Weimarer Republik III
Dr. Grandel: Der völkische Netzwerker
(401-1923) Die beginnenden 20er Jahre sind hinsichtlich der politischen Aktivitäten für Gottfried Grandel äußerst komprimiert.
Bayern gilt hier gemeinhin als Hexenkessel der deutschen Politik und Dr. Gottfried Grandel befindet sich mitten in den völkischen Zwistigkeiten und Zusammenschlüssen. Er selbst betont auf Nachfrage seine regen Ambitionen in einem 11-seitigen Schreiben an das NSDAP-Hauptarchiv, in dem es u. a. heißt:
"In den Jahren 1922 und 1923 war ich sehr aktiv (-u. a. Vorbereitungen zur angestrebten Diktatur-). Mit Hitler und (-Dietrich-) Eckart blieb ich immer in Fühlung, aber auch mit den Führern der anderen 'vaterländischen' und völkischen Verbände und Gruppen, sowohl in Bayern als (-auch-) in Norddeutschland. Ich nahm Beziehungen auf zu dem Führer der Alldeutschen, Justizrat Heinrich Class in Berlin und zu seinem ansehnlichen Kreise, um deren Einstellung zur Hitlerbewegung zu erkunden und um die Herren zusammenzubringen. Hitler war gegen Class misstrauisch. Auf mein Betreiben kam es dann aber doch zu mehreren Zusammenkünften, in Nürnberg in der Wohnung von Hauptmann Heiss, in München (-nach den Alldeutschen Blättern v. 19. April 1924 am 20. Mai 1923?-) im Hotel Marienbad. Ich war bei diesen Besprechungen zugegen. Es wurden (-Fragen zur vorbereiteten Notverordnung und militärische-) Aktionsprogramme beraten, welche gute Übereinstimmung ergaben. Zugegen waren ausserdem (-der seit Dezember 1922 als paramilitärischer SA-Führer tätige Hermann-) Göring, Rudolf Hess, (-Hitlers Verbindungsmann zu den Wehrverbänden Ernst-) Röhm, (-der militärische Führer der am 4. Februar 1923 gegründeten Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände Hermann-) Kriebel, (-der Regensburger Architekt und GO-Mitglied Lorenz-) Mesch, Dr. (-Paul-) Bang, (-der ehemalige Münchener Polizeipräsident Ernst-) Pöhner, (-Wilhelm-) Frick."(BArch Berlin: NS26/514, S.590/Bl.5 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
"Am Pfingstmontagabend (-20. Mai 1923-) fuhr ich mit meinem Freunde (-Finanzrat Dr. Paul-) Bang nach München. Als wir andern Tags (-am 21. Mai 1923-) um 10 Uhr (-im Hotel Marienbad-) das Sitzungszimmer betraten, fanden wir daselbst schon (-den ehemaligen Münchener Polizeipräsidenten Ernst-) Pöhner und (-Wilhelm-) Frick, sowie (-Erwin-) Pixis und (-Paul-) Tafel. Hitler war nicht anwesend, dagegen stand hinten in dem Raume ein mir unbekannter junger Mann von auffallender Schönheit mit wundervollen blonden Locken und blauen Augen. (-Finanzrat Dr. Paul-) Bang und ich begrüssten unsere Münchner Bundesgenossen. (-Ernst-) Pöhner fragte etwas zugespitzt: 'Wie kommt der (-seit Dezember 1922 als SA-Führer tätige Hermann-) Göring hierher?(...).' Als (-Ernst-) Pöhner an jenem Pfingstdienstag mir den Verlauf der Unterhaltung mit (-Hermann-) Göring geschildert hatte, bat er (-Wilhelm-) Frick zu uns und sagte, es sei unerhört, dass Hitler nicht gekommen sei; wir müssten feststellen, ob er wirklich nicht in München sei.(...) ; bekomme man ihn zu sehen, so solle ihm von (-Ernst-) Pöhner ausgerichtet werden, dieser lasse ihn bitten, sofort ins 'Marienbad' zu kommen.(...) Wir begannen unsere Verhandlungen, die ich mit einem kurzen Bericht einleitete, worauf sofort an die Beratung der Notverordnung geschritten wurde. Es dauerte nicht lange, als (-Wilhelm-) Frick an den Fernsprecher gebeten wurde; zurückgekehrt flüsterte er mir zu, es sei zweifelsfrei festgestellt, dass Hitler in München sei; ihn selbst habe man nicht erreichen können; die Versuche dazu würden fortgesetzt. Pöhner teilte mir am letzten Tage (-Donnerstag, 23. Mai 1923-) unserer Anwesenheit mit, die Beamten hätten unter der Leitung seines Vertrauensmannes alles mögliche getan, um Hitler zu stellen; es sei ihnen aber nicht gelungen. Er meinte, irgend wer aus Norddeutschland habe ihn veranlasst, sein Versprechen nicht zu halten." (Class/Hofmeister: "Politische Erinnerungen des Vorsitzenden", S.879/880/881 - 2022)
Dr. Grandel vermerkt weiter:
"Auch war ich einmal mit (-Hauptmann Ernst-) Röhm und Kriebel in Bad Kissingen bei (-Heinrich-) Class und Dr. Bang. Doch musste ich feststellen, dass Class auf Hitler eifersüchtig war und dessen 'Indiemachtkommen' keineswegs wünschte. Class hatte die Personen seines Kreises vorgesehen. Er begründete die Ablehnung der Person Hitlers historisch; aus Bayern könne keine Reichsregierung kommen, die Bayern seien dafür nicht geeignet. Class hatte sehr grosse Beziehungen und bekam viel Geld vom Hochadel und der Grossindustrie. Sein Verbindungsmann in München war Dr. (-Paul-) Tafel.
Class war oft bei Herrn v. Soden, der in München das Büro des Kronprinzen Rupprecht führte." (BArch Berlin: NS26/514, S.590/Bl.5 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Der Polizei hingegen sind die umfassenden Aktivitäten Dr. Grandels nicht genauer bekannt. In einer internen Einschätzung heißt es rückblickend:
"Ueber die Betätigung Grandels in hiesigen Rechtsorganisationen kann Positives nur sehr wenig gesagt werden. Es trifft zu, dass Grandel mit dem (-Berliner-) Vorsitzenden des Alldeutschen Vereins, Justizrat (-Heinrich-) Class, in schriftlichem Verkehr gestanden hat, und daß Beide gemeinsam an Besprechungen teilgenommen haben. Nach diesseitigen Informationen standen vorerwähnte Besprechungen in ursächlichem Zusammenhange mit den bereits oben angeführten Sabotageakten (-im von den Franzosen besetzten Ruhrgebiet-). Als Leiter einer gegebenenfalls in Augsburg bestehenden Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes scheint Grandel nicht in Frage zu kommen. Es wird dies daraus geschlussfolgert, daß G.(randel-) in den Kreisen der vaterländischen Verbände, welchen der Alldeutsche Verband angeschlossen ist, nicht bekannt ist." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.200 - Prozessakte Thormann-Grandel, Polizei-Präsidium Berlin, Abteilung IA, Krim.-Kom. Stumm v. 11.2.1924 an Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 18.2.1924)

Siegelmarke des Alldeutschen Verbandes (Fotografie im Privatbesitz)
Der Verbandsvorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Heinrich Class, berichtet in seinen politischen Erinnerungen:
"Mir und unserem Kreise war Grandel im April 1923 bei der Besprechung in Hamm bekannt geworden. Nachdem ich ihn dort gesehen und dann des öfteren in Berlin empfangen hatte, hatte ich bei Kahr und Pöhner, mit denen beiden er in Verbindung zu stehen behauptete, Erkundigungen über ihn eingezogen. Beide bezeichneten Grandel als einen ernsten, zuverlässigen Mann, und besonders Pöhner betonte, dass er unbedingt verschwiegen sei und eiserne Nerven habe. So hatte ich keine Bedenken getragen, den Verkehr mit Grandel aufrechtzuerhalten, nachdem er sich zur Mitarbeit bereit erklärt hatte." (Claß/Hofmeister: "Politische Erinnerungen des Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes", S.714 - 2022)
Weiter heißt es in einer späteren Aussage von Dr. Grandel vor dem Berliner Untersuchungsrichter:
"Ich selbst bin Mitglied keiner politischen Organisation und gehöre namentlich weder der Organisation 'Consul' noch dem Wikingbund an. Ich vertrete aber einen nationalen politischen Standpunkt und stehe mit zahlreichen Personen, die nationalen Verbänden angehören, in Berührung. Ich habe seit der Revolution (-von 1918/19-) fast alle führenden Männer der deutschnationalen Bewegung kennen gelernt." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.58/59 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Gottfried Grandels Geständnis vor dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 21.1.1924)
Nach Einschätzung eines Gerichtsmediziners wird 1924 zu Gottfried Grandel vermerkt:
"Der Sachverständige Professor Strauch hat eine patriotische Ueberwertigkeit bei dem Angeklagten Grandel festgestellt." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek.de: Vossische Zeitung, Nr.253, S.4: "Justizrat Claß als Zeuge" v. 28.5.1924)

Unterstützer völkisch-nationaler Bestrebungen: Dr. Gottfried Grandel - Juni 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
Während die demokratisch konzipierte Weimarer Republik gegenüber den Siegermächten als besonders schwach wirkt, werben ihre Vertreter bei der eigenen Bevölkerung dennoch um Vertrauen. Doch Gottfried Grandel wendet sich konsequent den national-völkischen Diktaturvorstellungen zu und steht dabei mit zahlreichen prominenten Köpfen der nationalen Bewegung in Verbindung. Sein Hauptanliegen gilt der politischen Beeinflussung durch enge personelle Vernetzung. So heißt es in einer Wochenschrift von 1924:
"Grandel ist in den nationalen Kreisen ein wohl bekannter und angesehener Mann: (-Verbandsvorsitzender Heinrich-) Claß, (-der bis 1919 im sächsischen Finanzministerium beschäftigte und für die Alldeutschen als Wirtschaftsfachmann tätige Oberfinanzrat Dr. Paul-) Bang, (-Graf Ernst v.-) Reventlow, (-Direktor Emil-) Lessel, Oberregierungsrat (-Bernhard-) Weiß kennen ihn aus seiner Abwehrtätigkeit während des Ruhrkampfes. Er ist nicht der erste, beste." ("Die Glocke - Wochenschrift für Politik und Wirtschaft", Bd.10, S.297 - 1924)
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V.l.n.r.: Der aus Dresden stammende DVNP-Abgeordnete Dr. Paul Bang (im gescheiterten Kapp-Putsch v. 1920 als Reichsfinanzminister vorgesehen), Dr. Alfred Hugenberg und Otto Schmidt auf dem Weg zum Reichstagsgebäude - 1932 (BArch: B 145 Bild-P046297 / Weinrother, Carl)
In diesen Zusammenhang fällt auch ein Treffen, an dem Dr. Grandel mit großer Wahrscheinlichkeit teilgenommen hat:
"Am (-Sonntag-) 23. September (-1923-) hatte in Berlin eine Sitzung der 'vaterländischen Verbände' stattgefunden, an der Claß (-und wohl auch Dr. Grandel-) teilnahm." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.111 - Berliner Tageblatt, Nr.255, S.1 - "General v. Seeckt und Claß" v. 30.5.1924)
Auch der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, der Berliner Justizrat Heinrich Class, vermerkt in einer Zeugenaussage:
"Gr.(-andel-) gab an, daß er in nahen Beziehungen zu führenden Personen der nationalen Bewegung in Bayern stände. Ich bin in der Folgezeit (-ab 11. April 1923-) mit Gr.(-randel-) in München bei Besprechungen mit den dortigen Führern der nationalen Bewegung zusammen getroffen. Er suchte mich auch in Berlin wiederholt, 2 mal auch in Kissingen (-u. a. mit Hauptmann Ernst Röhm und Kriebel-), auf." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R8048/672, S.11 - Prozessakte Thormann-Grandel - Heinrich Class vor dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 22.1.1924)
Möglicherweise beteiligt sich Gottfried Grandel auch an den Vorplanungen der Deutschen Industriellen-Vereinigung (DI), die schließlich während seiner Untersuchungshaft unter geschäftsführender Begleitung von Dr. Paul Bang am 14. Mai 1924 im Berliner Esplanade-Hotel gegründet wird.
Über die mit Gottfried Grandel im Jahr 1923 eng verbundenen Vertreter des Alldeutschen Verbandes heißt es:
"Paul Bang erklärte, er habe gegenüber Ludendorff, den er 1919 im Zuge seiner engen Verbindungen zu Wolfgang Kapp und Waldemar Pabst kennengelernt hatte, bereits seiner Zeit erklärt, dass er 'selbst zur Freimaurerei ohne jede Beziehung' sei. Ludendorff halte sich jedoch von ihm und Claß bewusst fern, weil Ludendorff überzeugt sei, dass Claß Freimaurer sei." (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.625 FN 206 - 2022)
Die eigenen betrieblichen Abläufe der Augsburger Ölfabrik werden im Krisenjahr 1923 durch Dr. Grandels politischen Ambitionen immer stärker in Mitleidenschaft gezogen. Der seit dem April 1919 für ihn tätige Prokurist, Kaufmann Josef Rupp, berichtet gegenüber dem Gerichtsgutachter über äußerst angespannte Phasen seines Arbeitgebers:
"Etwa im August 1923 kam Dr. G.(-randel-) morgens gegen 9 Uhr ins Büro und gab in Gegenwart des Bürofräuleins Helene Feistle Anweisung, dass alsbald eine bestimmte Mischung von Oelkautschuk vorgenommen werden solle. Zeuge (-Prokurist Josef Rupp-) gab nun seinerseits dem Vorarbeiter Paul Schäfer die Anordnung zu dieser Mischung, erhielt aber von Sch.(-äfer-) die Antwort, dass Dr. G.(-randel-) früh um 7 Uhr ihm den Auftrag zu einer anderen Mischung gegeben habe. Später stellte Dr. G.(-randel-) dem Zeugen (-Rupp-) gegenüber in Abrede, morgens um 7 Uhr mit dem Vorarbeiter bereits gesprochen zu haben.
Im Spätherbst 23, als dem Zeugen (-Rupp-) die Konjunktur für Oeleinkäufe in Holland günstig erschien, fand zwischen dem Zeugen (-Rupp-) und Dr. G.(-randel-) eine Bersprechung betr. Einkäufe von Rohstoffen in grossem Umfange statt und Zeuge (-Rupp-) forderte nun seinerseits selbständig als kaufmännischer Leiter sogleich telegrafisch Angebote ein. Als die Antworten eingingen, fragte Dr. G.(-randel-) ganz verwundert: 'Haben Sie Lust, jetzt einzukaufen?' Er behauptete auch in diesem Falle, sich auf die Besprechungen betr. der Einkäufe, die etwa 24 Stunden vorher stattgefunden hatte, nicht erinnern zu können." (LArch Berlin: A Rep. 358-01 Nr. 6011, S.2-3/Bl.251-252 - Prokurist Josef Rupp gegenüber Medizinalrat Dr. Stoermer v. 26.1.1924)

Von 1919-1930 als Prokurist für Dr. Grandel in Augsburg tätig: Kaufmann Josef Rupp - 1921 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter v. J. Rupp)
Vor dem Berliner Landgericht fasst Josef Rupp im Mai 1924 seine Eindrücke nochmals zusammen:
"Grandels geistiger Zustand sei seit dem Sommer (-1923-) sehr schlecht geworden. Er sei gereizt, oft aufgebracht, dabei sehr vergeßlich und erkenne mitunter schon nach wenigen Stunden nicht mehr Briefe, die er selbst entworfen habe."
Auch wenn die gerichtlichen Schilderungen des Prokuristen taktischer Natur gewesen sein mögen, um den angeklagten Fabrikinhaber zu entlasten: Gottfried Grandel kann tatsächlich im Vorlauf zum Hitler-Putsch betrieblich nicht durchgehend bei der Sache gewesen sein, denn sein politisches Netzwerk ist zu diesem Zeitpunkt umfassend. Auch die Zahl seiner Arbeiter und Angestellten, die sich in den Jahren 1922/23 von ursprünglich 18 auf acht Personen reduzierte, spiegelt hier eine geschäftliche Schieflage, die im Grunde eine volle Konzentration auf das Kerngeschäft erforden hätte.
So vermerkt der medizinische Gerichtsgutachter im Jahre 1924 über Gottfried Grandel:
"Fälle von derartiger Zerstreutheit, wie Dr. (-? kein Dr. Titel!-) Rupp sie von Dr. Grandel mir nur berichten konnte, sind nicht besonders auffallend im Leben eines Mannes, dem sehr viel durch den Kopf geht.-(...) Man muss bedenken, welche enormen Anforderungen die gesamten wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Jahres 1923 an einen Grosskaufmann stellten (...)." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.270/Bl.21 - Prozessakte Thormann-Grandel, Gutachten von Medizinalrat Dr. Robert Stoermer an Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 25.3.1924)
Doch Gottfried Grandel sieht andere Schwerpunkte.
Ernst Pöhner
So schreibt Gottfried Grandel beispielsweise über den am 3. Mai 1919 von der Regierung Johannes Hoffmann (MSPD) ernannten Münchener Polizeipräsidenten Ernst Pöhner:
"Der Kapp-Putsch (-März 1920-) hatte in Bayern zu einem Ministerwechsel geführt (-Hoffmann zu v. Kahr-). Kahr und seine rechte Hand, Polizeipräsident Ernst Pöhner, mussten (-durch Beteiligung an der staatsstreichähnlichen Aktion daraufhin im September 1921-) abtreten.(...) Die maßgebende Landtagspartei wollte Pöhner nicht mehr in der Regierung sehen; der Mann war ihr zu gefährlich.(...) Mit Pöhner trat ich bald in persönliche Fühlung und war bis zu seinem tragischen Tode (-mysteriöser Autounfall am 11. April 1925-) mit ihm befreundet. Er war ein treuer Helfer für alle völkischen und nationalen Bestrebungen, wenn auch stets mit stark betontem bayerischen Einschlag; doch war er großdeutsch gesinnt und wollte von separatistischen Bestrebungen nichts wissen." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Über Ernst Pöhner heißt es weiter:
"Ernst Pöhner (1870-1925), 1914-1918 Hauptmann der Reserve, Mitglied der Münchener Ortsgruppe des ADV und der Thulegesellschaft,(...)." (Hofmann/Claß: "Politische Erinnerungen", S.670 FN 89 - 2022)

Auf völkischer Seite: Münchens Polizeipräsident Ernst Pöhner - 1920 (Bay. Staatsbibliothek: hoff / Hoffmann, Heinrich + Dresler/Maier-Hartmann: "Dokumente der Zeitgeschichte", S.97 - 1938)
Zu Ernst Pöhners Einstellungen gibt eine kurzschriftliche Niederschrift Auskunft, die der Wanderredner Heinrich Dolle am 7. Oktober 1923 in dessen Münchener Wohnung verfasst. Er zitiert den Beamten Pöhner mit den Worten:
"Ich habe bisher immer dafür gesorgt, daß Hitler hat hoch kommen können.- Bald habe ich die Sonne stetiger staatlicher Gunst,- bald habe ich den Regenschirm über ihn gehalten und Wetterwolken ferngehalten von Hitler.- In der 'Münchener Post' hat die Kanaillie getobt gegen mich, und hat mir Urkundenfälschung und Ausstellung falscher Pässe vorgeworfen. Da hat mich Kahr gefragt, was daran sei. Ich hab geantwortet, ich wolle lieber darüber schweigen,- ich wolle ihm, -Kahr- aber doch sagen, daß das Strafgesetzbuch keinen § habe, -abgesehen von Blutschande-, den ich nicht übertreten habe. Da hat Kahr verlegen gelacht, wie man das so in solchen Fällen tut." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - "Übertragung kurzschriftlicher Niederschriften aus der Zeit einen Monat vor dem 9.11.1923 in München" von Heinrich Dolle)
Ein weiteres Zitat, welches Ernst Pöhner in seiner oft derben Art zugeschrieben wird:
"Ich wollte in meinem ganzen Leben nichts anderes sein, als erst ein Deutscher und dann ein Beamter, und ich möchte niemals mit jenen Kreaturen verwechselt werden, die sich als Beamtenhuren jedem prostituieren, der augenblicklich den Herrn aufspielen vermag." (Dresler/Maier-Hartmann: "Dokumente der Zeitgeschichte", S.97 - 1938)
Auch Adolf Hitler werden ähnliche Aussagen über Ernst Pöhner attestiert:
"Pöhner habe sich in erster Linie als Deutscher und in zweiter Linie erst als Beamter gefühlt. Er habe in dem seinerzeitigen Hochverratsprozess deshalb auch ausdrücklich erklärt: 'In erster Linie bin ich Deutscher, und erst in zweiter Linie bin ich Beamter. Eine käufliche Beamtenhure bin ich nie gewesen. Merken Sie sich das! Wenn Sie meine Arbeit gegen die Usurpatoren (-widerechtliche Gewaltergreifung-) als Hochverrat bezeichnen wollen, so lassen Sie sich gesagt sein, dass ich mich als Deutscher schon 6 Jahre lang für verpflichtet halte, gegen die Usurpatoren zu kämpfen und damit - wie Sie sich auszudrücken belieben - Hochverrat zu treiben.'" (Picker: "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier", S.160 - 1976)
In einer Fußnote wird ergänzt:
"Der Oberstlandesgerichtsrat Ernst Pöhner war von 1919 bis 1921 Polizeipräsident von München. Er förderte die NSDAP dienstlich und ausserdienstlich; er erhielt wie Hitler für seine Teilnahme am Münchner Putsch vom 9. November 1923 fünf Jahre Festungshaft und 200 Geldmark Geldstrafe." (Picker: "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier", S.160, FN 145 - 1976)

Perspektivwechsel: Ernst Pöhner in Landsberger Festungshaft - 1924 (StadtAA/40002/Schriftdokumentation/608 - Hoffmann: "Deutschlands Erwachen - 2. Teil", S.5 - 1927)
Als Angeklagter wird Ernst Pöhner während des Hitler-Ludendorff-Prozesses zitiert:
"Hierauf erfolgte die Vernehmung des früheren Polizeipräsidenten von München, Pöhner, der erklärte, daß er stolz darauf sei, die neuen Machthaber, die 'Nutznießer des Verbrechens von 1918' immer gehaßt und ihre Anordnungen nicht befolgt zu haben. Als Polizeipräsident sei er mit einer großen Anzahl von Personen in nähere Fühlung gekommen, insbesondere mit den Anhängern der sogenannten vaterländischen Bewegung. Aus dieser Zeit datieren meine Bekanntschaften mit Leuten, die in der Einwohnerwehr, im Korps 'Oberland', der Nationalsozialisten und in anderen Organisationen tätig waren. Ich genoß bei den Führern dieser Organisationen ein ziemliches Vertrauen. Nach meinem Rücktritt als Polizeipräsident im September 1921 behielt ich mit diesen Leuten Fühlung und wurde oft von ihnen um meine Meinung gefragt." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.99, S.9 - "Münchener Scheu vor der Oeffentlichkeit" v. 28.2.1924)
Zu den unnatürlichen Todesumständen von Ernst Pöhner am 11. April 1925 schreiben die Insbrucker Nachrichten:
"Pöhner litt in letzter Zeit sehr unter einer seelischen Depression und folgte, um sich etwas aufzuheitern, mit Frau und Sohn der Einladung (-des völkischen Oberleutnant Max-)Kriegers. Mit dem Wagen, mit dem Krieger Pöhner nach seiner Entlassung aus Landsberg nach München gebracht hatte, wurde die verhängnisvolle Fahrt unternommen, an der außer Pöhner und seinen Angehörigen Ingenieur Krieger mit Frau teilnahmen. Am Südostausgange Feldkirchens, auf der Staatsstraße München-Aibling, löste sich plötzlich ein Vorderrad des Kraftwagens, das etwa 200 Meter ins Feld fiel. Der Wagen sackte sich in den Boden ein. Der Wagenführer versuchte im letzten Augenblick, um ein Unglück zu verhüten, den Wagen von der Makadamstraße wegzubringen, die Steuerung scheint aber infolge des Wagendefektes nicht mehr richtig funktioniert zu haben. Der Wagen stürzte über die niedere Straßenböschung und überschlug sich. Abg.(-eordneter-) Pöhner wurde etwa zwei Meter in den Acker geworfen und erlitt einen Genickbruch." (Digitalisiert auf diglib.uibk.ac.at: Insbrucker Nachrichten, Nr.85, S.3 - "Der tödliche Unfall des Abg. Pöhner" v. 15.4.1925)

"Löste sich plötzlich ein Vorderrad": Manipulierte Radbolzen ursächlich für Ernst Pöhners Unfall? (Fotografie im Privatbesitz / Eisele, Hans, Gersthofen - 1924)
Die Todesumstände wecken Zweifel. So schreibt die Vossische Zeitung vier Wochen nach dem Autounfall:
"In den Berichten, die damals veröffentlicht wurden, hieß es übereinstimmend, daß der Tod Pöhners dadurch erfolgte, daß er durch einen besonders unglücklichen Sturz sich das Genick brach. Schon gleich nach dem Unfall sind hier Gerüchte aufgetaucht, dass in Wirklichkeit Pöhner gar nicht durch den Sturz gestorben, sondern daß er erst nachher umgebracht sei, und daß der ganze Autounfall nur inszeniert worden sei, um Rache für sein politisches Verhalten an Pöhner zu nehmen. Die Gerüchte behaupteten, daß die Zeitungsberichte über den Hergang des Vorfalles auf falschen Informationen beruhen, die von Augenzeugen angefertigt worden seien, die ein besonderes Interesse zur Sache gehabt haben. Dabei wurde immer wieder betont, daß Pöhner nach dem amtsärztlichen Befund eine Schnittwunde am Halse hatte, und daß zwar alle seine Wertgegenstände, die er am Unglückstage bei sich trug, sich hinterher vorgefunden haben, daß aber sein Schlüsselbund und seine Brieftasche fehlten und bis auf den heutigen Tag nicht aufzufinden gewesen seien. Es scheint, daß diese Gerüchte auch Anzeigen an die Staatsanwaltschaft zur Folge gehabt haben. Denn vor einigen Wochen sind bereits verschiedene Personen vom Untersuchungsrichter vernommen worden. Bisher ist in der Öffentlichkeit Näheres darüber nicht bekannt geworden." (Digitalisiert auf dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.217, S.1 - "Poehners Tod" v. 8.5.1925)
Der Artikel erregt Aufsehen. Am darauf folgenden Tag fühlt sich die Vossische Zeitung zu einer korrigierten Darstellung der Todesumstände verpflichtet:
"Zu den auch in der 'Vossischen Zeitung' verbreiteten Nachrichten, wonach der Todessturz Pöhners bei der Autofahrt die Folge eines gegen ihn gerichteten Attentats gewesen wäre, erfahren wir: 'Nach dem Ergebnis der gerichtlichen Leichenöffnung ist anzunehmen, daß Pöhner aus dem Kraftwagen, der infolge plötzlichen Abspringens eines Rades umstürzte, herausgeschleudert worden ist und mit großer Heftigkeit auf den Boden aufschlug. Die Todesursache war Platzen des Herzbeutels und innere Verblutung, nicht Genickbruch. Außerdem lagen schwere Rippenbrüche und eine Rißwunde an der unteren Kinnseite vor. Diese Wunde war offenbar bei dem Aufprall auf dem harten Boden entstanden.'" (Digitalisiert auf dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.217, S.3 - "Poehners Tod" v. 9.5.1925)
Trotz dieser gerichtsmedizinischen Darstellung läßt die hinterbliebene Ehefrau Pöhners später durch ihren Anwalt verlauten:
"Die Telegraphen-Union erhält vom Rechtsbeistand der Witwe des am Karsonnabend anläßlich einer Autofahrt verunglückten Oberlandesgerichtsrates Pöhner in München eine längere Erklärung, worin Frau Pöhner auf Grund der Wahrnehmungen, die sie selbst bei vollem Bewußtsein unmittelbar nach dem Unfall an der Unfallstelle gemacht habe, überzeugt sei, daß ihr Gatte nicht durch den Autounfall selbst, sondern aus Anlaß des Unfalls einem verbrecherischen Anschlag auf sein Leben erlegen sei.(...) Die Vossische Zeitung' veröffentlichte schon am 8. Mai eine Zuschrift von besonderer Seite, in der der dringende Verdacht ausgesprochen wurde, daß Pöhner das Opfer eines Verbrechens und nicht eines Unfalls gewesen sei. Diese Nachricht wurde widerrufen. Wenn jetzt der Rechtsbeistand der Witwe Pöhner die Behauptung wiederholt, wird man sich fragen müssen, ob dem Widerruf überhaupt ein Wert beizumessen ist. Jedenfalls ist eine amtliche Aufklärung dringend zu fordern, da der Verdacht eines völkischen Fememordes nicht von der Hand zu weisen ist. Pöhner hat seine Todesfahrt auf Einladung und im Automobil des völkischen Oberleutnants Krieger angetreten. Es ist bekannt, daß Pöhner nach dem mißglückten Novemberputsch und nach seiner Verurteilung zu den Deutschnationalen hinüberwechselte und dadurch in einen Gegensatz zu den Völkischen geriet. Bei der brutalen Gesinnung der Völkischen ist ein Racheakt also nicht ausgeschlossen. Pöhner wäre nicht ihr erstes Opfer." (Digitalisiert auf library.fes.de: Danziger Volksstimme, Nr.111, S.2 - "Pöhner ermordet?" v. 14.5.1924)
Die Causa Ernst Pöhner gibt auch Jahre nach seinem Unfalltod Anlass zur Debatte. So berichtet das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärt:
"An dem Münchener Grab Poehners, der vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, hatte dessen Frau die Worte anbringen lassen: 'Dem Vorbild treuester Pflichterfüllung. Das dankbare Vaterland.' Diese Verherrlichung des Hochverrats auf einem der Allgemeinheit dienenden Friedhof war selbst dem Münchener Stadtrat zu viel; er forderte daher die Entfernung des Spruchs. Frau Poehner ging darauf nicht ein, und nachdem man ihr genug Zeit gelassen hatte, entschloß sie sich, die Leiche ihres Mannes nach Ipsheim, der Residenz des bekannten alldeutschen Verlegers Lehmann, zu überführen. Dort soll die Leiche zunächst im Rittersaal des Schlosses Hoheneck aufgebahrt und dann im Heldenhain für die im Weltkrieg Gefallenen beigesetzt werden. Poehners ehemaliger Regimentskommandeur, ein Major a. D., will 'als Vertreter des alten Heeres' die Leichenrede halten." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.526, S.2 - "Poehner im Heldenhain" v. 6.11.1927)
In dem Prozess zu den Attentatsvorbereitungen auf den Chef der deutschen Heeresleitung wird 1924 vermerkt:
"Vor allen Dingen hat man sich an den zuständigen Stellen mit Ermittlungen darüber bemüht, zu welchen Kreisen die beiden Verhafteten (-Alexander Thormann/ Gottfried Grandel-) in der letzten Zeit in Beziehungen standen. Wie bereits gemeldet, hat sich Dr. Grandel insbesondere in der nationalen Bewegung Bayerns betätigt, einer 'Richtung', die keineswegs mit der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei identisch ist. Wie verlautet, soll Grandel auch dem früheren Polizeipräsidenten von München, Pöhner, der sich jetzt (-1924-) unter den Angeklagten im Ludendorff-Hitler-Putsch befindet, nahegestanden haben. Als Vertreter dieser nationalen Arbeiterbewegung hat Grandel auch an der Organisierung des Ruhrwiderstandes mitgewirkt." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.55, S.3 - "Der Attentatsplan gegen v. Seeckt" v. 2.2.1924)
Dr. Wilhelm Frick
Im Zusammenhang mit dem ehemaligen Polizeipräsidenten Münchens notiert Dr. Grandel in seinem Archivbericht an die NSDAP weiter:
"Durch Pöhner lernte ich auch bald Dr. (-Wilhelm-) Frick kennen, mit dem ich häufige Unterredungen hatte." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Leiter der politischen Polizei in München: Wilhelm Frick - 1921 (BArch: BildY 10-553-492-82 / o.Ang., verm. Hoffmann, Heinrich)
Zu dem Juristen Wilhelm Frick wird Adolf Hitler mit den Worten zitiert:
"Auch Frick habe sich damals (-um 1920-) tadellos benommen und als stellvertretender Polizeipräsident mit seinen Fingerzeigen die Parteiarbeit im damaligen Umfang erst ermöglicht. Er habe die Bewegung auch immer gedeckt. Ohne ihn wäre er, der Chef, auch nie (-1924-) aus dem (-Landsberger-) Kittchen (Gefängnis) herausgekommen. Aber nun... Es gäbe leider Nationalsozialisten (-hierzu zählte Adolf Hitler vermutlich auch Gottfried Grandel-), die irgendwann einmal für die Bewegung ganz Ausserordentliches geleistet hätten, aber doch nicht über ihren eigenen Schatten springen könnten. Nachdem die Parteiarbeit über das, was sie verstehen könnten oder sich vorgestellt hätten, weit hinausgegangen sei, seien sie davor zurückgeschreckt, nachdem sie einmal A gesagt hätten, nun auch der logischen Entwicklung entsprechend B und C zu sagen." (Picker: "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier", S.160 - 1976)
Ergänzt wird über Dr. Frick in einer Fußnote:
"Dr. Wilhelm Frick war z.Zt. des Hitlerputsches vom 9. November 1923 Oberamtmann des Münchner Polizeipräsidiums und Leiter der Politischen Polizei Münchens. Als eines der ersten Mitglieder der NSDAP wurde er im Jahr 1924 Reichstagsabgeordneter, später Führer der Reichstagsfraktion der NSDAP, 1929 erster nationalsozialistischer Minister (in Thüringen) und
1933 Reichsinnenminister. Ab 1943 wurde er Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, da Hitler aufgrund der negativen Kriegsentwicklung den progressiveren Himmler auf dem Stuhl des Reichsinnenministers haben wollte." (Picker: "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier", S.160, FN 146 - 1976)
In einer Pressemeldung von 1924 wird auf Dr. Grandels Beziehung zu Ernst Pöhner eingegangen:
"Wie bereits gemeldet, hat sich Dr. Grandel insbesondere in der nationalen Arbeiterbewegung Bayerns betätigt, einer 'Richtung', die keineswegs mit der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei identisch ist. Wie verlautet, soll Grandel auch dem früheren Polizeipräsidenten von München, Pöhner, der sich jetzt unter den Angeklagten im Ludendorff-Hitler-Prozeß befindet, nahegestanden haben. Als Vertreter dieser nationalen Arbeiterbewegung hat Grandel auch an der Organisierung des Ruhrwiderstandes mitgewirkt." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.55, S.3 - "Der Attentatsplan gegen v. Seeckt" v. 2.2.1924)

Gewährsleute für Dr. Grandel: Bayerns Ministerpräsident Gustav v. Kahr (2.v.l) und Münchens Polizeipräsident Ernst Pöhner (r) im Gespräch mit Erich Ludendorff (m) und Fliegerhauptmann Franz Hailer - Bay. Flugplatz Schleißheim: Flieger-Gedenktage vom 19. bis 22. Mai 1921 (BArch: Bild 183-R41120 / o.Ang.)
Polizeipräsident Ernst Pöhner organisiert während seiner Amtszeit eine politische Abteilung innerhalb der Münchener Polizeidirektion, die von Dr. Wilhelm Frick, dem späteren Reichsinnenminister der NSDAP, geleitet wird.
Im Laufe seiner Tätigkeit wird Ernst Pöhner vorgeworfen, dass er nach der niedergeschlagenen Räterepublik von 1919 ein gegenrevolutionäres Milieu in Bayern förderte, zu dem auch die geheime Organisation Consul gehöre. Diese wird in der ersten Hälfte der 20er-Jahre für mehrere politische Morde verantwortlich gemacht.
Dr. Grandel schreibt in seinem NSDAP-Archivbericht zu seinem umfassenden Netzwerk weiter:
"Hitler war gegen (-Heinrich-) Class misstrauisch. Auf mein Betreiben kam es aber dann doch zu mehreren Zusammenkünften, in Nürnberg in der Wohnung von Hptm. (-Adolf-) Heiß (-durch Dietrich Eckart vermittelter Getreuer Röhms und aktiver Maschinengewehrkomp.-Führer, Gründer und Führer der nordbayerischen 'Reichsflagge'. Vermutlich ist lt. 'Der Hitler-Prozess' vom Datum des Grandel-Treffens der 6.10.1923 gemeint-), in München im Hotel Marienbad. Ich war bei diesen Besprechungen zugegen. Es wurden Aktionsprogramme (-u. a. Schulungen, Übungen, Ruhrkampf, Notverordnung, 'Marsch auf Berlin'/Hitler-Putsch-) beraten, welche gute Übereinstimmungen ergaben. Zugegen waren ausserdem (-, neben Hitler und Heinrich Class, Hermann-) Göring, R.(-udolf-) Hess, Röhm, (Major) Kriebel, (-Lorenz-) Mesch, Dr. (-Paul-) Bang, (-Ernst-) Pöhner, (-Wilhelm-) Frick. Auch war ich einmal mit (-Ernst-) Röhm (-Altringerstr. 4-) und Kriebel in Bad Kissingen bei (-Heinrich-) Class und Dr. (-Paul-) Bang." (BArch Berlin: NS26/514, S.590/Bl.5 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Major Kriebel (Sendlingertorplatz 1, Ringhotel-München) ist 1921 am Rande involviert in die Beseitigung des Willi Hörnlein. Laut Aktenlage im Mordfall Erzberger bezeichnet Kriebel einen auf der Flucht befindlichen Mitwisser des Erzberger-Attentats als Schwindler. Hörnlein "wird am 31. Oktober 1921 bei Judenberg in Steiermark durch mehrere Revolverschüsse getötet aufgefunden".
(StaAF F179/4, Nr.104, Bl.18)
Hauptmann Ernst Röhm, der zu Kapitänleutnant Kautter ein distanziertes Verhältnis besitzt, beschreibt rückblickend seine Sicht auf Gottfried Grandel:
"Der Fabrikant Grandel aus Augsburg, der es verstand, sich äußerlich den Anschein überlegener Ruhe zu geben, während er damals schon am Ende war (bei seiner späteren Haft in Berlin brach er seelisch vollkommen zusammen), war in der Hauptsache der Mittler zwischen (-dem Berliner Verbandsvorsitzenden Heinrich-) Claß und unserem Kreise (-der Arbeitsgemeinschaft vaterländischer Kampfverbände-)." (Röhm: "Geschichte eines Hochverräters", S.109/189 - 1928)
In der prozessualen Aufarbeitung "Der Hitler-Prozess 1924 (I)" wird auf die von Gottfried Grandel in seinem Archivbericht angesprochene Aktionsphase eingegangen. Dort heißt es zu Adolf Hitlers Aussage auf Seite 67:
"Meinen Herren habe ich, besonders in einer großen Vertretersitzung in Nürnberg (...) ausdrücklich und immer erklärt, es wäre ganz ausgeschlossen, daß wir irgend etwas auf eigene Faust unternehmen würden; es käme einzig die Möglichkeit in Frage, daß wir mit den tatsächlichen Gewalten, mit Polizei und Reichswehr, im Zusammengehen, verbunden die nationale Erhebung in Deutschland durchführen. Das allein wäre meine Aufgabe. Es ist nie davon gesprochen worden, daß ich etwa einen bestimmten Posten, sagen wir einen bezahlten Posten, übernehmen würde. Immer war meine Erklärung: Ich werde den politischen, agitatorischen Kampf führen, weil ich glaube, daß ich das allein kann, sonst niemand. Hätte es ein anderer gekonnt im Kriege, so wäre Deutschland nicht zugrunde gegangen."
Fußnote 1:
"In Nürnberg hielt sich Hitler am Vortage (-zum 7.10.23-) auf, um an einem Treffen der 'Reichsflagge' teilzunehmen."
Die von Dr. Grandel im Archivbericht angeführte und durch sein Betreiben herbeigeführte Nürnberger Zusammenkunft von Heinrich Class und Adolf Hitler wird zeitlich gesehen im Rahmen der Verbandssitzung vom 6. Oktober 1923 in der Wohnung von Hauptmann Adolf Heiß stattgefunden haben, dem damaligen Führer des paramilitärisch-organisierten Bundes Reichsflagge. Hierzu wird ausgeführt:
"Am 25.11.(-September!-)1923 unterstellte sich der kurz zuvor gegründete Deutsche Kampfbund mit Zustimmung aller in ihm vereinigten Organisationen Reichsflagge, Bund Oberland, und SA der politischen Leitung Adolf Hitlers. Dagegen erhob sich in der Nürnberger Ortsgruppe der Reichsflagge Widerspruch (-Germanen-Orden?-), dem der Landesleiter Adolf Heiß schließlich nachgab. Er verweigerte Adolf Hitler, in Nürnberg zu den Mitgliedern sprechen zu dürfen und stellte auf der Landestagung der Reichsflagge am 7.10.1923 die Vertrauensfrage. Die Ortsgruppen München, Schleißheim, Augsburg und Memmingen sprachen sich gegen Heiß aus und wurden daraufhin von ihm als aufgelöst erklärt. Sein von ihm am 27. September 1923 ernannter Reichsflagge-Stellvertreter Ernst Röhm antwortete noch am selben Tag mit dem Zusammenschluss dieser Ortsgruppen zur 'Reichskriegsflagge'. Ihr erstes Mitteilungsblatt betonte 'die Schaffung eines rein militärischen Verbandes' und den Ausschluss 'von Personen, die Bindungen mit parlamentarischen Parteien haben'. Als aktivistischer Kern des Kampfbunds beteiligte sich die Reichskriegsflagge am Hitler-Ludendorff-Putsch und wurde am 9.11.1923 verboten." (nsdoku.de + IfZ München: ED7, Bd.1, Bl.15-17, Mitteilungstatt Nr.1 v. 14.10.1923)
Zu den Mitgliedern des von Ernst Röhm initiierten Dachverbandes, welcher sich in Folge der französischen Ruhrbesetzung seit dem 4. Februar 1923 regelmäßig unter der Bezeichnung "Arbeitsgemeinschaft der vaterländischen Kampfverbände" organisierte, zählen:
- Bund Oberland (J.B. Mulzer)
- Reichsflagge (Hptm. Heiß, stellv. Hptm. Röhm)
- die Vaterländischen Vereine Münchens (Großkaufmann Zeller)
- der Kampfverband Gau Niederbayern des Bundes Bayern und Reich (Oberstleutnant Hofmann)
- die Sturmabteilung (SA) der NSDAP (Hitler, stellv. Göring)
Als militärischer Leiter der Dachorganisation fungiert Oberstleutnant a. D. Hermann Kriebel. (historisches-lexikon-bayerns.de)

Führend in der nationalen Bewegung: Heinz Pernet, Dr. Friedrich Weber, Wilhelm Frick, Hermann Kriebel, Erich Ludendorff, Adolf Hitler, Wilhelm Brückner, Ernst Röhm, Robert Wagner - 1. April 1924 (BArch: Bild 102-00344 / Hoffmann, Heinrich, Angeklagte nach dem am 9.11.1923 gescheiterten Hitler-Putsch - Münchener Urteilsverkündung v. 1.4.1924)
Dachverbands-Gründer Ernst Röhm gelingt es nicht, den Blücherbund (Dr. Arnold Ruge, nach Ansicht Ernst Röhms "wohl eine der stärksten Kampfnaturen Deutschlands", S. 160) und Organisation Consul (Kautter und Ehrhardt) innerhalb der Dachorganisation zu binden.
In seinem Buch "Geschichte eines Hochverräters" führt Ernst Röhm zu den von Dr. Grandel im Archivbericht erwähnten Treffen der nationalen Verbände aus:
"Um den Anfeindungen von politischen Gegnern und Neidern wirksam entgegengzutreten, reichte ich dem Landeskommandanten am 1.2.1923 eine ausführliche Denkschrift ein, die zu den Wühlereien gegen mich erschöpfend Stellung nahm. Ich scheute mich nicht, dem General von Lossow, dem ich unbedingt ergeben war, meine letzten Gedanken und Pläne offen zu entwickeln.(...) In meiner Denkschrift schrieb ich:
'Meine Einstellung ist radikal national; ich will unter schroffer Ablehnung jeder Politik der Erfüllung, der Verständigung, des Ausgleichs, den schärfsten Kampf mit allen Mitteln gegen den inneren und gegen den äußeren Feind. Ich bin überzeugt, daß nur diese klare, rücksichtslose Front zum Ziele führt und bin bereit, für meine Überzeugung alles, Leben und Beruf, zu opfern.'(...)
In einer offenen Aussprache, die mir General von Lossow gewährte, hatte ich Gelegenheit, meine Ausführungen noch weiter zu ergänzen.(...) Es gelang mir damals (-Februar 1923-), General von Lossow von dieser Notwendigkeit zu überzeugen." (Röhm: "Geschichte eines Hochverräters", S.164 - 1928)
Hauptmann Röhm führt zu den Dachverbandsaktivitäten der Kampfverbände in einer veröffentlichten Erklärung weiter aus:
"Im Hinblick auf die unbedingte Notwendigkeit, die nationalen Machtgruppen in Bayern zu einer stoßkräftigen Bewegung zusammenzufassen, schließen die unterzeichneten vaterländischen Verbände eine Arbeitsgemeinschaft (...)." (Röhm: "Geschichte eines Hochverräters", S.160 - 1928)
In der späteren Mitschrift des Hitler-Prozesses von 1924 wird zu dem Nürnberger Treffen bei Hauptmann Heiß notiert:
"Am 6. Oktober 1923 erfolgte der Austritt der Reichsflagge aus dem deutschen Kampfbund. Der Grund lag darin, daß einerseits der Kampfbund gegenüber Herrn von Kahr eine abwartende Stellung eingenommen und eine Unterstützung nur für den Fall eines tatsächlichen Zugreifens in Aussicht gestellt hatte, während der Führer der Reichsflagge, Hauptmann Heiß, sich sofort hinter Kahr stellen wollte, weil er aufgrund einer Rücksprache die Überzeugung gewonnen hatte, daß Kahr nun endlich gegen Berlin zum Marschieren schreiten würde." (Gruchmann/Weber/Gritschneder: "Der Hitler-Prozess 1924", S.1298 - 1998)
Zu Hauptmann Heiß, der zusammen mit Röhm auch "Maschinengewehrkönig" genannnt wird, heißt in den Akten der Reichskanzlei (BArch Berlin), Reichsverordnung über die Verhängung des Ausnahmezustandes weiter:
"(-Adolf-) Heiß war aus der Reichswehr entlassen worden, da der 'Installierten Militär-Kontrollkommission'(IMKK) bekannt geworden war, daß er in Nürnberg geheime Waffenlager angelegt hatte, die rechtsradikalen Organisationen zur Verfügung stehen sollten. (-BA: NL von Epp7-). Als Führer des Kampfbundes 'Reichsflagge' hatte Heiß auf dem Deutschen Tag in Augsburg (-20.09.1923-) eine von StS von Haniel als 'innenpolitisch sehr aufreizend' charakterisierte Rede gehalten (-24.9.23; R43I/2233, Bl.315-) und darin unter Beifall ausgeführt: 'Die Freiheitsbewegung marschiert in Bayern, wenn sie die Behörden auch nicht wollen. Die Revolution ist tot. Wenn es sein muß, schreiten wir zur nationalen Selbsthilfe. Wir haben nicht mehr viel Zeit zu verlieren. Die Zeit ist gegen uns. Die deutsche Frage muß von Bayern ausgehen, wird aber in Berlin mit bayerischen Fäusten gelöst." (StaA Freiburg F179/4 Nr.28/342(2), München Augsburger Abendzeitung, Nr.260 v. 23.9.1923)
Dr. Grandels Freund, Münchens ehemaliger Polizeipräsident Ernst Pöhner, gibt als Mitangeklagter im Hitler-Prozess zu Protokoll:
"Am 20. September (-1923-) war eine Versammlung der Reichsflagge von Hauptmann Heiß, und zwar aus ganz Schwaben. Die hat in Augsburg stattgefunden. Es war eine Versammlung von etwa 2000 Personen. Ich fuhr selber im Auto dorthin. Es waren in dem selben Auto General Kleinhenz, Oberstleutnant Kriebel und Ludendorff. Wir fuhren nach Augsburg. Heiß hat unter donnerndem Beifall der ganzen Versammlung davon gesprochen, daß jetzt mit dem Saustall in Berlin aufgeräumt werden muß und daß die bayerischen Fäuste dort droben in Berlin Ordnung schaffen müßten. Das war eine Rede, wie sie ganz unzweideutig war für die Stimmung, welche damals in allen diesen Kreisen herrschte.(...): Auf nach Berlin! Dieser Ruf war ganz offiziell von Professor Bauer überall propagiert, sogar in Berlin selbst. Bauer bezeichnete sich selbst als rechte Hand Kahrs, als seinen Ziviladjudanten. Es wurde urbi et orbi in allen diesen Vereinen der Marsch nach Berlin gepredigt, als offizielles Regierungsprogramm. Auch in den Zeitungen wurde es glatt zum Ausdrucke gebracht.(...) Das war einer der Gründe, weshalb (-Herrmann-) Ehrhardt (-Organisation Consul-) zu mir kam. Er war furchtbar verstimmt und sagte: Jetzt ist die ganze Zeit davon die Rede, daß es endlich losgeht, und Kahr findet den Absprung nicht." (Gruchmann/Weber/Gritschneder: "Der Hitler-Prozess 1924", S.127 - 1998)
Unter der Überschrift "Die Putschisten drohen" berichtet auch der sozialdemokratische Vorwärts über die erwähnte Augsburger Zusammenkunft:
"Die bayerischen Kampfverbände veranstalteten am Sonntag (-?: 23.9.1923-) in Augsburg einen Deutschen Abend, an dem u. a. Ludendorff teilnahm. Im Verlauf des Abends erklärte der Oberkommandant der Reichsflagge, Hauptmann a.D. Heiß: Die deutsche Revolution wird hereinbrechen, wenn sie auch die Behörden nicht wollen. Wir haben nicht mehr viel Zeit, die Zeit ist nicht für uns, sondern gegen uns. Die deutsche Freiheitsbewegung geht von Bayern aus, die deutsche Frage wird in Berlin von bayerischen Fäusten gelöst werden! Die deutsche Frage kann nur durch das Schwert gelöst werden! Der jüdische Marxismus wird von uns zerschlagen werden. Es heißt jetzt, mit Gewehren und Maschinengewehren zu marschieren und mit unseren paar Kanonen. Wir machen gar kein Hehl daraus, daß wir die nationale Revolution wollen unter dem Banner Schwarzweißrot mit dem Hakenkreuz! Und in diesem Zeichen werden wir siegen! Die Rede war von Beifallsstürmen begleitet. Ludendorff zeigte in einer Ansprache seine Zustimmung zu den Ausführungen des Kommandanten Heiß." (fes.imageware.de: "Vorwärts", Nr.446, S.1 v. 24.9.1923)
Weiter wird über den Deutschen Tag in Augsburg berichtet:
"Der Kerntrupp der 'Kampfverbände' ist die 'Reichsflagge'. Ein Propagandafest dieser 'Reichsflagge' in Augsburg, zu deren finanziellen Gönnern bezeichnenderweise auch der Freiherr v. Cramer-Klett einmal gehörte, hat manche Tatsachen wiederum bestätigt. Der 'Oberkommandant' der 'Reichsflagge' ist der Hauptmann a. D. Heiß, der zum Reichswehrhauptmann Röhm, über dessen Reichsflaggentätigkeit in München das faszistische Heimatland fortlaufend berichtete, bis in die letzte Zeit Verbindung unterhalten hat. Heiß schrie am 21. September in Augsburg öffentlich folgende Losung hinaus: 'Revolutionsfieber (!) schüttelt uns. Jeder sagt: In Dreiteufelsnamen, so kann es nicht weitergehen, es muß (!) etwas (!) geben. Die Großstädte (!) gleichen überheizten Kesseln. - Es heißt jetzt mit Gewehren und Maschinengewehren zu marschieren und mit unseren paar Kanonen. Und wenn man uns dazu nicht die Pferde gibt, so beziehen wir sie selbst durch Thüringen!' (Riesiger Beifall.)" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Salzburger Wacht, Nr.221, S.5 - "Aus dem Lager der Terroristen" v. 29.9.1923)
Im zeitlichen Zusammenhang mit dem Deutschen Tag in Augsburg steht eine darauf folgende Ausgabe des Völkischen Beobachters, die jedoch nicht in die Verteilung gelangt. Die Salzburger Wacht berichtet:
"Das scheint aber dem von den ehemaligen Räterepubliken- bzw. Soldatenratsmitgliedern (-Dr. Friedrich-) Weber und (-Hermann-) Esser vorgepeitschten Adolf Hitler nicht zu passen. Er läßt in seinem schon äußerlich ganz italienisch-spaniolisch frisierten Kampfblatt unterm 26. September (-1923, Mittwoch-) an der Spitze erklären, daß man jenen 'lakaienhaften Bureaukratismus, welcher sich, um nur Ruhe und Ordmung zu bewahren, jedem haderlumpigen Ministerpräsidenten zur Verfügung stellt', satt habe. Infolgedessen auch läßt der bayerische Mussolini in der Führersitzung des 'Deutschen Kampfbundes' am 25. September - und die 'M.N.N.(-achrichten-)' sind hirnverbrannt genug, diesen Quark als hochpolitische Nachricht aufzupeitschen - feierlich erklären:
'Angesichts des Ernstes der politischen Lage empfinden wir die Notwendigkeit einer einheitlichen politischen Leitung. In voller Uebereinstimmung in Weg und Ziel übertragen wir Führer der Kampfverbände, bei voller Wahrung deren inneren Geschlossenheit, diese politische Leitung Adolf Hitler.'
Gleichzeitig läßt Adolf Hitler sich von dem deutsch-russischen Maler Baron v. Kursell fast in Lebensgröße seinen Kopf im Völkischen (-Beobachter-) abdrucken! Dieser Kopf, der in der Mittwochnummer (-am 26. September 1923-) erscheint, hat seine Geschichte!(...) Herr Adolf Hitler hat sich schon für (-den Deutschen Tag in Augsburg am-) letzten Samstag-Sonntag eingebildet, daß gewisse Ereignisse ins Rollen kämen! Schon für Sonntag(-, den 23. September 1923,-) wurde eine besondere Ausgabe des Völkischen Beobachters mit einem besonderen Inhalt, in dem alles sozusagen auf Spitz und Knopf gestellt war, ausgegeben. 'Fünf Minuten vor Zwölf - oder vielleicht nur noch eine einzige', so wurde im Leitartikel dieser geheimnisvollen Nummer geheimnisvoll bemerkt. Diese geheimnisvolle Nummer aber ist zwar gedruckt worden - was das, besonders wenn man keine eigene Druckerei hat, und in diesem (-amerikanischen Rotationspress-)Format, Geld kostet!! -, aber herausgekommen ist diese Nummer nicht, sondern es ist dann eine andere Nummer gedruckt worden, jene Nummer (196) nämlich, in der Doktor 'von' Scheubner-Richter sich mit dem oben erwähnten Schreiben an den 'haderlumpigen Ministerpüräsidenten' heranmachte. Von der zuerst erstellten, man kann nicht sagen zum Fenster hinausgeworfenen, sondern in den Papierstampf zurückgelieferten Nummer ist heute nur Adolfs Ludendorff-Kopf erschienen. In dieser unterdrückten Nummer (-vom Sonntag, den 23. September 1923,-) aber stand noch ein geradezu speichelleckerischer, sechs Spalten langer Lebenslauf von IHM, verfaßt von dem ehemaligen Leibhusaren-Leutnant Viktor v. Körber. Bestellte Arbeit! Widerliche Herausstreichung angeblicher, von vierjähriger Kriegszeit ausgerechnet und für die allerletzten Kriegsmonate einigermaßen bestätigter soldatischer Leistungen des Hitler, über die Tausende deutscher Volksgenossen, die das gleiche geleistet, einfach - schweigen würden! Unter dem (-von Kursell gezeichneten Hitler-)Kopf stand noch ein Gedicht auf IHN, dessen Verfasser aber nicht etwa der in der Wohlgeborgenheit einer Tiroler Villa hausende Nationaldichter Dietrich Eckart ist, sondern ein (unseres Wissens unter Vormundschaft stehender) anderer völkischer - Poet Sch. Zwei Strophen als Kostprobe:
'Wir sehn in deiner Augen wundem Grunde ein Leuchten glühn. Wie Frontgewitter, die zur Morgenstunde durch Deutschland ziehn. Reicht ihm - er reißt, er schlägt die Meute nieder - den Donnerkeil. Heil, Retter, dir und Heil dem Frontgewitter! Heil, Deutschland, Heil!'" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Salzburger Wacht, Nr.221, S.5 - "Aus dem Lager der Terroristen" v. 29.9.1923)

Bestellte Selbstvermarktung: Von Kursell gefertigte Portraitzeichnung für Adolf Hitlers erste Biographie - September 1923 (Fotografie im Privatbesitz / Zeichnung: Otto v. Kursell)
In seinen Ausführungen an das NSDAP-Hauptarchiv bestätigt Gottfried Grandel:
"Als 1923 Herr v. Kahr wieder bayerischer Ministerpräsident geworden war und zuletzt sogar Generalstaatskommissar, richteten sich viele Blicke hoffnungs- und erwartungsvoll auf ihn.(...) v. Kahr hatte zu Vielem einen guten Willen, jedoch fehlte es ihm an Mut und am Durchhalten. Und er war ein getreuer Diener seines Herrn und 'Königs' Rupprecht, und natürlich doch ein Beauftragter der bayerischen Volkspartei, welche ihm die grossen Vollmachten gegeben hatte. Deswegen war ich sehr erstaunt, als er zwei Monate vor dem 9. Nov. 1923 zu mir sagte: 'Ja, es ist wahr, wir marschieren auf Berlin!'. Denn er misstraute Hitler, wenngleich er nicht dessen Gegenspieler war. Durch meinen Freund Franz Schrönghamer(-Heimdall-), Passau, mit dem v. Kahr vertraut war, erfuhr ich, dass dessen Herz bei den 'Völkischen' war, dass er aber aus seiner Beamtenhaut nicht herauskonnte.(...) Kronprinz Rupprecht war damals zweifellos ein sehr scharfer Gegenspieler. Pöhner und Röhm waren bei ihm in Berchtesgaden gewesen und erzählten mir seine sehr abfälligen Aeusserungen über Hitler, mit dem er niemals gemeinsame Sache machen wolle, und ausserdem sei ihm sein Bayern wichtiger als das deutsche Reich. Pöhner nannte Rupprecht nicht Kronprinz, sondern 'König'; er und viele andere hohe bayerische Staatsbeamte seien auf ihn als 'ihren König' vereidigt. Dieser Eid auf den 'König' veranlasste den Herrn v. Kahr am 9. Nov. 1923 zum Umfall." (BArch Berlin: NS26/514, S.591/Bl.5 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

"Herz bei den Völkischen": Ministerpräsident Dr. Gustav v. Kahr (l) und Geheimer Baurat Dr. Oskar v. Miller (r) vor dem Erkundungsflug des Augsburger Luftfahrtdienstes Rumpler zum Walchensee-Kraftwerk - 1919 (Fotografie im Privatbesitz / Fischer, Heinrich - München)
Ein weiteres Treffen von Heinrich Class und Hitler, welches Dr. Grandel in seinem Archivbericht erwähnt, findet auf sein Betreiben in den Jahren 1922/23 im Münchener Hotel Marienbad statt. Dessen damaliger Besitzer, Max Aumiller, war in der national-völkischen Bewegung kein Unbekannter: Er wurde während der kurzen Münchener Räterepublik im April 1919 "verhaftet und war in Gefahr, mit den Thule-Leuten erschossen zu werden".
(Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.224 - 1933)
In den Monaten und Wochen vor dem Hitlerputsch gab es eine hohe Frequenz an Besprechungen. Eine der finalen Zusammenkünfte, an der auch Dr. Grandel teilgenommen haben könnte, bevor er dann zu Heinrich Class nach Berlin fuhr:
"Am 6. November 1923 nachmittags fand im Generalstaatskommissariat unter der Leitung Kahrs eine Besprechung der sämtlichen vaterländischen Verbände statt ..."
..., um von ihm auf die militärische Niederschlagung jedes von irgendeinem Verband unternommenen Putsches hingewiesen zu werden.
("Der Hitler-Prozess III", S.1007/1309)
Der ehemalige Polizeipräsident Pöhner gilt als einer der politischen Köpfe des Hitlerputsches vom 8./9. November 1923. Er erhofft sich bei einem Gelingen den Posten des Ministerpräsidenten, während Dr. Frick die Funktion des Polizeipräsidenten in den Blick genommen hat.
Auch zum Berliner Justizrat Heinrich Class, dem langjährigen Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes, hält Gottfried Grandel seit dem Ruhrkampf regen Kontakt. Dieser vermerkt in einer gerichtlichen Zeugenaussage über seinen süddeutschen Verbindungsmann Dr. Grandel:
"Er blieb dann mit uns in Verbindung und hat uns auch über die Vorgänge in Bayern, die uns interessierten, berichtet. Grandel hat auch Besprechungen beigewohnt, (...)." (Digitalisiert auf : Vossische Zeitung, Nr.253 v. 28.5.1924)
Weiter heißt es zu einer Gerichtsaussage von Heinrich Class:
"Er (-Dr. Grandel-) sandte dann (-Anfang November 1923-) von Augsburg Berichte über die Novemberereignisse an meine Freunde, Grandel nahm dann an einer Besprechung am 5. oder 6. November in Potsdam teil, in einem Kreise, der mir völlig fernsteht." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1901, S.2 - "Der Mordplan gegen Marschall Seeckt" v. 31.5.1924)
Doch das Netzwerk Dr. Grandels umfasst noch weitere Kreise. In seinem ausführlichem NSDAP-Archivbericht von 1941 vermerkt er:
"Ich besuchte E.(-ckardt-) oft in seinem Hause in Nymphenburg Richildenstr. 58 und dort lernte ich unter zahlreichen anderen Persönlichkeiten Wilhelm Kiefer (-geb. 10.7.1890)- kennen, der unter dem Titel 'Deutsches Hochstift' viel Geld in Deutschland sammelte und einen guten Nachrichtendienst unterhielt. Er war (-im März 1920-) der Verbindungsmann für (-die Berliner Putsch-Vorbereitungen von Wolfgang-) Kapp." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/Bl.1 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Über Wilhelm Kiefer wird berichtet:
"Die Organisations-Hauptstelle des 'Deutschen Hochstifts' zog in die Schellingstraße 1 in Berlin W 9, zusammen mit Büros anderer antiparlamentarischer Organisationen, darunter die 'Nationale Vereinigung' des Hauptmanns a. D. Waldemar Pabst. Hotelaufenthalte an der Spree soll Kiefer aus dem Erbteil seiner Frau bezahlt, seine Familie in Schliersee jedoch gehungert haben. Neben seiner Werbearbeit für das 'Hochstift' musste er den größten Teil seiner Zeit und wohl auch des dafür vorgesehenen Geldes für die von Pabst vorbereitete 'P(-utsch-)Aktion' Kapps verwenden. Darüber beklagte er sich im folgenden Jahr bei dessen Initiator." (Digitalisiert auf vr-elibrary.de: Morsey: "Wilhelm Kiefer (1890-1979) - Völkischer Schriftsteller", S.111 - 2022)
Wilhelm Kiefer
Bereits 1916 hat Dietrich Eckart Kontakt zu dem Redakteur Wilhelm Kiefer:
"Wenn wir die deutschen Zeitungen und Zeitschriften verfolgen, so erkennen wir besonders in einem Organe, der von Wilhelm Kiefer herausgegebenen Monatsschrift für das deutsche Kunst- und Geistesleben 'Bühne und Welt', im höchsten Maße ein lebendiges Verständnis für diese letzten Ziele des Kampfes. Hier wird um eine idealistische, eine deutsche Weltanschauung und Kunstbetrachtung gekämpft, und wenn schon vor einem Jahre ein Organ wie die Berliner 'Post' aussprach, daß diese Zeitschrift 'berufen und befähigt ist, uns führende Fahne im kommenden Geisteskampfe um die geläuterte deutsche Nationalkultur zu sein', so hat die weitere Arbeit der Zeitschrift dieses Urteil unzweifelhaft bestätigt und auch die Folgerung jenes Kritikers, daß es 'eine tatsächlich hohe vaterländische Aufgabe, ihr Anhänger und Werber zu wecken' sei, zu einer zwingenden Notwendigkeit gemacht; denn solche Blätter müssen gehalten und gestützt und damit auf eine immer höhere Stufe der Vervollkommnung gebracht werden. Das soeben erschienene Novemberheft ist ein wiederum reichhaltiges; es enthält folgende Aufsätze und Abhandlungen:(...) - Ecce deus. (Dietrich Eckart.)" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Ostdeutsche Rundschau, Nr.278, S.6 - "Deutsches Volkstum" v. 5.12.1916 + Nr.96, S.10 - Dietrich Eckart 'Der Heilige und der Narr' v. 29.4.1917)
Zu Wilhelm Kiefer heißt es im sozialdemokratischen Zentralorgan Vorwärts weiter:
"Der Darstellung eines Spätabendblattes entnehmen wir, daß der Führer der Selbstschutzorganisation Oberland ein angeblicher Hauptmann v. Kessel war, der aber nichts mit dem aus dem Marloh-Prozeß bekannten Kessel zu tun hat, sondern in Wirklichkeit Kiefer hieß. Sein Adjudant war der ehemalige Privatdozent Arnold Ruge, dem wegen politischer Ausschreitungen im Lehramt jede Lehrtätigkeit an deutschen Universitäten untersagt ist. Ruge, der enge Beziehungen zum Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund unterhielt, wurde vor einigen Tagen verhaftet, aber vom Oberstaatsanwalt"
In einem Prozess-Bericht vom 24. August 1923 wird zur Tätigkeit Wilhelm Kiefers (NSDAP-Mitgl.Nr:574) darüber hinaus berichtet:
"Zugeben muß (-Dr. Arnold-) Ruge, daß in Oberschlesien neben der von Kiefer, alias Hauptmann von Kessel, geleiteten Nachrichtenstelle auch eine Organisation bestanden habe, die die Aufgabe der Reinigung der Front von Verrätern hatte. Eine sog. Tscheka in München ins Leben zu rufen, dazu habe ihn allerdings (-der Kaufmann-) Hug aufgefordert. Hug habe ihn als Kopf für eine solche Organisation gewinnen wollen."
Rückblickend wird in einer Buchveröffentlichung vermerkt:
"Während der polnischen Aufstände in Oberschlesien nahm der Verband Oberland geschlossen als Unterstützung des oberschlesischen Selbstschutzes teil. Oberland erlebte hier nicht nur seinen Höhepunkt als Wehrverband, sondern es zeigte sich, daß die Organisation auch mit kriminellen und geheimbündlerischen Methoden arbeitete. Zum einen mußte jedes Mitglied eine Verpflichtung zur Verschwiegenheit unterzeichnen, die am Ende jeden Verräter die Feme androhte. Daneben unterhielt das Freikorps beim oberschlesischen Selbstschutz eine Nachrichtenzentrale, in deren Auftrag ein Mordkommando gebildet wurde, das mißliebige Personen beseitigte. Verantwortlich dafür waren die Leiter der Münchener Nachrichtenzentrale Wilhelm Kiefer und Dr. Arnold Ruge. Nach Auflösung des Oberschlesischen Selbstschutz lösten sie die Nachrichtenzentrale nicht auf, sondern bauten sie noch weiter aus und hielten Kontakt zur Münchner Zentrale. In ihrem Auftrag fanden vermutlich Entführungen und Morde statt. Gegen beide leitete die Staatsanwaltschaft Breslau wegen dieser Vorwürfe ein Ermittlungsverfahren ein und ließ sie verhaften, Man setzte Dr. Ruge und Kiefer wegen mangelnder Fluchtgefahr allerdings wieder auf freien Fuß, was diese natürlich dazu nutzten, um sich aus Schlesien abzusetzen." (Hoffmann: "Verräter verfallen der Feme", S.125 - 2000)
In der Münchener Post vom 30. Juni 1923 heißt es in den "Anfragen an die Polizeidirektion" weiter:
"Ist es richtig, daß der 'Journalist' Wilhelm Kiefer (er nennt sich auch ‚Hauptmann von Kessel'), der während des Krieges keine Kugel hat pfeifen hören, Angehöriger der politischen Abteilung der Polizeidirektion ist oder werden soll? Ist der Polizeidirektion die Tätigkeit bekannt, die dieser in Oberschlesien ausgeübt hat? Ist es richtig, daß dieser Mann die Verschiebung nicht etwa bloß eingerosteter Gewehre und Maschinengewehre, sondern hochwertigen Staatsgutes ins Ausland versuchte?"
Der zuverlässige Vollstrecker: Max Neunzert
Auch der politische Aktivist Max Neunzert (Marsstr. 24 bzw. 28, Getreuer Röhms, Schwiegersohn des Chiemgauer Gutsbesitzers und Majors Chermak) findet bei Gottfried Grandel in seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv von 1941 eine ausdrückliche Würdigung:
"Besonders erwähnen möchte ich aus jener Zeit noch den jungen Max Neunzert, den ich schon 1920 im Wehrkreiskommando Mnchn bei Röhm kennen lernte. Er hatte dort den Nachrichtendienst. Neunzert war ausgezeichnet unterrichtet und griff selbst aktiv ein, wo es nötig war (-Feme-Mord?-). Ein ganz ausgezeichneter Mann, dem wir mehr verdanken, als gesagt werden kann."
Mit "wir" meint Dr. Gottfried Grandel offenbar die nationalsozialistische Bewegung, mit der er sich selbst 1941 noch immer zu identifizieren scheint.
In der Münchener Post vom 30. Juni 1923 wird auch zu Max Neunzert die Frage aufgeworfen:
"Ist es richtig, daß der Leutnant a.D. Neunzert, der sich im Prozeß Fuchs=Richert mit Erfolg auf sein Dienstgeheimnis berief, obgleich er nie in korrekter amtlicher Eigenschaft tätig war, ebenfalls bei der politischen Abteilung der Polizeidirektion tätig war und ist?"
In seinem Bericht an Dr. Bohl vom NSDAP-Hauptarchiv greift Dr. Gottfried Grandel am 6. November 1942 erneut und ungewöhnlich ausführlich das Thema Max Neunzert auf:
"Gelegentlich unserer Unterredung in Ihrem Büro im Sommer 1941 frug ich Sie nach Max Neunzert, dessen wertvolle Tätigkeit für die Bewegung ich in meinem Erlebnisbericht hervorhob. Sie sagten mir, er sei jetzt Bankbeamter geworden. Ich habe dies gleich bezweifelt; denn ein solcher freiheitsliebender Mann kann kein Beamter sein. Nun gibt es tatsächlich einen zweiten Max Neunzert, der Bankbeamter in München ist und der mir auf Anfrage schrieb, dass er einen Stiefbruder des von mir gesuchten sei, seinen Aufenthalt aber nicht nennen könne. Der 'richtige' Max Neunzert ist seit mehr als einem Jahre von seinem Gut Tschriet bei Feldkirchen in Kärnten mit seiner Familie abgereist, unbekannt wohin. Meine Briefe dorthin kamen nicht zurück. Es ist mir ein Rätsel, wohin N. geraten sein kann. Aus dem polnischen Feldzug, den er merkwürdigerweise in Zivil mitmachte, ist er nach Tschriet zurückgekehrt und schrieb mir dann noch einmal. Es wäre mir sehr lieb, wenn Sie mir Neunzerts Aufenthalt namhaft machen könnten."
Am 15. Dezember 1942 bekommt Gottfried Grandel vom Leiter der Archivalien-Abteilung zu dem gesuchten Max Neunzert folgendes mitgeteilt:
"Was Max Neunzert betrifft, so kann ich Ihnen leider mit der gewünschten Angabe seines derzeitigen Aufenthaltes bis heute nicht dienen. Ich kenne zwar auch seinen Stiefbruder sehr gut; da dieser selbst dessen Aufenthalt nicht kennt, ist auf anderem Wege die Ermittlung anzustellen. Es ist mir selbst daran gelegen eine Verbindung mit Max Neunzert zu bekommen, da er, wie ich persönlich von seinem Bruder erfahren habe, in der ersten Kampfzeit eine sehr emsige und z.T. bedeutsame Tätigkeit entfaltete. Gerade an den Vorgängen des 9. Nov. 1923 scheint er sehr nahen Anteil genommen und mit führenden Männern damals in Verbindung gestanden zu haben."
In der geschichtlichen Literatur wird Max Neunzerts politisches Engagement in erster Linie mit folgendem Sachverhalt während des kurzen Hitlerputsches in Verbindung gebracht:
"Hitler erteilte morgens (-9. November 1923-) um 7.30 Uhr einem Vertrauten, Max Neunzert, den Auftrag, sofort zum Thronfolger zu fahren und ihn um Vermittlung zu bitten, um zu verhindern, daß Nationale auf Nationale schießen."
"Am 10. März (-1921-) wurden die Teilnehmer der Automobilfahrt festgestellt. Es waren: ein Student Neunzert, ein Rittmeister a.D. Beurer, ein Student Bally, ein Student Schwesinger. Es wurden bei ihnen Haussuchungen vorgenommen. Man fand bei ihnen Pistolen von 7 und 9 Millimeter Kaliber, das Kaliber, von dem Geschosse in der Leiche des Hartung gefunden worden waren.Die Vernommenen gaben zu, in jener Nacht von Augsburg über Zusmarshausen nach Ulm gefahren zu sein und am 4. März von Ulm wieder nach München mit der Eisenbahn zurückgereist zu sein. Sie bestritten die Mordtat. Am 5. März, morgens, jedoch war auf dem Eisenbahngleis zwischen Augsburg und München, d.h. auf der Strecke Ulm-München eine dem Hartung gehörige Ledermappe mit der blutigen und von Schüssen durchbohrten Mütze des Hartung gefunden worden. Dazu kam: Die Zusam ist ein leichtes Flüßchen, in der Leichen nicht versenkt werden können. Sie hat nur einige ganz wenige tiefe Stellen, in denen eine Leich versenkt werden kann: gerade an der Stelle, in der die Leiche lag, ist eine solche Tiefe. Sie mußte also von Ortskundigen versenkt worden sein. Es ergab sich: Der Rittmeister Beurer, einer der Mitfahrer, ist aus Zusmarshausen gebürtig, dort wohnhaft, ein eifriger Jäger und wie er selbst sagt, mit den Gewässern genau bekannt. Infolgedessen wollte am 11. März (-1921-) abends die Abteilung VI der Münchener Polizeidirektion, die politische Abteilung, die bisher den Fall bearbeitet hatte, zugreifen und die Teilnehmer an der Fahrt verhaften. In diesem Augenblick griff Pöhner, der Polizeipräsident, ein. Er übertrug am 11. März abends die Bearbeitung dieser Sache von der Abteilung VI au die Abteilung I, d.h. auf Beamte, denen der Sachverhalt bis dahin völlig fremd war." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.352, S.1 - "Zeugnisse gegen Gürtner" v. 29.7.1926)
Dr. Grandels politisches Extrem-Engagement in den Jahren 1921/23 hinterlässt Spuren, nicht nur im geschäftlichen Bereich, auch im privaten. Folgt man der "Erklärung in der Untersuchungssache gegen Dr. Grandel", die sein früher politischer Weggefährte, Amtsgerichtsrat a.D. Arnold Wagemann (Bund für deutsches Recht), im Frühjahr 1924 für das Berliner Landgericht verfasste, dann gab es im Leben von Dr. Grandel schon vor dem Hitlerputsch eine wahrnehmbare Veränderung; zeitgleich zum Beginn des Ruhrkampfes im Januar 1923:
"Das hielt an bis vor etwa einem Jahre. - Dann liess er alles liegen, wandte sich anderem mir unbekanntem Umgang zu und zog sich schliesslich seelisch bedrückt auf sein Familienleben zurück, hat, wie seine Frau mir sagte, auch noch kurz vor seiner Abreise nach Berlin (-Januar 1924-) geäussert, dass er mit öffentlichen Dingen nichts mehr zu tun haben wolle."
In seinem Archivbericht an die NSDAP erwähnt Gottfried Grandel auf Seite 6 auch kurz seinen "Freund Franz Schrönghamer, Passau, mit dem v. Kahr vertraut war".
Der Dichter und Schriftsteller Franz Schroenghamer-Heimdal war, wie Lorenz Mesch, Erzberger-Mörder Heinrich Tillessen und Heinrich Schulz, 1921 Mitglied des Regensburger Germanen-Ordens "Zur Treue" und wohnte laut des 1921 bei Ludwig Seidl polizeilich sichergestelltem Mitgliederverzeichnisses in Neuburg/Inn, b. Passau.
Auch der Wanderredner Heinrich Dolle greift Schroenghamer-Heimdal in seinen Erinnerungen von 1937/38 auf. In "Dolle Geschichten" heißt es: Dietrich Eckart schickte 1922 ...
"... einen Papier-Dollar für meine Reise nach München, - und da sprachen wir uns aus, - und da lernte ich den Kreis seiner Freunde kennen, Anton Drexler, der Vorsitzende der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei (-1922 war er nur noch Ehrenvorsitzender, Hitler hatte ihn im Sommer 1921 zur Aufgabe des Parteivorsitzes genötigt, um als Parteiführer mit diktatorischen Vollmachten selbst diese Funktion zu übernehmen-), - Adolf Hitler, der Propagandaleiter der NS-Partei (-war 1922 bereits Parteiführer mit diktatorischen Vollmachten-), Dr. Gottfried Grandel, der kluge, tatstarke und weitsichtige Mann aus Augsburg, und dessen Helfer: Baumeister Lorenz Mesch aus Regensburg, (-Privatdozent-) Dr. (-Arnold-) Ruge aus Heidelberg, und der fromme, feinsinnige Erzähler Schrönghammer/Heimdall (-aus Passau-). Dazu noch manchen anderen überragenden Menschen." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - "Dolle Geschichten")
Die drei von Heinrich Dolle benannten "Helfer" Grandels sind 1921 allesamt Mitglieder des Germanen-Ordens "Walvater".
In einer "Übertragung kurzschriftlicher Niederschriften aus der Zeit einen Monat vor dem 9. November 1923 in München" notiert Heinrich Dolle rückblickend am 8. März 1942 erklärend über den Inhalt:
"Es sind Aussprachen mit Pöhner,- Kauter,- Kriebel, Baron v. Aufseß,- Christian Heinrich Meyer, und Gespräche zwischen Dr. Grandel, Lorenz Mesch, Dietrich Eckart, Arnold Ruge und mir (-Heinrich Dolle-) und mit Prof. Oswald Sprengler und andere." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle, Hefter "Wesel")
"Am 12. Oktober (1923) erklärte dann Herr v. Aufseß - das ist der Mann mit der kleinen Unterschrift - als Vertreter des Herrn v. Kahr in der Kneipe der Avaren in der Frauenhoferstraße, daß wir am Vorabend großer Ereignisse stünden." ("Der Hitler Prozess 1924", S.1299)
"Ende Oktober vergab die Landespolizei einige leichte Straßenpanzerwagen. Wieder wurde die SA übergangen, obwohl sie sofort ihren Anspruch angemeldet hatte. Die Panzerwagen kamen zur Brigade Ehrhardt. Daraufhin fuhr der Coburger nationalsozialistische Abgeordnete Hans Dietrich nach München zu Hitler, um die bisher nur schriftlich vorgetragenen Warnungen mündlich zu wiederholen und zu begründen. Dietrich will bei dieser Unterhaltung Hitler offen erklärt haben, daß nach seiner Auffassung bei einer Aktion der Partei ein Teil der Verbände wahrscheinlich, die Landespolizei und die Ehrhardt-Leute aber bestimmt Widerstand leisten würden. Die Annahme der Parteileitung, daß sie in Bayern schon die Führung der gesamten nationalen Bewegung in sicheren Händen habe, sei ein Irrtum. Die Kreise um Kahr und das bayerische Wehrkreiskommando verfolgten in ihrem Kampf gegen Berlin wesentlich andere Ziele als die Partei. Hitler möge sich daher nicht durch gleichlautende Kundgebungen und Proklamationen der Kahr-Regierung täuschen lassen. Hitler nahm die Warnungen des Abgeordneten Dietrich ebensowenig ernst, wie er anderen ähnlichen Warnungen kaum Beachtung schenkte. Er fühlte sich in seiner Illusionswelt gestört und konnte es bei seinem übersteigerten Selbstbewußtsein nicht ertragen, daß man ihm irgendeinen Gegner als gefährlich schilderte. In seiner Vorstellung war er bereits der überall anerkannte Führer des nationalen Deutschlands, das nur auf sein Zeichen der Erhebung wartete. Wer ihm diese Vorstellung durch die Behauptung, daß ein erheblicher Teil dieses nationalen Deutschlands nicht nur anderen Führern folgen, sondern sich sogar seinem, Hitlers, Ruf widersetzen würde, zu erschüttern wagte, den mußte er vor sich selbst als Miesmacher, Kritikaster, dummen Besserwisser oder gar Agent der Gegner abtun. Er bedurfte solcher Selbsttäuschung, um handeln zu können; bei einer nüchtern realen Betrachtung von Menschen und Dingen hätte er seiner ganzen Art nach nicht die Kraft für seine Entschlüsse und Entscheidungen gefunden." (Krebs: "Tendenzen und Gestalten der NSDAP", S.125/126)
Gottfried Grandels Engagement für diese "großen Ereignisse" hatten ihm im Vorlauf viel Zeit, Nerven und Geld abverlangt.
Heinrich Class wird im Rahmen seiner gerichtlichen Zeugenaussage im späteren Thormann-Grandel-Prozess zu Grandels Reaktion auf das Scheitern dann auch mit folgender Aussage zitiert:
"Grandel hat auch Besprechungen beigewohnt, die wir über die Münchener Vorgänge vom 9. November (-1923-) hatten. Er war über das Mißlingen der Münchener vaterländischen Pläne außerordentlich niedergedrückt und äußerte bei dieser Gelegenheit so extremistische Ansichten, daß dadurch einiges Aufsehen entstand. Er fuhr dann einige Zeit nach dem 9. November (-1923 von Berlin-) nach München, und ich habe von Grandel erst bei meiner späteren Rückkehr nach Berlin wieder gehört."(Vossischen Zeitung, Nr.253 v. 28.5.24)
Seine Positionierung zu dem Berliner Justizrat Heinrich Class stellt v. Kahr verharmlosend im Rahmen seiner Zeugenaussage während des Hitler-Prozesses dar:
"Meine Beziehungen zu Claß sind lose. Was ich mit ihm besprochen habe, hat mit den Vorgängen vom 8./9. November (-1923-) gar nichts zu tun." (Gruchmann/Weber/Gritschneder: "Der Hitler-Prozess 1924", S.903 - 1998)
Etwas umständlich und vorsichtig wird in diesem Zusammenhang vom Verteidiger Holl geargwöhnt:
"Ich nehme einmal an, es würden bezüglich eines rechtsgerichteten Direktoriums gewisse Verhandlungen mit Claß geschlossen worden sein." (Gruchmann/Weber/Gritschneder: "Der Hitler-Prozess 1924", S.903 - 1998)
"Aussprache der beiden Generale erblickte Claß jedoch darin, daß sich die Unzuverlässigkeit Seeckt erwiesen habe. Hinsichtlich der Staatsstreichpläne kamen die Männer um ihn zu dem Schluß, daß Seeckt sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen lassen wolle, um dann als Herr Deutschlands mit seiner Clique eine Politik zu treiben, die vom alldeutschen Standpunkt aus sehr fragwürdig zu werden versprach. Daher ..." (Kruck: "Geschichte des Alldeutschen Verbandes, 1890-1939", S.147 - 1954 + "Veröffentlichungen des Instituts für europäische Geschichte", S.147 - 1954)
Zu den privaten Kontakten Gottfried Grandels läßt sich aus dieser Zeit wenig erfahren. Da seine Frau Helene zu den geselligen Naturen gehört, ist die offensichtliche Abschottung eher den geheim-politischen Tätigkeiten Gottfried Grandels geschuldet.
Die dem Gerichtsgutachter vom Prokuristen Josef Rupp gegebene Erklärung, die private Zurückhaltung Dr. Grandels sei möglicherweise aufgrund seiner Herzkrankheit angezeigt, widerspricht sich mit dem parallel zur Firmenleitung praktizierten Politikverständnis Dr. Grandels. Der leitende Angestellte Josef Rupp berichtet:
"Leute, die ihn aus persönlichem Umgang kennen, hat Dr. G.(-randel-) nicht, da er keinen Verkehr kenne; er schliesse sich vermutlich wegen seiner Herzkrankheit von allem Verkehr ab."
Tatsächlich ist der Freundeskreis von Dr. Grandel sehr überschaubar und diese eine Person ist dann auch noch Mitglied im Germanen-Orden Walvater. Laut seiner Befragung während des medizinischen Gutachtens von 1924 berichtet Gottfried Grandel:
"Mit welchen Personen in Augsburg oder sonst haben Sie wirklich freundschaftlichen Verkehr?
'In Augsburg mit Niemand.'
Und sonst?
'Ich darf sagen, dass der einzige Freund, den ich habe, der Schriftsteller Franz Schrönghamer, Iggensbach b. Deggendorf i. Niederbayern ist.'
Welche Familien gehören zu Ihrem täglichen Verkehr in Augsburg?
'Ich verkehre mit Niemandem.'
Welche Herren gehören zu Ihrem Stammtisch?
'Ich gehe nie aus.'
Gehören Sie keinem Spielklub, Kegelklub etc. an?
'Nein, keiner Vereinigung, keiner Verbindung, keiner Loge.' (LArch Berlin: A Rep. 358-01 Nr. 6011, S.10-11/Bl.259-260 - Dr. Grandel gegenüber Medizinalrat Dr. Stoermer v. 25.3.1924)
Verschwiegen wird dem Medizinalrat dabei der enge politische Kreis, in dem sich Dr. Grandel nur wenige Monate zuvor noch bewegte:
"Übertragung kurzschriflicher Niederschriften aus der Zeit einen Monat vor dem 9. November 1923 in München Es sind Ausprachen mit Pöhner, -Kauter, -Kriebel, Baron v. Aufseß, -Christian Heinrich Meyer, und Gespräche zwischen Dr. Grandel, Lorenz Mesch, Dietrich Eckart, Arnold Ruge und mir (Heinrich Dolle), und mit Prof. Oswald Spengler und andere." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - "Übertragung kurzschriftlicher Niederschriften" von Heinrich Dolle)
Zu Kautter heißt es in dem Hitler-Prozess von 1924:
"Kautter ist bekanntlich die rechte Hand (-Hermannn-) Ehrhardts, dieser wieder ist Vertrauensmann des (-Berliner-) Justizrats Claß." (Gruchmann/Weber/Gritschneder: "Der Hitler-Prozess 1924", S.127 - 1998)
Der Abgeordnete Reinhold Wulle (1882 - 1950)

Reichsführer der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung: Reinhold Wulle - 1925 (Postkarte im Privatbesitz / o.Ang.)
Durch den Attentatsprozess von 1924 rutscht nicht nur Gottfried Grandel als Angeklagter in das Licht einer breiten Öffentlichkeit, auch seine nähere Umgebung gerät in das Interesse der Aufarbeitung. So wird in diesem Zusammenhang auch Dr. Grandels Beziehung zu Reinhold Wulle beleuchtet, der Mitglied des geheimen Berliner Germanen-Ordens ist. Der Münchener Verleger Julius F. Lehmann äußert sich 1924 in einem Brief an den von Dr. Grandel der Attentats-Anstiftung beschuldigten Heinrich Class:
"Als ich aus der Zeitung ersah, dass ein gewisser Dr. Grandel in Augsburg Sie als Beteiligten an dem Anschlag auf General Seeckt angegeben hat, bat ich meinen Freund Fischer in Augsburg, der mir früher verschiedentlich sehr wenig erfreuliches über ihn berichtete, mir doch einmal mitzuteilen, was er mit ihm erfahren habe.(...) Da Dr. Grandel ein fanatischer Parteigänger Wulles war, hatte ich sofort den Verdacht, dass hier gemeinsam von diesen beiden Leuten gegen Sie gearbeitet würde, um es auf diese Weise fertig zu bringen, Sie unmöglich zu machen.(...) Fischer hat mir Herrn Dr. Grandel verschiedentlich schon früher als einen ganz unklaren Wirrkopf hingestellt, der immer die grössten Reden im Munde führte und die Juden immer Dutzend-weise umlegen wollte. Ich bedauere nur, dass Sie den Menschen überhaupt zu sich gelassen haben. Hätten Sie sich bei mir nach dem Herrn erkundigt, so hätte ich Sie auf das eindringlichste gewarnt. Jetzt kann ich es nur nachträglich tun, doch ist Ihnen vielleicht der Hinweis, dass der Herr Doktor die längste Zeit in Augsburg stets gegen Sie gehetzt habe und dass er ein Gesinnungsgenosse und Mitarbeiter von Wulle ist, immerhin wertvoll zu wissen. Sie können vielleicht dementsprechend Massnahmen treffen. Es sollte mich freuen, wenn es Ihnen gelänge, durch diese Mitteilung den Leuten auf die Spur zu kommen, die gegen Sie arbeiten." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.35/36 - Julius F. Lehmann an Heinrich Class v. 1.2.1924)
Der in diesem Zusammenhang von Julius F. Lehmann kontaktierte Amtmann Georg Fischer aus Augsburg notiert zu Gottfried Grandel:
"Als eifriger Leser der ihm von mir empfohlenen deutschen Zeitung, an deren Haltung er übrigens manches auszusetzen hatte, trat er in Verbindung mit Reinhold Wulle (-Germanen-Orden-) und anderen mir nicht genannten Berliner Herren. Wie er mir nach der Rückkunft von einer seiner öfteren Berliner Reisen erzählte, erklärte er bei einer Zusammenkunft, dass ‚seine Vaterstadt bei dem Wiederaufbau Deutschlands die (oder eine) führende Rolle spielen werde, dafür werde er sorgen.‘!(38) Wulle hat einen starken und nachhaltigen Einfluss auf ihn ausgeübt, der scheint seine schwache Seite, nämlich seinen persönlichen Ehrgeiz, sein Nichtunterordnenkönnen und seine Eifersucht auf andere hervorragende Führer bald erkannt zu haben. Schon einige Monate vor dem Bruch des Herrn J.-R. Class mit Wulle erzählte mir Grandel, dass er auf Grund zuverlässiger Mitteilungen W.'s bestimmt versichern könne, Cl.(-ass-) sei Freimaurer und auch hinsichtlich jüdischer Verbindungen nicht hasenrein.
Als ich ihm - etwa im Februar 1921 - sagte, dass W.(-ulle-) in einem an den Vorsitzenden der B.(-ayerischen-) Mittelspartei geschriebenen Brief diese Behauptungen zurückgenommen habe und ihn fragte, ob dies auch ihm gegenüber geschehen sei, wie es die Pflicht von jedem ehr- und wahrheitsliebenden Mann erfordere, erklärte er mir ausweichend, dass Wulle dies im Drang seiner vielen Geschäfte übersehen haben müsse. Nun muss ich hier allerdings einschalten, dass mir die Mitteilung von dem Brief Wulles an Dr. Hilpert von Oberstleutnant v. Schleich (-laut Böhrer GO-Mitglied-) gemacht wurde, mir aber Hilpert, den ich noch gestern im Landtag aufsuchte, erklärte, dass er hiervon nichts mehr wisse.(...) Jedenfalls steht für mich auf Grund vieler Äusserungen Grandels fest, dass er an Herrn J. R. Class nicht nur ständig zu mäkeln hatte, sondern ihn auch glühend hasste, - ganz wie sein Freund Wulle. Ich stehe auch - allerdings ganz für mich persönlich - unter dem Eindruck, dass er, - allein oder auf andere Mitveranlassung, - sich sogar an Class herangemacht habe, um ihn für den Plan gegen Seeckt zu gewinnen, nicht nur wegen Seeckt allein, sondern auch um Class gleichzeitig zu erledigen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.37/38 - Amtmann Georg Fischer an Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Dr. Grandels Ruhrkampf-Einsatz: Der Krieg nach dem Krieg
(402-1923) Der nach dem verlorenen I. Weltkrieg dem Deutschen Reich aufgezwungene Vertrag von Versaille beinhaltet den Siegern gegenüber hohe Reparationsleistungen.
Rund 132 Milliarden Goldmark werden laut Londoner Protokoll vom 5. Mai 1921 durch das ehemalige Kaiserreich an die Siegermächte zu zahlen sein. Die deutsche Wirtschaft steht am Rande eines Zusammenbruchs; wichtige Rohstoffe, Produktionsgüter und Anlagen werden dem Wirtschaftskreislauf entzogen und in das Ausland transferiert.
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Deutsches Reich: Verladene Reparationsgüter auf dem Weg ins Ausland (BArch: Bild 183-R02190 / o.Ang.)
Winter 1922/23
Zum Ende des Jahres 1922 forcieren Belgien und Frankreich nochmals den Konflikt um die auferlegten Zahlungen und besetzen auf der Grundlage einer Vertragsklausel am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet.

