskuchen, Leinkuchen, Leinmehl und Öl sowie Gerste, Rollgerste, Tuffstein und Zement zu handeln und diese zu verarbeiten. Die Firma begann mit vier Arbeitern; 1853 waren es sechs, 1854 bereits neun. Im Jahr 1859 errichteten die Gesellschafter eine Weizenmehlfabrik - eine der ersten Fabriken, die mit Dampfkraft betrieben wurde. Danach wuchs das Unternehmen prosperierend. Nach einem Brand im Jahr 1888 wurde in Deventer nur die Mehlfabrik wiederaufgebaut, während die Ölfabrik nach Kleve und später nach Emmerich (D) umzog. Die Mehlproduktion stieg stetig an, sodass die Weizenanlieferung über die IJssel jährlich massiv zunahm. 1901 konnten die Silos bereits 2,5 Millionen Kilo Getreide fassen, fünfzig Jahre später waren es 18 Millionen. Mit der Entwicklung eines Mehlveredelungsprodukts begab sich Noury & Van der Lande zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch auf das Gebiet der Chemie. Das Veredelungsprodukt (Novadelox) war so erfolgreich, dass Fabriken in Deutschland und England eingerichtet wurden. Die Rohstoffe für das Produkt wurden in der 1926 gegründeten Electrochemische Industrie (E.C.I.) in Roermond hergestellt. Neben den Grundstoffen für Novadelox begann man hier bald auch mit der Produktion von unter anderem Benzoylperoxid, Kaliumbromat, Wasserstoffperoxid, alkalisch reagierenden Salzgemischen, Malzextrakt und Brotcreme. Die Herstellung chemischer Produkte erforderte (Qualitäts-)Forschung, und so entstand in Deventer ein für die damalige Zeit sehr fortschrittliches Betriebslaboratorium. Ein völlig neuer Zweig des Unternehmens war die pharmazeutische Industrie, in der man 1932 die ersten Schritte unternahm (Nourypharma). So wurden Präparate gegen Epilepsie, Angina Pectoris, Krätze und Rheuma entwickelt. Die Palette an chemischen und pharmazeutischen Produkten wurde in den folgenden Jahren immer weiter ausgebaut, wobei die Produktion von Bäckereirohstoffen jedoch stets im Vordergrund blieb.(...) Anlässlich des 125-jährigen Firmenjubiläums von Noury & Van der Lande im Jahr 1963 wurde ein englischsprachiger Dokumentarfilm über das Unternehmen gedreht, der auch den Produktionsstandort Herkenbosch beleuchtet.(...) Die vollständige Dokumentation ist als Anlage beigefügt (eingereicht von Jan Heemels)." (Facebook: Oud Herkenbosch v. 15.10.2022)


https://www.facebook.com/share/v/1CfWcNXgFS/

Langversion

(Digitalisiert auf archieven.nl: Sig. 4212BB03316 - "Dokumentarfilm über die Arbeiten in den verschiedenen Niederlassungen von Noury und van der Lande, daraufhin Akzo Chemie, anlässlich des 125jährigen Firmenjubiläums - September 1963)

Dem 'Alten Kämpfer' Hermann Göring ist der Augsburger Vater von Felix Grandel aus den Anfängen der Parteigründung gut bekannt. In der Funktion als Chefchemiker in leitender wissenschaftlicher Position ist Dr. Felix Grandel ab 1936 maßgeblich an den Forschungen zu Fettsäuren und Austauschstoffen beteiligt, die aufgrund des Vierjahresplans unter Hermann Görings Leitung strategische Priorität besitzen. Kollege Hans Neumann berichtet rückblickend:

"Seine (-Chefchemiker Dr. Felix Grandels-) Arbeiten hatten eine weitgehenste Ausnützung vorhandener Rohstoff-Quellen für den Nahrungsmittelsektor zum Ziel." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Aussage des Kollegen Hans Neumann, Bl. v. 4.11.1946)

Ob Dr. Felix Grandel bei der denkbaren Werksbesichtigung Hermann Görings in Emmerich bereits die technischen Neuerungen und die Bedeutung der Ersatzstoffforschung erläutert, bleibt spekulativ. Auffallend ist der zeitlich enge Vorlauf des Besuchs Hermann Görings zu der daraufhin forcierten Realisierung des Forschungslabors bei Noury & van der Lande in Emmerich:

"Er (-Dr. Felix Grandel-) führte hier (-Ölwerke Noury van der Lande-) auch den Neubau eines Forschungslaboratoriums mit biologischer Versuchsstation und serientechnischem Laboratorium durch. Während dieser Jahre schrieb er eine Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Sein besonderes Interesse wandte er den fettlöslichen Vitaminen und dem ruhenden Getreidekeim als Wirkstoffträger zu." (Getreide, Mehl und Brot, Bd.7-9, S.116 - 1953)

Zeitgleich zu Dr. Felix Grandels Arbeitsbeginn in Emmerich etabliert sich eine weitere Firma auf dem Hafengelände der Firma Noury & van der Lande. In der amtlichen Bekanntmachung heißt es:

"Die Firma Oxydo, Gesellschaft für chemische Produkte m.b.H. in Düsseldorf, hat die Genehmigung zur Errichtung einer chemischen Fabrik auf dem Gelände der Ölwerke Noury und van der Lande G. m. b. H. am Industriehafen in Emmerich (-Industriestr. 4-), Grundbuch Band 44, Blatt 837, Flur 2, Parzellen Nr. 1367/3, 1366/0,25, 1365/25, beantragt. Die entstehenden Abwässer werden, nach vorheriger Filtration und Wasserzusatz unschädlich gemacht, in den Jndustriehafen geleitet. Einwendungen gegen das geplante Vorhaben sind binnen einer Frist von 14 Tagen nach Veröffentlichungbei der unterzeichneten Behörde, (Zimmer Nr. 7/8), woselbst Beschreibung, Zeichnungen und Pläne zur Einsichtausliegen, schriftlich in zwei Exemplaren oder zu Protokoll anzubringen. Nach Ablauf der Frist können Einwendungen in dem Verfahren nicht mehr angebracht werden. Am 23. Juli 1936, um 16 Uhr, findet im Sitzungssaale des Stadthauses in Emmerich die mündliche Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen statt. Es wird besonders darauf hingewiesen, daß im Falle des Ausbleibens des Unternehmers oder der Widersprechenden gleichwohl mit der Erörterung der Einwendungen vorgegangen werden wird. Emmerich, 27. Juni 1936. Der Bürgermeister als Ortspolizeibehörde." (Digitalisiert auf //digital.ulb.hhu.de: Amtsblatt für den Regierungsbezirk Düsseldorf, Stück 27, S.74 v. 4.7.1936)

Die Bekanntmachung zur Errichtung der chemischen Fabrik auf dem Gelände von Noury & van der Lande fällt in die Phase verstärkter Bemühungen der nationalsozialistischen Machthaber, das Deutsche Reich, auch mit Hilfe des autarkie-fixierten Vierjahresplanes, kriegstauglich aufzustellen. Schnittmengen der zwei Fabriken reichen in Emmerich schon in das Jahr 1929 zurück:

"Die Oxydo Gesellschaft für chemische Produkte m. b. H. in Düsseldorf beabsichtigt, auf dem Gelände der Ölwerke Noury & van der Lande in Emmerich, am Industriehafen (früher Gebr. Hoppe) eine chemische Fabrik zu errichten und in Betrieb zu nehmen. Gegenstand des Unternehmens ist die Herstellung von Veredelungsprodukten für Mehle und von Bleichmitteln für Fette, Öle, Seifen, Wachs und sonstige fetthaltige Produkte. Die Abfallflüssigkeit, die als Verunreinigung einen schwachen Gehalt an Kochsalz hat, soll durch einen Kanal in den Industriehafen geleitet werden." (Digitalisiert auf //digital.ulb.hhu.de: Amtsblatt für den Regierungsbezirk Düsseldorf, Stück 39, S.219 v. 28.9.1929)


"Versand per Post ab Werk Emmerich": Oxydo, Abteilung Mehlveredelung - 1930 (Fotografie im Privatbesitz)

Schon drei Jahre später endet vorerst die Zusammenarbeit in Emmerich:

"Die Stadt wurde gestern morgen gegen 10 Uhr durch eine gewaltige Detonation in Schrecken versetzt. Die Oxydo-Werke, eine Zweigabteilung der Oelwerke Noury und van der Lande, waren in die Luft geflogen. Das Unglück ereignete sich in der trockenabteilung des Betriebes, einem Wellblechgebäude, das vollständig in Trümmer ging. Die Eisenteile wurden mehrere 100 Meter weit geschleudert. Glücklicherweise erfolgte die Explosion zur Zeit der Frühstückspause, sodaß sich mit Ausnahme von zwei Arbeitern niemand in dem Gebäude befand. Beide Arbeiter wurden zerrissen. Durch die Gewalt der Explosion wurden in den anliegenden Straßen hunderte von Fensterscheiben zerstört und auch die Dächer teilweise abgedeckt. Es wurden auch mehrere Personen verletzt, jedoch nur leichter, meist durch umherfliegende Glassplitter. Die Unglücksstelle ist abgesperrt. Die Ursache des Unglücks soll die Explosion eines Oxyd-Silos sein." (Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Coburger Zeitung, Nr., S.11 - "Gewaltige Explosion in Emmerich" v. 3.8.1932)

"Gestern vormittag flogen hier die Oxido-Werke, eine Zweigabteilung der Oelwerke Noury & van der Lande, in die Luft. Da der Unfall sich während der Frühstückspause ereignete, waren nur zwei Arbeiter im Betrieb, die getötet wurden. Es wurde erheblicher Sachschaden angerichtet." (Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Ingolstädter Anzeiger, Nr.176, S.6 v. 3.8.1932)


Schwere Explosin im Industriegebiet Emmerich: Rechts der Getreide-Hochspeicher der Firma Noury & van der Lande - 2. August 1932 (Fotografie im Privatbesitz)

Der Chefchemiker Dr. Felix Grandel gilt seit der Anstellung in Emmerich als Experte für Lipide. Seine dort ausgeführten Arbeiten an Glycerinaustauschstoffen beschreiben genau jene Art von autarkie-bezogener Forschung, die Reichsmarschall Hermann Göring zu diesem Zeitpunkt für die Kriegsvorbereitung und die Unabhängigkeit von Importen im Rahmen des Vierjahresplanes fordert. Ein Zusammentreffen am 3. Juni 1934 im Rahmen einer Werksbesichtigung bei Noury & van der Lande wäre daher historisch plausibel, zumal in regionalgeschichtlichen Kontexten die industrielle Bedeutung der Emmericher Fettchemie für die NS-Wirtschaftspolitik hervorgehoben wird. Dr. Felix Grandel erinnert sich:

"Da meine Anstellerfirma den Plan hatte, mich (-1936 von Roermond/Holland aus-) zum deutschen Zweigwerk der Firma Noury & van der Lande, GmbH, Emmerich/Rhein (-Industriestraße 6/Industriehafen-) zu versetzen und ich dort ein großes Forschungslaboratorium einrichten sollte, befaßte ich mich mehr mit den deutschen Angelegenheiten.(...) Bei der Umsiedlung nach Deutschland (-Fischerort 17, Emmerich, Wohnsitz der 1941 deportierten Familie von Thekla und Georg Nathan-) sagte man mir, daß ich als Rückwanderer zum mindesten Anwärter der NSDAP sein müßte. Im Mai 1937 wurde ich dann Mitglied der NSDAP mit der Nummer 3.512.411 und damit gleichzeitig bei der DAF (-Deutsche Arbeitsfront-), NSV, NSBDT. 1938 trat ich bei der DAF und NSBDT wieder aus, da der Verein Deutscher Chemiker - dem ich schon Jahre vorher angehörte - mit der DAF gleichgeschaltet wurde und dadurch seine guten Leistungen der Fachorganisation einbüßte. Irgendwelche Ämter in der Partei und ihren Gliederungen und in der Wirtschaft - wiewohl sie mir als Chefchemiker einer bedeutenden Oelherstellerfirma vielfach angeboten wurden - nahm ich nicht an. Als Forscher war ich mit Arbeit überreichlich eingedeckt, zumal ich außerdem noch meinen eigenen Mühlenbetrieb mit pharmazeutischer Abteilung (-Richters-)Pfladermühle, Augsburg, Pfladergasse 11/13 von Emmerich aus zu betreuen hatte." (Staatsarchiv Augsburg, Spruchkammer-Akte G 475 zu Dr. Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III "Politischer Lebenslauf" v. 22.7.1946)

Zeitgleich zu Dr. Felix Grandels beruflichen Ambitionen werden mit der nationalsozialistischen Umwälzung neue Schwerpunkte im Reich gesetzt:

"Die Aufrüstung der deutschen Militärverpflegung setzte 1933 ein, nun erst wurden die Ergebnisse der Vitaminlehre und der sog. 'Neuen' Ernährungslehre rezipiert. Ausreichend Kalorien, ein hoher Eiweiß- und Fettanteil, ganzjährige Vitamin- und Mineralstoffversorgung, zudem guter Geschmack und lange Haltbarkeit, hoher Conveniencegrad und Abwechslung, all dies zu niedrigen Preisen und aus einheimischen Rohstoffen - so lautete die Wunschliste, die Militärverwaltung (-um Dr. Wilhelm Ziegelmayer-) und Lebensmittelindustrie abzuarbeiten hatten. Parallel erfolgte ein massiver Ausbau der militärischen Forschungskapazitäten, ein noch umfassenderes Netzwerk von Musterküchen und neue Institute für Lebensmitteltechnologie und -forschung, die im Dreiklang von 'Wehrmacht, Wirtschaft, Wissenschaft!' marschieren sollten." (//uwe-spiekermann.com: "Ernährungswissenschaft(en), Wirtschaft und Staat. Geschichte einer Symbiose" v. 24.5.2024)

Da die Maiskeime viel Öl enthalten, welches schnell ungenießbar und ranzig wird, ist die trockene Entkeimung ein technisches Verfahren, um das Öl vom Mehlkörper zu trennen, ohne dabei Wasser nutzen zu müssen, was die Schimmelgefahr wiederum erhöhen würde. Dies macht das gewonnene Maismehl schließlich haltbar und dadurch extrem lagerfähig - eine der wichtigen Grundvoraussetzungen für die Wehrmachtsverpflegung. Durch die Entkeimung kann gleichzeitig zur Rostoffgewinnung wertvolles Maisöl für die Industrie verwertet werden, während das entfettete Mehl als Basis für Backwaren oder Ersatzprodukte dient.


1937

Am 10. Januar 1937 bekommen Käthe und Dr. Felix Grandel in Emmerich ihr zweites Kind: Lutz Grandel.

Der Ernährungswissenschaftler hat in diesen Jahren viel zu tun. Nach Übernahme der Augsburger Pfladermühle veröffentlicht Felix Grandel während seiner leitenden Forschungsarbeiten im Ölwerk Emmerich regelmäßig Artikel in Fachschriften, die sich zunehmend auf kriegswichtige Ernährungsfragen konzentrieren. Die Grundtendenz der Versorgung der Bevölkerung verläuft auf gesündere, aber während des bereits geplanten Krieges begrenzte Lebensmittel:

"Grandel, Felix: Wissenswertes über Weizen- und Roggenkeime!(...) Die Bedeutung der Weizen- und Roggenkeime für Rohkostzwecke wird eingehender behandelt und auf eine Methode hingewiesen, die eine weitgehende Entbitterung und Haltbarmachung der Weizen- und Roggenkeime ohne chemische Vorbehandlung ermöglicht." (Zeitschrift für Volksernährung, Jg.12, S.181-184 - 1937 + Zeitschrift für Untersuchung der Lebensmittel, Bd.76, S.408 - 1938)

Die Zeiten für Ernährungsforscher stehen durch die Vorbereitung zum Krieg sehr günstig:

"Auf der Internationalen Kochkunstausstellung (-IKA vom 15.-20- Oktober-) im Jahre 1937 in Frankfurt am Main wurde erstmals der Versuch gemacht, die an der Großverpflegung im Deutschen Reiche interessierten Kreise für eine gemeinsame Arbeit zusammenzuschließen. Bei den nicht leichten Vorarbeiten, die der Verfasser durchzuführen beauftragt war, stellte sich bald heraus, daß im Falle eines künftigen Krieges das deutsche Volk nicht nur an einem gemeinsamen Tisch sitzen, sondern auch nach alter deutscher Bauernsitte aus einem Topf essen würde. Getragen von dieser Erkenntnis schlossen sich führende Kreise (Wehrmacht, Arbeitsdienst, Parteiformationen und Werksverpflegung) zu einer Reichsarbeitsgemeinschaft zusammen." (Die Umschau, Bd.45, S.428 - 1941)


1938

Nach Angaben von Felix Grandel heißt es zu seinem Lebenslauf:

"1938 trat ich bei der DAF und NSBDT wieder aus, da der Verein Deutscher Chemiker - dem ich schon Jahre vorher angehörte - mit der DAF gleichgeschaltet wurde und dadurch seine guten Leistungen der Fachorganisation einbüßte. Irgendwelche Ämter in der Partei und ihren Gliederungen und in der Wirtschaft - wiewohl sie mir als Chefchemiker einer bedeutenden Oelherstellerfirma vielfach angeboten wurden - nahm ich nicht an. Als Forscher war ich mit Arbeit überreichlich eingedeckt, zumal ich außerdem noch meinen eigenen Mühlenbetrieb mit pharmazeutischer Abteilung Pfladermühle, Augsburg, Pfladergasse 11/13 von Emmerich aus zu betreuen hatte." (Staatsarchiv Augsburg, Akten G 475, Spruchkammer Augsburg-Stadt I u. III - Felix Grandel: "Politischer Lebenslauf" v. 22.7.1946)

Die Nationalsozialisten erkennen schnell den Nutzen des Ernährungswissenschaftlers für die ausreichende Versorgung der Bevölkerung und die auf Krieg getrimmten Truppen der Wehrmacht. Dementsprechend entwickeln sich die Einkünfte des aufstrebenden Forschers: Beläuft sich das steuerpflichtige Einkommen im Jahre 1934 als Angestellter noch auf 3300.- RM, so schnellt es zur Mitte des Krieges auf 304.000.- RM hoch. Das Grundgehalt eines Uni-Professors liegt zum Vergleich bei 12.000.- RM:

"(-Hitlers Leibarzt Theo-) Morell kassierte 60.000 Reichsmark Gehalt im Jahr, das fünffache Grundgehalt eines Universitätsprofessors und doppelt so viel, wie Hitler formal selbst als Reichskanzler zustand." (welt.de: "So stieg ein Quacksalber zu Hitlers Leibarzt auf" v. 26.12.2016)

Im Jahr 1938 wird der Begriff Keimdiät als Warenzeichen im Rahmen der Firmenaktivität von Richters Pfladermühle eingetragen. Rückblickend heißt es in einer Werbung aus dem Jahre 1954:

"Dr. Grandels Keimdiät - Seit 16 Jahren (-1938-) im Reformhaus erhältlich." (Kosmos, Bd.50 - 1954)


(Scholz: "Kleiner Keim, große Wirkung", S.16 - 2006)

Auch ein Patent gelangt im Vorkriegsjahr zur Anmeldung:

"DRP Anm. 23 839/III/45e, ang. am 14.10.38 'Vorrichtung zum Entschälen von pflanzlichen Samen, insbesondere Ölfrüchten.'"

In einer Fachzeitschrift von 1938/39 wird unter der Rubrik der Vitamin-E-Präparate erstmalig Dr. Grandels Keimdiät aus Richters Pfladermühle als biologisch austestiertes Getreidekeimöl für die Humanmedizin erwähnt. Verpackt in Flaschen zu 250/1000g lautet die Empfehlung:

"3 mal täglich 1-2 Teelöffel vor den Mahlzeiten" (Angewandte Chemie, Bd.52, S.424 - 1938/39)


Richters Pfladermühle: Keimdiät in Flaschen - 1938 (Felix Grandel: "Der Keim ist das Wunder des Lebens" - 1940 / Fotografie im Privatbesitz)

Zum Novemberpogrom wird das Ladengeschäft der Familie Nathan, die in Emmerich seit 1936 zusammen mit Familie Grandel im Fischerort 17 ein Haus bewohnt, verwüstet. Georg Nathan verbringt daraufhin 10 Tage in "Schutzhaft".


1939

In einem Firmenrückblick wird berichtet:

"Seit 1939 sind Dr. Grandels 'Keimdiät-Weizenkeime' (Keime 'W') als wertvolles Ergänzungsmittel für die menschliche Ernährung und zur Behandlung mannigfacher Mangelerscheinungen im Handel. Bald folgte das Keimdiätöl unter dem Namen 'Polygran-Öl', das sich durch seinen hohen Gehalt an Vitaminen, auch an Vitamin D, auszeichnet." (Medizin und Ernährung, Bd. 11/12, S.196 - 1970)

"Unter der Marke Keimdiät belieferte Grandel ab 1939 Reformhäuser mit Aufbaumitteln. In den Kriegsjahren mußte Grandel seine Arbeit als Jungunternehmer unterbrechen und konzentrierte sich (-seit 1936 als Chefchemiker bei Noury & van der Lande-) auf seine Tätigkeit bei einem Forschungsinstitut in Emmerich. Dort leitete er ein Großlabor für Fettchemie und erforschte essentielle Fettsäuren und den Fettstoffwechsel der Haut." (pharmazeutische-zeitung.de: Firmenportrait "Dr. Grandel GmbH: Ein Saatkorn, das aufgeht" v. 21.7.1997)


14. März 1939

Regelmäßig veröffentlicht Dr. Felix Grandel zu seinen Forschungsergebnissen aus Emmerich Aufsätze in Fachzeitschriften:

"Das Vitamin E, seine Bedeutung bei Mensch, Tier und Pflanze" (Angewandte Chemie, Nr.24, Bd.52, S.420 - 1939)

(Angewandte Chemie, Nr.24, Bd.52, S.420 - 1939 + //onlinelibrary.wiley.com)

"Zur Frage des Fruchtbarkeitsbrotes nimmt F. Grandel eingehend Stellung. Durch den Mangel an Vitamin E zeigen sich in der natürlichen Fruchtbarkeit Ausfallerscheinungen (Fehlgeburten, Frühgeburten, Sterilität usw. bei der Frau, Azoospermie und sexuelle Schwäche beim Mann)." (Deutsche-Apotheker-Zeitung, Bd.13; Bd.54, S.127 - 4.2.1939)

Einer fachlichen Auseinandersetzung ist aus dem Englischen übersetzt zu entnehmen:

"Ursprünglich bestand die Hauptanwendung von Vitamin-E-Präparaten auf Weizenkeimölbasis in der Landwirtschaft darin, Unfruchtbarkeit bei weiblichen Tieren zu bekämpfen. Es wurden zwei intramuskuläre Injektionen von sterilisiertem Weizenkeimöl empfohlen, die Berichten zufolge 75 % der betroffenen Tiere heilten (Grandel, 1939). Bei Rindern wurde Weizenkeimöl erfolgreich zur Bekämpfung von Brucellose, auch bekannt als Abortus Bang, eingesetzt, so Berichte der Universität Zürich, die von Karrer 1939 zitiert wurden (Karrer, 1939). ... Die Fruchtbarkeitsdosis (Fertility Dosage) wurde definiert als die minimale Tagesmenge, die sterilen weiblichen Ratten während der Trächtigkeit oral verabreicht wird und zu mindestens einem lebenden Nachkommen führt. Die Pacini-Linn-Einheit wurde durch die Gleichung berechnet: 1000 geteilt durch die minimale Tagesdosis in mg, die erforderlich ist, um Unfruchtbarkeit bei weiblichen Ratten, die mit einer Vitamin-E-defizienten Diät gefüttert wurden, zu verhindern oder zu beheben (Grandel, 1939)." (researchgate.net: "A Century of Vitamin E: Early Milestones and Future Directions in Animal Nutrition" v. Juli 2023)

Zu dem Vitamin-E-Komplex heißt es bei der KI-Übersicht weiter:

"Vitamin E (hauptsächlich alpha-Tocopherol) ist ein essenzielles, fettlösliches Antioxidans, das Zellen vor oxidativem Stress schützt, Zellmembranen stabilisiert und Entzündungen hemmt. Es beugt Arteriosklerose vor, stärkt das Immunsystem und wird oft als 'Anti-Aging-Vitamin' für die Haut eingesetzt. Gute Quellen sind Pflanzenöle (Weizenkeim-, Sonnenblumenöl) und Nüsse." (KI-Übersicht zu Vitamin E)


Mai 1939

Das Patentblatt listet Felix Grandel auch als Erfinder für die folgenden Jahre auf. Die Forschungsergebnisse werden dabei auch von der us-amerikanischen Behörde Alien Property Custodian (Feindvermögensverwalter/-Vereinnahmung und -Verkauf) im Ausland mit Interesse aufgenommen und im Abstand von vier Jahren detailliert zur Veröffentlichung gebracht. Dies unterstreicht die internationale Relevanz der Patente, signalisiert aber auch Begehrlichkeiten:

"Verfahren zu Herstellung haltbarer hochwirksamer Vitamin-F-Präparate" (Seifen, Öle, Fette, Wachse: S.363, Patent: 906982 v. 15.6.1939, Patent eingetragen am 24.5.1939 + "Abstracts of chemical Patents", S.221 - 1944)

"Wie die Nachuntersuchung an einem großen Tiermaterial ergab": Testierung an jungen Laborratten - 1939 (//onlinelibrary.wiley.com: Fette und Seifen, Nr.3, S.150 - 1939)


Sowohl für den zivilen, als auch militärischen Gebrauch geeignet: Hautdiät-Öl von Dr. Grandel - 1940 (Fotografie im Privatbesitz)

(New Yorck public Libary: ALIEN PROPERTY CUSTODIAN - PRODUCTION OF VITAMIN-F. PREPARATIONS, S.1. cl. 167. Serial No. 275, 543 - Felix Grandel, Emmerich am Rhein, veröffentlicht am 11.5.1943)

Auffallend in der Beschreibung der Patenteinreichung ist der Hinweis auf die mögliche Anwendung unter starken Temperatur-Extremen, welcher auf angedachte Einsatzgebiete außerhalb des europäischen Kontinents hindeutet:

"So hat z. B. die 9, II-Octadecadiensäure (gegenüber der durch ihre Vitaminwirkung bekannten 9, Io-Linolsäure) den Vorteil, eine helle, wasserklare Flüssigkeit, die bis -70 flüssig bleibt und weitgehendst licht-, luft- und alterungsbeständig ist, zu sein." (//patents.google.com: )


"Verfahren zu Herstellung haltbarer hochwirksamer Vitamin-F-Präparate" ("Abstracts of chemical Patents", S.221 - 1944, Patent eingetragen am 25.9.1940)


"Verfahren zu Herstellung haltbarer hochwirksamer Vitamin-Konzentrate" ("Abstracts of chemical Patents", S.221 - 1944, Patent eingetragen am 14.10.1941)

Diese Patent-Einreichungen von Dr. Felix Grandel beschreiben nicht nur den Umstand, dass echte essenzielle Fettsäuren (Vitamin F) aufgrund ihrer chemischen Instabilität bei Licht oder Sauerstoff bislang schnell oxidieren, ranzig und wirkungslos werden. Die wissenschaftliche Herausforderung der hier von ihm angestrebten Haltbarkeit schafft nun erst die gewünschte Voraussetzung einer industriellen Fertigung und Lagerung als Salbe oder in Tablettenform. Hinter der Formulierung hochwirksame Vitamin-F-Präparate könnte sich darüber hinaus aber auch ein Euphemismus für Dopingmittel verbergen. Inwieweit der bevorstehende Blitzkrieg gegen Frankreich die Forschungsleistung Dr. Felix Grandels zur Bereitstellung von leistungssteigernden Wunderpillen animiert, um Schlaf-, Hunger- und Angstgefühle von Soldaten zu minimieren, bleibt bei diesen konkreten Patenteinreichungen offen. Die Bezeichnung Vitamin mutiert unter den Nationalsozialisten gelegentlich zu einem Tarnbegriff, um die spätere Verteilung an den Endabnehmer moralisch leichter zu rechtfertigen. Bekannt werden diesbezügliche Aufputschmittel, die mit Namen wie Panzerschokolade, Stuka-Tabletten oder eben als einfacher Vitaminschub in den Sprachgebrauch der kämpfenden Soldaten mit einfließen.

Die militärischen Anfangserfolge der deutschen Wehrmacht werden somit auch bezüglich der Ernährung in der ausländischen Berichterstattung interessiert zur Kenntnis genommen. Die Times schreibt von einer Nazi-Ernährungspille, womit in erster Linie die Soldaten-Versorgung mit Soja gemeint ist, die besonders ab dem September 1939 im Polenfeldzug zu erhöhter Marschleistung geführt haben könnte. In einem Kommentar vermerkt der Kopf der Wehrmachtsverpflegung in Berlin, Dr. Wilhelm Ziegelmayer:

"Es ist deshalb nicht ganz ohne Reiz, daß während der Tage der flandrischen Vernichtungsschlacht (-Mai/Juni 1940-) die 'Times' in einem Leitartikel bei Untersuchung der Geheimnisse des Erfolgs der deutschen Wehrmacht auch auf die Verpflegung zu sprechen kam und mit Recht anerkannte, daß man sich den Feldherrn von heute und seinen Generalstab nicht mehr so vorstellen darf, als ob die Truppenführung nur mit dem Zirkel auf der Landkarte arbeitet, um in der entscheidenden Stunde den Befehl zum Angriff zu geben. Der Angriffsbefehl ist erst die Folge jener gewaltigen vielseitigen Arbeit, in der auch die Verpflegung mit ihrer Entwicklungs- und Forschungsarbeit eine große Rolle spielt. Auch bei ihr darf keine Einzelheit vergessen werden. Mit hungrigen Soldaten ist ein Sieg schwer oder nicht zu erringen. Der Krieg ist eben keine Erscheinung mehr, bei der die Waffen und tapferen Einheiten allein genannt werden, sondern es ist ein Wettkampf aller Kräfte. Auf dem Gebiete der Verpflegung mußte, um die heutigen Erfolge zu erringen, die Industrie und Landwirtschaft mit derselben Strategie organisiert, entwickelt und gelenkt werden, von der die militärischen Operationen gemeistert werden. Daß in England diese Vorsorge für Austauschstoffe gefehlt hat, zwingt die 'Times' in ihrer Ausgabe vom 23. Mai 1940 zu der beweglichen Klage und zu den Ausführungen, die hier wiedergegeben werden. Dr. Ziegelmayer" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch RH 9/269 - Die Heeresverwaltung, Heft 6, S.164 - "Die Times und die 'Nazi-Ernährungspille" v. September 1940)

Die den deutschen Soldaten zur Verfügung gestellten Präparate beinhalten jedoch mitunter ernsthafte Risiken:

"Ein Rauschmittel, das dem körpereigenen Adrenalin ähnelt: Man ist nicht müde, sondern munter, statt hungrig fühlt man sich satt, statt gestresst - euphorisch und selbstsicher. Das klingt ein bisschen nach Crystal Meth, der chemischen Droge von heute. Doch ihre große 'Premiere' hatte sie bereits im 2. Weltkrieg, als Hitlers Soldaten in Polen einmarschierten.(...) Die Aufputschpille, auch 'Panzerschokolade' genannt, barg natürlich Risiken. Der chemische 'Muntermacher' machte abhängig und die Nebenwirkungen waren verheerend: Schwindelanfälle, Schweißausbrüche, Wahnvorstellungen und Depressionen. Manche Soldaten erschossen sich in ihren Wahnvorstellungen selbst, andere starben an Herzversagen." (mdr.de: "Geschichte von Crystal Meth: Die Droge, mit der Hitlers Soldaten in den Krieg zogen" v. 10.2.2021

Strategisch organisiert im staatlichen Vierjahresplan der Nationalsozialisten: Nahrungsmittel-Forscher Dr. Felix Grandel als Chefchemiker im Forschungslabor Emmerich - 1939 (schlossmagazin.com v. Mai 2015)

In einer graphischen Übersicht verdeutlicht sich die Aktivität der Firma Noury & van der Lande im Bereich der Patentanmeldungen während der Kriegsjahre:

Ölwerk Noury & van der Lande: Statistik der jährlich angemeldeten Patente (goodip.io/iq/assignee/noury-van-der-lande-oelwerke)


Laboranten bei der Arbeit - 1928 (Fotografie im Privatbesitz)

Dr. Felix Grandel gilt mittlerweile als Schlüsselkraft für das Werk in Emmerich. Hier trägt er als Nahrungsmittelforscher unter den Geschäftsführern Wilhelm van der Lande und Ludwig ter Smitten zu acht Patentanmeldungen für seinen Arbeitgeber bei und nimmt damit eine firmeninterne Spitzenrolle ein:

"Deutsches Reichspatent DE 715456 C vom 4.7.1939 ab gültig: Verfahren und Vorrichtung zur Entfernung der Keime von Samnen, insbesondere Mais

Deutsches Reichspatent DE 729662 C vom 9.4.1940: Vorrichtung, Methode und Gerät zum Entfernen der Keime aus Samen, insbesondere Mais.

Deutsches Reichspatent DE 906982 C 19.11.1938 + DE 909984 C 15.6.1939: Prozess zur Herstellung langlebiger, hochwirksamer Vitaminpräparate." (goodip.io/iq/assignee/noury-van-der-lande-oelwerke)

Zu letzterer Patentanmeldung fasst die KI-Übersicht unter Berücksichtigung militärischer Verwendbarkeit zusammen:

"19.11.1938: Die Hauptverwendung im militärischen Kontext wäre die hochwirksame, lagerstabile dermatologische Versorgung (Wundheilung/Hautpflege) unter extremen Bedingungen (Tropen, Feldeinsatz), insbesondere durch die verbesserte Haltbarkeit gegenüber herkömmlichen Produkten.
Hinweis: Da das Dokument auf J. Baltes (1938/1939) verweist, fällt der Einsatz in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, wo die Entwicklung stabiler Sanitätsmittel von hoher logistischer Bedeutung war.

15.6.1939: Schutz vor extremen Witterungsbedingungen (Antisonnenbrandöl): Das im Patent beschriebene 'Antisonnenbrandöl' [0009] kann zum Schutz von Soldaten vor Sonnenbrand und UV-Strahlung in Wüsten- oder Hochgebirgseinsätzen dienen. Sonnenbrand ist ein ernstzunehmender Ausfallfaktor.
Hautschutz/Pflege (Cold-Creme/Hautöl): Die beschriebenen Cremes [0007] schützen vor Kälte, Windbrand und dem Austrocknen der Haut. Dies ist relevant für Operationen in arktischen oder trockenen Regionen.
Schutz vor chemischen Kampfstoffen (indirekt): Hochwertige Hautcremes können als Barriere gegen bestimmte hautgängige Kampfstoffe dienen, bevor diese die Haut erreichen, oder helfen, die Haut nach einer Dekontamination zu regenerieren."
(//patents.google.com: Dipl-Landw Dr Felix Grandel - Verfahren zur Herstellung haltbarer, hochwirksamer Vitamin-F-Praeparate v. 15.6.1939)


Hafen von Emmerich - 1939 (Postkarte im Privatbesitz)


Emmerich am Rhein: Getreideturm der Firma Noury & van der Lande - 1943 (Postkarte im Privatbesitz)


Blick auf den Getreidespeicher der Firma Noury & van der Lande am Industriehafen Emmerich - 1934 (Stadtarchiv Emmerich)


Tandem-Dampfmaschine der Ölfabrik Royal Industrial Society v/h Noury & van der Lande in Emmerich - ca. 1930 (Wikimedia Commons - Datei: F10286-024.jpeg / Collection Museum of Industry Ghent - Photographer Buyens, Joseph - ca. 1930)

In dem 1906 am Niederrhein gegründeten familiengeführten Zweigwerk wird Leinöl, Leinölfirnis, Lackleinöl, Leinölstandöl, destilierte Leinölfettsäuren, Synourynstandöl- und Öl (dehydratisiertes Rizinusöl), dehydratisierte Rizinusölfettsäuren, Weizenkeimöl und Vitamine F-Erzeugnisse für pharmazeutische und kosmetische Zwecke hergestellt. Um den Zeitraum von 1938 hat Chefchemiker Dr. Felix Grandel auch Kontakt zu dem Berliner Arzt Dr. Med. Karl Lücking, der sich u. a. mit dem Thema der Vitamin-E-Gaben in Form des Weizenkeimöls Enoulan beschäftigt. In einem Rückblick auf die Zusammenarbeit mit Dr. Felix Grandel berichtet er im Rahmen des Augsburger Spruchkammer-Verfahrens:

"Besprechungen wissenschaftlicher Art erstreckten sich auf das Gebiet der Vitamin-, Fett- und Krebsforschung.(...) Kam das Gespräch durch die Zeiterscheinungen jedoch in politische Bahnen, so war Herr Dr. (-Felix-) Grandel von einer erstaunlichen Unkenntnis der tatsächlichen Vorgänge und seine Ausführungen konnten bestenfalls 'als Gedanken eines Unpolitischen' bezeichnet werden. Meine Frau und ich haben häufig in Abwesenheit des Herrn Dr. Grandel über seine kuriosen politischen Gedanken gelacht und hatten das Empfinden, daß er außer wissenschaftlichen Fragestellungen kein weiteres Interesse am gesamten Leben hatte. Von einem außerberuflichen Verkehr mit aktiven Nationalsozialisten habe ich bei Herrn Dr. Grandel nie etwas gemerkt." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel - Aussage Dr. med Karl Lücking/Berlin v. 28.11.1946)

Das Thema Fruchtbarkeit spielt für eine Nation, die auf kriegerische Expansion ausgerichtet wird, von zentraler Bedeutung:

"Felix Grandel: Zur Frage des Fruchtbarkeitsbrotes. Nach krit. Besprechung der Notwendigkeit einer zusätzlichen E-Zufuhr bei Durchschnittsernährung werden die Schaffung von sogenanntem Fruchtbarkeitsbrot, das E in vorbeugend oder therapeut. wirksamer Menge enthält, erörtert u. prakt. Vorschläge über die Art der zu verwendenden E-Träger (Getreidekeimöle oder -extrakte) gemacht. Hippokrates 9. 1104-09. 27/10.1938. Emmerich.)" (Chemisches Zentralblatt, Bd.110, Ausgabe 1, Teil 1, S.1197 - 1939)

"Die reichste E-Quelle sind die Getreidekeime und die daraus gepreßten Öle. Da die üblichen Brotsorten, Back- und Teigwaren keine Keimsubstanz enthalten und Anhaltspunkte dafür gewonnen wurden, daß Weißbrotkonsum und Geburtenziffer in umgekehrtem Verhältnis stehen (Müller-La Lignière), muß bei Völkern mit vorwiegender Weißbroternährung auch vom Standpunkt der Vitamin-E-Versorgung aus dem Brotproblem besondere Aufmerksamkeit gewidmet und auf eine Steigerung des Schwarz- und Vollkornbrotkonsums hingearbeitet werden. Aus dieser Erkenntnis heraus werden neuerdings auch schon besondere 'Fruchtbarkeitsbrote', die den ganzen Keim enthalten, in den Handel gebracht (Grandel). Die wichtigsten E-Lieferanten in der Alltagsnahrung sind die grünen Gemüse und Salate sowie vor allem die pflanzlichen Fette und Öle (s. Tabelle B, daneben auch noch Baumwollsamen-, Palm- und Sojaöl); auch Butter enthält etwas E-Vitamin. Bedarf. Die Unentbehrlichkeit des E-Vitamins zur Arterhaltung ist erwiesen für Vögel (Huhn) und Nager (Maus, Ratte); sie ist so gut wie gesichert für Rind, Schaf, Schwein und Pferd und muß auch für den Menschen als vorhanden angenommen werden, obwohl sich der Beweis dafür bisher nicht erbringen ließ (s.o.). Aus diesem Grunde kann auch der E-Bedarf des Menschen noch nicht exakt beziffert werden. Immerhin lassen sich gewisse Anhaltspunkte für die Höhe dieses Bedarfs aus den für kleinere Säugetiere erhaltenen Bedarfsziffern gewinnen. So benötigt die Ratte 50-75 y ( Mason ), das Kaninchen 100-200 y a-Tokopherol pro Tag (Eppstein-Morgulis); zur Erzielung einer normalen Gravidität benötigt die erwachsene Ratte 2,5 mg E-Stoff, und zur Verhütung von Muskeldystrophie sind beim jungen Tier 0,5 mg erforderlich (einmalige Dosen; Goettsch-Pappenheimer). Daraus errechnet " (Stepp/Kühnau/Schroeder: "Die Vitamine und ihre klinische Anwendung", S.228 - 1939 + Dr. Felix Grandel in: Angewandte Chemie, Nr.52, S.420 - 1939)


August 1939

Sonderdruck aus dem Heft Leib und Leben:

 

(Sonderdruck aus Leib und Leben, Heft 8 - 1939 + Scholz: "Kleiner Keim, große Wirkung", S.14 - 2006)


1940

Die Nationalsozialisten erkennen früh den Nutzen der Nahrungswissenschaftler für die Versorgung der Bevölkerung im Krieg, besonders aber auch der im Ausland kämpfenden Truppen:

"Gute Verpflegung der kämpfenden Truppe ist die Grundlage des Erfolges. In richtiger Erkenntnis dieses Grundsatzes sieht die deutsche Heeresverwaltung im Kriege ihre Aufgabe darin, unter steter Auswertung aller ernährungswissenschaftlichen Forschungsergebnisse die Verpflegung des Mannes an der Front ernährungsphysiologisch und auch -psychologisch richtig zu gestalten, d. h. den Mann gut zu ernähren, ihm aber auch eine solche Kost zu geben, die er gern ißt, die ihm schmeckt und die ihn satt macht." (Zeitschrift für Volksernährung, Heft 1, S.3: "Die Verpflegung der kämpfenden Truppe" v. 5.1.1942)

Dr. Felix Grandel ist bemüht, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. In einer Fachzeitschrift :

"Da der 'ruhende' Keim, wie er bei der Hochmüllerei als Nebenprodukt anfällt, nicht genießbar ist, weil er wegen seines Gehalts an Oel und lipatischen Enzymen sehr leicht ranzig wird und einen bittergrasigen Geschmack aufweist, muß auf möglichst schonende Weise, ohne Zusatz von artfremden Chemikalien eine Entbitterung und Halbarmachung und zugleich Geschmacksverbesserung erreicht werden, um die an Nähr- und Wirkstoffen von der Natur so reich ausgestattete Keimsubstanz für die vom Verfasser neu geprägte Ernährungsweise, die 'Keimdiät', nutzbar machen zu können. Die chemische Zusammensetzung, z. B. der Weizenkeim , ist etwa folgende ( nach eigenen Analysen ): 30 bis 35% leicht verdauliches, hochwertiges Eiweiß mit spezifischen, hochpolymeren Aminosäuren;

25 bis 30% Lipoide (Alkoholextrakt), davon 8 bis 10% wertvolles Keimöl (Aetherextrakt);

20 bis 25% Kohlehydrate                        (stickstofffreie Extraktstoffe)

10% Schleimstoffe (Pentosane)               (stickstofffreie Extraktstoffe)

2,5% Rohfaser

5% Mineralstoffe, darunter alle Schwermetalle (Spurenelemente)

= Im Lipoidanteil sind neben großen Mengen Lecithin auch Sterine, und zwar α, β, γ Sitosterin, Tritisterin (P. Karrer) und Ergosterin (Windaus u . Bock) enthalten. Aehnlich wie bei Hefe fand man in der ...

(Glyzerid). Wachstumsvitamin nach Coward-Key-Morgan - in nachweisbaren, teilweise bedeutenden Mengen vorhanden. Der Keim ist vom Getreidekorn, wie überhaupt bei allen Samen, der primäre Organreil, was schon daraus hervorgeht, daß der unbeschädigte Keim, vom Endosperm losgelöst, bei Vorhandensein von genügend Wasser und Wärme allein keimen kann. In dem aus-

Dabei wird u. a. der Oelanteil, worin das Vitamin E neben den anderen ...

und dem Keim- ling, zwei Begriffe, die in der Literatur nicht scharf " (Die Umschau: "Der Getreidekeim- ein hochwertiger Träger", S.100 - 1940)


19. Februar 1940

Dr. Felix Grandel veröffenticht in einer ersten von drei Mitteilungen über den Verfahrensstand der trockenen Mais-Entkeimung:


(//onlinelibrary.wiley.com: "Die trockene Entkeimung von Futtermais, ein Verfahren zur Verbesserung unserer Fettversorgung (I. Mitteilung)" v. 1940)

Zum Ende der I. Mitteilung vermerkt Dr. Felix Grandel:

"Es ist das Verdienst des Reichsbeauftragten (-Walter-) Hübener von der Reichstelle für Milcherzeugnisse, Öle und Fette, Berlin, diesen Plan durch das nachvolgend näher beschriebene Trockenmaisentkeimungs-Verfahren der Firma Noury & van der Lande G.m.b.H., Emmerich a. Rh., betitelt: 'Verfahren und Vorrichtung zum Entkeimen von Samen, insbesondere Mais', der Verwirklichung erheblich näher gebracht zu haben." (//onlinelibrary.wiley.com: "Die trockene Entkeimung von Futtermais, ein Verfahren zur Verbesserung unserer Fettversorgung (I. Mitteilung)" v. 1940)

Die entsprechende Patentanmeldung wird zeitversetzt auch in den Vereinigten Staaten zur Kenntnis genommen:


"Entschälung oder Entkeimung von Oelsaaten und Getreide" - 19. Februar 1940 (New Yorck public Libary: ALIEN PROPERTY CUSTODIAN - PRODUCTION OF VITAMIN-F. PREPARATIONS, S.1. cl. 167. Serial No. 319, 802 - Felix Grandel, Emmerich am Rhein, veröffentlicht am 4.5.1943)


Forschen für den Endsieg: Ernährungswissenschaftliche Forschungsstelle der Heeresverwaltungsschule - 1940 (Digitalisiert auf invenion.bundesarchiv.de: BArch RH 9/269, S.216 - Die Heeresverwaltung, Heft 8, S.197 v. November 1940 / Mantler)

Der Forscher Dr. Felix Grandel steht im engen Kontakt zu den politischen Interessenvertretern seines Forschungsgebietes: 

"Für Walter Hübener, Reichsbeauftragter der Reichsstelle für Milcherzeugnisse, Öle und Fette, war das Ziel der autarken Deckung der lebensnotwendigsten Bedürfnisse des 'Großwirtschaftsraums' nicht als Phantasiegebilde abzutun. Erreicht werden sollte dieses Ziel durch die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktionskräfte, besonders der südosteuropäischen Länder, welche 'insbesondere für die Versorgung Großdeutschlands in Frage kämen'. Wenn Südosteuropa die gleichen Hektarerträge für Getreide wie Deutschland im Jahr 1938 erzielen würde, könnte es seine Erträge ohne Schwierigkeiten nahezu verdoppeln." (Innerhofer: "Kein Nutzen für die Wirtschaft", S.246 - 2021)

Die Versorgung Großdeutschlands mit landwirtschaftlichen Importgütern aus Südosteurpopa setzt jedoch auch deren Lagerfähigkeit voraus. Hier kommt in der Konzeption der autarken Deckung die Foschung aus Emmerich in den Blick. So schreiben dann auch kurz nach Kriegsbeginn die Reichsbeauftragten Walter Hübener und Heublein als Vorstand der Reichsstelle für Milcherzeugnisse, Öle und Fette mit ergänzender Bestätigung des Oberkommandos der Wehrmacht:

"Herr Dr. chem. & Dipl. agrar Felix Grandel, Emmerich, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Oelwerke Noury & van der Lande, Emmerich, ist der Erfinder eines neuen Verfahrens zur Trockenentkeimung von Mais. Dieses Verfahren ist ausserordentlich bedeutsam für die deutsche Fettversorgung. Für die Verwertung dieses Verfahrens, insbesondere während der Dauer der Kriegswirtschaft, ist Dr. Grandel unentbehrlich. Wir empfehlen deshalb dringend, ihn von der Heranziehung zum Militärdienst freizustellen." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III, S. 59 v. 1.3.1940)

Auch der in der deutschen Grenzstadt Emmerich für den holländischen Konzern arbeitende Generalvertreter Theodor Geukes erklärt zur möglichen Einberufung des engagierten Chef-Chemikers:

"Ich erkläre hiermit eidesstattlich, dass der Leiter des Forschungslaboratoriums, Dr. Felix Grandel (...) durch seine hervorragenden Forschungsarbeiten auf dem Gebiete der Fettchemie und Vitaminforschung - u. a. Erschliessung von zusätzlichen Fettquellen (Trockene Maisentkeimung u.s.w.) - als Schlüsselkraft für das Werk während des Krieges wirklich unabkömmlich war und nur deshalb immer wieder uk-gestellt wurde.(...) Seine zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen in der Fachpresse und Patente, die im In- und Ausland erteilt wurden, bestätigen die Richtigkeit meiner Aussagen." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III - "Eidesstattliche Erklärung" des Generalvertreters der Firma Oelwerke Noury & van der Lande in Emmerich, Theodor Geukes v. 13.11.1946)

Als Kollege von Dr. Felix Grandel berichtet Chemotechniker Hans Neumann rückblickend:

"Seine Uk-Stellung war meines Wissens durch kriegswichtige Arbeiten der Firma Noury & van der Lande auf dem Ernährungssektor (Maisentkeimung, Entschälung von Sonnenblumensamen, Vitaminisierung von Margarine) bedingt." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Aussage des Kollegen Hans Neumann, Bl. v. 4.11.1946)

Der Augsburger Abteilungsleiter von Richters Pfladermühle wird nach dem Krieg zu Protokoll geben:

"Auf Grund seiner Stellung und Person den ganzen Krieg über uk (-unabkömmlich-) gestellt - Gesundheitszustand: kv(-kriegsverwendungsfähig-)." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III - Schreiben des ehemaligen Augsburger Abteilungsleiters an den öffentlichen Ankläger der Spruchkammer Augsburg bzw. Mindelheim, Willy Junker, Falkensteinstr.1/0 v. 27.7.1946)

Das Empfehlungsschreiben zur Freistellung vom Kriegsdienst wird zugleich vom Oberkommando der Wehrmacht abgestempelt mit dem Aktenzeichen:

"62a 10.11 w. VA/Ag V III/A Ew."

Verwendung findet diese Signatur auf amtlichen Schriftsätzen und Ausweispapieren zwecks Zuordnung bzw. Unterstreichung der Dringlichkeit:

 

Dr. Felix Grandels Kontakt in Berlin: Oberregierungsrat Prof. Dr. Wilhelm Ziegelmayer - 1944 (Brandenburgisches LHA, 465, AdW, ZfE, 941)

Unter der Bundesarchiv-Signatur RW 3/20 wird hierzu erläutert, dass das Aktenzeichen 62a der Sammelgruppe Verpflegungswesen und der Sachgruppe Verpflegung des Mannes im Standort entspricht (S.161/167). Die zwei Untergruppen 10.11 gliedern sich in Mundverpflegung (ohne Brot) und Getreideankauf der D.(-eutschen-)G.(-etreide-)H.(-andels-)G.(-esellschaft-) (S.165/171), die für die Lagerung des Getreides zuständig ist. Der darauf folgende Signaturanteil erscheint laut BArch Freiburg nicht mehr zuordnungsfähig. Ob VA/A(mts)g(ruppe) V für das Heeresverwaltungsamt steht, ist möglich: Die Verwaltungsabteilung V (oft V 4/V 7 oder im Kontext des Heeresverwaltungsamtes betrachtet) war im Oberkommando des Heeres (OKH) zuständig für Bauwesen, Unterkunft und Verpflegung. Sie unterstand dabei dem von General Herbert Osterkamp geleiteten Heeresverwaltungsamt, das zentrale Richtlinien für die Versorgung der Wehrmacht erließ. Das Kürzel Ew könnte Ernährungswissenschaft bedeuten. Eine der diesbezüglichen Aktenzeichen lautet:

gem.(äß) Verf.(ügung) OKH (Ch H Rüst u BdE) VA/Ag. V III/B vom 16.8.1940, Az. 62a 10.10/5.

Der Generalstabsintendant Geheimrat Ernst Pieszczek wird beispielsweise als Chef A(mts)g(ruppe) V III bezeichnet.

