Weimarer Republik II
Dr. Grandels frühe Mitgliedschaft in der (NS)DAP
(301-1920) Das Jahr 1920 ist gekennzeichnet von einer hohen Frequenz an Propaganda-Veranstaltungen, die Adolf Hitler für die noch junge Deutsche-Arbeiterpartei (DAP) in Bayern absolviert.
Der Journalist Karl Harrer ist mittlerweile nach nur einjährigem DAP-Vorsitz von allen Parteiämtern auf der Mitgliederversammlung am 5. Januar 1920 zurückgetreten. Er hält Hitler für "größenwahnsinnig"; lehnt zuvor in unterlegener Abstimmung mehrere 1920 geplante Massenveranstaltungen für die unbekannte Kleinstpartei ab.
Geldgeber Dr. Grandel hingegen ist neugierig, wie sich der von ihm und Dietrich Eckart protegierte "Trommler" in öffentlicher Großveranstaltung gegenüber der gewünschten Arbeiter-Zielgruppe behauptet. Sein erstes Zusammentreffen mit Adolf Hitler schildert er in einem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Adolf Hitler hatte ich kurz vorher (-vor dem Berliner Kapp-Putsch vom 13. März 1920, vermutlich 1918/19-) in der (-vom Germanen-Orden vorgelagerten Tarnorganisation-) Thule-Gesellschaft im (-Münchener-) Hotel Vier Jahreszeiten kennen gelernt und hörte ihn da als Diskussionsredner zum erstenmale sprechen. Auch Anton Drexler begegnete mir dort (-vermutlich 1919-) und erklärte mir die Ziele seiner 'Deutschen Arbeiterpartei'." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.1-2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
In seiner früheren Vernehmung von 1924 als Angeklagter führt Dr. Grandel vor dem Berliner Landgericht aus:
"'Bis zur Revolution', erklärt der Beschuldigte, 'habe ich mich für Politik nicht besonders interessiert. 1920 (-nach Aussage Heinrich Dolles um den Jahreswechsel 1918/19-) lernte ich dann Hitler kennen, der mich (-nach Heinrich Dolles Aussage im Jahr 1919 für 9 Monate-) auch in Augsburg besuchte, und da ich auf diese junge (-DAP-)Bewegung in ihren Anfängen Hoffnung setzte, stellte ich mich ihr auch finanziell (-u.a. durch hälftige Bürgschaft zum Ankauf des überschuldeten Völkischen Beobachters-) zur Verfügung. Mein Wunsch war, daß die Hitler-Bewegung sich auf kulturpolitischem, nicht aber auf parteipolitischem Gebiet bewegen sollte. Als sich dann die Entwicklung in umgekehrter Weise vollzog, habe ich mich (-ab Mitte 1921-) zurückgezogen, denn ich bin, wie gesagt, nicht parteipolitisch eingestellt. Familie, Heimat und Vaterland, das ist mein politisches Programm.'" (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Wiener Morgenzeitung, Nr.1899, S.2 - "Thormann und Grandel vor Gericht" v. 29.5.1924 + digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924)
Waren es in der vom Germanen-Orden gelenkten Veranstaltung der Thule-Gesellschaft noch rund 30 Teilnehmer gewesen, so sind es am 13. August 1920 bereits um die 2000 Zuhörer, die den in Bayern mittlerweile bekannten Versammlungsredner im vollbesetzten Festsaal des Münchener Hofbräuhauses hören wollen. Der Propagandaredner greift zu dem Thema, was die stärksten Reaktionen im Publikum hervorruft: Dem massentauglichen Antisemitismus. Die Überschrift von Adolf Hitlers zweistündiger Veranstaltung lautet dann auch:
"Warum sind wir Antisemiten?"
Das Muster gleicht auch hier den vorherigen Erfahrungen: Durch ständig sich steigernde Zustimmungsrufe aus dem Publikum sieht sich der DAP-Werbeobmann nicht nur in seiner Agitationsform, sondern auch inhaltlich bestätigt. Seine Form der Propaganda wird nicht nur vom Bürgertum, sondern zunehmend auch von den Arbeitern frequentiert.

Vor der Hitler-Rede: NSDAP-Versammlung im Münchener Bürgerbräukeller (Bundesarchiv Berlin: Bild 146-1978-004-12A / Hoffmann, Heinrich - ca. 1923)
Bereits eine Woche zuvor wird Adolf Hitler bei seinem Vortrag im österreichischen Salzburg mit folgenden Gesellschaftsvorstellungen zitiert, die er im Folgejahrzehnt in die Realität umsetzen wird:
"Denn denken Sie nicht, daß Sie eine Krankheit (-gemeint ist von ihm der jüdische Geist-) bekämpfen können, ohne nicht den Erreger zu töten, ohne den Bazillus zu vernichten, und denken Sie nicht, daß Sie die Rassentuberkulose bekämpfen können, ohne zu sorgen, daß das Volk frei wird von dem Erreger der Rassentuberkulose. Das Wirken des Judentums wird niemals vergehen, und die Vergiftung des Volkes nicht enden, solange nicht der Erreger, der Jude, aus unserer Mitte entfernt ist." (Jäckel: "Hitlers Weltanschauung", S.58 - 1981 + Völkischer Beobachter, Nr.75 - 1920)
Auch Partei-Finanzier Dr. Grandel bekommt von der Münchener NSDAP-Geschäftsstelle im Juli 1920 eine Einladung für das Salzburger Treffen zugesandt. In dem parteiinternen Postausgangsvermerk heißt es zu seiner Person:
"Zusendung der Mitgl.karte und Einladung nach Salzburg (-7.-8. August 1920-)." (BArch Berlin: NS26/222 - Posteingangsbuch, Eintrag v. 28.7.1920)
Bislang hatte Dr. Grandel eine offizielle Mitgliedschaft vermieden, doch der geplante Rahmen der Veranstaltung läßt ihm hier wohl keine andere Wahl. Auf dem Salzburger "Vertretertag aller nationalen Sozialisten des deutschen Sprachgebietes" nehmen offiziell der Parteivorsitzende Anton Drexler und Werbeobmann Adolf Hitler als Delegierte der bayerischen NSDAP teil; auch Hitlers Fotograf Heinrich Hoffmann ist zugegen:

Gruppenbild mit Hitler: Tagung völkischer Gruppierungen in Salzburg - 8. August 1920 (Bay. Staatsbibliothek: hoff-6512 / Hoffmann, Heinrich)
Die vom Parteibüro erwähnte Mitgliedskarte wird für Dr. Grandel hier erstmalig erforderlich, da er den Teilnehmern in Salzburg gänzlich unbekannt ist. Anders verhält es sich in Bayern. Parteiführer Adolf Hitler notiert in einem Artikel zum 10-jährigen Bestehen der Partei:
"Ich habe schon erwähnt , daß (-bis zum August 1919-) der 'Vorstand' tatsächlich auch zugleich die Partei war. Mitgliedskarten gab es selbstverständlich nicht und waren auch gar nicht notwendig, da sich die sieben Mann ohnehin gegenseitig genau kannten ." (Hitler/Vollnhals: "Reden, Schriften, Anordnungen", S.336 - 1992, Artikel aus: Illustrierter Beobachter: "Zehn Jahre Kampf" v. 3.8.1929)
Mit vollem Einsatz lenkt Dr. Grandel in dieser Phase bereits die Geschicke seines begabten und von ihm geschulten Propagandisten. Vermutlich beschreibt eine seiner vorherigen Kalenderblatt-Eintragungen mit einem Schiller-Wort das besondere Verhältnis zu seinem politischen Zögling am treffendsten, von dessen Ausstrahlung er zunehmend erfasst wird:
"Brauchbare Menschen belehren durch das, was sie tun; edle Naturen durch das, was sie sind." (Kühn: "Die Frauen um Goethe", S.8 - 2022)

Der mit der Augsburger Familie zu diesem Zeitpunkt eng befreundete Amtmann Georg Fischer notiert zu Dr. Grandels politisierten Aktivitäten des Jahres 1919 rückblickend:
"Er veranstaltete hier Vorträge des Herrn Dr. Gottfr. Feder, hielt selbst Vorträge über die Schaffung eines deutschen Rechtes und schuf im Anschluss daran gemeinsam mit Dr. Dickel die Anfänge der hiesigen nationalsozialistischen Bewegung." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R8048/672, S.37 - Amtmann Georg Fischer an Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Auch das Augsburger Stadtarchiv widmet sich im Abstand von fast 90 Jahren den frühen Aktivitäten Dr. Grandels. Unter der Rubrik Vorbedingungen wird auf Seite 268 berichtet:
"Gottfried Grandel (1877-1952)(-richtig: 10.1.1951-)
Der Augsburger Ölmühlenbesitzer Gottfried Grandel war Mitglied des Alldeutschen Verbandes (-?-) und des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes (-?-). In Augsburg gründete er den völkischen Bund für deutsches Recht und zusammen mit Otto Dickel die Ortsgruppe der Deutschen Arbeiterpartei (Vorläufer der NSDAP) (-bei Ortsgruppen-Gründung im Frühjar 1921 bereits NSDAP-). Befreundet mit Dietrich Eckart, dessen antisemitische Wochenschrift 'Auf gut deutsch' er finanziell unterstützte, gehörte Gottfried Grandel zu den frühen Förderern Adolf Hitlers. So organisierte er das Flugzeug (-Rumpler D 72-), das Hitler und Eckart (-von Augsburg am 17.3.1920-) zur Teilnahme am Kapp-Lüttwitz-Putsch nach Berlin brachte. Im Dezember 1920 unterstützte er den Kauf des 'Völkischen Beobachters' für die NSDAP. Als Dank (-auf Anweisung des Germanen-Ordens?-) für sein Engagement trat Hitler 1921 zweimal als Redner in Augsburg auf. (-Am 17.1.-)1924 wurde Gottfried Grandel unter dem Verdacht verhaftet, an einem Mordkomplott gegen den Chef der Heeresleitung, (-Generaloberst-) Hans von Seeckt, beteiligt gewesen zu sein. Trotz Freispruch ließ sich seine Verwicklung in NS-Machenschaften (-?- war seit Herbst 1921 kein NSDAP-Mitglied mehr und in Folge eher der Organisation Consul zugeneigt-) nicht ausräumen. 1930 verlagerte Gottfried Grandel sein Augsburger Unternehmen nach Hamburg. 1952 (-10.1.1951-) verstarb er in Freiberg (Sachsen)." (Cramer-Fürtig/Gotto: "'Machtergreifung' in Augsburg", S.268 - 2008)

Von Stadtsparkasse und Firma Dr. Grandel gefördert: Publikation "'Machtergreifung' in Augsburg" - 2008
Vier Tage nach Adolf Hitlers Rede im Münchener Bürgerbräukeller wird Dr. Gottfried Grandel schließlich eingetragenes Parteimitglied der NSDAP. Unter der Nummer 1713 taucht er im Mitgliederverzeichnis aus der Kampfzeit auf, welches im Berliner Bundesarchiv archiviert ist. Seine handschriftlich eingetragenen Daten sind hingegen mit Bleistift durchstrichen, was auf einen undatierten Austritt aus der Partei hinweist.
In einem zeitlichen Zusammenhang mit Dr. Grandels regulärem Parteieintritt steht möglicherweise auch ein besonderes Treffen in München:
"Am 30. September 1920 fand in ihrem (-NSDAP-) Geschäftszimmer im Sterneckerbräu (Tal 54) in München eine Sitzung sämtlicher Vorstandsmitglieder und einiger besonders hinzugezogener Parteimitglieder zur Beschlussfassung über die Gründung eines 'Nationalsozialistischen Deutschen Arbeitervereins e.V.' statt. Anwesend waren: Der erste Vorsitzende Anton Drexler (1884-1942), der zweite Vorsitzende Benedikt Angermeir, (geb. 1877), die Kaufleute Oskar Körner (geb. 1875) und Rudolf Schüßler (geb. 1893), die Schlosser Karl Riedl (geb. 1891, Kassierer) und Fritz Michel (Versammlungsobmann) sowie F. Kurz. Drexler begründete das Vorgehen damit, dass die Partei einen Rechtstitel benötige, um den Charakter einer juristischen Person zu bekommen. Wahrscheinlich hielt er die Vereinsgründung auch wegen der geplanten Übernahme des 'Völkischen Beobachters' für erforderlich." (historisches-lexikon-bayerns.de: NSDAV 1920-23 - Amtsgericht München, Registergericht, Vereinsreg.. Bd. XVIII, Nr.1+Nr.46, Verfügung v. 20.10.1920)
Die Augsburger Anhänger des erst 1919 gegründeten Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes und die Mitglieder der von Dr. Grandel in Augsburg gegründeten Ortsgruppe Bund für Deutsches Recht werden schließlich von ihm in einer neuen Gruppierung zusammengefasst:
"Die Ortsgruppe Augsburg der NSDAP ist auf meine Initiative im Winter 1920/1921 gegründet worden." (BArch Berlin: NS26/514, S.597/Bl.1 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 6.11.1942)
Die Rekrutierung neuer NSDAP-Parteimitglieder aus bereits vorhandenen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzgruppen ist zu dieser Frühzeit des Parteiaufbaus kein Einzelfall und zeigt oft deutliche Schnittmengen im personellen wie organisatorischen Bereich.
In seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv datiert Gottfried Grandel seinen Parteieintritt jedoch schon um fünf Monate früher. Erwähnt wird von ihm dabei auch die zu diesem Zeitpunkt noch übliche NSDAP-Vorläuferbezeichnung "DAP":
"Ich war inzwischen im März 1920 Mitglied der 'Deutschen Arbeiterpartei' geworden. In meinem Wohnsitz Augsburg bestand noch keine Ortsgruppe. Ich fing an, für die Bewegung zu werben." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Die Bekanntmachung der Umbenennung zur "NSDAP" wird zusammen mit Hitlers Vortrag des 25-Punkte-Programmes im Rahmen der ersten großen Parteiversammlung am 24. Februar 1920 vorgenommen. Propagandist Hitler fungiert hier noch nicht als Hauptredner, sondern verkündet erst im Anschluss an den bekannteren Versammlungsredner Johannes Dingfelder das neue Parteiprogramm.
Die für Dr. Grandel aus der Liste der Kampfzeit entnommene Mitgliedsnummer 1713 beinhaltet 500 Phantom-Mitglieder (1713-500: 1213), die nach außen eine stärkere Bewegung vorzutäuschen hatten. Die Vergabe von Nummern startete mit der 501 und wurde ab dem Januar 1920 rückwirkend nach dem Alphabet vorgenommen.
Im Dezember des Gründungsjahres 1919 waren ca. 195-214 Mitglieder der Partei beigetreten. Im darauf folgenden März 1920 stieg dann die Zahl auf rund 350 Personen an. Im Sommer 1920 betrug die Zahl dann schon rund 1700 Personen, während sie zum Jahresende 1920 auf 2352 Parteigenossen anwächst.
Sollte Dr. Grandel also, wie er behauptet, bereits im März 1920 Mitglied der NSDAP geworden sein, so läge seine für diesen Zeitraum gebräuchliche Mitgliedsnummer inklusive der 500 Scheinmitglieder bei ungefähr 850.
Der Münchener Verleger Julius F. Lehmann tritt zum gleichen Zeitraum der Partei bei und bekommt am 11. März 1920 die Nummer 897 zugeteilt.
Es ist davon auszugehen, dass Dr. Grandels Parteizugehörigkeit inoffiziell schon länger vorhanden ist, als sie am 17. August 1920 erstmalig auf der Mitgliederliste aus der Kampfzeit Erwähnung findet. Das würde Dr. Grandels eigene Aussage erklären, dass er bereits "im März 1920 Mitglied der 'Deutschen Arbeiterpartei' geworden" sei.
Als Vertrauensmann für die erste Ortsgruppen-Gründung aus dem März 1921 schlägt Dr. Grandel in der konstituierenden Sitzung schließlich seinen Fabrikvorarbeiter Josef Schröffer vor. Dieser berichtet rückblickend:
"Ich war Vorsitzender u. Herr Dr. Grandel mein Kassier bei der Ortsgruppe Augsburg der national-sozialistischen deutschen Arbeiterpartei schon im Jahre 1921." (LArch Berlin: A Rep. 358-01 Nr. 6011 - Josef Schröffers Bitt-Brief an Reichskanzler Dr. Gustav Stresemann, Deutsche Volkspartei, v. 2.5.1924)
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Vorarbeiter Josef Schröffer? - 1927 (Fotografie im Privatbesitz)
Gottfried Grandels frühes Wirken für die NSDAP bleibt den Augsburgern nicht verborgen. Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts schreibt über die parteipolitische Rolle des Ölfabrikanten:
"Wie die 'Münchener Allgemeine Zeitung' aus Augsburg meldet, hat der wegen des Mordkomplottes gegen den General v. Seeckt verhaftete und nach Berlin gebrachtete Fabrikbesitzer Dr. Gottfried Grandel als fanatischer Anhänger der nationalsozialistischen Partei in dieser eine ziemlich große Rolle gespielt." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.36, S.2 - "Zum Komplott gegen Seeckt" v. 22.1.1924)
Gottfried Grandels späteres Verhältnis zur NSDAP bleibt unklar. In seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv von 1941 notiert er zu den frühen 20er-Jahren:
"Besonders erwähnen möchte ich aus jener Zeit noch den jungen Max Neunzert, den ich schon 1920 im Wehrkommando Mnch (-München-) bei Röhm kennen lernte. Neunzert war ausgezeichnet unterrichtet und griff selbst aktiv (-mitt Feme-Morden?-) ein, wo es nötig war. Ein ganz ausgezeichneter Mann, dem wir mehr verdanken, als gesagt werden kann." (BArch Berlin: NS26/514, S.593/Bl.8 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10. 1941)
Max Neunzert war u.a. an der Ausführung von Feme-Morden beteiligt. Mit der hier von Gottfried Grandel verwendeten Formulierung "wir" meint er offenbar sich und die nationalsozialistische Partei; er signalisiert mit dieser unscheinbaren Formulierung eine noch immer klare, eigene Identifikation mit der nationalsozialistischen Bewegung.
Demgegenüber steht die Aussage seines ältesten Sohnes vom 22. Juli 1946 im Rahmen des eigenen Augsburger Entnazifizierungsverfahrens. In seinem politischen Lebenslauf vermerkt Dr. Felix Grandel zu der parteipolitischen Rolle seines Vaters:
"Es ist mir bekannt, daß mein Vater sich eine Zeitlang stark politisch betätigt hat und auch bei der Gründung der NSDAP Einfluß hatte, später aber mit dem Aufkommen der antisemitischen Strömung in der Partei wegen seiner Ehe mit einer Jüdin immer mehr ausgeschaltet wurde, sich im Jahr 1924 ganz zurückzog und dann ein heftiger Gegner der NSDAP wurde. Obwohl ihm später öfter Ämter und einflußreiche Stellungen in der Partei angeboten wurden, behielt er seine ablehnende Haltung.
Mein Vater besaß nach seinen Aussagen keine Mitgliedschaft in der Partei und trug auch nie eine Nadel."
Während des späteren Thormann-Grandel-Prozesses in Berlin schreibt die Vossische Zeitung vom 24. Januar 1924:
"Die Augsburger Meldungen über seine dort erfolgte Verhaftung besagten, daß Grandel fanatischer Nationalsozialist sei."
Doch der Nachweis einer Mitgliedschaft scheint für die Redakteure zu diesem Zeitpunkt schwierig. Am 29. Januar 1924 fügt das Blatt fälschlicherweise zur infrage stehenden NSDAP-Mitgliedschaft des Angeklagten Dr. Grandel hinzu:
"Wenn inzwischen festgestellt ist, daß er nicht eingeschriebenes Mitglied der nationalsozialistischen Partei war, so muß doch darauf hingewiesen werden, daß er sich eifrig bemüht hat, auf nationalsozialistische Kreise Einfluß zu gewinnen."
Hierzu heißt es in einem weiteren Beitrag:
"Grandel hat seine Mitgliedschaft in der Partei bestritten (Berliner Tageblatt vom 28.1.1924), dabei jedoch gelogen. Albrecht Tyrell (Vom 'Trommler' zum 'Führer' S.254 - 1975) weist nach, daß Grandel seit dem 17.8.1920 Mitglied der NSDAP war (Nr.1713)." (ifz-muenchen.de: Vierteljahresheft für Zeitgeschichte, Heft 4, darin Chamberlin: "Der Attentatsplan gegen Seeckt 1924", FN auf S.439 v. 1977)
Der misslungene Hitler-Putsch ist nach den Schilderungen des Augsburger Prokuristen für Dr. Grandel schließlich der Anlass, sich von der Bewegung der Nationalsozialisten gänzlich abzuwenden:
"Außerdem ist Herrn Rupp bekannt, daß Dr. Grandel sich nach dem 9. Nov. 1923, als der Aufmarsch in München die bekannte Entwicklung nahm, von der NSDAP zurückgezogen hat." (Interne DOG-Antwort auf Dr. Grandels Brief, S.4 v. 7.1.1941)
Nach seiner eigenen Schilderung ist Gottfried Grandel schon früher auf Abstand zur NSDAP gegangen, vermutlich in Verbindung mit der parteipolitischen Verselbständigung Adolf Hitlers:
"Ich gehörte bis 1921 der Nationalsoz. Partei an und seit dieser Zeit überhaupt keiner politischen Partei mehr." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.55 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Gottfried Grandels Vernehmungsprotokoll vor dem Augsburger Amtsrichter Herrmann v. 19.1.1924)
Ferdinand Wiegand aus Leipzig ist in der sogenannten Kampfzeit Erster Schriftführer der Partei. In einem Brief an ihn vermerkt Adolf Hitler am 15. Dezember 1933:
"Es ist mir leider erst heute möglich, Ihnen für Ihre Zeile vom 11. v.Mts. zu danken, vor allem aber auch für die Abbildung der ersten Mitgliederliste der Deutschen Arbeiterpartei, um deren Übersendung ich Sie bei Ihrem letzten Besuch gebeten hatte. Die Liste ist mir besonders wertvoll, sie gehört ja leider zu den wenigen Erinnerungsstücken an die früheste Zeit des Kampfes, in der Sie ja selbst aktiv mitgearbeitet haben." (Maser: "Hitlers Briefe und Notizen", S.128/129)
Rumpler: Das Augsburger Flugzeugwerk
(302-1919) Der erste Weltkrieg zeigt den vier wichtigsten Großmächten Europas, welch entscheidende Erfindung das Flugzeug für die moderne militärische Kriegsführung mittlerweile darstellt.
Bereits kurz vor Ausbruch des Krieges erzielt ein in Berlin gefertigter Rumpler-Doppeldecker am 23. Juni 1914 mit über 18 Sunden Flugzeit den neuen Weltrekord. Firmenchef Edmund Rumpler baut schon in den Jahren zuvor in Lizenz die Etrich-Taube nach, die daraufhin als modifizierte Rumpler-Taube zum populärsten deutschen Flugzeug der Vorkriegszeit avanciert.

Firmengründer Dr. Ing. Edmund Rumpler - 1927 (Archiv Edmund Rumpler / Meyer: "Von Wright bis Junkers", Bild 28 - 1928 + gettyimages.de: Bild-Nr. 545012065)

Populäre Entwicklung mit militärischem Nutzen: Edmund Rumplers Luftfahrzeugbau in Berlin Johannisthal - 1914 (Postkartenvertrieb Willi Sanke, Berlin + Wikimedia Commons - Datei: FlugplatzJohannisthal RumplerWerke SankePostkarte243.png + Nowarra: "60 Jahre Deutsche Verkehrsflughäfen", S.9 -1969)

Berlin-Johannisthal: Durch Rumpler modifizierte Etrich-Taube - 1913 (Nowarra: "60 Jahre Deutsche Verkehrsflughäfen", S.10 - 1969)

Rundflug um Berlin - 30./31. August 1913 (Wikimedia Commons - Datei: FlugplatzJohannisthalAmStartplatz.png / o.A.)
1914
Die Industrien der kriegswilligen Länder bekommen aufgrund der durch das Attentat in Sarajevo beginnenden Eskalation in der Militärentwicklung einen für sie lukrativen Innovationsschub; der Staat gibt sich als verlässlicher Großabnehmer todbringender Technik.

Großflugzeug von Rumpler: Der Bomber GI - 1915 (Fotografie im Privatbesitz / Nowarra, Heinz - Berlin)

Augsburger Kriegs-Luftfahrt-Ausstellung - 1917 (Postkarte im Privatbesitz / Deutscher Luftflotten-Verein)

MG-Patronen an der Außenwand: Artillerieflieger über Verdun - 1916 (BArch: Bild 103-111-021 / o.Ang.)
Der Richthofen-Film von 1917: https://digitaler-lesesaal.bundesarchiv.de/video/12635/673078
https://www.youtube.com/watch?v=G0WzLfNwZ84
https://www.youtube.com/watch?v=I18tlWgNGe4
"Hauptmann hat auf seinen zahlreichen Reisen niemals, selbst da, wo die Voraussetzungen schon gegeben waren, das Flugzeug benutzt. Aber er nahm am technischen Fortschritt lebhaften Anteil. Schon im Jahre 1913 folgte er der Einladung des bekannten Flugzeugkonstrukteurs Rumpler zu einem - seinem ersten - Flug, ein Ereignis, das hier im Bilde festgehalten ist. Der Einsatz von Flugzeugen im Krieg 1914-18, durch den einige Jagdflieger zu populären Helden wurden, mag Hauptmann bestimmt haben, den Namen und gewisse Wesensgrundzüge der ." (Lauterbach/Siebert: "Wirklichkeit und Traum, Gerhart Hauptmann, 1862-1946", S.206 - 1987)

Dichter Gerhart Hauptmann (m/l) zwischen dem Piloten und dem Flugzeugkonstrukteur Edmund Rumpler bei seinem ersten Flug mit Sohn Benvenuto (r) - angeblich 1913, jedoch wohl eher 1916/17 (Deutsches Museum: Akt 00148-01 - Persönlichkeiten/Männer, Rum-Rze + Rumpler: "10 Jahre deutsche Flugtechnik", S.6 - 1918/19 + Frankfurter Illustrierte / Stöcker + Ullstein-Bilderdienst, Berlin + Hering: "Gerhart Hauptmann", S.32 - 1956 + gettyimages.de: Bild 537157263)
Augsburg - 1916
Nach einem Jungfernflug vom September 1916 und einem entsprechenden Vorvertrag über 400 Flugzeuge der Ausführung C IV wünscht sich die Heeresführung zur Mitte des Weltkrieges eine schnelle Lieferung des Höhenaufklärers für den Fronteinsatz. Der wenige Wochen daraufhin absolvierte Testflug vom 18. Oktober 1916 lässt die Militärführung hoffen: Ein Höhenanstieg auf 5000 Meter in nur 33 Minuten bei voller Beladung und einer Höchstgeschwindigkeit von 165 km/h erfüllt die Erwartungen an die Artillerie- und Aufklärungsmaschine. Schon eine Woche später wird die Rumpler-Zweigniederlassung in Augsburg offiziell gegründet und am 25. November 1916 der erste Spatenstich für das neue Flugzeugwerk südlich der Stadt vorgenommen. Der angegliederte Flugplatz beinhaltet jedoch auch Nachteile:
"Im östlichen Vorgelände des Flughafens treten unruhige Luftströmungen über dem Siebentischwald und Lechtal auf." ("Nachrichten für Luftfahrer", Bd.12 S.179 - 1931)
Das Augsburger Areal verfügt insgesamt über 15 Hektar Werksfläche und ein angrenzendes Flugfeld von rund 100 Hektar:
"Am 24. Oktober 1916 wird in Augsburg eine Zweigniederlassung unter der Bezeichnung 'Bayerische Rumpler-Werke A.G.' errichtet, an der die Augsburger Ballon-Fabrik A.G. August Riedlinger beteiligt ist. (-Edmund-) Rumpler ist Vorsitzender des Aufsichtsrates. Kaufmännischer Direktor des Unternehmens ist Diplom-Ingenieur Hermann Aumer, technischer Direktor ist Otto Meyer, Betriebsingenieur ist Hermann Wipf. Auf dem käuflich erworbenen Gelände sind im Mai 1917 drei moderne Fabrikhallen mit einer Grundfläche von 4900 m2 mit Anschluß an die Augsburger Lokalbahn fertiggestellt. In unmittelbarer Nähe erwirbt Rumpler auch ein großes und ebenes Flugplatzgelände. In Augsburg werden (-ab Mai 1917-) nahezu ausschließlich die Aufklärer Ru C I und C IV produziert (-1917=100 Stück, 1918=350 Stück-).(...) Bei Kriegsende beträgt die Zahl der Mitarbeiter 2300, von denen etwa 1000 in dem Augsburger Zweigwerk beschäftigt sind." (Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.329/330 - 2004)

Ab 1. Juli 1917 wird in Reihenfertigung geliefert: Produktionsstandort der Bayerischen Rumpler-Werke in Augsburg - 1922 (Jubiläumsschrigt: "Rumpler - 1908-1918", S.29 - 1919 + Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.18 - 1964 + Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.330 - 2004 + Jubiläumsschrift: "10 Jahre Rumpler 1908-1918", S.29 - 1918)

Geladene Gäste zur Augsburger Werkseröffnung - 1917 (Deutsches Museum: LR-03091/01-03)
Die Fabrikation entspricht dem modernsten Stand der Produktionstechnik. Sie verfügt über eine Werkshalle für Holzbau und Tapeziererei. Weitere Fertigungsstätten beinhalten sowohl die Schlosser- und Spenglerei, als auch die mechanische Werkstatt mit Dreherei, Fräserei, Werkzeug- und Vorrichtungsbau. Weitere Hallen dienen der Montage und Einfliegerei.
"Zu den bei den Bayerischen Rumpler-Werken in Augsburg gebauten Typen gehörte vor allem die Ru C IV, ein leistungsfähiger Aufklärungs-Doppeldecker." (Pletschacher: "Die Königlich Bayerischen Fliegertruppen 1912-1919", S.119 - 1992)
Die Front-Erfahrungen der ersten C IV-Lieferung aus Berliner Rumpler-Produktion führen nach Brüchen und Rissen ab dem 1. Mai 1917 zu Verstärkungen der Rumpfkonstruktion durch zusätzliche Streben und Sperrholzverkleidungen.
1. Juli 1917 - Erstflug in Augsburg
Die ab 1. Juli 1917 von Augsburg ausgelieferten Aufklärungs-Doppeldecker der Fertigungsreihe C IV basieren schon auf den an der Front gemachten Einsatzerfahrungen. Der Augsburger Werksdirektor Otto Meyer berichtet von seinem ersten Probeflug vom 24. Juli 1917:
"Die Maschine (-Ru C IV/ später mit der Kennung D 100-) ist außerordentlich stabil, aber dennoch sehr wendig und sie verfügt über eine außergewöhnliche Steigfähigkeit. Bei dem hier erwähnten Höhenflug wurden außer der zweiköpfigen Besatzung (-Pilot Simon u. Werkdirektor Otto Meyer-) noch 100 Kilo Ballast sowie 240 Liter Benzin und die notwendige Ölmenge mitgeführt. Innerhalb von 10 Minuten erklomm die Maschine eine Höhe von 2300 m, erzielte also eine vortreffliche Leistung." (Pletschacher: "Die Königlich Bayerischen Fliegertruppen 1912-1919", S.119 - 1992)

"Außergewöhnliche Steigfähigkeit": Ru C IV/D 100 auf dem Augsburger Flugfeld - 1917 (Links Pilot Adolf Doldi, rechts der kaumännische Direktor Hermann Aumer neben dem technischen Rumpler-Direktor Otto Meyer, in Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.334 - 2004)

"Vortreffliche Leistung": Werksdirektor Otto Meyer vor der in Augsburg gefertigten Rumpler C IV/D 100 - 1917 (Deutsches Museum: "Persönlichkeiten Männer Rum-Rze")
An der Westfront werden die Flieger aus Rumpler-Produktion geschätzt, doch die Verluste sind hoch:
"Die zweisitzigen C Klasse Flugzeuge der Rumplerwerke waren eine der erfolgreichsten Konstruktionen für die deutsche Fliegertruppe im 1. Weltkrieg. Unter der Bestellnummer 1463/17 mit der Werknummer 2693 im Februar 1917 geordert, im August ausgeliefert wurde die Maschine nach nur kurzem (-Flandern-)Einsatz bei der Fliegerabteilung Fl.Abt. 224 (-mit dem Berliner Volksschullehrer Leutn. d. R. Max Psaar als Beobachter und dem Piloten Georg Seibert nach einem vermuteten abgewehrten französischen Fliegerangriff des Piloten Georges Guynemer in West-Flandern-) am 11. September 1917 abgeschossen." (craftlab.at/rumpler-c-4)
"Am 11.09.1917 wurde die Maschine, ein Rumpler, Kennzeichen 1463/17, in einem Luftkampf mit dem belgischen Leutnant Maurice Medaets über Dixmuide abgeschossen. Max Psaar kam mit 31 Jahren ums Leben. Es wird vermutet, dass das französische Flieger-As Georges Guynemer ebenfalls in die Luftkämpfe verwickelt war und ebenfalls (-unweit entfernt-) dort abgeschossen wurde." (Vetschauer Mitteilungsblatt, Nr.4/2017, S.16 - Kliche: "Max Psaar - ein wendischer Offizier im Ersten Weltkrieg" v. 12.4.2017)

Im Februar 1917 geordert, geliefert im August und kurz darauf während eines Frontaufklärungsfluges über West-Flandern im September 1917 abgeschossen: Ru C IV-1463/17 auf dem Flugplatz Ingelmunster - 6. September 1917 (craftlab.at/rumpler-c-4 + wikipedia.org - Datei: Rumpler C.IV.jpg / o.Ang, Aufnahme vom 6.9.1917 + Vetschauer Mitteilungsblatt, Nr.4/2017, S.16 - Kliche: "Max Psaar - ein wendischer Offizier im Ersten Weltkrieg" v. 12.4.2017 + //ww2aircraft.net: "Rumpler C.IV no.1463/17")
Bis zum November 1917 werden in Augsburg insgesamt 24 Maschienen für das Militär gefertigt und ausgeliefert. Nach einer Erweiterung der Produktionsflächen liegt die Mitarbeiterzahl im Oktober 1918 bei 804 Personen.

Begehrter Luftaufklärer an der Front: Kampfpiloten Robert Ritter v. Greim (2.v.l.) und Ernst Udet (3.v.l.) vor der Rumpler C IV mit dunkelgrün-lila Tarnfleckenanstrich - August 1918 (Schmeelke: "Sammelwerk Flugzeug - Rumpler C.IV", Blatt A 02501)

Beliebt bei der fliegenden Truppe: Der Höhenaufklärer C IV von Rumpler - 1917 (Fotografie im Privatbesitz)
November 1918 - Ende des ersten Weltkrieges
Den Siegermächten ist es ein besonderes Anliegen, nach dem gewonnenen Kriege die deutsche Flugzeugindustrie in die Bedeutungslosigkeit zu zwingen.

Ausgeflogen: Militärflugzeug der Augsburger Firma Rumpler - November 1918 (Fotografie im Privatbesitz)
Auch für das seit 1917 in Augsburg fertigende Rumpler-Flugzeugwerk stellt sich die Lage nach Beendigung der Kampfhandlungen als existenziell dar. Waren zuletzt noch während des Krieges rund 30 Doppeldecker im Monat gefertigt worden, liegt die Reihenbauweise nach insgesamt 450 in Augsburg produzierten Modellen zum Kriegsende still.
Fertige Jagdmaschienen werden nun aus dem Deutschen Reich unentgeltlich in das Ausland abtransportiert; ein weiterer Teil der Reichsproduktion gelangt auf Anordnung der Siegermächte in die Verschrottung.

Zerstörte Kampfflugzeuge der interalliierten Kontrollkommission - 1919 (Dresler/Maier-Hartmann: "Dokumente der Zeitgeschichte", S.74 - 1938)
Insgesammt werden rund 16.000 Maschinen und 28.000 Motoren auf Anweisung der interalliierten Kontrollkommission zerstört. Nur wenige Flugzeuge können vor dem Zugriff der Kriegsgewinner versteckt werden:
"Zum Zeitpunkt des Waffenstillstandes am 11. November 1918 war in Deutschland ein Bestand von 21.386 Flugzeugen nachgewiesen. 2.600 Maschinen waren sofort auszuliefern, weitere 3.000 wurden beim Rückzug der deutschen Truppen an den Fronten zurückgelassen. Genau 14.001 Flugzeuge wurden nach den Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles abgeliefert oder zerstört, und 500 Maschinen wurden bei den Unruhen im Deutschen Reich und bei den Kämpfen im Baltikum verbraucht. Die noch verbliebenen ehemaligen Militärflugzeuge in einer Größenordnung von 1.275 Maschinen waren potentielle Anwärter für die zivile deutsche Luftfahrzeugrolle, die am 19. Mai 1919 110 registrierte Flugzeuge aufwies." (Digitalisiert auf adl-luftfahrthistorik.de / Günter Frost: "Die Sportflug GmbH - getarnte Fliegerausbildung für die Reichswehr", S.23 - Juni 2023)

Abgetarnt vor dem Zugriff: Doppeldecker im Wald (BArch: Bild 101I-337-0011-31 / Röder)
In dieser Zeit gelingt es dem Fabrikanten Edmund Rumpler und seinem Augsburger Direktor Otto Meyer, einige zum Teil ungebrauchte Rumpler-Flugzeugmodelle mit den dazugehörigen Ersatzmotoren der ausländischen Kontrolle zu entziehen.