Einmarsch in das Ruhrgebiet: Französische Kavallerie in Essen - Januar 1923 (BArch: Bild 183-R06992 / o.Ang.)
Rund 60.000 Soldaten dringen widerstandslos in die industrielle Herzkammer des Deutschen Reiches ein. Als Begründung wirft die französisch dominierte Reparationskommission Deutschland im Vorwege ein schuldhaftes Versagen bei der Lieferung von vertraglich zustehenden Kohle- und Holzkontingenten vor. Der Spiegel schreibt in einem Rückblick:
"Der eigentliche Anlaß: Eine Lappalie. Die mehreren hunderttausend Telepraphenmasten und Kohle im Wert von 24 Millionen Goldmark, die der Kriegsverlierer Deutschland den Franzosen schuldig geblieben war, bildeten gerade einmal 1,6 % der im Jahr zuvor geleisteten Reparationen." (spiegel.de: "Her mit der Kohle!" - 9.1.2008)

"Her mit der Kohle": Französische Bewachung eines Güterbahnhofs im besetzten Ruhrgebiet - Januar 1923 (BArch: Bild 183-R43432 / o.Ang. + Glombowsky: "Organisation Heinz", S.145 - 1934)
Durch die Besetzung beabsichtigen Frankreich und Belgien schon seit längerem, eigene Gebietsansprüche nun gewaltsam zu sichern und dabei dem unterlegenen Kriegsgegner die angrenzenden Industriegebiete abzuringen. In den Fokus geraten dabei besonders große Firmenkomplexe, wie beispielsweise die Essener Rüstungsschmiede Krupp.

Blick in eine Produktionshalle der Kruppschen Munitionswerkstätten während des I. Weltkrieges - 1918 (BArch: Bild 183-R24137 / o.Ang.)
Reichspräsident Friedrich Ebert fordert zusammen mit Reichskanzler Wilhelm Cuno kurz nach dem Ruhr-Einmarsch die eigene Bevölkerung zum passiven Widerstand gegen die Besatzer auf:
"Die Reparationsleistungen wurden weitgehend eingestellt, zahlreiche Betriebe und die öffentliche Verwaltung weigerten sich, den Anordnungen der Besatzungsmacht Folge zu leisten. Frankreich reagierte mit harten Sanktionen." (Leicht: "Heinrich Claß 1868-1953", S.315 - 2012)
Das Hauptinteresse der Besatzungsmacht liegt, jahreszeitlich bedingt, auf dem Abtransport der energiehaltigen Kohle. In einem Lagebericht an das deutsche Reichsministerium wird vbermerkt:
"Die Franzosen wollen Kohlen und Koks (...). Dieser Kohle und dem Koks gegenüber sind alle anderen Fragen der passiven Abwehr sekundärer Natur.(...) Die Kohle lagert noch in reichlichen Mengen auf den Halden. Ihr Abtransport ist nur durch Betriebsunfälle der Eisenbahn zu verhindern. Der schwache Punkt ist hier der Rhein-Herne-Kanal. Ich muss leider mitteilen, dass entgegen sehr optimistischen Berichten der Kanal praktisch unversehrt ist. Es laufen ganz erhebliche Kohlentransporte auf dieser Wasserstrasse. Es gibt zur Zeit nur sehr geringe Hoffnungen, um diesen unerfreulichen Zustand zu beendigen. Mit seiner Wurzel ist das Uebel des Kolentransportes nur dann herauszuziehen, wenn man die Kohlenförderung ebenso wie die Koksproduktion drosselt. Dann erschöpft sich im ungünstigsten Falle der französiche Enderfolg mit den Haldenbeständen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch, R 43-I/213, S.27/29, Schreiben v. 5.5.23)

Besetzt: Französische Panzerwagen vor dem Hauptbahnhof in Essen - Januar 1923 (Aus: "Die deutschen Freikorps - 1918-1923", Tafel 46/S.385 - Reichsarchiv - 1938)
Auch Dr. Grandel in Augsburg reiht sich organisatorisch schon früh in den Abwehrkampf des Ruhrgebietes mit ein. In seiner späteren Vernehmung als Angeklagter in einem Attentats-Prozess führt er 1924 vor dem Berliner Landgericht aus:
"Familie, Heimat und Vaterland, das ist mein politisches Programm. Die Ruhrbesetzung erschütterte mich seelisch am schwersten und wirkte auf meine ohnehin schwache Gesundheit ungünstig ein, zumal auch die wirtschaftlich daraus erwachsenden Schwierigkeiten und die Nöte der Inflation immer drückender wurden." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1899, S.2 - "Thormann und Grandel vor Gericht" v. 29.5.1924 + digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924)
Das anfängliche Hauptanliegen Dr. Grandels gilt dabei der politischen Beeinflussung durch enge personelle Vernetzung. So heißt es:
"(-Gottfried-) Grandel ist in den nationalen Kreisen ein wohl bekannter und angesehener Mann: (-Heinrich-) Claß, (-Oberfinanzrat Dr. Paul-) Bang, (-Ernst Graf zu-) Reventlow, (-der national eingestellte Berliner Direktor Emil-) Lessel, Oberregierungsrat Weiß kennen ihn aus seiner Abwehrtätigkeit während des Ruhrkampfes. Er ist nicht der erste, beste." ("Die Glocke - Wochenschrift für Politik und Wirtschaft", Bd.10, Ausg. 1-13, S.297 - 1924)

Bereit für den Abwehrkampf: Dr. Gottfried Grandel - Sommer 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
Die polizei-behördlichen Einschätzungen zu Dr. Grandels Tätigkeiten während der französischen Ruhrbesetzung lauten rückblickend:
"Dr. Grandel ist als sogenannte Nachrichtenperson für Kreise, die seinerzeit die Sabotageakte im Ruhrgebiet und im Rheinland finanzierten und ausführen liessen, sowie für die Unternehmer der Sabotageakte bezeichnet. An ihn gingen vermutlich die von Süddeutschland aus später in die oben erwähnten Gebiete entsandten Personen, über welche er, für den Fall, dass diese verschollen blieben, angebl.(-ich-) Auskünfte zu geben in der Lage gewesen wäre (vergl. Sammlung R.(-eese?-) 213.22)." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.200 - Prozessakte Thormann-Grandel, Polizei-Präsidium Berlin, Abteilung IA, Krim.-Kom. Stumm v. 11.2.1924 an Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 18.2.1924)
In den Zusammenkünften der nationalsozialistischen Ortsgruppen rumort es zu dieser Zeit, auch in Augsburg:
"So plaudert auch ungefähr in der Mitte des Februar (-1923-) ein tratschhaftes Faschistenblättchen in Augsburg 'Der deutsche Michel' in einem Bericht über den letzten Sprechabend der Nationalsozialisten aus, daß der Augsburger Führer der Nationalsozialisten, ein Dr. Grand(-e-)l, die Guerillakriegsparole offen ausgegeben habe. Vorher müßten allerdings die (-kommunistisch beeinflussten-) Arbeiter niedergeworfen werden. Und die gleiche Augsburger Ortsgruppe ladet noch nach der Verhaftung der Fuchs und Machhaus (-28.2.1923-), der übrigens bis zum Schluß organisierter Nationalsozialist (-und zeitweise auch Redakteur des Völkischen Beobachters-) war, und nach den Enthüllungen über die Verräterrolle des Blücher-Bundes und besonders des Privatdozenten Ruge, diesen (Dr. Arnold-) Ruge zu einer öffentlichen Werbeversammlung ihrer Partei in Augsburg ein, die dann von der Regierung unter dem Druck der Arbeiterschaft verboten wurde (-Veranstaltung fand statt, Verwechslung mit Hermann Esser?-). Und weiter, auch die Hitler-Leute mögen an ihre 'Bartholomäusnacht'-Pläne (-Pogrome-), an die 'Sizilianische Vesper' (-Erhebung der sizil. Bevölkerung gg. franz. Herrschaft-) usw., die sie den französischen Eindringlingen zu bereiten gedachten, in ihrer großen Mehrheit geglaubt haben." (Aquuila: "Der Faschismus in Italien", S.60 - 1923)
Frühjahr 1923 - Organisation des aktiven Abwehrkampfes
Der Berliner Justizrat Heinrich Class ist seit den Anfängen über die französische Ruhrbesetzung gut informiert. Über den einflussreichen Berliner Verbandsvorsitzenden heißt es:
"Der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes galt allgemein als einer der 'Bankiers' der nationalen Bewegung. Auch Grandel bekam von Ihm Geldbeträge, die zur Bekämpfung der rheinischen und pfälzischen Separatisten gedacht waren." (online verfügbar: Chamberlin: "Der Attentatsplan gegen Seeckt 1924", S.428 - 1977)

Verbandsvorsitzender der Alldeutschen: Justizrat Heinrich Class (Deutsches Historisches Museum / F67/19 - 1928)
Einem Briefwechsel zufolge kommt der alldeutsche Justizrat Class dabei zu folgender Einschätzung:
"Claß zeigte sich von der 'nationalen Hochstimmung' vor allem unter der Arbeiterschaft begeistert und prognostizierte - auf Napoleons Niederlage in Russland anspielend, dass Essen für die französische Armee zum zweiten Moskau werde." (BArch Berlin: R 8048/209, Ruhrbesetzung - Class an Blohm v. 1923)

Französische Besatzung: Angespannte Situation vor dem Essener Rathaus - Januar 1923 (BArch: Bild 183-R09876 / o.Ang.)
Durch die Sondersituation der Ruhrbesetzung sucht Heinrich Class wieder Verbindung zu dem Chef der deutschen Heeresleitung, auf den er seit dem gescheiterten Kapp-Lüttwitz-Putsch vom März 1920 nicht gut zu sprechen ist:
"Die erste Zusammenkunft erfolgte Ende Februar 1923.(...) Seekt empfing den alldeutschen Führer sehr freundlich und bat ihn, seine Auffassung darzulegen. Claß ging davon aus, daß aus den einseitigen Handlungen der Franzosen, ob man wolle oder nicht, ein Krieg entstehen könne. Dann sei es für die Alldeutschen selbstverständlich, alles zu tun, um dem Chef der Heeresleitung seine ungeheure Aufgabe zu erleichtern, nicht nur auf innenpolitischem, sondern auch auf wehrpolitischem Gebiet. Das hänge damit zusammen, daß der Alldeutsche Verband mit mehreren Freikorpsführern in enger Verbindung stehe und imstande sei, deren Verhalten zu beeinflussen." (Kruck: "Geschichte des Alldeutschen Verbandes, 1890-1939", S.140 - 1952)

Chef der deutschen Heeresleitung: General Hans v. Seeckt - 1925 (BArch: Bild 136-B0239 / Tellgmann, Otto)
Die erste Besprechung zwischen Heinrich Class und General v. Seeckt entwickelt sich konstruktiv. Bei Kruck heißt es hierzu weiter:
"Sodann kam der General noch einmal darauf zu sprechen, daß er die Entwicklung zum Krieg als sehr wahrscheinlich ansehe. Unter allen Umständen müsse er jedoch bis zum Mai (-1923-) Zeit haben, um die notwendigsten Vorbereitungen durchzuführen.(...) Abschließend bat Seeckt den alldeutschen Führer (-Heinrich Class-), seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß bei den Sabotagehandlungen im neubesetzten Gebiet alle Zerstörungen unterlassen würden, die dem deutschen Heer später Schwierigkeiten bereiten könnten, falls es zum Äußersten käme. Auch sollte der offene Aufruhr gegen die Franzosen vermieden werden, weil ein solcher die Heeresleitung zu vorzeitigen Entschlüssen zwingen könnte. Der Justizrat konnte darauf hinweisen, daß er seine im Ruhrkampf tätigen Gesinnungsgenossen bereits in diesem Sinne instruiert habe. Er habe auch Abgeordnete früherer Freikorps dringend vor der Zerstörung der großen Rheinbrücken gewarnt. Der Alldeutsche Verband werde grundsätzlich nichts betreiben oder fördern, was gegen die Absichten der Heeresleitung verstoße." (Kruck: "Geschichte des Alldeutschen Verbandes, 1890-1939", S.139-141 - 1952)
Hauptmann Ernst Röhm berichtet:
"Am 26.2.1923 bot sich die Möglichkeit, in Berlin einem größeren Kreis von Vertretern der vaterländischen Verbände Norddeutschlands (v. Watter, v. Oven, Roßbach usw.) unsere Ziele und unsere Auffassung über die Lage mitzuteilen. Zweck der Tagung war die Gründung eines Spitzenverbandes nach bayerischem Muster und etwaiger Zusammenschluß innerhalb ganz Deutschlands. General Ludendorff sprach dort für den Zusammenschluß und forderte zu einer Unterstützung des Generals von Seeckt und des Reichskanzlers Cuno auf. Heiß nahm im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft an der Sitzung teil. Ergebnisse wurden nicht erzielt. Der Vertrag Seeckt-Severing, der zweifellos eine falsche und unangebrachte Nachgiebigkeit des Reichswehrbefehlshabers gegenüber einem System bedeutete, mit dem eine ehrliche Vereinbarung eben nicht möglich ist, hatte in weiten vaterländischen Kreisen ein gerade in jener Zeit unheilvolles Mißtrauen gegen den Chef der Heeresleitung genährt." (Röhm: "Die Geschichte eines Hochverräters", S.180 - 1933)
März 1923
Die Position Adolf Hitlers grenzt sich deutlich von der Reichsregierung ab. So schreibt die SPD-nahe Schwäbische Volkszeitung:
"Nach jeder Hitler-Rede hat man die Empfindung: Höher geht's nimmer! Neulich schrieben wir, daß ein französischer Spitzel und Provokateur keinen Deut anders handeln könne als Adolf Hitler. Auch ein französischer Agent würde gegen die Ruhrspende agitieren und den passiven Widerstand zu lähmen versuchen, wie es Hitler tut; aber er könnte nicht das deutsche Volk auffordern, dem fränzösischen Sieger die Stiefel zu lecken. Nach Hitlers letzter Redeleistung im Restaurant 'Prinz Alfons' in Neuhausen am Dienstag halten wir auch das nicht für unmöglich. Hitler beschimpfte in unerhörter Weise das deutsche Volk: 'Die Deutschen verdienen, als Sklaven behandelt zu werden, da sie ein erniedrigtes Volk sind. Das heutige Volk ist ein verlumptes und charakterloses Volk, das zu feige ist, einen anderen als passiven Widerstand zu leisten.' Oberstleutnant Richert, der Organisator des bayerischen Landesverrats, wird zufrieden sein, wenn er liest, daß Hitler in Deutschland systematisch Mutlosigkeit zu verbreiten sucht: 'Das Resultat der künftigen Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich wird dasselbe sein, wie bei allen vorherigen Verhandlungen, daß man von uns fordert und wir einfach geben!' Im Sinne eines französischen Provokateurbureaus vortrefflich sind auch folgende Worte: 'Die Idioten und Kanaillen in der Reichsregierung wollen von einem aktiven Widerstand nichts wissen! Die Nationalsozialisten sind die Partei zum Losschlagen gegen Frankreich.' Den Putsch, den Fuchs, Machhaus, Berger nicht durchführen konnten, obwohl Oberstleutnant Richert es stürmisch von ihnen verlangte, verspricht Hitler mal wieder für die nächste Zeit: 'Der Kampf ist noch nicht zu Ende' Die Erlösung wird von der Seite kommen, von der sie kommen muß. Es darf nicht heißen, daß wir nach dem Norden sehen müssen, was er uns bringt, sondern wir müssen gegen den Norden marschieren, um dem deutschen Volke zu zeigen, was 'deutsch' heißt.'
Natürlich fehlt auch nicht die übliche Hetze gegen den Reichspräsidenten (-Friedrich-) Ebert, eine nationale Disziplinlosigkeit, die Deutschland im Ausland schweren Schaden zufügt:
'Früher dachte Ebert gar nicht daran, national zu sein; jetzt gibt er sich den Anschein, weil es mal nicht anders geht; er hört sich sogar ab und zu Vaterlandslieder an und hatte die 'Gnade', das Deutschlandlied zur Nationalhymne zu erheben!'
Um die sittliche Unreife Adolf Hitlers vollständig deutlich zu machen, zitieren wir heute noch einen Ausspruch, den Hitler im Januar tat:
'Ich bedaure, daß die Franzosen nicht schon vor vier Jahren ins Ruhrgebiet eingerückt sind, denn dann würde der (-SPD-Stadtrat und Redakteur der Münchener Post, Erhard-) Auer schon längst baumeln.'
Nebenbei sei noch bemerkt, daß der durch Aufpäppelung größenwahnsinnig gewordene, sich schon als Diktator fühlende Auchpolitiker wie immer das Landes- und das Reichsparlament der Lächerlichkeit der ganzen Welt preiszugeben suchte."(Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Schwäbische Volkszeitung, Nr.71, S.3 - "Hitler hetzt weiter!" v. 24.3.1923)
31. März 1923 - "Blutsamstag": Eskalation auf dem Krupp-Gelände in Essen
Für den völkisch-nationalistisch handelnden Dr. Grandel ist durch die französische Ruhrbesetzung eine rote Linie überschritten. Verstärkt wird der Widerstandswille durch den Essener Blutsamstag vom 31. März 1923, in dessen Vorlauf Werksarbeiter der Firma Krupp gegen geplante Fuhrpark-Beschlagnahmungen durch die französichen Besatzer demonstrieren.

Vor den Werkstoren von Krupp: Französische Soldaten - 1923 (Fotografie aus Oetinger: "In Ketten vom Ruhrgebiet nach St. Martin de Ré", S.48 - 1940)

Kurz vor den Schüssen: Demonstrierende Arbeiterschaft vor der von den Franzosen besetzten Kraftwagenhalle in der Altendorfer Straße - 31. April 1923 (Fotografie aus Oetinger: "In Ketten vom Ruhrgebiet nach St. Martin de Ré", S.49 - 1940)
Im Verlauf der bedrängten Situation schießen die französischen Soldaten in die Menge: 13 der demonstrierenden Arbeiter werden an diesem Karsamstag auf dem Krupp-Werksgelände von den französichen Besatzern tödlich getroffen, weitere 30 zum Teil schwer verletzt.

Vor der Krupp'schen Automobilhalle: Markierte Schussrichtung der französischen Soldaten - 1923 (BArch: Bild 102-00030 / Pahl, Georg)

Nach der Trauerfeier um die erschossenen Werksarbeiter: Ein Sargwagen verläßt das Werksgelände - 10. April 1923 (BArch: Bild 102-00033 / Pahl, Georg)
April 1923: Besprechung gemeinsamer Abwehrmaßnahmen in Hamm
Der von den Industriellen Thyssen und Scheidt als Koordinator des Abwehrkampfes hinzugezogene Justizrat Class ist alarmiert. Im Gespräch ist eine nationale Erhebung; für den 31. Mai 1923, an Fronleichnam, habe bereits ein selbsternannter Arbeiter-Heerführer die "Sizilianische Vesper" angekündigt. Der Alldeutsche Verbandsführer notiert später in seinen Lebenserinnerungen:
"Bei all diesen Dingen spielte die Annahme oder Behauptung eine große Rolle, dass ausser den Kräften, die die sog. 'Sabotage' betrieben, und den geschlossenen Verbänden, die sich nach (-General Oskar v.-) Watters Mitteilungen diesem schon endgültig unterstellt hatten, ein nationales Arbeiterheer vorhanden sei, das, im strengsten Geheimnis gebildet, auf dem Sprung stehe, den Franzosen eine Art 'Sizilianische Vesper' zu bereiten und sie aus dem Lande zu werfen. Als Führer dieses Unternehmens, dem im engsten Industriebezirk an 42.000 gut bewaffneten und militärisch geschulte Männer zur Verfügung stünden, und das vor dessen Grenze noch etwa weitere 20.000 bereithalte, wurde ein Werkmeister namens Schlittgen angegeben, der es verstanden habe, seine Kampftruppe ganz geheim aufzubauen." (BArch Berlin: N2368/3 - Class: "Wider dem Strom", unveröffentl. Manuskript, S.561/562 - 1936)
Der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes bleibt jedoch misstrauisch. Am Tage nach der Werks-Trauerfeier will er sich selbst einen Überblick von den tatsächlichen Kräfteverhältnissen im Ruhrgebiet verschaffen:
"Am 11. April 1923 rief er alle ihm bekannten Führer des Abwehrkampfes zu einer Besprechung nach Hamm." (Kruck: "Geschichte des Alldeutschen Verbandes, 1890-1939", S.143)
Das Treffen in dem von den Franzosen unbesetzten Rand des Ruhrgebietes erwartet nicht nur Justizrat Class mit großer Spannung. Von der Zusammenkunft hängt auch die weitere Entscheidung des Abwehrkampfes im besetzten Gebiet ab. Begleitet wird der Verbandsvorsitzende von seinen Vertrauten Landrat Gertzlaff von Hertzberg, Baron Leopold von Vietinghoff-Scheel, Oberst Frantz und einem zweiten früheren Generalstabsoffizier. Heinrich Class vermerkt rückblickend:
"Auf der anderen Seite waren eigentlich alle mir bekannten Führer des Abwehrkampfes erschienen: sie gehörten alle bis auf zwei oder drei dem Alldeutschen Verbande an. Ausserdem hatte man von dort aus noch Herren aus Westfalen, aber auch aus Süddeutschland (-Dr. Grandel-) eingeladen, die besondere Beziehungen zu 'aktivistischen' Verbänden haben sollten." (BArch: N2368/3 - Class: "Wider dem Strom", unveröffentl. Manuskript, S.565 - 1936)
Doch das Treffen gerät für die Hoffnungen der Alldeutschen zur Enttäuschung: Das erwähnte Arbeiterheer des Werkmeisters Schlittgen existiert, wenn überhaupt, nur zu einem geringen Bruchteil. Der vermeintliche Anführer selbst lässt sich trotz Zusage auf dem Treffen in Hamm dann auch lieber vertreten. Damit bricht die ursprüngliche Planung des Verbandsvorsitzenden in sich zusammen. Vermutungen werden geäußert, dass es sich bei "Heerführer" Schlittgen um einen französischen oder marxistischen Spitzel handelt.
In einer späteren Vernehmung gibt der Berliner Verbandschef zu seiner ersten Begegnung mit Dr. Grandel zu Protokoll:
"Ich kenne Gr.(-andel-) seit dem Februar (-durchstrichen-) Frühjahr 1923 und zwar aus einer Besprechung (-am 11.4.1923-) in Hamm, die, wie ich glaube, im April mit Vertretern der nationalen Abwehrbewegung des neu besetzten Gebiets stattfand. Gr.(-andel-) gab an, daß er in nahen Beziehungen zu führenden Personen der nationalen Bewegung in Bayern stände." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 8048/672, S.11 - Prozess gegen Thormann/Grandel wg. Planung eines Attentats a. General v. Seeckt - Class vor Berliner U-Richter Dr. Nothmann v. 22.1.24)
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Gefragt im Ruhr-Abwehrkampf: Dr. Gottfried Grandel (Fotografie im Privatbesitz)
Ergänzend heißt es zu Dr. Grandels Rolle während der französischen Ruhrbesetzung:
"Claß hatte den in bayerischen nationalen Kreisen wegen seiner wirtschaftspolitischen Kenntnisse und Beziehungen sehr geschätzten Dr. Grandel im (-11.-)April 1923 in Hamm, auf einer Konferenz der Vertreter der Nationalen Arbeiterschaft des Ruhrgebiets, kennengelernt, als dort Maßnahmen gegen die französische Besatzung im Ruhrgebiet besprochen wurden. Grandel hatte die Tagung als Vertreter nationaler Gruppen in Bayern besucht." (Chamberlin: "Der Attentatsplan gegen Seeckt 1924", S.428 - 1977)
In einer weiteren Zusammenfassung wird Heinrich Class zitiert:
"(...) ich habe im vorigen Jahr (-am 11.4.1923-) in Hamm mit Herren aus dem besetzten Gebiet eine Konferenz über Abwehrmaßnahmen gegen die Franzosenmachenschaften gehabt. Dort lernte ich Grandel kennen, der als Vertreter gewisser bayrischer Kreise zugezogen war. Er trug seine Ansichten in ruhiger Weise vor. Ich fuhr dann zufällig mit ihm nach Berlin zurück und auch hier bestätigte sich der Eindruck, daß Grandel ein ruhiger, besonnener Mann sei. Grandel äußerte den Wunsch, öfter mit uns zusammenzukommen. Das geschah auch am nächsten Tag (-13.4.1923?-). Meine Erkundigungen über Grandel lauteten günstig. Er wurde als zuverlässiger, etwas eigenbrödlerischer Mensch geschildert. Ich traf dann (-aufgrund eines durch Erschöpfungszustände begonnenen Kuraufenthaltes Ende April-) in Kissingen mit ihm zusammen und Grandel führte mir mehrere seiner bayerischen Freunde zu. Wir verhandelten damals über Dinge des neubesetzten Gebietes (...)." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.116 - Germania, Nr.210 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 29.5.1924)
"Ich bin (-nach dem Treffen in Hamm-) in der Folgezeit mit Gr.(-andel-) in München bei Besprechungen mit den dortigen Führern der nationalen Bewegung zusammen getroffen. Er suchte mich auch in Berlin wiederholt, 2 mal auch in Kissingen, auf." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 8048/672, S.11 - "Prozeß gegen Thormann und Dr. Grandel", Schriftliche Stellungnahme des von Dr. Grandel beschuldigten Heinrich Class vor dem Berliner Untersuchungsrichter Friedrich Nothmann v. 22.1.1924)
"Grandel übernahm die Mitwirkung an unserer Arbeit, besonders, um den Separatisten das Handwerk zu legen. Grandel hat für diese Funktionen Gelder erhalten. Ich mußte infolge kritischer Nachrichten (-über die industrielle Finanzierung und tatsächliche Truppenstärke General Oskar v. Watters-) nach Berlin zurück und der Zufall wollte es, daß Dr. Grandel an diesen Besprechungen im (-späten-) Mai (-1923-) teilnahm. Er unterrichtete mich und meine Freunde über die Lage in der Pfalz und Bayern. Es kam die Zeit der Einstellung des Ruhrwiderstandes. Wir waren damit nicht einverstanden und taten, was dagegen von privater Seite zu machen war." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.116 - Germania, Nr.210 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 29.5.1924)
Weiter heißt es in den Erinnerungen von Heinrich Class:
"Während meiner Abwesenheit von Berlin - ich musste in Kissingen die (-Badebrunnen-)Kur gebrauchen, hielt von dort aber alle Beziehungen aufrecht und empfing zahlreiche Besuche - kam eine angeblich besonders dringliche Forderung.(...) Ich berief daher sofort nach meiner Rückkehr (-aus Kissingen/München 20.5.1923-) eine Sitzung auf einen der allernächsten Tage (-Ende Mai 1923-) ein. Dabei kam es mir auf zweierlei an: ich wollte endlich wissen, welche Kräfte der General (-Oskar-) von Watter hinter sich habe, und ausserdem, ob und auf welche Beträge aus der Industrie überhaupt noch zu rechnen sei. Wir trafen uns im Gasthof der beiden Industriellen; von den Teilnehmern seien ausser ihnen und mir hauptsächlich General von Watter und sein Stabschef (-Oberleutnant a.D. Paul?-) Schultz (-Schulz-), sowie Dr. von und zu Loewenstein aus Essen genannt. Ich " (Hofmann/Claß: "Politische Erinnerungen", S.658 - 2022)

Über Christi Himmelfahrt (10.5.1923) zu Gast im Brunnenhaus Bad Kissingen (Wikimedia Commons - Datei: Kissingen Brunnenhaus 0417RM0697.jpg / Ermell - A2017)
Auch Gottfried Grandel selbst äußert sich zu dem Treffen im Rahmen seines späteren Prozess-Geständnisses:
"Den Justizrat Class lernte ich im Mai (-11. April-) 1923 bei einer Versammlung in Hamm kennen, in der mit national gesinnten Personen aus dem Ruhrgebiet die politische Sachlage besprochen wurde. Ich kam dorthin auf Einladung eines (-Dipl.-) Ingenieurs (-Dr. Kurt-) Haller (-1.2.1885-) von der Firma Krupp in Essen (-angestellt v. 1.12.1911 - 30.9.1925-)" (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.58/59 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Gottfried Grandels Geständnis vor dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 21.1.1924)
In seiner späteren Zeugenvernehmung vor Gericht schildert der in national-völkischen Kreisen einflussreiche Heinrich Class:
"Grandel besuchte mich seinerzeit (-11. April 1923-) mit Gesinnungsgenossen (-Albert Schlageter/Organisation Heinz?-) aus dem neubesetzten Gebiet. Wir berieten über Abwehrmaßnahmen, da sich in jener Zeit eine besondere Aktivität des Separatismus bemerkbar machte. Bei dieser Gelegenheit äußerte auch Grandel seine Ansichten. Ich hatte von ihm den Eindruck eines recht ruhigen und besonnenen Menschen. Später (-im direkten Anschluss an die Tagung-) fuhr ich mit ihm zusammen in einem Zuge von Hamm nach Berlin. Bei dieser Unterhaltung wurde mein günstiger Eindruck über Grandel nur noch verstärkt. Ich erkannte, daß er die Ansichten meiner Gesinnungsgenossen voll teilte. Er wurde von mir gewissermaßen als wirtschaftlicher Mitarbeiter in Aussicht genommen." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.253, S.4 - "Justizrat Claß als Zeuge" v. 28.5.1924)
Zur Sicherheit erkundigt sich Heinrich Class nach dem Treffen in Hamm beim Bayerischen Ministerpräsidenten Gustav v. Kahr und dem ehemaligen Münchener Polizeipräsidenten Ernst Pöhner ob Dr. Grandels Zuverlässigkeit; diese scheint gegeben. (Forschungsstelle Hamburg: FS,11-C3, ADV)

Gewährsleute für Dr. Grandel: Bayerns Ministerpräsident Gustav v. Kahr (l) und Münchens Polizeipräsident Ernst Pöhner (r) im Gespräch mit Erich Ludendorff - 1921 (BArch: Bild 183-R41120 / o.Ang.)
Über seine eingeholten Auskünfte führt Justizrat Class aus:
"Als ich später (-nach Kissinger Kurbeendigung am 20.5.1923-) nach München kam, habe ich mich über Grandel erkundigt. Die Auskunft, die ich über ihn erhielt, war ebenfalls günstig. Man schilderte ihn mir als zuverlässig, zwar als etwas eigenbrötlerisch, aber sonst völlig einwandfrei. Grandel hat mich dann wiederholt besucht. Es wurden Verhandlungen geführt, wie man dem besetzten Gebiete helfen könnte. Es war in jener Zeit, als der passive Widerstand (-von Reichskanzler Stresemann am 26.9.1923-) abgebrochen wurde, womit, wie bekannt, zahlreiche vaterländisch gesinnte Kreise nicht einverstanden waren. Was ich mit Grandel über politische Dinge gesprochen habe, das kann ich, da es zumeist das besetzte Gebiet betrifft, nur unter Ausschluß der Oeffentlichkeit vortragen.(...) Bei der Abwehr der separatistischen Aktionen hat Grandel sich beteiligt und dafür auch Gelder von mir erhalten." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 8048/672, S.291 - Prozess gegen Thormann/Grandel wg. Planung eines Attentats a. General v. Seeckt - darin enth. Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.12)
Nach einer weiteren Schilderung betont Dr. Grandel:
"Das letzte Geld, das ich von Claß für politische Zwecke erhalten habe, war vor Aufgabe des Ruhrwiderstandes." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.298/299 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.9/10 - 1924)
Auch in seinen Lebenserinnerungen geht Heinrich Class nochmals auf seine bayerische Rückversicherung bei Kahr und Pöhner ein, welches ganz nach einer späten Rechtfertigung klingt:
"Beide bezeichneten Grandel als einen ernsten, zuverlässigen Mann, und besonders Pöhner betonte, dass er unbedingt verschwiegen sei und eiserne Nerven habe. So hatte ich kein Bedenken getragen, den Verkehr mit Grandel aufrechtzuerhalten, nachdem er sich zur Mitarbeit bereit erklärt hatte." (BArch: N2368/3, Microfilm - Class: "Wider dem Strom", unveröffentl. Manuskript, S.653/654 - 1936)
In dem späteren Gerichtsurteil führt das Berliner Landgericht in diesem Zusammenhang aus:
"Der angeklagte Grandel lernte Mitte Februar 1923 gelegentlich einer Besprechung über die Angelegenheiten der besetzten Gebiete in Hamm den Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes, Justizrat Class kennen. Class hat sich in der Folgezeit über den Angeklagten mit gutem, Erfolg bei politischen Freunden in Süddeutschland erkundigt und räumte ihm bald die Stellung eines besonderen Beraters in wirtschaftlichen und Finanz-Angelegenheiten ein. So setzte sich Grandel mit Wissen des Justizrats Class mit dem Wirtschaftsstab des Generalstaatskommissar v. Kahr in Verbindung, um diesen zur Initiative in der Währungsfrage zu veranlassen. Grandel besuchte Class auch wiederholt in Kissingen (-, wo er ihm während des Kuraufenthaltes mehrere bayerische Freunde zuführte-) und in Berlin und übernahm besondere Aufgaben betreffend das Ruhrgebiet, zu deren Erfüllung ihm wiederholt Geld zur Verfügung gestellt wurde. Nach der Bekundung des Zeugen Justizrat Class hat Grandel zuletzt in den letzten Oktober- oder ersten Novembertagen Geld von ihm erhalten. Nach Aufgabe des passiven Widerstandes an Rhein und Ruhr war Grandel wiederholt in Berlin bei Class, berichtete ihm, wie sich Justizrat Class ausdrückt, was ihm von der 'süddeutschen Front' bekannt wurde und beriet mit ihm, was weiter geschehen solle." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.111-112/Bl.4-5 - Prozessakte von Thormann-Grandel v. Juni 1924)
Die Position der Reichswehr
Der gut vernetzte Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes führt zu dieser Zeit auch Gespräche mit dem Chef der deutschen Heeresleitung, General Hans von Seeckt.

Chef der deutschen Heeresleitung: General-Oberst Hans von Seeckt (BArch: Bild 136-B0240 / Tellgmann, Oscar - 1926)
In einer späteren Zeugenvernehmung während des Thormann-Grandel-Verfahrens berichtet Heinrich Class dem Untersuchungsrichter:
"Ich habe mit dem General 3 Mal verhandelt. Das erste Mal zum Beginn der Ruhrbesetzung, also Ende Januar oder Anfang Februar 23, das zweite Mal Ende Februar oder Anfang März 23, das dritte und letzte Mal im Sept. 23; es kann der 24. Sept. gewesen sein. Bei der ersten Besprechung teilte ich dem General die Nachrichten mit, die ich über die Aufstellung von Kampfverbänden im Ruhrgebiet und ihren Aktionsplänen erhalten hatte und sprach meine Ansicht dahin aus, daß eine erfolgreiche Aktion dieser Verbände nur denkbar sei, in engster Anlehnung an die Reichswehr und durch Unterstellung unter die oberste Heeresleitung. Der General dankte mir für meine Nachrichten und bat mich, meinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß planlose und überstürzte Aktionen vermieden würden. Im Zusammenhang hiermit trug ich vor, daß bei einem etwaigen milit. Zusammenstoß mit Frankreich im Innern die Errichtung einer nationalen Diktatur notwendig wäre." (Landesarchiv Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozess-Akte Thormann/Grandel, Zeugenaussage von Heinrich Class vor dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Nothmann v. 26.1.1924)
Im Anschluss an das von Class anberaumte Treffen in Hamm übertragen die Ruhr-Industriellen Heinrich von Thyssen-Bornemisza und Willy Scheidt dem Alldeutschen schließlich ...
"... die politische Leitung des ganzen Unternehmens und verpflichteten sich, binnen kurzem zwanzig Millionen Mark wertbeständig zusammenzubringen. Über dieses Geld, das den gemeinsamen Kriegsschatz darstellen würde, sollte Claß unter Gegenzeichnung der beiden Industriellen verfügen". (Kruck: "Geschichte des Alldeutschen Verbandes, 1890-1939", S.143 - 1952)
Der aktive Abwehrkampf
Auch Gottfried Grandel hat nun die Umsetzung dessen vor Augen, was zuvor in konspirativer Runde besprochen wurde. Nur zwei Tage nach dem Treffen in Hamm greift der Vorwärts eine Meldung aus Leipzig auf:
"Leipzig, 13. April (Eig. Drahtbericht.) Auf dem hiesigen Hauptbahnhof wurde ein aus 17 Personen bestehender, von einem ehemaligen Mitglied eines hanseatischen Freikorps geleiteter Transport angeblicher Ruhrflüchtlinge festgehalten. Als ihr Reiseziel gaben sie München und Augsburg an, wo sie angeblich als landwirtschaftliche Arbeiter Beschäftigung gefunden haben wollen. Der größte Teil dieser 'Ruhrflüchtlinge' besteht aus ehemaligen Freischärlern und war mit Revolvern und Dolchen ausgerüstet. Die Behörden glauben, daß sie von rechtsradikalen Kreisen angeworben wurden und zu irgendwelchen umstürzlerischen Zwecken Verwendung finden sollten." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.173 - "Ruhrflüchtlinge", S.3 v. 14.4.1923)

Aus dem Baltikum zurück: Mitglieder eines Freikorps (BArch: BildY 1-548-1540-67 / o.Ang.)
Auch Dr. Grandel, dfer mittlerweile nicht mehr Mitglied der NSDAP ist, schreibt über die Mobilisierungsmaßnahmen rückblickend:
"In den aktiven Ruhrkampf griff ich auf eigene Faust ein (-ab dem 11. April 1923, ohne offizielle Befürwortung Adolf Hitlers-), indem ich kleine Freikorps (-Hanseatisches Freikorps Hanfreko/Organisation Heinz-) warb und sie, ausgerüstet mit Geld und Waffen, ins Ruhrgebiet schickte, wo ich Verbindung mit zwei Oberingenieuren von Krupp hatte (-Kurt Haller/Gerhard Lorenzen-); diese setzten die Leute ein und es wurde mancher (-Sabotage-)Erfolg erzielt (...)." (BArch Berlin: NS26/514, S.592, Bl.7 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Werbebüro für Freikorps: "Freiwillige aus allen Waffengattungen" (Aus: "Die deutschen Freikorps - 1918-1923", Tafel 28/S.241 - Scherls Bilderdienst, Berlin - 1938)
Zu dem von Dr. Grandel genannten Kontaktmann Dipl.-Ing. Kurt Haller heißt es:
"Daneben entwickelte sich ein aktiver Widerstand, der von Vertretern der Ruhrindustrie, die natürlich durch die Besetzung enorme wirtschaftliche Verluste erlitt, aber auch durch Regierungsstellen in Berlin, vor allem im Reichswehrministerium, organisiert wurde. Die Ausführenden waren wieder einmal die ehemaligen Freikorpsleute, aktiv dabei auch die 'Organisation Heinz' (-Heinz Hauenstein/Hanseatisches Freikorps-) mit Schlageter als Führer einer Gruppe oder des 'Stoßtrupps Essen'. Hauensteins Hintermänner waren laut eigener Aussage Reichswehroffiziere im Berliner Ministerium und der Oberingenieur Haller von den Essener Kruppwerken, mit dem er dort am 12. Januar (-1923-) folgende Maßnahmen besprach:
1. Beobachtung des französischen Militärs und seiner Bewegungen
2. Überwachung des französischen Spionagedienstes
3. Störungen der französischen Versuche, beschlagnahmte Kohlen abzufahren, durch Sprengungen der in Frage kommenden Bahnlinie im Einverständnis mit den zuständigen Stellen.(...)
Außerdem wurde man in Essen durch Vermittlung Hallers mit Waffen sowie Sprengmaterial (...) ausgestattet. Da die Maßnahmen der Besatzer gegen den aktiven Widerstand verstärkt wurden, verlegte man die Zentrale Ende Februar nach Hamm." (Zwicker: "Nationale Märtyrer", S.54/55 - 2006)
Über den zentralen Krupp-Verbindungsmann Kurt Haller wird weiterhin vermerkt:
"An Waffen besaß Hauenstein (-Organisation Heinz/Hanseatisches Freikorps-) außer kleinen Handfeuerwaffen nach seiner Angabe fünf Maschinenpistolen, von denen er zwei von Haller, eine von einem gewissen Lorenzen (früher in Essen als Leiter eines Sondertrupps für Haller tätig, jetzt geflüchtet und unbekannten Aufenthalts) erhalten haben will. Zwei weitere Maschinenpistolen hat Schlageter von der Essener Polizei erhalten.(...) Lorenzen soll dem Vernehmen nach in Hamm bei Kastorf tätig sein." (Hürten: "Das Krisenjahr 1923: Militär und Innenpolitik 1922-1924", S.38 + 40 - 1980)
Der alldeutsche Verbandsvorsitzende Heinrich Class setzt seit dem Strategietreffen in Hamm vom 11. April 1923 Vertrauen in Gottfried Grandels Mitarbeit. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er über den Fortlauf der politischen Beziehung:
"Ich hatte ihm das Notwendigste über unsere Anschauungen und Pläne mitgeteilt. Er hinwiederum hatte mir gesagt, dass er in München eine Zahl von entschlossenen und verschwiegenen Leuten zusammengebracht habe, die bereit und fähig seien, jeden Auftrag auszuführen (-Organisation Consul/Ehrhardt?-). Als er mir dies mitteilte, dachte ich an (-Sabotage-)Massnahmen, die im alt- und neubesetzten Gebiet notwendig würden. Es handelte sich dabei um den Kampf gegen die Separatisten in meiner Heimat (-Mainz-) und der Umgebung. Dafür hatte ich Grandel Mittel zur Verfügung gestellt, da ich seinen Angaben über seine 'Helferschar' Glauben schenkte. Das war, wie ich bald erfahren sollte, mindestens voreilig." (BArch: N2368/3 - Class: "Wider dem Strom", unveröffentl. Manuskript, S.654 - 1936 + Hofmeister/Claß: "Politische Erinnerungen", S.714 - 2022)
Das Unternehmen stellt sich für alle Beteiligten als Herausforderung dar. So zeigt auch die von Dr. Grandel "auf eigene Faust" realisierte Aufstellung kleiner Freikorps gravierende Schwächen. In einem 1937 verfassten Rückblick auf die Besetzung des Ruhrgebietes wird vermerkt:
"Dafür zahlten die Franzosen um so besser in Franken. Und die Verräter strömten ihnen zu. Die Geschichte der deutschen Nachkriegszeit ist reich an solchen Erscheinungen. Aber wohl nirgends wurde so viel verraten wie während des Ruhrkampfes. In Scharen schlichen die gekauften Spitzel durch die Straßen und Lokale und denunzierten jeden, der auch nur eine verdächtige Äußerung getan hatte. Sie mischten sich als Provokateure unter die Menge und verstanden es, sich Eingang in die Kampforganisationen zu verschaffen. Fast sämtliche Sabotageprozesse wurden durch Verrat ermöglicht. Eine ganze Gruppe von Verrätern schien sich in einer Organisation (-Hanseatisches Freikorps(Organisation Heinz-) zu treffen, die von Augsburg aus aufgezogen wurde. Als sie zu einem ersten Sprengversuch bei Frankfurt a. M. die Demarkationslinie überschritt, wurde alles sofort von den Franzosen in Empfang genommen. In der Verhandlung stellte sich heraus, daß die Franzosen schon während der Bildung dieser Sabotagegruppe bis ins einzelnste unterrichtet wurden. Der Führer, Paul Sasse (-aus Röhlinghausen-), gehörte früher in Berlin zum Verbande nationalgesinnter Soldaten. Er war nicht nur an dem Verrat seiner Leute beteiligt, sondern verriet später auch noch den Kapitänleutnant Rudolf Andler und den Dipl.-Ing. Kurt Haller aus Essen, an die er sich angeblich im Auftrage des Korps Oberland herangemacht hatte und die ihm Vertrauen schenkten. Beide wurden von den Franzosen zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Franzosen ließen nach dem Verrat dieses Gesindel glatt fallen, stellten sie mit den anderen unter Anklage und verurteilten sie zu lebenslänglicher Zwangsarbeit!" (Grote: "Vorsicht! Feind hört mit!", S.195 - 1930)

"Dafür zahlten die Franzosen umso besser": Erhöhte Sicherheitsstufe durch die französischen Besatzer vor dem Essener Rathaus - 1923 (Fotografie aus Oetinger: "In Ketten vom Ruhrgebiet nach St. Martin de Ré", S.48 - 1940)
Die hier benannte Organisation, "die von Augsburg aus aufgezogen wurde", besitzt in der Rekrutierung dann auch keine glückliche Hand:
"Vier der Mitglieder hätten die Polizei benachrichtigt, wodurch die Angeklagten verhaftet worden sind." (Digitalisiert auf marchivum.de: Mannheimer General-Anzeiger, Abendausgabe, S.1 - "Todesurteil gegen sieben Deutsche" v. 30.6.1923)
Zu den verhafteten Mitgliedern des Freikorps wird weiter berichtet:
"Die Namen derselben sind: Max Hahme (-Berlin Tempelhof-), Fritz (-Friedrich-) Maurer (-Augsburg-) und Gruber (-Georg, Augsburg-), die zu den sieben am 29. Juni 1923 in Mainz zum Tode verurteilten und später zu lebenslänglicher Zwangsarbeit begnadigten Deutschen gehörten. Sie haben aus freien Stücken, nur um des schnöden Mammons willen, die deutsche Unternehmung verraten." (Oetinger: "In Ketten vom Ruhrgebiet nach St-Martin de Ré", S.72 - 1940)
Allein zu dem von Gottfried Grandel gelobten Freikorps-Mitglied Paul Sasse und dem Dipl.-Ing. Dr. Kurt Haller, der sich von der Firma Krupp in Essen für die Koordination der Abwehrmaßnahmen verantwortlich zeigt, heißt es in der Rückschau Oetingers weiter:
"Ferner war es Paul Sasse, der ganz grundlos den Franzosen die Namen und angeblichen Taten des Kapitänleutnants Rudolf Andler und des Diplom-Ingenieurs Dr. Kurt Haller, beide aus Essen, nannte, vielleicht auch in der Hoffnung, eine Belohnung zu erhalten oder seine Lage im Gefängnis zu verbessern." (Oetinger: "In Ketten vom Ruhrgebiet nach St-Martin de Ré", S.72 - 1940)
Der junge Platzmeister Paul Sasse, genannt Schütz, setzt während der Inhaftierung noch auf eine weitere Option:
"Zu der gestrigen Meldung, daß der zum Tode verurteilte Sasse aus dem Gefängnis ein Gnadengesuch an die französische Regierung gerichtet habe, worin er sensationelle Enthüllungen über die Geheimorganisationen 'Oberland' und 'Hanseatisches Freikorps' gemacht habe, ist noch zu bemerken, daß Sasse, wie das 'Echo du Rhin' schon seinerzeit in dem Bericht über die Verhandlung mitgeteilt hat, bereits in der Verhandlung vor dem französischen Kriegsgericht derartige angebliche Enthüllungen gemacht hat; u.a., dass sich außer in Frankfurt auch in Augsburg ein Bureau befinde, das die Sabotageakte im besetzten Gebiet organisiere und von dem (...) (-NSDAP-)Führer Dr. (-Adolf-) Frank gekleitet werde.(...) Da aber immerhin die Gefahr vorliege, daß die Franzosen den Angaben Sasses Glauben schenken, hält es die 'Volksstimme' für die Pflicht der deutschen Polizeibehörden, ohne Verzug den Behauptungen Sasses nachzugehen, insbesondere auch in Mannheim, wo nach den Angaben Sasses ebenfalls Sprengkolonnen gebildet werden sollen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, S.1 - "Erst sprengen, dann verraten" v. 15.7.1923)
Möglicherweise sind hier Dr. Grandels Kontakte zu seinem ehemaligen Wohnort Mannheim Grundlage für Paul Sasses Behauptungen gegenüber den französischen Ermittlern.
Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts stellt fest:
"Die Brücken- und Schienensprengungen im Ruhrgebiet sind nur von organisierten Abenteurern vorgenommen worden, weil sie bezahlt wurden. Vielleicht läßt sich die „DAZ." in Elberfeld darüber Auskunft geben, wer, wie jetzt festgestellt ist, im Mai 49 Sprengungen innerhalb der Grenze des Ruhrgebietes vorgenommen hat und welcher Abenteurer sie organisierte" (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.289, S.2 - "Der passive Widerstand" v. 23.6.1923)
Zu den von Dr. Grandel angedeuteten "Erfolgen" des Ruhrkampfes berichtet Der Spiegel weiter:
"Doch auch auf deutscher Seite war man nicht gerade zimperlich. Vielfach unterstützt durch nationalistische Einheiten aus dem Reich, sabotierten die Menschen zwischen Rhein und Ruhr die Arbeit der Besatzer, wo sie nur konnten - ob dies nun Menschenleben forderte oder nicht. So etwa im Juni 1923, als bei einem Sprengstoffanschlag auf einen belgischen Truppentransport neun Soldaten getötet wurden." (spiegel.de: "Her mit der Kohle!" v 9.1.2008)

Sprengung der Schienen (BArch: Bild 119-2303-0001 / o.Ang)

Sabotage am Schienennetz: Schadensbegutachtung nach dem Attentat (BArch: Bild 119-2303B / o.Ang.)
Auch Heinrich Class sammelt seine Erfahrungen während des Ruhrkampfes. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er:
"Im (-Oktober/-)November 1923 wurde ich aufgefordert, zu einem bestimmt umschriebenen Zweck für meine Vaterstadt Mainz einige zum Äussersten entschlossene Männer zur Verfügung zu stellen. Die Gesinnungsgenossen, die diese Sache an mich brachten, waren von den Franzosen ausgewiesen, sassen also ausserhalb des altbesetzten Gebietes. Sie behaupteten aber, die Fäden dort so fest in der Hand zu haben, dass ein Misslingen ihres Planes ausgeschlossen sei, wenn man ihnen zuverlässige Helfer an die Hand gebe. Ich liess Grandel nach Berlin kommen und fragte ihn, ob er für die Mainzer Aufgabe geeignete Leute habe; dabei sagte ich ihm genau, worum es sich handele. Dieser erwiderte, das sei der Fall. Bald darauf meldete er, dass er sieben seiner besten Leute auf den Weg gebracht hätte, und zwar zunächst nach der Stadt, in der der führende Mann des Unternehmens damals wohnte. Letzterer besuchte mich kurze Zeit darauf und berichtete mir mit nicht geringer Entrüstung, dass die Leute, die ihm geschickt worden seien, sich als völlig untauglich erwiesen hätten, höchst herausfordernd aufgetreten seien und auch erpresserische Forderungen gestellt hätten. Für die Lösung der gestellten Aufgabe seien sie unter keinen Umständen in Frage gekommen. Um ein grösseres Aufsehen zu vermeiden, habe er nichts anderes machen können, als sie mit reichlichem Zehrgeld versehen nach München zurückzuschicken. Das also waren die unbedingt zuverlässigen und tapferen Leute Grandels!" (BArch: N2368/3, Microfilm - Class: "Wider dem Strom", unveröffentl. Manuskript, S.654/655 - 1936 + Hofmann/Claß: "Politische Erinnerungen", S. 714/715 - 2022)
Zu dem politischen Hintergrund der in Mainz geplanten Geheimaktion heißt es:
"Von Aachen ausgehend griffen die 'separatistischen' Bestrebungen abermals auf das französisch besetzte Rheinhessen über. In Aachen war am 21. Oktober 1923 die Rheinische Republik ausgerufen worden, woraufhin auch einige Verbände der 'Separatisten' nach Mainz kamen. Hier kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, als eine Gruppe versuchte, das Polizeirevier in der Frauenlobstraße zu stürmen." (regionalgeschichte.de: "Ausrufung der 'Rheinischen Republik' 1923 in Mainz")
Bei dem von Heinrich Class angedeuteten Kommando-Unternehmen könnte es sich um eine angedachte Befreiungsaktion des sich den Franzosen widersetzenden Provinzialdirekors Karl Usinger gehandelt haben.
Juni 1923: Aburteilung der Eisenbahn-Saboteure
Die Mainzer Kriegsgerichtsverhandlung durch die französischen Besatzungstruppen ergeben am 29. Juni 1923 sieben Todesurteile. Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts schreibt:
"In der Nacht vom 25. auf den 26. Juni (-1923-) wurden in Bodenheim die Bruchstücke einer Schiene in die Mitte einer Weiche getrieben, um dadurch den Schnellzug Wiesbaden-Frankfurt, der um 4.10 Uhr die betreffende Stelle passieren mußte, zur Entgleisung zu bringen. Angeklagt sind die Deutschen
- Sasse (-Paul, genannt Schütz, 23, Platzmeister, zuletzt wohnhaft in Frankfurt, Stiefvater: Gustav Steinhof, Röhlinghausen b. Gelsenkirchen, Wanner Str.95-),
- Maurer (-Friedrich, 26, Uhrmacher, Kriegsbeschädigter, Augsburg, Ehefrau Franziska bei Stationsmeister Schneider, Buchloe/Schwaben-),
- Gruber (-Georg, 23, Maschinenschlosser, Kriegsbeschädigter, Augsburg, Mutter: Zürich 6, Neufrankengasse 25; Ein August Gruber ist zum Januar 1924 Vorarbeiter in Dr. Grandels Ölfabrik-),
- Hahme (-Max, 26, Schlosser, Kriegsbeschädigter, Ehefrau Käte, Berlin/ Tempelhof, Berliner Str.169, Baracke 5E-),
- Schneider (-Alfred, 18, Hausdiener, Vater Hermann, Reutlingen, Prühlstr.28-),
- Dreyer (-Willy/Wilhelm Karl, 22, Mechaniker, Vater Schlossermeister, Eichwalde-Schmöckwitz b. Berlin-),
- Lauth (-Richard, 26/27?, Kaufmann, Vater Heinrich, Frankfurt a. M., Kronprinzenstr.38-),
- Frey (-Karl/Peter?, 21, Bäcker, Bodenheim b. Mainz a. Rh., Vater Karl, Roßdorf b. Darmstadt-),
- Kögler (-Koehler/Koelbel?,Peter, 45, Gastwirt, Bodenheim b. Mainz a. Rh.-),
- (-Schied, durch Flucht entkommen-)
die sämtlich beschuldigt werden, Mitglieder einer Rechtsorganisation (-Freikorps Oberland, Gruppe Hanseatisches Freikorps-) zu sein, deren Zweck es sein soll, Sabotageakte in dem besetzten Gebiet vorzunehmen. Die fünf ersten angeklagten Personen sind beschuldigt, an der Sabotage von Bodenheim teilgenommen zu haben.(...) Unter den Einzelheiten, die die 'Agence Havas' über den Kriegsgerichtsprozeß, in dem sieben Deutsche zum Tode verurteilt wurden, veröffentlicht, befindet sich die Angabe, daß sie Mitglieder eines Freikorps gewesen seien. Die Angeklagten hätten zuerst geleugnet und hätten weiterhin erklärt, die Befehle zur Sabotage seien ihnen aus Augsburg von einem Dr. Franke (-Dr. Adolf Frank-) zugegangen (...)." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.302, S.1 - "Neue französiche Bluturteile" v. 30.6.1923 + deutsche-digitale-bibliothek.de/ Deutsches Zeitungsportal: Karlsruher Zeitung, S.1 v. 1.+ 2.7.1923 + digitalisiert auf marchivum.de: General-Anzeiger der Stadt Mannheim, Abendausgabe, S.1 - "Todesurteil gegen sieben Deutsche" v. 30.6.1923)
In einer Berichterstattung aus Mannheim wird über den Prozess vermerkt:
"In seinem Verhandlungsbericht macht das 'Echo du Rhin' Angaben über Geheimorganisationen in Deutschland. Danach soll ein gewisser Schied, der jedoch entkommen sei, der Kommandant der Expedition gewesen sein. Der Angeklagte Sasse sei ein hervorragendes Mitglied von 'Han-Freko', eine Abkürzung eines nationalistischen Geheimbundes 'Hanseatisches Freikorps' gewesen, das ein Ableger des Korps Oberland sei, in dem die Helfershelfer von Roßbach und Ehrhardt wirkten. Duch ein Aktenstück sei festgestellt, daß diese Geheimbünde unterstützt würden durch die republikanische Regierung in Berlin (Gouvernement republicain de Berlin). Der Angeklagte (-Paul Sasse-) habe die Aufgabe gehabt, Arbeitslose für die Armee der Saboteure anzuwerben, die die Attentate von der Ruhr bis zu den Grenzen der Pfalz und des Rheinlandes verüben solle.
Wie das 'Echo du Rhin' weiter behauptet, sollen die Aussagen der Angeklagten Maurer, Gruber, Hahme, Schneider, Dreyer, Lauth und Frey die Annahme zugelassen haben, daß in Frankfurt ein sehr gut ausgerüstetes Bureau existiert, wo die Saboteure ihre Ausrüstung und die nötigen Anweisungen erhielten. Dieses Bureau sei geleitet von einem gewissen Kriesheimayer, Weber, Retargarten und von Lavenstein; der letzte sei durch die Großindustriellen mit der Verwaltung der Organisation beauftragt. Das 'Echo du Rhin' geht sogar so weit zu behaupten, daß eine ähnliche Vereinigung auch in Augsburg existiere, wo es geleitet werde durch einen gewissen Sozialdemokraten (-Nationalsozialisten-) Dr. (-Adolf-) Frank (militant social-democrat)." (Digitalisiert auf marchivum.de: Mannheimer General-Anzeiger, Abendausgabe, S.1 - "Todesurteil gegen sieben Deutsche" v. 30.6.1923)
In einem weiteren Artikel wird festgehalten:
"Es ist bekannt, daß die Hakenkreuzorganisationen jeden, der irgendwo 'aus der Schule geschwätzt' hat, zu beseitigen trachten. Trotzdem finden sich in ihren Reihen so viele Spitzel, daß beispielsweise die französische Regierung, wie uns aus Paris berichtet wird, eine besondere Abteilung einrichten konnte, in der ganz genau Buch geführt wird über alle illegitimen Organisationen, ihre Stärke, ihre Ziele, ihre Mitgliederlisten usw. Wie uns versichert wird, ist darin Frankfurt a. M. als Haupt-'Umschlagplatz' der Konterrevolution bezeichnet.(...) In Frankfurt a. M. soll sich auch eine Dynamitzentrale befinden, ebenso in Mannheim. Als 'Organisatoren' werden in diesem Zusammenhang genannt: Dr. Pittinger, München, Maximilianstraße 33, in dessen Wohnung sich Schulz und Tillessen nach dem Attentat auf Erzberger aufgehalten haben sollen (...). Ferner Brandel (-Dr. Grandel?-), (-Heinz-) Hauenstein, und Leutnant Heinze, jetzt stud. chem. in Pankow, 'der auch in Frankfurt a. M. ein längeres erfolgreiches Gastspiel gegeben haben will' (Heinze wurde bekanntlich einmal nach dem Erzbergermord in Frankfurt a. M. von der Polizei verhaftet, aber vom Untersuchungsrichter wieder freigelassen), endlich der (mittlerweile verhaftete) Dr. (-Arnold-) Ruge, der sich auch Berger und Pongratz nannte (...)." (Frankfurter Volksstimme, Nr.15 - "Wieder ein politischer Mord?" v. 9.7.1923 aus: LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.171/172 - Prozessakte Thormann-Grandel, Reichskommisssar/Mühleisen an Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 12.2.1924)
Zu dem Zeitungsartikel der Frankfurter Volksstimme schreibt das Reichsministerium für öffentliche Ordnung:
"In der Anlage beehre ich mich, einen Ausschnitt aus der 'Frankfurter Volksstimme' vom 9.7.23 zu überreichen, in dem ein gewisser Brandel als Organisator von Sabotage-Unternehmen genannt wird. Da auch im (Attentatsprozess-)Falle Thormann Grandel zuerst unter dem Namen Brandel aufgetreten ist und eine gleichartige frühere Betätigung bei ihm festgestellt sein soll, nehme ich an, dass Grandel gemeint ist. Die in demselben Ausschnitt weiter genannten Leute Dr. (-Arnold-) Ruge alias Berger, Pongartz, Weiland und Mussweiter sind Leute der Nachrichtenzentrale des früheren Freikorps 'Oberland'. Gegebenenfalls wäre es für die Untersuchung nicht ohne Interesse festzustellen, ob Grandel diese Leute kennt." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.171 - Prozessakte Thormann-Grandel, Reichskommisssariat/Mühleisen an Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 12.2.1924)
Todesurteil wegen Sabotage: Die Hinrichtung von Albert Leo Schlageter
Ergänzend dazu die Welt vom 11. Januar 2013:
"Nach der Sprengung des Emscher-Durchlasses am Rhein-Herne-Kanal kam es zu zahlreichen Hinrichtungen. Zum Tode verurteilte Saboteure wie der Nationalsozialist Albert Schlageter wurden zu Märtyrern. Auch Kommunisten wurden im 'Ruhrkampf' populär." (welt.de: "Der Ruhrkampf ruinierte das deutsche Bürgertum" v. 11.1.2013)
Der Spiegel schreibt über den bekannten Widerstandskämpfer:
"Der Nationalsozialist Albert Leo Schlageter, der gemeinsam mit anderen gleichgesinnten Freikorpskämpfern die Besatzung etwa durch Brückensprengungen sabotiert hatte, wurde von den Franzosen gefangen genommen und trotz landesweiter und internationaler Proteste am 26. Mai 1923 hingerichtet. Darauf wurde er zum nationalen Helden, den selbst die Kommunisten feierten." (spiegel.de: "Her mit der Kohle!" v. 9.1.2008)
Dr. Grandel erwähnt Rückblickend in seinem NSDAP-Archivbericht den damaligen Kontakt zu seinem hingerichteten Parteigenossen:
"Leo Albert Schlageter stand mit meinen Trupps in Verbindung." (BArch Berlin: NS26/514, S.592, Bl7 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Führend im Abwehrkampf gegen die französischen Besatzer: Albert Leo Schlageter (BArch: Bild 183-J27290 / o.Ang. - 1918)

Albert Leo Schlageter - 1922 (Wikimedia Commons / - Datei: Schlgt.jpg - Portrait von 1922)

Urteilsvollstreckung nach dem französischen Kriegsgerichts-Urteil: Tod durch Erschießung - 26. Mai 1923 (Wikimedia Commons / George Grantham Bain Collection - Datei: Albert Leo Schlageter facing firing squad.jpg - Dortmunder Hinrichtungs-Darstellung aus von 1923)

Erinnerungskultur in einer Sandkuhle auf der Golheimer Heide bei Düsseldorf: Ort der Erschießung von Albert Leo Schlageter - 1923 (Aus: "Die deutschen Freikorps - 1918-1923", Tafel 51/S.441 - Scherls Bilderdienst, Berlin - 1938)
Hitlers Umschwung - Schlageters posthume Vereinnahmung
Die Unterstützung des deutschen Ruhr-Widerstandes lehnt der nationalsozialistische Führer grundsätzlich ab. Adolf Hitler positioniert sich bereits seit dem Jahresbeginn 1923 offiziell ablehnend gegenüber den geplanten Sabotageakten. Hierzu schreibt der ehemalige Gauleiter Albert Krebs rückblickend:
"Während des oberschlesischen Aufstandes hatte Hitler für seine Anhängerschaft die Teilnahme an dem deutschen Widerstand, der seinen Höhepunkt in der Erstürmung des Annabergs fand, mit Heftigkeit abgelehnt.(...) Dem Ruhrwiderstand gegenüber, und zwar ebenso dem aktiven wie dem passiven, nahm Hitler die gleiche Haltung ein. Erst der Tod Schlageters, der einen außerordentlichen starken Widerhall in weiten Kreisen der deutschen Jugend fand, zwang Hitler zu einem gewissen Einlenken. Grundsätzlich blieb er jedoch bei der Verneinung aller Aktionen des 'Systems', mochte deren Zielsetzung einen noch so einwandfreien Charakter tragen. Dies begründete er damit, daß dem System infolge seiner geheimen Bindungen an übernationale Mächte und seiner dadurch bedingten Schwäche ein wirklicher Erfolg ja doch unerreichbar und wahrscheinlich nicht einmal erwünscht wäre. Seine Parole lautete: 'Nationale Aktionen des Systems sind innerlich unwahrhaftige und verlogene Aktionen. Der idealistische Kämpfer, der sich an ihnen beteiligt, ist noch immer verraten worden und wird immer wieder verraten werden!'" (Krebs: "Tendenzen und Gestalten der NSDAP - Erinnerungen an die Frühzeit der Partei", S.121 - 1959)
Die politische Position Adolf Hitlers zum aktiven Ruhr-Widerstand gegen Frankreich verwundert, doch offenbar ist Hitlers Anweisung zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht für alle Parteigenossen bindend. Im "Portal Rheinische Geschichte" heißt es zum NSDAP-Mitglied Josef Grohe' beispielsweise:
"Dem Sabotage-Verbot Hitlers(!) und der Anweisung des ersten Kölner NSDAP-Ortsgruppenleiters Hermann Breuer zum Trotz beteiligte sich der junge Grohe' an Attentaten gegen die verhassten französichen Ruhrbesetzer (...)."
Nach seinem Mai-Besuch in Augsburg begreift Hitler jedoch die Möglichkeit einer propagandistischen Vereinnahmung der von den Franzosen veranlassten Hinrichtung des Widerständlers Albert Leo Schlageter. Aufgrund der besonderen Situation vereinbart er kurzfristig mit der Augsburger Ortsgruppe den 6. Juli 1923 für eine weitere Massen-Versammlung, auf der er dann betonen wird:
"Wer die Sabotageakte im besetzten Gebiet macht, dessen brauchen wir uns nicht zu schämen. Aus den Reihen unserer Gegner kommen die Männer, die dem gallischen Erbfeind das Leben so schwer als nur möglich machen, nicht. Sie brachten bis heute nur die Verräter des deutschen Volkes und deutscher Helden auf den Damm. Ich bin stolz darauf, Führer einer Bewegung zu sein, die Schlageters hervorbringt, Männer, die den Mut haben, Sabotageakte zu verüben." (BArch Berlin: NS26/1132, Augsburger Parteiblatt Sturm-Glocke, S.2 v. 19.7.1923)
Auf einer öffentlichen Versammlung in der Augsburger Sängerhalle weicht Adolf Hitler von dieser ablehnenden Haltung ab. Der Grund ist einfach: Der von den Franzosen zuvor hingerichtete Albert Leo Schlageter eignet sich plötzlich für nationalsozialistische Propagandazwecke.
Die Augsburger Freikorpsaufstellung, von der Gottfried Grandel in seinem Archivbericht an die NSDAP berichtet, gerät nach dem Tod Albert Schlageters in den Fokus der parteipolitischen Auseinandersetzung. Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts vom 5. Juli 1923 berichtet über Dr. Grandels Nachfolger in der Ortsgruppenleitung, Oberstadtmann Dr. Adolf Frank:
"Im Verlauf der letzten Mainzer Kriegsgerichtsverhandlungen, die zu einem Todesspruch gegen sieben Deutsche führten, soll u. a. festgestellt worden sein, daß die Beschuldigten von einem gewissen Dr. Franke - Augsburg, 'Mitglied der Sozialdemokratischen Partei', zu den verbrecherischen Taten aufgefordert sein sollen. In Wirklichkeit handelt es sich aber auch hier um einen maßgebenden Vertreter und Führer der Augsburger Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, der es vorgezogen hat, junge unerfahrene Elemente für Geld und gute Worte in den Tod zu treiben, während er selber weit vom Schusse seine eigene Haut sicherte. Dieses Mitglied unserer sogenannten 'nationalen Kreise' ist Oberstadtmann (-Dr. Adolf Frank-) bei der Stadtverwaltung Augsburg." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.309, S.3 - "Dr. Franke, der 'Ruhrkämpfer'" v. 5.7.1923)

Spätere Beförderung zum Regierungsdirektor: Dr. Adolf Frank - 1933 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_7663)
Die hier erwähnten Kriegsgerichtsverhandlungen durch die französichen Besatzungstruppen beziehen sich auf Todesurteile, die am 29. Juni 1923 in Mainz verhängt wurden.
In dem von der AugsburgerVeranstaltung am 6. Juli 1923 angefertigten Polizeibericht hießt es:
"Bereits um 1/2 8 Uhr war die Sängerhalle bis zu dreiviertel gefüllt; die Teilnehmer wurden am Eingang von Kriminalbeamten nach Waffen untersucht. Angehörige der Nationalsozialistischen Partei waren trotz des bestehenden Verbotes in grauer Jacke und Mütze mit Hakenkreuz und Fahnen erschienen; diese sogenannte Hitler-Garde war im Halbkreis auf der Bühne aufgestellt, die mit nationalsozialistischen Fahnen geziert war. Unter den Zuhörern konnte man alle Bevölkerungsschichten bemerken. Um 8 Uhr 5 Minuten erschien Hitler, von der Versammlung mit stürmischem dreifachen Heil begrüßt. Unmittelbar darauf eröffnete der Leiter der heutigen Versammlung, Stadtamtmann Dr. Frank, die Versammlung. Er bat die Anwesenden mit Rücksicht auf den Führer Hitler das Rauchen einzustellen; nach kurzer Begrüßung der Anwesenden verwahrte er sich gegen die in letzter Zeit in der Linkspresse enthaltenen Angriffe auf seine Person bezüglich der Mitschuld, bzw. Urheberschaft an den Sabotageakten im Ruhrgebiet." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv,de: BArch NS26/53, S.77/78)
In einer späteren Berichterstattung wird zu Dr. Frank vermerkt:
"Für nähere Auszeichnung des Dr. Fr. (alias Frank) sei noch mitzuteilen, daß in einem Wahlflugblatt der Großdeutschen Volksgemeinschaft zur Wahl des Amtmannes Dr. Frank (Augsburg) aufgefordert worden war mit dem Bemerken, daß dieser in hervorragendem Maße das Vertrauen Hitlers genieße und (-1922-) Gründer der (-hitlertreuen-) Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Augsburg sei. Erwähnt wird auch, daß Dr. Frank der Führer des Geheimbundes 'Hanfreko' (Hanseatisches Freikorps) gewesen ist." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de, Deutsches Zeitungsportal: Berliner Tageblatt und Handelszeitung - "Isidor Kreil und seine Freunde", S.3 v. 12.2.1925)

"'Hanfreko', dit aussi 'Organisation Heinz'": Emblem mit Anker - 1923 (Glombowski: "Organisation Heinz" - 1934)
Das Freikorps wird laut einem Zeitungsartikel als Untergruppe geführt:
"Die ersten sieben Angeklagten sind beschuldigt, aktive Mitglieder einer zum Zwecke der verbrecherischen Eisenbahnsabotage im unbesetzten Gebiet gebildeten Geheimorganisation 'Oberland', Gruppe 'Hanfreko' (Hanseatisches Freikorps) zu sein und dadurch Personen und Eigentum der französischen Besatzungstruppen gefährdet zu haben." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Durlacher Tageblatt, Nr.150 - "Das neue Schreckensurteil", S.1 v. 2.7.1923)
Inhaftierung: Freikorps-Mitglieder auf der französischen Gefängnis-Insel St. Martin de Ré
Dr. Grandel notiert in seinem Archivbericht rückblickend:
"... es wurde mancher Erfolg erzielt, trotzdem die Severing-Polizei mit den Franzosen zusammenarbeitete und diesen mehrere der jungen Leute auslieferte, so u.a. den tapferen jungen (-Paul-) Sasse aus Berlin. Die Namen der Krupp-Oberingenieure (-Dr.-Ing. Kurt Haller u. Chemiker Dr.-Ing. Gerhard Lorenzen-) sind mir leider entfallen; der eine (-Kurt Haller-) wurde leider von den Franzosen geschnappt und kam auf die Insel St. Martin de Ré; erst vier Jahre später kam er, an Leib und Seele gebrochen, zurück." (BArch Berlin: NS26/514, S.592, Bl.7 - Dr. Grandel an das Hauptarchiv der NSDAP v. 22.10.1941)
Aus dem Gefängnis wird sodann von einem Mitgefangenen Sasses an die französischen Behörde ein Gnadengesuch gestellt:
"Herr General (-Déguette/Düsseldorf-), ich rechne auf Ihr Wohlwollen und auf die französische Großmut und hoffe ferner, daß Sie mich nicht in die Hände der deutschen Justizbehörden fallen lassen werden, da ich durch meine Aussagen dem Unternehmen Frankreichs im vergangenen Jahr einen großen Dienst geleistet habe." (Oetinger:"In französischen Kerkern", S.114 - 1925 + Grote: "Vorsicht! Feind hört mit!", S.195 - 1930)
Für Paul Sasse läuft es trotz seiner den Franzosen gemachten Aussagen in der Gefängnisanstalt Saint-Martin de Ré nicht gut:
"Herr Sasse trug bei meinem Besuche eine Binde um den Kopf. Er war in der Gegend des linken Auges von einem Verbrecher ziemlich schwer verwundet worden, wobei ein Beamter zugegen war. Bei der Verhandlung des Falles wurde dem Verbrecher geglaubt und Herr Sasse obendrein zu zwei Tagen Einzelhaft verurteilt. Als er dann an der Kette wegen der Kälte von einem Fuß auf den anderen trat, bekam er wegen 'Tanzens' noch zwei Tage hinzu. Außerdem wurde er noch vier- oder fünfmal geschlagen." (Oetinger: "In Ketten vom Ruhrgebiet nach St-Martin de Ré", S.230 - 1940)
Zu den französischen Haftbedingen des Dipl.-Ing. Kurt Haller von den Essener Kruppwerken heißt es:
"Auch Herr Haller hatte tiefliegende Augen und sah sehr blaß aus. Bezüglich des Briefwechsels mit der Heimat führte Herr Haller als Beispiel an, daß ein vom 30. November datierter Brief ihm erst am 10. Februar ausgehändigt wurde. Der stellvertretende Direktor gab als Erklärung an, daß dieser Brief Herrn Haller von Gefängnis zu Gefängnis nachgesandt worden sei und dadurch die Verzögerung entstanden wäre. Auf meine Frage, ob seine Frau die Briefe nicht in französischer Sprache abfassen könne, sagte mir Herr Haller, daß seine Frau jetzt versuche, in französischer Sprache zu schreiben, daß dies ihr aber derartige Schwierigkeiten mache, daß ein regelrechter Briefverkehr auf diese Weise nicht entstehen könne. Ich wies ihn darauf hin, daß Frau Haller ihre Briefe durch Rechtsanwalt Grimm übersetzen lassen könne, worauf Herr Haller mir erwiderte, daß er nicht in der Lage sei, irgendwelche Kosten dafür zu tragen. Auf Befragen bezüglich seines Gesundheitszustandes betonte auch Herr Haller, daß er in materieller Hinsicht keine Klagen vorbringen wolle; die größten Leiden, die er zu erdulden habe, seien eben die Leiden moralischer Art, die dadurch hervorgerufen würden, daß er als ein gemeiner Verbrecher behandelt werde. Im übrigen habe er keinerlei Vertrauen zu dem Depotarzt und würde es eher vorziehen, körperliche Leiden zu ertragen, ohne die Hilfe des Depotarztes in Anspruch zu nehmen. Herr Haller sagte mir noch, daß sämtliche Gefangenen sich darüber einig seien, ab 1. April den Hungerstreik anzutreten, falls bis dahin keine Abänderung ihrer Lage erzielt sei. Bei dieser Bemerkung wies ihn der stellvertretende Direktor darauf hin, daß dieses Meuterei sei. Auch ich wies Herrn Haller darauf hin, daß seitens der deutschen Regierung und der Deutschen Botschaft in Paris ständig mit allen zu Gebote stehenden Mitteln dahin gewirkt werde, daß sie als politische Gefangene betrachtet und entsprechend behandelt werden, daß sie baldigst in Strafanstalten des besetzten Gebietes übergeführt werden, wenn nicht ihre vollkommene Begnadigung erreicht werden kann." (Oetinger: "In Ketten vom Ruhrgebiet nach St-Martin de Ré", S.210/211 - 1940)
"Herrn Haller war seine mit Horn eingefaßte Brille als unerlaubt weggenommen worden. Trotzdem er schlechte Augen hat, wollte der Arzt ihm keine Brille wieder geben. Erst nach zwei Monaten hat er durch Vermittlung eines Beamten der Deutschen Botschaft ohne den Arzt seine Brille erhalten." (Oetinger: "In Ketten vom Ruhrgebiet nach St-Martin de Ré", S.232 - 1940)