(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch RH 53-17/101)

In einem Schriftwechsel mit der verwitweten Teilhaberin der Hamburger Firma Deutsche Ölfabrik Dr. Grandel vermerkt Gottfried Grandel als ehemaliger Teilhaber:

"Mein Aeltester, Felix, der in Emmerich am Niederrhein wohnt, ist bis jetzt immer zurückgestellt worden; er ist jetzt 35 J.(-ahre-) alt u. hat eine ganz bedeutende Stellung in seinem Konzern; er ist ja auch mehr als fleissig und hat hervorragende Erfolge. Sie wissen ja, die Grandel sind solche Arbeitsmenschen und haben den Kopf voller Ideen und Probleme. So von weitem beteilige ich mich an den Aufgaben u. Arbeiten von Felix, und bedauere oft, nicht mehr aktiv tätig sein zu können. umso mehr, als ich so frisch und gesund bin und mir Niemand meine 63 Jahre ansieht." (Brief von Dr. Gottfried Grandel an die verwitwete DOG-Hauptanteilseignerin Bertha Lohmann v. 15.10.1940)

Über die politische Ausrichtung von Felix Grandel heißt es rückblickend:

"Eine grosse Anzahl von wissenschaftlichen Broschüren wurde überprüft, jedoch keine nationalsozialistischen Äusserungen vorgefunden. Dr. Grandel hat im Betriebe keine Nat.So. Lehren verbreitet und war gegen die Angest.(-ellten-) u. Arbeiter sehr tolerant eingestellt. G.(-randel-) wird als unpolitisch, eigenbrödlerisch und nur seinen Forschungen verschrieben geschildert. Bürgermeister (-von-) Emmerich führt an, dass G.(-randel-) politisch nicht besonders hervorgetreten sein kann, da dies sonst bekannt geworden wäre." (Augsburger Staatsarchiv: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, "Aktenauszug" v. 1947)


Oktober 1940

Für das zweite Kriegsjahr kündigt sich für den Unternehmer Dr. Felix Grandel noch eine weitere Entwicklungsstufe an. Mit seinem Vorgesetzten Ludwig ter Smitten, dem Kaufmann und Geschäftsführer der Noury & van der Lande-Ölwerke in Emmerich, gründet er zusammen mit Theodor Geukes die Deutsche Maisentkeimung GmbH:

 

(Digitalisiert auf digi.bib.uni-mannheim.de: Zentralregisterbeilage zum Reichs- und Staatsanzeiger Nr.237, S.2 v. 9.10.1940)

Der in der amtlichen Bekanntmachung erwähnte Firmenkollege Felix Grandels und neue Teilhaber der gemeinsamen Handelsgesellschaft, Theodor Geukes, berichtet später über seine Verwendung zum Militärdienst:

"Als Generalvertreter und Vertrauensmann der Firma Oelwerk Noury & van der Lande, G.m.b.H., Emmerich/Rh. bin ich bis zu meinem Einsatz als Soldat an der Westfront im Frühjahr 1943 über die geschäftlichen und technischen Dinge innerhalb dieser Firma genauestens orientiert." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akten G 475, Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III, S. 62 - Eidesstattliche Erklärung von Theodor Geukes v. 13.11.1946)

Zur breiteren Erfassung des militärischen Ernährungs-Themas initiiert das Oberkommando der Wehrmacht eine Schriftenreihe:

"Ziel und Zweck dieser im Auftrag des Oberkommandos der Wehrmacht von der Arbeitsgemeinschaft 'Ernährung der Wehrmacht' herausgegebenen Schriftenreihe 'Wehrmacht-Verpflegung' ist die gründliche Behandlung aller für die Soldatenernährung und Gemeinschaftsverpflegung wichtigen Fragen durch die besten auf diesen Gebieten arbeitenden Forscher und Praktiker, um so die neuesten Erkenntnisse und Erfahrungen der Fürsorge für unsere Soldaten und damit der Schlagkraft unserer Wehrmacht nutzbar zu machen. Der erste Band der Schriftenreihe ist ein Verhandlungsbericht über die bisherigen Tagungen der Arbeitsgemeinschaft 'Ernährung der Wehrmacht', in dem sowohl die Referate, als auch die Diskussionen aller Redner, die besonders aktuelle Themen zur Ernährungswissenschaft, Ernährungswirtschaft und Truppenverpflegung behandeln, abgedruckt sind. So werden z.B. die zweckmäßige Vitamin-, Fett- und Eiweißversorgung, Konservierung der Lebensmittel, stärkere nährwertmäßige Ausnutzung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, zweckmäßigste Verabreichung der Nahrungsmittel u. a. mehr von namhaften Medizinern, Chemikern, besonders Lebensmittelchemikern, Physiologen, Pharmazeuten, Versorgungsbeamten u. a. besprochen. Diese aufschlußreichen Ausführungen geben nicht nur einen Einblick in die verantwortungsvolle und schwierige Arbeit des großen Apparates der die Wehrmachtverpflegung betreuenden Dienststellen, sondern sie geben vor allem einen Überblick über den derzeitigen Stand der Wissenschaft und Technik in wichtigen ernährungs- und verpflegungskundlichen Fragen. Damit gewinnt dieser Band auch für die Kreise Bedeutung, die nicht unmittelbar mit der Soldatenernährung und Gemeinschaftsverpflegung zu tun haben, denn jeder Fortschritt auf dem Gebiete der Soldatenernährung und Truppenverpflegung kommt zugleich auch der gesamten Volksernährung in Krieg und Frieden zugute." (Zeitschrift für Volksernährung, Heft 9, S. 141/142 v. 5.5.1942)


Forschen für den Führer: Hygiene und Bakteriologie - 1940 (Fotografie im Privatbesitz / Kessler)

In dem hier erwähnten Verhandlungsbericht (S.18) wird die Bedeutung der Trockentechnik für die Versorgung der Wehrmacht mit Lebensmitteln hervorgehoben. Eine weitere Publikation unter Beteiligung der Verpflegungsabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht beschäftigt sich mit den Forschungsergebnissen von Dr. Felix Grandel. So wird in einem Artikel über Eiweiß und Vitamine vermerkt:

"Wenn man die Zahl der Nährstoffe, die der menschliche Körper zum Aufbau, zur Erhaltung, Verbrennung und Energieentfaltung, zur Katalyse und Regulierung der Lebensfunktionen, zu Wachstum, Vermehrung und Fortpflanzung und anderen Aufgaben der Lebenserhaltung und Lebensentfaltung benötigt, so stößt man immer auf Eiweiß und Vitamin, die unter der großen Zahl verschiedener Nährstoffe mit die wichtigste Rolle zu spielen berufen sind. Eine Nahrung ohne diese Nährstoffe ist unvollkommen, unterwertig. Es ist nun von großer Bedeutung zu wissen, daß wir in Deutschland vornehmlich zwei Nahrungsmittel besitzen, die an Eiweiß und Vitaminen besonders reich sind, das eine die Hefe, das andere die Getreidekeime. Beide spielen in der Ernährung eine wesentliche Rolle, ganz besonders aber in Kriegszeiten, also in Zeiten beschränkter Nahrungsversorgung. Hier fällt diesen Nahrungsmitteln die besondere Rolle des Zusatzes und der Aufwertung und Ergänzung der Hauptmahlzeiten zu. Über die Getreidekeime wurde wiederholt in den letzten 2 Jahrgängen dieser Zeitschrift publiziert, u. a. W. Weitzel H.(-eft-) 14, 1934 über die 'Hauptnährstoffe und Vitamine in keimenden Samen' und Dr. Felix Grandel:
Ztschr. f. VE.(-für Volksernährung-) S. 113, 1940

'Die Getreidekeime als Hauptquelle für Vitamine'

u. ebenda 1941. H. 3, S. 37:

'KeimmehI als wertvoIIer Träger embryonalen Zellgewebes'." (Zeitschrift für Volksernährung, Heft 1, S.4: "Eiweiß und Vitamin" v. 5.1.1942)


(Wikimedia Commons - Datei: "Weizenkorn.png" / Alfred v. 16.7.2007)

In einer weiteren Fachzeitschrift wird im Jahre 1940 berichtet:

"Felix Grandel: Die trockene Entkeimung von Futtermais, ein Verfahren zur Verbesserung unserer Fettversorgung. - I. Mitt.(-eilung-)
Vf.(-Verfasser-) bespricht die bisher bekanntgewordenen Verf.(-ahren-) zur Entkeimung vom Mais, wodurch in Deutschland nur ein geringer Teil des konsumierten Maises erfaßt wird, u. zwar der, der zur Herst.(-ellung-) von Maisstärke bzw. Maismehl verwendet wird. Nach einem neuen Verf.(-ahren-) werden die Maissamen gegen eine harte, glatte Wand geschleudert. Die Trennung des anfallenden grobsplittrigen Schrots von den Maiskeimen erfolgt durch das Steigsichterprinzip u. ein bestimmtes Fein-Ausleseverfahren. Die nachfolgende Vorkonzentrierung des Splitterschrots von den Keimen durch Steigsichter erreicht eine starke Verminderung des Feuchtigkeitsgeh.(-alts-) der Keimsubstanz u. des Schrots. Durch ein Schälverf.(-ahren-) können die Maiskeime weiter veredelt werden u. 50-60% Öl (A.-Extrakt) enthalten. Zur Weiterverarbeitung empfiehlt Vf.(-Verfasser-) die hydraul. Pressung, die ein Öl mit geringem Geh.(-alt-) an freier Fettsäure u . bedeutenden Mengen biol.(-ogischer-) Wirkstoffe ergibt.
Vf.(-Verfasser-) behandelt die Zus.(-ammensetzung-) von Maiskeimöl u. seine Verwendung.
Die Extraktion von Maiskeimen hält Vf.(-Verfasser-) aus nationalwirtschaftlichen u. ernährungsphysiol.(-ogischen-) Gründen nicht für zweckmäßig. Die Maisentkeimung ergibt für die Tierhaltung erhebliche Vorteile. So ergibt die Verfütterung von entkeimtem Mais einen Speck oder ein Fleisch ohne Nachgeschmack, während durch das im Maiskeim enthaltene stark ranzige Fett der Speck in Farbe, Aussehen u. Geschmack verschlechtert wird. Der Fettwert des trocken entkeimten Maisschrotes ist etwa dem von Getreideschrot gleichzusetzen." (Chemisch-Pharmaceutisches Central-Blatt, Bd.111, S.1806 - 1940)

Im Ergebnis seiner Forschungsarbeit bringt Dr. Felix Grandel ein neues Aufbaumittel auf den Markt und in die Reformhäuser. Einer Anzeigenwerbung ist zu entnehmen:

"Der Keim ist das Wunder des Lebens

Das Wertvollste vom Getreidekorn, den ruhenden Keim, für die Ernährung: Dr. Grandel's Keimdiät (Keime) enthält alle Lebensstoffe in höchster Konzentration und in natürlicher Hormonie.

Der natürliche Träger von Fortpflanzungs-Vitamin E: Dr. Grandel's Keimdiät (Oel) Das stabile, testierte Keim-Oel

RICHTERS PFLADERMÜHLE Inh.: Dr. phil. nat. Felix Grandel, AUGSBURG" (Die Umschau, Bd.44, S.112/859 - 1940)

In einem begleitenden Werbeheft vermerkt der Firmenchef:

"Es ist nun dem Verfasser dieses Büchleins gelungen, eine Veredelung der an Nähr- und Wirkstoffen so reich ausgestatteten Keimsubstanz im Sinne einer Geschmacksverbesserung und Haltbarmachung in schonender Weise und ohne Zusatz von artfremden Chemikalien zu erreichen. Das Endprodukt heißt:
'Dr. Grandels Keimdiät' (Keime)
Die Keimsubstanz ist es auch, die den Rohstoff für die neuartigen, biologisch-testierten Keimöl-Präparate:
'Dr. Grandels Keimdiät' (Oel)
'Dr. Grandels Keimdiät' (Pflanzlicher Lebertran)
abgibt. Mit Hilfe dieser Erzeugnisse ist eine neue Ernährungsweise, die
'Keimdiät'
möglich geworden. Man versteht darunter eine Diät, die besonders reich an biologisch-testierter haltbarer Keimsubstanz oder dem daraus gewonnenen, fettlösliche Wirkstoffe enthaltenden Oel ist." (Felix Grandel: "Der Keim ist das Wunder des Lebens", S.2 - 1940)


Geschmacksverbesserung und Haltbarmachung: Dr. Grandels neue Keimdiät - 1940 (Felix Grandel: "Der Keim ist das Wunder des Lebens" - 1940 / Fotografie im Privatbesitz)

Auch pharmazeutische Drogen und Präparate, Mittel zur Körper- und Schönheitspflege und ätherische Öle verlassen nun die Produktionsstätte der Augsburger Pfladermühle. Der Firmenchef erinnert sich:

"Das schwierigste war die Haltbarmachung der Weizenkeime. Ich habe jahrelang daran gearbeitet, bis es endlich gelang, die Fermente (-Gärungsprozess-) zu stabilisieren, das heißt, die empfindlichen Keime vor raschem Verderb zu schützen. Damit war (-1939-) der Durchbruch gelungen." (Hübscher: "Was soll ich tun? Ich möchte doch gesund sein!", S.8 - 1972)

Inwieweit die auf dem Briefkopf vermerkte Kunstmühle in schwäbisch Kirchheim zur Produktionssteigerung beiträgt, ist unklar. Firmenchef Dr. Felix Grandel entwickelt ursprünglich von Emmerich aus die Idee der Therapie und Diät mit Getreidekeimen. Zu dieser Phase vermerkt er rückblickend:

"In meinem Augsburger Werk hatte ich (-ab 1936-) als Geschäftsführer (-das SS-Mitglied-) Herrn Anton Zass, wohnhaft Augsburg, Bahnhofstrasse 12 1/2. Nur etwa alle viertel Jahre fand ich Zeit, um persönlich in Augsburg nach dem Rechten zu sehen. Die wichtigste Post, insbesondere Anfragen wissenschaftlicher und medizinischer Art von Interessenten der von mir entwickelten 'Keimdiät'-Präparate, erledigte ich (-mit Sekretärin Anneliese Jansen-) in meinem Sekretariat von Emmerich aus. Dort arbeitete ich auch die Reklameschriften, Aufdrucke für Packungen und Etiketten, Ärzteprospekte usf. aus und betrieb Neuprojekte. Die rein kaufmännischen Dinge überließ ich vollständig dem Herrn (-Anton-) Zass, so auch z. B. die Bemessung der freiwilligen Beiträge zum W(-inter-)H(-ilfs-)W(-erk-), NSV. Ferner war mein Geschäftsführer (-Anton Zass-) Personalchef. Prinzipielle Dinge der Geschäftsführung wurden stets vorher gemeinsam besprochen." (Augsburger Staatsarchiv, Spruchkammer-Akte Felix Grandel G 475, "Politischer Lebenslauf" v. 22.7.1946)

 

1941

In der Fachzeitschrift "Vorratspflege und Lebensmittelforschung" veröffentlicht Dr. Felix Grandel Arbeiten zur Vitaminforschung und Lebensmitteltechnologie:

"Die Bedeutung des Weizenkeims für die Volksernährung und seine Verarbeitung." (Vorratspflege und Lebensmittelforschung, Bd.4, S.304 - 1941)

Der Artikel betont die Notwendigkeit, diese "verborgenen Kraftreserven" zur Sicherung der Vitaminversorgung der Bevölkerung während des Krieges zu erschließen.


5. März 1941

Zu Beginn des Jahres reicht Chefchemiker Dr. Felix Grandel zusammen mit zwei weiteren Erfindern über seinen Arbeitgeber ein Patent ein:

Patenteinreichung zur Maisentkeimung: Erfinder-Trio Grandel/Gimborn/Akens - 5. März 1941 (nypl.org: Die New York Public Libary, Serial-No. 381904, Grandel)

Die eigene Firmentätigkeit läuft für Dr. Felix Grandel während des Krieges gut an. Ergänzt wird die entwickelte Produktreihe durch ein Weizenkeimöl; im Jahre 1941 folgt das Hautdiät-Öl für die kosmetische Pflege von außen:

"Im Angebot waren damals ab 1939 Weizenkeime und Weizenkeimöl, was man, wie die neueste Entwicklung 1941 - dem Hautdiät-Öl für äußere Kosmetik - in Reformhäusern erwerben konnte." (Firmengeschichte auf beautywelt.de: "Dr. Grandel")


"Von Mineraloelen freies Medizinal-Haut-Oel mit einem Extract aus ruhenden Getreide-Keimen und activem Vitamin F": Reformhaus-Werbeaufsteller der Firma Pfladermühle - 1941 (Fotografie im Privatbesitz)

Das Interesse an der Ernährungsfrage ist familiären Ursprungs: Sie beschäftigt nicht nur Felix Grandel, sondern auch schon dessen Vater Gottfried und den Onkel (Leiner) großmütterlicherseits. Der junge Leiter eines Großlabors für Fettchemie, Fettsäuren und Fettstoffwechsel der Haut in Emmerich am Rhein verfügt daher über einen geschulten Blick auf die Bedürfnisse gesunder Nahrungsmittel.

Im zeitgleichen Karenzzahlungsstreit seines Vaters mit der Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel (DOG) vermerkt der Hamburger Rechtsanwalt des ehemaligen Teilhabers über dessen Sohn:

"Wie Sie wissen, strebt Herr Dr. (-Gottfried-) Grandel eine Wiederbeteiligung seiner Familie an diesem im wesentlichen aus der Familie Grandel hervorgegangenen (-Öl-)Werk an. Schon beim Ausscheiden meines Mandanten (-Dr. Gottfried Grandel-) im Jahre 1932 war dies vorgesehen und im § 9 des Vertrages vom 25. Juli 1932 niedergelegt. Ich frage daher hiermit an, ob und gegebenenfalls unter welchen Bedingungen Ihre Auftraggeber (-der DOG-) bereit wären, den ältesten Sohn meines Mandanten, Herrn Dr. Felix Grandel, als Teilhaber aufzunehmen, wie dies der genannte § 9 bereits ausdrücklich vorsieht. Wenn auch durch den Vertrag keine Rechtspflicht zur Aufnahme begründet ist, so war doch ein solcher Schritt seinerzeit ernstlich ins Auge gefasst. Heute scheint mir nun, ganz abgesehen von den Revisionsgründen meines Mandanten, die Entwicklung zur Vornahme eines solchen Schrittes besonders geeignet. Im Zuge der Arisierung ist ein (-jüdischer-) Teilhaber (-Dr. Walter Alexander-) aus der Gesellschaft ausgeschieden (-worden-), der somit ersetzt werden kann. Für die Ersetzung dieses Teilhabers durch eine deutschblütige Persönlichkeit scheint mir nun niemand geeigneter zu sein, als ein Träger des Firmennamens und ein Sohn des Schöpfers des von der Gesellschaft betriebenen (-Hamburger-) Werkes." (Dr. Gottfried Grandels RA Dr. Karl Neckels an DOG-RA Hübbe v. 6.3.1941) 

Die Reaktion der DOG auf diesen Gedankengang fällt eindeutig aus:

"Die Aufnahme des § 9 in den Ausscheidungs-Vertrag vom 25.7.1932 erfolgte unseres Wissens auf Wunsch von Dr. (-Gottfried-) Grandel, um seinem Sohn Felix Grandel eine Geste zu bieten. Aus diesem Grunde wurde die Formulierung dieses § 9 ohne jegliche Rechtspflicht gewählt. Der eingebrachte Vorschlag, Dr. Felix Grandel als Gesellschafter aufzunehmen, wurde von den jetzigen Gesellschaftern einstimmig abgelehnt. Weitere Verhandlungen darüber sind zwecklos. Auch liegt weder die Notwendigkeit noch das geringste Bedürfnis dafür vor, den vor 3 Jahren infolge Arisierung ausgeschiedenen Gesellschafter Dr. Alexander durch einen neuen Teilhaber zu ersetzen." (DOG-Stellungnahme zum Schreiben Dr. Neckels, S.1/2 v. 6.3.1941)

In einem Briefwechsel mit der verwitweten DOG-Hauptanteilseignerin Bertha Lohmann aus Hamburg betont Gottfried Grandel nur zwei Monate zuvor über seinen Sohn nicht ohne Stolz:

"Felix (-Grandel-) ist in Berlin bei den maßgebensten Stellen (-u. a. OKH-Amtsgruppenchef Ernst Pieszczek und Wilhelm Ziegelmayer, Oberregierungsrat des Oberkommandos des Heeres/Heeresverwaltungsamtes-) ebenfalls gut bekannt und ist sehr oft dort tätig. Er hat durch eine Erfindung (-Verfahren zur Trockenentkeimung von Mais-) ein ganz neues Feld für die Erzeugung von fetten Oelen erschlossen, Sie wissen, wie bedeutungsvoll das (-für die kämpfenden Soldaten der Wehrmacht/Waffen-SS und Versorgung der Zivilbevölkerung-) heute ist." (Brief von Dr. Grandel an die verwitwete DOG-Hauptanteilseignerin Bertha Lohmann v. 15.1.1941)


"Gesunde Soldatenkost als Voraussetzung für die Schlagkraft der Truppe": Vitaminbesprechung im OKH - 1942 ()

Über die Ernährungs-Ausrichtung des Heereskommandos heißt es:

"Ziel und Zweck der Schriftenreihe 'Wehrmacht-Verpflegung" ist die gründliche Behandlung aller für die Soldatenernährung und Gemeinschaftsverpflegung wichtigen Fragen durch namhafte, auf diesen Gebieten arbeitende Forscher und Praktiker, um so zu neuesten Erkenntnissen und Erfahrungen der Fürsorge für unsere Soldaten und damit der Schlagkraft unserer Wehrmacht nutzbar zu machen." (Lauersen: "Die Speisekartoffel", S. - 1944)


Felix Grandels Ansprechpartner am Berliner Lützowufer 8 und Amtsgruppen-Chef Ag.V.III: OKH-Generalstabsintendant Ernst Pieszczek - 4. Januar 1940 (BArch Sign. RH 82 Bild-00166 / Mehls)


"Tatkräftige Förderung der gemeinsamen Arbeit": Chef des Heeresverwaltungsamtes General Herbert Osterkamp - 1939 (Digitalisiert auf invenion.bundesarchiv.de: BArch RH 9/269, S. - Die Heeresverwaltung, Heft , S. v. November 1940 / )

Zusammen mit Oberregierungsrat Dr. Wilhelm Ziegelmay und dem Chef des Heeresverwaltungsamtes, General Osterkamp, bildet Generalstabsintendant Geheimrat Ernst Pieszczek die inovative Grundlage zur Fortentwicklung der Wehrmachtsverpflegung. Dabei betont er: 

"Der Vorsprung in der ernährungswirtschaftlichen und ernährungswissenschaftlichen Fürsorge für die Verpflegung des deutschen Soldaten verpflichtet aber dazu, nicht stillzustehen, sondern ständig vorwärtszuschreiten. Die Heeresverwaltung hält es darum für eine ihrer wichtigsten Pflichten, entsprechend den jeweils neuesten Methoden von Wissenschaft und Technik stets weiter anzuregen und zu fördern. Jeder Fortschritt auf dem Gebiet der Truppenverpflegung kommt dabei zugleich auch der gesamten Volksernährung in Krieg und Frieden zugute." (Ziegelmayer: "Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung", 4. Auflage, S.244 - 1941 + digitalisiert auf invenio-bundesarchiv.de: BArch RH 9/269, Zeitschrift für die Heeresverwaltung, darin Ernst Pieszczek: "Neuzeitliche Gedanken auf dem Gebiete der Verpflegung" S.29 bzw. 37 v. März 1940)


OKH-Generalstabsintendant Ernst Pieszczek (m) bei der Vorführung der Forschungsergebnisse in der als Muster geltenden Versuchsküche - 1940 (Digitalisiert auf invenion.bundesarchiv.de: BArch RH 9/269, S.216 - Die Heeresverwaltung, Heft 8, S.197 v. November 1940 / Mantler)


Präsentation der Forschungsergebnisse: Soldatenkost - 1940 (Digitalisiert auf invenion.bundesarchiv.de: BArch RH 9/269, S.216 - Die Heeresverwaltung, Heft 8, S.197 v. November 1940)

Unter der Aufsicht von Ernst Pieszczek arbeitet in der Heeresverwaltung der deutschlandweit bekannte Ernährungsforscher Dr. Wilhelm Ziegelmayer:

"Anfang Februar 1936 wurde (-Dr. Wilhelm-) Ziegelmayer zunächst für drei Monate vom Schuldienst beurlaubt und für einen Probedienst in der Heeresverwaltung eingestellt. Dieser Probedienst wurde auf sechs weitere Monate verlängert und schließlich wurde er ab 1. August 1936 als Regierungsrat in den Heeresverwaltungsdienst übernommen.(...) Am Anfang seiner Karriere im Heeresverwaltungsamt sah Ziegelmayer, als Ernährungsforscher, die Wehrmacht als ideales Betätigungsfeld für seine Theorien und zur Prüfung konkreter Handlungsstrategien. Im Juli 1936 veröffentlichte er in der Zeitschrift der Heeresverwaltung den Aufsatz 'Die Wehrmacht als Erzieher zu einer zweckmäßigen Volksernährungsweise'.(...) Der Nährwert der Lebensmittel sollte durch richtige Zubereitung erhalten bleiben. In diesem Kontext betonte Ziegelmayer, dass die Wehrmacht ein 'Wegbereiter' für eine gesunde Ernährung werden soll. Ziegelmayer schrieb Empfehlungen für die Beköstigung der Soldaten. Er schloss seine Ausführungen mit einem Spruch von Friedrich II.: 'Wenn man eine Armee bauen will, muss man mit dem Bauche anfangen, denn dieser ist das Fundament davon.'" (Digitalisiert auf researchgate.net: Levit: "Ein Gründergeist in zwei Gesellschaftsepochen: Die Rolle von Wilhelm Ziegelmayer (1898-1951) in der Geschichte der Ernährungswissenschaft", S.33/34 - 2021 + BArch: RH 9/263 - "Zeitschrift für die Heeresverwaltung", Nr.3, S.41-43 v. 1936)

Bereits in der ersten Auflage seines kurz darauf erschienenen Standartwerkes von 1936 über die Rohstoff-Fragen vermerkt der passionierte Ernährungsforscher:

"Nur dann kann unsere Wehrmacht den Schutz des deutschen Lebensraumes und Lebensrechts nach außenhin garantieren, wenn die Wirtschaft und Landwirtschaft die eiserne Ration an Nahrung für Mensch und Tier und die gewerblichen Rohstoffe im Rücken der Wehrmacht sichern.(...) Auf der anderen Seite gehören unsere in diesem Buche gemachten Vorschläge auf den ihm (-ihnen-) eigenen Sachgebieten zur Eröffnungsbilanz des neuen Rohstoffplanes, der uns unabhängig machen will von allen jenen Stoffen aus dem Auslande, die irgendwie durch die Fähigkeit der Chemiker, Techniker, Industriellen, Wirtschaftler sowie aller Arbeiter selbst beschafft werden können. Der neue Rohstoffplan, das gewaltigste deutsche Wirtschaftsprogramm, ist gleichbedeutend mit einer Vergrößerung des Raumes unseres Vaterlandes, denn es schafft aus Selbsterhaltungswillen heraus im eigenen Raume Möglichkeiten, die vorher nicht bestanden haben. Somit aber ist der neue Rohstoffplan für uns alle ein Aufruf zur Höchstleistung einer Neuproduktion, die in erster Linie für den eigenen Bedarf Verwendung finden soll.

Möglichste Rohstoff-Freiheit ist das ganz klare und abgegrenzte Ziel, unter entschlossenem Einsatz und einheitlichem Willen unseres gesamten Wirtschaftskörpers, die Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes ein für allemal zu sichern und zu festigen. " (Ziegelmayer: "Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung", 1. Auflage v. 1936 + 4. Auflage, S.361 - 1941)


Kopf der deutschen Militärverpflegung und früher Förderer der Nutzung von Weizenkeimen zur Volks- und Militärernährung: OKH-Oberregierungsrat Dr. Wilhelm Ziegelmayer (42) mit einem Block gefrorenen Fleisches - 1940 (Digitalisiert auf invenion.bundesarchiv.de: BArch RH 9/269, S.186 - Die Heeresverwaltung, Heft 7, S.169 v. Oktober 1940 - Oberbefehlshaber General Catlos und weitere 69 "Slowakische Offiziere besuchen die Heeresleitung" Ende August 1940)

Ab 1941 fungiert Dr. Wilhelm Ziegelmayer als Direktor im Institut für Kochwissenschaft, zugleich ist er als Lehrbeauftragter der Universität Frankfurt am Main tätig. In seiner ausführlichen Abhandlung von 1941 vermerkt der Rheinländer als Sachverständiger für Ernährungswissenschaft und -wirtschaft im Heeresverwaltungsamt beim Oberkommando des Heeres:

"Es war uns seit Jahren bewußt, daß ein zu erwartender Krieg ein totaler Krieg sein wird, der es mit sich bringt, daß die Verpflegung der Truppe nicht losgelöst von der Ernährung des Volkes durchgeführt werden kann." (Ziegelmayer: "Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung", 4. Auflage, S.237 - 1941)

Weiter heißt es in einer späteren Rückschau:

"Dr. Z.(-iegelmayer-) hat auf diesem Gebiete (-der Kochwissenschaft-) massgeblichen Anteil an der Zusammenstellung der Heeresverpflegung der Hitler-Armeen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch DO 1/103134, S.18 - Beurteilung über Dr. Wilhelm Ziegelmayer)


Dr. Wilhelm Ziegelmayer - 1947 (Archiv des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke + digitalisiert auf researchgate.net: Levit: "Ein Gründergeist in zwei Gesellschaftsepochen: Die Rolle von Wilhelm Ziegelmayer (1898-1951) in der Geschichte der Ernährungswissenschaft", S.32, Abb.1)

Schnittmengen von Dr. Wilhelm Ziegelmayer und Dr. Felix Grandel werden von der KI-Übersicht wie folgt zusammengefasst:

"In den Werken von Dr. Wilhelm Ziegelmayer finden sich Verweise auf die Forschung zur Getreidechemie und die biologische Aufwertung von Nahrungsmitteln vor allem in seinen umfangreichen Handbüchern und Schriften zur Volksernährung. Spezifische Stellen und Werke, in denen solche wissenschaftlichen Bezüge (auch indirekt zu Pionieren wie Felix Grandel) auftreten, sind: 'Die Ernährung des deutschen Volkes' (1939/1947)
In diesem Standardwerk thematisiert Ziegelmayer ausführlich die Bedeutung der Keimsubstanzen im Getreidekorn. Er beschreibt hier die chemische Zusammensetzung und den Vitaminreichtum (insbesondere Vitamin B1 und E) von Weizenkeimen, was exakt das Forschungsfeld von Dr. Felix Grandel war."

In dem von der KI angeführten Ernährungsbuch heißt es:

"Einen ganz wichtigen Schritt wird man in Angelegenheit des Futtermaises vorankommen, wenn man die Bedeutung der Entkeimung desselben voll und ganz erkannt hat. Der Mais enthält nämlich 13% Keime mit etwa 20-30% Öl. Durch ein neues (-von Chefchemiker Dr. Felix Grandel entwickeltes-) Verfahren können die Maiskörner auf trockenem Wege entkeimt werden, das zurückbleibende Nährgewebe wird als Futter verwendet oder kann auch auf Maisstärke verarbeitet werden." (Ziegelmayer: "Die Ernährung des deutschen Volkes", S.586 - 1947)

Die These scheint im allgemeinen nicht abwegig, dass Dr. Wilhelm Ziegelmayer in seiner Funktion dem Forscherteam um Chefchemiker Dr. Felix Grandel gezielte Impulse liefert, um im Rahmen der Vierjahresplanung der von Adolf Hitler formulierten Autarkievorgabe die Realisierbarkeit in Form von Großprojekten zu ermöglichen.


Übersicht zu der Ernährungsfrage: "Die Ernährung des deutschen Volkes" - 1937/1947 (Fotografie im Privatbesitz)

In dem Standardwerk von Dr. Wilhelm Ziegelmayer heißt es dann auch mit Bezugnahme auf Dr. Felix Grandel:

"Da der Maisanbau hohe Erträge liefert und das Maiskorn reich an wertvollen Nährstoffen ist, hat der Reichsnährstand eine Steigerung des deutschen Maisanbaues beschlossen. Die Inhaltsstoffe des Maiskornes sind an Menge und Nährwert denjenigen des Haferkorns ähnlich; während aber Hafer nur einen Ertrag von 22,2 dz pro Hektar ergibt, liefert Mais 30,3 dz/ha und besitzt einen etwa um 22% höheren Stärkegehalt als Hafer (Ernte 1937/38).(...) Einen ganz wichtigen Schritt wird man in Angelegenheit des Futtermaises vorankommen, wenn man die Bedeutung der Entkeimung desselben voll und ganz erkannt hat. Der Mais enthält nämlich 13% Keime und etwa 20-30% Öl. Durch ein neues Verfahren können die Maiskörner auf trockenem Wege entkeimt werden, das zurückbleibende Nährgewebe wird als Futter verwendet oder kann auch auf Maisstärke verarbeitet werden. (Dieses Verfahren ist empfehlenswert für Kleinbetriebe.) Aus den Keimen wird der größere Teil des Fettes als wertvolles Fett, für menschliche Zwecke geeignet, durch hydraulische Pressung abgeschieden. Der Rückstand dieser Keime, also die Preßkuchen, werden in der Nährmittelindustrie zur Herstellung von Maisstärke, Dextrose, Dextropur usw. verwendet, während die Abfälle hiervon als Futtermittel verbraucht werden. - Die Entkeimung auf nassem Wege geschieht in großen Maisverarbeitungsfabriken (-u. a. Noury & van der Lande in Emmerich-). Hier werde die Keime jedoch unmittelbar nachher getrocknet und entölt.

Die Ölextraktion mit Benzin wird nicht empfohlen, da hier nach den Angaben von (-Dr. Felix-) Grandel nachteilige Veränderungen der Rückstände auftreten; die Abscheidung durch Ölpressung ist in vieler Beziehung richtiger, wenn es sich um die Herstellung biologisch wertvoller Öle und Nährmittel handelt. Trotz dieser Einwände wird auch die Extraktion in Zukunft im gewissen Rahmen beibehalten werden. Das Maiskeimöl gehört zu den halbtrocknenden Ölen, es ist schön blank, gelb bis orange gefärbt und hat einen brot- und nußartigen Geschmack. In ihm sind das Provitamin A und das Provitamin D, ferner das Vitamin E und Phosphatide enthalten. Es ist nach Raffination ein besonders leicht bekömmliches Speiseöl, das dem Mohnöl nahesteht.(...) Der Vorwurf, daß bei der Entkeimung biologische Wirkstoffe entzogen würden, ist nicht stichhaltig, denn die fett- und entzymhaltige Keimsubstanz wird ranzig und Wirkstoffe werden dadurch zerstört. Es ist wichtiger, die Keime getrennt für sich weiterzuverarbeiten.

(-Dr. Felix-) Grandel, der sich auf dem Gebiet der Weizen-, Roggen- und Maiskeimverwertung große Verdienste erworben hat, macht darauf aufmerksam, daß sich durch den Reichtum von Maiskeimkuchen an hochwertigen Vitaminen und Nährstoffen ganz neue Perspektiven für die Ernährung des Menschen und die Fettsynthese aus Kohlehydraten im tierischen Körper ergeben. 

Aus einer Mitteilung (-Dr. Felix-) Grandels geht hervor, dass unsere Fettversorgung bei dem großen Maisanfall in Deutschland und dem Import aus dem Auslande (durch die neue Trockenentkeimung die Haltbarkeit und Lagerfestigkeit dieser Ware gegenüber der Naßentkeimung) wesentlich erhöht wird, so daß systematisch eine bessere Vorratswirtschaft getrieben werden kann. Das Ranzigwerden wird ausgeschaltet und der Futterwert dadurch nicht verschlechtert, sondern verbessert; das Mastfleisch erhält einen besseren Geschmack, die Qualität des Fettes wird erhöht. Der vorgezeichnete Weg bringt eine weit bessere, rationelle Verwertung des ganzen Maisproblems, so daß in Zukunft die Maisfrage in Deutschland auch aus vorstehenden Betrachtungen heraus erhöhte Beachtung geschenkt werden wird." (Ziegelmayer: "Rohstoff-Fragen der deutschen Volksernährung", darin "Mehr Grünkern, Graupen und Mais", S.292-294 - 1941 + "Die Ernährung des deutschen Volkes", S.587/587 - 1947)


Prof. Dr. Wilhelm Ziegelmayer - 1944 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch DO 1/103134, S.14 + peter-david-orr.com: "Re-examining Key Aspects of the Goebbels Suicide & Filicide")

Weiter wird über Dr. Wilhelm Ziegelmayer berichtet:

"'Einsichtiger' hingegen erwies sich das 'Heeresverpflegungsamt' im Verwaltungsamt des Oberkommandos des Heeres, zuständig für die Gesamtverpflegung der Wehrmachtsteile. Dr. Wilhelm Ziegelmayer, welcher sich hier seit der Vorkriegszeit Verdienste um die Verbesserung der Soldatenernährung erworben hatte, aber als ehemaliger Sozialdemokrat (-mit freundschaftlichen Verbindungen zu jüdischen Mitbürgern-) von jeglicher Auszeichnung und Beförderung über seinen Rang als Oberregierungsrat hinaus ausgeschlossen, ja ständigen Angriffen von Parteidienststellen ausgesetzt blieb, unterrichtete (-Adolf Hitlers Leibarzt Theo-) Morell anläßlich der Eröffnung des 'Institutes für Kochwissenschaft' der Wehrmacht in Frankfurt a. M. nicht ohne Hintergedanken über alle Maßnahmen, die seit 1937 zur Verpflegungsverbesserung der Wehrmacht ergriffen worden seien, woraus sich eine nähere Beziehung ergab.(...) Sie führte dazu, daß der Amtschef Generalintendant (-Ernst-) Pieszczek Morell in den Senat des genannten Institutes berief, zu welchem u. a. Minister Hermann Esser, Generalleutnant (-Herbert-) Osterkamp, Chef des Heeresverwaltungsamtes, der Heeressanitätsinspekteur Professor S. Handloser, Ministerialrat Claussen vom Reichsministerium Ernährung und Landwirtschaft sowie Vertreter der Waffen-SS, der Hitlerjugend u. a. gehörten (...). - Die Verbindung wurde enger, als General Osterkamp Morell zu einer Sitzung einlud, bei der ein 'Kriegsernährungswirtschaftlicher Beirat des O.K.H.' begründet werden sollte, da es gelte, die industrielle Herstellung der (Truppen-)Verpflegungsmittel und ihre Verpackung durch alle beteiligten Stellen so schnell und so produktiv wie möglich zu gestalten." (Schenck: "Dr. Morell. Hitlers Leibarzt und sein Pharmaimperium", S. - 2)


Verfasser von Standardwerken der Nahrungsmittel-Industrie: Prof. Dr. Wilhelm Ziegelmayer - 1941 (Digitalisiert auf researchgate.net: Levit: "Ein Gründergeist in zwei Gesellschaftsepochen - Die Rolle von Wilhelm Ziegelmayer", S.48 - 2021)

Der für den Wehrmachts-Ernährungsplan zuständige Dr. Wilhelm Ziegelmayer entwickelt innerhalb seiner Veranntwortung ein besonderes Verhältnis zu den Herausforderungen seines Auftrages:

"Das Verpflegungswesen hat dem Bedarf in den höchst erreichbaren Möglichkeiten der Verwirklichung durch vorbehaltlosen Einsatz vorsorglich Rechnung zu tragen. Die Möglichkeit der Erfüllung liegt in dem bedingungslosen Anspruch an die verfügbare Wissenschaft und Technik der Gegenwart, im rücksichtslosen Einsatz für die Verwirklichung brauchbarer Zukunftsgedanken und im Verzicht auf die Anerkennung durch die ewig Gestrigen." (Angewandte Kochwissenschaft, Nr.2, Folge 1, S.2 v. 1943, darin Wilhelm Ziegelmayer: "Die Entwicklung industriell zubereiteter Lebensmittel durch die deutsche
Wehrmacht in Europa und ihr Einfluß auf England und Amerika.")

Im Kriegsjahr 1941 notiert Dr. Wilhelm Ziegelmayer in seinem Tagebuch:

"'Wir werden uns nicht mit Forderungen nach einer Kapitulation Leningrads belasten. Es muss durch eine wissenschaftlich begründete Methode vernichtet werden.' Er berechnete, dass die Bevölkerung Leningrads keinesfalls überleben könne und es daher unnötig sei, das Leben deutscher Soldaten aufs Spiel zu setzen." (stuttgarter-zeitung.de: "1941: das Hungermorden der Nazis" v. 13.9.2016)

Weiter berichtet Dr. Wilhelm Ziegelmayer in einem Aufsatz von 1941:

"Zeitberichte aus Land- und Volkswirtschaft (Umschau)

Die moderne Verpflegung der deutschen Wehrmacht

Von Wilhelm Ziegelmayer , Berlin

In einer Meldung des Deutschen Nachrichtenbüros vom 16. Mai (-1941-) hieß es unter anderem:

'Die hervorragenden Kampf- und Marschleistungen der deutschen Wehrmacht in der Westoffensive haben den neuerlichen Beweis erbracht, daß man mit der Verabreichung von Vitaminkonzentraten neben der abwechslungsreichen täglichen Soldatenkost den richtigen Weg beschritten und damit nicht unwesentlich zu den Erfolgen durch die Erhaltung der Kampfkraft der Truppe  beigetragen hat. In diesen Tagen bestätigte übrigens ein namhafter ausländischer Universitätsprofessor und Vitaminforscher aus seinen Erfahrungen, daß die deutsche Soldatenernährung gegenüber jener aller anderen Armeen am vorteilhaftesten ist.'

Es war für den Verfasser dieses Rückblickes mehr als ein Zufall, als er vor dem Chaos der Hölle von Dünkirchen am Strande stehend - zwischen  Bergen von Kleidung und Wäsche, Geschützen, Panzern, Autos und Fahrzeugen aller Art ein Papier fand, das als dringendes Telegramm einen Armeebefehl aus London an die auf franzözischem und belgischem Boden kämpfende englische Truppe enthielt und in dem sich das reiche England zu Maßnahmen entschließen mußte, die das 'hungernde Deutschland' weder für sein Feldheer noch für sein Ersatzheer seit Kriegsbeginn durchzuführen brauchte. In dem Geheimbefehl, der das Datum des 5. Mai 1940 trug , hieß es unter anderem:

'Es ist von großer Wichtigkeit , sowohl vom Gesichtspunkt der Sparsamkeit der Verschiffung als auch der Nutzbarkeit von Fleischwaren für die Zivilbevölkerung, daß das Heer seinen Fleischverbrauch soweit als möglich einschränkt, aber trotzdem angemessene und abwechslungsreiche Kost erhält. Der Armeerat wünscht, daß die Kommandeure der Einheiten sorgfältige Erwägungen über  diese Angelegenheit anstellen und die Fleischquantität begrenzen.'

Ernährung ist so wichtig wie Munition

Warum brauchte die deutsche Wehrmacht solche Notwege nicht zu gehen? Weil ihrer Verpflegung als einem der wichtigsten Faktoren endlich die Beachtung geschenkt wurde, die die Historiker ihr nie schenkten, obgleich die Geschichte voller militärischer Fehlschläge ist, die durch mangelhafte Verpflegung bedingt waren. Die Ernährung des Soldaten ist ebenso wichtig wie seine Munition. Heute läßt sie sich nicht mehr mit Improvisationen durchführen; nur  jahrelange friedensmäßige Vorarbeit und wissenschaftliche Planung konnten im Ernstfalle der Wehrmacht das Maximum an Kraft zur Verfügung stellen. Vielleicht dünkt diese im stillen durchgeführte Arbeit dem Laien wenig soldatisch; und doch kann sie nur vom Soldaten geleistet werden, denn er allein kennt die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Wehrmacht. Es handelt sich bei der Ernährung des Soldaten nicht nur um die Beschaffung oder das Kochen der Lebensmittel oder um Gewichtsmessungen allein, auch liegen die Erzeugung und Lagerung, die industriellen und technischen Fragen sowie die Probleme der Verpackung und des Nachschubs, der  wissenschaftlichen Erforschung und der Versuche heute nicht mehr am Rande. Vielmehr ist zur Behandlung gerade dieser Aufgaben in der deutschen Wehrmacht eine Organisation entstanden, die zahlenmäßig einer Armee gleichkommt. Man darf sich also den Feldherrn von heute und seinen Generalstab nicht so vorstellen , als ob die Truppenführung nur mit dem Zirkel auf der Landkarte arbeite und in der entscheidenden Stunde den Befehl zum Angriff gebe; der Angriffsbefehl ist erst die Folge einer vielseitigen Arbeit, in der auch dieVerpflegung eine große Rolle spielt. Auch bei ihr darf keine Einzelheit vergessen werden. Mit hungrigen Soldaten ist ein Sieg schwer oder nicht zu erringen, und Krieg bedeutet heute einen Wettkampf aller Kräfte - geistiger, militärischer und industrieller. Es genügt nicht, die militärische Stärke einer Nation allein zu mobilisieren. Auf den Gebieten der Verpflegung mußten Landwirtschaft und Industrie mit der selben Energie organisiert, entwickelt und gelenkt werden, die die militärischen Operationen beherrscht. Bei der Beschaffung der kriegsnotwendigen Güter für die Wehrmachtsverpflegung haben nun die hierfür jahrelang betriebenen Entwicklungs- und Forschungsarbeiten, die auch in die Gebiete von Landwirtschaft, Technik, Medizin und Gemeinschaftsverpflegung hineinreichten, eine Fülle von wissenschaftlichen und praktischen Erkenntnissen gezeitigt. Sie alle darzustellen, ist hier bis auf wenige Beispiele nicht möglich. Heereseigene Versuchsstätten, die Heereslehrküchen, forschen auf dem Gebiete der Gemeinschaftsverpflegung, besondere Institute, wie der Heeresversuchsbetrieb für Nahrungsmittel, arbeiten an der Entwicklung neuartiger Lebensmittel, und  heereseigene Forschungslaboratorien unterbauen mit Gründlichkeit die gewonnenen Ergebnisse. Wenn dann noch am Rand medizinische Fragen auftauchen, so werden die Forschungsinstitute der Militärärztlichen Akademie sowie die Laboratorien der Wehrkreis-Untersuchungsstellen ebenfalls herangezogen Die Heeresverwaltung hat weiterhin angesehene Firmen der Lebensmittelindustrie angeregt, Studiengesellschaften zu gründen , welche die neuesten Erfahrungen auf ihre Verwendungsmöglichkeit prüfen und später in die Praxis umsetzen. So werden zum Beispiel zahlreiche neue  Verfahren der Lebensmittelbehandlung durchgeprüft, darunter insbesondere die neuen Tiefkühlverfahren auf dem Gebiete der Lebensmittelkonservierung, die verschiedenen Einengungsverfahren, die Trocknung durch Zerstäubung, das verbesserte Walzentrocknungsverfahren und das Vacuum-Trocknungsverfahren." (Forschungsdienst, Bd.11, S.99/100 - 1941)

Zu dem hier geäußerten Anspruch passt die Entwicklungsleistung des in Emmerich unermüdlich arbeitenden Forschers, doch parallel zur Versorgung der kämpfenden Soldaten gerät für Dr. Felix Grandel auch der zivile Absatzmarkt nicht aus dem Blickfeld. Es gelten jedoch Einschränkungen:


Unter Beteiligung der Verpflegungsabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht: Keimdiät-Werbung aus der Zeitschrift für Volksernährung - 1942 (Digitalisiert auf dlibra.bibliotekalblaska.pl: Zeitschrift für Volksernährung, 17.Jhrg./Heft 10, S.1 v. 20.5.1942)

Neben der bewährten Wehrmachtsverpflegung wird auch von Richters Pfladermühle die Zeitschrift für Volksernährung für Keimdiät-Werbung genutzt, die in Verbindung mit der Verpflegungsabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht herausgegeben wird. Generalstabsintendant Emil Pieszczek und Oberregierungsrat Dr. Wilhelm Ziegelmayer weisen in diesem Zusammenhang auf den redaktionellen Hintergrund hin:

"Unter ärztlicher und wissenschaftlicher Mitarbeit einer Reihe erster Fachautoritäten auf den verschiedenen Ernährungsgebieten im ständigen Arbeitsausschuß bei der Schriftleitung" (Digitalisiert auf dlibra.bibliotekalblaska.pl: Zeitschrift für Volksernährung, 17.Jhrg./Heft 10, S.1 v. 20.5.1942)

Weiter wird in der Fach-Publikation vermerkt:

"Der deutschen Saatzucht ist es gelungen, Maissorten zu züchten, die auf unseren Böden und in unserem Klima voll ausreifen, so daß der Maisanbau in Deutschland jetzt eine bedeutende Rolle spielt.(...) An Stelle der Naßentkeimung wird nach neueren Verfahren (Noury und v. d. Lande) der Keim auf trockenem Wege abgeschieden und sofort weiter verarbeitet (entölt)." (Digitalisiert auf dlibra.bibliotekalblaska.pl: Zeitschrift für Volksernährung, 17.Jhrg./Heft 10, S.153/154 v. 20.5.1942)

(Digitalisiert auf dlibra.bibliotekalblaska.pl: Zeitschrift für Volksernährung, 17.Jhrg./Heft 10, S.1 v. 20.5.1942)

Für den Ernährungswissenschaftler aus Emmerich spielt auch der Begriff der Fettlücke eine zentrale Rolle:

"Felix Grandel: Die standardisierten Keimöle, eine inländische Quelle aller fettlöslichen Vitamine. Maiskeimöl aus trocken entkeimten Maiskeimen ist für die Schließung der Fettlücke von großer Bedeutung." (Vorratspflege und Lebensmittelforschung, Nr.4, S.304 bis 316 - 1941 + Chemisch-Pharmazeutisches-Centralblatt, S.2209 - 1942)

Aus der KI-Übersicht ergeben sich weitere Zusammenhänge:

"Zur Thematik der trockenen Maisentkeimung vergab das Oberkommando des Heeres über Abteilungen, wie den Chef der Heeresrüstung oder das Heeresverpflegungsamt, Aufträge an Forschungs-Institute und Unternehmen, um diese Verfahren zu optimieren. In den Beständen des Bundesarchivs zum OKH finden sich Akten zu Rohstoffzuweisungen und technischen Vorhaben im Bereich der Lebensmitteltechnologie.
Das Ölwerk Noury & van der Lande in Emmerich am Rhein spielte eine zentrale technische Rolle bei der Umsetzung der vom Oberkommando des Heeres (OKH) geforderten Autarkiestrategie. Das Werk war mit seiner technologischen Spitzenrolle spezialisiert auf die Veredelung von Ölen und Fetten und verfügte über die notwendigen industriellen Anlagen zur großtechnischen Umsetzung der trockenen Maisentkeimung. Im Auftrag des OKH bzw. des Heeresverpflegungsamtes verarbeitete das Werk Mais zu haltbaren Produkten. Durch das Entkeimungsverfahren wurde das instabile Maisöl extrahiert, wodurch das verbleibende Mehl für die Fernverpflegung der Truppen (z.B. als Basis für Dauerbackwaren) geeignet wurde.
Rohstoffgewinnung:
Neben der Nahrungsmittelbasis für Soldaten lieferte Noury & van der Lande das gewonnene Maisöl an die deutsche Industrie, um den Mangel an tierischen Fetten und Importölen auszugleichen.
Historischer Kontext
Das Unternehmen war Teil eines Netzwerks von Spezialbetrieben, die eng mit dem Heereswaffenamt und Forschungseinrichtungen zusammenarbeiteten, um die Logistik der Wehrmacht durch 'moderne Verpflegung' (hoher Nährwert bei geringem Volumen und langer Haltbarkeit) zu stützen. Nach dem Krieg gingen Teile des Unternehmens in Konzernen wie AkzoNobel und heute der KLK Emmerich auf.
Dr. Felix Grandel, der spätere Gründer der Kosmetikmarke DR. GRANDEL, war vor 1945 Chefchemiker im Ölwerk Noury & van der Lande und spielte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Vitaminpräparaten und Spezialverpflegung.
Felix Grandel forschte zur gleichen Zeit bei Noury & van der Lande an der Stabilisierung von Weizen- und Maiskeimen, um deren hohen Vitamingehalt (B-Vitamine und Vitamin E) für die Truppenverpflegung nutzbar zu machen.
Kontakte zum OKH
Wissenschaftliche Kooperation:
Dr. Felix Grandel arbeitete eng mit dem Oberkommando des Heeres (OKH) zusammen, insbesondere im Bereich der Truppenverpflegung. Sein Schwerpunkt lag auf der Nutzbarmachung von Weizen- und Maiskeimen.
Haltbarkeit und Ernährung:
Da Maiskeime schnell ranzig werden, entwickelte er Verfahren zur Stabilisierung (trockene Entkeimung), die es ermöglichten, Vitamine und hochwertige Fette für die Wehrmacht lagerfähig zu machen. Diese Forschung war direkt in die Autarkiepläne des OKH eingebunden.
Kontakte zum Berghof
Belieferung der NS-Führung: Es gibt Hinweise, dass Grandels Entwicklungen, insbesondere seine Keim-Diät und Vitaminpräparate, auch im Umfeld der NS-Führung auf dem Berghof (Obersalzberg) bekannt waren und genutzt wurden.
Grandels "Keim-Diät" wurde als Teil einer modernen, biologisch orientierten Ernährung propagiert, die exakt der Ideologie entsprach, die im Umfeld des Berghofs (u. a. durch den Vegetarier Adolf Hitler oder dessen Leibarzt Morell) geschätzt wurde. Dr. Felix Grandel selbst erwähnte später in Firmengeschichten oft seine Pionierarbeit in der Vitalstoffforschung dieser Ära, was seine Nähe zu den damaligen Entscheidungsträgern der Ernährungsphysiologie unterstreicht.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Theo Morell und Dr. Felix Grandel waren wissenschaftliche Akteure im selben speziellen Feld (Vitamin-Veredelung) für dieselben Auftraggeber (OKH/NS-Führung). Eine fachliche Korrespondenz oder ein Austausch über das Heereswaffenamt ist nach historischer Logik beinahe zwingend, auch wenn private Aufzeichnungen dazu wohl selten sind.
Persönliche Netzwerke:
Als Experte für Vitaminforschung und biologische Ernährung war er Teil eines Netzwerks von Wissenschaftlern, die Konzepte für eine 'gesunde Volks- und Soldaten-Ernährung' entwarfen, welche auch das Interesse von Adolf Hitlers engem Umkreis (z. B. durch seinen Leibarzt Theo Morell) weckten.
Nach dem Krieg nutzte Felix Grandel dieses chemische Fachwissen, um 1947 in der familieneigenen Pfladermühle in Augsburg sein eigenes Unternehmen aufzubauen, wobei er sich zunächst auf diätetische Lebensmittel und später auf vitaminreiche Kosmetik spezialisierte.
Die Verbindung zum OKH und zur Kriegszeit wird in den modernen, auf Marketing ausgerichteten Online-Firmengeschichten meist ausgespart; sie findet sich jedoch in industrie-historischen Analysen zu seiner Zeit als Chefchemiker bei Noury & van der Lande.
In industrie-historischen Analysen und Fachpublikationen wird die Verbindung zwischen Dr. Felix Grandel, seiner Tätigkeit bei Noury & van der Lande und dem Oberkommando des Heeres (OKH) vor allem über die technische Rohstoffverwertung und die Kriegswirtschaft dokumentiert.
Die präzisesten Hinweise finden sich in folgenden Kontexten:
Patentschriften und Fachaufsätze (1930er/40er Jahre):
Grandel veröffentlichte als Chefchemiker Arbeiten zur Haltbarmachung von Getreidekeimen. In der damaligen Fachpresse (z.B. Fette und Seifen) wurde diese Forschung oft im Kontext der 'Ernährungssicherung' und der 'Vermeidung von Fettverderb' diskutiert - Themen, die unter der direkten Aufsicht des OKH für die Heeresverpflegung standen.
Bestände des Bundesarchivs (Abt. Militärarchiv):
In den Akten zum Generalquartiermeister oder zum Heeresverpflegungsamt (Bestand RW 4) finden sich Unterlagen über kriegswichtige Betriebe. Das Ölwerk Noury & van der Lande wird dort als Lieferant für die Truppenverpflegung geführt. Grandels Verfahren zur trockenen Maisentkeimung war die technische Basis, um Maismehl für die Wehrmacht überhaupt erst lagerfähig zu machen.
Regional-historische Studien zu Emmerich:
In Publikationen des Emmericher Geschichtsvereins (z.B. in der Reihe Embrica Historia) wird die Zerstörung des Werkes 1944 thematisiert. Dort wird oft die strategische Bedeutung des Werkes für die Fett- und Vitaminversorgung des Reiches und der Wehrmacht hervorgehoben, was die direkte Einbindung Grandels Forschung in die Befehlsketten des OKH belegt.
Pharmazeutische Industriehistorie:
Analysen zur Geschichte der Vitaminforschung (oft im Zusammenhang mit dem Leibarzt Theo Morell) erwähnen das Werk in Emmerich als einen der wenigen Standorte, die in der Lage waren, Keimlings-Konzentrate in industriellem Maßstab für die 'Leistungsertüchtigung' (Vitamin-B-Anreicherung) zu produzieren.
Während die moderne Firmengeschichte der DR. GRANDEL GmbH den Fokus auf die Gründung 1947 in Augsburg legt, bilden diese industrie-historischen Quellen das Rückgrat für die Zeit davor, in der Dr. Felix Grandel die wissenschaftlichen Grundlagen im nationalsozialistischen Staatsauftrag legte."