Kriegsende vor der Auslieferung: Die in Augsburg gefertigte Ru C I/7082/18 - 1918 (Deutsches Museum / Rumpler C I, Ordner 03092)
Über den beruflichen Werdegang des Flugzeugbau-Pioniers Edmund Rumpler heißt es:
"Während einer Frankreichreise beeindruckten ihn in Le Mans (1908) die Brüder Wright mit ihren Flugapparaten zutiefst. Daraufhin besuchte Rumpler den Dänen Ellehammer, einen der ersten Flugpioniere in Europa, um auch dessen Apparat kennenzulernen. Von Begeisterung für die Luftfahrt erfaßt, gliedert er seinem Ingenieurbüro eine Luftfahrzeugbau-Anstalt an, die am 10. November 1908 unter dem Namen Edmund Rumpler Luftfahrzeugbau ins Handelsregister eingetragen wurde." (Wagner: "Der deutsche Luftverkehr: die Pionierjahre 1919-1925", S.251 - 1987)

Beeindruckt von den fliergerischen Pionierleistungen und engagiert in der Kriegswirtschaft: Generaldirektor Edmund Rumpler - 1918 (Deutsches Museum: LR-03091-03 + Jubiläumsschrift "10 Jahre Rumpler 1908-1918", S.131 - 1918/19)
https://www.youtube.com/watch?v=35GPE09bU9c

(Postkarte im Privatbesitz / Postkartenvertrieb W. Sanke, Berlin - Nr.260/37 - 1915)
Augsburg, Februar 1919
Die von den Berliner Rumpler-Werken beim Reichsluftamt am 28. Dezember 1918 beantragte Flugbetriebs-Konzession wird am 21. Februar 1919 für eine Maschine bewilligt. Es handelt sich hier um die Ru C IV mit der zukünftigen Kennung D 72. Dem Augsburger Flugplatz an der Haunstetter Straße wird damit noch vor der Großstadt München ermöglicht, für Augsburg den zivilen Fracht- und Personentransport zu beginnen:
"(-Der Augsburger Werksdirektor-) Otto Meyer hatte schon 1918 Pläne dafür ausgearbeitet. Sofort nach Kriegsende erwarb er aus Heeresbeständen 28 Rumpler-Doppeldecker und ließ sie in Augsburg entmilitarisieren." (augsburger-allgemeine.de: "100 Jahre Flugzeugbau in Augsburg" + Franz Häußler: "Luftfahrtstadt Augsburg" - 2010 + Frost auf adl-luftfahrthistorik.de: Teil 2 - Zulassung/Kennzeichnung 1919, S.2 aus Luffahrt International, Nr.7 - 1980)

Provisorisch entmilitarisiert: Rumpler C I/8235 - 1919 (Heimann: "Die Flugzeuge der Deutschen Lufthansa", S.25 - 1987 + Deutsches Museum: Akt Persönlichkeiten/Männer)

Augsburger Flugfeld: Aufbau des zivilen Luftverkehrs - 1927 (Foto aus: Bildarchiv Franz Häußler + Deininger: "Augsburg - Porträt einer Fliegerstadt", S.10 - 1995 + augsburger-allgemeine.de: "100 Jahre Flugzeugbau in Augsburg" v. 14.7.2016 + augsburger-allgemeine.de: "Höhen und Tiefen des Flugzeugbaus in Augsburg" v. 8.7.2020)
Die Erfolgsmeldung zur Flugzeugbeschaffung unter widrigen Umständen fällt zusammen mit einem verspäteten Firmenjubiläum, welches eigentlich schon am 10. November 1918 hätte gefeiert werden sollen. Doch am Tag zuvor wurde der Kaiser abgedankt, das Deutsche Reich formte sich nach dem verlorenem Weltkrieg zur Weimarer Republik. Im Folgejahr liefert die Firma Rumpler dann doch noch eine Firmenchronik nach:

Doch mit dem schnellen Erwerb der begehrten Doppeldecker aus den ehemaligen Heeresbeständen ist die tatsächlichen Eigentumsfrage noch nicht geklärt. So heißt es:
"Vor der Neuzulassung und Anbringung des 'ILÜK-Sternes' am Rumpf, mit welchem die Freigabe kenntlich gemacht wurde, war aber eine weitere Bedingung zu erfüllen: Die Flugzeuge mußten zu einem von den Alliierten festgesetzten Preis 'zurückgekauft' werden. Die Tatsache, daß das Gerät schon einmal 1919 durch das Reichsverwertungsamt verkauft worden war, kümmerte die Alliierten wenig, weil diese Verkäufe nach ihrer Rechtsauffassung illegal waren. Gemäß V(-ersailler-)V(-ertrag-) gehörten die Flugzeuge rückwirkend den Siegermächten und konnten deshalb nur von ihnen erworben werden, d.h. die Antragsteller hatten schlicht ein zweites Mal zu bezahlen." (Dr. Ernst Vocke auf adl-luftfahrthistorik.de: "Zulassung und Kennzeichnung der deutschen Zivilflugzeuge 1914-1934", 4. Die deutsche Luftfahrzeugrolle 1920-1934 (LFR B), S.7, aus Luftfahrt International, 2/1981)
13. März 1919 - Rumpler Luftverkehr: Berlin-Augsburg-München
Seit dem 6. Februar 1919 tagt in Weimar die verfassungsgebende Nationalversammlung, die aufgrund der politischen Anspannungen bis zum September 1919 von der Hauptstadt Berlin ferngehalten wird. Flugdienst Rumpler hingegen setzt auf die Einbindung Berlins. Trotz aller Widrigkeiten gelangt die Firma wirtschaftlich zu einem respektablen Ergebnis:
"Am 13. März 1919 landete (-der Rumpler-Werkspilot Werner Wieting-) die erste Maschine der neuen Luftverkehrsgesellschaft (-von und nach München mit Zwischenlandung in Leipzig-Mockau, Fürth/Nürnberg und-) in Augsburg. Sie (-Ru C IV/D72-) kam aus Berlin (-über Gotha, Flugzeit 2:55-). Ab Juni 1919 beflogen täglich offene Rumpler-Doppeldecker mit ehemaligen Militärpiloten am Steuerknüppel mit bis zu drei Passagieren und Postsäcken die 660 Kilometer lange Strecke Augsburg-München-Fürth/Nürnberg-Leipzig-Berlin. 1919 beförderten sie 183 Passagiere, 1920 waren es 395." (Online-Artikel auf augsburger-allgemeine.de: "100 Jahre Flugzeugbau in Augsburg" + Franz Häußler: "Luftfahrtstadt Augsburg" - 2010)
In einer Pressemitteilung der bayerischen Rumplerwerke wird vermerkt:
"Einer liebenswürdigen Einladung folgend wohnte Ihr Vertreter heute nachmittag auf dem geradezu idealen Startplatz und Fluggelände der bayrischen Rumplerwerke in Augsburg der Ankunft des ersten Passagierflugzeugs des Rumplerdienstes Berlin-Augsburg-München an, welchem als Führer der bekannte Rumplerflieger (-Werner-) Wieting und als Beobachter bzw. Fahrgast Ingenieur Rockemöller entstiegen. Um 8 Uhr 15 Min. wurde in (-Berlin-)Johannistal aufgestiegen. Eine freiwillige Zwischenlandung mit Abgabe von Post erfolgte 10 Uhr 20 Min. in Gotha, wo um 12 Uhr 45 Min. wieder gestartet und dann in einer Höhe von 1200 m unter heftigem Schnee- und Hagelschauer der Thüringer Wald überflogen wurde. Die Landung erfolgte in Augsburg 8 Uhr 20 Min. Der Flug war trotz atmosphärischer Schwierigkeiten anstandslos und planmäßig zurückgelegt worden. Morgen wird die erste Fahrt nach München angetreten. Diese Flugmaschinen befördern neben dem Führer 2 Fahrgäste. Außerdem wird später für den allgemeinen Luftverkehr Rumpler-G-Maschinen mit zwei Motoren vorgesehen, die 8-10 Fahrgäste aufnehmen. Vorläufig werden diese Fernflüge auf Bestellung ausgeführt, während der regelmäßige Flugverkehr Ende März (-1919-) beginnt und bis zum täglichen Flugdienst Berlin-Augsburg-München ausgebaut werden wird. Auch die Mitnahme von Post ist vorgesehen. Die Kosten stellen sich für den Kilometer auf 2.50 M. Die Dauer des Flugs von Berlin bis Augsburg wird 4-5 Stunden in Anspruch nehmen, von Augsburg bis München weitere 20 Minuten. Außer dem Personenverkehr Berlin-Augsburg-München wird im Sommer von den Rumplerwerken ein regelmäßiger Flugzeugverkehr mit Erholungs- und Aussichtsflügen in die Alpen, Ausgangspunkt Augsburg, eingerichtet. Wie Ihr Vertreter weiter erfuhr, ist Generaldirektor Edmund Rumpler, einer der berühmtesten und erfolgreichsten Pioniere des Flugzeugbaus, gegenwärtig mit der Konstruktion eines großen Überseeflugzeugs beschäftigt, das in nicht allzu ferner Zeit in den Verkehr mit Amerika eingestellt werden soll." (Digitalisiert auf //digital.wlb-stuttgart.de/sammlungen: Schwäbische Kronik des Schwäbischen Merkurs, Nr.120 "Eröffnung des Passagierluftverkehrs Berlin-Augsburg-München" v. 13.3.1919)

Ab dem 13. März 1919 als Dienstleister unterwegs: Die Rumpler C IV/D 72 des Rumpler-Luftverkehrs am Flugplatz Berlin-Johannisthal - 1919 (Zeitschrift Der Luftweg, Nr.12/13, S.8 - 1920 + Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.67 - 1964)
9. April 1919 - München
"In München hat sich die Lage aufs äußerste zugespitzt. Flugzeuge warfen gestern abend (-, am 9. April 1919 über Augsburg und München, hunderttausende-) zahlreiche Flugblätter ab 'an das bayerische Volk', worin die Regierung des Freistaates Bayern, der Ministerpräsident Hoffmann, auf die bisherigen Leistungen der einzigen, zu Recht bestehenden Regierung verweist. Es heißt darin weiter:
'Nach dem Zusammenbruch des alten Militärstaates soll das befreite Volk unter das Joch einer neuen Gewaltherrschaft kommen, der Diktatur einer Minderheit gebeugt werden. Die Verteilung der Lebensmittel der Entente wird in den nächsten Tagen beginnen. Mit der Einführung ber Räterepublik werden die bayerischen Grenzen gegen das Reich und die übrige Welt abgeschlossen sein. Die bayerische Bauernschaft wird den Bolschewismus nicht mitmachen. Sie hat einmütig jede Räterepublik abgelehnt und würde sie mit dem organisierten Streik beantworten'. Die Volksregierung habe ihren Sitz nach Bamberg verlegt. Dort werde sie bleiben, bis die Vernunft in der Landeshauptstadt wieder Geltung hat." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Stuttgarter Neues Tageblatt, Nr.182, S.1 - "Flugblatt-Agitation der Regierung Hoffmann" v. 10.4.1919)
14. April 1919 - München/Augsburg
"In München wird die Lage immer ernster. Die Truppen, die gestern der Räteregierung abgesagt und durch Handschlag sich der Regierung Hoffmann verpflichtet haben, sind zum großen Teil wieder zur Roten Armee übergeschwenkt. Wie man durch Flugzeuge erfährt, sind der Bahnhof und viele Regierungsgebäude in den Händen der Spartakisten. Die Entwaffnung der Bürgerschaft wird streng durchgeführt, die Bewaffnung des Proletariats schreitet fort. Augsburg, 14. April. Nachdem die Regierung Hoffmann angedroht hatte, der Räterepublik München und Augsburg sämtliche Zufuhren zu entziehen, fuhr eine Abordnung des revolutionären A.(-rbeiter-)S.(-oldaten-)-R.(-at-) Augsburg in Gemeinschaft mit zwei Mitgliedern der Gemeindevertretung, nämlich je einem Vertreter der Bayrischen Volkspartei und der Sozialdemokratischen Partei, nach Bamberg, um dort selbst mit der Regierung Hoffmann zu verhandeln. Diese Verhandlungen führten zu einer vollständigen Kapitulation der Räterepublik Augsburg. Ministerpräsident Hoffmann erklärte der Abordnung kurz und bündig, daß er nur unter folgenden Bedingungen die Zufuhren für Augsburg freigebe: 1. Die Augsburger Genossen machen ihre Abmachungen mit den Münchener Genossen rückgängig und sagen sich von der Räteregierung los. 2. Preß- und Postzensur werden abgeschafft. 3. Alle bürgerlichen Geiseln sind sofort freizulassen. 4. Der abgesetzte Magistrat und das abgesetzte Gemeindekollegium sind sofort in seine Rechte wieder einzusetzen. 5. Die Volkswehr wird unter Hinmuziehung eines Regierungsvertreters neu aufgestellt.- Der A.-S.-R.(-at-) brachte nun in einer Reihe großer Massenversammlungen der Arbeiterschaft Augsburg mit einer Beteiligung von rund 40000 Personen diesen Bescheid zur Kenntnis. Es wurde hierauf mit überwältigender Mehrheit in sämtlichen Versammlungen eine Entschließung angenommen, in der gesagt wird, daß mit der Regierung Hoffmann in Bamberg unter dem Zwang der Verhältnisse das Uebereinkommen getroffen wird in der Ueberzeugung, daß der gegenwärtige Zeitpunkt für die Einführung der Räterepublik in Bayern als verfrüht bezeichnet werden müsse. Die Arbeiterschaft gibt jedoch der Ueberzeugung Ausdruck, daß der Gedanke an ihre Einführung fortleben werde, und daß sie an seiner Verwirklichung zu arbeiten nicht aufhören werde. Hiermit hat sich Augsburg von der Räterepublik München losgesagt." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Solinger Tageblatt, Nr.85, S.1 - "Der Bürgerkrieg in München" v. 15.4.1919)
20. April 1919
Der Beginn des Augsburger Flugdienstes fällt in die politisch höchst angespannte Phase der bayerischen Räterepublik, doch auch die Revolutionäre erkennen in dem Rumpler-Flugdienst für sich einen Vorteil:
"Es war beschlossen, mit einem Flugzeug nach Ungarn zu fliegen zu Béla Kun wegen (-der ausgearbeiteten-) Richtlinien zur Räterepublik. Ein Arbeiterführer (-Albert-) Berger (Kaufmann) u. Feldwebel, sowie (-Karl-) Marx (Kaufmann), Zentrumskreisen angehörend, wie auch der Matrosenführer Mair mit (-dem Führer der Arbeiterschutzwache, Wilhelm-) Olschewski und Böhrer Philipp, waren in den Rumplerwerken vorstellig, um ein Flugzeug zu erhalten. Es wurde bewilligt für Ungarn. Berg sollte fliegen, aber sie alle hatten keinen Mut dazu und so wurde beschlossen, eine Delegation nach München zu schicken um das Programm der Räterepublik zu holen. (BArch Berlin: NS26/158 - Bericht-Ausschnitt vom Augsburger Pg. Karl Böhrer über die Vorkommnisse um die Gründung der Augsburger Ortsgruppe der N.S.D.A.P., S.4/Bl.129 - 20.4.1941)
"Auch die beiden gescheiterten Versuche der Revolutionäre, mit einem Flug nach Budapest Fühlung zur ungarischen Räterepublik aufzunehmen, wurdem ihm zur Last gelegt. Zur Besatzung des Flugzeugs, das dann tatsächlich am Ostersonntag nach Ungarn startete, und dessen Flug mit einer Notlandung bei Wasserburg endete, gehörte auch Karl Petermeier." (Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, S.420, FN 88 - 2008)
"Auf einem Ausflug in die schöne Umgebung der alten Innstadt (-Wasserburg-) beobachteten wir hoch in den Lüften ein Riesenflugzeug, das anscheinend von München kommend, seinen Weg über die Stadt - weiter gegen Osten - zu nehmen schien. Da plötzlich begann der mächtige Flieger sich in elegantem Gleitflug, aber ziemlich rasch zu senken und landete in nächster Nähe der Stadt auf dem Burgerfeld. Wenige Minuten später waren auch wir an der Landungsstelle. Der Flugzeugführer war ein gesprächiger Mann, der sich rasch in ein Gespräch einließ, schließlich aber von einem seiner 5 Begleiter beiseite genommen, offensichtlich verwarnt und dann sehr zurückhaltend in seinen Angaben wurde. Wir hatten nur erfahren können, daß sie nach Wien und Budapest wollten. Mit dem Ausflug dahin wurde es aber nichts, denn der mächtige Doppeldecker blieb infolge eines Motorfehlers liegen. - Es ist ein Flugzeug der Räteregierung" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: "Die Schreckensherrschaft in München und Spartakus im bay. Oberland", S.49 - 1919)
21. April 1919 - München
Mittlerweile verfügt die Rote Armee über einen eigenen Flugpark, ihre Maschinen tragen rote Wimpel:
"Abends berichtete in der außerordentlichen (-Betriebsräte-)Versammlung ein mit (-Rumpler?-)Flugzeug angekommener Vertreter aus Augsburg über die Einnahme Augsburgs durch Truppen der Regierung Hoffmann." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: "Die Schreckensherrschaft in München und Spartakus im bay. Oberland", S.50 - 1919)
22. April 1919 - München
"Der erste von Daya persönlich geleitete Nachrichtenflug nach München ist vollkommen gelungen. Das Nachrichtenblatt der Deutschen demokratischen Partei wurde durch vier Flugzeuge in vielen tausend Exemplaren über der Stadt München abgeworfen, wobei die Flieger von den Türmen der Frauenkirche aus mit Maschinengewehren heftig beschossen wurden. Nunmehr läßt auch die Regierung Hoffmann ein Nachrichtenblatt 'Flugpost Bamberg-München' herausgeben und über München abwerfen." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Berliner Tageblatt, Nr.184, S.1 - "Die Finanznöte der Bolschewisten" v. 25.4.1919)
"Die Bürgerschaft lechzt nach Nachrichten von draußen. Obwohl es bei Todesstrafe verboten ist, die von den Regierungsflugzeugen abgeworfenen Zettel aufzuheben, sieht man dennoch täglich im Englischen Garten elegant gekleidete Herren nach den auf den Bäumen hängen gebliebenen Zetteln klettern. Heute (-23. April 1919-) wird zum ersten Male ein eigenes, zu diesem Zwecke zusammengestelltes Nachrichtenblatt der Deutschen demokratischen Partei durch ein von der Parteileitung gemietetes Flugzeug über München abgeworfen, da die Regierung keines zur Verfügung stellte." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Berliner Tageblatt, Nr.182, S.5 - "Aufforderung zur Plünderung" v. 24.4.1919)
"Einen kühnen Streich begingen zwei Unteroffizierspiloten der Regierungstruppen. Sie erbrachen nachts die Schuppen der Flugzeugwerke Otto in München und schoben vier der dort montierten Fokkerapparate ins Freie. Von der Wache überrascht, gaben sie sich als Spartakisten aus und ersuchten die Rotgardisten, ihnen bei dem Abflug behilflich zu sein. Dann flogen sie mit zwei Flugzeugen davon und lieferten diese auf dem Flugplatze der Regierungstruppen in der Nähe von Bamberg ab." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Berliner Tageblatt, Nr.184, S.1 - "Die Finanznöte der Bolschewisten" v. 25.4.1919)
27. April 1919
"Ein Befehl des Generalmajors von Möhl vom 27. April regelte auch die Zuteilung und Verwendung der Flieger. Hiernach hatten alle mit Flugzeugen ausgestatteten Dienststellen vom 30. April bis 3. Mai Flüge über München anzuordnen - aber nur in geschlossenen Geschwadern, die Flugschriften und Zeitungen abwerfen sollten. In Fürth wurde für Zwecke des Oberkommandos selbst eine besondere Flieger-Abteilung unter Oberleutnant Schmalschläger und eine 'Kurierstaffel' (zwei Flugzeuge) unter Oberleutnant Kinkelin errichtet, die den Verkehr nach Bamberg zu besorgen hatte. Der Gruppe Nord wurde eine zunächst nur aus drei Flugzeugen bestehende Jagdstaffel zugeteilt. Die über München kreisenden Flugzeuge sahen sich von roten Schützen und Maschinengewehren wiederholt und ausgiebig beschossen und hatten auch Verluste zu beklagen." (Deutsches Heer: "Die Niederwerfung der Räteherrschaft/Raumgewinn im Osten Münchens", S.93 v. 27.4.1919.1919)
2. Mai 1919
Ein weiterer Bericht führt auf:
"Ein Flugzeug der Abteilung, das etwa in 100 m Höhe über München kreiste, war von roten Schützen heftig beschossen worden und hatte zunächst das Feuer erwidert, wurde aber sodann in den kleinen Gärten südöstlich der Theresienwiese zur Notlandung gezwungen. Mit knapper Not entrann die Besatzung dank der Hilfe einiger besonnener Leute und Krankenschwestern der rasenden Volksmenge." (Deutsches Heer: "Die Niederwerfung der Räteherrschaft/Kämpfe um München", S.155/156 v. 2.5.1919)
9. Mai 1919
Weitere fünf Flugkonzessionen für die Baureihe Ru C I werden am 23. April 1919 beim Reichsluftamt beantragt und bereits am 9. Mai 1919 für das Augsburger Rumpler-Werk bewilligt.
"Das Überfliegen des Fichtelgebirges war damals eine Herausforderung für Pilot und Flugzeug." (Tack/Ahlbrecht/Unger: "Mit dem Flugzeug zur Leipziger Messe", S.17 - 2019)

Noch ohne Kennung, jedoch schon zugelassen für den Augsburger Flugdienst: Entmilitarisierte Rumpler C I - Mai 1919 (Digitalisiert auf adl-luftfahrthistorik.de / Günter Frost: "Die Sportflug GmbH - getarnte Fliegerausbildung für die Reichswehr", S.23 - Juni 2023)
Die Firma Rumpler versucht das ihr Möglichle, um neue Marktanteile des beginnenden Luftverkehrs zu erschließen:
"Eine der ersten Fluggesellschaften, welche ebenfalls Leipzig-Mockau anflog, war ab 1920 die von der Firma Rumpler in Berlin gegründete Firma 'Rumpler-Luftverkehr', die sich dabei auf ihr Zweigwerk in Augsburg stützen konnte. Die Gesellschaft bediente ebenfalls die Linie Berlin-Johannesthal nach Leipzig-Mockau, dazu noch Berlin-Gotha-Augsburg-München, sowie Augsburg-Füth/Nürnberg-Leipzig. Befördert wurden sowohl Passagiere als auch Post." (Sturm: "Leipzig geht in die Luft", S.78/79 - 2011)

Werbung für den Flugdienst: Flugplan des Rumpler Luftverkehrs - 1921 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.49 - 1964 + augsburger-allgemeine.de: "Seit 100 Jahren Luftverkehr in Augsburg" v. 13.3.2019 + Jahnke: "Flughafen München", S.26 - 2022 + Häußler: "Luftfahrtstadt Ausgburg: Von den Flugpionieren zur Weltraumrakete", S.50 - 2010 + Tack/Ahlbrecht/Unger: "Mit dem Flugzeug zur Leipziger Messe", S.19 - 2019)
Die Piloten des neuen Rumpler-Luftverkehrs
In den umgebauten Militärflugzeugen stehen den Piloten nur wenige Hilfsmittel zur Verfügung. Geflogen wird zumeißt unter der Wolkendecke nach Sicht, Karte und Kompass. Die Fluggeschwindigkeit wird dabei durch das Heraushalten eines gestreckten Armes taxiert. Flußläufe und Kirchtürme dienen als markante Orientierungshilfen. Bei fehlender Erdsicht gilt es für die Piloten, in die nebelfreie Zone zurückzufliegen, um sich dort eine Wiese als Landeplatz zu suchen. Passagiere werden daraufhin mit dem Pferdefuhrwerk zur nächsten Bahnstation gebracht, der Postsack persönlich am nächsten Postamt abgegeben.

Flugdienst unter widrigen Verhältnissen: Rumpler Piloten - November 1918 (V.l.: Gustav Basser, Willy Donner, Hugo v. Kawartzcinski, W. Neum?, Werner Wieting - Deutsches Museum: Akt 00148-01 - Persönlichkeiten/Männer, Rum-Rze)
Der Rumpler-Luftverkehr beschäftigt im Lauf seiner zivilen Ausrichtung diverse Flugzeugführer:

Berlin-Johannisthal: Einfliegerpilot Gustav Basser mit Roger Budig vor einer Ru C IV - 1917 (Deutsches Museum: LR-03091-02 + "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.254 - 2004)

Adolf Doldi an der Ru C I/D 107 mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Gustav Ritter v. Kahr (l) und Geh. Baurat Dr. Oskar v. Miller vor dem Flug zum im Bau befindlichen Walchensee-Kraftwerk - Flugfeld Oberschleissheim, 6. Juni 1921 (Fotografie im Privatbesitz / Fischer, Heinrich - München + Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.340 - 2004 + bridgemanimages.com + Otto Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.88 - 1964 + Kultur & Technik - Zeitschrift des Deutschen Museums München/pdf, darin Lochner: "Das Archiv Hans und Botho von Römer", S.14 - 1/1981. Zu Adolf Doldi: Später Lufthansa-Pilot und SS-Obersturmbannführer, SS-Nr. 276.881, wird am 21.8.1944 abgeschossen)

Vor dem Abflug mit der Ru C IV am Münchener Flughafen: Pilot Willi Donner - 1921 (twitter.com: @MUC_Airport v. 25.12.2015)

Vor dem Abflug mit der Ru C IV am Münchener Flughafen: Pilot Willi Donner - 1921 (//flyingmachines.ru: Galery Bild 56 + Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.25 - 1987)
von Bredow

Pilot Emmerich mit unbekannten Fluggästen am Messeflugplatz Leipzig - 1921 (Postkarte im Privatbesitz / W. Birckicht, Leipzig)

Auf dem Augsburger Flugtag: Pilot und Fallschirmspringer Toni Ficklscherer (22) vor der Ru C I/D 136 - 5. Oktober 1919 (Postkarte im Privatbesitz)

Als Erkennungszeichen zwei rote Banderolen am Flugzeugrumpf: Robert Ritter von Greim vor der Rumpler D 1/D 288 während des Augsburger Flugtages - 5. Oktober 1919 (Deutsches Museum / Archiv v. Römer: Akt 00067-01 - Persönlichkeiten/Männer, Gra-Gri + Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.338 - 2004)

Testpilot und Einflieger für das Rumpler-Werk in Berlin-Johannisthal: Hugo von Kawatzcinski (l) mit Ministerialdirektor Traugott Bredow, Leiter des Reichsamtes für Luft- und Kraftfahrwesen, auf einer Dienstreise über Berlin-München-Augsburg mit seinem Flugzeugführer-Kollegen Emmerich (r) - 6. April 1921 ("Illustrierte Flug-Woche", Heft 9, S.1 v. 27.4.1921)
Schneider
Eduard von Schleich
Simon

Kyffhäuser-Flug: Feierlicher Empfang des Rumpler-Flugzeuges C I/D 99. Im Pilotensitz Flugzeugführer Spiel, im Beobachtersitz Ingenieur Botho v. Römer, Werbeleiter der bayerischen Rumplerwerke in Augsburg. Vor dem Flugzeug Wally Schröder-Frankenhausen, die spätere Ehefrau von Botho v. Römer, mit den Herren des Empfangskomitees - 18./19. Juni 1921 (Kultur & Technik - Zeitschrift des Deutschen Museums München/pdf, darin Lochner: "Das Archiv Hans und Botho von Römer", S.13 - 1/1981 + Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.94 - 1964)

Flugtag in Augsburg: Letzte Rücksprache vor dem Start zum Fallschirmabsprung: Der ehemalige Militärflieger Ernst Udet, Werksdirektor Otto Meyer (mit Startflagge), Fluglehrer Vizefeldwebel Steiner aus Nürnberg und Pilot und Fallschirmspringer Toni Ficklscherer vor der Ru C I/D 136. Auf dem Rumpf sitzend Obermonteur Josef Häfele und Mechaniker Taumann - 5. Oktober 1919 ((Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.31 - 1964 + Bildarchiv Franz Häußler: "Augsburg-Album", S.130 - 1990 + Häußler: "Luftfahrtstadt Ausgburg: Von den Flugpionieren zur Weltraumrakete", S.48 - 2010 + Augsburger Allgemeine: "100 Jahre Flugzeugbau in Augsburg" v. 14.7.2016 + "On the wings of time/Sur les Ailes du Temps - Une Chronologie d'EADS", S.95 - 2003/2006)

Flugtag in Augsburg: Rundflugangebot mit Ru C I/D 294 und Kunstflieger Ernst Udet, zusammen mit Ehefrau und Stella Meyer, der Gattin des Augsburger Werkdirektors - 5. Oktober 1919 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.35 - 1964 + augsburger-allgemeine.de: "Höhen und Tiefen des Flugzeugbaus in Augsburg" v. 8.7.2020 + Häußler: "Luftfahrtstadt Ausgburg: Von den Flugpionieren zur Weltraumrakete", S.49 - 2010 + Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.253 - 1987)
Kurt Ungewitter

Werner Wieting - November 1918 (Deutsches Museum: Akt 00148-01 - Persönlichkeiten/Männer, Rum-Rze)
1. Juni 1919 - Ru C IV/D 72
Die Entmilitarisierung ehemaliger Kampfflugzeuge gilt für die Allianz der Kriegsgewinner als elementare Vorraussetzung für die Aufnahme des deutschen Zivilfluges. So setzt die Firma Rumpler die ab 1915 an der Westfront eingesetzte Ru C IV mit der neuen Kennung D 72 als eine der ersten zivilen Luftfrachtflugzeuge im Linienflug zwischen Augsburg, München und Berlin ein.

Fertig für den Luftverkehr: Der ehemalige Höhenaufklärer Ru C IV/D 72 mit dem Flugzeugführer Werner Wieting - 1919 (Deutsches Museum: Rumpler)

Werbefoto für den ehemals kampfbewährten und entmilitarisierten Fracht- und Reiseflieger: Rumpler C IV/D 72 - 1919 (Meyer/Römer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.21 - 1964)
Den Fluggästen wird im Jahre 1919 bekanntgegeben:
"Eine vollständige Flugausrüstung wird den Reisenden leihweise und unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Sie ist den hygienisch erprobten Forderungen für den Flug angemessen und besteht meist aus einem wollenen Überanzug, Schal, Gesichtsmaske, Sturzhelm, Schutzbrille, Pelzhandschuhen und nach Bedarf auch Pelzstiefeln." (Deutsche Aero Revue, Bd. 3-5, S.10 - 1959 + Berger: "Mit dem Kranich am Leitwerk", S.23 - 1965)

Erster Linienflug zwischen Nord- und Süddeutschland mit der Ru C IV/D 72 - Februar 1919 (Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.335 - 2004)
Der zivile Luftverkehr erregt allgemeines Interesse. So heißt es in einem Münchener Rückblick auf das Jahr 1919:
"Zu den ersten Passagieren, die seinerzeit vom (-Münchener-) Oberwiesenfeld abhoben, zählte Hermine Körner, die damalige Leiterin des Münchner Schauspielhauses. Am 1. Juni 1919 flog sie mit zwei weiteren Bühnenkünstlern von München aus zu einem Gastspiel nach Augsburg. Warm anziehen mussten sich Piloten und Passagiere damals, als sie in der offenen Kabine einer Ru C IV (-D 72-) des Rumpler-Luftverkehrs zu ihrer ersten Flugreise starteten." (luftfahrtportal.de: "Erster Passagierflug in München vor 100 Jahren" v. Juni 2019 + exklusive-muenchen.de: "Münchner History: Die ersten Flug-Passagiere von München nach Augsburg" v. 12.6.2019)

Kurz nach dem Scheitern der bayerischen Räterepublik: Empfang vor dem ehemaligen Höhenaufklärer Rumpler C IV/D 72, der neben dem Piloten maximal 3 Passagieren Platz bietet. Edmund Rumplers Werksdirektor Otto Meyer links neben Hermine Körner, von 1919 bis 1925 Intendantin und Regisseurin am Münchener Schauspielhaus, die mit dem Direktor des Schauspielhauses (Ignatz Georg Stollberg?) und einem Schauspieler zum Gastspiel in Augsburg eintrifft - 1. Juni 1919 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.22 - 1964 + Sammlung Otto Meyer/Flughafen München GmbH, Unternehmenskommunikation + merkur.de: "Vor 100 Jahren hob München ab" v. 4.6.2019 + sueddeutsche.de: "Tollkühne Münchner in ihren fliegenden Kisten" v. 6.6.1919 + pennula.de: Luftfahrt-Zeitschrift "Flugsport", Chronik und Geschichte, Heft 15, S.474 - 1919 + Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.339 - 2004 + Jahnke: "Flughafen München", S.22 - 2022 + Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.42 - 1987 + luftfahrtportal.de: "Erster Passagierflug in München vor 100 Jahren" v. Juni 2019 + exklusive-muenchen.de: "Münchner History: Die ersten Flug-Passagiere von München nach Augsburg" v. 12.6.2019 + austrianwings.info: "100 Jahre Flugverkehr in München" v. Juni 2019)
In einem weiteren Artikel wird zu den Fluggästen, die sich eingewickelt in Wolle und Leder oft durch drei kräftige Angestellte in die Rumpföffnungen heben lassen mussten, vermerkt:
"Die prominente Schauspielerin und Theaterchefin Körner zählte zu den ersten Passagieren des neuen Linienverkehrs. Ein Fotograf hielt den Reiseantritt fest. Schwere Mäntel, Wind abweisende Hauben und klobige Schutzbrillen sind auf der Aufnahme zu sehen - und Zigaretten, die drei Männer in die Kamera halten, direkt neben dem vollgetankten Doppeldecker. Lässig, gewiss, aber andererseits: An ein Weiterleben nach dem Flug glaubte damals sicher noch nicht jeder, und die Gesichter könnte man auch so interpretieren, dass sich da wenigstens einer der Drei noch schnell den Wunsch nach einer letzten Zigarette erfüllte. Sicher ist sicher. Zu Hermine Körner indessen, eine Mensch gewordene Naturgewalt auf und auch abseits der Bühne, passte diese Art des Reisens ganz gut." (sueddeutsche.de: "Tollkühne Münchner in ihren tollkühnen Kisten" v. 6.6.2019)

Ankunft von München nach Augsburg: Rumplers Werksdirektor Otto Meyer (r) vor der ersten Maschine des Rumpler-Luftverkehrs (Ru C IV/D 72) mit dem Piloten Werner Wieting und Hermine Körner, die am Vortage mit zwei Hauptdarstellern in Augsburg gastiert - 1. Juni 1919 (hugojunkers.bplaced.net: "Rumpler Luftverkehrs AG" v. 2005 + Supf: "Das Buch der deutschen Fluggeschichte II", S.493 - 1935 + Deutsches Museum, München)
Die Anreise zum Aufenthalt in Augsburg wirkt spektakulär:
"Kommt ein Vogerl geflogen werden die Augsburger kürzlich gedacht haben, als Frau Hermine Körner kürzlich im Flugzeug da ankam. Die Tageszeitungen haben wenigstens in besonderen Reklamenotizen (wahrscheinlich eigens bezahlt) die Ankündigung gebracht, Frau Direktor Hermine Körner werde zu einem Gastspiel nach Augsburg fliegen, nicht etwa auf Flügeln der Liebe, dazu ist Frau Direktor Körner etwas zu robust, sondern in einem modernen Flugzeuge.(...) Frau Direktor Körner scheint da also bahnbrechend vorauszugehen, hoffentlich wirkt es nicht halsbrechend nach für sie oder manch andere Direktion, die nun doch auch fliegen muß, wenn es einmal modern ist." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchener Stadtanzeiger, Nr.24, S.1 - "Kommt ein Vogerl geflogen" v. 14.6.1919)

"Bahnbrechend": Werksdirektor Otto Meyer (r) mit in Augsburg gelandeter Theaterdirektorin Hermine Körner, flankiert von zwei Schauspielkollegen - 1. Juni 1919 (Deutsches Museum: "Persönlichkeiten Männer Rum-Rze" + Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.42 - 1987)
Alpenrundflug - 24. Juni 1919
Nach wie vor besteht nach dem Versailler Vertrag für die deutsche Flugzeug-Industrie ein Bauverbot. Dennoch entwickelt der Augsburger Werksdirektor Otto Meyer mit seinen ehemaligen Militärmaschinen neue Angebotsstrukturen für eine verhalten anwachsende Kundschaft. Erste Wegmarken für die deutsche Verkehrsfliegerei werden gesetzt:
"Die Bayerischen Rumpler Werke boten erstmals am 24. Juni 1919 Alpenrundflüge für zahlende Passagiere an." (Jahnke: "Flughafen München", S.31 - 2022)
"Aber (-der Augsburger Werksdirektor-) Otto Meyer hatte schon wieder neue Ideen. Im Juni 1919 fand bereits der erste Reiseflug in die Bayerischen Alpen statt. Eine Rumpler C I flog erst mit einem Passagier nach München, wo ein Redakteur der 'Münchener Neuesten Nachrichten' an Bord genommen wurde. Darauf ging es nach Garmisch-Partenkirchen, wo die Maschine landete. Dann ging es nach einigen Stunden über Tegernsee nach München und von dort nach Augsburg zurück. Damit hatte der Alpenflugverkehr begonnen. Der entsprechende Artikel des Münchener Redakteurs verfehlte seine Wirkung nicht, und bald setzte ein reger Verkehr auch auf dieser Strecke ein." (Nowarra: "Rumpler Luftverkehr - Ein Rückblick" in Flugwelt, Nr.1, S.35 v. Januar 1968/Deutsches Museum: LR-03051/3)
In der erwähnten Zeitung ist dann auch zu lesen:
"Es (-Das Flugzeug Ru C I-) führte, gesteuert von einem im Kriege schon bewährten Piloten, begleitet von einem Ingenieur der Firma als Beobachter, den Flug aus. Dieser Typ vermag in 25 Minuten 3000 Meter zu steigen und hat eine Höchststeigfähigkeit von 5800 Metern. Die Gondel ist für zwei Passagiere eingerichtet, auf einem Notsitz kann ein dritter mitgenommen werden.
Um 5 Uhr 50 Minuten morgens war der C I in Augsburg aufgestiegen, um 6 Uhr 15 Minuten schon auf Oberwiesenfeld gelandet. Um 7 Uhr erhob sich der Doppeldecke wieder, um nach einer herrlichen Fahrt über den Forstenriederpark, Starnberger See, vorüber am Kochel- und Staffelsee, um 8 Uhr 18 Minuten in Garmisch unter dem Zulauf von Einheimischen und Sommergästen niederzugehen, was dorten bei den in den Wiesen so vielfach verteilten Heuschobern kein geringeres Kunststück war als die Abfahrt. Das Wetter war keineswegs günstig, die Maschine bewährte aber bei den böigen Winden ihre tolle Stabilität. Da Regen einsetzte, und die Wetterlage sich zu verschlechtern drohte, wurde schon um 3 Uhr die Rückfahrt angetreten und der Kurs den Bergen entlang gegen Tölz genommen. Die Hoffnung, in Tegernsee es schöner zu finden, erfüllte sich nicht. Zwischen den Tälern der Vorberge hindurch wurde zum Tegernsee gesteuert, der Ort und Rottbach in mehreren Kurven umflogen und dann ohne Ausführung der beabsichtigten Landung in der Richtung Holzkirchen über das Hachinger Tal die Rückkehr nach München angetreten, wo der Rumpler um 4 Uhr 20 Minuten wieder auf Oberwiesenfeld eintraf. Um 5 Uhr 10 Minuten erfolgte der letzte Aufstieg zur Heimkehr nach Augsburg. Der Wind hatte noch eine bedeutende Steigerung erfahren und eine Geschwindigkeit von 18-20 Sekundenmetern angenommen. Ueber den Bergen sah man schwere Regenschauer niedergehen, während über dem Flachland die Sonne schien. Um 5 Uhr 50 Minuten endete die genußreiche Fahrt in Augsburg vor den Hallen der Rumplerwerke, die über weitere derartige Vergnügungsflüge Auskunft erteilen.
Ueber verschiedenen Orten, auch über München, waren Zettel abgeworfen worden mit der Mitteilung, daß der Rumpler-Luftverkehr von Augsburg beziehungsweise München in das bayerische Alpen- und Seengebiet eröffnet ist." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.245, S.2 - "Lokales" v. 26.6.1919)

Von Augsburg aus gestartet: Erfolgreicher "Erholungs- und Gesellschaftsflug" durch die bayerischen Alpen und Seengebiete. Eröffnungsflug mit der Augsburger Ru C I - 24. Juni 1919 (Zeitrschrift)

Erstflug nach Garmisch-Partenkirchen: Landung im meterhohen Gras - 24. Juni 1919 (Zeitschrift)

Dem Gipfel entgegen: Rumpler C I (//battlefield.fandom.com/wiki/Rumpler_C.I / Animation v. FluoxetinePatch)
Leipziger Herbstmesse, August 1919
(Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.341, S.3 v. 27.8.1919)
September 1919
Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.366, S.6 v. 12.9.1919
Die Leipziger Frühjahrs-Messe des Jahres 1920 verspricht nach harten Wintermonaten einen ersten Verdienst für die Rumpler-Werke, doch die politische Lage in der Reichshauptstadt eskaliert: In Berlin marschieren Reichswehrtruppen unter Hermann Ehrhardt durch das Brandenburger Tor, die Reichsregierung flüchtet und ruft zuvor noch den Generalstreik aus. Auch die Leipziger Messe bekommt die Ausläufer des Kapp-Putsches zu spüren:
"Die ersten Tage kamen die Autos, die dauernd zwischen Stadt und Flugplatz verkehrten, noch unangefochten durch, bald jedoch mußten sie erst den Stacheldrahtverhau der Reichswehr am Hauptbahnhof passieren und 10 Minuten später die Barrikade der bewaffneten Arbeiter, mit denen allmählich insofern schlecht Kirschen essen war, als am Mittwoch, den 17. März (-1920-), erstmalig von Mockau aus (-die ab 14:10 aus Berlin fliegende und in Leipzig um 14:52 ankommende Ru C IV D 72?-) ein Flugzeug zur Erkundung über Leipzig geschickt wurde; das machte die (-streikenden-) Leute nervös und sie hatten natürlich auch die Luftverkehrs-Auto in Verdacht, der sich manchmal in nicht mißzuverstehenden Worten äußerte. An diesem fraglichen Mittwoch (-17.3.1920-) wurde die aus Berlin kommende Rumpler D 72 von Regierungs-Fliegern beschlagnahmt und startete mit 2 Offizieren zur Erkundung über Leipzig, wo sie sich die erste ehrenvolle Verwundung holte: Ein Schuß zerschmetterte die Hälfte des unteren Hinterholmes. Trotzdem vermochte das Flugzeug glatt zu landen und wurde noch am gleichen Tage (-17.3.1920-) zur Reparatur nach Berlin geflogen, und das alles trotz einer Schwächung von fast 50%. Am gleichen Mittwoch war es auch, als eine andere Maschine nach München startete, an Bord den alten Rumplerflieger Kapitänleutnant Plüschow, den Flieger von 'Tsingtau', und ein niedliches Filmsternlein, Ria Jende, das unbedingt zur Filmaufnahme (-für 'Verkauftes Glück'/'Die Pantherbraut'?-) nach München mußte." (Rockenfeller in Der Luftweg, IV. Jahrgang Nr.12/13, S.9: "Der Luftverkehr zur Leipziger Messe" v. 8.4.1920)

Porträt der belgischen Stummfilm-Schauspielerin Ria Jende - 1919 (Wikimedia Commons - Datei: Ria Jende 1919 by Alexander Binder.jpg / Binder, Alexander - 1919)
"Auch bei diesem Fluge, der über Leipzig nach Süden führte, hatte die Maschine ihre Feuerprobe zu bestehen, und sie erhielt pflichtschuldigst 3 Treffer in die Flügelbespannung. Jedenfalls ist der Mut der jungen Künstlerin zu bewundern, die trotz aller dieser vorausgesagten Gefahren sich in die Maschine gesetzt hatte, ohne dabei überhaupt je geflogen zu sein; das ist allerdings etwas anderes, als die 'Fliegerei' so vieler anderer Filmgrößen, die nur in einer Reklameaufnahme am Flugzeug besteht und wobei nach der Aufnahme schleunigst der Fliegerdreß wieder abgelegt wird. Immerhin, das Interesse und das Vertrauen zum Luftverkehr wachsen.(...) Am Freitag (-17. März 1920-) wurden mehrere Ausländer nach Berlin gebracht, die hier erst den Generalstreik in Reinkultur merkten und sofort nach Warnemünde weiter wollten. Dort angelangt, wurde vom 'Aktionsausschuß' die Maschine, Rumpler D 72, mal wieder zur Abwechslung beschlagnahmt und erst nach 5 Tagen freigegeben." (Rockenfeller in Der Luftweg, IV. Jahrgang Nr.12/13, S.9: "Der Luftverkehr zur Leipziger Messe" v. 8.4.1920)

Filmstar Ria Jende bei der Fliegertoilette - 17. März 1920 (Der Luftweg, IV. Jahrgang, Nr.12/13: "Der Luftverkehr zur Leipziger Messe", S.9 v. 8.4.1920
Werksdirektor Otto Meyer ist um mediale Werbemaßnahmen stets bemüht. So tragen gerade auch Fotos öffentlicher Personen zur Bekanntheit und Popularität des zivilen Luftfahrtangebotes bei. Oft werden diese Aufnahmen von Wochen-Zeitschriften aufgegriffen, denn solch ein Flug gilt im Jahre 1921 noch als ein wagemutiges Ereignis.