Kurz vor dem Übersetzen zur Gefängnis-Insel St. Martin de Ré: Ankunft der Sträflinge am Hafen (Fotografie aus Oetinger: In Ketten vom Ruhrgebiet nach St. Martin de Ré, S.177 - 1940)
In einer französichen Publikation heißt es zu den für den Ruhrkampf relevanten Freikorps:
"La plus grande partie des sabotages de la Ruhr et de Rhénanie sont l'oeuvre de deux organisations, qui tout en agissant indépendamment l'une de l'autre, reçoivent toutes deux leurs mots d'ordre de Berlin: le Freikorps Oberland et le Hanseatische Freikorps, dit 'Hanfreko', dit aussi 'Organisation Heinz'. On sait combien ces organisations étaient soutenues, protégées et financées par le gouvernement du Reich, par la Reichswehr et par certains grands industriels de la Ruhr. Lors du procès Hitler, après l'échec du putsch de la brasserie, von Lossow, le chef de la Reichswehr en Bavière, affirme qu'en février 1923, le gouvernement avait décidé de transformer pour mai la résistance passive en résistance active. En parallèle au réarmement de la Reichswehr, on encouragea dans la Ruhr la formation d'équipes de saboteurs expérimentés 6. Le quartier général de la section sabotage du Hanfreko est le bureau de travail de von Beisel, ingénieur aux usines Krupp d'Essen. Krupp apporte au mouvement les fonds nécessaires et lui fournit les explosifs, par l'intermédiaire du docteur Creuzfeld, directeur des laboratoires de chimie. C'est aussi dans un bureau de l'usine Krupp que Schlageter, chef du Sprengkommando d'Essen et dirigeant la section assassinats du Hanfreko (Mordkommission), ainsi que Lorenzen, chef de la section espionnage, reçoivent leurs instructions du ministère de la Reichswehr, à Berlin, et centralisent leurs informations." (Jeannesson: "Poincaré, la France et la Ruhr, 1922-1924", S.263 - 1998)

"'Hanfreko', dit aussi 'Organisation Heinz'": Emblem mit Anker - 1923 (Glombowski: "Organisation Heinz" - 1934)
Auch der Petit Parisien schreibt in seiner Pariser Ausgabe vom 30. Juni 1923 über die Mainzer Kriegsgerichtsurteile vom 29. Juni 1923.
Den Untergliederungspunkt "Ruhrkampf" schließt Gottfried Grandel in seinem NSDAP-Archivschreiben von 1941 mit folgender Einschätzung ab:
"Das Verhalten der damaligen Berliner Regierung Cuno-Severing ist eines der traurigsten Kapitel jener schmachvollen Zeit (-im Verhältnis zwischen den Vorkämpfern des aktiven Widerstandes und der Polizei des preußischen Ministerpräsidenten Severing-). Die Schuld an dem fürchterlichen Verbrechen der Inflation, die oft auf die Ruhrbesetzung an sich zurückgeführt wird, trifft in Wahrheit drei maßgebende Männer: Reichskanzler Cuno von Zentrums Gnaden, den sozialdemokratischen jüdischen Reichsfinanzminister Zahnarzt Dr. Hilferding und den Reichsbankpräsidenten v. Havenstein." (BArch Berlin: NS26/514, S.592, Bl.7 - Dr. Grandel an das Hauptarchiv der NSDAP v. 22.10.1941)
Die politischen Berührungspunkte von Heinrich Class und Gottfried Grandel setzen sich über die gemeinsame Phase des Ruhrkampfes fort. So heißt es in einer Buchveröffentlichung:
"Ein Nachspiel folgte freilich noch im darauffolgenden Jahr, als Claß beschuldigt wurde, einen süddeutschen Fanatiker zur Ermordung Seeckt angestiftet zu haben. Es gelang ihm, sich nach mehrwöchigen Verhandlungen von diesem Verdacht zu reinigen. Bestehen blieb jedoch die unter Eid abgegebene Erklärung des Generals, Claß hätte ihn bei jener Unterredung im September 1923 zu einer hochverräterischen Handlung veranlassen wollen." (Kruck: "Geschichte des Alldeutschen Verbandes, 1890-1939", S.148 - 1952)
Ein weiterer Artikel vermeldet in diesem Zusammenhang:
"Über die frühere Tätigkeit Thormanns, der bei dem Anschlagsplan gegen General von Seeckt eine Rolle gespielt hat, meldet eine Nachrichtenstelle: Thormann tauchte im Frühjahr 1923 in der Roßbachbewegung auf. Er soll sich das Vertrauen Roßbachs erworben haben und von ihm im Januar 1923 nach München entsandt worden sein. Dort machte er sich bald verdächtig durch seine regelmäßigen Reisen nach der Pfalz, dem Rheinland und ins Ruhrgebiet. Besonders auffallend war, daß er regelmäßig nicht unerhebliche Beträge von französischen Franken bei sich führte. Im Herbst schied er aus der Ehrhardtbewegung aus. Die Tatsache, daß Thormann sich gerade an Dr. Grandel herangemacht hat, erscheint in eigentümlichen Licht, wenn man berücksichtigt, daß der in der antiseparatistischen Bewegung in der Pfalz tätige Grandel von den Franzosen auf die schwarze Liste gesetzt wurde." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.35, S.2 - "Der Anschlag gegen Seeckt" v. 5.2.1924)

Abmarschbereit: Abzug französischer Truppen aus Dortmund - September 1924 (BArch: Bild 102-00655 / Pahl, Georg)
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(Chemiker Dr.-Ing. Gerhard Lorenzen, geb. 13.3.1894 Hamburg, gest. 20.12.1967 Bochum, Betriebsleiter bei Elektrische Licht- und Kraftanlagen AG in Berlin, ab 15.9.26 und zuletzt Leiter der wissenschaftlichen Abteilung bei Dr. C. Otto & Comp. GmbH, Koksofenanlagen, Christstr.9, Bochum-Dahlhausen)
Grandel/Hubricht: Währungsplan für ein eigenständiges Bayern
(403-1923) Die Stimmung der Bevölkerung ist 1923 besonders stark gedrückt; in den notleidenden Schichten herrscht Verzweiflung.
In geheimen Berichten wird vermerkt:
"Infolge des völligen Zusammenbruchs der Währung hat die ganze Wirtschaft den Halt verloren. Arbeitslosigkeit und Hunger stehen wie drohende Gespenster vor vielen Türen und niemand weiß, wie die Gefahren abgewendet werden sollen." (Thieme/Lamprecht: "Mein Augsburg", S.44 v. 1983)

Entwertung des Papiergeldes durch Hyperinflation: Innerhalb von nur 5 Jahren springt die Währung von 5 Mark auf 5 Milliarden Mark (Fotografie im Privatbesitz)

Rückkehr zum Tausch- und Naturalienhandel - Herbst 1923 (Fotografie im Privatbesitz + Thieme/Lamprecht: "Mein Augsburg", S.44 v. 1983)
Laut einer bayerischen Denkschrift des BVP-Landtagsabgeordneten Karl Rothmeier vom 17. Oktober 1923 an den bayerischen Ministerpräsidenten Eugen v. Knilling wird Dr. Grandel in Zeiten der Hochinflation als Finanzminister einer diktatorischen Schattenregierung für Bayern gehandelt.
Kurz zuvor hatte Dr. Grandel "mit (-dem Freiberger Theodor Emil-) Hubricht einen ausgezeichneten Währungsplan ausgearbeitet".
"Pittinger ließ einen Wirtschaftsplan ausarbeiten und holte von Sachverständigen ausführliche Gutachten über die Schaffung einer bayerischen Binnenwährung ein. (FN25: Akt "Bund Bayern und Reich")
Eine wichtige Rolle spielte Dr. G.(-ottfried-) Grandel, Augsburg." (Franz-Willing: "Die Hitlerbewegung - Der Ursprung 1919-1922", S.55 - 1962)
Der Freiberger Emil Hubricht schildert in seinem Vorwort zur dritten Auflage seiner Währungs-Schrift:
"Im April 1922 veröffentlichte ich im Selbstverlag eine kleine Schrift: Währungsreform als Vorbedingung wirtschaftlicher Gesundung. Sie war bald vergriffen und im Nov. 1922 gab ich sie nochmals in erweiterter Gestalt heraus." (Hubricht: "Währungsreform", S.1, 1931)

Emil Hubricht: Vorschlag zur Stabilisierung der Währung - 1931 (Fotografie im Privatbesitz)
Der sächsische Kaufmann und Verleger Emil Hubricht, in Währungsfragen bis dahin noch nicht hervorgetreten, unterschlägt in der späteren Veröffentlichung offenbar bewusst die Mitarbeit seines Freundes Dr. Grandel an den währungspolitischen Überlegungen. Auch Emil Hubricht steht während der Weimarer Republik einem germanischen Orden nahe, der einen allzu öffentlichen Bezug der Ordensmitglieder zueinander möglicherweise scheut. In dem 1924 verfassten Urteil des Berliner Landgerichts wird hingegen auf die währungspolitische Betätigung Gottfried Grandels Bezug genommen:
"Class hat sich in der Folgezeit über den Angeklagten mit gutem Erfolg bei politischen Freunden in Süddeutschland erkundigt und räumte ihm bald die Stellung eines besonderen Beraters in wirtschaftlichen und Finanz-Angelegenheiten ein. So setzte sich Grandel mit Wissen des Justizrats Class mit dem Wirtschaftsstab des Generalstaatskommissar v. Kahr in Verbindung, um diesen zur Initiative in der Währungsfrage zu veranlassen. Grandel besuchte Class auch wiederholt in Kissingen und in Berlin (...)." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.111-112/Bl.4-5 - Prozessurteil Thormann-Grandel v. Juni 1924)
Weiter heißt es in einem Münchner Nachrichtenblatt:
"Wie diese Beziehungen des Dr. Grandel zu Herrn v. Kahr beschaffen waren, ergibt sich aus der Feststellung, daß Dr. Grandel im Generalstaatskommissariat mit zwei finanzpolitisch interessierten Herren (-Oberfinanzrat Dr. Paul Bang?/Emil Hubricht-) vor Monaten einen Währungsplan unterbreitete, der von den Sachverständigen abgelehnt wurde." (Digitalisiert auf digitale-sammlung.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.38, S.6 - "Eine neue Enstellung des 'Vorwärts'" v. 8.2.1924 mit Bezug auf den Vorwärts-Artikel "Wetterleuchten" v. 5.2.1924)
Auch das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts berichtet in einer Prozessbeobachtung über das Währungs-Engagement Dr. Grandels. Dieser betont in einer zitierten Aussage:
"Auch mit Herrn v. Kahr war ich in Fühlung, da ich mich mit der Währungsfrage in seinem Wirtschaftstab abplagte. Ich drängte Kahr, er möge, was die Währung anging, die Initiative ergreifen, doch brachte der frühere Generalstaatskommissar nicht den nötigen Mut auf." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.246, S.10 - "Ich hatt' einen Kameraden" v. 27.5.1924 + digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924)
Emil Hubricht wiederum schildert das Treffen mit dem Generalstaatskommissar wie folgt:
"Im (-18.-) Oktober 1923 hielt ich in München einen Vortrag über Währungsreform und Naturalwährung, dessen Inhalt einige Wochen später von Herrn von Kahr zum Gegestand einer Erörterung im Kreise von Bankfachleuten gemacht wurde." (Hubricht: "Währungsreform", S.1 - 1931)

Währung außer Kontrolle: "Das Schicksal Deutschlands in seinen Händen" - August 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
In einer diesbezüglichen Zeugenaussage in der Münchener Gerichtsverhandlung zum Hitler-Putsch wird betont:
"In Bayern ist damals (-1923-) der Gedanke von einer Goldbank erwogen worden. Kahr, Seißer und ich (-v. Lossow-) waren der Ansicht, daß wir eine bayerische Währungsreform nicht durchführen könnten, weil dies eine Separation bedeutet hätte." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.126, S.1 - "Lossows 51 Prozent" v. 14.3.1924)
Doch die Überlegungen zum bayerisch-separatistischen Währungsplan vertritt Emil Hubricht selbstbewusst:
"Auch heute noch (-1931-) halte ich meinen damaligen Vorschlag für die beste Lösung des Währungsproblems und seine Durchführung für den festesten Riegel gegen jede Inflation und Deflation und damit gegen alle von Kaufkraftschwankungen des Geldes herrührenden Wirtschaftskrisen und gegen Arbeitslosigkeit." (Hubricht: "Währungsreform", S.1 - 1931)
Der Wirtschaftstheoretiker Franz Haber greift 1926 die im Umlauf befindlichen Währungsmodelle auf und unterzieht sie einer kritischen Betrachtung:
"Die Wiedergabe der Reformvorschläge lehnt sich möglichst an den Wortlaut der betroffenen Reformer an. Die Kritik verfolgt nicht die dogmenhistorische Entwicklung der einzelnen Reformprojekte, sie greift heraus, was ihr als Irrtum interessant erscheint für die theoretische Betrachtung" (Haber: "Untersuchungen über Irrtümer moderner Geldverbesserer", Vorwort VI - 1926)
In Konkurrenz zu Gottfried Feder: Emil Hubrichts Währungsreform - 1926 (Haber: "Untersuchungen über Irrtümer moderner Geldverbesserer", Inhaltsverzeichnis - 1926)
Eine ausführliche Erwähnung findet das Thema Währungsreform im Buch von Georg Franz-Willing. Demnach wird das beabsichtigte Szenario in einer Denkschrift wie folgt beschrieben:
"Es gibt heute nur den einen Ausweg, daß Bayern erklärt, die Reichsregierung sei von der Weimarer Verfassung abgewichen; deshalb könne Bayern diese Verfassung nicht mehr anerkennen und nehme seine Geschicke als Bundesstaat selbst in die Hand. Es soll betont werden, daß Bayern den Reichsgedanken nicht aufgibt. Bis aber eine neue föderalistische Verfassung geschaffen ist, wird Bayern die gesamten staatlichen Obliegenheiten selbst übernehmen. Nur so kann Bayern ideell einer fortschreitenden Bolschewisierung von Berlin her und einer völligen Auslieferung an die Goldene Internationale entgehen. Der Bolschewismus wird vom Reich aus durch Steuergesetzgebung, Notverordnungen, Goldanleihe und Devisenverschiebung betrieben, durch ausländische Anleihen wächst die Abhängigkeit vom internationalen Kapital." (Franz-Willing: "Krisenjahr der Hitlerbewegung 1923", S.354/355 - 1962)
Geplant ist nach diesen Ausführungen, dass aufgrund der Hochinflation eine Währungsbank mit Binnenwährung für Bayern einzuführen sei. Getrieben wird auch diese Entwicklung von zwei bestimmenden Begriffen: Versaille und Moskau.
Schon zu Zeiten der Rätebewegung von 1919 werden Anti-Bolschewismus-Fonds aufgelegt, von denen die privaten Freikorps-Verbände zur Bekämpfung der kommunistischen Bestrebungen bezahlt werden. Der im Zusammenhang mit dem Versailler-Vertrag geschaffene Begriff der Novemberverbrecher und die Angst vor dem russisch geprägten Bolschewismus setzen besonders in Bayern oppositionelle Kräfte frei, zu denen letztendlich auch Dietrich Eckart, Adolf Hitler und Gottfried Grandel gehören. Nicht nur sie fügen diesen politischen Feindbildern noch gezielt den bereits weit abrufbaren Antisemitismus hinzu, um auch in der Breite der Arbeiterschaft Wirkung zu erzielen.
Doch Parteiführer Hitler hält nicht viel von einem eigenständigen Bayern, schon gar nichts von einem Direktorium mit Heinrich Class oder v. Kahr an der Spitze einer Reichsregierung. Sein persönlicher Blick ist dabei schon klar auf Berlin gerichtet. Zum Herbst 1923 sucht er nach einer Möglichkeit, die Direktoriums-Pläne zu Fall zu bringen und findet sie: Er putscht am 8. November 1923 während einer Rede v. Kahrs im Münchener Bürgerbräukeller.
Nach Meinung vieler Beteiligter kommt der bereits am 9. November gescheiterte Putsch zu früh, aber das bayerische Direktorium kann Hitler damit verhindern.
Der "ausgezeichnete Währungsplan" von Hubricht und Grandel verschwindet somit wieder in der Schublade, mitsamt der geplanten Schattenregierung und der angedachten Separation Bayerns.
Im späteren Hitlerprozess geht der bayerische Regierungspräsident und Zeuge Dr. v. Kahr am 12. Verhandlungstag auf die politische Grundstimmung des Jahres 1923 ein:
"Der Kanzler Stresemann hat das Reichskabinet der großen Koalition selbst als die letzte parlamentarische Möglichkeit bezeichnet. Für den Fall des Versagens wurde mit einem Kabinett von Männern außerhalb der Parteien gerechnet, für das später Namen genannt wurden, und das man auch als das kommende Direktorium bezeichnet hat."

Erich Ludendorff (r) im Gespräch mit dem bay. Ministerpräsident Gustav von Kahr (2.v.l.) im Gespräch mit General a.D. Erich Ludendorff und dem Münchener Polizeipräsidenten Ernst Pöhner - 20. Mai 1921 (Bundesarchiv: Bild 183-R41120 / o.Ang.)
Für Dr. Grandel ist das Thema Wirtschaft und Währung ein zentrales Anliegen. So berichtet der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes dem Berliner Landgericht rückblickend:
"Class hat sich in der Folgezeit über den Angeklagten (-Dr. Grandel-), mit gutem Erfolg, bei politischen Freunden in Süddeutschland erkundigt und räumte ihm bald die Stellung eines besonderen Beraters in wirtschaftlichen und Finanz-Angelegenheiten ein. So setzte sich Grandel mit Wissen des Justizrats Class mit dem Wirtschaftsstab des Generalstaatskommissar v. Kahr in Verbindung, um diesen zur Initiative in der Währungsfrage zu veranlassen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.111-112/Bl.4-5 - Prozessakte von Thormann-Grandel v. Juni 1924)
Auch bei der amtlichen Währungskonferenz in München, die v. Kahr schließlich im Oktober 1923 einberuft, nimmt Dr. Grandel teil. Der von ihm zuvor über Monate in nationalsozialistischer Hinsicht geschulte westfälische Wanderredner Heinrich Dolle ist auf diesem Treffen zugegen:
"An der von der Bayerischen Regierung einberufenen Währungskonferenz nahm ich teil im Auftrage Hitlers, und war darin (-aufgrund stenographischer Kenntnisse-) Protokollführer." (BArch Berlin: NS26/1215, Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.2 v. 15.10.1937)
Ausführlich widmet sich Gottfried Grandel dem Thema in seinem Bericht von 1941 an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Als 1923 Herr v. Kahr wieder bayerischer Ministerpräsident geworden war und zuletzt sogar Generalstaatskommissar, richteten sich viele Blicke hoffnungs- und erwartungsvoll auf ihn. Man beschuldigte ihn doch in der ganzen Judenpresse, daß er seit dem Morde an Walther Rathenau (24.6.1922) das Nest von Verschwörern in Bayern dulde. Ja, schon nach der Ermordung Erzbergers hatte es so geheissen.
Um v. Kahr kennen zu lernen und womöglich zu beeinflussen, suchte und fand ich persönliche Fühlung mit ihm Ende 1922, indem ich Antrag stellte auf Stabilisierung der beunruhigend abgesunkenen deutschen Währung mithilfe der bayerischen Regierung, der bayerischen Münzstätte und der bayerischen Notenbank.
Zum mindesten sollte v. Kahr einen Druck auf Berlin ausüben. (-Der ehem. bay. Polizeipräsident Ernst-) Pöhner hatte mir v. Kahr schon wiederholt geschildert als kleinen Gernegross und als schwankenden Charakter. Ich sagte zu ihm, er habe das Schicksal Deutschlands in seinen Händen und man erwarte von ihm Grosses.
In der Währungsfrage hielt er mich hin und nannte mich einen Schwarzseher. Selbst als infolge der (-im Januar 1923 beginnenden-) Ruhrbesetzung und des unbegreiflichen Verhaltens des Reichsbankpräsidenten (-Rudolf-) v. Havenstein die Markentwertung beängstigend geworden war, fand er immer noch nicht den Mut, etwas dagegen zu tun, wozu er alle Möglichkeiten hatte." (BArch Berlin: NS26/514, S.591, Bl.6 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Aus der Beamtenlaufbahn zum Führer des deutschen Wirtschaftslebens: Reichsbankpräsident Rudolf Havenstein - 1921 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Die Voss, Nr.6, S.11 v. 12.3.1921)
"Die optimistische Meinung des Herrn Minoux (rechte Hand von Stinnes) und der Bankdirektoren hielt ihn davon ab, das Nötige zu tun. Als er endlich (-im Oktober 1923-) eine Währungskonferenz berief, in der ich meine Vorschläge darlegte, war es leider schon zu spät, um den völligen Vermögensverfall aufzuhalten.
(-Gustav-) v. Kahr hatte zu Vielem einen guten Willen, jedoch fehlte es ihm an Mut und am Durchhalten. Und er war ein getreuer Diener seines Herrn und 'Königs' Rupprecht, und natürlich doch ein Beauftragter der bayerischen Volkspartei, welche ihm die grossen Vollmachten gegeben hatte.
Deswegen war ich sehr erstaunt, als er (-im September 1923-) zwei Monate vor dem 9. Nov. 1923 zu mir sagte: 'Ja, es ist wahr, wir marschieren auf Berlin!' Denn er misstraute Hitler, wenngleich er nicht dessen Gegenspieler war.
Durch meinen Freund (-und Mitglied des Germanen-Ordens-) Franz Schrönghamer(-Heimdal-), Passau, mit dem v. Kahr vertraut war, erfuhr ich, dass dessen Herz bei den 'Völkischen' war, dass er aber aus seiner Beamtenhaut nicht herauskonnte. Hätte er in jener kritischen Zeit des Jahres 1923 die harte und feste Hand Pöhners neben sich gehabt, so würden die Dinge wahrscheinlich anders verlaufen sein. Aber die massgebende Landtagspartei wollte Pöhner nicht mehr in der Regierung sehen; der Mann war ihr zu gefährlich.
In der damals so brennend wichtigen Währungsfrage erwies sich übrigens Gottfried Feder auch nicht weitschauender als v. Kahr. Er (Feder) war es, der das Zustandekommen von Massenversammlungen der NSDAP gegen die Inflation hintertrieb. Ich war dieserhalb mit (-Franz-) Schrönghamer bei Hitler, und dieser sagte mir jede Unterstützung in der Währungssache zu. Aber bald darauf erfuhr ich, dass Feder, vermutlich aus Eifersucht gegen mich, alle meine Vorschläge in Grund und Boden kritisierte. (-Gustav-) v. Kahr hat auf die Versammlungen der NSDAP betr. Inflation gewartet; sie hätten ihm, wie er mir sagte, erlaubt, auf Berlin einen Druck auszuüben.
So ging leider der Augenblick vorüber, wo man von Bayern aus gegen die Inflation noch einigermassen rechtzeitig eingreifen konnte. Und welch namenloses Unglück hat die Inflation über unser Volk gebracht! Als ich ein Jahr nach dem Ende dieses nationalen Unglücks (-1924-) v. Kahr im engl. Garten traf, bedauerte auch er, meinem Rat damals nicht gefolgt zu haben. Entschuldigend sagte er, man dürfe ihn für die Inflation nicht verantwortlich machen; der Reichskanzler Cuno hätte da eingreifen müssen. Leider griff er nicht ein." (BArch Berlin: NS26/514, S.591/592, Bl.6/7 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
In einer protokollierten Mitschrift von Heinrich Dolle vermerkt dieser über die Aussagen Hermann Kriebels auf einem Treffen vom Oktober 1923:
"Kahr ist Beamter. Er will gern den Marxisten zu Leibe gehen, er will auch gern den Armen helfen und der Not begegnen, aber er will den Reichen dabei nichts nehmen. Die Not wird weiterschreiten und eines Tages gehts ihm wie vor 2 Jahren. - Er ist seiner Aufgabe nicht gewachsen. Es sei ihm geraten worden, die bayrische Grenze sofort dicht zu schließen, - wer ländliche Erzeugnisse ausführt, wird mit dem Tode bestraft. - Da hat er Berlin gefürchtet, das zwar nicht mit Waffengewalt sich dem entgegen setzen würde, das aber die Kohlenzufuhr sperren würde, und Bayern habe nicht genug Kohlen. Eine Währungsreform scheitert aus den gleichen Gründen. Dazu müßte wiederum ein abgeschlossenes bayerisches Gebiet geschaffen werden. Das brauche immerhin noch nicht eine Separation bedeuten. Alles, was Sie bei Kahr erreichen können, und was überhaupt bei Kahr zu erreichen ist, - daß er zum rechten Handeln und überhaupt zum Handeln gebracht würde.-" (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Bl.5/6 - Protokollierte Mitschrift Heinrich Dolles - Bl.5/6 kurzschriftliche Mitschrift Heinrich Dolles vom Oktober 1923, maschinenschriftliche Übertragung für das NSDAP-Hauptarchiv v. 8.3.1942)
Nach späterer Berliner Zeugenaussage heißt es im Zusammenhang mit der Währungsfrage:
"Zeuge v. Tettenborn (-ehem. Mitglied der ab 20. November 1923 verbotenen DVFP-):
'Die Sache erklärt sich so, daß ich den Angeklagten Thormann meinte. Ich weiß nämlich, daß er in der Zeit vom 9. bis 12. Januar (-1924-) sich in Potsdam im Schießen geübt hat.'
Justizrat Claß:
'Das hat natürlich nichts mit den Besprechungen (-vom 5./6.11.1923-) in Potsdam zu tun, zu denen Graf Reventlow Finanz- und Währungssachverständige, darunter wohl auch Dr. Grandel, eingeladen hatte, um das Programm der Partei (-'Völkischer Block'-) fertigzustellen, der er (-Reventlow-) nahesteht." (Digitalisiert auf dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.258 ,S.4 - "Vernehmung des Generals v. Seeckt" v. 31.5.1924 + digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Ingolstädter Volksblatt, Nr.126, S.2 - "Der alldeutsche Staatsstreich" v. 3.6.1924)
Weiter heißt es zu dem Schriftsteller Graf Ernst v. Reventlow:
"Dieser Zeuge (-v. Reventlow-) bekundet, daß er Grandel zweimal gesehen hat und daß er sich von ihm Rat in wirtschaftlichen Dingen holte." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.304 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.14 - 1924 + digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.257 - "Der Thormann-Grandel-Prozeß" v. 3.6.1924 + digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Volks-Zeitung, Nr.261, S.2 - "Reventlow als Zeuge" v. 3.6.1924)
Die Kontaktebene zu Graf Ernst v. Reventlow wird auch durch Dr. Grandels Einlassung gegenüber dem Berliner Gerichtsmediziner Dr. Stoermer hervorgehoben:
"G.(-randel-) flicht hier eine überhaupt nicht zur Sache gehörige langatmige Errörterung darüber ein, dass er mit (-dem Gutsbesitzer-) Wolf und einem Prinzen Löwenstein aus Berlin zusammen bei Graf Reventlow in Potsdam (-zur Währungskonferenz?-) eingeladen gewesen sei." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.267/Bl.18 - Prozessakte Thormann-Grandel - Medizinalrat Dr. Stoermers Prozess-Gutachten über Gottfried Grandel v. 25.3.1924)
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Deutschvölkischer Schriftsteller, Herausgeber der Wochenzeitschrift Reichswart und Politiker: Ernst Graf zu Reventlow - 1917 (Wikimedia Commons - Datei: Count E. Von Reventlow LCCN2014704604.tif / Bain News Service - 1917)
Auch der alldeutsche Verbandsvorsitzende Heinrich Class schätzt 1923 den Rat des Augsburger Fabrikanten Dr. Grandel:
"(-Heinrich-) Claß hatte den in bayerischen nationalen Kreisen wegen seiner wirtschaftspolitischen Kenntnisse und Beziehungen sehr geschätzten Dr. Grandel im April 1923 in Hamm, auf einer Konferenz der Vertreter der Nationalen Arbeiterschaft des Ruhrgebiets, kennengelernt, als dort Maßnahmen gegen die französische Besatzung im Ruhrgebiet besprochen wurden. Grandel hatte die Tagung als Vertreter nationaler Gruppen in Bayern besucht." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: Vierteljahresheft für Zeitgeschichte, Heft 4, Nr.25 - Chamberlin: "Der Attentatsplan gegen Seeckt", S.428 v. 18.4.1977)
Der alldeutsche Oberfinanzrat Dr. Paul Bang bezieht sich ein Jahrzehnt später in seiner Buchveröffentlichung noch einmal auf den Sachverstand von Emil Hubricht:
"Die vorliegende Arbeit soll Aufklärung bringen über das Wesen des Geldes und der Währung. Daß das nötig ist, wird niemand bestreiten, der die sich häufenden Vorschläge auf diesem Ges biete kennt. Die Arbeit ist deshalb gemeinverständlich geschrieben. Sonst kann sie ihren Zweck nicht erreichen. Auf wissenschaftliches Beiwerk wird verzichtet. Um den sowieso schwierigen Sachbereich nicht zu verwirren , sind deshalb auch die Wert- und Preistheorien und Fragen, wie die der Bedeutung der Umlaufsgeschwindigkeit, die Fragen des Einflusses der Kreditwirtschaft auf die die Geldwirtschaft, die Fragen der Kreditinflation und ähnliche außer Betracht gelassen.
Ein Literaturverzeichnis mitzugeben erscheint nicht nötig. Wer eingehenderes Interesse hat, der sei verwiesen auf die grundlegenden Schriften und Aufsätze von Irving Fisher, I. M. Keynes, Gustaf Cassel, Helfferich. Als instruktives Material seien noch angeführt: 'Karl Helfferich als Währungspolitiker und Gelehrter' von K. v . Lumm (Verlag Hirschfeld , Leipzig), Argentarius 'Vom Gelde' (BankVerlag, Berlin), J. Matern 'Die Vernunftwidrigkeit und Gemeingefährlichkeit des bestehenden Geld- und Währungswesens und seine Reform' (Verlag Gustav Simons , Berlin), Kurt v . Eichborn 'Gold oder Geld?' (Verlag Dunder & Humblot, München - Leipzig) und schließlich die sehr wertvolle Arbeit von Emil Hubricht 'Währungsreform als Vorbedingung wirtschaftlicher Gesundung' (Verlag Th . E. Hubricht, Freiberg i. Sa.). Wer wissen will, wie weit der Geldirrtum zurückreicht und wie 'modern' gewisse Rettungsvorschläge von heute sind, dem empfehle ich in Bibliotheken nachzuforschen nach John Law 'Money and trade' 1705, deutsch: Leipzig 1720: 'Herrn Laws Gedanken vom Waren- und Geldhandel'." (Bang: "Geld und Währung: eine gemeinverständliche Darstellung", S.3 - 1932)
Auch der mit dem Freiberger Emil Hubricht im Kontakt befindliche und mit Gottfried Grandel um 1922 eng zusammenarbeitende Wanderredner Heinrich Dolle äußert sich 1929 zur Währungsfrage in Bezug auf Juden, Jesuiten und Junker:
"Ihre Macht ist hin, wenn Ihnen die Geldwirtschaft genommen wird und ersetzt wird durch deutsche, zinslose Wirtschaft (...)." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle + Augsburger Stadtbibliothek: Volk-Freiheit-Vaterland, Nr.49 - "Sollen wir noch einmal wählen? - Nein!" v. 1929)
"Die Ernährung des deutschen Volkes - Binnenwirtschaft"
(Bay. Staatsbibliothek: Biogr. 496 fk - 1921)
Der Sachverstand von Dr. Grandel wird innerhalb der NSDAP schon früh geschätzt. Neben dem Eintrag "Waffen-Schiebung" wird im parteieigenen Posteingangsbuch am 10. September 1920 vermerkt:
"Dr. Grandel, Augsburg: Die Binnenwirtschaft - Akt Geheim."

"Akt Geheim G.": Dr. Grandels Expertise zur Binnenwirtschaft - Juli 1920 (Fotografie im Privatbesitz / BArch Berlin: NS26/108, S.1 - Dr. Grandel an die Münchener Hauptgeschäftsstelle der NSDAP v. Juli 1920)
Angerissen werden in dieser schriftlichen Aufarbeitung diverse Forderungen. So zählt Dr. Grandel die reichliche Abgabe von günstigem Kunstdünger an die Landwirte, aber auch die Wachstumsbegrenzung von Großstädten zu einen möglichen Katalog von politischen Sofortmaßnahmen. Er schreibt:
"Viel wertvoller Dünger geht im Lande selbst im Müll- und den Grosstadtfäkalien verloren. Das ist ein ungeheurer Verlust für unsere Felder, Wiesen und Gärten. Es zeigt sich auch hierin der Unsegen der grossen Städte, die nur Zehrer am Nährgut sind und dem Boden nichts zurückgeben. Eine vernünftige Regierung wird jede weitere Vergrösserung der Städte verhindern und Massregeln zu ihrer allmählichen Entvölkerung treffen, das heisst, sie muss mit der Ansiedlung von Städtern auf dem Lande endlich Ernst machen." "Akt Geheim G.": Dr. Grandels Expertise zur Binnenwirtschaft - Juli 1920 (Fotografie im Privatbesitz / BArch Berlin: NS26/108, S.1 - Dr. Grandel an die Münchener Hauptgeschäftsstelle der NSDAP v. Juli 1920)
Der mit Dr. Grandel eng befreundete Westfale Heinrich Dolle vermerkt nach dem gescheiterten Hitler-Putsch von 1923:
"In jahrelanger mühsamer Arbeit haben wir völkischen Deutschen die Grundlagen geschaffen für ein deutsches Leben: Deutsches Recht, deutsche Ordnung, deutsche Währung, die währt und wahr ist, deutsche Hausung, und Brot für alle, aber auch Arbeit für alle!(...) Die Regierungen der schwarzen, der roten wie goldenen Internationalen haben alles sabotiert. beste deutsche Menschen haben sie hingehalten und genasführt. Zum Schein gutes Wollen heuchelnd haben sie sich alles vortragen lassen, dann aber durch 'Sachverständige' erklären lassen: 'Die Währung ist nicht in Unordnung. Das Geldwesen ist nur etwas aufgebläht, habt nur Vertrauen zur Regierung in Berlin. Die wird's schon machen.' Herr Kahr stimmte dem zu! Die 'Sachverständigen' waren Großkapitalisten aus Banken und Industrie, Leichenfledderer am sterbenden deutschen Volke und Professoren der Nationalökonomie, deren Weisheit die heutige Elendswirtschaft brachte. Perlen ließen sie uns vor Säue werfen. Jetzt erzählen sie sich, die 'Sachverständigen', in froher Weinlaune, wie sie mit Kahr die Gefahr einer Währungsreform glücklich abgewehrt hätten, wie Kahr für das heiße Bemühen der 'verrückten deutschvölkischen Idealisten' Interesse gemiemt habe, eifrig ihre Vorträge mitgeschrieben, in Wirklichkeit aber nur Striche aufs Papier gemacht habe, - - - -"(BArch Berlin: NS 26/1215 - Handschriftliche Zusammenfassung/Redemanuskript nach dem gescheiterten Hitler-Putsch von Heinrich Dolle, S.7/8 v. 12.11.1923)
Gescheiterter Hitler-Putsch in München: Festungshaft
(404-1923) Der gescheiterte Putsch vom 8./9.November 1923 bringt Adolf Hitler, seinen wichtigsten Stoßtrupp um den damaligen Kern der SA und weitere enge Mitstreiter in Haft.
Über den direkten Vorlauf der Münchener Konfrontation schildert die Hinterbliebene eines Hitler-Vertrauten gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv:
"Auf die Frage, ob sie über die Entstehung des Entschlusses zur (-Putsch-) Handlung am 9. November etwas wisse, sagte Frau von Scheubner-Richter, der Wille, die Zustände zu ändern, sei längst vorhanden gewesen. Bestimmte Absichten hätten für den Sonntag (-4. November 1923-) vorher bei der Veranstaltung am Marsstall (-Abnahme der Parade der Kampfverbände vor dem Münchener Gebäude des Generalstaatskommissars v. Kahr-) und im Hofgarten vorgelegen, da sei aber im letzten Moment nichts unternommen worden, weil die Persönlichkeiten (Schweyer u. a.), auf die man Wert legte, nicht zur Stelle gewesen seien. Hinterher sei jedoch festgestellt worden, dass sie doch dagewesen wären. Ihr Mann sei damals ganz untröstlich gewesen und habe, als er nach Hause kam, gemeint, Deutschland solle nicht wieder hoch kommen, denn jedesmal, wenn man glaube, die Dinge ändern zu können, mache irgendeine Kapitaldummheit wieder alles zu nichte. Er habe sich damals fast verzweifelt niedergelegt und von nichts mehr etwas wissen wollen. Am Montag (-5. November 1923-) früh vor 8 Uhr habe dann Hitler angerufen und ihr gesagt: 'Ich muss sofort Ihren Mann sprechen.' Als sie darauf geantwortet habe: 'Er kann nicht, er liegt zu Bett', habe Hitler geantwortet: 'Sagen Sie, ich komme sofort zu ihm.' Auf diese Nachricht sei ihr Mann in 5 Minuten fertig gewesen. Um 8 Uhr sei Hitler gekommen und wenig später mit ihrem wieder voll begeisterten Mann zusammen weggegangen. Von da ab seien dann die Ereignisse des 9. Nov. die natürliche Folge gewesen.(...) Zu den Ereignissen an der Feldherrnhalle erzählte Frau Scheubner-Richter, hier wisse sie nur das, was Adolf Hitler ihr selbst bei seinem ersten Besuch nach seiner Freilassung (-im Dezember 1924-) erzählt habe. Nach den Worten des Führers sei ihr Mann Arm in Arm, also eingehakt, an seiner rechten Seite mit ihm gegangen. Links vom Führer habe sich Ulrich Graf befunden, rechts von ihrem Mann, bei der Feldherrnhalle, aber etwas mehr vorwärts gehend, General Ludendorff. Der Führer habe gesagt: 'Wir sangen gerade das Deutschlandlied, als die Schüsse fielen.' Ihr Mann sei durch die Treffer niedergeworfen worden und habe den Führer, weil der mit ihm eingehakt war, mit niedergeworfen. Dabei seien beide so unglücklich gefallen, dass ihr Mann über Hitler gelegen und dieser dadurch sich zunächst nachher habe nicht aufrichten können." (BArch Berlin: NS26/1263, S.3/4 - Bericht der Witwe Mathilde v. Scheubnner-Richter an das NSDAP-Hauptarchiv v. 3.4.1936)
In einer späteren Aufarbeitung zum geplanten Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft berichtet die Geheime Staatspolizei über den 1923 verantwortlichen Zugleiter der Landespolizei:
"Er (-Michael Freiherr v. Godin-) ist derjenige Polizeioffizier, der am 9. November 1923 bei der Feldherrenhalle in München den Befehl gegeben hat, auf den Führer und seine Getreuen zu schiessen. Aus einem hier vorliegenden Bericht einer Vertrauensperson, die für die österr. Kriminalpolizei tätig war, geht hervor, dass Godin seinerzeit einem seiner Untergebenen den Karabiner aus der Hand gerissen habe, um auf die anmarschierenden Nationalsozialisten zu schiessen."(BArch Berlin: NS26/117 - Michael Freiherr von Godin, Gestapo-Bericht v. 6.2.1939)

Erinnerungsmarsch vor der Felherrenhalle in München: "Wir sangen gerade das Deutschlandlied" (BArch: Bild 102-17062 / o.Ang.)
Auch die Berliner Reichsregierung ist über die Vorgänge in München unterrichtet. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 vermerkt v. Seeckts Adjutant nach Beendigung einer Krisensitzung:
"Abends 11.30 Uhr ruft mich (-General v.-) Seeckt an, ich möchte mitkommen ins Reichskanzlerpalais. Kabinettssitzung. Unterwegs erzählt er, daß in München nun doch Revolution. Hitler habe im Verein mit Ludendorff die Reichsregierung für abgesetzt erklärt und sich selbst an die Spitze des Reiches gebracht. Machtergreifung auf illegalem Wege. Das Schlimmste aber sei, daß man keine Nachricht habe, wie Lossow und Kahr dazu stehe, d. h. beide schienen mitzumachen, ob aber die Reichswehr, d. h. die 7. Div. mitmache, das wäre eben die Frage. Denn Hitler habe im Frühjahr 1923 Lossow gesagt, eine Revolution könne man nur mit, nie ohne das Heer machen. - Der Vormarsch gegen Berlin solle oder wäre angetreten. Minister Geßler und Schleicher fahren mit zur Reichskanzlei. - Großes Durcheinander in der Reichskanzlei, sämtliche Minister versammeln sich. Zum Schluß erscheint Ebert. - Er ist außer Seeckt der ruhigste von allen. Ganz aus dem Häuschen ist Reichskanzler Stresemann. Er diktiert, als wir eintreten, gerade einen Aufruf an das deutsche Volk. - Severing, preuß. Innenminister, ist auch da, denn die Schutzpolizei ist alarmiert zur Bewachung des Reg. Viertels. Man will doch nicht wieder nach Stuttgart auskneifen! - Folgende Maßnahmen werden beschlossen: Presseverbot aller nicht vom R.(-eichs-)W.(-ehr-)M(-inisterium-). genehmigten Nachrichten. Orientierung aller Wehrkreise. - Verkehrs- und Gütersperre in Richtung Bayern. - Finanzsperre. Nach kurzer Aussprache zwischen Ebert-Seeckt-Geßler überträgt Ebert die vollziehende Gewalt mit erweiterten Machtbefugnissen Seeckt. Nun ist er also zur Macht auf legalem Wege gelangt. Nur Ebert ist er Rede und Antwort schuldig. Gegen 2 Uhr nach Haus. Alle Verbindungen mit Bayern sind unterbrochen. Ist Hitler-Ludendorff stark genug, was steht hinter ihnen? Kahr und Lossow sollen in diese Lage mit vorgehaltenem Revolver gedrängt worden sein. Haben sie sich nicht zu weit mit den Rechtsorganisationen eingelassen? Geht die Saat auf, die sie selbst säten? - Morgens kommt über 5. Div. Nachricht, daß die 7. Div. im Allgemeinen nicht am Putsch beteiligt ist. Kahr und Lossow seien in der Inf. Kaserne. Lossow habe seine Truppen gegen Hitler eingesetzt und General von Kreß nach Regensburg geschickt, um von dort aus einzugreifen" (BA-MA: NL von Rabenau 11, Bl. 16, Tagebucheintragungen v. Selchow v. 9.11.1923 + bundesarchiv.de: Akten der Reichskanzlei, Nr. 231, Telegramm der Reichsregierung an die Länderregierungen vom 8./9. November 1923)
Am Tage nach dem gescheiterten Umsturzversuch notiert die parteipolitische Zeitung Sozialdemokrat:
"Zu den Münchener Vorghängen meldet der 'Lokalanzeiger', daß beim Zusammenstoße zwischen Hitler-Truppen und Reichswehr am Odeonplatz achtzehn Tote am Platze blieben. Zahlreiche Schwerverwundete schleppten sich in die Häusereingänge und sind dort gestorben. Unter den Toten befindet sich ein Mitglied der Schriftleitung des 'Völkischen Bobachters', namens Scheubner-Richter. Hitler soll sich nach Rosenheim durchgeschlagen haben. Die Verhängung des Standrechtes erfolgte über ganz Bayern." (fes.imageware.de: Sozialdemokrat, Nr.264,S.1-"Achtzehn Tote in München" v. 11.11.1923)
Das sozialdemokratische Zentralorgan in der tschechoslowakischen Republik führt weiter aus:
"Über die Situation in München und in Bayern kann zurzeit gesagt werden, daß Hitler und die Nationalsozialisten gegenwärtig zwar aus ihrer Machtposition entfernt worden sind, daß sie aber damit ihre Rolle noch keineswegs ausgespielt haben. Man kann im Gegenteil sogar feststellen, daß Herr von Kahr im Münchener Bürgertum seine Sympathie vollkommen verloren hat, und daß man ihn dort allgemein als Landesverräter bezeichnet. In den Münchner Straßen ging es heute außerordentlich lebhaft zu. Überall ergriff man die Partei des Geflüchteten. Polizei und Reichswehrtruppen haben alle Mühe, die Ordnung in den Straßen aufrecht zu erhalten. In einer heute vormittag abgehaltenen Preßkonferenz gestand Herr von Kahr ein, daß er sich das Vertrauen in weiten Kreisen vollständig verscherzt habe." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Sozialdemokrat, Nr.264 , S.1 - "Kahr vor dem Sturz" v. 11.11.1923)
Der bayerische Staatskommissar v. Kahr ist durch seinen nächtlichen Umschwung, der den Putsch frühzeitig zum Scheitern brachte, politisch weitgehend isoliert. Auch in seiner Partei, der bayerischen Volkspartei, rumort es. Vor der Presse erklärt er sich schließlich. Im Artikel des Sozialdemokrat heißt es weiter:
"Kahr teilte Pressevertretern mit, er habe zwei Tage vor der Versammlung im Bürgerbräukeller (-6.11.1923-) eine Aussprache mit allen Führern der vaterländischen Verbände gehabt, bei der auch Hitler und die militärischen Führer des Kampfbundes zugegen gewesen seien. Als Hitler an der Spitze seiner bewaffneten Mannschaft (-am 8.11.1923 um ca. 20:10 Uhr-) in den Bürgerbräukeller eindrang, habe Kahr das Gefühl gehabt, daß nun alles, was für das gemeinsame Ziel vorbereitet (!) war, völlig zerschlagen sei. Dieser bewaffnete Überfall sei ein Banditenstreich gewesen, und es sei völlig klar gewesen, daß die von Hitler und Ludendorff eingeleitete Bewegung in sich zusammenbrechen mußte. Unter dem Druck hätten Kahr, Lossow und Seißer beschlossen, scheinbar auf Hitlers Forderung einzugehen, damit sie Handlungsfreiheit erlangten und damit die Reichswehr und die Landespolizei nicht direktionslos den Proklamationen Hitlers ausgeliefert seien und nicht das Unglück des unausführbaren Marsches auf Berlin vor sich gegangen wäre."
Weiter wird vermerkt:
"General Ludendorff, der bei der Erstürmung des Wehrkreiskommandos gestern gefangen genommen war, ist bereits abends gegen die Abgabe der erhrenwörtlichen Verpflichtung, an der Bewegung nicht mehr teilzunehmen, wieder entlassen worden. Hitler, der durch einen Schuß in den Oberarm verwundet ist, hat sich mit einigen Getreuen in der Richtung Rosenhain zurückgezogen. In Schutzhaft befinden sich der frühere Polizeidirektor von München, Pöhner, und Fürst Wrede.(...) Der 'Völkische Beobachter' und 'Heimatland' sind verboten." (fes.imageware.de: Sozialdemokrat, Nr.264, S.1 v. 11.11.1923)
Zu dem Verbleib Adolf Hitlers wird in einem weiteren Bericht vermerkt:
Unter den 10 Hauptangeklagten befinden sich Oberamtmann Dr. Wilhelm Frick (Leiter des Sicherheitsdienstes der KriPo München), Oberstleutnat a. D. Hermann Kriebel (militärischer Führer des 'Kampfbundes'), Hauptmann a. D. Ernst Röhm (Führer der 'Reichskriegsflagge') und Oberlandesgerichtsrat Ernst Pöhner (bis 1921 Münchener Polizeipräsident).
Die hier aufgeführten Hauptangeklagten finden allesamt als Kontaktpersonen in Dr. Grandels NSDAP-Archivbericht von 1941 Erwähnung.
Der Berliner Justizrat Class, bei dem sich Gottfried Grandel zum Zeitpunkt des Putsches (lt. Briefabschrift Dr. Grandel an Dr. v. Brehmer) aufgehalten haben soll, berichtet im Rahmen seiner Berliner Zeugenaussage von 1924:
"(-Gotffried-) Grandel hat auch Besprechungen beigewohnt, die wir über die Münchener Vorgänge vom 9. November (-1923-) hatten. Er war über das Mißlingen der Münchener vaterländischen Pläne außerordentlich niedergedrückt und äußerte bei dieser Gelegenheit so extremistische Ansichten, daß dadurch einiges Aufsehen entstand. Er fuhr dann einige Zeit nach dem 9. November nach München und ich habe von Grandel erst nach meiner späteren Rückkehr nach Berlin wieder gehört."
Weiter heißt es zu der Aussage von Heinrich Class:
"Er (-Dr. Grandel-) sandte dann von Augsburg Berichte über die Novemberereignisse an meine Freunde, Grandel nahm dann an einer Besprechung am 5. oder 6. November (-1923-) in Potsdam teil, in einem Kreise (-um Wulle-), der mir völlig fernsteht. Von Grandel hörte ich erst wieder, als er am 12. Jänner (-12.1.1924-) nach Berlin kam. Er besuchte mich ganz kurz im Alldeutschen Verband und kam dann am nächsten Tag in meine Wohnung, wo ein ganzer Fragenkomplex besprochen wurde." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1901, S.2 - "Der Mordplan gegen Marschall Seeckt" v. 31.5.1924)
In dem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv ist sich Gottfried Grandel im Abstand der Jahre über den gescheiterten Hitler-Putsch sicher:
"Hätte er (-Ministerpräsident v. Kahr-) in jener kritischen Zeit des Jahres 1923 die harte und feste Hand Pöhners neben sich gehabt, so würden die Dinge wahrscheinlich anders verlaufen sein."
Die Rolle des bayerischen Generalstaatskommissars v. Kahr wird im späteren Hitler-Prozess beleuchtet:
"Bevor Kahr in den Speisesaal kam, hat Lossow uns drei folgendes erklärt: 'Wir wollten ja den Staatsstreich machen, lediglich über die Zeit des Losschlagens waren wir nicht einig. Ich habe zu Hitler gesagt, warten Sie noch 2 bis 3 Wochen, dann sind wir soweit. Wir müssen die übrigen Wehrkreiskommandos auf unsere Seite bekommen. Wenn ich 50 Prozent Wahrscheinlichkeit habe, schlage ich los.'" (Gruchmann/Weber/Gritschneder: "Der Hitler-Prozess 1924", Teil III, S.903 - 1998)
Der Völkische Beobachter wird nach dem Scheitern des Hitler-Putsches verboten, die NSDAP per Verordnung aufgelöst. Der Prozess gegen die inhaftierten Putschisten ist für den Februar 1924 vorgesehen, das Ergebnis dabei völlig ungewiss. Adolf Hitlers politischer Weg scheint damit beendet. Des einen Leid, des andern Freud. Erhard Auer (SPD) betont später:
"Von der Versammlung stürmisch begrüßt, betrat Genosse (-Erhard-) Auer das Rednerpult. Als der Sturm sich gelegt hatte, dankte Auer für die Ehrung. 'Die Anerkennung, die mir eben zuteil wurde', sagte er, 'übertrage ich auf die, die durch ihre Mithilfe möglich gemacht haben, was geschehen ist. Das sind die Redaktionskollegen der Münchener Post und in Augsburg, das sind die Genossen im Parteivorstand in München und Augsburg und nicht zuletzt die wackeren Genossen der SA (Sicherheitsabteilung der Sozialdemokratischen Partei). Allen, die in den kritischen Jahren, besonders 1923, mitgewirkt haben, sei der herzlichste Dank zum Ausdruck gebracht. Ihr Verdienst ist es, wenn die Endwirkung der Staatsverbrechen nicht so grausam werden konnte, wie die Urheber es beabsichtigt hatten.'" (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Ingolstädter Anzeiger, Nr.41, S.5 - Erhard Auer: "Die Verbrechen im Jahre 1923 / Die Vorbereitung zum Bürgerkrieg" v. 18.2.1928)
Der aufgrund des gescheiterten Putsches auf SPD-Initiative beschlossene Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags kann seine Beratungen jedoch erst mit drei Jahren Verzögerung beginnen, da das Justizministerium die Vorlage der Ermittlungsakten bis 1927 verzögert. Aus diesen werden einige Zusammenhänge deutlich, unter anderem die frühe finanzielle Unterstützung Adolf Hitlers durch Dr. Gottfried Grandel.
Zum Ende des Jahres 1923 verschlechtert sich nicht nur die Perspektive der NSDAP samt ihres Parteiorgans Völkischer Beobachter, sondern auch der Zustand des inhaftierten Putschisten und frühen NS-Förderers Dietrich Eckart: Sein Herz macht ihm Probleme - man könnte dies als Metapher sehen. Schon im Laufe des Jahres 1923 war das Verhältnis zu seinem Zögling Adolf Hitler deutlich abgekühlt.
Margarete Plewnia schreibt dazu in ihrem Buch:
"Was er selbst stimuliert hatte, den Kult um den Jüngeren, wurde weitergetrieben, aber ohne ihn als Wortführer.(...) Angeblich mißfiel Eckart die Profillosigkeit der Hitler umgebenden Männer und die wachsende Großmannssucht seines Schützlings. Etwas sei, so habe er einmal zu Hanfstaengl gesagt, mit Hitler 'schief ' gelaufen."
Nach Ernst Hanfstaengl soll Dietrich Eckart gesagt haben:
"Das ist wirklich zu viel. Wenn ein Mann sich mit dem Messias zu identifizieren beginnt, ist er reif für die Irrenanstalt, wie es Nietzsche war."
Auch der antisemitische Wanderredner Heinrich Dolle aus Westfalen wendet sich in einem Brief enttäuscht an General Ludendorff:
"Adolf Hitler lebte, ehe er Mitglied der NSDAP wurde, ¾ Jahre bei meinem Freunde Gottfried Grandel in Augsburg. Grandel zur Seite standen Mesch und Ruge. Adolf Hitler wuchs über seine Nährväter hinaus und vergass sie. Dietrich Eckart war sein neuer. Doch auch Dietrich Eckart nährte sich von den genannten. Er sog aus uns. Mit großer Sorge sahen wir, wie Dietrich Eckart, und Esser und Amann und andere unsere Eingebungen erst mit 'Champus' und scharfen Schnäpsen tauften." (Stadt- und Kreisarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle, Dolle an Ludendorff v. 25.11.1925)
Bei Margarete Plewnia heißt es zu Dietrich Eckarts Betrachtungen weiter:
"Gegen dieses nüchterne Urteil sprechen allerdings die Angaben des Freundes (-Albert-) Reich. Er will im Sommer 1923 noch aus Eckarts Mund gehört haben: 'Wenn das Schicksal überhaupt einen Mann bestimmt hat, Deutschland zu retten, dann ist dieser Mann nur Adolf Hitler.' Und nach dem Novemberputsch soll Eckart ihm anvertraut haben, er glaube auch weiter an den zur Zeit Gescheiterten, über ihm schwebe ein Stern."
Am 21. November 1923 schreibt Dietrich Eckart dann im Stadelheimer Gefängnis folgendes Gedicht, das auch darauf hinzuweisen scheint, dass er bis zu seinem kurz darauf eintretenden Tode noch auf den einstweilen gescheiterten Parteiführer Adolf Hitler setzt:
"Blödes Volk! Du schmähtest jeden, der sich getreulich um dich mühte.
Mit gotteslästerlichen Reden, lohntest du auch Hitlers Güte.
Grunztest, als die Pharisäer hinterrücks ihn niederzwangen.
Aber nun kommt der Hebräer, dein Gebieter kommt gegangen!
Peitschenhiebe um die Ohren, übers Maul nicht zu vergessen -
Für das Sklavenjoch geboren, denkst du ja nur noch ans Fressen!
Gott sei Dank, was Hitler plante, wurde je ihm abgegraben.
Und ihm blieb erspart die Schande, dich, du Pack, befreit zu haben!"
Mehr Enttäuschung geht nicht; aus Eckarts Sätzen ist fast schon eine tiefe Depression herauszulesen. Der ganze Einsatz im vermeintlichen Dienste der Nation, die Mühen, die privaten und beruflichen Opfer - alles scheint ihm nun nach dem misslungenen Putsch umsonst gewesen zu sein. Doch wie sein Freund Gottfried Grandel, neigt auch Eckart nicht zur Selbstkritik.
Der schwer erkrankte Publizist wird schließlich Ende 1923 vorzeitig aus der Haft entlassen. In einem späteren Buch von Albert Reich heißt es zu seinem Allgemeinzustand:
"Die fortwährenden Kämpfe mit dem politischen Gegner, die Schlichtung von Streitigkeiten, die naturgemäß auch in den eigenen Reihen auftraten, die Nöte der Inflation, die Sorge um die Beschaffung von Geldmitteln für die Bewegung und die Zeitung brachten eine ständige Unruhe in das Leben Dietrich Eckarts, die ihn zu einem regelmäßigen Schaffen nicht mehr fähig machte."
Dietrich Eckart verstirbt kurz nach seiner Haft-Entlassung am 26. Dezember 1923 an den Folgen eines Herzversagens. An der Beerdigung in Berchtesgaden am 31. Dezember 1923 wird vermutlich auch "sein (-ehemals-) lieber Freund" Dr. Gottfried Grandel teilgenommen haben.
Der Heidelberger Privatdozent, Germanen-Ordensmitglied Dr. Arnold Ruge, wendet sich 1923 ab von der NSDAP. Über sein Verhältnis zu Adolf Hitler wird berichtet:
"Innerhalb der bereits benannten 'Kampfdaten' berichtete (-Dr. Arnold-) Ruge, bei seinen Ansprachen das Rednerpult mit der angeblich vom Führer in München selbst überreichten Parteifahne geschmückt zu haben. Doch Ruges Aufforderung, sich bei ihm persönlich zu melden, überging Hitler mit Stillschweigen. Entgegen seinen eigenen Angaben war Ruge am Hitler-Putsch völlig unbeteiligt." (Digitalisiert auf //books.ub.uni-heidelberg.de: "Arnold Paul Ruge: Kampf dem 'zersetzenden byzantinischen, jüdischen Geist der Lüge'", S.54 - )
"(-Dr. Arnold-) Ruge hatte mit der NSDAP gebrochen (aber nicht mit Hitler). 1923 behauptete er, in München habe sich 'Abschaum' um Hitler versammelt. Ruge behauptete außerdem, die NSDAP habe die wahren völkischen und antikapitalistischen Imperative verraten, indem sie sich mit der DNVP verbündete. Nach seiner Entlassung aus der Haft kehrte Ruge nach Baden zurück und setzte im Sommer 1924, wie er freimütig prahlte, seinen Kampf gegen das Judentum fort." (Grill: "The Nazi Movement in Baden", S.105 - 1983)
Aufgrund der Landsberger Inhaftierung lässt sich für Adolf Hitler die Entwicklung seiner NS-Bewegung kaum noch steuern. Aus der Festungshaft macht er seinem Mitstreiter Heinrich Dolle, "gent. Stier", am 23. Juni 1924 folgende Mitteilung:
"Lieber Herr Stier!
...... Ich brauche Ihnen auch weiter nicht versichern, dass die von Ihnen geschilderte Entwicklung der Bewegung weder mein Ziel noch mein Wille ist. Ich sehe den Weg, den die Bewegung heute läuft, und der sie immer mehr zu einer reinen bürgerlichen Konkurrenzpartei abstempeln wird. Leider bin ich augenblicklich nicht in der Lage, von hier das Steuer herumzureissen und die Front wieder in die alte Richtung zu bringen. Da ich aber nicht gewillt bin, die Verantwortung für den heutigen Kurs auch nur dem Namen nach zu übernehmen, habe ich ja die Führung der Bewegung vor einer Woche niedergelegt, um mich auf die Dauer meiner Haft von der politischen Betätigung loszulösen.
Mit treudeutschem Gruß
gez. Adolf Hitler."

Widmung aus der Haftanstalt: "Was an Massen zur Freiheit fehlt, muß immer der Wille ersetzen" - 11. Mai 1924 (BArch Berlin: NS26/96 + Bay. Staatsbibliothek: hoff-6642 / Hoffmann, Heinrich)
Der Häftling Adolf Hitler nutzt indes seine Zeit, um die Erstausgabe von "Mein Kampf" zu schreiben. Bereits am 11. Januar 1924 fragt Dr. Ernst Boepple vom Deutschen Volksverlag in München diesbezüglich bei dem westfälischen Wanderredner Heinrich Dolle an:
"Beiliegenden Brief hat Chamberlain zur Verfügung für eine grosszügige Propaganda für Hitler und das Hitlerbuch. Auch Ludendorff will einige Sätze über das Hitlerbuch und über Hitler schreiben. Ich frage bei Ihnen an, ob Sie der Dritte im Bunde sein wollen, sodass der Gelehrte, der Soldat und der Arbeiter zu Worte über Hitler kommen. Bitte umgehend zu antworten, da das Flugblatt wegen der Gerichtsverhandlung möglichst rasch hinaus soll."
Doch eine steigende Besucherfrequenz gefährdet das Vorhaben Hitlers: Die Landsberger Festungshaft entwickelt sich plötzlich zur "Pilgerstätte" von Förderern und Verehrern Adolf Hitlers, sein Ansehen scheint durch den gescheiterten Putsch eher gestiegen zu sein. Nur ausgewählte Personen werden daraufhin von ihm noch empfangen.
Zu ihnen gehört Winifred Wagner, die ihn mit Papier und Schreibgeräten versorgt, aber auch die Salonnière Elsa Bruckmann aus München wird vorgelassen.
Auffallend häufig ist jedoch die Frau des Berliner Klavierfabrikanten Bechstein zu Besuch in der Haftanstalt Landsberg. Für insgesamt fünf aufeinanderfolgende Mai-Termine unterbricht Hitler 1924 seine ansonsten strikte Besucherabstinenz. Es ist anzunehmen, dass Helene Bechstein ihm bei diesen Besuchen vom Verlauf des zeitgleich in Berlin stattfindenden Thormann-Grandel-Prozesses berichtet und dabei die direkte Verbindung zum Strafverteidiger Gottfried Grandels hält: Dr. Alfons Gustav Sack, dem selbsternannten "nationalen Verteidiger" der rechtsradikalen Szene.
Welche Rolle Adolf Hitler in Bezug auf den Berliner Prozess gegenüber seinem früheren Finanz- und Wirtschaftsrat Grandel einnimmt, bleibt unklar. Fest steht, dass Hitler seinen Führungsanspruch in Konkurrenz zum einflussreichen Justizrat Class vom Alldeutschen Verband sieht. Eine Schwächung des noch immer in eine führende Position drängenden, langjährigen Verbandsvorsitzenden käme daher dem in Landsberger Haft zur politischen Untätigkeit verurteilten Hitler entgegen.
Schon durch seinen, für viele Mitstreiter verfrüht durchgeführten Putsch in München, hatte er den Plan eines Direktoriums für Bayern und das Reich zu verhindern gewusst, welches seine eigenen diktatorischen Zielvorstellungen zur Seite gedrängt hätte.
Durch Hitlers Inhaftierung werden hingegen die Pläne der völkischen Bewegung nicht beiseite gelegt. So schreibt das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts warnend:
"Der Plan eines von München ausgehenden und ganz Deutschland ergreifenden Putsches ist nicht aufgegeben, es wird vielmehr an seiner Verwirklichung mit größter Energie gearbeitet. Die Putschisten (-um Adolf Hitler-) sind sich aber auch klar darüber, daß sich die Situation vom 8. November (-1923-) nicht wiederholen darf und daß sie nicht noch einmal aufeinander schießen dürfen (-Landespolizei/Putschisten-). Darum wird mit eiserner Energie daran gearbeitet, die verschiedenen Gruppen wieder zu einigen. 'Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.' Die (-durch Dr. Grandel initiierte?-) Versöhnung (-Erich-) Ludendorffs mit (-Organisation-Consul-Gründer Hermann-) Ehrhardt ist nur ein Zeichen dieser Einigungsbestrebungen, obgleich ein sehr bemerkenswerter. Ehrhardt ist Vertrauensmann Kahrs und des Exkronprinzen Rupprecht; macht er mit Ludendorff seinen Frieden, so tun es die ganzen Weißblauen auch. Daß man den in 'Ehrenhaft' befindlichen 'umzingelten' Ludendorff wieder gestattet, knapp vor seinem Prozeß unter Bruch seiner sämtlichen Ehrenwörter wieder mit Ehrhardt Politik zu machen, ist ein Symptom für die Herstellung der alldeutsch-vaterländisch-völkisch-nationalsozialistischen Einheitsfront.(...) Es sind Bestrebungen im Gange, diesen (-bevorstehenden Hitler-)Prozeß zu einer Komödie zu machen oder ihn womöglich ganz zu verhindern. Das letztere ist das Ziel der entschlossenen Putschisten. Die Tage bis zur Eröffnung des (-Hitler-)Prozesses sind daher als kritische Tage erster Ordnung zu betrachten." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.60, S.1 - "Wetterwinkel Bayern" v. 5.2.1924)
In der Zwischenzeit formiert sich der Völkische Block auch in Augsburg, an dessen Spitze sich der Versammlungsredner Kar Hörath befindet:

Während der Haftphase Adolf Hitlers: Werbung für den Völkischen Block im Saalbau Herrle - 10. März 1924 (Cramer-Fürtig/Gotto: "'Machtergreifung' in Augsburg", S.266 - 2008)
Aus der Perspektive des Augsburger GO-Mitgliedes und NSDAP-Arbeiters Karl Böhrer heißt es zu dem Redner Karl Hörath:
"Einmal sollte ich die Leitung an einen Jesuiten-Sendling (-Karl Hörath?-) abtreten, er käme mit 15-20 Mann und ich sollte ihm die NSDAP Augsburg frei machen, es solle mein Schaden nicht sein. Ich gab ihm die richtige Antwort: 'Hinauswurf '. Nun stellte er mich und drohte mir, daß ich mir Rechte anmaße, nachdem er doch vom (-Augsburger Germanen-)'Orden' geworben worden sei, von (-dortigen Hochmeister des Germanen-Ordens Walvater, Treuschaft Radsey-) Oberstleutnant (-a. D. Hermann-) v. Schleich. Das genügte mir wieder: Ich ging zu v. Schleich, erzählte mein Erlebnis und nun stellte sich heraus, daß nochmals ein engster Geheimbund bestand. Dem verdutzten Herrn Oberstleutnant sagte ich nun ins Gesicht, daß er mit Dr. Dickel englische (-verborgene, doppelbödige-) Politik (-be-)treibe. Er verneinte nicht, sondern suchte mich zu gewinnen, gab mir Bücher und Schriften zum Lesen und nun erkannte ich die Hochgrad (-freimaurerischen-)Zusammenhänge." ((BArch Berlin: NS26/158 - Bericht vom Pg. Karl Böhrer über die Vorkommnisse um die Gründung der Augsburger Ortsgruppe der N.S.D.A.P. - 20.4.1941)

"Hochgrad-Zusammenhänge": Der Augsburger Hochmeister des Germanen-Ordens Walvater, Treuschaft Radsey, Hermann v. Schleich (l) mit dem Gründer der Augsburger Werkgemeinschaft Dr. Otto Dickel - 1927 (Fotografie im Privatbesitz von Siegfried Riegel in Zinterer: "Füchsle: Die Tragödie eines Hitlergegners der ersten Stunde", S.52 - 1999 + Dreigroschenheft: "Ein unbekannter Lehrer Brechts: Der spätere NS-Aktivist und -Theoretiker Otto Dickel", S.10 - 4/2010)
"Bald darauf ein zweiter Fall: Ein Herr wünschte mich zu sprechen nach einem Vortrage über Freimaurerei, er sagte: 'Wissen Sie auch, daß Sie schon den Totenschein in der Tasche tragen? - Es wäre schade um Sie.' Ich antwortete: 'Nun, das macht nichts, den hat jeder von uns und wenn auch, dann treten andere nach mir auf.' - Auch ein Jesuiten-Sendling, nach einem halben Jahre war der Fall ganz klar, (-er-) stand mit Juden und Pfaffen in Verbindung.* (*Ein Beauftragter von Stinnes. Er bot eine Million zum si(-?-)laf und erwartete eine baldige Entscheidung.)
Der Herr wollte dann auch später, wie auch der vorgenannte (-Karl-) Hörath, Landtagsabgeordneter werden in der N.S.D.A.P. Immer brachte ich dann heraus, daß alle mit Dr. Dickel in Verbindung standen, dieser wieder mit allen führenden Persönlichkeiten Deutschlands. So wollte Dr. Otto Dickel der Kanzler (-Erich-) Ludendorffs werden. Der Verbindungsoffizier vom General (-Ludendorff-), Pg. Oberst Hierl, wurde getäuscht, ebenso Ingenieur Gottfried Feder, als Begründer zur 'Befreiung der Zinsknechtschaft'. Ich durfte mich keinem der Herren nähern." (BArch Berlin: NS26/158 - Bericht vom Pg. Karl Böhrer über die Vorkommnisse um die Gründung der Augsburger Ortsgruppe der N.S.D.A.P. - 20.4.1941)
Auch der inhaftierte Kommunist Erich Mühsam kommentiert in seinem Tagebuch über den Versammlungsredner Karl Hörath:
"Der derzeit in Leipzig vor dem Staatsgerichtshof verhandelte Prozeß wegen des Parchimer Fehmemords, bei dem die Angeklagten sich in der widerlichsten Weise gegenseitig belasten, wird diesen Edelmenschen der 'Völkischen Freiheitspartei' schon eine ein wenig passendere Folie geben, und dann erfährt man gelegentlich ja auch, was für Persönlichkeiten die Herrschaften als Repräsentanten ihrer Vorbildlichkeit aufs Publikum loslassen. Daß sie an den Spitzel Weber geraten sind, konnte passieren, obwohl es nicht schwer war, den Mann bald zu durchschauen. Nun teilt aber der Miesbacher mit, daß in Augsburg eine vom Völkischen Block großmächtig plakatierte Versammlung stattgefunden hat, bei der als Sprecher auftrat - der Damenschneider Karl Hörath! So hat bei uns der Festungsgang selten von Gelächter widergehallt wie gestern, als diese Nachricht laut wurde. - Unser Karl Hörath (über dessen Charakter ich hier garnichts sagen will); aber dieser Nulpe mit seinen ungeheuren Ohren, dem verhutzelten und verbauten Körper und dem Gesicht, in dem sich die Spuren von Dutzenden der ausgestorbensten Rassen, nur nicht der germanischen vorfinden lassen, - dieses groteske Männchen mit seiner Ängstlichkeit, Taprigkeit und kriecherischen Unterwürfigkeit - als Wandertypus wahren Ariertums - das ist überwältigend komisch. Habeant sibi!" (muehsam-tagebuch.de: Heft 40 - Tagebucheintragung während der Festungshaft in Niederschönenfeld v. 13.3.1924)
Festnahme in Berlin und Augsburg: Der Vorlauf zum Thormann-Grandel-Prozess
(405-1924) Der Hitler-Putsch ist in München durch das Einschreiten der Staatsmacht blutig gescheitert, die wichtigsten Initiatoren um den verhafteten Parteiführer zum Ende des Jahres 1923 demoralisiert, auf der Flucht oder mit ungewissem Prozess-Ergebnis im bayerischen Landsberg inhaftiert.
Die in Süddeutschland entstandene NSDAP wird daraufhin wegen versuchter Auflehnung gegen die republikanische Staatsordnung, zusammen mit der in Norddeutschland verbreiteten Deutsch-völkischen Freiheitspartei (DVFP), ab dem 20. November 1923 durch Reichswehrchef General Hans von Seeckt landesweit aufgelöst, das Partei-Eigentum teilweise beschlagnahmt. Hierzu heißt es:
"Am Sonnabend, den 17. November (-1923-) ersuchte Hauptmann Marks vom Reichswehrministerium den Referenten, Regierungsrat von Lengrießer, um Entwurf einer Verordnung, nach welcher die kommunistische Partei Deutschlands, die Deutschvölkische Freiheitspartei und die National-Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei vom Inhaber der vollziehenden Gewalt (-General v. Seeckt-) verboten und aufgelöst werden. Der Unterzeichnete trug am Montag, den 19. November diese Sache dem Herrn Reichskommissar vor und legte ihm einen Entwurf der in Aussicht genommenen Verordnung vor. Der Herr Reichskommissar hatte Bedenken, ob die vom Inhaber der vollziehenden Gewalt in Aussicht genommenen Verbote politisch zweckmäßig und geeignet seien, den gewünschten Erfolg zu erzielen, und ließ das Reichswehrministerium in diesem Sinne verständigen und bitten, daß Herr Hauptmann Marks sich in dieser Sache persönlich an ihn wenden solle. Es erschien darauf am selben Tage Herr Hauptmann Marks bei dem Herrn Reichskommissar und erklärte auf dessen Bedenken gegen den Erlaß solcher Verbote, daß das Verbot von Herrn von Seeckt bereits beschlossen sei und daß Herr von Seeckt hiervon den Herrn Reichspräsidenten verständigt habe. Er betonte, daß es sich bei der Mitwirkung des Herrn Reichskommissars nur um die zweckmäßige Fassung des Verbots handle. Der Herr Reichskommissar erklärte ihm darauf, daß er den Rat seiner Referenten hinsichtlich der Fassung des Verbots gern zur Verfügung stelle, aber nur in der Weise, daß es sich um eine private beratende Tätigkeit dieser Herren für das Reichswehrministerium handle. Von dem Unterzeichneten wurden darauf zwei Entwürfe für das Verbot Herrn Hauptmann Marks persönlich zugeleitet. gez. (-Oberregierungsrat-)Mühleisen."(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R43-I/2702, Bl.11 - "Abschrift/Aufzeichnung über das vom Chef der Heeresleitung eingeleitete Verbotsverfahren gegen KPD, DVFP und NSDAP" v. 20.11.1923)

Inhaber der vollziehenden Gewalt: Generaloberst Hans v. Seeckt, Chef der deutschen Heeresleitung - 1923 (Postkarte im Privatbesitz / Nach Kupferstich von Johannes Plato, Berlin Schönberg. Gothaer Straße 5)
In seiner Verbotsverfügung gegenüber den national-völkischen Parteien begründet General v. Seeckt sein konsequentes Vorgehen:
"Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei hat es unternommen, Soldaten der Wehrmacht zum Ungehorsam zu verleiten und die Regierung des Deutschen Reiches durch bewaffneten Aufstand zu stürzen. Die deutschvölkische Freiheitspartei vertritt dieselben Ziele wie die N.S.D.A.P. Ihr Führer, v. Graefe, hat an dem Umsturzversuch teilgenommen, ihn offensichtlich ausdrücklich gebilligt und dabei die Soldaten der Wehrmacht zu Ungehorsam aufgefordert." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R43-I/2702, Bl.14 - "Abschrift/Aufzeichnung über das vom Chef der Heeresleitung eingeleitete Verbotsverfahren gegen KPD, DVFP und NSDAP" v. 20. November 1923)
Auch das Kampfblatt der NSDAP, der Völkische Beobachter, bekommt in diesem Zusammenhang ein Veröffentlichungsverbot ausgesprochen. Die politische Karriere des in Landsberg inhaftierten Parteistrategen Adolf Hitler scheint damit beendet. Doch welche Rolle nimmt Gottfried Grandel während des November-Putsches und den darauf folgenden zwei Monaten bis zu seiner eigenen Verhaftung ein?
Berlin - November 1923
In der Literatur finden sich kurze Hinweise, die den groben Verlauf des Augsburger Fabrikanten ein wenig nachzeichnen können. So heißt es zu dem Aufenthaltsort Dr. Grandels während des Hitler-Putsches:
"Auch die Behauptung, (-der alldeutsche Verbandsvorsitzende Heinrich-) Claß sei am 8./9. November (-1923-) in München gewesen und habe den Gang der Ereignisse in einem für Hitler ungünstigen Sinne beeinflußt, traf nicht zu. Claß war nachweislich zu dieser Zeit in Berlin, wo ihn Grandel besuchte." (Franz Willing: "Putsch und Verbotszeit", S.139 - 1977 - Briefabschrift Dr. Grandel an Dr. Wilhelm v. Brehmer, Regierungsrat/DVFP, v. 12.12.1923 / Privatbesitz)
Der spätere Landgerichtsprozess um Alexander Thormann und Gottfried Grandel in Berlin greift dann auch die Münchener Putsch-Phase mit auf:
"Grandel war auch in den Tagen des Hitler-Putsches in Berlin und wohnte dort der Besprechung bei, die beim Alldeutschen Verband über dieses Ereignis gepflogen wurde. Er selbst vertrat dabei, wie Justizrat Class bekundet, im Gegensatz zu diesem die Auffassung, daß sich die Bewegung durchsetzen werde und war (-am 9. November 1923-) schwer von der Nachricht über das Scheitern des Putsches betroffen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.112/Bl.5 - Prozessurteil Thormann-Grandel v. Juni 1924)
Die schwere Enttäuschung Dr. Grandels ist nachvollziehbar, hatte er doch intensiv in den Monaten zuvor versucht, den Druck auf die Bildung eines reichsweiten Direktoriums zu erhöhen. Über die Empfindung von Dr. Grandels völkischen Weggefährten, Dietrich Eckart, wird berichtet:
"Die Schüsse an der (-Münchener-) Residenz hatten innerlich auch unseren Kämpfer (-Dietrich Eckart-) getroffen. Er war wie vernichtet, konnte und wollte an nichts mehr glauben, das ganze Werk, zu dem er sein Herzblut gegeben, schien zerschellt." (Reich: "Dietrich Eckart - ein deutscher Dichter und der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.122 - 1934)
Während der Münchener Putschtage sucht der Augsburger Fabrikant im Berliner Reichstag schließlich Kontakt zu zwei Mitgliedern des Berliner Germanen-Ordens, die innerhalb der Deutschvölkischen Freiheitspartei engagiert sind:
"Zuletzt sprach ich mit Dr. v. Brehmer und (-Reinhold-) Wulle am 9. oder 10/11.23 im Reichstage." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.258/Bl.9 - Prozessakte Thormann-Grandel, Medizinalrat Dr. Stoermers Gutachten über Dr. Grandels Geisteszustand v. 25.3.1924)
In einem Brief an Wilhelm v. Brehmer geht Dr. Grandel auch auf die Gerüchte ein, die politischen Katholiken hätten den Putsch zum Scheitern gebracht:
"Man unterschätzt die Bedeutung der klerikalen Partei und ihre Macht in ihren Kreisen sehr. Nicht Juda, sondern Rom wurde Hitler zum Verderben." (Franz Willing: "Putsch und Verbotszeit", S.193 - 1977 - Briefabschrift Dr. Grandel an Dr. Wilhelm v. Brehmer, Regierungsrat/DVFP v. 12.12.1923/Privatbesitz)
Krebsforscher und Privatdozent Dr. v. Brehmer ist Hochmeister des Berliner Germanen-Ordens "Idafeld" (Feld der Betriebsamkeit). Laut der 1921 beschlagnahmten Mitgliederliste aus Regensburg verwendet Dr. v. Brehmer logenintern den Decknahmen "Dietrich".
Über diesen Ortshinweis zu Dr. Grandel Aufenthalt hinaus wird Heinrich Class als Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes im Rahmen seiner gerichtlichen Zeugenaussage im Thormann-Grandel-Prozess wie folgt zitiert:
"Grandel hat auch Besprechungen beigewohnt, die wir über die Münchener Vorgänge vom 9. November (-1923-) hatten. Er war über das Mißlingen der Münchener vaterländischen Pläne außerordentlich niedergedrückt und äußerte bei dieser Gelegenheit so extremistische Ansichten, daß dadurch einiges Aufsehen entstand. Er fuhr dann einige Zeit nach dem 9. November (-von Berlin-) nach München, und ich habe von Grandel erst bei meiner späteren Rückkehr nach Berlin wieder gehört." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.253, S.4 - "Justizrat Claß als Zeuge" v. 28.5.24)
Weiter heißt es zu den angedeuteten Äußerungen von Dr. Grandel:
"Generalstaatsanwalt (-Lindow-): Welche extremistischen Aeußerungen hat Dr. Grandel getan?
Justitzrat Claß: Mit dem Wort extremistisch wollte ich nur die Erregung Grandels andeuten. Grandel behauptete, in Bayern stünde eine Million Menschen zum Marsch nach Berlin bereit." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1901, S.2 - "Der Mordplan gegen Marschall Seeckt" v. 31.5.1924)
Während des im selben Jahr stattfindenden Münchener Hitler-Prozesses wird General Lossow zudem mit der Zeugenaussage zitiert:
"Um das (-Reichs-)Direktorium zu erreichen, habe man allerdings einen Druck geplant. Dieser Druck sollte einsetzen von den nationalen Parteien, von den Vereinigten Vaterländischen Verbänden, den Faktoren der Ernährung, der Industrie und letzten Endes auch von den Trägern der Machtfaktoren (-Reichswehr-).(...) 'Man muß im Sinne dieses Staatsstreichs handeln, wenn man 51 Proz. Chancen hat, d. h. wenn man weiß, was man will und was man macht; also wenn man das (-Reichs-)Direktorium fertig in der Tasche, das Programm aufgestellt und die Reichswehr geschlossen hinter sich hat. Das nenne ich 51 Proz. Macht man es vorher, bevor man die Männer, das Programm und die Reichswehr hat, dann hat man (-wie Adolf Hitler-) eine Eselei gemacht.(...) Justizrat Kohl: (...) So oft hier die Rede auf den Justizrat Claß kommt, hüllen alle Zeugen sich in Schweigen. Die Bewegung vom 8. November (-1923-) ist aber nur erklärlich, wenn man weiß, daß Herr Kahr von Justizrat Claß seine fest umrissenen Aufträge hatte. Die Herren (-General v.-) Seeckt und (-Heinrich-) Claß müssen hier vernommen werden über das, was in Norddeutschland geplant war und wozu die Vorgänge in München am 8. und 9. November nur den Auftakt bilden sollten." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.126, S.1 - "Lossows 51 Prozent" v. 14.3.1924)