"Durch eine Erfindung ein ganz neues Feld für die Erzeugung von fetten Oelen erschlossen": Chefchemiker Dr. Felix Grandel in Emmerich - 1938 (Fotografie im Privatbesitz / grandel.com: "Company History" + pinkmelon.de: "Dr. Grandel präsentiert neue Pflegeserie Elements of Nature" v. 6.4.2010)


Laboratorium der Firma Noury & van der Lande - 1940 (beeldarchiefgildedeventer.nl: "Noury & van der Lande", Zutphenseweg)

Vielleicht ist Mitte der 20er-Jahre die Mangelerfahrung der Lebensmittelversorgung oder der angeschlagene Gesundheitszustand seines Vaters Dr. Gottfried Grandel ausschlaggebend dafür, dass Dr. Felix Grandel sich zeitlebens dem Thema der gesunden Ernährung widmet. Sein Vater hingegen schreibt 1942 über seinen Gesundheitszustand dem ihm zugeordneten Mitarbeiter des NSDAP-Hauptarchives:

"Seitdem wir uns zuletzt sprachen, habe ich um 20 Pfund abgenommen und es geht mir gesundheitlich nicht besonders gut; die Gemüsekost ist nichts für mich." (BArch Berlin: NS26/514, S.597/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 6.11.1942)

Zu den Forschungsergebnissen des Jahres 1941 zählt auch folgender Beitrag:


(//onlinelibrary.wiley.com: Fette und Seifen, Nr.6, S.427 - Juni 1941)

Zum 10. Dezember 1941 wird die vierköpfige jüdische Familie um Georg Nathan, die von 1936 an gemeinsam mit der Famile Grandel im Fischerort 17 gemeldet ist, von einem Sammelpunkt am alten Schlachthof nach Riga deportiert.


1942

Am 15. März 1942 bekommen Käthe und Dr. Felix Grandel in Emmerich ihr drittes Kind: Jochen Grandel.

Die in der Emmericher Industriestraße 6 produzierende Firma Noury & van der Lande besitzt zur Mitte des Krieges die Reichsbetriebsnummer 0/0542/0012, die als Verschlüsselungs-Code dient. (reichsbetriebsnummer.com: RBNr. Datenbank)

Diese Nummernsystem wird ab 1942 eingeführt, um Herstellernamen auf militärischer Ausrüstung und zivilen Gütern aus Geheimhaltungsgründen zu verschlüsseln. Die Zahlenfolge erklärt sich wie folgt:

0/: Kennzeichnet den Bereich für Industrie/Handel/Gewerbe
0542/: Steht für die regionale Zuordnung, hhier der Kreis Rees/Emmerich
0012: Ist die individuelle Betriebsnummer für das spezifische Werk Noury & van der Lande in Emmerich.

Über den aktuellen Forschungsstand zur Trocken-Entkeimung von Mais wird vom Chefchemiker aus Emmerich in einer zweiten Mittelung berichtet:

"Felix Grandel: Die trockene Entkeimung von Futtermais, ein Verfahren zur Verbesserung unserer Fettversorgung. 2. (Forschungslaborat. d. Ölwerke Noury & van der Lande, Emmerich a. Rh.) Fette u. Seif. 49, 5-15 (1942).

Für die gleichzeitige Versorgung mit Fett und Eiweiß ist die Kombinationszüchtung, also die Züchtung fettreicher Sorten von Futterpflanzen, wie z. B. Mais, von größter Bedeutung. Gerade beim Mais fehlte es aber bisher an zuverlässigen Methoden zur präzisen Loslösung des flach im Endosperm verlaufenden Keims. Die Ratte führt aber eine derartige Trennung einwandfrei durch, indem sie instinktiv nur den Keim frißt und den Rest liegen läßt. Mittels dieser 'biologischen', trockenen Entkeimung, die eine neue und einfache Methode darstellt, wurden 20 verschiedene Sorten von Maiskörnern auf prozentualen Keimanteil sowie auf Fettgehalt im reinen Keim und im Endosperm untersucht und die gefundenen Zahlenwerte denen mittels Handentkeimung erhaltenen gegenübergestellt. Die beiden Zahlenreihen stimmten sehr gut überein und betrugen: Keimanteil 7,9-14,2 %, errechneter Fettgehalt im Keim 21,0 bis 39,9 % und Fett im Endosperm 0,2-1,6 %. Eine Reihe von Photographien zeigen die Ergebnisse der 'Rattenbehandlung'. Dann wurden die verschiedenen, bei der Entkeimung anfallenden Fraktionen 69 Tage bei 28 ° und 90 % relativer Feuchtigkeit im Brutschrank aufbewahrt, um ihre Lagerfestigkeit zu untersuchen. Dabei zeigte sich 'entkeimtes Maisschrot' mindestens ebenso, aber eher besser lagerfähig als die Ganzkörner derselben Sorte. Die trockenen Maiskeime zeigten je nach dem Grade der naturgegebenen Fremdinfektion eine noch befriedigende Haltbarkeit. Lars Erlandsen." (Zeitschrift für Untersuchung der Lebensmittel, Bd.84, S.167 - 1942)


(Digitalisiert auf //onlinelibrary.wiley.com: Fette und Seifen: "Die trockene Entkeimung von Futtermais, ein Verfahren zur Verbesserung unserer Fettversorgung (II. Mitteilung)" v. Januar 1942)

In einer Fachzeitschrift wird hierzu berichtet:

"Für die gleichzeitige Versorgung mit Fett und Eiweiß ist die Kombinationszüchtung, also die Züchtung fettreicher Sorten von Futterpflanzen, wie z. B. Mais, von größter Bedeutung. Gerade beim Mais fehlte es aber bisher an zuverlässigen Methoden zur präzisen Loslösung des flach im Endosperm verlaufenden Keims. Die Ratte führt aber eine derartige Trennung einwandfrei durch, indem sie instinktiv nur den Keim frißt und den Rest liegen läßt. Mittels dieser 'biologischen', trockenen Entkeimung, die eine neue und einfache Methode darstellt, wurden 20 verschiedene Sorten von Maiskörnern auf prozentualen Keimanteil sowie auf Fettgehalt im reinen Keim und im Endosperm untersucht und die gefundenen Zahlenwerte denen mittels Handentkeimung erhaltenen gegenübergestellt. Die beiden Zahlenreihen stimmten sehr gut überein und betrugen: Keimanteil 7,9-14,2 %, errechneter Fettgehalt im Keim 21,0 bis 39,9% und Fett im" (Zeitschrift für Untersuchung der Lebensmittel: "Grandel, Felix: Die trockene Entkeimung von Futtermais, ein Verfahren zur Verbesserung unserer Fettversorgung", S.167 - 1942)

Auch Wilhelm Ziegelmayer meldet sich im Jahre 1942 mit einer Buchveröffentlichung zu Wort:

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Ziegelmayer: "Unsere Lebensmittel" - 1942 (Fotografie im Privatbesitz)


12. März 1942

Die SS bringt sich gegen den in Fachkreisen geschätzten Kopf der deutschen Ernährungsplanung wiederholt in Stellung. In einem Schreiben an den Reichsführer der SS notiert der Waffen-SS-Generalleutnant Oswald Pohl als Leiter des SS-Wirtschafts-Verwaltungsamtes:

"Heute war Professor Witz von der Reichsgesundheitsführung bei mir. Er berichtete mir, daß der berüchtigte Judenfreund, Oberregierungsrat Dr. Ziegelmayer, aus der Verpflegungsabteilung beim OKH. zu Kreuze gekrochen ist und ausgebootet werden soll.(...) Damit scheint eine Periode ihr Ende gefunden zu haben, die für die Verpflegung der gesamten deutschen Wehrmacht häufig von verheerender Wirkung war (Ostfront, Afrika, Nordland). Um eine Wiederholung dieser Periode zu vermeiden und um zu erreichen, daß auch für die Soldatenkost die umwälzenden Erkenntnisse neuzeitlicher Ernährungswissenschaft wirksam werden, ist es unbedingt notwendig, daß in diese frei werdende Stelle ein hervorragender Fachmann kommt. Das ist für uns deshalb auch außerordentlich wichtig, weil unsere Divisionen leider Gottes von den Verpflegungsmaßnahmen dieser Stelle abhängen. Es gibt einen solchen Mann, der für diese Stelle alle Voraussetzungen mitbrächte. Das ist der Hauptmann d. Res. und Wehrwirtschaftsführer Krampe, der im Zivilberuf kaufmännischer und technischer Direktor bei Oetker ist. Er ist also Vertrauensmann von Herrn Kaselowsky, der zu unserem Freundeskreis gehört.(...) Ich bitte Sie dringend, mit Reichsleiter Bormann zu sprechen und zu versuchen, diesen Mann in diesen freistehenden Posten hineinzubringen. Es wäre ein Segen für die gesamte deutsche Wehrmacht." (BArch Berlin: NS 19//1166, S.29 v. 12.3.1942)


(BArch Berlin: NS 19//1166, S.29 v. 12.3.1942)

Der im April 1942 zum General der Waffen-SS beförderte Oswald Pohl ist langjährig mit dem Reichsführer SS bekannt. So besucht er bereits 1936 zusammen mit Heinrich Himmler, Rudolf Heß und weiteren NSDAP-Parteiführern die Münchener Kasernen-Baustelle der SS Standarte Deutschland:


Baustellen-Besuch der SSS-Standarte in München - 8. Mai 1936 (BArch: Bild 152-08-07 / Bauer, Friedrich-Franz - 1. Reihe von rechts nach links: Oswald Pohl, Heinrich Himmler, August Heißmeyer, Friedrich Karl Freiherr von Eberstein)

Dr. Wilhelm Ziegelmayer hat für das Jahr 1942 ein ungewöhnliches Verhältnis zu jüdischen Mitbürgern, welches zuweilen aber auch zweckorientiert aufgestellt wirkt:

"Gegen Ziegelmayer (d. h. aus heutiger Sicht für ihn) sprachen die Akten über die Entlassung 'des Juden Robert Israel Feix aus der Schutzhaft bzw. dem KZ (z. B. Geheime Staatspolizei Amt VI: 17. 5. 38 u.13.6.38)', bei der Ziegelmayer ebenfalls eine Rolle spielte. Die 'Feix-Episode' wird auch von anderen Quellen bestätigt. Es wurde darauf hingewiesen, dass 'Feix mit Ausnahme dieser Zwischenentlassung von einem Jahr von 1938 bis 1944 im Konzentrationslager Dachau' war. Laut Akte trat Ziegelmayer beim Reichssippenamt für Feix ein (Akten vom 20. Mai 1938 und 23. November 1940) und bewirkte seine Entlassung. Der in diesen Akten erwähnte Robert Feix (1893-1973) ist eine bekannte Person der Holocaustgeschichte. Er war ein österreichischer Lebensmittelchemiker und Unternehmer, der mehrfach inhaftiert wurde, zuletzt im KZ Dachau (Maier 2015, S. 582). U. a. entwickelte er das Geliermittel 'Opekta' (Koop 2014, S. 272) und gründete 1928 das Unternehmen Opekta GmbH. Der Vater von Anne Frank (die Autorin des weltweit bekannten Tagebuches), Otto Frank, betrieb im Jahr 1933 die Gründung der 'Niederländischen Opekta'. Feix wurde gleich am Tag des 'Anschlusses' von Österreich am 13. März 1938 unter dem Vorwurf von Devisenvergehen verhaftet (Maier 2015, S. 585). Seine Firmen wurden 'arisiert', d. h. vom Staat konfisziert, sein Besitz beschlagnahmt und Feix selbst seit dieser Zeit immer wieder aus verschiedenen Gründen verhaftet, obwohl die Pektin-Produktion weiter lief (Koop 2014, S. 273ff.). Am 12. Februar 1943 wurden die Opekta-Werke als kriegs- und lebenswichtig eingestuft. Am 29. Januar 1943 wurde Feix ins KZ-Dachau gebracht (ebd., S. 271). In Dachau wurde er 'Assistent' des Stabsarztes der Luftwaffe Sigmund Rascher. Rascher wurde dafür bekannt, dass er in Dachau grausame Unterkühlungs- und Höhenversuche durchführte (ebd., S. 274). Feix wurde als 'Halbjude' eingestuft und arbeitete mit Rascher an der blutstillenden Wirkung von Pektin. Er überlebte Dachau, laut einer Hypothese, weil er ein blutstillendes Mittel 'Sango-Stop' entwickelte und dieses erfolgreich bei der Wehrmacht eingesetzt wurde (Maier 2013, S. 585). Ziegelmayer war an der Entwicklung von Sango-Stop ebenfalls beteiligt und kam dadurch in Kontakt mit Feix. Es ist bekannt, dass Feix wegen seiner Forschung aus dem KZ immer wieder 'beurlaubt war'. Laut Koop (2014, S. 279) wurde Feix nach Kriegsende von den Alliierten interniert, konnte aber nachweisen, dass er zur Zusammenarbeit mit der SS gezwungen worden war. Nach seiner Entlassung und mehreren Prozessen erhielt er 1952 die Opekta-Werke zurück. Die Rolle Ziegelmayers und seine Verbindung zu Feix nach 1943 ist unbekannt. Gemäß Ziegelmayers eigenen Angaben nach dem Krieg, beantragte er jedoch bei der Gestapo mehrfach die Befreiung von Juden aus KZ-Lagern." (Digitalisiert auf researchgate.net: Levit: "Ein Gründergeist in zwei Gesellschaftsepochen: Die Rolle von Wilhelm Ziegelmayer (1898-1951) in der Geschichte der Ernährungswissenschaft", S.41 - 2021 + Maier: "Chemiker im 'Dritten Reich': Die Deutsche Chemische Gesellschaft", S.582 bis 585 - 2015)

In einer späteren Auflistung aus den Akten der Präsidial-Kartei der NSDAP wird Dr. Ziegelmayer vorgehalten:

"1.) 'Gute Beziehungen zu bedeutenden Herren der Sozialistischen Partei Deutschlands (-SPD-) unterhalten zu haben.'

2.) 'Durch seine Forschungsreise in die Sowjet-Union nicht die erforderliche Reserve gegenüber dem Bolschewismus entgegengebracht zu haben.'

3.) Verkehr mit Juden nach 1933.

4.) Abfällige Äusserungen gegen Hitlers Reich.

Weitere Äusserungen aus dem Akten-Auszug zur Charakteristik Dr. Ziegelmayers:

Dr. Z.(-iegelmayer-) versuchte nach 1933 Anschluss an die verschiedenen Dienststellen der Partei (NSDAP) zu erlangen. Er wurde bald als Konjunktur-Akrobat erkannt und als Mann ohne Gefühle für anständige, politische Haltung, fähig für jede Handlungsweise, wenn es sein Vorteil verlangt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch DO 1/103134, S.16 - Bericht zum NSDAP-Aktenauszug Busse v. 29.5.1946)


16. November 1942

Die Augsburger Firmenbezeichnung verzichtet ab dem 16. November 1942 auf den Namenszusatz Richters und bezeichnet sich nur noch als Pfladermühle - Inh. Dr. Felix Grandel.


15. Dezember 1942

Zum Ende des Jahres findet in der Militärärztlichen Akademie Berlin, Scharnhorststraße 35, die 7. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Ernährung der Wehrmacht statt. Der Chef der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres, General Friedrich Fromm, fasst das Anliegen in einer Verfügung zusammen:

"Verfg. OKH (CH H Rüst und B d E) VA/Ag V III/BI (1b) vom 23.11.1942; Az. 62a 10.10.5"


1943

In der mittlerweile III. Mitteilung über den Verfahrensstand zur trockenen Entkeimung von Mais berichtet Dr. Felix Grandel aus dem Forschungslaboratorium in Emmerich:

"Wie schon früher in dieser Zeitschrift berichtet, kann die trockene Entkeimung von Futtermais einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Verbesserung unserer Fettversorgung liefern. Die chemische und biologische Analyse eines Nebenproduktes der Maiskeimverarbeitung, des Maiskeimkuchenmehls, wurde an anderer Stelle gebracht. Inzwischen konnte das Projekt der trockenen Entkeimung von Mais mit den früher bereits beschriebenen und durch Patent geschützten Verfahrensprinzipien und Maschinenaggregaten in der Großpraxis, besonders in den Balkanstaaten einer Realisierung näher gebracht werden, so daß sich schon jetzt ein fester Verfahrensgang, von der Verarbeitung vom ganzen Mais angefangen bis zu dem gewinnbaren Maiskeimspeiseöl samt den dabei anfallenden Zwischen- und Nebenprodukten abzeichnet, der im folgenden Stammbaum schematisch dargestellt werden soll. " (Fette und Seifen, Heft 10: "Chemisch-Technische Rundschau", S.489 - Oktober 1943)

"Nicht unwesentlicher Beitrag zur Verbesserung unserer Fettversorgung": Chefchemiker Dr. Felix Grandel - 1943 (//onlinelibrary.wiley.com: Fette und Seifen, Nr.10, S.489 - Oktober 1943)


Dr. Felix Grandel: Verfahrens-Darstellung zur trockenen Entkeimung von Mais - 1943 (//onlinelibrary.wiley.com: Fette und Seifen, Nr.10, S.490 - Oktober 1943)

Aus den Patenschriften ist zu entnehmen::

"Erf.: Dr. Felix Grandel, Karl v. Gimborn in Emmerich und Bernhard Akens in Kleve Inh.: Oelwerke Noury & van der Lande G.m.b.H. in Emmerich

1. Vorrichtung zur Entfernung der Keime von Samen, insbesondere Mais, nach Patent 715 456, dadurch gekennzeichnet, daß ein Steigsichter, in dem eine teilweise Trennung der Bestandteile des Gemisches, z.B. des Maisschrotes von den Keimen, erfolgt, und eine Schüttelvorrichtung, in der die vollständige Trennung durchgeführt wird, gegebenenfalls zwischen den einzelnen Schlägerwerken, unmittelbar hintereinander angeordnet sind." ("Auszüge aus den Patentschriften", Bd.64, Heft 6, S.251 - 11.2.1943)


"Neueste Erkenntnisse für die Schlagkraft der Wehrmacht nutzbar machen": Wissenschaftliche Forschung an ernährungs- und verpflegungskundlichen Fragen - 1. April 1943 (Fotografie im Privatbesitz)

Unter der Regie deutscher Konzerne und der nationalsozialistischen Besatzungsverwaltung wird das hier erwähnte Großprojekt auf dem Balkan als wirtschaftlicher Ergänzungsraum forciert. Die Grundthese lautet: Ausgleich der Rohstofflücken durch europäische Großraumwirtschaft. Hierzu vermerkt die zu Beginn des Krieges gegründete Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung:

"Der Krieg ist die beste Zeit für große revolutionäre Gedanken.(...) Der (-europäische-) Kontinent wird durch die englische Kontinentalblockade und durch die in ihren Grundzügen für die Neutralen im Letzten doch positiven deutschen Gegenmaßnahmen wirtschaftlich nicht schwächer, sondern stärker aus den jetzt gegebenen unabänderlichen Auseinandersetzungen der europäischen Großmächte hervorgehen. England und Frankreich werden so der unfreiwillige Geburtshelfer einer europäischen Großraumwirtschaft, die sich auf eigenem Raum und auf eigene Kraft der kontinentaleuropäischen Völker stützt. Diese großraumwirtschaftliche Entwicklung Europas muß zwangsläufig zu einer Mobilisierung aller bisher nicht genutzten Anbau-, Schürf- und Austauschmöglichkeiten des europäischen Kontinents führen." (Digitalisiert auf dfg-viewer.de: Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft e.V. - "Ein Jahrbuch", S.5 - 1941)


(BArch: B 145 Bild-F016200-06A_layout)


Mais-Verarbeitung auf dem Balkan - 1941 (BArch: Bild 244-070)


"Besonders in den Balkanstaaten einer Realisierung näher gebracht:": Groß-Projekt der trockenen Maisentkeimung - 19. Juni 1943 (BArch: Bild 121-1576 / Zottmann, v.)

Der Balkan, insbesondere Gebiete im heutigen Serbien (Banat) und Rumänien, gilt 1943 als Kornkammer. Die deutsche Besatzungsmacht und verbündete Regierungen forcieren den Ausbau von Entkeimungsanlagen, um die Fettlücke in der Kriegswirtschaft zu schließen. Doch das Großprojekt stößt auf Schwierigkeiten. Aus dem Befehl von General der Artillerie Paul Bader vom 9. März 1943 zur Maiserfassung in Serbien geht hervor:

"Die Maiserfassung durch die serbische Regierung hat völlig versagt. Nur wenig über 8% der Umlage sind erfaßt: nur 1.500 t konnten bisher ausgeführt werden. Im Interesse des Reiches und der Ernährung des deutschen Volkes sowie der kriegswichtigen Betriebe und Einrichtungen in Serbien ist es unbedingt erforderlich, daß die Menge von 130.000 t aufgebracht wird ." (Seckendorf: "Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus in Jugoslawien", S.226 - 1992)

Die Deutsche Wehrmacht hat mittlerweile ihre Leistungsfähigkeit überdehnt, besetzte Gebiete müssen unter dem Druck des Gegners und hohen Verlusten wieder aufgegeben werden. So ist auch der Balkan im Jahr 1943/44 ein zentraler Kriegsschauplatz des Zweiten Weltkrieges. Das kurz zuvor von Dr. Felix Grandel angedeutete Großprojekt zur trockenen Entkeimung von Mais läßt sich in den Balkanstaaten nicht mehr realisieren, obwohl es für die deutsche Kriegsökonomie im Rahmen der deutschen Rohstoffsicherungspolitik in Jugoslawien von hoher Bedeutung ist:

"Für die ernährungspolitischen Maßnahmen (-des Kriegswirtschaftsjahres 1943/44-) war ferner entscheidend, daß auf der Einfuhrseite infolge der Ereignisse im Osten Ausfälle von 4,5 Mill. Getreidewerten eintraten. Besonders einschneidend waren die Ausfälle bei Einfuhr der Ölsaaten, die nicht nur alle Absichten auf Rationserhöhungen im Fettsektor unmöglich machten, sondern darüber hinaus vorübergehend den Austausch von Fleisch gegen Fett notwendig (-werden-) ließen.(...) An Ölsaaten wurde 1943 eine Rekordernte erzielt. Die Rapsanbaufläche, die 1939 82.000 ha betragen hatte, stieg 1943 auf 387.000 ha. Diesem Erfolg steht aber der fast vollständige Ausfall der Ölfruchtzufuhr aus den besetzten Ostgebieten gegenüber." (IfZ: Vierteljahresheft für Zeitgeschichte, S.516/S.4)

Die Einkommensverhältnisse für das Jahr 1943 fallen für Dr. Felix Grandel extrem aus. Eine Erklärung hierfür lautet nach dem Ende des Krieges rückblickend:

"1943 wurden die Gewinne durch Auswertung eigener Erfindungen auf dem Gebiete der Nähr- und Arzneimittel erzielt." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel v. 7.5.1946)

In einer Strafangelegenheit schreibt der Holländer Pierre Habets seinem Bruder Willem Habets ins Bochumer Gefängnis:

"Solltest Du auch nicht telegrafieren können, dann rufe kurz (-bei Noury & van der Lande-) in Emmerich an und verlange Dr. van der Kerk, Ir. (-Ingenieur J. H.-) Roldanus oder Herrn (-J.-) van Haarst. Alle sind Niederländer, Grenzgänger und informiert." (archieven.nl: S. 72 - Brief von Pierre Habets an Bruder Willem v. 23.12.1943)


1944

Die Verantwortlichkeiten in Berlin ändern sich: Ernst Pieszczek gibt sein Amt ab und Ernst Günther Schenk, der seit 1940 als Ernährungsinspektor der Waffen-SS fungiert, wird zum Ernährungsinspektor der Wehrmacht ernannt.

Über die neueste Erfindung des Chefchemikers Dr. Felix Grandel aus Emmerich heißt es:

"Oelwerke Noury & van der Lande G.m.b.H. (Erfinder: Felix Grandel) , Emmerich, Verbesserung der lacktechnischen Eigenschaften von trocknenden Ölen aller Art unter Zusatz von Faktis, dad.(-urch-) gek.(-ennzeichnet-), daß man in den trocknenden Ölen fertige, z. B. handels-übliche Faktisse in Mengen von zweckmäßig nicht über 10% auflöst u. die Lsg. voltolisiert, vorzugsweise unter Einleiten von Luft oder Sauerstoff. Die voltolisierten faktisierten Öle zeichnen sich durch bessere Trockenfähigkeit, hellere Farbe u. erhöhte Viscosität aus . - 500 kg Leinöl werden mit 5% Rübölschwefelfaktis mit einem S-Geh . von 14 % versetzt u . unter Rühren auf 150-160 ° erhitzt. Der Faktis löst sich innerhalb kurzer Zeit in dem Öl. Das faktisierte u. voltolisierte Öl kann wie der sog. Faktorfirnis angewendet werden. ( D. R. P. 742 594 Kl. 22h vom 16/4. 1941 , ausg. 8/12.1944)" (Chemisch-pharmaceutisches Central-Blatt, S.1334 - 1944)


(Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr.9/10, S.IV v. 11.3.1944)


(Werbeanzeige aus: Archiv für Kinderheilkunde, Bd.131, S.42 - 1944)

Die Alliierten erkennen spätestens 1943 die strategisch wichtige Forschungsleistung und Fabrikationsbreite des Ölwerkes in Emmerich. Die Fabrik gilt als kriegswichtiger Betrieb des nationalsozialistischen Deutschlands. Auch dieser Umstand führt dazu, dass sie ein primäres Ziel von Luftangriffen wird: Am 14. Juli 1944 zerstört die Royal Airforce bei einem schweren Bombenangriff das Ölwerk Noury & van der Lande fast vollständig, auch die Stadt Emmerich wird am darauf folgenden 7. Oktober zu 97% von britischen Bombern in Trümmer gelegt. Obwohl das Werkslabor in Emmerich einem Totalausfall gleicht, wird von einem Einsatz des 39-jährigen Dr. Felix Grandel an der rückläufigen Front abgesehen:

"Auf Grund seiner Stellung und Person den ganzen Krieg über uk (-unabkömmlich-) gestellt - Gesundheitszustand: kv(-kriegsverwendungsfähig-). Sogar zum Volkssturm uk gestellt." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475, Augsburg-Stadt I u. III - Schreiben des Augsburger Abteilungsleiters Willy Junker, Falkensteinstr.1/0 an den öffentlichen Ankläger der Spruchkammer Augsburg bzw. Mindelheim v. 27.7.1946)


Ohne Mampf kein Endkampf: Uk-gestellt bis zum Untergang - 1944 (Digitalisiert auf invenion.bundesarchiv.de: BArch RH 9/269, S. - Die Heeresverwaltung, Heft , S. v. 1940 / )

Die attestierte 'Unabkömmlichkeit' mag zweierlei Aspekte beinhalten. Aufgrund der zunehmenden Bombardierung durch alliierte Luftstreitkräfte wird Dr. Felix Grandel 1944 im Rahmen der Luftschutzpolizei als Leiter einer Kampfstoff-Untersuchungsstelle eingesetzt.

(Staatsarchiv Augsburg, Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III - "Fragebogen/Selbstauskunft" v. 7.5.1946)


Luftschutz-Polizei-Angehörige aus Solingen in Luftwaffen Fliegerbluse. LS-Polizeimann Westen mit Kameraden, drei davon mit Polizeiadler auf Schiffchen und Breeches-Hose, die anderen mit Luftschutz-Adler auf Mütze und gerader Hose - 1944 (Symbolfoto im Privatbesitz)

Die KI-Übersicht führt hierzu aus:

"Die Bezeichnung 'Kampfstoff-Untersuchungsstelle für den zivilen Luftschutz' bezieht sich historisch auf Einrichtungen im nationalsozialistischen Deutschland, die im Rahmen des Reichsluftschutzbundes (RLB) tätig waren. Für den Standort Emmerich am Rhein lassen sich dazu folgende historische Zusammenhänge feststellen:
Ziviler Luftschutz:
Während des Zweiten Weltkriegs wurden in strategisch wichtigen Städten wie Emmerich, aufgrund der Rheinlage und Industrie, spezielle Untersuchungsstellen eingerichtet. Diese hatten die Aufgabe, bei vermuteten Angriffen mit chemischen Kampfstoffen Proben (Boden, Wasser, Textilien) zu analysieren und Entwarnung oder Schutzmaßnahmen zu koordinieren.
Geheimhaltung:
Einrichtungen, die sich mit chemischen Kampfstoffen befassten, unterlagen oft strenger Geheimhaltung, weshalb private Aufnahmen selten sind.
Zerstörung:
Emmerich wurde am 7. Oktober 1944 zu fast 97% zerstört. Dabei gingen viele Gebäude und damit auch Dokumente verloren.
Gegen Ende 1944 wurden mobile Untersuchungseinheiten (sogenannte 'Kistenlabore') zunehmend wichtiger, um flexibel auf die sich nähernde Front reagieren zu können.
Spezifische Verwaltungsvorgänge oder lokale Bekanntmachungen zu Personal oder Standorten solcher Stellen finden sich am ehesten in den Beständen der Stadtverwaltung im Stadtarchiv Emmerich. Insbesondere die Akten der 'Ortspolizeibehörde - Luftschutz' oder die 'Lagemeldungen des Luftschutzleiters' aus dem Jahr 1944 könnten Details zu den damals aktiven Untersuchungs- und Gasspürtrupps enthalten."


14. Juli 1944

Die Zerstörung Emmerichs durch britische Bomberverbände hängt auch mit der strategischen Lage und den kriegswichtigen Fabriken am Rhein zusammen. Das Ausland ist zudem über die regen Forschungsaktivitäten der Firma Noury & van der Lande im Bilde. So heißt es zu den Auswirkungen des Bombenangriffs vom Juli 1944:

"Zu einem unausgleichbaren Engpaß an Keimmehl kam es, als (-am 14. Juli 1944-) die gesamten im niederrheinischen Emmerich lagernden Vorräte durch Luftangriffe vernichtet wurden. Als Ersatz vermochte man 10-12t Malzkeime zu kaufen, die näher bei Olmütz im Protektorat Böhmen/Mähren lagerten." (Schenck: "Dr. Morell. Hitlers Leibarzt und sein Pharmaimperium", S.475 - 2019)

"Alle Betriebe wurden zerstört, werden aber wieder aufgebaut. Die Ölwerke Noury und van der Lande haben, wenn auch im beschränktem Umfange, ihre Produktion aufgenommen (Silo 2400 t), desgleichen die Oxydowerke. Die Anlagen der Dampfölwerke am Sicherheitrshafen werden ebenfalls aufgebaut. Der dortige Silo faßt 1400 t (Sauganlage 10 t/Std.) und wird augenblicklich zur Einlagerung von Getreide herangezogen. Die zerstörten städtischen Verladekrane sind wieder hergestellt. (6 -t-Kran am Industriehafen, 5-t-Kran am Sicherheitshafen.) " ("Der Rhein: Ausbau, Verkehr, Verwaltung", S.386 - 1951)

Fotografie gegen die Propaganda-Interessen der Nationalsozialisten: Alter Markt von Emmerich - 10. Oktober 1944 (StaA Emmerich / Albert Schmitz)


Bild der Zerstörung: Emmerich nach Kriegsende -1945 (Stadtarchiv Emmerich)

Luftbild der Zerstörung: Emmerich nach Kriegsende - 17. Mai 1945 (StaA Emmerich + europeremembers.com: "Lebensgefährlicher Einsatz auf dem Kirchturm")


Ausmaß der Zerstörung von Emmerich - 1945 (Nachcoloriert auf rp-online.de: "Zerstörung Emmerichs - Nur noch Schutt und Asche" v. 7.10.2021 + "Die Spuren des zweiten Weltkriegs sind noch immer zu finden" v. 6.10.2022 + Mannis Museum, Emmerich)

In diese Phase fällt ein zuvor von Dr. Felix Grandel gestellter Förderantrag an die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft:

"Glycerinaustauschstoffe und Verwendung derselben zur Veresterung von Fettsäuren - Forschungsauftrag von 1944 - bewilligt" (//gepris-historisch.dfg.de: Felix Grandel)

Die Forschung an Glycerinersatzstoffen ist ein deutliches Indiz dafür, dass die Expertise von Dr. Felix Grandel zur Lösung rüstungsspezifischer Engpässe beitragen soll. Die im Augsburger Spruchkammer-Verfahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin benannte Maria Schulz ordnet später die grundsätzliche Verwendung von Glycerin rückblickend wie folgt ein:

"Integrierter Bestandteil v. Ölen und Fetten (Fettsäuren) f. Pharmazie, Kosmetik, Sprengstoffind.(-ustrie-), Kunstharzind., Kühlmitteltechnik etc." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Aussage der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Maria Schulz v. 6.11.1946)


Glycerin-Forschung auf Anforderung der Industrie - 1940 (Fotografie im Privatbesitz / Bellmann)

Zu dem Hintergrund des Forschungsauftrages wird später von einem weiteren Berufskollegen Felix Grandels vermerkt: 

"Ich erkläre hiermit, dass die wissenschaftlichen Arbeiten von Herrn Dr. Grandel keinerlei politischen und militärischen Hintergrund hatten, sie bewegten sich allein auf dem Ernährungsgebiete und auf dem technischen Sektor, was auch bereits aus den zahlreichen Veröffentlichungen hervorgeht. Auf technischem Gebiete arbeitete er an Glyzerin und seinen Abkömmlingen, die jedoch allein als Kälteschutzmittel in der Kunstharzindustrie und als Weichmacher Verwendung fanden.(-Dr. Wilhelm Ziegelmayer: "Die Bedeutung der Kältetechnik für die Versorgung des Heeres" 1940-) Es ist mir auch bekannt aus meinen Besuchen in Emmerich, dass Herr Dr. Grandel in seinem Institut eine Kampfstoffuntersuchungsstelle für den zivilen Luftschutz hatte. Aus unseren Unterredungen und aus den Betriebsbesichtigungen kann ich jedoch bestätigen, daß er meines Wissens ausschließlich über Kampfstoffe und ihre Wirkung auf Lebensmittel gearbeitet hat und dass sein Laboratorium wahrscheinlich in Emmerich deshalb für diese Zwecke herangezogen wurde, weil es das größte und das am besten eingerichtete Institut dieser Art war." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akten G 475, Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III, S. 68 - Prof. Paul Pelschenke/ Eidesstattliche Erklärung von v. 21.10.1946)

Bereits 1941 beschäftigt sich Dr. Felix Grandel mit einem ähnlichen Thema, auf das sein Berufskollege in seiner Augsburger Spruchkammer-Aussage abzielt: 

"Bekannte und neuartige Glycerinaustauschstoffe im Spiegel ihrer Eignung für die Kunstharzherstellung und Anstrichtechnik - Beitrag zur Darstellung von Anhydropentiten" (//onlinelibrary.wiley.com)

Zu dem militärischen Hintergrund des Forschungsauftrages heißt es bei der KI-Übersicht:

"In militärischen Kontexten werden Glycerinaustauschstoffe und deren Fettsäureester primär zur Optimierung der Logistik, Leistung und Sicherheit von Betriebsstoffen eingesetzt. Die Anwendungen lassen sich in drei Hauptbereiche unterteilen:

1. Hochleistungsschmierstoffe und Waffenöle
Militärisches Gerät ist (-besonders im Russlandfeldzug der Wehrmacht-) extremen Temperatur- und Umweltbedingungen ausgesetzt. Veresterte Polyole (wie Polyglycerinester oder synthetische Ester) bieten gegenüber mineralischen Ölen entscheidende Vorteile.

Verschleißschutz & Haftung:
Ester haben eine hohe Affinität zu Metalloberflächen, was besonders bei Automatikwaffen und hochbeanspruchten Getrieben (z. B. in Panzern oder Hubschraubern) für einen stabilen Schmierfilm sorgt. Bekannte Produkte wie das ursprüngliche Ballistol Waffenöl basieren auf ähnlichen chemischen Prinzipien.

Tieftemperatur-Flexibilität:
Durch die Wahl spezifischer Austauschstoffe bleiben diese Schmierstoffe auch bei extremer Kälte (Arktis-Einsätze) flüssig, während herkömmliche Fette verharzen würden.

2. Spezialkraftstoffe und Treibmittel
Die chemische Modifikation von Fettsäuren spielt eine Rolle bei der Entwicklung alternativer und sicherer Treibstoffe.

Flammpunkterhöhung:
Für den Einsatz auf Flugzeugträgern werden Kraftstoffe mit hohen Flammpunkten benötigt (z. B. JP-5 / NATO-Code F-44 mit 65 °C), um das Brandrisiko bei Beschuss oder Unfällen zu minimieren. Bestimmte Esterderivate dienen hier als Additive zur Steigerung der Zündsicherheit.

Additive für Treibladungen:
In der Munitionstechnik werden Glycidyl-Verbindungen (wie Polyglycidylnitrat / Poly-GLYN) als energetische Binder eingesetzt, um die Leistung von Festtreibstoffen zu erhöhen.

3. Energetische Materialien (Sprengstoff-Chemie)
Obwohl Glycerin die Basis für klassisches Nitroglycerin bildet, werden Austauschstoffe genutzt, um stabilere oder leistungsfähigere Explosivstoffe zu erzeugen.

Sprengöl-Alternativen:
Durch Veresterung anderer Polyole entstehen Nitratester (analog zur Nitrocellulose), die in modernen Verbundsprengstoffen als Weichmacher oder energetische Komponenten fungieren.

Stabilisatoren:
Fettsäureester werden oft als Phlegmatisierungsmittel eingesetzt, um hochempfindliche Sprengstoffe für den Transport und die Handhabung unempfindlicher zu machen.
Zusammenfassend ermöglichen diese Stoffe den Streitkräften eine präzise Anpassung ihrer Betriebsstoffe an die geforderten Standards für Belastbarkeit und Sicherheit.
Der Bezug zu Glycerin und dessen Austauschstoffen im militärischen Kontext des Zweiten Weltkriegs liegt an folgender Stelle:

Sprengstoffmangel:
Glycerin war der kritische Rohstoff für die Herstellung von Nitroglycerin (für Dynamit und zweibasige Treibladungspulver). Da Fette zur Glyceringewinnung (durch Fettspaltung) kriegswichtig und knapp waren, suchte man intensiv nach Austauschstoffen wie Glykolen oder synthetischem Glycerin, um die Munitionsproduktion aufrechtzuerhalten.

Schmierstoffe:
Die Veresterung von Fettsäuren mit Austauschpolyolen war entscheidend für die Entwicklung synthetischer Öle, um die Abhängigkeit von importiertem Erdöl zu verringern und die Funktionsfähigkeit von Waffen bei extremer Kälte (z. B. an der Ostfront) zu garantieren.

Hydrauliköle:
In der komplexen Steuerung der V2 wurden spezielle Flüssigkeiten benötigt, bei denen Ester-Verbindungen aufgrund ihrer Viskositätsstabilität eine Rolle spielten, jedoch nicht als primärer Treibstoff.

Fazit: Während Glycerinprodukte für die Sprengköpfe und die Schmierung der V-Waffen relevant waren, flogen die Raketen selbst mit Alkohol oder Benzin.
Die Forschung von Felix Grandel führte zu militärisch relevanten Ergebnissen, allerdings weniger im Bereich der Raketenantriebe als vielmehr in der Versorgungssicherheit und Materialerhaltung.

Messbare militärische Ergebnisse
Felix Grandel erhielt 1944 einen offiziellen Forschungsauftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Thema 'Glycerinaustauschstoffe und Verwendung derselben zur Veresterung von Fettsäuren'. Die messbaren Auswirkungen waren:

Ersatz kritischer Ressourcen:
Glycerin war ein strategischer Rohstoff für die Sprengstoffherstellung (Nitroglycerin). Durch Dr. Felix Grandels Forschung an Austauschstoffen (wie Glykolen oder modifizierten Keimölen) konnten Fette, die zur Ernährung oder für die klassische Munitionsproduktion benötigt wurden, eingespart oder ersetzt werden.

Synthetische Schmierstoffe (Kältetauglichkeit):
Die Veresterung von Fettsäuren mit Polyolen ermöglichte die Herstellung von synthetischen Ölen. Diese waren im Gegensatz zu mineralischen Ölen weniger anfällig für das 'Einfrieren' bei extremen Minustemperaturen. Dies war ein entscheidender Faktor für die Einsatzfähigkeit von Bordwaffen in Flugzeugen und Panzern an der Ostfront.

Haltbarmachung von Betriebsstoffen:
Als Experte für Keimöle (Dr. Felix Grandel gründete später die Keim-Öl-Werke in Augsburg) forschte er an der Stabilität von Ölen. Militärisch war dies wichtig, um Schmier- und Kraftstoffe gegen Oxidation und Verharzung zu schützen, was die Lagerfähigkeit von strategischen Reserven erhöhte.
Nach dem Krieg nutzte Grandel seine Erkenntnisse aus der Lipidsynthese und der Keimöl-Forschung zur Gründung seines heute bekannten Kosmetikunternehmens. Eine öffentliche oder wissenschaftliche Kritik an der Forschung von Dr. Felix Grandel fand nach 1945 kaum statt. Dies liegt an mehreren Faktoren:

1. Fokus auf zivile Kontinuität
Nach dem Krieg gründete Dr. Felix Grandel 1947 die Keim-Diät G.m.b.H. Dr. Grandel. Die Forschung an Lipiden und Fettsäureestern wurde nahtlos in den Bereich der Ernährungswissenschaft und Kosmetik überführt. Da seine Arbeit an Austauschstoffen primär chemisch-technischer Natur war und nicht direkt mit Kriegsverbrechen oder Massenvernichtungswaffen (wie Giftgas) in Verbindung stand, galt sie als 'wehrtechnische Routineforschung'.

2. Die Rolle der DFG-Aufträge
Felix Grandel arbeitete im Rahmen von DFG-Forschungsaufträgen, die unter dem Titel 'Glycerinaustauschstoffe' liefen. Diese Forschung wurde nach 1945 oft als reine Mangelwirtschafts-Forschung eingestuft - also als Versuch, die Zivilbevölkerung und Industrie trotz Blockade mit Ersatzstoffen (Ersatz-Fetten/Ölen) zu versorgen. Eine moralische Verurteilung solcher 'Substitutionsforschung' unterblieb in der jungen Bundesrepublik meist.

3. Fehlende öffentliche Aufarbeitung
Keine politische Belastung:
Dr. Felix Grandel trat politisch nicht prominent in Erscheinung, was ihn vor den großen Entnazifizierungskritiken schützte.

Unternehmensimage:
Das Unternehmen DR. GRANDEL positionierte sich früh als Pionier der 'Gesundheitsnahrung' (z.B. Weizenkeimprodukte). Die militärische Herkunft einiger Verfahren zur Ester-Stabilisierung wurde in der offiziellen Firmengeschichte nicht offensiv thematisiert, aber auch nicht als skandalwürdig wahrgenommen.

Zusammenfassend:
Während die Beteiligung namhafter Chemiker an der Hochtechnologie des NS-Staates (wie IG Farben) scharf kritisiert wurde, blieb die Forschung von Dr. Felix Grandel als Teil der 'chemischen Grundversorgung' weitgehend unter dem Radar der öffentlichen Kritik. Er gilt heute eher als visionärer Unternehmer denn als belasteter Militärforscher."

In diesem thematischen Zusammenhang wird allgemein betont:

"Man kann an dieser Fallstudie sehr schön im Kleinen sehen, wie der NS-Staat (-von 1933 bis 1945-) in all seinen Verästelungen funktionierte, wie die Nahrungsmittelindustrie sich in seinen Dienst stellte, wie wichtige Vertreter von Wehrmacht und SS um die lukrativsten Aufträge buhlten und wie die allermeisten Betroffenen nach dem Untergang des Dritten Reiches nichts mit alldem zu tun gehabt haben wollten." (sueddeutsche.de: "Nahrung für die Wehrmacht - Dr. Oetker und Knorr machten mit" v. 28.12.2020)

Die Stadt Emmerich ist über Jahre Ziel von begrenzten Luftangriffe, doch das Kriegsjahr 1944 stellt alles Vorherige in den Schatten. Bereits im Juli wird das Industriegebiet schwer getroffen, sodass sich auch der Arbeitsschwerpunkt von Dr. Felix Grandel verschiebt:

"Als (-am 14. Juli-) im Jahre 1944 das Werk in Emmerich durch Kriegseinwirkung zerstört wurde, kehrte er (-Dr. Felix Grandel-) nach Augsburg zurück, um sich dem Aufbau seines eigenen Betriebes zu widmen. In unermüdlichem Fleiß baute er die Pfladermühle zu einer Spezialfabrik für Getreidekeim-Präparate aus." (Getreide, Mehl und Brot, Bd.7-9, S.116 - 1953)

Nachdem der Chefchemiker aufgrund der Bombardierung vom 14. Juli 1944 in Emmerich ohne Arbeitsgrundlage dasteht, wird vermutlich das Beschäftigungsverhältnis mit der Firma Noury & van der Lande unter Rücksichtnahme auf die Kündigungsfrist zum Ende des Monats September 1944 aufgelöst. Aus den Meldeunterlagen der Stadt Emmerich ist zu entnehmen, dass die Ehefrau des örtlichen Chefchemikers am 2. Oktober 1944 die Stadt Emmerich mit ihren drei Kindern und Hausgehilfen in Richtung Süddeutschland/Augsburg/Inningen (...z...str.30) verlässt. Der Frontverlauf befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Bogen zwischen Aachen und Westerschelte, rund 200 km westlich von Emmerich entfernt. Nur fünf Tage nach dem Wegzug erlebt die Stadt am Rhein eine Katastrophe.

7. Oktober 1944

Emmerich wird am 7. Oktober 1944 durch britische Bomberverbände in Schutt und Asche gelegt. Der Zerstörungsgrad liegt nach späteren Einschätzungen bei über 95%: 

"Ein einziger Luftangriff, am 7.10.1944, genügte für die Totalzerstörung der einst bekannten Industriestadt Emmerich, deren Leben schlagartig erlosch. Die Einwohnerzahl sank von rund 17 000 auf einige hundert Köpfe." (Die Selbstverwaltung, Bd.3/4, S.165 - 1949 )

Nahezu alle Gebäude inklusive Dachstuhl sind nach dem Luftangriff komplett ausgebrannt. Dem Angriff vom 7. Oktober 1944 fallen nach ersten offiziellen Angaben 575 Zivilpersonen und 26 Soldaten zum Opfer:

"Am 7. Oktober 1944 wurde die Stadt bei einem verheerenden Angriff zu 97 Prozent zerstört. Mindestens 600 Tote und rund 1000 Verletzte waren zu beklagen. 665 Tonnen Sprengstoff, über 707 000 Brandbomben sowie Phosphorkanister wurden über Emmerich abgeworfen." (//rp-online.de: "Der Chronist des Untergangs" v. 5.10.2019)

Chefchemiker Dr. Felix Grandel befindet sich zu diesem Zeitpunkt in Süddeutschland/Inningen/Augsburg.

An einen schnellen Wiederaufbau von Emmerich ist unter dem Eindruck des zusammensackenden Reiches nicht zu denken. Nach mehr als fünf Jahren Krieg und der damit einhergehenden Mangelwirtschaft gerät auch reichsweit die Produktion der Betriebe immer mehr ins Stocken. Durch den konstant näher rückenden Frontverlauf entwickeln sich nun mitunter auch ganz andere Schwerpunkte unternehmerischer Tätigkeit. So heißt es im späteren Bericht der Spruchkammer-Ermittlers:

"Bezüglich der angeforderten Korrespondenz (-mit OKH und Berghof-) teilte mir (-der Augsburger Geschäftsführer und angebl. SS-Mitglied-) Herr (-Anton-) Zass mit, dass diese bis zum Jahre 1944 vernichtet, bzw. dem Altpapier zugeführt worden sei." (Staatsarchiv Augsburg, Akten G 475, Spruchkammer Augsburg-Stadt I u. III, Bl.7 - Felix Grandel - Webers "Ermittlerbericht" v. 3.2.1948)


Keltische Triskele, von Sonne umgeben: Briefpapier-Logo vom Dezember 1945 (Schriftstück im Privatbesitz)


Dezember 1944

"Moritz van der Lande
Wirkungsort: Emmerich am Rhein

Glycerinaustauschstoffe und Verwendung derselben zur Veresterung von Fettsäuren

Antrags-ID: 124024
Forschungsauftrag (Aktenzeichen: Mor 1/05/1 (Gra 5/21/1), 1944 bewilligt, Dringlichkeitsstufe: SS)
Fachausschuss: Chemie
Fachsparte: Fettforschung

Der Auftrag wurde am 11.12.1944 auf Dr. Felix Grandel (geb. 1.6.1905) übertragen." (//gepris-historisch.dfg.de)

KI führt aus:

"In der Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, stand die Abkürzung 'SS' im Zusammenhang mit Forschungsaufträgen für die höchste Prioritätsstufe: Die 'Sondersufe'. 
Es handelt sich um die Sonderstufe innerhalb des Prioritätensystems für Rüstungs- und Forschungsvorhaben. Sie stand noch über der Stufe 'DE' (Dringliche Entwicklung). Ein Auftrag mit dieser Kennzeichnung erhielt bevorzugten Zugriff auf knappe Ressourcen wie Fachpersonal, Rohstoffe, Laborgeräte und Energie. Das System wurde 1944 unter Albert Speer (Rüstungsministerium) und dem Reichsforschungsrat gestrafft, um die verbliebenen Ressourcen radikal auf kriegswichtige 'Wunderwaffen' oder entscheidende Technologien zu konzentrieren.
Obwohl die Abkürzung identisch mit der 'Schutzstaffel' (SS) ist, bezog sie sich in diesem bürokratischen Kontext primär auf die Dringlichkeit (Sonderstufe). Allerdings wurden viele dieser Projekte tatsächlich unter der Aufsicht oder Mitwirkung der SS (als Organisation) durchgeführt, da Himmler versuchte, die Forschungskontrolle an sich zu ziehen. Kurz gesagt: Es war das Label für 'absolute Priorität - sofortige Erledigung vor allen anderen Aufgaben'."