Pilot Adolf Doldi in der Ru C I/D 107 mit den Schwimm-Meistern Erich Rademacher und Erna Murray - August 1921 (Bayerische Rumplerwerke + Illustrierte Flugwoche v. 31.8.1921 + gettyimages.de: Bild-Nr.541790645)
Oktober 1920 - Neue Flugverbindungen
München-Frankfurt
Mit vier aus Augsburg beförderten Passagieren landen am 2. Oktober 1920 die beiden Rumpler-Piloten Doldi und Schneider ihre Doppeldecker auf dem Münchener Flugfeld-Oberwiesenfeld zwischen. Rechtzeitig zum Beginn der Frankfurter Messe betont Generaldirektor Edmund Rumpler während seiner darauf folgenden Eröffnungsansprache vor den geladenen Gästen aus Politik und Wirtschaft:
"Der Grundsatz 'Fliegen heißt kämpfen' wurde während des Krieges gegen eine Welt von Feinden bestätigt, wobei Bayern wieder eine führende Rolle spielte. Nach dem Kriege und während der folgenden Umwälzungen kämpfte die Flugzeugindustrie gegen ihre Vernichtung. Die Friedensbedingungen stellen einen neuerlichen Schlag gegen die Flugzeugindustrie dar, da Kriegsflugzeuge überhaupt nicht und Friedensflugzeuge nur gegen Nachweis ihres Friedenszweckes gebaut werden dürfen. Einen Lichtblick bildet der friedliche Luftverkehr, der berufen ist, völkerverbindend zu wirken. Auch dieses Fliegen heißt kämpfen und zwar in wirtschaftlicher Beziehung. Die Kosten des Luftbetriebes sind vorläufig noch so außerordentlich hoch, daß der bei dem Luftbetriebe um die Existenzmöglichkeit zu erwartende Kampf sehr schwierig werden wird. Der Sieg ist mit der bisherigen Unterstützung der Behörden des Landes möglich. Der Regierung möchte ich für ihre erfolgreiche Mitarbeit den Dank aussprechen und ersuche sie, auch in Zukunft dem Luftverkehr fördernd zur Seite zu stehen. Dann ist Deutschlands Führerschaft im Luftverkehr und seine Luftgeltung gesichert." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.410, S.3/4 - "Eröffnung des Luftverkehrs München-Frankfurt", die letzten zwei Sätze in wörtliche Rede gesetzt, Artikel v. 2.10.1920)

Historischer Augenblick vor der Luftlimousine in München: Eröffnungsrede zur neuen Flugstrecke München-Frankfurt durch Edmund Rumpler (1) - 2. Oktober 1920 (Links neben dem Berliner Generaldirektor Rumpler steht der Augsburger Werksdirektor Otto Meyer, am rechten Rand lauschen Handelsminister Hamm (3) und Staatssekretär Dr. Stingl (4) vom Reichspostministerium dem Vortrag, in Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.335 - 2004)

Flugplan zur neuen Messe-Verkehrsverbindung (Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.335 - 2004)
Die neue Fluglinie München-Wien
Für den süddeutschen Raum scheint eine schnelle Verkehrsverbindung nach Wien besonders attraktiv. Dem Augsburger Werksdirektor Otto Meyer schwebt bereits die Luftweg-Erschließung des europäischen Südens vor, der jedoch komfortablere Rahmenbedingungen für die Fluggäste erfordern würde. So überdacht bereits zum September 1920 die Augsburger Flugzeugschmiede kurzerhand die beiden hinteren Sitze einer Rumpler C I, welche die interne Bezeichnung Ru 5 A 2 erhält.

Pressetermin vor dem Scheitern der Fluglinie München-Wien - 20. Oktober 1920 (//wap.ymorno.ru: Rumpler C I / Oleg)

Mehr Komfort für die Fluggäste: Gepolsterte Sitze mit großen Fenstern - 1920 (Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.40 - 1987)

Sprechverbindung zu den Passagieren: Pilot Adolf Doldi - 1920 (Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.40 - 1987)
So startet im Herbst des Jahres 1920 das neue Reise-Angebot des Rumpler-Luftverkehrs:
"Im Laufe des Vormittags des 20. Oktober 1920 waren die drei für dieses Unternehmen vorgesehenen Rumpler-Flugzeuge, darunter auch die Luftlimousine D 103, von Augsburg nach dem Münchener Oberwiesenfeld geflogen, wo sich zahlreiche Ehrengäste und Zuschauer eingefunden hatten. Als Flugzeugführer waren die prominentesten Piloten Oberleutnant Ernst Udet, Adolf Doldi und Gustav Basser ausgewählt worden. Als Passagiere flogen mit: Frau Udet, Rittmeister von Crailsheim und drei Redakteure der größten süddeutschen Tageszeitungen, der 'Münchner Neuesten Nachrichten' (-Redakteur Schmuck?-), der München Augsburger Abendzeitung' und der 'Münchner Zeitung'(-Sportredakteur Theo Schreiner?-). Kurz nach dem Start der Flugzeuge, der mittags um 1 Uhr erfolgte, setzte heftiger Gegenwind ein, der fortwährend zunahm und schließlich 20 m pro Sekunde erreichte, so daß sämtliche Piloten gezwungen waren, wegen Benzinmangels auf österreichischem Boden notzulanden. Ein Flugzeug ging bei Linz, das zweite bei Blindenmarkt (ca. 60 km östlich von Linz) glatt nieder und die dritte Maschine kam bis Tulln in der Nähe von Wien. Am Donnerstag, den 21. Oktober (-1920-), setzten die Flugzeuge ihren Flug fort und trafen gegen Mittag auf dem Flugfeld Aspern bei Wien ein. Kurz nach der Landung aber erschien eine Entente-Kommission auf dem Flugplatz. Dr.-Ing. Edmund Rumpler und Direktor Otto Meyer, die inzwischen zum Empfang der Flugzeuge nach Wien gekommen waren, wurden zu einer Besprechung aufgefordert, wobei die Entente-Kommission zum Ausdruck brachte, daß der Rumpler-Luftverkehr nicht berechtigt sei, Flüge nach Österreich auszuführen. Die drei Flugzeuge wurden beschlagnahmt, obwohl von Direktor Otto Meyer nachgewiesen wurde, daß sowohl vom Reichsamt für Luft- und Kraftfahrwesen, Berlin, als auch vom Österreichischen Staatsamt für Verkehrswesen in Wien, die Genehmigung für den Einflug vorliegt und daß sich die übrigen Ausweispapiere der Flugzeuge vollkommen in Ordnung befinden. Ein Antrag, daß die Flugzeuge wenigstens zurückfliegen dürfen, wurde abgelehnt und die Beschlagnahme damit begründet, daß laut Friedensvertrag die Einfuhr von Flugzeugen nicht gestattet sei.(...) Die Passagiere mußten nun mit der Bahn nach München zurückreisen, später auch die Flugzeugführer und Monteure. Die Maschinen blieben 6 Wochen lang beschlagnahmt, dann erst erfolgte, wiederum nach langwierigen Verhandlungen, endlich die Freigabe." (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.53/54 - 1964)

Den Fotoapperat stets zur Hand: Pressetermin an dem ersten Kabinen-Rumpler C I/D 103 - München-Oberwiesenfeld, 20. Oktober 1920 (Digitalisiert auf adl-luftfahrthistorik.de / Dr. Ernst Vocke: "Zulassung und Kennzeichnung der deutschen Zivilflugzeuge 1914-1934, 4. Die deutsche Luftfahrzeugrolle 1920-1934", S.8 aus "Luftfahrt International", Nr.2 v. 1981 + Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.55 - 1964 + Deutsches Museum, München)
Die Rückführung der beschlagnahmten Flugzeuge verhält sich kompliziert; zum ersten Auslösungsversuch wird aus Wien berichtet:
"Die Piloten der drei Rumpler-Flugzeuge, die infolge der Beschlagnahme der Flugzeuge (-am 21.10.1920-) durch die Ententemilitärkommission in Wien nicht mehr nach München zurückfliegen konnten, sind gestern (-am 4.11.1920-) neuerdings in Wien eingetroffen, weil sie davon verständigt wurden, daß die Freigabe der Apparate gesichert sei. Die Verwahrung der Flugzeuge war den österreichischen Behörden übertragen. Bei diesen haben die drei Piloten nunmehr seit gestern Versuche unternommen, um endlich den Rückflug antreten zu können. Die Erteilung der Bewilligung konnte aber bisher durch die österreichischen Behörden nicht erfolgen, weil eine Verständigung über die Frage der Freigabe vom Berliner Reichsflugamt bisher noch nicht vorliegt." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.462, S.3 - "Der Rückflug der Rumpler-Flugzeuge aus Wien" v. 5.11.1920)

Abflug der Ru C I/D 103 von München/Oberwiesenfeld nach Wien: Aufnahme von Post und Passagieren - 20. Oktober 1920 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.55 - 1964 + Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.40 - 1987)
Zum Ende des Jahres richten die Betriebsräte der ums wirtschafliche Überleben kämpfenden Flugzeugbetriebe über den Bundesverband ein dringliches Gesuch gegen die Vernichtung der deutschen Flugzeugindustrie. Auch der Rumpler-Luftverkehr unterzeichnet diese Protestnote:
"Der Berufsverband für das Luftfahrtwesen, Berlin W 30, ersucht zugleich im Namen der unterzeichneten Betriebe das Auswärtige Amt (das Reichsluftamt) dringendst, den neuerlichen Bedrohungen der zivilen Luftfahrt durch die Entente , die ein absolutes Ende des zivilen deutschen Luftverkehrs, des zivilen Flugzeugbaues und der zahlreichen zugehörigen zivilen Nebenindustrien bedeuten, auf das ernergischste entgegenzutreten. Tausende von Beamten und Arbeitern würden wiederum brotlos werden. Der internationale Gewerkschaftsbund Amsterdam ist vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund telegraphisch gebeten worden, die Gewerkschaften des bisher feindlichen Auslandes zur Stellungnahme gegen die sinnlos unbarmherzigen Absichten der jeweils zuständigen Regierungen aufzufordern, zumal Zehntausende von deutschen Militärflugzeugen und Motoren bereits zerstört worden sind."
25. Februar 1921
Tattsächlich nutzen prominente Personen aus Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur vermehrt das zeitsparende Tagflug-Angebot des Rumpler-Luftverkehrs. Auch die Tänzerin Hannelore Ziegler gehört dazu. Zu ihren Auftritten des Jahres 1921 heißt es:
"Hannelore Ziegler, die auf ihren Gastspielen mit einem Flugzeug der Bayerischen Rumpler-Werke von Stadt zu Stadt reist, ist gestern früh 1/2 11 Uhr von Augsburg kommend auf dem kleinen Exerzierplatz glatt gelandet. Der Flug dauerte ca. 3/4 Stunden bei herrlichstem Wetter in 1500 m Höhe. Das Rumpler-Verkehrsflugzeug stand unter der bewährten Führung des Flugzeugführers Doldi, Begleiter war Ingenieur von Römer der Bayerischen Rumplerwerke Augsburg. Am Abend zuvor (-24. Februar 1921-) trat die Künstlerin noch mit großem Erfolg im Stadttheater Augsburg auf." (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.58 - 1964)
Das Ulmer Tageblatt berichtet zudem:
"Haben Sie den Doppeldecker gestern zwischen 10 und 11 Uhr vormittags über unserer Stadt kreisen sehen? Wissen Sie, wer da uns Ulmern so 'vom Himmel fiel'? Hannelore Ziegler. Sie kam von Augsburg, wo sie gestern Triumphe über Triumphe feierte, im Flugzeug hierher, um von dem überfüllten Hause Abschied zu nehmen vor dem Antritt ihrer Reise, die sie in den nächsten Monaten u. a. in die Schweiz und nach Holland führt. Die Künstlerin wurde auch gestern wieder begeistert empfangen, umjubelt und mit endlosem Beifall überschüttet. Sie ließ ihrer Frohlaune und ihrer Kunst alle Zügel schießen. Brachte sie auch viel schon Gesehenes, sie tanzt so gar nicht nach einem bestimmten Schema, sie läßt sich ganz von Rythmus und Stimmung leiten, so daß man immer wieder neue Bilder sieht." (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.57 - 1964)

Verabschiedung am Augsburger Flugfeld zur Gastspielreise nach Ulm: Die herausragende expressionistische Ausdruckstänzerin und Opernsängerin Hannelore Ziegler mit Direktor Otto Meyer, der ihr eine Kopfbedeckung für den Flug überreicht. Auf der Tragfläche der Rumpler C I/D 104) der Mechaniker Josef Häfele - 25. Februar 1921 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.59 - 1964 + Deininger: "Augsburg - Porträt einer Fliegerstadt", S.11 - 1995 + Zeitschrift Flugsport, Nr.6, S.147 v. 16.3.1921)

Mit Fliegerhaube bemützt: Verabschiedung der Künstlerin Hannelore Ziegler, eingehakt von Direktor Otto Meyer (r) und dem Piloten Adolf Doldi - 25. Februar 1921
Vor der Rumpler C I (D 104) von links: Monteur Josef Häfele, Werkmeister Schinner, Ing. Botho v. Römer, Monteur Taumann, die Piloten Adolf Doldi, Schneider und Emmerich, unbekannte Monteure, Einkaufchef Josef Demmel und Obermeister Schurer vor dem Start von Augsburg nach Ulm (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.60 - 1964 + Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.339 - 2004)
Die Kritik am dargestellten Programm fällt zum Teil recht herbe aus:
"Hannelore Ziegler hatte sich im Saal geirrt, im Deutschen Theater wäre sie Varieté ersten Ranges; in der Tonhalle fand sie mit Recht Widerspruch; die Gastspielerei hat ihren Geschmack verdorben. Dazu noch die Musik, in Zirkusbesetzung, und so lahm wie ein rheumatisches Schulpferd. Das Pizzicato (-mit den Fingern zu zupfen-) perlte im Orchester nicht spitz, sondern trabte wie auf Plattfüßen. Den Brahms-Walzer tanzte Frl. Ziegler als Filmdiva, maskiert, mit gar erschrecklichem Mienenspiel, mit übersteigerter Gebärde; das sollte Temperament sein, es war aber nur schlechtes Theater. Steckenpferdritt wie Groteske blieben ziemlich äußerlich. Ein niedlicher Einfall, prickelnd, wirbelnd war der Kreiseltanz. Die 'G'schichten aus dem Wienerwald' waren anmutige Tanzerzählungen, zum Teil mit den Mitteln des alten Ballets, die ursprüngliche Liebenswürdigkeit der Tänzerin lächelte aus diesem Tanz, sie sollte nicht untergehen in überzuckerter Süße und im Effekt." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.82, S.2 v. 24.2.1921)

Die bekannte Künstlerin Hannelore Ziegler (später verheiratete Froriep) vor dem Flug nach Ulm. V.l.: Botho v. Römer, Pilot Adolf Doldi, Herr Sunke, Frau Stella Meyer, Frl. Hannelore Ziegler, Frau Filser, Architekt Richard Filser - 2. Februar 1921 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.56 - 1964)
Von 1917 bis 1921 ist die bekannte Künstlerin Ziegler mit einem eigenen Programm auf Tournee. So gastiert sie beispielsweise am 26. und 27. Mai 1919 im größten Weimarer Versammlungslokal: Dem Armbrustaal der Weimarer Armbrustschützengesellschaft. Ihr Baletttanzprogramm trägt den Titel: "Hannelore Ziegler - Eigene Tänze" und beinhaltet Werke wie das Stück Prélude.

Gastspiel im offenen Rumpler-Doppeldecker: Hannelore Ziegler - 1918 (Ansichtskarte im Privatbesitz / Brockshus, Bremen)

Opernsängerin Hanelore Ziegler (Fotografie im Privatbesitz)
5.-14. März 1921 - Leipziger Frühjahrsmesse
Für die Fortentwicklung der Luftpost- und Personenbeförderung erscheint die Leipziger Messe als ein geeignetes Betätigungsfeld. Zum Frühjahr 1921 bestreiten insgesamt sieben deutsche Fluggesellschaften mit einem Streckennetz von rund 210.000 Kilometern den landesweiten Flugdienst zur Messestadt. Auch die bayerischen Rumplerwerke leisten, wie schon zur Frührahr- und Herbstmesse des Vorjahres, ihren Beitrag:
"Der Rumpler-Luftverkehr hat im Auftrag des Reichspostministeriums während der Leipziger Messe vom 5.3. - 14.3.21 den regelmäßigen täglich hin und zurückkehrenden Flugpostdienst auf der Strecke Augsburg-München-Fürth-Nürnberg-Leipzig-Berlin unterhalten. Es dürfte von allgemeinem Interesse sein, die Resutate dieser Luftlinie, die zum erstenmal den regelmäßigen Verkehr Berlin mit München verband, kennen zu lernen. Auf der Strecke Leipzig-Berlin waren 9 Flüge vorgesehen.(...) Auf der Strecke Augsburg-München-Fürth-Leipzig waren 14 Flüge vorgesehen, 9 ausgeführt, einer ausgefallen, 4 abgebrochen und 12 Passaqgiere mit 5 kg Post befördert. Die Statistik zeigt, daß die Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit auf dieser Strecke, begünstigt durch das gute Wetter, sehr gute Resultate zeitigte. Auffallend ist, daß von der Möglichkeit der Postbeförderung, trotz der schnellen Verbindung, so wenig Gebrauch gemacht wurde, was vielleicht darauf zurückzuführen ist, daß die Möglichkeit der Postbeförderung mittels Flugzeug zu wenig bekannt war und daß das große Publikum vielleicht auch noch zu wenig Zutrauen hat. Die Zuverlässigkeit der Flugpostbeförderung hierbei ist einwandfrei nachgewiesen. Es dürfte von allgemeinem Interesse sein, daß der Flugpost- und Passagierverkehr auf der Strecke Augsburg-München-Fürth-Nürnberg-Leipzig-Berlin z. Zt. vom Rumpler-Luftverkehr dauernd und regelmäßig im Auftrag des Reichspostministeriums aufrecht erhalten bleibt. Auskunft erteilen die Reisebüros des Norddeutschen Lloyd Bremen." (Zeitschrift Flugpost, Nr.8, S.180 v. 13.4.1921)

Werbefaktor Zeit: Rumpler-Angebot zur Leipziger Messe - 1921 (Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.336 - 2004)

Werbeplakat für den Messe-Flugdienst - 1921 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.79 - 1964)

Im Auftrag des Reichspostministeriums: Rumpler-Luftverkehr C I beim Verladen der Luftpost für München - 1921 (BArch Berlin: Bild 183-T0126-511 / Hoffmann, Heinrich + Bay. Staatsbibliothek: hoff-5533 / Hoffmannn, Heinrich + Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.67 - 1964 + Nowarra: "60 Jahre deutsche Verkehrsflughäfen", S.20 - 1969 + Postkarte im Privatbesitz / DLH 3000-2 + Heimann: "Die Flugzeuge der Deutschen Lufthansa", S.25 - 1987 + Nowarra: "Rumpler Luftverkehr - Ein Rückblick" in Flugwelt, Nr.1, S.34 v. Januar 1968/Deutsches Museum: LR-03051/3)

Rumpler-Motiv für den Sonderdruck: Tag der Briefmarke - 1997 (Fotografie im Privatbesitz)

Von Leipzig nach Berlin: Fernbrief mit 20 Pfennig Luftpostzuschlag - 7. März 1921 (Brief im Privatbesitz / philaseiten.de: Totalo-Flauti)
Der neu eingerichtete Transportdienst stellt erhöhte Anforderungen an Mensch und Material. Als Vertreter der Rumplerwerke berichtet Hans v. Römer von einem Rückflug nach Beendigung der Leipziger Messe:
"Von Südwesten her kamen schwarz-graue Wolken auf, die sich immer dichter zusammenballten. Plötzlich brach ein richtiges Aprilwetter los, Regen, Hagel und Schnee prasselten auf die Tragflächen. Die brave Ru C I wurde von Sturmböen geschüttelt, sie kam kaum noch vorwärts und die Bodensicht wurde immer schlechter. In dieser mißlichen Lage entschloß sich (-Pilot-) Spiel zur Notlandung. In steilen Kurven drückte er die Maschine nach unten, wich zum Glück gerade noch einem Kirchturm aus, der plötzlich schemenhaft vor uns auftauchte und setzte hart neben einem kleinen Dorf auf einer Wiese auf. Leider konnte er einen kleinen Graben, der von Hagelkörnern und Schnee bedeckt war, nicht sehen. Es gab einen kräftigen Ruck, doch hielten die Anschnallgurte stand. Der Holzpropeller war zersplittert und eine Fahrgestellstrebe bei der Landung geknickt worden." (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.78 - 1964)

Pilot Hugo v. Kawezcinsky im Pendelverkehr zur Leipziger Messe: Die aus Berlin-Johannisthal kommende Ru C I auf dem Leipziger Flugfeld in Mockau - 25. Oktober 1921 (Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.42 - 1987 + Tack/Ahlbrecht/Unger: "Mit dem Flugzeug zur Leipziger Messe", S.18 - 2019 + Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.336 - 2004)

Rumpler-Messeflug von Leipzig - 7. August 1923 (Postkarte im Privatbesitz)
Flughafen-Hotel mit angrenzendem Germania-Flugzeugwerk: Leipzig-Mockau - 1918 (Sturm: "Leipzig geht in die Luft", S.55 - 2011)
April 1921
Weitere prominente Fluggäste stellen sich bei Rumpler-Luftverkehr dem Fotografen:
"Bredow, Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat Ministerialdirektor im Reichsverkehrsministerium, Leiter des Luft- und Kraftfahrwesens, flog am 6. April (-1921-) von Berlin über Leipzig-Fürth-Nürnberg-München nach Augsburg mit einem Verkehrsflugzeug des Rumpler Luftverkehrs, das im Dienst der regelmäßigen Verkehrsstrecke Berlin-Leipzig-Nürnberg-München-Augsburg steht. Herr Geheimrat Bredow besichtigte anschließend die Luftverkehrsabteilung der Bayerischen Rumpler-Werke A.-G. und begibt sich im Flugzeug nach München, um mit den dortigen Ministerien im Auftrag des Reichsverkehrsministeriums Verhandlungen bezügl. des Ausbaues des deutschen Luftverkehrs aufzunehmen. Geheimrat Bredow war von seinem Flug hochbefriedigt und sprach sich über den Rumpler-Luftverkehr in anerkennenden Worten aus." (Zeitschrift Flugpost, Nr.8, S.180/181 v. 13.4.1921)

Ministerialdirektor Traugott Bredow, Leiter des Reichsamtes für Luft- und Kraftfahrwesen, auf einer Dienstreise im Rumpler-Flugzeug Berlin-München-Augsburg mit den Flugzeugführern Hugo von Kaweczynski (l) und Emmerich - 6. April 1921 ("Illustrierte Flug-Woche", Heft 9, S.1 v. 27.4.1921)

Mit der Ru C I/D 107 von Berlin über Leipzig nach München: Leiter des Luft- und Kraftfahrwesens im Reichsverkehrsministerium, Ministerialdirektor Traugott Bredow - 6. April 1921 (Digitalisiert auf adl-luftfahrthistorik.de / Dr. Ernst Vocke: "Zulassung und Kennzeichnung der deutschen Zivilflugzeuge 1914-1934, 4. Die deutsche Luftfahrzeugrolle 1920-1934", S.8 aus "Luftfahrt International", Nr.2 v. 1981 + Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.80 - 1964)

Maschinenwerbestempel der Firma Rumpler-Luftverkehr - 20. April 1921 (Brief im Privatbesitz / philaseiten.de: Erron #6169)
Mai 1921
Die gefragte Flugdienstleistung wird auch von dem bayerischen Polizeipräsidenten in Anspruch genommen.

Fluggast Ernst Poehner mit dem stehenden Rumpler-Monteur Trautmann in der Ru C I - 1921 (Grosz: "Rumpler C.I Windsock Datafile 79", S.23 - 28.1.2000)
Zu den Flieger-Gedenktagen in Schleißheim heißt es:
"Am 18.5.(-1921-) abends fand im Odeon die vom bayrischen Fliegerclub veranstaltete erhebende Gedächtnisfeier statt. Während sich der Saal füllte, erklang das Geläut sämtlicher Kirchenglocken, Flugzeuge mit langen, schwarzen Wimpeln umkreisten das Gebäude. Vor der Feldherrnhalle, wo Trauerfahnen wehten, und eine Reichswehrkapelle ernste Weisen spielte, hatten sich Tausende versammelt. Zur Feier waren unter anderen die sämtlichen Minister, die königlichen Prinzen und General Ludendorff erschienen. Das Nationaltheater-Orchester spielte die Ouvertüre von Coriolan. Hierauf folgte ein Prolog, an dessen Schluß die Versammlung 'Deutschland über alles' sang. Hierauf hielt Ministerpräsident von Kahr eine Begrüßungsansprache, in der er zunächst namens des Generalfeldmarschalls von Hindenburg, des Protektors der Gedenktage, dessen Bedauern darüber Ausdruck gab, daß er nicht teilnehmen könne. Die eigentliche Gedächtnisrede hatte der erste Präsident des Bayrischen Fliegerclubs, Major Paul, übernommen." (Flugsport, Nr.12, S.280: "Deutscher Fliegertag in München" v. 8.6.1921)

Gruppenfoto nach Ankunft auf dem Münchener Flugplatz zum Flieger-Gedenktag: V.l.n.r.: Pilot Oberlt. Ernst Udet, Architekt Karl Johann Moßner, Hptm. Ritter v. Schleich, Bayerns Ministerpräsident Gustav v. Kahr, Hptm. Franz Hailer, Münchens Polizeipräsident Ernst Pöhner (mittig mit Fliegerhaube) und Augsburgs Rumpler-Direktor Otto Meyer - 19. Mai 1921 (Zeitschriften Illustrierte Flug-Woche, Nr.13, S.249 v. 22.6.1921 + Flugsport, Nr.12, S.279 v. 8.6.1921 + Meyer/Römer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.83 - 1964)

Gedankenaustausch auf dem Flieger-Gedenktag: Fliegerhauptmann Franz Hailer, der bayerische Ministerpräsident Gustav Ritter v. Kahr, General a.D. Erich Ludendorff und Polizeipräsident Ernst Pöhner - 19. Mai 1921 (BArch: Bild 183-R41120 / o.Ang)

Ru C I/D 99 im Rahmen der Flieger-Gedenktage auf dem Flugplatz Oberwiesenfeld: Auf Einladung des Augsburger Rumpler-Direktors Otto Meyer verabschieden sich mit dem Piloten Oberlt. Ernst Udet der bayerische Ministerpräsident Gustav v. Kahr und Münchens Polizeipräsident Ernst Pöhner zu einem Passagierflug rund um München - 20. Mai 1921 (Zeitschriften Illustrierte Flug-Woche, Nr.13, S.251 v. 22.6.1921 + Flugsport, Nr.12, S.279 v. 8.6.1921 + Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.83 - 1964 + Nowarra: "Rumpler Luftverkehr - Ein Rückblick" in Flugwelt, Nr.1, S.34 v. Januar 1968/Deutsches Museum: LR-03051/3)
Neben den öffentlichkeitswirksamen Transportdienstleistungen läuft der Rumpler-Postversand. Eine unbeschriebene Testlaufkarte an den Notar Sauer nutzt den täglich in München um 8:30 Uhr startenden Doppeldecker in Richtung Leipzig, um bereits um 9.45 Uhr in Nürnberg/Fürth zwischenzulanden:

Postflug mit dem aus Augsburg gestarteten Rumpler-Luftverkehr auf der Teilstrecke München-Nürnberg - 28. Mai 1928 (Postkarte im Privatbesitz)
Juni 1921
Zusammen mit dem Ingenieur Oskar v. Miller überfliegt der bayerische Ministerpräsitent Gustav v. Kahr von München aus kommend das Walchenseekraftwerk, an dem sich im Juni 1921 zeitgleich auch Helene und Gottfried Grandel aufhalten. Für den Ingenieur v. Miller ist es die erste Flugerfahrung in einem offenen Doppeldecker. Er schreibt:
"Der Flug galt der Besichtigung der Walchensee-Bauten durch Ministerpräsident von Kahr, dessen Arbeitsüberhäufung hierzu nicht die übliche Verwendung eines ganzen Tages, sondern nur die Ausnützung der Morgenstunden vor dem Beginn der Bürozeit gestattete. Wie verabredet kamen wir um 5 Uhr morgens am (-Münchener-) Flugplatz an, wo uns in liebenswürdiger Weise Herr Direktor Meyer der Bayer. Rumpler-Werke mit einigen Herren erwartete und wo zur gleichen Zeit das Sonderflugzeug von Augsburg eintraf. Trotz der damaligen Tageshitze von nahezu 40° erhielten wir mit der Fliegerhaube auch Pelzmäntel und Pelzhandschuhe, denn unsere Fahrt sollte uns in die hohen Regionen des ewigen Eises führen. Wir sassen zu zweien nebeneinander hinter dem bewährten Flugzeugführer Doldi, der mit ruhigem Blick und sicherer Hand unsere Fahrt nach dem Walchensee-Werk lenkte.(...) Von den auf dieser Fahrt gewonnenen Eindrücken möchte ich zunächst das Gefühl der Sicherheit, das viele Menschen in erster Linie interessiert, näher schildern. Ich hatte schon vor etwa 10 Jahren mit Graf Zeppelin und Prinz Heinrich eine Luftfahrt über dem Bodenseegebiet unternommen, sodaß mir das Schweben in der Luft nicht vollkommen neu war, nichts destoweniger hatte ich bei der ersten Fahrt mit einem Flugzeug ein eigenartiges Gefühl, als sich dasselbe nach kurzem Anlauf rasch von der Erde entfernte und die Landschaft in immer größere Tiefen versank. Bald gewinnt man in dem ruhig dahineilenden Flugzeug das Gefühl einer Sicherheit, das uns die Gefahr anderer Sport-Arten weit größer erscheinen läßt, als die des Fliegens. Die Nervenerregung des Automobilfahrers, daß er bei jeder Ecke mit einem anderen Fuhrwerk zusammenstoßen könnte, entfällt, die gelinden Hebungen und Senkungen, denen bei wechselnden Luftströmungen das Flugzeug ausgesetzt war, sind kaum bemerkbar gegenüber den Schwankungen eines Seegelbootes, das sich bei starkem Seegang mit Wasser füllt und die Insassen an die Möglichkeit des Versinkens mahnt und wenn der Blick an die Felswände trifft, die von Bergsteigern auf steilen und schwindeligen Wegen erklommen werden, so fühlte man sich im Flugzeug so sicher wie ein Vogel, der über tiefe Schluchten hinweg dem Gipfel der Berge zustrebt. Die Flügel werden nicht versagen, aber wenn der Motor defekt wird, was wird dann geschehen, daran wird mancher Fluggast mit einem Gefühl des Unbehagens denken.- Dann wird das Flugzeug im Gleitflug zur Erde gehen und in einem Umkreis von 3-4 Kilometer sich einen geeigneten Landungsplatz aussuchen, wo es sicher, wenn auch etwas unsanft landet, so wurde mir von erfahrenen Luftpiloten erklärt und so glaube ich es auch, ohne an Gefahren zu denken, die bei einem plötzlichen Bruch von Maschinen- und Wagenteilen für Automobile noch viel schrecklicher wären, als für Flugzeuge. Der Eindruck der landschaftlichen Größe und Schönheit überwiegt sehr bald das Gefühl für persönliche Sicherheit.- Es war herrlich, als ich die Stadt München unter mir sah, das Haus am Ferdinand-Millerplatz, in dem meine Frau ohne eine Ahnung von der Luftreise ihres Mannes zu haben, noch ruhig im Schlummer lag, das Deutsche Museum, mit seinem Turm und seinen Kuppeln ein neues Wahrzeichen der Stadt, wieder ein nervöses Hasten und Streiten beginnen, und wie ruhig ist es hier oben in den Lüften. Wenn ich manchmal von einem Berggipfel aus die Felder und Dörfer mit ihren ameisenartigen Leben sah, dann fühlte ich mich erhaben über das kleinliche Menschengetriebe, als ich aber von 200 m Höhe hinab sah über ein ganzes Land, das sich unter mir ruhig und friedlich fortbewegte, da erfüllte mich so ganz der Gedanke, wie schön wäre doch die Welt, wenn nicht Menschenhaß und Eifersucht, wenn nicht Zank und Streit das wahre Glück zerstören würde." (Luftfahrtzeitschrift "Flugsport", Nr.17, S.385/386: "Ingenieur-Besichtigungs-Flugreise" v. 17.8.1921)

Erkundungsflug in der Ru C I/D 107 mit einem ehemaligen Militärpiloten am Steuerknüppel: Flugkapitän Adolf Doldi mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Gustav Ritter v. Kahr (l) und Geh. Baurat Dr. Oskar v. Miller vor dem Flug zum im Bau befindlichen Walchensee-Kraftwerk - Flugfeld Oberschleissheim, 6. Juni 1921 (Fotografie im Privatbesitz / Fischer, Heinrich - München + Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.340 - 2004 + bridgemanimages.com + Otto Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.88 - 1964 + Kultur & Technik - Zeitschrift des Deutschen Museums München/pdf, darin Lochner: "Das Archiv Hans und Botho von Römer", S.14 - 1/1981. Zu Adolf Doldi: Später Lufthansa-Pilot und SS-Obersturmbannführer, SS-Nr. 276.881, wird am 21.8.1944 abgeschossen)
Kyffhäuser Gedenktag, 19. Juni 1921
Die Salzstadt Frankenhausen begeht das 25-jähriges Bestehen des Kyffhäuser-Denkmals. Auch die Firma Rumpler-Flugdienst leistet ihren Beitrag zu diesem Ereignis.