Der Mann mit der eisernen Maske: Reichswehr-Chef General Hans von Seeckt - 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
In seinem späteren Geständnis vom Januar 1924 gibt Gottfried Grandel vor dem Berliner Untersuchungsrichter zu Protokoll:
"(-Verbandsvorsitzender Heinrich-) Class beauftragte mich mit den Vorbereitungen für die Ausführung des Attentats auf v. Seeckt und stellte in Aussicht, dass er die nötigen Geldmittel beschaffen werde. Er zahlte mir auch im November 1923 mehrfach in seiner Wohnung (-Berlin, Rauchstr. 27-) Geldsummen im Gesamtbetrage von 16.000 Goldmark bar aus. Diesen ganzen Betrag gab ich am Sonnabend, den 12. Januar 1924, dem angeschuldigten Thormann, den ich für die Ausführung des Attentats in Aussicht nahm. In der Zeit vom Oktober 1923 bis jetzt hatte ich keine geeignete Person finden können. Ich hatte dies Class berichtet, der mich drängte, endlich zur Ausführung zu schreiten." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300 - Dr. Grandels Geständnis vor dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 21.1.1924 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10 - 1924)
Zum Jahresende 1923 beginnt für Gottfried Grandel eine Phase höchster Anspannung: Nicht nur die mittlerweile verbotene NSDAP scheint, ohne ihren Vorsitzenden Adolf Hitler, führungslos im Streit zu versinken, auch sein politischer Weggefährte und ehemals langjähriger Freund Dietrich Eckart stirbt kurz nach dessen vorzeitiger Haftentlassung am 26. Dezember 1923 an den Folgen eines Herz- bzw. Krebsleidens. Dr. Grandel hält Ausschau nach völkisch motivierten Alternativen:
"Die NSDAP zerfiel nach dem Debakel vom 9. November in verschiedene, miteinander konkurrierende Gruppen. Grandel suchte nun offensichtlich wieder bei den Deutschvölkischen (-Dv. Freiheits-Partei in Norddeutschland-) Anschluß, die ihre Organisation besser bewahren konnten (...)." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: Chamberlin: "Der Attentatsplan gegen Seeckt 1924", PDF - Heft 4, S.429 - 1977)
Zu Dr. Grandels politischen Aktivitäten existiert für diesen Zeitraum ein Informanten-Schreiben beim Berliner Reichskommissar, in dem es heißt:
"Dr. Grandel soll sich nach Zeitungsmeldungen in Berlin zeitweise 'Günther' genannt haben." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Reichskommissar f. öffentl. Ordnung, Akt.-Nr.641/24.I., an Untersuchungsrichter Dr. Max Nothmann v. 30.1.1924)
Gemeint ist hiermit ein Bericht im sozialdemokratischen Vorwärts, der kurz nach Dr. Grandels Berliner Geständnis vermeldet:
"In Berlin ist Dr. Grandel übrigens unter dem Namen 'Günther' aufgetreten, ein Pseudonym, das er auch in den Besprechungen mit den beiden Herren beibehalten hat, die das Vorhaben Grandels und Thormanns zur Anzeige gebracht haben (-vor diesen nannte er sich, laut Zeugenaussage der Ermittlungsakte, vermutlich 'Dr. Brandler'-)." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.35, S.3 - "Der Helfer Thormanns" v. 22.1.1924)
Ein Günther von der Organisation C. spielt zuvor auch bei dem Attentatsversuch vom 4. Juni 1922 auf Philipp Scheidemann eine Rolle. Hierzu wird bei Emil Julius Gumbel ausgeführt:
"Sie (-die zwei Attentäter-) empfingen mehrfach Besuch von einem gewissen Alfred Günther aus Elberfeld, einem Angehörigen der Organisation C.(-onsul-)" (Gumbel: "Verschwörer - Zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde 1918-1924", S.76 - 1979)
Der Name Günther findet desweiteren im Zusammenhang mit dem Mord an dem Außenminister Walter Rathenau Erwähnung:
"Man erinnere sich an die (-mit Arsen-) vergifteten Pralinen, die während der Verhandlungen über den (-am 24. Juni 1922 in Berlin verübten-) Rathenau-Mord dem Angeklagten Günther zugesandt wurden. Von wem, ist niemals ermittelt worden. Bei Günther wie bei Bauer handelt es sich um Mitläufer der Bewegung, nicht um Eingeweihte hohen Grades, nicht um alte (-Hermann-) Ehrhardt-Leute." (Die Glocke - Bd.9, Ausg. 1-26, S.38 - 1923 + Gumbel: "Vier Jahre politischer Mord")
Der 1924 im Berliner Thorman-Grandel-Prozess der Ermittlungsakte beigefügten Informanten-Abschrift ist ferner zu entnehmen:
"Im Hause Bülowstrasse 20 (-Abwicklungsstelle der Org. Buchrucker/Berlin-) erscheint auch ab und zu ein gewisser Günther von der Org. C.(-onsul-). Als ich zuletzt dort war - es war vor etwa 8 Tagen - ist davon gesprochen (-worden-), dass der General von Seeckt 'abgeschossen' werden sollte. Ursprünglich war geplant, ihn am Tage des Küstriner Putsches (-1.10.1923-) 'abzuschiessen', dessen Verlauf man sich anders gedacht hatte." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Reichskommissar f. öffentl. Ordnung, Akt.-Nr.641/24.I., an Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 30.1.1924)
Der Initiator des zuvor gescheiterten Küstriner Putsches ist Major a.D. Buchrucker. Er wird am 27. Oktober 1923 in einem Schnellprozess zu 10 Jahren Festungshaft verurteilt.
Das Berliner Informanten-Schreiben ist nicht datiert, deckt aber von der inhaltlichen Schilderung den Zeitraum Oktober/November 1923 ab.
Die Schnittmenge in den Aktivitäten des "Günther von der Organisation C." zu Gottfried Grandel ergibt sich möglicherweise auch aus dessen späterem Geständnis gegenüber dem Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann, in dem es anfangs heißt:
"In der Zeit vom Oktober 1923 (-nach dem gescheiterten Küstriner Putsch vom 1. Oktober 1923-) bis jetzt hatte ich keine geeignete Person (-innerhalb der Organisationen-) finden können. Ich hatte dies Class berichtet, der mich drängte, endlich zur Ausführung zu schreiten." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Geständnis Dr. Grandel v. 21.1.1924)
In einem weiteren Informantenschreiben zum Berliner Aufenthalt eines Dr. G. heißt es:
"Wenn Sie Näheres über die Attentaeter auf General Seeckt erfahren wollen, dann suchen Sie einmal das Lokal 'Ala-Wardi' Spichernstraße (-3?-) und Nuernbergerplatz (-angrenzend an das Bayerische Viertel-) auf. Da verkehren eine Menge nationalistischer Russen, die in dem Club zusammenkommen und ihre Pläne schmieden. Der Leiter des Clubs ist ein (-berüch?-)tigter Falschspieler (-Markus?-) Freymann, ebenso sein Compagnion ein gewisser Pulvermacher. Ein Dr. G. verkehrt auch dort." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.149 - Prozessakte Thormann-Grandel, Anonymes Informantenschreiben an das Polizeipräsidium Berlin, Eingang v. 21.1.1924)

Prachtsäle des Westens - Spichernstraße 3 (Postkarte im Privatbesitz)

Prachtsäle des Westens - Spichernstraße 3 (Postkarte im Privatbesitz)
Potsdam - 5./6. Dezember 1923
Zu dem Verlauf von Dr. Grandels Aktivitäten heißt es weiter:
"In der Folgezeit (-nach dem gescheiterten Hitler-Putsch vom 9. November 1923-) berichtete Grandel weiter an seine politischen Freunde über die Lage in Bayern. Insbesondere zu Justizrat Class unterhielt er weiter Verbindung. Er nahm, wie der Zeuge Class bekundet, am 5. oder 6. Dezember 1923 an einer politischen Aussprache in Potsdam teil;" (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Prozess-Urteil, Bl.5 v. 12.6.1924)
Folgt man dieser Chronologie, so wird Dr. Grandel offenbar kurz vor dem Jahreswechsel 1923/24 mit seiner Suche nach einer "geeigneten Person" fündig: Es ist der Ingenieur und Kaufmann Alexander Thormann, Mitglied des Wicking-Bundes, vormals Organisation Consul.
Zu dem weiteren Vorlauf der späteren Angeklagten Alexander Thormann und Dr. Grandel heißt es bei Chamberlin:
"Es scheint aber festzustehen, daß sich beide gegen Ende 1923 in München kennengelernt hatten. Thormann hatte Beziehungen zu Reinhold Wulle und zu dem Sekretär der Reichstagsfraktion der DVFP, Horst von Tettenborn, was ihn für Grandel interessant machte, der hoffte, über Thormann seine Verbindungen zu dieser Partei ausbauen und eventuell eine Brücke zwischen den verfeindeten Gruppen schlagen zu können. Schon bei den ersten Gesprächen zwischen Grandel und Thormann ist aber offensichtlich auch schon von einem Attentatsplan gegen den Chef der Heeresleitung die Rede gewesen. Thormann ließ Grandel wissen, daß er in Berlin Leute kenne, die soetwas vorhätten. Grandel will das zuerst nicht ernstgenommen haben, scheint sich zu einem solchen Plan aber zumindest nicht ablehnend geäußert zu haben. Jedenfalls hielt ihn Thormann weiter auf dem Laufenden, und beide trafen sich Anfang Januar 1924 in Berlin." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: Chamberlin: "Der Attentatsplan gegen Seeckt 1924", PDF - Heft 4, S.433 - 1977)
Vor dem Untersuchungsrichter Dr. Nothmann äußert sich Alexander Thormann zu der ersten Begegnung mit Dr. Grandel:
"Diesen (-Fabrikanten Grandel aus Augsburg-) hatte ich einmal im (-10.?-) Juni 1923 in München (-Königsplatz?-) bei einer (-Albert Schlageter-Gedächtnis?-)Feier des Wickingbundes gesprochen, wo er mit mir am gleichen Tisch saß. Irgend eine Verbindung mit ihm hatte ich seitdem nicht unterhalten." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.12 - Prozessakte Thormann-Grandel - Vernehmungsprotokoll des Angeklagten Alexander Thormann vor dem Berliner Untersuchungsrichter Friedrich Nothmann v. 16.1.1924)
Dr. Grandels Verbindungen zu der Deutschvölkischen Freiheitspartei scheinen oberflächlich, doch auch der völkisch-antisemitische Reichstagsabgeordnete Reinhold Wulle ist mit dem Decknamen Wittichis Mitglied des Berliner Germanen-Ordens Idafeld.
Der wohlhabende Fabrikbesitzer aus Augsburg dürfte damit eine Ahnung davon gehabt haben, mit welchem beruflich-privaten Risiko das Attentats-Vorhaben für ihn einhergehen würde, dennoch setzt er seine Planungen konsequent fort. Erklärbar ist dies am ehesten mit einem Treueeid gegenüber einer bestimmenden Organisation oder Person, möglicherweise dem aus Berlin gesteuerten Germanen-Orden.
Seine Vorgehensweise läßt auch vermuten, dass es sich bei ihm nicht um die erste Planung dieser Art gehandelt hat. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass bei der Wichtigkeit der öffentlich-aktiven Zielperson eine äußerst hohe Zuverlässigkeit in der Durchführung erwartet wird. Man traut die Umsetzung Dr. Grandel zu, er ist offenbar zu dieser Zeit der geeignetste Mann zur Umsetzung dieser riskanten Aufgabenstellung. Die Weltbühne vermerkt zu der Einordnung des geplanten Mordanschlages:
"Das Attentat gegen Seeckt war gedacht als Auftakt eines allgemeinen Umsturzes." (Die Weltbühne: Bd.20, Teil 1, S.332 v. 1924)
Die Entschlusskraft, als nationalgesinnter Netzwerker gerade den obersten Soldaten des Deutschen Reiches beseitigen zu wollen, wird bei Dr. Grandel aber nicht nur durch den in München gescheiterten November-Putsch Adolf Hitlers ausgelöst, zu dem sich General v. Seeckt klar ablehnend verhielt. Schon im Zusammenhang mit dem Berliner Kapp-Lüttwitz-Putsch, aber auch durch dessen Zurückhaltung während der Ruhrbesetzung, hatte General v. Seeckt als Chef der Heeresleitung deutlich an Zustimmung im nationalen Lager eingebüßt.
Der Tod des langjährigen Freundes Dietrich Eckart, an dessen Beerdigung am 30. Dezember 1923 in Berchtesgaden auch Dr. Grandel sicherlich teilnimmt, dürfte zu der letztendlichen Entscheidung hinsichtlich des Attentatsplanes beigetragen haben.
"In diesem Zusammenhang muß entgegen anders lautenden Darstellungen darauf hingewiesen werden, daß (-Alexander-) Thormann und 'Dr. G.(-randel-)' mit dem fertigen Mordplan nach Berlin gekommen sind und ihrerseits die Einzelheiten des Anschlages den Herren (-Horst v. Tettenborn und Heinz Koepke-), die dann den Behörden von dem drohenden Attentat Mitteilung machten, unterbreitet haben. Wie sie selbst dabei erklärten, haben sie sich mit dem Mordplan schon seit den ersten Tagen des Januar (-1924-) beschäftigt." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.13 - Morgenpost, Nr.18 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 20.1.1924)
Berlin - 1. Januar 1924
Flankiert wird das Attentats-Vorhaben durch die dem Alldeutschen Verband zugeordnete Deutsche Zeitung:
"Darum jammern und klagen wir nicht über das, was schon das Jahr 1923 nach Recht und Fug uns eigentlich hätte bringen müssen, und was lediglich aus Schuld der eigenen Gesinnungsgenossen (-verfrühtes Signal für den Marsch auf Berlin durch Adolf Hitler-) verloren ging. Sondern wir (-Oberfinanzrat Dr. Paul Bang, Wirtschaftsexperte Dr. Grandel und bes. der Alldeutsche Verbandsführer Heinrich Class-) recken uns nach dem, was vor uns liegt, und wollen versuchen, die begangenen Fehler im Jahre 1924 wieder gutzumachen und die in die Erscheinung getretenen Schwächen (-konträre Haltung von General Hans von Seeckt als Chef der deutschen Heeresleitung-) von Grund auf (-durch Neutralisation des Generals von Seeckt-) zu überwinden. Darum nennen wir das Neue Jahr, in das wir heute hineintreten: Das Jahr der völkischen Sammlung. Es muß gelingen, alle diejenigen völkischen Kreise, die guten Willens sind, und denen der Sieg der Sache über dem Sieg der Person (-Anspielung auf Adolf Hitler-) steht, in eine einheitliche Schlachtreihe zusammenzubringen." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Deutsche Zeitung, Nr.1, S.2 - Max Maurenbrecher: "Das Jahr der völkischen Sammlung" v. 1.1.1924)
Oberregierungsrat Mühleisen vonm Reichskommissariat für öffentliche Ordnung betont in diesem Zusammenhang im Rahmen der späteren Gerichtsverhandlung:
"Dem Zeugen (-Mühleisen-) ist seinerseits von dem Hauptmann a. D. Gilbert jener Brief (-Horst v.-) Tettenborns übergeben worden, in dem dieser von den Attentatsabsichten Thormanns und Grandels Mittteilung machte. Oberregierungsrat Mühleisen scheint den Plan zur Ermordung des Generals v. Seeckt als durchaus ernst gemeint aufgefaßt zu haben. Er berief sich dabei auf eine Reihe von Artikeln der Deutschen Zeitung, in denen Propaganda für die nationale Diktatur gemacht wurde. Da diese Hoffnungen fehlschlugen, sei die Beseitigung des Generals v. Seeckt, der den Diktaturplänen im Wege stand, immer mehr in den Vordergrund getreten.
Der Regierungsdirektor Dr. Weiß, der bisherige Leiter der politischen Polizei, erklärte, es sei lächerlich, an die Ernsthaftigkeit des Attentatsplanes zu glauben. Wenn die Archive der Politischen Polizei geöffnet würden, so würde sich ergeben, daß Hunderte von Mordplänen geschmiedet worden sind, von denen keiner zur Ausführung gelangte. Ernsthaft könnte die Sache erst werden, wenn ihnen von einer amtlichen Stelle die Waffe und die Ausrüstung geborgt würde. Der Zeuge Dr. Weiß spielte damit auf den Umstand an, daß Oberregierungsrat Mühleisen dem Studenten Koepke eine Pistole und eine Reithose geborgt hätte." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Berliner Morgenpost, Nr.133, S.6 - "Der Prozeß Thormann-Grandel" v. 3.6.1924)

"Hunderte von Mordplänen in den Archiven": Leiter der politischen Polizei, Polizeivizepräsident, Jurist und Oberregierungsrat Dr. Bernhard Weiß mit Ehefrau Lotte - 1930 (LArch Berlin, F Rep. 290-02-06 Nr.220/I + Schirmer/Mosel: "Leo Rosenthal", S.56 - 2012)
3. Januar 1924
Der Angeklagte Alexander Thormann berichtet in seiner Aussage am ersten Prozesstag:
"Am 17. Dezember fuhr ich dann wieder nach Berlin. So kam ich dazu, am 3. Januar d. J. (-1924 dem Kreuzberger Parteibüro-) der Deutschvölkischen Freiheitspartei in der Dessauer Straße (-6, unweit des Potsdamer Platzes-) einen Besuch abzustatten.(...) Im Büro der Deutschvölkischen stieß ich auf (-den DvFP-Abgeordneten und GO-Mitglied Reinhold-) Wulle, der im Begriff war, fortzugehen und wurde von (-dem Parteisekretär-) Tettenborn in ein Konferenzzimmer gebeten, wo wir über alles mögliche sprachen." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Deutsche Zeitung, Nr.234, S.3 - "Der Attentatsplan auf General von Seeckt" v. 26.5.1924)
4. Januar 1924
Die vorbereitenden Treffen mit Dr. Grandels Komplizen, Alexander Thormann, finden insbesondere in der Weinstube Huth an der Potsdamer Straße statt. Der spätere Hauptbelastungszeuge berichtet:
"Am 4.I.24 erschien bei mir ein Herr Thormann, ein politischer Hochstapler in meinen Augen, der mich aufforderte, an der von ihm geplanten Ermordung des Generals von Seeckt teilzunehmen. Ich hatte mehrfach Besprechungen mit ihm, nachdem ich am 5.I. einen mir persönlich bekannten Herrn zu Rate gezogen hatte, und ich daraufhin zum Entschluß gekommen war, zum Schein auf den Anschlag einzugehen, um die Hintermänner kennen zu lernen, mit der Absicht, das Attentat zu verhindern." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.2 - Prozessakte Thormann-Grandel - Schriftliche Zeugenaussage v. Tettenborns gegenüber dem Reichskommissar für öffentliche Ordnung v. 14.1.1924)
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Mitglied der Organisation Consul: Angeklagter Alexander Thormann - 1923 (LArch Berlin)
Am Folgetag berichtet der spätere Hauptbelastungszeuge v. Tettenborn nach erfolgter Anzeige dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann:
"Am 4. Januar 1924 erschien Thormann im Reichstag. Ich nahm an, daß er einen Abgeordneten (-Wulle / v. Brehmer?-) sprechen wollte. Da ich dies rausfinden wollte, sprach ich ihn an, führte ihn aus dem Büro hinaus und unterhielt mich mit ihm über die politische Lage. Er gab sich aus als Angehöriger der 'Organisation Consul' und trug das Abzeichen des 'Wikingbundes'. Wir verabredeten eine Zusammenkunft in einem Lokal (-Weinstube Huth-). Ich war darauf am 4. Januar und den folgenden Tagen wiederholt mit ihm zusammen im Kaffee Josty, Fürstenhof, Leipziger Hof und in Huth's Weinstube. Bei diesen Gesprächen versuchte er mich für seine politischen Pläne zu gewinnen, als deren Beginn er die Ermordung des General v. Seeckt bezeichnete." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.4/Bl.2 - Prozessakte Thormann-Grandel - Schriftliche Zeugenaussage v. Tettenborns gegenüber dem Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 15.1.1924)
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Abzeichen des Bund Wiking - 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
In der späteren Zeugenaussage vor dem Berliner Landgericht heißt es weiter zu dem Attentats-Vorlauf:
"Zeuge (-Oberleutnant Horst-) v. Tettenborn (-Führungsmitglied der mittlerweile verbotenen DVFP-): '(...) Ich weiß nämlich, daß er (-Thormann-) in der Zeit vom 9. bis 12. Januar (-1924-) sich in Potsdam im Schießen geübt hat.'
Justizrat Claß: 'Das hat natürlich nichts mit den Besprechungen in Potsdam zu tun, zu denen Graf Reventlow (-DVFP-) Finanz- und Währungssachverständige, darunter wohl auch Dr. Grandel, eingeladen hatte, um das Programm der Partei (-Völkischer Block?-) fertigzustellen, der er (-Reventlow-) nahesteht." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.258 v. 31.5.1924)
Berlin - Donnerstag, 10. Januar 1924
In Augsburg unterbricht derweil Dr. Grandel die Arbeiten an seinem Jahresabschluss aufgrund seiner anstehenden Bahnreise nach Berlin.

Verkehrsknotenpunkt für den süddeutschen Raum: Augburg Hauptbahnhof (Postkarte im Privatbesitz)

Mit 100 km/Stunde und Schlepptendern in Richtung Norden: Direkte Schnellzugverbindung von Augsburg nach Berlin - 1924 (Postkarte im Privatbesitz / Lok der Firma Maffei, Fabr.Nr. 2414 v. 1904, Fotograf: Schörner, E., Fotoverlag Reinhold Jungels , Mainz 1935)

Im rechtsrheinischen Bayern vor dem Zugriff der französischen Besatzer in Sicherheit gebracht: Pfälzische R 4/4 der Deutschen Reichsbahn am Augsburger Hauptbahnhof - 1925 (Fotografie im Privatbesitz)
Dr. Grandels Prokurist Josef Rupp notiert im darauf folgenden Monat:
"Die vom Finanzamt vorgeschriebene Vermögensaufnahme f. 31. Dezember 1923, welche von Herrn Grandel begonnen wurde, kann ohne ihn nicht fertiggestellt werden, und die Firma setzt sich durch unterlassene Abgabe der Steuererklärung schwerer Strafe und Schädigung aus." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.169 - Prozessakte Thormann-Grandel, Ersuchen um Haftentlassung durch Prokurist Josef Rupp an Landgerichtsrat Dr. Friedrich Nothmann v. 6.2.1924)
Mit dem Schnellzug erreicht er abends die Reichshauptstadt. Wie üblich bei seinen Berliner Reisen, steigt Dr. Grandel im Christlichen Hospiz St. Michael ab:

(LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Dr. Grandels Hotel-Anmeldung v. 10.1.1924)
Potsdam - Freitag, 11. Januar 1924
Nach den Auskünften seiner Vermieterin Frau Hähnel, bezieht der aus München kommende Alexander Thormann am 9. Januar 1924 in Berlin ein möbliertes Zimmer in der Nähe des Anhalter Bahnhof und begibt sich daraufhin am 11. Januar 1924 nach Potsdam. Tags darauf reist er demnach (am 12.1.1924) nach Brandenburg, um am 14. Januar vormittags wieder in Berlin einzutreffen.
(LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, S.27 - Vernehmungsnotiz v. 16.1.1924)
Den Angaben des Hauptbelastungszeugen Horst v. Tettenborn zufolge heißt es jedoch:
"Am 12. Januar erschien er (-Thormann-) abends bei mir, doch ließ ich mich nicht sprechen. Am nächsten Tag (-13.1.1924-) fing Thormann mich vor dem Reichstag ab und erklärte, Seeckt müsse vor dem 15. Januar fallen, da sonst die geplante Aktion nicht durchzuführen sei." (GStA PK, I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.114 - Berliner Tageblatt, Nr. 256: "Belastungszeugen im Thormann-Grandelprozeß" v. 30.05.1924)
Laut Beweisantrag im späteren Thormann-Grandel-Prozess wird Dr. Grandel zwischen dem 11.-14. Januar 1924 wiederholt bei der Außenhandelsstelle in Berlin vorstellig, um seinen schwebenden Antrag auf Bewilligung zur Einfuhr besonderer Kreide (Kreidegraben Scharnitz) Nachdruck zu verleihen. Den Ablauf von Dr. Grandels weiterem Berliner Terminplan schildert dieser vor dem Berliner Landgericht:
"Am Freitag mittag (-11.1.1924-) war ich im Alldeutschen Büro (-Lützow-Ufer 5a-) und suchte Justizrat Claß am Sonnabend morgen (-12.1.1924-) in seiner Wohnung (-in der Rauchstraße 27-) auf. Wir sprachen über die bayerischen Verhältnisse." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.299 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.9 - 1924)
"Er (-Gottfried Grandel-) sei am Freitag, dem 11. Januar (-1924-), angekommen und habe von der Außenhandelsstelle den Bescheid bekommen, daß sie erst am Montag in seiner Sache verhandeln könne." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924)

Privatwohnung im Berliner Botschaftsviertel: Justizrat Heinrich Class, Rauchstraße 27 - 1924 (Fotografie im Privatbesitz / o.Ang.)
Auch der Verbandsvorsitzende Heinrich Class äußert sich gegenüber dem Berliner Untersuchungsrichter über seine Zusammenkünfte mit Dr. Grandel:
"Zuletzt sprach ich ihn am 11. (-Freitag-) und 12. (-Samstag-) oder 13. (-Sonntag-) Januar 1924. Ich habe mit ihm regelmäßig die allgem. politische Lage besprochen, namentlich wirtschaftliche Verhältnisse, über die er sich gut unterrichtet zeigte." (LArch Berlin: Prozessakte Thormann-Grandel - Schriftliche Aussage von Heinrich Class gegenüber dem Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 22.1.1924)
Berlin - Sonnabend, 12. Januar 1924
Laut Rekonstruktion und Anklageschrift der Berliner Staatsanwaltschaft treffen sich Alexander Thormann vom Bund Wicking, Nachfolgeorganisation der mittlerweile verbotenen Organisation Consul, und Fabrikant Dr. Grandel im Januar 1924 in Berlin. Der Mitangeklagte Alexander Thormann wird über die erste Kontaktaufnahme in seiner anfänglichen Vernehmung durch den Untersuchungsrichter bekunden:
"Am 12.I.24 hatte ich eine Besprechung im Hotel Wartburg (-im späteren Prozessverlauf spricht er vom Hotel Excelsior-) am Anhalter Bahnhof mit dem Fabrikanten Grandel aus Augsburg. Diesen hatte ich einmal im Juni 1923 in München bei einer (-Schlageter-Gedenk-)Feier des Wikingbundes gesprochen, da er mit mir am gleichen Tisch saß."(LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.13 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.15 - Thormanns Geständnis-Prozokoll vor dem Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 16.1.1924)

Laut Alexander Thormanns erster Aussage Treffpunkt zur ersten Besprechung: Das Berliner Hotel Wartburg (Fotografie im Privatbesitz)
In der späteren Prozess-Berichterstattung wird der Ingenieur Alexander Thormann mit einem neuen Hintergrund der Kontaktaufnahme zu Dr. Grandel zitiert:
"Am 12. Januar traf ich zufällig in der Leipziger Straße Herrn Dr. Grandel, meinen heutigen Mitangeklagten, der in Geschäften in Berlin war. Ich fragte ihn, ob er mir vielleicht behilflich sein könnte, eine neue geschäftliche Unternehmung zu gründen." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.249, S.4 - "Das Seeckt-Attentat vor Gericht" v. 26.5.1924)
Auch die Wiener Morgenzeitung berichtet über Alexander Thormann:
"Am Samstag (-12.1.1924-) traf ich bei einem Spaziergange Dr. Grandel, den ich aus Süddeutschland kannte und der sich auf einer Geschäftsreise befand, in der Leipziger Straße." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1899, S.2 - "Thormann und Grandel vor Gericht" v. 29.5.1924)
Auch Dr. Grandel erklärt während der Gerichtsverhandlung:
"Am Sonnabend (-12. Januar 1924-) habe ihn in der Leipziger Straße ein Herr gegrüßt. 'Ich mußte mich erst besinnen, wer das war und erkannte schließlich (-Alexander-) Thormann, den ich auf einem nationalen Abend in München einmal kennen gelernt hatte. Das Zusammentreffen in Berlin war mir nicht sonderlich angenehm, denn ich lege auf Bierbekanntschaften keinen allzu großen Wert. Thormann klagte, er habe keine Arbeit, und da ich für meine Fabrik in Norddeutschland Vertreter suchte, fragte ich ihn, ob er sich einer solchen Tätigkeit gewachsen fühle. So kamen wir ins Gespräch. Thormann erzählte mir auch, daß er zur Deutschvölkischen Freiheitspartei Verbindungen habe und (-das Mitglied des Germanen-Ordens Reinhold-) Wulle kenne. Das war mir lieb zu hören, denn ich hoffte, vielleicht auf diesem Umweg eine Brücke zwischen der Alldeutschen und der Deutschvölkischen Freiheitspartei schlagen zu können. Am Sonnabend (-12. Januar 1924-) kam dann Thormann ins Café Excelsior (-Saarlandstraße 78-) und dort erzählte er mir zum erstenmal von (-Horst v.-) Tettenborn. Das sei, so erklärte Thormann, ein ganz Radikaler, der schon allerhand Waghalsiges geleistet habe. Und nun deutete mir Thormann auch an, daß Tettenborn etwas gegen Herrn v. Seeckt plane. Ich habe dazu den Kopf geschüttelt und gelächelt, denn es erschien mir absurd, daß man wieder einmal mit dem Schicksal Deutschlands spielen wollte.(...) Ich habe von der ganzen Geschichte, die ich nur für Geschwätz hielt, kein Wort geglaubt. Weiter bat mich dann Thormann, da er endlich feststellen wollte, was mit Tettenborn los sei, wie er sagte, ich solle mir Tettenborn einmal ansehen, um als Außenstehender zu beurteilen, ob dieser Mann den Eindruck eines Schwindlers mche oder nicht. Ich habe in diesem Augenblick wahrhaftig nicht geglaubt, daß aus der Bitte und meiner Zusage für mich etwas so Verhängnisvolles erwachsen würde. Ich konnte mir auch nichts Böses denken, denn letzten Endes drohte, wenn Tettenborn ein Betrüger war, nur eine Gefahr für Thormann, nicht aber für mich, und ich gebe zu, daß ich die leise Hoffnung hatte, im Falle einer Entlarvung des Herrn v. Tettenborn und der darauf erfolgenden Säuberungsaktion eine Brücke zwischen den Alldeutschen und den Völkischen schlagen zu können. Thorman erbot sich, mir Tettenborn ins Hotel zu bringen. Auch das erschien mir nicht gefährlich, ich hatte vielmehr den Verdacht, daß man Geld von mir herausholen wollte, denn Thormann hatte mir wiederholt versichert, daß (-Horst v.-) Tettenborn und (-Heinz-) Köpke so geldhungrig seien, daß sie die tollsten Sachen machten, nur um in den Besitz von Mitteln zu kommen." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924)

Hotel Excelsior am Anhalter Bahnhof in Berlin - 1924 (BArch: Bild 146-1998-020-07A + Wikimedia Commons - Datei: Bundesarchiv Bild 146-1998-020-07A, Berlin, Hotel Excelsior am Anhalter Bahnhof.jpg / Hoffmann, Herbert - 1924)
Auch der Augsburger Fabrikant Dr. Grandel schildert seine Berliner Kontaktaufnahme mit seinem Mitangeklagten Alexander Thormann vor dem Berliner Landgericht:
"Am 12. Jänner (-Januar 1924-) habe ihn in der Leipzigerstraße ein Herr gegrüßt. 'Ich mußte mich erst besinnen, wer das war und erkannte schließlich Thormann. Er erzählte mir auch auf eine diesbezügliche Frage, daß er zur deutsch-völkischen Freiheitspartei Verbindungen habe und Wulle kenne." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1899, S.2 - "Thormann und Grandel vor Gericht" v. 29.5.1924)
Im Christlichen Hospiz zum St. Michael in der Wilhelmstraße 34, einem "Mittel-Gasthof ersten Ranges", wo Dr. Grandel auf seinen regelmäßigen Berlin-Reisen Unterkunft nimmt, werden demnach die letzten Vorbereitungen für das Attentat auf General v. Seeckt getroffen.
"Fest steht jedoch jetzt, daß dieser 'Dr. G.(-randel-)', der in Berlin über ihm nahestehende Helfer (-vom Germanen-Orden?-) verfügen muß, seinerseits Thormann vorgeschoben hat, um sich dann im Dunkel zu halten. Er hat an den Besprechungen, die zwischen dem zu dem Attentat scheinbar bereiten angeblichen Mördern (-Koepke, alias Schumacher-) und Thormann stattgefunden haben, nur ein einziges Mal teilgenommen und sich dabei wiederum eines Pseudonyms bedient, indem er sich als ein Dr. B.(-randler-) vorstellte." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.13 - Morgenpost, Nr.18 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 20.1.1924 + sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1773, S.2 - "Der Mordplan gegen Seeckt" v. 22.1.1924)
Zu dem angesprochenen Pseudonym heißt es in der Vernehmung eines Hauptbelastungszeugen:
"Einige Tage später erzählte Tettenborn, daß mit Thormann auch ein gewisser Brandler zusammen sei. Ich (-Zeuge Gilbert-) glaubte erst, daß das der Kommunist (-Heinrich Brandler-) sei." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts Nr.253, S.10 - "Köpke und Gilbert im Kreuzfeuer" v. 31.5.1924 + digitalisiert auf dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.27, S.4 - "Die Verhaftung im Café Josty" v. 16.1.1924)

Dr. Grandels Pseudonym zur Tarnung: Kommunist Heinrich Brandler (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.10 - Prozessakte Thormann-Grandel, Beigelegtes Passfoto zur generalstaatsanwaltlichen Anordnung der vorläufigen Festnahme der Beschuldigten Thormann und Dr. Brandler v. 15.1.1924)
Dr. Grandels geschilderte Verwendung des kommunistisch besetzten Namens Brandler erscheint im Rückblick nicht unplausibel. Die deutsche Abteilung der kommunistischen Tscheka plante ebenfalls bereits im Herbst 1923 die Beseitigung des General v. Seeckts. Hierzu wird 1925 rückblickend berichtet:
"Die erste Leistung der (-kommunistischen Tscheka-)Terrorgruppe sollte die Ermordung Seeckts sein. Dieser Auftrag ist mit Wissen einer ganzen Reihe von Mitgliedern der kommunistischen Zentrale, vor allen Dingen aber mit Wissen (-Heinrich-) Brandlers dem (-darufhin ausgewählten Attentäter-) Neumann durch Skoblewski erteilt worden. Bei der Vernehmung in Leipzig hat nicht nur Neumann, sondern auch die anderen Angeklagten eingehend geschildert, wie sie wochenlang Vorbereitungen für diese Ermordung getroffen haben. Warum der Fünferkopf der KPD (-unter Beteiligung Brandlers-) gerade diesen Auftrag gegeben hat, wird verständlich, wenn man an die damalige Situation denkt. General v. Seeckt hatte (-im Oktober 1923-) nicht nur die KPD verboten, er erschien nach außenhin - und namentlich den rein militärisch denkenden Kommunisten mußte es so scheinen - als der einzige ruhende Pol in dem allgemeinen Wirrwar (-der Weimarer Republik-). Fiel er, dann hofften die Kommunisten auf den Zerfall der Reichswehr, weil sie glaubten, daß ein Nachfolger Seeckts nicht die Autorität haben werde, die Reichswehr im Kampf gegen Kommunisten und Faschisten als Instrument zum Schutze der (-Weimarer-)Verfassung zusammenzuhalten. Sie spekulierten darauf, daß ein großer Teil der Reichswehr zu den Hitlerleuten übergehen werde. Ein Vorstoß der Hitlerleute hätte ihnen die gewünschte Parole gegeben. Aus dem allgemeinen Wirrwar konnten sie hoffen, zu einem neuen Angriff vorzustoßen. So entstand der Plan, Seeckt beseitigen zu lassen und dadurch eine Katastrophe auszulösen. (-Der Angeklagte-) Neumann hat (-am Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik-) in Leipzig die Versuche, die Ermordung Seeckts zu organisieren, sehr anschaulich geschildert." (Verlag Flügge/Berlin: "Die Tscheka - Die Organisation der Kommunistischen Partei für den politischen Meuchelmord", darin auf S.14 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" - 1925)
Eine weitere Kommunisten-Verbindung wird zu den Unruhen hergestellt, die sich nur eine Woche nach dem gescheiterten Attentatsversuch auf General v. Seeckt in dem sächsischen Bergbau-Industriebezirk Aue, Alberoda und Schwarzenberg ergeben:
"Da diese Unruhen (-am 23.1.1924-) gleichzeitig an verschiedenen Orten ausgebrochen sind und da die Massen dabei Waffen besaßen, nimmt das Wehrkreiskommando (-IV-), wie uns scheint, mit Recht an, 'daß es sich um ein planmäßig vorbereitetes Unternehmen handelte'. Von wem es vorbereitet wurde, ob von Kommunisten oder von 'völkischen' Lockspitzeln, ist noch nicht bekannt. Nachdem man erfahren hat, daß hinter dem Mordanschlag auf den General von Seeckt ein sich zu den 'Völkischen' zählender Industrieller, Dr. Grandel aus Augsburg, steht, ist die Möglichkeit nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen, daß auch bei den neuen Unruhen 'völkische' Geldgeber die Hand im Spiele haben. Dieser Verdacht liegt um so näher, als auch bei der (-am 24. Januar 1924 im Dresdner Landtag auf Veranlassung der Kommunisten stattgefundenen-) Abstimmung über den Auflösungsantrag im Landtage die Deutschnationalen sich wieder auf die Seite der Kommunisten schlugen und sich damit gleich diesen als Gegner der bestehenden Ordnung bekannten." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Erzgebirgischer Volksfreund, Nr.22, S.2 - "Giftmischer" v. 27.1.1924 + zitiert aus dem Leipziger Tagblatt v. 26.1.1924)
Diese Schilderung würde den Zeitdruck erklären, unter den der alldeutsche Verbandsvorsitzende Heinrich Class angeblich seinen Mitstreiter Gottfried Grandel nach dessen erster Aussage gesetzt hatte. In Berlin agierte Dr. Grandel während der Vorbereitungen zum Attentat unter dem Pseudonym 'Brandler', um mutmaßlich eine spätere Spurensuche auf den flüchtigen Kommunistenführer zu lenken. So hätte der den General von Seeckt ersetzende Oberbefehlshaber nicht nur dessen zeitlich auslaufenden Diktatur-Befugnisse übernommen, sondern zugleich auch die Reichswehr aktiviert, um die kommunistischen Austände in Sachsen niederzuschlagen, die ursächlich in den Attentatszusammenhang gestellt worden wären.
Der führende Kommunist Heinrich Brandler, der kurz nach Jahresbeginn 1924 in die neugebildete sächsichsche Landesregierung eintritt und schon im September 1923 dem zentralen Revolutionskomitee angehört, ist trotz führender Stellung innerhalb der KPD im Januar 1924 stark umstritten. Hierzu heißt es:
"Unter seiner (-Brandlers-) Leitung bereitete sich die KPD im Sommer 1923 auf einen Umsturz in Deutschland vor. Vom 10. bis 29. Oktober 1923 gehörte Brandler als Leiter der Staatskanzlei der sozialdemokratisch/kommunistischen sächsischen Regierung an. Er wollte die Einheitsfrontpolitik mit der SPD. Als die linke SPD auf der Chemnitzer Betriebsrätekonferenz 1923 die Teilnahme am Generalstreik ablehnte, entschloß sich die KPD unter Brandlers Führung, den Aufstand abzusagen, der nur isoliert in Hamburg ausbrach und scheiterte. Nach dem KPD-Verbot billigte die Mehrheit der Führung zwar zunächst noch Brandlers Linie, doch rasch war die übergroße Zahl der Parteimitglieder gegen ihn und seine 'rechte Politik'. Er wurde - besonders nach dem Eingreifen Sinowjews und der Komintern - zum 'Hauptschuldigen' am Fehlschlag (-des Umsturzes-) erklärt, im Januar 1924 abgesetzt und nach Moskau (-Sitzung ab 8. Januar 1924-) befohlen. Von der deutschen Polizei gesucht (unter dem falschen Namen Otto Ilgner und dem Steckbrief: '1,62 groß, hohe Stirn, braune Augen, breiter Mund, volles Gesicht, linksseitig Buckel, sächsischer Dialekt'), befand er sich bereits in der UdSSR." (bundesstiftung-aufarbeitung.de: Biographische Datenbanken - Brandler, Heinrich, 1881-1967)

Der kommunistische Parteisekretär Heinrich Brandler bei der Grabrede von Wilhelm Sültam - 6. April 1921 (BArch: BildY 1-488-396-71 / o.Ang.)
Es kann durchaus sein, dass die Berliner Polizei im Januar 1924 tatsächlich Heinrich Brandler als "spiritus rector" der Attentatsplanung auf General v. Seeckt vermutet, der zudem Dialekt spricht und vom Alter und der Körpergröße Dr. Grandel ähnelt. Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts fasst dann auch rückblickend die Situation zusammen:
"Die Verzweifelten aller Schichten, die nur noch an eine gewaltsame Lösung der furchtbaren Krise glaubten, die in Deutschland wütete, liefen zu den Kommunisten oder den Völkischen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.358, S.4 - "Es will Abend werden" v. 1.8.1924)
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Politisch konträr zum völkischen Dr. Grandel: Der Kommunist Heinrich Brandler (Fotografie im Privatbesitz)
In einer Aussage von Heinrich Class heißt es:
"Von Grandel hörte ich erst wieder, als er am 12. (-10.?-) Jänner nach Berlin kam. Er besuchte mich ganz kurz im Alldeutschen Verband (-Freitag, 11. Januar 1924-) und kam dann am nächsten Tag (-12. Januar 1924-) in meine Wohnung, wo ein ganzer Fragenkomplex besprochen wurde." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1901, S.2 - "Der Mordplan gegen Marschall Seeckt" v. 31.5.1924)

Rauchstraße 27 im Berliner Botschaftsviertel: Wohnsitz von Heinrich Class - 1924 (Fotografie im Privatbesitz / o.Ang.)
Beim Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann notiert Heinrich Class handschriftlich am 22. Januar 1924 über Dr. Grandel:
"Zuletzt sprach ich ihn am 11. (-Freitag-) und 12. (-Sonnabend-) oder 13. (-Sonntag-) Januar 1924. Ich habe mit ihm regelmäßig die allgem. politische Lage besprochen, namentlich wirtschaftliche Verhältnisse, über die er sich gut unterrichtet zeigte." (LArch Berlin: Prozessakte Thormann-Grandel - Schriftliche Aussage von Heinrich Class gegenüber dem Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 22.1.1924)
Berlin - Sonntag, 13. Januar 1924
Nach den Angaben des Mitangeklagten Alexander Thormann findet schließlich am Sonntag, den 13. Januar 1924 ein gemeinsames Treffen mit Dr. Grandel in Berlin statt:
"Als mir das nicht möglich war, bin ich mit Dr. Grandel ausgegangen und habe mit ihm am Sonntag (-13. Januar 1924-) im Leipziger Hof gegessen. Am Abend (-des 13. Januar 1924-), im Café Excelsior, habe ich Dr. Grandel erzählt, was ich im Schilde führte (...)." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1899, S.2 - "Thormann und Grandel vor Gericht" v. 29.5.1924)

Unter der Stuckdecke auf Perserteppichen: Café Anhalt im Hotel Excelsior - 1910 (Postkarte im Privatbesitz)
Auch Dr. Grandel erwähnt in seiner Vernehmung das gemeinsame Treffen im Berliner Café:
"Am Sonntag (-Abend, 13. Januar 1924-) kam dann Thormann ins Café Excelsior(-, wo ich mich, wie er wußte, aufhielt,-) und dort erzählte er mir zum ersten Male von Tettenborn (-von der Deutsch-völkischen Freiheitspartei/Dessauer Straße-). Der sei, so erklärte mir Thormann, ein ganz Radikaler, der schon allerhand Waghalsiges geleistet habe. Und nun deutete mir Thormann auch an, daß Tettenborn etwas gegen Herrn v. Seeckt plane. Ich habe dazu den Kopf geschüttelt und gelächelt, denn es erschien mir absurd, daß man wieder einmal mit dem Schicksal Deutschlands spielen wollte. Thormann erbot sich, mir Tettenborn ins Hotel zu bringen. Auch das erschien mir nicht gefährlich, ich hatte vielmehr den Verdacht, daß man Geld von mir herausholen wollte, denn Thormann hatte mir wiederholt versichert, daß Tettenborn und Köpke (-Pseudonym 'Schumacher'-) so geldhungrig seien, daß sie die tollsten Sachen machten, nur um in den Besitz von Mitteln zu kommen." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1899, S.2 - "Thormann und Grandel vor Gericht" v. 29.5.1924 + zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Deutsche Zeitung, Nr.235, S.2 - "Das Attentat gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924)
"Weiter bat mich dann Thormann, ich solle mir Tettenborn einmal ansehen. Ich habe in diesem Augenblick wahrhaftig nicht geglaubt, daß aus der Bitte und meiner Zusage für mich etwas so Verhängnisvolles erwachsen würde. Ich konnte mir auch nichts Böses denken, denn letzten Endes drohte, wenn Tettenborn ein Betrüger war, nur eine Gefahr für (-Alexander-) Thormann, nicht aber für mich,(...). Thormann erbot sich, mir Tettenborn ins Hotel (-Excelsior, Königgrätzerstraße 112, heute Stresemannstraße 78-) zu bringen. Auch das erschien mir nicht gefährlich,(...)." (zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Deutsche Zeitung, Nr.235, S.2 - "Das Attentat gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924)
"Tatsächlich erschien Tettenborn mit Köpke am nächsten Tag (-Montag, 14.1.1924-) im Leipziger Hof, und wir aßen dort zusammen." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1899, S.2 - "Thormann und Grandel vor Gericht" v. 29.5.1924 + zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Deutsche Zeitung, Nr.235, S.2 - "Das Attentat gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924)
Berlin - Montag, 14. Januar 1924
Der für die Mordtat vorgesehene Student Heinz Koepke aus Neubrandenburg, der sich selbst als Landwirt Schumacher vorstellt, berichtet dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann vom ersten Treffen mit Alexander Thormann:
"Ich erklärte mich bereit, zum Schein die Ausführung des geplanten Mordes zu übernehmen, und wurde am Montag, den 14.I.24 im Büro der Deutschvölkischen Freiheitspartei im Reichstagsgebäude dem Angeschuldigten Thormann unter dem Namen 'Schumacher' vorgestellt." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.4 - Prozessakte Thormann-Grandel, Vernehmungsprotokoll von Heinz Koepke/v. Tettenborn durch Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 15.1.1924)

Nur äußerlich willig zum Attentat: Student Heinz Koepke, alias Schumacher - Januar 1924 (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.117 - Prozessakte Thormann-Grandel)
Die beide Rechts-Terroristen Alexander Thormann und Dr. Gottfried Grandel kommen zu einem weiteren Vorbereitungstreffen am 14. Januar 1924 um 15 Uhr zusammen, diesmal im Leipziger Hof in der Berliner Königgrätzerstraße.
Durch Alexander Thormann wird hier der für die Ausführung vorgesehene Täter Heinz Koepke, alias Schumacher, dem nur maximal 45 Minuten anwesenden Dr. Grandel vorgestellt. Alexander Thormann vermerkt in seiner Aussage:
"Bald darauf kam Grandel in den Leipziger Hof u.(-nd-) wurde von mir mit Schumacher bekannt gemacht. Grandel, der höchstens eine Viertelstunde im Lokal blieb, unterhielt sich mit Schumacher über die politische Lage u.(-nd-) die Aufgabe der nationalen Jugend." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.19 - Thormanns Vernehmungsprotokoll v. 16.1.1924)
"Ich bin nach der Unterredung (-mit v. Tettenborn und Heinz Koepke/Schumacher am 14. Januar 1924 um ca. 15:45 Uhr-) zu (-Emil Lessel von-) den Lohmannwerken gefahren" (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Rhein- und Ruhrzeitung, Nr.229, S.1 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 29.5.1924)
Dr. Grandel gibt zu dem Treffen in seiner Aussage vor dem Berliner Landgericht an:
"Tatsächlich erschien Tettenborn mit (-Heinz-) Köpke am nächsten Tag (-14. Januar 1924-) im Leipziger Hof und wir aßen dort zusammen. Die beiden waren nicht etwa meine Gäste, das betone ich ausdrücklich, denn eine solche Annahme würde ich als eine Schande für meine Person (-meinen Namen-) betrachten. Tettenborn sprach, während Köpke (-so-), wie wir in Bayern sagen: 'verdruckst', d. h. hinterhältig, dasaß und niemanden anzuschauen sich getraute. Er aß (-nur-) und redete kein Wort. Im Laufe der Unterhaltung fragte Thormann den Köpke ganz laut: 'Sie wollen also die Sache gegen Seeckt ausführen?' und Köpke erwiderte mit niedergeschlagenen Augen: 'Jawohl'. Er verlangte zunächst eine größere Summe zur Sicherstellung seiner Mutter, wie er sagte, und als ich ihn fragte, wo denn die Mutter wohne, antwortete er (-so-) zögernd und unsicher, daß ich den Eindruck hatte, der Mann ist ein Lügner. Thormann erwiderte, daß auch diese Summe besorgt werden könne und nun fragte Köpke, ob er nicht sofort eine größere Abschlagzahlung darauf bekommen könnte. Ich würde diesem Manne persönlich nicht einen Pfennig geborgt haben, denn er machte auf mich durchaus den Eindruck eines Hochstaplers. Nach diesem Gespräch mußte ich zu einer Sitzung in die Außenhandelsstelle und, offen gestanden, war ich sehr froh, fortkommen zu können, denn ich dachte bei mir: 'Wenn diese Art Leute Deutschland retten wollen, dann gerät es sicherlich nur immer tiefer in den Sumpf.'" (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1899, S.2 - "Thormann und Grandel vor Gericht" v. 29.5.1924 + digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924)
Weiter berichtet Dr. Grandel in seiner korrigierten Aussage vor dem Berliner Untersuchungsrichter:
"Als ich Schumacher am 14. Januar 1924 durch Thormann (-um 15 Uhr im Leipziger Hof-) kennen lernte, sprach ich selbst so gut wie garnicht mit ihm. Er unterhielt sich fast ausschließlich mit Thormann. Über den General v. Seeckt, wie überhaupt über einen Attentatsplan, sprachen sie nicht." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.107/Bl.3 - Prozessakte Thormann-Grandel v. 1924)
Spätere Zeugen-Ermittlungen ergeben:
"Die im Hospiz angestellte Kassiererin Elise Andres gab, über die Persönlichkeit des Grandel befragt, folgendes an: G.(-randel-) sei schon öfter im Hospiz abgestiegen. Während seines hiesigen Aufenthaltes habe er im Verkehr mit einem Prinzen zu Löwenfeld oder Löwenstein gestanden und habe Briefe aus München erhalten. Weiter habe er Beziehungen zu einem Dr. Martin vom Krankenhaus Lichtenberg gehabt. Am Montag, den 14.1.24, abends gegen 7 Uhr, habe Grandel den Besuch eines Herrn Thormann empfangen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.23 Durchsuchungsbericht v. 16.1.1924)
In der Anklageschrift des Berliner Landgerichts heißt es zu dem Treffen im Leipziger Hof:
"Hier fragte auch er (-Dr. Grandel-) den (-Heinz-) Koepke, ob er zu der Tat entschlossen sei und besprach mit ihm ihre Einzelheiten. Auf Koepkes Frage, ob die Tat auch lohne und entsprechend ausgewertet werden würde, erklärte er ebenso wie Thormann, daß eine Großorganisation (-Germanen-Orden/Organisation C?-) hinter ihnen stehe; Namen wollte er (-Dr. Grandel-) nicht nennen, sprach aber auch von 'unserem York', dem 'kommenden Mann' (-Erich Ludendorff/Hermann Ehrhardt?-). Koepke solle sich nach der Tat selbst stellen, er könne aber unbesorgt sein, es würde sich schon nach wenigen Stunden eine Gelegenheit zur Flucht finden. Koepke fragte endlich, wie es mit der Versorgung seiner Mutter (-in Westpreussen-) würde; Grandel sagte hierfür 50 000 M zu, das Geld würde von einer Stelle in Süddeutschland herkommen.(...) Es wurde verabredet, daß die Tat am folgenden Morgen (-Dienstag, 15.1.1924-) ausgeführt werden und daß Koepke sich zuvor gegen 7 Uhr am Potsdamer Platz in seiner Ausrüstung zeigen solle." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.2/S.4, Anklageschrift v. 11.4.1924)
Der Zeuge Heinz Koepke gibt in seiner gerichtlichen Aussage zu Protokoll:
"Im Leipziger Hof, wo wir (-am 14. Januar 1924-) zu Mittag aßen, hat Thormann erklärt: 'Seeckt muß beseitigt werden, die nötige Umstellung sei schon eingeleitet. Ich selbst solle es machen wie Friedrich Adler und mich nach dem Attentat stellen. Ich würde dann Gelegenheit zur Flucht haben. Meine Mutter würde durch Kurier 5000 (-50.000-) M. bekommen, da eine Stelle in Marienburg das alles regele.' Abends waren Tettenborn, Thormann und ich bei (-der Weinstube-) Huth. Thormann deutete mir an, ich würde um die Ecke gebracht werden, falls ich Verrat übte. Er zeichnete auf dem Rand einer Zeitung eine Kirche und einen Galgen. Dabei sagte er: 'Entweder - oder.' Ich habe von Thormann 50 Dollar bekommen, um mir einen Reitanzug zu kaufen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.302 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.12 - 1924)
Von dem späteren Prozess vor dem Berliner Landgericht wird berichtet:
"Auf eine Frage von Professor Strauch schilderte der Zeuge Köpke, daß bei der Besprechung zwischen ihm und Grandel der Angeklagte (-Dr. Grandel-) lange philosophische Ausführungen gemacht habe." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.253, S.10 - "Köpke und Gilbert im Kreuzfeuer" v. 31.5.1924)
"R.(-echts-)-A.(-nwalt-) Dr. Sack: (...) Kannten Sie die Bendlerstraße (-14-) und den Tattersall? Zeuge (-Koepke-): Jawoll. Thormann hat mir dort geschildert, daß die Wohnung von Seeckt einen Hinterausgang habe." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.253, S.10 - "Köpke und Gilbert im Kreuzfeuer" v. 31.5.1924)
Während des Treffens im Leipziger Hof betont Dr. Grandel nach Aussage des Studenten Heinz Koepke:
"Ich besprach hierbei auch mit Grandel schon, daß ich meine Tat im Tattersall in der Bendlerstraße ausführen sollte. Grandel fragte mich, ob ich gut reiten könne, und sagte mir, der beste Zeitpunkt sei im Augenblick des Aufsteigens oder in der ersten halben Stunde. Hierzu bemerkte Thormann, der mit ... gesagt hatte, daß die Wohnung des Generals von Seeckt neben dem Tattersall liege, und daß von dieser Wohnung vermutlich ein Weg über den Hof zu dem Tattersall führe." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.6/125 - Prozessakte Thormann-Grandel - Schriftliche Zeugenaussage von Heinz Koepke gegenüber dem Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 15.+ 31.1.1924)

Geplanter Ort des Attentats auf General v. Seeckt: Reitgelände Tattersall in der Berliner Bendlerstraße 12/13 (Fotografie im Privatbesitz / Familienfotoalbum von Tattersall-Direktor Jan Kok, NL)

Zielperson des geplanten Attentats: Generaloberst Hans v. Seeckt (BArch: Bild 136-B1064 / Tellgmann, Oscar + Süddeutsche Woche, Bildbeilage der Augsburger Postzeitung / Preß-Photo - 1925)

Täglicher Morgenritt durch den Berliner Tiergarten: General Hans v. Seeckt mit seinem Adjudanten - 1923 (v. Rabenau: "Seeckt - Aus seinem Leben 1918-1936", S.688 - 1940)
Was jedoch Gottfried Grandel über den von Alexander Thormann kontaktierten Mittelsmann Horst v. Tettenborn und Heinz Koepke nicht weiß:
"(-Horst-) v. Tettenborn hatte nämlich von dem Mordplan fortgesetzt die Behörden des Reichskommissars für die Überwachung der öffentlichen Sicherheit unterrichtet."
Der sich dem Reichskommissar zur Verfügung stellende Hauptspitzel v. Tettenborn berichtet noch am späteren Nachmittag den Behörden:
"Am 14.I. machte ich (-heute um die Mittagszeit im Leipziger Hof-) Herrn Thormann mit (-dem Studenten-) Herrn Koepke, dem angeblichen Täter (-Schumacher-), kekannt. Er (-Alexander Thormann-) verlangte die Ausführung des Attentates am 15., spätestens am 16.I.(-1924-). In seiner Begleitung befindet sich ein Dr. Brandler (?), der mit ihm in dieser Beziehung zusammen steht.(...) Ich komme heute abend mit Th.(-ormann-) zusammen, um Ort und Zeit zu verabreden, bei der ich ihn zur Verhaftung bringen werde." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.2 - Prozessakte Thormann-Grandel - Schriftliche Zeugenaussage v. Tettenborns gegenüber dem Reichskommissar für öffentliche Ordnung v. 14.1.1924)
Weiter heißt es zu der Spitzeltätigkeit von Horst v. Tettenborn und Heinz Koepke:
"Die Einzelheiten dieses Planes wurden wiederum sofort dem Reichskommissar für die öffentliche Sicherheit mitgeteilt, der nun alle Vorsichtsmaßnahmen ergriff. Um Thormann ganz in Sicherheit zu wiegen, wurde Herr (-Koepke-) für die Begegnung am Montag früh (-Dienstag, 15.1.1924-) entsprechend kostümiert. Er erhielt einen Reitanzug, eine Karte für den Tattersall und einen Revolver." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.1 - Berliner Tageblatt, Nr.27, "Der Attentatsplan gegen General v. Seeckt" v. 16.1.1924)

(LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Koepkes Reit-Anmeldung v. 14.1.1924)
"Staatsanwalt Burchardi: Fiel Ihnen etwas Besonderes an Dr. Grandel auf? War er interessiert oder aufgeregt?
Zeuge (-Koepke-): Er machte den Eindruck, als ob er das Ganze leitete." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.253, S.10 - "Köpke und Gilbert im Kreuzfeuer" v. 31.5.1924)
Ein weiterer Artikel vermerkt hierzu:
"Köpke schilderte dann, wie er mit Thorman (-am 14.1.1924-) durch den Tiergarten und die Bendlerstraße gegangen sei. Im 'Leipziger Hof ', wo sie Mittag gegessen, habe Thormann ihm als 'Spiritus Rector' Dr. Grandel genannt." (GStA PK, I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.114 - Berliner Tageblatt, Nr. 256: "Belastungszeugen im Thormann-Grandelprozeß" v. 30.05.1924)
Eine Zeugin berichtet ferner:
"Am Montag, den 14.1.24, abends gegen 7 Uhr, habe Grandel den Besuch eines Herrn Thormann (-in dessen Berliner Unterbringung im Christlichen Hospiz-) empfangen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.23 - Prozessakte Thormann-Grandel, Durchsuchungsbericht der Abteilung I.A. v. 16.1.1924)
In der Weltbühne heißt es zum direkten Vorlauf des Attentatsversuches:
"Am 14. Januar drängte Thormann zur Tat. Noch in der Nacht wurde der General gewarnt, am nächsten Morgen (-Dienstag, 15.1.1924-) zu reiten, wo der Mörder seines Amtes walten sollte, während der gemütvolle Thormann vor dem Tattersall in der Bendler-Straße auf und ab wandeln wollte." (Die Weltbühne: Bd.20, Teil 1, S.362 v. 1924)
Berlin - Dienstag, 15. Januar 1924
Nach den späteren Ausführungen des Belastungszeugen Heinz Koepke spitzt sich die Situation schon am frühen Vormittag zu:
"Am nächsten Morgen habe ich Dr. Grandel mit Thormann (-um 6:45 Uhr-) am Anhalter Bahnhof getroffen und wir gingen in den Tiergarten." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.302 + Stadtarchiv Stralsund: N-Fan86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.12 - 1924)

"Großes nur durch die Taten Einzelner": Konspiratives Treffen frühmorgens am Potsdamer Platz (Schmiedecke: "Berlin-Tiergarten", S.102 - 2011, Blick auf den Primus-Palast in der Potsdamer Straße 19)

Berlin: Anhalter Bahnhof - 1927 (saalfelder-lokschuppen.eu / Klaus, Carsten)
In der Anklageschrift des Berliner Landgerichts heißt es weiter:
"Dementsprechend trafen sich am (-Dienstag-) 15. Januar 1924 früh morgens (-um 6:45 Uhr-) die Angeschuldigten (-Thormann/Grandel, alias Dr. Brandler-) und (-Student Heinz-) Koepke (-alias Schumacher-) am Potsdamer Platz und machten zunächst einen Rundgang durch die angrenzenden Straßen (-Bellevuestraße-); darauf verabschiedete sich Thormann, Grandel dagegen begleitete den Koepke noch bis zur Ecke Tiergarten- und Bendlerstraße (-Reithalle Tattersall-). Er ermutigte ihn auf diesem Wege zu der Tat, indem er sich darüber verbreitete, daß in der Geschichte stets Großes nur durch die Taten einzelner Menschen geschah." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.2/S.4, Anklageschrift v. 11.4.1924)

Tägliches Gewühl auf dem verkehrsreichsten Platz Europas: Potsdamer Platz kurz vor der Montage des ersten deutschen Verkehrs-Ampelturmes - 1923 (Fotografie aus unbekanntem Buch)
Der Zeuge Heinz Koepke schildert später vor Gericht den zeitlichen Ablauf vor dem geplanten Attentat:
"Am nächsten Morgen (-Dienstag, 15.1.1924, 6:45 Uhr-) habe ich Dr. Grandel mit Thormann am (-Berliner-) Anhalter Bahnhof getroffen und wir gingen in den Tiergarten. Thormann verließ uns unterwegs. Grandel redete mir gut zu. Es käme immer auf die Tat einzelner an. Meine Tat würde Deutschland sehr helfen. Er fragte mich auch, ob ich ein guter Reiter sei." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.253, S.10 - "Köpke und Gilbert im Kreuzfeuer" v. 31.5.1924)

Ummantelung einer Laterne: Reklame-Modell für Straßenbahnhaltestellen - 1921 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Die Voss, Nr.7, S.5 - "Das Reich der Technik - Die neuen Straßenbahnhaltestellen" v. 19.3.1921)
In seiner im Verlauf der Voruntersuchung korrigierten Aussage vor dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann vermerkt Dr. Grandel:
"Am Morgen des 15.I.24 habe ich mich (-mit-) Thormann zu dem Gange nach dem Treffpunkt am Potsdamer Bahnhof nur deshalb angeschlossen, weil ich sehen wollte, was an den Andeutungen Thormanns wahres sei. Daß Schumacher an diesem Morgen in die Bendlerstr. gehen wollte, erfuhr ich erst an diesem Morgen, als Schumacher erklärte, er gehe in den Bendlertattersall zum Reiten. Daß der General v. Seeckt in diesem Tattersall zu reiten pflegte, wurde mir nicht gesagt. Ich wußte allerdings, daß das Reichswehrministerium in der Bendlerstraße Amtsräume hat. Ich habe nun auch Schumacher auf seinem Wege dorthin begleitet, um zu sehen, was er vorhätte. Nach seinen Absichten gefragt habe ich ihn nicht, weil ich überhaupt nicht ernstlich an einen Attentatsplan glaubte. Auf dem Wege vom Potsdamer Bahnhof zur Bendlerstr. habe ich mit Schumacher überhaupt nicht über politische Dinge gesprochen sondern nur gefragt, ob er gut reiten könne, was für Pferde im Tattersall wären, und ähnliche. Schumacher selbst war sehr verschlossen und antwortete fast nur mit 'ja' oder 'nein'. Als ich sah, daß Schumacher die Bendlerstraße betrat, trennte ich mich von ihm. In diesem Augenblick glaubte ich nicht mehr, daß Schumacher tatsächlich einen Mordplan vorhatte. Nach dem Eindruck, den er mir auf dem Wege gemacht hatte, traute ich ihm eine solche Tat nicht zu und glaubte nun, daß man mir etwas vorgemacht hätte." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.107/Bl.3-4 - Prozessakte Thormann-Grandel, Erklärung Dr. Grandels gegenüber dem Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 28.1.1924)
Die Tagespresse berichtet bereits wenige Tage später:
"Wie ernst es sowohl Thormann wie Dr. G.(-randel-) mit ihren Mordabsichten gewesen ist, beweist ferner der Umstand, daß Dr. G.(-randel-) zusammen mit Thormann den für die Ausführung des Attentats ausersehenen Herrn (-Koepke-) bis an das Tor des Tattersalls begleiteten, um ihn zu verhindern, etwa im letzten Augenblick anderer Gesinnung zu werden und von dem Vorhaben zurückzutreten." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.13 - Morgenpost, Nr.18, "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 20.1.1924)
Nachdem nun der potentielle Attentäter vor dem Eingang zum Reitplatz auf sich allein gestellt ist, scheint aus der Pespektive von Alexander Thormann und Dr. Grandel vorerst alles nach Plan zu verlaufen. Mittlerweile liegt jedoch schon ein vorläufiger Haftbefehl der Berliner Generalstaatsanwaltschaft vor:
"In der Ermittlungssache gegen den H. Thormann und Gen.(-ossen-) wegen Vergehens nach § 49 b St.G.B. wird eine vorläufige Festnahme der Beschuldigten Thormann und Dr. Brandler gemäß § 127 II. Str.P.O. angeordnet." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.10 - Prozessakte Thormann-Grandel - Anordnung der voräufigen Festnahme durch die Berliner Staatsanwaltschaft v. 15.1.1924)
In dem für die vollstreckenden Beamten der Potsdamer Polizeiwache ausgestellten Briefkuvert befindet sich neben der Festnahmeanordnung ein Passfoto von dem Kommunistenführer Heinrich Brandler, der zu diesem Zeitpunkt noch als möglicher Komplize Alexander Thormanns gilt. Zu dem weiteren Verlauf heißt es:
"Thormann war der festen Ueberzeugung, daß alles in bester Ordnung sei, und begab sich gegen 11 Uhr in das Café Josty, wo er zunächst Herrn D. (-Horst v. Tettenborn-) traf, der, um den anderen in Sicherheit zu wiegen, auch seine Frau mitgebracht hatte. Punkt 11 Uhr erschienen jedoch nicht der 'Attentäter' C. (-Heinz Koepke-), sondern Kriminalbeamte, die Thormann und - zum Schein - auch D. (-Horst v. Tettenborn-) mit seiner Frau verhafteten. Die beiden letzteren wurden natürlich sofort wieder auf freien Fuß gesetzt, während Thormann in Untersuchungshaft genommen und dem Untersuchungsrichter (-Dr. Friedrich Nothmann-) beim Landgericht I vorgeführt wurde. Die Untersuchungen erstreckt sich nunmehr vor allem auf die Hintermänner Thormanns, da nicht anzunehmen ist, daß der Plan zur Beseitigung des Generals v. Seeckt nur dem Willen eines einzelnen entsprang." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.1 - Berliner Tageblatt, Nr.27, "Der Attentatsplan gegen General v. Seeckt" v. 16.1.1924)

Verhaftung im schmalen Kaffee-Salon: Künstlercafé Josty's Conditorei am Potsdamer Platz (BArch: Bild 146-1994-004-10A / o.Ang.)

Mit großer Sonnenterasse, auch zum Potsdamer Platz gelegen: Café Josty an der Bellevuestraße 21/22 (Fotografie im Privatbesitz)
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"Anzeige wegen Aufforderung zum Mord": Verhaftung im Lokal (Bay. Staatsbibliothek: Nachgestelltes Symbolbild hoff-12082 / Hoffmann, Heinrich)
In einer Liste der bei Alexander Thormann sichergestellten Gegenstände wird u.a. eine Browning-Pistole Nr.469/89 mit zusätzlichem Magazin und 19 Patronen aufgelistet.
(LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, S.29 v. 15.1.1924)
Die Verhaftung Thormanns ergibt, dass sein als spiritus rector bezeichnete Komplize an dem Treffen im Café Josty's nicht teilnimmt. Obwohl die Attentatsplanung schon im Vorwege detailliert den Behörden zur Kenntnis gerät, gelingt es Dr. Grandel durch ungeklärte Umstände, sich dem Zugriff der Berliner Polizei zu entziehen. Doch eine durch Alexander Thormann angegebene Telefonnummer von Dr. Grandels Unterbringung bringt die Polizei schließlich auf dessen Berliner Aufenthaltsort:
"Sein Mitbeschuldigter, ein Dr. G.(-randel-) ist entkommen. Als dessen Wohnung (-im Berliner Hospitz-) in der letzten Nacht (-Mittwoch , 16.1.1924, 7.30 Uhr-) durchsucht wurde, stellte es sich heraus, daß er sich bereits wieder an seinen Wohnort, der ebenfalls in Bayern ist, zurückbegeben hatte." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.1 - Berliner Tageblatt, Nr.27, "Der Attentatsplan gegen General v. Seeckt" v. 16.1.1924)
Weiter heißt es in der Berliner Tagespresse:
"Allein aus der Tatsache, daß sie mit den täglichen Gepflogenheiten des Oberbefehlshabers so gut vertraut waren, geht hervor, daß die beiden (-Thormann und Grandel-) noch irgendwelche Helfershelfer in Berlin gehabt haben müssen (-Germanen-Orden?-). Darauf deutet auch der Umstand, daß Dr. G.(-randel-) von der Verhaftung Thormanns und damit der Aufdeckung des ganzen Plans durch einen unerkannt gebliebenen Komplicen anscheinend so rechtzeitig Nachricht erhalten hat, daß die mit seiner Verhaftung betrauten Kriminalbeamten das (-Berliner Hospiz-) Nest bereits leer fanden." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.13 - Morgenpost, Nr.18, "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 20.1.1924)
Ein möglicher Aufenthaltsort Dr. Grandels während der Verhaftung Alexander Thormanns im Café Josty ergibt sich aus der autobiographischen Romanerzählung von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, der bereits 1917 vom Kanzler des Berliner Germanen-Ordens Walvater beauftragt wird, die Logenarbeit in Bayern zu aktivieren: Er notiert zu seinem Ordens-Kontakt in Berlin:
"Die Korrespondenz mit Lange (-gemeint ist Eichmeister und Ordenskanzler Hermann Pohl-) war (-1917-) eine rege geworden, dieser hatte eine Etage in der Nähe des Potsdamer Bahnhofes gemietet, sie ausstaffiert und wollte sie zum 21. Dezember (-1917-) weihen." (Sebottendorff: "Der Talisman des Rosenkreuzers", S.178 - 1925)
Nach der Verhaftung Alexander Thormanns ergeben die daraufhin durchgeführten Zeugen-Ermittlungen:
"Die im Hospiz angestellte Kassiererin Elise Andres gab, über die Persönlichkeit des Grandel befragt, folgendes an:(...) Es sei der Andres auffällig gewesen, dass Grandel am 15.1.24 mittags äusserte, er wolle noch einen Tag hierbleiben, während er dann noch am gleichen Tage, im Laufe des Nachmittags, zurückgekehrt sei und gegen 7 Uhr nachm. das Hospiz mit der Angabe, dass er sofort verreisen müsse, verlassen habe. Es wird angenommen, dass Grandel mit dem 8 Uhr-Zug nach Bayern gefahren ist." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.23 - Prozessakte Thormann-Grandel, Durchsuchungsbericht der Abteilung I.A. v. 16.1.1924)
Zu Beginn der Gerichts-Verhandlung wird der Angeklagte Dr. Grandel mit folgender Darstellung zitiert:
"Am nächsten Tage (-15. Januar 1924 um 19:00-) reiste Dr. Grandel, da seine Geschäfte in Berlin beendet waren, nach Augsburg ab. Als er auf dem Bahnsteig wartete, kaufte er eine Zeitung und las zu seiner 'großen Überraschung' von den Verhaftungen, die in Angelegenheit eines geplanten Attentats gegen General v. Seeckt vorgenommen worden waren. Obwohl Namen nicht genannt waren, wußte er natürlich, worum es sich handle,(-Mein Verdacht war sofort, daß Köpke ein Spitzel war,-) aber er beruhigte sich, weil er sich gesagt habe, ein Unrecht habe er nicht begangen. Schlimmstenfalls würde er als Zeuge vernommen werden." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de + //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.251, S.4 - "Alles nur Komödie" v. 27.5.1924 + deutsche-digitale-bibliothek.de: Rhein- und Ruhrzeitung, Nr.229, S.1 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 29.5.1924)
Auch Generaloberst Hans von Seeckt äußert sich kurz im Rahmen einer spätabendlichen Depeche und tags darauf gegenüber seiner Frau Dorothee:
"Gerücht verbreitet vom Anschlag auf meine Person. Ängstige Dich nicht, es geht mir sehr gut (...). Ich hatte von der ganzen Sache erst mittags erfahren und war höchst unangenehm berührt, als die acht Uhr Presse die Sache schon brachte. Ich hoffte, es liefe still ab. Abends war Berlin schon voll davon." (v. Rabenau: "Seeckt - Aus seinem Leben 1918-1936", S.392/393 - 1940)
Augsburg - Mittwoch, 16. Januar 1924
Der bereits nach Süddeutschland entkommene Komplize des am 15. Januar 1924 verhafteten Alexander Thormann wird den Berliner Behörden schon am Folgetag von seiner Identität her bekannt. Drei mit der Ermittlung beauftragte Polizeibeamte erreichen die Berliner Unterkunft von Dr. Grandel in den frühen Morgenstunden:
"Auftragsgemäss begaben sich Unterzeichnende heute gegen 7,30 Uhr vorm. in das christliche Hospiz, Wilhelmstr. 34. Die Festellungen ergaben folgendes: Bei Einsicht in das Fremdenbuch wurde der Name Grandel vorgefunden." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.23 - Prozessakte Thormann-Grandel, Durchsuchungsbericht der Abteilung I.A. v. 16.1.1924)
In der öffentlichen Berichterstattung heißt es wenige Tage später:
"Der geheimnisvolle Dr. G., der steckbrieflich gesucht (...) wurde, der zweite Beteiligte an dem Komplott gegen General v. Seeckt, ist der nationalsozialistische Fabrikbesitzer Dr. Grandel." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1773, S.2 - "Der Mordplan gegen Seeckt" v. 22.1.1924)

(LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.21 - Prozessakte Thormann-Grandel, Haftbefehl des Berliner Untersuchungsrichters Dr. Friedrich Nothmann v. 16.1.1924)
In seiner prozessualen Aussage betont Dr. Grandel vor dem Berliner Landgericht rückblickend:
"Ich habe keine Anstalten zu einer Flucht gemacht. Am Mittwoch nachmittag (-16. Januar 1924-) besuchte ich im (-Augsburger-) Polizeigebäude einen Beamten, den ich aber nicht antraf. Dann ging ich am Paßamt vorbei, und es fiel mir ein, daß ich meinen Paß erneuern lassen wollte. Ich habe mir den Inlandspaß erneuern lassen. Der Beamte fragte mich, ob der Paß auch für die angrenzenden Länder, Tirol usw., ausgestellt werden sollte. Ich stimmte zu. Auf dem Einwohnermeldeamt fragte mich der Beamte, ob ich den Paß schon am nächsten Morgen haben wollte, was ich verneinte." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.299 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.9 - 1924)
Während in Berlin gewissenhaft an der Aufklärung des gescheiterten Attentats gearbeitet wird, zieht Generaloberst Hans v. Seeckt erste Schlüsse aus den ihm zur Verfügung stehenden Informationen. Gegenüber seiner Frau vermerkt er in einem Brief:
"Geliebtes! Es tut mir ja zu leid, daß ich Dir diesen Schrecken einjagen mußte, aber es schien mir immer besser, als es den Zeitungen oder zufälligem Gerede zu überlassen. Was nun an der ganzen Sache dran ist, weiß noch niemand; aber ein gefundenes Fressen für die Presse, die sich einige Tage ausschwelgen wird. Vorläufig ist nichts weiter bekannt als mysteriöse Pläne, Denunziationen, Verdächtigungen. Ich sehe das ganze denkbar ruhig an. Dergleichen ist ja ganz unvermeidlich und im Augenblick, wo es bekannt wird, überwunden. Auf die Sache aufmerksam gemacht ist aus Rechtskreisen; ob um den Nachbarn anzuschwärzen, steht nicht fest. Mich langweilt dieses Zeitungsgeschwätz außerordentlich." (v. Rabenau: "Seeckt - Aus seinem Leben 1918-1936", S.392/293 - 1940)
Augsburg - Donnerstag, 17. Januar 1924
Dr. Grandels überstürzte Flucht aus Berlin schützt ihn vor dem Zugriff der Polizei nicht. Zu Alexander Thormanns Augsburger Komplizen heißt es in der späteren Anklageschrift:
"Grandel reiste am Abend des 15. Januar 1924 (-Dienstag-) nach Augsburg zurück und wurde hier am 17. Januar (-Donnerstag-) festgenommen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.3/S.5, Anklageschrift v. 11.4.1924)
Gottfried Grandel betont in der späteren Gerichtsverhandlung:
"Ich habe auch zu Haus niemand, auch nicht meiner Frau (-Helene Grandel-), von der Begegnung mit Köpke und Tettenborn etwas erzählt." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Rhein- und Ruhrzeitung, Nr.229, S.1 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 29.5.1924)

Der Berliner Polizei entwichen: Dr. Grandels überstürzte Rückreise nach Augsburg (Fotografie im Privatbesitz / Baureihe 64 auf der Strecke Adelsried-Horgau - 1928)
"Am Donnerstag nachmittag (-17.00-) wurde ich zu meiner Bestürzung verhaftet (...)." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.299 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.9 - 1924 + LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.53 - Prozessakte Thormann-Grandel - Landgericht Berlin, Rückseitige Stellungnahme durch Augsburger Kriminal-Kommissar Link v. 19.1.1924)
Weiter heißt es über den Angeklagten Dr. Grandel:
"Mit tränenerstickter Stimme schilderte der Angeklagte (-Dr. Grandel-) die Wirkung der Verhaftung auf seine Frau (-Helene-), die furchtbar erschrak. Er behauptete, die Beamten seien sehr grob und barsch mit ihm gewesen." (Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Allgemeine Zeitung, Nr.202, S.2 - "Der Anschlag auf General Seeckt vor Gericht" v. 28.5.1924)

Verhaftung durch die Schutzpolizei (BArch: Symbolbild 102-10821 / Pahl, Georg)
Zu der Festnahme Dr. Grandels in Augsburg wird berichtet:
"Als er einige (-zwei-) Tage später (-am 17.1.1924-) im Kreise seiner Familie in Augsburg verhaftet wurde, waren er und seine Familie, der er, um sie nicht zu beunruhigen, nichts über die Sache erzählt hatte, auf das tiefste bestürzt." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de + //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.251, S.4 - "Alles nur Komödie" v. 27.5.1924)

Nach Dr. Grandels Verhaftung: Erste Untersuchungshaft in der Augsburger Karmelitengasse 12-17 - 20. Januar 1924 (Wikimedia Commons / Jkü - Datei: Karmelitengasse 12 Augsburg.JPG - 2014)
Die betriebliche Situation zum Zeitpunkt der Verhaftung stellt sich nach Angaben der Mitarbeiter wie folgt dar:
"Die Firma Georg Grandel, Ölfabrik Augsburg, beschäftigt z. Zt. 8 Arbeiter und 3 kaufmännische Angestellte. Der Alleininhaber der Firma, Herr Dr. Gottfried Grandel, ist die Seele des ganzen Unternehmens; er leitete den schwierigen chemischen Betrieb persönlich, führte auch alle Analysen, Versuche und Untersuchungen der Rohstoffe, Halb- & Fertigfabrikate stets selbst aus. Er allein kennt die Herstellungsverfahren, weil eigene Erfindung. Die kaufmännische Leitung und die Arbeiterschaft können ohne ihn nur kurze Zeit weiter machen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.169 - Prozessakte Thormann-Grandel - Bittbrief der Augsburger Belegschaft Dr. Grandels an den Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 6.2.1924)
Augsburg - Freitag, 18. Januar 1924
Für Dr. Grandel ergibt sich hier eine neue, ungewohnte Situation: Er steht unvermittelt und reichsweit im öffentlichen Fokus der Medien; noch leugnet er vor dem Augsburger Amtsrichter Dr. Herrmann eine Teilhabe an den Attentatsvorbereitungen auf General v. Seeckt. Hierzu wird in dem ersten Vernehmungsprotokoll des Augsburger Amtsrichters vermerkt:
"Dem Beschuldigten wurde vormittags 10 Uhr 10 eröffnet, daß er auf Grund Anordnung des Herrn Untersuchungsrichters am Landgericht Berlin wegen Teilnahme an einem Mordanschlag gegen General v. Seeckt in Haft genommen worden ist, u. daß seine Einvernahme zur Sache erfolgt nach Eintreffen der Akten. Er (-Dr. Grandel-) erklärt: 'Ich möchte jetzt schon erklären, daß ich unschuldig bin und mich an einem Mordanschlag gegen General v. Seeckt nicht beteiligt habe.'" (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.52 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Gottfried Grandels Vernehmungsprotokoll vor dem Augsburger Amtsrichter Herrmann v. 18.1.1924)
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Unvermittelt im Fokus der Ermittlungen: Dr. Gottfried Grandel - 1924 (Gerichtszeichner, Fotografie im Privatbesitz)
Augsburg - Sonnabend, 19. Januar 1924
Obwohl Dr. Grandel gegenüber dem Augsburger Amtsrichter seine Unschuld beteuert, wird die vorläufige Inhaftierung gegen ihn aufrecht erhalten. Am Sonnabend nach seiner Verhaftung gibt er in einer weiteren Vernehmung dem Augsburger Amtsrichter Dr. Herrmann zu Protokoll:
"Gegen den Haftbefehl lege ich Beschwerde ein, weil ich mich der zur Last gelegten Straftat nicht schuldig fühle u. auch nicht flüchtig gegangen bin. Ich war vom 10.I. abends bis 15.I.24 abends in Berlin zur Erledigung geschäftlicher u. persönlicher Angelegenheiten. Ich gehörte bis 1921 der Nationalsoz. Partei an und seit dieser Zeit überhaupt keiner politischen Partei mehr. Den Thormann lernte ich etwas vor Weihnachten 1923 (-Juni 1923-) in München kennen, wo er mir seine mißliche, wirtschaftliche Lage schilderte. Ich machte ihm Hoffnung auf eine Vertretung, die ich ihm vielleicht geben könne, wenn ich eine genehmigte Einfuhrbewilligung erhielte. Ich war hauptsächlich wegen der Erlangung einer Einfuhrbewilligung für österreichische Kreide bei der Außenhandelsstelle für Grob-Keramik in Berlin. Thormann hat mich mehrmals in Berlin aufgesucht in Betreff der in Aussicht gestellten Vertretung. Von einem Plan zur Ermordung des General v. Seeckt od. einer anderen politischen Persönlichkeit, wurde kein Wort gesprochen. Ich bin auch keineswegs flüchtig gegangen, sondern bin hierher nach Augsburg zu meiner Familie u. meiner Fabrik zurückgefahren u. habe mich hier aufgehalten." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.55 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Gottfried Grandels Vernehmungsprotokoll vor dem Augsburger Amtsrichter Dr. Herrmann v. 19.1.1924)

Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Volks-Zeitung, Nr.34, S.2 - "Der Attentatsplan gegen v. Seeckt" v. 20.1.1924
Der aus Augsburg hinzugezogene Rechtsbeistand Dr. Emil Epstein, zugleich Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Augsburg, kann nach einem gemeinsamen Austausch in der von einem Aufseher bewachten Gesprächszelle den aus Berlin vorgegebenen Verfahrenslauf nicht aufhalten. Sein Antrag auf Haftverschonung scheitert:
"Der Haftbefehl vom 16. Januar ist mit Fluchtgefahr begründet. Eine solche Gefahr erscheint mit Rücksicht darauf, dass Dr. Grandel in Augsburg den Mittelpunkt eines umfangreichen Geschäftsbetriebes u. eines glücklichen Familienlebens (Frau und vier Kinder) bildet, ausgeschlossen. Ich beantrage deshalb, nach Beendigung der erforderlichen Vernehmungen, insbesondere des in den nächsten Tagen zu erwartenden Verhöres, den Haftbefehl aufzuheben oder wenigstens Dr. Grandel gegen eine angemessene Sicherheit mit der Untersuchungshaft zu verschonen. Es könnte zur Bürgschaft oder in anderer Art die für die jetzigen Zeitverhältnisse sehr beträchtliche Summe von 50 000 G(-old-) M(-ark-) zur Verfügung gestellt werden." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.61 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Grandels erster Augsburger Rechtsanwalt Dr. Emil Epstein an den Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 19.1.1924)

Hoch angesehen in Augsburger Kreisen: Rechtsanwalt Dr. Emil Epstein - 1915 (Schäfer: "Irma Fechenbach-Fey, Jüdin, Sozialistin, Emigrantin", S.26 - 2003)
Berlin - Sonntag, 20. Januar 1924
Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts berichtet:
"Der in Augsburg verhaftete Helfershelfer des in Verbindung mit dem Attentatsplan auf General v. Seeckt verhafteten Thormann ist (-von Sonnabend auf Sonntag, 20.1.1924-) in Berlin eingetroffen und sofort dem Untersuchungsgefängnis (-Berlin-Alt-)Moabit (-12 a-) zugeführt worden. Es handelt sich um den Fabrikbesitzer Dr.(...) Grandel aus Augsburg, der dort in der deutschvölkischen Bewegung eine große Rolle spielt und dessen Festnahme in Augsburg außerordentliches Aufsehen erregt hat. Grandel ist noch im Laufe des gestrigen Tages (-Montag, 21.1.1924-) dem Untersuchungsrichter (-Dr. Friedrich Nothmann-) vorgeführt und einem Verhör unterzogen worden."(Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.35, S.3 v. 22.1.1924)

Mit dem Schnellzug nach Berlin: Dr. Grandels Überführung durch Kriminalbeamte aus Berlin (Fotografie im Privatbesitz)

Zellengefängnis Alt-Moabit: Torgebäude an der Lehrter Straße (LArch Berlin, B Rep. 202/94 / Schimpf, Gerda v. 1947)

Zellengefängnis Berlin-Moabit: Lageplan von 1896 (Wikimedia Commons, Datei: Zellengefängnis Moabit Lageplan 1896.jpg / o.Ang.)