30. März 1945 - Emmerich

Zu den von der deutschen Wehrmacht getroffenen Abwehrmaßnahmen heißt es:

"Im Oktober 1944 schmiedeten die deutschen Truppen Pläne, einen Großteil des niederländisch- deutschen Grenzgebiets unter Wasser zu setzen, um einen alliierten Angriff abzuwenden. Im Dezember 1944, als der Wasserstand im Rhein sehr hoch war, sprengten deutsche Soldaten den Deich Drielsedijk. Die Überflutung hatte schwerwiegende Folgen für die noch anwesenden Bewohner, die kämpfenden Parteien und einige Binnenschiffer. Anfang Februar 1945 wurden Deiche in der Umgebung der deutschen Stadt Kleve gesprengt. Letztlich konnte dies den Vormarsch der Alliierten aber nicht aufhalten." (//de.visitnijmegen.com)

Zu der Einnahme der Stadt durch canadische Soldaten wird berichtet:

"Als die kanadischen Soldaten der Regina Rifles am 30. März 1945 in den Ruinen der deutschen Stadt Emmerich kämpften, mussten sie Taktiken für den Häuserkampf improvisieren und setzten PIAT-Panzerabwehrgranaten sowie Flammenwerfer ein, um den Feind zurückzuschlagen. Die Royal Winnipeg Rifles sahen sich mehreren Angriffen in Zugstärke gegenüber, von denen einer damit begann, dass der Feind (-7. Fallschirmjägerdivision?-) 'singend auf sie zukam'. Der deutsche Soldat muss gewusst haben, dass die Niederlage nun gewiss war, aber in seiner Verzweiflung war er immer noch tödlich." (KI-übersetzt aus Copp: "Cinderella Army", S. - 2007)


Durch den "Volkssturm" ergänzt: Deutsche Fallschirmjäger nahe Arnheim nach einem Fronteinsatz - September 1944 (BArch: Bild 101I-590-2333-03 / Arppe)


Deutsche Fallschirmjäger nahe Arnheim nach einem Fronteinsatz - September 1944 (BArch: Bild 101I-590-2333-04 / Arppe)


Anglo-amerikanischer Umfassungsplan bei Arnheim gescheitert:  Grenadiere des Heeres, Männer der Polizei, Fallschirmjäger und SS-Panzergrenadiere reiben gemeinsam die 1. britische Luftlande-Division auf, die durch die Niederlande in das Reichsgebiet einzubrechen versuchte - September 1944 (BArch: Bild 183-1991-0912-503 / Pospesch)

"Die am 27. März gegen Emmerich vordringenden Kanadier bissen sich gleich am Eingang zur Stadt an den Ruinen der Emmericher Pergamentfabrik Schleipen & Eichhorn (-Reeserstraße-) fest, in denen sich Reste deutscher Truppen aus Bienen verschanzt hatten. Die deutschen Verteidiger verfügten noch über zwei mittelschwere Panzer. Es soll ihnen sogar noch einmal gelungen sein, die Angreifer zurückzuwerfen.(...) Vierundzwanzig Stunden sollen die Kanadier benötigt haben, um über die Bahnhofsstraße bis zur Innenstadt vorzudringen. Die auf dem Speelberg ausharrenden Emmericher machten im Laufe des Karfreitags (-30. März 1945-) Bekanntschafz mit den Kanadiern. 'Flammenwerferpanzer der 'Regina Rifles'(Königin-Schützen) warfen beim letzten Kampf in den Ruinen am Abend des Karfreitags Strahlen flüssigen Feuers in ein Fabrikgebäude, in dem sich die letzten deutschen Fallschirmjäger hielten. Sie kämpften noch, nachdem der Rest der Stadt von Feinden vollkommen gesäubert worden war. Die Soldaten hatten sich in den Grundmauern des zerstörten Gebäudes zur Verteidigung eingerichtet, und leisteten dort Widerstand, bis die Wespen, die leichtesten Flammenwerferpanzer, herangeholt wurden, um sie auszuräuchern. Die Überlebenden, ungefähr fünfzehn Mann, kamen dann hervor und ergaben sich', schreibt ein englischer Kriegsberichterstatter." (Rheinmuseum: "Kriegsende Emmerich 1945", S.12, darin: Herbert Bernhard: "Emmerich fiel zuletzt")


Durch deutsche Deichsprengungen tritt der Rhein über die Ufer: Heranholung leichter Flammenwerfer-Panzer zwischen Beek und Kranenburg - 12. Februar 1945 (Instagram: Joel Stoppels, möglicherweise v. Department of National Defence / National Archives of Canada)


Linksumfassende Stoßrichtung auf das Getreidesilo von Noury & van der Lande: "Säuberung von Emmerich" durch die Regina Rifles der 7. Infanteriebrigade - 29./30. März 1945 (EMBRICA HISTORIA, S.7, Abb.5 - "Kriegsende in Emmerich - Die Kanadier befreien die Stadt" v. März 2025)


Industriegebiet Emmerich - 1980 (Postkarte im Privatbesitz / Stuttgarter Luftbild Elsäßer)


Industriehafen von Emmerich: Blick auf das ehemalige Fabrikgelände von Noury & van der Lande - 1963 (Screenshot aus Dokumentarfilm, digitalisiert auf archieven.nl: Sig. 4212BB03316 - "Dokumentarfilm über die Arbeiten in den verschiedenen Niederlassungen von Noury und Van der Lande, daraufhin Akzo Chemie, anlässlich des 125jährigen Firmenjubiläums - September 1963)


Luftbild des ehemaligen Firmenareals von Noury & van der Lande / Oxydo am Emmericher Industriehafen - 2024 (nrz.de: "Fotos aus der Luft: So sieht Emmerich von oben aus", Fotostrecke von Hans Blossey v. 4.4.2024)

"Die Reginas starteten die zweite Phase des Angriffs mit den Sherbrookes sowie Panzern mit Flammenwerfern zur direkten Unterstützung. Das Bataillon drang in den südlichen Sektor von Emmerich ein, doch das Vorankommen war mühsam. Leutnant Walter Keith, Befehlshaber des 16. Zugs der 'Reginas', erinnert sich an die Frustration eines Offiziers des 3. Panzerabwehrregiments, der seine 17-Pfünder-Geschütze nicht in Stellung bringen konnte, weil der Feind die Straßen mit 'trümmergefüllten Eisenbahnwaggons' blockiert hatte. Während sich die Regina Rifles ihren Weg in die Stadt erkämpften, starteten die Canscots einen Angriff mit zwei Kompanien, um das Gebiet nördlich der Bahnlinie zu säubern. Dank ausreichender Zeit für die Aufklärung und einer guten Sicht des Artilleriebeobachters auf das Schlachtfeld glich der Angriff einer Übung." (KI-übersetzt: Copp: "A nation at war", S.230 - 2004)


Auftrag ausgeführt: Leichter Flammenwerfer-Panzer "Wespe" in Goch - 25. Februar 1945 (Instagram.de: Joel Stoppels, möglicherweise v. Department of National Defence / National Archives of Canada)


Canadische Besatzung des leichten Flammenwerfer-Panzers - 1944 (Digitalisiert auf //royalmontrealregiment.com: "Canada's Fiery Arsenal" v. 31.10.2024 + Legion - Canadas Militäry History Magazine)


Demonstration der Wirkungsweise: Reichweiten-Test des Flammenwerfer-Panzers - 1944 (keymilitary.com / LAC + Digitalisiert auf //royalmontrealregiment.com: "Canada's Fiery Arsenal" v. 31.10.2024)


Canadische Berichterstattung: "Die Eroberung von Emmerich durch canadische Einheiten; Dargestellt sind Flammenwerfer der Ausfürhrun 'Wespe' der Regina Rifles beim 'Abspritzen' eines zerstörten Fabrikgebäudes" - 30. März 1945 (Rheinmuseum: "Kriegsende Emmerich 1945", S.40)

"Bis zum Mittag des 30. März 1945 befand sich der Großteil von Emmerich in kanadischer Hand. In dieser dreitägigen Schlacht erlitt die Brigade 172 Verluste, darunter 44 Gefallene oder an ihren Wunden Verstorbene. Am Mittag des 31. März 1945 begannen kanadische Pioniere mit dem Bau der Melville-Brücke, benannt nach dem Chefingenieur der First Canadian Army, Brigadier J.L. Melville. Mit einer Länge von 1.373 Fuß (ca. 418 Meter) wurde die Bailey-Brücke am nächsten Morgen für den Verkehr freigegeben, um eine angemessene logistische Unterstützung für die kanadischen Operationen in den Niederlanden zu gewährleisten. Der Monat April 1945 ist als der Monat der Befreiung der Niederlande in Erinnerung geblieben, 'der süßeste aller Frühlinge'." (Übersetzt aus Copp: "Cinderella Army", S. - 2007)


In den Jahren 1936 bis wenige Tage vor der fast restlosen Zerstörung am 7. Oktober 1944 Wohnsitz der zugezogenen Familie Dr. Grandel: Umgebung vom Fischerort und der Christoffelstraße. Links unten stand das Christoffeltor, rechts oben vermutlich das Wohnhaus am Fischerort Nr. 17 - 1945 (Rheinmuseum: "Kriegsende Emmerich 1945", S.63)

In einem Rückblick wird vermerkt:

"Auch an DR. GRANDEL und seinem Unternehmen (-Pfladermühle-) ging der Krieg nicht spurlos vorbei. So beschloss er, (-als Chefchemiker in Emmerich-) den Fokus in diesen Jahren mehr auf die Forschung im Bereich der ungesättigten Fettsäuren und Tocopherole (Vitamin E) in seinem eigenen Forschungsinstitut (-der holländischen Zweigfirma von Noury & van der Lande in Emmerich-) zu konzentrieren. Nachdem dieses gegen Ende des Krieges jedoch (-am 14. Juli 1944-) zerstört wurde, kehrte er mit seiner Familie (-am 2. Oktober 1944-) zurück nach Augsburg und erweiterte die Keimdiät GmbH (-Pfladermühle-) um ein eigenes Labor." (beautywelt.de/DR-GRANDEL)


27. März 1945 - Augsburg

Wenige Wochen vor Kriegsende wird auch der Kündigungsvorgang zum Pfladermühlen-Abteilungsleiter Willy Junker beim Augsburger Arbeitsamt eingereicht. Für in ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Eingebettet ist diese Entscheidung in das militärisch sich abzeichnende Szenario des Endkampfes. Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine Kündigung zu diesem Zeitpunkt unmittelbar dazu dient, den Betroffenen dem Volkssturm oder anderen Kriegseinsätzen zuzuführen. Im März 1945 gibt es im nationalsozialistischen Deutschland faktisch keinen regulären Arbeitsmarkt mehr. Die Verwaltung konzentriert sich nunmehr auf die Mobilisierung der letzten Wehrkraft-Reserven im Rahmen des totalen Kriegseinsatzes. Wer zu diesem Zeitpunkt nicht in einem kriegswichtigen Betrieb arbeitet (UK-Stellung), wird daher automatisch für den Volkssturm oder die Wehrmacht vorgesehen. Das Arbeitsamt arbeitet hier eng mit der NSDAP-Gauleitung um Karl Wahl und dem Meldeamt zusammen, um geeignetes Personal für den Volkssturm zu identifizieren. In diesen letzten Wochen versucht die lokale NSDAP-Kreisleitung Augsburg-Stadt unter dem Gauleiter von Schwaben, mit 'Rundsprüchen' und Notmaßnahmen jede verfügbare Kraft für den Volkssturm oder das 'Freikorps Adolf Hitler' zu mobilisieren. 

Gegenüber eines weiteren Spruchkammer-Verfahrens betont Karl Kriebel, geb. 26.2.1888 in Metz, in einer eidesstattlichen Erklärung:

"Als sich im März 45 die amerikanischen Truppen Nürnberg und Stuttgart näherten, war (-Gauleiter Karl-) Wahl der Einzige ausserhalb meiner engsten Mitarbeiter, dem gegenüber ich offen sprechen konnte. Es handelte sich um die Frage der Kampfführung in seinem Gau und damit um die Verteidigung von Augsburg. Herr Wahl bat mich, Augsburg die durch eine Verteidigung unvermeidliche Zerstörung zu ersparen und deshalb auf die Verteidigung von Augsburg zu verzichten. Herr Wahl bewies mit dieser Bitte, die schroff allen Befehlen der Partei widersprach, grössten persönlichen Mut und sein Verantwortungsbewustsein gegenüber der ihm anvertrauten Bevölkerung. Seine Bitte entsprach sowohl meiner Auffassung wie meinen eigenen Absichten. Abgesehen davon, dass Augsburg nach seiner Lage zur Verteidigung völlig ungeeignet war und die dafür nötigen militärischen Kräfte fehlten, war ich entschlossen, nicht mit einer völlig unzureichenden Truppe, der es an Waffen und Munition fehlte, durch das Land zum Gebirge zu fliehen und so meiner Heimat weiteren Zerstörungen preiszugeben, sondern an der Donau zu kapitulieren. Ich war mit Herrn Wahl einig, dass die Pflicht gegen Volk und Heimat jetzt über den formalen Gehorsam gegen sinnlose Befehle der untergehenden Diktatur zu stellen war, auch wenn wir dabei unseren Kopf riskierten." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40002/Schriftdokumentation/576: Karl Kriebel, 1943/45 General d. Inf. u. Befehlshaber im Wehrkreis VII v. 18.2.1948)

Obwohl die Nationalsozialisten für den Volkssturm nun auch auf unter 16- und über 60-jährige Männer für den Endkampf zurückgegreifen, wird von einem Einsatz des 39-jährigen Dr. Felix Grandel an der zusammenbrechenden Front nach wie vor abgesehen:

"Auf Grund seiner Stellung und Person den ganzen Krieg über uk (-unabkömmlich-) gestellt - Gesundheitszustand: kv(-kriegsverwendungsfähig-). Sogar zum Volkssturm uk gestellt." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475, Augsburg-Stadt I u. III - Schreiben des Augsburger Abteilungsleiters Willy Junker, Falkensteinstr.1/0 an den öffentlichen Ankläger der Spruchkammer Augsburg bzw. Mindelheim v. 27.7.1946)

Nach der Kapitulation der Wehrmacht wird Deutschland unter den Siegermächten in vier Besatungszonen aufgeteilt. Warnend meldet sich im Juli 1945 Dr. Wilhelm Ziegelmayer in einem Interview zu Wort:

"'Es gibt keine Vorräte mehr. Die Deutschen haben nichts mehr zu essen. Wir stehen vor einer Katastrophe, die schlimmer ist als der Krieg selbst.(...) Wenn die Alliierten nicht sofort Lebensmittel bringen, wird Deutschland ein einziges großes Krankenhaus und bald darauf ein Friedhof sein.'
Dr. Wilhelm Ziegelmayer nutzt das Interview gezielt, um die Besatzungsmächte unter Druck zu setzen. Sein Kernargument ist, dass die Rationierung auf ein Niveau gesunken sei, das 'zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Leben' sei, ein Satz, der in verschiedenen Berichten über seine Aussagen in dieser Zeit auftaucht. Er betont gegenüber dem Journalisten Wallenstein zudem, dass die bürokratische Aufteilung Deutschlands die Versorgung im Westen unmöglich mache, da die landwirtschaftlichen Gebiete im Osten nun abgeschnitten seien." (KI)
 
("Food and War in Twentieth Century Europe", S. 161 - 2017 + Interview von Marcel Wallenstein mit Dr. Wilhelm Ziegelmayer in The Star/London v. 3.7.1945)


Gefragter Fachmann für Ernährungsfragen über den Zusammenbruch des Deutschen Reiches hinaus: Dr. Wilhelm Ziegelmayer - 1948 (BArch Bild 183-S78327 / Heilig)

Zu der direkten Nachkriegssituation in Emmerich wird vermerkt:

"Die wichtigsten Betriebe am Industriehafen sind die Ölwerke Noury und van der Lande, das Tanklager Deutsche Gasolin, ein Sägewerk und die Oxydowerke. Alle Betriebe wurden zerstört, werden aber wieder aufgebaut. Die Ölwerke Noury und van der Lande haben, wenn auch in beschränktem Umfange, ihre Produktion aufgenommen (Silo 2400 t), desgleichen die Oxydowerke. Die Anlagen der Dampfölwerke am Sicherheitshafen werden ebenfalls aufgebaut. Der dortige Silo faßt 1400 t (Sauganlage 10 t/Std.) und wird augenblicklich zur Einlagerung von Getreide herangezogen Die zerstörten städtischen Verladekrane sind wieder hergestellt. (6-t-Kran am Industriehafen, 5-t-Kran am Sicherheitshafen.) Der kleine Lagerschuppen hat 324 m2 Grundfläche. Am Emmericher Ufer sind von 6 Anlegebrücken, die zur schnelleren Abfertigung des Zollverkehrs von den Speditionsfirmen ausgelegt waren, 2 erhalten geblieben.(...) Der Sicherheitshafen kann 50 Schiffe bei Hochwasser und Eisgefahr aufnehmen, der Industriehafen läßt sich mit 20 Schiffen belegen." (Wasser- und Schiffartsdirektion Duisburg: "Der Rhein: Ausbau, Verkehr, Verwaltung", S.386 - 1951)


Wiederaufbau nach Zerstörung: Industriegebiet am Industriehafen - 1963 (Screenshot aus Dokumentarfilm, digitalisiert auf archieven.nl: Sig. 4212BB03316 - "Dokumentarfilm über die Arbeiten in den verschiedenen Niederlassungen von Noury und Van der Lande, daraufhin Akzo Chemie, anlässlich des 125jährigen Firmenjubiläums - September 1963)

Der Gau Schwaben wird nach der Kapitulation von amerikanischen Truppen besetzt. Bereits im selben Jahr beginnt die breit angelegte 'Entnazifizierung' der deutschen Bevölkerung. Auch Dr. Felix Grandel muss sich vor der amerikanischen Militärregierung erklären. Hilfreich, wenn auch nicht ganz uneigennützig in dieser Situation: Von insgesamt 17 Angestellten wird der Firmenchef am 23. Oktober 1945 gegenüber den amerikanischen Ermittlern entlastet. In einem Schreiben an seine Stiefmutter Helene Grandel berichtet Dr. Felix Grandel zum Verlauf des Verfahrens:

"Liebe (-Stief-)Mutti, Ende vorigen Jahres (-Oktober 1945-) warst Du so lieb und hast für mich für Zwecke der Entnazifizierung das vorgeschriebene Formular für eine eidesstattliche Erklärung ausgefüllt und unterschrieben. Zusammen mit einem Gesuch und anderen Unterlagen mußte ich es damals bei der Industrie- und Handelskammer, Augsburg, einreichen, die es wieder an die Amerikanische Militärregierung, Detachement/Schwaben, Prinzregentenplatz, weiterleitete. Inzwischen wurde die Entnazifizierung von selbstständigen Unternehmern zurückgestellt und durch das Entnazifizierungsgesetz neue Zuständigkeiten in Form der Spruchkammern geschaffen. Meine Bemühungen beim Detachement/Schwaben, wenigstens die eingereichten Unterlagen wieder zurück zu erhalten, um sie jetzt wieder neu bei meinem Antrag an die Spruchkammern in Augsburg zu verwenden, scheiterten. Die dort versammelten Akten sollen mit unbekanntem Ziel nach München vor Monaten weitergeleitet worden sein und sind nicht mehr auffindbar. Ich bin daher gezwungen, an Dich erneut mit der freundlichen Bitte heranzutreten, mir nochmals dieselbe eidesstattliche Erklärung, wie im Dezember 1945, ausstellen zu wollen." (Brief von Felix Grandel aus Kirchheim/Kunstmühle an Stiefmutter Helene Grandel, verw. Winternitz v. 22.7.1946)


Spruchkammer-Akte zu Dr. Felix Grandel - 1946 (Staatsarchiv Augsburg)

Vor der US-Militärregierung Schwaben, die ihm direkt nach Kriegsende die Beschäftigung schriftlich genehmigt, stuft sich Dr. Felix Grandel als "Mitläufer" ein. Die Anzahl der Mitarbeiter steigt in den Jahren 1945/46 von neun auf 25 Personen wieder an. Doch so nahtlos gelingt Dr. Felix Grandel die berufliche Fortsetzung seiner Forschungs- und Entwicklungstätigkeit dann doch nicht. Der amerikanische Ermittler notiert zu dem Firmenchef:

"Mir scheint derselbe doch mehr belastet zu sein, als aus obigen Angaben hervorgeht." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel v. 1946)

Nach einer CIC-Information (Counter Inteligence Corps/Us-Army) der Amerikaner in Augsburg heißt es über Dr. Felix Grandel:

"Subjekt is listed in the files of this office. Fanatic Nazi, owner of factory Pfladerm. Augs., have been one of Goerings experiments with the 4 years plan and in the later years of the war worked on explosives for the V-wappons. Discharged all persons from factory who were anti-nazi on the grounds of lack of sufficient work for than.(...) Family throughout NSDAP conscious."

Übersetzt:

"Die Person wird in den Akten dieses Amtes geführt. Fanatischer Nazi, Eigentümer der Fabrik Pfladerm. Augs., war eines von Görings Experimenten im Rahmen des Vierjahresplans und arbeitete in den späteren Kriegsjahren an Sprengstoffen für die V-Waffen. Entließ alle Personen aus der Fabrik, die eine Anti-Nazi-Einstellung hatten, mit der Begründung, es gäbe nicht genügend Arbeit für sie.(...) Die gesamte Familie gibt sich als überzeugte NSDAP-Anhänger." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Bl. I 3926 v. 16.4.1947)

Auch die CIA listet die Forschungsaktivität von Dr. Felix Grandel. Der Eintrag steht inmitten einer Aufzählung wissenschaftlicher Institutionen aus dem besetzten Gebiet, die nach dem Krieg unter die Kontrollbestimmungen der Militärregierung fallen. Die Liste zeigt auf, welche Firmen und Institute über Expertenwissen in kriegswichtigen oder versorgungsrelevanten Bereichen, wie eben Ernährung und Vitamine, verfügen:

"Keimwerk Augsburg, Dr. Felix Grandel, Augsburg. Research on vitamins and substitute foods." (cia.gov/readingroom/document/cia-rdp80-00926a004000490001-5)

Weiter wird in der Augsburger Spruchkammer-Akte mit Interesse vermerkt:

"Die Steigerung seines Einkommens von 3 300 RM im Jahre 1932 auf RM 304 000,- im Jahre 1943 stellen unzweifelhaft das Moment der Nutznießerschaft dar." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel v. 16.12.1946)

Das Vermögen wird daraufhin gemäß dem Gesetz 52 blockiert.

Das Gesetz diente der Besatzungsmacht dazu, Vermögenswerte der NSDAP, ihrer Unterorganisationen, sowie von Personen, die den Nationalsozialismus aktiv unterstützt hatten, zu sperren, zu kontrollieren und letztlich auch einzuziehen. Davon betroffen waren hohe Funktionsträger des NS-Staates, Parteimitglieder und Personen, die durch „Arisierung" oder Kriegsgewinne unrechtmäßig Eigentum erworben hatten. Vermögen, das unter das Gesetz fiel, wurde eingefroren, und die Verwendung unterlag der Genehmigung der Militärregierung. Dies war eng mit der strafrechtlichen Verfolgung und der Einteilung in Entnazifizierungskategorien (z.B. Hauptschuldige, Belastete) verbunden.

Die Untersuchungen zu Dr. Felix Grandels Tätigkeit während des Nationalsozialismus gestalten sich jedoch schwierig:

"In Emmerich gesamte Parteiunterlagen durch Kriegseinwirkungen verloren gegangen, so konnten keine Einzelheiten über seine politische Tätigkeit in Erfahrung gebracht werden." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Bericht Trommer v. 9.5.1947)

Sein ehemaliger Abteilungsleiter in Augsburg vermerkt gegenüber den Ermittlern:

"Da ich mich für den Fall sehr interessiere, möchte ich um Nachricht bitten, in welche Gruppe sich Dr. (-Felix-) Grandel selbst eingegliedert hat." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Schreiben von dem ehemaligen Abteilungsleiter Willy Junker an den öffentlichen Ankläger der Spruchkammer Augsburg/Mindelheim, Bl.37 v. 27.7.1946)

Gegenüber seiner Stiefmutter Helene Grandel vermerkt Felix Grandel ein halbes Jahr zuvor:

"Der Verlust meines lieben und hoffnungsvollen Buben Lutz, die bösartigen Denunziationen verschiedener früherer Mitarbeiter (-gemeint ist u. a. Abteilungsleiter Willy Junker-) der Pfladermühle und die damit zusammenhängende Verurteilung des Herrn (-Geschäftsführer Anton-) Zass sind schwer, aber nach und nach vielleicht doch zu überwinden.(...) Ich bin jetzt mit Anneliese (-Jansen zur schwäbischen Kunstmühle von Graf & Baur-) nach Kirchheim gefahren, um etwas auszuspannen und das Ende des Jahres still ohne Aufnahme von größeren Projekten abzuwarten." (Brief von Felix Grandel aus Kirchheim an Stiefmutter Helene Grandel v. 5.12.1945)


"Als Teil der 'chemischen Grundversorgung' weitgehend unter dem Radar der öffentlichen Kritik": Chefchemiker Dr. Felix Grandel mit seiner ehemaligen Sekretärin Anneliese Grandel, geb. Jansen - vermutliches Hochzeitsfoto zwischen 1946 und 1954 (Fotografie im Privatbesitz)

Doch anstelle neuer Projekte wartet eine mehrjährige Berufsunterbrechung samt Spruchkammerverfahren auf den gefragten Chemiker und seine 25 Mitarbeiter. Im Raume steht der Verdacht, Dr. Felix Grandel sei während seiner achtjährigen Tätigkeit in Emmerich ausführendes Organ von Hermann Görings 4-Jahresplanes gewesen und habe sich als Chemiker an der Herstellung von Explosivstoffen für die V-Waffen betätigt. Die amerikanischen Ankläger notieren darüber hinaus:

"Bezüglich der angeforderten Korrespondenz (-mit dem Oberkommando des Heeres und dem Berghof-) teilte mir (-der Augsburger Geschäftsführer-) Herr (-Anton-) Zass mit, dass diese bis zum Jahre 1944 vernichtet, bzw. dem Altpapier zugeführt worden sei und dass die noch vorhandene (im Gewicht einer Tonne) sich in Kirchheim (-über dem schwäbischen Mindelheim, Kunstmühle Graf & Baur, pharmazeutische Erzeugnisse, Hausnummer 153-) befindet. Der Ermittlung war es klar, dass, wenn nicht sofort eine Sicherstellung erfolgt, eine Durchsicht der Akten erfolglos sein wird. Aus rein technischen Gründen musste dies aber unterbleiben und beschränkte sich die Ermittlung auf Vernehmungen im Betrieb (Pfladermühle). Der Zeuge A. (-Geschäftsführer Anton Zass-), der selbst Betroffener (-im Sinne der Spruchkammer-Ermittlungen-) ist und nur im (-normalen-) Arbeitsverhältnis (-zu Dr. Felix Grandel-) stehen soll, wurde von der Ermittlung im Direktionsbüro angetroffen. Trotz seiner Versicherung, er arbeite nur im Arbeiterverhältnis, ist die Ermittlung der Überzeugung, dass der Zeuge A. (-Anton Zass-) nach wie vor die Geschäfte führt." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III, Bl.7 - Webers "Ermittler-Bericht" v. 3.2.1948)


1946

Am 16. März 1946 findet sich in der Meldekartei von Emmerich der Hinweis auf einen erneuten Zuzug von Dr. Felix Grandel:

"Hüthum, s'Herrenbergerstr. Sommerhaus Zippner" (Meldekartei zu Felix Grandel, Stadtarchiv Emmerich)

Im Laufe des Jahres 1946 dreht sich vorerst der Wind für die beruflichen Vorhaben des Forschers Felix Grandel durch ein Schreiben seines ehemaligen Abteilungsleiters Willy Junker, zu dessen Inhalt in einem Aktenauszug vermerkt wird:

"Gegen Dr. (-Felix-) Grandel liegt (-seit dem 27. Juli 1946-) ein Belastungsschreiben (-des ehemaligen Augsburger Abteilungsleiters Wilhelm Junker-) vor, in dem aufgeführt ist, dass G.(-randel-) gute Beziehungen zu grossen Nazis hatte und im regen Briefwechsel mit dem Berghof (-wo Adolf Hitler rund 1/3 seiner Regierungszeit verbrachte-) und dem OKH (-Oberkommando des Heeres, dort u. a. zu Dr. Wilhelm Ziegelmayer-) Berlin stand." (Staatsarchiv Augsburg, Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III - "Aktenauszug" v. 7.5.1946)

Das Entnazifizierungsverfahren der amerikanischen Ermittler nimmt durch diesen Hinweisgeber eine Wendung, sodass zu den Geschäftsverhältnissen rund um die Augsburger Pfladermühle genauer recherchiert wird. Von dem ehemaligen Pfladermühlen-Abteilungsleiter Willy Junker wird dem öffentlichen Ankläger der Spruchkammer zur Kenntnis gebracht:

"Geschäftsführer der Pfladermühle A.(-nton-) Zass (SS-Mann und Pg. seit 1936/37) wurde (-nach Kriegsende von Dr. Felix Grandel-) als einfacher Angestellter weiterbeschäftigt, dagegen wurden Nicht/Pg. (-zum 27. März 1945 zwecks Ergänzung des Volkssturms?-) entlassen (also rausgeschmissen). (-Hinweisgeber deutet als ehemaliger Pfladermühlen-Abteilungsleiter hier auf seine eigene Entlassung hin-)
8) Frau A. Leonard, die jetzige Geschäftsführerin, ist eine Freundin der Frau Zass und Patin eines der Kinder davon (Strohmann?).
9) Fall 'Fragebogenfälschung' des ehem.(-aligen-) Geschäftsführers (-Anton-) Zass nachprüfen (Dr. Grandel musste den Fall doch genau wissen).
10) Frl. Rosl Feyerbacher, Augsburg, Rosenaustr. 17, wird immer noch im Büro der Pfladermühle beschäftigt, trotzdem sie früher Hausmädchen war und bei der (-NSDAP-)Ortsgruppe abends ehrenamtlich arbeitete (Schulkameradin und Freundin Dr. Gr.) (üble Denunziantin)." (Spruchkammer I, Augsburg-Stadt - Schreiben an den öffentlichen Ankläger der Spruchkammer Augsburg bzw. Mindelheim von Willy Junker, Falkensteinstr.1/0 v. 27.7.1946)


1947

Das Ringen um die Betriebserlaubnis durch die Siegermächte ist flankiert durch Begehrlichkeiten gegenüber deutschen Patenten. So wird über den ehemaligen holländischen Arbeitgeber berichtet:

"1. Der Unterzeichner kontaktierte am 26. März 1946 die Ölwerke Noury & van der Lande in Emmerich, Deutschland. Nach Angaben der englischen Behörden ist Emmerich die am stärksten beschädigte Stadt Deutschlands, und das Werk Noury & van der Lande hat seinen Teil abbekommen, da es zu 90% ausgebombt war. Herr van der Lande traf am folgenden Tag aus Holland ein und gab an, dass sämtliche Zeichnungen seiner Maschinen in Emmerich verbrannt seien; in seinem Büro in Deventer, Holland, verfüge er jedoch über Informationen zu seinem speziellen Verfahren der trockenen Maisentkeimung. Er gab an, dass keine besonderen Methoden für die Entkeimung von Roggen und Weizen angewandt wurden.

2. Mr. P. van der Lande gibt in Deventer folgende Information: Das Verfahren zur Trockenentkeimung von Mais ist durch sein Unternehmen patentiert. Da er niederländischer Staatsbürger ist, beabsichtigt er, seine Rechte zu verteidigen, sollten andere Industriebetriebe versuchen, seine Methoden zur Trockenentkeimung von Mais zu kopieren. Noury & van der Lande hat aus seinen Unterlagen ein gedrucktes Blatt veröffentlicht, das das Verfahren beschreibt, und Informationen darüber zur Verfügung gestellt, wo detailliertere Literatur zu finden ist. Die Fachzeitschrift 'Fette und Seifen' druckt in der Ausgabe 47, 185 eine detaillierte Beschreibung von Dr. Felix Grandel, der forschender Chemiker bei Noury & van der Lande war. Dies bezieht sich auf eine Ausgabe von 1940. Im Jahr 1942 druckte Dr. Grandel eine Überarbeitung zum selben Thema in derselben Zeitschrift auf Seite 8. Beide Ausgaben sind in der I. G. Farben, Wissenschaftlichen Bibliothek in Höchst, Raum CI 6, Keller, verfügbar.(...) Die Kapazität der Anlage (-in Emmerich-) betrug 5 Tonnen Keime pro Tag, und das Öl wurde vollständig an Pharmaunternehmen wie Knoll (-AG, eng mit BASF-) in Ludwigshafen, Dr. Grandel in Augsburg und Promonta (-GmbH, chemische Fabrik-) in Hamburg verkauft." (Goss: "The German Oilseed Industry", S.174 + 147 - 1947)


Februar 1947

Nach zweijährigem Entnazifizierungsverfahren durch die amerikanische Besatzungsbehörde wird auch Dr. Felix Grandel wieder erlaubt, als selbstständiger Unternehmer tätig zu sein. Zu der Firma Keimdiät heißt es:

"Am 3. 4. 1951 starb der Botaniker und Phytopathologe Dr. Franz Wallner im Städtischen Krankenhaus zu Freising nach einer schweren Operation, welche wegen einer Darmverschlingung notwendig  geworden war. Die Staatliche Lehr- und Forschungsanstalt Weihenstephan (-an der auch Felix Grandel 1926 tätig war-) verlor mit ihm einen bewährten Mitarbeiter. Der Verblichene wurde am 24.3.1906 zu Tittmoning an der Salzach geboren. Von 1906 (-?-) bis zur 1925 erworbenen Maturität besuchte er das Humanistische Gymnasium zu Burghausen. Sein Sinn für die Welt der Pflanze erwachte schon im Knabenalter. Und so verschrieb er  sich denn auch nach dem Abitur dem Studium der Naturwissenschaften. Mit einer Promotionsarbeit über Algen, mit der er sich den Grad eines Doktors der Philosophie erwarb, schloß er 1932 sein Studium an der Universität München ab. Er assistierte eine Zeitlang bei Geheimrat Dr. v. Goebel und trat dann 1932, zunächst als Volontär, später als wissenschaftliche Hilfskraft, in den Dienst der Bayerischen Landesanstalt für Pflanzenbau und Pflanzenschutz in München. Unter Regierungsrat Dr. Böning war er in der Abteilung Pflanzenschutz tätig und seine Aufgaben bezogen sich auf Pflanzenbeschau, Versuchswesen, Beratungs- und Forschungsdienst. Während dieser Zeit erwarb er sich umfassende Kenntnisse in der Mykologie. Am 1. 1. 1936 wurde er Assistent bei Professor v. Faber am Botanischen Laboratorium der Universität München und im August kehrte er wieder zur Landesanstalt für Pflanzenbau und Pflanzenschutz zurück, wo er in der Hauptsache als Assistent für Beratungsdienst tätig war. Im Jahre 1938 wurde er automatisch in das Pflanzenschutzamt des sogenannten Reichsnährstandes überführt. Am 1. Januar 1939 holte ihn Professor Dr. Boas als Assistenten zu sich in das Botanische Institut der Technischen Hochschule zu München. Bei Boas konnte er seine Kenntnisse über nichtparasitäre Pflanzenkrankheiten vertiefen und dort konnte er auch teilnehmen an den Versuchen, die in das Kapitel Antibiotika fallen, das damals gerade aktuell wurde. Der Krieg holte ihn zunächst nur für ein halbes Jahr (August 1939 bis Dezember 1939) und gab ihn dann für zwei Jahre seinen Pflanzen zurück, bis er ihn im Januar 1942 bis zum bitteren Ende mit Beschlag belegte. Sein Hab und Gut war unterdessen den Bomben anheimgefallen. Durch die tragische Verkennung der Motive, die ihn zum Reichsnährstand führten, war er nach Kriegsende gezwungen - er, (-Dr. Franz-) Wallner, der in jeder Hinsicht das Gegenbild von 'Dachau' und von 'Buchenwald' und all' der Schreckensszenarien war - als Bauernknecht sein Brot zu verdienen (Juli 1945 bis Februar 1947). Von Februar 1947 bis Juni 1947 beschäftigte ihn die Firma Pfladermühle in Augsburg als Mykologen bei der Gewinnung von Mutterkorn (-giftiger Schlauchpilz, der Getreide, v. a. Roggen, befällt und dunkelviolette Dauerformen/Sklerotien anstelle der Körner bildet-). Dauraufhin holte ihn Professor Dr. Gistl wieder als Assistenten an das Botanische Institut der Technischen Hochschule in München, wo er bei der Wiederinstandsetzung des kriegsbeschädigten Instituts wertvolle Hilfe leistete.(...) Franz Wallner wurde am 6. 4. 1951 begraben neben seinen Eltern in Tittmoning an der Salzach unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und in Anwesenheit von Abordnungen der Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau zu Weihenstephan, der Landesanstalt für Pflanzenbau und Pflanzenschutz zu München (...)." (Zeitschrift für Pflanzenbau und Pflanzenschutz: "Dr Franz Wallner", S.94 - 1951)

Der nach dem Augsburger Spruchkammerverfahren erlassene Sühnebescheid führt für Dr. Felix Grandel auf:

"Sie werden in die Gruppe der Mitläufer eingereiht. Belastung: Pg. von 1937-45. Geldsühne von RM 2000,- festgesetzt, rechtskräftig am 18.3.48" (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Sühnebescheid I/B 2335, Liste 83, Bl. v. 8.3.1948)

Als Geschäftsführer gründet er per Gesellschaftsvertrag vom April 1947 als Tochterfirma der Pfladermühle mit einer Kapitaleinlage von 80.000,- Mark die Keimdiät GmbH, für die sich zuerst Karl Durner verantwortlich zeigt. Kurz darauf erhöht sich die Kapitaleinlage auf 130.000 Mark. Als Geschäftsführer taucht nun Dr. Felix Grandel auf. Der Einsatz von Karl Durner, der auch einer seit 1932 aktiven Augsburger Unternehmerfamilie entstammt, kann hingegen von vornherein als befristet angesehen werden. Bereits 1949 erlischt zur Gründung der BRD sein Prokura. Einzelprokura erhält nun das ehemalige SS-Mitglied Anton Zass. Fabriziert werden seit der Gründung, wie schon zuvor unter der Firmenbezeichnung Pfladermühle, biologisch-pharmazeutische Erzeugnisse und spezielles Reformkeimmehl. 


In der unmittelbaren Nachkriegszeit ist es nicht unüblich, dass Wissenschaftler wie Dr. Felix Grandel sich erfahrene Kaufleute als gleichberechtigte Partner oder Geschäftsführer zur Seite stellen, um die strengen wirtschaftlichen Auflagen und den Vertrieb in den Besatzungszonen zu bewältigen. Das Engagement könnte aber auch dem Umstand geschuldet sein, dass Anton Zass als belastet gilt und nach außen während der Besatzungszeit vorerst nicht mehr als Geschäftsführer unter der neuen Firmenbezeichnung in Erscheinung treten soll. Der Dipl.-Wirtschafter Herbert Kosbahn tritt dann Anfang der 50er Jahre als Prokurist hinzu. Als Firmenstandort wird auch die Adresse Auf dem Kreuz 46 vermerkt, wo sich ein weiterer historischer Mühlenstandort der Kreuzmühle befindet.

(ABC der deutschen Wirtschaft: Industrie, Bd.3, S.371 + Bd. S.436 - 1949)

Das während der NS-Zeit und der Nähe zur NSDAP erworbene Kapital und wissenschaftliche Know-how fließt in die Firmen-Neugründung mit ein. In einem Interviev erinnert sich der Firmenchef an die Nachkriegsgründung:

"Sie gaben Ihrer Firma den Namen Keimdiät - war das gleich nach diesem ersten großen (-Weizenkeim-)Erfolg (-von 1939 mit der Firma Richters Pfladermühle-)?

'Das war erst einige Jahre danach, als ich (-1947-) des vollen Erfolgs meines Verfahrens (-nach Abschluss des Spruchkammerverfahrens-) sicher sein konnte und bekannte Ernährungswissenschaftler (-u. a. Dr. Wilhelm Ziegelmayer 1941-) und Mediziner die biologische Wertigkeit meiner Weizenkeime bestätigt hatten. Dann begann ich weiter auf- und auszubauen.'" (Hübscher: "Was soll ich tun? Ich möchte doch gesund sein!", S.8 - 1972)


"Ergebnis einer jahrzehntelangen Forschungsarbeit": Dr. Grandels Keimdiätöl - 1947 (Fozografie im Privatbesitz)


14. Juli 1948

Die Marke EPIGRAN wird im Register des Deutschen Patent- und Markenamts (DPMA) unter der Registernummer 533355 geführt. Als Anmeldetag ist dort der 14. Juli 1948 vermerkt. Zu dem Produkt wird vermerkt:

"Der Durchbruch gelang Dr. Felix Grandel mit der Entwicklung von EPIGRAN, das sich seit nunmehr 60 Jahren (-ab 1950-) in der Kosmetik vortrefflich bewährt hat. EPIGRAN ist ein multiaktives Wirkstoffkonzentrat aus Weizenkeimen und pflanzlichen Enzymen." (pinkmelon.de: "Dr. Grandel präsentiert neue Pflegeserie Elements of Nature" v. 6.4.2010)


Wirtschaftlicher Durchbruch mit Epigran - 1950 (grandel.com: "Company History")


1949

Das Lehrbuch für innere Medizin führt aus:

"In der letzten Zeit haben wir mit bestem Erfolg Dr. GRANDELS Keimdiät 'Keime' (die aus ruhenden Keimzellen ohne fremde Zusätze hergestellt wird) verwendet. In den ruhenden Getreidekeimen finden sich neben hochwertigen Eiweißkörpern, Lipoiden (einschließlich des Keimöls), Kohlehydraten, Mineralstoffen, alle Vitamine der B-Gruppe in ihrem harmonischen Verhältnis. Die Erfolge sind befriedigend." (Stepp: "Krankheiten der Verdauungsorgane", S.720 - 1949)


Oktober 1950


"Für jeden Arzt unentbehrlich": Grandelate-Werbung - Oktober 1950 (Bayerisches Ärzteblatt, Heft 10, S.242 - 1950)


14. August 1951

Nach dem Tod seines Vaters beginnt Felix Grandel die Veröffentlichung einer Schriftenreihe unter dem Titel "Forschung und Praxis für die Lebensreform", welche die hinterlassenen Gesundheitsüberlegungen seines Vaters aufgreift:

(Catalog of Copyright Entries. Third Series: 14.8.1951)


1952


(Digitalisiert auf //druckschriften-digital.marchivum.de: Mannheimer MMorgen, Nr.208, S.7 v. 10. September 1952)


1953


(Digitalisiert auf bayerisches-aerzteblatt.de: "Heft 4", S.54 - April 1953)


1954

Nachdem die Prokura von Karl Durner im Jahr 1949 zu Gunsten der Einzelprokura von Anton Zass erlischt, eröffnet Felix Grandels ehemaliger Geschäftsführer Anton Zass ein eigenes Reformhaus in Düsseldorf, Kölner Str. 285 und gründet zudem eine GmbH zum Vertrieb biologisch-pharmazeutischer Präparate unter der Bezeichnung BIOZAVIT:

(Warenzeichenblatt, Bd. 13-24, S.1350 - 1956)


1955


Dr. Felix Grandel - 1955 (Verpackungsfoto auf Vollgran Weizenkeime + grandel.de: "Grandel Firmenjubiläum: 75 Jahre im Dienste des Gesund- und Schönseins" v. 22.4.2022)


1957

Ein ehemaliger Lizens-Vertragspartner macht dem Unternehmen Konkurrenz und bringt ein Produkt auf den Markt, welches aus Sicht der Keimdiät GmbH zur Verwechslung neigt: Pema Weizenkeim-Diätbrot. Das Oberlandesgericht München entscheidet jedoch gegen den Kläger:

"1. Geringe Kennzeichnungskraft eines auf Grund Verkehrsdurchsetzung gemäß § 4 Abs. 3 WZG eingetragenen Zeichens (hier: Keimdiät), das sich nur in geringem Abstand von anderen einschlägigen Zeichen und Bezeichnungen hält.

2. Recht der Mitbewerber des Zeicheninhabers, mit Worten, die dem allgemeinen Sprachgebrauch angehören (hier: Weizenkeim-Diätbrot), auf die Beschaffenheit und Bestimmung eines Erzeugnisses hinzuweisen.

3. 'Keimdiät' und 'Pema Weizenkeim-Diätbrot' nicht verwechslungsfähig.

4. Erlaubte Benutzung einer nicht in die Warenzeichenrechte des ehemaligen Lizensgebers eingreifenden Bezeichnung nach Beendigung des Warenzeichenlizensvertrages" (OLG München: OLG München 19.12.1957 6 U 1494/57 "Keimdiät" Urteil vom 19.12.1957 - 6 U 1494/57 + GRUR, Bd.61, S.136 - 1959)


Wertvolle Inhaltsstoffe des Getreides erhalten: Verpackung des Pema Weizenkeim-Diätbrotes - 1957 (pema.de: "Tradition, die verpflichtet")


Augsburg, 1959

In Fachvorträgen und einer Kosmetik-Tagung wird den Pressevertretern die Produktreihe empfohlen. Oft in der ersten Reihe mit dabei: Die Mutter des Firmeninhabers, Gutta Roßteuscher-Grandel, geb. Auguste Richter:

"Kürzlich fand in Augsburg eine Tagung statt, zu welcher Dr. phil. nat. Felix Grandel eine Reihe von prominenten Gästen aus dem In- und Ausland geladen hatte. Unter dem Vorsitz von Univ.-Prof. Dr. W. Halden, Graz, folgten rund 200 Gäste den äußerst interessanten und lehrreichen Ausführungen der Dozenten.

So hob Prof. Dr. Halden die Bedeutung der Phosphatide im Rahmen einer pflegenden Kosmetik durch sinnvolle Ernährung hervor, während die bekannte Leiterin der Hamburger Kosmetikschule, Frau Hanna Reuss, die Möglichkeiten und Grenzen der Hautpflege aufzeigte und durch mehrere Beispiele aus ihrer Praxis illustrierte.

Prof. Dr. med. S. Bommer, Greifswald, erläuterte im Hauptthema 'Ganzheitliche Ernährungsbehandlung in Dermatologie und Kosmetik' u. a. auch seine 3-Stufen-Diät, mit der er beachtlicher Erfolge bei akuten und chronischen Hauterkrankungen erzielen konnte.

Prof. Dr. med. W. Schneider, Augsburg, sprach über die äußere Vitamin-Anwendung in der Dermatologie und Kosmetik unter Berücksichtigung der essentiellen Fettsäuren. Auch die Bedeutung der Phytohormone für die pflegende Kosmetik wurde durch einen interessanten Vortrag des Nestors der biologischen Hautpflege, Herrn Karl Rothermann, gebürend herausgestellt.

Die Stellung der Keimdiät und die Wirksamkeit ihrer einzelnen Erzeugnisse im Rahmen einer echten Schönheits- und Gesundheitspflege für jung und alt kamen in einem Vortrag von H.(-ans-) Neumann zur Geltung. Während bisher im allgemeinen die dekorative Kosmetik, das Make-up, also mehr die 'Kosmetik von außen' in den Vordergrund der Schönheitspflege gestellt worden sind, kommt man heute immer mehr zur Einsicht, daß dadurch nur vorübergehende, zeitlich bedingte Korrekturen zu erreichen sind, nicht dagegen die angestrebte, durchgreifende und bleibende kosmetische Erneuerung. Hier setzt die 'Kosmetik von innen' ein, die durch sinnvolle Ernährung, Diät, Zuführung von biologischen Wirkstoffen in wertvollen Präparaten und nicht zuletzt auch durch Erkenntnisse einer seelischen Hygiene und inneren Beruhigung die Voraussetzungen schaffen soll, über die Hautpflege den ganzen Menschen und seine äußere Erscheinung zu harmonisieren, zu gesunden und damit zu beglücken." (Seifen,Öle, Fette, Wachse: Bd.85, Nr.20, S.595 "Kosmetik-Tagung in Augsburg" - 1959)


Vortrag von Hans Neumann (?) vor Fachpublikum: Einführung in die Wirkungsweise von Grandelate - 1959 (?) (Fotografie im Privatbesitz)

Ein Rückblick zum 50. Jahrestag der Augsburger Keimdiät GmbH vermerkt:

"Die ersten Jahre (-nach der Gründung von 1947-) gestalteten sich äußerst zäh. Schließlich träumte man in den 50er Jahren lieber von Schweinebraten und Eisbein; mit Ballast- und Vitalstoffen konnte man niemanden so recht locken. Der Aufschwung kam erst nach Abebben der Freßwelle Mitte der 50er Jahre. Der Durchbruch gelang dem Augsburger Unternehmen mit dem Herz-Kreislauf-Tonikum Granoton, einer Emulsion mit Vitamin E und Weizenkeimvollextrakt zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. Außerdem im Programm: das Naturheilmittel Phytogran, ein pflanzliches Beruhigungsmittel, oder das Vitalstoffpräparat Molat mit Lecithin, Vitamin B1 und E. Eine Kosmetik-Linie mit Weizenkeimextrakten (Epigran) gesellt sich zum Sortiment." (pharmazeutische-zeitung.de: "Dr. Grandel: Ein Saatkorn, das aufgeht" - Firmenportrait v. 21.7.1997)


Granoton-Werbung in der Augsburg-Ausgabe des Merian - 1966 (Merian-Heft Augsburg, S.91 v. Januar 1966)


Keimdiät: Werbepostkarte für Granoton - 1963 (Postkarte im Privatbesitz)

Ein Blick auf die Firmenhistorie vermerkt:

"Nachdem er dann etwas mehr als zehn Jahre später (-Mitte der 50er Jahre-) den Weizenkeim-Vollextrakt erfand und das Hauttonikum Granoton auf den Markt brachte, gedieh das Unternehmen rund um DR. GRANDEL erst so richtig. Im Anschluss daran kamen noch ein auf natürlichen Inhaltsstoffen basierendes Beruhigungsmittel namens Phytogran und ein Bakteriostatikum namens Granobil DR. GRANDEL mit in die Produktpalette. Gleichzeitig wird der Kern seiner Idee rund um die Weizenkeime unter dem Namen Epigran weiter erforscht und größer gemacht. Mit dem Mittel zum Aufbau und zur Kräftigung des Körpers namens Molat und Hautdiätkapseln entwickelt sich die Kosmetiklinie, die vorrangig von innen wirkt, immer weiter. Ein weiterer Durchbruch gelang in den 70er Jahren mit der sogenannten Diätkleie. Damit und mit all den weiteren Errungenschaften platziert er die Marke DR. GRANDEL erfolgreich am deutschen Markt." (beautywelt.de/DR-GRANDEL)


"Ein auf natürlichen Inhaltsstoffen basierendes Beruhigungsmittel namens Phytogran" - 1968 (Fotografie im Privatbesitz)

In einer Erinnerung wird über Dr. Felix Grandel berichtet:

"Als ich Dr. Felix Grandel 1966 in Augsburg persönlich kennen lernte, erzählte er mir mit Begeisterung von seiner Pioniertat und von seinen vielen neuen Ideen. Er begeisterte mich mit seiner temperamentvollen Art und seinem Forscherdrang. " (textatelier.com: "Anekdoten über Ernährungspioniere")


Molat am Messestand: Felix und Annelise Grandel mit Mitarbeitern der Keimdiät GmbH vor einer Pfladermühlen-Fotowand - 1969 (Fotografie im Privatbesitz)


Pfladermühle nach der Grundsanierung - 1965 (Merian-Heft Augsburg, S.91 v. Januar 1966)

Aus einer Überlieferung von 1971 geht hervor:

"Kernpunkte seines Vortrages waren die richtige Ernährung, Wirkstoffe und ihre stoffwechselaktivierenden Aufgaben (er bezeichnete Vitamine, Enzyme und Spurenelemente als wichtige Zündstoffe für den Organismus), Inhaltsstoffe des Getreidekeims und goldene Weisheiten bei Störungen von Herz-Kreislauf, Bauchspeicheldrüse, Magen-Darm und Leber-Galle. Zum Schluss sprach er noch von der seelischen und geistigen Diät. Es nützt die beste Diät nichts, wenn das seelische und geistige Gleichgewicht nicht vorhanden ist. 'Wenn einer nicht innerlich in Ordnung ist, dann flüchtet er sich in die Krankheit.'" (textatelier.com: "Anekdoten über Ernährungspioniere")


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Der Vegetarismus von Adolf Hitler

Die plausiblen Kontakte von Dr. Felix Grandel zu Adolf Hitler beziehen sich nicht nur auf die Frühzeit der nationalsozialistischen Parteigründung, in der Adolf Hitler öfter bei der Familie seines Vaters Dr. Gottfried Grandel in Augsburg zu Gast war, sondern auch auf die erste Hälfte der 40er-Jahre. Am dichtesten kommen die Hinweise ausgerechnet von seinem ehemaligen Abteilungsleiter der Augsburger Pfladermühle, Wilhelm Junker. In einem Aktenauszug vermerkt der für die amerikanische Besatzungsmacht arbeitende Ermittler:

"Gegen Dr. Grandel liegt (-seit dem 27. Juli 1946-) ein Belastungsschreiben vor, in dem (-vom ehemaligen Augsburger Abteilungsleiter Wilhelm Junker-) aufgeführt ist, dass (-Pfladermühlen-Firmeninhaber Dr. Felix-) G.(-randel-) gute Beziehungen zu grossen Nazis hatte und im regen Briefwechsel mit dem Berghof (-wo Adolf Hitler rund 1/3 seiner Regierungszeit verbrachte-) und dem OKH (-Oberkommando des Heeres in-) Berlin stand." (Staatsarchiv Augsburg: Spruchkammer-Akte G 475 zu Felix Grandel, Augsburg-Stadt I u. III - "Aktenauszug" v. 7.5.1946)


Magenkrämpfe auf dem Obersalzberg - Adolf Hitler mit Eva Braun auf dem Berghof - 14. Juni 1942 (BArch: B 145 Bild-F051673-0059 / o.A.)