Kyffhäuser-Denkmal in Thüringen (Postkarte im Privatbesitz)

Provisorischer Landeplatz am Hang, vom Wald umgeben: Kyffhäuser-Denkmal in Thüringen (Postkarte im Privatbesitz / VEB Bild und Heimat, Reichenbach)

(Werbeanzeige Flugsport, Nr.23, S.469 v. 9.11.1927)
Als Vertreter der Bayerischen Rumpler-Werke schildert Flugbegleiter Botho von Römer seine ersten Eindrücke:
"Nun setzt (-Rumpler-Pilot-) Spiel zur Landung an, und wie ein Raubvogel in ruhigem majestetischem Fluge gleitet unsere Ru C I in flachen Kurven immer tiefer nach unten. Im letzten Stück des Geradeausfluges sehen wir deutlich die ausgesteckten Warnschilder und das Landekreuz inmitten der Ratsfeldwiese. Unser Flugzeug schwebt knapp über die Baumwipfel hinweg in den Platz ein. Diese Landung war eine Meisterleistung. Da die Wiese zu unserer Anflugrichtung etwas ansteigt, kommt die Maschine D 99 rasch zum Stehen. Ehe wir uns umsehen, sind auch schon die Herren des Empfangkomitees zur Stelle. Zahlreiche Hände strecken sich uns zur Begrüßung entgegen. Wir werden von allen Seiten beglückwünscht. Da tritt Fräulein Wally Schröder aus Frankenhausen dicht an unser Flugzeug heran und spricht zur Feier des Empfanges folgenden Prolog:
Es flogen um den Kyffhäuser der Raben einst so viel - Heut' nahmen andere Vögel dies hohe erhabene Ziel. Willkommen und frohes Gelingen. Wir wollen uns nimmer beklagen, wenn Euere Vögel die schnellen, die dunklen Raben verjagen!
Dann überreicht Fräulein Schröder dem Flugzeugführer Spiel und mir je einen herrlichen Rosenstrauß, Kapitän a.D. Zuckschwerdt, der anstelle des leider erkrankten Ingenieurs Kromer die Leitung der Veranstaltung übernommen hatte, hält eine kurze Begrüßungsansprache und ich danke für den wundervollen Empfang und entbiete die herzlichsten Grüße des Rumpler-Luftverkehrs mit dem Wunsche: 'Unterstützen Sie nach Kräften das Flugwesen und helfen Sie alle mit beim Wiederaufbau der deutschen Luftfahrt.'" (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.96/97 - 1964)

Kyffhäuser-Flug: Feierlicher Empfang des Rumpler-Flugzeuges C I/D 99. Im Pilotensitz Flugzeugführer Spiel, im Beobachtersitz Ingenieur Botho v. Römer, Werbeleiter der bayerischen Rumplerwerke in Augsburg. Vor dem Flugzeug Wally Schröder-Frankenhausen, die spätere Ehefrau von Botho v. Römer, mit den Herren des Empfangskomitees - 18./19. Juni 1921 (Kultur & Technik - Zeitschrift des Deutschen Museums München/pdf, darin Lochner: "Das Archiv Hans und Botho von Römer", S.13 - 1/1981 + Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.94 - 1964)
Zum Kyffhäuser-Treffen, an dem auch Exz. v. Hindenburg teilnimmt, wird berichtet:
"Tausende und Abertausende von Menschen waren am 18. und 19. Juni (-1921-) auf dem Kyffhäuser versammelt, um das 25 jährige Jubiläum des Kyffhäuser-Denkmals zu feiern. Es lag der Gedanke nahe, das Volk hier an die deutsche Verkehrsflieferei zu erinnern, die seit dem schmachvollen Ende des Krieges durch das Ultimatum der Entente fast ganz eingestellt werden mußte. Nur wenigen Luftverkehrs-Gesellschaften ist es gelungen, eine geringe Anzahl von Flugzeugen von der Entente frei zu bekommen und einen bescheidenen Luftverkehr zu organisieren. Der Rumpler-Luftverkehr unterhält seit 20. März 1921 den regelmäßigen Luft-Postdienst auf der Strecke Augsburg-München-Fürth-Nürnberg-Leipzig-Berlin und hat an den Tagen des Kyffhäuser-Fluges eine Sonderflug-Linie Leipzig-Frankenhausen eingerichtet. Der erste Flug wurde planmäßig am 18. Juni (-1921-) trotz ungünstiger Witterung, unter der bewährten Führung des Flugzeugführers Spiel, glatt durchgeführt und pünktlich auf dem Rathsfeld bei Frankenhausen gelandet. Am Nachmittag fanden auf dem idyllisch gelegenen Flugplatz zahlreiche Passagier-Rundflüge um das Kyffhäuser-Gebirge statt. Am daran folgenden Tage startete das Rumpler-Verkehrsflugzeug abermals zu Ehrenrunden über das Kyffhäuser-Denkmal und abend 6 Uhr wurde der Rückflug nach Leipzig angetreten. Generalfeldmarschall v. Hindenburg war auf das Rathsfelder Schloß gekommen, um dem Abflug des Rumpler-Doppeldeckers beizuwohnen. Kapitän Zuckschwerdt, der Leiter der Flugveranstaltung, erstattete Bericht über den Zweck des Kyffhäuser-Fluges und Ing. (-Botho-) v. Römer, der Vertreter der Bayerischen Rumpler-Werke, berichtete eingehend über die Tätigkeit des Rumpler-Luftverkehr." (Luftfahrtzeitschrift "Flugsport", Nr.14, S.323/324: "Flüge am Kyffhäuser" v. 6.7.1921)

Flugzeugführer Spiel vor dem Start seiner Ru C I/D 99 zu einem Rundflug um das Kyffhäuser-Denkmal. Vor dem Flugzeug: Ing. Boto v. Römer als Vertreter der Firma Rumpler, Direktor des Frankenhauser Kyffhäuser-Technikums Prof. S. Huppert und Kapitän Zuckerschwerdt, Leiter der Veranstaltung - 19. Juni 1921 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.94 - 1964

Spendenpostkarte nach Werbe-Art der Augsburger Firma Rumpler (Postkarte im Privatbesitz / Krebs, Emil, Frankenhausen)

Pilot mit unbekannte Gästen am Münchener Flugfeld in der Ru C I/D ? - 1921 (Postkarte im Privatbesitz / Atelier H. Fischer, Tattenbachstr. 3, München)

Von Leipzig-Mockau nach München-Oberwiesenfeld: Pilot mit Fluggästen der Leipziger Herbstmesse - 4. September 1921 (Fotografie im Privatbesitz / Atelier H. Fischer, Tattenbachstr. 3, München)

Von Augsburg nach München: Pilot Adolf Doldi mit Fluggästen - 26. September 1921 (Fotografie im Privatbesitz / Atelier H. Fischer, Tattenbachstr.3, München)

Leipziger Messegäste - 1921 (Fotografie im Privatbesitz)
August 1921
All die pressewirksamen Fluggäste können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rumpler-Werke und darüber hinaus auch die deutsche Flugzeugindustrie allgemein noch immer in einer existenziellen Krise stecken. Wichtigstes Hindernis stellt der Versailler Vertrag dar, doch auch die erhoffte Wachstumsdynamik im Frachtverkehr erfüllt die wirtschaftlichen Erwartungen nicht. Selbst im Personentransport fehlt es den vorhandenen Maschinen an massentauglichem Komfort. Selten fliegen die Passagiere ein zweites Mal mit Rumpler-Luftverkehr, zumal die kostengünstigere Bahn als stärkster Konkurrent auch nachts und bei schlechten Witterungsverhältnissen genutzt werden kann. Für den August 1921, unterstützt durch den Leipziger Messeflugverkehr, ergeben sich 232 beförderte Personen.
Firmenchef Edmund Rumpler ahnt im Jahre 1921, dass sein Lebenswerk absehbar in sich zusammensacken wird, sollten nicht relevante Aufträge die Flugzeugindustrie aus der wirtschaftlichen Misere herausziehn. Noch gilt das Bauverbot der Siegermächte, doch im Juni 1921 setzt Edmund Rumpler auf ein gewagtes Unterfangen: Er gründet die Rumpler Ozean-Flug-Gesellschaft m.b.H. mit Sitz in Berlin Johannisthal.
(Luftfahrtzeitschrift "Flugsport", Nr.16, S.368: "Firmennachrichten" v. 20.7.1921)
Gegenstand dieser Unternehmung ist nicht weniger als die Konstruktion von zur Ozeanüberquerung bestimmten Handelsflugzeugen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, denn auch amerikanische Firmen treiben solch einen Distanzflug voran. Rumplers Amerikareise steht in diesem Zusammenhang, doch scheint das Wohlwollen der amerikanischen Politik und Geldgeber begrenzt. Der Durchbruch gelingt ihm hier nicht.
Am 13./14. August 1921 finden hingegen in Leipzig die jährlichen Deutschen Meisterschaften im Schwimmen statt. Mit dabei: Die Titelverteidiger im 100m Brustschwimmen Erna Murray und Erich Rademacher. Der Augsburger Werksdirektor Otto Meyer kann auch diese populären Sportler für ein Werbefoto gewinnen:

Vor der Ru C I/D 107: Erich Rademacher und Erna Murray, Deutsche Meisterschaftstitel im 100 m Brustschwimmen von 1919 bis 1926 in Folge, mit Rumpler-Pilot Adolf Doldi - Leipzig, 1921 (Illustrierte Flug-Woche v. 1921 + gettyimages.de: Bild-Nr. 541790645 + 541783227 / Bayerische Rumpler-Werke)

Deutscher Meister im Brustschwimmen: Erich Rademacher (Wikipedia Commons - Datei: Erich Rademacher 1923cr.jpg / Sennecke, Robert - 1923)
Doch im Laufe der zivilen Aufbau-Entwicklung sind auch dramatische Rückschläge zu verzeichnen. Einer von ihnen ereignet sich kurz vor der Leipziger Schwimm-Meisterschaft:
"Durch schweren Gewitter(-/Wirbel-)sturm wurde das Postflugzeug der Rumplerwerke in Augsburg, das von Leipzig über München nach Augsburg fliegen wollte, (-nach vergeblichen Landeversuch in Schleißheim rund 30 km vor München am 12. August 1921-) um 4 Uhr nachmittags in der Nähe von Freising (-/Erding aus 50 Meter Höhe-) zum Absturz gebracht und dabei zerschmettert. Der Pilot Emmerich-Saabrücken und die (-auf einer Erholungsreise nach Bayern befindlichen-) Passagiere, ein Ehepaar (-Wilhelm Ron/Fabrikant Konrad Bohn-) Roehr-Leipzig(-Konnewitz-), sind tot." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.38, S.8 - "Aus aller Welt" v. 14.8.1921 + sachsen.digital.de: Sächsische Elbzeitung, Nr.189, S.2 - "Absturz eines Rumplerflugzeuges" v. 15.8.1921 + sachsen.digital.de: Adorfer Grenzbote: Nr.192, S.3 - "Absturz eines Reiseflugzeuges" v. 18.8.1921)

Tot aus den Trümmern hervorgezogen: Rumpler-Pilot Emmerich, hier mit unbekannten Fluggästen am Messeflugplatz Leipzig - 1921 (Postkarte im Privatbesitz / W. Birckicht, Leipzig)
September 1921
Privatflüge werden zum familiären Ereignis, doch setzt diese Fortbewegungsart allein schon aufgrund der fehlenden Kabinenabdeckung noch immer eine hohe Belastbarkeit der Flüggäste voraus. Doch auch die Technik ist anfällig. So schreibt Eugen Knab auf der Rückseite seiner Erinnerungs-Fotografie:
"Unterbrechung in Nürnberg wegen Motordefekt."

"Fernflug" von München nach Leipzig: Ru C I/D 107 mit Unterbrechung in Nürnberg - 3. September 1921 (Fotografie im Privatbesitz)
Die Wissenschaftliche Gesellschaft für Luftfahrt (WGL), zu deren Mitgliedern auch Edmund Rumpler, Otto Meyer und Oskar v. Miller gehören, stattet zum Abschluss ihrer in München stattfindenden VII. Ordentlichen Mitgliederversammlung am 7. September 1921 auch den Augsburger Rumpler-Werken einen Besuch ab. Hierzu heißt es:
"Bei dem gemeinschaftlichen Mittagessen im Hotel 'Drei Mohren' nahm der Oberbürgermeister Deutschenbaur Veranlassung, die Gäste in Augsburg, der Wiege der Luftfahrt, zu begrüßen. Prinz Heinrich dankte für die äußerst liebenswürdige Aufnahme. Auch Exzellenz v. Brug und Professor v. Parseval gedachten in einigen Worten der Stadt, wo sie ihre ersten Versuche im Flugzeug und Ballon aufgenommen haben. Der Nachmittag war einem Besuch der Bayerischen Rumplerwerke gewidmet, welche die Teilnehmer zum Kaffee eingeladen hatten. Der Generaldirektor Dr.-Ing. E. Rumpler hatte mehrere Flugzeuge bereitgestellt, auf welchen verschiedene der Teilnehmer ihre erste Luftfahrt antreten konnten. Begünstigt waren diese durch ein wundervolles Wetter." ("Berichte und Abhandlungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt", 6.Heft, Jahrbuch 1921, S.16 - Januar 1922 + "Zeitschrift Luftfahrt", Nr.10, S.172 - 1921)

Hoher Besuch in Augsburg: Besichtigung der Rumpler-Werke durch Vertreter der WGL - 7. September 1921
Von links: Im Pilotensitz der Ru C I sitzt Gustav Basser, als Passagiere Seine Königliche Hoheit Heinrich Prinz v. Preußen und Oberstlt. a.D. und WGL-Schatzmeister Felix Wagenführ. Vor dem Rumpf stehend: MAN-Direktor Geheimrat Dr. Lauster, Dr.-Ing. Edmund Rumpler, Geh. Reg.-Rat Professor Dr.-Ing. Johann Schütte, Hptm. a.D. und WGL-Geschäftsführer Georg Krupp und MAN-Direktor Dr. Hellmann ("Berichte und Abhandlungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt", 6.Heft, Jahrbuch 1921, S.16 - Januar 1922 + Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.341 - 2004 + Meyer/Römer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.99 - 1964)
Im Rahmen der Münchener WGL-Mitgliederversammlung wird der Berliner Freimauerer und Justizrat Dr. Willy Hahn am 6. September 1921 in den 35 Mitglieder zählenden Vorstandsrat gewählt. Dr. Hahn vertritt Gottfried Grandel drei Jahre später am Berliner Landgericht als Strafverteidiger im international beachteten Seeckt-Prozess. Während der Mitgliederversammlung referiert Dr. Hahn zum Thema 'Friedensvertrag, Ultimatum und Luftfahrt".
Hierzu betont Geheimrat Dr. Schütte:
"Ich bin der Überzeugung, daß der Inhalt des Vortrages des Herrn Justizrat Dr. Hahn in so hohem Grade die Lebensfragen der deutschen Luftfahrt berührt, wie sie bisher wohl nie berührt wurden. " ("Berichte und Abhandlungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt", 6.Heft, Jahrbuch 1921, S.70 - Januar 1922)
In seinem Schlusswort vermerkt Justizrat Dr. Hahn:
"Ich möchte betonen: Es werden Sondervorteile weder von der Flugzeug- noch von der Luftschiffindustrie verlangt, sondern lediglich Gerechtigkeit, und zwar deswegen, weil, wie ich vorhin sagte, durch die Auslegung des Friedensvertrages, wie die Entente sie gegeben hat, und durch das Ultimatum, diesen beiden Industrien Schädigungen auferlegt worden sind, die ursprünglich in dem Friedensvertrage nicht vorgesehen waren. Mit Recht verlangen daher diese Industrien, daß das deutsche Volk in seiner Allgemeinheit diese Schäden mittragen hilft. Wir verlangen nicht die Vergütung von entgangenem Gewinn, nicht Sondervorteile, sondern wir verlangen nur für die beiden Industrien, daß sie für die Zukunft bestehen können." ("Berichte und Abhandlungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt", 6.Heft, Jahrbuch 1921, S.71 - Januar 1922)
Zusammenfassend wird über Dr. Hahns Vortrag berichtet:
"Zum erstenmal wurde hier der bisher nirgends veröffentlichte Notenwechsel bekannt gegeben, der zu dem grundlegenden Abkommen vom 19. Januar 1921 zwischen der deutschen Regierung und der Internationalen Luftfahrt-Überwachungskommission über die zivilen Luftfahrzeughallen führte. In demselben wird die Zerstörung der zivilen Hallen bis auf einen geringen Prozentsatz gefordert, während zuerst der Abbruch sämtlicher Hallen verlangt wurde. Dann kam der Redner (-Dr. Hahn-) auf das Bauverbot, Ultimatum und die sich anschließenden Gesetze zu sprechen und zog daraus den Schluß, daß das Abkommen vom 19. Januar 1921, welches niemals veröffentlicht und niemals dem Reichstag vorgelegt worden ist, eine Verletzung des Friedensvertrages bedeutet; denn es werden darin Deutschland weitergehende Verpflichtungen auferlegt, als im Friedensvertrag vorgesehen.(...) Der Vortragende kam zu dem Schluß, daß das Jahr 1921 der Luftfahrzeugindustrie noch immer nicht die gewünschte Klarheit darüber gebracht hat, in welcher Weise sie in Zukunft witerarbeiten kann. Das Bauverbot besteht weiter, und die Begriffsbestimmungen für Zivil- und Militärluftfahrt fehlen." ("Berichte und Abhandlungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt", 6.Heft, Jahrbuch 1921, S.14 - Januar 1922)
8. September 1921
Die Teilnehmer der VII. Ordentlichen Mitgliederversammlung der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt vor der technischen Hochschule in München:

("Berichte und Abhandlungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt", 6.Heft, Jahrbuch 1921, S.13 - Januar 1922)
Startklar zum Abflug:

Pilot Adolf Doldi mit unbekannten Gästen am Augsburger Flugfeld in der Ru C I/D 99 auf dem Weg nach München - 26. September 1921 (Postkarte im Privatbesitz / Atelier H. Fischer, Tattenbachstr. 3, München)

International: C IV-Pilot Willy Donner mit seinen indischen Fluggästen auf dem Weg von Berlin-Johannisthal zur Leipziger Messe - 1921 (Nowarra: "60 Jahre Deutsche Verkehrsflughäfen", S.20 - 1969 + Nowarra: "Rumpler Luftverkehr - Ein Rückblick" in Flugwelt, Nr.1, S.33 v. Januar 1968/Deutsches Museum: LR-03051/3)
Die Flugzeugentwicklung ist unabhängig der Restriktionen des Versailler Vertrages mit Optimismus besetzt. Auch das bayerische Rumplerwerk kann sich trotz der Einschränkungen der Siegermächte bis zur Hyperinflation im Krisenjahr 1923 mit seinem Dienstleistungsangebot am Markt behaupten. Erst am 5. Februar 1922 heben die Alliierten das Fertigungsverbot für deutsche Flugzeuge wieder auf.

Rumpler Luftverkehr mit der Ru C I/D 135 über Augsburg - 1921 (Deininger: "Augsburg - Porträt einer Fliegerstadt", S.14 - 1995 + Braatz: "Robert von Greim, Band I", S.263 - 2016 + Nowarra: "60 Jahre deutsche Verkehrsflughäfen", S.28 - 1969)
4.-14. März 1922: Leipziger Frühjahrsmesse
19. März 1922: Unternehmen Zugspitze
Werbewirksam wird im Jahre 1922 durch Fliegerhauptmann Franz Hailer die Landung eines Rumpler-Doppeldeckers C I/D 98 kurz unterhalb der Zugspitze realisiert.

Rumpler mit Kufen: Flugzeugpionier Franz Hailer vor dem Start in Richtung Zugspitze - 19. März 1922 (Pletschacher: "Die Königlich Baerischen Fliegertruppen", S.161 - 1992)

Garmisch mit Alpspitze (2628m), Waxenstein (2279m) und Zugspitze (2964m) - 1922 (Postkarte im Privatbesitz / A. Adam jun., Garmisch/Partenkirchen)
Die Wetterbedingungen sind beim Landeanflug auf Deutschlands höchste Erhebung unvorteilhaft.

Zugspitze im Schnee: Riskantes Landemanöver auf 2600 Metern Höhe -1922 (Otto Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.103 - 1965)
In einer Höhenlage von 2600 Metern erhält der Propeller bei der Landung im tiefen Schnee eine Beschädigung, der Rückflug ist somit ausgeschlossen:
"Nach anfänglich gutem Vorankommen macht der starke Nordwestwind Hailer und seinen Begleitern zu schaffen. Nur langsam kommen sie voran. Immer wieder treibt sie der Wind ab, die Berge sind fast vollständig in Wolken gehüllt. Franz Hailer glaubt schon nicht mehr an einen Erfolg, als sich auf einmal eine kaum mehr für möglich gehaltene Gelegenheit bietet: 'Da riss der Wind die Wolken aus der Scharte zwischen Hochblassen und der äußersten Höllentalspitze und mit raschen Entschluss drückte ich die Maschine in tosender Fahrt durch ein Loch hinunter ins Reintal.' Durch schwere Fallböen verliert Hailer über 200 Meter Höhe. Schließlich gelingt es ihm, auf dem Schneeferner Gletscher aufzusetzen. Nach 50 Metern kommt die Maschine zum Stehen. An einem Punkt, der 2600 Meter hoch gelegen ist. Das Undenkbare gelingt." (ovb-onlie.de: "Riskantes Flugmanöver" v. 29.5.2018)

Zu schmale Kufen für den tiefen Neuschnee: Rumpler C I/D 98 - 19. März 1922 (Fotograf Willi Ruge: "Die Woche - Bilder vom Tage", Nr.13, S.293 - 31.3.1922 / Fotoaktuell + gettyimages.de: Bild-Nr. 543898177 + Berliner Illustrierte Zeitung, Nr.14 - 1922)

Propellerschaden nach der Landung: Rumpler C I/D 98 unterhalb der Zugspitze - 19. März 1922 ("Die Woche - Bilder vom Tage", Nr.13, S.293 - 31.3.1922 + gettyimages.de: Bild-Nr. 543898177)

Gestrandet im weichen Schnee: Filmoperateur Willi Ruge, Fliegerhauptmann Franz Hailer und Ingenieur, Journalist und Filmproduzent Theo Rockenfeller - 19. März 1922 (Fotografie im Privatbesitz + pilote-de-montagne.com: Franz Hailer + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: FS-NL-HAI-12-001)

Flugerlebnis mit Komfort: Rumpler C I/D 290 + D 103 der Bauart 5A 2 mit Kabinenaufsatz - 1921 (Plakatentwurf: Botho v. Römer, abgebildet in augsburger-allgemeine.de: "Seit 100 Jahren Luftverkehr in Augsburg" v. 13.3.2019 + Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.344 - 2004 + sueddeutsche.de: "Tollkühne Münchner in ihren fliegenden Kisten" v. 6.6.2019 + Jahnke: "Flughafen München", S.31 - 2022 + Kultur & Technik - Zeitschrift des Deutschen Museums München/pdf, darin Lochner: "Das Archiv Hans und Botho von Römer", S.15 - 1/1981)
Die von den Rumplerwerken im Jahr 1920 entwickelte Luft-Limousine erreicht für ihre Alpen-Rundflüge eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 150 km/Std. Der Betriebststoff reicht hierbei für rund 5 Stunden Flugdauer, das entspricht einer Strecke von 750 km. Zu dieser modifizierten Ausführung heißt es im Mai 1920:
"Im Rumpler-Luftverkehr sollen allmählich die z. Zt. tätigen offenen Flugzeuge zum Teil durch Limousinen abgelöst werden, bei deren Bau die Flugerfahrungen der im vorigen Heft besprochenen ersten Maschine verwendet werden sollen. Auch sind größere Kabinenflugzeuge, die mehr Personen fassen können, geplant. Die erste Limousine wird gegenwärtig bei den Rundflügen verwendet, die von Augsburg und München aus in die Bayerischen Alpen führen; jedoch soll die Bauart auch demnächst auf der Strecke Berlin-Augsburg-München in Betrieb treten." (Zeitschrift Der Luftweg, Nr.18/19, IV. Jahrgang, S.13 v. 20.5.1920)

Mit Rumpler-Luftverkehr der Zugspitze entgegen: Passagierflug in geschlossener Limousinen-Kabine der Ru C I/D 290 - 1920 (Postkarte im Privatbesitz / Bildgemeinschaft der Episkopfreunde, Stuttgart + Grosz: "Rumpler C.I Windsock Datafile 79", S.26 - 28.1.2000 + technische-literatur.de: "Luftverkehr und Luftfahrtgeschichte" + Luftfahrtzeitschrift "Flugsport", Nr.12, S.254 - 9.6.1920)
1. Juni 1922
Ein Rumpler-Flug ohne Bild:
"Der Rumpler-Luftverkehr beförderte am 1.6. d. Js. Ministerial-Direktor Bredow, Chef des Reichsamtes für Luft- und Kraftfahrwesen, und Ministerialrat Thilo, Referent für Luftverkehrsangelegenheiten im Reichspostministerium, von Berlin nach München, wo die Herren noch am selben Tag sein mußten, um an einer Reihe wichtiger grundlegender Besprechungen über die Luftverkehrsverbindungen vom Süden nach dem Norden und Osten Deutschlands teilzunehmen." (Ursinus: Flugsport, Nr.12, S.200 - 1922)
Firmeninhaber Edmund Rumpler gerät durch die Hyperinflation von 1923 in wirtschaftliche Schieflage. Schon im Juni 1920 heißt es in einer Flugzeitschrift warnend zu der perspektivischen Ausrichtung der zivilen Flugzeugfertigung:
"Eine Industrie kann nur bestehen, wenn sie Aufträge in größerem Umfange erhält. Militärlieferungen fallen (-aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrages-) aus. Der Bedarf an Verkehrsflugzeugen ist bescheiden; er kann von einer Firma gedeckt werden. Ein Massenabsatz von Flugzeugen ist nur möglich, wo Abnehmer in Massen sind. Ein solcher Abnehmerkreis begeisterter Interessenten, die ein billiges Kleinflugzeug haben möchten, steht uns jetzt nach dem Kriege in außerordentlich großem Umfange zur Verfügung. Es gilt jetzt, den Moment auszunutzen, bevor dieser Interessenkreis zusammenschrumpft. Eine solche Gelegenheit wird nie wiederkehren." (technische-literatur.de: "Luftverkehr und Luftfahrtgeschichte" + Luftfahrtzeitschrift "Flugsport", Nr.12, S.1 - 9.6.1920)
Durch die wirtschaftliche Gesamtsituation bedingt schrumpft dieser vermutete "Abnehmerkreis begeisterter Interessenten" erheblich, sodass sich Edmund Rumpler 1923 schweren Herzens von der zivilen Flugzeugbausparte trennen muss. Die kurz zuvor eintretende Bauerlaubnis deutscher Flugzeuge kommt für seine zivile Flugzeugproduktion zu spät, die Linienflieger seines Flugdienstes sind mittlerweile veraltet.

Eine der letzten Messe-Flüge des Rumpler-Luftverkehrs - Leipzig, 7. August 1923 (Postkarte im Privatbesitz)
Der Augsburger Werksleiter Otto Meyer wechselt aufgrund fehlender Perspektiven 1925 als technischer Leiter zur MAN, um im Folgejahr in den dortigen Vorstand berufen zu werden.
1926
Am 30. Juli 1926 wird das stillgelegte Augsburger Rumpler-Werk, zusammen mit den seit Herbst 1921 existierenden Udet-Flugzeugbau an die sich in München gegründeten Bayerischen Flugzeugwerke verkauft. Der veraltete Flottenbestand des Flugdienstes gerät an diverse Abnehmer, u.a. findet das Hamburger Vermessungsamt Gefallen an den in die Jahre gekommenen Weltkriegsfliegern:
"Wie schon (...) erwähnt, flog das Hamburger Vermessungsamt seit 1921 mit seinen Flugzeugen über das Stadt- und Landgebiet, um Senkrecht- und Schrägaufnahmen für die Kartenfortführung und die Stadtplanung zu erhalten.(...) Eines der ersten Flugzeuge des Vermessungsamtes in Hamburg: Eine Rumpler CI, geflogen bis 9. Januar 1931." ("Hamburg in Luftaufnahmen", S.7 - 2011)

Als Aufklärer, Bomber und Schulungsflugzeug konzipiert: Die Rumpler C I von 1915 in Hamburg - 1927 ("Hamburg in Luftaufnahmen", S.7 - 2011 + Fotografie im Privatbesitz)
Während der Zeit des Nationalsozialismus spielt die außergwöhnliche Ingenieursbegabung Edmund Rumplers jedoch keine Rolle mehr: Er ist gebürtiger Jude aus Wien.
"Unter Gründung verschiedener Firmen beschäftigte sich R.(-umpler-), auch über den Verkauf seiner Produktionsstätten (1926) hinaus, unermüdlich mit Entwicklung, Bau und Vertrieb zahlreicher Konstruktionen, u. a. einer Absorptionskältemaschine, eines Riesen-Verkehrsflugboots und einiger Stromlinien-Lkw mit Vorderradantrieb. In der NS-Zeit musste er wegen seiner jüdischen Herkunft die Arbeit weitgehend einstellen, obwohl er bis zuletzt (-1940-) ein kleines Konstruktionsbüro in Berlin-Charlottenburg unterhielt." (frankfurter-personenlexikon.de: "Rumpler, Edmund")

Weitgehende Einstellung der Ingenieursarbeit wegen jüdischer Abstammung: Ingenieur Dr. Edmund Rumpler - 1928 (Fotografie im Privatbesitz + gettyimages.de/Hulton Archiv, Bild-Nr.143112081 + //austria-forum.org: Bild 00621739)

Konstrukteur Edmund Rumpler - April 1932 (Deutsches Museum: Akt 00148-01 - Persönlichkeiten/Männer, Rum-Rze / Bildstelle Nr.13829)
1940 - Berlin
Über den weiteren Lebensweg und die damit verbundenen Verfolgfungsmaßnahmen durch die ab 1933 regierenden Nationalsozialisten berichtet Edmund Rumplers Sohn Hans C. Rumpler:
"Um das Bild der Lebensverhaeltnisse meiner Eltern noch abzurunden, sollte erwaehnt werden, dass beide Eltern bei Luftangriffen im Hof des (-Berliner-) Hauses unter freiem Himmel standen, da Juden das Betreten eines Luftschutzkellers untersagt war. Muendlich wurde mir jedoch berichtet, dass die Mitbewohner meine Eltern gewoehnlich reinholten." (Deutsches Museum: Akt 00148-01 - Persönlichkeiten/Männer, Rum-Rze - Hans Rumpler an Herrn Strassel v. 14.11.1990)

Nach der kurzen Ära Rumpler: Neue Serienproduktion von Doppeldeckern in Augsburg - 1926 (Foto aus: Bildarchiv Franz Häußler + augsburger-allgemeine.de: "Als Augsburg ein Flugmuseum hatte, war eine Passagiermaschine ein Café" v. 5.3.2022)

Am 13. Juni 1934 in Augsburg erstmals geflogen: Das viersitzige Reiseflugzeug 'Taifun' (Messerschmitt Bf-108 D-I IMTT / Postkarte im Privatbesitz)
https://www.youtube.com/watch?v=MeYR2mZvJ0M
Auch der Segelflug spielt in Augsburg während der Weimarer Republik eine Rolle. Hierzu wird vermerkt:
"Begonnen hat die Geschichte des Segelfluges in Augsburg mit der Angliederung der Abteilung Segelflug zum 'Augsburger Verein für Luftschifffahrt' am 3. Oktober 1920. Damals war der Segelflug aus der Not geboren, denn der Motorflug wurde von den Siegermächten verboten. In den 30iger Jahren wurden am Kobelhang per Gummiseil die ersten Startversuche unternommen." (segelflugzentrum.wordpress.com: "Geschichte")

"Am Kobelhang per Gummiseil": Segelflug in Augsburg - 1932 (Fotografie im Privatbesitz)
Weiter heißt es zu dem lautlosen Segelvergnügen Anfang der 30er Jahre:
"Wir haben unsere ersten Versuche mit Gleitern beim Hangsegeln am Kolbenhang gemacht, meist im Herbst und im Winter. Gestartet wurde mit dem Gummiseil, die Maschinen waren in einer Garage der Kobelwirtschaft abgestellt." (Archivar/Segelflieger Willy Radinger in Deininger: "Augsburg - Porträt einer Fliegerstadt", S.129 - 1995)

Mit Flugsteuerung: Segelflugzeug des Bayerischen Aero-Clubs. Konstruktion Ernst v. Loeßl/Albert Finsterwalder - 1921 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.64 - 1964)
20. August 1919
Die militärisch ehemals erfolgreichen Jagdflieger Ernst Udet und Robert Ritter v. Greim müssen sich nach Beendigung des Weltkrieges und der damit von den Siegermächten verordneten Abschaffung der deutschen Luftwaffe beruflich neu orientieren; sie halten sich finanziell mit Kunstflügen über Wasser. Zu einem solchen Schaufliegen vermerkt der Tegernseer Anzeiger am 20. August 1919:
"Die ursprünglich auf Samstag, den 16. ds. angesetzten Schauflüge unserer berühmten Kampfflieger Udet und Greim finden nunmehr bestimmt am Mittwoch, den 20. August, statt. Die beiden Piloten starten mit ihren im Felde geflogenen Maschinen und treffen gemeinsam über dem Tegernsee ein. Zu der Strecke München-Tegernsee benötigen sie mit ihren Kampfmaschinen ca. 20 Minuten. Hier über dem See werden die beiden Luftkämpfer ein getreuliches Bild all der Bewegungen in der Luft geben, die draußen an der Front in ungezählten Luftkämpfen ihnen immer wieder den Sieg brachten. Kühne Sturzflüge, Loopings, seitliches Abrutschen über den Flügel, Rückenflüge und manch andere atemberaubende Momente werden im friedlichen Turnier die Meisterschaft unserer Lufthelden bekunden. Unsere beiden Pour-le-mérite-Flieger Udet und Greim, die zusammen 90 feindliche Flugzeuge abschossen, haben in dankenswerter Weise sich in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt. Für die Ärmsten der Armen, die immer noch unter dem Joch barbarischer Verblendung schmachten, die abgezehrt und abgehärmt des Augenblickes der Befreiung aus menschenunwürdiger, jeglicher Kultur hohnsprechender Gefangenschaft harren, für diese Ärmsten setzen sie ihr meisterhaftes Können ein. Sowie sie am Feind für Deutsch- lands Größe fochten, so wollen sie im Kampfe gegen den inneren Feind mithelfen zum Wiederaufbau unseres armen Vaterlandes. Denn nichts anderes soll erreicht werden, als Mittel zu gewinnen, um unsere entkräfteten und seelisch zerrütteten gefangenen Brüder würdig in der Heimat empfangen zu können, um sie vor Not und Elend und damit deren Spießgesellen, dem Bolschewismus, zu bewahren. Wir, die wir gesund und im Vollgenuß der herrlichen Berge uns der Freiheit erfreuen, wir sollen und müssen nach Kräften beisteuern, um unseren schmachtenden Brüdern zu helfen. Darum gebe jeder nach Kräften und zeichne in die Liste, die in jedem Hause ausgelegt wird." (v. Ishoven: "Udet: Biogr", S.102/103 - 1977)
5. Oktober 1919 - Erster deutscher Flugtag in Augsburg

(Digitalisiert auf //digital.bib-bvb.de: Augsburger Rundschau, Nr.52, S.560 - Rumpler-Werbung v. 27.9.1919)
Am 5. Oktober 1919, einem Sonntag, findet ein öffentlicher Volksflugtag auf dem Augsburger Rollfeld statt; der Andrang ist groß:
"Udet, der bis dahin ohne Zivilpilotenschein geflogen war, erhielt am 25. September 1919 den Flugschein Nr. 172. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits Angestellter der Bayerischen Rumpler Werke AG in Augsburg. Der Leiter dieser Firma, Dipl.-Ing. Otto Meyer, war eine dynamische Unternehmerpersönlichkeit. Bereits am 13. März 1919 hatte er mit einer Rumpler Ru C IV (-D 72-) den Flugverkehr von Berlin nach Augsburg über Gotha aufgenommen. Am 24. Juni 1919 begann er mit regelmäßigen Rundflügen über den bayrischen Seen. Der 'Rumpler Luftverkehr' machte sich bald einen Namen, es gab sogar einen Rumpler-Foxtrott, den das bekannte Tanzpaar Erry und Merry popularisierte. Die Beschäftigung eines so berühmten Piloten wie Ernst Udet, zunächst als Schau- und später als Verkehrsflieger, war natürlich eine besonders gute Werbung für das Unternehmen."(v. Ishoven: "Udet: Biogr. - Die ersten Schauflüge", S.103/104 - 1977)

Bis zu 200 km/Stunde: Firmenchef Dr.-Ing. Edmund Rumpler (r) im Gespräch mit Kunstflieger Ernst Udet auf dem Augsburger Flugfeld vor dem letzten deutschen Jagdeinsitzer des ersten Weltkrieges (Ru D I/8DI - 1589/18, ab 1919 mit der Kennung D 289) - 1919 (Meyer/Römer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.29 - 1964 + Nowarra: "Rumpler Luftverkehr - Ein Rückblick" in Flugwelt, Nr.1, S.34 v. Januar 1968/Deutsches Museum: LR-03051/3)

Mit einer erreichbaren Gipfelhöhe von 8100 Metern und zentralem Zusatztank: Die nach Kriegsende als Kurier- und Kunstflugzeug zugelassene Ru D 1/D 109 - 1918 (Austria München: "Taschenbuch der Luftfahrt", Bild-Nr.1 + Meyer/Römer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs". S.29 - 1964)

Aufwändig in der Fertigung: Pilot Ernst Udet mit Firmenchef Edmund Rumpler vor der Ru D 1 - 1589/18 (später D 289) auf dem Augsburger Flugfeld - Juni 1919 (Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.325 - 2004 + mediastorehouse.com: "Rumpler D I German fighter biplane" + Grosz: "Windsock Mini Datafile 14, Rumpler D.I", S.11 - 1998 + Deininger: "Augsburg - Porträt einer Fliegerstadt", S.13 - 1995 + //flyingmachines.ru: "J.Herris - Rumpler Aircraft of WWI /Centennial Perspective/ (11)")
"In diesem Sinne veranstaltete (-Werkdirektor Otto-) Meyer in Augsburg ein 'Rumpler-Schaufliegen Udet-Greim', für das Professor Ludwig Hohlwein ein Plakat entworfen hatte." (v. Ishoven: "Udet: Biogr. - Die ersten Schauflüge", S.103/104 - 1977)

Ertrag zugunsten der Kriegsgefangenen-Fürsorge: Werbeplakat für den Augsburger Flugtag, entworfen von Professor Ludwig Hohlbein - 1919 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.26 - 1964 + Pletschacher: "Die Königlich Bayerischen Fliegertruppen 1912-1919", S.155 - 1992 + mkg-hamburg.de: Rumpler Schaufliegen + gettyimages.de: Bild-Nr. 1449444778 + Kultur & Technik - Zeitschrift des Deutschen Museums München/pdf, darin Lochner: "Das Archiv Hans und Botho von Römer", S.11 - 1/1981)

Vor dem Schauflug: Ernst Udet (23) und Robert v. Greim (27) - 1919 (Deutsches Museum: Akt 00067-01 - Persönlichkeiten/Männer, Gra-Gri + Braatz: "Robert von Greim, Band I", S.257 - 2016)
Die Vorbereitungen für das Augsburger Großereignis laufen auf Hochtouren. Das Angebot ist breit gefächert.

Parade aus ehemaligen Luftwaffenbeständen: Rumpler-Werke in Augsburg - 1919 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.18 - 1964 + Nowarra: "60 Jahre deutsche Verkehrsflughäfen", S.28 - 1969)
Bereitgestellt werden am Flugfeld an der Haunstetterstraße verschiedene Doppel- und Eindecker aus dem Werksbestand.

In der Augsburger Wartungshalle: Ru C I/D 102, Ru D I - 1589/18, Ru C I/D 108 und eine weitere C I des Rumpler-Luftverkehrs (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.59 - 1964 + Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.342 - 2004 + Nowarra: "60 Jahre deutsche Verkehrsflughäfen", S.29 - 1969)
Das geplante Schaufliegen in Augsburg erweist sich als Puplikumsmagnet. Rund zwölftausend Besucher strömen am 5. Oktober 1919 auf das Flugfeld der Augsburger Rumpler-Werke, die Vorfreude ist groß.

In hoher Erwartung: Zuschauer am Flugfeldrand - 1919 (Fotografie im Privatbesitz)

Augsburger Flugfeld am Mittag: Firmenchef Edmund Rumpler (l) und Kunstflieger Érnst Udet vor dem roten Weltkriegs-Jagdflieger Ru D I/D 289, während Direktor Otto Meyer die Leuchtpistole mit Startflagge bereithält - 5. Oktober 1919 (Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.337 - 2004)

Letzte Rücksprache vor dem Start zum Fallschirmabsprung: Der ehemalige Militärflieger Ernst Udet, Werksdirektor Otto Meyer (mit Startflagge), Fluglehrer Vizefeldwebel Steiner aus Nürnberg und Pilot und Fallschirmspringer Toni Ficklscherer vor der Ru C I/D 136. Auf dem Rumpf sitzend Obermonteur Josef Häfele und Mechaniker Taumann - 5. Oktober 1919 ((Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.31 - 1964 + Bildarchiv Franz Häußler: "Augsburg-Album", S.130 - 1990 + Häußler: "Luftfahrtstadt Ausgburg: Von den Flugpionieren zur Weltraumrakete", S.48 - 2010 + Augsburger Allgemeine: "100 Jahre Flugzeugbau in Augsburg" v. 14.7.2016 + "On the wings of time/Sur les Ailes du Temps - Une Chronologie d'EADS", S.95 - 2003/2006)
Weiter heißt es zu dem Verlauf des Augsburger Flugtages:
"Das Programm war zunächst das übliche, nur die Maschinen waren zum Teil neu. Udet startete pünktlich um 15 Uhr auf einer Rumpler D I, die leuchtend rot gestrichen war und das Kennzeichen D-289 hatte. Eine weiße Leuchtkugel ging hoch, die Musikkapelle des Augsburger Infanterieregiments spielte, und Otto Meyer selbst senkte die Startflagge." (v. Ishoven: "Udet: Biogr. - Die ersten Schauflüge", S.103/104 - 1977)

(Ansichtskartenmotiv / Gebr. Fretz A.G., Zürich - 1922)
Der von Ernst Udet in Augsburg geflogene rote D 1-Jäger hatte während des Krieges Qualitäten, durch die deutsche Luftwaffe als Höhenjäger in großer Stückzahl zum Einsatz zu kommen. Das Kriegsende beendete diese Entwicklung.