Sternförmiges Zellengefängnis in Alt-Moabit, Teilanstalt 1 A-Flügel - 1924 (Fotografie im Privatbesitz / Sass, Bert)

Ankunft des Angeklagten am Gerichtsgebäude (BArch: Symbolbild 102-01051 / Gross, Erich)
Berlin - Montag, 21. Januar 1924
Doch Gottfried Grandel ahnt bei seiner Verhaftung in Augsburg noch nicht, wie umfassend sich die Kenntnisse der Berliner Behörden darstellen:
"Grandel hat am 18. und 19. Januar 1924 (-Freitag/Samstag-) vor dem Amtsrichter (-Herrmann-) in Augsburg bestritten, an dem Mordplan beteiligt zu sein oder von ihm gewußt zu haben. Dagegen hat er am (-Montag-) 21. Januar vor dem Untersuchungsrichter (-Dr. Friedrich Nothmann in Berlin-) in einem umfassenden Geständnis seine Beteiligung zugegeben." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.3/S.5 - Anklageschrift v. 11.4.1924 + Gerichtsurteil, Bl.128/S.40 v. Juni 1924)

Unter Polizeieskorte: Ankunft des Angeklagten am Gerichtsgebäude (BArch: Symbolbild 102-01054 / Gross, Erich)
Den Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann konfrontiert Dr. Grandel anfangs mit den noch selbstsicher klingenden Worten:
"Sie haben an mir einen guten Fang gemacht. Ich werde böse Dinge zu enthüllen haben und vielleicht bedauern Sie es schon in kurzer Zeit, Ihre Hand in diese Sache gesteckt zu haben." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.301 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.11 - 1924)

Unerschrocken in Berlin-Moabit: Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Dr. Friedrich Nothmann - 1938 (Foografie: joodsmonument.nl, Friedrich Nothmann / Theunissen, Evert - 2022)
Die als versteckte Drohung aufzufassende Äußerung Dr. Grandels zielt auf einen Geheimzirkel, von dessen Einfluss sich Gottfried Grandel offenbar eine kurzfristige Haftentlassung versprochen hatte. Er scheint zu diesem Zeitpunkt nicht bereit, für den Attentatsplan als Hauptverantwortlicher auf der Anklagebank des Landgerichts zu landen. Der Berliner Untersuchungsrichter Dr. Nothmann führt in seinen Erinnerungen vor Gericht weiter aus:
"Aber ich gewann sehr schnell den Eindruck, daß Dr. Grandel ganz genau wußte, was er sagte, obwohl er am ersten Tage (-in Berlin-) einen deprimierten und auch zaghaften Eindruck machte." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.301 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.11 - 1924)
Dr. Grandels völkisches Umfeld drängt bereits im Vorfeld des geplanten Attentats zu kurzfristigen Taten.
Das Umfeld Dr. Grandels erkennt General v. Seeckt erneut als Haupthindernis zur Schaffung einer nationalen Diktatur. Der oberste Soldat der Republik befehligt seit 1920 die Reichswehr, lehnt dabei jedoch politische Vereinnahmung von links- oder rechtspolitisch motivierten Kreisen kategorisch ab. Er setzt vielmehr auf Legalität gegenüber der jungen Weimarer Republik, deren Kanzler er auch zeitweilig zu werden erhofft.
Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts fasst die Situation zum Ende des Jahres 1923 wie folgt zusammen:
"General von Seeckt ist nicht auf die vielfachen Sirenengesänge hereingefallen, die damals rund um ihn herum angestimmt wurden. Was hat der Maurenbrecher, der Federführende des Justizrats Claß, sich im Herbst nicht Mühe gegeben, Seeckt von der Notwendigkeit zu überzeugen, er dürfe die vollziehende Gewalt, die ihm auf Grund des Ausnahmezustandes übertragen war, nicht wieder aus der Hand legen, ohne eine vollkommene Umkehr in Deutschland herbeigeführt zu haben. All die Konventikel (-heimliche Vereinigung weniger Gleichgesinnter-) und Verschwörerclubs, die damals aus dem Dunkel hervorkrochen, um 'nationale Diktatur' spielen zu helfen, witterten, daß sie in Seeckt einen Mann vorfanden, der nicht ein Spielzeug in den Händen von Abenteurern sein möchte. Deshalb tobt die Gesellschaft sich in Briefen und Geheimkonferenzen aus."(Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr. 254, S.1 - "Der Alldeutsche Staatsstreich" v. 31.5.1924)
Den Ermittlern fallen bei Heinrich Class' späterer Hausdurchsuchung einige Briefe in die Hände, die einen Aufschluss geben über die Grundhaltung gegenüber der republikanischen Schlüsselfigur General v. Seeckts. Auszüge aus dem Brief eines Stuttgarter Professors, dessen Inhalt sich laut Justizrat Class durchaus mit seiner eigenen Meinung deckt:
"Seeckt ist der Schildhalter Eberts. Seeckt hat sich durch das Bekenntnis der Legalität das Urteil gesprochen. Seeckt ist jetzt nicht mehr in Frage. Sein Rätsel ist gelöst. Er ist die verhängnisvolle Persönlichkeit, die die Beseitigung der unheilvollen Zustände verhindert."
Der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, der freie Rechtsanwalt Heinrich Class, beabsichtigt schließlich, die Berliner Regierung durch einen Putsch zu stürzen und durch eine Diktatur unter seiner politischen Leitung zu ersetzen. Er ist als einflussreicher Kolonialist und Antisemit seit 1908 Vorsitzender seines Verbandes und steht mit diesem schon lange für eine extrem nationalistisch-expansive Politik. Sein Verband verfügt über erhebliche finanzielle Mittel, die auch aus dem Bereich der Industrie kommen und aktuell in der Abwehr des Bolschewismus Verwendung finden.
Die Weltbühne schreibt 1924 sarkastisch über den Alldeutschen-Verband:
"Er hat Mitglieder, einen Vorstand, Statuten, gedruckte Programme, die von Redensarten triefen, 'Ziele' - was Ihr wollt; aber das Alles ist nur für die Dummen. In Wirklichkeit ist dieser Verband die Zentrale für allerlei schöne Sachen, als da sind: Putsche, 'Beseitigungen', Direktorien, neue Verfassungen, Pogrome und andere Volksfeste. Vorsitzender: Claß."
Der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Justizrat Heinrich Class, ist letztmalig am 24. September 1923 zu Besuch beim Chef der deutschen Heeresleitung in Berlin, General von Seeckt. Er wird im Verlauf der Unterredung zwar nicht allzu sehr konkret, wünscht sich aber einen Umschwung der Verhältnisse herbeizuführen:
"Es muß irgendetwas passieren", ist sich der Justizrat Class als Befürworter der "echten Diktatur" gegenüber dem General sicher.
"Bei der Unterredung im Sept. (-19-)23 trug ich dem General vor, daß ich beunruhigende Nachrichten hätte, nach denen in verschiedenen Teilen Deutschl. das Losschlagen einzelner Verbände zu befürchten sei." (Zeuge Class zu Berliner Untersuchungsrichter Dr. Nothmann, 26.1.1924)
Die Darstellung von General v. Seeckt vor dem Untersuchungsrichter:
"Bei dieser Gelegenheit versuchte der RA Class mich in aufgeregter Weise für seinen Plan zu gewinnen, der auf die Errichtung einer nationalen Diktatur zielte. Einzelheiten über die Ausführung seines Planes gab er nicht an. Ich wies RA Claß in sehr bestimmter Form zurück und erklärte ihm, daß ich mich in keiner Weise von irgend einer Seite drängen ließe. Die hinter ihm stehenden Verbände müßten einsehen, daß sie mir ebensowenig hineinzureden hätten, wie Verbände anderer Parteirichtungen. Ich äußerte dabei dem Sinne nach, daß ich einen Aufstand von rechts ebenso rücksichtslos niederschlagen würde, wie einen kommunistischen Putschversuch. RA Claß verließ mich darauf sichtlich enttäuscht." (Seeckts Zeugen-Vernehmung v. d. Berliner Untersuchungsrichter, 25.1.1924)
Justizrat Heinrich Class formuliert nach dem Scheitern des Hitler-Putsches als Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes am 27. November 1923 in einem Antwortschreiben an Verbandsmitglied Albert Bongartz, Lehrer aus Kirchzarten b. Freiburg i. Br. und Vorsitzender der Landesgruppe Baden des Hilfsbundes für die Elsaß-Lothringer im Reich:
"Die Diktatur des Herrn v. Kahr ist ebenso unecht wie die des Herrn v. Seeckt. Ob hier in Berlin von dieser Seite aus noch die echte Diktatur kommt, ist mehr als fraglich. Bis jetzt spricht eigentlich alles dagegen, und wir betrachten es als unsere Aufgabe, der echten Diktatur die Wege zu bahnen. Das Vorhaben (-1. Attentatsplan auf v. Seeckt vom 1.10.1923?-), von dem Herr v. R.(-eventlow?-) Ihnen berichtet hatte, konnte infolge des Versagens der dabei in Aussicht genommenen Mitarbeiter (-Berliner Organisation Buchrucker?-) nicht durchgeführt werden, aber das Ziel ist dasselbe geblieben und wird mit zäher Bestimmtheit weiter verfolgt; vielleicht reifen diese Dinge in aller Kürze (-Attentatsplan Thormann-Grandel?-)."
Unter dem Briefkopf Reichswart Graf zu Reventlow fällt den Ermittlern bei Class' Hausdurchsuchung auch das an ihn gerichtete Schreiben vom 14. Januar in die Hände:
"In der Angelegenheit Grandel würde ich nunmehr gern bald weiterkommen. Bisher habe ich, Ihrem Wunsch gemäss, nichts getan und hätte nun gern eine Mitteilung von Ihnen, wann Sie in der Lage sein werden, eine Unterredung über die Angelegenenheit Zeit zu haben. Mir ist das Verhalten Herrn Dr. Grandels in der Sache unverständlich, gerade im Hinblick auf den Inhalt und Charakter der Unterredung, die ich mit ihm hatte. Ich möchte die Sache gern bald aufklären."
Der in Potsdamm ansässige Ernst Graf zu Reventlow, Herausgeber der Zeitschrift Reichswart und 1922 Mitbegründer der antisemitischen Deutschvölkischen Freiheitspartei (DVFP), wurde offensichtlich in einem kurz zuvor gehaltenen Gespräch mit Dr. Grandel über dessen konkrete Absichten im Unklaren gelassen.
Beim Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann notiert Heinrich Class handschriftlich am 22. Januar 1924 über Grandel:
"Zuletzt sprach ich ihn am 11. und 12. oder 13. Januar 1924. Ich habe mit ihm regelmäßig die allgem. politische Lage besprochen, namentlich wirtschaftliche Verhältnisse, über die er sich gut unterrichtet zeigte."
Am 15. Januar 1924 schließlich, zwei Tage nach dem letzten Berliner Treffen Grandels mit Justizrat Class, wird der ehemalige Oberleutnant und Ing. Alexander Thormann in Berlin verhaftet.
Belastende Aussagen zweier Spitzel benennen die beiden Herren als Verantwortliche für einen Attentatsplan auf den Chef der Heeresleitung, General Hans von Seeckt.
Gottfried Grandel äußert sich vor Gericht zu dem direkten Vorlauf seiner Verhaftung:
"Am Freitag (-11.1.1924-) mittag war ich im Alldeutschen Bureau und suchte Justizrat Claß am Sonnabend (-12.1.1924-) morgen in seiner Wohnung auf. Wir sprachen über die bayerischen Verhältnisse. Am Mittwoch abend (richtig: Dienstag abend, 15.1.1924-) fuhr ich nach Augsburg und las in der Zeitung von einem Attentatsplan gegen Seeckt. Mein Verdacht war sofort, daß Köpke ein Spitzel war, aber ich beruhigte mich wieder in dem Gedanken, daß ich nichts Unrechtes getan habe. Ich habe auch zu Haus niemanden, auch nicht meiner Frau, von der Begegnung mit Köpke und Tettenborn erzählt. Ich habe keine Anstalten zu einer Flucht gemacht. Am Mittwoch nachmittag (-16.1.1924, am Tag nach der Ankunft in Augsburg-) besuchte ich im Polizeigebäude einen Beamten, den ich aber nicht antraf. Dann ging ich am Paßamt vorbei und es fiel mir ein, daß ich meinen Paß erneuern lassen wollte. Ich habe mir den Inlandspaß erneuern lassen. Der Beamte fragte mich, ob der Paß auch für die angrenzenden Länder, Tirol usw. ausgestellt werden sollte. Ich stimmte zu. Auf dem Einwohnermeldeamt fragte mich der Beamte, ob ich den Paß schon am nächsten Morgen haben wollte, was ich verneinte. Am Donnerstag nachmittag (-17.1.1924-) wurde ich zu meiner Bestürzung verhaftet und (-am Sonnabend, 19.1.1924, abends im Schnellzug-) nach Berlin gebracht."
Die Polizei durchsucht während der Verhaftung nicht nur Dr. Grandels Wohn- und Geschäftsräume, sondern, durch sein Berliner Anfangsgeständnis bedingt, in der weiteren Folge auch die Arbeitsräume von Justizrat Heinrich Class.
In späteren Jahren benennt Gottfried Grandel wiederholt den Umstand, dass die Polizei im Zuge einer Hausdurchsuchung Dokumente sichergestellt habe, die ihm daraufhin nicht wieder ausgehändigt wurden.
Ob es sich bei dieser Schilderung um die Hausdurchsuchung im Zusammenhang mit den Attentatsvorbereitungen gegen General v. Seeckt handelt, ist unklar, denn laut dem aktenkundigem Polizeibericht aus Augsburg (T.B.Z.56/24/D.St.VIb) vom 22. Januar 1924 heißt es:
"Es konnte nicht das geringste vorgefunden werden, das Bezug auf die Straftat, besonders auf seine Mittäter hatte. Nicht ein einziges Schriftstück politischer Art konnte vorgefunden werden, obwohl bekannt ist, daß Dr. Grandel zu den Führern der N.S.D.A.P. gehörte. Grandel dürfte nach seiner Rückkehr aus Berlin sämtliche ihn belastende Schriften sogleich vernichtet haben. Gleich nach seiner Rückkehr aus Berlin hat er beim Paßamt Augsburg um die Ausstellung eines Reisepasses für Deutschland, Voralberg, Tirol, Salzburg und Oberösterreich nachgesucht."
Die Vossische Zeitung notiert zu den vermuteten Hintergründen der Attentatsvorbereitung:
"Man beschmutzt sich nicht die Finger und zieht Handschuhe an. Der Handschuh eines modernen Machiavell ist offenbar auch Dr. Grandel. Als man ihn verhaftet, bricht er zusammen und legt vor dem (-Berliner-) Untersuchungsrichter ein Geständnis ab. Dieses Geständnis beginnt mit den Worten: 'Ich gebe zu, an einem Plan teilgenommen zu haben zur Ermordung des Generals v. Seeckt. Zu diesem Plan bin ich angestiftet worden durch Justitzrat Claß.'" (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.251, S.1 - "Claß und Grandel" v. 27.5.1924)
Weiter heißt es zu den Mutmaßungen:
"Der 'Vorwärts' vom 5. Februar Abendausgabe behauptet in einem 'Wetterwinkel Bayern' überschriebenen Aufsatz, die Reichsregierung kenne die Beziehungen des verhafteten Dr. Grandel zu Herrn v. Kahr. Das soll den Verdacht nahelegen, daß Herr v. Kahr von der Dr. Grandel zur Last gelegten Attentatsabsicht gegen Herrn v. Seeckt wahrscheinlich unterrichtet war." (Digitalisiert auf digitale-sammlung.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.38, S.6 v. 8.2.1924)
In der familiären Aufarbeitung verfestigt sich zum Ende des Lebens von Helene Grandel für den Rückblick um das Jahr 1923 eine durchmischte Darstellung, die auf eine Unwissenheit oder Verdrängung hindeutet. Anstelle des von Gottfried Grandel mitgeplanten Anschlags auf General v. Seeckt wird der Kapp-Putsch von 1920 herangezogen. Zum 90. Geburtstag im Hotel Drei Mohren von ihrer Tochter Christine im Beisein von Felix Grandel vorgetragen, heißt es in dem vorgetragenen Versreim:
"Das Leben geht weiter seinen Lauf - da ziehen wieder Schatten herauf. Beim Kapp-Putsch (-März 1920-) ist Dr. Grandel dabei, er wird (-vier Jahre später wegen der Attentatsvorbereitung auf General v. Seeckt-) geholt von der Polizei - man liefert ihn ins Gefängnis ein ... sie kämpft - es gelingt ihr, ihn zu befrei'n. (-es gelingt ihr im Januar 1924, dass sich Gottfried Grandel überhaupt zur Verteidigung bereit erklärt und nicht während der Untersuchungshaft suizidiert-) Für einige Jahre kehrt Friede ein, doch welches Glück könnt von Dauer sein?"

Hotel Drei Mohren: Empfang durch Dr. Felix Grandel zum 90. Geburtstag seiner Stiefmutter Helene - 2. August 1976 (Fotografie im Privatbesitz, rechts im Bild: Helenes zweite Tochter Christine Grandel)
U-Haft: Dr. Grandels Geständnis vor dem Berliner Untersuchungsrichter
(406-1924) Politische Morde sind in der jungen Weimarer Republik keine Seltenheit.
Auch Gottfried Grandel scheint dem blutigen Instrument der politischen Auseinandersetzung nicht grundsätzlich abgeneigt zu sein, doch seine letzte Einflussnahme misslingt: Am Donnerstag, dem 17. Januar 1924, wird er auf Veranlassung des Berliner Untersuchungsrichters Dr. Friedrich Nothmann in seiner Augsburger Wohnung verhaftet.
Augsburg, 17. Januar 1924
Das sozialdemokratische Parteiorgan Vorwärts berichtet:
"Es handelt sich um den Fabrikbesitzer Dr. (...) Grandel aus Augsburg, der dort in der deutschvölkischen Bewegung eine große Rolle spielt und dessen Festnahme in Augsburg außerordentliches Aufsehen erregt hat." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.35, S.3 - "Der Helfer Thormanns" v. 22.1.1924)
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Festnahme in Augsburg: Dr. Gottfried Grandel - 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
Laut Vorstrafenregister ist der Augsburger Fabrikant bislang nicht sonderlich in Erscheinung getreten; es besteht lediglich ...
"... eine Verurteilung Grandels wegen Beamtennötigung zu 300 M. (-v. 1.5.1922 unter Az.84/22-), Umsatzsteuergefährdung und Preistreiberei (-v. 7.2.1923 unter Az. B 304/23 zu 5000,- Mark-)". (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.249 v. 28.5.1924 + LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.6, Auszug aus dem Strafregister v. Januar 1924)
Zu der hier angeführten Preistreiberei könnte der ein Jahr zuvor erschienene Artikel des Vorwärts einen Bezug herstellen. Über Dr. Grandels Nachfolger in der Augsburger NSDAP-Ortsgruppenleitung, Oberstadtmann Dr. Adolf Frank, wird berichtet:
"Ein Parteigänger und früherer Freund bezichtigte ihn (-Dr. Adolf Frank-) öffentlich und bei der Staatsanwaltschaft der Unterschlagung, weil er als Vorsitzender des Kriegswucheramts eine ihm gemeldete Preistreiberei unterschlug, nachdem auf seine Veranlassung der Angeschuldigte (-Dr. Grandel?-) zugunsten der nationalsozialistischen Parteikasse einen Geldbetrag gestiftet hatte.- Die Feststellungen vor dem Mainzer Kriegsgericht haben den Stadtrat in Augsburg veranlaßt, gegen Franke (-Dr. Adolf Frank-) neuerdings eine Untersuchung einzuleiten." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.309, S.3 - "Dr. Franke, der Ruhrkämpfer" v. 5.7.1923)
Augsburg, 19. Januar 1924
Von Augsburg aus geht es für Dr. Grandel am 19. Januar 1924 per Nachtzug direkt in das Untersuchungsgefängnis nach Berlin-Moabit:
"Die Abteilung IA des Berliner Polizeipräsidiums hat in sehr kurzer Zeit einen der Hintermänner des in Untersuchungshaft befindlichen (-Alexander-) Thormann ausfindig machen können, so daß, wie bereits kurz gemeldet, die Verhaftung des noch immer in geheimnisvollem Dunkel gehüllten 'Dr. G.(-randel-)' in Augsburg durch bayerische Polizeibeamte vorgenommen werden konnte. Der Festgenommene wird jetzt durch Berliner Kriminalbeamte nach Berlin geschafft, wo er vermutlich noch im Laufe des Sonntags (-20.1.1924-) eintrifft und sofort vernommen werden wird." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.13 - Morgenpost, Nr.18 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 20.1.1924)Rechtsanwalt Dr. Emil Eppstein (1866-1925), Beisitzer der jüdischen Gemeinde in Augsburg)
In einem dringlichen Schreiben an den Berliner Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes, Justizrat Heinrich Class, schildert Dr. Grandels erster Augsburger Rechtsanwalt, Dr. Emil Epstein (21.4.1866-22.1.1925), die aktuelle Situation seines Mandanten. Der mit hoher Reputation ausgestattete Dr. Epstein ist seit 1893 als Rechtsanwalt am Augsburger Landgericht zugelassen. Auffallend hierbei: Der erfahrene Rechtsbeistand ist zugleich Mitglied im Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Augsburg. Seine Familie war möglicherweise bekannt mit den im böhmischen Reichenberg lebenden Vorfahren von Helene Grandel, geb. Willner.
Am 19. Januar avisiert Dr. Epstein dem Berliner Justizrat Class das Eintreffen seines Augsburger Mandanten:
"Herr Dr. Grandel wurde Donnerstag abend (-17.1.1924/17:00-) auf Anordnung des Untersuchungsrichters (-Landgerichtsrat Dr. Friedrich-) Nothmann beim Landgericht (-I, Kriminalgericht-) Berlin verhaftet, weil er dringend verdächtigt ist, mit dem bereits verhafteten (-Alexander-) Thormann den Mordanschlag gegen General Seeckt verabredet zu haben. Der (-Berliner-) Haftbefehl vom 16. Januar (-1924-) ist mit Fluchtgefahr begründet und trägt das Aktenzeichen 1.J.97/24/4.(28.24. 11 2).
Herr Dr. Grandel wird mit dem heutigen Nachtschnellzuge (-19. Januar 1924-) nach Berlin überstellt. Auf Wunsch des Herrn Grandel gebe ich Ihnen dieses für ihn u. seine Familie niederschmetternde Vorkommnis bekannt. Herr Dr. Grandel hat mir seine Verteidigung übertragen u. ich konnte natürlich, weil keinerlei aktenmäßige Unterlagen vorhanden sind, nur insoweit tätig sein, daß ich gestern (-18.1.1924-) u. heute mehrfache eingehende Besprechungen mit ihm u. seiner Ehefrau hatte.
Ob u. in welcher Weise in Berlin für seine Verteidigung gesorgt werden soll, bleibt (-aus Kostengründen? Annahme der sofortigen Haftentlassung? Suizidabsicht?-) der weiteren Erwägung des Herrn Dr. Grandel überlassen.
Frau Dr. Grandel wünscht Sie bestimmt am Dienstag vorm. (-22.1.1924-) zu sprechen, bittet, auch (-Oberfinanzrat-) Herrn Dr. Hermann Bang (-Paul, nicht Hermann-) zu gleichem Zwecke zu verständigen. Ich bitte Sie bestimmt um Drahtantwort im Laufe des morgigen Tages (Sonntag) u. um telegr.(-afische-) Mitteilung der Adresse des Dr. (-Paul-) Bang. Die Aufstellung eines dortigen Verteidigers wird von Frau Dr. Grandel dringend gewünscht." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.28/29 - Prozessakte Thormann-Grandel, Augsburger Rechtsanwalt Dr. Emil Epstein/Kanzlei Dr. Emil Epstein und Eugen Simmet, Bürgerm.-Fischerstraße B 239/II an Justitzrat Heinrich Class v. 19.1.1924)

Dr. Grandels jüdischer Rechtsbeistand in Augsburg: Dr. jur. Emil Epstein (Augburger Abendzeitung, Nr.360, S.12 v. 30.12.1894)

Ausnahmezustand für das Ehepaar Grandel: Dringender Kontaktwunsch zu Heinrich Class (Fotografie im Privatbesitz)
Zum Zeitpunkt der Überführung von Augsburg nach Berlin geht Dr. Grandel offenbar davon aus, dass die ihn stützende Organisation mit Hilfe von Heinrich Class und Dr. Paul Bang zu Mitteln und Maßnahmen greift, die ihn kurzfristig aus der Untersuchungshaft wieder entlassen. Noch leugnet er aus fehlender Akteneinsicht die ihm vorgeworfene Attentatsvorbereitung.

Zellengefängnis Alt-Moabit: Torgebäude an der Lehrter Straße (LArch Berlin, B Rep. 202/94 / Schimpf, Gerda v. 1947)
Zu dem preußischen Gefängnisbau in Berlin-Moabit heißt es:
"Es wurde (-von 1842 - 1849-) nach einem Entwurf des Architekten Carl Ferdinand Busse (Schüler u. Mitarbeiter von Carl Friedrich Schinkel) gebaut und galt als erstes Mustergefängnis in Preußen. Dem voraus ging eine von Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, eingeleitete Gefängnisreform. Die Gefangenen sollten nicht länger in Gemeinschaftszellen, wie sie bisher üblich waren, sondern in Einzelzellen untergebracht werden. Statt der bisher üblichen körperlichen Bestrafung wurde der Versuch unternommen, die Gefangenen durch die Einzelhaft moralisch zu läutern. Da Kriminalität gewissermaßen als ansteckend galt, versprach man sich von Isolation und Einzelhaft eine Besserung der Häftlinge." (Gedenktafel im Geschichtspark des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit, Lehrter Straße 5b in Berlin + Wikimedia Commons, Datei: Gedenktafel Lehrter Str 5B (Moabi) Geschichtspark Ehemaliges Zellengefängnis Moabit.jpg / OTFW, Berlin - 2017)

Zellengefängnis Berlin-Moabit: Historischer Lageplan (Wikimedia Commons, Datei: Gedenktafel Lehrter Str 5B (Moabi) Geschichtspark Ehemaliges Zellengefängnis Moabit.jpg / OTFW Berlin + archello.com / Dagenbach, Udo)

Von der Schutzpolizei eskortiert: Ankunft des Gefangenentransportes zur Vernehmung (BArch: Symbolbild 183-R90786 / Gross, Erich)
Im Justizgebäude von Alt-Moabit 12a wird Dr. Grandel schließlich am Sonntagmorgen, den 20. Januar 1924, im Zellengefängnis untergebracht, um am darauf folgenden Montag vom Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann im Zimmer 292 in Empfang genommen zu werden. Das Ingolstädter Volksblatt schreibt:
"Bald stellt sich heraus, daß zu seinen (-Alexander Tormanns-) Hintermännern der Nationalsozialist und Fabrikant Grandel in Augsburg gehört. Auch der wird verhaftet, nachdem er sich soeben durch einen gefälligen Polizeibeamten einen Paß nach Tirol hatte ausstellen lassen. Ganz zufällig natürlich. Eine Absicht zu reisen hatte er überhaupt nicht, so sagte er. Aber es ist für alle Fälle gut, wenn man eine Ausreisebewilligung in der Tasche hat. Und nun wird der Mann in Berlin vernommen. Das ist für den Mann aus Bayern schon sehr unangenehm! Aber wenns doch München gewesen wäre. Aber gerade in Berlin vor einem preußischen Untersuchungsrichter! Da mußte er ja den Kopf verlieren. Und er verlor ihn." (Digitalisiert auf digitale-sammlung.de: Ingolstädter Anzeiger, Nr.125, S.1 - "Der Claß-Prozeß" v. 2.6.1924)

Ankunft des Gefangenentransportes zur Vernehmung (BArch: Symbolbild 102-01981 / Pahl, Georg)
Zu seiner Aussage gegenüber dem Berliner Untersuchungsrichter erklärt Gottfried Grandel später rückblickend:
"In den meiner ersten (-Berliner-) Vernehmung vorangegangenen Tagen hatte ich so gut wie gar nichts gegessen.(...) Ich spielte mit dem Gedanken, aus dem Leben zu scheiden, da ich wußte, daß im Falle meines Todes meine Frau meine Nachfolgerin würde. Auf der anderen Seite erfaßte mich tiefste Reue, daß ich mich auch nur einen Schritt weit mit dieser Sache hier eingelassen hatte." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de + //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.251, S.4 - "Alles nur Komödie" v. 27.5.1924)
"Vor meiner ersten Vernehmung (-am 21.1.1924-) war ich restlos zusammengebrochen. Ich fühlte, daß ich geistiger Umnachtung entgegenging, daß ich im Gefängnis untergehen müsse, und ich wollte nicht mehr leben.(...) Verteidigen kann ich mich nicht, wenn ich beschuldigt werde. Das liegt in meiner Natur. Ich habe meiner Frau auch geschrieben, daß dies mein Tod ist.(...) In dieser Geistesverfassung trat ich vor den Untersuchungsrichter." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.247 - "Detektiv Grandel" v. 27.5.1924)
Nach einer weiteren Schilderung führt er aus:
"Ich habe Claß und mich anfangs beschuldigt, weil ich mein ganzes Leben zusammenbrechen sah. Ich habe mich mit dem Gedanken getragen, vom Leben Abschied zu nehmen. Seit dem Sommer 1921 (-Ertinkungstod seines zweiten Sohnes Gottfried Jr. + Adolf Hitlers Abkehr vom Germanen-Orden und damit politischer Verselbstständigung-) leide ich unter seelischen Depressionen. Eine Hoffnungslosigkeit sondergleichen hat sich meiner bemächtigt. Die Verhaftung (-in Augsburg am 17.1.1924-) hat mein Leben zerstört. Da beschloß ich, Selbstmord zu begehen., denn ich wußte, daß meine Frau mit den Kindern nachfolgen würde. Im Gefängnis brach ich völlig zusammen. Vor meiner ersten Vernehmung (-am 21.1.1924-) war ich restlos zusammengebrochen. Ich fühlte, daß ich geistiger Umnachtung entgegenging, daß ich im Gefängnis untergehen müßte, und ich wollte nicht mehr leben. In dieser Geistesverfassung trat ich vor den Untersuchungsrichter. Was ich sagte und was er fragte, wie ich weg kam, weiß ich nicht. Dann kam (-am 22.1.1924-) meine Frau, die ich kurze Zeit sehen durfte. Sie sagte mir, sie könne es nicht über sich gewinnen, die Kinder mit in den Tod zu nehmen und beschwor mich, für meine Unschuld zu kämpfen. Meine Selbstbezichtigung vor dem Untersuchungsrichter ist falsch. Weder Claß noch sonst jemand hat mich angestiftet. Ich habe Thormann bezichtigt, auch das ist falsch. Es ist auch unwahr, daß ich von Claß für Thormann Geld erhalten habe. Das letzte Geld, das ich von Claß für politische Zwecke erhalten habe, war vor Aufgabe des Ruhrwiderstandes. Ich habe weder gewünscht oder gesagt, daß Seeckt beseitigt werden müßte. Man braucht einen Menschen nicht umzubringen, der einem nicht zusagt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.299 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.9 - 1924)
Auffallend an dem Verlauf der ersten Haftbefragung vom Montag, den 21. Januar 1924 in Berlin-Moabit ist, dass Dr. Grandel für sich noch immer keinen Rechtsbeistand hinzuzieht. Sein erster Berliner Strafverteidiger, Justizrat Dr. Willy Hahn, betont später vor Gericht in diesem Zusammenhang:
"Ich möchte hier öffentlich feststellen, daß Dr. Grandel sein erstes Geständnis (-vom 21.1.1924-) bereits zwei Tage später widerrufen hatte, als ich (-am 23.1.1924-) seine Verteidigung übernahm." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.248, S.3: "Grandels Geständnis" v. 28.5.1924)

Berlin-Moabit: Ausblick aus dem Vernehmungszimmer in den Gefängnishof (BArch: Bild 102-03664A / Pahl, Georg)
Im Verlauf des Prozesses wird von Dr. Grandel der Aspekt aufgegriffen, dass er bei seiner ersten Aussage vor dem Untersuchungsrichter unter dem möglichen Zwang einer angeborenen Selbstbezichtigung gestanden habe. Hierzu vermerkt er während des medizinischen Gutachtens über seinen Geisteszustand gegenüber dem vom Landgericht bestellten Medizinalrat Dr. Robert Stoermer:
"Ich hänge nicht am Leben und wenn ich in Verzweiflung bin, dann wäre ich imstande, mein eigenes Todesurteil zu unterschreiben. Es ist mir gleichgültig, wenn ich beschuldigt würde in diesem Zustand. Ich lebe nur meiner Frau und meinen Kindern zuliebe."
Nach einer Nacht in Berliner Zellenhaft liefert Dr. Grandel am Montag, dem 21. Januar 1924, dem Untersuchungsrichter Dr. Fritz Nothmann ein umfassendes Geständnis ab. Der Landgerichtsrat äußert sich hierzu in seiner späteren Vorladung als Zeuge:
"Ich erinnere mich noch, daß Dr. Grandel mir einleitend folgende Worte sagte: 'Sie haben an mir einen guten Fang gemacht. Ich werde böse Dinge zu enthüllen haben und vielleicht bedauern Sie es schon in kurzer Zeit, Ihre Hand in diese Sache gesteckt zu haben.'(...) Überhaupt war ja ein sehr starker Gegensatz zwischen Thormann und Grandel vorhanden, da Dr. Grandel sehr viel besser imstande war, die Dinge klar und übersichtlich vorzutragen. Es bedurfte bei seiner Vernehmung fast keiner Nachhilfe meinerseits.(...) ich gewann sehr schnell den Eindruck, daß Dr. Grandel ganz genau wußte, was er sagte, obwohl er am ersten Tage einen deprimierten und auch zaghaften Eindruck machte." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.248, S.3 - "Grandels Geständnis" v. 28.5.1924)

Sternförmige Zellengefängnis in Alt-Moabit, Teilanstalt 1 A-Flügel - 1924 (Fotografie im Privatbesitz / Sass, Bert)
"Ich möchte übrigens noch hinzufügen, daß Dr. Grandel auch mir gegenüber erklärt hat, er habe einen Hang zur Selbstbezichtigung und ich habe daraufhin ihm geholfen, das Protokoll zu formulieren. Grandel äußerte, er stehe unter einem unerklärlichen Zwang, der es ihm nicht möglich mache, sich zu verteidigen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.248 - "Grandels Geständnis" v. 28.5.1924)

"Leistungen erheblich über dem Durchschnitt": Landgerichtsrat Dr. Friedrich Nothmann - 1938 (Foografie: joodsmonument.nl - Friedrich Nothmann / Theunissen, Evert - 2022)
Die erste Aussage vor dem Untersuchungsrichter fällt umfassend aus. Hierzu heißt es in der späteren Berichterstattung:
"Selbst wenn diejenigen, die den Thormann ans Messer lieferten, das Gegenteil von Gentlemen sind - es bleibt doch die Tatsache, daß der Fabrikant Grandel in seinem Geständnis Dinge verraten hat, die nur sehr wenigen Eingeweihten bekannt sein konnten und die einen hohen Grad von innerer Wahrscheinlichkeit haben, auch wenn der Leiter der Berliner politischen Polizei (-Bernhard Weiß, Mitgl. d. Germanen-Ordens?-) anderer Meinung ist. Claß hat den General Seeckt zum Staatsstreich verleiten wollen, aber der war 'nicht dumm genug' dazu. Claß erklärt in Briefen an seine persönlichen Freunde, daß die 'Sphinx' Seeckt sich ihr Urteil selbst gesprochen (-hat-). Auch zu Grandel hat er sich so und ähnlich geäußert. Grandel erfährt von dem Mordplan, läßt sich den vermeintlichen Mörder vorführen, stellt Geld in Aussicht - und verrät im ersten Schrecken über seine Verhaftung alles, was innerlich den Mordplan wahrscheinlich zu machen in der Lage ist." (Digitalisiert auf //collections.fes.de * GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.113 - Vorwärts, Nr.255, S.3 - "Spitzelsumpf" v. 1.6.1924)

Häftling des Untersuchungsgefängnisses Berlin-Moabit beim Spaziergang im Gefängnishof - 12. Mai 1934 (Bundesarchiv Berlin: Bild 102-03692A / Pahl, Georg)
Montag, 21. Januar 1924 - Das Geständnis von Dr. Grandel
Die eingeklammerte Version ist kurz nach der Vernehmung an die damalige Presse gelangt. Hierzu heißt es:
"Er (-, Chef der politischen Polizei Bernhard Weiß-) war, wie auch Claß, überzeugt davon, daß (-Oberregierungsrat-) Mühleisen (-vom Reichskommissariat für die Überwachung der öffentlichen Ordnung-) Grandels erste Zeugenaussage der Presse zugespielt habe." (ifz-muenchen.de: Vierteljahresheft für Zeitgeschichte, Heft 4, S.436, darin Chamberlin: "Der Attentatsplan gegen Seeckt 1924" v. 1977)
Vor dem Berliner Untersuchungsrichter Fritz Nothmann gibt Dr. Grandel am Morgen des 21. Januar 1924 zu Protokoll:
"Ich gebe zu, mich an einer Verabredung zum Morde an dem General von Seeckt beteiligt zu haben. Zur Teilnahme an dem Plan bin ich veranlasst worden durch den Vorsitzenden des alldeutschen Verbandes J.(ustiz) R.(at) Class in Berlin, mit dem ich hierüber in der Zeit vom Oktober 1923 bis Mitte Januar 1924 wiederholt verhandelt habe." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.58/59 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Gottfried Grandels Geständnis vor dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 21.1.1924)
(Ich gebe zu, an einer Mordverabredung gegen den General v. Seeckt teilgenommen zu haben. Ueber der Plan habe ich von Oktober (-1923-) bis Januar mit Herrn Justizrat Claß verhandelt) (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10 - 1924 + digitalisiert auf dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.252, S.5 - "Der Seeckt-Prozeß" v. 28.5.1924)

Verbandsvorsitzender der Alldeutschen: Justizrat Heinrich Class (Deutsches Historisches Museum - RA Heinrich Class / F67/1908 - 1928)
"Ich selbst bin Mitglied keiner politischen Organisation und gehöre namentlich weder der Organisation 'Consul' noch dem Wikingbund an. Ich vertrete aber einen nationalen politischen Standpunkt und stehe mit zahlreichen Personen, die nationalen Verbänden angehören, in Berührung. Ich habe seit der Revolution fast alle führenden Männer der deutschnationalen Bewegung kennen gelernt."
(Ich gehöre keiner Partei an, war aber in der nationalen Bewegung tätig und kenne alle bedeutenden nationalen Führer. Ich stehe auf einem nationalpolitischen Standpunkte und habe zahlreiche gute Verbindungen.) (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10 - 1924)
"Den Justizrat Class lernte ich im Mai (-11.4.-) 1923 bei einer Versammlung in Hamm kennen, in der mit national gesinnten Personen aus dem Ruhrgebiet die politische Sachlage besprochen wurde. Ich kam dorthin auf Einladung eines (Dipl.-) Ingenieurs (-Kurt-) Haller von der Firma Krupp in Essen."
(Claß habe ich im Mai 1923 in Hamm auf einer Sitzung kennengelernt.) (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10 - 1924)
"Der Plan der Beseitigung des Generals von Seeckt wurde mir von J.(-ustiz-) R.(-at-) Class im Oktober (-1923, nach dem gescheiterten Küstriner Putsch vom 1. Oktober 1923-) in seiner Wohnung in Berlin, Rauchstraße 27, dargelegt. Class sagte mir damals, daß von Seeckt beseitigt werden müßte, weil er als ein hauptsächlicher Schädling die Gesundung Deutschlands verhindere. Er erwähnte, daß von Seeckt die Schuld an der Vernachlässigung unserer Wehrmacht, an der Vernachlässigung unserer geheimen Kriegsmittel trage; daß er die Abwehr der Franzosen beim Ruhreinfall (-ab dem 9.1.1923-) hintertrieben habe, daß er ein Börsenspekulant und Schlemmer sei, und daß er ihm, Class, persönlich (-im September 1923-) erklärt habe, 'er werde auf Rechts schießen lassen, bis zur letzten Patrone'."
(Der Plan zur Ermordung Seeckts ist mir im Oktober 1923 von Claß in seiner Wohnung in der Rauchstraße dargelegt worden. Claß hat dabei Seeckt als 'Schädling' bezeichnet, der das Emporkommen Deutschlands verhindere, und den die Schuld an der Vernachlässigung der Wehrmacht treffe, der die Abwehr des Einfalles der Franzosen in das Ruhrgebiet hintertrieben habe, und der ein Börsenspekulant und Schlemmer sei. Seeckt erklärte, er werde gegen rechts schießen lassen bis zur letzten Patrone.) (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10 - 1924)
"Class enthüllte mir weiter den Plan einer politischen Umwälzung, zu der die Beseitigung des von Seeckts die Voraussetzung schaffen sollte. Diese Umwälzung sollte möglichst unblutig vor sich gehen und zur Errichtung einer nationalen Diktatur führen."
(Die Ermordung Seeckts sei nur ein Teil eines großen politischen Planes mit dem Endziel der Errichtung der nationalen Diktatur. Die Umwälzung sollte sich übrigens unblutig vollziehen.) (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10 - 1924)
"An die Stelle von Seeckts als Chef der Reichswehr sollte sein jetziger Stellvertreter General (-Richard-) von Behrendt treten. Die militärische Diktatur sollte der General Otto von Below übernehmen, während Class selbst in dessen Auftrage für die politische Leitung in Aussicht genommen wäre. Die Namen von Ludendorff und Erhardt wurden nicht genannt, dagegen sagte mir Class, daß er in Verabredung stehe mit den Generalen von Möhl in Cassel und v. Lossow in München, sowie mit dem Generalstaatskommissar v. Kahr. Mit den letzteren beiden beständen, sagte mir Class, feste Verabredungen. Diese Verabredungen waren, wie mir Class später sagte, maßgebend für das Verhalten von Kahrs und v. Lossows beim Hitlerputsch."
(An Stelle Seeckts sollte sein jetziger Stellvertreter, General Behrendt, treten. Claß wollte im Auftrag des Generals von Below die politische Leitung übernehmen. Für die Diktatur selbst sollte General von Below beauftragt werden. Claß habe ferner gesagt, daß er auch andere Personen hierfür in Bewegung gesetzt habe, und daß ich nicht der einzige sei. Die Namen Ludendorff und Erhardt hat Claß nicht genannt, dagegen sprach er davon, daß er in Verbindung stehe mit General v. Möhl in Cassel und dem General v. Lossow in München, sowie mit Kahr. Mit den beiden letzteren hätte er ganz feste Verabredungen, sagte Claß. Diese Verabredungen seien maßgebend gewesen für das Verhalten Kahrs und Lossows beim Hitler-Putsch.) (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10 - 1924)

Vorstand der Vaterländischen Verbände in Norddeutschland und Mitglied im Alldeutschen Verband: General Otto v. Below, "Beauftragter" für die Diktatur - 1917 (Wikimedia Commons, Datei: General Below breitbeinig.jpg / Scherl Verlag/Süddeutsche Zeitung - 1917)
"Class beauftragte mich mit den Vorbereitungen für die Ausführung des Attentats auf v. Seeckt und stellte in Aussicht, daß er die nötigen Geldmittel beschaffen werde. Er zahlte mir auch im November 1923 mehrfach in seiner Wohnung Geldsummen im Gesamtbetrage von 16.000 Goldmark bar aus. Diesen ganzen Betrag gab ich am Sonnabend, den 12. Januar 1924, dem angeschuldigten (-Alexander-) Thormann, den ich für die Ausführung des Attentats in Aussicht nahm. In der Zeit vom Oktober 1923 bis jetzt hatte ich keine geeignete Person finden können. Ich hatte dies Class berichtet, der mich drängte, endlich zur Ausführung zu schreiten."
(Ich fand in den letzten Monaten des vorigen Jahres keine geeigneten Leute zur Ausführung der Tat, so daß Claß mich schließlich drängte.) (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10 - 1924)
"Thormann traf ich am 12. Januar (-1924-) im (-Berliner-)Hospiz in der Wilhelmstraße, wo er mich aufsuchte. Ich hatte ihn nur einmal im Sommer 1923 flüchtig in München im Gasthaus kennen gelernt und ihm gesagt, daß ich auf Geschäftsreisen in Berlin im Hospiz wohne. Zuletzt war ich vom 10. bis 15. Januar (-1924-) in Berlin, teils aus geschäftlichen Gründen, teils um mit Class zu beraten. Ich wußte, daß Thormann der Brigade Erhardt und dem Wikinbund angehörte, habe aber früher keine politischen Aktionen mit ihm besprochen. Als er am 12. Januar 1924 mich aufsuchte, sagte er mir aus eigenem Antriebe, daß er sich mit dem Gedanken der Beseitigung v. Seeckts trage. Er erklärte, daß er selbst zu dieser Tat bereit sei, aber auch andere Leute für diese Tat bereit habe."
(Schließlich lernte ich Thormann kennen, der sowohl dem Wickingbund als auch der Erhardt-Brigade angehörte. Thormann stimmte zu, die Tat auszuführen und erklärte, daß er auch noch andere beteiligen wolle. Im Januar (-1924-) drängte Claß immer mehr zur Tat, stellte mir Geldmittel in Höhe von 50.000 Mark in Aussicht und gab mir 12.000 Mark, von denen ich 2.000 Mark Thormann übergab. Weitere 14.000 Mark versprach mir Claß, sobald sie benötigt würden. Ferner versprach mir Claß noch 50.000 Mark für die Mutter Schuhmachers (Köpke). (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300/301 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10/11 - 1924)
"Hierbei nannte er zunächst nur den Namen v. Tettenborn. Dieser Name war mir bis dahin noch nicht bekannt. Auch persönlich lernte ich ihn im weiteren Verlauf nicht kennen. Ich erwiderte Thormann, daß sein Vorhaben sich in die gesamte politische Constellation richtig einfügen würde. Ich ermutigte ihn und übergab ihm 2000 Goldmark von dem Gelde, daß ich von J.R. Class erhalten hatte. Ich berichtige mich: Von J.R. Class habe ich nur 2000 erhalten. Weitere 14.000 M wurden mir von Class in Aussicht gestellt, sobald ich sie benötigte. Am Sonntag, den 13. Januar (-1924-), machte mich Thormann im Leipziger Hof mit dem angeblichen Landwirt Schumacher (-Köpke-) bekannt und erklärte mir, daß dieser die Ausführung des Attentats übernehmen wolle; Schumacher (-Heinz Köpke-) habe von ihm, Thormann, die für die Tat bestimmte Waffe bekommen. Mit Schumacher (-Köpke-) sprach ich selbst nur wenig. Ich fragte ihn, ob er zur Tat entschlossen sei, was er bejahte. Schumacher (-Köpke-) erklärte, daß ihm vor allem daran liege, seine Mutter sicher zu stellen, falls ihm etwas passierte. Er nannte die Summe von 50.000 M. Auf Thormanns Frage erklärte ich, daß diese Summe zur Verfügung stehen würde."
(Herrn von Tettenborn, von dem Thormann öfter sprach, habe ich nicht kennen gelernt, dagegen Köpke, den ich fragte, ob er bereit sei, die Tat auszuführen. Er stimmte zu, falls seine Mutter 50.000 Mark bekäme.) (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.301 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.11 - 1924)
"Am Montag, den 14. I. 1924, sagte mir Thormann, daß der Mord in der Weise geplant sei, daß v. Seeckt im Tattersaal in der Bendlerstr. von Schumacher (-Koepke-) erschossen werden sollte. Dies berichtete ich am selben Tage dem J.R. Class und teilte ihm mit, daß 50.000 M zur Sicherstellung der Mutter des Mörders benötigt würden. Class erwiderte mir, die 50.000 M würden beschafft werden. Am Dienstag, den 15. I. 24 holte mich Thormann morgens gegen 7 Uhr aus dem Hospiz ab, um, wie er sagte, Schumacher (-Köpke-) vor der Tat, die an diesem Vormittag ausgeführt werden sollte, nochmals zu sehen, und auf diese Weise seine Zuverlässigkeit zu prüfen. Wir trafen Schuhmacher am Potsdamer Bahnhof, wo Thormann mit ihm sprach. Ich selbst habe an diesem Tage über den Mordplan mit Schumacher (-Koepke-) nicht mehr gesprochen. Wir begleiteten dann Schuhmacher (-Koepke-) ein Stück des Weges zur Bendlerstr. Ich begleitete Schumacher (-Koepke-) etwa bis zur Ecke Thiergarten- und Bendlerstr. Eine weitere Verabredung traf ich mit ihm nicht. Thormann hatte mir gesagt, daß er sich mit v. Tettenborn im Café Josty treffen wolle. Weiteres hatte ich auch mit Thormann nicht besprochen. Ich erledigte im Laufe des Tages Privatgeschäfte. Da der Zweck meiner Berliner Reise erledigt war, fuhr ich am Abend nach Augsburg zurück. Von der Verhaftung im Café Josty erfuhr ich erst am Bahnhof aus den Zeitungen.
Ich beabsichtigte keineswegs zu fliehen, wollte auch Augsburg nicht verlassen. Ich bin vielmehr aus eigenem Entschluß dazu gelangt, den Umsturzplan zu offenbaren. Ich betone, daß ich durch meine Geständnisse keine Vergünstigungen für mich erlangen will. Ich bin dazu gekommen, weil ich bei besserer Überlegung die geplante Aktion nicht billige. Ich habe jetzt erkannt, daß die Männer, die den Umsturz planten, feige und untreu sind, weil sie sich scheuten, die Tat selbst auszuführen, und weil sie mich im Stiche gelassen haben. Ich halte sie jetzt nicht mehr für würdig, zur Macht zu gelangen."
(Ich mißbillige jetzt in besserer Erkenntnis der Dinge die Tat. Die anderen, die um diesen Plan gewußt haben, haben sich feige und untreu benommen, feige, weil sie andere vorschickten, untreu, weil sie sie dann im Stich gelassen haben.)(Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.252 v. 28.5.1924 + auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.301 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.11 - 1924)
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Landgerichtsrat Dr. Nothmann wird 4 ½ Monate später gleich zu Prozessbeginn als erster Zeuge vernommen. Dabei schildert er aus seiner Erinnerung die ersten Begegnungen mit den Angeklagten Alexander Thormann und Dr. Grandel:
"Ich habe Thormann auch nicht immer ausreden lassen, weil er sonst stundenlang über ganz fernliegende Dinge gesprochen hätte. Überhaupt war ja ein sehr starker Gegensatz zwischen Thormann und Grandel vorhanden, da Dr. Grandel sehr viel besser imstande war, die Dinge klar und übersichtlich vorzutragen. Es bedurfte bei seiner Vernehmung fast keiner Nachhilfe meinerseits. Ich erinnere mich noch, daß Dr. Grandel mir einleitend folgende Worte sagte:
'Sie haben an mir einen guten Fang gemacht. Ich werde böse Dinge zu enthüllen haben, und vielleicht bedauern Sie es schon in kurzer Zeit, Ihre Hand in diese Sache gesteckt zu haben.'
Anfangs nahm ich diese Worte nicht ernst, denn oft pflegen Wichtigtuer, die gern eine Rolle spielen wollen, sich so einzuführen. Aber ich gewann sehr schnell den Eindruck, daß Dr. Grandel ganz genau wußte, was er sagte, obwohl er am ersten Tage einen deprimierten und auch zaghaften Eindruck machte.(...) Ich möchte übrigens noch hinzufügen, daß Dr. Grandel auch mir gegenüber erklärt hat, er habe einen Hang zur Selbstbezichtigung, und ich habe daraufhin ihm geholfen, das Protokoll zu formulieren. Grandel äußerte, er stehe unter einem unerklärlichen Zwang, der es ihm nicht möglich mache, sich zu verteidigen." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek.de: Vossische Zeitung, Nr.252, S.5: "Der Seeckt-Prozeß" v. 28.5.1924)

Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann im Zeugenstand - 30. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen" v. 31.5.1924 + GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen" v. 31.5.1924)
In der folgenden Ausgabe der Vossischen Zeitung (Nr.256) vom 30. Mai 1924 heißt es weiter:
"Der Untersuchungsrichter Nothmann, der noch einmal vernommen wird, bekundet, Grandel habe bei seinen Geständnissen körperlich rasch verfallen ausgesehen. Er sei aber geistig vollkommen klar gewesen."
Es ist anzunehmen, dass Untersuchungsrichter Dr. Nothmann dem Angeklagten Dr. Grandel nach seinem ausführlichen Geständnis den weiteren Verlauf des Verfahrens erläutert. Durch die im Geständnis enthaltenen Anschuldigungen gegenüber Justitzrat Class schlägt Dr. Nothmann für den Folgetag dessen direkte Gegenüberstellung vor. In der Vossischen Zeitung heißt es hierzu am 27. Mai 1924 zu Gottfried Grandel:
"Vom Untersuchungsrichter in die Zelle zurückgekehrt, faßt ihn kalte Angst. Er läutet, schreibt einen Zettel für den Untersuchungsrichter, auf dem er das Geständnis widerruft, läutet erneut, läutet Sturm, bis der Wachtmeister kommt und ihm brummend bedeutet, er sei nicht nur für das Läuten der Untersuchungsgefangenen da, und die Tür ins Schloß wirft, ohne den Zettel abzunehmen."
Untersuchungsrichter Dr. Nothmann organisiert zwischenzeitlich Dr. Grandels Gegenüberstellung mit Heinrich Class, dem langjährigen Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes. Hierzu berichtet Die Weltbühne:
"Aus dem schattigen Dunkel angenehmer Verborgenheit traten Herr Justitzrat Claß und einige ihm nahe stehende Herren. Vielmehr: wurden getreten. Das Geständnis eines der Verhafteten (-Dr. Grandel-) veranlaßte den Untersuchungsrichter, am frühen Morgen (-des 22.1.1924-) ein Auto mit einem (-fünf-) Kriminalbeamten dem Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes vors Haus zu senden und ihn, gar nicht sehr ergeben, zur Vernehmung über gewisse Beschuldigungen einzuladen. Diese Beschuldigungen lauteten: Claß sei nicht nur Anstifter zu dem Mordplan gewesen, sondern auch Mitwisser und Mittäter in einem Putschplan zur Errichtung der nationalen Diktatur." (Die Weltbühne: Bd.20, Teil 1, S.329 - "Thormann, Grandel & Chi" v. 1924)
Während Gottfried Grandel sich im Moabiter Zellengefängnis befindet, versucht seine Frau Helene, ihrem Mann hilfreich zur Seite zu stehen und auch in Berlin eine Verteidigung für ihren Mann zu organisieren.
Berlin, 22. Januar 1924
Helene Grandels Weg führt sie am 22. Januar 1924 nach Berlin zum Verbandsvorsitzenden Heinrich Class, der noch am Tag zuvor von ihrem Mann als Hauptbeschuldigter des Attentatsplanes benannt wird. Bereits am 19. Januar 1924 wird Heinrich Class dieser Besuch von Dr. Grandels Augsburger Rechtsbeistand Dr. Emil Epstein avisiert. Doch Heinrich Class ist mittlerweile selbst in das Visier des Untersuchungsrichters gerückt. Am Morgen nach Dr. Grandels erstem Geständnis steht die Berliner Kriminalpolizei mit einem Durchsuchungsbeschluss auch vor seiner Tür.
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Privatwohnung im Berliner Botschaftsviertel: Justizrat Heinrich Class, Rauchstraße 27 - 1924 (Fotografie im Privatbesitz / o.Ang.)
Der Kontaktwunsch von Helene Grandel ist ein ungewöhnlicher Vorgang, der vor Gericht schließlich einer besonderen Erklärung bedarf:
"Justizrat Claß gab zu dem letzten Brief eine Erklärung ab, daß Frau Grandel ihn zu sprechen wünschte und daß er als Christ und Mann sich verpflichtet gefühlt habe, die Dame zu empfangen. Er habe (-Oberfinanzrat-) Dr. (-Paul-) Bang hinzuziehen wollen, der Dr. Grandel (-von der Ausarbeitung zur bayerischen Währungsreform-) genau kannte. Dr. Bang sei jedoch in Oesterreich gewesen (-Festrede auf der Reichsgründungsfeier des Alldeutschen Verbandes am Montag, 21. Januar 1924 - 20 Uhr im großen Kasinosaal, Wien, 1. Bez., Schwarzenbergplatz 1 + Vortrag über 'Schicksalswege des Deutschen Reiches' in der Bierhalle des Vereinshauses-). Weiter schilderte der Zeuge (-Heinrich Class-) die bei ihm abgehaltene Haussuchung. Er fuhr dann (-am 22.1.1924-) sofort zum Untersuchungsrichter (-Dr. Friedrich Nothmann-) zur Vernehmung. Dort habe er Frau Dr. Grandel getroffen, die wie vom Donner gerührt gewesen sei über die Verhaftung ihres Mannes."
Oberfinanzrat a. D. Dr. Paul Bang, Mitglied der Hauptleitung des Alldeutschen Verbandes, hätte möglicherweise in Berlin seinen Einfluss spielen lassen können, um Dr. Grandel aus seiner misslichen Lage zu befördern, doch in dessen Phase existenzieller Bedrohung heißt es lediglich in einem von Heinrich Class verschickten Antwort-Telegramm an Dr. Grandels Augsburger Anwalt Emil Epstein:
"Stehe Dienstag (-22. Januar 1924-) zur Verfügung. Finanzrat (-Dr. Paul Bang zur Vortragsreise im Rahmen von alldeutschen Reichsgründungsfeiern in Wien, Innsbruck und Linz-) unterwegs." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.254, S.1 - "Der alldeutsche Staatsstreich-Versuch" v. 31.5.1924)
Derweil absolviert Oberfinanzrat Dr. Paul Bang sein Vortragsprogramm in Österreich:
"In einstimmigen Ausführungen, die (-am 22. Januar 1924, 20 Uhr-) oft von der Zustimmung der aufmerksam lauschenden Hörer unterbrochen wurden, legte der Redner (-Dr. Paul Bang-) dar, wie sich das deutsche Volk durch eigene Schuld in den Zusammenbruch durch Führer habe hineintreiben lassen, denen es blind vertraute, obwohl sie sich offenkundig von Bismarcks Gedanken und Zielen abgewendet haben. 'Zurück zu Bismarck!' ist der Ruf, der heute durch das deutsche Volk dringt und der den Geist Bismarcks wieder aus seinem Grabe emporsteigen heißt. Mit einem warmen, von den Versammelten begeistert aufgenommen Bekenntnis zum kommenden Großdeutschland schloß der Redner seine ausgezeichneten, vom Herzen zum Herzen gehenden Ausführungen und durfte den begeisterten Dank, den der Vorsitzende im Namen der Versammelten ansprach, mit dem Bewußtsein entgegennehmen, in der oberösterreichischen Hauptstadt dem alldeutschen Gedanken neue Kraft verliehen zu haben." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Ostdeutsche Rundschau/Deutschösterreichische Tages-Zeitung, Nr.25, S.4 - "Dr. Bang in Linz" v. 25.1.1924)
Die Begegnung des Untersuchungshäftlings Dr. Grandel mit seiner Frau Helene findet direkt vor der Gegenüberstellung mit dem Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes statt, den Dr. Grandel in seinem ersten Geständnis der geistigen und finanziellen Urheberschaft des Attentatsplanes bezichtigt. Gottfried Grandel erinnert sich:
"Dann kam meine Frau, die ich kurze Zeit sehen durfte. Sie sagte mir, sie könne es nicht über sich gewinnen, die Kinder mit in den Tod zu nehmen, und beschwor mich, für meine Unschuld zu kämpfen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.247 - "Detektiv Grandel" v. 27.5.1924)
"Einige Tage darauf (-auf die Augsburger Verhaftung am 17. Januar 1924-) besuchte mich (-am 22. Januar 1924-) meine Frau, die mir erklärte, sie sei nicht imstande, mit den Kindern freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Sie bat mich, kein Geständnis abzulegen, wenn ich nicht unbedingt schuldig wäre." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de + //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.251, S.4 - "Alles nur Komödie" v. 27.5.1924)
Bei der darauf folgenden Gegenüberstellung erleidet Gottfried Grandel unter Tränen vor Heinrich Class einen nervlichen Zusammenbruch; er widerruft plötzlich seine vorher gemachten Anschuldigungen gegen den alldeutschen Verbandsvorsitzenden Heinrich Class. Untersuchungsrichter Dr. Nothmann erinnert sich:
"Das war der Fall, als Grandel am nächsten Tage (-22.1.1924-) Herrn Justizrat Claß gegenübergestellt wurde. Da war der Angeklagte Grandel allerdings ganz auseinander, ging weinend auf Claß zu und bat ihn um Verzeihung." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.248, S.3 - "Grandels Geständnis" v. 28.5.1924)

Verbandsvorsitzender der Alldeutschen: Der Mainzer Rechtsanwalt Heinrich Class - 1924 (BArch Berlin: N2368/7 - RA Heinrich Class / o.Ang.)
In der späteren prozessualen Vernehmung begründet Dr. Grandel seinen Widerruf des Geständnisses:
"Der Angeklagte (-Dr. Grandel-) erklärte, diese Widersprüche seien völlig darauf zurückzuführen, daß er ursprünglich dem ihm angeborenen Trieb der Selbstbezichtigung unterlegen sei. Er sei dem Wahnsinn nahe gewesen." (Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Allgemeine Zeitung, Nr.202, S.2 - "Der Anschlag auf General Seeckt vor Gericht" v. 28.5.1924)
In diesem Zustand formuliert Dr. Grandel am 22. Januar 1924 morgens um 9:00 Uhr an den Untersuchungsrichter Dr. Nothmann:
"Ich will meine gestrigen Angaben widerrufen und bitte um baldgefl.(-älligste-) Vernehmung. Ergebenst Dr. Gottfried Grandel
Auch bitte ich ergebenst um Freigabe des mitgebrachten Geldes zur Selbstkost, und um die Erlaubnis zur Selbstbeköstigung. (-Misstrauen wg. mögl. Vergiftung?-)" (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.62 + Bl.19 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Gottfried Grandels Widerruf vor dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Nothmann v. 22.1.1924)
Der Verbandsvoritzende Class wird zu der Vernehmung nicht ohne anwaltliche Beratung erschienen sein. So heißt es hierzu:
"Willy Hahn war auch Verteidiger von Claß, der (-von Untersuchungsrichter Dr. Nothmann am 22.1.1924 erstmalig-) als Zeuge vernommen wurde." (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.731 FN 241 - 2022)
Auch der Augsburger Fabrikant Gottfried Grandel wird während der Berliner Untersuchungshaft ab dem 22. Januar 1924 von Justizrat Dr. Willy Hahn vertreten.
Auf Veranlassung des Untersuchungsrichters und unter Tränen verfasst Gottfried schließlich nach Beratung mit seinem neuen Berliner Strafverteidiger ein neues Geständnis:
„Ich muss heute einen Teil meiner gestrigen Aussage widerrufen. Ich bleibe zwar dabei, dass ich den Plan der Ermordung des Generals von Seeckt mit dem Angeschuldigten Thormann besprochen habe. Nur trifft es nicht zu, dass ich ihm für diesen Zweck Geld gegeben hätte. Ich habe Thormann vielmehr ein Darlehn von 200 Mark für seine persönlichen Bedürfnisse gewährt. Für die Zwecke des Attentats sollte dies Geld nicht dienen. Vor allem habe ich wahrheitswidrig den Justizrat Class als Anstifter zum Mordplan bezichtigt. Tatsächlich habe ich mit ihm weder über eine gewaltsame Beseitigung des Generals von Seeckt gesprochen, noch hat er mir etwas davon gesagt, dass diese Beseitigung von Seeckts die Voraussetzung für die Errichtung einer nationalen Diktatur schaffen sollte. Alle diese Angaben habe ich frei erfunden. Ich kann heute einen Grund für diese unwahren Bezichtigungen nicht anführen. Ich fühle mich seit meiner Verhaftung schwach und verwirrt, es ist möglich, dass ich in diesem Zustande bloße Kombinationen als Tatsachen angegeben habe. Über die Haftbeschwerde, die ich vor dem Amtsgericht in Augsburg erhoben habe, bitte ich nicht zu entscheiden, bis ich mich mit meinem Verteidiger verständigt habe." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.63/64 - Prozessakte Thormann-Grandel - Widerruf des ersten Geständnisses gegenüber dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Nothmann v. 22.1.1924)
Der sachverständige Gerichtsarzt, Medizinalrat Dr. Robert Stoermer, besucht Gottfried Grandel sowohl in der Untersuchungshaft, als auch in der Berliner Charité (30.1.24). Der Mediziner wird später den Standpunkt vertreten, dass der Angeklagte Gottfried Grandel in dem Augenblick, da er das Geständnis ablegte, unter einer schweren Depression gestanden habe. Laut Vossischer Zeitung heißt es zu dem Befund der bestellten Gutachter:
"Eine wesentlich interessantere, kompliziertere Natur ist Dr. Grandel. Rein physisch ist zunächst bei ihm ein erheblicher Herzfehler zu konstatieren. Zeitweise Ermüdungszustände und seelische Veränderungen, deren Ursache nicht erkennbar ist, tauchen bei ihm auf. Er zeigt Symptome von Hysterie und will mehrere Selbstmordversuche mit Morphium und Kodein gemacht haben." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek.de: Vossische Zeitung, Nr.253, S.4: "Justizrat Claß als Zeuge" v. 28.5.1924)
Der Sachverständige Prof. Dr. Curt Strauch betont im Laufe der Gerichtsverhandlung, ...
"... daß die Beweisaufnahme, besonders die Vernehmung des Untersuchungsrichters, seinen ersten Eindruck einer schweren Melancholie vollkommen bestätigt habe. Grandel sei ein Mann, der auch auf den Untersuchungsrichter einen völlig zusammengebrochenen Eindruck gemacht habe. Er biete das typische Bild eines schwerblütigen und schwermütigen Menschen, der in der Untersuchungshaft geistig zusammenbrach und nicht mehr Herr seiner Nerven war, als er das Geständnis ablegte".
Dem gegenüber betont Medizinalrat Dr. Störmer, ...
"... daß die geschäftliche Regsamkeit Grandels dem Vorliegen einer Schwermut entschieden widerspreche". (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek.de: Vossische Zeitung, Nr.253, S.4: "Justizrat Claß als Zeuge" v. 28.5.1924)
In der Vossischen Zeitung (Nr.253) vom 28. Mai 1924 wird zu dem Gutachten weiter ausgeführt:
"Der Sachverständige Professor Strauch hat eine patriotische Ueberwertigkeit bei dem Angeklagten Grandel festgestellt.(...) Was das sogenannte Geständnis anbelange, so muß vor allem der verhängnisvolle Einfluß der Untersuchungshaft auf diesen schwermütigen Mann in Betracht gezogen werden. Der Sachverständige kann sich vorstellen, daß in einem solchen Zustande ein derartiger Mensch eine falsche Selbstbezichtigung abgibt. Rätselhaft sei dann allerdings vom psychatrischen Standpunkt aus das hineinbeziehen anderer Persönlichkeiten in dieses Geständnis."
Der Verbandsvorsitzende Class schildert dazu in seiner späteren Zeugenvernehmung vor Gericht, ...
"... daß Frau Dr. Grandel ihn zu sprechen wünschte und daß er als Christ und Mann sich verpflichtet gefühlt habe, die Dame zu empfangen. Er habe Dr. (-Paul-) Bang hinzuziehen wollen, der Dr. Grandel genau kannte. Dr. Bang sei jedoch in Oesterreich gewesen. Weiter schilderte der Zeuge die bei ihm abgehaltene Haussuchung. Er fuhr dann sofort zum Untersuchungsrichter zur Vernehmung. Dort habe er Frau Dr. Grandel getroffen, die wie vom Donner gerührt gewesen sei über die Verhaftung ihres Mannes.(...) Der Untersuchungsrichter hatte mir mitgeteilt, daß Thormann und Grandel verhaftet seien, und daß auch gegen mich Beschuldigungen erhoben worden seien. Ich fuhr zum Untersuchungsrichter und dann wurde Grandel geholt. Es kam ein Mann, den ich nicht wiedererkannt hätte, wenn mir nicht sein Anzug bekannt gewesen wäre. Der Untersuchungsrichter teilte Grandel mit, er habe jetzt Gelegenheit, seine Angaben Auge in Auge mit mir zu wiederholen. Da hat Grandel den Kopf gesenkt und saß lange Zeit still da. Dann weinte er, sprang plötzlich auf mich zu, beugte sich über meine Rechte (-Hand-) und sagte: 'Herr Justizrat, können Sie mir verzeihen, was ich getan.' Dann erklärte Grandel, er müsse seine Aussage widerrufen. Der Untersuchungsrichter äußerte, daß Grandel entweder gestern eine Schlechtigkeit mir gegenüber begangen habe oder jetzt Dr. Nothmann anzulügen versuche. Grandel aber blieb dabei, daß er alles zurücknehmen müsse. Er erklärte, er habe seit seiner Verhaftung weder gegessen noch getrunken und sei fast nicht mehr er selbst. Ich hatte den Eindruck, daß Dr. Grandel mit seinen Nerven und seiner Denkfähigkeit zu Ende war. Auch Frau Dr. Grandel äußerte hinterher: 'Das ist ja mein Mann nicht mehr.' In mir waren alle Haß- und Rachegefühle erloschen, ich sah in ihm nur noch den unglücklichen, gebrochenen Menschen." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.258 v. 31.5.1924)

Nervlich am Ende: Angeklagter Dr. Grandel - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Heinrich Class kann nach seiner Vernehmung durch den Untersuchungsrichter das Gericht wieder verlassen und den späteren Landgerichtsprozess abwarten. Wären die Anschuldigungen durch Dr. Grandel gegenüber Heinrich Class aufrecht erhalten worden, hätte eine Untersuchungshaft von Justizrat Class zwingend die Folge sein müssen. So heißt es:
"Wie wir von gut unterrichteter Seite weiter hören, hat Dr. Grandel, der Justizrat Claß, wie auch amtlich erklärt wird, anfangs sehr schwer belastete, nunmehr sein erstes Geständnis zurückgenommen, nachdem er Justizrat Claß persönlich gegenübergestellt worden war. Er ist deshalb erneut über seine Beziehungen zu Justizrat Claß abermals vernommen worden, da die Annahme nicht von der Hand zu weisen ist, daß der Widerruf Dr. Grandels auf rein psychologische Momente zurückzuführen ist." ((Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.43, S.2 - "Der Fall Claß" v. 26.1.1924))
Mittlerweile hat Gottfried Grandel seinen ersten Berliner Strafverteidiger bevollmächtigt: Strafverteidiger und Notar Paul Bloch. Die Besuchserlaubnis unterliegt jedoch einem Vorbehalt:
"Den Unterredungen mit dem Gefangenen muß eine Gerichtsperson beiwohnen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.79 - Prozessakte Thormann-Grandel - Antrag auf Sprecherlaubnis von Dr. Grandels erstem Berliner Strafverteidiger an den Untersuchungsrichter Dr. Nothmann v. 22.1.1924)

Dr. Grandels erster Berliner Kontakt zu einem Strafverteidiger: Rechtsanwalt und Notar Paul Bloch - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Doch schon am gleichen Tag unterzeichnet Dr. Grandel offenbar unter Tränen die Vollmacht für seinen Verteidiger Dr. Willy Hahn. (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.67 - Prozessakte Thormann-Grandel - Von Dr. Grandel unterzeichnete Vollmacht des Berliner Strafverteidigers Dr. Willy Hahn v. 22.1.1924)

Mitglied der Bekennenden Kirche: Rechtsanwalt Dr. Willi Hahn - 1933 (Digitalisiert auf friedenszentrum-martin-niemoeller-haus.de: "Niemöller wird verhaftet", Tafel 20)
Die Reaktionen von Helene Grandel nach dem Zusammentraffen mit ihrem inhaftierten Ehemann werden von dem Gerichtsgutachter, Medizinalrat Dr. Robert Stoermer, in seinem ersten Gutachten festgehalten:
"Am 23/1.24 (-22. Januar 1924-) Nachmittags besuchte mich Frau Dr. G.(-randel-), um mir mitzuteilen, dass ihr Mann ein schwaches Herz habe; er ist aber in den ganzen letzten Jahren deswegen überhaupt nicht behandelt worden und es existiert (-in Augsburg-) nur ein einziger (-praktischer-) Arzt, Dr. Valentin Schmidt, dessen Aufenthalt zur Zeit unbekannt ist, der über seinen Herzzustand Auskunft geben könne. Ferner behauptet Frau G.(-randel-), dass Ihr Mann ihr während der halbstündigen Unterredung, die sie heute (-direkt vor der Gegenüberstellung mit Heinrich Class am 22. Januar 1924-) mit ihm hatte, 'ganz irre' vorgekommen sei; er hätte sie mit stierem Blick angesehen und das Auge sei gebrochen gewesen. Er hätte zu Ihr 'Irres' gesprochen und zuerst nach den Kindern gefragt, dann sei er aufmerksam gewesen, hätte plötzlich die Frage gestellt, 'ob es draussen regnet'. Zu einer sehr genauen Begründung aufgefordert, worin die irren Aeusserungen bestanden hätten, bleibt Frau Dr. G.(-randel-) die Antwort einstweilen schuldig und gibt an, das sei freilich 'rein gefühlsmässig'; ich kenne ihren Mann nicht so gut wie sie, ihr käme er 'wie wirr' vor - vollständig verfallen - ihr liegt das Schicksal ihres Mannes natürlich sehr am Herzen, denn sie sässe zu Hause mit 4 kleinen Kindern." (LArch Berlin: A Rep. 358-01 Nr. 6011, S.3-4/Bl.139-140 - Prozessakte Thormann-Grandel: Erstes Gutachten über Dr. Grandels Befragung durch Medizinalrat Dr. Stoermer v. 25.1.1924)

Familienmensch: Gottfried Grandel mit Norle Winternitz, Maidl und Christel Grandel - Sommer 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
Eine Auffälligkeit ergibt sich im Folgejahr: Gottfried Grandels erster Augsburger Rechtsanwalt, Dr. Emil Epstein, verstirbt genau am 22. Januar 1925, dem ersten Jahrestag von Gottfried Grandels Zusammenbruch vor dem Berliner Untersuchungsrichter, an einem Herzschlag.

(Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.23, S.14 v. 24.1.1925)
Zu seinem plötzlichen Tode heißt es in einem Nachruf:
"In München, wo er sich einer (-kleinen-) Operation unterziehen wollte, wurde Rechtsanwalt Justizrat Dr. Emil Epstein von einem plötzlichen Tod ereilt. Ein Schlaganfall beendete jäh das arbeitsreiche und ehrenvolle Leben des allseits hochgeschätzten Mannes. Justizrat Dr. Epstein ist 58 Jahre alt geworden. Er entstammte einer alten Augsburger (-Bankiers-)Familie; sein Vater war Mitinhaber der Bankfirma Epstein u. Gunz. Die Anwaltspraxis übte der Verstorbene seit dem Jahre 1894 aus. Als ausgezeichneter Jurist, als Redner großen Stils und als Mensch von seltener Herzensgüte erwarb er sich bald den Ruf eines der beliebtesten Juristen des Augsburger Barreaus. Seine Standeskollegen ehrten ihn als einen Vorkämpfer des Anwaltstandes durch die Wahl zum Vorstand des hiesigen Anwaltsvereins. Lange Jahre hindurch war er auch Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Allgemeine Zeitung/Augsburger Stadtzeitung, Nr.33, S.4 v. 23.1.1925 Münchner Neueste Nachrichten, Nr.22, S.7 - "Vermischtes aus Bayern" v. 23.1.1925)
"Am 25. Januar vormittags 9 Uhr, wurde der in München einem Herzschlag erlegene Justizrat Dr. Emil Epstein, Rechtsanwalt, auf dem israelitischen Friedhof (-in Augsburg-) bestattet. Dem Gedächtnisakt in der Aussegnungshalle wohnten die Vorstandschaft und Mitglieder des Augsburger Rechtsanwaltsvereins, dessen erster Vorsitzender der Entschlafende war, Vertreter der Justizbehörden, die Verwaltungsmitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde, viele Mitglieder derselben und Vertreter verschiedener kultureller und gemeinnütziger Vereinigungen bei. Distriktrabbiner Dr. Grünfeld zeichnete im Rahmen einer Gedächtnisrede das Lebensbild des Entschlafenen, der wegen seiner hervorragenden Kenntnisse und Fähigkeiten hochgeschätzt und wegen seiner vortrefflichen Charaktereigenschaften sehr beliebt war. Dem Wunsch des Entschlafenen entsprechend wurde von der Niederlegung von Kränzen und der Widmung von Nachrufen Abstand genommen." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Allgemeine Zeitung/Augsburger Stadtzeitung, Nr.36, S.4 - "Bestattung" v. 26.1.1925)
Berlin, 23. Januar 1924
Schon am Folgetag übernimmt Dr. Paul Bloch auch das Mandat des Mitangeklagten Alexander Thormann.
Berlin, 24. Januar 1924
Rechtsanwalt Paul Bloch legt nach zwei Tagen die anwaltliche Vertretung Gottfried Grandels nieder. So notiert er:
"In der Strafsache gegen Thormann & Gen.(-ossen-) zeige ich ergebenst an, dass ich Herrn Dr. Grandel nicht mehr vertrete. Ich überreiche ergebenst Vollmacht des Herrn Thormann auf mich und bitte um allgemeine Sprecherlaubnis." ((LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.79 - Prozessakte Thormann-Grandel - Aufkündigung der Sprecherlaubnis von Dr. Grandels erstem Berliner Strafverteidiger an den Untersuchungsrichter Dr. Nothmann v. 24.1.1924))
Berlin, 25. Januar 1924
Für die anwaltliche Vertretung Dr. Grandels zeichnet sich nun alleinig verantwortlich: Dr. Willy Hahn. So heißt es in seinem Schreiben gegenüber dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Nothmann:
"Selbst zeige ich ergebenst an, daß Herr Dr. Grandel seine Rechtsanwalt Epstein in Augsburg erteilte Vollmacht widerrufen hat." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.88 - Prozessakte Thormann-Grandel - Anzeige der Mandatsübernahme von Dr. Grandels zweiten Berliner Strafverteidiger an den Untersuchungsrichter Dr. Nothmann v. 25.1.1924)

Strafverteidiger und führender Mann im Reichsbund deutschnationaler Rechtsanwälte: Dr. Willy Hahn - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Die Einlassungen des weiteren Angeklagten Alexander Thormann verlaufen ruhiger, dennoch urteilt die dem Alldeutschen Verband nahestehende Deutsche Zeitung am 5. Juni 1924:
"Thormanns Geständnis aber ist das Geständnis eines Psychopathen."
Der Mannheimer General-Anzeiger notiert zum Verlauf der Ermittlungen:
"Es ist angeordnet worden, daß ein Verkehr zwischen den Verhafteten und ihren Rechtsanwälten nur in Gegenwart einer richterlichen Person stattfinden darf. Auch die Vernehmung von Justizrat Claß scheint noch nicht abgeschlossen zu sein. Gestern ist zur Klarstellung einiger Punkte in den Aussagen Dr. Grandels der zur Zeit in Schutzhaft genommene Privatdozent Dr. von Brehmer (-Germanen-Orden-) vernommen worden, der auch mit Justizrat Claß in Briefwechsel gestanden hat." (Digitalisiert auf druckschriften-digital.marchivum.de: Mannheimer General-Anzeiger, Nr.44, S.3, "Die Vernehmungen zum Attentatsplan gegen Seeckt" v. 26.1.1924)
Laut Vossischer Zeitung vom 31. Januar 1924 wird von Seiten der Justiz ursprünglich der Staatsgerichtshof in Leipzig als zuständige Instanz in Erwägung gezogen, da bei dem Berliner Attentatsplan von einem Umsturzversuch ausgegangen wird. Auch die Coburger Zeitung vermerkt:
"Der hochpolitische Hintergrund der Angeklegenheit wird vielleicht Gegenstand eines besonderen Verfahrens wegen Hochverrates vor dem Staatsgerichtshof bilden. Nach dem Ergebnis der Untersuchung ist an der Ernsthaftigkeit des Mordplanes nicht zu zweifeln." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Coburger Zeitung, Nr.30, S.1 - "Der Mordanschlag auf General v. Seeckt" v. 5.2..1924)
Diese Einschätzung änderte sich jedoch nach Abschluss der Vorermittlungen, so dass "die beiden Verhafteten vor der Strafkammer des Landgerichts I abgeurteilt werden".
Auf die spätere Frage des Vorsitzenden Richters an die eigentliche Zielperson des geplanten Attentats ergibt sich laut Vossischer Zeitung (Nr.258) vom 31. Mai 1924 folgender Wortlaut:
"Glauben Sie, daß die ernstliche Absicht vorlag, Sie zu beseitigen?"
General v. Seeckt:
"Das ist schwer zu sagen. Befremdend ist nur, dass man die Tageszeit herausgriff, die regelmäßig zum Reiten festgesetzt war."
In Erwartung des Prozesses schreibt Gottfried Grandel nach drei Monaten Inhaftierung seiner Frau am 24. April 1924 aus der Lazarett-Abteilung des Moabiter Zellengefängnisses einen längeren Brief:
"Liebe gute Freundin Helene!
Es war gut, dass Du nach Mayenbad ausgerissen bist. Ortswechsel hilft oft über schwere Zeiten hinweg. Gerade der mangelt mir so sehr, der Ortswechsel, denn mit der Zeit wird man sich selbst ein lästiger Gesellschafter; - oder ist's nur das Verlangen nach dem Leben, das mich diese lange aufgezwungene Einsamkeit so schmerzlich empfinden lässt? Du warst so lieb, mir von Augsburg ein Päckchen zu senden und jetzt aus dem lieben Mindelheim, das ich sehr wohl kenne; mit seinen Türmen und Mauern ragt es aus einer zweifellos besseren Zeit herüber in unser Chaos. Denn Rundfunk, Auto und Untergrundbahn bedeuten bei weitem keine Kultur, aber jene Mindelheimer von 1300 oder 1400 hatten zweifellos Kultur, sonst hätten Sie diese lieben Gassen nicht fertig gebracht. Unsere sog. 'fortgeschrittene' Zeit bringt dafür Siegesalleen und Kurfürstendämme zuwege. Also, ich dank Dir von Herzen für Dein Packerl und für das, was drin war, auch für das Unsichtbare, liebe Helene! Du gehörst ja, wie Du schon wissen wirst, zu den sehr wenigen Menschen, die ich zu gleicher Zeit liebe und achte, nicht nur deswegen, weil Du mein Lenl bist, sondern an und für sich. Auf solchen Menschen, wie Du bist, steht meine Welt. Die ganze übrige Menschheit kann mir gestohlen werden, besonders die nördlich des Mains. Es dürfte Dich auch interessieren zu wissen, dass ein Bayer die Bluttransfusion eines Preußen nicht erträgt, er bekommt die heftigsten Krämpfe und Lähmungserscheinungen. Andererseits verträgt der Preuße russisches Blut in seinen Adern ohne Beschwerden. Dies sind neueste biologische Feststellungen ohne alle Voreingenommenheit. Ich wollte gern in Mindelheim herum mit Dir spazieren gehen oder vor den alten besonnten Mauern sitzen und den Frühlingswolken nachblicken. Hier in dieser Gruft ist es abscheulich und ich habe hier längst die Überzeugung verloren, dass wir in Deutschland in einem Rechtsstaate leben. Die Fürsten sind zwar fort, aber die von ihnen ins Leben gerufene Willkür ist geblieben. Man wird hier sozusagen lebendig begraben. Mein körperliches und seelisches Befinden ist betrüblich,(...)."
Die Angeklagten Thormann und Grandel verbleiben bis zur Verhandlung für 4 ½ Monate in Moabiter Untersuchungshaft. Als angeblicher Sensationsprozess schlägt das Verfahren nicht nur national hohe Wellen; auch das Time-Magazin und die NY-Times berichten. Der Andrang zu Prozessbeginn ist groß; die Besucher werden vor dem Eintritt in den Gerichtssaal auf Waffen kontrolliert.
Grandels erstes Geständnis im Abgleich mit seinem damaligen Umfeld
Der Versuch, das später von Dr. Grandel zum Teil wieder zurückgenommene Geständnis näher auf die innere Logik zu beleuchten, ergibt folgendes Ergebnis.
Gottfried Grandel erklärt:
"Ich gebe zu, mich an einer Verabredung zum Morde an den General von Seeckt beteiligt zu haben. Zur Teilnahme an dem Plan bin ich veranlasst worden durch den Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes J.(-ustiz-) R.(-at-) Class in Berlin, mit dem ich hierüber in der Zeit vom Oktober 1923 bis Mitte Januar 1924 wiederholt verhandelt habe."
Aus dem Buch "Der Hitler-Prozess 1924" (S.41) ist vom Hauptangeklagten Adolf Hitler wörtlich zu entnehmen:
"Nun trat allerdings gegen Ende Oktober (-1923-) eine Stimmungsänderung ein. Es kamen damals von Berlin verschiedene Herren (-u.a. Class?-) herunter, die erklärten, Seeckt trage sich mit den gleichen Plänen, und auch in Berlin beabsichtige man, die Diktatur auszurufen. Verschiedene Herren auch aus Bayern (-u.a. v. Kahr u. Grandel?-) wurden hinaufgebeten zu Verhandlungen."
Weiter führt Dr. Grandel in seinem Geständnis aus:
"Ich selbst bin Mitglied keiner politischen Organisation und gehöre namentlich weder der Organisation 'Consul' noch dem Wickingbund an. Ich vertrete aber einen nationalen politischen Standpunkt und stehe mit zahlreichen Personen, die nationalen Verbänden angehören, in Berührung. Ich habe seit der Revolution fast alle führenden Männer der deutschnationalen Bewegung kennen gelernt."
Nach dem Mitgliederverzeichnis aus der "Kampfzeit" gehört Dr. Grandel seit dem 17. August 1920 der NSDAP an. Seine eigenen Angaben aus dem NSDAP-Archivbericht benennen schon den Zeitraum um den Februar/März 1920 als DAP-Eintrittsdatum. Möglicherweise ist Dr. Grandels Mitgliedschaft aus eigenem Entschluss 1923 wieder erloschen.
Weiter führt Dr. Grandel in seinem Geständnis vom 21. Januar 1924 aus:
"Den Justizrat Class lernte ich im Mai 1923 bei einer Versammlung in Hamm kennen, in der mit national gesinnten Personen aus dem Ruhrgebiet die politische Sachlage besprochen wurde. Ich kam dorthin auf Einladung eines Ingenieurs Haller von der Firma Krupp in Essen."
Gottfried Grandel schreibt hierzu in seinem späteren NSDAP-Archivbericht vom 22. Oktober 1941 (Bl.7):
"In den aktiven Ruhrkampf griff ich auf eigene Faust ein, indem ich kleine Freikorps warb und sie, ausgerüstet mit Geld und Waffen ins Ruhrgebiet schickte, wo ich Verbindung mit zwei Oberingenieuren von Krupp hatte; (...) Die Namen sind mir leider entfallen; der Eine wurde leider von den Franzosen geschnappt und kam auf die Insel St. Martin de Ree."
Der als Konstrukteur von Ferngeschützen geltende Oberingenieur Dr. Haller von den Kruppwerken in Essen war zu diesem Zeitpunkt Vertrauensmann der Arbeiterschaft und als Organisator zuständig für den etwaigen "aktiven Widerstand gegen den Ruhreinfall".
(Hürten: "Das Krisenjahr 1923: Militär und Innenpolitik", S.34)
Gottfried Grandel benutzt in seinem Archivbericht die Formulierung:
"In den aktiven Ruhrkamp griff ich auf eigene Faust ein (...)."
Der seit dem Sommer 1921 mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete NSDAP-Parteiführer Hitler war zu diesem Zeitpunkt gegen den aktiven Abwehreinsatz im Ruhrgebiet. Dieser Aspekt spricht für Grandels zunehmende Entfernung von der Partei, denn als Parteimitglied hätte er sich hier im Widerspruch zu Hitlers Direktive befunden.
In seinem ersten Geständnis von 1924 fährt Dr. Grandel fort:
"An die Stelle von Seeckts als Chef der Reichswehr sollte ein jetziger Stellvertreter General von Behrendt treten. Die militärische Diktatur sollte der General Otto von Below übernehmen, während Class selbst in dessen Auftrage für die politische Leitung in Aussicht genommen wäre."
Zu dem erwähnten General v. Below schreibt Heinrich Class in seinen Lebenserinnerungen:
"General von Below gehörte zu meinen nächsten Mitarbeitern, und er hatte sich mir für die Aufgaben, die ich ihm zugedacht hatte, bedingungslos zur Verfügung gestellt. Ich hatte ihn, der in Kassel wohnte, durch den Obersten Frantz bitten lassen, für ein paar Tage nach Berlin zu kommen. Das geschah sofort, und in langer Aussprache legte ich Herrn von Below dar, was ich selbst von Seeckt gehört hatte, und was andere mir über die Ergebnisse ihrer Unterredungen mit ihm berichtet hatten." (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.671 - 2022)

General Otto von Below (BArch Berlin: Bild 146-1977-102-25 / o.Ang.)
Weiter heißt es im Geständnis von Gottfried Grandel:
"Die Namen Ludendorff und Erhardt wurden nicht genannt, dagegen sagte mir Class, daß er in Verabredung stehe mit den Generalen von Möhl in Kassel und von Lossow in München, sowie mit mit dem Generalstaatskommissar von Kahr. Mit dem letzteren beiden beständen, sagte mir Class, feste Verabredungen. Diese Verabredungen waren, wie mir Class später sagte, maßgebend für das Verhalten von Kahrs und von Lossows beim Hitler-Putsch." ("Der Hitler-Prozess 1924" (I), Seite IX)
"In den vaterländischen Kreisen Norddeutschlands und Bayerns waren schon in der zweiten Oktoberhälfte Zweifel darüber aufgetaucht, ob Seeckt den Absprung finden und gegebenenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht auf Reichspräsident Ebert Druck ausüben werde, um dessen Ermächtigung zur Einsetzung des Direktoriums zu erreichen." (General d. Inf. v. Möhl: Oberbefehlshaber der Gruppe 2)
Amtsgerichtsrat a.D. Dr. Arnold Wagemann:
"Jetzt ist mir bei meinem Aufenthalt in Berlin seine fabelhafte Beeinflussbarkeit (Suggestibilität) wieder sehr aufgefallen, die um so bedenklicher ist, als er sich für einen sehr gefestigten Willensmenschen hält. - So gut er ohne Widerstand meinen Willen annahm: habe ich schädigend gehandelt, so habe ich die Sühne auf mich zu nehmen, ebenso gut kann ein entgegengesetzter Wille ihn zu unwahren Darstellungen verleiten.(...) Er ist bisher durch seine ethische Veranlagung auf einem klaren Wege erhalten worden, dann jedoch müssen Einflüsse auf ihn zur Macht gelangt sein, die seinen leicht zu beeinflussenden Willen in eine falsche Bahn lenkten, so dass sein Vorstellungskreis sich gänzlich von dem entfernte, was er bisher als vernünftig, wertvoll, erreichbar erkannt hatte. - Hier ist ein Knick in seiner Persönlichkeit, der nicht zu leugnen ist und der durch seinem Willen fremde Einwirkungen hervorgerufen sein kann, sei es durch eigene Krankheit, sei es durch eine derartig starke äussere Beeinflussung, dass ihm dadurch das Handeln nach eigenem besseren Verständnis unmöglich wurde, - aber nur vorübergehend. - Dass ihm der logische Zusammenhang der ihn belastenden Tatsachen selbst nicht erkennbar ist, habe ich aus seinem Verhalten entnehmen müssen. Er macht mir den Eindruck eines aus schwerem Rausch Erwachten, der nun hört, was er alles getan hat oder getan haben soll und wofür ihm selbst dunkle Eruinnerungen den Nachweis zu erbringen scheinen. Diese Ausführungen erheben nicht den Anspruch, eine verlässliche Grundlage für ein positives Urteil abzugeben, wohl aber den, dass starke Bedenken auf dem Gebiet der Zurechnung, also dem negativen, bestehen, und wir haben wohl Alle, Richter, Ärzte und Freunde des Beschuldigten nicht den Wunsch, einen seiner Natur nach edlen Menschen als Verbrecher erscheinen zu lassen, wenn es sich um einen bedauernswerten Kranken handelt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.235/237, Bl.2/3 - Arnold Wagemanns "Erklärung in der Untersuchungssache Grandel" v. 2.3.1924)
Im Rahmen der Berichterstattung vermerkt die Weltbühne:
"(-Hauptzeuge-) Gilbert soll, nach andrer Version, als Spitzel des Reichskommissars (-für öffentliche Ordnung-) das Hauptding gedreht haben. Gilbert kennt aber weder Thormann noch Grandel, was jederzeit nachzuprüfen ist. Damit entfällt auch die heitere Interpretation der Wochenschrift 'Das Gewissen', der zufolge Gilbert den Grandel hypnotisiert habe. Möglich, daß Grandel hypnotisiert war: aber von einer anderen Seite und nicht wörtlich genommen." (Die Weltbühne: Bd.20, Teil 1, S.331 - "Thormann, Grandel & Cie" v. 1924)
28. Januar 1924
In einer weiteren Vernehmung vom 28. Januar 1924 betont Dr. Grandel entgegen seiner ersten Aussage vom 21. Januar:
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30. Januar 1924
Während der Untersuchungshaft wird Dr. Grandel in das Berliner Charité an der Schuhmannstraße verlegt. Medizinalrat Dr. Stoermer besucht ihn dort am 30. Januar 1924, nachdem Helene Grandel den Gerichtsmediziner am 18. und 19. Februar 1924 wiederholt aufsucht.

Sorge um den Patienten: Visite am Krankenbett (BArch: Symbolbild 183-S78631 / Heinscher)
10. April 1924
Einem weiteren Strafverteidiger wird von Gottfried Grandel die prozessuale Vollmacht erteilt: Dr. Alfons Sack.
11. April 1924
Der Generalstaatsanwalt Lindow liefert die Anklageschrift. Sie umfsasst 6 Seiten und endet mit dem Antrag zur Eröffnung der Hauptverhandlung und Haftfortdauer. (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.1-5 - Prozessakte Thormann-Grandel - Anklageschrift des Generalstaatsanwalts Lindow v. 11.4.1924)
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Über den weiteren Lebensweg des Berliner Landgerichtsrats Dr. Friedrich Nothmann heißt es:
"Bekannt wurde sein Einsatz beim 'Barmat-Prozess' 1927 (...). Wegen der ostjüdischen Herkunft der Beschuldigten floss der Skandal in die antisemitische Propaganda der NSDAP ein. Nothmann wurde deshalb bereits vor der Machtübernahme zu einer Zielscheibe von Verunglimpfungen wegen seiner jüdischen Herkunft.
Seit 1929 Kammergerichtsrat, wurden ihm in der Beurteilung aus dem Jahr 1932 noch eine 'überragende Befähigung' zum Richteramt und 'Leistungen erheblich über dem Durchschnitt' bescheinigt. Deshalb wurde er für Anfang 1933 in den 2. Strafsenat berufen.
Mit der Besetzung des Kammergerichts durch die SA am 31. März 1933 begann Friedrich Nothmanns Verfolgung: Er wurde auf die Straße gezerrt und misshandelt, aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im April (-1933-) beurlaubt und erhielt am 13. Juli 1933 die Entlassung mit Ruhegehalt. Nach der Pogromnacht 1938 verhaftete man ihn und verschleppte ihn in das KZ Buchenwald. Nachdem die Familie eine Ausreise in die Niederlande zum 21. Januar 1939 erreicht hatte, kam der Vater am 16. Dezember 1938 wieder frei. Die Familie übersiedelte nach Den Haag. Anfang September 1943 wurde die ganze Familie verhaftet, über das Durchgangslager Westerbork am 4. September 1944 zunächst nach Theresienstadt und am 16. Oktober 1944 mit 1500 Menschen weiter nach Auschwitz deportiert, wo sie wahrscheinlich am 18. Oktober 1944 ermordet wurden. Nur 18 überlebten den Transport." (stolpersteine-berlin.de: Friedrich Nothmann)

Erinnerung an ein Verbrechen: Stolperstein für Dr. Friedrich Nothmann - Berlin (Wikimedia Commons / ÖTFW, Berlin - Datei: Stolperstein Hugo-Vogel-Str.12 (Wanns) Friedrich Nothmann.jpg)
Unter Verdacht: Heinrich Class vs. Hans von Seeckt
(407-1923) Im Zentrum des Thormann-Grandel-Prozesses steht ein einzelner Mann als Zielperson des geplanten Attentats: Der oberste Chef der deutschen Heeresleitung, General Hans von Seeckt.

Fels in politischer Brandung: General Hans von Seeckt - 1923 (Wikimedia Commons - Datei: Hans von Seeckt.png / Musvage)
Über ihn schreibt der Reichswehrminister a. D. Dr. Otto Geßler rückwirkend:
"Waren die ersten Grundlagen des neuen Reichsheeres, seine Überleitung und Zusammenfassung aus den alten bundesstaatlichen Kontingenten das Werk seines Vorgängers, des Generals Reinhardt, so ist der weitere militärische Aufbau des Reichsheeres, seine Gestaltung zu einer geachteten Elitetruppe, das Werk des Generals v. Seeckt.' - Aber Seeckt war ausgesprochen das, was man einen schwierigen Charakter nennt. Er trug nach außen eine scheinbar undurchdringliche Maske und wurde nicht ohne Grund auch in der Öffentlichkeit häufig 'die Sphinx' genannt, was ihm zweifellos nur willkommen war. Was stand hinter der Maske? Die meisten suchten dahinter im tiefsten Urgrund einen starren Hochmut, ein absolut egozentrisches Denken. Jedenfalls setzte er die Maske auch im Verkehr mit nächsten Mitarbeitern auf. Zurückhaltung und Unnahbarkeit waren die hervorstechendsten Merkmale. Ich glaube, daß er in einem wirklich kameradschaftlichen Verhältnis - sofern er einer solchen Empfindung überhaupt fähig war - nur zu ganz wenigen Offizieren stand. Wie mir gesagt wurde, war er deshalb schon als Regimentsadjutant reichlich unbeliebt gewesen. Ich konnte beobachten, daß seine Beziehungen zu einer Reihe anderer, ebenfalls hochstehender Generale, wie z.B. Loßberg, Reinhardt, Möhl, nur förmlich korrekt waren. Charakteristisch ist, was mir ein aufrichtiger Verehrer Seeckts, mein bayerischer Landsmann General Herrgott, schrieb. Er stand im Kriege lange Zeit zusammen mit Seeckt im Osten: Seeckt als Oberst, Herrgott als Major. 'Wir haben in den schwierigsten Situationen Tag und Nacht zusammengearbeitet. Seeckt war immer korrekt. Wenn ich aber einmal glaubte, unsere Beziehungen fußten auf wärmerer Unterlage, so zeigte sich sofort die Schranke. Andererseits bewahrte Seeckt seinen ihm genehmen Mitarbeitern in Zukunft die Treue, und er zog sie nach deren Verwendung in anderen Stellungen gern wieder zu seinem Stabe.' Eine weitere, Seeckt sehr nahestehende Persönlichkeit, sagte mir gelegentlich: 'Es ist sein Unglück, daß er, wenn er einmal jemandem unrecht getan hat, das nicht wieder gutmachen will.' Daß mir Hindenburg nach seinem Amtsantritt als Reichspräsident in der ersten Unterredung ganz abrupt erklärte: 'Der Mann (Seeckt) verdirbt mir mit seiner Eitelkeit noch das ganze Offizierskorps', entsprang gewiß nicht nur einer vom Krieg her zurückgebliebenen Animosität, sondern einer reifen Überlegung. Ich persönlich empfand Seeckts Auftreten über die gewöhnliche preußische Steifheit hinaus geziert, mitunter sogar komisch. Komisch empfand ich es allerdings auch, daß Stresemann Haltung anzunehmen pflegte, sobald Seeckt auftrat. Vielleicht kann man Seeckts Wesen am besten mit Kierkegaard als 'seelisch verhoben' kennzeichnen. Es muß aber anerkannt werden, daß er, mindestens äußerlich, nie ideologische Scheuklappen zeigte. Lagen seine Schranken im Bereich des Gemütes, so war seine Stärke der scharfe Verstand, der sich an das Wesen der Dinge und an die Realitäten hielt. Er war ein Feind alles Maulheldentums, aller Schwarmgeisterei, aller Soldatenspielerei. Diese verstandesmäßig begründeten Eigenschaften waren nicht bloß für seine militärische Aufgabe ein eminenter Vorzug, sie bildeten auch die stärkste und eine verlässige politische Garantie für den Staat und für die Reichsregierung. - - Das war um so wichtiger, als Seeckt politischen Sinn und in hohem Grade politischen Ehrgeiz hatte. Sein Ziel war - daraus macht auch Rabenau in der Seeckt-Biographie kein Hehl - kein geringeres als dies: nach Eberts Abgang Reichspräsident zu werden. Er war war zweifellos ein über den Durchschnitt hinaus historisch und politisch gebildeter Mann. Schon im Blick auf das genannte Ziel vermied er es sorgfältig, sich politisch irgendwie zu kompromittieren, was für das Reich keineswegs nachteilig war. Im Blick auf sein Ziel unterhielt er auf gesellschaftlichem Boden Beziehungen zu führenden Männern verschiedener Parteien. Diese suchten ihn ihrerseits, namentlich in kritischen Zeiten, gerne auf. Auch das konnte im demokratischen Staat grundsätzlich nicht unerwünscht sein. Ausgezeichnet verstand es Seeckt, den Reichspräsidenten Ebert zu nehmen, der ihn hoch schätzte und ihm - völlig unbeschadet der dramatischen Auseinandersetzungen in den Tagen vor dem Kapp-Putsch - sein Vertrauen schenkte . Und Ebert war alles andere als etwa ein vertrauensseliger Mann. Mit Hindenburg tat sich Seeckt aus den bereits angedeuteten Gründen ganz erheblich schwerer; es war kein Zufall, daß Seeckt, wenn irgend möglich, vermied, zusammen mit dem Marschall-Präsidenten (-Hindenburg-) bei der Truppe zu erscheinen. Auch mit einigen Reichskanzlern suchte und fand der General engere Fühlung, in erster Linie mit Wirth, dessen Neigung zu engerer Zusammenarbeit mit Sowjetrußland durchaus der Linie Seeckts entsprach, und mit Cuno. Die Wehrmacht ist unter jeder Staatsform ein wichtiges Machtinstrument einer jeden Regierung. Sie ist ihre 'ultima ratio'. So war auch die Reichswehr ein durchaus wesentlicher Machtfaktor bei der Wiederaufrichtung des Staates. Sie war es nicht nur in den Krisenzeiten, in denen die Reichsregierung die Truppe zum inneren Kampf heranzog. Ihre Haltung und ihre innere Verfassung waren für die Beurteilung der Möglichkeiten der inner- und außenpolitischen Führung von Bedeutung. Es wäre eine Illusion gewesen und es wäre auch heute, sofern sie noch vertreten werden sollte, eine Illusion, zu meinen, daß eine Wehrmacht jeder Belastungsprobe ausgesetzt werden könnte, die ihr die politische Führung zuzumuten beliebt. Das geht im Kriege nicht, wie wohl ohne weiteres einleuchtet; es geht auch im Frieden nicht, zumal nicht in einem so labilen Staatswesen, wie es die Weimarer Republik war. Schon Bismarck, der den Primat der Politik gewiß meisterhaft vertreten und durchgesetzt hat, mußte da seine Erfahrungen machen. Als er in den Siebziger-Krieg zog, hörte er aus einem Neben-Coupé einige Generalstabsoffiziere (sie dachten an Nikolsburg 1866) sagen: 'Wer wird diesmal dafür sorgen, daß er nur erfährt, was wir für richtig halten?' Und Wilhelm II. ist sich spätestens im November 1918 darüber klargeworden, daß er mit seiner großsprecherischen Devise, jeder Soldat müsse auf seinen, des Kaisers, Befehl jederzeit auch auf Vater und Brüder schießen, schwerlich die Probe aufs Exempel hätte wagen dürfen. Das schloß nicht aus, daß demokratische Doktrinäre sich die Illusion machten, sie könnten sich leisten, was der Kaiser sich nicht hätte leisten dürfen. Die Haltung einer Truppe hängt nicht allein von ihrem politischen Minister, sie hängt auch und sogar in erster Linie von ihrem militärischen Führer ab. Insofern ist also nicht zu bestreiten, daß General v. Seeckt als Chef der Heeresleitung ein politischer Faktor ersten Ranges gewesen ist. In diesem Fall kam ein Doppeltes hinzu: Erstens hatte Seeckt auch eigene politische Ideen, zum zweiten bildete die Abrüstung, d.h. die Entwaffnung Deutschlands, die ja immer das ganze militärische Gefüge der Reichswehr berührte, damals einen Hauptstreitgegenstand der internationalen Politik mit unmittelbaren Auswirkungen aller Art auf die innere Entwicklung. Ich möchte in diesem Zusammenhang einmal ganz offen aussprechen: Die Beziehungen zwischen der Staatsgewalt und ihrem Waffenträger hängen nicht bloß, wie immer leichthin gesagt wird, vom mehr oder minder guten Willen beider Seiten oder von irgendwelchen Kontrollmaßnahmen ab. Eine gewisse Rivalität zwischen Armee und politischer Führung in einer Demokratie zwischen Armee und legislativen Körperschaften liegt in der Natur der Dinge, im Wesen beider Teile. Beim Parlament, dessen Macht im gesprochenen und geschriebenen Wort, im gesetzten Recht liegt, wird immer eine Aversion gegen die handgreifliche und reale Macht der Armee bestehen. Aus dieser Aversion entspringt die immer etwas mißtrauensvolle Sorge, daß der klassischen Devise Rechnung getragen werde: arma togae cedant. Andererseits liegt es im Wesen der Truppe, daß sie geneigt ist, zu glauben , man könne, wie im militärischen, so auch im politischen Kampf jeden Knoten mit dem Schwert durchhauen. Und unter so leidigen Verhältnissen wie in der Weimarer Republik wird die Truppe auch noch ständig von interessierten Parteien, die sich auf ihrem Rücken an die Macht spielen wollen, in der Neigung bestärkt, einmal politische Knoten zu zerhauen, die eben doch nur mit Geduld und Geschick entwirrt und gelöst werden können. Woraus sich ergibt, daß politisch denkende Köpfe an der militärischen Spitze zwar einer Regierung gelegentlich Schwierigkeiten oder auch Sorgen bereiten können, daß aber völlig unpolitische Köpfe unter Umständen viel gefährlicher sind." (Gessler/Sendtner: "Reichswehrpolitik in der Weimarer Zeit", darin "Seeckts wahre politische Bedeutung", S.287-289 - 1958 + Michaelis: "Ursachen und Folgen - Die Weimarer Republik", S.487 - 1959)

General v. Seeckt mit Reichswehrminister Gessler im belgischen Kurort Spa - Juli 1920 (Fotografie im Privatbesitz / Keystone-View)
Seine Aufgabe in der noch jungen Weimarer Republik ist nicht unbedeutend, sie ist entscheidend. So schreibt die Vossische Zeitung wärend des Berliner Thormann-Grandel-Prozesses:
"Seit 1920, seit den unseligen Tagen des Kapp-Putsches, wird die Reichswehr stetig geleitet durch General v. Seeckt als den Chef der Heeresleitung. Er hat der Reichswehr überhaupt erst zu ihrer jetzigen Gestalt verholfen, er ist in Wahrheit ihr Schöpfer geworden. Im März 1920 (-zum Kapp-Lüttwitz-Putsch-) war die Reichswehr noch auseinandergefallen. Sie hatte in Ostpreußen, Breslau, Mecklenburg und sonst noch vielfach in der Provinz den festen Boden der Disziplin und des Gehorsams verlassen. Seeckt hat sie zurückgeführt. Er hat den Umbau in das 100.000-Mann-Heer vollendet, er hat aus der Reichswehr ein Heer gemacht, das überall im Reiche auf einen Mann einschwenkte, auf ihn. Nur der bayerische Wehrkreis nahm sich aus, und um ihn ging der nicht ganz erfolgreiche Kampf im letzten Oktobermonat (-1923-). Minister kamen und gingen, Kabinette und Richtungen wechselten. Das Reich stand vor dem Auseinanderbersten: nur ein fester Punkt war noch gegeben, die Reichswehr und der General v. Seeckt. Ihn, den 'Mann mit der eisernen Maske', suchte man zu erkennen, suchte man zu gewinnen von allen den Seiten, die auf geraden oder krummen Wegen von der Verfassung abirren wollten." (Digitalisiert auf dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.258, S.1 - "Claß contra Seeckt" v. 31.5.1924)
So gilt der General als militärischer Garant und Vertreter der Weimarer Verfassung auch den völkisch-nationalen Kreisen um Dr. Grandel seit dem Spätherbst 1923 als ausgewähltes Ziel - für geheime Attentatsvorbereitungen.
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Im Fokus der radikalen Republikgegner: General Hans v. Seeckt - 1925 (BAch: Bild 136-B0239 / Tellgmann, Oscar)
Der General ist in militärischer Hinsicht kein Unbekannter. Schon seine Vorfahren dienten den Kurfürsten von Brandenburg und Königen von Preußen als Offiziere; drei waren von ihnen Kommandierende Generale in Preußen.
März 1923
Dem General aus Preußen scheint es spätestens nach dem Einmarsch der Franzosen in das Ruhrgebiet von Notwendigkeit, sich mit dem aufstrebenden Führer der Nationalsozialisten aus Bayern persönlich auszutauschen. Zu diesem Treffen vom 11. März 1923 heißt es:
"Was über die Unterredung zwischen dem Führer und Seeckt zu sagen ist, das hat der Führer selbst im 'Kampf' gesagt. Der Führer schreibt dort, er habe vor allen Dingen freien Lauf gefordert zur Auseinandersetzung mit dem Marxismus (-gemeint ist hier u. a. der massentaugliche Antisemitismus?-), aber tauben Ohren gepredigt, auch bei dem Chef der Wehrmacht.(...) Seeckt hat über seine Unterredung (-mit Adolf Hitler-) einmal geäußert: 'Im Ziele waren wir uns einig, nur der Weg war verschieden.'" (v. Rabenau: "Seeckt - Aus seinem Leben 1918-1936", S.347 - 1940)
Die politische Situation ist im Herbst 1923 äußerst angespannt. So überträgt am 8. November 1923 Reichswehrminister Dr. Geßler schließlich dem Chef der deutschen Heeresleitung die vollziehende Gewalt und damit auch den politischen Oberbefehl über die deutsche Reichswehr.

General Hans v. Seeckt mit Reichswehrminister Dr. Otto Geßler - August 1926 (BArch: Bild 102-10883 / Pahl, Georg)
General Hans v. Seeckt obligt nun allein, die Sicherheit im Deutschen Reich zu gewährleisten. Dies wird rückblickend als entscheidende Maßnahme gewertet, dass Adolf Hitlers Umsturzvorhaben vom 9. November 1923 eine regionale Erscheinung blieb, denn: General v. Seeckt lehnt einen Staatsstreich konsequent ab, ob nun von links- oder rechtspolitischer Seite motiviert.

(BArch: Plak 002-005-012 / Pommersche Reichspost, Stettin)
Diese Grundhaltung vermittelt er bereits zum September 1923. Der Berliner Vorsitzende des einflussreichen Alldeutschen Verbandes, Justizrat Heinrich Class, wendet sich in dieser Phase an den General:
"Daß die O.C. (-Organisation Consul-) den General v. Seeckt nicht liebte, war anzunehmen, seitdem sich herumgesprochen hatte, daß Herr Claß von dem Chef der Heeresleitung herausgeworfen worden war, als er kurz vor dem Buchrucker-Putsch (-vom 1. Oktober 1923-) bei ihm gewesen war, um ihn für das Direktorium zu gewinnen." (Die Weltbühne: Bd.20, Teil 1, S.361 - "Das Attentat auf Seeckt" v. 1924)
Das Berliner Tageblatt notiert:
"Im Sommer 1923, das hat Hitler im Münchener Prozeß ausgeplaudert, wollte Claß noch die Nationalsozialisten (-Dr. Grandel?-) an seinem Direktorium beteiligen. Als der Bruch mit dem Kampfbund unvermeidbar geworden war, suchte Claß Fühlung mit General v. Seeckt. Das war am 24. September. Zwei Tage vor der Ernennung des bayerischen Generalstaatskommissars (-v. Kahr-). Zwei Tage vor der Verhängung des Ausnahmezustandes im Reich, dessen vollstreckende Gewalt der Reichswehrminister Geßler erhielt.(...) Am 23. September hatte in Berlin eine Sitzung der 'vaterländischen Verbände' stattgefunden, an der Claß (-und wohl auch Dr. Grandel-) teilnahm." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.111 - Berliner Tageblatt, Nr.255, S.1 - "General v. Seeckt und Claß" v. 30.5.1924)
Berlin, 25. September 1923
In seiner gerichtlichen Aussage im Rahmen des Thormann-Grandel-Prozesses betont der Hauptbelastungszeuge Horst v. Tettenborn:
"Der Zeuge will nun erklären, wieso er glauben mußte, daß vielleicht doch aus den Kreisen des Alldeutschen Verbandes heraus ernsthaft seine Attentatsabsicht gegen Seeckt gefördert werden konnte, und bezieht sich deswegen auf die Anstrebung des Direktoriums und die Besprechung zwischen Kahr und Claß. Er teilt mit, daß schon am 25. September 1923 Herr v. Aufseß, der Atlatus Kahrs, bei Claß war wegen des Direktoriumplanes." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.256, S.4 - "Der Attentats-Prozeß" v. 30.5.1924)
Auch wird vom Zeugen v. Tettenborn in diesem Zusammenhang erwähnt:
"Am 23. September (-1923-), nach einer Sitzung (-der vaterländischen Verbände-) bei irgendjemand, ging Claß (-am Montag, den 24.9.1923-) zu Seeckt, und es haben dann süddeutsche Bindungen stattgefunden. Herr (-Hans von-) Seißer (-mitverantwortlich an der Niederschlagung des Hitler-Putsches-) war bei Claß.(...) Claß ließ Kahr fallen und für uns ergab sich die Möglichkeit, daß Claß die Ermordung Seeckts beabsichtigt hatte." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Tageblatt, Nr.256 - "Belastungszeugen im Thormann-Grandelprozeß" v. 30.5.1924)
Möglicherweise gelangt Heinrich Class hier zum Ende des Septembers 1923 zu der mythologischen Erkenntnis:
"Wenn ich die Oberen nicht beugen kann, dann werde ich den Acheron (-myth. Fluss des Leides-) in Aufruhr bringen." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.111 - Berliner Tageblatt, Nr.255, S.1/2 - "General v. Seeckt und Claß" v. 30.5.1924)

Einflussreicher Verband für nationale Interessen: Siegelmarke des ADV - 1924 (Fotografie im Privatbesitz)
In seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv schreibt Gottfried Grandel zu dem Vorsitzenden Heinrich Class:
"In den Jahren 1922 und 1923 war ich sehr aktiv. Mit Hitler und Eckart blieb ich immer in Fühlung, aber auch mit den Führern der anderen 'vaterländischen' Verbände und Gruppen, sowohl in Bayern als in Norddeutschland. Ich nahm Beziehungen auf zu dem Führer der Alldeutschen, Justizrat Heinrich Class in Berlin, und zu seinem ansehnlichen Kreise, um deren Einstellung zur Hitlerbewegung zu erkunden und um die Herren zusammenzubringen. Hitler war gegen Class misstrauisch. Auf mein Betreiben kam es dann aber doch zu mehreren Zusammenkünften, in Nürnberg in der Wohnung von Hauptmann Heiss, in München (-am Pfingstsamstag, 19.5.1923?-) im Hotel Marienbad. Ich war bei diesen Besprechungen zugegen. Es wurden Aktionsprogramme beraten, welche gute Übereinstimmung ergaben.
Zugegen waren ausserdem (-Hermann-) Göring, Rudolf Hess, (-Ernst-) Röhm, (-Hermann-) Kriebel, (-Lorenz-) Mesch, Dr. (-Paul-) Bang, (-Ernst-) Pöhner, (-Wilhelm-) Frick.
Auch war ich einmal mit Röhm und Kriebel in Bad Kissingen bei Class und Dr. Bang. Doch musste ich feststellen, dass Class auf Hitler eifersüchtig war und dessen ‚Indiemachtkommen‘ keineswegs wünschte. Claß hatte die Personen seines Kreises vorgesehen. Er begründete die Ablehnung der Person Hitlers historisch; aus Bayern könne keine Reichsregierung kommen, die Bayern seien dafür nicht geeignet.
Class hatte sehr grosse Beziehungen und bekam viel Geld vom Hochadel und der Grossindustrie. Sein Verbindungsmann in München war Dr. Tafel.
Class war oft bei Herrn v. Soden, der in München das Büro des Kronprinzen Rupprecht führte." (BArch Berlin: NS26/514, S.590/Bl.5 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Weiter führt Dr. Grandel im Jahr 1924 rückblickend zu Heinrich Class aus:
"Vor geraumer Zeit habe ich Justizrat Claß kennen gelernt und bin mehrfach mit ihm zusammengekommen, da mich die alldeutsche Bewegung interessierte. Von Herrn Claß habe ich den Eindruck, daß er eine bedeutende Persönlichkeit ist." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924)

Verbandsvorsitzender der Alldeutschen: Heinrich Class - 1924 (BArch Berlin: N2368/7 - RA Heinrich Class)

Privatwohnung im Berliner Botschaftsviertel: Justizrat Heinrich Class, Rauchstraße 27 - 1924 (Fotografie im Privatbesitz / o.Ang.)
Als Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes arbeitet Heinrich Class seit 1919 an einer erweiterten Perspektive:
"Die zweite Hälfte des Jahres 1919 brachte mir eine Fülle bedeutsamer Arbeit, aber auch große Fortschritte im Aufbau unserer Bewegung.(...) Als Drittes beschäftigte mich sehr stark der Gedanke, in welcher Weise und mit welchen Menschen der Kreis gebildet werden sollte, dem die Aufgabe übertragen würde, den Kampf gegen den Umsturz aufzunehmen und die Reichsreform in unserem Sinne durchzuführen. Hierbei war es mir klar geworden, dass unser Unternehmen eine oberste Spitze haben müsse, die ihm bei den ernsten Leuten, die wir allein brauchen konnten, von vornherein Ansehen und Rückhalt verschaffe. Ich sagte mir, dass beides am besten erreicht werde, wenn ein Prinz des Hauses Hohenzollern an unsere Spitze trete - nicht um dem 'dekorativen' Bedürfnis zu genügen, sondern um zu lernen und sich auf die große Aufgabe vorzubereiten, die ihm gestellt würde, wenn das Schicksal es füge. Ich hatte mich schon im Frühjahr 1919 bereiterklärt, mit dem Prinzen Eitel Friedrich in Verbindung zu treten, und ihn zweimal in Potsdam besucht. Die damals geführten Unterredungen zeugten mir, dass jedenfalls dieser Prinz für die von mir erdachte Aufgabe nicht in Frage käme, so dass ich mich weiter erkundigte, wer sonst noch dafür vorhanden sei.(...) Als mich Müffling im August 1919 besuchte, sprach ich ihm von der Notwendigkeit, ein Mitglied des preussischen Königshauses als eingeweihten Mitarbeiter in unserem Kreise zu haben. Müffling stimmte dem zu und sagte, der Prinz, den wir brauchten, sei vorhanden. Er erzählte mir von seinen Beziehungen zum Prinzen Friedrich Wilhelm (-von Preußen-) und sprach die Überzeugung aus, dass er die Eigenschaften besitze, die der Vertreter des Hauses Hohenzollern habe müsse, dem die Führung bei der Reichsreform zufalle.(...) Nachdem in solcher Weise die seelische Bereitschaft des Prinzen, bei uns mitzuarbeiten, festgestellt war, legte ich ihm dar, wie ich mir seine Aufgabe denke. Wenn wir in die Lage kämenen, unsere Reformpolitik tatsächlich einzuleiten, müsse - so nähme ich an - zunächst die reine Militärdiktatur herrschen. Wenn die militärischen Führer sich dann durchgesetzt hätten und melden könnten, dass die revolutionären Kräfte aus der Macht vertrieben seien, so dass man das Reich in diesem Sinne als befriedet ansehen könne, solle die politische Diktatur eingerichtet werden. Politischer Diktator solle nun nach unseren Plänen ein Mitglied des Hauses Hohenzollern sein; er trete dann als Reichsverweser auf und nehme es auf sich, die schwerste politische Aufräum- und Aufbauarbeit auszuführen. Sei diese geleistet, so werde er zurücktreten und dem nunmehr berufenen Hohenzollern Platz machen." (Class/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.552/553, 555 - 2022)
Für die Alldeutschen "der kommende York": Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen (1880-1925) (Wikimedia Commons - Datei: Ehepaar Preußen-Ratibor (cropped).JPG / Bieber, E. - 1910)
Das politische Verhältnis des Justizrats Class zu General v. Seeckt ist im September 1923 konträr: Justizrat Class arbeitet seit Jahren auf eine Diktatur hin, während General v. Seeckt sich mit der Weimarer Republik arangiert.
Doch nicht nur der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes hadert mit der Verfassungstreue der Obersten Heeresleitung. Es gibt in dieser Zeit einige Besucher des Generals, die den Inhaber der vollziehenden Gewalt für ihre Vorstellungen beeinflussen wollen. In der Vossischen Zeitung (Nr.203 v. 29.4.24) heißt es:
"Der Chef der deutschen Heeresleitung, General von Seeckt, ist, wie man jetzt weiß, im vergangenen Herbst und Winter das Ziel von Attentatsplänen gewesen, die von rechtsradikaler und von linksradikaler Seite herrührten. Von dem Anschlag der kommunistischen 'Tscheka' (-gegründet: 19.11.1923-) hat man erst dieser Tage erfahren.(...) Die von der deutschen 'Tscheka' gefaßten Mordpläne galten nach den weiteren Feststellungen der politischen Polizei Württembergs auch dem Innenminister Bolz, dem inzwischen verstorbenen Hugo Stinnes und dem Berliner Großindustriellen Borsig, sowie einigen kommunistischen Spitzeln (-Johann Rausch, 7.1.1924-). Infolge der Verhaftung des Kommunisten (-Felix-) Neumann und seiner Komplizen (-Woldemar Rose-) konnten diese Pläne glücklicherweise nicht ausgeführt werden."
In der Vossischen Zeitung vom 24. April 1925 wird in einem Prozess-Kommentar zu diesem Thema hervorgehoben:
"Auch diejenigen, die sich gegen das Beweismaterial der Reichsanwaltschaft bis an die Zähne mit Skepsis gewappnet hatten, mußten aus den Ergebnissen der Beweisaufnahme die Ueberzeugung gewinnen, daß die Kommunistische Partei Deutschlands im Spätjahr 1923 willens gewesen ist, Deutschland gewaltsam mit den Segnungen einer bolschewistischen Herrschaft zu beglücken.(...) Es bleibt schon dabei: Die KPD hat im Herbst 1923 nicht etwa aus Besorgnis um die deutsche Republik gegen den organisierten Rechtsradikalismus das Prävenite spielen wollen, sondern ganz einfach deshalb, weil sie damals unsere ganze Staatsordnung über den Haufen zu rennen hoffte."
Presseangriff auf v. Seeckt aus: "Berlin, Kabul Moskau", S.173:
"Im Gegenzug verhängte die Reichsregierung ihrerseits den Ausnahmezustand über das ganze Reich und übertrug die vollziehende Gewalt der Reichswehr unter Seeckt. Deutschland war damit de facto eine Militärdiktatur und Hitlers Kampfblatt 'Völkischer Beobachter' schimpfte am 29. September 1923 über die 'Diktatoren Stresemann - Seeckt' in unflätiger Weise."
Vom Vorsitzenden Richter über das Verhältnis zu General v. Seeckt befragt, erklärt sich der Chef des Alldeutschen Verbandes vor dem Berliner Landgericht:
"Vors.: Haben Sie über General v. Seeckt mit ihm (-Dr. Grandel-) gesprochen?
Zeuge: Jawohl, das sind Dinge, die Gegenstand streng vertraulicher Besprechungen waren und über die nichts ausgesagt werden konnte. Aber nachdem Grandel dem Untersuchungsrichter ausgesagt hat, überwinde auch ich meine Hemmungen. Mit Grandel und meinen Gesinnungsgenossen habe ich je nach der Lage über Seeckt gesprochen. Wenn Seeckts Haltung bedenklich wurde, haben wir das geäußert. Wie die Dinge zur Zeit der beginnenden Ruhraktion waren, kann ich nicht zur Sprache bringen. Es spielt dann auch das sogenannte Rekonter zwischen mir und Seeckt hinein, aber die Einzelheiten kann ich nur in geheimer Sitzung aussprechen. Ich besitze ein gutes Gedächtnis und trete für jedes Wort ein, aber im Interesse der Oeffentlichkeit kann ich nicht öffentlich sprechen.(...) Es handelt sich um subtile Dinge, die die innere Staatssicherheit berühren. Ich erkläre öffentlich, daß ich nie Excellenz v. Seeckt von einem Umsturz des Staates gesprochen habe." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1901, S.2 - "Der Mordplan gegen Marschall Seeckt" v. 31.5.1924)
Oktober 1923
Heinrich Class berichtet in seinen politischen Erinnerungen:
"Der Zustand war also, dass der Mann, den seine Anhänger als den rücksichtslosesten Gegner der (-revolutionären-) Novemberleute (-von 1918-) bezeichneten, durch den bayrischen Staat in die Lage versetzt war, völlig selbstständig zu handeln, wenn er den Entschluss dazu fand. Im Zusammenhang mit den Möglichkeiten, die sich daraus ergaben, fuhr ich Mitte Oktober (-1923-) mit meinem Freund (-Oberfinanzrat Dr. Paul-) Bang für einige Tage nach München, um mich genau zu unterrichten. Ich suchte zunächst die Fühlung mit Dr. Pöhner, der seit Anfang 1920 unser wichtigster Verbündeter in Bayern war und auch alle Fäden der Bewegung gegen die Novemberleute in Händen hatte, nachdem er von dem Amte eines Polizeipräsidenten der Hauptstadt München abberufen und (-im Oktober 1921-) zum Rate am bayrischen Obersten Landesgericht ernannt worden war. Es ist hier der Ort, dieses eigenartigen, vortrefflichen Mannes zu gedenken. Ich hatte ihn ursprünglich durch Vermittlung von Herren des (-Ende März 1920 gegründeten-) Bayrischen Ordnungsblocks (-Vorsitzender u. a. Paul Tafel-) kennengelernt, und bei unseren häufigen Begegnungen hatte sich in mir der Eindruck befestigt, den ich schon bei meinem ersten Besuche im Polizeipräsidium gehabt hatte, nämlich, dass wir in allem wesentlichen einer Meinung waren." (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.700 - 2022)
Weiter schreibt er an anderer Stelle:
"Den stärksten Beweis aber dafür, dass ich mich nicht getäuscht hatte, erlebte ich später gegen Mitte des Oktobers 1923 in München, als ich in Begleitung des Oberlandesgerichtsrats und früheren Polizeipräsidenten Dr. Pöhner, sowie meines Freundes Dr. (-Paul-) Bang, der die Reise von Berlin mit mir zusammen unternommen hatte, den General von Lossow aufsuchte." (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.670 - 2022)
Einen interessanten Einblick in die Gedankenwelt von Heinrich Class gewährt ein Brief, den er nur eine Woche vor dem misslungenen Attentatsversuch auf General v. Seeckt an den Stuttgarter Gesinnungsfreund und Gründungsmitglied des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, Professor Calmbach, verfasst:
"Lieber Freund!
(...) Was unserer große Arbeit (-zur Errichtung der nationalen Diktatur-) betrifft, neben der alles andere zurückzutreten hat, so wissen die mit tadelndem Urteil Bereiten nicht, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben. Es ist leider nicht möglich, diese Dinge auch nur halb öffentlich zu erörtern, das aber kann ich Ihnen sagen, daß ich, seitdem ich am 10. Mai (-1923-) von Kissingen zurückgeholt wurde, bis Ende des Jahres nicht weniger als 10 Fälle schlimmsten Versagens über mich ergehen lassen mußte (-u. a. den gescheiterten Küstriner Putsch v. 1. Oktober 1923-). Man lernt den Wert von Koalitionskrieg und Koalitionspolitik in dieser Form gründlich kennen und wird in der Meinung bestärkt: Der Starke ist am mächtigsten allein. Die Tragik ist, daß Willensstärke noch nicht physische Stärke ist, daß das Wunder vollbracht werden will, den zwischen beiden liegenden (-durch den Hitlerputsch verursachten-) toten Punkt zu überwinden. Sagen Sie unseren Tadlern nur, daß es jetzt wiklich so weit ist, daß die Sache an die Triarier gekommen ist - daß diese Triarier wir (-gemeint ist damit auch Dr. Grandel-) sind. (-Triarier: Kampferfahrene Elite der römischen Legion, die in der dritten und letzten Reihe der römischen Schlachtordnung zum Einsatz kam, wenn die ersten zwei Reihen im Kampf versagten-) Seeckt ist jetzt keine Sphynx mehr, sein Rätsel ist gelöst. Er ist nichts anderes als der Schildhalter für und über Ebert und in diesem Sinne die verhängnisvolle Persönlichkeit, die die Beseitigung des heutigen (-demokratischen-) Zustandes verhindert. Sie werden durchdenken können, was damit im Zusammenhang steht (-Attentatsplan?-). Seeckt hat sich durch sein unbedingtes Bekenntnis zur Legalität das Urteil gesprochen - seine Diktatur ist ein Zerrbild, wie dasjenige des (-baerischen Generalstaatskommissars-) Herrn von Kahr(...)
Was Kahrs Handlungsweise betrifft, so teile ich Ihre Meinung, übersehe aber nicht, daß er durch sein Verhalten vorher und nachher den Diktaturgedanken bloßgestellt hat; m.(-eines-) E.(-rachtens-) ist er für Großes unbrauchbar, muß aber trotzdem gehalten werden, bis der Umschwung (-ausgelöst durch das geplante Attentat?-) in Berlin eingetreten ist, damit die echte Diktatur im Reich nicht auf einen ultramontanen Machthaber in Bayern trifft.
(-Max-) Maurenbrechers Neujahrsaufsatz (-in der Deutschen Zeitung-) ist ohne Benehmen mit mir entstanden und widerspricht natürlich meiner Auffassung; es ist mir aber nicht unlieb, daß er so geschrieben hat, weil damit ein über die sachliche Entwicklung günstiges Halbdunkel über die letzten Absichten verbreitet wird. Für uns handelt es sich jetzt nur darum, den durch München (-Hitler-Putsch-) entstandenen toten Punkt (-mit dem geplanten Attentat auf v. Seeckt-) zu überwinden, dann wird das weitere gewissermaßen selbsttätig verlaufen, soweit die innere Politik in Frage kommt - die großen außerpolitischen Dinge freilich bleiben Sphynxfragen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.27/28 - Prozessakte Thormann-Grandel, Justitzrat Heinrich Class an Professor Viktor? Calmbach, Dennerstr.56/Stuttgart-Cannstatt - 7.1.1924)
Über die mit Gottfried Grandel im Jahr 1923 eng verbundenen Vertreter des Alldeutschen Verbandes heißt es:
"Paul Bang erklärte, er habe gegenüber (-General a. D. Erich-) Ludendorff, den er 1919 im Zuge seiner engen Verbindungen zu Wolfgang Kapp und Waldemar Pabst kennengelernt hatte, bereits seiner Zeit erklärt, dass er 'selbst zur Freimaurerei ohne jede Beziehung' sei. Ludendorff halte sich jedoch von ihm und Claß bewusst fern, weil Ludendorff überzeugt sei, dass Claß Freimaurer sei." (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.625 FN 206 - 2022)
In einem Zeitungsbericht äußert sich General v. Seeckt vier Jahre nach dem Berliner Thormann-Grandel-Prozess:
"Ist es denn heute so unerklärlich, daß in dieser Zeit manche Begriffe auch in den Köpfen der Besten sich verschoben, nicht nur die Begriffe von Mein und Dein, sondern auch vom Wert des Menschenlebens, daß in diesen Zeiten des zermürbenden Kampfes im eigenen Land die Hand leicht zu dem immer bereiten Revolver zuckte, wenn man sich den Verrätern gegenüber sah oder zu sehen glaubte?" (Deutsche Tageszeitung v. 16.5.1928 + Gumbel: "Vom Fememord zur Reichskanzlei", S.58 - 1962)
Zu den politischen Zielplänen des Generals heißt es:
"Auch (-der deutsche Botschafter in Washington-) Otto Wiedfeldt nahm gegenüber den Plänen von Seeckts eine eher ablehnende Haltung ein. Dessen Absichten waren endgültig gescheitert. Dies wurde manifest im Gespräch zwischen Reichspräsident Ebert, Reichskanzler Stresemann, Reichswehrminister Geßler und Hans von Seeckt am 5. November (-1923-). Ebert stellte sich hinter die demokratische Regierung und lehnte alle Diktaturpläne und eine Kanzlerschaft Seeckts ab; auch dieser bekannte sich jetzt eindeutig gegen alle Umsturzpläne. Dies zeigt auch sein Brief an den bayerischen Generalstaatskommissar Ritter von Kahr vom gleichen Tage. Als Seeckt am 9. November 1923 die vollziehende Gewalt im Reich für knapp vier Monate übernahm, hielt er sich an diesen Grundgedanken und errichtete - wohl auch unter außenpolitischen Gesichtspunkten - nicht die von ihm im Herbst 1923 geplante Diktatur." (Tuchel: "Am Grossen Wannsee 56-58", S.31 - 1992)
Auch Erich Muehsam vermerkt während seiner Haft in seinem Tagebuch zu dem Thormann-Grandel-Prozess:
"Natürlich ist öffentlich nicht gesagt worden, welche Information Seisser nach München mitbrachte, aber da lese ich jetzt in der 'Weltbühne' einen Artikel von Waldemar Keller (in Nr. 11) 'Thormann, Grandel & Cie'. Es handelt sich da um das gegen Seeckt geplante Attentat, das noch immer im Stadium der Voruntersuchung zu sein scheint. Der in der Sache verhaftete Dr. Grandel aus Augsburg war nun der Verbindungsmann zwischen Kahr und dem Alldeutschen-Häuptling Claß, der ja ebenfalls in dem Mordplan gegen Seeckt kompromittiert ist. Man könnte nun schließen, daß die Antwort, die Oberst Seisser dem Generalstaatskommissar Kahr nach München brachte, lautete: Seeckt ist gegen die 'Patentlösung' und wird die Reichswehr gegen jeden Versuch einsetzen, den Plan - etwa durch den Marsch nach Berlin, zu dem eben die Reichswehr gewonnen werden sollte, auf die Beine zu bringen. Das Interessante ist ja, daß der Plan diesmal aus Kreisen kam, die mit der O-C des Kapitäns Ehrhardt nichts zu tun hatten, sich aber an diese Kreise wandten und nun von Völkischen, die sich scheinbar auf die Sache einließen, denunziert wurden. Es ist zu hoffen, daß die Herren Hitler und die Anwälte den Artikel zu lesen bekommen. Es fehlte ja bloß noch, daß Kahrs Beteiligung an dem Mordplan gegen Seeckt aufgedeckt würde, - um das Bild ganz rund zu machen. Es bleibt aber auch ohnehin noch ein schönes Bild, und daß die Nationalsozialisten im Augenblick in heller Glorie dastehn, ist nicht allzu tragisch. Sie werden schon noch drankommen." (muehsam-tagebuch.de: Heft 40 - Tagebucheintragung während der Festungshaft in Niederschönenfeld v. 15.3.1924)
Die historisch bedeutsame Person General Hans v. Seeckt wird auch in dem Filmbeitrag Babylon Berlin mit aufgegriffen, dort unter dem Namen Generalmajor Seegers:
Doch es gibt nicht nur von Kommunisten und den völkischen Gruppen reichlich Kritik am General, auch die Pazifisten sehen seinen Einsatz mit Unbehagen. In dem Tätigkeitsbericht der Deutschen Friedensgesellschaft vom Januar 1924 wird vermerkt:
"In diesem Monat war unsere Tätigkeit hauptsächlich gegen das gefährliche Anwachsen der Militärs und seiner Herrschaft (Ausnahmezustand) gerichtet. Sie begann am 3.1.(-1924-) mit einer Eingabe an den Reichskanzler (...)." (Digitalisiert auf jstor.org: Die Friedens-Warte, Kupsch, K. - "Tätigkeitsbericht der Deutschen Friedensgesellschaft", S.87 v. 1.3.1924)
Weiter wird die Reichskanzlei zitiert:
"Am 3.1.24 hatte Prof. Ludwig Quidde im Auftrag des 'Deutschen Friedenskartells' eine Eingabe an den R(-eichs-)K(-anzler-) gerichtet, in der die R(-eichs-)Reg(-ierung-) ersucht wird, eine Reihe von Fragen öffentlich zu beantworten, die auf illegale Mannschaftsergänzungen und Geheimausbildungen der Reichswehr im Jahre 1923 beziehen. In der Antwort des StSRkei vom 9.1.heißt es: Die R(-eichs-)Reg.(-ierung-) halte eine Erörterung der von Quidde aufgeworfenen Fragen in der Öffentlichkeit 'nicht für erträglich. Sie würde sich daher gezwungen sehen, gegen die Urheber einer solchen Dikussion, die nach den bisherigen Erfahrungen lediglich unbegründetes Mißtrauen in weiten Kreisen des Auslandes wachrufen würde, mit allen erforderlichen gesetzlichen Mitteln einzuschreiten. v. Seeckt hatte am 9.1.(-1924-) Quidde geantwortet: 'Die Gedankengänge des internationalen Pazifismus sind für ein international derart mißhandeltes Volk wie das deutsche schon an sich schwer begreiflich. Wenn es aber Deutsche gibt, die sich nach den Erfahrungen des Ruhreinfalles und in einer Zeit, in der Frankreich den Vertrag von Versaille täglich mit Füßen tritt, für die Durchführung des Vertrages im Interesse der Franzosen einsetzen, so kann ich das nur als den Gipfel nationaler Würdelosigkeit bezeichnen. Im Übrigen möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich bei einer Erörterung der in Ihrem Schreiben berührten Fragen in der Öffentlichkeit sofort mit den Mitteln des Ausnahmezustandes gegen Sie einschreiten werde, ganz unabhängig von einem etwaigen Verfahren wegen Landesverrats.' - Am 10.3. erschien in der 'Welt am Montag' ein Artikel Quiddes unter dem Titel 'Die Gefahr der Stunde', in dem R(-eichs-)Reg.(-ierung-) und R(-eichs-)T(-ag-) aufgefordert werden, sich endlich mit den Behauptungen über geheime dt.(-deutsche-) Aufrüstungen zu befassen. Wegen der Verbreitung dieses Artikels wird Quidde am 16.3. in München auf Antrag der Staatsanwaltschaft beim Volksgericht verhaftet, nach einigen Tagen mangels Fluchtverdacht wieder auf freien Fuß gesetzt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R43-I/511, Bl.4 ff. + Akten der Reichskanzlei: Ministerbesprechung v. 11.3.1924)
Verantwortlich für den Aufbau der Reichswehr spielt der General auch im Zusammenhang mit der geheimen Fliegerschule in Russland eine zentrale Rolle. Hierzu heißt es bei Wikipedia:
"Nach der militärischen Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg war Deutschland gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrages der Besitz und der Aufbau von Luftstreitkräften verboten. Deutschland durfte laut Vertrag nur fünf Piloten je Jahr ausbilden. Dennoch war die Reichswehrführung (-unter General v. Seeckt-) nicht bereit, auf längere Dauer auf dieses militärische Instrument zu verzichten. Bestehende Bedenken bezüglich des vorsätzlichen Verstoßes gegen diese Rüstungsauflagen, die in Deutschland Gesetzescharakter hatten, wurden spätestens im Januar 1923 mit der belgisch-französischen Ruhrbesetzung fallengelassen. Die Heeresleitung bestellte daraufhin bei der niederländischen Firma Fokker 100 Flugzeuge, zur Hälfte die neu entwickelte Fokker D.XIII. Als die Auslieferung der Flugzeuge anstand, trat das Problem auf, sie in Deutschland unterzubringen. In dieser Situation bot sich die Sowjetunion als Partner an, die mit Deutschland bereits seit dem Vertrag von Rapallo vom 16. April 1922 u. a. eine militärische Zusammenarbeit vertraglich vereinbart hatte. Im Juni 1924 wurde deutscherseits in Moskau durch Oberst a. D. Hermann Thomsen eine Außenstelle des Truppenamtes unter der Bezeichnung Zentrale Moskau an der Deutschen Gesandtschaft eingerichtet. Gleichzeitig wirkten sieben deutsche Berater und Ingenieure (Gruppe Fiebig) bei der Roten Luftwaffe mit. Am 15. April 1925 wurde schließlich die Einrichtung einer Fliegerschule und Erprobungsstätte in Lipezk durch den Chef der Roten Luftflotte Pjotr Ionowitsch Baranow (1892-1933) und Thomsen als 'Privatperson' vertraglich geregelt. Ähnlich wie Deutschland hatte die Sowjetunion in der Zwischenkriegszeit eine Außenseiterrolle in der internationalen Staatengemeinschaft.(...) Die Schlüsselrollen bei der Organisation der deutsch-sowjetischen militärischen Zusammenarbeit hatten Hans von Seeckt und Michail Tuchatschewski."

Russlands Organisator der militärischen Geheimkooperation: Michail Tuchatschewski (Wikimedia Commens, Datei: 19210600-tukhachevsky tambov plane wuazen.jpg / o.Ang. - Sommer 1921)

Sowjetunion, Lipezk: Geheime Fliegerschule und Erprobungsstätte der deutschen Reichswehr - Jagdflugzeuge Fokker D. XIII auf Flugfeld stehend - 1926 (BArch: RH 2 Bild-02292-207 / o.Ang.)

Sowjetunion, Lipezk: Geheime Fliegerschule und Erprobungsstätte der deutschen Reichswehr - Neun Jagdflugzeuge Fokker D. XIII im Flug - 1926 (BArch: RH 2 Bild-02292-141 / o.Ang.)
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"Angesichts dieser neuen Enthüllungen ist es notwendig, sich daran zu erinnern, daß Claß nicht zum ersten Male als Inspirator staatsfeindlicher Wühlereien bloßgestellt wird. Die verhängnisvolle Rolle, die er in den kritischen Monaten des Jnflationsjahres 1923 gespielt hat, ist in zwei großen politischen Prozessen beleuchtet worden. In dem Prozeß wegen des nationalsozialistischen Münchener Putsches im November 1923 hat sich aus den Aussagen der verschiedensten Zeugen ergeben, daß Claß im Sommer und Herbst 1923 an jenen Treibereien maßgebend beteiligt war, die auf die Herbeiführung einer völkischen Diktatur hinzielten. Herr v. Kahr selbst hat als Zeuge in diesem Prozeß unter Eid ausgesagt, daß er im Sommer 1923 mit Justizrat Claß und seinen Vertrauensleuten über die Einsetzung eines diktatorischen Direktoriums verhandelt habe. Professor Bauer, der Vorsitzende der 'Vereinigten vaterländischen Verbände Bayerns', hat in demselben Prozeß als Zeuge erklärt, daß der Alldeutsche Verband in Berlin eine neue, nichtparlamentarische Verfassung für das Reich ausgearbeitet habe, die im Falle des Gelingens des Umsturzplanes in Kraft treten sollte. General Ludendorff endlich hat als Angeschuldigter damals bei der Erörterung der Tätigkeit Ehrhardts in Bayern geäußert, daß Ehrhardt der militärische Organisator des Herrn Justizrats Claß und des Alldeutschen Verbandes sei. Ganz deutlich ergab sich aus den Verhandlungen vor dem Münchener Volksgericht, daß Claß der Inspirator des von Herrn v. Kahr gemeinsam mit Ehrhardt und den bayerischen vaterländischen Verbänden beabsichtigten Putsches war, der damals unter der Parole 'Marsch auf Berlin' ging. Dabei war Bayern nur ein Sektor des Anfmarschgebietes gegen die Reichshauptstadt. Die bayerischen Pläne, die durch den Abfall der bayerischen Reichswehrformationen unter General v. Lossow wohlvorbereitet schienen, scheiterten durch das überraschende Vorgehen der Nationalsozialisten unter Hitler und Ludendorff, die vor dem Befehl losschlugen, weil sie die Führung in die Hände bekommen wollten. Der Hitler-Putsch mußte von Herrn v. Kahr selbst niedergeschlagen werden; jede Möglichkeit, den Marsch auf Berlin zur Tat werden zu lassen, ging dadurch verloren. Daß aber Herr Justizrat Claß auch nach dem bayerischen Débacle seine hochverräterischen Pläne nicht aufgegeben hat, ergab sich aus dem Verlauf eines zweiten politischen Prozesses, der genau vor zwei Jahren in Moabit verhandelt wurde. Es war dies der Prozeß gegen Thormann und Grandel wegen des Attentatsplanes gegen General v. Seeckt. Der Wikingbündler Thormann und der Augsburger Fabrikant Dr. Grandel, ein Vertrauensmann des Justizrats Claß, hatten damals in Berlin zwei völkische junge Leute gedungen, die den General v. Seeckt beim Morgenritt im Tattersall in der Bendlerstraße abschießen sollten. Das Attentat wurde vereitelt und die Betelligten wurden verhaftet. Dr. Grandel gab bei seiner ersten Vernehmung an, daß er durch Justizrat Claß persönlich dazu veranlaßt worden sei, den Anschlag auf v. Seeckt zu organisieren. Grandel hat dieses Geständnis später widerrufen. In der Verhandlung, in der Justizrat Claß lediglich als Zeuge vernommen wurde, kamen aber einige für ihn sehr belastende Briefe zur Verlesung. In diesen Briefen, die an seine Vertrauensleute im Lande gerichtet waren, hatte Claß zum Ausdruck gebracht, daß er den General Seeckt als einen Schädling der nationalen Bewegung betrachte, der beseitigt werden müsse. Das Gericht, das die beiden Verschworenen Thormann und Grandel aus formal-juristischen Gründen freisprechen mußte, hat in der Begründung des Urteils zum Ausdruck gebracht, daß für das Vorgehen der Angeklagten die Ansicht des Justizrats Claß, daß General Seeckt ein Schädling sei, mitbestimmend gewesen sein könne. In dem Verfahren kam auch die politische Tätigkeit des Führers der Alldeutschen in den kritischen Wochen des Monats September 1923 zur Sprache. Durch die Aussage des als Zeuge erschienenen Generals v. Seeckt wurde festgestellt, daß Claß, gestützt auf die vaterländischen Verbände, einen Putsch unternehmen wollte, und daß er Ende September den General bei einer persönlichen Besprechung zur Teilnahme an diesem Unternehmen überreden wollte. General v. Seeckt tat bei seiner Vernehmung die charakteristische Aeußerung: 'Sie suchten einen General, der dumm genug war, um auf sie hereinzufallen.' Die Leute, die damals zum Putsch trieben, waren aber auch dieselben, die Ende Oktober 1923 hinter dem Führer der Schwarzen Reichswehr, Major Buchrucker, standen, als dieser den Küstriner Putsch inszenierte. Auch heute wird Buchrucker zusammen mit Ehrhardt wieder als treibende Kraft der neuen Umsturzpläne genannt. Buchrucker wurde aus dem Gefängnis beurlaubt, Ehrhardt amnestiert, Claß stets mit größter Schonung behandelt. Mit dieser unangebrachten und gefährlichen Milde muß jetzt Schluß gemacht werden." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr.225, S.3 - "Die putschistischen Umsturzpläne" v. 14.5.1926)
Anklageschrift: Dr. Grandels Verteidiger und Prozess-Aussage
(408-1924) Das Hauptverfahren wird schließlich am 2. Mai 1924 eröffnet, die Verhandlungen vor dem Schwurgericht des Landgerichts I in Berlin am 26. Mai 1924 begonnen.
Zuständig ist die Strafkammer III unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Paul Tolk, der im großen Schwurgerichtssaal 253 den Prozess leitet.
Für die Interessenvertretung der Angeklagten ist zwischenzeitlich gesorgt, doch gelten hier strenge Auflagen:
"Die nötigen Ermittlungen werden mit größter Vorsicht geführt, da offenbar zu befürchten ist, daß die Untersuchungsgefangenen versuchen werden, von außen her Nachrichten zu erhalten, die Einwirkungen auf ihre Aussagen haben könnten. Aus diesem Grunde ist angeordnet worden, daß ein Verkehr zwischen den Verhafteten und ihren Rechtsanwälten nur in Gegenwart einer richterlichen Person stattfinden darf." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.43, S.2 - "Der Fall Claß" v. 26.1.1924)
Mit dem bekannten Verteidiger Dr. Alfons Sack, der einen Tag nach Eröffnung des Hauptverfahrens als weiterer Verteidiger die Vertretung Dr. Grandels anzeigt, weiß der zeitgleich im bayerischen Landsberg inhaftierte Adolf Hitler einen der fähigsten Strafverteidiger an der Seite seines frühen Förderers und Finanzrates Gottfried Grandel.
Der aus vielen Strafprozessen bekannte und in nationalistischen Kreisen geschätzte Jurist strotzt geradezu vor Selbstvertrauen. Aus einer Prozessbeobachtung wird über ihn berichtet:
"Rechtsanwalt Dr. Alfons Sack, das Monokel ins rechte Auge geklemmt, strahlte demonstrativ Gelassenheit aus. Der Schlamassel mußte erst noch erfunden werden, aus dem er diesen Klienten nicht herauspauken würde. Alfons Sack hatte ja schließlich einen Ruf zu verlieren." ("Internationale wissenschaftliche Korrespondenz", S.53 - 1996)

Seit dem 3. Mai 1924 Dr. Grandels Strafverteidiger: Dr. Alfons Sack (BArch: Bild 183-R90778 / Groß, A.)
Über den Strafverteidiger wird weiterhin berichtet:
"Die wuchtige Gestalt im schwarzen Talar des Berliner Rechtsanwalts, die sich wie ein Bollwerk (...) auftürmt, hat ihren Einsatz (...) bis zum äußersten Moment aufgespart, und in seiner selbsbewußten, suggestiven Art hat Dr. Sack ein besonderes Talent, als Imperator des Gerichtssaales aufzutreten und jedem seiner Sätze den Nachdruck eines Ultimatums zu geben. Wehe den Angeklagten, wenn er ihnen als Staatsanwalt gegenüberstände!" (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Neue Züricher Zeitung, Nr.2307 v. 17.12.1933 + Tobias: "Der Reichstagsbrand: Legende und Wirklichkeit", S.506 - 1962 + "Internationale wissenschaftliche Korrespondenz", S.53 - 1996)
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Prozess-Beginn: Strafverteidiger Dr. Alfons Sack mit seinem Angeklagten Dr. Grandel - 26. Mai 1924 (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.79 - 8 Uhr Abendblatt, Nr.123, S.5 - "Das Mordkomplott gegen General v. Seeckt" v. 26.5.1924 / Gerichtszeichner: Mannas)
Laut einer Buchveröffentlichung tritt Dr. Alfons Sack später tatsächlich während des Krieges "als Vertreter der Anklage auf". (König: "Vom Dienst am Recht", S.77 - 1987)
Der selbsternannte "Nationale-Verteidiger" ist schon in den frühen 20er-Jahren reichsweit bekannt durch sein Engagement in politischen Feme-Mordprozessen. Sein Schwerpunkt entwickelt sich in der Verteidigung von Gewalttaten angeklagter NSDAP-Mitglieder; auch Joseph Göbbels und Martin Bormann gehören zu seinen Mandanten.
Nach dem Prozess gegen die Mörder von Potempa avanciert Dr. Sack schließlich zum Staranwalt der nationalsozialistischen Bewegung und übernimmt auch im späteren Reichstagsbrand-Prozess von 1933 medienwirksam die Verteidigung des kommunistischen Reichstagsabgeordnetenen Ernst Torgler. Sein Ansinnen: Das neue NS-Regime nach der Machtübernahme international als besonders rechtsstaatlich wirken zu lassen.
Zu seiner Charakteristik wird Dr. Alfons Sack wie folgt beschrieben:
"Alfons Sack, ebenfalls übergroß, typischer Korpsstudent, mit Schmiß, Monokel und schnarrendem Gardeton, großer Lebemann (...)." (Kiaulehn: "Berlin: Schicksal einer Weltstadt", S.510 - 1997)

Interessiert an öffentlicher Wahrnehmung: Dr. Alfons Sack (Dr. Sack: "Der Reichstagsbrand-Prozess", S.49 - 1934 / o.Ang.)
Über den umtriebigen Strafverteidiger heißt es weiter:
"Sacks Verhältnis zum Nationalsozialismus war im Grunde unpolitisch. An politischen Fragen fehlte ihm jedes Interesse, seine Mitarbeiter hielten ihn hier für völlig 'instinktlos'. Sack war vor allem an öffentlicher Reputation, am Ruhm interessiert. Meisterhaft beherrschte er die Kunst, sich öffentlich zu inszenieren, sei es im Gerichtssaal oder außerhalb." (König: "Vom Dienst am Recht", S.77 - 1987)
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Strafverteidigung aus Leidenschaft: Dr. Alfons Sack (Dr. Sack: "Der Reichstagsbrand-Prozess", S.96 - 1934 / o.Ang.)
Zu seinem juristischen Engagement für Dr. Grandel wird Rechtsanwalt Dr. Sack zitiert:
"Justizrat (-Willy-) Hahn (-ab 24.1.1924 der zweite Berliner Verteidiger Dr. Grandels-) sagte mir, ich sollte in der Sache Grandel mitverteidigen. Da ich (-den Hauptbelastungszeugen Horst v.-) Tettenborn in einer anderen Sache verteidigte (es handelt sich um den Parchimer Mordprozeß, in dem Tettenborn auch verwickelt war), bat ich Herrn von Tettenborn zu mir (-in meine Wohnung-), um nicht in Gewissenskonflikte zu kommen. Ich fragte ihn, ob er in die Sache verwickelt sei. Als er das verneinte, sagte ich, daß die Sache ein nationales Unglück sei. (-Wenn noch neue Verhaftungen hinzukommen, müßte ich die Verteidigung von Dr. Grandel niederlegen.-) In einer Unterredung mit Herrn Henning (dem deutschvölkischen Abgeordneten) habe ich gesagt, daß ich als 'nationaler Verteidiger' mich nicht parteipolitisch abstempeln lasse." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.301/302 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.11/12 - 1924)
Die Verlautbarungen des selbsternannten nationalen Verteidigers werden mit Interesse verfolgt. So heißt es weiter:
"Diese Aeußerung eines Rechtsanwalts vor dem Gericht bedeutet ein Novum. Es gibt nähmlich jetzt nicht mehr allein 'nationale Politiker', es gibt jetzt auch 'nationale Verteidiger'. Auf jeden Fall darf angenommen werden, daß sich die Vertreter der deutschen Rechtsanwaltschaft gegen diese neue Art der Titulatur mit aller Entschiedenheit wenden werden." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.302 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.12 - 1924)
Rechtsanwalt Dr. Sack gerät durch den Wunsch zur Mandatsübernahme im Thormann-Grandel-Prozess in eine Interessensüberschneidung. So schildert der Hauptbelastungszeuge Horst v. Tettenborn vor dem Landgericht:
"Nach der Verhaftung der beiden Angeklagten habe man ihm dreimal Vorschläge gemacht, um die Sache beizulegen. Das erstemal durch Rechtsanwalt Dr. Sack, der Tettenborns Verteidiger im Parchimer Mordprozess war. Rechtsanwalt Sack, der gegenwärtig den Angeklagten Dr. Grandel verteidigt, habe ihm gesagt, die Sache sei ein Unglück für die nationale Bewegung, und wenn andere Leute hineingezogen würden, könne er in Gewissenskonflikte kommen, er möchte andere Leute aus dem Spiel lassen." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.256, S.4 - "Der Attentats-Prozeß" v. 30.5.1924)
Weiter heißt es hierzu im Berliner Tageblatt:
"Wenn noch neue Verhaftungen (-z.B. Justizrat Class-) hinzukommen, müßte ich die Verteidigung niederlegen." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Tageblatt, Nr.256 - "Belastungszeugen im Thormann-Grandelprozeß" v. 30.5.1924)
Rechtsanwalt Dr. Willy Hahn
Der Augsburger Fabrikant Gottfried Grandel wird während der Berliner Untersuchungshaft ab dem 22. Januar 1924 von dem Berliner Justizrat Dr. Willy Hahn, Lützowplatz 2, vertreten. Vermittelt wird dieser Kontakt höchstwahrscheinlich von Heinrich Class:
"Willy Hahn war auch Verteidiger von (-Heinrich-) Claß, der (-von Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann am 22. Januar 1924 erstmalig-) als Zeuge vernommen wurde." (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.731 FN 241 - 2022)

Freimaurer und Mitglied der Bekennenden Kirche: Rechtsanwalt Dr. Willi Hahn - 1933 (Digitalisiert auf friedenszentrum-martin-niemoeller-haus.de: "Niemöller wird verhaftet", Tafel 20)
"Einige Mitglieder des ADV, wie Willy Hahn, Alfred Jacobsen, Karl Grunert oder Otto Fürst zu Salm-Horstmar (Johanniterorden) waren Freimaurer und der ADV kritisierte vor allem altpreußische Logen für die Mitgliedschaft von Juden in ihren Reihen." (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.625 FN 206 - 2022)
Auch dieser Rechtsanwalt ist als Fememord-Verteidiger in deutschnationalen und NSDAP-Kreisen weit bekannt und führend im Reichsbund-Deutschnationaler-Rechtsanwälte tätig.

Führender Mann im Reichsbund deutschnationaler Rechtsanwälte: Dr. Willy Hahn - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Zusammen mit Dr. Alfons Sack und Dr. Paul Bloch vertritt er 1922 mit drei weiteren Verteidigern bereits die Angeklagten im Rathenau-Attentatsprozess und im Parchimer Fememordprozess von 1923 den späteren Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß und Martin Bormann. Auch im Prozess gegen die Organisation Consul übernimmt Dr. Willy Hahn die Rolle des Strafverteidigers. Zu seiner Vita heißt es weiter:
"Willy Hahn (gest. 1942), Promotion, Justizrat, Direktor im BdL, trat bei den Reichstagswahlen 1903 für den Wahlbezirk Berlin 3 an, der in der Hauptwahl an die SPD ging, kam um 1913 über den Alldeutschen Konrad von Wangenheim mit (-Heinrich-) Claß in Kontakt, Mitglied der DNVP; ab 1925 bis mindestrens 1934 Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses und des Gesamtvorstandes des ADV, Verteidiger zusammen mit Walter Luetgebrune der Brüder Techow im Rathenau-Prozess (1922), Verteidiger von Claß im Seeckt-Prozess (1924) und im Putsch-Prozess (1926/27), Vorsitzender des Reichsverbandes deutschnationaler Rechtsanwälte und Notare, als Laienmitglied des brandenburgischen Provinzialbruderrates der Bekennenden Kirche nahestehend (-Mitglied-), einer der drei Verteidiger von (-dem Kirchenvertreter-) Martin Niemöller bis zur Urteilsverkündung 1938, auch noch Verteidigung sozialdemokratischer Angeklagter vor dem Volksgericht, siehe dazu Ziemann: Martin Niemöller, S.298" (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.729 FN 234 - 2022)
Strafverteidiger Dr. Paul Bloch
Der Dritte im Bunde, Rechtsanwalt und Notar Dr. Paul Bloch, der bereits im Prozess um den Mord an Walther Rathenau, dem Attentat auf Maximilian Harden und dem Blausäure-Attentat auf Philipp Scheidemann als Strafverteidiger aktiv war, fungiert ab dem 22. Januar 1924 nur kurzzeitig als Berliner Rechtsbeistand von Dr. Grandel. (invenio.bundesarchiv.de: N1150/47, S.71 - Neue Leipziger Zeitung, Nr.334, S.1 - "Der Mordanschlag auf Scheidemann" v. 5.12.1922)
Im ersten Harden-Prozess fällt laut Wikipedia der jüdische Strafverteidiger mit einem zur Schau gestellten Antisemitismus auf:
"Dies waren die rechtsradikalen Aktivisten Weichardt und Grenz (-Mitglied im Germanen-Orden um Richard Hayen/Friseuthe-). Prozessbeobachtern fiel während der Verhandlungen der herausfordernde Antisemitismus der beiden Angeklagten, wie auch ihrer Verteidiger auf. So lehnten Bloch und Schiff ausnahmslos Geschworene mit jüdisch anmutenden Namen während der Geschworenenauswahl ab. Zudem verunglimpften sie Harden als 'politischen Schädling'."
Doch schon am Folgetag und nur eine Woche nach Dr. Grandels Augsburger Verhaftung legt Rechtsanwalt Dr. Paul Bloch das Mandat gezwungenermaßen nieder, da der Untersuchungsrichter die Vertretung beider Angeklagten durch einen Verteidiger untersagt. Der jüdische Strafverteidiger Dr. Bloch konzentriert sich schließlich auf den Mitangeklagten Alexander Thormann:
"In der Strafsache Thormann & Gen.(-ossen-) zeige ich ergebenst an, dass ich Herrn Dr. Grandel nicht mehr vertrete. Ich überreiche ergebenst Vollmacht des Herrn Thormann auf mich und bitte um allgemeine Sprecherlaubnis." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.80 - RA Dr. Paul Bloch/Berlin an Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 24.1.1924)

"1923 war keine menschliche Zeit": Rechtsanwalt Dr. Paul Bloch - 26. Mai 1924 (Zitat v. Oertzen: "Im Namen der Geschichte!: Politische Prozesse der Nachkriegszeit", S.66 - 1934, digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Doch gegenüber dem Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann entstehen Irritationen, worauf Rechtsanwalt Dr. Bloch dem Untersuchungsrichter Rede und Antwort zu stehen hat:
"Der hierüber befragte Angeschuldigte Dr. Grandel hat nach seiner Angabe den Rechtsanwalt Bloch nicht gebeten, auch die Verteidigung des Angeschuldigten Thormann zu übernehmen. Vielmehr hat Rechtsanwalt Bloch aus eigenem Antrieb erklärt, daß er versuchen wolle, auch die Verteidigung Thormanns zu erlangen. Bei Vorlegung der Vollmacht des Angeschuldigten Thormann erklärte mir Rechtsanwalt Bloch auf die Frage, wie er in den Besitz der Vollmacht Thormanns, der bereits den Rechtsanwalt Schwindt um seinen Besuch schriftlich gebeten hatte, gekommen sei, zunächst wahrheitswidrig, er habe die Vollmacht dem Gefangenen durch den Gefängnisbeamten hineingeschickt. Erst auf Vorhalt des ... Angaben Thormanns gab Rechtsanwalt Bloch zu, daß er ohne meine Erlaubnis sich Zutritt zu diesem Gefangenen verschaft hat. Die Erlaubnis zu Unterredungen mit dem zweiten Angeschuldigten Grandel ist dem Rechtsanwalt Bloch aus folgendem Grund entzogen worden.
1. Die Verteidigung beider Angeschuldigten durch einen gemeinschaftlichen Verteidiger widerstreitet, da die Auslassungen der Angeschuldigten in wesentlichen Punkten sich widersprechen, der Aufgabe der Verteidigung (§146 St.P.O. ...)
2. Der Angeschuldigte Grandel wird bereits von dem Justizrat Willy Hahn verteidigt. Auf die Zulassung mehrerer Verteidiger ... der ... hat der Angeschuldigte keinen Anspruch "(LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.123 - Prozessakte Thormann-Grandel: Äktennotiz über die Äußerungen von Rechtsanwalt Dr. Paul Bloch v. 24.1.1924, vermerkt durch Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann am 26.1.1924)
Zum Abschluss des Thormann-Grandel-Prozesses hält Dr. Paul Bloch für den Angeklagten Alexander Thormann das Schlussplädoyer.