In Bezug auf die bewusste Ernährung scheinen sich Dr. Felix Grandel und Adolf Hitler schon früh einig zu sein:

"Hitlers Frühstück bestand in der Regel aus einem Glas gewärmter (aber nicht gekochter) Milch, einer Scheibe Oldenburger Schwarzbrot (also Roggen-Vollkornbrot), einem Zwieback oder einem Stück dänischen Knäckebrots sowie einem Apfel. Ab 1944 ass er ein Schweizer Müsli aus Milch, Haferflocken, Nüssen, Zitrone, (-die von 'Richters Pfladermühle' gelieferte-) Keimdiät und einem geriebenen Apfel. Honig ass er gern. Butter und Käse wenig, Marmelade kaum." (Picker: "Hitlers Tischgespräche", S.241 - 1963)

Adolf Hitler macht bereits in den auslaufenden 20er-Jahren seine Gesundheit zu schaffen. Albert Krebs berichtet:

"Unbewußt hat Hitler dann noch selbst einige Züge zur Korrektur des Propagandabildes von dem 'unerschütterlichen, keinen menschlichen Schwächen und Gebrechen unterworfenen Volkshelden' hinzugefügt. Im letzten Zimmer fand ich ihn, wie er allein, mit krummen Rücken, müde und melancholisch wirkend, an einem runden Tisch hockte und langsam seine Gemüsesuppe schlürfte. Ich mußte neben ihm Platz nehmen; der mitgebrachte Sonderdruck wurde achtlos beiseite geschoben (...) und Hitler begann, mich eindringlich und aus offensichtlicher Beängstigung heraus nach meiner Auffassung über vegetarische Ernährung zu befragen. Obwohl ich in jenen Jahren selbst weitgehend vegetarisch lebte, war ich so erstaunt über die unerwartete Fragestellung, daß ich zunächst keine rechte Antwort wußte. Hitler hatte mit einer Antwort freilich auch nicht ernsthaft gerechnet - in dieser Hinsicht blieb er sich auch in dieser Stunde treu -, sondern hielt mir sofort einen langen und eingehenden Vortrag über Anschauungen und Zielsetzungen der lebensreformerischen Bewegung.(...) Unter den Leiden, die mir Hitler als Grund für seinen Übergang zu einer reformerischen Lebensweise aufzählte - Schweißausbrüchen, Erregungszuständen, Gliederzittern usw. -, befanden sich auch Magenkrämpfe. Diese Magenkrämpfe sah er als Vorboten einer zukünftigen Krebserkrankung an und glaubte daher, daß er nur noch wenige Jahre zur Vollendung seines Werkes vor sich hätte. 'Ich habe keine Zeit zu warten!', erklärte er mir über den Suppenteller herüber."

In einer weiteren Beschreibung wird betont:

"In dieser Zeit seiner Depression erkannte ich auch einen anderen Wesenszug Hitlers, seine Hypochondrie. Er hielt sich für krebskrank und war überzeugt , daß er früh sterben würde. Beim Sitzen wiegte er den Oberkörper unablässig hin und her. Anfangs glaubte ich, das sei der Ausdruck einer nervösen Spannung. Doch eines Tages vertraute er mir an, daß er ständig quälende Schmerzen in der Zwerchfell- und Magengegend habe. Lange Zeit bemühte sich Frau Elsa Bruckmann vergebens, ihn zum Arzt zu bringen. Hitler hatte eine merkwürdige Scheu davor, sich untersuchen zu lassen. Wie alle Hypochonder zog er es vor, über seine wirklichen oder eingebildeten Leiden im ungewissen zu bleiben." (v. Schirach: "Ich glaubte an Hitler", S.114 - 1967)

Ein weiteren Einblick in Adolf Hitlers Ess-Gewohnheiten liefert seine Sekretärin:

"Es gab Sauerbraten mit Kartoffelbrei und jungen Bohnen. Dieser erste Berghof-Speisezettel ist mir in Erinnerung geblieben, denn ich war sehr erleichtert, dass wir nicht alle des Führers Diätnahrung nehmen mussten. Ich weiß nicht, wie krank ich hätte sein müssen, um freiwillig Haferschleimsuppen, Leinsamenschleim, Müsli und Gemüsesäfte zu mir zu nehmen. Bei Tisch sprach Hitler selbst häufig von seinen Schwierigkeiten, als Vegetarier vernünftige Speisen zu bekommen. Er litt an Magenbeschwerden, aber ich kam später zu der Ansicht, dass ein großer Teil seiner Leiden nervöser oder eingebildeter Natur waren. Hier auf dem Obersalzberg genoss Hitler die Diätkost des Kurheims Zabel. Professor Zabel hatte in Berchtesgaden eine ziemlich bekannte Kuranstalt und verabreichte ähnliche Kost wie der Schweizer Professor Bircher-Benner. Wenn Hitler auf dem Obersalzberg war, wurde eine Köchin aus dem Kurheim geholt. Eine merkwürdige Leidenschaft hatte er für rohes Leinöl. Er aß z.B. leidenschaftlich gern gebackene Kartoffeln mit Quark und goss sich dann rohes Leinöl darüber. Eva Braun hatte nur verächtliches Mitleid für diese Kost." (Junge/Müller: "Bis zur letzten Stunde", S.76 - 2003)

"Im Übrigen vesuchte der Führer während des Essens, den Fleischessern ihre Lust an der Mahlzeit zu verekeln. Er wollte zwar niemanden zum Vegetarier bekehren, aber er begann plötzlich zu erzählen, wie scheußlich es in einem Schlachthaus zugehe. 'Als das Hauptquartier in der Ukraine stationiert war, sollten meine Leute einmal das modernste und größte Schlachthaus dort besichtigen. Es war eine völlig mechanisierte Fabrik, vom Schwein bis zur Wurst, die Verarbeitung der Knochen und Borsten und Felle inbegriffen. Es war alles so sauber und ordentlich, und hübsche Mädchen standen in hohen Gummistiefeln bis zu den Waden im frischen Blut. Trotzdem ist den Herren Fleischfressern schlecht geworden, und viele sind hinausgegangen, ohne alles gesehen zu haben. Mir kann so was nicht passieren. Ich kann ohne weiteres zuschauen, wie man die gelben Rüben und die Kartoffeln aus der Erde zieht, die Eier aus dem Stall holt und die Kühe melkt.'(...) Hitler verlangte nach wie vor seine Eintopfgerichte, Karotten mit Kartoffeln und langweilige weich gekochte Eier." (Junge/Müller: "Bis zur letzten Stunde", S.78/125 - 2003)


Adolf Hitlers Diätköchin Marlene v. Exner, Küchengehilfe Wilhelm Kleyer und Sekretärin Traudl Junge - Wolfsschanze 1943 (Junge/Müller: "Bis zur letzten Stunde", S.144/3 - 2002)

Das Ernährungsverhalten Adolf Hitlers wird selbst im Abstand von sieben Jahrzehnten noch in der taz thematisiert:

"Das gesunde Hitler-Frühstück bis 1944: Eine Scheibe Oldenburger Schwarzbrot, ein Zwieback oder dänisches Knäckebrot, ein Apfel. Ab 1944: Schweizer Müsli aus Milch, Haferflocken, Nüssen, Zitrone, Keimdiät und ein geriebener Apfel." (taz-online/Die Wahrheit: "Grün ist der Hitler" v. 6.6.2013, zitiert aus Henry Picker: "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier", S.242 - 1976)

Quelle dieser Angaben ist das von Albert Zoller leicht manipulierte Zeugnis von Adolf Hitlers Sekretärin Christa Schroeder:

"Später aß er nur einen geriebenen Apfel und in seinem letzten Lebensjahr ein 'Müsli', das nach dem Rezept eines (-mit Gottfried Grandel gut befreundeten-) Schweizer Arztes (-Dr. Maximilian Bircher-Benner-) hergestellt war. Es bestand aus rohen, in Milch eingeweichten Haferflocken, einem geriebenen Apfel, Nüssen, Zitrone und (-Dr. Grandels-) Keimdiät. Das war alles, was Hitler zum Frühstück nahm." (Zoller: "Hitler privat", S.75 - 1949)

Auch nach dem Krieg wird zu der empfohlenen Zusammensetzung eines Frühstücks vermerkt:

"Die Kleie, die als Nebenprodukt in unseren Mühlen anfällt, ist ein hochwertiges Futtermittel, das aus der Tierernährung kaum mehr wegzudenken ist. Wenn man auch die Ernährung von Mensch und Tier nicht unbedingt vergleichen kann, so ist es doch einleuchtend, daß Nahrungsstoffe, die beim Tier zu einer großen und guten Milch- oder Fleischleistung führen, auch für den menschlichen Körper von Wert sein würden. Tatsächlich enthält die Kleie unter anderem den Getreidekeim, der neben einem hohen Fettanteil besonders hochwertiges Eiweiß und einige andere wertvolle Bestandteile ...

Bahnbrechend auf diesem Gebiet war der aus einer alten Augsburger Mühle stammende Dr. Grandel, der als erster nicht nur Weizenkeime, sondern auch Weizenkeimöl in verschiedenen Formen hergestellt und propagiert hat. Voraussetzung für den Wert derartiger Erzeugnisse ist eine genaue Kenntnis der biologischen Zusammenhänge und eine sehr schonende Gewinnung, Bearbeitung der Keime, die frisch und zweckmäßig verpackt dem Verbraucher geliefert werden müssen.


 

nannte er Milch, als vollkommenste Ergänzung zur Milch Obst. In Milchfruchtgetränken sieht er eine der wichtigsten Erfindungen unseres Jahrhunderts. Der keineswegs einseitige ideale Küchenzezzel des Ernährungsforschers sieht wie folgt aus:

Frühstück : Keimdiät - Birchermüsli , in Milch , mit Früchten oder rohe Haferflocken in Milch mit Obst der Jahreszeit . Dazu eine Tasse Kaffee oder Tee und ein Stück Vollkornbrot mit Butter . Beispiel eines Schulfrühstücks : Butterbrot mit ..." (Deutsche Milchhandels und Feinkost Zeitung, Bd.77, S.13/14 - 1955)

In einer als geheime Kommandosache geführten Korrespondenz des SS-Hauptamtes deklariert Martin Bormann gegenüber dem Reichsführer SS Heinrich Himmler den monatlichen Nahrungsmittel-Ergänzungsbedarf Adolf Hitlers für das Jahr 1944. Mit dabei: Drei Pakete Keimdiät aus der Augsburger Produktion:

"Knäckebrot: 20 Pakete von der Knäckebrotfabrik Badscheider, München.
Knusperbrot: 20 Pakete von der Fa. Paul Mans, Dresden.
Weizenflocken und Haferflocken: je 3 Pakete von der Nahrungsmittelfabrik Weghorn, Schwabach.
Keimdiät: 3 Pakete von Dr. Grandels Pfladermühle, Augsburg.
B-Tropon-Traubenzucker: 15 Pakete von den Tropon-Werken Köln-Mühlheim.
Vitam A und R (Hefewürze): 2 Gläser von Vitam GmbH, Hameln.
Philozythin (Hefewürze): 1 Glas von Cenobis-Werke, München.
Endokrines Vollsalz: 2 Pakete von der Fa. Madaus & Co, Radebeul.
Hagebutten oder getrocknete Hagebuttenschalen: 2 Pakete von Madaus & Co, Radebeul.
Basica (basenüberschüssiger Mineralstoff): 4 Pakete von Fa. Klopfer, Dresden.
Leinsamen: 1 kg vom Milch- und Fettwirtschaftsverband Bayern, München.
Kamillentee: bisher von Apotheken bezogen
Titrosalz: 2 Pakete, bisher von Apotheken bezogen."
(Institut für Zeitgeschichte: MA 356, Rolle 1, Staaten und parteiamtliche Akten, darin SS-Hauptamt: 25. geheime Reichssache, Korrespondenz Bormann/Himmler v. 30.7.1944: strengste Überprüfung der von Hitler benötigten Lebensmittel und Arzneien, mit Zusammenstellung des Monatsbedarfs an Diät-Nahrungsmitteln, 5 758-5 769 + Maser: "Adolf Hitler - Biographie", S.477 - 1978)


 

Auf Hitlers Wunsch: "Keimdiät: 3 Pakete von Dr. Grandels Pfladermühle, Augsburg" (Felix Grandel: "Der Keim ist das Wunder des Lebens" - 1940 / Fotografie im Privatbesitz)

In einer Buchveröffentlichung heißt es hierzu weiter:

"Bormann schlug vor, die Waren durch die Sanitätszeugmeisterei der Waffen-SS in größeren Mengen zu besorgen und auf Lager zu nehmen." (//kultur-online.net/inhalt/ein-bekannter-vegetarier)

Weiter wird in dem Artikel aus Martin Bormanns Schreiben zitiert:

"Von dort würden sie (-die Ergänzungsmittel-) für die Diätküche angefordert und durch besonderen Kurier auf Abruf nach dem jeweiligen Aufenthaltsort des Führers geliefert. Selbstverständlich müssten sowohl hinsichtlich der mit dieser Aufgabe zu betrauenden Personen, als auch bezüglich des Einkaufes und der Aufbewahrung der Waren, alle nur denkbaren Sicherheitsgarantien gegeben sein. Der Führer, dem ich die Angelegenheit vortrug, erklärte sich mit dieser Art des Warenbezugs einverstanden." (//kultur-online.net/inhalt/ein-bekannter-vegetarier)


"Vom Tier also nur Eier!": Adolf Hitler - 1942 (Wikipedia: Adolf Hitler und der Vegetarismus)

Zu der allgemeinen Grundhaltung Adolf Hitlers in Ernährungsfragen äußert sich dieser gegenüber der Köchin des Reichsjugendführers Baldur von Schirach:

"Und er steckte Henny einen handgeschriebenen Wunschzettel für unsere Köchin Anni zu. Darauf stand: 'Ich esse alles, was die Natur freiwillig hergibt: Obst, Gemüse, Pflanzenfett. Ich bitte, mir alles zu ersparen, was Tiere nur unfreiwillig hergeben: Fleisch, Milch und Käse. Vom Tier also nur Eier!'" (v. Schirach: "Ich glaubte an Hitler", S.130 - 1967)


Spiegel-TV: Der fleischlose Führer: Warum Hitler Vegetarier war


Auch in den Reihen der Nationalsozialisten findet die Reformbewegung Widerhall. Gauleiter Julius Streicher zeichnet sich Mitte der 30er-Jahre mit Unterstützung von Wilhelm Büsselberg und Karl Krötschau für den Verein Deutsche Volksheilkunde (VDV), Paracelsus Institut und das Forschungsinstitut für natürlichen Landbau verantwortlich. 

(Treitel: "Eating nature in modern Germany", S.332 - 2017)

In einem weiteren Artikel heißt es:

"Vegetarier waren auch Rudolf Heß und Heinrich Himmler. Himmler ließ im KZ Mauthausen Menschenversuche mit veganer Ernährung durchführen." (//kultur-online.net/inhalt/ein-bekannter-vegetarier)


Ölfabrik Dr. Grandel vor der Weltwirtschaftskrise


(505-1927) Die Dauerkrise der deutschen Wirtschaft hält auch Mitte der 20er Jahre weiter an, die Stimmung ist pessimistisch.

Die Wirtschaftssituation vieler Unternehmen ist mittlerweile desaströs und oftmals ohne jegliche Rücklagen. Sarkastisch formuliert das Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei:

"Das einzige, was über die deutsche Wirtschaftskrise mit unzweifelhafter Sicherheit feststeht, ist ihre Stabilität." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.280, S.10 v. 17.6.1926)

Nach den privaten Fotografien zu urteilen stellen sich für Dr. Grandel die wenigen Jahre zwischen seiner Berliner Inhaftierung von 1924 und der sich bereits aufbauenden Weltwirtschaftskrise als recht harmonisch dar, doch gerade die finanzielle Anspannung des Jahres 1925 dürfte für ihn erheblich gewesen sein. Allein der Berliner Landgerichtsprozess, verbunden mit der fast fünfmonatigen Untersuchungshaft und den damit einhergehenden hohen Anwaltskosten, hätten schon für eine finanzielle Schieflage ausreichen können. Hinzu kommen noch die Auswirkungen der Hyperinflation. Verbunden mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kämpfen nun selbst die Ölfabriken um ihre Existenz. Zu einem dieser Fabrik-Beispiele wird berichtet:

"Ihr Haupttätigkeitsgebiet besteht darin, daß ihr (...) Oelsaaten und Oelfrüchte geliefert werden, aus denen sie gegen Lohn das Oel herauspreßt. Daneben arbeitet sie noch für eigene Rechnung, d.h. sie kauft Oelsaaten ein und verarbeitet diese dann weiter. Das Geschäftsjahr 1925 brachte auch auf diesem Gebiet eine starke Verminderung des Umsatzes, der begreiflich ist angesichts der Tatsache, daß dieses Jahr für die (...)-Industrie ein Jahr des Verschwindens einer ganzen Reihe von Inflationsunternehmungen war. Der Oelkuchenmarkt des Inlandes litt unter den bekannten Geldschwierigkeiten der Landwirtschaft, und in der Ausfuhr an Oelkuchen war der Absatz verhältnismäßig gering, da im Hauptausfuhrgebiet, in den nordischen Ländern, ein großes Ueberangebot vorhanden war." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.185, S.10 v. 21.4.1926)

So ist für das Jahr 1925 über den in finanziellen Schwierigkeiten steckenden Unternehmer vermerkt:

"Herr Dr. Gottfried Grandel verkauft hiermit das in der Steuergemeinde Lechhausen (...) gelegene (...) Grundstück (...) mit allen Rechten und Bestandteilen an die Stadtgemeinde Augsburg." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20254/Kämmerei, Akten-Bestand 20/308 - Kaufvertrag v. 9.4.1925)


Am Rande der Zahlungsunfähigkeit: Dr. Gandels Grundverkauf an die Stadtgemeinde - 1925 (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20254/Kämmerei, Akten-Bestand 20/308 - Kaufvertrag v. 9.4.1925)

Die Augsburger Traditionsfirma hat neben der dauerhaften Wirtschaftskrise auch zunehmend mit der eigenen Standortfrage zu tun. Die Produktionsbedingungen regen den Protest der Nachbarn:

"Bei einer Revision der Johannes Haag'schen Maschinen- und Röhrenfabrik A.G. Augsburg wurde durch die dortigen Betriebsratsmitglieder darüber Beschwerde geführt, daß, bei herrschendem Ostwind der gegenüber liegende Grandel'sche Betrieb sehr belästigend durch übelriechende Dämpfe wirkt. Es dürfte sich empfehlen den Herrn Amtsarzt gutachterlich darüber zu hören, ob aus hygienischen Gründen gegen die Firma Grandel durch die Ortspolizeibehörde auf Grund der §§ 120a mit der R.G.O. vorgegangen werden kann." (Beschwerde von Betriebsratsmitgliedern 29.11.1926)


Briefkopf der Augsburger Ölfabrik Grandel - 1925 (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 v. 8.5.1925)

Möglicherweise hängt die von den Fotografien ausgehende Leichtigkeit mit dem Ergebnis der intensivierten Forschungsarbeit zusammen: Im Jahre 1926 entwickelt Dr. Grandel den gummiartigen Gloria-Faktis, ein über die nationalen Grenzen vielbeachteter Ersatzstoff für den natürlichen Kautschuk. Es handelt sich hier um ein Geheimverfahren, welches sich auf die Verwendung von partiell hydrierten Oelen für einen festen und flüssigen Faktis bezieht:

"Faktis für Heiß- und Kaltvulkanisation. Verfasser macht auf den neuen Chlorschwefel-Faktis 'Gloria' der Ölfabrik GEORG GRANDEL, Augsburg, aufmerksam, der Beständigkeit bas. Beschleunigern gegenüber mit der leichten Färbbarkeit des weißen Faktis vereint. Das Prod.(-ukt-) ist völlig entchlort, von hellgelber Farbe, transparent, aschen- u. säurefrei u. vollständig verseifbar. In einer Tabelle stellt Vf. einen Vergleich zwischen einem Rübölfaktis u. Faktis 'Goria' auf" (Chemisches Zentralblatt, Bd.98, S.1517 - 1927 + Chemische Zeitung, Nr.51, S.599)

Gottfried Grandel und sein Prokurist gönnen sich daraufhin Erholung. Während Joseph Rupp mit seiner Frau und Tochter die Adria entlang reisen, zeigt ein gemeinsamer Familienaufenthalt in Italien das Augsburger Ehepaar Grandel während des Sanatorien-Besuches am Luganer See.


Erholung in Lugano nach angespannten Jahren: Gottfried und Helene Grandel - Mai 1927 (Fotografie im Privatbesitz)

Die Ehe scheint trotz der extremen Belastungen der vergangenen Jahre den Widrigkeiten standzuhalten. Wenn auch die kulturellen Interessen der beiden Eheleute unterschiedlich ausfallen, so kann Helene Grandel ihren persönlichen Alltags-Vorstellungen folgen. Sie besucht weiterhin das jüdische Kaufhaus Landauer; auch das Augsburger Apollo-Theater findet ihr regelmäßiges Interesse.


Der Saal des Augsburger Apollo-Theaters - 1910 (Postkarte im Privatbesitz / Graphisches Institut "Urania", Charlottenburg 4, Nr.1680)

Unter den wenigen von Gottfried Grandel erhaltenen Schriftstücken aus diesem Jahrzehnt befindet sich ein aus der Untersuchungshaft an Helene Grandel verfasster Brief des wegen der Attentatsvorbereitung auf General v. Seeckt angeklagten Firmenchefs, in dem er 1924 notiert:

"Also, ich dank Dir von Herzen für Dein Packerl und für das, was drin war, auch für das Unsichtbare, liebe Helene! Du gehörst ja, wie Du schon wissen wirst, zu den sehr wenigen Menschen, die ich zu gleicher Zeit liebe und achte; nicht nur, weil Du mein Lenl bist, sondern an und für sich. Auf solchen Menschen, wie Du bist, steht meine Welt." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Akte Thormann-Grandel, Gottfried Grandel aus der Berliner U-Haft an Helene Grandel v. 24.4.1924)


Blick auf das Betriebsgebäude in der Johannes-Haagstraße 18: Helene Grandel auf dem hofseitigen Balkon der benachbarten Privatwohnung Nr.20 - 1928 (Fotografie im Privatbesitz)

Auch seiner zehnjährigen Tochter Christine schreibt Gottfried Grandel zum Weihnachtsfest 1927 nur Positives über ihre Mutter:

"Mutters Herz, aus dem Du kamst, ist warm und süss und so reich an treuer Liebe wie der reichste Himmel." (Weihnachtsbrief Gottfried Grandels an die zehnjährige Tochter Christine v. 24.12.1927)


Wunschbrief an die älteste Tochter: Gottfried Grandel - 24. Dezember 1927 (Fotografie im Privatbesitz)


Portrait zum 10-jährigen Geburtstag: Chrintine Grandel - 1927 (Fotografie im Privatbesitz / Ludwig Spegg, München)

Von einer ernsten Beziehungskrise, die eine spätere Scheidung rechtfertigen würde, ist innerhalb der Augsburger Familie Grandel noch nichts zu spüren. Doch der Schein des unbeschwerten Lebens mag trügen.


7. Juli 1925 - Großbrand in Augsburg

In seinem späteren Archivbericht an die NSDAP notiert Gottfried Grandel einleitend:

"Leider fehlen mir fast alle Dokumente aus jener (-Weimarer-)Zeit; teils sind sie mir von der Kriminalpolizei weggeholt worden (-Thormann-Grandel-Prozess v. 1924?-), teils sind sie bei dem Grossfeuer meiner Fabrik in Augsburg im Juli 1926 (-7. Juli 1925-) vernichtet worden." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/Bl.1 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)


Ölfabrik in Flammen (Fotografie im Privatbesitz)

In einer Pressenotiz wird berichtet:

"Dienstag Abend brach in der Dr . G . Grandel gehörigen großen Oel - und Gewürzfabrik in Augsburg Großfeuer aus, das sich mit ungeheurer Schnelligkeit infolge der vorhandenen zahlreichen Oel- und Gummivorräte über die ganze Fabrik verbreitete. Sämtliche Feuerwehren Augsburgs mußten auf dem Brandplatze erscheinen. Die gesamte Fabrik wurde durch das Großfeuer zerstört. Der Schaden ist sehr groß, teilweise aber durch Versicherungen gedeckt. Es bestand einige Zeit Gefahr für die der Brandstätte direkt benachbarte Maschinen- und Röhrenfabrik Johannes Haag A.-G. Die Brandursache ist unbekannt, doch vermutet man Brandstiftung, weil dies innerhalb einiger Wochen schon das dritte Fabrikgroßfeuer im Osten der Stadt ist." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Hallische Nachrichten, Nr.158, S.3 - "Fabrikbrand in Augsburg" v. 9.7.1925)


"Zum drittenmale innerhalb einer kurzen Zeit": Großfeuer in einer Augsburger Fabrik (Symbolbild der Wertach-Spinnerei v. 28.2.1912 - Fotografie im Privatbesitz / Verlag Georg Voegeli/Augsburg)

In einem späteren Hamburger DOG-Firmenrückblick heißt es zu der erwähnten Brandkatastrophe auf dem Gelände der Augsburger Ölfabrik:

"Die Kitterzeugung kam aber (-am 7. Juli-) 1925 nach einem Brand des betreffenden Betriebsteiles zum Erliegen, da der Wiederaufbau nicht gelohnt hätte." (Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG", S.11 - Dez. 1952)

Auch die Sächsische Volkszeitung greift den Augsburger Großbrand in einer kurzen Mitteilung auf:

"Eine Oelfabrik in Augsburg abgebrannt

Am Dienstag Abend (-7. Juli 1925-) brach in der Oelfabrik und in den Gewürz- und Farbholzmühlenwerken von Grandel ein Großfeuer aus. Das Feuer fand in dem Oellager und den dort aufgestapelten Vorräten reichliche Nahrung und richtete (-nach dem Übergriff auf das Gummilager-) großen Schaden an. Gegen Mitternacht konnte der Brand gelöscht werden." (Digitalisiert auf sachsen.digital.de: Sächsische Volkszeitung, S.3 v. 10.7.1925 + //anno.onb.ac.at: Insbrucker Nachrichten, Nr.152, S.6 - "Fabrikbrand in Augsburg" v. 8.7.1925)



Großbrand: Rest-Löscharbeiten in Ölfabrik (Symbolbild im Privatbesitz)

Zu den zuvor behördlicherseits geforderten Brandschutzmaßnahmen heißt es:

"1. Die von den Arbeitsräumen ins Freie führenden Türen müssen nach außen aufschlagen.

2. Für Feuerlöschzwecke sind zweckmäßig angebrachte Schlauchstationen vorzusehen. Die Bereithaltung erprobter Löschgranaten ist ebenfalls geboten.

3. Wände und Decken sind glatt zu verputzen und hell zu streichen.

4. Die Fußböden müssen eben, dicht und leicht zu reinigen sein und aus undurchlässigem, feuerfesten Material bestehen; und vor den ständigen Arbeitsplätzen aus Holz oder anderem gut isolierendem Materiale bestehen." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Bausenats-Beschluß unter Vorsitz Ackermann v. 10.10.1921)


Brandschutzempfehlung: "Bereithaltung erprobter Löschgranaten geboten" - 1925 (Fotografie im Privatbesitz)

Ein Großfeuer in einer Ölfabrik stellt nicht nur für die Belegschaft, sondern auch für die lokale Feuerwehr eine der größten Herausforderungen dar. Das Feuer auf dem Augsburger Fabrikgelände findet schnell Nahrung. Auf dem Firmenareal geraten in nur kurzer Zeit ganze Lagerhallen mit Ölkuchen und -fässern in Brand. Das Feuer greift hier vom Oellager auf das Gummilager über.

Sämtliche Löschzüge der Augsburger Feuerwehr rücken daraufhin zum Brandplatz aus, um das Feuer von allen Seiten zu bekämpfen, doch die Löschkapazitäten reichen nicht, auch die Kompanien der Freiwilligen Feuerwehr werden aktiviert.


Motorgetriebener Löschzug vor dem Augsburger Zeughaus - 1925 (Bechtel: "Die Augsburger Feuerwehr", Archiv Feuerwehr-Augsburg/Pressestelle Berufsfeuerwehr)

Für den Einsatz eines möglichen Spritzdampfers ist die Entfernung zum Lech zu groß. Auf den ersten Eindruck wird die betroffene Fabrikanlage aufgrund der starken Rauch- und Flammenentwicklung bereits als vollständig verloren angesehen, sodass sich die Löscharbeiten in der Hauptsache darauf beschränken, die gefährdeten Nachbargebäude zu sichern. In der lokalen Presse wird über den nächtlichen Großeinsatz berichtet:

"Gestern Abend 10 Uhr entstand in der Grandelschen Oelfabrik an der Johannes-Haagstraße hier ein Großfeuer. Bei Ankunft der Berufsfeuerwehr stand bereits das ganze Fabrikgebäude in hellen Flammen, so daß unverzüglich weitere Kompagnien freiwilliger Feuerwehr alarmiert werden mußten. Im Verein mit der Berufsfeuerwehr arbeiteten die 4., 7., 8., 9., 10., 12. und 26. Kompagnie mit 8 Motorspritzen und 18 Schlauchleitungen an der Bekämpfung des Feuers. Der Brandherd lag auf der Südseite in der Nähe des Laboratoriums und ist vermutlich im Erdgeschoß bei der sogen.(-annten-) Firniskocherei zu suchen. Nach mehr als 2stündiger Arbeit konnte die Gefahr als beseitigt angesehen werden. Das Gebäude ist vollständig ausgebrannt. Das Feuer hatte insbesondere in den im Brandobjekt lagernden Mengen Leim, Oel und Kreide reichlich Nahrung gefunden. Die Entstehungsursache ist noch nicht geklärt. Gebäude- und Sachschaden ist sehr bedeutend, jedoch durch Versicherung gedeckt. Dazu erfahren wir von der Berufsfeuerwehr: Gestern Abend um 9:30 wurde die Berufsfeuerwehr zur Firma Grandel, Oel- und Kittmühle, Johannes-Haagstraße 18, gerufen. Bei Ankunft der Berufsfeuerwehr stand der Dachstuhl des Fabrikationsgebäudes in Brand. Da das Feuer trotz Eingreifens der Feuerwehr unter den leicht brennbaren Vorräten an Ausdehnung gewann, wurde um 9.40 Uhr Großfeuer signalisiert, worauf 7 Kompagnien der freiwilligen Feuerwehr mit 5 Motorspritzen und 18 Schlauchleitungen in Tätigkeit traten. Um 11.30 Uhr nachts konnte 'Gefahr vorüber' gegeben werden. Drei Kompagnien der Freiwilligen Feuerwehr blieben bis 4.30 Uhr morgens auf dem Brandplatz als Feuerwache zurück. Das Fabrikationsgebäude der Oel- und Kittmühle ist zum größten Teil ausgebrannt. Ueber den Umfang des Schadens konnte man zunächst noch kein Bild gewinnen, er dürfte aber jedenfalls beträchtlich sein. Auch die Brandursache konnte zunächst noch nicht festgestellt werden. Die Löscharbeiten leiteten Kommandant Mayer und Oberbrandinspektor Zwickenpflug." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger Neueste Nachrichten, Nr.155, S.4 - "Großfeuer in der Grandelschen Oelfabrik" v. 8.7.1925)

Die Feuerbekämpfung wird mit Schläuchen größten Kalibers geführt, gespeist auch aus dem angrenzenden Hanreibach. Teilbereiche der Fabrikhallen brennen jedoch vollständig nieder. Die benachbarten Gebäude und Speicher hingegen werden ständig unter Wasser gehalten, um ein Überspringen des Feuers zu verhindern. Nach mehrstündiger Löscharbeit gelingt es der Feuerwehr zu Mitternacht, den Brand auf dem Gelände der Johannes-Haag-Straße 18-20 zu löschen.

Die Schwäbische Volkszeitung vermerkt darüber hinaus:

"Zu dem Brandfall, der in wenigen Wochen der dritte Fabrikbrand in der gleichen Stadtgegend ist, erfahren wir weiter: Schon fast eine halbe Stunde vor der Brandmeldung bemerkten Straßenpassanten einen durchdringenden Geruch, so daß man sich nur wundern muß, daß man im Grandel'schen Anwesen nicht früher auf den Brand aufmerksam wurde. Da die rasch eintreffende Berufsfeuerwehr den Brand schon auf das ganze Fabrikgebäude ausgedehnt fand, konnte sie trotz aller Mühe nicht mehr viel ausrichten." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Schwäbische Volkszeitung, Nr.154, S.5 - "Großfeuer in der Grandel'schen Oelfabrik" v. 8.7.1925)


Augsburg: Löschwasser aus dem angrenzenden Bachsystem - 1938 ()

Auch die sich in direkter Nachbarschaft der Ölfabrik befindliche Parkett-Fabrik Walter wird ein Opfer eines Großbrandes:

"Im Sägewerk der Holzbearbeitung A-G. Karl Walter in Augsburg (-Johannes Haagstraße 24b-) brach am Freitagabend aus bisher unbekannter Ursache Großfeuer aus. In kurzer Zeit war das Sägewerk samt den angrenzenden, mit großen Holzvorräten gefüllten Schuppen vernichtet. Der Schaden ist sehr groß. Sämtliche Feuerwehren der Stadt arbeiteten an der Bekämpfung des Feuers, das um 1 Uhr am Samstag früh eingedämmt werden konnte." (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Oberegger Anzeiger, Nr.25, S.3 - "Brand in einem Sägewerk" v. 22.6.1928)


Vollbrand auch bei der benachbarten Parkettbodenfabrik Karl Walter, Johannes-Haagstraße 24b - 16. Juni 1928 (Bechtel: "Die Augsburger Feuerwehr", S.10 - 2014, Archiv Feuerwehr-Augsburg/Pressestelle Berufsfeuerwehr)

Die Ursache der Augsburger Brandkatastrophen bleibt unklar. In wirtschaftlich schweren Zeiten häufen sich zwar allgemein die Brände in den nicht ausgelasteten Produktionsanlagen - die liquiden Mittel vieler Firmen sind durch Inflation und anhaltende Wirtschaftskrise mittlerweile aufgebraucht - dennoch beschäftigt die Ölfabrik vor der Weltwirtschaftskrise noch rund 30 Arbeiter und Angestellte.

Das Firmenvermögen der Ölfabrik ist mittlerweile von den Bankinstituten stark belastet. In dem gesamtwirtschaftlich angespannten Jahr 1925 verzichtet selbst der Prokurist Josef Rupp auf Teile seines Gehaltes.

Bei der grandelschen Feuerkatastrophe könnte es sich jedoch auch um eine externe Brandstiftung gehandelt haben. Dr. Grandels finanzielle Frühförderung der NSDAP wird kurz zuvor einer breiten Öffentlichkeit bekannt und Adolf Hitler besitzt nach seiner erneuten NSDAP-Gründung vom Februar 1925 viele Feinde. So notiert dann auch Gottfried Grandel in seinem NSDAP-Archivbericht zu diesem Zeitraum:

"Ich tat aber (-nach dem Rückzug aus der Augsburger Ortsgruppenführung-) nach wie vor alles, um die Partei in Augsburg zu fördern. Wirtschaftlich hat mir dies sehr geschadet. Ich wurde (-hauptsächlich durch die führende Teilnahme an dem international beachteten Attentatsplan auf General Hans v. Seeckt, dem Chef der deutschen Heeresleitung-) in der roten Presse angeprangert, insbesondere, nachdem durch Indiskretion bekannt geworden war, dass ich Hitler Geld gegeben und den Völk.(-ischen-) Beo(-bachter-) für die Partei 'gekauft' hatte. In dem berüchtigten 'Braunbuch' soll mein Name als Geldgeber öfter vorkommen." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)


Buch-Umschlag für das Braunbuch - Juli 1933 (Fotografie im Privatbesitz)

In dem von Gottfried Grandel erwähntem Braunbuch wird zu den finanziellen Frühförderern vermerkt:

"Im späteren Hitler-Ludendorff-Prozess (1924) ist festgestellt worden, dass Hitler von dem Direktor des bayerischen Industriellenverbandes, Geheimrat Aust, dem Verbandssyndikus Dr. Kuhlo, dem Inhaber der Klavierfabrik Bechstein, dem Grossindustriellen Maffei (München), den Fabrikanten Hornschuh (Kulmbach) und Grandel (Augsburg) erhebliche Geldsummen für die Partei erhalten hat. Hitler hielt auch in den vornehmen Klubs der Bankiers, Grossgrundbesitzer und Industriellen Vorträge über 'seine Ziele'. Er nahm dafür Geldzuwendungen für die nationalsozialistische Presse und ähnliche Zwecke in Empfang. Auch von dem bekannten Berliner Grossindustriellen Borsig, dem als sozialpolitischen Scharfmacher bekannten Vorsitzenden der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, hat Hitler bereits in jener Zeit Subventionen bekommen." (World Committee for the Victims of German Fascism: "Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror", S.15 - 1933)

Wann und von wem die Information Mitte der 20er-Jahre an die Ermittler gereicht wird, nach der Dr. Grandel als wichtiger Geldgeber der frühen NSDAP fungierte, ist nicht bekannt. Die Quelle der von ihm angeführten "Indiskretion" wird jedoch im Zusammenhang mit den jeweiligen Prozessen von Dr. Grandel und Adolf Hitler aus dem Jahre 1924 zu sehen sein.

Zudem wirken sich bei Gottfried Grandel die gesundheitlichen Probleme immer stärker aus. In der kleinen Schriftenreihe "Forschung und Praxis für die Lebensreform", die später von seinem Sohn Dr. Felix Grandel herausgebracht wird, heißt es hierzu:

"Dr. Gottfried Grandel kehrte, - als er 1926 von einem schweren Gicht- und Rheumaleiden heimgesucht wurde - in abgewandelter Form zum Vegetarismus zurück." (Felix Grandel: "Gesundheit und Ernährung", S.43 - 1952)

Aufgrund der von Gottfried Grandel intensivierten und wirtschaftlich vermarktbaren Forschungserfolge im Bereich der Faktis-Herstellung bereitet er zum Ende des Jahres 1926 seiner Ehefrau ein besonderes Geschenk, welches fünf Jahre später zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung führt:

"Falls der Kläger (-Gottfried Grandel-) zu Weihnachten 1926, wie dies eidlich und glaubwürdig die Zeugin (-Volksschulhauptlehrerin und Augsburger stellv. Fabrikdirektorgattin-) Helene Seutter (...) bekundet hat, der Beklagten (-Helene Grandel-) alle Ansprüche aus dem Versicherungsvertrage 'geschenkt hat' und auf sein Widerrufsrecht verzichtet hat, dann war er auch in Konsequenz dessen nach Treu und Glauben verpflichtet, bei der Versicherungsgesellschaft einen Antrag zu stellen, dass ein Vermerk auf Verzicht der Widerruflichkeit auf dem Scheine aufgenommen werde." (Landesarchiv SH, Abt.350, Nr.2386: "Grandel gegen Grandel", Gesch.-Nr. 1 U.201/321 - Voreinschätzung des 1. Zivilsenats des Kieler Oberlandesgerichts v. 19.11.1932)


1927

Im Falle Adolf Hitlers führt der misslungene Putsch von 1923 schließlich zu einer zeitversetzten Aufarbeitung der Geschehnisse im Münchener Landesparlament. Das SPD-Zentralorgan Vorwärts berichtet von dem hierfür eingerichteten bayerischen Untersuchungsausschuss auf seiner Titelseite:

"Das weitaus wichtigste seiner Darlegungen war die aufsehenerregende Zusammenstellung aus den Akten über die Finanzierung der Hitler-Bewegung. Aus den Polizeiakten werden als Geldgeber genannt:(...) Dr. Grandel - Augsburg, der in den Anschlag auf General v. Seeckt verwickelt war." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.472 - "Borsig finanzierte Hitler!", Referat des SPD-Abgeordneten Dr. Hoegner v. 6.10.1927)


Wenige Tage darauf, am 12. Oktober 1927, veröffentlicht auch die tschechische Zeitung Sozialdemokrat einen Artikel von der Sitzung, aus dessen Inhalt der Name Dr. Grandel "als Geldgeber der Hitlerbewegung" hervorgeht. Diese Zeitung ist auch in Helene Grandels Geburtsstadt Reichenberg erhältlich.


(Digitalisiert auf fes.imageware.de: Sozialdemokrat, Nr.239, S.2 v. 12.10.1927)

In Folge der Benennung als finanzieller Früh-Förderer der NSDAP droht für Dr. Grandel im Jahre 1927 noch ein weiterer unangenehmer Aspekt hinzuzukommen, doch wird dieser nicht umgesetzt:

"Weitere Finanziers der NSDAP aus jener Zeit versuchte der sozialdemokratische Abgeordnete Högner im Jahr 1927 während der Verhandlungen des Landtags-Untersuchungsausschusses über den Hitlerputsch ausfindig zu machen. Zu Aussagen hierzu beantragte er die Ladung der folgenden Zeugen:

'Dr. Gansser (Berlin), Polizeiinspektor Glaser, Abg. Glaser, Dr. Grandel (Augsburg), Generalkonsul Scharrer, Heinrich Becker (Geislingen), der Leiter der Borsigwerke in Berlin, Kommerzienrat Wohlheim (Berlin), Hanfstaengl, Kommerzienrat Otto (Stuttgart), Ingenieur Max Koller (Winterthur), Rechtsanwalt Noell (Würzburg), Abg. Dr. Roth, Prof. Mulzer, Reichskanzler a. D. Cuno, Oberamtmann Frh. v. Freyberg, ferner den bayerischen Kronprinzen Rupprecht.'

Gegenüber dem Vorwurf des BVP-Ageordneten Schäffer, Högner untergrabe mit diesem Antrag das Ansehen des Parlaments, meinte dieser: 'Es handele sich darum, gründliche Arbeit zu leisten. Die Gerichte haben es nicht der Mühe wert gehalten, die Finanzierung der Hitlerbewegung so zu ergründen, wie es notwendig gewesen wäre. Allerdings konnte er sich mit seinem Antrag nicht durchsetzen, so daß kein Verhör hierüber zustande kam. Die Verdächtigungen dürften aber kaum aus der Luft gegriffen gewesen sein, und einige der Finanziers der NSDAP aus der Zeit vor dem Hitlerputsch werden auch in den Jahren seit 1924 wieder als Geldgeber aufgetreten sein." ("Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" Bd.21, S.239 - 1970)

Der Augsburger Fabrikant Dr. Grandel wird vermutlich nicht zu dem Kreis derer gezählt haben, die die NSDAP auch noch nach dem Jahre 1924 weiter unterstützten. Sein Bedarf an politischer Beeinflussung scheint fürderhin gedeckt.

Für den Firmenchef der alteingesessenen Ölfabrik ist allein die Veröffentlichung seines Namens, besonders nach dem aufsehenerregenden Seeckt-Attentats-Prozess von 1924, ein weiterer Tiefschlag innerhalb weniger Jahre.

Finanziell scheint es dem Unternehmen aufgrund der intensiven Zuwendung des Firmeninhabers auf die Entwicklung neuer Produkte, wieder besser zu gehen:

"Es dürfte Sie interessieren, dass ich im Jahre 1927 rund 1.500.000 kg Rohware von Nord-, West- und Ostdeutschland nach Augsburg verfrachtet habe und die gleiche Gewichtsmenge Oelkautschuk als Fertigware nach den in Mittel-, West-, Ost- und Norddeutschland, sowie ausländischen und in Uebersee gelegenen Gummiwarenfabriken geliefert habe.(...) Aus einem Umsatz von RM 1.380.000.-- wurden im Jahre 1927 an Umsatz-Steuern M 9332.-- abgeführt. Elektrischer Strom-Verbrauch: Dieser betrug rund 60.000 KW Std. bei einem Anschluss von ca. 150 PS. Kohlenverbrauch: Jährlich 100 tons." (StadtA KS, A 8.80, 303: Ansiedlungsanfrage der Ölfabrik Georg Grandel an Stadtrat in Kassel, Bl.1 bis 3 v. 29.2.1928)

Doch das Jahr 1927 endet mit einem weiteren Aspekt, der ein negatives Potential im Hinblick auf die Standortsicherheit der Ölfabrik beinhaltet. In einem Schreiben der direkten Nachbarschaft an den Augsburger Stadtrat wird vermerkt:

"Im übrigen ist uns bekannt, dass die Arbeiter im Grandelschen Betrieb, die mit der Herstellung von Faktis beschäftigt sind, Gasmasken tragen müssen, womit allein schon die Gesundheitsschädlichkeit der bei der Fabrikation entweichende Gase bewiesen sein dürfte."(//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Mech. Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg an den Stadtrat, S.2 v. 21.11.1927)


Februar 1928

Der vom 13. Juni 1927 als Betriebsassistent im Oelwerk Georg Grandel beschäftigte Georg Reichert beendet am 29. Februar 1928 seine Augsburger Tätigkeit.

Zeitgleich entwickelt Dr. Grandel mit seinem langjährigen Prokuristen mehrere Optionen für die betriebliche Zukunft der Augsburger Ölfabrik. So schreibt der Firmeninhaber an den Magistrat in Kassel:

"Ich habe die Absicht, mein Unternehmen nach einem für den Bezug der Rohstoffe und den Absatz der Fertigfabrikate frachtgünstigeren Ort zu verlegen. Ihre Stadt habe ich für die Niederlassung in die engere Wahl gezogen, vorausgesetzt, dass Sie an der Neuansiedlung von Industrie Interesse haben.(...) Z. Zt. werden in meinem Werk beschäftigt:

50 Arbeiter, 15 Angestellte. Bei Verlegung nach dort ziehen mit:

der Inhaber, 1 Prokurist (-Josef Rupp-), 2 Angestellte, 2 techn. Angestellte. Die weiter benötigten ca. 60 Arbeiter und Angestellte würden vom dortigen Arbeitsmarkt gedeckt werden." (StadtA KS, A 8.80, 303: Ansiedlungsanfrage der Ölfabrik Georg Grandel an Stadtrat in Kassel, Bl.1/2 v. 29.2.1928)


Potentielle Arbeitsplätze für Kassel: Visitenkarte hinterlassen - 29. Februar 1928 (StadtA KS, A 8.80, 303: Ansiedlungsanfrage der Ölfabrik Georg Grandel an Stadtrat in Kassel v. 29.2.1928)

Gegenüber dem Kasseler Stadtrat kalkuliert Gottfried Grandel noch mit dem Umzug seiner sechsköpfigen Familie:


(StadtA KS, A 8.80, 303: Ansiedlungsanfrage der Ölfabrik Georg Grandel an Stadtrat in Kassel, Bl.3 v. 29.2.1928)

Weiter schreibt er in der ersten Kontaktaufnahme gegenüber dem Stadtrat in Kassel: 

"Da ich eine Erweiterung meiner Betriebsanlagen anstrebe, um der Nachfrage gerecht zu werden, so belieben Sie aus den vorstehenden Ausführungen die Gründe meiner Absicht zu erkennen. Die seit Kriegsende eingetretenen veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, die allgemein hohe steuerliche Belastung von Industrie und Handel, die hohen Frachttarife der Deutschen Reichsbahn lassen es mir geboten erscheinen, diesen neuen Verhältnissen durch Betriebsverlegung Rechnung zu tragen." (StadtA KS, A 8.80, 303: Ansiedlungsanfrage der Ölfabrik Georg Grandel an Stadtrat in Kassel, Bl.2 v. 29.2.1928)

Dem Kasseler Stadtrat teilt Gottfried Grandel zum Schluss seiner Offerte mit:

"Ich bitte Sie mir mitteilen zu wollen, ob geeignetes Industriegelände im Bezirk Kassel vorhanden ist, gegebenenfalls ob geeignete stillgelegte Fabriken, die meinen Anforderungen entsprechen, käuflich sind. Ich stelle Ihnen anheim ohne Nennung meines Namens sich mit einem reellen Makler in Verbindung zu setzen, der mir durch Ihre Vermittlung passende Angebote vorlegen kann. Welche Vorteile vermögen Sie mir einzuräumen, falls ich Ihre Stadt für die Niederlassung wähle? Ich spreche hiermit noch den Wunsch aus, meine Absicht streng vertraulich behandeln zu wollen und aus diesem Grunde bitte ich vorerst, von der Aufgabe von Referenzen Abstand zu nehmen." (StadtA KS, A 8.80, 303: Ansiedlungsanfrage der Ölfabrik Georg Grandel an Stadtrat in Kassel, Bl.3/4 v. 29.2.1928)


März 1928

Eine bereits am Folgetag des Eingangs erfolgte Aktennotiz an den Kasseler Stadtrat Sarrazin vermerkt:

"Ich schlage vor, in dem Schr.(-eiben-) an Gr.(-andel-) auch auf die Chem. Fabrik Bettenhausen, die z. Z. still liegt, hinzuweisen." (StadtA KS, A 8.80, 303: Ansiedlungsanfrage der Ölfabrik Georg Grandel an Stadtrat in Kassel, Bl.4 v. 29.2.1928, darunter handschriftliche Aktennotiz v. 3.3.1928)

In einem ersten Antwortschreiben der Stadt Kassel heißt es überschwänglich:

"Auf Ihr Schreiben vom 29. Februar 1928 teilen wir ergebenst mit, daß wir selbstverständlich an der Neuansiedlung von Industrie das größte Interesse haben. Für eine Fabrik in dem von Ihnen geschilderten Rahmen ist geeignetes Industriegelände in ausreichendem Maße frei; auch stehen gegebenenfalls geeignete stillgelegte Fabriken, die Ihren Anforderungen entsprechen dürften, käuflich zur Verfügung. Die Bedingungen für die Errichtung Ihres Werkes in Kassel erscheinen so günstig, wie sonst nirgends. Die Wasserbeschaffung ist leicht und billig auszuführen; die Abwässer können ohne Schwierigkeiten abgeleitet werden. In der nächsten Umgebung Kassels liegen leistungsfähige Braunkohlenzechen, die billige Kohlen liefern. Die Stadt liefert den Strom so billig, wie kaum eine andere Stadt. Die Arbeitsbedingungen sind außerordentlich günstig, da die Löhne in Kassel nicht so hoch sind, wie in anderen Großstädten und infolge der starken Erwerbslosigkeit genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.(...) Wir stehen Ihnen für Ihren Mitte März (-1928-) angekündigten Besuch mit jeder Auskunft gern zur Verfügung und können heute schon erklären, daß wir Ihnen in jeder möglichen Weise entgegenkommen werden, wenn Sie die Stadt Kassel für die Niederlassung auswählen.(...) Als käuflich und geeignet für Ihre Zwecke würden in Frage kommen können Räume der stillgelegten Deutschen Werke in Kassel, sowie die der ebenfalls stilliegenden chemischen Fabrik in Bettenhausen.(...) Für die ersten Jahre Ihrer Niederlassung wird das Steueramt Ihnen Entgegenkommen zeigen." (StadtA KS, A 8.80, 303: Erstes Antwortschreiben des Kasseler Magistrats v. 6.3.1928 auf die Ansiedlungsanfrage der Ölfabrik Georg Grandel)

Nach dem zuvor angekündigten Besuch Gottfried Grandels in Kassel, einer Führung durch das Kasseler Hafengelände und zu den potentiellen Fabrikflächen vermerkt dessen Prokurist Josef Rupp in einem Schreiben an den Magistrat:

"Die oben erwähnten leerstehenden Werke 2) (-Wohnungsbau-AG, früher Maschinenfabrik Katzenstein-) und 3) (-Deutschen Werke-) kommen nicht in Betracht; ich erhielt in der Zwischenzeit Angebote der Fimen, die jedoch wegen der viel zu hohen Preise keinen Anreiz dazu bieten, die Liegenschaften zu erwerben. Dagegen bietet Nr. 1) Chemische Fabrik Bettenhausen eher Interesse; ich bitte höflich, mir den Namen und die Adresse des Besitzers mitteilen zu wollen, damit ich Angebot einfordern kann." (StadtA KS, A 8.80, 303: Zweites Schreiben im Rahmen der Ansiedlungsanfrage der Ölfabrik Georg Grandel an Magistrat in Kassel, Bl.3/4 v. 15.3.1928)

 

Zu:

"Firma Lieberg & Co. G.m.b.H., Metallwerk Kassel-Bettenhausen." ()

Werbung der Metallwerke Lieberg & Co. aus den 1920er Jahren (Stadtmuseum Kassel + digitalisiert auf vorderer-westen.net: "Familie Lieberg und der Messinghof in Bettenhausen")


Zu:

"Als sein (-Carls-) Bruder Moritz (-Lieberg, geb. 1851 im Jahre-) 1927 starb, wurde dessen Sohn Wilhelm Inhaber und Ge­­schäfts­führer des Betriebes, der Metalle aller Art verarbeitete und unter anderem auch als Zulieferer für die Fahrradindustrie tätig war. Ende der 20er Jahre waren auf dem Messinghof etwa 140 Menschen beschäftigt, die vor allem das Markenzeichen der 'Metallwerke Lieberg & Co. G.m.b.H. Kassel-Bettenhausen', den nahtlosen 'Herkules-Kup­fer­kessel', produzierten." (Digitalisiert auf vorderer-westen.net: "Familie Lieberg und der Messinghof in Bettenhausen")

Zu dem Industriegebiet Kassel-Bettenhausen heißt es in einer Rückschau:

"Nach der Eingemeindung zur Stadt Kassel, am 1. April 1906, entwickelte sich der Stadtteil (-Bettenhausen-) schnell zu einem der Schwerpunkte industrieller Ansiedlung in der Region Nordhessen. Dies führte zu einem bis dahin nicht gekannten wirtschaftlichen Aufschwung und einer deutlichen Zunahme der Wohnbevölkerung. Für die Menschen und die Umwelt in Bettenhausen stellte sich die ungezügelte Expansion sehr bald als belastend heraus. Lärm, Staub und unerträglicher Gestank waren an der Tagesordnung und prägten in dieser Zeit das Bild des Stadtteils." (AK Bettenhausen früher und heute: "Industriestandort Bettenhausen", S.3 - 2007)


10. Mai 1928

Nach einem Kassel-Besuch mit seinem Prokuristen Josef Rupp wendet sich Gottfried Grandel erneut an den Stadtmagistrat der Stadt Kassel:

"Das Grundstück Ecke Leipziger-Sandhäuserstrasse findet mein Interesse und ich bitte Sie, mir eine Lageplan-Skizze zu übermitteln und mir ein festes Angebot mit alleräusserstem Preis zu machen." (v. 18.5.1928)


Eine Firmen-Zusammenlegung mit Hafenanschluss gerät schließlich in den engeren Blickwinkel, denn der Augsburger Produktionsstandort verliert zunehmend an Attraktivität - auch durch die beharrlichen Beschwerden der Anlieger:

"Mech. Baumwollspinn- und Weberei teilt heute Nachmittag 4 Uhr mit, daß in der Joh. Haagstraße wiederum eine starke Geruchsbelästigung aus dem Betrieb der Firma Dr. Grandel wahrzunehmen sei. Eine sofort von der Polizeistation Ost-End vorgenommene Nachschau ergab, daß in der Johannes Haagstraße irgend eine Geruchsbelästigung nicht wahrzunehmen ist. Fa. Dr. Grandel teilt mit, daß von ihrer Seite aus alles geschähe, um eine Geruchsbelästigung auszuschalten. Wenn eine Geruchsbelästigung festgestellt werde, könne dies nur dadurch möglich sein, daß der Abzug die Dämpfe von dem 38 m hohen Kamin auf die Erde niedergedrückt werde. Dies lasse sich aber nicht verhindern." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Stadtpolizeiamt Augsburg v. 7.10.1926)


Juni 1928

Zu der Geruchs-Thematik wird darüber hinaus ausgeführt:

"Herr Grandel ist seinerseits der Meinung, daß die Geruchsbelästigungen in erster Linie von der Herstellung der weißen Faktis herrühren, bei welchem Herstellungsverfahren Chlorschwefel zur Verwendung kommt." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Gewerbeanstalt Augsburg an den Stadtrat, S.2 v. 11.6.1928)

In einer schriftlichen Stellungnahme Gottfried Grandels betont dieser zu den wiederkehrenden Geruchsbelästigungen:

"Mit dem Schreiben vom 2. Juli (-1928-) wird mir der Einbau einer mehrstufigen Absorptionskammer in meiner Ölkautschukfabrik auferlegt. Da ich beabsichtige, mein gesamtes Unternehmen von Augsburg nach Norddeutschland (-Hamburg-) zu verlegen und die Übersiedlung noch in diesem Jahre stattfinden soll, so bitte ich den Stadtrat ergebenst, wegen der Kürze der dazwischenliegenden Zeit von der Durchführung der gemachten Auflage gefl.(-issentlich-) Abstand nehmen zu wollen. Zur Sache selbst gestatte ich mir zu bemerken, dass mein Betrieb nach Aussage des Herrn Direktor Fleischmann von der Chemischen Berufsgenossenschaft in jeder Hinsicht mustergiltig eingerichtet ist. Die sehr seltenen Geruchsbelästigungen, die auf meine Fabrik tatsächlich zurückgeführt werden können, sind entstanden durch Zufälle, wie Undichtwerden eines Chlorschwefelfasses (-welches im Freien Ende Mai 1928 umgefüllt werden musste-), Fallenlassen einer Glasflasche mit Chlorschwefel ausserhalb des Betriebes auf dem Weg zum Laboratorium u. ä.