Startklar zum Kunstflug in Augsburg: Ernst Udet in dem Einsitzer Ru D I/D 289 - 1919 (flyingmachines.ru: "J. Herris - Rumpler Aircraft of WW I" + "Windsock Mini Datafile 14, Rumpler D.I", S.11 - 1998 + Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.32 - 1964 + Nowarra: "Rumpler Luftverkehr - Ein Rückblick" in Flugwelt, Nr.1, S.35 v. Januar 1968/Deutsches Museum: LR-03051/3)

Flugtag mit Begleitung: Musikkorps des Infanterieregiments beim Essenfassen (BArch: Bild 136-B1069 / Tellgmann, Oscar - 1925)

Abflugbereit zum Kunstflug: Pilot Ernst Udet mit Werksdirektor Otto Meyer (m) - 5. Oktober 1919 (Meyer/Römer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.30 - 1964)
Auch der Augsburger Werksdirektor Otto Meyer berichtet von den spektakulären Vorführungen:
"Als erster startet Ernst Udet. Nach überraschend kurzem Anlauf zieht er den kleinen roten Doppeldecker sofort steil auf große Höhe, setzt dort zum sogenannten Immelmann-Turn an, jener plötzlichen Kehrtwendung zur Änderung der Flugrichtung, wie sie der deutsche Jagdflieger Immelmann im Luftkampf einführte." (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.28 - 1964 + Pletschacher: "Die Königlich Bayerischen Fliegertruppen 1912-1919", S.154 - 1992)

Kunstflieger an den Grenzen der Physik: Ehemaliger Kampfpilot Ernst Udet beim Steilaufstieg - 1925 (Süddeutsche Woche, Beilage der Augsburger Postzeitung, Nr.39 v. 1925 - Internat. Flugwettbewerb München / Kester)
"Dann macht Udet ein paar Rollings, wobei er das Flugzeug, ohne an Höhe zu verlieren, mehrmals elegant um die Längsachse dreht. Schließlich geht er mit donnerndem Motor in den Sturzflug über und schlägt den ersten Looping. Nach mehrfacher Wiederholung dieser klassischen Kreisflugfigur stellt er den Motor ab, gleitet im Sideslip mitten auf das Fluggelände zu, um die nun seitlich über den Tragflügel mit pfeifenden Spanndrähten abrutschende Maschine dicht über dem Boden geradezurichten und nach kurzem Ausschweben zu landen." (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.28 - 1964 + Pletschacher: "Die Königlich Bayerischen Fliegertruppen 1912-1919", S.154 - 1992)
Die Kunst des Fliegens - 1927: digitaler-lesesaal.bundesarchiv.de/video/1527/685325
Weiter heißt es in den Schilderungen über den ersten Volksflugtag nach dem Kriege:
"Es folgte das übliche Kunstflugprogramm, und nachdem (-Ernst-) Udet mit seinem Doppeldecker, der einen 180-PS-Motor (-160 PS?-) hatte, gelandet war, startete (-Robert Ritter v.-) Greim." (Ishoven: "Udet: Biogr. - Die ersten Schauflüge", S.104 - 1977)

Robert Ritter v. Greim vor der Rumpler D 1 mit der Kennung D 288 während des Augsburger Flugtages - 5. Oktober 1919 (Deutsches Museum / Archiv v. Römer: Akt 00067-01 - Persönlichkeiten/Männer, Gra-Gri + Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.338 - 2004)
Der Kunstflieger Robert v. Greim verwendet die schon im Weltkrieg für ihn typische Rumpf-Kennzeichnung: Zwei rote Banderolen.
"Während die Zuschauer in unerhörter Begeisterung Beifall spenden, ist auch schon Ritter von Greim in der Luft, dessen Kunstflugprogramm ebenfalls zu stürmischen Ovationen Anlaß gibt. Es ist schwer zu sagen, wer von den beiden der bessere ist. Ihre einfallsreichen tollen Kapriolen, die schon an Akrobatik grenzen, verraten indessen, daß die Piloten wie verwachsen mit ihren wendigen Maschinen sind und diese in allen Fluglagen voll beherrschen." (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.28 - 1964)

Fertig zum Kunstflug: Oberleutnant Robert Ritter v. Greim mit seiner D 288, deren silberner Rumpf mit zwei roten Streifen ergänzt wurde - 5. Oktober 1919 (//flyingmachines.ru: "J. Herris - Rumpler Aicraft of WW I" + "Windsock Mini Datafile 14", Rumpler D.I, S.11 - 1998)
"Die beiden Piloten flogen an diesem Tag drei Maschinen: eine Fokker D VII, eine Pfalz D XV und die Rumpler D I (-D 288/D 289-)." (Ishoven: "Udet: Biogr. - Die ersten Schauflüge", S.104 - 1977)

Schauflug statt Bomben: Militär- und Kunstflieger Robert Ritter von Greim, unterstütz auf dem Reifen der Fokker VII von Ernst Udet - 1919 (Pletschacher: "Die Königlich Baerischen Fliegertruppen", S.153 - 1992)

Zwei rote Rumpfbanderolen als persönliches Erkennungszeichen: Robert v. Greim mit der Fokker D VIII (Braatz: "Robert von Greim, Band I", S.260 - 2016)
"Zwischen den einzelnen Flugvorführungen konnten die Zuschauer Rundflüge in Rumpler-Flugzeugen machen." (Ishoven: "Udet: Biogr. - Die ersten Schauflüge", S.104 - 1977)
Auch Direktor Meyer erinnert sich:
"Inzwischen haben die rundflüge des Rumpler-Luftverkehrs eingesetzt, die nun während der Pausen des Kunstflugprogramms fortlaufend durchgeführt werden." (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.28 - 1964)

Mit laufendem Motor fertig zum Rundflug: Werkdirektor Otto Meyer (r) beobachtet den Einstieg in die Rumpler C I/D 138 - 5. Oktober 1919 (Meyer/Römer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.30 - 1964)

Erinnerungsfoto mit Reporter: Die Piloten Robert v. Greim (m) und Ernst Udet mit der Fokker D VII. Rechts im Hintergrund: Hptm. Franz Hailer (Braatz: "Robert von Greim, Band I", S.258 - 2016)

Zwei rote Rumpfbanderolen als persönliches Kennzeichen: Robert v. Greim im Cockpit der Fokker D VII, im Vordergrund Hptm. Franz Hailer mit Reporter (Braatz: "Robert von Greim, Band I", S.258 - 2016)

Mit Wintermänteln ausgestattet: Rundflugangebot mit der Ru C I/D 294 und Kunstflieger Ernst Udet, zusammen mit Ehefrau und Stella Meyer, der Gattin des Augsburger Werkdirektors - 1919 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.35 - 1964 + augsburger-allgemeine.de: "Höhen und Tiefen des Flugzeugbaus in Augsburg" v. 8.7.2020 + Häußler: "Luftfahrtstadt Ausgburg: Von den Flugpionieren zur Weltraumrakete", S.49 - 2010 + Deutsches Museum: Rumpler-Schaufliegen, Ordner 03092)
"Den Höhepunkt bildete wie immer der 'Luftkampf', der diesmal damit endete, daß Udet, so wie einst oft im Felde, eine Meldekapsel mit einem langen schwarz-weiß-roten Signalwimpel abwarf. Zum Abschluß der Vorführungen sprang der zweiundzwanzigjährige Toni Fickelscherer aus der Rumpler C I mit dem Kennzeichen D-136 mit dem Fallschirm ab." (Ishoven: "Udet: Biogr. - Die ersten Schauflüge", S.104 - 1977)

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Den Heinecke-Fallschirm zwischen Gesäß und Füßen: Ausstieg mit Hechtsprung - 1921 (Archiv Schroeder & Co, Berlin in Meyer: "Von Wright bis Junkers", Bild 111 - 1928)

Fallschirmsprung vom Doppeldecker: Gefährliche Beinstellung vor dem Erdkontakt (Süddeutsche Woche, Beilage der Augsburger Postzeitung, Nr.39 v. 1925 - Internat. Flugwettbewerb München / Kester)

Sinkgeschwindigkeit von 5 Metern/Sekunde: Heinecke-Fallschirm nach der Landung - 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
"Als alles vorüber war, marschierten die zweitausend Stadtwehrmänner, die den Ordnerdienst versehen hatten, unter Vorantritt der Musikkapelle durch ein dichtes Spalier vom Flugplatz in die Stadt, wo ihr Kommandeur, umgeben von den Honoratioren, vor dem Hotel Kaiserhof unter den Klängen des Bayerischen Präsentiermarsches den Vorbeimarsch abnahm." (Ishoven: "Udet: Biogr. - Die ersten Schauflüge", S.104 - 1977)
Auch die Augsburger Familie Grandel nimmt an dem spektakulären Freizeitangebot teil: "Unsere Pilotin" ist auf der Rückseite des Veranstaltungsfotos vermerkt.
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Nichts für schwache Nerven: Volksflugtag bei den Augsburger Rumpler-Werken - 5. Oktober 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
Doch mit dem Volksfest am Flugfeldrand steht im Zusammenhang auch eine Tragödie:
"Der Tag endete aber tragisch. Ficklscherer, selbst ein begabter Flieger, war auf dem Flugplatz zurückgeblieben, um Udets Rumpler-Maschine (-D 289-) auszuprobieren. Gegen 18 Uhr startete er und wollte den letzten Zuschauern, die sich entfernten, zeigen, daß auch er ein Kunstflugprogramm beherrschte. Der erste Looping gelang ihm perfekt, den zweiten setzte er zu tief an. Die Maschine raste in einen Schuppen, der Benzintank explodierte, und Ficklscherer wurde auf der Stelle getötet." (Ishoven: "Udet: Biogr. - Die ersten Schauflüge", S.104 - 1977)

Den zweiten Looping zu tief angesetzt: Der aus Neumarkt/Oberpfalz stammende Pilot und Falschirmspringer Toni Fickelscherer vor der Ru C I/D 136 - 5. Oktober 1919 (Postkarte im Privatbesitz)
Die Augsburger Presse berichtet am 6. Oktober 1919 über den jungen Kampfflieger des Weltkrieges:
"Der ungefähr 22jährige, unverheiratete Flugzeugführer Fickelscherer, der seinen Fallschirmsprung tadelos gemacht und (...) mit glückstrahlendem Gesicht zum Flugfeld zurückkehrte, wollte dem anwesenden Publikum offenbar noch seine Kunst zeigen. Er bestieg die rote Maschine (-D 289-) des Kampffliegers Udet und tummelte sich bald darauf in den Lüften. Als Fickelscherer eben über dem Pulvermagazin schwebte und in zu geringer Höhe zum zweiten Male Looping machte, fing sich die Maschine nicht mehr; sie rutschte seitlich gleitend ab und fiel aus etwa 60 Metern Höhe in einen Holzschuppen des Pulvermagazins, in dem sich Kisten mit leeren Infanteriegeschoßhülsen befanden. Der Bezintank explodierte und setzte den ganzen Schuppen von etwa 10 Meter Länge in Brand. (...) Bis Soldaten zur Glut vordrangen, war Fickelscherer längst nicht mehr am Leben. Man fand den nackten, schwarzen und rauchenden Leichnam auf dem Bauche liegend mit noch brennender Lederkappe neben dem Flugzeug, einen Fuß in einem der Räder des Fahrgestells eingeklemmt. Unterarme und Füße waren zerquetscht, und aus einer großen Kopfwunde hingen die Überreste des Gehirns (...)."(Eingeklebter Tageszeitungs-Ausschnitt in Robert v. Greims "Flugbuch III", S.160, zitiert in Braatz: "Robert von Greim, Band I", S:262/264 - 2016)
In einer weiteren Berichterstattung wird über das Unglück vermerkt:
"Kurz vor Schluß der Veranstaltung, die von tausenden von Menschen besucht war, ereignete sich leider noch ein tödlicher Unglücksfall. Flugzeugführer Ficklscherer erbat sich die Genehmigung zu Sturzflügen auf der Maschine von Udet. Dabei stürtzte er aus mäßiger Höhe ab und fand unter den Trümmern des in Brand geratenen Flugzeuges den Tod." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Rosenheimer Anzeiger, Nr.229, S.3 - "Schaufliegen mit unglücklichem Ausgang" v. 7.10.1919)
Ab März 1919: Rumpler-Flugdienst nach Zulassungs-Kennung (Botho v. Römer in Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.333 - 2004)
Ru C I/D 30
Ru C I/D 31

(Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.344 - 2004)
Ru C I/D 32
Ru C IV/D 72

Später von der Deutschen Luftreederei erworben: Erstes Passagierflugzeug des Rumpler Luftverkehrs - 13. März 1919 (//flyingmachines.ru: "J.Herris - Rumpler Aircraft of WWI /Centennial Perspective/ (11)" + Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.255 - 1987)

Cockpit einer Rumpler C IV (airwar.ru: Rumpler C IV )
Ru C I/D 97
Ru C I/D 98

("Die Woche - Bilder vom Tage", Nr.13, S.293 - 31.3.1922 + gettyimages.de: Bild-Nr. 543898177 + Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.344 - 2004)
Ru C I/D 99

Kyffhäuser-Flug: Feierlicher Empfang des Rumpler-Flugzeuges C I/D 99. Im Pilotensitz Flugzeugführer Spiel, im Beobachtersitz Ingenieur Botho v. Römer, Werbeleiter der bayerischen Rumplerwerke in Augsburg. Vor dem Flugzeug Wally Schröder-Frankenhausen, die spätere Ehefrau von Botho v. Römer, mit den Herren des Empfangskomitees - 18. Juni 1921 (Kultur & Technik - Zeitschrift des Deutschen Museums München/pdf, darin Lochner: "Das Archiv Hans und Botho von Römer", S.13 - 1/1981 + Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.94 - 1964)
Ru C IV/D 100

Letzter Einsatz Vermessungsamt: Die 1917 in Augsburg gefertigte Ru C IV/D 100 mit Stirnkühler am Oberflügel am Hamburger Flugplatz - 1927 (Hoffmann: "Hamburg in Luftaufnahmen", S.7 - 2011 + Fotografie im Privatbesitz)
Ru C I/D 101
Ru C I/D 102

Mit Zwischenlandung in Nürnberg-Fürth: Die als Passagierflugzeug eingesetzte Ru C I/D 102 auf der Flugstrecke Augsburg-München-Nürnberg-Leipzig - 1920 (Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.335 - 2004 + historisches-lexikon-bayerns.de + Deutsches Museum - Datei: Artikel 46184 bilder value 8 luftfahrt8.jpg / o.Ang - 1920)
Ru C I/D 103 - Kabinenaufsatz

Pressetermin vor dem Scheitern der Fluglinie München-Wien - 20./21. Oktober 1920 (//wap.ymorno.ru: Rumpler C I / Oleg)

Zwischenlandung auf dem seit August 1920 international anerkannten Flughafen Nürnberg-Fürth: Postübergabe an den Piloten Adolf Doldi - 1921 (Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.336 - 2004 + Deutsches Museum, München)
Ru C I/D 104

Opernsängerin Hannelore Ziegler mit dem Augsburger Direktor Otto Meyer. Auf der Tragfläche der Mechaniker Josef Häfele - 25. Februar 1921 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.59 - 1964 + Deininger: "Augsburg - Porträt einer Fliegerstadt", S.11 - 1995 + Zeitschrift Flugsport, Nr.6, S.147 v. 16.3.1921)
Ru C I/D 105

(//wap.ymorno.ru: Rumpler C I / Oleg)
Ru C I/D 106
Ru C I/D 107

"Am 16.9.(-1924-) meldete die Flugwache außerdem Flüge einer Rumpler C I der Sportflug Hannover, ebenfalls ohne Kennzeichen. Diese Maschine scheint aber nur ganz kurz benutzt worden zu sein, denn sie taucht später nicht wieder auf. Vermutlich handelte es sich um die ehemalige D-107, eine Rumpler C I, die der Vorläufergesellschaft Fabeck & Stollberg gehört hatte und im September 1924 an die Focke-Wulf AG nach Bremen verkauft worden war."(Arbeitsgemeinschaft Deutsche Luftfahrthistorik, digitalisiert auf adl-luftfahrthistorik.de / Günter Frost: "Die Sportflug GmbH - getarnte Fliegerausbildung für die Reichswehr", S.23 - Juni 2023 / Fotografie im Privatbesitz)

Buchhändler Eugen Knab von München über Nürnberg (Motordefekt) nach Leipzig - 3. September 1921 (Fotografie im Privatbesitz)
Ru C I/D 108

Kunstflieger Ernst Udet mit Familie - 1920 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PER-H-0072-03 + )
Ru D I/D 109

Nach dem Weltkrieg als Kunstflug- und Kurierflugzeug zugelassen: Rumpler D I mit Zusatztank - 1918 (Meyer: "Zur Geschicvhte des Luftverkehrs", S. 29 - 1964)

("Windsock Mini Datafile 14, Rumpler D.I", S.11 - 1998 + //flyingmachines.ru: Rumpler D.I)
Ru C I/D 135

(adl-luftfahrthistorik.de: "Zulassung und Kennzeichnung der deutschen Zivilflugzeuge 1914-1934
3. Die deutsche Luftfahrzeugrolle 1919-1920", S.2, Günther Ott + Nowarra: "60 Jahre deutsche Verkehrsflughäfen", S.28 - 1969)

Rumpler Luftverkehr mit der Ru C I/D 135 über Augsburg - 1921 (Deininger: "Augsburg - Porträt einer Fliegerstadt", S.14 - 1995 + Braatz: "Robert von Greim, Band I", S.263 - 2016 + Nowarra: "60 Jahre deutsche Verkehrsflughäfen", S.28 - 1969)

(Nowarra: "60 Jahre deutsche Verkehrsflughäfen", S.28 - 1969)
Ru C I/D 136

Filmaufnahme in Berlin: Flucht aus dem Ballsaal (Zeitschrift)
Ru C I/D 137
Ru C I/D 138

Werbung für den zivilen Luftverkehr: Einsatz zum Flugtag in Augsburg - 5. Oktober 1919 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.30 - 1964)
Ru D I/D 288

Nach dem Weltkrieg für den schnellen Kurierdienst und Werbeveranstaltungen des zivilen Luftverkehrs zugelassen: Ritter v. Greims Kunstflugzeug D I - 1919 (//flyingmachines.ru: "J. Herris - Rumpler Aicraft of WW I", ab Mai 1920 vermutlich unter der Kennung D 109 zugelassen)

Fertig zum Kunstflug: Oberleutnant Robert Ritter v. Greim mit seiner D 288, deren silberner Rumpf mit zwei roten Streifen ergänzt wurde - 5. Oktober 1919 (//flyingmachines.ru: "J. Herris - Rumpler Aicraft of WW I" + "Windsock Mini Datafile 14, Rumpler D.I", S.11 - 1998)
Ru D I/D 289 - ehemals mit der Kriegskennung 1589/18

Nach dem Weltkrieg: Ernst Udets Kunstflugzeug, ehemals mit der Kennung D I 1589/18, mit welchem der junge Kunstflieger und Fallschirmspringer Toni Ficklscherer am Ende des Augsburger Flugtages tödlich verunglückt - 4. Oktober 1919 (//flyingmachines.ru: "J. Herris - Rumpler Aicraft of WW I")

Mit 200 Std./km durch die Luft: Absprache für den geplanten Flugtag in Augsburg: Der ehemalige Kampfpilot Ernst Udet mit dem Generaldirektor Edmund Rumpler vor dem Einsitz-Jagdflieger aus dem letzten Weltkriegsjahr - Juni 1919 (Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.325 - 2004 + mediastorehouse.com: "Rumpler D I German fighter biplane" + Grosz: "Windsock Mini Datafile 14, Rumpler D.I", S.11 - 1998 + Deininger: "Augsburg - Porträt einer Fliegerstadt", S.13 - 1995 + //flyingmachines.ru: "J.Herris - Rumpler Aircraft of WWI /Centennial Perspective/ (11)")

Gipfelhöhe bei 8500 m: Ru D I auf dem Augsburger Flugfeld - 1918 (Archiv Edmund Rumpler)
Ru C I/D 290 - Kabinenaufsatz

Flugkomfort für die zahlenden Gäste: Kabinenaufsatz der Ru C I/D 290 - 1920 (Tack/Ahlbrecht/Unger: "Mit dem Flugzeug zur Leipziger Messe", S.18 - 2019)

Mit Sprechfunk zum Piloten: Kabine der Rumpler Luftlimousine - 1920 (Tack/Ahlbrecht/Unger: "Mit dem Flugzeug zur Leipziger Messe", S.18 - 2019 + Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.41 - 1987)

Die Luftlimousine von Rumpler-Luftverkehr: Ru C I/D 290 - 1920 (Grosz: "Rumpler C.I Windsock Datafile 79", S.26 - 28.1.2000 + Tack/Ahlbrecht/Unger: "Mit dem Flugzeug zur Leipziger Messe", S.18 - 2019)

Die rekonstruierte D 290 auf der Berliner Luftfahrtausstellung - 10. Januar 1936 (Heimann: "Die Flugzeuge der Deutschen Lufthansa", S.27 - 1987)

Parade auf dem Berliner Flugfeld Tempelhof zum 10-jährigen Bestehen der Luft Hansa: Mit seitlichen Zusatztanks für die Lufthansa - 10. Januar 1936 (airwar.ru: Rumpler C IV + Kranzhoff: "Die deutsche Luftfahrt - Edmund Rumpler", S.344 - 2004 + Heimann: "Die Flugzeuge der Deutschen Lufthansa", S.27 - 1987 + Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.253 - 1987)
Ru C I/D 294

Inklusive Wintermantel: Rundflugangebot mit Ru C I/D 294 und Kunstflieger Ernst Udet, zusammen mit Ehefrau und Stella Meyer, der Gattin des Augsburger Werkdirektors - 1919 (Meyer: "Zur Geschichte des Luftverkehrs", S.35 - 1964 + augsburger-allgemeine.de: "Höhen und Tiefen des Flugzeugbaus in Augsburg" v. 8.7.2020 + Häußler: "Luftfahrtstadt Ausgburg: Von den Flugpionieren zur Weltraumrakete", S.49 - 2010 + Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.253 - 1987)
Fok D VII/D 299

Animation: Die Fokker D VII, die von Greim während des Weltkrieges vom Juni 1918 bis Kriegsende in der Jagdstaffel 34 geflogen wurde. Mit diesem Jäger erzielte v. Greim 14 Abschüsse. (//forum.il2sturmovik.com / the_dudeWG v. 12.5.2023)

Modell: Die Fokker D VII, die von Greim während des Weltkrieges in der Jagdstaffel 34 geflogen wurde (//modelingmadness.com / Jeroen Koen v. 29.5.2020)

Balkenkreuz dem Namenszug gewichen: Militär- und Kunstflieger Robert Ritter von Greim, unterstütz auf dem Reifen der Fokker D VII durch seinen Kunstflug-Kollegen Ernst Udet. Rechts: Werksdirektor Otto Meyer - 5. Oktober 1919 (Pletschacher: "Die Königlich Baerischen Fliegertruppen", S.153 - 1992)

Zwei rote Rumpfbanderolen als persönliches Erkennungszeichen: Kunstflieger Robert v. Greim im Cockpit der einsitzigen Fokker D VII, im Vordergrund Hptm. Franz Hailer mit Reporter (Braatz: "Robert von Greim, Band I", S.258 - 2016)

Die Piloten Robert v. Greim (m) und Ernst Udet (r) mit der Fokker D VII. Rechts im Hintergrund: Hptm. Franz Hailer (Braatz: "Robert von Greim, Band I", S.258 - 2016)
Pfalz D XV/
Ju F 13/D 207(bzw. 183, 322 od. 394?)
(Heimann: "Die Flugzeuge der Deutschen Lufthansa", S.39 - 1987)
Flugentwicklung in der Weimarer Republik
Fliegen ist in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg noch immer mit einem Pioniergeist behaftet und weit von der heutigen Komfortzone entfernt.
"Der Augenblick, in dem sich zum erstenmal ein Mensch mit einem durch einen Motor getriebenen Flugapparat in die Lüfte erhob, liegt erst wenige Jahre zurück." (Erblich: "Moderne Flugzeuge in Wort und Bild", S.9 - 1916)
Für neue Fluggäste gleicht der Flug denn auch einem Abenteuer. Das Leichtbau-Flugzeuggerippe besteht aus geformten Holzleisten, die mit wetterbeständig imprägniertem Stoff bespannt sind. Über die Kriegsproduktion der Rumpler-Werke heißt es auf Wikipedia:
"Die Firma Rumpler, eher bekannt für ihre sehr erfolgreichen zweisitzigen Aufklärungs- und Schulflugzeuge, produzierte von 1915 bis 1918 eine Reihe von mittleren Langsteckenbombern, die sowohl bei der deutschen Fliegertruppe als auch bei den k.u.k. Luftfahrttruppen eingesetzt wurden.(...) Im Oktober 1917 waren von 90 gelieferten Rumpler G.III 20 Flugzeuge als Nachtbomber im Einsatz."

Flugzeugfertigung während des 1. Weltkrieges: Rumpler G.III - 1918 (Fotografie im Privatbesitz)

Eines der ersten Großflugzeuge: Zweimotorige Rumpler-Bomber G.I - 1915 (Archiv Edmund Rumpler in Meyer: "Von Wright bis Junkers", Bild 49 - 1928)
Augsburg, März 1920
Über den 1919 als Kunstflieger tätigen Robert Ritter von Greim heißt es:
"Das Ende seiner Dienstzeit ist nunmehr - in den ersten Monaten des Jahres 1920 - abzusehen; danach bleibt ihm nur eine schmale Pension, falls er keinen Arbeitsplatz findet. Das scheint ihm allerding am 01. März 1920 gelungen zu sein, denn in seinem letzten Kriegsflugbuch findet sich der Eintrag: 'Rumplerwerke ab 01.03.20'. In welcher Funktion er bei dem Augsburger Flugzeughersteller tätig wurde, bleibt unbekannt; dokumentiert ist jedoch, daß er dort noch drei Flüge durchführte." (Braatz: "Robert von Greim, Band I", S.267 - 2016)
Auch der politisch aktive Ölfabrikant Dr. Grandel steht im März 1920 in Kontakt mit dem Augsburger Flugdienst Rumpler. Er ordert über den nationalliberal und deutschnational eingestellten Direktor Otto Meyer kurzfristig ein Flugangebot über mehrere Tage für ein äußerst gewagtes Unterfangen ...
Kapp-Lüttwitz-Putsch: Dr. Grandel finanziert Hitlers ersten Flug
(303-1920) Das politische Engagement Gottfried Grandels ist im Jahre 1920 nicht nur auf Süddeutschland begrenzt; auch zu den Berliner Entwicklungen bestehen Bezüge.
In der Reichshauptstadt findet am 13. März 1920 der von Teilen der Reichswehr auch in anderen Städten unterstützte Protest gegen die Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages in Form eines Putsches statt, der von dessen Vertretern als Märzunternehmen bezeichnet wird.

Der preußische Landschaftsgeneraldirektor Wolfgang Kapp zeigt sich neben General von Lüttwitz verantwortlich für den Aufstand gegen die von Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) geleitete Regierung. Diese plant unter anderem, nach Vorgabe des Versailler Vertrages die Reichswehr drastisch auf 100.000 Soldaten zu reduzieren.

Gegen die Auflösung seiner Truppen: Gerneral-Oberst von Lüttwitz - 8. März 1920 (BArch: Bild 183-R94834 / o.Ang.)
Der Landschaftsgeneraldirektor Kapp sucht im Februar 1919 intensiv nach Verbündeten für einen Austausch der Reichsregierung und nutzt dabei auch seine Kontakte nach Süddeutschland.
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Nachlese: Dietrich Eckarts Wochenschrift zum Berliner Kapp-Putsch (Bild: GStA PK, VI. HA, Nl Kapp, W., Nr. 834, Zeichnung: Otto von Kursell - "Auf gut deutsch", Kapp-Ausgabe v. März 1920)
Berlin - Februar/März 1920
Der Münchener Publizist Dietrich Eckart besitzt den direkten Kontakt zu Dr. Kapp bereits seit dem Februar 1919:
"Wolfgang Kapp war einer meiner ersten Abonnenten. Der Zufall hatte ihm 'Auf gut deutsch' in die Hand gespielt gehabt und sofort beglückwünschte er mich zu der Art des Blattes. In dem eingeschriebenen Brief aber lagen 1000 Mark." (Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12, S.148, GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834 und Dankbrief Eckarts an Kapp v. 11.2.1919, BA Koblenz, NL Kapp, Nr.7)
Anfang März 1920 treffen sich Dietrich Eckart und Adolf Hitlers nachrichtendienstlicher Vorgesetzter, der Münchener Hauptmann Karl Mayr, zur weiteren Abstimmung des geplanten Vorgehens gegen die Reichsregierung. In der Berliner Weinstube Rheingold mit dabei: Dr. Wolfgang Kapp. Zu Hauptmann Karl Mayrs aufklärungsdienstlicher Tätigkeit heißt es:
"Er ist überall dort drinnen und macht überall dort mit, wo man etwas wissen will." (BArch Berlin: R8088/392, S.721, Bl.10 - Zitat Graf Bothmer, Schriftsteller Helmut Hopfen an Heinrich Class v. 22.12.1919)
Weiter wird über Karl Mayr vermerkt:
"So war er vielleicht der entscheidenste Förderer des Kapp-Unternehmens in Bayern." (Röhm: "Die Geschichte eine Hochverräters", S.115 - 1933)
Neben Hauptmann Karl Mayr gilt Dietrich Eckart als zentrale Figur für die Vorbereitung des Kapp-Unternehmens in Bayern. Nach der gemeinsamen Absprache ist beabsichtigt, zeitgleich mit Berlin auch in Bayern einen Regierungswechsel stattfinden zu lassen. Der politisch umtriebige Hauptmann Mayr beschreibt in einem späteren Brief an Dr. Kapp das Berliner Treffen mit den Worten:
"Zweimal hatte ich den Vorzug, mit Ihnen sprechen zu dürfen, Hochzuverehrender Herr Geheimrat - einmal (im Rheingold) zusammen mit Herrn Eckart, einem gutdeutschen Mann, wenn auch etwas blindwütigen Antisemiten, das zweitemal tags darauf allein und zur Berichterstattung über mein Zusammentreffen mit General von Lüttwitz und General von Oldershausen." (Hptm. Karl Mayr an Dr. Wolfgang Kapp, 24.9.1920 in: "Archivalische Forschung zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", Band 7, Ausgabe 1, S.287 - 1971 + "Kapital, Reichswehr und NSDAP", S.554 - 1982)

Schattenmann der nationalen Umsturzbestrebungen: Hauptmann Karl Mayr, links neben Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) in München - 25. August 1919 (BArch: BildY 1-548-2575-67 / Hoffmann, Heinrich + Bay. Staatsbibliothek: hoff-5538 / Hoffmann, Heinrich)
Auch Dietrich Eckart beschreibt zum Vorlauf des Kapp-Unternehmens:
"Mir war es damals weniger um (-Wolfgang-) Kapp zu tun, als darum, mit Hilfe des Putsches das sozialdemokratische Ministerium (-Hoffmann-) in München hinwegzubekommen. Ich unterhandelte damals mit General von Epp und Herrn von Kahr, mit letzterem in der entscheidenden Nacht im Münchener Polizeipräsidium. Von Kapp drang nach München nichts mehr durch und so entschloss ich mich, (-mit einer Rumpler-Maschine D 72-) zu ihm nach Berlin zu fliegen. Auf diesem Flug, von Augsburg aus, begleitete mich der damals noch gänzlich unbekannte Hitler." (invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2180, S7/2 - "Verhör des Dietrich Eckart zu Ereignissen am 9. Nov. 1923, Protokoll der Polizeidirektion München" v. 15.11.1923)
13. März 1920: Einmarsch der Brigade Ehrhardt in Berlin
Nach dem gemeinsamen Treffen formiert sich tatsächlich noch im gleichen Monat eine abgestimmte Aktion zwischen Nord- und Süddeutschland. Den Anfang macht die 5000 Soldaten zählende Marine-Brigade Ehrhardt in der Nähe von Berlin:
"Am 12. März erfuhr die Reichsregierung, daß die Marine-Brigade Ehrhardt, die am 10. März angewiesen worden war, sich aufzulösen, in Döberitz 'mobil' mache und einen Marsch auf Berlin vorbereite." (Maser: "Die Frühgeschichte der NSDAP", S.214)
Kapitän Ehrhardt schildert später in einer Buchveröffentlichung den Vorlauf zu dem Berliner Einmarsch seiner Brigade:
"Unterwegs traf ich (-am 11.3.1920-) in einem mir entgegenkommenden Kraftwagen General von Lüttwitz. Wir hielten. Auf der Heerstraße nahm er mich beiseite und erklärte mir:
'Der Augenblick zum Handeln ist gekommen. Rücksichtslos will die Regierung alle Verbände auflösen und das Heer auf 100.000 Mann reduzieren. Das zu dulden verbietet mein Pflichtgefühl dem Volke gegenüber. Ich will nach Berlin marschieren und die Annahme meiner Forderungen erreichen.'
Dieser Forderungen, die er mir entwickelte, waren zu meinem Erstaunen politischer Art. Er klärte mich dahin auf, das wäre nur ein Umweg mit Rücksicht auf die Entente. Ein neuer Reichstag allein könne die militärischen Forderungen gewähren und eine würdigere nationale Haltung zeigen. Sein politisches Verlangen ging auf sofortige Neuwahl, auf Fachminister, Wahlausschreiben für einen verfassungsmäßigen Reichspräsidenten, den ja Herr Ebert nicht darstellte." (Freksa: "Kapitän Ehrhardt", S.173/174)

Gegen die Viertelung der Reichswehr: General der Infanterie Freiherr von Lüttwitz (Aus: "Die deutschen Freikorps - 1918-1923", Tafel 10/S.81 - 1938)
Von Kapitän Ehrhardts Zustimmung hängt der weitere Verlauf des ganzen Unternehmens ab. Die Forderung der Soldaten lautet: Eine Heeres-Bestandsgarantie für 200.000 Soldaten, was noch immer einer Halbierung der aktuellen Stärke gleichkäme. So fragt ihn General Lüttwitz schließlich:
"'Können Sie heute Abend (-11. 3.1920-) nach Berlin marschieren?'
Ich antwortete: 'Militärisch halte ich das für bedenklich.'
Er fragte: 'Können Sie morgen marschieren?'
Das sicherte ich zu.(...) Am anderen Morgen erschien General von Lüttwitz nochmals bei mir im Lager.(...) Es wurde vereinbart, ich sollte am anderen Morgen (-13.3.-) um 6 Uhr an der Spitze meiner Brigade am Brandenburger Tor stehen." (Freksa: "Kapitän Ehrhardt", S.174)
Kapitän Hermann Ehrhardt hält ein, was er General Lüttwitz verspricht: Am 13. März 1920 marschieren seine Soldaten frühmorgens durch die Berliner Straßen.
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Mit Fahnen und Musik: Einmarsch der Brigade Ehrhardt - 13. März 1920 (BArch: Bild 119-1983-0010 / o.Ang.)

Angekommen um zu bleiben: Fahnenträger der General Lüttwitz unterstellten Brigade Ehrhardt - 13. März 1920 (Postkarte im Privatbesitz)

"Auftrag ausgeführt": Brigade Ehrhardt am Brandenburger Tor - 13. März 1920 (BArch: Bild 119-1983-0017 / o.Ang.)