Hoch bezahlt und motiviert: Das Verteidiger-Trio Sack, Hahn und Bloch im Thormann-Grandel-Prozess - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Die Aussage von Gottfried Grandel vor dem Berliner Landgericht wird von den anwesenden Medienvertretern aufmerksam verfolgt. Er selbst wählt, im Gegensatz zu seinem Strafverteidiger, den zurückgenommenen, schwächlichen Auftritt:
"Jetzt kommt Grandel. Ein Bild des Leidens und des Jammers. Er darf sitzen bleiben. Doch er spricht so leise, daß ihn niemand versteht. Wird aus der Anklagebank herausgeholt und vor den Richtertisch geführt. Auch hier setzt man ihm einen Stuhl zurecht." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Deutsche Zeitung, Nr.234, S.3 - "Der Attentatsplan auf General von Seeckt" v. 26.5.1924)
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Symbolbild: Richtertisch im Großen Schwurgerichtssaal des Amtsgerichtes Berlin-Moabit - 14. November 1935 (Bundesarchiv Berlin: Bild 102-17225 / Pahl, Georg)

Symbolbild für die Anklagebank des Großen Schwurgerichtssaales in Berlin Moabit: In erster Reihe die Riege der Verteidigung - 1930 (LArch Berlin, F Rep. 290-02-06 Nr.4/2 in Schirmer/Mosel: "Leo Rosenthal", S.55 - 2012)

Symbolbild: Richtertisch im Großen Schwurgerichtssaal des Amtsgerichtes Berlin-Moabit - 14. November 1935 (Bundesarchiv Berlin: Bild 102-17229 / Pahl, Georg)
Zu Dr. Grandels Auftreten heißt es weiter in dem sozialdemokratischen Zentralorgan Vorwärts:
"Der Angeklagte ist so schwer herzleidend, daß die Gerichtsärzte wiederholt eingreifen müssen. Er nimmt vor dem Richtertisch auf einem Stuhl Platz und macht seine Aussage, fast ständig mühsam nach Atem ringend, mit so leiser Stimme, daß seine Worte vielfach ganz verloren gehen. (-Er sprach leise und stockend, und wiederholt erstickten ihm die aufsteigenden Tränen die Stimme-)" (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.246, S.10 - "Ich hatt' einen Kameraden" v. 27.5.1924 + digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924 + digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.128, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 28.5.1924)

"Mühsam nach Atem ringend" vor dem Richtertisch: Angeklagter Dr. Grandel - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Zu seiner frühen Politisierung gibt Dr. Grandel zu Protokoll:
"'Bis zur Revolution', so erklärt der Beschuldigte, 'habe ich mich für Politik nicht besonders interessiert. 1920 (-1918/1919-) lernte ich dann Hitler kennen, der mich (-nach Angaben von Heinrich Dolle bereits neun Monate vor seinem Eintritt in die Politik-) auch in Augsburg besuchte und da ich auf diese junge Bewegung in ihren Anfängen Hoffnung setzte, stellte ich mich ihr auch finanziell zur Verfügung. Mein Wunsch war, daß die Hitler-Bewegung sich auf kulturpolitischem, nicht aber auf parteipolitischem Gebiet bewegen sollte. Als sich dann die Entwicklung in umgekehrter Weise vollzog, habe ich mich zurückgezogen, denn ich bin, wie gesagt, nicht parteipolitisch eingestellt." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.246, S.10 - "Ich hatt' einen Kameraden" v. 27.5.1924 + digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924)

Direkt vor dem Richter sitzend: Angeklagter Dr. Grandel - 27. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Volkszeitung, Nr.252, S.2 - "Claßens dunkle Rolle" v. 28.5.1924)
Weiter heißt es in diesem Zusammenhang:
"'Familie, Heimat und Vaterland, das ist mein politisches Programm', erklärt er mit leiser Stimme." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.128 - Allgemeine Zeitung, Nr.259, S.1 - "Streiflichter" v. 4.6.1924)
Obwohl die Familie für ihn einen hohen Stellenwert besitzt, führt er vor dem Richter weiter aus:
"Ich spielte damals mit dem Gedanken, aus dem Leben zu scheiden,(...) ich hatte auch meiner Frau den Rat gegeben, mit den Kindern Selbstmord zu begehen; durch meine Verhaftung und den völligen Zusammenbruch, den ich im Gefängnis erlitt, war ich in einen Zustand geraten, daß ich nicht mehr wußte, was ich sprach und tat. Mir fehlte die Fähigkeit, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. Am Schlusse meiner damaligen Vernehmung habe ich allerdings gesagt, daß ich dieses Geständnis abgelegt hätte, weil ich bei ruhiger Ueberlegung die Tat mißbilligte. Aber alles dies, was ich damals gesagt habe, war falsch." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.128, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 28.5.1924)
"Von Hitler hat er sich (-nach dessen Verselbstständigung auf Anweisung des Germanen-Ordens im Herbst 1921-) getrennt, als dessen Bewegung 'andere als kulturpolitische Ziele' verfolgte." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.128 - Allgemeine Zeitung, Nr.259, S.1 - "Streiflichter" v. 4.6.1924)
Zu seinem Verhältnis gegenüber Heinrich Class bemerkt Dr. Grandel in seiner Aussage vor Gericht:
"Die Ruhrbesetzung (-vom Januar 1923-) erschütterte mich seelisch am schwersten und wirkte auf meine ohnehin schwache Gesundheit ungünstig ein, zumal auch die wirtschaftlich daraus erwachsenden Schwierigkeiten und die Nöte der Inflation immer drückender wurden." (zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Deutsche Zeitung, Nr.235, S.2 - "Das Attentat gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924)
"Vor geraumer Zeit habe ich Justizrat Claß kennen gelernt und bin mehrfach mit ihm zusammengekommen, da mich die alldeutsche Bewegung interessierte. Von Herrn Claß habe ich den Eindruck, daß er eine bedeutende Persönlichkeit ist. Auch mit Herrn v. Kahr war ich in Fühlung, da ich mich mit der Währungsfrage in seinem Wirtschaftstab abplagte. Ich drängte Kahr, er möge, was die Währung anging, die Initiative ergreifen, doch brachte der frühere Generalstaatskommissar nicht den nötigen Mut auf." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.246, S.10 - "Ich hatt' einen Kameraden" v. 27.5.1924 + digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924)

Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes: Heinrich Class (Deutsches Historisches Museum, Berlin, F 67/19)
Zusammenfassend notiert der Redakteur des Vorwärts:
"Er (-Dr. Grandel-) stand zu Hitler, Kahr und Claß in engen Beziehungen. Aber er war beileibe kein Politiker. Wie sein Komplice Thormann ist er rein 'vaterländisch' eingestellt. 'Freiheit (-Familie-), Heimat, Vaterland' heißt sein Wahlspruch. Aber seltsam, dieser so gänzlich unpolitische Dr. chem. Grandel ist einer der Hauptgeldgeber der Nationalsozialisten, er saß als Beirat im Wirtschaftsrat des Generalstaatskommissars Kahr, bearbeitete die Währungsfrage und drängte zur 'Initiative'. Er war ein intimer Freund des Justizrats Claß und bemühte sich, eine Brücke zwischen den Nationalsozialisten und den Alldeutschen zu schlagen. Wahrhaftig eine gänzlich unpolitische Betätigung! Und - seltsam - ausgerechnet in den Tagen, an denen der Mordplan gegen Seeckt zur Ausführung gebracht werden soll, taucht der ehrenwerte Herr Grandel in Berlin auf und trifft hier 'zufällig' den Mitangeklagten Thormann. 'Ich kannte ihn nur flüchtig', sagt der Herr Dr. chem. 'Ich wünschte keine Bierbankbekanntschaften.' Aber seltsam. Dieser flüchtige Bekannte Thormann zieht dann den Grandel ins Vertrauen (...)." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.246, S.9 - "Ich hatt' einen Kameraden" v. 27.5.1924)
Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts (Nr.247) druckt am 27. Mai 1924 unter der Überschrift "Detektiv Grandel" den Wortlaut seiner fortgesetzten Vernehmung:
"" ()
Doch in seinem Auftritt vor dem Landgericht zeigt der Angeklagte Schwächen. Der Vorwärts schreibt:
"" (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)
"Dr. Sack wurde Generalstaatsanwalt und wegen Beteiligung an der Verschwörung von 1944 von den Nazis am 9. April 1945 in Flossenbürg gehängt." (Gumbel: "Vom Fememord zur Reichskanzlei", S.59 - 1962)
Agent provocateur? Der Angeklagte Alexander Thormann
(409-1924) Neben Dr. Grandel sitzt Alexander Heinrich Gustav Thormann (43, geb. 20.1.1881) auf der Anklagebank des Berliner Landgerichts.
Auf die erste Befragung nach seiner Verhaftung erklärt er dem Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann:
"Ich gebe zu, an einer Verabredung teilgenommen zu haben, nach der der General von Seeckt ermordet werden sollte." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.13 - Prozessakte Thormann-Grandel - Vernehmungsprotokoll Alexander Thormanns gegenüber dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 16.1.1924)
In einer späteren Zusammenfassung heißt es über den Angeklagten:
"Das ist der Mann mit hochgewölbtem, breiten Schädel, massigem Körperbau und stechenden Augen, Däne von Geburt, also zu deutsch-nationalen Helden wie geschaffen. Von Beruf Mechaniker und bis zum Jahre 1919 damit beschäftigt, Heizungsanlagen einzurichten. 1918 läßt sich seine Frau von ihm scheiden, da sie seine fortwährenden Mißhandlungen und Bedrohungen nicht mehr erträgt. 1919 hat er keine Lust mehr zu arbeiten, verkauft sein geringes Besitztum und faßt den Entschluß, sich der Politik zu widmen.(...) Er reist herum in Deutschland, um, wie er sagt, festzustellen, 'wie überall die Stimmung ist'. Wenn man die Stimmung erproben will, muß man natürlich auch nach München fahren.(...) Woher Thormann, der seit 1919 nicht mehr arbeitete, die Gelder zu seinem Lebensunterhalt gehabt hat, das mögen die Götter wissen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.296/297 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.6/7 - 1924)
In einem weiteren Artikel wird berichtet:
"Thormann will Däne von Geburt sein und später die deutsche Nationalität erworben haben. Er tauchte im Frühjahr 1919 in Prerow auf, wo damals schon an der mecklenburgisch-pommerschen Grenze allerlei verdächtige Hakenkreuzlergestalten herummunkelten. Dort sind eine ganze Anzahl alter Schiffskapitäne der Handelsmarine angesiedelt, harmlose Leute, die aber mit ihrer mehr als naiven politischen Einstellung sehr zum Nationalismus hinneigen. An diese schlossen sich dann die rechtsradikalen Elemente an, deren hervorstechendster Vertreter, der biedere Manfred v. Killinger, auch dort gewohnt hat. Killinger ist bei jeder der aufsehenerregenden Mordtaten festgenommen gewesen, hat es aber bei seinen brillanten Beziehungen zu den in Frage kommenden Gewalten stets verstanden, bald wieder frei zu sein und weiter zu konspirieren. Der sogenannte Däne Thormann war es nun, der einen Krystallisationspunkt für die, die Halbinsel, auf der Prerow liegt, berührenden Knallpatrioten schuf. Dort unter den braven Fischersleuten hatte es ehemals einen etwas spleenigen Pastor namens Vogel gegeben, der sich so eine Art von Miniaturritterburg dort hinbaute, die er Vogelswarte nannte. Der Parrer verschwand von der Halbinsel und der dänische Hakenkreuzler kaufte für gutes Geld die (-1910 erbaute-) Vogelswarte, aus der er ein Café machte, dessen ausgesprochener Zweck es war, den völkisch-radikalen Herrschaften als Sammelpunkt zu dienen. Dort ist denn auch Herr Claß gewesen, den Thormann offenbar seit Jahren kennt und der vielleicht in seiner vornehmen Freigiebigkeit dem Thormann, erst den Ankauf seines netten Cafés errmöglichte." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Volks-Zeitung, Nr.260, S.2 - "Thormann - Der bekannte Unbekannte" v. 2.6.1924 + LArch Berlin: A Rep. 358-01 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl. 53: Berliner Volks-Zeitung, Nr.260, S.2 - "Thormann - Der bekannte Unbekannte" v. 2.6.1924)

In den Jahren 1918-21 völkisch-radikaler Sammelpunkt: Vogels Warte in der Lenzalle/Seebad Prerow (Wikimedia Commons, Datei: Prerow Vogels Warte 02.jpg / J. H. Janßen - 2017 https://www.youtube.com/watch?v=H8HYkE7TfJg)
Über den Diplom-Ingenieur Alexander Thormann berichtet auch die Vossische Zeitung:
"Thormann ist früheres Mitglied der Brigade Ehrhardt, Dr. Grandel gehörte zeitweise zu den Nationalsozialisten und soll auch zu dem Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes, Justizrat Claaß, in nahen Beziehungen gestanden haben. Im Januar d. J. äußerte Thormann zu dem Sekreteär der Deutschvölkischen Freiheitspartei, von Tettenborn, es sei unbedingt nötig, General von Seeckt zu beseitigen, da er der Errichtung einer nationalen Diktatur hindernd im Wege stehe." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.249, S.4 - "Das Seeckt-Attentat vor Gericht" v. 26.5.1924)

Vormals als Hotel- und Gastwirt tätig: Dipl.-Ing. Alexander Heinrich Gustav Thormann (geb. 29.1.1881) - (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel)
Horst v. Tettenborn, der als Sekretär bei der Deutschvölkischen Freiheitspartei beschäftigte Hauptbelastungszeuge im Thormann-Grandel-Prozess, vermerkt in seiner Aussage vor dem Berliner Landgericht:
"Am 4. Januar 1924 kam Thormann auf unser (-Berliner DvFP-)Büro. Ich sah in ihm damals wie heute den Begleiter des Hochstaplers Janczik. Er wollte (-Germanen-Ordensmitglied Reinhold-) Wulle sprechen. Ich drängte ihn sofort heraus, denn das ist die Arbeitsmethode dieser Hochstapler, daß sie sich an prominente Personen herandrängen und mit ihnen etwas besprechen und dann mit der Berufung darauf in immer weitere Kreise dringen. In einem der kleinen Besprechungszimmer sprach ich selbst mit ihm. Nun hatte Seeckt am 9. November (-1923-) die (-Deutschvölkische-) Freiheitspartei verboten, und es war deshalb in unseren Kreisen eine starke Erbitterung gegen Seeckt. Thormann klagte über die Behinderung der nationalen Organisationen und vor allem der O.(-rganisation-) C.(-onsul-) durch General v. Seeckt, und ich stimmte ihm zu mit der Bemerkung, daß es der Freiheitspartei ähnlich ginge. Am Nachmittag dieses Tages sagte mir dann Thormann, er komme aus München mit dem Auftrage zur Ermordung Seeckts, und ich habe ihm dabei zu helfen." (Zeuge Horst v. Tettenborn an Richter Dr. Paul Tolk, digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.256, S.4 - "Der Attentats-Prozeß", v. 30.5.1924)
Die erste Kontaktaufnahme zwischen den beiden Angeklagten liegt nach den Ermittlungen bereits rund ein Jahr vor dem geplanten Attentat. Laut Anklageschrift kennen sich beide beide Angeklagten "von einer vaterländischen Veranstaltung in München her".
(LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.2/S.3, Anklageschrift v. 11.4.1924)
Weiter heißt es in der Urteilausführung:
"Beide kannten sich von München her, wo sie sich im Februar 1923 (-10. Juni?-) bei einer Feier des Wiking-Bundes kennen gelernt hatten." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.116/Bl.14 - Prozessurteil Thormann-Grandel v. Juni 1924)
Der Wicking-Bund, die Nachfolgervereinigung der mittlerweile verbotenen Organisation Consul ist nicht zimperlich. Zu dem Vorgehen des national-gesinnten Bundes heißt es:
"Der Bund 'Wiking' und die ihm befreundeten Organisationen erlassen einen öffentlichen Aufruf, in dem sie dazu auffordern, alle (-vom Reichsgedanken sich lossagenden-) Separatisten für vogelfrei zu erklären. In dem Aufruf heißt es u.a.: 'Ehrenpflicht eines jeden Deutschen muß es sein, die Todesstrafe an diesen Verrätern zu vollziehen.- In diesem Sinne fordern wir die sofortige Einsetzung von Spruchkammern, welche über die Verräter die Reichs- und Landesacht verhängen.'" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Coburger Zeitung, Nr.30, S.1 - "Die Separatisten sollen für vogelfrei erklärt werden" v. 5.2..1924)
Folgt man der ermittelten Chronologie, so wird Dr. Grandel offenbar kurz vor dem Jahreswechsel 1923/24 mit seiner Suche nach einer "geeigneten Person" fündig: Es ist der Ingenieur und Kaufmann Alexander Thormann, Mitglied des Wicking-Bundes, vormals Organisation Consul. Zu dem weiteren Vorlauf der späteren Angeklagten Alexander Thormann und Dr. Grandel heißt es bei Chamberlin:
"Es scheint aber festzustehen, daß sich beide gegen Ende 1923 (-10. Juni 1923 auf der Schlageter-Gedächtnisfeier?-) in München kennengelernt hatten. Thormann hatte Beziehungen zu Reinhold Wulle und zu dem Sekretär der Reichstagsfraktion der DVFP, Horst von Tettenborn, was ihn für Grandel interessant machte, der hoffte, über Thormann seine Verbindungen zu dieser Partei ausbauen und eventuell eine Brücke zwischen den verfeindeten Gruppen schlagen zu können. Schon bei den ersten Gesprächen zwischen Grandel und Thormann ist aber offensichtlich auch schon von einem Attentatsplan gegen den Chef der Heeresleitung die Rede gewesen. Thormann ließ Grandel wissen, daß er in Berlin Leute kenne, die soetwas vorhätten. Grandel will das zuerst nicht ernstgenommen haben, scheint sich zu einem solchen Plan aber zumindest nicht ablehnend geäußert zu haben. Jedenfalls hielt ihn Thormann weiter auf dem Laufenden, und beide trafen sich Anfang Januar 1924 in Berlin." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: Chamberlin: "Der Attentatsplan gegen Seeckt 1924", PDF - Heft 4, S.433 - 1977)
Vor dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann äußert sich Alexander Thormann zu der ersten Begegnung mit Dr. Grandel:
"Diesen (-Fabrikanten Grandel aus Augsburg-) hatte ich einmal im (-10.?-) Juni 1923 in München (-Königsplatz?-) bei einer (-Albert Schlageter-Gedächtnis?-)Feier des Wickingbundes gesprochen, wo er mit mir am gleichen Tisch saß. Irgend eine Verbindung mit ihm hatte ich seitdem nicht unterhalten." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.12 - Prozessakte Thormann-Grandel - Vernehmungsprotokoll des Angeklagten Alexander Thormann vor dem Berliner Untersuchungsrichter Friedrich Nothmann v. 16.1.1924)
Zu der Münchener Schlageter-Gedächtnisveranstaltung wird berichtet:
"Am heutigen Sonntag (-10. Juni 1923-) wurde der von den Franzosen erschossene Leo Schlageter in seiner badischen Heimat der Erde übergeben. Aus diesem Anlaß veranstalteten auf dem Königsplatz die Vaterländischen Kampfverbände Münchens in Anwesenheit des Generals Ludendorff und anderer Offiziere eine Gedächtnisfeier, zu der die Verbände mit schwarz umflorten Fahnen und Wimpeln aufmarschiert waren und an der auch viele Tausende aus der Bevölkerung teilnahmen.(...) Nachdem das Niederländische Dankgebet verklungen war, ergriff Oberstleutnant (-Hermann-) Kriebel das Wort, der einen Rückblick auf die soldatische Heldenlaufbahn Leo Schlageters gab, der den ganzen Weltkrieg mitgemacht, dann im Baltikum, später gegen den Ruhraufstand, dann in Oberschlesien gekämpft und im Januar nach dem Ruhreinbruch der Franzosen ins Ruhrgebiet geeilt sei, um (-innerhalb der von Dr. Grandel unterstützten Organisation Heinz/Hanseatisches Freikorps-) dem Vaterland zu dienen. Nach der Sprengung einer Eisenbahnbrücke bei Kalkum zur Verhinderung französischer Kohlentransporte sei er von zwei deutschen Schuften an die Franzosen verraten und dank eines Steckbriefes preußischer Polizeibehörden verhaftet worden.(...) Die Fahnen senkten sich, die Musik spielte: 'Ich hatt' einen Kameraden.' Von lauten Heil-Rufen empfangen trat dann Hitler vor, der ausführte, daß das deutsche Volk von heute den Heldentod Schlageters gar nicht verdient habe. Dieser Tod müsse die Erkenntnis erneuern, daß wir nicht in Frieden, Ruhe und Ordnung leben, sondern im Todeskampfe Deutschlands, daß wir die Freiheit nicht durch Proteste und Reden, sondern nur durch die Tat erringen können, daß wir nicht brauchen die Ebertsche Einheitsfront der Schwachen, sondern die Kampffront der Fanatiker. Der Heldenmut, der heute nur einzelne aus dem Volke erfülle, müsse vor allem in die Regierenden einziehen und seine Freunde seien entschlossen, nicht zu ruhen und zu rasten, um den Kampfeswillen bis zum letzten Atemzug, um die deutsche Freiheit in unserem Volke zu verbreiten, bis die Parole komme: 'Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!' Die Menge brach in laute 'Heil'-Rufe aus und unter den Klängen des Deutschland-Liedes schloß die Kundgebung." (Digetalisiert auf digitale-sammlungen.de: Rosenheimer Anzeiger, Nr.132, S.2 - "Schlageter-Feier in München" v. 11.6.1923)
Die Möglichkeit, dass Alexander Thormann nicht zufällig am gleichen Tisch mit Dr. Grandel Platz findet, ist gegeben. Der Augsburger Fabrikant dürfte durch sein Engagement im Ruhrkampf zu diesem Zeitpunkt bereits in das Visier der französischen Abwehr geraten sein. Hierzu wird vermerkt:
"Über die frühere Tätigkeit Thormanns, der bei dem Anschlagsplan gegen General von Seeckt eine Rolle gespielt hat, meldet eine Nachrichtenstelle: Thormann tauchte im Frühjahr 1923 in der Roßbachbewegung auf. Er soll sich das Vertrauen Roßbachs erworben haben und von ihm im Januar 1923 nach München entsandt worden sein. Dort machte er sich bald verdächtig durch seine regelmäßigen Reisen nach der Pfalz, dem Rheinland und ins Ruhrgebiet. Besonders auffallend war, daß er regelmäßig nicht unerhebliche Beträge von französischen Franken bei sich führte. Im Herbst schied er aus der Ehrhardtbewegung aus. Die Tatsache, daß Thormann sich gerade an Dr. Grandel herangemacht hat, erscheint in eigentümlichen Licht, wenn man berücksichtigt, daß der in der antiseparatistischen Bewegung in der Pfalz tätige Grandel von den Franzosen auf die schwarze Liste gesetzt wurde." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.35, S.2 - "Der Anschlag gegen Seeckt" v. 5.2.1924)
Die Stimmung im Berliner Landgerichtssaal ist zu Prozessbeginn gespannt. Niemand weiß, in welche Richtung sich die juristische Aufarbeitung entwickeln wird:
"Bei Beginn der Verhandlung füllt sich der Zuschauerraum rasch, und zwar hauptsächlich mit jungen Männern. Dann erscheint (-der Angeklagte Alexander-) Thormann, ein großer, glattrasierter Mann mit starkem Kinn, hoher Stirn und etwas müden Augen." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.249, S.4 - "Das Seeckt-Attentat vor Gericht" v. 26.5.1924)

Angeklagter Alexander Thormann - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
In einer weiteren Prozessbeobachtung wird vermerkt:
"Ab und zu zuckt es verächtlich um seinen Mund, wenn Tettenborns Aussagen ihn belasten. Nervös spielen seine Hände. Nichts verrät, daß er sich schuldig fühlt. Wenn er spricht, fließen seine Worte in glattem Strom (-und gewandter Weise-), er gerät (-sprunghaft-) von einem Gegenstand in den anderen, (-schweift oft vom Thema ab, flicht Nebensächlichkeiten ein und betont in pathetischer Art seine 'nationale' Einstellung,-) bis ihn der Vorsitzende an den Verhandlungsgegenstand mahnt.(...) Dann hat er den Wunsch, seinen Lebenskurs gänzlich umzustellen, reist in Deutschland umher, 'um festzustellen, wie überall die Stimmung sei'. War bei Roßbach, (-Hermann-) Ehrhardt (-Organisation Consul/Wicking-Bund-) und nahm am Hitlerputsch teil (...). Ob dieser Mensch sein Vaterland liebt? Es ist schwer, einem unglücklichen dies abzusprechen. Richtig verstandene Vaterlandsliebe besitzt er nicht. In seinem Gesicht ist auch keine Spur jenes Feuers, das einen revolutionären Attentäter durchglühen mag, der in unbändigem Fanatismus sein Leben hinwirft, vermag er nur seinen vermeintlichen Schädling mit sich herabzureißen in den Orkus. Dieser Mensch da auf der Anklagebank ist bestenfalls ein durch einen Spitzel entlarvter Spitzel. Einer, der es glaubte, besonders schlau anzufangen und dabei einem noch Schlauerem unterlag." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.128 - Allgemeine Zeitung, Nr.259, S.1 - "Streiflichter" v. 4.6.1924)
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Angeklagter Alexander Thormann - 26. Mai 1924 (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.79 - 8 Uhr Abendblatt, Nr.123, S.5 - "Das Mordkomplott gegen General v. Seeckt" v. 26.5.1924 / Zeichnung: Mannas)
Weiter heißt es über den Angeklagten:
"Kleine, unruhig flirrende Augen. Typus eines politisch Halbgebildeten, wie er seit der Revolution in allen Parteien zahlreich vorkommt. Pathetisch, mit offenbar stark pathologischem Einschlag. Immerzu in dem übrigens sehr sicheren, sprachgewandten Vortrag gebraucht er Worte wie: 'Das ist der Fluch überhaupt ...' oder 'Gerade hier spielt die Ironie des Schicksals ...', ohne die Sätze zu beenden oder ihnen Inhalt zu geben." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.79 - 8 Uhr Abendblatt, Nr.123, S.5, "Das Mordkomplott gegen General v. Seeckt" v. 26.5.1924 / Zeichnung: Mannas)

Angeklagter Alexander Heinrich Gustav Thormann, geb. am 20. Januar 1881 in Kopenhagen - 1922 (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte von Thormann-Grandel, Ausweisfoto für Bund Wicking v. 1923)
Die beiden Angeklagten geben ein ungleiches Bild ab:
"Links auf der Anklagebank, gleich neben der eisernen Tür, die zu dem engen und schmalen Gang in das Untersuchungsgefängnis führt, sitzt Thormann, rechts Dr. Grandel. Thormann, eine große kräftige Figur, tritt sehr selbstbewußt auf. Wenn er spricht, und er spricht oft, so zittert aus seinen Worten Erregung und Unwille darüber, daß man gewagt hat, ihn, der doch nur Spitzel entlarven wollte im Interesse desVaterlandes, zu verhaften und des Attentats zu beschuldigen. Er ist der Biedermann vom Scheitel bis zur Sohle, er war ja doch bei der 'ruhmreichen Brigade' Ehrhardt, und das Heil erblickt er vor alem darin, daß die Juden aus Deutschland vertrieben werden. Man sieht es ihm an, daß er der Mann ohne Hemmungen ist, bereit zu allem Möglichen und noch ein Ende darüber, alles natürlich nur im Interesse des Vaterlandes. Daß ein solcher Mann sich höchst unbehaglich in der Zelle fühlt, sich über die unbequeme Lage auf der Pritsche beklagt, ist verständlich, und es ist wahrlich nicht ersichtlich, warum man ihm nicht längst ein bequemes Ruhebett in die Zelle gestellt hat. Was man da aus dem Mund Thormanns hört, mutet an wie eine Komödie, die nur zu häufig in eine Groteske und Farce umschlägt." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)

Kaufmann und Ingenieur Alexander Heinrich Gustav Thormann, geboren am 20. Januar 1881 in Kopenhagen - Mai 1924 (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)
Zu der Biographie von Alexander Thormann wird vermerkt:
"Thormann, eine große stattliche Erscheinung, der im Anfang der vierziger Jahre steht, ist geschieden, eine Tochter wohnt in Berlin. Er selbst gibt sich als Norddeutschen aus, spricht aber betont süddeutschen Dialekt. Er war früher Offizier und lebte meist in Bayern. " (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.1 - Berliner Tageblatt, Nr.27, "Der Attentatsplan gegen General v. Seeckt" v. 16.1.1924)
Auffallend bei der heutigen Recherche über den laut Anklageschrift preußischen Staatsangehörigen Thormann ist, dass er trotz der Internet-Informationsfülle weder Spuren vor, noch nach dem Berliner Prozess hinterlassen hat. Er findet im weltweiten Netz, bis auf diesen kurzen prozessualen Zusammenhang, nicht statt.
So ist es bei dieser unauffälligen Biographie nicht weiter verwunderlich, dass bereits wenige Wochen nach seiner damaligen Verhaftung in der Berliner Ausgabe der Neuen preußischen Zeitung vom 5. Februar 1924 der Verdacht geäußert wird, dass der laut Weltbühne für Wickingbund, Ehrhardt-Bewegung und Organisation Consul (O.C.) tätige Alexander Thormann zusätzlich "mit Agenten der französischen Regierung Beziehungen unterhalten" habe.
Möglicherweise sei er auf Dr. Gottfried Grandel angesetzt worden, um dessen erfolgreiche Unterstützung "der antiseparatistischen Bewegung in der Pfalz" gegen Frankreich zu unterbinden. Grandel sei "von den Franzosen auf die schwarze Liste gesetzt worden", seine Beseitigung liege "im Interesse der französischen Machthaber in der Pfalz". Der Artikel schließt mit dem Hinweis:
"Grandel selbst hat bekanntlich vor dem Untersuchungsrichter ausgesagt, daß Thormann sich ihm gegenüber wie ein 'agent provokateur' benommen habe."
Laut „Vossischer Zeitung" (Nr.253) vom 28. Mai 1924 deutete Grandel nach Auskunft der Gerichtsmediziner zudem an, "daß Thormann auf ihn einen Zwang ausgeübt habe".
Auch der Zeuge Tettenborn, der das geplante Attentat bei den Behörden im Januar 1924 anzeigt, hat gegenüber dem völkischen Alexander Thormann Zweifel:
"Er erkannte sofort, wie er sagt, daß Thormann ein Spitzel war, erkannte es besonders, als Thormann sich als den Beauftragten gewisser Münchener Kreise, darunter auch Ludendorffs, bezeichnete. Richtig überlegte Tettenborn, Ludendorff läßt kein Attentat auf Seeckt verüben, und wenn Münchener völkische Kreise einen solchen Plan haben, so werden sie ihn gewiss nicht durch den unbekannten Thormann an den völkischen Parteisekretär in Berlin übermitteln. Der Staatsanwalt hält den Zeugen für glaubwürdig." (BArch Berlin: R 8048/672, S.907 - "Deutsche Allgemeine Zeitung" v. 4.6.1924)
Auch das sozialdemokratische Zentralorgan greift den Verdacht einer Fernlenkung Thormanns auf:
"Über Thormann werden neuerdings Nachrichten verbreitet, die geeignet sind, seine Persönlichkeit in einem immer weniger günstigen Lichte erscheinen zu lassen. In unterrichteten Kreisen und, wie wir erfahren, auchan zuständigen Stellen, hat man aus bestimmten Anzeichen heraus den Verdacht, daß Thormann auch Beziehungen zu Agenten der französischen Regierung (!) unterhalten hat. Sollte sich dieser Verdacht bewahrheiten, dann würde dieser Umstand dem Attentatsplan gegen den Führer der deutschen Wehrmacht in einem neuenrecht eigenartigen Lichte erscheinen lassen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.55, S.3 "Der Attentatsplan gegen v. Seeckt" v. 2.2.1924)
In Zeitungsberichten wird über den den Hintergrund des Tatverdächtigen kritisch berichtet:
"Die Mitteilung, daß der in Verbindung mit dem Attentatsplan gegen General v. Seeckt verhaftete Thormann im Verdacht stehe, mit Agenten der französischen Regierung Beziehungen unterhalten zu haben, ist von anderer Seite 'als völlig aus der Luft gegriffen' bezeichnet worden. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß dieser dringende Verdacht auch an zuständigen Berliner Stellen gegen Thormann besteht. Ueber die Tätigkeit dieser Persönlichkeit im Verlaufe des letzten Jahres sind folgende Einzelheiten bekannt geworden:
Thormann, der übrigens weder im Felde noch Oberleutnant war, tauchte im Frühjahr 1923 in der Roßbach Bewegung und zwar in Berlin auf. Er soll sich dann das Vertrauen Roßbachs sehr bald erworben haben und von ihm im Juli 1923 nach München zur Organisation C. bzw. zum Wiking Bund entsandt worden seien. Beim Wiking Bund machte er sich nach und nach verdächtig durch seine regelmäßigen Reisen, die er nach der Pfalz, dem Rheinland und dem Ruhrgebiet unternahm. Es fiel immer mehr auf, daß während andere Anhänger der Rechtsradikalen nur mit größten Schwierigkeiten und auf Schleichwegen in das besetzte Gebiet, besonders ins Ruhrrevier gelangen konnten, Thormann auch während der vollkommenen Abschnürung des besetzten Gebietes immer glatt passieren konnte. Besonders verdächtig machte er sich aber dadurch, daß er regelmäßig nicht unerhebliche Beträge von französischen Franken bei sich führte. Im Herbst schied er dann aus der Ehrhardt-Bewegung aus. Die Tatsache, daß Thormann dann in der Frage des Attentats auf General v. Seeckt sich gerade an Dr. Grandel herangemacht hat, wird in ein eigentümliches Licht gesetzt, wenn man berücksichtigt, daß der in der antiseparatistischen Bewegung in der Pfalz hervorragend tätige Grandel von den Franzosen auf die schwarze Liste gesetzt worden war und daß seine Beseitigung im Interesse der französischen Machthaber in der Pfalz lag. Grandel selbst hat bekantlich vor dem Untersuchsrichter ausgesagt, daß Thormann sich ihm gegenüber wie ein 'agent provokateur' benommen habe." (Kreuz-Zeitung - "Der Attentatsplan gegen General v. Seeckt - Thormanns französischen Beziehungen" v. 5.2.1924 + digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.35, S.2 - "Der Anschlag gegen Seeckt" v. 5.2.1924))
Und tatsächlich existiert ein Aktenvermerk vom 16. Mai 1923 im Bayrischen Geheimen Staatsarchiv: Unter der Kennung "MA 100 446b, RKO (Reichskommissar für Überwachung und öffentliche Ordnung) an Polizeidirektion München" handelt dieser von einem Spion aus Zürich, namens Thormann.
In dem als "Streng geheim!" titulierten Schreiben wird bei der Polizeidirektion in München angefragt, ob zu dem beigefügten Schriftwechsel "über das französische Spionagebüro in Zürich" und die Personen "Remy, Thormann und Augustin dort Näheres bekannt" sei.
In der Abschrift an die Deutsche-Gesandtschaft in Bern vom 12. Februar 1923 berichtet das Deutsche-Konsulat St. Gallen bereits von einem Informanten, der über "ein französisches Spionagenetz in Deutschland" zu erzählen weiß.
"Der Leiter der Spionageabteilung heiße Remy. Ferner sei dort ein geborener Elsässer namens Thormann angestellt, der in der französischen Armee gedient habe, ca. 30 Jahre alt, klein, schlank und schwarzhaarig sei, ein schwarzes Schnurrbärtchen trage."

Nicht klein und ohne Schnurrbart: Alexander Thormann - 1922 (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Gruppenaufnahme mit Alexander Thormann/m)
Ziel der Tätigkeiten sei "politische und wirtschaftliche, insbesondere Industriespionage". Bei der Informationsweitergabe würden sich besagte Personen oft an "verschiedenen Schweizer Bodenseegrenzorten" aufhalten, ohne die Grenze dabei zu überschreiten.
Im weiteren Schriftwechsel wird die Vermutung geäußert, dass die französische Informationstätigkeit womöglich noch zum Zwecke der "Lostrennung Bayerns vom Reiche erhofft und betrieben wurde".
Der Hamburger-Anzeiger vom 3. Juni 1924 schreibt zum Thormann-Grandel-Prozess:
"Jedenfalls kann man einer Type wie Thormann zutrauen, daß er es aufs Letzte ankommen läßt.(...) Er ist ein Entgleister, der sich nicht einmal auf die bekannte, sonst bei Gerichten so häufig wirksame‚ glühende Vaterlandsliebe berufen kann. Dazu sind seine Beziehungen zu Spitzeln doch zu intime gewesen." (zbw.eu, P20 Seeckt)
In einer Reichsttagsrede wir über die allgemeine Situation von Spitzeln protokolliert:
"Die Regierung von Preußen - in anderen Ländern ist das nicht so schlimm - wo der Sozialdemokrat Severing herrscht, unterhält ein Herr von Spitzeln, das nach den Feststellungen im Prozesse Thormann-Grandel auf mindesten 2-3000 Mann zu schätzen ist, nur mit dem einzigen Zweck, in die kommunistische Partei und andere oppositionelle Parteien hineinzugehen, dort einzelne Mitglieder zu strafbaren Handlungen zu verleiten und im Augenblick, wo irgendein Mitglied scheinbar oder tatsächlich auf derartige Provokationen eingeht, dieses Mitglied zu fassen und der Polizei auszuliefern." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Ivan Katz, KP-Reichstagsabgeordneter, stenographischer Bericht über die 27. Sitzung, S.1108 v. 29.8.1924)
Die Berliner Prozess-Strategie
(410-1924) Nicht nur für Justizrat Heinrich Claß steht bei seiner Zeugenvernehmung die über Jahrzehnte aufgebaute beruflich-politische Existenz auf dem Spiel, auch Dr. Grandel dürfte bei einer möglichen Haftstrafe mit seiner Familie und Firma in eine noch stärkere Schieflage geraten.
In einem Schreiben des Augsburger Ölfabrik-Angestellten an das Berliner Landgericht wirbt der Prokurist Josef Rupp nach Abschluss der gerichtlichen Voruntersuchungen dringlich um eine Aufhebung der Untersuchungshaft Dr. Grandels. Zuvor hatte er bereits seinen inhaftierten Chef mit einer persönlichen Aussage entlasten wollen:
"Zum Falle Thormann-Dr. Grandel wird noch mitgeteilt, daß beim Untersuchungsrichter (-Friedrich Nothmann-) sich jetzt der Prokurist (-Josef Rupp-) der Grandelschen Fabrik gemeldet habe, der u. a. bekundete, bei seinem Chef Dr. Grandel wiederholt Zeichen schwerer Gedächtnisstörung bemerkt zu haben. Diese geistigen Defekte sollen die Folgen einer Gasvergiftung sein, die sich Grandel als junger Chemiker zugezogen habe." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.30, S.2 - "Das Attentat auf Seeckt" v. 31.1.1924)
Innerhalb dieser Verteidigungsstrategie notiert Dr. Stoermer am 26. Januar 1924 zu den Ausführungen von Josef Rupp:
"Herr Dr. G.(-randel-) sei in seiner Fabrik ausserordentlich fleißig und lege sich keinerlei Schonung auf, manchmal fiel es dem Zeugen auf, dass die Pupillen des Dr. G. eine veränderte Stellung einnahmen und dass sein Blick sich änderte und dass er eine sehr blasse Gesichtsfarbe hatte." ()

Durch die Untersuchungshaft seines Firmen-Chefs in finanzieller Bedrängnis: Prokurist Josef Rupp - (Fotografie im Privatbesitz der Hambiurger Enkeltochter von J. Rupp - Weihnachten 1923)
In seinem dringenden Gesuch betont Josef Rupp gegenüber Dr. Grandels Berliner Verteidiger Willy Hahn:
"Ich bitte Sie um Ihre größtmögliche Unterstützung, nachdem ich bereits mit Fabrikations-Schwierigkeiten zu kämpfen habe, die ich mangels chemischer Kenntnisse und Erfahrungen auf diesem Gebiet bei den von Herrn Dr. Grandel selbst erfundenen Verfahren nicht zu beheben vermag. Wie lange ich noch in der Lage bin, die Aufrechterhaltung des Betriebes zu gewährleisten, kann ich heute nicht sagen. Wenn sich weitere Fabrikations-Hindernisse ergeben, bleibt mir leider kein anderer Weg, als die Genehmigung der Schliessung des Betriebes bei der zuständigen Behörde zu beantragen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.225 v. 7.2.1924)

Notruf aus Augsburg: Ölfabrik-Prokurist Josef Rupp an den Berliner Rechtsanwalt Willy Hahn - 7. Februar 1924 (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.225 v. 7.2.1924)
Zu der späteren Prozessaussage vor dem Berliner Landgericht wird zum Zeugen Josef Rupp notiert:
"Der zweite Zeuge, Herr (-Josef-) Rupp, der seit 1919 Prokurist an der Grandelschen Fabrik ist, betont, daß Grandel in den letzten Jahren absolut kein Interesse mehr für sein Unternehmen gehabt habe. Er sei seelisch vollkommen zerrüttet gewesen, habe das tollste Zeug diktiert und zeitweise an Gedächtnisschwund gelitten. Dr. Grandel sei im Januar (-1924-) mit der Absicht nach Berlin gefahren, ein Tuberkulosemittel für Verwandte zu besorgen und habe nur drei bis vier Tage fortbleiben wollen." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Volks-Zeitung, Nr.253, S.2 - "Der Prozeß Thormann-Grandel" v. 28.5.1924)
Noch vor dem eigentlichen Prozessbeginn versuchten die Verteidiger, Dr. Grandel aus der Untersuchungshaft zu bekommen. Hierzu vermerkt die Münchener Neuesten Nachrichten:
"In dem Verfahren gegen Thormann und Dr. Grandel wegen des Attentatplanes auf General v. Seeckt ist der von der Verteidigung für Dr. Grandel gestellte Haftentlassungsantrag, den bereits die erste Instanz abgelehnt hatte, auch vom Kammergericht zurückgewiesen worden. Grandel bleibt also, ebenso wie (-Alexander-) Thormann, weiter in Haft. Nach Abschluß der Voruntersuchung wird gegen beide die Anklage fertiggestellt." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.95, S.2 - "Dr. Grandel nicht entlassen" v.5.4.1924)
Auch aus politischer Perspektive ist der anstehende Prozess mit erheblichem Flurschaden verbunden. Die Glocke schreibt:
"Gewiß wäre den (-alldeutschen Verbandsvertretern-) Herren Justizrat (-Heinrich-) Claß, dem Herrn (-Dr. Paul-) Bang, dem Herrn Doktor Grandel ein großer Gefallen getan worden, wenn dieser Prozeß unterblieben wäre." (Die Glocke, Bd.10, S.299 - 1924)
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Geduldig, aber bestimmt: Vorsitzender Landgerichtsdirektor Dr. Paul Tolk (3.v.r.) im Großen Schwurgerichtssaal des Moabiter Kriminalgerichts (Symbolbild Siemens: "Horst Wessel: Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten" - 2010 / o.Ang. - September 1930 + gettyimages.dk: Nr.1503038 / Ullstein Bild)
Nach seinem ersten Geständnis vom 21. Januar 1924 und der flehenden Bitte seiner Frau Helene, für seine "Unschuld" doch endlich zu kämpfen, stellt sich Gottfried Grandel der juristischen Auseinandersetzung. Er nimmt dadurch von dem zuvor gefassten Suizidgedanken Abstand. Bedingungslos unterwirft er sich nun der Strategie seiner erfahrenen Verteidiger. So heißt es laut Anklageschrift zu dem Verlauf seines Sinneswandels:
"Grandel hat am 18. und 19. Januar 1924 vor dem Amtsrichter in Augsburg bestritten, an dem Mordplan beteiligt gewesen zu sein oder von ihm gewußt zu haben. Dagegen hat er am 21. Januar vor dem (-Berliner-) Untersuchungsrichter (-Dr. Friedrich Nothmann-) in einem umfassenden Geständnis seine Beteiligung zugegeben.(...) Claß habe ihn fortgesetzt gedrängt, die Beseitigung Seeckts zu veranlassen und ihm Geldmittel hierzu zur Verfügung gestellt.(...) Claß hat seine Beteiligung an dem Mordplan bestritten und Grandel hat am 22. Januar 1924 sein Geständnis, soweit es Claß betrifft, widerrufen. Soweit es seine eigene Beteiligung angeht, hat er es am 22. und 24. Januar 1924 aufrecht erhalten. Erst in späteren Vernehmungen hat er es nach und nach dahin eingeschränkt, daß er an einen ernsthaften Mordplan überhaupt nicht geglaubt und sich mit der ganzen Sache nur befaßt habe, um zu erkunden, was an ihr Wahres sei und ob es sich nicht nur um den Versuch handle, aus Thormann Geld zu locken." (LArch Berlin: A Rep. 358-01 Nr. 6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Anklageschrift, S.5 v. 11.4.1924)

Im Vordergrund die Riege der Verteidigung: Anklagebank des Berliner Landgerichts für größere Verhandlungen, zu denen auch der Thormann-Grandel-Prozess zählte - 1930 (LArch Berlin, F Rep. 290-02-06 Nr.4/2 in Schirmer/Mosel: "Leo Rosenthal", S.55 - 2012)
Justizrat Dr. Willy Hahn betont später vor Gericht in diesem Zusammenhang:
"Ich möchte hier öffentlich feststellen, daß Dr. Grandel sein erstes Geständnis bereits zwei Tage später widerrufen hatte, als ich seine Verteidigung übernahm." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.248, S.3: "Grandels Geständnis" v. 28.5.1924)

Nach dem Widerruf des Geständnisses hoch bezahlt und motiviert: Das Verteidiger-Trio im Thormann-Grandel-Prozess - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Das erste Bestreben der Verteidigung ist es, das anfängliche Geständnis von Gottfried Grandel unglaubwürdig wirken zu lassen, um den von Dr. Grandel erheblich belasteten Heinrich Claß aus der prozessualen Schusslinie zu bekommen. So betont Rechtsanwalt Willy Hahn in seinem späteren Plädoyer:
"In diesem sogenannten Geständnis sind aber, wie die Beweisaufnahme ergab, vier Punkte falsch, da Claß dem Grandel nicht 16 000 Mark gezahlt hat, da Thormann dem Köpke nicht die Waffe gab, da Thormann von Grandel kein Geld erhielt usw. Claß steht seit 20 Jahren im öffentlichen Leben und ist ein Ehrenmann durch und durch." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.264, S.4 - "Die Plädoyers der Verteidiger" v. 4.6.1924)
Vor Gericht begründet Dr. Grandel den Sinneswandel zu seiner ersten Geständnisaussage:
"Ich habe meine erste Aussage sofort, als ich ins Gefängnis zurückkam, widerrufen wollen und schrieb das auf einen Zettel. Ich klingelte nach dem wachhabenden Beamten, der den Zettel dem Untersuchungsrichter bringen sollte. Er schrie mich aber nur barsch an. Erst drei Tage später ist dieser Zettel dann dem Untersuchungsrichter eingehändigt worden.(...) Ich habe Claß und mich anfangs beschuldigt, weil ich mein ganzes Leben zusammenbrechen sah. Ich sagte mir, wenn ich Claß nicht kennengelernt hätte, wäre ich nicht in diese Lage gekommen.(...) Ich bin nur aus der geistigen Verwirrung, in der ich mich befand, dazu gekommen. Diese Zustände der Unmöglichkeit der Gedankengänge haben mich für 14 Tage überfallen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.247: "Detektiv Grandel" v. 27.5.24)
Auch in dem folgenden Gerichtsprozess wirkt Gottfried Grandel desolat. Ein Prozessbeobachter notiert:
"Sichtlich krank. Herzbeschwerden und Asthma. Spricht mühsam, ringt mit jedem Wort und ist innerlich so erregt, daß ihm oft der Schweiß auf die Stirn tritt. Im ganzen ein fast slavischer Typ, mit unregelmäßigen, bei seelischer Anspannung auseinanderglitschenden Augen." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.79 - 8 Uhr Abendblatt, Nr.123, S.5, "Das Mordkomplott gegen General v. Seeckt" v. 26.5.1924 / Zeichnung: Mannas)
Die Weltbühne vermerkt 1924 zum weiteren Prozessverlauf:
"Dann setzte das Bestreben ein, Grandel und Thormann für verrückt zu erklären." (Die Weltbühne: Bd.20, Teil 1, S.362 v. 1924)
Schon vor Prozessbeginn, direkt nach der Übernahme seines Mandats vom 10. April 1924, macht Dr. Grandels substituierter Strafverteidiger Dr. Sack bei Gericht seine erste Eingabe:
"Ich erlaube mir folgenden Antrag zu stellen: den Angeklagten Dr. Grandel durch den zuständigen beamteten Arzt auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Nach meinem Aktenstudium und nach genauer Prüfung der Anklageschrift habe ich mit dem Angeklagten Dr. Grandel verhandelt. Den Angeklagten Dr. Grandel fand ich in einem stark depressiven Zustande, vielleicht nicht frei von Melancholie. Seine Auslegung auf die Anklageschrift, überhaupt die Unterredung, die ich mit ihm führte, und auch verschiedene einzelne Hinweise, hierzu die unklare und wirre Art, in welcher die Angaben gemacht wurden und die Antworten, die gegeben wurden, befremdeten mich derart, dass ich mir sagte, es muss doch irgend ein Moment hier mitgewirkt haben, dass ein Mann, wie der Angeklagte Dr. Grandel, der bisher ein absolut ehrenhaftes Leben geführt hat, in diese mystische Attentatssphäre hineingezogen worden ist. Ich will keineswegs darauf hinaus, dass der Angeklagte Dr. Grandel unbedingt den Schutz des § 51 geniessen müsse, nichts liegt mir ferner. Ich halte es aber als Verteidiger für meine Pflicht, von mir aus den Antrag zu stellen, dass Dr. Grandel zum mindesten auf seinen geistigen Zustand untersucht wird, um sich auch über die Handlungsweise des Angeklagten Dr. Grandel, zum mindesten nach der Richtung des Strafmasses, schlüssig machen zu können." (LARch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.30 v. 3.5.1924)
Da Gottfried Grandel während des Prozesses regelmäßig einen Schwächeanfall erleidet, "infolge seines Krankheitszustandes mit fast erlöschender Stimme und von langen Pausen unterbrochen spricht", müssen die Verhandlungen zum Teil mehrmals am Tage unterbrochen werden.
Die Deutsche Allgemeine Zeitung notiert:
"Im anderen Winkel der Anklagebank sitzt der Augsburger Kaufmann Dr. Grandel. Ein eigentümlicher Mensch. Schwer herzkrank, oft muß die Verhandlung seinetwegen abgebrochen werden. 'Familie, Heimat, Vaterland, das ist mein politisches Programm', erklärt er mit leiser Stimme. Von Hitler hat er sich (-1921-) getrennt, als dessen Bewegung 'andere als kulturpolitische Ziele' verfolgte." (BArch Berlin: R8048/672, Deutsche Allgemeine Zeitung, S.907 v. 4.6.1924)
Gleich zu Beginn der Verhandlung ...
"... beantragte der Verteidiger Dr. Grandels die Vorladung von einigen Zeugen, die beweisen sollen, daß der Angeklagte aus rein geschäftlichen Gründen nach Berlin gekommen ist und zur politischen Tätigkeit gar keine Zeit hatte.(...) Am nächsten Tage reiste Dr. Grandel, da seine Geschäfte in Berlin beendet waren, nach Augsburg ab. Als er auf dem Bahnsteig wartete, kaufte er eine Zeitung und las zu seiner 'großen Überraschung' von den Verhaftungen, die in Angelegenheit eines geplanten Attentats gegen General v. Seeckt vorgenommen worden waren. Obwohl Namen nicht genannt waren, wußte er natürlich, worum es sich handle, aber er beruhigte sich, weil er sich gesagt habe, ein Unrecht habe er nicht begangen. Schlimmstenfalls würde er als Zeuge vernommen werden. Als er einige Tage später im Kreise seiner Familie in Augsburg verhaftet wurde, waren er und seine Familie, der er, um sie nicht zu beunruhigen, nichts über die Sache erzählt hatte, auf das tiefste bestürzt. Hier übermannt den Angeklagten in der Erinnerung starke Erregung. Seine Stimme erstickt in Tränen, und er sinkt in sich zusammen. Die Ärzte eilen hinzu und bemühen sich um ihn. Der schwere Anfall von Herzschwäche veranlaßt den Vorsitzenden, die Verhandlung zu unterbrechen.
Nachdem der Angeklagte Dr. Grandel sich wieder erholt hat, wird seine Vernehmung fortgesetzt. Bei seinem ersten Verhör vor dem Untersuchungsrichter hat Grandel, wie er zugibt, ein Geständnis abgelegt. Er hat damals zugegeben, daß er an der Verabredung des Mordplans teilgenommen habe. Er hat auch Thormann bezichtigt. Heute erklärt er dies damit, daß er nach seiner Verhaftung einen völligen seelischen Zusammenbruch erlitten habe.
'Ich spielte mit dem Gedanken, aus dem Leben zu scheiden, da ich wußte, daß im Falle meines Todes meine Frau meine Nachfolgerin wurde. Auf der anderen Seite erfaßte mich tiefste Reue, daß ich mich auch nur einen Schritt weit mit dieser Sache hier eingelassen hatte. In den meiner ersten Vernehmung vorangegangenen Tagen hatte ich so gut wie gar nichts gegessen. Ich war in einem Zustande, daß ich die Überzeugung hatte, einer geistigen Umnachtung entgegenzugehen. Ich weiß nicht, wie ich damals zum Untersuchungsrichter gekommen bin und wie ich wieder zurückgeführt wurde. Einige Tage darauf besuchte mich meine Frau, die mir erklärte, sie sei nicht imstande, mit den Kindern freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Sie bat mich, kein Geständnis abzulegen, wenn ich nicht unbedingt schuldig wäre.
Meine erste Aussage ist ein vollkommenes Gewirr, sie ist unwahr. Ich bin unschuldig. Auch meine Bezichtigungen Thormanns sind falsch; sie beruhen auf den mir von Thormann in bruchstückartiger Weise gemachten Angaben.
Von Justizrat Claß habe ich in diesem Zusammenhang kein Geld erhalten. Das letzte Geld , das ich von Claß erhielt, wurde mir im August bereits übergeben; es war für politische Zwecke bestimmt. Über eine Beseitigung des Generals v. Seeckt habe ich mit Claß niemals gesprochen. Ich hatte gar kein Interesse an der Beseitigung des Generals. Die Figuren auf dem politischen Theater wechseln ja so überaus schnell. Der Umsturzplan, den mir Claß angeblich mitgeteilt haben sollte, ist von mir erdichtet worden."(Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.251, S. v. 27.5.1924)
Besonders originell wirkt diese Strategie aus heutiger Betrachtung nicht, dennoch scheint sie zum damaligen Zeitpunkt für Verteidiger Dr. Sack und Dr. Hahn einer der plausiblen Wege zu sein, um Dr. Grandel aus dem Verfahren möglichst straffrei herauszubringen. So heißt es weiter:
"Die Glaubwürdigkeit des Angeklagten wurde durch drei vom Untersuchungsrichter Nothmann angeordnete medizinische Gutachten zusätzlich in Frage gestellt. Sie attestierten Grandel einen erheblichen Herzfehler, schwerste Melancholie und starke Depressionen. Auch der Mitangeklagte Alexander Thormann wurde von den hinzugezogenen Medizinern als 'geistig minderwertig' eingeschätzt. Grandel selbst verwies vor Gericht ebenfalls auf seinen labilen seelischen Zustand, der zu seiner ersten Aussage geführt habe." (Biographie "Heinrich Claß, 1868-1953")
In einem Zeitungsartikel der Hamburger Nachrichten wird diese Aussage differenziert:
Prof. Seelert "vermag kein abschließendes Urteil abzugeben, da er den Verhandlungen nicht beigewohnt hat".
Der zweite Sachverständige "Medizinalrat Dr. (-Robert-) Störmer (-60-) stellt fest, daß das Krankheitsbild der Melancholie auf Grandel nicht zutrifft, denn bei dieser Krankheitserscheinung liege die Aktivität völlig darnieder".
Nur der dritte Sachverständige, Prof. (Dr. Kurt Wilhelm-) Strauch, ist sich sicher:
Dr. Grandel "biete das typische Bild eines schwerblütigen und schwermütigen Menschen, der in der Untersuchungshaft geistig zusammenbrach und nicht mehr Herr seiner Nerven war, als er das Geständnis ablegte". Er sei in dieser Phase "gemütskrank gewesen", wird Professor Strauch in der "Deutschen Zeitung" vom 5. Juni 1924 zitiert.
Zu dem Sachverständigen Dr. Kurt Strauch heißt es an anderer Stelle:
"Zu einer erhebenden Feier gestaltete sich die am 14. Febr. (-1902-) in der Loge 'Zur Verschwiegenheit' abgehaltene Aufnahmeloge, in welcher es dem sehr ehrw.(-ürdigen-) zugeord. Mstr. v. St.(-uhl-) Br.(-uder-) Strauch (Dr. med., Geh. Sanitätsrat) vergönnt war, seinen Sohn, den Dr. med. Kurt Strauch, dem Bunde zuzuführen und als hammerführender Mstr. denselben persönlich in unsere grosse Kette einzureihen." (Freimaurer-Zeitung, Bd.56, S.125 - 1902)
Die Verteidiger von Dr. Grandel erhoffen sich nicht nur durch die kurzfristige Ladung vom Sachverständigen Dr. Strauch die Stützung ihrer Prozessstrategie:
"Die unter II benannten Sachverständigen sollen ihr Gutachten darüber abgeben, dass der Angeklagte Dr. Grandel ein Psychat ist, der unter schwerer Melancholie leidet und es sehr wohl möglich sein dürfte, dass er sich, wie sonst ein Durchschnittsmensch, bei dem die normalen Hemmungen gegeben sind und zur rechten Zeit einsetzen, über die Ernstlichkeit oder Nichternstlichkeit einer Besprechung über die Beseitigung des Generals v. Seeckt klare eigene Vorstellungen nicht mehr machen konnte. Die unter III benannten Zeugen (-Helene Grandel, Ölfabrik-Prokurist Josef Rupp, Amtsgerichtsrat Dr. Arnold Wagemann, Germanen-Ordensmitglied und Schriftsteller Hans Schröghamer-) werden bekunden, dass der Angeklagte insbesondere im Jahr 1923 sich so wesentlich in seinem Befinden verändert hat, dass er sogar körperlich und geistig eine Art Verfall zeigt, sodass sie die grössten Bedenken haben, noch weiter ihn im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zu wissen." (BArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bl.79/80 v. 24.5.1924)
Allgemein ist die auf Strafminderung ausgerichtete Strategie der Verteidigung nicht neu, das strafbare Verhalten der Angeklagten im Nachklang medizinisch zu bergründen. Es greift immer dann, wenn die eigentliche Tat nicht mehr zu leugnen ist. So erwähnt dann auch das sozialdemokratische Parteiorgan Vorwärts vom weiteren Prozessverlauf:
"Ein großer Komödiant vor dem Herrn ist auch der zweite Angeklagte Dr. Grandel. Er ist klein, sieht ein wenig bedrückt und bekümmert aus, macht aber gleichzeitig den Eindruck eines Menschen, der indigniert ist darüber, daß man ihn in diese Lage gebracht hat. Er spielt den großen Kranken, der so gefährlich krank ist, daß er jeden Augenblick auf und davon aus dem Leben gehen kann. Er spricht mit ganz leiser Stimme, kaum ist er im Saal zu verstehen, sehr häufig muß Pause gemacht werden, weil er nicht länger folgen kann, und während der Verhandlung werden ihm Baldriantropfen eingeflößt. Es soll zugegeben werden, daß Dr. Grandel herzkrank ist, aber sicher nicht herzkranker, als tausend andere Menschen, die dabei ihrer schweren, täglichen Arbeit nachgehen müssen. In Wahrheit will Dr. Grandel die schwere Krankheit vortäuschen aus leicht durchsichtigen Gründen. Es liegt hier der typische Fall der Flucht in die Krankheit vor, wie man es mit einem medizinischen Fachausdruck bezeichnet. Diese Machenschaft zu erkennen ist nicht schwer und unwillkürlich denkt man an Eulenburg ... Dieser Grandel hat wirklich den Beruf verfehlt. Er hätte nicht Chemiker, sondern Schauspieler werden müssen. Wenn er so vor Gericht, leise, stockend und, wenn er es für notwendig und nützlich hält, unter Tränenerguß erzählt, wie er mit hat helfen wollen, Spitzel zu entlarven, wie er sich so gar nichts, aber auch rein gar nichts Schlimmes dabei gedacht hat, wie er mit bestem Gewissen nach Augsburg gefahren ist, wie er sich in seiner Heimat so ganz zufällig den Paß hat erneuern und nur auf das Drängen des Beamten den Vermerk: 'Gültig für die angrenzenden Länder' hat hineinschreiben lassen, das ist ganz fabelhaft, das ist die Leistung eines glänzenden Schauspielers." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 - "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)
Doch der Versuch, Zeugen des Angeklagten in die Prozessstrategie einzubauen, schlägt fehl. So schreibt Gerichtsmedizinalrat Dr. Robert Stoermer in seinem abschließenden Gutachten:
"Es gibt hauptsächlich 2 Wege, über einen suspekten Geisteszustand ins Klare zu kommen.
1.) Die systematische Untersuchung des zu Begutachtenden in der Weise, dass man sich durch möglichst eingehende Unterredungen Kenntnis von seiner geistigen Beschaffenheit im Einzelnen zu verschaffen sucht,
2.) durch Befragung von Zeugen.-
Was den letzteren Weg anlangt, so versagt er im vorliegenden Falle; denn Zeugen, die über Dr. Grandel's Geistesbeschaffenheit etwas aussagen könnten, sind mir nicht bekannt geworden, so sehr ich mich auch bemühte.-
Als einzigen Zeugen, der diese und jene Auffälligkeit, die vorgekommen sein soll, mit erlebt hat, nennt Dr. Grandel stets nur seine eigene Frau und auch diese hat mir gegenüber wenigstens so vollständig versagt, dass sie auch nicht das kleinste Ereignis aus dem Leben ihres Mannes, welches für das Gutachten verwertet werden könnte, mir mitzuteilen imstande war. Wenn schon die eigene Ehefrau, auf welche Dr. G.(-randel-) sich vielfach berufen hat, so vollkommen versagt, dann ist die Vermutung wenigstens berechtigt, dass solche Vorkommnisse, die Bedenken gegen den Geisteszustand des Dr. G.(-randel-) erwecken können, wohl überhaupt nicht vorgekommen sein werden.-
Es ist auch hier gleich der Ort, die Mitteilungen des Herrn Dr. (-?-) Rupp kritisch zu beleuchten.- Ich finde an ihnen garnichts auffallendes und jedenfalls kann ich in ihnen keinen Beweis für eine geistige Abnormität irgendwelcher Art erblicken. Fälle von derartiger Zerstreutheit, wir Dr. (-?-) Rupp sie von Dr. Grandel mir nur berichten konnte, sind nicht besonders auffallend im Leben eines Mannes, dem sehr viel durch den Kopf geht.-(...) Man muss bedenken, welche enormen Anforderungen die gesamten wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Jahres 1923 an einen Grosskaufmann stellten (...)." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.269-270/Bl.20-21 - Prozessakte Thormann-Grandel, Gutachten von Medizinalrat Dr. Robert Stoermer an Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 25.3.1924)
Neben der gerichtsmedizinischen Beurteilung spielen für die Verteidigung auch verfahrenstechnische Dinge eine Rolle, um die Tatvorwürfe der Anklageschrift möglichst abzuschwächen. So folgert der Verteidiger Dr. Grandels vor der beginnenden Zeugenbefragung:
"Dann bittet ein Verteidiger um Schluß der Beweisaufnahme, ehe noch ein einziger Belastungszeuge vernommen ist. Ein sehr einfaches Mittel, das zur Freisprechung jedes Verbrechers führen müßte. Aber leider im Widerspruch mit der Strafprozeßordnung, die die Erhebung auch der Belastungsbeweise verlangt.(...) Dr. Sack stellte vor vor der Vernehmung den Antrag, schon jetzt die Beweisaufnahme zu schließen, da vom Gericht nach dem Gutachten der Sachverständigen die Ernsthaftigkeit des Vorhabens der Angeklagten nicht mehr angenommen werden könne.(...) (-Thormanns-) Rechtsanwalt P. Bloch (-Friedrichstraße 175-) lehnte es ab, sich dem Antrag des Mitverteidigers (-Dr. Sack-) anzuschließen." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Tageblatt, Nr.256 - "Belastungszeugen im Thormann-Grandelprozeß" v. 30.5.1924)

Sich für kein juristisches Manöver zu schade: Dr. Grandels Strafverteidiger Dr. Alfons Sack (BArch: Bild 183-R90778 / Groß, A.)
In einem prozessbegleitenden Artikel wird vermerkt:
"Der Rechtsanwalt Sack regt an, da er gegen die Ladung des Generals v. Seeckt durch den Generalstaatsanwalt keine strafprozessuale Handhabe besitze, die Beweisaufnahme jetzt zu schließen. Gelassen erwidert der Generalstaatsanwalt, solche Schließung der Beweisaufnahme im gegenwärtigen Stadium würde das Verfahren freilich sehr vereinfachen, und wenn die Belastungszeugen nicht gehört würden, so wäre das für die Angeklagten sehr angenehm, mit der Rechtspflege aber nicht zu vereinbaren. Die Verteidiger Bloch und Hahn schließen sich dem Antrage ihres Kollegen (Dr. Sack) an, aber resigniert meint der Vorsitzende, er sei für die Bemühungen zur Abkürzung des Prozesses sehr dankbar, bei dem Widerspruch der Staatsanwaltschaft aber könne er dem Antrage keine Folge geben." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.256, S.4 - "Der Attentats-Prozeß" v. 30.5.1924)
In der Vossischen Zeitung heißt es zu der Befragung durch den Staatsanwalt weiter:
"Dramatisch wird es, als nun der Generalstaatsanwalt seine Fragen beginnt. Der Rechtsanwalt Sack treibt Obstruktion und beanstandet jede der Fragen des Generalstaatsanwalts. Im lustigen Hin und Her geht der Gerichtshof, bei dem jetzt auch die sechs Geschworenen nach der Neuordnung mitreden, ins Beratungszimmer hinein und wieder hinaus. 'Sie machen uns das Leben recht schwer', meint der Vorsitzende, aber der Rechtsanwalt Sack hält an seiner Obstruktion fest, und der Vorsitzende weiß hernach, um ihm zu ausführlich scheinende Beweisanträge des Generalstaatsanwalts zu behindern, sich dieser Obstruktionslust des Rechtsanwalts zu bedienen. Der Erfolg ist zunächst einmal eine große Verzögerung des Prozeßganges, eine allgemeine Verärgerung, außerdem aber auch, daß der Zeuge Claß keine Frage des Generalstaatsanwalts sofort zu beantworten braucht, so daß zwischen Fragestellung und Beantwortung ein ziemlicher Zeitraum liegt, während dessen auch wohl mal der Zeuge mit den Verteidigern ein Wort wechseln könnte und auch wechselt." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.253, S.1 - "Claß und Seeckt" v. 28.5.1924)

Generalstaatsanwalt Dr. Lindow - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Bei dem allgemeinen Bestreben der Verteidigung, Gottfried Grandel einen kranken oder gar verwirrten Zustand zu attestieren, spielt auch das vom Medizinalrat Dr. Stoermer erstellte Gutachten eine gewichtige Rolle während des Prozesses, doch der Mediziner ist skeptisch. In seinem "Gutachten über den Geisteszustand des Herrn Dr. Grandel" vom 25. März 1924 rekapituliert er:
"... dass Frau Dr. G.(-randel-) mir zwar in ganz allgemeinen Aeusserungen die Vermutung aussprach: ihr Mann könne wohl nicht geistig gesund sein, dass sie aber diese Ansicht auch nicht mit einer einzigen positiven Tatsache belegen konnte."
Weiter notiert Medizinalrat Dr. Robert Stoermer:
"(...) Zeugen, die über Dr. Grandel's Geistesbeschaffenheit etwas aussagen könnten, sind mir nicht bekannt geworden, so sehr ich mich auch darum bemühte.- Als einzigen Zeugen, der diese und jene Auffälligkeit, die vorgekommen sein soll, mit erlebt hat, nennt Dr. G.(-randel-) stets nur seine eigene Frau und auch diese hat mir gegenüber wenigstens so vollständig versagt, dass sie auch nicht das kleinste Ereignis aus dem Leben ihres Mannes, welches für dieses Gutachten verwertet werden könnte, mir mitzuteilen imstande war. Wenn schon die eigene Ehefrau, auf welche Dr. G.(-randel-) sich vielfach berufen hat, so vollkommen versagt, dann ist die Vermutung wenigstens berechtigt, dass solche Vorkommnisse, die Bedenken gegen den Geisteszustand des Dr. G.(-randel-) erwecken können, wohl überhaupt nicht vorgekommen sein werden.- Es ist auch hier gleich der ort, die Mitteilungen des Herrn Rupp kritisch zu beleuchten.- ich finde an ihnen gar nichts auffallendes und jedenfalls kann ich in ihnen keinen Beweis für eine geistige Abnormität irgendwelcher Art erblicken." (Gutachten des Gerichtsmediziners Dr. Robert Stoermer, S.269-270/Bl.20-21 v. 25.3.1924)
Doch Dr. Stoermers Ansatz, Zeugen aus dem privaten Umfeld Grandels zu finden, die krankheitsrelevante Verhaltensauffälligkeiten an ihm bestätigen könnten, scheitert. Josef Rupp vermerkt nach den Aufzeichnungen Dr. Stoermers (S.3) zu dem privaten Umfeld Gottfried Grandels:
"Leute, die ihn aus persönlichem Umgang kennen, hat Dr. G.(-randel-) nicht, da er keinen Verkehr kenne."
Das dem Gutachten angefügte persönliche Interview Dr. Stoermers mit Gottfried Grandel (ab S.10) scheint diese Aussage zu bestätigen:
"38.) Mit welchen Personen in Augsburg oder sonst haben Sie wirklich freundschaftlichen Verkehr?
38.) In Augsburg mit Niemand.
39.) Und sonst?
39.) Ich darf sagen, dass der einzige Freund, den ich habe, der Schriftsteller Franz Schrönghamer, Iggenbach b. Deggendorf i. Niederbayern ist.
40.) Welche Familien gehören zu Ihrem täglichen Verkehr in Augsburg?
40.) Ich verkehre mit Niemandem.
41.) Welche Herren gehören zu Ihrem Stammtisch?
41.) Ich gehe nie aus.
42.) Gehören Sie keinem Spielklub, Kegelklub etc. an?
42.) Nein, keiner Vereinigung, keiner Verbindung, keiner Loge."
Abgesehen davon, dass Karl Böhrer Gottfried Grandel attestiert, Hochgradfreimaurer zu sein: Ganz so kontaktarm ist das Leben des Dr. Gottfried Grandel dann doch nicht. Er hätte den Augsburger Amtmann Georg Fischer und den ehemaligen Müchener Polizeipräsidenten Pöhner als Freund benennen können - oder den Wanderredner Heinrich Dolle, der bei ihm über Monate gewohnt hatte und sich selbst als Freund Dr. Grandels bezeichnete. Das Problem wäre nur gewesen: Sie hätten eine "Geistesstörung" im medizinischen Sinne wohl auch nicht bestätigen können, zum anderen lag es Gottfried Grandel offenbar fern, nationalsozialistische Kontaktkreise in die eigene Prozessebene mit einzubeziehen.
So obliegt es seiner Frau Helene Grandel, den Medizinalrat Dr. Stoermer darauf hinzuweisen, dass ihr Mann des öfteren von Wilhelm Frick (und ...?) des öfteren Besuch bekam.
Schon im März hatte sie in zwei Schreiben an den Untersuchungsrichter Dr. Nothmann das ihr Mögliche versucht, um ihren Mann wenigstens aus der Berliner Untersuchungshaft frei zu bekommen.
So schrieb sie am 10. März 1924:
"Sehr verehrter Herr Landgerichtsrat,
in der entsetzlichen Ungewißheit, in der ich schwebe und die mich nach all den schrecklichen Erlebnissen der letzten Zeit lähmt, wage ich es, die Bitte an sie zu richten, bei dem zuständigen Herrn Staatsanwalt ein gutes Wort zu ... für die Haftentlassung meines Mannes gegen Kaution. Ich bot Ihnen ein Kind als Geißel an und das ist mein bitterer Ernst. Ich fürchte so sehr für die Gesundheit und den Geisteszustand meines Mannes, wenn er noch lange in Haft bleiben muss. Und eine Flucht ist ausgeschlossen, dafür bürge ich, wenn's Not tut, mit einem meiner Kinder.
Verzeihen Sie die Belästigung und nehmen Sie Dank und Grüße von Ihrer sehr ergebenen Helene Grandel"
In einem weiteren Schreiben an den Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann heißt es:
"Sehr verehrter Herr Landgerichtsrat,
in meiner großen Not wage ich es, mich nochmals an Sie zu wenden. Ich hörte, dass Sie die Haftentlassung meines Mannes ablehnen und das hat mich ganz verzweifelt gemacht. Ich bitte Sie, ich flehe Sie an, helfen Sie uns, wenn Sie können, es ist ja völlig ausgeschlossen, dass mein Mann fliehen würde. Ich bin mir in so entsetzlicher Angst und Sorge um seine Gesundheit, denn dass mein Mann schwer krank ist, weiß ich nur zu gut. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie belästige, aber meine Kräfte werden ganz verzehrt in der Sorge um meinen Mann und mein Vertrauen zu Ihnen ist groß.
Ihre sehr ergebene Helene Grandel."
Der von der Verteidigung gestellte Haftentlassungsantrag wird jedoch höchstinstanzlich abgelehnt.
"Es wird jetzt von der Staatsanwaltschaft die Anklage ausgearbeitet, die auf Mordversuch lautet." (Sozialdemokrat, Nr.82: "Der Mordanschlag gegen Seeckt", S.6 v. 5.4.1924)
Ein weiterer Schwerpunkt der Verteidiger ist der Versuch, die Zeugen der Anklage in ihrer Qualität gemindert darzustellen. Hier ergeben sich tatsächlich bei dem Roßbach-Leutnant v. Tettenborn geeignete Ansätze und ganz besonders auch bei dem angeblichen Major Gilbert. Doch die Zeitung Vorwärts (Nr.255) bemerkt in ihrer Ausgabe vom 1. Juni 1924 unter der Überschrift "Spitzelsumpf" zugleich:
"Viel mehr Aufmerksamkeit verdienen die Treibereien des Alldeutschen Vernbandes und seines Führers Claß gegen die Republik, gegen die Legalität, gegen den 'Mann mit der eisernen Maske', General von Seeckt. Selbst wenn diejenigen, die den Thormann ans Messer lieferten, das Gegenteil von Gentlemen sind - es bleibt doch die Tasache, daß der Fabrikant Grandel in seinem Geständnis Dinge verraten hat, die nur sehr wenigen eingeweihten bekannt sein konnten und die einen hohen Grad von innerer Wahrscheinlichkeit haben (...) Grandel erfährt von dem Mordplan, läßt sich den vermeintlichen Mörder vorführen, stellt Geld in Aussicht - und verrät alles, was innerlich den Mordplan wahrscheinlich zu machen in der Lage ist. Das alles soll jetzt nicht wahr sein? Soll einem 'Drang zur Selbstbezichtigung' zu danken sein?"
Der Zeuge v. Tettenborn äußert in seiner gerichtlichen Vernehmung weiter:
"Nach der Verhaftung Thormanns bat mich Rechtsanwalt Sack (der jetzige Verteidiger Grandels) in seine Wohnung und sagte: 'die Sache Thormann-Grandel ist ein nationales Unglück. Wenn noch neue Verhaftungen hinzukommen, müßte ich die Verteidigung niederlegen.' Da kam jemand zu mir, dessem Namen (-Reventlow-) ich noch nicht nenne, der mich bat, Thormann zu belasten, aber Grandel und Claß herauszulassen, Herr Claß wäre bereit, mit Herrn v. Graefe eine Aussprache zu führen.'" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.301 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.11 - 1924)
Während der zeugenvernehmung geht Rechtsanwalt Dr. Sack gegenüber dem Vertreter des Reichskommissariats für öffentliche Ordnung, Mühleisen, hart ins Gericht. Sein Vorwurf lautet:
"Sie haben ja das Seeckt-Attentat selbst mit fabriziert!" (Die Weltbühne, Bd.14-29, S.616 - 1978)
Die Zeugenvernehmung im Thormann-Grandel-Prozess
(411-1924) Berlin-Mitte, Landgericht I - Saal 253, Neue Friedrichstraße 12-17 (heute Littenstraße)
26. Mai - 5. Juni 1924
Vor den Türen des Berliner Landgerichts herrscht großer Andrang; die Sicherheitsvorkehrungen sind erhöht. Nicht nur die Pressevertreter erkennen durch die politische Dimension der Vorermittlungen einen erhöhten Nachrichtenwert, auch die konkurrierenden völkischen Gruppierungen verfolgen die Verhandlung mit gesteigertem Interesse.