Damit nicht stets die Ursache von schlechten Gerüchen in meinem Werk gesucht wird, muss ich darauf hinweisen, dass bei Ostwind die unzeitgemässe Schuttablagerung am Lech üble Gerüche in der Gegend verbreitet. Ferner verweise ich höflichst auf meine seit Jahren vergeblich wiederholten Bitten, zu verhindern, dass die Firma Martini & Cie. jeden Abend ihre Chlorkalkbrühen in den Hanreibach abfliessen lässt. An manchen Abenden verbreitet dieser Bach einen starken Geruch nach unterchloriger Säure, sodass auch mir und meiner Familie öfters der Aufenthalt in meinem Garten verleidet wird." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Bauakte, Dr. Grandel an den Stadtrat, Referat 8, S.1/2 v. 6.7.1928)


"Feinste Faktisqualitäten": Üble Gerüche in der Fertigung - Werbeanzeige von 1928 (Gummi-Zeitung: Fachblatt, S.52 - 1928)

Zu den Ergebnissen seiner intensivierten Forschung berichtet Gottfried Grandel in der einem Fachbeitrag angefügten Diskussion im Fachblatt der Kautschuk verarbeitenden Industrie:

"Vor einem halben Jahr (-November 1928-) ist es mir gelungen, ohne Elektrolytzusatz plastische Faktisse herzustellen, die noch bessere Eigenschaften aufweisen als die Auerschen Produkte.

Bünz, Hamburg: Die Standölbildung kann nicht ohne weiteres mit dem Auerschen Verfahren verglichen werden. Im übrigen sind bereits Faktisse mit nur 3 Proz. Schwefel im Handel.

(-Aus Manchester Dr.-Ing. L.-) Auer: Die von Herrn Kirchhof erwähnten Silikate habe ich auch gesehen. Es wurde von meiner Seite nicht behauptet, daß in den neuen veredelten Oelen Seifen nie vorkommen können. Die Reaktion ist zu kompliziert, um diesbezüglich schon jetzt positive Aussagen zu ermöglichen. Es steht aber fest, daß eine eventuelle Seifenbildung primär mit der Reaktion nichts zu tun hat. Sonst könnte man keine Anionenreihe feststellen, wenn man äquivalente Mengen verschiedener Salze desselben Metalls einwirken läßt. Die Reaktion geht übrigens auch mit sauer reagierenden Salzen. Das Auflösen der Salze geschieht bei etwa 280 bis 300° C, wie es in meinem Hamburger Vortrag auf der Hauptversammlung der Kolloid- ..." (Zeitschrift "Kautschuk", Nr.7, S.156 - Auer: "Die Verwendung veredelter Oele" - Juli 1929)


15. Oktober 1928

Eine von Gottfried Grandel gegenüber dem Augsburger Stadtrat erklärte Absicht einer bereits für das Jahr 1928 geplanten Betriebsverlegung wird von ihm zeitlich korrigiert:

"Die mit meinem Brief vom 6. Juli 1928 angedeutete Absicht der Betriebsverlegung (-nach Kassel/Hamburg-) wird auf absehbare Zeit zurückgestellt. Den mir zur Auflage gemachten Einbau einer Absorptionskammer bin ich, wie selbst bereits vorgeschlagen, bereit zu erstellen, jedoch bitte ich Sie um Zuerkennung einer längeren Frist für die erforderlichen Vorbereitungs- und Ausführungsarbeiten. Diese Absorptionskammer wünsche ich so zu bauen, dass dieselbe dem Zweck, dem sie dienen soll, in jeder Hinsicht entspricht. Ich ersuche Sie deshalb, mir eine Fristverlängerung bis 15. März 1929 zuzubilligen." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Bauakte, Dr. Grandel an den Stadtrat, Referat 8 - Gottfried Grandel an den Augsburger Stadtrat v. 15.10.1928)


Zunehmende Schwierigkeiten im Geruchsmanagement: Gottfried Grandel mit seiner ersten Tochter Christine vor den 35 m hohen Fabrikschornsteinen - 1918 (Fotografie im Privatbesitz)


12. bis 14. Mai 1929

Das wirtschaftliche Krisenjahr 1929 ist für Gottfried Grandel geprägt von den Früchten chemischer Forschungsarbeit, es beinhaltet aber auch starkes Veränderungspotential: Im Rahmen einer dem Vortrag einer Fachtagung folgenden Diskussion wird in der Fachzeitschrift vermerkt:

"Grandel, Augsburg: Man ist sich wohl einig in der Ansicht, daß man bei der Aufklärung der Konstitution so hochpolymerer Produkte wie dem Kautschuk mit rein chemischen Erklärungen nicht mehr auskommt. Es sind neue Begründungen nötig, die vielleicht aus der Physik zu entnehmen wären. Möglicherweise ist die Quantentheorie hier anzuwenden. - Schwefel ist ein Beispiel eines Polymeren, das durch Lösungsmittel schon depolymerisiert wird. Aehnlich verhalten sich Faktis, Harze, polymerisierte fette Oele. Aus den Ergebnissen der Hydrierung lassen sich sichere Schlüsse nicht ziehen. Japanische Forscher haben kürzlich gefunden, daß bei der Hydrierung von polymerisiertem Leinöl vollständiger Abbau zu einfachen Körpern stattfindet. In ähnlicher Weise erhält man beim Umkristallisieren von Harzen immer Depolymerisationsprodukte.

...


lassen einer einprozentigen Lösung von Solkautschuk im Molekulargewichtsapparat 33 g Kristalle isoliert, die zum größten Teil fest an der Wandung hafteten, so daß die Mutterlauge gut abgegossen werden konnte. Die Kristalle (33 g) enthielten 0,74 Prozent Kautschuk, die Mutterloge 849 g) enthielt 1,22 Proz. Kautschuk. In einem anderen Falle, als eine 0,95 proz. Lösung eingefroren wurde, zeigten die Kristalle sogar einen Kautschukgehalt von 0,85 Prozent. Daß dieser Kautschuk nur den Benzol-Kristallen adhäriert, ist nicht anzunehmen. Offenbar liegt eine Mischphase Benzol - Kautschuk vor. Diese Feststellung ist, wie mir scheint, nicht nur für das Kautschukgebiet, sondern auch für ...


Temperaturen. Eine einprozentige Solkautschuklösung in Aether ließ beim Abkühlen auf -70° fast allen Kautschuk ausfallen. Bei vorsichtigem Anwärmen konnte man nach Wiederauflösung der Hauptmenge bei etwa -40° geradlinige Fäden von 1 bis 2 cm Länge beobachteten (s. Bild), die von einem ..." (Zeitschrift "Kautschuk", Bd. 5/6, S.132 - 1929)

Von dem auf der III. Hauptversammlung der Deutschen Kautschuk-Gesellschaft in Hannover gehaltenem Vortrag über die Verwendung veredelter Oele zur Faktisherstellung wird Dr. Grandel im Rahmen einer auf den Vortrag folgenden Diskussion in der Verbandszeitschrift zitiert

"Ich habe versucht, das englische Patent des Vortragenden nachzuarbeiten. Leider wurde nicht gesagt, bei welcher Temperatur Vortragender gearbeitet hat. Im englischen Patent ist eine Temperatur von 300 bis 350 ° angegeben. Bei dieser Temperatur erfolgt aber bekanntlich auch ohne Elektrolytzusatz eine Verdickung (Standöl). Daß man aus geschwefelten Leinölen plastische Produkte herstellen kann, ist bekannt. Vortragender bestreitet zwar, daß in seinen Präparaten seifenartige Produkte vorhanden sind; trotzdem ist dies aber der Fall, wie man daraus ersieht, daß beim Behandeln mit Säuren die Konsistenz verschwindet. Es werden da-...

... Faktisse mit sehr niedrigem S-Gehalt ...

... Versuchen bewiesen wurde, daß die elektrolyhaltigen Oele bedeutend höhere Zereißfestigkeiten geben als unter gleichen Bedingungen aus elektrolytfreien Standölen hergestellte Vergleichsprodukte. Es ist also als sicher anzunehmen, daß, wenn durch neue Methoden mit elektrolytfreien Oelen bessere Produkte erhalten werden können als die bekannten Faktissorten, mit derselben neuen Vulkanisationsmethode die elektrolythaltigen Oele noch bessere Resultate ergeben werden. Bezüglich ..." (Zeitschrift "Kautschuk", Bd.5-6, S.XVI - 1929)

Der Unmut von Teilen der angrenzenden Nachbarschaft über die anhaltende Geruchsbelästigung setzt sich auch nach Ablauf der Fristverlängerung im Jahre 1929 fort. So schreibt die Geschäftsleitung der Gottfried Grandel gegenüber liegenden Baumwollspinnerei-Fabrik:

"Am 2. Juli 1928 erhielten wir vom Stadtrat Kenntnis von seinem Schreiben an die Firma Grandel vom gleichen Tage, womit der Firma die Auflage des Einbaues einer mehrstufigen Absorbtionskammer innerhalb eines Zeitraumes von 2 Monaten gemacht wurde. Durch Vorbringung von verschiedenen Gründen hat es die Firma Grandel verstanden, diese Frist bis 15. März 1929 verlängert zu erhalten.(...) Jedenfalls steht fest, dass bis heute eine Änderung des unerträglichen Zustandes nicht eingetreten ist und dass die Bewohner der ganzen Umgebung - die Gase machen sich je nach Windrichtung und Wetterlage bis zur Jakobskirche, dem Vogeltor und unseren Kolonien in der Lechhauserstraße und im Provinzbachquartier bemerkbar - nach wie vor unter den Geruchsbelästigungen in unerträglichem Masse zu leiden haben.(...) Es mag wohl sein, dass die Gase sich nicht jeden Tag in gleicher Weise und in der gleichen Richtung bemerkbar machen, weil hier die Witterungseinflüsse mitspielen, aber es besteht dennoch bei Ostwind zeitweise sogar bis zum Rathaus eine dauernde Belästigung der Umgebung, die besonders stark und oft des Nachts und, wie wir annehmen, zu Zeiten der Entleerung der Kessel auftritt. Vielfach treten die Gerüche so stark auf, dass man sie in der Nachbarschaft selbst bei geschlossenen Fenster wahrnimmt. Bei einem Öffnen der Fenster legen sich die Gase in die ganze Wohnung und in die Arbeits- und Büroräume und versuchen bei längerem Aufenthalt in solchen Räumen, wie verschiedentlich von Bewohnern und unseren Angestellten festgestellt wurde, Kopfschmerzen und allgemeines Unbehagen. Nicht selten erwachen die Bewohner der Nachbarschaft, wie durch Zeugen bewiesen werden kann, des Nachts an dem üblichen Gasgeruch, der in die Schlafräume eingedrungen ist, sich auf die Atmungsorgane legt und einen Stickreiz hervorruft. Dadurch, wie auch durch die Unmöglichkeit, durch Öffnen der Fenster für notwendige Lüftung in den Wohn- und Arbeitsräumen sorgen zu können, ist ohne Zweifel eine gesundheitliche Schädigung der Bewohner der Nachbarschaft gegeben." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Bauakte, Mechanische Baumwollspinnerei an den Augsburger Stadtrat, Referat 8, S.1-3 v. 22.6.1929)

Am neuen Produktionsstandort in Hamburg unterzeichnen hingegen am 23. Oktober 1929 insgesamt fünf Teilhaber den Fusionsvertrag zweier Faktis-Ölfabriken. Der bisherige Augsburger Prokurist Josef Rupp gehört als neuer Gesellschafter mit dazu.


Teilhaber der DOG: Dr. Bünz, Dr. Alexander, Josef Rupp, und Wilhelm Lohmann - 1933 (Fotografie aus dem Familienalbum von Iris Bork-Goldfield, USA)

Der Augsburger Dr. Grandel vermerkt zu den Rahmenbedingungen der Hamburger Fusion:

"Weil die Räume am (-Hamburger-) Kupferdamm zu klein waren, wurde nach der Vereinigung der beiden Firmen zu der neuen Firma 'Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co.' am Ellerholzdamm das noch bestehende neue Werk errichtet und ausserdem wurde in Stellingen auf dem Artifex-Gelände eine neue Ewiglichtölfabrik erbaut." (Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG-Gesellschafter, S.1 v. 7.1.1941)

Zu den in die Firmenfusion eingebrachten Leistungen gibt sich Dr. Grandel selbstbewusst:

"Ausser den Einrichtungsgegenständen brachte ich in die neue Firma ein: meinen Namen, der in der Gummi- und Ewiglichtölbranche den allerbesten Ruf genoss, ferner das gesamte von mir in Augsburg ausgearbeitete und durch Jahrzehnte erprobte Verfahren zur Herstellung von gleichmässigem und sauberem braunen Faktis, insbesondere der Sorten 'Flo schwimmend' und 'Gloria', ferner das stets als Geheimverfahren betriebene Verfahren zur Herstellung von gutem Ewiglichtöl, und endlich auch eine grosse wertvolle in- und ausländische Kundschaft mit wesentlich höheren Verkaufspreisen, als Hamburg sie je erzielt hatte. Diese höheren Verkaufspreise waren mir von den Gummifabriken bewilligt worden, weil man Vertrauen zu meiner Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit hatte." (Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG-Gesellschafter, S.2 v. 7.1.1941)


Als neuer Teilhaber in Hamburg: Dr. Gottfried Grandel - 1930 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)


In Anerkennung und Dankbarkeit zu seinem Chef: Portrait von Dr. Grandel im privaten Augsburger Arbeitszimmer des ehemaligen Prokuristen und neuen Hamburger Teilhabers Josef Rupp, Gesundbrunnenstraße 17 - 11. Februar 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)


Umzug: Ölfabrik-Fusion in Hamburg / 2. Scheidung

 

(506-1929) Für den Augsburger Gottfried Grandel beginnt mit dem Jahre 1929 ein Abschied ohne Wiederkehr.

Augsburg zeigt sich noch im März von seiner besonders frostigen Seite. Die Temperaturen sinken dermaßen in den Keller, dass selbst am Hochablass Eissprengungen vorgenommen werden müssen, um einen Ablauf des Wassers zu gewährleisten.


Rien ne va plus: Festgefroren am Lech-Sperrwerk - 6. März 1929 (Postkarte im Privatbesitz / )

Auch die Stimmung unter einem Großteil von Gottfried Grandels Belegschaft korrespondiert mit der Witterung. Die einst vom Vater übernommene Traditionsfirma Oelfabrik Georg Grandel schließt nach rund 55 Jahren Betriebstätigkeit ihre Tore in der Fuggerstadt - und das zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt: Dem Beginn der Weltwirtschaftskrise:

"Nach dem Ergebnis der am 23. Januar l.(-etzten-) J.(-ahres-) stattgefundenen Aussprache zwischen dem Vertreter der Oelfabrik Georg Grandel und der Arbeitnehmervertretung hat die (-Ölfabrik-)Arbeitgeberin Spezialöle für die Gummiindustrie hergestellt, die grossenteils auch nach Übersee gegangen sind. Der hauptsächliche Wettbewerbsbetrieb lag in Hamburg. Infolge der allgemeinen Wirtschaftslage und der Belastung des Grandelschen Unternehmens durch die Frachtkosten Hamburg-Augsburg und Augsburg-Hamburg für die Ausfuhr haben sich die beiden Betriebe zur Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel und Co. Hamburg, zusammengeschlossen. Der neue Betrieb liegt mit Rücksicht auf die Ausfuhr im zollfreien Gebiet." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Bauakte, Augsburger Stadtrat an die Regierung Schwaben und Neuburg v. 27.1.1930)


Abschied von Augsburg: Dr. Gottfried Grandel - 1929 (Fotografie im Privatbesitz - Dinkelsbühl/Bayern, Hotel Deutsches Haus)


23. Oktober 1929

Aus baurechtlicher Perspektive, finanziellen Erwägungen und schließlich auf Initiative des Augsburger Prokuristen Josef Rupp wird im Herbst 1929 der Fusionsvertrag mit der Deutschen Oelfabrik in Hamburg unterschrieben.


In Augsburg 1919 als kaufmännischer Angestellter Gottfried Grandels gestartet, als neuer Gesellschafter der Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel in Hamburg 1930 gelandet: Josef Rupp - 1932 (Junkers Ju 52 'Kurt Wüsthoff', gestartet vom Münchener Flugplatz Oberwiesenfeld / Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkelin von J. Rupp)


Bekanntmachung der Ölfabrik-Fusion - 1929 (Fotografie im Privatbesitz)


Nach dem ersten Flug aus der süddeutschen Heimat in Hamburg gelandet - Die Angestellten der Firma Grandel mit Josepha Rupp (3.v.r.) vor der Junkers F 13 "Bremse" (Ganzmetall-Verkehrsflugzeug v. 1923, Werknr. 651) - 29. Juni 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Enkeltochter von J. Rupp)

Bereits zum Jahresende ist aufgrund der Fusion der Augsburger Firmeneintrag liquidiert. Der in Abwicklung befindliche historische Mühlenstandort am Augsburger Hanreibach kann dabei auf eine rund 235-jährige Geschichte zurückblicken.


Fertig zur Übergabe: Der zum Verkauf geräumte Werkshof der Ölfabrik Grandel - 1930 (Links im Hintergrund der Blick auf Werk IV der Mechanischen Baumwollspinn- und Weberei, den Glaspalast. Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)



Alter Produktionsstandort in Augsburg: Ölfabrik Grandel - 1928 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)


Abschied von Augsburg: Geräumtes Fabrikgelände an der Johannes-Haagstraße 18/20 - Dezember 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)


Augsburger Produktionsstandort mit angrenzender Landwirtschaft: Maidl Grandel mit Vorarbeiter Joseph Schröffer - 1927 (Fotografie im Privatbesitz)

Die ersten Schnittmengen Gottfried Grandels zu den neuen Fusionspartnern im Hamburger Freihafen entwickeln sich schon kurz nach der Übernahme der elterlichen Ölfabrik. Bereits im ersten Kriegsjahr 1915 tritt die Augsburger Ölfirma durch die gemeinsame Gründung der Vereinigung deutscher Oelkautschukfabrikanten mit der 1902 in Hamburg gegründeten Firma Deutsche Oelfabrik in geschäftliche Verbindung.


Werbe-Anzeige aus: Klockhaus' Branchen-Verzeichnis des Deutschen Reichs - 1929

Der Geschäftsbetrieb der chemischen Fabrik bezieht sich sowohl auf Faktis als Zusatzmittel zur Herstellung von Gummi, als auch zur Herstellung von Waren aus Gummi und Gummiersatzstoffen. Die Hamburger Ölfabik macht in dieser Zeit u. a. mit folgendem Nachrichten auf sich aufmerksam:

"Verfahren zur Erzeugung elastischer Massen zur Herstellung von Kunststeinen, hartgummiartigen Körpern und Schleifwerkzeugen aus mit mineralischen Zusätzen versehenem Faktis der Deutschen Oel - Fabrik Dr. Alexander, Dr. Bünz und R. Petri (...) ist dadurch gekennzeichnet, daß Leinöl mit einer das übliche Maß von etwa 35 Proz. überschreitenden Menge Chlorschwefel unter gleichzeitiger Zugabe mineralischer Stoffe versetzt wird. - Zur Ausführung des Verfahrens werden beispielsweise zu 800 g Leinöl 340 g Chlorschwefel und 2700 g gemahlener Schwerspat gegeben und gut umgerührt. Diese Masse wird nach beendeter Reaktion warm in Formen gegossen oder nach dem Erkalten durch Sägen, Schneiden oder auf der Drehbank in der gewünschten Weise bearbeitet." ("Jahresbericht über die Leistungen der chemischen Technologie", Bd.75, Ausg.1, S.560/561 - 1929)

Für die Stadt Augsburg ist in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit die vollzogene Fusion eine schlechte Nachricht. Weitere 40 Arbeitskräfte des ehemals vitalen Industriestandortes am Lech verlieren die Grundlage für ihren Broterwerb:


Firmenfusion: Bekanntmachung an die Augsburger Presse - 26. Oktober 1929 (Staats- und Stadtarchiv Augsburg: Augsburger Lokalnachrichten, Stadtblatt der Augsburger Nachrichten, Nr.245, S.1 v. 26.10.1929 + Zeitungsausschnitt im Privatbesitz)

Das Augsburger Betriebsgelände in der Johannes-Haagstraße 18/20, welches sich im Privateigentum von Dr. Grandel befindet, erhält schließlich mit dem Lebensmittel-Großhandel Edeka-GmbH zum 1. August 1930 einen neuen Eigentümer:

"Das Anwesen geht am 1. August in das Eigentum der Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler über. Die notarielle Verbriefung ist bereits erfolgt" (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/82 - Stadtrat v. Regierung von Schwaben und Neuburg v. 25.6.1930)


(//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Bauakte Dr. Grandel v. 8.8.1930)

Die Abzahlung des Kaufpreises erstreckt sich bis in das Jahr 1932. Der Verkauf des Augsburger Firmensitzes basiert aus völkischer Betrachtung im Sinne Gottfried Grandels:

"'Seit seiner Gründung setzt der Edeka-Verband den Mittelstand über alles, bleibt ideologisch in rückwärts gewandtem Standesdenken verhaftet und fordert vor allem Besitzstandwahrung. Er kämpft gegen Warenhäuser, Filialbetriebe und Spezialgeschäfte, die - so der Vorwurf - die Gewerbefreiheit nur benutzten, um die Konkurrenz auszuschalten. (...) Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gehen deren 'Kampfbünde für den gewerblichen Mittelstand' rabiat gegen Kaufhäuser und Konsumgenossenschaften vor. Viele Kaufhäuser müssen ihre Lebensmittelabteilungen schließen, die Konsumgenossenschaften werden drangsaliert, ihre Funktionäre verhaftet und schließlich ganz aufgelöst und enteignet. Die Edeka und ihre Führung dagegen bleiben weitgehend unangetastet. In vorauseilendem Gehorsam und sicher auch in der Erwartung wirtschaftlicher Vorteile fordert die Edeka im März 1933 ihre Genossen vielmehr auf, 'Mitglieder der örtlichen Kampfbünde zu werden'. Borrmann bezeichnet die Einkaufsgenossenschaften nunmehr als 'urgermanisch und heimatberechtigt', später wird er die Edekaner sogar auffordern: 'Benutzt den Ladentisch als Kanzel für die Aufklärungsarbeit und helft dem Führer, das Vaterland vom Ausland unabhängig zu machen.' Am 18. April 1933 schaltet sich die Edeka - freiwillig - gleich. Fritz Borrmann bleibt im Amt, nur werden ihm zwei Präsidenten an die Seite gesetzt, im Amt des Ersten Präsidenten der (-Augsburger Ratsherr und-) NSDAP-Mann Fritz Lösch. Auf dem Verbandstag im Juni 1933 wird die Gleichschaltung bestätigt.' EDEKA hat bis heute (-2018-) keine Aufarbeitung seiner Rolle im deutschen Faschismus geleistet." (republinks.blog: "Edeka. Sie liebten nicht nur Lebensmittel" v. 23.11.2018 + Detlef Grumbach auf freitag.de: "Eine nationale Tat" v. 14.12.2007)

"Von Fritz Lösch ist der Ausspruch überliefert: 'Die Edeka muss sein die SS des Berufsstandes.'" ("30. Edeka Verbandstag Dresden 1937", S.41 - 21.5.1937 + EDEKABANK AG/Martens/Lindner: "Dokumentation der Geschichte der EDEKA Zentralorganisation", S.120 - 2021)

Youtube: EDEKA / Phoenix


Rückwärtiger Blick auf die Betriebsgebäude in der Johannes-Haagstraße 18: Geräumt für die Übergabe - 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)


Blick vom Werksgelände der Ölfabrik zum Eingangsportal an der Johannes Haagstraße - 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)


Umzug während der Wirtschaftskrise: Abschied vom Jakobertor - 1932 (Fotografie im Privatbesitz)


Späteres Lagergebäude des EDEKA-Großhandels in der Johannes-Haagstraße - 1953 (StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_27620)


Spätere Nutzung des Betriebshofes: Johannes-Haag-Straße 18 - 2021 (Fotografie im Privatbesitz)

Zum Zeitraum der Fusion besitzt der Augsburger Produktionsbetrieb innerhalb der Faktis-Branche einen hervorragenden Ruf. Zu den eingebrachten Leistungen gibt sich Dr. Grandel in einer späteren Auseinandersetzung selbstbewusst:

"Ausser den Einrichtungsgegenständen brachte ich in die neue Firma ein: meinen Namen, der in der Gummi- und Ewiglichtölbranche den allerbesten Ruf genoss, ferner das gesamte von mir in Augsburg ausgearbeitete und durch Jahrzehnte erprobte Verfahren zur Herstellung von gleichmässigem und sauberem braunen Faktis, insbesondere der Sorten 'Flo schwimmend' und 'Gloria', ferner das stets als Geheimverfahren betriebene Verfahren zur Herstellung von gutem Ewiglichtöl, und endlich auch eine grosse wertvolle in- und ausländische Kundschaft mit wesentlich höheren Verkaufspreisen, als Hamburg sie je erzielt hatte. Diese höheren Verkaufspreise waren mir von den Gummifabriken bewilligt worden, weil man Vertrauen zu meiner Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit hatte." (Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG-Gesellschafter, S.2 v. 7.1.1941)

In einem Antwortschreiben betonen die Hamburger Gesellschafter:

"Es wird nicht bestritten, daß Dr. Grandel in der Gummi-Industrie einen guten Namen als Faktisfachmann hatte und die von ihm als Spezialität hergestellte Sorte Gloria an der Spitze aller Faktisse marschierte." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die ehemaligen Teilhaber, S.1)

Laut der Jubiläumsschrift von 1952 (S.9) heißt es zu den wesentlichen Fusionskriterien:

"'Gloria' dagegen war ein Erzeugnis, das alle Konkurrenzprodukte übertraf. Auf 'Gloria' aber drückte die für die notwendigen Rohstoffe sehr ungünstige Verkehrslage Augsburgs. So trat Dr. Grandel 1929 auf Anraten seines Prokuristen Rupp an die Inhaber des Hamburger Werkes wegen einer Fusion beider Betriebe heran. Der Zeitpunkt schien günstig, und es kam zum Zusammenschluß unter der Firma DEUTSCHE OELFABRIK DR. GRANDEL & CO. Der Augsburger Betrieb wurde nach Hamburg verlegt und Dr. Grandel und J. Rupp traten als Teilhaber ein. Mit ihnen kam eine ganze Anzahl bewährter Mitarbeiter nach Hamburg."

Über den Zusammenschluss innerhalb der Faktisindustrie heißt es in der Zeitschrift des Vereins Deutscher Chemiker:

"Es wird uns mitgeteilt, daß die Firmen Deutsche Oelfabrik, Dr. Alexander, Dr. Bünz und Richard Petri, Hamburg, und Georg Grandel, Ölwerke, Augsburg, sich zusammengeschlossen haben. Die Fusion gilt ab 1. Januar 1930. Das Augsburger Werk wird voraussichtlich im Frühjahr 1930 stillgelegt. Die maschinelle Einrichtung des Augsburger Werkes wird etappenweise nach Hamburg verlegt, so daß beide Werke ohne Betriebsunterbrechung in den wesentlich erweiterten Fabrikanlagen fabrizieren können. Die Jahrzehnte alten Erfahrungen der leitenden Personen beider Firmen werden der Faktis verbrauchenden Industrie zum Vorteil gereichen." ("Die Chemische Fabrik", S.533 - 1929)


Straßenansicht des neuen Fabrikstandortes im Hamburger Freihafengelände: Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co - 3. September 1937 (Fotografie im Privatbesitz der Enkeltochter von Josef Rupp)

Für Dr. Grandels Augsburger Prokuristen Josef Rupp ist die von ihm eingefädelte Fusion eng verbunden mit einem beruflichen Karrieresprung: Dem Einstieg als Firmenteilhaber in die Hamburger DOG. Das Hamburger Adressbuch verzeichnet seinen Wohnsitz an der Elbchaussee 99, dem Wohnhaus von dem Teilhaber Wilhelm Lohmann. Josef Rupp schreibt rückblickend:

"Zur Aufnahme des Herrn Rupp als Gesellschafter war, wenn Dr. Grandel sein Wort nicht brechen wollte, derselbe verpflichtet. Ich verweise auf die Originalbriefe des Herrn Dr. Grandel, geschrieben am 20.1.25 und 10.9.25 (sh. Akt Rupp). Bei den in Augsburg stattgefundenen Fusions-Vorverhandlungen wussten die Hamburger Herren noch nichts von der mir von Dr. Grandel schriftlich zugesicherten Aufnahme als Teilhaber. Die Hamburger Herren machten mir folgendes Angebot: Sie boten mir ein Jahresgehalt von RM 24.000.- und Gewinnbeteiligung mit dem Posten eines Direktors. Ich lehnte dieses Angebot ab mit dem Hinweis, daß Dr. Grandel mir schriftlich 2 mal die Zusage machte, mich zu gegebener Zeit als Teilhaber aufzunehmen bzw. mir, falls er eine Familien A.-G. gründen würde, von den Aktien einen Teil zu überlassen. Ich legte Wert darauf, Teilhaber zu werden mit allem Risiko, das damit verbunden ist und da Dr. Grandel als Allein-Inhaber der Firma Grandel dieses befürwortete, so waren die Hamburger Herren ebenfalls damit einverstanden. Auf die Frage, was ich tun würde, falls ich nicht Teilhaber werden könnte, antwortete ich, daß ich dann daraus die Folgerungen ziehen würde. Ich konnte dies tun, weil ich in einem mir bekannten Augsburger Maklergeschäft als Teilhaber jederzeit eintreten konnte. - So also kam die Aufnahme des Herrn Rupp als Teilhaber zustande. Daß die Hamburger Herren mich trotz der bescheidenen Kapitaleinlage (RM 50.000.-) als Teilhaber schätzten, beweist die weitere Entwicklung meiner Mitinhaberschaft."


Neuer Teilhaber der DOG: Josef Rupp aus Augsburg - 1935 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von Josef Rupp)

Im Frühjahr 1930 gelangt dann auch der alte Maschinenpark aus Augsburg zum neuen Firmenstandort nach Hamburg, wo allein schon die zentrale Anbindung an die Elbe die Anlieferung der Rohstoffe deutlich vereinfacht.


Zentrale Anbindung an internationale Handelswege: Hamburger Überseehafen - 1939 (Fotografie im Privatbesitz)

Doch die wichtigen Produktionsmaschinen aus Augsburg haben es sprichwörtlich in sich: Ohne vorherige Kenntnis der Hamburger Teilhaber lastet auf ihnen eine hohe Hypothek. Die Bank weigert sich nun, diese ohne zusätzliche Sicherheiten freizugeben, sodass die neuen Teilhaber ihr eigenes Firmengelände als Sicherheitsleistung anbieten müssen. Andernfalls würde die Produktion in Hamburg in dem geplanten Umfang nicht fortgesetzt werden können. Die Hamburger Teilhaber fühlen sich getäuscht:

"Nach dem Ges.(-ellschafter-)Vertrag hatte Dr. Grandel laut Eröffnungsbilanz die gesamten Maschinen aus seiner Augsburger Fabrik als Einlage in die Gesellschaft einzubringen. Die Bayrische Hypothekenbank verbot die Entfernung der Maschinen, da sie für die auf dem Grundstück eingetragene Hypothek hafteten. Um die Herausgabe herbeizuführen, hat die Artifex GmbH, unsere Firma in Altona, auf ihrem Grundstück als weitere Sicherung für die Bank eine Hypothek von M 195.000.- eintragen lassen müssen, ferner mussten die DOG und die Gesellschafter die Bürgschaft übernehmen."  (DOG-Teilhaber Wilhelm Lohmann: Aktenvermerk "In Sachen Dr. Grandel - IV. Annahme" v. 22.6.1932)



Die Hamburger Teilhaber Dr. Bünz, Dr. Alexander und Wilhelm Lohmann (Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)

Durch diese Begebenheit gerät das Teilhaberverhältnis in eine erste Schieflage, die Hamburger Gesellschafter hätten hier einen wichtigen Grund gehabt, den Gesellschaftervertrag wieder zu kündigen. Sie tun es nicht. In einer Notiz heißt es stattdessen:

"Der Gewinnbeteiligung entsprechend fehlen aber schon seit Beginn der Gesellschaft auf dem Kapital-Konto des Herrn Dr. Grandel ca. M 100.000.-." (DOG-Teilhaber Wilhelm Lohmann: Aktenvermerk "In Sachen Dr. Grandel - II. Annahme, Frage 4." v. 22.6.1932)

Obwohl die angespannte Situation von Dr. Grandel ausgeht, notiert Josef Rupp über seinen Augsburger Chef:

"(-Dr. Grandel-) Hat schon nach den ersten 3 Monaten die Fusion bedauert." (DOG-Teilhaber Josef Rupp: Aktenvermerk "Fragen für weiteres Verhalten" - 1932)

Auch im Freihafen existiert eine Bahnverbindung direkt am neuen Fabrikgelände, über die ein Teil der Erzeugnisse in das Landesinnere vertrieben wird. Zu den Hamburger Standortvorteilen heißt es:

"Die errechneten Durchschnitts-Umsatzziffern von 1927 bis 1929 ergaben sowohl für Hamburg wie für Augsburg je Monat rund 95.000 kg, jedoch mit dem Unterschied, daß das Hamburger Werk, da frachtlich viel günstiger liegend, erheblich größere Jahresgewinne aufweisen konnte als Augsburg für Faktis und Ewiglichtoel zusammen." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die ehemaligen Teilhaber, S.2)


Dichtes Gedränge im Hamburger Hafen - 1920 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Friedrich - Hamburg)

Produziert wird hauptsächlich das Ersatzprodukt für Kautschuk, Faktis genannt. Dieses gliedert sich in weiß und braun. Die Kundschaft für das gefragte Industrieprodukt kommt aus dem In- und Ausland.

In der Jubiläums-Firmenschrift heißt es zu den Hamburger Produktionsbedingungen weiter:

"Die alten Betriebsanlagen der Deutschen Oelfabrik waren den größeren Anforderungen schon lange nicht mehr gewachsen gewesen. Die Eingliederung des Augsburger Werkes zwang nun endgültig zum Bauen. Am Ellerholzdamm (-50-), wiederum im Freihafen, wurde das neue Werk errichtet. Die Produktion in diesem größeren Rahmen lief am 8. August 1930 an. Für die Erzeugung des 'Ewiglicht-Oeles' wurde ein Zweigbetrieb in Hamburg-Stellingen eingerichtet." (Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG", S.10 - 1952)


Freihafen Hamburg: Neues DOG-Werksgelände am Ellerholzdamm 50 - 1930 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)

Gottfried Grandel vermerkt zu den Hamburger Rahmenbedingungen:

"Weil die Räume am Kupferdamm zu klein waren, wurde nach der Vereinigung der beiden Firmen zu der neuen Firma 'Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co.' am Ellerholzdamm das noch bestehende neue Werk errichtet und ausserdem wurde in Stellingen auf dem Artifex-Gelände eine neue Ewiglichtölfabrik erbaut. Die Artifexfabrik blieb in ihren damaligen Räumen, wo sie sich z. Z. noch befindet. Ewiglichtöl war vorher in Hamburg weder am Kupferdamm noch in Stellingen fabriziert worden." (Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG-Gesellschafter, S.1 v. 7.1.1941)


Lagerräume der DOG-Schwesterfirma Artifex - 1935 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)


Hamburg Steinwerder - Im Hintergrund: Ellerholzdamm - 1920 (Luftaufnahme Ellerholzdamm / bildarchiv-Hamburg.com)

Entgegen den allgemeinen Erwartungen währt das Hamburger Firmen-Engagement Gottfried Grandels nur 2 Jahre und acht Monate.


(Werbeanzeige: Klockhaus-Adressbuch des Deutschen Reichs v. 1936)

Auch einige Mitarbeiter nehmen den Umzug von Augsburg nach Hamburg auf sich, denn zum Jahreswechsel 1930 ist die Weltwirtschaftskrise auf ihrem Höhepunkt angelangt, der Arbeitsplatz somit eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für die wirtschaftliche Absicherung. Doch gibt es aus Sicht der Hamburger Teilhaber noch einen weiteren Aspekt:

"Es dürfte aber Herrn Dr. Grandel bisher unbekannt geblieben sein, daß mit Ausnahme des Chemikers Dr. Kantrowitz, der erst am 15.4.29 in Augsburg eingestellt wurde und ein noch unbeschriebenes Blatt war, die übrigen Mitarbeiter sich hauptsächlich nur deshalb von Hamburg übernehmen liessen, weil sie sich bei Herrn Rupp haben rückversichern lassen. Wäre Herr Rupp nicht von der neuen Hamburger Firma als Teilhaber aufgenommen worden, so hätte sich Dr. Grandel nicht mit dem Ruhm umkleiden können, dass diese in Jahren eingearbeiteten Mitarbeiter ihm zuliebe nach Hamburg übergesiedelt werden konnten. Es war bekannt, daß Dr. Grandel in manchen Dingen unberechenbar war. Heute war der Mitarbeiter ein Engel und wurde gelobt, morgen flog der gleiche Mitarbeiter an die Luft." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die ehemaligen Hamburger Teilhaber, S.2)

In einer späteren Auseinandersetzung zwischen den Hamburger Teilhabern mit Dr. Grandel heißt es zu seiner kurzen Hamburger Phase:

"Es ist richtig, daß die Faktisfabrik sowie Ewiglichtoel-Raffenerie vorwiegend nach den Plänen und Erfahrungen im Augsburger Werk von Dr. Grandel errichtet wurden.(...) Es ist richtig, daß der größte Teil der Laboratoriums-Einrichtung aus Augsburg stammt und nach Hamburg verlegt wurde." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die ehemaligen Hamburger Teilhaber, S.1)

Gleichzeitig wird jedoch auch betont:

"Das als Geheimverfahren eingebrachte Herstellungsverfahren von Eweiglichtöl war bei der Fusion am 1.1.30 kein Geheimverfahren mehr, denn es war außer Dr. Grandel und (-dem Augsburger Prokuristen Josef-) Rupp Mitarbeitern, die aus der Firma Georg Grandel Oelwerk Augsburg ausgeschieden sind, ebenfalls bekannt. Beweis: früherer Prokurist Josef Seiler, Augsburg, Dr. Grandels Bruder Georg Grandel. Diese beiden genannten Personen haben 1931 die Herstellung von Ewiglichtoel nach dem Grandelschen Verfahren aufgenommen. Da es keinen Patentschutz besaß, konnte dagegen kein Einspruch erhoben werden." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die ehemaligen Hamburger Teilhaber, S.2)

Die Arbeitsbedingungen sind aus heutiger Sicht bedenklich. Aufgrund der für die Verarbeitung notwendigen Schwefelsäure tragen die Mitarbeiter in der Produktion zumindest säurefeste Arbeitskleidung, schwere Holzschuhe und dicken Filz. Doch allein die produktionsbedingte Geruchsbelästigung ist erheblich. Auch die Nachbarbetriebe sind davon betroffen:

"Es ist richtig, dass bei der Errichtung der neuen Faktisfabrik am Ellerholzdamm 50 auf Grund von Einsprüchen, welche von Nachbarbetrieben bei der Gewerbepolizei gemacht wurden, Schwierigkeiten entstanden. Diese hat Dr. Grandel beseitigt, weil er durch Einbau von Entlüftungsanlagen, die sich im Augsburger Werk bewährt haben, die Einspruch erhebenden Firmen sowie die Gewerbepolizei davon am besten überzeugen konnte, daß die neue Fabrik nicht mehr die Mängel aufzeigen würde, die am Kupferdamm-Betrieb zu Beanstandungen Anlaß gegeben haben."

Doch wird in dem Antwortbrief auch weiter bemerkt:

"Die von Dr. Grandel zur Festhaltung und Unschädlichmachung der (-Schwefel-)Gase und Dämpfe vorgeschlagene und von uns 1930 eingebaute Kammer, die mit Holzkohle gefüllt war, hat sich nicht nur nicht bewährt, sondern als ungeeignet erwiesen." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben an die Teilhaber, S.1 v. 7.1.1941)


Vor der Fusion: Deutsche Oelfabrik am Hamburger Kupferdamm 16 - 1920 (Fotografie im Privatbesitz / Familien-Fotoalbum v. Iris Borck-Goldfield)

Die aus Augsburg eingebrachte Produktion des hauptsächlich von den katholischen Kirchen genutzten Öles wird in einem separaten Werk in Hamburg-Stellingen verwirklicht:

"Auch die Einrichtung der Ewiglichtöl-Raffinerie hat erhebliche Verbesserungen erfahren, die es uns möglich machen, am laufenden Band reklamationsfreie Ware, was zu Grandels Zeiten nicht immer erfolgte, herzustellen." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger Teilhaber, S.2 v. 7.1.1941)

Die frühen Produktionsprozesse sind aus heutiger Sicht problematisch: In Petroleumbehältern werden die ölverschmierten Geräte noch ohne Handschutz gereinigt. Auch für entstehende Bodenbelastungen sind die Industriestandorte nicht sensibilisiert: Das kontaminierte Waschwasser zum Reinigen der Ölfässer wird in die Elbe abgeleitet.


Juni 1930 - Groß-Flottbek

Nach der Ölfabrik-Fusion bezieht Gottfried Grandel im Jahre 1930 zur Miete einen Neubau im Sohrhof 8, inmitten einer der beliebtesten Wohngegenden Hamburgs: Groß Flottbek. Bereits im Mai 1930 stehen in der lokalen Zeitung diverse Möbel zum Verkauf - Standort: Sohrhof 8. Vermutlich ist es der vorherige Nutzer, der sich zwecks Untervermietung zum Juni 1930 aus dem Erdgeschoss zurückzieht.


Möbelverkauf: Ausdruck einer veränderten Lebensplanung - 3. Mai 1930 (Digitalisiert auf //zeitungen.sub.uni-hamburg.de: Hamburger Fremdenblatt, Nr.122, S.35 v. 3.5.1930)

Der Klinkerbau im Heimatstil befindet sich unweit des alten Dorfkerns, der in seinem Bestand noch heute Reetdachhäuser und Bauernkaten aufweist.


Vermeintlicher Neubeginn in Hamburg: Christl und Maidl Grandel zu Besuch bei ihrem Vater in Groß Flottbek - Sommer 1930 (Fotografie im Privatbesitz)

Die beiden Augsburger Töchter, Christl und Maidl Grandel, kommen ihren Vater im Sommer 1930 an seiner neuen Hamburger Wirkungsstätte besuchen. Es ist nicht klar, ob auch Helene Grandel in Hamburg mit von der Partie ist, vielleicht fotografiert sie die obige Szenerie. Möglicherweise kommt für sie aber ein Umzug von Süd- nach Norddeutschland nicht in Betracht, allein schon wegen ihrer Kinder. 


Töchter-Besuch aus Augsburg: Dr. Grandel in Groß Flottbek - Sommer 1930 (Fotografie im Privatbesitz)

Für den Besuch seiner Töchter platziert Gottfried Grandel im Vorgarten seines neuen Domizils ein Indianerzelt; vielleicht auch als Ausdruck schlechten Gewissens gegenüber den Kindern, denn neben der betrieblichen folgt nun auch seine private Neuorientierung.


Indianer im Vorgarten: Groß Flottbek - Sommer 1930 (Fotografie im Privatbesitz)

Gemeldet ist Gottfried Grandel am Sohrhof nur kurz. Er teilt sich die Anschrift und das Telefon (2198) mit dem im Adressbuch schon 1928/29 aufgeführten Geschäftsführer der Frisch & Theodor GmbH (Fischmehl-Einfuhr) und späterem Makler Hans Troeder. Nach Gottfried Grandels Auszug wird ab 1933 im Hamburger Adressbuch der Privatwohnsitz von Zahnarzt Dr. Fritz Ries aufgeführt.

Zum Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise legt sich Gottfried Grandel offenbar für rund 40.000 RM einen fabrikneuen Mercedes 770 zu; möglicherweise, um sein Kapital vor inflationsbedingten Wertverlust durch Anschaffung von Sachwerten zu schützen. Der sogenannte Große Mercedes wird ab Oktober 1930 in einer limitierten Auflage von 117 Fahrzeugen gefertigt. Der firmeneigene Verkaufsprospekt suggeriert den Kunden:

"Er ist der Wagen mit der besonderen Note, geschaffen für die verwöhntesten Ansprüche, für den Kreis führender Männer aller Länder, die stets die Forderung nach höchster Leistung und größtem Komfort erheben."


Kapitalflucht in den standesgemäßen Antrieb: Der Große Mercedes - 1930 (Werbeanzeige: Mercedes Benz - 1930)

Dr. Grandel wird das neue Luxusmobil auch für die Fahrten zwischen Augsburg und Hamburg gute Dienste geleistet haben. Der Kraftstoffverbrauch des Achtzylinder-Reihenmotors beträgt rund 30 Liter auf 100 Kilometer, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 160 km/h. Parallel zu den Hamburger Fusionsverhandlungen verlobt sich Gottfried Grandels Nichte Rosa Fratz zu Weihnachten 1928. Das einzige Kind seiner Schwester Karolina berichtet über Gottfried Grandels Mutter Johanna Rosina Grandel:

"... meine Großmutter hat sich beschwert, diese liebe achtzigjährige Dame, dass wir unsere Verlobung nicht vorher per Anzeige angekündigt haben." (Seltmann, v.: "Rosa Krebs", S.82 - 2014)

Rosa Fratz wird Mitte der 40er Jahre Gottfried Grandels vorletzten Sohn Ulrich als Pflegekind zu ihren sieben eigenen Kindern aufnehmen.


"Diese liebe achtzigjährige Dame": Gottfried Grandel mit seiner Mutter Rosina (83) im fabrikneuen Mercedes 770 - Juni 1932 (Fotografie im Privatbesitz)

Neben Dr. Grandel bekommen auch der japanische und ehemalige deutsche Kaiser das neue Angebot des ältesten Automobilherstellers der Welt ausgeliefert.


1932 - Scheidung von Helene Grandel

Der veränderten Lebensplanung Dr. Grandels voraus geht ein zweijähriger Ehe-Scheidungsprozess, in dessen Verlauf Gottfried Grandel zum Ende des Jahres 1932 von seiner Ehefrau Helene schuldhaft geschieden wird.

Foto aus harmonischer Zeit: Helene und Gottfried Grandel - 1927 (Fotografie im Privatbesitz)

In dem Scheidungs-Zusammenhang ist auch Gottfried Grandels plötzlicher Austritt aus der Hamburger DOG-Teilhaberschaft zu sehen, denn so, wie er es sich ursprünglich zurecht gelegt, verläuft die Trennung nicht. Das Ehepaar lebt zu Beginn des Gerichtsprozesses in gesetzlichem Güterstand:

"Im Jahr 1930 war der gesetzliche Güterstand in Deutschland - sofern kein Ehevertrag geschlossen wurde - die Verwaltungs- und Nutznießungsgemeinschaft des Mannes (sog. eheliches Güterrecht des BGB, in Kraft seit 1900). Rechtslage 1930: Die Frau brachte ihr Vermögen (eingebrachtes Gut) in die Ehe ein. Der Ehemann verwaltete dieses Vermögen und nutzte es (Nutznießung), das heißt, er erhielt die Erträge, durfte es aber ohne Zustimmung der Frau in der Regel nicht veräußern." (Übersicht mit KI)

Über Gottfried Grandels Haltung zur angestrebten Auflösung der Ehegemeinschaft wird vermerkt:

"Die Beklagte (-Helene Grandel-) habe die Zerrüttung der Ehe verschuldet. Sie habe ihn ferner während des Bestehens der Ehe dritten Personen gegenüber (-Prokurist Josef Rupp?-) herabgesetzt. Schließlich habe sie ihn in dem (-Hamburger-) Ehescheidungsrechtsstreit in maßloser Weise beschimpft." (Landesarchiv SH, Abt.350, Nr.2386: "Grandel gegen Grandel", Gesch.-Nr. 1 U.201/321 - Gerichtsurteil des Zivilsenats des Kieler Oberlandesgerichts v. 22.12.1932)

Laut Rechtslage hätte Helene Grandel bei Auszahlungsschwierigkeiten ihres in die Ehe mit eingebrachten Vermögens die Firmen-Teilhaberschaft in gesellschaftliche Haftung nehmen können; und dies zu einem denkbar ungünstigen Fusions- und Investitionszeitpunkt. Gottfried Grandel erkennt Gefahr in Verzug. Der Hamburger DOG-Teilhaber Wilhelm Lohmann notiert kurz darauf in einem Aktenvermerk vom 15. Juni 1932:

"Ungefähr am 10. April (-1932-) reiste Dr. Grandel nach München, um mit seiner Ehefrau in der Scheidungsangelegenheit einen Vergleich zu erreichen."

Gottfried Grandel benötigt zu diesem sensiblen Zeitraum dringend Bargeld und zieht hierfür schließlich auch den Rückkauf seiner fünf Jahre zuvor abgeschlossenen Lebensversicherung in Betracht. Dies jedoch zum zusätzlichen Missfallen seiner Noch-Ehefrau, die sich zudem im Besitz der ihr symbolisch übertragenen Versicherungspolice befindet und auch nicht gedenkt, auf diese Absicherung zu Gunsten Gottfried Grandels zu verzichten. In einem zusätzlichen Klageverfahren um die zum Jahreswechsel 1926/27 abgeschlossenen Versicherung durch Gottfried Grandel heißt es seitens des Kieler Oberlandesgerichts:

"Man koennte auch sagen, was nutzt der Beklagten (-Helene Grandel-) die zu ihrer persönlichen Sicherheit erfolgte Schenkung, wenn sie nur unter der aufloesenden Bedingung des nach seinem Vertrag mit der Versicherungsgesellschaft Victoria dem Kläger (-Gottfried Grandel-) jederzeit zustehenden Widerrufsrecht erfolgte? --- Dann waere ja der Zweck der Schenkung von vornherein practisch voellig illusorisch gemacht und diese practisch wertlos. Dann haette die Beklagte (-Helene Grandel-) Steine anstatt Brot bekommen und das von der Zeugin bekundete feierliche Gehabe des Klägers (-Gottfried Grandel-) beim Weihnachtsfest und 2 Wochen später bei Ueberreichung der Polize waere nur Brimborium und eitel Schaumschlägerei gewesen." (Landesarchiv SH, Abt.350, Nr.2386: "Grandel gegen Grandel", Gesch.-Nr. 1 U.201/321 - Voreinschätzung des 1. Zivilsenats des Kieler Oberlandesgerichts v. 19.11.1932)


9. Juni 1932

Zu dem Termin der erstinstanzlichen Urteilsverkündung wird vermerkt:

"Urteil der 2. Zivilkammer des Landgerichts in (-Hamburg-)Altona vom 9. Juni 1932 (...) Berufung der Beklagten (-Helene Grandel-) vom 22. Juli 1932 am gleichen Tage beim Gericht eingegangen." (Landesarchiv SH, Abt.350, Nr.2386: "Grandel gegen Grandel", Gesch.-Nr. 1 U.201/321 - Voreinschätzung des 1. Zivilsenats des Kieler Oberlandesgerichts v. 19.11.1932)


Kieler Berufungsurteil in Sachen 'Grandel gegen Grandel' - 22. Dezember 1932 (Landesarchiv SH, Abt.350, Nr.2386: "Grandel gegen Grandel", Gesch.-Nr. 1 U.201/321 - Gerichtsurteil des Zivilsenats des Kieler Oberlandesgerichts v. 22.12.1932)


15. Juni 1932

Der Hamburger DOG-Teilhaber Wilhelm Lohmann notiert kurz darauf in einem Aktenvermerk vom 15. Juni 1932:

"Ungefähr am 10. April (-1932-) reiste Dr. Grandel nach München, um mit seiner Ehefrau in der Scheidungsangelegenheit einen Vergleich zu erreichen. Am 13. Juni kehrte Dr. Grandel nach Hamburg zurück, erschien jedoch erst am (-Mittwoch-) 15. Juni in der DOG. Er suchte mich in meinem Zimmer auf.(...) Dr. G.(-randel-) erzählte mir, dass jeder Vergleich mit seiner Ehefrau an dem Verhalten des Gegenanwalts scheiterte, der ihn nicht einmal empfangen wollte. Das Urteil erklärt Dr. Grandel als allein schuldigen Teil. Seine Frau fordere M 40.000.- eingebrachtes Heiratsgut zurück, und ferner für sich und die Kinder 2/3tel seines Einkommens. Er erklärte, dass der Firma grosse Schwierigkeiten erwachsen könnten. Ich wies darauf hin, dass m. E., wenn die Ehefrau über die M 40.000.- einen Schuldtitel erhalte, und sich aus dem Privatvermögen nicht bezahlt machen könnte, die Gläubigerin die Gesellschaft kündigen könnte."