Kapitän Hermann Ehrhardt, kurz nach dem Einmarsch seiner Brigade in Berlin - 13. März 1920 (BArch: Bild 183-R26033 / o.Ang. + "Die deutschen Freikorps - 1918-1923", Tafel 42/S.337 - NSDAP-Hauptarchiv - 1938)

(Neue Berliner Zeitung v. 13.3.1920)
München, 14. März 1920
Im Hauptquartier für die bayerischen Vorbereitungen zum Kapp-Putsch herrscht rege Betriebsamkeit, doch die Rahmenbedingungen stehen nicht günstig:
"In München erläßt die Regierung Hoffmann (SPD) zusammen mit den Parteien des Landtags einen Aufruf gegen den Berliner (Kapp-)Putsch. Und der Begfehlshaber der bayerischen Reichswehr, General von Möhl, unterzeichnet ihn. Da schlägt aus den irregulären Truppen, aus den Zeitfreiwilligen, der Widerstand hoch. In der Nacht vom 13./14. März (-1920-) ruft der Leutnant Österreicher das 4. Alarmbataillon in der Eisenbahnkaserne auf. Morgens um 4 Uhr 30 sollen sie zur Türkenkaserne marschieren. Dort soll der Oberst Epp sein und die weiteren Befehle ausarbeiten; er soll nur darauf warten, daß die Zeitfreiwilligen seinen Vorgesetzten, General von Möhl, zum Rücktritt zwängen; dann werde er hervortreten.
Aber die Anmarschierenden finden den Oberst Epp nicht. Der ist bereits um Mitternacht mit seinen Generalstabsoffizieren Major von Hörauf und Hauptmann Röhm in die Türkenkaserne gekommen. Da findet er Teile der Zeitfreiwilligen in wilder Erregung versammelt." (Frank: "Franz Ritter von Epp: Der Weg eines deutschen Soldaten", S.93 - 1934)
"Unter anderen waren auch Dietrich Eckart und Adolf Hitler dort (-in der Türkenkaserne-) anwesend." (Franz Willing: "Ursprung der Hitlerbewegung", S.87 - 1974)
"Sie rufen nach dem Rücktritt von Möhl. Aber der Oberst Epp erklärt: 'Ich gehorche den Befehlen meines Vorgesetzten. Ihr aber habt mir zu gehorchen'. Da glätten sich die Wogen. Man einigt sich auf einen Vorschlag, den bereits am Nachmittag der Stabsleiter der Einwohnerwehren, Major Kriebel, dem General Möhl unterbreitet hat: Möhl möge sich von der Regierung die vollziehende Gewalt übertragen lassen und als Zivilkommissar den Regierungspräsidenten von Oberbayern, Dr. von Kahr, verlangen. Mit dieser Zielsetzung gibt sich auch der Oberst von Epp zufrieden." (Frank: "Franz Ritter von Epp: Der Weg eines deutschen Soldaten", S.93 - 1934)
Über Wolfgang Kapps Verbindungsmann in München, Wilhelm Kiefer, werden Dietrich Eckart und Hauptmann Karl Mayr über den Berliner Ablauf des Putsches informiert, doch der Plan, den einflussreichen Bauerndoktor Georg Heim von der Opposition in Regierungsverantwortung zu bringen, scheitert. Dieser berichtet später:
"Ungefähr drei Wochen vor dem Kapp-Putsch schickte mir ein bayerischer Offizier (-Hauptmann Karl Mayr-), der heute im linken Lager steht, durch einen Kurier einen Brief strengster Vertraulichkeit. Er enthielt die Aufforderung, mich in ein bestimmtes Haus in Berlin zu begeben, um dort Näheres zu erfahren. Es war das Lager Kapps. Ich bin der Aufforderung nicht nachgekommen (...)." (//digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.307, S.1 - "Bayern um die Kapp-Wende" v. 10.11.1928)
Das Nichterscheinen des Bauernführers Georg Heim in Berlin führt zu hektischer Betriebsamkeit:
"Zweiundzwanzig Stunden nach Ehrhardts Einzug in die Reichshauptstadt erschienen auf Weisung des Leiters der Reichswehr-Abteilung I b/P, Hauptmann Karl Mayr,(...) Adolf Hitler und Dietrich Eckart in Regensburg in der Wohnung von Dr. Heim (5 Uhr früh, 14. März), dem beziehungsreichen Regisseur der bayerischen Nachkriegspolitik. Sie teilten ihm mit, daß die 'Minister und die Führer der Linken hopp genommen worden' seien, und daß sie (Hitler und Eckart) den Auftrag hätten, ihn (Heim) nach München zu begleiten, wo er 'die (neue) Regierung (...) übernehmen' solle." (Maser: "Die Frühgeschichte der NSDAP", S.214 - 1965)
Der begehrte Dr. Georg Heim selbst berichtet:
"Es war in den frühen Morgenstunden vor 5 Uhr, als ich in meinem Haus als Frühaufsteher meine Morgenpromenade machte. Da klingelte die elektrische Hausglocke. Obwohl die Besuchstunde etwas ungewöhnlich war, und obwohl sich niemand bei mir vorgemeldet hatte, war ich doch nicht überrascht. Ich ging zur Haustüre, um Dietrich Eckart und einen noch lebenden Herrn (-Adolf Hitler-) zu mir hereinzulassen. Sie waren in der Nacht per Auto von München nach Regensburg gefahren, um mich abzuholen, 'um die Regierung in München zu übernehmen'. Ich ließ mir zunächst von ihnen Bericht erstatten und hörte, daß in der vergangenen Nacht sich in München verschiedenes ereignet habe, daß die Minister und die Führer der Linken hopp genommen wären usw. Nach dem Grundsatz: Wenn du Eile hast, so setze dich!, habe ich die Herren ersucht, zunächst einmal in ihr Hotel zurückzufahren, Morgentoilette zu machen und dann bei mir den Kaffeee zu trinken. Und so geschah es.
Unterdessen hatte ich die Zeit benützt, um mein Telephon anzukurbeln und zunächst zu hören, daß der Minister Hoffmann (SPD) wohl in der Nacht den erwähnten Besuch erhalten habe, daß die bürgerlichen Minister aber noch im Amt wären, daß es aber sehr kritisch stehe, daß die Erregung sehr groß wäre, die Lage höchst gespannt, daß die Entscheidung bei gewissen aktivistischen Elementen der Einwohnerwehr, Schutzverbänden und bei den Studentenkompagnien liege, und verschiedene andere. Man erwarte mich am anderen Tag, Montag, dringend in München.(...) Als die oben erwähnten Herren in früher Stunde zu mir zum Frühstück kamen, erklärte ich, daß ich anderen Tags nach München kommen werde, daß auch von der Diktatur solange keine Rede sein könne, als es möglich wäre, Dinge auf dem vorgeschriebenen, verfassungsmäßigen Weg zu meistern, durch Bildung einer Regierung durch den Landtag. Meine Stellung hat etwas Enttäuschung hervorgerufen, besonders Dietrich Eckart, mit dem ich an diesem Morgen mich länger unterhielt, hatte von mir offenbar erwartet, daß ich augenblicklich mit ihm im Auto nach München fahre, um Abenteurer-Politik zu machen.(...) Die Herren fuhren (-am Sonntag, d. 14.3.1920 vormittags von Regensburg-) nach München zurück mit der Vereinbarung, mich anderen morgens am Frühschnellzug im Hauptbahnhof zu erwarten.(...) In München an der Bahn erwartete mich Eckart und sein Begleiter vom Tage vorher. Ich erklärte, daß mich mein Weg zunächst in den Landtag führe.(...) Am 16. März, Dienstag abend, wählte der Bayerische Landtag Dr. v. Kahr zum Ministerpräsidenten." (//digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.307, S.1/2+Nr.308, S.6 - "Bayern um die Kapp-Wende" v. 10./11.11.1928 + Renner: "Georg Heim, der Bauerndoktor", S.185 - 1960)
Erhard Auer berichtet rückblickend:
"Der Kapp-Putsch im März 1920 führte in Bayern zur Beseitigung der Regierung Hoffmann. Herr v. Kahr, bis dahin Regierungspräsident von Oberbayern, übernahm das Amt des Ministerpräsidenten und des Staatsministeriums des Innern." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Ingolstädter Anzeiger, Nr.41, S.5 - Erhard Auer: "Die Verbrechen im Jahre 1923 / Die Vorbereitung zum Bürgerkrieg" v. 18.2.1928)
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Einflussreiche Verbindungen in die bayerische Politik: Dr. Georg Heim - 1919 (Bay. Staatsbibliothek, Bild hoff-1547 / Hoffmann, Heinrich)
Der ursprüngliche Versuch Dietrich Eckarts zur politischen Einbindung Georg Heims scheitert, sodass auch er kurzfristig umdisponieren muss. Zwar übt Dr. Georg Heim tags darauf tatsächlich seinen Einfluss auf die neue Zusammensetzung der Münchener Regierung aus, sodass der bayerische Ministerpräsident Hoffmann (SPD) durch Gustav v. Kahr ersetzt wird, doch hält sich Dr. Heim selbst bei der Übernahme einer Regierungsverantwortung zurück.

Erich Ludendorff (r) im Gespräch mit dem bay. Ministerpräsidenten Gustav von Kahr (2.v.l.) - 20. Mai 1921 (Bundesarchiv: Bild 183-R41120 / o.Ang.)
Der Regierungsumbildung in Bayern wird dennoch im Sinne Dietrich Eckarts entsprochen, doch was passiert in Berlin? Bereits für den 15. März 1920 notiert Kapitän Ehrhardt in seinen späteren Aufzeichnungen:
"Am dritten Tag ging ich auf die Reichskanzlei, weil ich den Eindruck hatte: der Laden läuft nicht. Im Vorzimmer äußerte ich diese Meinung einem mir gänzlich unbekannten Herrn. Er führte mich ohne weiteres in eine Kabinettssitzung. Hier zeigte sich mir ein erschreckendes Bild. Auf den ersten Blick sah ich: Kapp war körperlich und seelisch völlig zusammengebrochen. Er hatte den Vorsitz am runden Tisch. Seine Augen waren verschwollen. Seine Stimme war belegt, wenn er mechanisch sagte: Ich erteile Ihnen das Wort. Er war gar nicht mehr in der Lage, etwas zu entscheiden. Er wußte gar nicht, was geredet wurde. Ich ging sofort wieder weg und war sehr niedergeschlagen." (Freksa: "Kapitän Ehrhardt", S.184/185 - 1924)
Zeitgleich zum Kapp-Putsch kommt es in verschiedenen Städten des Reiches zu Auseinandersetzungen:
"Die erste technische Messe (-in Leipzig-) stand unter keinem guten Stern. Am Tag der Messeeröffnung, dem 14. März 1920, war als Reaktion auf den Kapp-Putsch der Generalstreik ausgerufen worden. In Leipzig kam der städtische Verkehr zum Erliegen und binnen weniger Stunden eskalierte das Geschehen. An mehreren Stellen in der Stadt wurde scharf geschossen. Zwei Schweizer Messegäste gerieten zwischen die Linien und wurden von Kugeln tödlich getroffen." (Feddersen: "Leipziger Messe: Neues Messegelände", S.50 - 1996)
Weiter berichtet ein Journalist aus Leipzig:
"Zur diesjährigen Messe hatten die beiden größten Luftverkehrsfirmen, die Deutsche Luftreederei und der Rumpler-Luftverkehr, einen großzügigen Flugdienst eingerichtet, und zwar zur Muster- und zur Technischen Messe. Der Rumpler-Luftverkehr wurde von der Postverwaltung verpflichtet, zur Zeit der Mustermesse einen regelmäßigen Postdienst zwischen Berlin und Leipzig einzurichten. Pünktlich 1 Uhr 10 mittags startete in Johannesthal das Postflugzeug und kam abends mit der Leipziger Post punkt 6 zurück. Außerdem wurden Personen und Eilgüter befördert.(..) Es ist ein Beweis für den hohen Stand unseres Flugzeug- und Motorenbaues und für die bereits bestehende Sicherheit im Luftverkehr, daß die Postbeförderung während dieser Zeit von einem und demselben Rumpler-Flugzeug D 72 ausgeführt wurde, das täglich sein Pensum ohne irgendwelche Beanstandungen erledigte, und zwar ist das dieselbe Maschine, die bereits zu Beginn der Messe im Luftverkehr 15 000 km ohne irgend einen Defekt zurückgelegt hatte, und die sich ebenso bei der Technischen Messe bewährte, wo sie ebenfalls täglich zweimal auf der Linie Berlin-Leipzig flog (-ab Berlin 1:10, an Leipzig 1:52-). Der Postverkehr wickelte sich in mustergültiger Weise ab: Ein mittags 11 Uhr 30 Minuten in den Kasten geworfener Brief war bereits um 3 Uhr in den Händen des Empfängers in Leipzig. Die nun folgende Technische Messe stand von Anfang an unter dem Stern der politischen Unruhen und des Generalstreiks; das plötzliche Aufhören jeden Eisenbahnverkehrs und die proportional mit zunehmender Schießerei wachsende Nervosität der Messebesucher hatte einen Ansturm auf die Flugzeuge zur Folge: man 'stand' zur Abwechslung mal nach Flugscheinen. Die beiden Bureaus der Luftreederei und Rumpler, die Hamburg-Amerika-Linie und der Norddeutsche Lloyd, waren täglich mit Anfragen überhäuft, und es konnten bei weitem nicht die Flüge ausgeführt werden, die alle verlangt wurden. Hinzu kam der ewige, schon chronisch gewordene Benzinmangel: und doch war in diesem Falle der Luftverkehr tatsächlich bitter nötig.(...) Während die Luftreederei zumeist mit zweimotorigen Großflugzeugen flog, deren jedes ca. 15 Personen mit Gepäck trug, - wobei einige Gäste glaubten, ihren halben Ausstellungsstand mitnehmen zu können - hatte der Rumpler-Luftverkehr einmotorige Zweisitzer und Dreisitzer-Maschinen unterwegs; ihr Standquartier war Leipzig, da ja vom ersten Tage der Technischen Messe an alles aus Leipzig herauswollte und niemand hinflog. Täglich wurden Flugzeuge mit Fahrgästen nach Berlin geschickt und kamen leer wieder zurück. Am Sonntag, den 14. März (-1920-), setzte bereits die große Flucht aus Leipzig ein; Leute, die noch nie geflogen waren oder überhaupt ein Flugzeug von nah gesehen hatten, wurden erst ruhig und fühlten sich geborgen, als sie in den weichen Polstern der Maschine saßen, deren Hinterteil nach dem kampfumtobten Leipzig zeigte; denn 'dort unten war's fürchterlich' und erst auf dem Flugplatze herrschte einige Ruhe." (Rockenfeller in: Der Luftweg, IV. Jahrgang Nr.12/13: "Der Luftverkehr zur Leipziger Messe", S.8/9 v. 8.4.1920)

Messeflugverkehr Leipzig - Berlin - Leipzig: "Kamen leer zurück" - März 1920 (Berlin Johannesthal: Rumpler C IV - 1920)
15. März 1920
Alarmiert von dem offenbar negativen Verlauf der Umsturzbemühungen in Berlin geraten nun auch die Münchener Putsch-Partner in Zugzwang. Bei Maser heißt es hierzu weiter:
"Darüber hinaus sollten auf Initiative von (-General von-) Epp, (-Hauptmann Karl-) Mayr und (-Hauptmann Ernst-) Röhm Verbindungsleute aus Bayern nach Berlin, um die Situation zu erkunden und Möglichkeiten für ein gemeinsames Vorgehen zu prüfen. Dietrich Eckart und Adolf Hitler boten sich auch für diese Aufgabe an." (Maser: "Die Frühgeschichte der NSDAP", S.216)
In der späteren Kapp-Ausgabe seiner Zeitschrift Auf gut deutsch notiert Dietrich Eckart:
"Die fürchterliche Ungewissheit trieb mich noch im letzten Augenblick nach Berlin. Keine Nachrichten von dort, umso niederträchtiger aber hier die Hetze gegen Kapp. Trotz des sonst überall vollzogenen Generalstreiks war noch in den 'Neuesten' gearbeitet worden, um Kapp auf das Giftigste als den reaktionären Volksfeind verschreien zu können. Also offenkundiger Streikbruch der Hebräer. Auch der Judenzer Franz Carl Endres hatte noch seinen eklen Schleim zu verspritzen vermocht." (Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12, S.154, GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834)
Nach der unfreiwilligen und streikbedingten Kontaktunterbrechung zu dem Berliner Verbindungsmann erhoffen sich Dietrich Eckart, Gottfried Grandel und Hauptmann Mayr, mit dem in Preußen noch unbekannten Propagandisten Adolf Hitler eine personelle Verstärkung für die Reichshauptstadt heranführen zu können. Eckart vermerkt hierzu:
"Gute Freunde (-u. a. Dr. Grandel-) verschafften mir ein Flugzeug und den denkbar besten Piloten dazu (-den 27-jährigen Robert Ritter v. Greim-)." (Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12, S.154, GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834)

Robert Ritter v. Greim (l), Hptm. Franz Hailer und Hptm,. a. D. Heinrich Chritenn begrüßen General a. D. Erich Ludendorff - 20. Mai 1921 (Aus: "Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen", S.289 - 1938)
Auch Gottfried Grandel äußert sich in seinem NSDAP-Archivbericht zum Berliner Kapp-Putsch:
"Ich besuchte E.(-ckart-) oft in seinem Hause in Nymphenburg, Richildenstr. 58, und dort lernte ich unter zahlreichen anderen Persönlichkeiten Wilhelm Kiefer kennen, der unter dem Titel 'Deutsches Hochstift' viel Geld in Deutschland sammelte und einen guten Nachrichtendienst unterhielt. Er war der Verbindungsmann für Kapp. Bei Dietrich Eckart war das Hauptquartier für die bayerischen Vorbereitungen zum Kapp-Putsch. Infolge des Generalstreiks war beim Kapp-Putsch keine Verbindung mit Berlin mehr möglich. Eckart flog daher in einem von mir bei den Rumplerwerken in Augsburg besorgten Flugzeug mit dem Welkriegsflieger (-Robert Ritter v.-) Greim als Pilot und Adolf Hitler als Begleiter nach Berlin; ich war beim Abflug in Augsburg zugegen." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/Bl.1 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Gottfried Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv: "Beim Abflug in Augsburg zugegen" - 17. März 1920 (Digitalisiert auf adl-luftfahrthistorik.de/Günther Ott: "Zulassung und Kennzeichnung der deutschen Zivilflugzeuge 1914-1934, 3. Die deutsche Luftfahrzeugrolle 1919-1920", S.2 aus "Luftfahrt International", Nr.8 - 1980)
Zu dem zeitgleich von den Augsburger Rumpler-Werken für die Messeflüge zwischen Leipzig und Berlin eingesetzten Doppeldecker wird berichtet:
"During the social unrest in Germany in March 1920 German officers confiscated the Rumpler C IV, D 72 on March 17, but after been used for some flights it was returned to the Rumpler Luftverkehr." (europeanairlines.no: "Air Traffic with Rumpler-Werke AG" v. 17.6.2010)

Frieren bei hoher Geschwindigkeit: Die für den Flug nach Berlin eingesetzte Ru C IV mit der Kennung D 72 vor den Augsburger Rumpler-Werkshallen - 1919 (Wagner: "Der deutsche Luftverkehr - Die Pionierjahre 1919-1925", S.255 - 1987 + Luftfahrt-Zeitschrift v. Oskar Ursinus, digitalisiert auf pennula.de: "Flugsport", Heft 3 v. 6.2.1929 + flyingmachines.ru: "J. Herris - Rumpler Aicraft of WW I")
Weiter heißt es zu der Reichswehr-Aktion während der Leipziger Messe:
"Die ersten Tage kamen die Autos, die dauernd zwischen Stadt und Flugplatz verkehrten, noch unangefochten durch, bald jedoch mußten sie erst den Stacheldrahtverhau der Reichswehr am Hauptbahnhof passieren und 10 Minuten später die Barrikade der bewaffneten Arbeiter, mit denen allmählich insofern schlecht Kirschen essen war, als am Mittwoch, den 17. März (-1920-), erstmalig von Mockau aus (-die ab 14:10 aus Berlin fliegende und in Leipzig um 14:52 ankommende Ru C IV D 72?-) ein Flugzeug zur Erkundung über Leipzig geschickt wurde; das machte die (-streikenden-) Leute nervös und sie hatten natürlich auch die Luftverkehrs-Auto in Verdacht, der sich manchmal in nicht mißzuverstehenden Worten äußerte. An diesem fraglichen Mittwoch (-17.3.1920-) wurde die aus Berlin kommende Rumpler D 72 von Regierungs-Fliegern beschlagnahmt und startete mit 2 Offizieren zur Erkundung über Leipzig, wo sie sich die erste ehrenvolle Verwundung holte: Ein Schuß zerschmetterte die Hälfte des unteren Hinterholmes. Trotzdem vermochte das Flugzeug glatt zu landen und wurde noch am gleichen Tage (-17.3.1920-) zur Reparatur nach Berlin geflogen, und das alles trotz einer Schwächung von fast 50%."

Rumpler-Flugdienst: Die C IV mit der Kennung D 72 hinter der Ru C I/D 135 (adl-luftfahrthistorik.de/Günther Ott: "Zulassung und Kennzeichnung der deutschen Zivilflugzeuge 1914-1934, 3. Die deutsche Luftfahrzeugrolle 1919-1920", S.2 aus "Luftfahrt International", Nr.8 - 1980)
Ob Dr. Grandel den Flug aus eigenen Mitteln bezahlt, oder ob die Reichswehr das Flugzeug zeitlich befristet konfisziert, erwähnt dieser in seinem späteren NSDAP-Archivbericht nicht. Hierzu heißt es bei Joachimsthaler:
"Nach den Angaben des Augsburger Unternehmers Dr. Gottfried Grandel, einem Freund von Dietrich Eckart, soll dieser den Flug Eckarts und Hitlers von Augsburg nach Berlin bezahlt (-besorgt-) haben. Welche Absprachen zwischen Hauptmann Mayr, Eckart und Dr. Grandel bestanden haben, läßt sich nicht mehr nachvollziehen." (Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München 1913-1923", S.368 - 2000)
In dieser unklaren Informationsphase hält Hauptmann Karl Mayr in München noch in der Nacht auf den 17. März 1920 eine längere telefonische Abstimmung mit Berlin:
"In der Nacht 16./17. hatte ich einen längeren telef. Gedankenaustausch mit Herrn Schneider (Reichskanzlei)." (Hptm. Karl Mayr an Dr. Wolfgang Kapp, 24.9.1920 in: "Archivalische Forschung zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", Band 7, Ausgabe 1, S.287 - 1971 + "Kapital, Reichswehr und NSDAP", S.554 - 1982)
Bei der vorherigen Rücksprache mit Wolfgang Kapp bestehen bei Hauptmann Mayr bereits Zweifel:
"Meine Ihnen vorgetragenen Gedanken waren großenteils kritisch negativ. Ich verneinte die Fähigkeiten des Herrn (-Waldemar-) Pabst, den ich als großen 'Wurstler' bezeichnete, ich betonte die Notwendigkeit engeren Einvernehmens mit den höheren Reichswehrbehörden und verlangte Anfang März noch mindestens 2 Monate Zeit, eine Forderung, die - wie ich bei rückschauender Betrachtung zugeben muß - aus außenpolitischen Gründen im wesentlichen nicht gerechtfertigt war." (Hptm. Karl Mayr an Dr. Wolfgang Kapp, 24.9.1920 in: "Archivalische Forschung zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", Bd.7, Ausgabe 1, S.287 - 1971 + "Kapital, Reichswehr und NSDAP", S.554 - 1982)
Im revolutionären Zusammenhang ist Waldemar Pabst (geb. 24.12.1880) kein Unbekannter: Verantwortlich für den Liebknecht/Luxemburg-Mord vom 15. Januar 1919 übernimmt er als Hauptgeschäftsführer der Nationalen Vereinigung, als dessen Gründungsmitglied sich auch Wolfgang Kapp auszeichnet, die Organisation des aktuellen Berliner Aufstandes.

Der Mann fürs Grobe: Major Waldemar Pabst - 1930 (Bundesarchiv: Bild 183-2005-0413-500 / o.Ang.)
Durch den zeitgleich von der aus Berlin geflüchteten Reichsregierung veranlassten und von SPD und Gewerkschaften organisierten Generalstreik sind die Eisenbahnverbindungen nahezu landesweit eingestellt.
Der Flug von Augsburg ist für die nationalen Aktivisten daher die einzige Möglichkeit, zeitnah von Süddeutschland aus überhaupt Berlin zu erreichen. Aufgrund der unterbrochenen Kommunikation sorgt sich besonders Dietrich Eckart um den Erfolg des Berliner Kapp-Unternehmens. Mit dem in Preußen noch unbekannten Werbeobmann Adolf Hitler erhofft auch er sich noch, eine rettende Verstärkung für den Berliner Putsch rechtzeitig heranführen zu können.
Flugfeld Augsburg - Mittwoch, 17. März 1920:
Während die Augsburger Politik in einem Flugblatt einmütig gegen die Berliner Kapp-Aktivitäten Position bezieht, plant Gottfried Grandel mit dem Direktor des Augsburger Rumpler-Flugdienstes an einer geheimen Kommando-Aktion.

Distanziertes Flugblatt: Augsburger Stadtrat und Fraktionen gegen den Berliner Kapp-Lüttwitz-Putsch - 13. März 1920 (Fotografie im Privatbesitz + digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40067/Plakatsammlung/124)
Die frühe Anfahrt von München nach Augsburg verläuft für die ausgewählten völkischen Akteure Dietrich Eckart (51) und Adolf Hitler (31) mit Hindernissen:
"Als am 13. März der Kapp-Putsch losbrach, da fuhr er (-Adolf Hitler-) mit Dietrich Eckart (-am 17. März 1920-) in einem, wie er uns selbst erzählte, alten klapprigen Auto, das unterwegs mehr Pannen wie Räder hatte, von München nach Augsburg, um von hier mit einem leichten, offenen Flugzeug (-Ru C IV D72-) nach Berlin (...) zu fliegen." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Jubiläumsbeilage der Augsburger National Zeitung, "15 Jahre Kampf und Sieg" v. 21.11.1937)
Kalt ist es an diesem Morgen. Kurz vor Sonnenaufgang treffen die zwei Münchener Männer auf dem Flugplatz der Augsburger Rumpler-Werke mit ihrem Geldgeber Dr. Grandel zusammen. Die Formalitäten sind trotz der Kurzfristigkeit schnell erledigt. Das Vorhaben ist geheim und mit einem hohen Risiko behaftet. Der Abflug in der Morgendämmerung erfolgt ohne Aufsehen.

In geheimer Mission: Direktor des Augsburger Flugdienstes, Otto Meyer, vor der Rumpler C IV (D 72) (hugojunkers.bplaced.net: "Rumpler Luftverkehrs AG" v. 2005)
Nachdem der 28-jährige Weltkriegspilot Robert Ritter v. Greim durch Umdrehungen des schweren Holz-Propellers etwas Gasgemisch in die Zylinder des 150 PS-Motors gesaugt hatte, kurbelt er kräftig am Anlasser. Mit einem Seufzer springt der schwere Motor an. Das Flugziel für den entmilitarisierten Rumpler-Doppeldecker lautet:
Berlin - Zentrum des Kapp-Lüttwitz-Putsches.

Wagemutige Aktionen gewohnt: Weltkriegs-Pilot Leutnant Rober Ritter v. Greim - 1917 (BArch: Bild 146-1969-030-18 / o.Ang)
Publizist Eckart, der schon über Flugerfahrungen durch seinen Jugendfreund Karl Guido Bomhard verfügt, erinnert sich an den gemeinsamen Flug mit Adolf Hitler in einer späteren Vernehmung:
"Mein Verhältnis zu ihm wurde inniger während der Zeit des Kapp-Putsches. Mir war es damals weniger um Kapp zu tun, als darum, mit Hilfe des Putsches das sozialdemokratische Ministerium in München hinwegzubekommen. Ich unterhandelte damals mit General von Epp und Herrn von Kahr, mit letzterem in der entscheidenden Nacht im Münchener Polizeipräsidium. Von Kapp drang nach München nichts mehr durch, und so entschloß ich mich, zu ihm nach Berlin zu fliegen. Auf diesem Flug, von Augsburg aus, begleitete mich der damals noch gänzlich unbekannte Hitler." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/2180, S.7, Erklärung Eckarts bei polizeilicher Vernehmung v. 15.11.1923)
Für Adolf Hitler ist es der erste Flug. Ein nachrüstbarer Kabinenaufbau kommt beim Augsburger Rumpler-Flugdienst erst im Laufe des Jahres 1920 zum Einsatz; dafür gibt es in dem entmilitarisierten Kriegsflugzeug Panoramasicht bei durchschnittlich kühlen 5°C. Das reduzierte Reisegepäck wird am Fahrgestell befestigt. Publizist Dietrich Eckart notiert in seiner Nachbetrachtung:
"Zu dritt sausten wir ab, von Augsburg aus." (Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12, S.155, GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834)
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In offerner Kabine: Doppeldecker auf dem Weg nach Berlin-Johannesthal (BArch: Bild 102-15777 - o.Ang.)
Die Aufenthaltsqualität für Passagiere ist in dem Rumpf des alten Doppeldeckers alles andere als komfortabel. Allein schon bei Regen und Hagel wirken die Tropfen während des Fluges wie Nadelstiche auf der Haut. Hinzu kommt der permanente Ölverlust des lauten Motors, welcher durch den Fahrtwind der Besatzung auf Dauer das Gesicht verschmiert. In den Erinnerungen von Otto Dietrich heißt es zu der ehemaligen Militärmaschine aus Augsburg:
"Sie faßte eigentlich nur zwei Personen.(...) In dem engen, offenen Sitzplatz, eingeengt zwischen Kanistern mit Brennstoff und Öl, und von Böhen hin und hergeworfen, beherrscht ihn (-Hitler-) nur ein Gedanke: Kommen wir noch rechtzeitig nach Berlin?" (Dietrich: "Mit Hitler in die Macht", S.83/84 - 1934)

Der Reichshauptstadt in 1500 Metern Höhe entgegen: Rumpler-Doppeldecker über den Wolken (Fotografie im Privatbesitz)
Der Flug startet in Richtung Bayreuth. Die Wagner- und gleichzeitige Geburtsstadt des Piloten Robert v. Greim wird auf besonderen Wunsch Adolf Hitlers überflogen, der schon seit längerem ein Bewunderer Richard Wagners ist. Aus rund 300 Metern Flughöhe kann Hitler seinen Sehnsuchtsort in den Blick nehmen.

Ausblick in die Tiefe: In offener Kabine durch die Wolkendecke (Fotografie im Privatbesitz - Flugplatz Jüterbog)
Weiter geht es über Halle nach Berlin. Aufgrund der 660 km Entfernung, Windverhältnisse und erhöhter Personenlast kann die Strecke jedoch nicht ohne Unterbrechung geflogen werden. Offizielle Landeplätze in gutem Ausbauzustand gibt es zu dieser Zeit nur wenige. Üblich sind für weitere Strecken daher Zwischenlandungen auf Wiesen, um aus den mitgeführten Reservekanistern Benzin nachfüllen zu können.
"(...) von München (-mit dem Auto-) nach Augsburg, um von hier mit einem leichten, offenen Flugzeug (-Rumpler C IV/D 72-) nach Berlin, nicht ohne noch glimpflich verlaufene Notlandung (-Tanklandung in Jüterbog-) unterwegs, zu fliegen." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Jubiläumsbeilage der Augsburger National Zeitung, "15 Jahre Kampf und Sieg - Der Führer startet in Augsburg" v. 21.11.1937)
Zum Tanken steuert Robert Ritter v. Greim um die Mittagszeit des 17. März den Landeplatz in Jüterbog an, rund 60 km südlich von Berlin gelegen. Die Tankversorgung in der politisch instabilen Hauptstadt scheint ihm nicht gesichert, doch auch die Lage in Jüterbog erweist sich für die Besatzung als riskant. Dietrich Eckart schreibt:
"In Jüterbog mußten wir landen: es galt, unser Benzin umzufüllen. Feindliche Stimmung empfing uns. U.-S.-P.-Stimmung." (Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12, S.154, GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834)

Truppenübungsplatz mit Landebahn: Jüterbog - 1928 (Postkarte im Privatbesitz / Photo-Werkstätten Gauger - Gutenberg)
Außerhalb Bayerns ist Adolf Hitler zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt, was auch daran liegt, dass er zu diesem Zeitpunkt von sich noch keine Pressefotografien erlaubt. Der landesweit ausgerufene Generalstreik der von Berlin nach Dresden geflüchteten Reichsregierung macht jedoch auch vor dem ehemaligen Militärstandort Jüterbog nicht halt.
Flugzeuge sind in der restriktiven Nachkriegszeit selten und daher besonders auffällig; hinzu kommt der zeitgleich im nahen Berlin stattfindende rechtsnationale Militärputsch. Schon kurz nach der Landung in Jüterbog wird der Doppeldecker daher von streikenden Arbeitern neugierig umringt, die in der politisch aufgeheizten Stimmung hier das Sagen haben. Der Besatzung droht eine Gefangennahme, denn die Streikenden sind in der Überzahl und stellen den Reisenden besonders kritische Fragen. In einem späteren Rückblick hierzu heißt es:
"In Jüterbog mußte damals Greim zwischenlanden. Die Flugplätze wurden wegen der Vorgänge in Berlin von den verstörten Marxisten scharf überwacht. Kaum war die Maschine am Boden, da war sie auch schon von den Roten umstellt. Sollte man feuern und im selben Augenblick, unter Ausnutzung der Verwirrung, mit der Maschine entfliehen?" (Dietrich: "Mit Hitler in die Macht", S.84 - 1934)
Die Situation vor Ort stellt sich für die dreiköpfige Besatzung als besonders heikel dar, ihre Mission droht zu scheitern. In dem späteren Beitrag über den Kapp-Putsch schreibt Dietrich Eckart in seiner Wochenschrift:
"Und trübes Ahnen beschlich mich. Wenn Kapps Macht nicht einmal bis Jüterbog reichte? Nach kurzem Hin und Her hieß es, das Flugzeug dürfe auf keinen Fall den Platz mehr verlassen. Aber es kam anders." (Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12, S.155, GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834)
Dem Publizisten Dietrich Eckart gelingt es, die streikenden Arbeiter vom geschäftlichen Charakter des Fluges zu überzeugen; er sei lediglich harmloser Papierhändler und mit seinem angestellten Buchhalter auf dem Weg nach Berlin. Auch der sogenannte Buchhalter Adolf Hitler bleibt mit der angeblichen Tarnung eines angeklebten Spitz-Bartes unerkannt. (Maser: "Die Frühgeschichte der NSDAP", S.217 - 1965)
In einerer späteren Veröffentlichung wird zu dem weiteren Verlauf vermerkt:
"Denn als Dietrich Eckart sich als 'Papierschieber' ausgab, wurde die Maschine von den Marxisten freigegeben." (Dietrich: "Mit Hitler in die Macht", S.84 - 1942)

Begehrter Papierbrei aus Berlin: Gepresste Bögen aus einem Walzsystem (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Die Voss, Nr.24, S.6 v. 14.6.1924)
Die Erklärung scheint den Streikwächtern in Jüterbog schlüssig. Möglicherweise wird hier auch die angebliche Papierversorgung der linksgerichteten Münchener Post als entscheidendes Argument mit angeführt. Eckart führt dazu weiter aus:
"In dem Taucherkostüm, noch dazu halb erstarrt, wie ich infolge des böigen Wetters war, und mit meinen grausam grauen Bartstoppeln machte ich wohl einen sehr ältlichen Eindruck, erregte aber gerade dadurch bei dem Führer der 'Rotte Korah' die ungeheuchelte Bewunderung.
'So'n oller Herr, und bei so'n Wind noch in der Luft herumjondeln - -?'
Die Stimme war auf einmal sehr wohlwollend. Man sieht: wenn's nur wie Mut aussieht, dann fühlen sich diese Leute gleich angeheimelt. Der bayerische Dialekt tat das übrige. Hilfreiche Hände gossen uns das Benzin ein. Und eine wundervolle Schinkenstulle gab's noch extra. Unter allseitigem, fast zärtlichem Winken, flogen wir ab." (Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12, S.155, GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834)

Der roten Rotte entronnen - Doppeldecker nach dem Start - 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
Nach weiteren 30 Flugminuten erreichen die drei Besatzungsmitglieder endlich Berlin. Am frühen Nachmittag des 17. März 1920 landet der alte Doppeldecker auf dem Flugfeld der ehemaligen Flugerprobungsstelle Berlin-Johannesthal, welche den Luftpost-Dienstleistern seit dem Februar 1919 wieder regulär zur Verfügung steht.

Flugplatz Berlin-Johannisthal - 1920 (Fotografie im Privatbesitz / Böhm, Reinhold)
Dietrich Eckart schreibt zu der Ankunft in Berlin:
"Mit Blitzschnelle waren wir in Berlin. Nach einer Gesamtflugdauer von rund viereinhalb Stunden." (Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12, S.154, GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834)

Landeanflug auf der Flugerprobungsstelle in Berlin-Johannisthal (BArch: Symbolbild 102-15777 / o.Ang.)
Der seit dem 1. März 1920 als Augsburger Luftverkehrspilot tätige Leutnant Robert v. Greim notiert in seinem Flugbuch den Verlauf des Transportauftrages nach Berlin:

(Robert v. Greims Flugbuch Nr. III, S.166 v. März 1920, Auszug in Braatz: "Robert von Greim - Band I", S.270 - 2016)
Nachdem sich der DAP-Werbeobmann Hitler dem Pressesprecher Trebitsch-Lincoln und Major Waldemar Pabst als Propagandaleiter mit einem Empfehlungsschreiben Hauptmann Ernst Röhms zur Verfügung stellen will, ist der ehemalige Generalstabsoffizier direkt:
"So, wie Sie aussehen und sprechen, lachen die Leute Sie aus." (Gietinger: "Der Konterrevolutionär: Waldemar Pabst", S.220 - 2009)
Dieser notiert wiederum am 29. März 1920:
"Als ich den Pressechef der Regierung Kapp sprach und sah, wußte ich, daß dies keine nationale Revolution sein konnte und diese auch erfolglos bleiben mußte, denn der Pressechef (-Ignaz Trebitsch-Lincoln-) war Jude." (Jäckel: "Hitler - Sämtliche Aufzeichnungen", S.117 - 2009)
Auch der Berliner Marine-Brigadeführer ist sich seines Urteils über Adolf Hitler sicher:
"Ehrhardt soll ihn (...) unwirsch abgewiesen haben: Man könne ihn nicht brauchen; mit seiner österreichischen Aussprache könne er hier nichts erreichen." (Auerbach in: "Nationalismus in der Region", S.85)
Kapitän Hermann Ehrhardt plagen in Berlin ganz andere Probleme. Hatte er mit seiner Brigade noch planmäßig seinen Teil zu dem Umsturz beigetragen, gleicht die politische Ebene um Wolfgang Kapp zunehmend einem Totalausfall:
"Währenddessen standen Ehrhardts Soldaten Gewehr bei Fuß und warteten auf Weisungen, aber die Weisungen blieben aus. Statt dessen erhielt Ehrhardt den Auftrag, Geld zu beschaffen, denn Kapp hatte den putschenden Soldaten höhere Löhnung versprochen. Ehrhardt begab sich mit einer von Kapp unterzeichneten Anweisung zur Reichsbank-Hauptkasse, wo ihm bedeutet wurde, daß Anweisungen auf Reichsguthaben nur durch ordentliche Schecks erfolgen könnten; im übrigen sei Sonntag und die Bank geschlossen. Am nächsten Tag erschien Ehrhardt wieder in der Reichsbank, diesmal mit einem Scheck über zehn Millionen Mark, unterzeichnet mit 'Kapp'. Er kam immerhin bis zum stellvertretenden Reichsbankpräsidenten, der ihm von oben herab erklärte, ein Reichskanzler dieses Namens sei ihm unbekannt. Noch mehrmals in diesen Tagen erschienen Offiziere in der Reichsbank und wurden stets mit immer komplizierteren Erklärungen fortgeschickt, bis schließlich ein Berater Kapps (-Pabst?-) Ehrhardt nahelegte, doch einfach in die Reichsbank einzudringen und das Geld mit Gewalt zu holen. Der Freikorpsführer war entrüstet: auf derartig schmutzige Sachen lasse er sich nicht ein, er sei Offizier und kein Bankräuber." (Schulze: "Weimar. Deutschland 1917-33", S.216)
Für Brigadeführer Ehrhardt selbst stellt sich in seinen Erinnerungen die Situation wie folgt dar:
"Von der geringen Autorität der neuen Männer erhielt ich bald einen handgreiflichen Beweis. Ich erhielt den Befehl, zehn Millionen Mark von der Reichsbank zu holen. Wie üblich, betraute ich einen Offizier mit der Aufgabe. Aber die Reichsbank wies den betreffenden Herrn ab. Ich bekam danach - später, als das Unternehmen schon kränker geworden war, den Befehl, dies Geld mit Gewalt zu holen. Diesen Befehl habe ich nicht ausgeführt. Es ging mir gegen den Strich, als Geldschrankknacker aufzutreten." (Freksa: "Kapitän Ehrhardt", S.184)
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Nicht für jeden Job zu haben: Kapitän Hermann Ehrhardt - 1920 (BArch: Bild 146-1971-037-42 / o.Ang.)
Auch Hitler ist vom Verlauf des Putsches frustriert, laut Itinerar soll er ursprünglich als Propagandaleiter bei Waldemar Papst Verwendung finden, doch für den Agitations-Experten aus München scheint es in Berlin keine geeignete Verwendung mehr zu geben. Die Abordnung aus Süddeutschland wird schließlich durch die Absperrungen bis zum Zentralsitz der Putschisten im Berliner Zentrum vorgelassen. Dietrich Eckart notiert:
"Eine elende Kutsche brachte uns im Schneckentempo nach der Friedrichsstadt. Preis: 250 Mark. Ecke Wilhelm-Leipzigerstraße hielten wir, vor einem großen Trupp Soldaten, der den Zugang zum Reichskanzlerpalais absperrte. Baltikumkämpfer. Gesichter wie aus Erz. Ein junger Offizier führte uns nach dem Palais, noch ganz voller Zuversicht. Trotzdem, mein Bangen wollte nicht weichen. Vor der Auffahrt und im Empfangsraum eine Unmenge Menschen. Zwei Augenpaare trafen sich, die meinigen und die eines rasch heraustretenden Generals. Instinktiv fühlte ich mich abgestoßen. Nach allem, was ich nachher erfuhr, war es Sixt von Arnim. Anmeldung. Und dann warten, warten. Als ob es stundenlang währte. Mein Bangen wuchs. Immer wieder drängte es mich zum Eingang. Warum dieses Zögern? Kapp mußte doch das größte Interesse haben, von Bayern etwas zu erfahren. Plötzlich tauchten drei Juden auf, aber nicht etwa kriechend, sondern herausfordernd frech. Ich fühlte, wie mir die letzte Hoffnung versank." (Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12, S.154, GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834)
Auch der aus München stammende Verleger Julius F. Lehmann veröffentlicht eine Nachbetrachtung des Kapp-Putsches:
"Ja, im Grunde herrschte schon Zersetzung, ehe Kapp überhaupt kam. Zum mindesten war, von Ehrhardt und wenigen anderen Getreuen abgesehen, auf nichts Sicheres zu rechnen." (Lehmann: "Wolfgang Kapp und das Märzunternehmen vom Jahre 1920: Ein Wort der Sühne", S.156 - 1937)
Mittlerweile hat Dietrich Eckart mit seiner Begleitung endgültig realisiert: Sie kommen zu spät; der Putsch ist nach den ersten 100 Stunden unblutig gescheitert. Eckarts ursprüngliche Hoffnung, Dr. Wolfgang Kapp, befindet sich bereits mit seiner Tochter kurz vor der Flucht in Richtung Schweden. Publizist Eckart schreibt in seiner Kapp-Ausgabe über die Begegnung weiter:
"Ein Blick nach links: Kapp stand vor mir. Ohne Freunde, nur von seiner jungen Tochter begleitet. In dem Halbdunkel von Bismarckscher Wucht. Meiner Lebtag werde ich diese Augen nicht mehr vergessen. Trauer und Schmerz und Zorn und Hoheit darin. Wozu noch reden? Es eilt ja auch; er war auf der Flucht. Nur das eine erfuhr ich: (General) Sixt von Arnim war ihm in den Rücken gefallen. Aus." (Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12, S.155/156, GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834)
Von Eckarts Begleitung nimmt Wolfgang Kapp keine Notitz, Hitler ist ihm unbekannt. In seinem späteren Polizeiverhör vom 15. November 1923 gibt Dietrich Eckart rückblickend noch zu Protokoll:
"Der Flug war zwecklos, da Kapp kurz nach unserer Ankunft das Weite suchen musste." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/2180, S.7, Erklärung Eckarts bei polizeilicher Vernehmung v. 15.11.1923)
Für den Kapitän Ehrhardt beginnt nach dem offensichtlichen Scheitern die schwierigste Phase des Unternehmens:
"Ein Handeln nur gab es für mich: die Truppe intakt zu erhalten, denn ich spürte es, daß die kommunistische Regierungspropaganda mit allen Mitteln der Zersetzung einsetzte. Redner traten auf, Flugblätter wurden den Leuten in die Hände gedrückt. Wilde Nachrichten tauchten auf. Da gab es nur einen Ausweg: vorrübergehend mußte ich die Sicherung der ganzen Stadt aufgeben, um die Brigade regimenterweise ins Wilhelmviertel zu werfen." (Freksa: "Kapitän Ehrhardt", S.186)
In einer Ansprache an seine Soldaten führt er aus:
"Wir haben unser Ziel nicht erreicht. Schuld daran trägt die Feigheit des Bürgertums und die Schlappheit führender militärischer Persönlichkeiten. Der Bolschewismus glaubt seinen Augenblick gekommen. Unsere Brigade ist die einzige festgefügte Truppe in Berlin. Darum müssen wir den Kampf gegen die Kommunisten als die ersten und stärksten aufnehmen. Ich verlange wie bisher unbedingt Disziplin und Gehorsam. Ich trete ein für die Brigade und für jeden einzelnen Mann, aber ich verlange, daß die Brigade geschlossen hinter mir steht. Treue um Treue." (Freksa: "Kapitän Ehrhardt", S.186/187)
Für den Berliner General v. Seeckt, dem Chef des im Oktober 1919 neu gegründeten Generalstabes, ergeben sich nun Fragestellungen im Umgang mit der abziehenden Brigade. Hermann Ehrhardt berichtet:
"Ich wurde zum General von Seeckt befohlen. Zu meinem Erstaunen fand ich hier alle übrigen Kommandeure versammelt. Seeckt fragte mich ernst: 'Kann ich mich auf die Brigade im Kampf gegen den drohenden Bolschewismus stützen?' Ich sicherte es ihm zu. General von Seeckt nahm mich gleichsam in Pflicht mit den Worten: 'Ich habe die Tat der Brigade nicht billigen können, jedoch erkenne ich die tadelose Disziplin dieser Truppe an und hoffe, daß ich mich in den bevorstehenden schweren Kämpfen fest auf die 2. Marine-Brigade verlassen kann.(...) Ich gebe der 2. Marine-Brigade die Zusicherung, dass ein Haftbefehl gegen ihren Kommandeur, solange derselbe unter meinem Kommando steht, nicht durchgeführt wird.' Bei meinem Versprechen, General von Seeckt könne sich ganz auf mich verlassen, machte ich nur eine Einschränkung: unmöglich dürfe von mir verlangt werden, die alte Regierung zu bewachen, die drei Tage vorher vor uns geflohen war. Da das allen natürlichen Gesetzen der Autorität entsprach, wurde mir dies Zugeständnis gemacht und ich mit meinen Leuten in einen anderen Stadtteil Berlins verlegt. Als der Hauptteil der Brigade aus dem Wilhelmsviertel abmarschierte, spielte vorn die Musik 'Deutschland, Deutschland über alles' - hinten aber krachten die Gewehre. Die maßlose Propaganda, die von roter Seite und auch von den Demokraten getrieben worden war, erntete als Früchte blaue Bohnen. Dem Gesindel der Großstadt war zugerufen worden: 'Parteigenossen! Eure Schicksalsstunde ist gekommen! Russland ist bereit! Das Bürgerpack ist unsicher, unklar, aschgrau und ohne Hoffnung.' Falsche Flugblätter schrien in die Straßen hinaus: Die Republik ist gerettet! Die Baltikumer sind überwältigt! Trotz des Regens waren alle Bürgersteige mit sich drängenden Menschen überfüllt. Die Masse brach in die Marschzwischenräume der Regimenter ein. Aber meine Leute verstanden keinen Spaß: auf die Schimpfenden, Spuckenden schlugen sie mit dem Kolben ein. Ihr persönlicher Schneid war über alles Lob erhaben, ich sah, wie selbst ein Gaul wild wurde und mit einem leichten Minenwerfer in die Menge sauste. Drei Mann holten ihn zurück, ohne daß die johlende Menge sie anzupacken wagte. Wie es zur Schießerei gekommen ist, kann nur sehr schwer ermittelt werden. Daß dazu in der Menge Absicht und Entschluß vorhanden war, geht schon daraus hervor, daß sie den Regen nicht scheute, der sonst alle spontanen revolutionären Bewegungen zur Ruhe bringt." (Freksa: "Kapitän Ehrhardt", S.188/189 - 1924)