Prozessandrang vor dem Berliner Schwurgerichtssaal: Warten auf den Einlass (BArch: Symbolbild 102-17228 / Pahl, Georg)
Die Akustik im großen Moabiter Schwurgerichtssaal ist für die Prozessbeobachter hingegen nicht einfach, besonders, wenn die Angeklagten oder Zeugen vor den vollbesetzten Zuschauerrängen ungern ein Zeugnis abzulegen bereit sind. Der Vorsitzende Richter, Landgerichtsdirektor Dr. Paul Tolk, ermahnt den Zeugen:
"Seien Sie sich Ihrer Verantwortung bewußt und sprechen Sie die Wahrheit!"
In der Vossischen Zeitung wird über die Auftaktverhandlung im Thormann-Grandel-Prozess berichtet:
"Heute vormittag begann vor dem Schwurgericht I der Prozeß, der sich mit dem Attentatsplan gegen General v. Seeckt zu beschäftigen hat. Angeklagt sind die beiden Rechtsradikalen Thormann und Dr. Grandel." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.249, S.4 - "Das Seeckt-Attentat vor Gericht" v. 26.5.1924)
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Blick auf die Anklagebank: Verhandlung im Großen Schwurgerichtssaal des Berliner Landgerichts (BArch: Symbolbild 102-17226 / Pahl, Georg)
Da der Thormann-Grandel-Prozess internationale Aufmerksamkeit erfährt, ist der Berliner Gerichtssaal voll besetzt. Die Luft im Verhandlungssaal ist schnell verbraucht. Zu den Pausen begeben sich die Verteidiger auf den Gerichtsflur und zünden sich ihre Zigaretten an, währen im Verhandlungssaal der Justizwachtmeister die großen Fensterflügel öffnet. Frische Frühlingsluft ergißt sich in die Räumlichkeit:
"Der nicht gerade kleine Zuschauerraum des alten Schwurgerichtssaales ist an jedem Verhandlungstag übervoll. Es ist ja in Berlin nicht leicht, in den Mienen dieser Leute zu lesen, um zu erfahren, welche Motive sie in den Gerichtssaal geführt haben. Aber ab und zu erhascht man doch so etwas wie ein Genrebildchen. Da sitzen zwei nebeneinander im Zuschauerraum. Sie möchten miteinander sprechen über den Prozeß und die Angeklagten,, doch sie wissen nicht, woran sie sind. Da schlägt der eine, so wie zufällig, den Rock zurück, und auf diese Weise glänzt das Hakenkreuz. Der andere lüpft nun ebenfalls das Jackett und zeigt gleichfalls ein Hakenkreuz, das berühmte Hakenkreuz, würde Thormann sagen. Und in den Armen liegen sich beide. Nette Gesellschaft, diese Hakenkreuzbrüder, das kann man auch aus dieser kleinen Szene erkennen. Man versteckt es, weil man nicht weiß, ob es, in Moabit und im Gerichtssaal offen getragen, nicht allerhand Unbequemlichkeiten bringen könnte." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)

Landgerichtsprozess in Berlin-Moabit: Besucher im Großen Schwurgerichtssaal (BArch: Symbolbild 102-17227 / Pahl, Georg)
Prozessbeobachter Joseph Roth beschreibt seine Eindrücke aus dem Berliner Landgericht:
"Wer oft in Gerichtssäle kommt, wird wissen, daß die Zuhörer charakteristisch sind für die 'Sache', über die verhandelt wird. Ich will versuchen, einen Teil dieser Zuhörer zu beschreiben: Männer zwischen achtzehn und vierzig. Kleinbürger, gewesene Offiziere, Matrosen, die man an ihren scharfen und zugleich naiven Augen erkennt, Studenten und Halbstudenten, viele in der schon Uniform gewordenen Kleidung derjenigen, denen der politische Dilettantismus zum Sport geworden ist und die infolgedessen Sportjacken mit Gürtel tragen. Ich habe den Mut, eine eigene Rassentheorie aufzustellen, die ebensowenig wissenschaftlich fundiert ist wie jede Rassentheorie, aber mehr Wahrscheinlichkeit hat: Diese deutsche (-Organisation-)'Konsuln', Stahlhelmträger, Versailler-Rollen-Sprenger, Stammbaumkletterer hat eine gemeinsame Lebensweise, eine gemeinsame Denkart, ein einheitlicher Wahnwitz wirklich zu einer Gemeinschaft gemacht, die gemeinsame Rassemerkmale aufzuweisen hat. So bildet sich eine Ähnlichkeit unter Menschen, die lange in der Gefangenschaft oder in sibirischer Verbannung gelebt haben und von dem gleichen Ideenkomplex beherrscht werden. Es gibt wirklich eine Rasse: die völkische. Ihre Angehörigen sitzen im Gerichtssaal und stehen vor den Richtern." (Roth: "Das journalistische Werk 1924-1928", Bd.2 + Frankfurter Zeitung: "Prozess im Halbunkel", v. 4.6.1924)
Am dritten Verhandlungstag, dem 28. Mai 1924, drängeln sich im Warteflur die geladenen Prozesszeugen. Neben den geladenen Sachverständigen Dr. Störmer (60), Dr. Strauch (56) und Medizinalrat Dr. Hans Thiele (35) sind als Zeugen erschienen: Parteigeschäftsführer v. Tettenborn, der Student Koepke (26), Justizrat Class (56), Kaufmann Trepte (26), Ingenieur und Direktor Emil Lessel (54, Mohrenstraße 6, Berlin), Amtsgerichtsrat a.D. Dr. Wagemann, Merz, Prokurist Josef Rupp.
Der Hauptbelastungszeuge: Horst v. Tettenborn
Am Freitag, den 30. Mai 1924, kommt es zur Vorladung von diversen Zeugen der Anklage. Mit Spannung wird dabei auch die Aussage des Mannes verfolgt, der maßgeblich an der Vereitelung des Attentats mitgewirkt hat:
"Heute bekam man im Seeckt-Attentatsprozeß den Hauptbelastungszeugen zu hören. Horst v. Tettenborn ist eine bewegliche tänzerische Erscheinung, in allen Nerven vibrierend. Nie kommen die Glieder zur Ruhe." (Digitalisiert auf dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.256, S.3 - "Tettenborn" v. 30.5.1924)

Im scharfen Kreuzverhör durch Dr. Grandels Verteidiger Dr. Alfons Sack: DvFP-Parteigeschäftsführer Horst v. Tettenborn (Altonaerstraße 30, Berlin) - 30. Mai 1924 (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen" v. 31.5.1924 + GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen" v. 31.5.1924)
Auf den Fluren des Berliner Kriminalgerichts trifft der Hauptbelastungszeuge auf den Strafverteidiger Alexander Thormanns, Rechtsanwalt Paul Bloch. Verärgert hält dieser dem Zeugen v. Tettenborn zwei Artikel der Weltbühne vom März 1924 mit den Worten entgegen:
"Hätten Sie gewußt, was beabsichtigt war, so hätten Sie gewiß anders gehandelt, und Deutschland sähe heute anders aus." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.256, S.4 - "Der Attentats-Prozeß" v. 30.5.1924)
Weiter wird der Rechtsanwalt mit jüdischen Wurzeln in diesem Zusammenhang mit den Worten zitiert:
"Sie haben mit Ihrer etwas zweifelhaften Rolle großes Unglück über die Familie Grandel gebracht." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Tageblatt, Nr.256 - "Belastungszeugen im Thormann-Grandelprozeß" v. 30.5.1924)
Der wichtigste Belastungszeuge des Prozesses erscheint in Windjacke, Hitlerkappe und einem wuchtigen Eichenstock. Über den Werdegang v. Tettenborns heißt es:
"Ein Mann, der aus dem Baltikum stammt, 27 Jahre alt und auf Spesen in der Jugendorganisation der Deutschvölkischen Freiheitspartei angestellt ist." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.297 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.7 - 1924)
Auftritt mit wuchtigem Eichenstock: Hauptbelastungszeuge Horst v. Tettenborn - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Aufmerksam verfolgen die Jornalisten der unterschiedlichsten politischen Verortung die einwöchige Verhandlung am Berliner Landgericht. Joseph Roth ist einer von ihnen. Zu Alexander Thormanns DvFP-Mittelsmann notiert er:
"Tettenborn, der Sekretär der (-Deutschvölkischen Freiheits-)Partei, mit dem länglichen, scharfen Gesicht, dem windhundähnlichen Profil. Alles ist Spitze in diesem Antlitz, die Nase, das Kinn, die Backenknochen, alles sucht, drängt sich vor, wittert, der Blick verrät Bereitschaft zu allem und flüchtet sich doch hinter die Lidervorhänge wie ein Lauscher, der immer fürchtet, er hätte sich zu weit vorgewagt." (Roth: "Das journalistische Werk 1924-1928", Bd.2, S. 196 + Frankfurter Zeitung: "Prozess im Halbunkel" v. 4.6.1924)

Die zwei Angeklagten Gottfried Grandel (l) und Alexander Thormann in Konfrontation mit dem Hauptbelastungszeugen Horst v. Tettenborn (r). Im Hintergrund rechts Landgerichtsdirektor Tolk - 30. Mai 1924 (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 - "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)
Zu dem agilen Hauptbelastungszeugen der Deutschvölkischen Freiheitspartei heißt es weiter:
"Während seiner Aussage zeigte er sich außerordentlich beweglich. Er sprach bald zum Richtertisch, bald trat er auf die Verteidiger zu, und einmal drehte er sich, zum Zeichen, daß ihm ein Vorhalt (-durch Alexander Thormann-) als absurd erschien, sozusagen um die eigene Achse. Landgerichtsdirektor Tolk sah sich schließlich veranlaßt, den Zeugen zu ersuchen, doch die ständigen Bewegungen zu unterlassen. Der Vorsitzende meinte dabei: 'Man kann ja seekrank werden, wenn man Ihnen zusieht.' Den Angeklagten Thormann hat Tettenborn im Kreise der Roßbach-Anhänger kennengelernt. Am 4. Januar 1924 sei Thormann dann im Büro der Deutschvölkischen Freiheitspartei erschienen und habe nach dem Abgeordneten (-Reinhard-) Wulle (-Mitglied des Germanen-Ordens-) gefragt. Zwischen Tettenborn und Thormann fand bald darauf eine Unterredung statt, bei der Thormann sich über das Vorgehen des Generals v. Seeckt gegen die Organisation Consul beschwerte. Thormann habe schließlich erklärt, er komme aus München mit dem Auftrage, General v. Seeckt zu ermorden; Tettenborn solle ihm dabei helfen. Diese Aussage löste im Gerichtssaale starke Bewegung aus. Der Vorsitzende erklärte überrascht:
'Von dieser wichtigen Tatsache haben Sie in der Voruntersuchung nicht ein Wort gesagt.'
Auch die Verteidiger gaben ihrer Ueberraschung Ausdruck, und es wurde der Untersuchungsrichter, der die Vernehmungen Tettenborns geführt hat, noch einmal als Zeuge geladen. Tettenborn fuhr dann fort: Er habe mit der Möglichkeit gerechnet, daß Thormann ein Spitzel sei. Um sich zu decken, habe er einen versiegelten Brief, der eine Darstellung der Unterredung mit Thormann enthielt, dem Hauptmann a. D. Gilbert gegeben, der im Reichskommissariat für die öffentlichen Ordnung angestellt sei. Nach der Verhaftung der beiden Angeklagten sei man dann dreimal an ihn herangetreten, um eine Beilegung der Sache zu versuchen. Graf Reventlow sei bei ihm erschienen und habe erklärt, der Justizrat Claß müsse unter allen Umständen aus dem Spiel bleiben. Tettenborn hat dann gehört, daß Justizrat Claß, der Führer des Alldeutschen Verbandes, bereit sei, seine ablehnende Haltung gegen die Deutschvölkische Freiheitspartei aufzugeben und mit ihr zusammenzugehen. Es kam dann zwischen der Verteidigung und dem Zeugen Tettenborn zu einer längeren Erörterung über die Verwendung der Gelder, die Thormann an Tettenborn und Koepke gegeben hat. Tettenborn bemerkt dabei, er habe sich absichtlich möglichst viel Geld von Thormann geben lassen, um herauszubekommen, wer die Hintermänner Thormanns seien. Die weiteren Vorgänge, insbesondere die Zusammenkunft Tettenborns und Thormanns mit Grandel und dessen gemeinsamer Gang mit Koepke nach der Bendlerstraße schilderte Tettenborn in der bereits aus früheren Aussagen bekannten Weise. Er bemerkte dazu: 'Wir hatten vorsichtshalber durch Geh.Rat Mühleisen den General von Seeckt bitten lassen, an dem kritischen Tage (-15. Januar 1924-) nicht im Tattersall zu reiten, da wir es für nicht ausgeschlossen hielten, daß noch eine zweite Kolonne zur Ermordung des Generals 'angesetzt' worden sei.' Der von dem Zeugen von Tettenborn gegebenen Darstellung widersprachen sowohl Thormann als auch Grandel." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen" v. 31.5.1924)
In einem weiteren Prozessbericht wird zu dem Zeugen v. Tettenborn vermerkt:
"Generalstaatsanw.(- Lindow-): Nannte Thormann Ihnen den Namern Dr. Grandels?
Zeuge: Nein, er sprach nur von seinem Geldgeber und seiner 'vorgesetzten Stelle'.
Generalstattsanw.: Wer ist der Mann, der Sie ersuchte, Dr. Grandel nicht zu belasten?
Zeuge: Es ist ein Abgeordneter der Partei. Ich weiß nicht ... (nach einigem Zögern) es ist Graf Reventlow." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Tageblatt, Nr.256 - "Belastungszeugen im Thormann-Grandelprozeß" v. 30.5.1924)

Aussage vor dem Berliner Landgericht: Hauptzeuge Horst v. Tettenborn, im Hintergrund rechts oben der Angeklagte Alexander Thormann - 29. Mai 1924 (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.95 - 8 Uhr Abendblatt, Nr.126, S.5 - "Wer ist der Spitzel?" v. 30.5.1924)
Der Zeuge führt zum Ablauf der Attentatsvorbereitungen weiter aus:
"Am anderen Tage kam Thormann zu mir und sagte, am 15. Januar (-1924-) wird General von Seeckt die vollziehende Gewalt niederlegen. Bis dahin muß General von Seckt unbedingt fallen, sonst ist die geplante große anderweitige Unternehmung nicht mehr ausführbar." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.256, S.4 - "Der Attentats-Prozeß" v. 30.5.1924)
Zur Charakterisierung des Zeugen Horst v. Tettenborn führt das Zentralorgan der SPD aus:
"Es sind nicht viel Zeugen zu diesem Prozeß geladen. Aber ein paar markante Gestalten sind darunter. Da ist zunächst der Herr v. Tettenborn. Ein noch junger Mensch in Original-Hitler-Uniform mit einem derben Knotenstock in der Hand. Mit unglaublicher und geradezu beleidigend salopper Haltung tritt er vor den Richtertisch, und zu dieser Haltung, diesem Benehmen, das man am besten und treffensten mit schnoddrig bezeichnen kann, steht in starkem Kontrast seine knappe, militärisch-kurze Art zu antworten. Er sagt nicht Ja, der junge Mann, sondern Jawoll! Er ist einer der angeblichen Spitzel, die von den Angeklagten (-Alexander Thormanns Verteidigungsstrategie-) entlarvt werden sollten. Er sitzt im Parteibureau der Deutschvölkischen, der Thormann, der es doch wissen muß, die Prädikate Großmannssucht und Geldgier beigelegt hat. Sieht man sich den Tettenborn näher an, weiß man, daß der Thormann in diesem Punkt sicherlich nicht gelogen hat. Dem Tettenborn ist die Parole: Ich mache alles! geradezu in das Gesicht geschrieben!" (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 - "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)
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"Mörderisch von den Angeklagten gehaßt": Hauptbelastungszeuge Horst v. Tettenborn - 26. Mai 1924 (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.79 - 8 Uhr Abendblatt, Nr.123, S.5 - "Das Mordkomplott gegen General v. Seeckt" v. 26.5.1924 / Zeichnung: Mannas)
Doch der Zeuge v. Tettenborn definiert vor dem Berliner Landgericht auch Grenzen:
"'Ich wollte das Attentat, das ich für ein nationales Unglück hielt, verhindern. Ich wollte den eigentlichen Auftraggebern und Geldleuten auf die Spur kommen. Diese Hinterleute verfolgten nach meiner Meinung zwei Ziele: Die Beseitigung des Generals von Seeckt und die Bloßstellung der Deutschvölkischen Freiheitspartei; denn wäre das Attentat ausgeführt worden, so hätte man sicherlich die Mörder meiner Partei an die Rockschöße gehängt.'
Die Glaubwürdigkeit dieses Hauptbelastungszeugen ist in manchen Fällen nicht einwandfrei. Aber in diesem Punkt ist ihm bestimmt zu glauben, daß Grandel einer der Auftraggeber und Kapitalgeber gewesen ist. Mit Grandel besprach er die Ausführung des Planes und die Vorbereitung zu einem neuen Attentat. 'Ich sollte mit Thormann nach Hohen-Schwalbach (-Langen-Schwallbach?-) fliehen, um das nächste Attentat gegen General (-Walther-) Reinhardt vorzubereiten.'" (Volksstimme, Magdeburg, Nr.132, S.1 - "Der Mann im Hintergrund" v. 7.6.1924 + Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.301 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.11 - 1924)

Konkurrenten um die Heeresleitung: Generaloberst Hans v. Seekt (l.) mit General Walther Reinhardt - 1925 (BArch: Bild 136-B1042 / Tellgmann, Oscar)
In einem weiteren Artikel wird über die beiden Hauptbelastungszeugen Horst Gilbert und v. Tettenborn berichtet:
"In diesem Zusammenhang sei die interessante Feststellung gemacht, daß gerade diese beiden Persönlichkeiten (...) in der Mordsache Parchim, die demnächst vor dem Staatsgerichtshof zur Verhandlung kommen dürfte, mit unter der Anklage der Begünstigung stehen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.35, S.3 - "Der Helfer Thormanns" v. 22.1.1924)
Nach dem Prozess berichtet der frühe Mitarbeiter Dietrich Eckarts, Alfred Rosenberg, über den Hauptbelastungszeugen v. Tettenborn:
"Wir haben uns auch immer wieder gewundert, daß ausgerechnet ein Herr v. Tettenborn (-Albrecht v.-) Graefes rechte Hand war, ein Mensch, dem man die jüdische Abkunft auf zehn Schritte ansah, was sich dann auch später bestätigte. Wir haben uns aber nicht erlaubt, Herrn Graefe Vorhaltungen über seine Vertrauten zu machen. Die D(-eutschvölkische-)F(-reiheits-)P(-artei-) jedoch hat jeden bekämpft, der ihr irgendwie nicht genehm war. Dieser Tettenborn hat nun die allerübelste Rolle im Thormann-Grandel-Prozeß gespielt, ist aber bis heute noch nicht offiziell aus der DFP ausgeschlossen worden." (Tagungsrede von Alfred Rosenberg v. 20.7.1924 in Jochmann: "Nationalsozialismus und Revolution", S.108 - 1963)

Völkisch und doch konträr: Hauptbelastungszeuge Horst v. Tettenborn und der Angeklagte Alexander Thormann - 27. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Volkszeitung, Nr.252, S.2 - "Claßens dunkle Rolle" v. 28.5.1924)
Schon im Vorjahr fasst Alfred Roth über die Deutschvölkische Freiheitspartei zusammen:
"Der Erfolg dieser Gründung ist nur eine neue Zerspaltung der völkischen Bewegung. Das müssen wir grundsätzlich ablehnen, ganz abgesehen davon, daß wir übergenug haben von dem ganzen Parteikram und seinen zersetzenden Folgen. Wir dürfen auch nie aus den Augen verlieren, daß das Bestreben der zielstebigen Deutschvölkischen auf die Überwindung des gesamten Parteiengetriebes hinausläuft. Die Zeit ist viel zu ernst, als daß wir parteisüchtigen Eigenbröteleien Vorschub leisten dürfen. Eine so kleine Fraktion kann im Reichstage zudem nicht zur Geltung kommen, weil auf Jahre hinaus keine Neuwahlen stattfinden. Das ganze läuft ja doch nur auf den Versuch hinaus, die völkische Bewegung in die Hände gewisser Orden zu spielen, der schon mit dem 'Deutschvölkischen Arbeitsring' gemacht wurde und auch viel Unheil stiftete." (BArch Berlin: R8048/256, Alfred Roth: Faltblatt/Neujahrszusammenfassung v. 4.1.1923)
Zu dem von Alfred Roth angesprochenen Deutschvölkischen Arbeitsring heißt es bei Wikipedia unter Reinhold Wulle:
"Im Frühjahr 1920 gründete (-Germanen-Ordensmitglied Reinhold-) Wulle zusammen mit (-Germanen-Ordensmitglied Dr.-) Arnold Ruge und Richard Kunze den 'Deutschvölkischen Arbeitsring Berlin', ein Konkurrenzunternehmen zum Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund,(...)."
Der zweite Kronzeuge: Heinz Koepke, alias "Schumacher"

Als Spitzel vermeintlich bereit für den Mord am General: Student des Maschinenbaufaches Heinz Koepke (26, Pfaffenstraße 10, Neubrandenburg) - 30. Mai 1924 (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen" v. 31.5.1924 + GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen im Prozeß Thormann-Grandel" v. 31.5.1924)

Hauptbelastungszeuge Heinz Koepke - 1924 (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.62 - Prozessakte Thormann-Grandel, Hauptbelastungszeuge Heinz Koepke - 1924)
Während Justitzrat Heinrich Class in dem ersten Geständnis von Dr. Grandel als Impulsgeber für den Attentatsplan benannt wird, stellt sich am anderen Ende der Kette der Student Heinz Koepke als das vermeintlich ausführende Glied für das geplante Attentat zur Verfügung. Der Hauptbelastungszeuge v. Tettenborn kennt den früheren Adjutanten Koepke seit dem Polen-Putsch von 1921, bei dem v. Tettenborn als Offizier Ia bei Roßbach seinen Dienst verrichtete. Gerichtsreporter Joseph Roth schildert den Zeugen wie folgt:
"Dann gibt es noch einen Köpke, einen jungen Mann ohne Besonderheiten, der typische Botenjunge, fix, 'anstellig' und mit dem Hang zur Lüge ohne Zweck. Man kann viel mit ihm anfangen, er selbst kann es nicht. Dieser Mann war Leutnant. Alle waren Offiziere. Alle durften sie befehlen, strafen, Verantwortung tragen. Sie hatten den Beruf des Aufrechten und sind im Grunde Spitzel. Ihre Tricks sind billig. Dennoch 'fielen' sie aufeinander 'herein'." (Frankfurter Zeitung: "Prozeß im Halbdunkel" v. 4.6.24 u. "Joseph Roth Werke", 2. Bd, S.196)
Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts vermerkt:
"Und dann der Köpke, der Leutnant Köpke, der den Angeklagten gesagt haben soll, er sei bereit, den General v. Seeckt in der Reitbahn zu erschießen. Er reißt sich zwar etwas mehr zusammen vor Gericht, aber er sieht unsagbar frech aus, und mit frecher Miene mustert er die Personen im Gerichtssaal. Nur zur Anklagebank wandern die Blicke Tettenborns und Köpkes selten. Schaun sie aber mal hinüber, funkelt sie Thormann mit wütenden Blicken an. Diese 'guten Kameraden' und politischen Elitemenschen werden sich gewiß noch einmal im Leben begegnen, und dieses Zusammentreffen dürfte recht blutig werden." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 - "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)
Weiter heißt es zu dem Zeugen Koepke:
"Der zweite Hauptzeuge, Student Koepke, bekundete unter anderem, Tettenborn habe, als er ihm von seinen Unterredungen mit Thormann Mitteilung machte, gesagt, es bestände die Gefahr, daß durch Thormann der völkischen Bewegung ein großer Schaden zugefügt würde, namentlich dann, wenn Thormann vielleicht mit anderen Anhängern der Freiheitspartei sich in Verbindung setze. Man müsse unbedingt klarstellen, wer die Auftraggeber oder Hintermänner Thormanns seien. Thormann selbst erklärte, es ständen sehr einflußreiche Kreise hinter ihm. Als spiritus rector des Attentatsplanes wurde Grandel von Thormann bezeichnet. Thormann habe betont: Nach General von Seeckt komme ein Mann (-Erich Ludendorff sei ungeeignet/Hermann Ehrhardt?-), der eine völlige Umwälzung bewirken werde. Vorbereitungen dazu seien schon in den nationalen Verbänden und bei der Reichswehr getroffen. Thormann habe auch gedroht, daß Koepke im Falle etwaigen Verrats beseitigt werden würde. Um dieser Drohung mehr Nachdruck zu geben, habe Thormann auf eine Papierserviette des Lokales (-Leipziger Hof-), in dem die fragliche Unterredung stattdfand, einen Galgen und eine Kirche aufgezeichnet." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen im Prozeß Thormann-Grandel" v. 31.5.1924)
Schon im Vorlauf zum geplanten Attentat kommt Dr. Grandel zu einer persönlichen Einschätzung:
"Er machte auf mich durchaus den Eindruck eines Hochstaplers. Ich dachte bei mir: 'Wenn diese Art Leute Deutschland retten wollen, dann gerät es sicherlich nur immer tiefer in den Sumpf.'" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Nr.11, S.2 - "Landsknechttum im 20. Jahrhundert" v. 10.6.1924)

Student Heinz Koepke - 1924 (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.62 - Prozessakte Thormann-Grandel, Hauptbelastungszeuge Heinz Koepke - 1924)
Der Zeuge Koepke schildert schließlich den Ablauf vor dem geplanten Attentat:
"Am nächsten Morgen (-15.1.1924-) habe ich Dr. Grandel mit Thormann am Anhalter Bahnhof getroffen und wir gingen in den Tiergarten. Thormann verließ uns unterwegs. Grandel redete mir gut zu. Es käme immer auf die Tat einzelner an. Meine Tat würde Deutschland sehr helfen. Er fragte mich auch, ob ich ein guter Reiter sei.(...)
Dr. Grandel erklärt, er habe Köpke nur mehrfach gefragt, ob er fest entschlossen sei.
R.-A. Bloch: Wer gab Ihnen den Auftrag, eine Pistole zu besorgen?
Köpke: Thormann bzw. Grandel. Ich habe dann eine Pistole besorgt." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.253, S.10 - "Köpke und Gilbert im Kreuzfeuer" v. 31.5.1924)
Über Thormanns Vorschlag zu den weiteren Perspektiven erklärt Heinz Koepke vor Gericht:
"Im 'Leipziger Hof', wo sie Mittag gegessen, habe Thormann ihm als 'Spiritus Rector' Dr. Grandel genannt. 'v. Seeckt muß beseitigt werden, so erklärte mir Thormann. Die nötige Umstellung sei schon eingeleitet. Ich solle es machen, wie (-der Wiener Sozialdemokrat-) Friedrich Adler (-im Oktober 1916-), und mich nach dem Attentat stellen. Ich würde dann Gelegenheit zur Flucht haben. Meine Mutter würde durch Couriere 5000 (-50.000 Mark-) bekommen, da eine Stelle in Marienburg das alles regele." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Tageblatt, Nr.256 - "Belastungszeugen im Thormann-Grandelprozeß" v. 30.5.1924)
Vor Gericht skizziert Dr. Grandel das letzte Zusammentreffen mit Heinz Koepke:
"Wenn Köpke damals eine so ernsthafte Tat vorhatte, so war mit Sicherheit anzunehmen, daß er sich auf dem Wege zum Tatorte noch in irgendeiner Weise zu ihm (-Dr. Grandel-) aussprechen würde.(...) Wir gingen ein Stück allein schweigend nebeneinander her. Köpke zeigte keinerlei Erregung, aber ich bemerkte, daß er wiederholt verstohlen lächelte. Als wir uns dann trennten, sah ich ihm noch einmal scharf in die Augen und erwartete nun mit Bestimmtheit irgendeine Aeußerung. Aber diese blieb aus. Es war mir in diesem Moment ganz klar, daß er nur ein Spiel trieb, daß er keinerlei Waffe bei sich führte und uns nur eine Komödie vormachen wollte." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.298/299 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.8/9 - 1924)
Über seine letzte Begegnung mit Gottfried Grandel führt Heinz Koepke weiter aus:
"Grandel hat mir gut zugesprochen, sagte Koepke weiter, und mich ersucht, im Augenblick der Tat alle Ueberlegungen auszuschalten und nur an die technische Ausführung zu denken."
Oberregierungsrat Bernhard Weiß vom Berliner Polizeipräsidium sagt aus:
"'Und Koepke' - so sagte Herr Weiß wörtlich - 'hat an einer Vorbesprechung zum Rathenaumord teilgenommen'. Von Koepke, der dies aus seiner eigenen Vergangenheit heute zum ersten Mal erfuhr, zur Rede gestellt, las Herr Weiß aus seinen Akten vor: Koepke soll an einer Vorbesprechung der O.C. zur Ermordung Rathenaus teilgenommen haben.(...) Es ist zu bemerken, daß Herr Weiß vor seiner Vernehmung vereidigt wurde, diese Aussagen also unter Eid ablegte, Vermutungen als Tatsachen hinstellte. Er, der bisherige hohe Chef der politischen Polizei!" ((GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.151 - Das Deutsche Tageblatt, Nr.124, S. - "Großkampftag in Moabit" v. 3.6.1924)

Engagiertes Auftreten gegen antidemokratische Kräfte: Leiter der politischen Polizei, Polizeivizepräsident, Jurist und Oberregierungsrat Bernhard Weiß mit Ehefrau Lotte - 1930 (LArch Berlin, F Rep. 290-02-06 Nr.220/I + Schirmer/Mosel: "Leo Rosenthal", S.56 - 2012)
"Die Vernehmung des ehemaligen Chefs der politischen Polizei und des Oberregierungsrats Mühleisen ergab das unerquickliche Bild, daß Beamte, in deren Händen politisches Informationsmaterial ruht, absolut gegenteiliger Meinung sind. Herr Weiß, der naiv oder schlecht unterrichtet genug ist, dem Alldeutschen Verband einen ausgeprägten Hang zur Gesetzmäßigkeit zuzutrauen, bezeichnete das Geständnis des im engsten Verhältnis zu Claß stehenden Angeklagten Grandel als unglaubwürdig, während Oberregierungsrat Mühleisen auch heute noch an der Auffassung festhält, daß in den Kreisen um Herrn Claß herum die Anstifter des geplanten Attentats zu suchen seien. Und diese Auffassung wird ziemlich eindeutig belegt. Es ist tief bedauerlich, daß dem Staatsanwalt (-Lindow-) unmöglich wurde, die bei Herrn Claß beschlagnahmten Briefe zu verlesen. Briefe, aus denen hervorgeht, daß der Zeuge Claß eine andere Rolle spielt als der Politiker, und daß ferner Grandel nicht nur eine belanglose Bekanntschaft, sondern eine Vertrauensperson des A.(-lldeutschen-) V.(-erbandes-) ist. Möglich, daß die Beweismittel nicht ausgereicht haben, um gegen Herrn Claß vorzugehen. Das liegt aber nur daran, daß die Nachforschungen nach den Hintermännern ungenügend betrieben worden sind. Im Laufe der Verhandlung drängten sich einem soviel Fragen auf, die unbedingt hätten beantwortet werden müssen.(...) Auch über Herrn Grandel, der von Herrn Claß Geldmittel, angeblich für Ruhraktionen, erhalten hat, ist viel zu wenig erkundet worden. Nur, daß er sich in der letzten Zeit wenig um sein Geschäft gekümmert hat. Das wurde selbstverständlich mit der berühmten seelischen Depression begründet, zerfällt aber, wenn man bedenkt, daß Grandel ein Vertrauensmann des Herrn Claß war, dem man letzten Endes nicht zutrauen darf, daß er einen nicht im vollen Besitz seiner Geistes- und Körperkräfte stehenden Menschen mit politischen Missionen betraut. Frage türmte sich auf Frage. Aber es schwiegen die Flöten." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Volkszeitung, Nr.267, S.2 - "Zum Thormann-Prozeß" v. 6.6.1924)
"Der Untersuchungsrichter hat bald nach der ersten Vernehmung mit dem Leiter der politischen Polizei, Oberregierungsrat Dr. Weiß, eine telephonische Unterredung gehabt, in deren Verlauf Dr. Weiß der Ansicht Ausdruck gab, daß das angebliche Geständnis Grandels unglaubwürdig sei. Anderer Ansicht jedoch war der Oberregierungsrat Mühleisen vom Reichskommissariat für die öffentliche Ordnung, der damals dem Geständnis Grandels weniger skeptisch gegenüberstand als Dr. Weiß." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.128, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 28.5.1924)
Der dritte Belastungszeuge: Horst Georg Gilbert

Zwielichtige Erscheinung: Zeuge "Hauptmann a.D." Georg Gilbert (34) (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen" v. 31.5.1924 + GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen" v. 31.5.1924)
Über den dritten Belastungszeugen im Thormann-Grandel-Prozess, der als Inhaber eines politischen Nachrichtenbüros dem Reichskommissar für die öffentliche Ordnung als bezahlter Spitzel zuarbeitet, heißt es:
"Als dritter Belastungszeuge endlich wurde der ehemalige aktive Hauptmann, jetzige Kaufmann Georg Gilbert vernommen. Er kennt, wie Koepke, Tettenborn vom Grenzschutz in Oberschlesien her. Tettenborn erzählte ihm von dem Thormannschen Plane." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen" v. 31.5.1924)
Der Zeuge Ing. Emil Lessel
Eine Figur, deren Hintergrund nicht deutlich wird, ist der von Dr. Grandels Verteidigung benannte Entlastungszeuge Ing. Emil Lessel, Direktor der national eingestellten Berliner Lohmann-Metall-Aktiengesellschaft und in den 30er-Jahren VDI-Fürsprecher (Verein deutscher Ingenieure) Gottfried Grandels vor der Berliner Reichskanzlei.
Hierbei ist zu erwähnen, dass ein Karl Lohmann im Aufsichtsrat der Deutschen Zeitung sitzt, dessen Vorsitzender wiederum Heinrich Class ist.
Ein Zusammenhang ergibt sich möglicherweise auch über einen Artikel der Weltbühne, die im April 1924 schreibt:
"Das Mysterium des Rathenau-Mordes! Kürzlich fuhr ich spät abends auf der Elektischen (-Straßenbahn-) nach Hause. Am Potsdammer Platz bestiegen drei Herren, die von einem Diner zu kommen schienen, den Perron, auif dem ich ich in einer Ecke gelehnt stand. Die Drei waren Typen der sogenannten Herrenkaste. Der Erste, dick und rotblond, wurde Herr Regierungsrat genannt. Der Zweite, groß und schlank, mit einem Monocle, war der Typ des Offiziers der alten Armee. Den Dritten kennzeichneten die vielen Durchzieher in dem Mondgesicht als ehemaligen Corpsstudenten (...). Sie sprachen sehr leise und standen eng bei einander, sodaß ich nur mit Mühe einzelne Brocken auffangen konnte. Zu Hause angekommen, schrieb ich die Bruchteile der Unterhaltung sofort nieder; nur sind mir leider die meisten Namen unbekannt, sodaß ich für ihre Richtigkeit nicht einstehen kann. Die von mir aufgeschnappte Unterhaltung lautet also:
'Ach, das ist doch kaum möglich!'
'Aber nein,: es stimmt. Claß und sein Anhang wollten ihn schon 21 ermorden lassen.'
'Was denn - Claß, dieser ruhige ...'
'Nach dem Erzberger-Mord hatten sie aber Angst vor der Stimmung.'
---
'Die Gebrüder Nessel (-Lessel-) ... ja, die Beiden von den (-L-)Ohmann-Werken ... der Hochgradmaurer Jakobson - ganz recht, der Hamburger Anwalt ... Felter aus Luzern ... Küchenmeister ... die brachten die Verbindung mit der O.(-rganisation-) C.(-onsul-) und dem Ausland. Der Jude Kolter, ich jlobbe Spanischer Konsul, im übrigen auch Maurer und sonst Oelfritze ... Rathenau Zwangswirtschaft aufgehoben ... dadurch geschädigt.'
'Das ist doch kaum glaublich!'
'Ja, Rathenau hat offenbar nicht mehr den Befehlen der Mahalla (-Walhalla-) gehorcht, sondern eigene Ideen verfolgt ... daher die Feindschaft der Maurer.'
---
'Geld gab Schiffer, Schiffler Emilio ... ja, jetzt Genfer See ... Geschäfte von allen möglichen höchsten Herrschaften ...'
'Ist ja unmöglich! Claß und Freimaurer Hand in Hand?'
'Doch, es stimmt! Sie kennen meine Quellen ...'
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Machen sollte es die erste Kolonne: Richter, Sieder und Fitt, besoff sich aber ... Arme Luder von Saaleck ohne Geld ... wie Hunde geendet.'
'Via Grandel aufgewärmt ... bei Ebermayer ...'
'Das darf auf keinen Fall geschehen!'
'Unbesorgt! Werde Kind schon schaukeln ... schwierigere Sachen gedeichselt. Fällt unter den Tisch ... schlimmstens passive Resistenz!'
'Es darf nichts rauskommen!'" (Die Weltbühne, Nr.15, XX. Jrg.: "Das Mysterium des Rathenau-Mordes", S. 491/492 v. 10.4.1924)
Im Rahmen des Thormann-Grandel-Prozesses reicht Emil Lessel als Anlage zum Protokoll den Ausschnitt aus der Welbühne mit dem Hinweis:
"Gilbert denunziert mich der Urheberschaqft am Rathenau-Morde." (LArch Berlin: Bl.102)
Besonders stört Emil Lessel sich in diesem Zusammenhang an der öffentlichen Benennung seiner Adresse. Eine Woche zuvor ist diesbezüglich in der Weltbühne als Antwort an den Oberreichsanwalt zu lesen:
"Durch den Hitler-Prozeß und verschiedene Veröffentlichungen in der Tagespresse ist Ihnen bekannt geworden, wo der Plan zur Ermordung Walther Rathenaus gefaßt worden, und unter wessen mächtigem Schutz sie erfolgt ist. Diese tapfere Tat sollte bereits ein Jahr zuvor, unmittelbar nach der Ermordung Erzbergers, ausgeführt werden. Auch darüber ist Ihnen Material zugegangen. Es liegt im allgemeinen Interesse, daß Sie dieses Material so schnell wie irgend möglich prüfen und sich insbesondere das Haus Mohren-Straße 6 zu Berlin einmal in der Nähe besehen." (Die Weltbühne, Nr.14, XX. Jrg.: "Oberreichsanwalt", S. 458 v. 3.4.1924)
In einer weiteren Zeitungsnotiz vermerkt das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts:
"R.(-echts-) A.(-nwalt-) Dr. Sack: '(-Der Zeuge-) Gilbert behauptet auch, daß Sie, Herr Zeuge, zu den Hintermännern des Rathenau-Mordes gehören.'
Zeuge Dr. (-Emil-) Lessel: 'Ich erkläre unter meinem Eide, daß das vollständig frei erfunden ist.'" (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.257 - "Der Thormann-Grandel-Prozeß" v. 3.6.1924)
"Gilbert war eine zeitlang bei dem erwähnten Unternehmen angestellt und hat dort nach der Darstellung des Zeugen (-Emil Lessel-) recht erhebliche Charaktermängel offenbart." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Berliner Morgenpost, Nr.133, S.6 - "Der Prozeß Thormann-Grandel" v. 3.6.1924)
Auch im November 1942 tritt der mittlerweile 73-jährige Emil Lessel (Grolmannstr. 5) noch einmal in den Blickpunkt; sein Telefon wird hierbei durch das Reichssicherheitshauptamt überwacht:
"Emil Lessel, Ingenieur, Berlin - Verwicklung in das Verfahren gegen den Präsidenten der Reichsrechtsanwaltskammer, Dr. Neubert, und den Volkswirt Fritz Geisler wegen telefonischer Weitergabe von Gerüchten und Preisgabe geheimhaltungsbedürftiger Informationen (Auskunftsersuchen von Reichsminister Lammers an das Reichssicherheitshauptamt)" (BArch NS 19/3151, S.3 v. 24.11-1942)
Gefragt als Zeuge: Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann

Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann (36) im Berliner Zeugenstand - 30. Mai 1924 (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.112 - Berliner Morgenpost, Nr.131, S.5 - "Vernehmung der Hauptzeugen" v. 31.5.1924)
Die Zeugenvernehmung von Justizrat Class ist von besonderer Aufmerksamkeit begleitet; die Zuschauerränge sind gefüllt. Der Zeuge selbst hat jedoch kein gesteigertes Interesse, sich allumfänglich vor der Öffentlichkeit zu äußern, droht doch der schwere Vorwurf durch Dr. Grandel die politische Karriere von Heinrich Class jäh zu beenden. Als einflussreicher Vorsitzender des Alldeutschen-Verbandes gilt Heinrich Class in der deutschen Politik schon lange als "Diktator im Geheimen", mit einem Drang zu Höherem.
(Die Weltbühne, Bd.20, Teil 1, S.787 - 1924)
Zu dem Anwalt und Verbandsvorsitzenden Heinrich Class heißt es im Vorwärts:
"Nicht vergessen werden darf der Justizrat Claß, eine Säule der Alldeutschen. In schwarzem, tadellosem Gehrock ist er erschienen, und da er das Patent zur Rettung des Vaterlandes erhalten zu haben glaubt, ist er bei seiner Vernehmung stets erregt, schlechterdings über alles pikiert, namentlich über den Generalstaatsanwalt; und aller politischen Geheimnisse voll, die er in öffentlicher Sitzung nicht preisgeben will. Daß die Herren Alldeutschen vom Licht der Oeffentlichkeit nicht immer entzückt sind, ist ja nur zu erklärlich." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 - "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)
Doch auch für den Angeklagten Gottfried Grandel steht bei diesem Berliner Prozess viel auf dem Spiel, sowohl im politischen, wirtschaftlichen, als auch im privaten Rahmen. War seine politische Vorgehensweise bislang eher im Geheimen, so steht er nun mitten in einem für ihn sehr ungewohnten und unangenehmen Spannungsfeld: Der kritischen Öffentlichkeit.
Zu dem juristischen Tauziehen kommt noch der grundsätzliche Konflikt zwischen Hitler und Class hinzu, der schon seit längerer Zeit schwelt. Grandel, der sich selbst 1921 in der Konfrontation zwischen Otto Dickel und Adolf Hitler offenbar bedingungslos seinem Hoffnungsträger Hitler unterordnete, hatte noch im Herbst 1923 versucht, die politischen Ambitionen von Hitler und Class zusammenzuführen, doch war ihm dies nicht gelungen.
In einer Buchveröffentlichung wird berichtet:
"Nach der Niederlage vom 1. Mai 1923 (-Störungsabsicht der KPD-Veranstaltung-) mußte Hitler sich zurückhalten; für Verhandlungen auf der höchsten Ebene war er noch nicht hoffähig. Der Mittelsmann zu Claß war daher der Augsburger Fabrikant Grandel, ein alter bewährter Freund der Rechtsverbände, der auch Hitler viel unterstützt hat." (Franz-Willing: "Krisenjahr der Hitlerbewegung", S.101 - 1975)
Dr. Grandel selbst vermerkt dazu in seinem NSDAP-Archivbericht:
"Ich nahm Beziehungen auf zu dem Führer der Alldeutschen, Justizrat Heinrich Class in Berlin, und zu seinem ansehnlichen Kreise, um deren Einstellung zur Hitlerbewegung zu erkunden und um die Herren zusammenzubringen.(...) Class hatte sehr große Beziehungen und bekam viel Geld vom Hochadel und der Großindustrie.(...) Hitler war gegen Class misstrauisch. Auf mein Betreiben kam es aber dann doch zu mehreren Zusammenkünften.(...) Doch musste ich feststellen, dass Class auf Hitler eifersüchtig war und dessen 'Indiemachtkommen' keineswegs wünschte. Class hatte die Personen seines Kreises vorgesehen. Er begründetet die Ablehnung der Person Hitlers historisch; aus Bayern könne keine Reichsregierung kommen, die Bayern seien dafür nicht geeignet." (BArch Berlin: NS26/51, S. /Bl.5 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Obwohl der Verbandsvorsitzende Class zu den frühen und maßgeblichen Drahtziehern im völkisch-antisemitischen Lager zählt, findet er in Hitlers 1924 geschriebenem Buch "Mein Kampf" namentlich keine einzige Erwähnung. Auch hieran lässt sich unschwer erkennen, dass Hitler den Justizrat als einen zu überholenden Konkurrenten wahrgenommen hatte, der ihm nur bis zu einem gewissen Punkt von eigenem Nutzen erschien. So ist das erste Geständnis Grandels im Berliner Prozess vielleicht auch als eine Art politische Demontage gegenüber Class zu verstehen, denn trotz der Landsberger Inhaftierung wird es vermutlich hier eine indirekte Strategie-Abstimmung zwischen Hitler und dem ebenfalls inhaftierten Grandel gegeben haben.
Class selbst hatte die Verleugnung in "Mein Kampf" laut seiner Biographie "mit Befremden registriert". Schon nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs beanspruchte der Vorsitzende mit seinem Alldeutschen-Verband die "Führung der antidemokratischen Rechtsopposition und forderte unablässig die Überwindung der Weimarer Republik durch eine völkische Diktatur".
(J. Leicht: "Heinrich Claß, 1868-1953")
Dr. Gottfried Grandel gehört als früher „Finanzrat" Adolf Hitlers seit dem 17. August 1920 unter der Nummer 1713 offiziell der NSDAP an. Gegenüber dem Gericht in Berlin wird er hingegen erklären:
"Ich gehörte keiner Partei an und habe mich um Politik nie gekümmert."
Doch diese Lüge scheint von der Staatsanwaltschaft nicht weiter thematisiert zu werden.
Dabei fungiert gerade Dr. Grandel 1923 als Bindeglied zwischen Hitler und Justizrat Class, um „Fühlung mit den führenden Persönlichkeiten der Rechtsbewegung in Norddeutschland, deren Schlüsselfigur der Vorsitzende des Alldeutschen-Verbandes" war, aufzunehmen.
Aus dem im Buch "Putsch und Verbotszeit" von Georg Franz-Willing zitierten Brief Gottfried Grandels an Dr. (Wilhelm von) Brehmer vom 12. Dezember 1923 geht hervor, dass Grandel sich zum Zeitpunkt des Hitlerputsches am 8./9, November 1923 in Berlin zu Besuch bei Justizrat Class befand.
Zufall wird dies nicht gewesen sein. Es ist vielmehr anzunehmen, dass Grandel in Abstimmung mit Hitler den Termin bewusst so legte, um eine Vertrauensperson der NSDAP zum Zeitpunkt des Putsches direkt an der Seite des einflussreichen Vorsitzenden Heinrich Claß zu wissen, während die nationalen Verbände unter Hitlers Führung von München aus den "Marsch auf Berlin" initiieren.
Im aktuellen Thormann-Grandel-Prozess wird Justizrat Class, Vorsitzender des Alldeutschen-Verbandes, trotz Dr. Grandels anfänglichem Geständnis und seiner republikfeindlichen Äußerungen vom Untersuchungsrichter Nothmann nicht als Angeklagter geführt, sondern lediglich als Zeuge geladen.
Als Staatsbürger jüdischen Glaubens bewahrt Richter Nothmann "den notorischen Antisemiten Claß davor, seine staatsfeindlichen Umtriebe vor Gericht verantworten zu müssen".
(J. Leicht: "Hoffnungen und Grenzen Alldeutscher Umsturzpläne", S. - )
Justizrat Class betont in seiner gerichtlichen Zeugenvernehmung, dass seine letzte Unterredung bei Generaloberst von Seeckt vom 24. September 1923 lediglich der Information diente, was von ihm bei einem bevorstehendem Rechts-Putsch zu erwarten wäre. Laut Class entgegnete Seeckt, dass er in diesem Falle ebenso rücksichtslos gegen rechts schießen würde, wie gegen die Kommunisten.
Die Weltbühne schreibt später dazu:
"Umso ehrenvoller für den Exponenten der militärischen Macht in der Republik, daß er - entgegen aller preußischen Tradition - das militärische dem politischen Interesse untergeordnet hat." (Die Weltbühne, Bd.20, Teil 2, S.83 - 1924)
General von Seeckt, einflussreicher Chef der deutschen Heeresleitung, hat zu diesem Zeitpunkt noch eigene Ambitionen, sich im Reichsdirektorium mit Friedrich Minoux und fünf weiteren Personen zum künftigen Reichskanzler ernennen zu lassen, um vorrübergehend mit Notverordnungen regieren zu können.
"Im Unterschied zu den alldeutschen Putschplänen gedachte Seeckt den Reichspräsidenten in diese Form des diktatorialen Regierens einzubeziehen." (Jungcurt: "Alldeutscher Extremismus in der Weimarer Republik", S.302 - 2016)
Ab den 5. November 1923 nimmt v. Seeckt jedoch davon Abstand, als ihm Reichspräsident Ebert eine diesbezügliche Unterstützung versagt.
"Ich sitze in Berlin, und da ich wollte, daß man in Bayern wisse, wie die Reichswehr stünde, habe ich mit Dr. Grandel gesprochen", begründet Justitzrat Claß vor Gericht seine daraufhin intensivierten Kontakte mit dem 46-jährigen Öl-Fabrikbesitzer.
Der von der Weltbühne (1/1924) als „O.C.-Mann" und deren „Financier" bezeichnete Gottfried Grandel diente dem befreundeten Claß offensichtlich als Werkzeug seiner eigenen politischen Ambitionen.
Vor Gericht gibt Dr. Grandel schließlich an, "aus einer Selbstbezichtigungsmanie" gehandelt zu haben (Volksstimme, 7.6.1924). Auch erklärt Gottfried Grandel in seinem Geständnis-Widerruf, "daß er mit Thormann zwar über einen Mordplan gesprochen, ihm aber dafür kein Geld gegeben habe".
Amtsrichter a. D. Dr. Arnold Wagemann
Im Verlauf des Prozesses kommt nur ein Zeuge zu Wort, mit dem Gottfried Grandel eine politische Aktivität verbindet. Der Gründer des Bundes für deutsches Recht hatte von 1919 bis 1922 einen intensiven Austausch über Fragen des Rechts mit Gottfried Grandel geführt:
"Eintönig schleppt sich der Prozeß Thormann-Grandel fort. Die mit allgemeiner Spannung erwartete Vernehmung (-Horst v.-) Tettenborns wird auf Freitag verschoben. Zu Worte kommen heute nur die ärztlichen Sachverständigen und einige Zeugen, die den Angeklagten Dr. Grandel kennen. Der Amtsgerichtsrat (-Dr. Arnold-) Wagemann, ein kleiner, weißhaariger Rechtsgelehrter, der von der Unschuld des Angeklagten überzeugt ist, schildert ihn als einen selbstlosen Menschen, der ein musterhaftes Leben geführt und ein großes Interesse für politische und juristische Fragen bekundet habe." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Volks-Zeitung, Nr.253, S.2 - "Der Prozeß Thormann-Grandel" v. 28.5.1924)
"Am dritten Verhandlungstage gegen die beiden Urheber des Attentatsplanes gegen General v. Seeckt wurde zunächst Amtsgerichtsrat Wagemann über den Angeklagten Dr. Grandel vernommen, der dessen Einstellung als ausschließlich auf ethischem Gebiete liegend bezeichnet. Trotzdem muß der Zeuge dem Staatsanwalt zugeben, daß Dr. Grandel wegen Beamtennötigung, Umsatzsteuergefährdung und Preistreiberei zu 300 M verurteilt worden ist. Von dem Angeklagten hat der Zeuge die Mittel erhalten zur Ausschreibung eines Entwurfs über ein deutsches Recht, wie es in völkischen Kreisen propagiert wird." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Der Volksfreund, Nr.127, S.2 - "Der Mordanschlag gegen General v. Seeckt vor Gericht" v. 31.5.1924)

Völkischer Rechtsgelehrter: Amtsgerichtsrat a. D. Dr. Friedrich Albert Arnold Wagemann (66) - 27. Mai 1924 (GStA PK: I.HA Rep.84a Justizm., Nr.55584, S.81 aus "8 Uhr Abendblatt", Nr.125 v. 28.5.1924)
Prokurist der Augsburger Ölfabrik: Josef Rupp
"Der zweite Zeuge, Herr (-Josef-) Rupp, der seit (-dem 1. April-) 1919 Prokurist an der Grandelschen Fabrik ist, betont, daß Grandel in den letzten Jahren absolut kein Interesse mehr für sein Unternehmen gehabt habe. Er sei seelisch vollkommen zerüttet gewesen, habe das tollste Zeug diktiert und zeitweise an Gedächtnisschwund gelitten. Dr. Grandel sei im Januar (-1924-) mit der Absicht nach Berlin gefahren, ein Tuberkuloseheilmittel für Verwandte zu besorgen und habe nur drei bis vier Tage fortbleiben wollen." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Volks-Zeitung, Nr.253, S.2 - "Der Prozeß Thormann-Grandel" v. 28.5.1924)

Vertraut mit der Augsburger Fanmilie Grandel: Prokurist Josef Rupp - 1921 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
31. Mai 1924 - 8:30: Zeugenvernehmung von Justizrat Class und General v. Seeckt (58)
Am dritten Verhandlungstag kommt es zu der mit Spannung erwarteten Zeugenvernehmung von zwei politischen Größen der Weimarer Republik:
"Im Mittelpunkt der Verhandlung stand heute Justizrat Claß, der Leiter des mächtigen Alldeutschen Verbandes.(...) Der 58jährige Justizrat, soigniert im schwarzen Cutaway, in schwarzer Weste mit dunkler Krawatte, eine hohe schlanke Erscheinung, das Haar etwas gelichtet und an den Seiten ergraut, hat ein Gesicht von fast mongolischem Typus, den Mund beschattet ein fast weißer Schnurrbart, die Augen schützt ein Klemmer. Er betritt den Saal offenbar etwas nervös, legt Hut und Stock auf einen Stuhl und tritt vor den Richter, gibt seine Personalien an und ist dann doch wohl etwas überrascht, als der Vorsitzende ihn geradewegs mit Ja oder Nein fragt, ob er mit dem Angeklagten Grandel über die Ermordung des General v. Seeckt gesprochen habe. Den Bruchteil einer Sekunde länger, als man für normal halten möchte, schweigt er. Dann sagt er mit gesenkter Stimme: 'Nein.'"(Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.253, S.1: "Claß und Seeckt" v. 28.5.1924)

Justizrat Heinich Class als Zeuge vor dem Berliner Landgericht - Mai 1924
Über das Verhältnis von Justizrat Class zu Gottfried Grandel wird weiter berichtet:
"" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.302/303 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.12/13 - 1924)

()
Für Freitag, den 30. Mai 1924, hat der Generalstaatsanwalt Lindow die Person als Zeugen geladen, der dieser vom Landgericht verhandelte Attentatsplan letztendlich galt: General Hans von Seeckt. Das Berliner Tageblatt berichtet:
"Damit verläßt der Prozeß die Peronen der nach sachverständigem Gutachten 'geistig minderbemittelten' Angeklagten, wie sie bisher noch in fast allen politischen Mordprozessen der letzten Jahre vor Gericht gestanden haben, und wendet sich den Hauptakteuren jener politischen Vorgänge zu, deren Zusammenhänge dieser Prozeß hoffentlich aufdecken wird. Es ist ein trauriges Kennzeichen unserer Zeit, daß ein großer Teil des politischen Lebens gerade in Kriminalprozessen zur öffentlichen Kenntnis kommt.(...) Die Verteidigung der Angeklagten hat sich auf das heftigste gegen die Ladung des Chefs der Heeresleitung gesträubt. Sie hat mit der unzutreffenden Behauptung operiert, daß er infolge einer Inspektionsreise nicht erreichbar sei. Sie hat sich, ebenso wie der Zeuge Claß, namentlich dagegen gewehrt, daß der Zusammenstoß zwischen Claß und General v. Seeckt öffentlich behandelt wird. Dabei hat man auf dieser Seite eine merkwürdige Sorge um die Staatssicherheit zur Schau getragen und den Ausschluß der Oeffentlichkeit damit motiviert, während die Staatsanwaltschaft, die in erster Linie neben dem Gericht zur Wahrung dieses Interesses berufen ist, eienem solchen Antrag widersprach." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.111 - Berliner Tageblatt, Nr.255, S.1 - "General v. Seeckt und Claß" v. 30.5.1924)
Doch die Vorladung des obersten Soldaten der Weimarer Republik verzögert sich:
"Im Seeckt-Attentats-Prozeß wird die Hauptsensation auf morgen (-31.5.1924-) verschoben. General v. Seeckt wird erst am Sonnabend als Zeuge erscheinen.(...) Der Rechtsanwalt Sack regt an, da er gegen die Ladung des Generals v. Seeckt durch den Generalstaatsanwalt keine strafprozessuale Handhabe besitze, die Beweisaufnahme jetzt zu schließen Gelassen erwidert der Generalstaatsanwalt, solche Schließung der Beweisaufnahme im gegenwärtigen Stadium würde das Verfahren freilich sehr vereinfachen, und wenn die Belastungszeugen nicht gehört würden, so wäre das für die Angeklagten sehr angenehm, mit der Rechtspflege aber nicht zu vereinbaren. Die Verteidiger (-Paul-) Bloch und (-Willy-) Hahn schließen sich dem Antrage ihres Kollegen an, aber resigniert meint der Vorsitzende, er sei für die Bemühungen zur Abkürzung des Prozesses sehr dankbar, bei dem Widerspruch der Staatsanwaltschaft aber könne er dem Antrage keine Folge geben." (Digitalisiert auf dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.256, S.4 - "Der Attentats-Prozeß" v. 30.5.1924)

Das Verteidiger-Trio: Dr. Alfons Sack, Justitzrat Dr. Willy Hahn und Rechtsanwalt Paul Bloch - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Der Ablauf des Thormann-Grandel-Prozesses strukturiert sich wie folgt:
2. Verhandlungstag - 27. Mai 1924: Zeuge Major a. D Gilbert erschienen, Hauptzeuge v. Tettenborn kommt der Ladung an diesem Tag nicht nach. Vernehmung Dr. Grandel
3. Verhandlungstag - 28. Mai 1924: Vernehmungs des Zeugen Dr. Arnold Wagemann, Bund f. deutsches Recht
Medizinisches Gutachten
Zeugenvernehmung Heinrich Class, Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes
Plädoyer von Verteidigung und Generalstaatsanwalt
(412-1924) Berlin, 3. Juni 1924 - Der Besucherraum des Landgerichts ist voll besetzt, das Interesse der zahlreich vertretenen Presse besonders hoch.
Das Strafgesetzbuch schreibt für die angeklagten Taten im Thormann-Grandel-Prozess allgemein zwischen ein bis 15 Jahre Zuchthaus vor; die Spannung ist dementsprechend groß.
Justizrat Hahn eröffnet sein Plädoyer mit der Feststellung:
"So weit sind wir in Deutschland denn doch noch nicht, daß eine Reichsbehörde (-für öffentliche Ordnung-), die keine Exekutive hat, auf den Staatsbürger Spitzel losläßt, und daß einem Privatmann des Recht eingeräumt wird, gegen einen anderen Bürger ein 'Verfahren' einzuleiten. Es ist doch bezeichnend, wohin diese Methoden führen, wenn das Gericht es sich hier überlegen muß, ob es den Oberregierungsrat Mühleisen vereidigt oder nicht." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.264, S.4 - "Die Plädoyers der Verteidiger" v. 4.6.1924)
Weiter führt Verteidiger Hahn zu dem ersten Geständnis von Dr. Grandel aus:
"Die Frage, ob Justizrat" (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.264, S.4 - "Die Plädoyers der Verteidiger" v. 4.6.1924)
Mit einem bildlichen Vergleich versucht Generalstaatsanwalt Siegfried v. Lindow zum Abschluss des Prozessverlaufes, seinen allgemeinen Eindruck über die kulturhistorische Entwicklung in Deutschland zusammenzufassen:
"Es ist wie nach dem 30jährigen Krieg, als alte Soldaten mordend und raubend durchs Land zogen. Da kann man ein Grauen bekommen, wenn man sieht, wie von gewissen Kreisen vorgegangen wird." (Hamburger Anzeiger v. 4.6.1924)
Gemeint sind hier besonders die Feme-Morde, national-völkische Bestrebungen, über die geheime Organisation-Consul (O.C.) mißliebige Personen des politischen Spektrums ermorden zu lassen.
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Berliner Vertreter des Weimarer Rechtsstaates - 26. Mai 1924 (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.79 - 8 Uhr Abendblatt, Nr.123, S.5, "Das Mordkomplott gegen General v. Seeckt" v. 26.5.1924 / Zeichnung: Mannas)
War die erste Vernehmung Gottfried Grandels durch den Untersuchungsrichter noch sehr aufschlussreich gewesen, da aussergerichtliche Verabredungen mit Zeugen noch nicht getroffen werden konnten, kamen die Komplikationen im Laufe des Verfahrens. Generalstaatsanwalt Lindow führt vor Gericht weiter aus:
"Zunächst war alles einig: Thormann, Grandel, Tettenborn, Köpke. In Kleinigkeiten weichen sie voneinander ab. Tettenborn geht zum Schein auf Thormanns Angebot ein und zieht den vermeintlichen Mörder Köpke hinein, während Thormann Grandel als Geldmann hinzuzieht. Sie kommen mal zu zweit, mal zu dritt zusammen und beraten den Mordplan gemeinsam. Die Angeklagten sind der Ansicht, daß der Mordplan ausgeführt werden soll, während die Zeugen (-Tettenborn und Köpke-) nicht töten wollen."

Generalstaatsanwalt Dr. Lindow - 26. Mai 1924 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: I. HA Rep. 84a, Justizministerium, Nr.53434, Bl.84)
Hier ergibt sich für den Staatsanwalt ein Aspekt, der den Obersten Gerichtshof noch weiterhin beschäftigen soll:
"Sind auch die schuldig, die eine Verabredung eingehen, ohne den Mord zu wollen?"
Weiter betont der Generalstaatsanwalt:
"Grandel ist ein unglücklicher, kranker Mann, der aber auch sehr die gute Meinung für sich zu gewinnen weiß und mit dahinsterbender Stimme seine Aussagen macht. Es ist recht unglaubhaft, daß ein ernster Geschäftsmann sich einen Vertreter sucht, der sich mit Plänen trägt, wie das Thormann getan, und es ist unglaubwürdig, daß aus reiner Neugier der Geschäftsmann nun seine Finger in diese gefährlichen Dinge steckt."
Für den Generalstaatsanwalt steht daher fest:
"Grandel hat aktiv mitgewirkt, indem er Mittel zur Verfügung stellte und auf (-den ausführenden-) Köpke einwirkte. Jeder der vier wollte zur Erreichung des Mordes tätig werden. Straffrei bleibt jedoch, der Behörden von der Tat rechtzeitig Mitteilung macht."
In seinem Plädoyer fügt Staatsanwalt Lindow eine weitere Rechtsauffassung hinzu:
"Der Oberreichsanwalt Ebermayer steht auf dem Standpunkt, daß die Verabredung mit einem 'agent provocateur' keine Verabredung ist. Dann bleibt aber immer noch die Verabredung zwischen Thormann und Grandel, die innerlich die Tat wollten."
Staatsanwalt Lindow folgert daraus:
"Die Angeklagten sind schuldig."
Die Verhandlung muß daraufhin unterbrochen werden, da Gottfried Grandel ihr nach eigenen Angaben nicht mehr folgen kann.
Das Urteil im Thormann-Grandel-Prozess
(413-1924) Die beiden Angeklagten Alexander Thormann und Dr. Gottfried Grandel verzichten auf das letzte Wort vor der Strafkammer des Berliner Landgerichts.
Zu der Zusammensetzung der Strafkammer heißt es im sozialdemokratischen Zentralorgan Vorwärts kurz vor der Urteilsverkündung:
"Die Verhandlungen über diese heikle Materie werden vom Landgerichtsdirektor Dr. (-Paul-) Tolk geleitet, dessen noch jugendliches Gesicht ein stattlicher Patriarchenbart umrahmt. Bei politischen Prozessen spielt der Vorsitzende des Gerichtshofs eine große, wenn nicht entscheidende Rolle. Siehe München und den Hitler-Ludendorff-Prozeß. Dieser Vorsitzende wird niemals zugeben, daß die Würde des Gerichts leidet. Er ist immer freundlich, jovial fast, aber fest und energisch in der Führung der Geschäfte und weiß mit großer Geschicklichkeit abzuleiten und abzulenken, wenn die Wogen der Erregung sich zu überschlagen und überzuschäumen drohen. Mit einer Milde, die Vertrauen einfließt und wohltuend wirkt, thront er in der Mitte des Gerichtshofs und überblickt ruhig und durch nichts zu beeinflussen den Saal, den Zuschauerraum, die Pressetribüne, die Geschworenenbank, auf der auch eine Geschworene, eine Dame mit weißem Haar sitzt, und die Plätze der drei Rechtsanwälte, neben denen eine junge, schlanke Dame mit blondem Wuschelhaar eifrig stenographiert. So sieht es in Moabit bei diesem Prozeß aus. Hoffentlich reinigt das Urteil die Luft und sorgt dafür, daß wir von diesen Rettern Deutschlands auf längere Zeit befreit werden!" (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 - "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)
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"Kammer der barmherzigen Brüder": Vorsitzender Landgerichtsdirektor Dr. Paul Tolk (4.v.r.) im Großen Schwurgerichtssaal des Moabiter Kriminalgerichts (Symbolbild Siemens: "Horst Wessel: Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten", S. - 2010 / o.Ang. - September 1930 + gettyimages.dk: Nr.1503038 / Ullstein Bild)
Weiter heißt es zu dem Kammervorsitzenden Dr. Paul Tolk:
"Paul Tolk (geb. 1875), Promotion, Landgerichtsdirektor am Landgericht Berlin, Mitglied der Teutonia Rostock, NS-Altherrenbund, RDB, NSRB, NsV, 1933 Eintritt in die NSDAP. Siehe BA Berlin, R 9361-I/3669" (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.729 FN 236 - 2022)
Dem Vorsitzenden Richter Dr. Paul Tolk wird eine meisterlichen Verhandlungsführung attestiert, ohne in dreisten Situationen von seiner Würde einzubüßen. Nach Abschluss der Zeugenvernehmung und der Plädoyers von Verteidigung und Staatsanwaltschaft heißt es am Ende des 8. Verhandlungstages schließlich:
"Das Gericht wird sich beraten."

Landgerichtsdirektor Dr. Paul Tolk (Rosenthal, Leo / LArch Berlin, F Rep. 290-02-06 Nr.163/1 - 1933)
Hinter dem Vorsitzenden Dr. Tolk schreiten die beisitzenden Landgerichtsräte Spiller und Dr. Melsheimer durch die Tür zum Beratungsraum, gefolgt von den Schöffen (Eigentümerin) Czeloth, (Fabrikant) Krüger, (Kaufmann) Kuttner, (Porzellanhändler) Lorenz, (Wollwarenhändler) David und Prof. Dr. Kloß. Doch die bevorstehende Urteilsfindung läßt auf sich warten:
"Die Beratung des Urteils dauert stundenlang. Die Geschworenen sind (-um 7 Uhr-) am Abend vorher ergebnislos auseinandergegangen und treten am Tage der Urteilsverkündigung (-5. Juni 1924, 8 Uhr-) morgens erneut in die Beratung der Schuldfrage ein. Schließlich verkündet Landgerichtsdirektor Dr. Tolk (-nach 1/2-stündiger Verzögerung um 9:30 Uhr-) folgendes Urteil: Thormann und Grandel werden auf Kosten der Staatskasse freigesprochen. Die Haftbefehle gegen beide Angeklagten werden mit sofortiger Wirkung aufgehoben." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.304 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.14 - 1924)
Am Donnerstag, den 5. Juni 1924, werden die zwei Angeklagten vom Berliner Schwurgericht freigesprochen, zur Verwunderung vieler Prozessbeobachter. Ein Kommentator vermerkt:
"Die Schuld der beiden Angeklagten ist nach der Ansicht des Gerichts erwiesen, da sie ohne Zweifel die Beseitigung des Generals Seeckt wünschten. Trotzdem(!) kann eine Verurteilung nicht(!) erfolgen, da eine Verabredung nach § 49 St.G.B. nur dann vorliegt, wenn die sich Verabredenden übereinstimmend ihren ernstlichen Willen zur Teilnahme als Täter oder Gehilfen zum Ausdruck gebracht haben. Dagegen gibt es nach Auffassung des Gerichts keine Verabredung mit einem Spitzel, weil dieser ja gar keinen Erfolg will. Voraussetzung zur Strafbarkeit ist der ernstliche Tatwille. Das Gericht verkündet daher folgenden Spruch: Die Angeklagten werden auf Kosten der Staatskasse freigesprochen." (Das Deutsche Tageblatt, Nr.127 v. 6.6.1924)
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Blick auf die Anklagebank: Verhandlung im Großen Schwurgerichtssaal des Berliner Landgerichts (BArch: Symbolbild 102-17226 / Pahl, Georg)
Verantwortlich für das Urteil ist Landgerichtsdirektor Dr. Paul Tolk, dessen Strafgericht auch als "Kammer der barmherzigen Brüder" bekannt ist.
(Ossietzky/Tucholsky/Jacobsohn: "Die Weltbühne", Band 28, S.363 + Siemens: "Horst Wessel: Tod und Verklärung", S. - 2010)
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(Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Berliner Morgenpost, Nr.127, S.5 - "Der Attentatsplan gegen General von Seeckt" v. 27.5.1924 + GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.79 - 8 Uhr Abendblatt, Nr.123, S.5, "Das Mordkomplott gegen General v. Seeckt" v. 26.5.1924 / Zeichnung: Mannas)
Aus der Urteilsbegründung ist die wohlmeinende Gerichts-Auffassung zu entnehmen:
"Es mußte daher auch als nicht widerlegt angesehen werden, daß Grandel die Aeußerungen gegenüber (-dem vorgesehenen Attentäter Heinz-) Koepke, die auf das Attentat Bezug hatten, soweit sie von ihm zugestanden werden, nur getan hat, um die Ernstlichkeit des Vorhabens Koepkes nachzuprüfen und daß er als Ergebnis seiner Unterredung mit Koepke die Ueberzeugung von der Nichternstlichkeit gewonnen hat." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.128/Bl.40 - Prozessurteil Thormann-Grandel v. Juni 1924)
"Aus diesem Grunde waren die Angeklagten auf Kosten der Staatskasse freizusprechen. Die Haftbefehle gegen beide Angeklagten werden mit sofortiger Wirkung aufgehoben." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.266, S.5 - "Thormann und Grandel freigesprochen" v. 5.6.1924)

Justitia am Landgericht Berlin (BArch: B 145 Bild-F088483-0007 / Thurn, Joachim F.)
Für Gottfried Grandels Strafverteidiger Dr. Alfons Sack verläuft die milde Spruchpraxis der Strafkammer ganz nach Plan: Am Ende des Prozesses steht ein Freispruch und nur das allein zählt für den selbsternannten "Nationalen Verteidiger":
"Der nationale Verteidiger - so nannte sich einer (-Dr. Alfons Sack-) der Herren Verteidiger im Grandel-Thormann-Prozeß, wohl weil er die nationalen Mörder in ihren hanebüchenen Lügen, mit deren Hilfe sie vor Gericht elendiglich kneifen, in allen Prozessen unterstützte - also der nationale Verteidiger hat seine nationalen Klienten (-Thormann und Grandel-) in einem blumengeschmückten Auto vom Gefängnis abgeholt." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Ingolstädter Anzeiger, Nr.134 - "Völkische Ehrenmänner" v. 13.6.1924)
Obwohl der völkische Dr. Gottfried Grandel von der Rechtssprechung profitiert, heißt es in dem Artikel weiter:
"Dieses Urteil wird in den weitesten Kreisen nicht verstanden werden und nur ein neues Glied in der Beweiskette unserer völkischen Gedankengänge bilden, die auf die Schaffung eines deutschen Rechtes anstelle des verjudeten römischen Rechtes gerichtet sind." (Das Deutsche Tageblatt, Nr.127 v. 6.6.1924)
Das Deutsche Tageblatt fungiert 1924 als Parteiblatt der Deutschvölkischen Freiheitspartei, dessen Parteisekretär der Zeuge v. Tettenborn ist.
Nach dem Urteilsspruch können die zwei Angeklagten das Gerichtsgebäude als freie Menschen verlassen, doch so ganz unbeobachtet bleibt dieser Vorgang nicht:
"Vor dem Eingang zum Untersuchungsgefängnis in Alt-Moabit 12a hatte sich eine größere Menschenmenge angesammelt, die auf die Freilassung der beiden Freigesprochenen wartete. Die Anwesenden waren aber nicht etwa zum Zwecke einer Ovation versammelt, im Gegenteil waren ihre Außerungen gegen Thormann und Grandel recht unfreundlicher Art. Ein Polizeiaufgebot war zur Stelle, das aber keine Veranlassung zum Einschreiten hatte, denn die Gefängnisverwaltung hatte Vorsorge getroffen, daß die beiden Freigesprochenen durch einen anderen Ausgang aus dem Gefängnis entlassen wurden. Thormann verließ mit einem Koffer in der Hand unerkannt das Gefängnisportal. Grandel wurde von seinem Verteidiger (-Dr. Alfons Sack-) mit einem blumengeschmückten Auto abgeholt." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.266, S.5 - "Thormann und Grandel freigesprochen" v. 5.6.1924)

"Nicht zum Zwecke einer Ovation versammelt": Diskrete Haftentlassung durch den Seiteneingang (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Morgenpost, Nr.218, S.5 - v. 10.9.1932)
In Augsburg hingegen ist die Wiedersehensfreude groß:

Nach der Haftentlassung zurück im Augsburger Garten: Gottfried Grandel mit Stieftochter Eleonore Winternitz und Tochter Christine Grandel - 6. Juni 1924 (Fotografie im Privatbesitz)
Später vermerkt Gottfried Grandel über die Berliner Prozessphase in seinen Lebenserinnerungen lediglich, dass der Gerichtprozess ihm viel Geld gekostet habe. Weiteres schreibt er zu dieser Zäsur in seinem Leben nicht.
Berliner Freispruch: Reaktionen auf das Prozess-Urteil
(414-1924) Die Kommentierungen zum Berliner Landgerichtsurteil sind vielfältig.
Schon bei der Urteilsverkündung durch den Vorsitzenden Richter Dr. Tolk macht sich unter den Prozesszuhörern ein deutliches Raunen bemerkbar. In der darauf folgenden Berichterstattung wird vermerkt:
"Das Gericht hat die Angeklagten Thormann und Grandel, wie aus der Begründung des Richterspruchs hervorgeht, nicht aus tatsächlichen, sondern aus rechtlichen Gründen freigesprochen." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.266, S.5 - "Thormann und Grandel freigesprochen" v. 5.6.1924)
Der sozialdemokratische Abgeordnete Kuttner betont in der folgenden Justizdebatte des Berliner Landtages:
"Kaum waren wir unlängst im Ausschuß mit unseren Beratungen zu Ende, da wurde das Urteil im Thormann-Grandel-Prozeß bekannt. Dieses Urteil hat bis tief in die Reihen der Rechtsparteien peinliches Aufsehen hervorgerufen. Dieses Urteil hat großen Schaden angerichtet im In- und Auslande. Was soll das Ausland von einem Staate denken, in dem Attentatsversuche, wie sie im Thormann-Grandel-Prozeß in Frage kamen, ungestraft bleiben! Der Freispruch für die Attentäter war sicher in dem Augenblick, als General v. Seeckt erklärte, er werde gegebenenfalls auch gegen rechts schießen. Von diesem Augenblick an haben die Richter den General v. Seeckt im Stich gelassen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: 2.Beilage des Vorwärts, Nr.298, S.9 - "Justizdebatte im Landtag" v. 27.6.1924)
In weiteren Verlautbarungen heißt es zur rechtlichen Einordnung des Freispruches:
"Der Prozeß Thormann-Grandel endete unbegreiflicherweise mit der Freisprechung der beiden Angeklagten, weil sich der Gerichtshof gegenüber der Staatsanwaltschaft auf den §49a St.(-raf-)G.(-esetz-)B.(-uch-), den sogenannten Duchesne-Paragraphen, berief, wonach die Teilnehmer an einem Mordplan, auch wenn sie diesen ernsthaft meinen, freizusprechen sind, wenn ein agent provocateur bei dem Mordplan tätig geworden ist. Bei Thormann und Grandel trat doch der Mordwille ganz offen zu Tage; es ist also für das natürliche Rechtsempfinden ganz unbegreiflich, daß beide Leute, die ganz ernsthaft die Ermordung des Kommanders der deutschen Reichswehr vorbereiteten, straffrei ausgehen sollen. Der Generalstaatsanwalt Lindow hat daher mit vollem Recht sofort gegen das freisprechende Urteil Revision eingelegt." (Digitalisiert auf diditale-sammlungen.de: "Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus", Nr.34 - 1924)
"Der Grund für die Freisprechung ist in erster Linie darin zu suchen, daß die Bereitwilligung zur Ermordung des Generals von Seeckt einem agent provocateur gegenüber ausgesprochen und der Mordplan mit diesem verabredet war. Ein agent provocateur ist nach der juristischen Definition derjenige, der einen andern zur Verübung eines Verbrechens nur deshalb anstiftet, weil er will, daß dieser sodann überführt und bestraft werde. In der Rechtslehre ist die Frage, ob die Anstiftung eines solchen agent provocateur eine strafbare Handlung darstelle, strittig. Für den hier vorliegenden Fall hat Professor Kohlrausch ein Gutachten dahingehend abgegeben, daß man von der Annahme einer Aufforderung zum Verbrechen im Sinne des Paragraphen 49a des Starfgesetzbuches nur sprechen könne, wenn die ernsthafte Absicht zu diesem Verbrechen auf beiden Seiten, sowohl bei dem Auffordernden wie bei dem Aufgeforderten, vorliegt. Da dies, wie das Gericht ausführt, bezüglich Tettenborns und Köpkes zu verneinen war, so folgte daraus die Notwendigkeit der Freisprechung. Auch dieser Prozeß gibt wieder Anlaß zu prüfen, ob der Paragraph 49a, der sogenannte Duchesne-Paragraph, richtig gefaßt ist. Die Vorschrift ist, wie der Kommentar der Reichsgerichtsräte hervorhebt, ein Gelegenheitsgesetz mit allen Merkmalen und Nachteilen eines solchen. Man darf wohl annehmen, daß bei der Neufassung des Strafgesetzbuches auch hier eine Korrektur eintreten wird." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.266, S.5 - "Thormann und Grandel freigesprochen" v. 5.6.1924)

Mitunter korrekturbedürftig: Das Strafgesetzbuch des Deutschen Reisches - 1931 (Fotografie im Privatbesitz)
Die Regelung des § 49a RStGB ist heute nicht mehr Teil des aktuellen deutschen Strafgesetzbuchs. Unter dem NS-Regime wurde der § 49a RStGB im Jahre 1943 modifiziert. Die heutigen Strafvorschriften für die Verabredung eines Verbrechens und die Teilnahme finden sich nun an anderer Stelle, wie z.B. in § 30 StGB.
Der vom Berliner Landgericht eingesetzte Gutachter, Medizinalrat Dr. Stoermer, schreibt dem Polizeipräsidium Berlin-Schöneberg abschließend am 26. Oktober 1926 über seine erbrachten prozessualen Dienstleistungen:
"Ich beabsichtige, für jedes dieser Gutachten M 300,-- zu liquidieren, denn es handelt sich um ganz besonders schwierige Gutachten. Jeder der beiden Angeklagten, die sich wegen eines Anschlags gegen General v. Seeckt zu verantworten hatten, hat in Wahrheit alle nur irgend erdenklichen Ausreden herangezogen, um sich als geisteskrank hinzustellen.
Grandel kam mit der Behauptung, dass er die seltensten Laboratoriumsvergiftungen erlebt hätte und dabei gehirnkrank geworden sei. Er fabelte von Kampfer-Vergiftung und Einwirkung ätherischer Oele und Chlorgas und er holte auch die kleinsten Vorkommnisse aus seinem Leben heran, jeden Schreck, jeden kaufm. Fehlschlag, jeden Kopfschmerz, jede Erkältung, kurz, er liess nichts unversucht, um zum Ziele zu kommen. Ausserdem schickte er mir seine Frau in die Wohnung, die mir bei drei Besuchen unerträglich viele Einzelheiten und Behauptungen auftischte, sämtlich nicht nachprüfbar und so weitschweifig und unklar gehalten und dabei so offensichtlich übertrieben, dass ich diese Dame überhaupt kaum wieder loswerden konnte. Sodann machte G.(-randel-) auch noch einen Herzfehler geltend und alle Augenblicke verlangte er Pausen in den Untersuchungen und wenn sie zu Ende waren, liess er mich wiederkommen, um seine an sich schon weitschweifigen und sehr übertriebenen Darlegungen in noch weiteren Punkten zu ergänzen und immer mehr Material zu unterbreiten." (LArch Berlin, Prozessakte Thormann-Grandel)
Die Volksstimme, Tageszeitung der Vereinigten sozialdemokratischen Partei, schreibt nach dem Prozess am 7. Juni 1924:
"Die Angeklagten in dem Prozeß, der den Mordplan gegen Seeckt zum Gegenstand hatte, waren der Augsburger Fabrikant Dr. Grandel und der Ingenieur Thormann, der in den Monaten vor seiner Verhaftung auch in hitlerscher Luft gelebt hat. Den Namen dieser beiden tragen die offiziellen Akten. Aber der Verlauf des Prozesses zeigt, daß auch hier wieder die eigentlichen Urheber der Attentatsverschwörung nicht auf der Anklagebank saßen. Weder im Erzberger-, noch im Rathenau-Prozeß war es möglich, die dunklen Drahtzieher zu enttarnen. Wie ein Schatten nur geisterte die 'Organisation C' durch die Verhandlungssäle. (...) Das eine steht fest, das hat der 'Thormann-Grandel-Prozeß' klar bewiesen: Die Drahtzieher völkischer Attentate sind viel zu klug, um zu einem Mord aufzufordern."
Auch Erich Mühsam, inhaftierter Kommunist der Räterepublik von 1919, kommentiert den Prozessverlauf und Richterspruch in seinem Tagebuch:
"Nollet bleibt solange mit seiner Kommission tätig, bis die berühmten 5 Punkte vollständig befriedigend erledigt sind, erst dann tritt er zugunsten des 'Völkerbundes' zurück. Unsre Patrioten aber glauben, man könne die interallierten Kontrolleure täuschen, und wenn man möglichst viele Leute, die wie Gumbel, Quidde, Gerlach etc. warnen, als Landesverräter einsperrt, wird das Ausland garnichts ahnen. Das hat aber schon den Hitler-Prozeß mit ganz andrer Kritik verfolgt als man bei uns denkt, und der Thormann-Grandel-Prozeß, der viele prominente Leute, wie Reventlow, Claß, Gräfe etc schwer kompromittiert und einen ungeheuren Sumpf, nicht aufdeckt, aber doch riechen läßt, enthüllt dem 'Feindbund' viel mehr Verbotenes als alle 'Landesverräter' zusammen, vor allem aber die Duldung und Förderung der Vertragssabotage durch den gesamten offiziellen Apparat und besonders die Justiz." (muehsam-tagebuch.de: Heft 41 - Tagebucheintragung während der Festungshaft in Niederschönenfeld v. 3.6.1924)
In einem weiteren Eintrag heißt es:
"Da hat man jetzt die völkisch-alldeutschen Herren Thormann und Grandel, die den Reichswehrgeneral Seeckt 'umlegen' wollten, freigesprochen. Warum? Weil sonst der Führer der Alldeutschen Claß etwas sehr peinlich kompromittiert gewesen wäre. Aber die Begründung ist schön: 2 Lockspitzel des Reichssicherheitskommissars Grindel und v. Tettenborn hätten ihre Klauen im Spiel gehabt, und, sagt das Urteil, Verabredungen mit Spitzeln, die ja selbst gar nicht morden möchten, gelten nicht." (muehsam-tagebuch.de: Heft 41 - Tagebucheintragung während der Festungshaft in Niederschönenfeld v. 7.6.1924)

Gedanken aus der Haft: Tagebuch-Schreiber Erich Mühsam - 1934 ()
Der Hamburger-Anzeiger vom 3. Juni 1924 schreibt unter der Überschrift "Catilinarier" (Die Catilinarische Verschwörung war ein misslungener Umsturzversuch des römischen Senators Catilina):
"Trotzdem muß gesagt werden, daß eine Anzahl von Urteilen der letzten Zeit, die politische Prozesse angehen, starke Verwunderung hervorgerufen haben. Von der Münchener Art der Rechtsbetrachtungen wollen wir ganz absehen. Sie sind außer Konkurrenz. Aber das Urteil im Thormann-Grandel-Prozeß, das mit Freispruch endete, wird doch immerhin nicht ohne Kommentar bleiben können. Der Staatsanwalt hat dagegen Einspruch erhoben, was unseres Erachtens ein dringendes Erfordernis ist. Die Anklagebehörde steht auf dem Standpunkt, daß die Voraussetzungen einer strafbaren Verabredung zum Morde auch dann gegeben sind, wenn Ernstlichkeit von Seiten einer der Verabredenden nicht vorliegt; wenn aber die Verabredenden, also die beiden Angeklagten, ihre Mitwirkung zugesichert haben.(...) Das Volksempfinden, daß in juristischen Fragen sicherlich nur mit Vorsicht ins Feld geführt werden soll, verurteilt jedenfalls Leute, die tagelang angestrengtest darüber nachdenken, wie Stützen des Staates beseitigt werden können.(...) Und es ist keineswegs gesagt, daß das einfache Gemüt hierbei ins Unrecht versetzt werden müßte."
Weiter geht der Artikel auf den Angeklagten ein:
"Etwas anderes ist es mit dem Augsburger Kaufmann Dr. Grandel. Wir haben keine Veranlassung, das merkwürdige Wesen dieses Mannen tief zu ergründen. Dazu hat sein Erscheinen zu sehr Eintagsbedeutung. Er gehört zu der Klasse der Intellektuellen, die in Deutschland nach dem Kriege durch die Macht des Temperamentes, aber auch künstlich durch die Aufstachelung politischer Leidenschaft, großgezogen ist; zu denen, die gegen die Stützen des Staates Gewalt anzuwenden mit Vergnügen bereit sind. Es sind die Männer des verwüsteten moralischen Empfindens, denen ein politischer Mord nichts bedeutet, die den Erzbergermördern zujauchzen und für die Hinschlachtung Rathenaus mildernde Umstände hatten. Unter einander pflegen solche ‚geistigen Führer der Nation' sehr offen zu reden. Dieser Dr. Grandel ging angeblich harmlos in Berlin seines Weges einher, um sich für sein Geschäft eine Kraft zu engagieren, und stieß dabei zufällig auf Thormann. Es kam bei dieser Gelegenheit die kleine Mordverabredung heraus, die ihn auf die Anklagebank brachte. Herr Grandel ist nicht dieser oder jener. Er hat seine Beziehungen zu Kahr, zum Justizrat Claß vom 'Alldeutschen-Verband'. Zur Schar derjenigen, die, der Macht beraubt, auf allen Hintertreppen sich bemühen, sie wieder zu gewinnen. Grandel beschuldigte den Führer der Alldeutschen weitausholender Attentatspläne, widerrief aber später sein Geständnis. Wir können nicht ergründen, ob die erste oder die zweite Grandelsche Aussage die richtige war." (zbw.eu, P20 Seeckt)
Es macht Sinn, das geplante Attentat auf den Chef der deutschen Heeresleitung "als Auftakt eines allgemeinen Umsturzes" zu sehen; Die Weltbühne in ihrer Ausgabe von 1924 geht davon aus. Sie schreibt:
"Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß dieser Umsturzplan derselbe war, den Kahr nährte. Kahr war am 8. November 1923 im Bürgerhaus entrüstet darüber, daß Hitler ihm seine Absichten durch vorzeitiges Losbrechen zerstörte. Wenn Hitler 8 Tage gewartet hätte, hieß es, wäre der große Plan des Marsches auf Berlin fertig gewesen."
Kahr favorisierte ein reichsweites Direktorium mit norddeutschen Verbindungsleuten wie Claß, Geißler und Minoux. Generaloberst von Seeckt als Chef der Heeresleitung störte jedoch die Beteiligten bei der Umsetzung ihrer persönlichen und politischen Ambitionen.
Generaloberst von Seeckt war hingegen 1924 ein weiteres Mal in das Visier einer radikalen Gruppe geraten: Der kommunistischen Geheimorganisation Tscheka, das Gegenstück zur rechtsradikalen Geheimorganisation Consul. Laut Prozessbericht der Deutschen-Zeitung vom 13. Februar 1925 wurde jedoch "die Angelegenheit zurückgestellt". (zbw.eu, P20 Seeckt)
Die Aufarbeitung des Thormann-Grandel-Prozesses findet Erwähnung in einer weiteren Zusammenstellung:

(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.289 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß" - 1924)
Der Völkische Beobachter geht auf den Thormann-Grandel-Prozess und dessen Ergebnis offenbar mit keinem einzigen Artikel ein, obwohl General von Seeckt noch wenige Wochen vor dem Hitler-Putsch regelrecht als Feindbild in den Artikeln aufgebaut wurde. Am 27. September 1923 hieß es noch in der Überschrift:
"Die Diktatoren Stresemann - Seeckt"
Der Artikel beinhaltete antisemitische Angriffe gegen Reichskanzler Stresemann und den Chef der Heeresleitung, sowie deren Frauen.
In einer späteren Ausgabe des Völkischen Beobachters vom 8. Oktober 1926 fragt schließlich die Redaktion mit einem Aufmacher in der Münchener Ausgabe:
"Warum wird der General von Seeckt davongejagt?"
Weiter heißt es in dem Artikel:
"Wir haben 1923 den General v. Seeckt scharf angegriffen, ihm als Schöpfer der Reichswehr in technischer Beziehung jedoch stets die verdiente Anerkennung ausgesprochen. Jetzt, wo er auf diese Weise sich verabschieden muß, erklären wir, daß wir seinen Rücktritt sehr bedauern. Gerade jetzt, wo die Feinde es wünschten, mußte er bleiben."
Der einflussreiche Justizrat Heinrich Class wird zwei Jahre nach dem Thormann-Grandel-Prozess erneut auffällig. Carl v. Ossietzky schreibt über den diktaturaffinen Verbandsvorsitzenden:
"Im Mai vorigen Jahres deckte die preußische Polizei die Verschwörung auf. Ein paar großindustrielle Schreibtische wurden zwangsweise geöffnet. Die Mitglieder von Claßens erstem Diktaturkabinet wurden bekannt, die Beziehungen der Militärs zu rechtsradikalen Verbänden bloßgelegt. Jetzt erfahren , dasß das Reichsgericht das daraufhin gegen Herrn Claß eröffnete Verfahren eingestellt habe - aus Mangel an Beweisen. Das diffizilste der Gerichte hat die Diktaturpläne , durch die ein gewisser Neumann aus Lübeck zum deutschen Vereinsvorstand erhoben werden sollte, als harmlose private Studien bewertet. Es hat sich nicht bemüht, die Tätigkeit des Herrn Claß seit 1920 näher zu untersuchen: nicht seine Beziehungen zur münchener Novemberrevolte, nicht seine klägliche Rolle im Thormann-Grandel-Prozeß, wo er unter der Wucht unbequemer Fragen käseweiß und schlotternd dastand, nach Atem ringend, Ausflüchte suchend - ein lange verborgener Conspirator, auf den plötzlich entlarvendes Tageslicht fiel. Herr Claß wäre verloren gewesen, wenn er nicht einen galanten Richter gefunden hätte, der im Augenblick höchster Seenot zu fragen aufhörte." (Die Weltbühne: "Rettungen" v. 1.11.1927)
Der Thormann-Grandel-Prozess hingegen streift auch juristisches Neuland. In einem darauf folgenden Tscheka-Prozess gegen das linksterroristische KPD-Mitglied Felix Neumann und 15 andere vor dem Staatsgerichtshof wird der Düsseldorfer KPD-Verteidiger Dr. jur. Wolf zitiert:
"Die Frage ist von größter juristischer Bedeutung, denn ist (-V-Mann Adolf-) Diener bereits im Jahre 1923 ein von der Polizei bezahlter Spitzel gewesen, so dürfte natürlich seine Glaubwürdigkeit erschüttert sein. Ist der Angeklagte Lockspitzel gewesen, so sind alle Mordverabredungen in Stuttgart nicht strafbar, weil sie nicht ernsthaft gemeint waren. Ich berufe mich dabei auf die Entscheidung des Reichsgerichts in der Revision des Thormann-Grandel-Prozesses wie auf das Urteil in diesem Prozeß selbst." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.113, S.3 - "Der Tschekist als Spitzel" v. 7.3.25 + BArch R 1507)
Die Prozessakten zum Thormann-Grandel-Prozess finden im Abstand von 15 Jahren am 12.. Oktober 1939 erneut Verwendung, diesmal von der Geheimen Staatspolizei in Berlin. Unter der Bearbeitungs-Nummer IV (II H1)01460/39g heißt es an den Generalstaatsanwalt nur knapp:
"Ich bitte um kurzfristige Überlassung der Akten über Dr. Gottfried Grandel und Alexander Thormann."
Unter der Bearbeitungs-Nummer IV B 1a-01460/39g wird am 16. April 1940 daraufhin von der Gestapo abschließend vermerkt:
"Hiermit werden die dortigen Strafakten - Aktenzeichen: 1J.97.24, Band 1 und 2 - zurückgesandt."
Der Grund für diese Überprüfung bleibt unklar.