Um schuldfrei und damit finanziell unbelastet aus der Ehetrennung hervorgehen zu können, setzt Gottfried Grandel auf die Zeugenaussage seines langjährigen Prokuristen. Doch dieser sperrt sich vor Gericht dem Anliegen seines ehemaligen Chefs, der daraufhin seinem neuen Teilhaber in Hamburg schreibt:

"Meine Ehe ist nun geschieden, und ich bin als der alleinschuldige Teil erklärt worden. Dieses Fehlurteil trifft mich ausserordentlich schwer, und ich bedauere sehr, dass der lange und kostspielige Prozess vorläufig dieses Ende gefunden hat. Wie aus der Urteilsbegründung hervorgeht, ist das für mich ungünstige Urteil hauptsächlich auf das weitgehende Versagen des Zeugen Herrn (-Josef-) Rupp zurückzuführen." (DOG-Teilhaber Dr. Gottfried Grandel aus München/Hotel Schottenhammel an Dr. Walter Alexander v. 10.6.1932)

Die als sicher geglaubte Strategie Gottfried Grandels scheitert an dem ehemaligen Prokuristen und neuen Hamburger Teilhaber Josef Rupp. Dieser vermerkt in seiner Aktennotiz vom Juni 1932:

"Arbeitsverweigerung, darin bestehend, dass er nach 9 wöchiger Abwesenheit (-10.4.-15.6.1932-) sich mit den Worten (-in Hamburg-) zurückmeldete: 'Nun haben Sie mir alles genommen, leben Sie wohl, Herr Rupp. Ich gehe auf einige Tage in ein Sanatorium.'"

Der Vorwurf, der während der Ehescheidung gegenüber Helene Grandel im Raume steht, ist körperlicher Natur. Sie soll nach Ansicht Gottfried Grandels mit dem Augsburger Prokuristen Josef Rupp ein engeres Verhältnis gehabt haben:

"Herr Dr. G.(-randel-) wiederholte, zwischen Herrn Rupp und seiner Ehefrau wären Zärtlichkeiten gewesen, die Herr Rupp in seiner eidlichen Aussage verschwiegen hätte, und dadurch wäre seine Frau nicht ebenfalls als schuldiger Teil erklärt worden." (DOG-Teilhaber Wilhelm Lohmann: Aktenvermerk "In Sachen Dr. Grandel" v. 22.6.1932)

Weiter heißt es in dem Protokoll eines weiteren Teilhabers:

"Dazu äußerte er sich etwa so: Herr Rupp habe etwas Wesentliches von dem, was sich zwischen Herrn Rupp und seiner Frau begeben habe, im Prozess verschwiegen, und als ich fragte, was das sei, machte er mit dem Arm eine Geste, die Umarmung bedeutete." (DOG-Teilhaber Dr. Walter Alexander: Aktenvermerk v. 22.6.1932)

Von dieser Behauptung erhofft sich der scheidungswillige Gottfried Grandel, mit Hilfe der Aussage seines Augsburger Prokuristen sich aus der finanziellen Unterhaltsverpflichtung und der Auszahlung des eingebrachten Heiratsgutes winden zu können. Unklar bleibt dem Gericht jedoch, warum er bei diesem erheblichen Vorwurf nicht schon vor dem Scheidungsprozess mit seinem Prokuristen gebrochen hat. Dieser Bruch entsteht jedoch erst nach der für Gottfried Grandel ungünstige Aussage Josef Rupps vor Gericht. Hierzu schreibt Gottfried Grandel nach gescheitertem Prozess:

"Ich bleibe aber dabei und habe dies Herrn (-Josef-) Rupp gegenüber auch gestern Abend zum Ausdruck gebracht, dass sich der Inhalt seiner beiden Zeugenaussagen nicht vollkommen mit dem deckt, was sich im Herbst 1929 zwischen ihm und meiner Frau begeben hat." (DOG-Teilhaber Dr. Gottfried Grandel aus München/Hotel Schottenhammel an Dr. Walter Alexander u. Wilhelm Lohmann v. 18.6.1932)

Für Gottfried Grandel ist somit wirtschaftliche Gefahr in Verzug. Auch innerhalb der DOG-Teilhaber entsteht große Unruhe ob der finanziellen Risiken, die der Firma aus dem Urteil erwachsen. Der Vorwurf des Meineides unter zwei Teilhabern steht erschwerend im Raum. So versteigt sich Dr. Grandel nach dem Bericht eines Teilhabers zu folgender Reaktion:

"Darauf schrie Dr. G.(-randel-): 'Dann werde ich gegen Herrn Rupp ein Verfahren anhängig machen, und dann soll meine eigene Frau - meine eigene Frau - unter Eid aussagen, was zwischen den beiden vorgefallen ist.' Ich (-Wilhelm Lohmann-) erklärte, er möchte mich nicht so anschreien, ich liesse mich nicht derartig anschreien, und es wäre auch nicht nötig, dass das ganze Personal von dieser Angelegenheit erfahre. Darauf erklärte Dr. G.(-randel-): 'Entschuldigen Sie, wenn ich mich in der Erregung habe hinreissen lassen, auf Wiedersehen.'" (DOG-Teilhaber Wilhelm Lohmann: Aktenvermerk "In Sachen Dr. Grandel" v. 22.6.1932)

Von seinem ursprünglichen Impuls, das Scheidungs-Urteil anzufechten, nimmt Gottfried Grandel nach anwaltlicher Rücksprache Abstand. Kleinlaut notiert er gegenüber seinen Teilhabern:

"Herr Rupp wird nicht in die Lage kommen, vor Gericht seine bisherigen Aussagen ergänzen zu müssen, da ich nicht die Absicht habe, irgendetwas gegen ihn zu unternehmen. Ich werde bemüht sein, mit meiner Frau zu einer festen Vereinbarung zu kommen, welche es ihr unmöglich macht, die Firma zu beunruhigen. Um rasch zum Ende zu kommen, habe ich mich entschlossen, gegen das Urteil, obgleich es ein Fehlurteil ist, keine Berufung einzulegen. Ich nehme an, dass Sie die Erklärung befriedigt." (DOG-Teilhaber Dr. Gottfried Grandel aus München/Hotel Schottenhammel an Dr. Walter Alexander u. Wilhelm Lohmann v. 18.6.1932)


Konfliktfähig: DOG-Teilhaber Josef Rupp - 1934 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)


22. Juni 1932

Seine anwaltliche Vertretung fasst in einem Dringlichkeitsschreiben an die Teilhaber der DOG die prekäre Situation Gottfried Grandels zusammen. Hierbei führt Dr. Kai Neckels aus:

"Ich darf Sie noch davon in Kenntnis setzen, dass mein Mandant zurzeit, mit Rücksicht auf eine bereits zutage getretene Spannung, den (-Hamburger-) Fabriken fernbleibt, um auf jeden Fall zu vermeiden, dass vorhandene Differenzen eine Vertiefung erfahren."

Nach zwei Jahren und acht Monaten scheidet Gottfried Grandel aus der Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel wieder aus. Die DOG-Teilhaber vermerken rückblickend:

"Wir wußten nur, dass wir bei der Bank RM 750.000,- Schulden und an Herrn Dr. Grandel innerhalb von 2 ½ Jahren RM 225.000,- abzutragen bzw. auszuzahlen hatten.(...) Dr. Grandel glaubte nicht mehr an eine Aufwärts-Entwicklung des Faktisgeschäftes und zog daher vor, lieber das leck gewordene Boot zu verlassen, als sein Kapital einem weiteren ungewissen Risiko auszusetzen." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die Hamburger Teilhaber, S.3)

Im Hamburger Telefonbuch taucht Gottfried Grandel nach seiner ersten Wohnanschrift Sohrhof 8 erst wieder im Jahre 1934 auf, hier unter der Anschrift Haynstrasse 29.

Der von Helene Grandel beauftragte Scheidungsanwalt Dr. Kurt Erhardt aus München (Kanzlei am Odeonplatz 5) vermerkt in einem Schreiben an die Hamburger DOG vom 10. Januar 1933:

"In einem fast zweijährigen Ehescheidungsstreit (-1930/32-) habe ich Frau Helene Grandel gegen ihren Ehemann Dr. Gottfried Grandel vertreten.(...) Meine Mandantin hat nunmehr nach Scheidung der Ehe die Rückgabe des von ihr eingebrachten Gutes zu verlangen. Dieses ist seinerzeit in das Grandel'sche Unternehmen gesteckt worden. Ausserdem haben meine Mandantin und deren aus der Ehe mit Dr. Grandel entsprungenen Kinder Unterhaltsansprüche gegen diesen. Gerüchtweise ist meiner Mandantin zu Ohren gekommen, Dr. Grandel beabsichtige nunmehr, nachdem er seine Beteiligung an dem gemeinsam mit Ihnen betriebenen Unternehmen aufgegeben habe, nach Russland auszuwandern. Mag dieses Gerücht haltlos sein oder nicht, in jedem Fall besorgt meine Mandantin eine Gefährdung ihrer Ansprüche und jener der Kinder."


Der jüdische Teilhaber Walter B. Alexander aus Hamburg


(507-1930) Durch die von Dr. Grandel angestrebte Firmenfusion mit der Hamburger Ölfabrik kommt es im Jahre 1929 auch mit dem dortigen Teilhaber Dr. Walter B. Alexander zu engeren Verhandlungen.

Die Entscheidung gegen den alternativ in Erwägung gezogenen Standort Kassel-Bettenhausen hängt nicht nur mit Hamburgs günstiger Hafensituation zusammen, sondern auch mit den vor Ort zu erwartenden Synergieeffekten durch Kompetenz.


Hamburger Ölfabrik-Teilhaber Dr. Walter Alexander mit Ehefrau Hedwig - 1902 (Privataufnahme aus Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)

In der Kautschuk- und Faktisbranche gelten die erfahrenen Chemiker Dr. Alexander und Dr. Grandel als Koryphäen. Für beide Verhandlungsseiten erweisen sich daher die Fusionsabsichten der Ölfabriken als vorteilhaft, so dass einer zügigen Einigung nichts im Wege steht. Initiiert durch den Augsburger Prokuristen Josef Rupp fusioniert das Augsburger Ölwerk Greorg Grandel noch im selben Jahr mit der Hamburger Ölfabrik zur Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel & Co. (DOG).


Als neuer Gesellschafter in Hamburg gelandet: Josef Rupp - 1932 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkelin von J. Rupp)


Fußläufig über die Wiese zum Flugzeug: Schnellverkehrsflugzeug Ju 52 'Kurt Wüsthoff' auf dem Münchener Flugplatz Oberwiesenfeld - 1932 (Postkarte im Privatbesitz)

Der Augsburger Fabrikationsstandort wird daraufhin schrittweise abgewickelt und das Gelände an die Firma Edeka-GmbH veräußert.

Als Faktisspezialist besitzt der Chemiker Dr. Alexander bereits seit Jahrzehnten einen hervorragenden Ruf. Die spätere Jubiläumszeitschrift der DOG vermerkt hierzu:

"Dr. Walter Alexander, Gründer und Chemiker der Berliner Firma 'Dr. Alexander & Posnansky', ist der renommierteste Fachmann für Faktis in Deutschland." (DOG-Jubiläumszeitung: "Der Zeitzeuge", S.4 - 2002)


(DOG-Jubiläumszeitung: "Der Zeitzeuge" - 2002 / Fotografie im Privatbesitz)


1919

Der Weltkrieg ist vorbei. Während das zusammengefallene Kaiserreich um eine neue Fassung ringt, wird Dr. Alexander als Träger des Eisernen Kreuzes neuer Mitinhaber der Deutschen Oel- und Faktisfabrik in Hamburg.


Hamburg Freihafengelände: Deutsche Oel- und Faktisfabrik am Kupferdamm 16 - 1927 (Privataufnahme aus dem Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)

Die Branchennachrichten vermelden zum Eintritt des Chemikers in die hanseatische Öl-Firma:

"Am 1.4. d.J. (-1919-) haben sich die Deutsche Oelfabrik G.m.b.H. in Hamburg und Dr. Walter Alexander in Charlottenburg, der bisherige Mitinhaber der Firma Dr. Alexander & Posnansky in (-Berlin-)Cöpenick, zu gemeinsamer Tätigkeit unter der Firma: Deutsche Oel- und Faktisfabrik Dr. Alexander, Dr. Bünz u. Richard Petri m.b.H. mit dem Sitz Hamburg vereinigt." ("Zeitschrift für angewandte Chemie", Bd.2, S.315 - 1919)


Hamburger Firmenteilhaber Dr. Walter Bismarck Alexander - 1909 (Privataufnahme aus dem Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)


1921

Rund zwei Jahre kann Dr. Alexander von dem Wissen des Gründungsteilhabers Richard Petri profitieren, bevor sich dieser nach rund 20 Jahren Firmentätigkeit 1921 auf seinen Altersruhesitz zurückzieht.


1902 - Firmengründung der Hamburger Ölfabrik

Begonnen hatte Richard Petri seine Arbeit als Prokurist des Großhandelskaufmanns Christian Lindemann Walsoe im Hamburger Freihafen im Jahre 1902.


Chronologische Aufarbeitung der eigenen Firmen-Historie: Der Zeitzeuge - Jubiläumsschrift zum 100-jährigen Bestehen der Hamburger Ölfabrik aus dem Jahre 2002 (Fotografie im Privatbesitz)


Firmengründer Christian Lindemann Walsoe - 1909 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)

In der späteren DOG-Firmenchronik wird zu der Gründung vermerkt:

"Es war ein bescheidener Anfang, aber der Optimismus der damaligen Zeit erwies sich als berechtigt. Schon nach wenigen Jahren stand fest, dass der Betrieb entwicklungsfähig war. Im Rahmen eines Großhandelsgeschäftes, den Walsoe für seine Person nicht verlassen wollte, war dafür aber kein Platz. Er entschloß sich daher, die Deutsche Oelfabrik G.m.b.H. zu verkaufen. Am 1. Dezember 1909 erwarb der Chemiker Dr. Rudolf Bünz die Hauptanteile und nahm Richard Petri als Gesellschafter auf." (Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG", S.2 - Dez. 1952)


 

Hamburger Teilhaber Richard Petri und Dr. Rudolf Bünz - 1921/1930 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)

Der erste Weltkrieg stellt besondere Anforderungen an die Fabriken des Kaiserreichs. Schon im ersten Kriegsjahr vermeldet das Branchenblatt für die Erzeugung chemisch hergestellter Stoffe:

"Eine Vereinigung deutscher Oelkautschukfabrikanten in Berlin wurde am 22. Juli (-1915-) von den Firmen Dr. Alexander & Posnansky in Cöpenick, Deutsche Oelfabrik m.b.H. in Hamburg, Dubois & Kaufmann in Rheinau-Mannheim, Georg Grandel in Augsburg und Paul Malzahn in Königswusterhausen gegründet. Abmachungen über Verkaufspreise wurden nicht getroffen." (Julius F. Lehmann: "Kunststoffe", Bd. 5-6, S.227 - 1915)


Schon während des 1. Weltkrieges im Kontakt: Die Augsburger Oelfabrik Georg Grandel und die Hamburger Deutsche Oelfabrik (Fotografie im Privatbesitz)

Nach vier langen Jahren geht schließlich der Krieg für das deutsche Kaiserreich verloren, eine neue politische Ordnung entsteht. Auch die Hamburger Ölfabrik befindet sich durch die politischen Rahmenbedingungen im Jahre 1921 noch immer in einer schweren Wirtschaftskrise, doch glauben die Gesellschafter weiterhin an die Entwicklungschancen ihres Produktionsbetriebes.


Hamburger Teilhaber Richard Petri, Wilhelm Lohmann und Dr. Walter Alexander - 1921 (Privataufnahme aus Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)

Kurze Zeit nach dem Eintritt Walter Alexanders kommt es zu einer weiteren Veränderung innerhalb der Hamburger Firmenleitung:

"Für ihn (-Richard Petri-) tritt ein bewährter Freund von Dr. Bünz als Gesellschafter ins Unternehmen ein: Der Kaufmann Wilhelm Lohmann (...). Lohmanns erste Amtshandlung: Er zieht Bilanz und stellt fest, dass die Deutsche Oelfabrik pleite ist. Daraufhin zieht er das Jackett aus, steckt sich seine geliebte Havanna an und geht an die Arbeit. Er kann den drohenden Bankrott abwenden." (DOG-Jubiläumszeitung: "Der Zeitzeuge", S.4 - 2002)


 

Hamburger Teilhaber Wilhelm Lohmann (geb. 1908 in Hamburg) und Dr. Walter B. Alexander - 1930 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)

Die Biographie des engagierten Chemikers Dr. Alexander ist abwechslungsreich: Geboren wird er am 16. September 1871 in Brooklyn/New York. Auf der Seite stolpersteine-hamburg.de berichtet seine Enkeltochter Ulrike Bork über den weiteren Lebensweg ihres Großvaters:

"Aus wirtschaftlichen Gründen waren seine Eltern, Albert Alexander und Ernestine, geborene Gumpert, in die USA ausgewandert und hatten zusammen mit ihren Kindern die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten. Doch das amerikanische Intermezzo dauerte nicht allzu lange. Wenige Jahre nach der Geburt meines Großvaters (-Walter-) zog die Familie zurück nach Deutschland, nach Berlin. Mein Urgroßvater (-Albert-) war ein derartiger Patriot, dass er Walter, seinem Ältesten, den zusätzlichen Namen Bismarck gab. Nach dem Abitur studierte mein Großvater Chemie sowie Philosophie und Literatur und wurde ein selbst im Ausland bekannter Chemiker." (Ulrike Bork auf: stolpersteine-hamburg.de - Dr. Walter B. Alexander)

Die heute in Amerika lebende Urenkelin Walter Alexanders, Dr. Iris Bork-Goldfield, ergänzt hierzu:

"Nachdem (-Ur-Urgroßvater-) Albert mit 14 Jahren aus wirtschaftlichen Gründen zu Verwandten nach Brooklyn/Manhattan auswanderte, um dort eine Ausbildung als Kaufmann zu beginnen, kam er nach eigener Firmengründung nochmals nach Deutschland zurück, um seine zukünftige Ehefrau für die Auswanderung zu gewinnen. Ernestine willigte ein, doch fühlte sie sich unglücklich in der neuen Heimat. Um 1875 verließen sie daraufhin Amerika wieder und zogen mit meinem Urgroßvater (-Walter-) nach Berlin." (Iris Bork-Goldfield v. 18.6.2022)


1898

Nach Abschluss des Studiums gründet der 27-jährige Dr. Alexander, zusammen mit seinem Groß-Cousin Leon Posnansky, in Berlin-Köpenick die Firma Dr. Alexander & Posnansky, die sich fortan der Entwicklung geformter Gegenstände aus Faktis verschreibt.


Berlin-Köpenick: Oelfabrik Dr. Alexander & Posnansky, Kaulsdorfer Str. 3a - 1906 (Privataufnahme aus Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)

Schon Leons Vater, Israel Carl Posnansky, besitzt um 1880 eine Teilhaberschaft an der großen chemischen Fabrik Posnansky & Strelitz in Wien, die über zwei Dependancen verfügt.

Leons Mutter Rosalie ist eine geborene Alexander; die beiden Berliner Chemiker besitzen den selben Urgroßvater. Als junge Firmengründer der chemischen Fabrik in Köpenick konzentrieren sie sich auf die Herstellung von Ölkautschuk und Kautschuksurrogaten (gummiartige Ersatzstoffe) für vielfältige Verwendungszwecke. So ergeben sich u.a. Anwendungen im Bereich der industriellen Quetschwalzen-, Wasserschlauch-, Radiergummi-, Schwamm- und Gasschlauchproduktion. In einer Branchenzeitung wird im Jahre 1921 über den Ersatzstoff Faktis vermerkt:

"Faktis haben erst in den letzten 20 Jahren als Zusatzstoffe zu Kautschukmischungen größere Verwendung gefunden. Während große Kautschukfabriken sich ihren Bedarf an Faktis selbst anfertigen, beziehen kleine Fabriken von Spezialfirmen, welche verschiedene Sorten führen.(...) Die bekanntesten deutschen Faktisfabriken sind Dr. Alexander & Posnansky in Köpenick bei Berlin und die Deutsche Ölfabrik in Hamburg. Kurze Zusammenfassung der technischen Vorzüge und Mängel des Werkstoffes: Die Elastizität, Geschmeidigkeit und Säurebeständigkeit der Faktis sind Eigenschaften, die anderen organischen Kautschukzusatzmitteln nicht zukommen. Ein Nachteil des Werkstoffes ist die geringe Widerstandsfähigkeit gegen Zug. Literatur: Die Literatur über Faktis ist nicht sehr umfangreich. Die kurzen Angaben darüber mußten oft wörtlich übernommen werden. Alexander u. Posnansky, Faktis, (Eine technische Skizze, anl. d. 10-jähr. Best.) Berlin 1908" (Krais: "Werkstoffe: Handwörterbuch der technischen Waren", S.336 - 1921)


Berlin-Köpenick: Faktisfabrik Dr. Alexander & Posnansky - 1902 (Privataufnahme aus Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)

Die Köpenicker Fabrik entwickelt sich vielversprechend, die Teilhaber erzielen über die Jahre einen guten Verdienst. Auch eigene Erfindungen werden hier aus dem bescheiden wirkenden Laboratorium hervorgebracht.


Köpenicker Laboratorium: Faktisfabrik Dr. Alexander & Posnansky - 1902 (Privataufnahme aus Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)

In einer chemischen Zeitschrift heißt es zu den Entwicklungen der Köpenicker Fabrik:

"Die Firma Dr. Alexander & Posnansky, Köpenick bei Berlin, erhielt ein Verfahren zur 'Herstellung von marmoriertem Kunstgummi aus Faktis' patentiert." ("Die Technologie des Kautschuks", S.194 - 1915)


Besitzerstolz: Leon Posnansky am Steuer seines neuen Automobils - 1906 (Privataufnahme aus Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)

Der erste Firmenteilhaber Dr. Alexanders scheint individuell veranlagt zu sein: Leon Posnansky sei eine Art unbürgerliches Genie gewesen, seine Frau unzufrieden über sein unmögliches Benehmen. Jedoch heißt es auch:

"Das Schlimmste, was ich erfuhr: daß er ein Wasserklosett auf einem offenen Boot quer durch Berlin bis nach Friedrichshagen geschafft hatte, zum Gaudium seiner Kinder,(...) zum Mißbehagen seiner Frau, die fand, daß man so etwas eben nicht tue." (Riess: "Das waren Zeiten", S.118 - 1977)


1919 - Umzug von Berlin nach Hamburg

Vielleicht ist die unkonventionelle Art seines Köpenicker Geschäftspartners einer der Gründe, weshalb sich Dr. Alexander im Jahre 1919 mit seiner Familie von Berlin aus in Richtung Hamburg begibt.

Als neuer Ölfabrik-Teilhaber in der Hansestadt angekommen, steht nach zweijähriger Tätigkeit für Dr. Alexander bereits eine weitere Veränderung an. Eine Verbandszeitung vermerkt hierzu:

"Der Gründer dieses Betriebes, Herr Richard Petri, ist nach 20-jähriger Tätigkeit mit dem 1. April d.J. (-1921-) aus der Leitung ausgeschieden, wird aber auch fernerhin für das Unternehmen tätig sein. Herr Wilhelm Lohmann ist als persönlich haftender Gesellschafter in die Firma eingetreten." ("Die Chemische Industrie", Bd.44, S.184 - 1921)


Hamburger Freihafengelände: Deutsche Oel- und Faktisfabrik, Kupferdamm 16 - 1920 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)


1925

Rückblickend weiß Dr. Alexanders Enkeltochter zu den Lebensumständen ihres Hamburger Familienzweiges zu berichten:

"Wirtschaftlich ging es meinen Großeltern sehr gut, sie wohnten in Hamburgs Nobelvorort Blankenese in einer geräumigen Villa mit vielen Dienstboten, hatten ein Auto und einen Chauffeur, viele gute Freunde und Bekannte. 1917, erst vierzig Jahre alt, hatte meine Großmutter einen Schlaganfall bekommen, von dem sie sich nie wieder ganz erholte. Es blieb eine starke Schwerhörigkeit zurück, und wenn sie in der Hamburger City etwas einkaufte (sie ist bis zu ihrer Verschleppung eine sehr elegante Frau gewesen, erzählte man mir), dann passierte es manchmal, dass sie die Orientierung verlor und nicht mehr wusste, wo sie war und wo sie wohnte. Deshalb trug sie bei solchen Ausflügen ein Schild mit ihrer Adresse bei sich. Auch zu Hause wusste sie oftmals nicht, was sie eigentlich vorgehabt hatte, und ich höre sie noch mit ihrem Schlüsselkörbchen in der Hand 'Walter, Walter' rufen." (Ulrike Bork auf: stolpersteine-hamburg.de - Dr. Walter B. Alexander)


Das Hamburger Ehepaar Hedwig und Dr. Walter B. Alexander im Garten ihres Wohnsitzes in Blankenese - 1931 (Privataufnahme aus Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)


14./15. September 1928 

Zweite Hauptversammlung der Deutschen Kautschuk-Gesellschaft in Hamburg unter Beteiligung Dr. Alexanders:


Dritte Reihe von vorn, 5. v. links: Waler B. Alexander - 1928 (DKG-Chronik: "Ein Rückblick auf 75 Jahre Deutsche Kautschuk-Gesellschaft", S.13 - 2001)


1929 - Fusion der beiden Ölfabriken

Die Lebenswege der begabten Chemiker Dr. Alexander und Dr. Grandel kreuzen sich in den Jahren von 1929 bis 1932. Geplant sind mit der Firmenverschmelzung Synergieeffekte, dennoch stehen die Vorzeichen für Gottfried Grandel ungünstig. Nicht nur die kurz nach der Fusion grassierende Weltwirtschaftskrise nimmt an Fahrt auf, auch die privaten Rahmenbedingungen führen Dr. Grandel schließlich zu der Erkenntnis, die fusionierte Hamburger Firma schon nach zwei Jahren und acht Monaten als Teilhaber wieder verlassen zu müssen.

Verantwortlich für die prekäre Situation macht Dr. Grandel seinen ehemaligen Prokuristen aus Augsburger Zeiten, Josef Rupp, der mittlerweile als neuer Fabrikteilhaber in Hamburg fungiert.


DOG-Teilhaber Josef Rupp - 1934 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Der eigentliche Fusions-Initiator war in dem kurz nach der Zusammenlegung begonnenen Ehescheidungsprozess zwischen Helene und Gottfried Grandel bei einer gerichtlichen Zeugenaussage nicht den Anweisungen Gottfried Grandels gefolgt. In einem Brief an seinen Hamburger Teilhaber Dr. Alexander führt Dr. Grandel daraufhin zu seinem geplanten Austritt aus dem Gesellschaftervertrag aus:

"Meine Ehe ist nun geschieden, und ich bin als der alleinschuldige Teil erklärt worden. Dieses Fehlurteil trifft mich ausserordentlich schwer, und ich bedauere sehr, dass der lange und kostspielige Prozess vorläufig dieses Ende gefunden hat. Wie aus der Urteilsbegründung hervorgeht, ist das für mich ungünstige Urteil hauptsächlich auf das weitgehende Versagen des Zeugen Herrn Rupp zurückzuführen. Die Folgen des Prozessverlustes werden für mich schwer sein. Meine kaum etwas erholte Gesundheit ist durch dieses Unglück neuerdings heftig erschüttert worden.(...) Ich werde bemüht sein, mit meiner Frau (-Helene-) zu einer festen Vereinbarung zu kommen, welche es ihr unmöglich macht, die Firma zu beunruhigen. Um rasch zum Ende zu kommen, habe ich mich entschlossen, gegen das Urteil, obgleich es ein Fehlurteil ist, keine Berufung einzulegen. Ich nehme an, dass Sie diese Erklärung befriedigt." (Handschriftliche Briefe von Gottfried Grandel aus München an Dr. Walter Alexander und Wilhelm Lohmann in Hamburg v. 10.+ 18.6.1932)


Ab 1930 getrennte Wege: Helene und Dr. Gottfried Grandel - Lugano, 1927 (Fotografie im Privatbesitz)


1932

Für Dr. Grandel scheint es besonders der Juni des Jahres 1932 in sich zu haben. Gesundheitlich angeschlagen, beauftragt er seinen Rechtsbeistand in Hamburg, auf die angebliche Anregung der Hamburger Teilhaber näher einzugehen. So lässt er seinen Anwalt erklären:

"Sie hatten kürzlich Herrn Dr. Grandel gegenüber angeregt, dass dieser aus den Gesellschaften Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co. und 'Artifex' Chem. Fabr. GmbH ausscheiden solle, und zwar mit Rücksicht auf evtl. zu erwartende Ansprüche aus familienrechtlichen Verbindlichkeiten des Herrn Dr. Grandel. Diese Anregung hat Herr Dr. Grandel aufgenommen und ist bereit, über Form und Zeitpunkt seines Ausscheidens in Verhandlungen einzutreten.(...) Ich bitte um Ihre beschleunigte Stellungnahme. Sie wissen, dass die Frage des Ausscheidens mit einer Entscheidung meines Mandanten im Ehescheidungsprozess im engsten Zusammenhange steht. Diese Entscheidung muss aber bereits in der ersten Hälfte des Juli (-1932-) getroffen werden." (RA Dr. Kai Neckels, Hamburg an Wilhelm Lohmann in Fa. DOG v. 22.6.1932)

In einer direkten Stellungnahme erklärt daraufhin der Hamburger DOG-Teilhaber Wilhelm Lohmann:

"Zunächst möchte ich richtigstellen, dass die Anregung zum Austritt des Herrn Dr. Grandel keineswegs von mir ausgegangen ist. Schon vor ca. 10 Wochen (-Ende April 1932-) hat Herr Dr. Grandel mit Herrn Rupp über seinen evtl. Austritt gesprochen, und ihn gefragt, ob er mit ihm gehen würde. Auch mit Dr. Alexander hatte Herr Dr. Grandel, wie er selber bei unserer Unterredung am 17. d.s. sagte, kurz vorher über dieselbe Angelegenheit gesprochen." (DOG-Teilhaber Wilhelm Lohmann an RA Dr. Neckels v. 25.6.1932)


DOG-Teilhaber Wilhelm Lohmann - 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Dr. Grandels Teilhaber-Eintritt in die neue Firmenkonstruktion im Hamburger Freihafen läuft rückblickend alles andere als rund. Schon bei der für 1930 vorgesehenen Verlegung der Produktionsmaschinen von Augsburg nach Hamburg stellt sich für die Hamburger Gesellschafter überraschend heraus, dass diese kreditfinanziert sind und das Bankhaus sich nicht bereit erklärt, den produktionswichtigen Maschinenpark ohne zusätzliche Sicherheiten von Augsburg nach Hamburg freizugeben.

Auch Dr. Grandel kann in dieser misslichen Situation keine weiteren Sicherheiten aufbieten. Die Hamburger Teilhaber reagieren verschnupft. Sie sehen sich schließlich genötigt, über den eigenen Hamburger Grundbesitz eine zusätzliche Sicherheitsleistung für die Bayrische Hypothekenbank zu gewähren.


Nach der Hamburger Firmen-Fusion: Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel (DOG) - 1930 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)


Neuer Firmensitz der Hamburger Oelfabrik Dr. Grandel: Ellerholzdamm 50 im Freihafen (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp v. 20.12.1936)

Doch auf die Hamburger Teilhaber kommen noch weitere Schwierigkeiten zu. Durch den zweijährigen Scheidungsprozess, aus dem Dr. Grandel schließlich als alleinschuldig hervorgeht, geraten die Hamburger Gesellschafter im Jahre 1932 erneut in eine prekäre Situation. Verschiedene Szenarien werden nun vor dem Prozessurteil juristisch durchgespielt.

Helene Grandel hat demnach die Möglichkeit, die neue Hamburger Gesellschaft aufzukündigen, falls Dr. Grandel das von ihr eingebrachte Heiratsgut von M 40.000,- nicht aus seinem Privatvermögen zurückzahlen könnte.

Aus dieser Situation heraus entscheidet sich Dr. Grandel zum Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, die fusionierte Firma schnellstmöglich wieder zu verlassen, um sich auf diese Weise zum Teil bar auszahlen zu lassen.

Ab dem 26. Juli 1932 wird Gottfried Grandel somit notgedrungen mit 54 Jahren zum Privatier.


Plötzlich Privatier: Dr. Gottfried Grandel - 1932 (Fotografie im Privatbesitz / Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG" - 1952)


1933 - Adolf Hitler wird Reichskanzler

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ändert sich das Leben der Hamburger Familie Alexander gravierend. Die bereits lange zuvor angedrohte Ausgrenzung jüdischer Mitbürger wird mit Hilfe der Nürnberger Rassegesetze nun zügig umgesetzt. Als Wirtschaftslenker jüdischer Abstammung muss es Dr. Alexander in den folgenden Jahren ertragen, kontinuierlich aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen der Hansestadt herausgedrängt zu werden.


DOG-Teilhaber, v.l.n.r.: Dr. Bünz, Dr. Alexander, Josef Rupp, Wilhelm Lohmann - 1933 (Privataufnahme aus Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)

Dem 30-jährigen Sohn des Öl-Fabrikanten, Dr. Gerhard Alexander, wird aufgrund seiner jüdischen Abstammung bereits 1933 die Anstellung an der preußischen Universitätsbibliothek gekündigt. Hierzu wird bei Wikipedia ausgeführt:

"Als der Verein Deutscher Bibliothekare 1934 die Zahlung des Mitgliederbeitrages für 1934 anmahnte, antwortete (-Gerhard-) Alexander hierauf am 11. Mai 1934 mit einem Protestbrief: Er werde den Beitrag nicht zahlen und sehe das Mahnschreiben als 'taktlos' an, da der Verein nichts gegen die Kündigungen jüdischer Bibliothekare unternommen habe, so Alexander."


Dr. Gerhard Alexander - 1932 (Privataufnahme aus Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)


1934

Aus der Not heraus erhält Dr. Gerhard Alexander daraufhin am 1. Januar 1934 von seinem Vater eine Festanstellung als kaufmännischer Angestellter in der Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel & Co. Schon zwei Jahre später wird er als persönlich haftender Gesellschafter in die Firmenleitung mit aufgenommen. Auch er bekommt einen eigenen Büroraum, doch sein Herz schlägt für Bücher, nicht für Öl.


Betriebsausflug bei Bad Segeberg:  Belegschaft der DOG und Artifex mit Teilhaber Dr. Gerhard Alexander in der 3. Reihe vor dem Eingang und Teilhaber Josef Rupp im Türeingang in der vorletzten Reihe (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Der Einfluss der Nationalsozialisten macht schließlich auch vor der Ölfabrik nicht halt. Im Rahmen der nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) beteiligt sich auch die neugegründete Betriebszelle der Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel an dem jährlichen Tag der nationalen Arbeit.


Tag der Arbeit: Ab 1934 umbenannt in den "Nationalen Feiertag des Deutschen Volkes" - Hamburger Geschäftsleitung und Belegschaft der DOG - 1. Mai 1934 (Fotografie im Privatbesitz / o.Ang. - Höhe Kieler Str. 108, mittlerweile Clemens-Schultz-Str., lfd.Nr.: 345 75)

Das Foto vom Aufmarsch zur Abschlusskundgebung auf dem Hamburger Heiliggeistfeld zeigt in der Mitte die Führungsriege der Hamburger Ölfabrik: Dr. Rudolf Bünz, Josef Rupp und Dipl.-Ing. Alexander Snyckers. Auf dem Bild nicht erkennbar: Dr. Walter Alexander, Dr. Gerhard Alexander und Wilhelm Lohmann.

Es ist anzunehmen, dass die Teilhaber aus eigenem Entschluss der nationalsozialistischen Kundgebung fernbleiben. Anders verhält es sich beim 10-jährigen Jubiläum der DOG-Schwesterfirma Artifex:


Feiern unterm Führerbild mit Hakenkreuzfahne: DOG-Teilhaber Dr. Walter Alexander (mit Zigarre mitte-links am Tisch, links neben Dr. Rudolf Bünz und gegenüber von Josef Rupp) beim 10-jährigen Betriebsjubiläum der DOG-Schwesterfirma Artifex - 4. März 1934 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp, welcher rechts-mittig am Tisch sitzt)

Das Geschehen um die umfassenden Verlust- und Ausgrenzungserfahrungen der Hamburger Fabrikantenfamilie Alexander beschäftigt auch die Urenkelin in den Vereinigten Staaten. Ein Auszug aus ihrem 2022 noch nicht veröffentlichten Buch über die eigene Familiengeschichte greift die Hamburger Jahre der Alexanders mit auf:

"In einer Festschrift zum 50sten Gründungstag der Firma, die im Jahre 1952 erschien, erfahre ich, wie erfolgreich das Unternehmen zwischen 1936-1939 war. Die Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co. 'übernahm sowohl im Inland wie im Export die führende Stellung innerhalb der deutschen Faktisindustrie. In der Ausfuhr lag das Hamburger Werk vor 1939 weit an der Spitze und auch mehr als die Hälfte des Inlandsbedarfs wurde hier gedeckt'. Trotz des Erfolges scheiden mein Urgroßvater und Großvater als Gesellschafter aus, um - wie es in der Festschrift heißt - 'der Firma politische Schwierigkeiten zu ersparen, die sonst mit immer größerer Wahrscheinlichkeit zu befürchten waren'. Wegen ihrer jüdischen Abstammung mussten die beiden getauften Juden, Dr. Walter Alexander, Teilhaber der Firma, und sein Sohn Dr. Gerhard Alexander, gehen. Im März 1938 hatte sich mein Urgroßvater mit dem Hamburger Notar Dr. Wäntig in Verbindung gesetzt, um den möglichen Verkauf seiner Geschäftsanteile in der Oelfabrik an Wilhelm Lohmann rechtlich zu regeln. Einen Monat später, am 25. April, wird ein entsprechender Vertrag, der den Verkauf der Anteile an Herrn Lohmann geltend macht, meinem Urgroßvater zur Unterschrift vorgelegt. [Den Vertrag habe ich und zitiere in meinem Buch daraus.] Zweifellos hat mein Urgroßvater dieses Angebot gemacht, denn es war abzusehen, dass die Juden aus allen deutschen Wirtschaftszweigen vertrieben, und ihre Unternehmen geschlossen bzw. 'zwangsarisiert' werden würden. Doch er hätte seine Firmenanteile nie verkauft, wenn die 'politischen Verhältnisse' ihn nicht dazu genötigt hätten, denn mit dem Verkauf waren ihm und meinem Großvater jede berufliche Existenzmöglichkeit geraubt worden. Ich versuche mir meinen Urgroßvater vorzustellen, wie er dieses Dokument in den Händen hält und gezwungen ist, sein Lebenswerk und Vermögen mit einem Federstrich wegzugeben. Ich halte das Papier in den Händen und merke, wie eine unbändige Wut in mir aufsteigt. Nach dem Krieg betonten meine Großeltern wiederholt, dass sich Herr Lohmann immer sehr anständig der Familie gegenüber verhalten hätte. Dennoch, meine Wut und Unverständnis bleiben." (Dr. Iris Bork-Goldfield an Oliver Meier, Mail v. 23.3.2021)

Auch die firmeneigene Jubiläumszeitung zum 100-jährigen Bestehen geht in einer Rückschau ausführlich auf die 1938 forcierte Arisierung der Deutschen Ölfabrik Dr. Grandel ein:

"Die DOG gerät unter Druck. Sie soll 'arisiert' werden. Wie in jedem Unternehmen, gibt es auch hier Nationalsozialisten, die wissen, dass die Gesellschafter-Familie Alexander jüdisch ist. Seit 1919 haben die Teilhaber in freundschaftlichem Verhältnis zueinander und in gegenseitiger Achtung der jeweiligen Fähigkeiten in der Deutschen Oelfabrik Dr. Grandel zusammen gearbeitet. Aber unter dem politischen Druck und aus Angst vor Repressionen entschließt man sich nun zur Trennung. Dr. Walter Alexander sieht sich gezwungen, sein Lebenswerk zurücklassen. Mit seinem Sohn Dr. Gerhard Alexander scheidet er Mitte 1938 aus der DOG aus. Die verbleibenden Gesellschafter bemühen sich um eine freundschaftliche und faire Regelung. Die ausscheidenden Gesellschafter werden ausgezahlt; doch die Abwicklung läuft bereits über staatliche Stellen, die den Alexanders lediglich eine kleine Rentenzahlung überweisen. Es besteht überhaupt nicht die Absicht, der Gesellschafter-Familie die ihr zustehenden Gelder zukommen zu lassen. Die Alexanders wollen nicht emigrieren. Sie bleiben in Blankenese, das nun seit kurzem zu Hamburg gehört." (DOG-Jubiläumszeitung: "Der Zeitzeuge", S.7 - 2002)


(DOG-Jubiläumszeitung: "Der Zeitzeuge", S.7 - 2002 / Fotografie im Privatbesitz)

Die Hamburger Familie Alexander ist sich spätestens seit dem Novemberpogrom von 1938 der existenziellen Bedrohung durch die Nationalsozialisten bewusst. Nach Auskunft von Iris Bork-Goldfield belegen ihre Großeltern daraufhin einen Kurs zur Ausbildung als Reinigungskraft; möglicherweise in der Absicht, die Chancen für eine kurzfristige Einreise in die USA zu erhöhen. Auf Wikipedia heißt es zu ihrem Sohn Dr. Gerhard Alexander weiter:

"1938 versuchte er erfolglos, das Deutsche Reich gen Amerika zu verlassen."

Ein Gerücht aus dem Mai des Jahres 1938 bringt auch Gottfried Grandel in den kurzzeitigen Fokus der Steuerfahndung und Gestapo:

"Der STFD (-Steuerfahndungsdienst Hamburg 1-) hat gegen Dr. Grandel persönlich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dr. Grandel ist Jude und scheint die Absicht zu haben, auszuwandern. Der STFD will daher prüfen, ob Grandel seinen steuerlichen Verpflichtungen nachgekommen ist. Der STFD hat die ZFST (-Zollfahndungsstelle-) wegen der Behandlung der devisenrechtlichen Angelegenheit zu den Ermittlungen hinzugezogen" (Digitalisierte Akte im Staatsarchiv Hamburg, Aktennotiz der Hamburger Devisenstelle, Bestand 314-15. Verz.-Einh. R 1938/0613 v. 10.5.1938)

Erklärbar wird diese mutmaßlich von außen herangetragene Denunziation vor dem Hintergrund, dass der jüdische DOG-Teilhaber Dr. Alexander sich zeitgleich mit der Absicht befasst, Deutschland zu verlassen. Die Vermengung des Firmennamens und der Absicht des jüdischen Teilhabers führt nun höchstwahrscheinlich zu der behördlichen Annahme, Dr. Grandel selbst wäre jüdischer Abstammung und wolle Deutschland verlassen:

"Dr. Grandel scheint die Absicht zu haben, auszuwandern. Ich bitte deshalb um Mitteilung, ob Ihre Ermittlung gegen Dr. Grandel Anhaltspunkte dafür ergeben hat, dass die Voraussetzungen für einen Erlass einer Sicherungsanordnung gemäss § 37a Dev.Ges. gegeben sind. Welche Vermögenswerte hat Dr. Grandel und welcher Art sind diese Vermögenswerte? Wo liegen sie?" (Digitalisierte Akte im Staatsarchiv Hamburg, Bestand 314-15. Verz.-Einh. R 1938/0613 - Hamburger Devisenstelle an Steuerfahndungsdienst v. 6.7.1938)

Im September 1938 hebt sich der Fahndungsvorgang gegen Gottfried Grandel auf:

"Nach den hier (-im Freiburger Finanzamt-Stadt-) gemachten Feststellungen besteht auch keine Auswanderungsabsicht des Dr. Grandel.(...) In dieser Beziehung wird noch vermerkt, dass Dr. Gottfried Grandel arisch und altes Parteimitglied ist, sodass die sonst üblichen Auswanderungsgründe entfallen." (Digitalisierte Akte im Staatsarchiv Hamburg, Finanzamt Freiburg-Stadt, Bestand 314-15. Verz.-Einh. R 1938/0613 v. 9.9.1938)


1939

Zu dem unfreiwilligen Verkauf der Firmenanteile gerät Dr. Walter Alexander nun auch noch in das Visier der Geheimen Staatspolizei. Auslöser hierfür ist die Denunziation einer Hausangestellten, die kritische Bemerkungen zu Adolf Hitler vernommen haben will. Alexanders Enkeltochter berichtet hierzu rückblickend:

"Im März 1939 verbrachte Walter Alexander aus politischen Gründen über 14 Tage in Gestapo- und Untersuchungshaft im Stadthaus und im Gefängnis Fuhlsbüttel." (Ulrike Bork auf: stolpersteine-hamburg.de)


Von der Gestapo genutzt: Zellengefängnis Fuhlsbüttel (Bildarchiv-hamburg.com: DSC_6315 / Bellin, Christoph - Blick aus Fuhlsbütteler Gefängniszelle)

Auf der Seite geschichtsbuch.hamburg.de wird zum Thema Schutzhaft im Konzentrationslager Fuhlsbüttel vermerkt:

"Ein zentrales Instrument des Terrors war die sogenannte 'Schutzhaft', die von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) auf unbeschränkte Dauer verhängt wurde. Rechtsmittel dagegen einzulegen war nicht möglich.(...) Aufgrund der Nürnberger Rassegesetze kamen nach 1935 vermehrt Juden ins Lager (...). Nach den Pogromen am 9./10. November 1938, der sog. Reichskristallnacht, wurden über 700 Juden im Konzentrationslager Fuhlsbüttel gefangengesetzt, um die meisten von ihnen später in andere Lager zu deportieren.(...) Die Häftlinge des KoLaFu wurden gequält. Sie wurden mit Ochsenziemern, Hundepeitschen, Stuhlbeinen und Lederriemen verprügelt. Zu den körperlichen Misshandlungen kamen vorgetäuschte Erschießungen und andere Formen psychischen Terrors. Mindestens 250 Menschen kamen in den Jahren 1933 bis 1945 im KoLaFu ums Leben. Häftlinge wurden systematisch in den Tod getrieben, aber Morde wurden auch als Selbstmorde vertuscht. Sie wurden erschlagen oder erdrosselt. Um Untersuchungen zu umgehen, wurde der Leichnam entgegen den gesetzlichen Bestimmungen bei Selbstmorden sofort dem Krematorium zur Verbrennung übergeben. Nur diejenigen, die man für seelisch gebrochen oder unschädlich hielt, wurden entlassen."


Zellentrakt in der Weimarer Republik (BArch: BildY 10-KL-5-2831-67 / o.Ang)

Weiter berichtet Alexanders Enkeltochter in ihrem Rückblick:

"Im selben Jahr (-1939-) mussten die Großeltern ihr Haus verkaufen. Sie zogen dann in unser Häuschen (wir fanden eine andere Bleibe)." (Ulrike Bork auf: stolpersteine-hamburg.de)


Bis 1939 Wohnsitz der Familie Alexander in Hamburg-Blankenese - 2022 (Fotografie im Privatbesitz)

Zeitgleich zu Dr. Alexanders zweiwöchiger Gestapo-Haft verstirbt nach kurzer Krankheit der langjährige Firmenteilhaber und Seniorchef Wilhelm Lohmann im März 1939.

Auch Gottfried Grandel in Freiburg erfährt von dem frühen Tod seines ehemaligen Hamburger Teilhabers. Auf sein Kondolenzschreiben an die hinterbliebene Witwe Bertha Lohmann erhält er nur wenige Wochen später einen Antwortbrief, doch vermerkt er in seinem Folgeschreiben an die Witwe fordernd:

"Seit dem 17. April 1939 (nochmals Dank für Ihren lieben Brief, der mich sehr erfreute!) hörte ich nichts mehr von Ihnen und wünsche mir, dass der Briefträger bald einen Brief aus Hamburg bringt.(...) Meinen Neujahrsgruß (-1939/40-) scheinen Sie nicht erhalten zu haben, ich habe immer auf ein Lebenszeichen von Ihnen gewartet und an Sie und Ihr Haus an der Elbe gedacht, so oft ich von einem englischen Flieger-Angriff auf Hamburg las." (Dr. Grandels handschr. Brief an die verwitwete DOG-Teilhaberin Berta Lohmann, Bl.4+1 v. 15.10.1940)

Der von Gottfried Grandel gewählte Zeitpunkt kommt nicht von ungefähr. Wie beiläufig weist er in dem Schreiben auf seinen bevorstehenden 63. Geburtstag hin:

"Das Kinderfräulein, das meine Frau im Sommer aus Schlesien mitgebracht hat, bäckt in der Küche gerade einen Kuchen, der zu meinem Geburtstag am Donnerstag bestimmt ist; es duftet schon durchs Haus." (Dr. Grandels handschr. Brief an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, Bl.3 v. 15.10.1940)

Der von ihm allmählich aufgebaute Kontaktdruck wirkt: Bereits in der Folgewoche bekommt Gottfried Grandel den erwünschten Antwortbrief von der Hauptanteilseignerin Bertha Lohmann aus Hamburg.

Die anschließende Konversation teilt sich auf in zwei Bereiche. Anfangs vermittelt sich durchaus der Eindruck, dass Gottfried Grandel an einem näheren Kontakt zu der verwitweten Frau Lohmann interessiert ist:

"Nehmen Sie meinen herzlichen Dank dafür, und für Ihre lieben Wünsche zu meinem neuen Lebensjahre. Wenn Sie mir das Datum Ihres diesbezügl. Tages verraten, würde ich Ihnen gerne jeweils meine Glückwünsche senden. Ich kann Ihnen so sehr nachfühlen, dass Sie noch unter dem allzufrühen Fortgang Ihres Ehekameraden leiden.(...) Dass Ihr Mann Sie fürsorglich zur Alleinerbin eingesetzt hat, muss für Sie ein beruhigendes Gefühl sein, nicht wahr?(...) In Ihrem Garten werden gewiss auch viele Blumen blühen, ich erinnere mich, dass Sie eine große Blumenfreundin sind. Wissen Sie noch? Beinahe wäre Ihr Mann eifersüchtig geworden -" (Dr. Grandels handschr. Brief an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, Bl.1 v. 7.11.1940)

Während Gottfried Grandel in Freiburg laut späterem Detektei-Bericht seine dritte Ehescheidung vorbereitet, beginnt er die anfangs noch auf Allgemeinplätze gerichtete Konversation langsam auf sein eigentliches Kernanliegen zu lenken. So vermerkt er in dem Brief an Bertha Lohmann weiter:

"Es ist ja an mir auch etwas gutzumachen, besonders Seitens des Herrn Rupp, und das wäre dann ein weiterer Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit. Im Falle Dr. W. Alexander hat sie sich (-die ausgleichende Gerechtigkeit-) ja schon (-in Form der Zwangsarisierung / Gestapo-Haft / Immobilienabtretung-) betätigt; und er (-Dr. Walter Alexander-) war der spiritus rector anno 1932 zu den Verunglimpfungen und Drohungen, die zu meinem Ausscheiden unter so ungünstigen Bedingungen führten. Wovon lebt er denn jetzt? Wird er immer noch von der Firma bezahlt?" (Dr. Grandels Brief an Bertha Lohmann, Bl.6 v. 7.11.1940)

Der ehemalige Hamburger Teilhaber Dr. Grandel zeigt hier wiederholt eine Kälte und ausgeprägte Schwäche zur Selbstreflektion. So kommt er im Falle seines Ausscheidens aus der Hamburger Ölfirma zu dem Schluss:

"Nicht durch meine Schuld!" (Dr. Grandels Brief an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, Bl.2 v. 15.1.1941)

Dabei versucht er, das persönliche Schicksal der jüdischen Familie Alexander für den eigenen Vorteil zu nutzen und schwenkt dabei auf sein eigentliches Hauptanliegen:

"Wie Ihnen wohl bekannt geworden ist, habe ich Ihrem Vorschlage zufolge den offiziellen Weg beschritten und an die Firma das Ersuchen um Rehabilitierung, ehrenvolle Wiedergutmachung des 1932 an mir begangenen Unrechts und Wiederaufnahme als Gesellschafter gerichtet.(...) Es liegt jetzt an den Herren und Damen, die in der Firma 'Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co.' heute mitzubestimmen haben, ob diese Angelegenheit eine mich befriedigende Lösung findet, oder ob ich gezwungen bin, mein zweifelloses Anrecht auf Beteiligung mit allen gesetzlichen Mitteln zu erkämpfen." (Dr. Grandels handschr. Brief an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, Bl.1+2 v. 15.1.1941)

Die von Dr. Grandel hier angedeutete Ablehnungsfront des ehemaligen Teilhabers Dr. Alexander ist aus dem austrittsbegleitenden Briefwechsel von 1932 nicht ablesbar, wirkt daher für das Jahr 1940 taktisch konstruiert. Der im Jahre 1932 für die Austrittsverhandlungen von ihm selbst bevollmächtigte Rechtsanwalt vermerkt gar in seinem damals ersten Anschreiben an die Hamburger Gesellschafter ausdrücklich:

"Ich bitte um Ihre beschleunigte Stellungnahme. Sie wissen, dass die Frage des Ausscheidens mit einer Entscheidung meines Mandanten im Ehescheidungsprozess (-mit seiner Noch-Ehefrau Helene Grandel-) im engsten Zusammenhange steht. Diese Entscheidung muss aber bereits in der ersten Hälfte des Juli (-1932-) getroffen werden." (RA Dr. Kai Neckels, Hamburg an DOG-Teilhaber Wilhelm Lohmann v. 22.6.1932)

In seinem Briefwechsel mit der verwitweten Anteilseignerin Bertha Lohmann geht Gottfried Grandel zum Ende des Jahres 1940 auch auf die allgemein zu erwartenden Perspektiven der jüdischen Bevölkerung in Deutschland ein:

"Aus dem Land Baden-Baden, das wird Sie interessieren, sind ja alle Juden in letzter Zeit fortgeschafft worden, zunächst in die großen Lager in Südfrankreich, von da sollen sie nach Madagaskar u. in französische afrikanische Kolonien kommen u. da angesiedelt werden. Sie dürfen nur RM 100,- u. kleines Gepäck mitnehmen, und wurden in französischen Autobussen abtransportiert. Wie man allgemein hört, sollen auch aus dem übrigen Deutschland alle Juden fortgeschafft werden." (Dr. Grandels Brief an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, Bl.4 v. 7.11.1940)


Gezwungen zum Lächeln: Deportation weiblicher Zivilisten in das französische Internierungslager Gurs durch die Propaganda-Kompanie der Waffen-SS - Juni 1940 (BArch: Bild 101III-Augustin-007-06 / Augustin, Paul)

Wikipedia schreibt zu der von Dr. Grandel geschilderten NS-Erwägung, vier Millionen europäische Juden nach Madagaskar zu deportieren:

"Der antisemitische Plan wurde nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 im Reichssicherheitshauptamt und im Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches ausgearbeitet. Er wurde allerdings nie umgesetzt, insbesondere wegen des Seekriegs gegen Großbritannien und der damit nicht vorhandenen Hoheit über die entsprechenden Seewege. So endeten die Arbeiten am Madagaskarplan noch im selben Jahr. Stattdessen wurde letztlich ein Großteil der europäischen Juden im Holocaust ermordet."

Zu den von Dr. Grandel in seinem Briefwechsel behaupteten Begleitumständen seines 1932 vollzogenen DOG-Austrittes schreibt er rückblickend an Bertha Lohmann weiter:

"Über die Beweggründe der anderen damaligen Gesellschafter glaube ich mich nicht zu irren, wenn ich annehme, dass den Herrn Dr. Alexander der Hass des Juden gegen mich als bekennendem nationalsozialistischen Freund und Förderer Adolf Hitlers antrieb, daneben auch geschäftliche Eifersucht." (Dr. Grandels Brief an die verwitwete DOG-Teilhaberin Bertha Lohmann, Bl.4 v. 7.11.1940)


Vorfühlende Brief-Konversation mit Witwe Lohman: Gottfried Grandel - 1940 (Fotografie im Privatbesitz)


1941

In der Auseinandersetzung, die Gottfried Grandel im Anschluss an den zunächst vorfühlenden Briefwechsel mit den Teilhabern der Hamburger DOG beginnt, überzieht er bereits in seinem ersten Schreiben den ehemaligen und durch die Arisierung 1938 unfreiwillig ausgeschiedenen Teilhaber Dr. Alexander mit einer Reihe antisemitischer Vorwürfe. So vermerkt er in seinem 12-seitigen Ein-schreiben an die Gesellschafter:

"... bei Dr. Alexander der Hass des Juden gegen mich, den völkischen und nationalsozialistischen Vorkämpfer." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.4 v. 7.1.1941)

"Offenbar hat er (-Wilhelm Lohmann-) sich durch den Haupthetzer, den Juden Dr. Alexander, verleiten lassen ..." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.5 v. 7.1.1941)

"Die Gespräche der übrigen Gesellschafter verstummten, wenn ich dazutrat. Da wusste ich Bescheid, und es war nicht zu verwundern, dass mir ernste Reuegedanken darüber kamen, ob es richtig war, in eine verjudete Firma hineingegangen zu sein.(...) Es bedurfte jetzt nur noch eines Anlasses oder Vorwandes, und die Hetze gegen mich unter Anführung des Juden Dr. Alexander konnte beginnen." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.6 v. 7.1.1941)

"Leider hatte ich zu jener Zeit den Rücken nicht frei, weil mich der Ehescheidungsprozess in Anspruch nahm. Auch wusste ich ja bereits aus dessen Verlauf, dass ich ---- im Jahre 1932 ----- vor den mit Juden und Freimaurern besetzten Richtertischen den Kürzeren ziehen werde.(...) Was konnte ich unter den damaligen Zeitverhältnissen kurz vor Beginn des III. Reiches und Einer gegen Vier, darunter ein Jude, anderes tun, als in Verhandlungen einzutreten, welche mein Ausscheiden unter einigermassen befriedigenden Bedingungen zum Gegenstand hatten? Sollte ich die Handelskammer oder das Handelsgericht um Hilfe anrufen, an deren Spitzen damals Juden sassen?" (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.7 v. 7.1.1941)

"Der Ton seitens der vier gegnerischen Gesellschafter war äusserst aggressiv, ganz im Geiste des Juden Dr. Alexander (...). Ich habe es jedenfalls bis heute nicht verwinden können, dass meine offenkundigen und evidenten Verdienste um die Bedeutung und Grösse der Firma seitens der damaligen Gesellschafter unter Anführung des Juden Dr. Alexander in einer solch masslos gehässigen Weise und mit der diffamierenden Drohung des Ausschlusses aus der O.H.G. gelohnt worden sind." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.8 v. 7.1.1941)

"Der Vertrag vom 26. Juli 1932 muss annulliert werden; ich weigere mich, ihn länger als bindend für mich anzuerkennen und bin für den Fall, dass die jetzigen Firmeninhaber meine Rehabilitierung ablehnen sollten, fest entschlossen, die Hilfe der heute zuständigen Stellen und der Partei anzurufen, mit der Begründung, dass ich seiner Zeit durch das vorwiegende Betreiben des jüdischen Gesellschafters Dr. Alexander unter mich provozierenden und schwer kränkenden Begleiterscheinungen aus der Firma hinausgedrängt worden bin, ohne damals hoffen zu können, vor den verjudeten Gerichten und vor der verjudeten Handelskammer in Hamburg Hilfe und Recht zu finden. Dass mir von Seiten der Partei und nachdem die Firma arisiert wurde, heute die gewünschte Unterstützung mit Nachdruck zuteil werden würde, werden Sie nicht bezweifeln. Denn es ist Ihnen und besonders Herrn Rupp bekannt, dass der Führer mich kennt und meine Verdienste um die Partei nicht vergessen hat. Diese Verdienste sind ja (-im November 1937-) auf der Gründungsfeier der NSDAP, Ortsgruppe Augsburg, in Gegenwart des Führers erneut anerkannt worden." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.11 v. 7.1.1941)

In Reaktion auf die Anwürfe gegen den ausgeschiedenen Seniorchef der Hamburger Ölfabrik vermerken die DOG-Teilhaber:

"Dr. Grandel war bekannt, daß Dr. Alexander Jude ist. Dies war Dr. Grandel genau so gut bekannt, wie die Tatsache, daß Dr. Grandel 1915 (-1916-) eine Halbjüdin, Frau Helene Winternitz heiratete.(...) Dr. Grandel hatte bei der Fusion nicht die geringsten Bedenken gehabt, auch mit Dr. Alexander eine geschäftliche Ehegemeinschaft einzugehen. Es muß daher als unfair bezeichnet werden, wenn Dr. Grandel nicht vorhanden gewesenen Haß oder Eifersucht als Motiv benutzt, um Dr. Alexander zu belasten." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die Teilhaber, S.4)

Mittlerweile ist der Besitzübertrag in Blankenese vollzogen: Ab 1941 wird das Deutsche Reich als neuer Eigentümer von Alexanders Immobilie vermerkt, ergänzt durch den Bewohnereintrag des Dipl.-Landw. H. de Häen, welcher 1942 zum Hamburger Regierungsrat befördert wird.

Die eigentlichen Beweggründe, die Dr. Grandel zum Ende des Jahres 1940 zu der zeitversetzten Auseinandersetzung mit der Hamburger Ölfabrik antreiben, sind finanzieller Natur.

Dies zeigt sich auch an einem zeitgleich geführten Briefwechsel mit dem ehemaligen Mitglied des Münchener Kampfbundes der Thule-Gesellschaft, Hans Georg Grassinger. Dieser ist bereits 1919 unter der Germanen-Ordens-Direktive Rudolf von Sebottendorffs als Vorsitzender der Deutsch-Sozialistischen Partei (DSP) tätig gewesen. Im Zusammenhang mit seiner bereits 1920 eingegangenen Bürgschaftserklärung schildert Gottfried Grandel dem Münchener Verleger Grassinger nach 20 Jahren sein dringliches Anliegen:

"Auf meine Anfrage haben Sie mir unterm 19. ds. mitgeteilt, dass Ihnen die Adresse des Herrn Rudolf von Sebottendorff, des Verfassers des in ihrem Verlage erschienenen Buches 'Bevor Hitler kam', nicht bekannt sei. Da mir bekannt ist, dass Herr von Sebottendorff (-1918 Gründer v. bayr. Germanen-Orden/Thule-Gesellschaft-) aus bestimmten Gründen gerne inkognito bleiben will, so erlaube ich mir, einen an ihn gerichteten Brief beizulegen mit der höfl. Bitte, denselben weiterleiten zu wollen. Es ist aber möglich, dass Ihnen die Adresse seiner Schwester, Frau Dora Kunze bekannt ist oder die von Frl. (-Käthe-) Bierbaumer. Diese beiden Damen waren Mitbesitzerinnen des 'Völkischen Beobachters', ehe derselbe an die NSDAP überging. Ich übernahm damals zusammen mit Herrn Dietrich Eckart die Bürgschaft für die Zahlung des Kaufpreises und ich wurde von Herrn Sebottendorff, Frl. Bierbaumer (-Freundin von Seb.-) und Frau Kunze (-Schwester von Seb.-) bald danach dafür in voller Höhe in Anspruch genommen und habe die ansehnlichen Beträge an diese drei Personen ausbezahlt.(...) Bei früheren Haussuchungen sind mir durch die Kriminalpolizei die diesbezüglichen Unterlagen und Urkunden weggenommen worden und nicht zurückerstattet worden. Sie sind aber jetzt von größter Bedeutung für mich geworden und ich möchte mich dieserhalb an Herrn v. Sebottendorff oder an eine der oben erwähnten Damen wenden zwecks Erlangung einer Bestätigung darüber, dass ich die Summen an sie ausbezahlt habe. Sie werden daher verstehen, dass es für mich sehr wichtig ist, mit einer der drei Personen oder mit allen Dreien in Verbindung zu kommen und ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie mir dazu verhelfen könnten." (Digitalisiert auf IfZ-muenchen.de: 3807/67, ZS-50-8/9, Dr. Grandel an Georg Grassinger v. 21.11.1940)

Die konkrete Ursache für Dr. Grandels finanzielle Besorgnis zum Ende des Jahres 1940: Seine dritte Ehe in Freiburg mit Magdalena, geb. Pachaly, steht kurz vor der Trennung, sodass eine erneute schuldhafte Scheidung ihm weitere Kosten verursachen würde. Die Einnahmen Gottfried Grandels als Privatier decken sich schon seit langem nicht mehr mit seinen Ausgaben, er lebt auf Kosten der Substanz. Die finanziell angespannte Situation ist dabei auch zusammenhängend mit seinen gelegentlichen Aufenthalten in verschiedenen Sanatorien.
So wird eine von DOG-Teilhaber Josef Rupp beauftragte Hamburger Detektei später über das vor der Trennung stehende Freiburger Ehepaar Grandel in Erfahrung bringen:

"Während ihres Aufenthaltes in Baden-Baden verbrauchte Frau Magda (-Grandel-) RM 200,- bar, denn ihr war das Geld zugemessen. Dr. Grandel, der, wie sie erst später erfuhr, bald danach mit Gertrud Hubricht (-aus Freiberg/Sachsen-) nach (-Bad-) Gastein gefahren ist, verbrauchte in gleicher Zeit für sich allein RM 2.000!" (Detektei Otto Schultz an DOG-Teilhaber Josef Rupp wg. Gottfried Grandel, S.2 v . 27.6.1943)

Bei der Konstruktion seiner finanziellen Problemlösung bedient sich Gottfried Grandel gegenüber der DOG einer demonstrativ wirkenden Judenhetze gegen den ehemaligen Firmenteilhaber. Unter den neuen Machtverhältnissen erhofft er sich auf diese Weise, erfolgversprechende Revisionsgründe in einem von ihm bereits angedeuteten Gerichtsverfahren geltend machen zu können. Dies zum weiteren Nachteil des ehemaligen Gesellschafters Dr. Alexander, der zu diesem Zeitpunkt bereits vieler Rechte und Güter durch den NS-Staat beraubt wurde.

Der Hamburger Rechtsbeistand Dr. Grandels, der ihn schon während des Ausscheidens im Jahre 1932 vertreten hatte, erwähnt daraufhin in seinem ersten Schreiben an die nun von der DOG mit einbezogene Anwaltskanzlei noch einen weiteren Aspekt:

"Wie Sie wissen, strebt Herr Dr. Grandel eine Wiederbeteiligung seiner Familie an diesem im wesentlichen aus der Familie Grandel hervorgegangenen Werk an. Schon beim Ausscheiden meines Mandanten im Jahre 1932 war dies vorgesehen und im § 9 des Vertrages vom 25. Juli 1932 niedergelegt. Ich frage daher hiermit an, ob und gegebenenfalls unter welchen Bedingungen Ihre Auftraggeber bereit wären, den ältesten Sohn meines Mandanten, Herrn Dr. Felix Grandel, als Teilhaber aufzunehmen, wie dies der genannte § 9 bereits ausdrücklich vorsieht. Wenn auch durch den Vertrag keine Rechtspflicht zur Aufnahme begründet ist, so war doch ein solcher Schritt seinerzeit ernstlich ins Auge gefasst. Heute scheint mir nun, ganz abgesehen von den Revisionsgründen meines Mandanten, die Entwicklung zur Vornahme eines solchen Schrittes besonders geeignet. Im Zuge der Arisierung ist ein Teilhaber aus der Gesellschaft ausgeschieden, der somit ersetzt werden kann. Für die Ersetzung dieses Teilhabers durch eine deutschblütige Persönlichkeit scheint mir nun niemand geeigneter zu sein, als ein Träger des Firmennamens und ein Sohn des Schöpfers des von der Gesellschaft betriebenen Werkes." (Dr. Grandels RA Dr. Karl Neckels an DOG-RA Hübbe v. 6.3.1941)


"Sohn des Schöpfers": Felix Grandel mit Vater Gottfried und den Halbschwestern Christine (l.) und Maidl Grandel - 1924 (Fotografie im Privatbesitz)

Ernsthaft wird Dr. Felix Grandel seinen Eintritt in die Hamburger Teilhaberschaft nicht erwogen haben, dazu war seine damalige Forschungsposition zu sehr auf sein eigentliches Interessengebiet, der Ernährungsfrage, zugeschnitten.


Schwerpunkt von Felix Grandels Forschung: Der Getreidekeim - 1940 (Fotografie im Privatbesitz)

Es ist vielmehr davon auszugehen, dass Gottfried Grandel seinen Sohn Felix hier nur taktisch einsetzt. Die Gesellschafter der Hamburger DOG stellen in der beginnenden Auseinandersetzung mit ihrem ehemaligen Teilhaber dann auch nüchtern fest:

"5) Wir haben weder jetzt noch in den verflossenen 8 Jahren jemals das Bedürfnis gehabt, mit Dr. Grandel in Verbindung zu treten. Aus diesem Grunde besteht auch heute weder die Notwendigkeit noch die Nützlichkeit, wie Dr. Grandel glaubt annehmen zu sollen, irgend eine künftige Regelung zu vereinbaren.

6) Die Aufnahme des § 9 in den Ausscheidungs-Vertrag vom 25.7.1932 erfolgte unseres Wissens auf Wunsch von Dr. Grandel, um seinem Sohn Felix Grandel eine Geste zu bieten. Aus diesem Grunde wurde die Formulierung dieses § 9 ohne jegliche Rechtspflicht gewählt. Der eingebrachte Vorschlag, Dr. Felix Grandel als Gesellschafter aufzunehmen, wurde von den jetzigen Gesellschaftern einstimmig abgelehnt. Weitere Verhandlungen darüber sind zwecklos. Auch liegt weder die Notwendigkeit noch das geringste Bedürfnis dafür vor, den vor 3 Jahren infolge Arisierung ausgeschiedenen Gesellschafter Dr. Alexander durch einen neuen Teilhaber zu ersetzen." (DOG-Stellungnahme zum Schreiben Dr. Neckels, S.1/2 v. 6.3.1941)

Für die Familie Alexander wird diese Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Augsburger Fusionspartner ein weiterer persönlicher Tiefschlag gewesen sein.


1942

Auf Sonntag, den 19. Juli 1942 ist schließlich der von der Hamburger Gestapo ausgestellte Deportationsbefehl für das Ehepaar Alexander ausgestellt. Der Zielort lautet: Theresienstadt.

In einer Rückschau vermerkt die Enkeltochter des Ehepaares Alexander:

"Meine Mutter (-Schwiegertochter von dem Ehepaar Alexander-) fragte (-am 18. Juli 1942-) sorgenvoll meinen Großvater (-Dr. Walter Alexander-), wie ihm zumute sei. Er antwortete: 'Ich denke, ich gehe auf eine große Reise.' Es war eine Reise ohne Wiederkehr." (Ulrike Bork auf: stolpersteine-hamburg.de)

Der Sohn des Paares, Dr. Gerhard Alexander, vermerkt später über diesen Moment:

"Ich hatte beim Abschied das feste Gefühl, ich würde sie wiedersehen." (Dokumentiert auf instagram.com: neuengamme.memorial / Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof v. 19.7.2025)

In dem Bericht einer überlebenden Hamburgerin wird der Ablauf der Deportation geschildert, der auf den zuvor verhängten Hausarest folgt:

"Der Chef des Judendezernats der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Hamburg, 'Herr' Göttsche, der uns mit seinem Stab das Abschiedsgeleit gab, zeigte sich mehrere Nuancen undienstlicher als gewöhnlich. Keine Filmkameras surrten, keine umgehängten Photo-Apparate machten Privataufnahmen von hübschen Helferinnen, von Elendsgestalten auf dem Bahnsteig oder von Tragbahren mit sterbenden Greisen. Es war ja vergleichsweise auch gar nichts los heute . Ein kleiner Transport von 108 Seelen nur." (Starke: "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt", S.23 - 1975)

Der Deportations-Vorlauf ähnelt dem Schicksal des Hamburger Ehepaars Alexander:

"Der erste Transport von Hamburg nach Theresienstadt war am 15. Juli 1942 (mit 920 Personen) abgegangen. Vier Tage später (-am 19. Juli 1942-) war der zweite gefolgt ( 734 Personen ). Es verlautete nun, Theresienstadt sei eine Alterssiedlung. Dort würde für alle derart gesorgt, daß sie Geld nicht mehr benötigten. Darum wurden 'Heimeinkaufsverträge' abgeschlossen, die die Reste der Vermögen vollends verschlangen. Dieser Transport ereilte diejenigen, bei denen, nach der Judenvermögens-Abgabe von 1 Milliarde RM (JuvA, 12. Nov. 1938), den erhöhten Steuersätzen, Beschlagnahme von Wertpapieren, nach all den unzählbaren Aderlässen immer noch Geld und wertvolle Hausstände zu erben waren.(...) Uns, meine Schwester und mich, beraubten diese Transporte der letzten Menschen, die von jeher zu uns gehört hatten. Am 19. Juli nahmen wir auf dem Hannoverschen Bahnhof Abschied von Dr. Max Zacharias, achtzig Jahre alt, als Arzt und Freund unsern Eltern seit der Jahrhundertwende verbunden, Schöngeist und langjähriger Theaterarzt in Hamburg, Hausarzt der Familie Hagenbeck ... " (Starke: "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt", S.29 - 1975)

Zusammen mit dem Ehepaar Alexander findet sich ein weiterer betagter Hamburger Chemiker am 19. Juli 1942 auf dem Bahnsteig des Hannoverschen Güterbahnhofs in Hamburg ein:

"Um den Tod von Dr. Heinrich Wohlwill (-31. Januar 1943-) liegt eine besondere Tragik. Er war Gründer und später Generaldirektor der Norddeutschen Affinerie in Hamburg-Harburg. Seine Fähigkeiten als Chemiker und Kaufmann hatten aus dem anfänglich kleinen Werk den bedeutenden Industriebetrieb entwickelt. Die Nazis nahmen ihm Stellung und Beruf . Damit hatte er sich abzufinden. Jedoch, daß er und seine Frau ihr schönes, helles Haus und den Garten am Alsterarm, der ihm Beschäftigung geboten hatte, mit nichts als einem Rucksack würden verlassen müssen, damit glaubte er nicht rechnen zu brauchen, denn für ihn war interveniert worden. Aber erst als der Transport mit ihm am 19. Juli 1942 fort war, sickerte die Kunde davon durch. Die Sache war mit größter Diskretion, wie sich herausstellen sollte, mit allzugroßer Diskretion betrieben worden, weil es ein hoher Offizier im Generalstab war, der sich für ihn verwendet hatte , und zwar mit Erfolg verwendet, wie nachträglich bekannt wurde." (Starke: "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt", S.45 - 1975)

Weiter heißt es zu Dr. Wohlwill:

"Er behielt das Schreiben, das Dr. Wohlwill vom Transport freigestellt hätte auf seinem Schreibtisch zurück und setzte seinen Namen weisungsgemäß nicht auf die Transportliste. Aber den Evakuierungsbefehl ließ er hinausgehn. Wegen der gebotenen Schonung des Protektors oder aus Zeitmangel scheint eine Klärung unterblieben zu sein. Dr. Wohlwill stellte sich völlig konsterniert zum Transport, wahrscheinlich in der Hoffnung, der vermeintliche Irrtum werde sich aufklären. Stattdessen ergab sich bei seiner Ankunft in Theresienstadt die abstruse Situation, daß man ihn, da er auf der Transportliste nicht verzeichnet war, beschuldigte, sich einschleichen zu wollen. So wie jene Unglücklichen, die im ersten Impuls riskiert hatten, unterzutauchen und dann in der Länge der Zeit nicht mehr wußten, wo sie sich aufhalten sollten, aus Verzweiflung manchmal in einem Transport illegal Unterschlupf suchten. Erst durch die nun einsetzenden Rückfragen im Falle Wohlwill wurde der Sachverhalt in Hamburg bekannt. Geändert wurde er nicht mehr. Dr. Heinrich Wohlwill blieb das Opfer der Rivalität zwischen Gestapo und Wehrmacht." (Starke: "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt", S.45 - 1975)


Von der SS in Frankreich bewachter Güterbahnhof: Deportation von Juden auf dem Weg ins Konzentrationslager - 1943 (BArch: Bild 101I-027-1476-19A / Vennemann, Wolfgang)

Über die Hamburger Deportation berichtet die Überlebende Käthe Stark weiter:

"Nein, aus unserem Transport nach Theresienstadt fing niemand an zu schreien. Uns trat auch keiner in den Rücken, wie ich es elf Monate (-Juli 1942-) zuvor noch im Hof der Schule an der Sternschanze gesehen hatte, wenn die Alten nicht schnell genug die hohen Klapptritte an den Mannschaftswagen der Polizei erklimmen konnten." (Starke: "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt", S.23 - 1975)

Der Sohn des deportierten Ehepaares Alexander schreibt über das Schicksal einer ihm bekannten Familie am 6. Juni 1942 an seine Frau Marga:

"Es stellte sich heraus, daß Th.(-eresienstadt-) überhaupt nur ein Durchgangslager ist; die Eltern sind nicht die einzigen, die man weiter verschleppt hat, man hat das mit fast allen getan." (Dokumentiert auf instagram.com: neuengamme.memorial / Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof v. 19.7.2025)

Nur zwei Tage nach der vollzogenen Deportation trifft bei der Geheimen Staatspolizei in Hamburg eine Anfrage der Commerzbank-Depositenkasse Blankenese zu dem Konto des Ehepaares Alexander ein:

"Betr.: Übertragung jüdischen Vermögens."

In dem Antwortschreiben vom 25. Juli 1942 teilt die Gestapo der Commerzbank mit:

"Der Jude Walter Israel Alexander, geb. 16.9.1871 in Brooklyn, zuletzt wohnhaft in Hamburg-Blankenese, Godeffroystr. 42, ist am 19.7.1942 nach Theresienstadt evakuiert worden. Sein Vermögen wurde am gleichen Tage zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Das Verfügungsrecht hat nun der Oberfinanzpräsident in Hamburg." (Gestapo: Staatspolizeileitstelle HH, B.Nr.IIB3-2275/42 v. 25.7.1942)



Tschechien: Gestapo-Konzentrationslager Theresienstadt (BArch: Bild 183-C0716-0049-019 / Ludwig - 1964)

Nur wenige Monate später wird das Ehepaar Alexander der industriell durchgeführten Menschen-Vernichtung durch die Politik der NSDAP zum Opfer fallen. Zu den Todesumständen der Großeltern schreibt die Enkeltochter:

"Mein Großvater ist dort am 6. Dezember 1942 gestorben. Verhungert? Ermordet? Die Todesfallanzeige (-geni.com-) gibt Blutzersetzung und Herzmuskelentartung als Todesursache an. Meine Großmutter starb am 15. Februar 1943 - laut Todesfallanzeige litt sie an Wundrose und Durchfall." (Ulrike Bork auf: stolpersteine-hamburg.de)



Theresienstadt: Todesfallanzeigen von Walter und Hedwig Alexander - 1942/43 (holocaust.cz: Hedwig Alexander, 1877 und Walter-Bismarck Alexander, 1871)

In dem bislang unveröffentlichten Buch über die eigene Familiengeschichte stellt Dr. Iris Bork-Goldfield/USA zu ihre, Hamburger Urgroßeltern klar:

"In der Festschrift der Oelfabrik heißt es weiter:

'1942 wurden er (-Walter Alexander-) und seine Frau nach Theresienstadt gebracht. Dort starben beide kurz hintereinander im Winter 1942/43 unter ungeklärten Umständen.'

Meine Urgroßeltern wurden nicht nach Theresienstadt 'gebracht', sie wurden zwangsweise deportiert und ermordet."

Der Sohn des deportierten Ehepaars Alexander, Dr. Gerhard Alexander, berichtet:

"Ich hatte beim Abschied das feste Gefühl, ich würde sie wiedersehen. Aber ich habe mich getäuscht. Schon 1943 bekam ich (...) die Todesdaten." (Dokumentiert auf instagram.com: neuengamme.memorial / Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof v. 19.7.2025)

Dr. phil. Gerhard Alexander, wohnhaft in der Hamburger Godeffroystraße 42, bekommt trotz seiner bis dahin schützenden Mischehe mit der nicht-jüdischen Marga einen Deportationsbefehl für das Ghetto Theresienstadt ausgestellt. Kurz vor dem Kriegsende verlässt er am 13. Februar 1945 mit dem letzten Zwangstransport, vermutlich vom Hannoverschen Güterbahnhof am Lohseplatz, seine Heimatstadt Hamburg.


Ab 1941 Ausgangspunkt der Hamburger Deportationen: Hannoverscher Bahnhof

Dr. Gerhard Alexander überlebt das Ghetto Theresienstadt, nachdem die Rote Armee bereits am 8. Mai 1945 das Konzentrationslager erreicht.

(StaH, 351-11, Amt für Wiedergutmachung, 1730, Dr. Walter Bismarck Alexander)

Neben den über 1264 Sinti und Roma teilen weitere jüdische Mitbürger aus Hamburg das Schicksal der Familie Alexander:

"Mit 17 Transporten wurden zwischen Oktober 1941 und Februar 1945 insgesamt 5.848 Personen aus Hamburg deportiert, von denen 5296 ermordet wurden. Weitere 319 Personen wählten den Freitod, 140 Juden fielen der 'Euthanasie-Aktion' zum Opfer.(...) Nach sechsmonatiger Pause wurden die Transporte aus Hamburg im Juli 1942 wieder aufgenommen. Bei 'Osttransporten' erwartete die Betroffenen nun der Tod, während die Überlebenschancen im Ghetto Theresienstadt, das als 'Vorzugslager' für Prominente, für im Ersten Weltkrieg Ausgezeichnete und Juden aus aufgelösten Mischehen sowie als 'Altersghetto' galt, größer waren. Doch auch hier starben Tausende durch Krankheit und Hunger oder wurden in Vernichtungslager weitertransportiert." (Beate Meyer auf: dasjuedischehamburg.de, Deportationen)

Eine schlichte Gedenktafel im Hamburger Lohsepark erinnert an die zwangsdeportierten Mitbürger der Stadt, auf der abschließend zu lesen ist:

"Fast 90% der (-deportierten-) Menschen wurden ermordet oder gingen an den elenden Lebensbedingungen zugrunde. Über Proteste der Hamburger Bevölkerung gegen die Deportationen ist nichts bekannt." (ndr.de: "Vom Hannoverschen Bahnhof in die Vernichtung", Bild 9)

Am heutigen Altonaer Erik-Blumfeld-Platz 15, früher der Blankeneser Bahnhofsplatz, erinnern zwei Stolpersteine an das Schicksal des jüdischen Ehepaares Alexander.


Erinnerung an ein Verbrechen: Stolpersteine für Hedwig und Dr. Walter B. Alexander in Hamburg (Fotografie im Privatbesitz - 2022)


Von Hamburg-Blankenese in den Tod: Ehepaar Hedwig und Dr. Walter Alexander - 1931 (Privataufnahme aus Familien-Fotoalbum v. Iris Bork-Goldfield)


Erinnerung an ein Verbrechen: Stolpersteine für Hedwig und Dr. Walter B. Alexander in Hamburg (Fotografie im Privatbesitz - 2022)

Der bereits ab 1944 über die deutschen Forschungsaktivitäten publizierte 'Final Report' des British Intelligence Objectives Sub-committee (B.I.O.S.), gewährt auch der Deutschen Oel-Fabrik Dr. Grandel im Nachkriegsjahr 1946 besondere Beachtung. Der Abschlussbericht vermerkt dabei über den ehemaligen Seniorchef Dr. Alexander:

"Intensive Zerstörungen durch Bombenexplosionen erforderten noch immer die Beseitigung von Trümmern, die Laboratorien seien getroffen, der ehemalige Technische Direktor Dr. Alexander bereits 1938 in den Ruhestand verabschiedet worden." (B.I.O.S. Final Report: Ausgaben 921-929, S.76 - 1946)


Im Visier der britischen Wirtschafts-Interessen: DOG - 1946 (B.I.O.S. Final Report: Ausgaben 921-929, S.76 - 1946)

In der späteren Jubiläumszeitschrift zum 100-jährigen Jubiläum der Deutschen Ölfabrik Dr. Grandel wird rückblickend zu der erzwungenen Arisierung von 1938 vermerkt:

"Nun stellte sich (-1946-) heraus, dass die Zahlungen der DOG (-an Dr. Walter und Dr. Gerhard Alexander-) in die Kassen der Nazibehörden umgeleitet worden sind. Die Gesellschafter erklären sich bereit, die Auszahlung ein zweites Mal vorzunehmen, um wenigstens das finanzielle Unrecht wieder gut zu machen." (DOG-Jubiläumszeitung: "Der Zeitzeuge", S.7 - 2002)


Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Ölfabrik


(508-1930) Zeitgleich mit der Umsetzung der Ölfirmen-Fusion gerät Deutschland im Winter 1929/30 in den Sog der Weltwirtschaftskrise.

Bereits zu Beginn des Jahres 1929 heißt es vom Augsburger Stadtrat warnend:

"Die Stillegung dieses (-ölverarbeitenden-) Mittelbetriebes und seine Überführung nach Hamburg ist örtlich wieder ein weiteres Zeichen für die fortschreitende Zusammenziehung und Einschrumpfung unserer Wirtschaft. Der Betrieb hat bis zu 48 Angestellte und Arbeiter beschäftigt. Diese Mittelbetriebe und ihre Spezialerzeugnisse dürfen weder wirtschaftlich, noch steuerlich, noch in ihrer Bedeutung für den Arbeitsmarkt unterschätzt werden. Sie haben vielfach eine grössere Anpassungsfähigkeit an die wechselnden Verhältnisse an den Tag gelegt, als die Grossbetriebe und verhältnismässig nicht selten grössere Erträge abgeworfen. Wenn die Augsburger Grossbetriebe den gegenwärtigen Schwierigkeiten auch Stand gehalten haben, so sind doch wertvolle Mittelbetriebe im Laufe der Jahre verloren gegangen." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Bauakte, Augsburger Stadtrat an die Regierung Schwaben und Neuburg v. 27.1.1930)

Durch den Zusammenbruch der New Yorker Börse vom Oktober 1929 entwickelt sich schließlich die wirtschaftliche Verwerfung mit großer Durchschlagskraft über die Kontinente. Die Kapitalflüsse nach Deutschland kommen durch den Abzug des ausländischen Kreditvolumens zum Erliegen, die deutsche Industrieproduktion verringert sich daraufhin bis zum Höhepunkt der Krise im Jahre 1932 um rund 40%, während sich die Arbeitslosenzahlen in diesem Zeitraum verdreifachen. Ein Schweizer Journalist berichtet:

"Und dann kommts immer dicker und deutlicher. Gegen Augsburg rollt mein D-Zug, Rauchwolken paffend in eintönigem Gestampfe: 's Geld ist weg und 's Geld ist weg! Drei ganze Vierachser ziehen von Buchloe weiter und ich mit dem Schaffner allein da drin, der mir seine herben Nöte klagt: Mieser Lohn und keinen Tag sicher, wenn auch er abgebaut wird und dann? 'Des Vaterlandes Dank für vierjährigen Frontkampf, für Hunger, für Blut und Schrecken - feine Bezahlung, was?' bemerkt der Arme. Ein zweiter Remarque, wie er mir Fremden den furchtbaren Krieg schildert, das 'Eiserne' besitzt er auch, sogar erster Klasse, dafür das linke Auge nicht mehr und eine bös vernarbte Nasenwurzel. Augsburg, die alte Bischofsresidenz mit viel lahmgelegter Industrie, macht ein gar kümmerliches Gesicht. Die großen Werke der MAN zeigen mit längst ausgerauchten Riesenschornsteinen in den grauen Himmel. Auf den Straßen begegnet mir hungernde Arbeitslosigkeit in schlotterndem Gewande, es ist ein Jammer. Zehntausende sind brotlos geworden, Zehntausende gehen stempeln und noch mehr haben ausgestempelt. Ein halbes Jahr versorgte das Reich mit minimalen Lebensbedingungen den Notleidenden, Bayern bezahlte den gleichen Termin lang die kärgliche Unterstützung und dann war's Schluß. Noch gaben wohltätige Institutionen der frommen Stadt ein Letztes: pro Familie eine Stange Brot, vier Löffel Suppe täglich -- und immer noch keine Hoffnung auf Besserung. - München, Frankfurt, Köln, das gleiche Lied. - 'Es wäre besser tot, die Kugel im Herzen, als diese fürchterliche Not', schreit ein 'Ehemaliger', der anno 14 mit dabei war, in einen unruhigen Menschenhaufen. 'Hoch Hitler' brüllen andere. Gott, welche Wahlmache! Das Blaue vom Himmel wird den Leuten versprochen, wo sie doch mit viel, viel weniger zufrieden wären - nur Brot, nur Arbeit! Dunkelheit umfängt die alte Stadt, Lichter flammen auf, leuchtende Einladungen in Kinos und andere Vergnügungsstätten. Schäbige Eleganz füllt reparaturbedürftige Säle. Schon längst ist ihr großer Zustrom versiegt, von vielen die letzten Märker verjubelt, Moral und Religion über Bord geworfen. In Cafes gurgeln Saxophone mit Gesang anzügliche Liebesliedchen für tanzende Kokotten und ihre unheimlichen 'Freunde', in Paris als Louis bekannt, hier aber Mädchenhirte benannt. Das Laster geht in tausend Gestalten seine dunklen Abwege, Schwache mitreißend, hungernde verpflichtend; das schrecklichste Zeichen der Not, die zahlenmäßig so grauenhaft wachsende Prostitution in den deutschen Städten. O armes Volk!(...) Politik ist ein Beruf geworden, ein brotloser! --- halbleere Schaufenster locken in marktschreierischem Gepräge. Die Waren sind außerordentlich billig wie noch nie, das Gewerbe und der Handel gehen mit größten Opfern durch diese Zeiten allgemeiner Not. Es wird zu jedem Preise verkauft unter allem Hund, wenn nur Geld reinkommt. Aber auch damit ist fehlspekuliert: die Leute haben kein Geld, sie können nicht mehr kaufen, auch dann nicht, wenn man's ihnen um Pfennige nachwirft. Die aus der guten alten Zeit bekannte Walz braver Handwerksburschen ist für immer vorbei. Heute irren hunderttausende Obdachloser mit knurrendem Magen durch die deutschen Lande. Tausende stellenloser Akademiker erbetteln sich auf diesem 'Tippel' ihr Brot. Selbstmorde sind an der Tagesordnung. Verzweiflung erfaßt die Massen, der durchdringende Hilferuf verhallt ungehört an den Diplomatentischen. Da lernt auch ein Schweizer verstehen. Begreifen Sie nun die außerordentlichen Wahlerfolge Hitlers? Erkennen Sie die nationalsozialistische Bewegung vieler Millionen deutscher Männer und Frauen?" (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Geschäftsblatt, Bd.79, Nr.129, S.1 - "Völker in Not" v. 28.10.1932)


"Hunderttausende Obdachloser mit knurrendem Magen": Deutschland während der Weltwirtschaftskrise - 1930 (BArch: Bild 183-N0904-318 / o.Ang.)

In der firmeneigenen Festschrift der Hamburger Ölfabrik heißt es rückblickend:

"In den Tagen der Fusion und bei der Planung der neuen Anlagen ahnte niemand, daß (-nach den Auswirkungen der 20er-Jahre-Inflation-) die zweite große Erschütterung des Unternehmens unmittelbar bevorstand. Die Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre überfiel die 'Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel & Co' mit voller Gewalt. Der Absatz sank so stark, daß die Kapazität des Betriebes kaum noch zu einem Viertel ausgenutzt wurde. Ein Preissturz der Rohstoffe kam hinzu. So schien es fast unmöglich, das Werk zu erhalten.(...) Dr. Grandels Glaube an die Firma und die Zukunft des Faktis war so schwer erschüttert, daß er es vorzog, im Jahre 1932 auszuscheiden, obgleich sich das Ende der Krise bereits abzeichnete." (Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG", S.10 - Dezember 1952)

In einem kurzen Satz geht Gottfried Grandel in seinem Schreiben an das NSDAP-Hauptarchiv auf seine Hamburger Teilhaberzeit ein:

"Im Jahre 1930 verlegte ich meine Fabrik von Augsburg nach dem günstiger gelegenen Hamburg, doch schon 1932 zog ich mich ganz aus dem Geschäft zurück." (BArch Berlin: NS26/514, S.594/Bl.9 - Dr. Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Auch diese Entscheidung beinhaltet eine Komplexität. Die finanzielle Handlungsfähigkeit der Augsburger Oelfabrik Georg Grandel ist bereits ab Mitte der 20er-Jahre stark beeinträchtigt. Das Zusammenspiel zwischen der hohen Inflation, dem parteipolitischen Engagement und letztendlich dem international beachteten Thormann-Grandel-Prozess fordert ab 1924 ihren Tribut. In der Rückschau reduziert sich Dr. Grandel lediglich auf eine Ursache seiner wirtschaftlichen Schieflage, und die kommt von außen:

"Infolge der Inflation hatte ich (-1924-) nahezu mein ganzes selbsterworbenes Vermögen eingebüsst und stand vor grössten wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Ich musste mich mit ganzer ungeteilter Kraft auf meine berufliche Tätigkeit als Chemiker und Fabrikant legen, dies umso mehr, als ich eine grosse Familie hatte." (BArch Berlin: NS26/514, S.593/594, Bl.8/9 - Dr. Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)


Plötzlich Erfolg in der Forschung mit Gloria-Faktis: Dr. Grandel mit Sohn Felix, Ehefrau Helene und deren Tochter aus erster Ehe, Eleonore Winternitz - 1927 (Fotografie im Privatbesitz)

In dieser finanziell angespannten Situation kann sich Gottfried Grandel auf finanzielle Zugeständnisse seines Prokuristen verlassen: Gehaltsverzicht. So sieht dann im Rahmen der Fusionsgespräche von 1928 Dr. Grandels Prokurist Josef Rupp nach langen Jahren des Verzichts endlich seine berufliche Chance gekommen:

"Zur Aufnahme des Herrn Rupp als (-Hamburger-) Gesellschafter war, wenn Dr. Grandel sein Wort nicht brechen wollte, derselbe verpflichtet. Ich verweise auf die Originalbriefe des Herrn Dr. Grandel, geschrieben am 20.1.25 und 10.9.25 (sh. Akt Rupp). Bei den in Augsburg stattgefundenen Fusions-Vorverhandlungen wussten die Hamburger Herren noch nichts von der mir von Dr. Grandel schriftlich zugesicherten Aufnahme als Teilhaber. Die Hamburger Herren machten mir folgendes Angebot: Sie boten mir ein Jahresgehalt von RM 24.000,- und Gewinnbeteiligung mit dem Posten eines Direktors. Ich lehnte dieses Angebot ab mit dem Hinweis, daß Dr. Grandel mir schriftlich 2 mal die Zusage machte, mich zu gegebener Zeit als Teilhaber aufzunehmen bzw. mir, falls er eine Familien A.-G. gründen würde, von den Aktien einen Teil zu überlassen. Ich legte Wert darauf, Teilhaber zu werden mit allem Risiko, das damit verbunden ist und da Dr. Grandel als Allein-Inhaber der Firma Grandel dieses befürwortete, so waren die Hamburger Herren ebenfalls damit einverstanden. Auf die Frage, was ich tun würde, falls ich nicht Teilhaber werden könnte, antwortete ich, daß ich dann daraus die Folgerungen ziehen würde. Ich konnte dies tun, weil ich in einem mir bekannten Augsburger Maklergeschäft als Teilhaber jederzeit eintreten konnte. - So also kam die Aufnahme des Herrn Rupp als Teilhaber zustande. Daß die Hamburger Herren mich trotz der bescheidenen Kapitaleinlage (RM 50.000,-) als Teilhaber schätzten, beweist die weitere Entwicklung meiner Mitinhaberschaft." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die Teilhaber, S.4/5)


Knappe Ressourcen: Ein Pass für zwei Personen - Josef und Josepha Rupp, geb. Strauß, Großtante des späteren Ministerpräsidenten Bayerns - 1929 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)


Hamburg - 1932

Die Firmenfusion kommt für Gottfried Grandel in einem denkbar ungünstigen Moment. Neben der finanziell und nervlich belastenden Weltwirtschaftskrise und seines laufenden Scheidungsprozesses von Helene Grandel kommen die Reibungsverluste innerhalb der neuen Hamburger Führungskonstellation zum Vorschein:

"Wenn sich unbekannte Menschen zu einer o.H.G. (-offenen Handelsgesellschaft-) zusammenschliessen, dann ist es unausbleiblich, dass zuerst Unebenheiten auftreten, besonders dann, wenn 3 Chemiker mit verschiedenen Ansichten und Meinungen sich ein verhältnismäßig doch kleines Arbeitsgebiet teilen sollen. Dr. Grandel, Dr. Alexander und Dr. Bünz waren Chemiker, W. Lohmann und J. Rupp Kaufleute." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger Teilhaber v. 7.1.1941, S.5)

Doch noch zum Juni 1932 gibt sich Dr. Grandel optimistisch:

"Es freut mich zu hören, dass der Umsatz im Faktis immer noch erträglich genannt werden kann, und dass die Laboratoriumsarbeiten interessante Ergebnisse hatten.(...) Es freute mich sehr, dass das Ergebnis trotz der äußerst bedenklichen Weltwirtschaftskrise befriedigend gewesen ist und das insbesondere auch Artifex wieder zugenommen hat." (Die Hamburger DOG-Teilhaber Dr. Gottfried Grandel aus München/Hotel Schottenhammel an Dr. Walter Alexander/Dr. Lohmann v. 3./9.6.1932)


Scheidung von Helene Grandel


Erholung am Luganer See - Helene und Gottfried Grandel - Oktober 1927 (Fotografie im Privatbesitz)

Aus welchen genauen Gründen Gottfried Grandel die Trennung von seiner zweiten Ehefrau anstrebt, ist nicht genau verbrieft. Es gibt lediglich einen Versreim von 1976, der einen Hinweis darauf gibt:

"Für einige Jahre (-Juni 1924 bis 1930-) kehrt Friede ein, doch welches Glück könnt von Dauer sein?
Nach 13 Jahren (-1916 bis 1929-) gemeinsam Leben beginnt Dr. Grandel wegzustreben.
Trotz geteiltem Leid und geteiltem Glück hat eine Andre sein Herz berückt.
Schon zieht er aus (-März 1930-), der Prozess beginnt. 2 schlimme Jahre (-März 1930 bis Juni 1932-), bis sie ihn gewinnt.
Bürgermeister-Fischerstraße - jetzt kommt eine neue Phase."

Und tatsächlich: Am 25. März 1930 meldet sich Dr. Gottfried Grandel nach Hamburg ab, ohne Ehefrau und Kinder, wie es dem Familienbogen zu entnehmen ist.

Doch neben dem privaten Zerwürfnis gerät der neue Hamburger Gesellschafter Dr. Grandel durch den von ihm initiierten Scheidungsprozess nun auch in finanzielle Schwierigkeiten: Helene Grandel reicht gegen ihn die Klage um das von ihr 1916 in die Ehegemeinschaft eingebrachte Vermögen ein.

Zu dem Verlauf der gerichtlichen Entscheidung notiert Gottfried Grandel:

"In meiner Prozesssache fällt den Richtern die Urteilsbildung schwer. Das Gericht vertagte von sich aus die Verkündigung der Entscheidung vom 27. Mai (-1932-) auf 3. Juni und jetzt wieder auf 8. Juni." (Gottfried Grandel aus München/Hotel Schottenhammel an DOG-Teilhaber Dr. Walter Alexander v. 3.6.1932)

Zu der Prozessakte gibt es eine Signatur:

"Fabrikant Dr. Gottfried Grandel in Altona

./.

seine Ehefrau geb. Willner verw. gewesene Winternitz in Augsburg Herausgabe einer Lebensversicherungspolice" (//arcinsys.schleswig-holstein.de: LASH, Abt. 350, Nr. 2386, AZ.: 1 U 201/32 v. 1932)

Weiter schreibt Gottfried Grandel nach der Urteilsverkündung vom 8. Juni 1932:

"Meine Ehe ist nun geschieden, und ich bin als der alleinschuldige Teil erklärt worden. Dieses Fehlurteil trifft mich ausserordentlich schwer, und ich bedauere sehr, dass der lange und kostspielige Prozess vorläufig dieses Ende gefunden hat. Wie aus der Urteilsbegründung hervorgeht, ist das für mich ungünstige Urteil hauptsächlich auf das weitgehende Versagen des Zeugen Herrn (-Josef-) Rupp zurückzuführen. Die Folgen des Prozessverlustes werden für mich sehr schwer sein. Meine kaum etwas erholte Gesundheit ist durch dieses Unglück neuerdings heftig erschüttert worden. Meine Absicht, noch zur Nachkur nach Berchtesgaden zu gehen, habe ich aufgegeben. Ich werde noch ein paar Tage bei meiner Frau Mutter (-in Augsburg-) verbringen und dann nach Hamburg zurückkehren." (DOG-Teilhaber Dr. Gottfried Grandel aus München/Hotel Schottenhammel an Dr. Walter Alexander v. 10.6.1932)



Finanzieller und gesundheitlicher Rückschlag nach dem Ehescheidungs-Prozess: Dr. Gottfried Grandel mit seiner Mutter Johanna Rosina Grandel, geb. Leiner - Juni 1932 (Fotografie im Privatbesitz)

Der Hamburger Teilhaber Dr. Alexander notiert in einer Gesprächsnotiz:

"Am Mittwoch, den 22. Juni (-1932-) vormittags, erschien Dr. Grandel das erste Mal seit seiner 9-wöchigen Abwesenheit wieder im Geschäft. Ich begrüßte ihn, erkundigte mich nach seinem Befinden und ging mit ihm in mein Zimmer. Er sprach sofort von seinem verlorenen Ehescheidungsprozess, beklagte sich über das jedem Vergleich abgeneigte Verhalten seiner Frau und deren Anwalt. Er zeigte mir auch einen Brief seines eigenen Anwalts, Dr. Budzerus, der sich kurz über die Berufungsmöglichkeit äußerte. Dann sagte er, dass auch die Firma von dem Ausgang des Prozesses betroffen sei und dass er sogar im Interesse der Firma erwogen habe, ob er ausscheiden sollte, könne und solle.(...) Es fiel mir bei den Reden des Herrn Dr. Gr.(-andel-) über den Prozess auf, dass er sagte, er sei nicht der Kläger, sondern seine Frau habe ihn verklagt." (Gesprächsnotiz: DOG-Teilhaber Dr. Walter Alexander über Dr. Gottfried Grandel v. 22.6.1932)

Der neue Hamburger Teilhaber Dr. Gottfried Grandel entscheidet sich notgedrungen zum Austritt aus der Teilhaberschaft:

"Dr. Grandel stellte durch seinen Anwalt Dr. Neckels und seinen aus München zu diesen Besprechungen herbeigerufenen Bruder, August Grandel, überhöhte Forderungen: RM 350.000.-. Bei diesen vor dem 1.7.(-1932-) von (-dem Hamburger Teilhaber-) Herrn W.(-ilhelm-) Lohmann geführten Verhandlungen kam es zu scharfen mündlichen Auseinandersetzungen zwischen W. Lohmann und Dr. Neckels, bzw. August Grandel. Herr Lohmann, der versuchte, Brücken zu bauen und zu einer Einigung zu gelangen, ohne bei der finanziellen Lage die verbleibenden Gesellschafter in weitere Gefahr zu stürzen, wurde durch die Aussprache in eine Erregung versetzt, deren Auswirkung das Schreiben vom 1.7.1932 betr. Androhung des Ausschlusses aus der Gesellschaft war. Über diese mündlichen Auseinandersetzungen sind Unterlagen nicht vorhanden. Es ist Herrn Rupp nicht bekannt geworden, daß Dr. Alexander als Hetzer aufgetreten ist. W.(-ilhelm-) Lohmann hatte die alleinige Führung bei diesen Verhandlungen und war nur bestrebt, überhöhte Forderungen des Dr. Grandel auf das Maß zurückzuschrauben, das für uns nach Lage der Dinge überhaupt tragbar erschien." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger Teilhaber v. 7.1.1941, S.5)

Im Verlauf der Auseinandersetzung zum Ausscheiden von Dr. Grandel kommt es zum Bruch zwischen ihm und seinem bisherigen Augsburger Prokuristen Josef Rupp. Dieser schreibt rückblickend:

"Dr. Grandel hat mir nach seinem Ausscheiden mein unter Glas eingerahmtes Lichtbild zerbrochen und halb zerrissen zurückgeschickt. Ich lehne es daher für meine Person ein für alle mal ab, mit Dr. Grandel die von ihm abgebrochene Verbindung nochmals aufzunehmen." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger Teilhaber v. 7.1.1941, S.6)

Die Hamburger Gesellschafter kommen in der Rückschau zu folgender Einschätzung:

"Nicht nur die Zeit, zu welcher Dr. Grandel am 23.10.1929 den Fusionsvertrag unterzeichnete und anschließend bis Juni 1932 als Sozius der o.H.G. tätig war, sondern auch der in den Aktennotizen 'Wer ist Dr. Gottfried Grandel' beschriebene Lebenslauf beweist, daß Dr. Grandel vollkommen ungeeignet ist, mit anderen gleichberechtigten Gesellschaftern längere Zeit ohne Differenzen zusammenzuarbeiten. Nach kürzerer oder längerer Zeit wird es Dr. Grandel unbequem, mit einem anderen Menschen weiter zusammenzuleben oder zusammenzuarbeiten. Dr. Grandel scheint alle Eigenschaften eines Hypochonders zu besitzen und diese Art Menschen sind zu bestimmten Zeiten weder mit sich selbst noch mit anderen zufrieden. Auf jeden Fall sind die anderen immer die Schuldigen!" (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger Teilhaber v. 7.1.1941, S.7)

Abschließend heißt es in der Stellungnahme der Hamburger Gesellschafter:

"Dr. Grandel hat sich damals mit der vereinbarten Abfindungssumme von RM 225.000.- einverstanden erklärt. Seine Gewohnheit und Methode, abgeschlossene Verträge nachträglich abändern zu wollen, weil Inhalt oder Abmachung ihn nicht befriedigen, finden bei uns keinen Anklang mehr. Es wird hierzu bemerkt, dass die von Herrn Lohmann angebotene Abfindungssumme ohne Beibehaltung des Namens ......"


Privatier: Dr. Gottfried Grandel - Sommer 1932 (Fotografie im Privatbesitz)

Zum Ende der Weltwirtschaftskrise wird Dr. Grandel im Alter von 55 Jahren schließlich Privatier.

 

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Der völkische Irrweg des Dr. Gottfried Grandel
Eine Familiengeschichte im Spiegel der Zeit

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