Nach dem Scheitern der Berliner Putschisten: Panzerauto der Regierungstruppen in der Petristraße - März 1920 (Fotografie im Privatbesitz / Berliner Illustrationsgesellschaft m.b.H.)
In seinem Buch geht auch der Münchener Major Ernst Röhm auf das Scheitern des Kapp-Putsches ein:
"Am 13. März 1920 brach das Kapp-Unternehmen los. Nun wird ja die Streitfrage nie gelöst werden, worauf und inwieweit bei einem revolutionären Unternehmen mehr Gewicht gelegt werden soll: auf die möglichst große Geheimhaltung oder auf die tunlichst gründliche Vorbereitung. Was dem einen zugute kommt, schadet dem anderen. Zwischen den beiden Notwendigkeiten den richtigen Ausgleich zu finden, wird immer Kunst und Gefühl des revolutionären Führers entscheiden müssen. Kapp entschied sich, wenigstens was Bayern betrifft, zugunsten der Geheimhaltung. Auf entscheidende Vorbereitungen glaubte er hier verzichten zu können.(...) Aber der verantwortliche Befehlshaber und sein mitverantwortlicher Stabschef konnten sich zu keiner klaren Stellungnahme durchringen. Die bayerische Division hielt zu Kapp und hielt zu Ebert - sie wartete ab. Daran allein, das ist meine Überzeugung, ist das Unternehmen Kapp-Lüttwitz gescheitert.(...) Sie ließen ihre Kameraden, die den Kopf gewagt hatten, im Stich." (Röhm: "Die Geschichte eines Hochverräters", S.116/117 - 1934)
Dietrich Eckart berichtet als Zeuge in einer anderen Angelegenheit über die Maßnahmen nach dem Kapp-Putsch:
"Dieses Schreiben habe man, sagte der Zeuge, bei ihm beschlagnahmt, als er nach dem Kapp-Putsch in Untersuchung genommen wurde." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.182 , S.9 - "Beleidigungsprozeß Ballerstedt" v. 29.4.1921)
Zusammenfassend schreibt er in seinem Wochenheft Auf gut deutsch über Wolfgang Kapp:
"Trotz alledem, wenn er auch nicht d e r Mann war, ein Mann war er doch. Kerndeutsch bis ins Herz hinein." (GStA Berlin, I.HA Rep.92 NL Kapp, Nr.834 - Eckart: "Auf gut deutsch", 2. Jahrg. 1920, Heft 11/12)
Für die drei Reisenden aus Süddeutschland ist der Berliner Aufenthalt jedoch nicht beendet. Dietrich Eckart nutzt aus der Not heraus die Kontakte aus früheren Zeiten, um seinen Begleiter Adolf Hitler erstmals in national-gesinnte Kreise Berlins einzuführen.
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Video: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch
https://www.youtube.com/watch?v=4aCtwIv7qGA
https://www.dhm.de/fileadmin/medien/lemo/videos/putsch-036.jpg
Hitlers Erstkontakt in Berlin: Heinrich Class
(304-1920) Trotz des gescheiterten Kapp-Putsches vom März 1920 ist der von Dr. Grandel finanzierte Berlin-Besuch für Adolf Hitlers politischen Ambitionen von Bedeutung.
Die Kontaktebene zur nationalen Oberschicht wird hier durch Dietrich Eckarts Vermittlung und vielseitigen Beziehungen weiter ausgebaut. Das Klavierfabrikanten-Ehepaar Bechstein, General Erich Ludendorff, der Alldeutsche Ernst Graf zu Reventlow - auch die erste Verbindung zu Justizrat Heinrich Class, dem Vorsitzenden des einflussreichen Alldeutschen Verbandes, wird in dem Jahr 1920 hergestellt:
"Wann genau das erste persönliche Treffen zwischen Claß und Hitler 1920 stattgefunden hat, kann aufgrund ungenauer Quellenangaben nicht mehr exakt rekonstruiert werden. Claß datierte in seinen 1936 geschriebenen (-politischen-) Erinnerungen das erste Treffen in Berlin (-München?-) auf kurz nach (-vor-) der Verkündigung des NSDAP-Programms am 24. Februar 1920. Seine erste Reise in die Reichshauptstadt trat Hitler (-nach einer Rumpler-Flugbereitsstellung durch Gottfried Grandel-) im Auftrag seines Förderers Karl Mayr und gemeinsam mit dem völkischen Publizisten Dietrich Eckart während des Lüttwitz-Kapp-Putsches Mitte März 1920 an." (Leicht: "Heinrich Claß 1868-1953", S.287 - 2012)
Der in Berlin tätige alldeutsche Verbandsvorsitzende Heinrich Class vermerkt später in seinen politischen Erinnerungen:
"Im Gegensatz zu dem, was Hitler mir kurze Zeit vorher (-vor der Münchener Parteiprogramm-Vorstellung vom 24. Februar 1920-) in Berlin (-München?-) erklärt hatte, fand ich, dass schon im vierten Satze (-des Parteiprogrammes-) ausgesprochen war, dass Volksgenosse nur sein könne, wer deutschen Blutes sei." (Class: "Politische Erinnerungen", S.866 - 1936)

Berlin: Einflussreicher Lobbyist aus Kaiserzeiten: Rechtsanwalt Heinrich Class - 1920 (Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.41 - 1989)
Ein Empfehlungsschreiben des damaligen Münchener Polizeipräsidenten Ernst Pöhner suggeriert jedoch, dass die erste offizielle Berliner Kontaktaufnahme Adolf Hitlers zu Heinrich Class zum Ende des Jahres 1920 stattgefunden habe:
"Hochverehrter Herr Justizrat (-Heinrich Class-)! Hochverehrter Herr Oberfinanzrat (-Dr. Paul Bang-)!
Der Überbringer gegenwärtigen Briefes, Herr Hitler, ist Ihnen bereits von Ihrem Aufenthalt in München (-Ende Februar 1920-) her bekannt, ich selbst habe mit Herrn Hitler bereits eingehende längere Unterredungen gepflogen und mich dabei überzeugt, daß er ein ausserordentlich geschickter und tatkräftiger Verfechter unserer gemeinsamen Ideen ist. Er ist eine organisatorische und agitatorische Kraft ersten Ranges und als der beste Redner der nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in ganz Bayern bekannt. Die Versammlungen, in denen er spricht, sind stets überfüllt. Herr Hitler ist, wie er mir erklärt hat, gerne bereit, falls er die nötige finanzielle Unterstützung findet, auch in Norddeutschland sich entsprechend zu betätigen. Ich möchte Ihnen hiermit Herrn Hitler aufs wärmste empfehlen und bin gewiss, daß er Ihnen vorzügliche Dienste leisten wird." (BArch Berlin: R8048/258 - Münchens Polizeipräsident Ernst Pöhner an Heinrich Class/Dr. Paul Bang, der aus Dresden stammende DVNP-Abgeordnete, der bei dem gescheiterten Kapp-Putsch v. März 1920 als Reichsfinanzminister vorgesehen wurde, Bl.198 v. 11.12.1920)

Zentrale Figur im völkisch-nationalistischen Milieu: Münchens Polizeipräsident Ernst Pöhner - 1921 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-3081 / Hoffmann, Heinrich)
Der Verbandsvorsitzende Heinrich Class schreibt dann auch am 21. Dezember 1920 von einem gemeinsamen Treffen mit Adolf Hitler (in Begleitung von Hermann Esser?) in Berlin:
"Sehr verehrter Herr Doktor! Soeben war bei uns (-in Berlin-) Herr Hitler. Derselbe sagte uns, daß seit 17. d. Mts. (-Dezember 1920-) der 'Völkische Beobachter' notariell im Besitz des National-Sozialistischen Arbeitervereins sich befindet." (BArch Berlin: R8048/258 - Heinrich Class an unbenannten Doktor, Bl.200 v. 21.12.1920)

Finanzielles Wagnis: Ankauf des stark verschuldeten 'Völkischen Beobachters' aus München durch den NSDAV - 17. Dezember 1920 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-FOR-1262 - Liebherrstraße, Ecke Thierschstraße 11)
Rechtsanwalt Class gehört laut Uta Jungcurts Veröffentlichung "Alldeutscher Extremismus" dem Germanen-Orden an (S.284). Über die Zielsetzung seines Alldeutschen Verbandes heißt es:
"Die Alldeutschen kämpften für einen Zusammenschluß aller von Deutschen bewohnten Gebiete Europas als Grundlage für den von ihnen angestrebten Aufstieg Deutschlands zu einer erstrangigen Weltmacht." (Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.37 - 1994)
In der Biographie "Heinrich Claß 1868-1953" von Johannes Leicht wird auf diese Nachkriegs-Phase eingegangen:
"Claß wähnt sich im Zentrum der völkisch-nationalen Rechtsbewegung. Aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung versteht er sich als kompetenter politischer Experte und unentbehrlicher Politikberater."
Für den Verbandsvorsitzenden steht fest:
"Hier in Berlin laufen die Fäden zusammen, hier bin ich leider immer noch unersetzbar."
Seine Erinnerungen an das erste Treffen mit Adolf Hitler in Berlin finden in einer Buchveröffentlichung ausführliche Erwähnung:
"In der überschwänglichen Art, die ihm in seinen jungen Jahren eigen war, küßte Hitler dem Justizrat die Hände und bekannte sich als seinen treuen Schüler. Er hatte mit innerer Erregung den 'Einhart' gelesen und nach der Lektüre von 'Wenn ich der Kaiser wär' die Überzeugung gewonnen, daß in diesem Buch alles für das deutsche Volk Wichtige und Notwendige enthalten sei. Hitler erging sich in stundenlangen Ausführungen über das Programm seiner Partei und wurde dem alldeutschen Führer allmählich lästig." (Kruck: "Geschichte des Alldeutschen Verbandes, 1890-1939", S.192 - 1954)

"Allmählich lästig": Werbeobmann Adolf Hitler - April 1921 (Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.163 - 1989 + imago/ZUMA/Keystone + alamy.de: Bild-ID: 2D4JWW7/ Hoffmann, Heinrich / Maehler, Gert)
Das Buch "Begegnungen in fünf Jahrzehnten" zitiert Heinrich Class hierzu mit den Worten:
"Unsere Aussprache (-vom Frühjahr 1920-) dauerte etwas über zwei Stunden. Das Wort Aussprache ist insofern unrichtig, als es sich zeitlich in der Hauptsache um Vorträge handelte, die Hitler mir hielt und die ich entgegenzunehmen hatte.(...) Bei seinen Darlegungen behandelte Hitler mich als Volksversammlung, indem er nicht nur mit einem ungewöhnlichen Stimmesaufwand auf mich einredete, sondern diese auch mit den lebhaftesten, ja stürmischen Bewegungen der Arme und Hände begleitete. Er war mir körperlich so nahe gerückt, daß er mir bei seinen Bewegungen mit der Hand so nahe ans Gesicht, besonders vor die Augen kam, daß ich manchmal so etwas wie Schwindel empfand. Dieser Mann war ein politischer Wildling, der das Bedürfnis hatte, die Überzeugungskraft dessen, was er vorbrachte, auch dem Einzelnen gegenüber durch die Wucht seiner Stimme und durch Arm- oder Handbewegungen nachdrücklicher zu machen.(...) Zweierlei machte mich stutzig: die unumwundene Erklärung, daß er sein Programm so, wie er es mir vorgetragen hatte, aus Rücksicht auf die erhoffte Gefolgschaft aus den Massen gestaltet hatte, und daß er bereit war, es nach erreichtem Erfolg preiszugeben. Dies schien mir in meiner altväterischen Meinung von Pflichten eines politisch Tätigen, der seine Mitbürger aufklären wollte, ein Verstoß gegen die Wahrhaftigkeit. Sollte hier der Zweck die Mittel heiligen dürfen?" (v. Schlabrendorff: "Begegnungen in fünf Jahrzehnten", S.151/152 - 1979)
Dies fragt sich Heinrich Class in seiner vom Herbst 1936 in der Schweiz verfassten, daraufhin in einem Schließfach deponierten und erst nach seinem Tod zugänglichen Niederschrift.
In der Biographie über Justizrat Heinrich Class heißt es weiter:
"In Hitler erblickte Claß jedenfalls das Potential, mit dessen antikapitalistischer Hetze große Teile der Arbeiterschaft für die nationale Sache gewinnen zu können."
Heinrich Class führt in seiner nüchternen Betrachtung über die erste Begegnung mit dem Propagandisten Adolf Hitler weiter aus:
"Das andere war der offenbar unbedingte Glaube an sich selbst und an die Überzeugungskraft seiner Person, sowie die ganze Art seines Auftretens. Nach der ersten Viertelstunde unserer Unterhaltung ward mir klar, daß ich es mit einem ausgesprochenen Hysteriker zu tun hatte, wobei ich nicht wissen konnte, ob seine Hysterie durch den Krieg veranlaßt oder sonstwie bedingt war. Ich hatte als Anwalt in den Rechtsstreitigkeiten, die ich für die Eisenbahndirektion Mainz zu führen hatte, sowie bei Ehescheidungen und in größeren Strafsachen so viel mit hysterischen Menschen zu tun, hatte so viel Gutachten kennengelernt und mich aus den wichtigsten Büchern unterrichtet, daß ich mir ein Urteil über den Gast zutrauen konnte, der eine neue Art der Politik im Vaterlande einführen wollte."
Justizrat Class kommt sodann zu einer vorläufigen Einschätzung:
"Es mag sein, ist sogar wahrscheinlich, daß die hysterische Beredsamkeit, die Hitler mir gegenüber angewandt hatte, auf Massen große Wirkung ausübt - ob er die Eigenschaft besitzt, die den politischen Führer im höheren Sinn, die den Staatsmann bilden, schien mir ausgeschlossen. Dieses mein 'nein' hing aufs engste damit zusammen, daß seine hysterische Veranlagung mir unzweifelhaft erschien."
Privatier Gottfried Grandel äußert sich 1941 in seinem NSDAP-Archivbericht zu dem Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes. Es ist dabei bezeichnend, daß er mit keinem einzigen Hinweis auf die Geschehnisse eingeht, die 1924 zu seiner eigenen Inhaftierung führten und in dessen Verlauf er den Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes Claß in seinem anfänglichen Geständnis der Aufforderung zum Mord beschuldigte.
Für das NSDAP-Hauptarchiv schreibt Gottfried Grandel 1941/42 rückblickend über das frühe Zusammentreffen von Heinrich Class und Adolf Hitler:
"In den Jahren 1922 und 1923 war ich sehr aktiv. Mit Hitler und (-Dietrich-) Eckart blieb ich immer in Fühlung, aber auch mit den Führern der anderen 'vaterländischen' und völkischen Verbände und Gruppen, sowohl in Bayern als in Norddeutschland. Ich nahm Beziehungen auf zu dem Führer der 'Alldeutschen', Justizrat Heinrich Class in Berlin, und zu seinem ansehnlichen Kreise, um deren Einstellung zur Hitlerbewegung zu erkunden und um die Herren zusammenzubringen.
Hitler war gegen Class misstrauisch. Auf mein Betreiben kam es aber dann doch (...) im Frühjahr und Sommer des Jahres 1923 (...) zu mehreren Zusammenkünften, in Nürnberg in der Wohnung von Hptm. Heiss, in München im Hotel Marienbad (-Max Aumüller, Barer Straße 11-). Ich war bei diesen Besprechungen zugegen. Es wurden Aktionsprogramme beraten, welche gute Übereinstimmung ergaben. Zugegen waren außerdem (-Hermann-) Göring, R.(-udolf-) Hess, (-Ernst-) Röhm, Kriebel, (Lorenz-) Mesch, Dr. Bang, (-Ernst-) Pöhner, (-Wilhelm-) Frick.(...) Im Anschluss an diese Zusammenkünfte kam Class sehr häufig nach München und besuchte Hitler; allerdings auch v. Kahr und v. Soden." (BArch Berlin: NS26/514, S.590/Bl.5 - Gottfried Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Gemeinsame Besprechung von Aktionsprogrammen zur Errichtung einer Diktatur: Hotel Marienbad - 1923 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-NL-WEIN-0081 / //creativecommons.org)
"Auch war ich einmal mit Röhm und Kriebel in Bad Kissingen bei Class und Dr. Bang. Doch mußte ich feststellen, dass Class auf Hitler eifersüchtig war und dessen 'Indiemachtkommen' keineswegs wünschte. Class hatte die Personen seines Kreises vorgesehen. Er begründete die Ablehnung der Person Hitlers historisch; aus Bayern könne keine Reichsregierung kommen, die Bayern seien dafür nicht geeignet." (BArch Berlin: NS26/514, S.590/Bl.5 - Gottfried Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

"Die Bayern seien dafür nicht geeignet": Verbandsvorsitzender Heinrich Class - Juli 1924 (BArch Berlin: N2368/7 - RA Heinrich Class / Fotografie im Privatbesitz)
"Class hatte sehr grosse Beziehungen und bekam viel Geld vom Hochadel und der Grossindustrie. Sein Verbindungsmann in München war Dr. (-Paul-) Tafel." (BArch Berlin: NS26/514, S.590/Bl.5 - Gottfried Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Zu dem hier von Dr. Grandel kurz erwähnten Dr. Paul Tafel heißt es:
"Sowohl in der Thule-Gesellschaft als auch im Alldeutschen Verband führend tätig war auch Dr. Paul Tafel, wie (-Julius Friedrich-) Lehmann später in der NSDAP zu finden, der (-als Mentor-) im Auftrag der Gesellschaft am 5. Januar 1919 gemeinsam mit dem Werkzeugschlosser Anton Drexler und dem Sportjournalisten Karl Harrer die Gründung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) ins Werk setzte." (Jungcurt: "Alldeutscher Extremismus", S. 284/285 - 2016)
Gottfried Grandel schreibt zu Dr. Paul Tafel auf Nachfrage des NSDAP-Hauptarchives am 6. November 1942:
"Die Anschrift des Dr. Tafel weiss ich leider nicht (-München, Gentzstr. 4/III-). Er hatte damals eine Benzinverteilungsstelle. Kurz nach 1918 war ein Buch von ihm erschienen, dessen Titel mir nicht mehr in Erinnerung ist; der Inhalt war wirtschaftlicher und politischer Art." (BArch Berlin: NS26/514, S.597/Bl.1 - Gottfried Grandel an NSDAP-Hauptarchiv v. 6.11.1942)
"Claß berichtet bereits im Juni 1920 dem führenden Münchener Alldeutschen Paul Tafel, der enge Kontakte zur NSDAP und zur Thule-Gesellschaft unterhielt, dass Hitler bei ihm in Berlin gewesen sei" (Claß: "Politische Erinnerungen", S.21 - 1936 + BArch Berlin: R 8048/258, Bl.243 - Claß an Paul Tafel v. 8.6.1920)
Juni 1921
In einem Schreiben an seinen Münchener Vertrauensmann Dr. Paul Tafel geht Heinrich Class auf die Situation der NSDAP kurz vor Ausbruch der partei-internen Führungskrise ein:
"Lieber Herr Tafel! In diesen Tagen waren Hitler und der Hauptgeschäftsführer des Völkischen Beobachters bei mir (-in Berlin-), um zu sehen, ob sie Geld (-für den Völkischen Beobachter-) bekommen könnten. Ich war natürlich nicht in der Lage, habe aber versprochen, daß ich mich bei den entsprechenden Stellen darum bemühen wolle. Dies habe ich sofort getan, aber mit einem eigenartigen Erfolge. Es wurde mir gesagt, es lägen Berichte urteilsfähiger Männer aus München vor, die sich dahin aussprächen, daß die (-NSDAP-)Bewegung von Drexler und Hitler dieselbe Entwicklung nehme, wie bisher alle sogenannten nationalsozialistischen Versuche (-bsw. DSP-): Es gelinge nicht, aus der Arbeiterschaft in nennenswertem Maße Zuzug zu bekommen; die Anhängerschaft beschränke sich auf kleinbürgerliche Kreise, und in München sei es besonders bedenklich, daß Beamte und vor allem Studenten irre gemacht und mit sozialistischen Gedankengängen verseucht würden. Man behauptete, daß diese Gefahr gerade in München sich schon stark gezeigt habe und wollte deshalb von einer Unterstützung der Bewegung nichts wissen. Mein Einwand, daß es sich jetzt in der Hauptsache darum handele, die breiten Massen gegen das Judentum mobil zu machen und Breche in die sozialistischen Parteien zu legen, wurde mit dem Hinweis bekämpft, daß der Schaden einer etwaigen Verseuchung der Studentenschaft auf die Dauer schwerer wiege, als die vorübergehende Erfüllung der beiden anderen Zwecke." (BArch Berlin: R8048/258, Bl.243 - Heinrich Class an Dr. Paul Tafel v. 8.6.1921)
In seinem Archivbericht von 1941/42 führt Dr. Grandel dann zu Heinrich Class weiter aus:
"Claß war oft bei Herrn v. Soden, der in München das Büro des Kronprinzen Rupprecht führte. - v. Soden, den ich auch einmal besuchte, war natürlich das Echo seines Herrn, der mit Rom paktiert hatte und von Hitler und der völkischen Bewegung nichts wissen wollte."
19. März 1920: Abflug aus Berlin
Nach Abschluss des Berliner Kontaktmarathons startet Pilot v. Greim schließlich am 19. März 1920 gegen 11:00 Uhr den alten Doppeldecker und fliegt bei Schnee und Hagel seine beiden Fluggäste über Halle, Rudolphstein zu einem Tank-Aufenthalt in Fürth.
"Nach einer Zwischenlandung in Fürth traten schwere Motorstörungen auf, aber man erreichte das Ziel, Augsburg, ohne Zwischenfall." (Cavallie: "Ludendorff und Kapp in Schweden", S.159 - 1995)

Rumpler-Doppeldecker in 2000 Meter Höhe (Fotografie im Privatbesitz / Böhm, Reinhold)
Als Organisator und Finanzier des heiklen Berlin-Fluges notiert Dr. Grandel nur kurz in seinem Archiv-Bericht an die NSDASP:
"Die Herren kamen zu spät. Der Putsch war bereits misslungen. Die Drei kamen mit demselben Flugzeug (-um 16:30-) glücklich nach Augsburg zurück." (BArch: NS26/514 S.586/Bl.1 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Dieser Umstand ist für Gottfried Grandel offenbar keine Selbstverständlichkeit. Nicht nur Adolf Hitler muss sich nun von den Strapazen der letzten Tage erholen.
Über die Flugaktion schreibt Wolfgang Kapps Verbindungsmann in München, der Journalist und Schriftsteller Wilhelm Kiefer (gest. 1979,) später an dessen Tochter:
"Ich habe Hitler einigermaßen gut gekannt; für die Tat Ihres Vaters war er aufs höchste begeistert. Sie (-Anneliese Kapp-) wissen es, daß ich ihn damals nach Berlin entsandte, von wo er tief niedergeschlagen zurückkehrte.(...) Mein Freund, Ritter von Greim (...) war es übrigens, der in meinem Auftrag damals Dietrich Eckart nach Berlin flog und der gerade ankam, als Ihr hochverehrter Herr Vater mit Ihnen die Reichskanzlei verließ." (Cavallie: "Ludendorff und Kapp in Schweden", S.286 - 1995 + BArch Koblenz: Nachlass Wolfgang Kapp, Nr.20, Wilhelm Kiefer an Aneliese Kapp v. 18.8.1949/24.6.1958)
Erwähnenswert: Sowohl Dietrich Eckart, Wilhelm Kiefer als auch Hptm. Karl Mayr beanspruchen später die Flug-Weisungsbefugnis für sich. Selbst Hitler wird später die Initiative zum Flug zugeschrieben:
"Dieser denkwürdige Flug war eigentlich ein tollkühnes Wagnis. Niemand wäre in dieser Zeit auf einen solchen Gedanken gekommen. Es gab noch keinen regelmäßigen Luftverkehr und nur wenige unzulänglich eingerichtete Landeplätze. Adolf Hitler aber, und das ist bezeichnend, verfiel auf die Idee, ein Flugzeug zu chartern, er, der bisher noch niemals geflogen war." (Dietrich: "Mit Hitler in die Macht", S.83 - 1934)
Nach den Erfahrungen des gescheiterten Kapp-Putsches urteilt der Münchener Hauptmann Karl Mayr:
"Wir machten aber in Bayern fürs erste, was möglich war. Was erreicht wurde, einschl. der Beseitigung des soz. Ministeriums Hoffmann, ist letzten Endes durch m.(-eine-) Drahtziehertätigkeit erreicht worden. In München selbst erwies sich der kleine Herr (-Wilhelm-) Kiefer, den ich mir Ihnen gegenüber seinerzeit als quantité négligeable (-wegen Geringfügigkeit zu vernachlässigende Größe-) zu bezeichnen erlaubt hatte, wirklich nur als solche und bei allem wohlmeinenden Eifer nicht als mehr.(...) Wir arbeiten weiter. Wir schaffen die Organisation des nationalen Radikalismus." (Hptm. Karl Mayr an Dr. Wolfgang Kapp, 24.9.1920 in: "Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch", S.524 - 2002 + "Kapital, Reichswehr und NSDAP", S.555/556 - 1982)
Zu den Strapazen um den gescheiterten Putsch kommt für Hitler seine für Ende März 1920 bevorstehende Entlassung aus der Reichswehr hinzu. Damit gerät er vollends in die finanzielle Abhängigkeit seiner frühen Unterstützer.
Da Eckart jedoch nur über eine geringe Kapitaldecke verfügt, dürfte Hitler in dieser Phase hauptsächlich über Gottfried Grandel finanziert worden sein. So bleibt Hitler für den völkisch-nationalen Dr. Grandel noch weiterhin lenkbar.
Sein erster Flug hingegen ist für Adolf Hitler zeitlebens eine prägnante Erinnerung. Noch zum 25. Jahrestag, kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges, wird er sich in einem persönlichen Telegramm an Weltkriegspiloten v. Greim auf diese erste gemeinsame Begegnung des Berlin-Fluges beziehen.
Kurz darauf, in den letzten Kampftagen um Berlin, ernennt er Robert Ritter von Greim zum Nachfolger des abgesetzten Reichsmarschalls Hermann Göring.
Der Aufbau der Augsburger NSDAP-Ortsgruppe
(305-1920) Die Positionierung der NSDAP-Ortsgruppe in Augsburg ist für Dr. Grandel in den Jahren 1920/21 kein leichtes Unterfangen. Am Ende bedarf es 1922 einer erneuten Gründung.
Im zweiten Jahr ihres Bestehens besitzt 1920 die aus München gelenkte NSDAP bereits ein 25-Punkte-Programm. Auf Adolf Hitlers Drängen begibt sie sich zu Beginn des Jahres 1920 mit Großveranstaltungen in die massenorientierte Offensive. Das Risiko des Scheiterns und der damit verbundenen Verschuldung ist für die Regionalpartei erheblich.
Unter dem Motto "Gründet überall Ortsgruppen!" wird anfangs noch auf ein schnelles Wachstum gesetzt, um in dem völkisch-nationalen Konkurrenzkampf an Boden und Einfluss zu gewinnen. So entstehen bis zum Juli 1921 außerhalb Münchens insgesamt neun nationalsozialistische Ortsgruppierungen in Bayern.
Koordiniert werden diese Gruppengründungen u. a. von dem neuen Schriftführer der noch jungen Partei, Ferdinand Wiegand, welcher sich zum Frühjahr 1920 auch für die Augsburger Entwicklung verantwortlich zeigt.
1919 - Gründungsvorlauf durch Ferdinand Wiegand (24.8.1893 - 21.4.1979, DAP-Mitgl.-Nr: 660)
Vor seinem Eintritt in die Politik fungiert der 26-jährige Ferdinand Wiegand als Bezirksstellenleiter der Hamburger Firma Ruberoid-Werke in München. Der damalige DAP-Vorsitzende Anton Drexler erinnert sich:
"Wiegand war Direktor eines Industrieunternehmens und hatte seine Büroräume in der (-Münchner-) Sonnenstrasse 6." (BArch Berlin: NS26/110 - Korrespondenz mit Anton Drexler bezügl. Parteiprogramm)
Auch dem Augsburger Fabrikanten Dr. Gottfried Grandel ist der Münchner Direktor Wiegand bekannt, doch erwähnt er ihn in seinem späteren Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv nicht. Dort heißt es zu der DAP-Frühphase lediglich:
"Adolf Hitler hatte ich kurz vorher (-vor dem Kapp-Putsch vom März 1920, nach Heinrich Dolle vermutlich aber schon zum Januar 1919-) in der Thule-Gesellschaft im Hotel Vier Jahreszeiten kennen gelernt und hörte ihn da als Diskussionsredner (-nach dem Weggang Rudolf v. Sebottendorffs im Juli 1919-) zum erstenmale sprechen. Auch Anton Drexler begegnete mir dort (-vermutlich Anfang 1919-) und erklärte mir die Ziele seiner 'Deutschen Arbeiterpartei'." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.1-2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Nachgestellte Szene zur Eröffnung des Parteimuseums: Rudolf Schüssler und Anton Drexler in der Münchener NSDAP-Geschäftsstelle Sterneckerbräu - 8. November 1933 (Bay.Staatsbibliothek, Bild hoff–6673 / Hoffmann, Heinrich)
Der Weltkriegs-Gefreite Adolf Hitler ist mittlerweile seit dem Herbst 1919 neues Mitglied der Deutschen Arbeiterpartei (DAP). Zu seinem offiziellen Eintritt in die Parteipolitik heißt es:
"Ende August 1919 hielt die 'Deutsche Arbeiterpartei' im Sterneckerbräu in München eine Monatsversammlung ab. In der Diskussion sprach auch ein Professor, der sich als Separatist bekannte. Noch während er sprach, meldete sich ein zweiter Gast zum Wort. Er erledigte den Vorredner nach allen Regeln der Kunst. Anton Drexler erzählte später darüber: 'Ich stand am Schrank und hielt fünf Exemplare meiner Schrift (-'Mein politisches Erwachen'-), die gerade herausgekommen war, in der Hand. Als der Redner geendet hatte, stürzte ich auf ihn zu und drückte ihm ein Exemplar meines Büchleins in die Hand, indem ich sagte: Bitte lesen Sie das! Es sind die Grundlinien unserer Idee. Und wenn Sie damit einverstanden sind, dann kommen Sie in acht Tagen wieder hierher. Denn solche Leute wie Sie können wir notwendig gebrauchen.'" (Vorwort zur vierten Auflage von Anton Drexler: "Mein politisches Erwachen", S.5 – 1937)
Das von Anton Drexler erwähnte Heft 'Mein politisches Erwachen' erscheint im Boepple-Verlag, der zwei Jahre später auch Adolf Hitlers erste Biographie herausbringt und vermutlich von Dr. Grandel mitfinanziert wird.
Januar 1920
Das politische Angebot des engagierten DAP-Werbeobmanns interessiert den Münchener Direktor Ferdinand Wiegand; ab dem 1. Januar 1920 wird er unter der Nr. 660 (-500 Pseudo-Mitgliedschaften = 160. Mitglied) eingeschriebenes Parteimitglied der DAP. Bereits auf der Partei-Ausschusssitzung vom 5. Januar 1920 übernimmt er unter dem neugewählten DAP-Vorsitzenden Anton Drexler die Funktion des ersten Schriftführers. Der bisherige Vorsitzende Karl Harrer, Mitglied der Münchener Thule-Gesellschaft, scheidet im Disput zu dem Werbeobmann Adolf Hitler aus dem Vorstand und schließlich auch aus der Partei aus. Auf dem Januar-Treffen von 1920 werden laut Protokoll unter anderem die geplanten Ortsgruppen-Gründungen besprochen. Auch Augsburg wird hierfür in den Blick genommen. (Jäckel: "Hitler – Sämtliche Aufzeichnungen", S.100 – 1980)
Der umtriebige Propagandist der regionalen Kleinstpartei hat für die kommenden Monate große Pläne:
"Nach seiner Teilnahme an einer erfolgreichen antisemitischen Massenveranstaltung (-im Münchener Kindlkeller vor rund 7000 Teilnehmern-) des (-Redners Kurt Kerlen vom-) 'Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes' am 7. Januar 1920 setzte Hitler gegen die Bedenken seiner Parteifreunde die Durchführung einer ähnlichen Versammlung seitens der DAP durch." (Wagner: "Entwicklung, Herrschaft und Untergang der nationalsozialistischen Bewegung", S.22 – 2007)
Während der Rede im Münchener Kindlkeller bekommt Adolf Hitler das erste Mal vor Augen geführt, wie mit der thematisierten Judenfrage die Massen vereinnahmt werden können. Kurt Kerlen als Nürnberger DvST-Vorsitzender spart dabei in seiner aufwiegelnden Rede nicht mit drastischen Formulierungen:
"So forderte Kurt Kerlen, der Geschäftsführer des Schutz- und Trutz-Bund-Gaues Nordbayern am 7. Januar 1920 in einer Rede seine Zuhörer zu Gewaltmassnahmen gegen den 'jüdischen Saustall', die 'Stinkbande', 'Vaterlandsverräter' und 'Lumpen' auf." (Ruault: "Neuschöpfer des deutschen Volkes: Julius Streicher", S.172 - 2006)
Im Völkischen Beobachter wird zu dieser Veranstaltung berichtet:
"Kurt Kerlen eröffnete seine Ausführungen mit einem Hinweis, daß es sich bei der Lösung der Judenfrage um eine Angelegenheit der Menschheit handelt und nur persönliche, nur wirtschaftliche, nur religiöse Gesichtspunkte dabei in den Hintergrund treten. Persönliche Angriffe scheiden aber gänzlich aus." (Stadtarchiv München / Mikrofilm: Völkischer Beobachter, Nr.3, S.4 - "Aus der Bewegung" v. 10.1.1920)
Februar 1920
Während sich der von der Reichswehr geschulte Werbeobmann Adolf Hitler für seine geplanten Großkundgebungen an dem scharfen Antisemitismus des DvST-Redners Kurt Kerlen orientiert, organisiert dieser bereits für Rosenheim eine weitere Versammlung. So wirbt der DvST im Rosenheimer Anzeiger vom 3. Februar 1920 im Großformat:

Rosenheimer Versammlungs-Ankündigung mit Kurt Kerlen - 3. Februar 1920 (Münchener Digitalisierungszentrum: Rosenheimer Anzeiger, Nr.28, S.4 v. 3.2.1920)
Inwieweit der Redner hierbei in enger Verbindung und Abstimmung zu den DAP-Protagonisten Adolf Hitler und Ferdinand Wiegand steht, die sich kurz darauf direkt in seinem agitatorischen Fahrwasser bewegen, ist nicht erkennbar. Als Türöffner für den radikalen Antisemitismus bereitet Kurt Kerlen der Münchener Regionalpartei zumindest auch in Rosenheim das Publikum für Adolf Hitlers Agitationstätigkeiten vor. So vermeldet der Rosenheimer Anzeiger über Kurt Kerlens Veranstaltung:
"Wer sich von der gestrigen öffentlichen Volksversammlung leidenschaftliche Hetzreden und unerquickliche Radauszenen erwartet hatte, sah sich getäuscht. Der Referent Kurt Kerlen - Nürnberg sprach in ruhiger, eindringlicher Art, nur gelegentlich seiner Rede einige impulsive Schlaglichter aufsetzend. Ruhig und aufmerksam war auch die Zuhörerschaft, die an markanten Stellen spontanen Beifall spendete. Ausgehend vom internationalen Großkapital deckte Kerlen nur einige 'Spinnenfädchen' von dem die ganze Welt umstrickenden Netz des Ueberkapitalisten (-John-) Pierpont Morgan und seiner jüdischen Handlanger in Europa (Rothschild), Deutschland (Bleichröder) und Bayern (Aufhäuser) auf. Nach dem Redner hat Morgan den Keim zum Weltkrieg gelegt, wie auch das Testament des seit 1913 verstorbenen Multimilliardärs zur Beseitigung der Weltkonkurrenz Deutschlands aufforderte." (Münchener Digitalisierungszentrum: Rosenheimer Anzeiger, Nr.29, 66.Jg, S.2 - "Versammlung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbündnisses" v. 4.2.1920)
Auffallend ist, dass Kurt Kerlens Engagement als radikaler Versammlungshetzer aus Nürnberg mit dem Einsatz von Adolf Hitlers Massenversammlungen zu enden scheint, seine Spur verliert sich plötzlich wieder.
Die junge DAP erhält im Februar 1920 auf Betreiben Adolf Hitlers nun ihr erstes Parteiprogramm. Zu den frühen politischen Aktivitäten des ersten Schriftführers Ferdinand Wiegand heißt es in diesem Zusammenhang:
"Am 22.02.1920 haben Hitler und Drexler in seinem Münchner Büro, Sonnenstraße 6/II, die 25 Programmpunkte der NSDAP Wiegand in die Schreibmaschine diktiert." (Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.366)
Da die Partei noch über keine eigenen Schreibkräfte verfügt, stellt Direktor Wiegand in den Abendstunden mitunter sein Büro mit der darin befindlichen Schreibmaschine für Parteizwecke zur Verfügung. (BArch Berlin: NS26/110 - Korrespondenz Rudolf Schüssler zum Parteiprogramm)
Als Sitzungs- und Arbeitszimmer dient der DAP bereits ab dem Oktober 1919 ein Nebenzimmer im Münchener Gasthof Sterneckerbräu.
DAP-Geschäftsstelle im Sterneckerbräu - 1920 (BArch: Bild 119-1441-01 / o.Ang.)
März 1920
Nach der Proklamation des neuen 25-Punkteprogrammes vom 24. Februar 1920 und zeitgleicher Partei-Umbenennung von DAP zu NSDAP wird auch Dr. Grandel neues Parteimitglied. In seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv führt er hierzu aus:
"Ich war inzwischen im März 1920 Mitglied der 'Deutschen Arbeiterpartei' geworden. In meinem Wohnsitz Augsburg bestand noch keine Ortsgruppe. Ich fing an, für die Bewegung zu werben." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941 - Zum Vergleich: Bis zum Mai 1920 sind 675 Mitgl. im 1. Verzeichnis aufgeführt – BArch Berlin: NS26/230 – demnach müsste Dr. Grandels Mitgliedsnummer unter 1000 liegen, liegt aber nach einem Eintrag vom 17.8.1920 bei der Mitgliedsnummer 1713)
Fabrikant Dr. Gottfried Grandel - 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
Den Rahmen seines frühen Partei-Engagements beschreibt Albrecht Tyrell in einer Buchveröffentlichung von 1975 über den Augsburger Unternehmer:
"Neben anderen war es der Chemiker und Fabrikant Dr. Gottfried Grandel, der völkisch-antisemitische Bestrebungen auch finanziell förderte. Er hatte schon vor der Gründung der NSDAP in München Beziehungen zu Dietrich Eckart aufgenommen, dann dessen Zeitschrift 'Auf gut deutsch' finanziell unterstützt und im März 1920 das Flugzeug besorgt, mit dem Eckart und Hitler während des Kapp-Lüttwitz-Putsches nach Berlin flogen." (Tyrell: "Vom Trommler zum Führer", S.110 - 1975)
Landung eines Doppeldeckers in Berlin-Johannisthal (BArch: Symbolbild 102-15777 / o.Ang.)
Geflogen wird der im März 1920 von Dr. Grandel organisierte Doppeldecker durch einen der erfahrensten Weltkriegspiloten: Robert Ritter von Greim.(StadtAA: Allgäuer Tageblatt v. 18.11.1937 - Schriftdokument 670/A)
Pilot Robert Ritter von Greim - 1916 (BArch: Bild 146-1969-030-18 / o.Ang)
Ferdinand Wiegand ist zu Beginn des Jahres 1920 hoch motiviert. Als nationalsozialistischer Parteigenosse (Pg) agiert der neue Schriftführer innerhalb der deutsch-völkischen Szene in einer Art Doppelfunktion. So vertritt er neben der NSDAP auch das seit dem Frühjahr 1920 von Dr. Rohmeder gegründete Netzwerk der Deutschvölkischen Arbeitsgemeinschaft München:
"Sie war als Dachorganisation für alle völkischen und antisemitischen Verbände konzipiert, trat aber als solche kaum in Erscheinung und wirkte wesentlich nur im Zusammenhang mit dem Schutz- und Trutz-Bund." (Lohalm: "Völkischer Radikalismus", S.297 – 1970)
Im Zusammenspiel mit dem äußerst radikal-antisemitischen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund (DvST) werden von Ferdinand Wiegand auf diese Weise zunächst parteiunabhängige Versammlungen organisiert, aus denen heraus sich möglichst die neuen NSDAP-Ortsgruppen zu gründen haben:
"Zuweilen ging deren Verflechtung so weit, daß die Gründung einer national-sozialistischen Ortsgruppe auf einer Versammlung des Schutz- und Trutz-Bundes erfolgte." (Lohhalm: "Völkischer Radikalismus", S.306 - 1970)
Bezüglich der aggressiven Agitationsform des Schutz- und Trutzbundes werden selbst in den gewogenen Lokal-Redaktionen kritische Töne geäußert. So vermerkt beispielsweise der Rosenheimer Anzeiger:
"'Deutschland den Deutschen!' Das ist das Ziel, das der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund anstrebt. Ob es zweckmäßig ist, in die so leicht erregbaren Massen neue Beunruhigungen und Zündstoff, wie ihn die Judenfrage einmal unzweifelhaft darstellt, hineinzutragen, möchten wir dahingestellt sein lassen." (Münchener Digitalisierungszentrum: "Rosenheimer Anzeiger", Jg.66, Nr.29, S.2 v. 4.2.1920)
Rosenheim – April 1920
Die erste NSDAP-Ortsgruppe außerhalb Münchens existiert bereits seit dem 18. April 1920; Wiegand hatte sie mit dem Eisenbahn-Regierungsrat Theodor Lauböck und 12 weiteren Interessenten aus einer DvST-Veranstaltung heraus in Rosenheim gegründet. Die Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund-Gruppe Chiemgau schaltet daraufhin eine halbseitige Anzeige, in der sie ausführlich auf den antisemitischen Kern ihres Anliegens eingeht:
Werbeanzeige für den Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund (Münchener Digitalisierungszentrum: Rosenheimer Anzeiger, S.6 v. 24.4.1920)
Nach den erfolgreichen Vorarbeiten des Schriftführers besucht Werbeobmann Adolf Hitler daraufhin die neue Ortsgruppe in Rosenheim:
"Bereits am 2. Mai fand die erste öffentliche Versammlung statt, auf der unter anderem Hitler zum Thema 'Deutsche Arbeiter und deutscher Kommunismus' sprach. Bis Jahresende 1920 trat Hitler noch achtmal als Redner in Rosenheim auf. Laut den Polizeiberichten waren diese Versammlungen immer gut besucht." (Rosenheim: stadtarchiv.de, Ortsgruppe NSDAP)
Mittlerweile ist Pg. Hitler nach seinem erfolglosen Ausflug zum Berliner Kapp-Putsch per 31. März 1920 aus der Reichswehr ausgeschieden.
Unabhängig von der politischen Vorgabe der Siegermächte, die Reichswehr auf 100.000 Soldaten zu reduzieren, lässt sich auch sein politisch-antisemitisches Engagement nicht mehr mit den Truppen-Richtlinien vereinbaren.
Durch die Entlassung in das Zivilleben verliert Hitler seine Besoldungsgrundlage und wirkt fortan hauptberuflich für die DAP als Politiker. Dabei steht er in finanzieller Abhängigkeit zu seinen Vortrags-Einnahmen und den persönlichen Zuwendungen durch politische Unterstützer. Der Augsburger Fabrikant Gottfried Grandel ist zu dieser Zeit einer der wichtigsten Finanz-Förderer Adolf Hitlers.
Einen Tag nach Hitlers erster Versammlung in Rosenheim vermerkt sein ehemaliger Kamerad aus der Reichswehr-Aufklärungsabteilung am 3. Mai 1920 in seinem Bericht an das Münchener Gruppenkommandos IV:
"Kollege Hitler sagte noch, daß es sehr erfreulich sei, daß (…) in der letzten Versammlung im (Münchener) Hofbräuhaus (-27.4.1920-) nahezu 100 Mitglieder sich aufnehmen haben lassen. Ebenfalls hielt gestern (-2.5.1920-) Hitler einen Vortrag in Rosenheim, wo (...) ebenfalls 64 Mitglieder neu zu bezeichnen sind. Sie haben jetzt bereits in Rosenheim, Kempten, Augsburg und Ingolstadt Parteigruppen gebildet." (Jäckel: "Hitler-Sämtliche Aufzeichnungen", S.131 – 1980)
Für das Tandem Adolf Hitler/Ferdinand Wiegand verläuft die Gründungsphase in Rosenheim dynamisch. So bestreitet NSDAP-Agitator Wiegand bereits am 6. Mai 1920 im Rosenheimer Hofbräusaal eine weitere Versammlung. Die Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund-Gruppe Chiemgau kündigt in ihrer Einladung seinen Vortrag mit der Überschrift an:
"Was scheidet uns vom Judentum?" (Miesbeck: "Bürgertum und Nationalsozialismus in Rosenheim", S.139 – 1994 + digitalisiert auf stadtarchiv.de – Recherche)
Nach Abschluss der Versammlung lässt der Veranstalter dem Rosenheimer Anzeiger einen selbstgefertigten Bericht zukommen, der in seiner antisemitischen Ausrichtung unkritisch von der Redaktion übernommen wird. (digitale-sammlungen.de: Rosenheimer Anzeiger, 66.Jg., Nr.109, S.2 v. 8.5.1920)
Zu Wiegands inhaltlichen Aussagen vermerkt darüber hinaus die polizeiliche Vortragsmitschrift:
"Deutschland gleiche einem kranken Körper, vergiftet durch die Juden, die ausgeschieden werden müßten. Die 'jüdische Internationale' habe den Krieg vorbereitet und die Deutschen ausgebeutet, der 'Jude Eisner' habe die Revolution entfesselt. Sogar der abstruse Begriff der 'Rassenschuld' taucht auf. Der Deutsche arbeite, er sei seßhaft, klebe an seiner Scholle, der Jude sei hingegen Nomade, er treibe nur Handel und hänge am Geld. Im Gegensatz zum Deutschen kenne der Jude keine Heimat, kein Vaterland, er sei bei allen Völkern nur Gast und beute sie aus.(…) Den einzelnen Juden treffe keine persönliche Schuld, es sei 'Rassenschuld', die alle 'moralisch und ethisch hochstehenden Völker' verderbe und ganz 'speziell das deutsche Volk', das nach dem 'absichtlich herbeigeführten' Kriege von 'Aasgeiern umlagert' sei und 'in seinen Todeszuckungen noch ausgesaugt und gepeinigt' werde. Die Deutschen seien jahrzehntelang 'systematisch von jüdischer Tücke und Gerissenheit belogen, durch eine feile jüdische Presse umnebelt, in der Seele vergiftet, durch jüdische Literatur und Schauspielerkunst auf einen geistigen Tiefstand herabgedrückt' worden. Hier müsse die 'Heilung' einsetzen, 'durch Entfernung des Judentums als Krankheitsträger.'" (Miesbeck: "Bürgertum und Nationalsozialismus in Rosenheim", S.139, RTW, 8.5.1920 + Pol.-Bericht StadtA Ro: Akt. VI A 4-98)
In Rosenheim liefert Parteiwerber Wiegand im ersten Halbjahr 1920 den späteren Ortsgruppen eine Blaupause für weitere Gründungen innerhalb der aufstrebenden NSDAP.
Augsburg - Mai 1920
Auch in der Geburtsstadt Gottfried Grandels finden im April 1920 vorbereitende Sprechabende statt. Ölfabrikant Dr. Grandel steht dort bereits mit seiner völkischen Ortsgruppe Bund für deutsches Recht und den Mitgliedern des DvST für eine geplante Gruppen-Zusammenlegung im Sinne der NSDAP bereit:
"Ich begann meinen Versuch mit Vorträgen über Deutsches Recht, zu denen vorwiegend Mitglieder des kurz vorher entstandenen 'Deutschvölkischen Schutz und Trutzbundes' erschienen. Den Gedanken des 'Deutschen Rechts' hatte ich lebhaft aufgegriffen in Zusammenarbeit mit dem Richter (-Dr. Arnold-) Wagemann in Bochum, der ein mutiger Kämpfer war; ich gründete in Augsburg die I. Ortsgruppe des 'Bundes für Deutsches Recht', der zahlreiche Zuhörer meiner Vorträge beitraten." (BArch Berlin: NS26/514, S.588/Bl.3 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Zu der hier erwähnten Vereinigung des Schutz- und Trutzbundes heißt es bei dem bayerischen Regionalleiter des Germanen-Ordens:
"Aus dem Hammerbund hervorgegangen. Bekämpfte die Juden besonders auf geschäftlichem Gebiete." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.257 – 1933)
Den politischen Anspruch, den Gottfried Grandel in dieser parteipolitischen Frühphase mit der schwäbischen Hauptstadt verbindet, schildert sein damaliger Freund Georg Fischer in einem Briefwechsel mit dem Münchener Verleger Julius F. Lehmann:
"Wie er (-Gottfried Grandel-) mir nach der Rückkunft von einer seiner öfteren Berliner Reisen erzählte, erklärte er bei einer Zusammenkunft (-1919-), dass 'seine Vaterstadt bei dem Wiederaufbau Deutschlands die (oder eine) führende Rolle spielen müsse, dafür werde er sorgen!'" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.37 - Amtmann Georg Fischer an Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Gottfried Grandel - 1918
(Fotografie im Privatbesitz)
1. Gründungsversuch durch Ferdinand Wiegand
Augsburg ist für die junge NSDAP in mehrfacher Hinsicht kein einfaches Pflaster. Bei Albrecht Tyrell heißt es zu dem ersten Anlauf einer nationalsozialistischen Ortsgruppengründung:
"Ein Versuch des auch als Redner für den Schutz- und Trutz-Bund tätigen 1. Schriftführers Wiegand, durch Kontaktnahme nach Versammlungen des Bundes im Juni/Juli 1920 eine NSDAP-Ortsgruppe Augsburg ins Leben zu rufen, verlief offenbar vorerst im Sande." (Tyrell: "Vom Trommler zum Führer", S.227 - 1975 + BArch Berlin: NS 26/111)
Die diesbezügliche Korrespondenz Ferdinand Wiegands mit der NSDAP-Geschäftsführung vom 21. April 1920 greift hier die ersten Vorbereitungen zur Gründung einer Augsburger Ortsgruppe auf. (EHRI XXIX. Akte Wiegand, Korrespondenz der DAP 1920/21, Gruppe III, Stück 111, 7., Bl.41-50 u. Wiegand to a potential member in Augsburg, 7 June 1920, HA, roll 4, folder 111; VB, 2.9.1920)
1. Juni 1920 - Einladung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes in Augsburg
Nur noch fünf Tage bis zur Reichstagswahl: Auf Einladung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes reist der NSDAP-Schriftführer Ferdinand Wiegand am 1. Juni 1920 in Vertretungs-Funktion der Deutschvölkischen Arbeitsgemeinschaft München nach Augsburg, wo der Schutz- und Trutzbund für den 1. Juni 1920 eine öffentliche Versammlung nach bereits in Rosenheim bewährtem Muster plant. Auch hier wird Ferdinand Wiegand gebeten, die Veranstaltungsrede zu halten, doch es kommt anders: Die Versammlung wird von politischen Gegnern massiv gestört.
Am 2. Juni 1920 berichtet Ferdinand Wiegand seinem Parteigenossen, dem Münchener NSDAP-Vorsitzenden Anton Drexler:
"In der leider gesprengten öffentlichen Versammlung des Dv. Sch.- u. Tr.-B. (-Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes-) in Augsburg habe ich gestern Abend (-1.6.1920-) die aussichtsreichen Vorarbeiten zur Gründung einer Ortsgruppe unserer Partei vorgenommen. Ich habe (-im Hotel Bayerischer Hof-) in Aussicht gestellt, dass von unserer Partei-Leitung jemand im Laufe der nächsten Woche nach Augsburg kommen und dort vor einem grösseren Kreis sprechen wird. Ich möchte nun die Angelegenheit zunächst einmal mit Ihnen beraten und bitte deshalb, mich doch anzurufen oder mich noch möglichst in dieser Woche zu besuchen." (BArch Berlin: NS26/111, Bl.17 - Ferdinand Wiegand an Anton Drexler v. 2.6.1920)
In Presse-Kurzmeldungen wird von der gescheiterten Veranstaltung in Augsburg berichtet:
"Gerstern abend (-Dienstag, 1. Juni 1920-) veranstaltete im Ludwigsbau der Deutsch-völkische Schutz- und Trutzbund eine Versammlung. Von den Versammlungsbesuchern gehörten mehr als 3/4 den Unabhängigen Sozialisten (-USPD, später KPD-) an. Von diesen wurde die Versammlung unter wüstem Tumult gesprengt. Im Saale entstand eine Schlägerei zwischen den Unabhängigen und den Deutsch-völkischen. Die Polizei war machtlos." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Lüdenscheider Zeitung, Nr.126, S.6 - "Unabhängige Sprengkolonnen" v. 4.6.1920)
"Zu terroristischen Gewaltakten kam es anläßlich einer gestern im überfüllten Ludwigsbau abgehaltenenVersammlung des Deutschvölkischen Schutzbundes, in der Schriftsteller (-Kurt-) Kerlen aus Nürnberg über das Thema Deutschtum und Judentum in sachlicher Weise sprach. Die Unabhängigen (-USPD-) stürmten unter wüstem Skandal und Geheul von Sirenen die Bühne, so daß der Redner unfreiwillig schließen mußte. Im Saale entstand eine wüste Schlägerei. Die Polizei war machtlos." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Hamburger Fremdenblatt, Nr.126, S.1 - "Terror in einer Versammlung" v. 2.6.1920)
"Als der Redner im Laufe seiner Ausführungen sich eines Ausspruches des Großindustriellen und geborenen Juden Walther Rathenau bediente, in dem dieser selbst die Juden als 'haßerfüllte asiatische Horde auf deutschem Boden' bezeichnet, kam es zu einem wüsten Skandal." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Sächsische Dorfzeitung, Nr.126, S.1 - "Wüste USP-Ausschreitungen in einer Wahlversammlung" v. 4.6.1920)
Der Schutz- und Trutzbund ist nicht die einzige Gruppierung, die nach dem verlorenen Weltkrieg in das Visier der Unabhängigen Sozialisten gerät:
"Wie bereits gestern eine deutschnationale Wahlversammlung, wurde heute (-3. Juni 1920-) eine solche der Deutschen Volkspartei von den Unabhängigen gesprengt, obschon nur Mitglieder der bürgerlichen Parteien geladen waren. Von den Tribünen der großen Turnhalle, in der die Versammlung war, spritzten die Unabhängigen von einem Feuerlöschhydranten aus große Wassermengen in den Saal; ferner warfen sie Stühle herab, so daß eine Anzahl Männer und Frauen verletzt wurden" (deutsche-digitale-bibliothek.de: Kölnische Zeitung, Nr.496, S.7 - "Zur Reichstagswahl: Die Unabhängigen" v. 3.6.1920)
In einem Bericht des Augsburger Arbeiters Karl Böhrer erwähnt auch dieser gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv die Störung der Augsburger DvST-Versammlung:
"Zuvor hatte ich mich auch wieder dem deutschen Orden genähert, besuchte Versammlungen des 'Alldeutschen Verbandes', wurde Mitglied des Germanenordens und des Schutz- u. Trutzbundes. Als hier eine (-Schutz- u. Trutzbund-)Versammlung von Juden und Kommunisten (-am 1. Juni 1920-) unter schweren Schlägereien gesprengt wurde, sagte ich dem Kommunistenführer (-Wendelin-) Thomas persönlich den Kampf an." (BArch Berlin: NS26/158, S.9/Bl.134 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Auch die SPD-nah aufgestellte Schwäbische Volkszeitung vermerkt in ihrer Berichterstattung:
"Eine stürmische Antisemitenversammlung - Daß in einer Industriestadt wie Augsburg mit antisemitischer Hetze keine politischen Geschäfte zu machen sind, das mußte die Ortsgruppe Augsburg des deutschvölkischen 'Schutz- und Trutzbundes' erfahren, als sie nach mehreren Versuchen - die früher anberaumten Versammlungen wurden immer wieder abgesagt - am Dienstag im Ludwigsbau zum erstenmal an die Öffentlichkeit trat. Zunächst glaubten die Veranstalter wohl, gute Aussichten zu haben, denn der Saal war dicht besetzt. Schon zu Beginn der Versammlung aber zeigte andauernde Unruhe, daß neben 'neutralen' Neugierigen die Mehrzahl der Anwesenden aus Gegnern der Antisemiten bestand. Nachdem der Referent (-Kurt-) Kerlen - Nürnberg endlich zu sprechen beginnen konnte, riefen seine zum großen Teil leicht widerlegbaren, zahlreiche sachliche Unrichtigkeiten enthaltenden Ausführungen Zwischenrufer auf den Plan. Als er schließlich behauptete, daß die anwesenden Gegner 'von ihren Freunden (womit er die Juden meinte. D.B.) zur Versammlung kommandiert worden' seien, wurde der Widerspruch so stark, daß er nicht mehr weitersprechen konnte. Im gleichen Augenblick entstand in der Mitte des Saales ein Wortwechsel zwischen einem 'Deutschvölkischen' und einigen Gegnern. Der Erstgenannte griff nach seiner Tasche, was seine Widersacher zu dem Glauben veranlaßte, daß er einen Revolver ziehen wollte. Er hatte aber nur einen Gummiknüttel. Dieser wurde ihm abgenommen, der Mann verprügelt und hinausgeworfen. Nun stürmten die Antisemiten-Gegner das Rednerpult und die Bühne und verdrängten den Referenten. Der Führer der Augsburger USP(-D-), Redakteur (-Wendelin-) Thomas, sprach dann in längeren Ausführungen gegen die Antisemiten. Nach Schluß seiner Ausführungen verließen die meisten Versammlungsbesucher den Saal. Es setzte sodann eine Aussprache ein, in der unter weiter andauernder Unruhe beide Richtungen zum Worte kamen. Aus dem Gesamtverlauf werden die Veranstalter wohl gesehen haben, daß ihre Bestrebungen bei der Mehrzahl der Augsburger Bevölkerung keine Gegenliebe finden und daß namentlich die Arbeiterschaft die antisemitische Hetze entschieden ablehnt, daß sie für die Rassenhetze nicht zu haben ist und ihr Ziel allein in der Beseitigung des Kapitalismus - ob er jüdisch oder christlich ist - sieht! Im übrigen aber stehen die Behauptungen der Deutschvölkischen - nach der hier genossenen Kraftprobe - sachlich auf so schwachen Füßen, daß man im Interesse des Kampfes gegen den Antisemitismus besser dem Referenten Gelegenheit gegeben hätte, seine Ausführungen zu vollenden, um der Augsburger Bevölkerung einmal ein eigenes Urteil über die Hakenkreuztrottelei zu ermöglichen!" (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Schwäbische Volkszeitung, S.6 - "Eine stürmische Antisemitenveranstaltung" v. 4.6.1920, Mikrofilmrolle)
Parteigenosse Ferdinand Wiegand lässt sich von der verhinderten Vortragsveranstaltung nicht verunsichern. Laut einem Anschreiben vom 7. Juni 1920 informiert er die ihm bereits bekannten Augsburger Interessenten Benno Schmidtner, Otto Kötterle, Heinrich Schmidt und Hans Klaiber über sein geplantes Vorhaben:
"Ich beabsichtige nun am nächsten Samstag (-12.6.1920-) nachmittags nach Augsburg zu kommen, um abends in einem von Herrn Klaiber zu besorgenden Lokal zunächst einen informierenden Vortrag über Entstehung, Ziel und Aufgaben der Deutschen Arbeiter-Partei zu halten und dann, wie ich hoffe, die Gründung einer Ortsgruppe Augsburg vorzunehmen." (BArch Berlin: NS26/111, Bl.18 + EHRI XXIX. Akte Wiegand, Korrespondenz der DAP 1920/21, Gruppe III, Stück 111, 7., Bl.41-50 u. Wiegand to a potential member in Augsburg, 7 June 1920, HA, roll 4, folder 111; VB, 2 Sept.1920)
Parallel dazu wendet sich ein weiterer Augsburger Interessent an die Partei. Für den 8. Juni 1920 notiert das Posteingangsbuch der Münchener NSDAP zu der Anfrage des Stadtsekretärs Robert Rogg, Fuggerhaus, wohnhaft in der Kirchgasse A 218/II:
"Ob Werbeschriften gesandt werden können, wer in Augsbg. der Führer ist, wie es steht mit der Gründung einer Ortsgruppe." (BArch Berlin: NS26/222 - Eintrag NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.30 v. 8.6.1920)
Die Werbeschriften werden sodann von der Partei zugesandt und dem Augsburger Interessenten ein Redner für die nächste Zeit in Aussicht gestellt. Doch plötzlich tritt eine Störung des Ablaufes ein, die innerhalb der Korrespondenz nicht definiert wird. Obwohl Ferdinand Wiegand mit nur fünf Tagen Vorlauf seinen Augsburger Kontakten bereits den 12. Juni 1920 als Gründungstermin avisiert, findet dieser nicht statt.
Zum 14. Juni 1920 informiert daraufhin der Augsburger Stadtsekretär Rogg erneut die NSDAP-Geschäftsstelle in München, diese notiert:
"Sendet 2 Aufnahmescheine und bittet um weitere Programme. R.(-ogg-) will zur Gründung einer Ortsgr. helfen." (BArch Berlin: NS26/222 - Eintrag NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.45 v. 14.6.1920)
Als Antwort an Robert Rogg wird am 15. Juni 1920 vermerkt:
"Dank für die Bereitwilligkeit zur Gründung einer Ortsgr. Mitgl.karten liegen bei, Werbematerial wird gesandt."
In diesem Zeitraum läuft jedoch etwas konträr zu Ferdinand Wiegands Absichten. Rund einen Monat nach dem ursprünglich geplanten Gründungs-Termin wird am 9. Juli 1920 im NSDAP-Posteingangsbuch zu Ferdinand Wiegand lediglich festgehalten:
"Ersuchen, zur nächsten Ausschußsitzung bestimmt zu erscheinen" (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch v. 9.7.1920)
Diese Formulierung deutet auf ein Abtauchen Ferdinand Wiegands hin, welches er bisher wohl nicht mit der Parteiführung kommunizierte. Die folgende NSDAP-Notiz vom 14. Juli 1920 zu Schriftführer Wiegand lautet wiederum:
"Kann zur Versammlung nicht kommen." (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch v. 14.7.1920)
Der DAP-Gründungskoordinator Ferdinand Wiegand entzieht sich. Zwischenzeitlich scheint sich der politische Rückzug von Pg. Wiegand auch herumgesprochen zu haben. Am 28. Juli 1920 wird zu dem Anliegen des Augsburgers Max Flemming im NSDAP-Posteingangsbuch notiert:
"Anfrage, ob nicht eine Stelle frei ist als Werbemann." (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch v. 28.7.1920)
Die organisatorische Aufbauarbeit des ersten Schriftführers, die anfangs zielgerichtet und engagiert verläuft, endet nach weniger als 6 Monaten Parteiarbeit ungewöhnlich abrupt. So heißt es bei Joachimsthaler:
"Am 22. Juli 1920 hat Wiegand infolge einer Erkrankung gekündigt und ist nach Meisdorf zurückgegangen und hat die NSDAP verlassen." (Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.366 - 2000)
Der Verlauf klingt nach einem unfreiwilligen Ende einer intensiven Zusammenarbeit. Für die Tagesordnung der Münchener NSDAP-Ausschusssitzung vom 8. Juli 1920 vermerkt Kassierer Karl Riedl in seinem Kassen-Tagebuch nur kurz:
"Wiegand. Fall – 1893 (-Geburtsjahr-)" (Jäckel: "Hitler – Sämtliche Aufzeichnungen", S.161 - 1980 + BArch Berlin: NS26/229)
Einen ursächlichen Hinweis auf ein parteiinternes Zerwürfnisse liefert die folgende Formulierung:
"Hinzu kam ein grundlegender Richtungsstreit, wodurch innerhalb der Partei zwei grundsätzliche Strömungen zu Tage traten: auf der einen Seite die Gruppe um Drexler und den Journalisten Karl Harrer, die ihren Rückhalt in der Arbeiterschaft, dem Handwerk sowie den kleinen Geschäftsleuten besaß und ähnlich wie die Thule-Gesellschaft am Logengedanken festhielt und auf der anderen Seite die hauptsächlich aus ehemaligen Frontsoldaten bestehende Hitler-Gruppe, die den Idealen der bürgerlichen Gesellschaft ablehnend gegenüberstand und mittels einer starken Versammlungstätigkeit sowie einem offensiv geführten Kampf um neue Anhängerscharen die Partei in eine Massenbewegung verwandeln wollte. Gemeinsam war beiden Richtungen indes eine völkisch-nationalistische Gesinnung. Als eindeutiger Sieger aus diesem Konflikt ging schließlich Hitler hervor, weshalb (-DAP-Vorsitzender und Thule-Mitglied Karl-) Harrer Anfang 1920 der DAP den Rücken kehrte und im Zusammenhang mit der Führungskrise des Sommers 1920 auch offiziell ausgeschlossen wurde." (Wagner: "Entwicklung, Herrschaft und Untergang der nationalsozialistischen Bewegung", S.21/22 - 2007)
Ferdinand Wiegand wird schließlich seiner Funktion entbunden, sodass auch die für Augsburg geplante NSDAP-Ortsgruppengründung wieder in sich zusammenfällt.
Eine weitere mögliche Erklärung für das Verhalten Ferdinand Wiegands:
Gottfried Grandels Geburtsstadt Augsburg ist in der Phase der geplanten NSDAP-Ortsgruppengründung eine Sonderzone, hier bestimmt im Hintergrund offenbar der geheime Germanen-Orden als übergeordnete Nebenregierung. Einen deutlichen Hinweis zu dieser Vermutung liefert der Augsburger Arbeiter Karl Böhrer. Als anfängliches Mitglied des Germanen-Ordens vermerkt er in seinen späteren Ausführungen:
"Die erste (-Ortsgruppengründungs-?-)Versammlung im 'Hotel Post' (-in-) Augsburg (-vom Febr./März 1921?-) machte keinen guten Eindruck auf mich. Lauter Doktoren, Ingenieure usw. (-aus dem 'Bund für deutsches Recht'?-), nur keine Arbeiter. Ich ließ mich aufnehmen in die NSDAP. Vorsitzender war (-Dr. Grandels Ölfabrik-Vorarbeiter-) Herr (-Josef-) Schröffer, Schriftführer Dr. Grandel. Auch der (-Augsburger-) 'Schutz- u. Trutzbund' war hier zu Hause, ebenso der 'deutsche (-Germanen-?-)Orden' (-über den 'Bund für deutsches Recht' bzw. 'Augsburger Herrenklub'?-). Bald merkte ich, daß hier zwei Richtungen gegen einander standen." (BArch Berlin: NS26/158, S.9-10/Bl.134/135 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)

Gründungsversammlung der Augsburger NSDAP: Hotel Post in der Fuggerstraße 7 (Postkarte im Privatbesitz / Eugen Weiß)

Hotel zur Post - 1973 (Postkarte im Privatbesitz)

Hotel zur Post - 1973 (Postkarte im Privatbesitz)
Auf den Namen des Hotelbesitzers Eugen Weiß ist in Augsburg auch ein Chemikaliengroßhandel eingetragen.
Schriftführer Ferdinand Wiegand ist offenbar nicht Mitglied der geheimen Ordensverbindung, die von Karl Böhrer später als sogenannte "Nebenregierung" bezeichnet wird. Er stößt daher mit den von Adolf Hitler vertretenen Politik- und Machtansprüchen vorerst an unüberbrückbare Grenzen und verlässt daraufhin möglicherweise unfreiwillig das süddeutsche Betätigungsfeld.
Am Scheitern Ferdinand Wiegands dürfte auch Dr. Grandel nicht unbeteiligt gewesen sein. Als wichtiger Finanzförderer wird gerade er bei der Auswahl der Augsburger Funktionsträger seine eigenen Vorstellungen vor Augen gehabt haben, sodass er Wiegands bekundete Gründungsabsicht vermutlich kurz vor der Umsetzung mit einem Veto belegt.Das Engagement des Arbeiters Karl Böhrer im Rahmen des Germanen-Ordens ist in diesem Zusammenhang ungewöhnlich. Nach seinem bewaffneten Einsatz für die Augsburger Räterepublik hätte er normalerweise nach deren Scheitern eine langjährige Haftstrafe absitzen müssen. Möglicherweise hat er sich hier auf 'Gedeih und Verderb' verpflichten lassen, um dem Strafvollzug zu entgehen.
Aufgrund des plötzlichen Ausscheidens des Münchner Parteifunktionärs ergreift nun Dr. Grandel selbst die Initiative zur NSDAP-Ortsgruppengründung in Augsburg.
Als mittlerweile seit dem August 1920 offiziell eingeschriebenes Parteimitglied (Nr. 1713) wirbt er unter Freunden und Bekannten für die noch immer reichsweit unbedeutende Kleinstpartei aus München. Doch sein engagiertes Werben findet nicht nur Zuspruch. So notiert der in dieser Zeit mit der Familie Grandel eng befreundete Augsburger Amtmann Georg Fischer:
"Im Laufe der Zeit hatten wir manches längere politische Gespräch, es kam aber wegen seiner sehr einseitigen Einstellung niemals zu einer Übereinstimmung zwischen uns, sodass ich ihm mehrmals erklären musste, dass ich ihn nur noch besuchen könne, wenn von Politik überhaupt nichts mehr gesprochen würde, - trotz seiner jedesmaligen Versprechen kam er aber immer schon nach ein paar Minuten auf den alten Gegenstand zurück." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R8048/672, S.37 - Amtmann Georg Fischer an Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Die Augsburger Gründungsphase ist auch für Dr. Grandel kein Selbstläufer. Die schwierigen Rahmenbedingungen des Jahres 1920 beschreibt der politische Quereinsteiger rückblickend in seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv:
"In meinem Wohnsitze Augsburg hatten die Schwarzen und Roten alle politische Macht in Händen. Der Oberbürgermeister Dr. (-Kaspar-) Deutschenbaur war Demokrat. Trotzdem besuchte ich ihn öfters und gab ihm Aufklärung über die Ziele der Partei. Es war überaus schwierig, diese schwarzrote Hochburg für den völkischen und national-sozialistischen Gedanken zu gewinnen." (BArch Berlin: NS26/514, S.588/Bl.3 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Von 1919 für zehn Jahre im Amt: Augsburgs Oberbürgermeister Kaspar Deutschenbaur - 1927 (Wegele: "Augsburg, so wie es war", S.6 - 1974 + Ölgemälde digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_A_6720)
Die politischen Kräfteverhältnisse in Augsburg unterscheiden sich zu Beginn der 20er-Jahre deutlich von den Begebenheiten in München und Rosenheim. Trotz dieser schwierigen Ausgangslage bleibt Gottfried Grandel zuversichtlich.
Ein von ihm verfasster Leserbrief gibt über die politische Grundmotivation des Augsburger Ölfabrikanten Auskunft. Direkt nach dem Ausscheiden von Ferdinand Wiegand wendet sich Gottfried Grandel darin am 19. Juli 1920, also nur 11 Tage nach der Münchener NSDAP-Ausschusssitzung zum Fall Wiegand, an den Verleger der Zeitschrift "Hammer – Blätter für deutschen Sinn". Der von ihm kontaktierte Mühlentechniker und Publizist Theodor Fritsch aus Leipzig ist gleichzeitig Gründer des 1912 entstandenen Reichshammerbundes und des Germanen-Ordens. Der mit Gottfried Grandel verbundene bayerische Vertreter des Germanen-Ordens, Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, schreibt über den Hammerbund von Theodor Fritsch:
"Die Leser des Hammers, der Zeitschrift Theod. Fritsch, hatten sich zusammengeschlossen im Hammerbund." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.240 – 1933)

Gründer des Germanen-Ordens und der Zeitschrift "Hammer": Theodor Fritsch - 1919 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-1083 / o.Ang.)
Als Leserbriefschreiber ist es naheliegend, dass Dr. Grandel im Jahre 1920 die Zeitschrift Hammer bezieht, demzufolge selbst Mitglied des Hammerbundes von Theodor Fritsch ist, welcher auch in Augsburg zu dieser Zeit eine eigene Ortsgruppe betreibt. (Benz/Mihok: "Organisationen, Institutionen, Bewegungen", S.303 - 2012)
Die Absicht hinter dem Leserbrief Gottfried Grandels liegt dabei auf der Hand: Eine personelle Stärkung der eigenen Ordens-Fraktion innerhalb des innerparteilichen NSDAP-Wettbewerbs durch Personen aus dem Umfeld des Germanen-Ordens und Hammerbundes.
Ausgabe der Zeitschrift Hammer von Theodor Fritsch - 1928 (Fotografie im Privatbesitz)
In seiner Leserzuschrift bezieht sich Dr. Grandel auf das von Theodor Fritsch bereits 1918 verfasste Buch "Anti-Rathenau", zu dem er werbend vermerkt:
"Alle die wichtigen Dinge, die Sie darin besprechen, bewegen auch mich aufs stärkste und ich habe mir ihre Verwirklichung zum Ziele gesetzt. Landauf, landab suche ich seit langem selbstlose deutsche Männer, die das Gleiche wollen, sich aber nicht mit der Erkenntnis und dem Wunsche begnügen, sondern wirkliche Arbeit leisten. Der wahrhaft deutsche Rechtsstaat, den wir klar vor uns sehen, enthält die Grundzüge, die Sie in Ihrer Schrift anführen. Viel Leid und Enttäuschung ist dem beschert, der sein Volk sehend machen und zum Heile führen möchte. Der rechte Weg ist aber jetzt erkannt … Augsburg, 19.7.20." (Fritsch: "Hammer - Blätter für den deutschen Sinn", Nr.437, S.334 v. 1.9.1920)
(Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Ausschnitt aus der Zeitschrift Hammer – September 1920)
Für Adolf Hitler hat zum Sommer 1920 bereits ein kräftezehrender Veranstaltungs-Marathon begonnen. Unter Konkurrenzdruck will er den Beweis antreten, dass nur seine Form der Propaganda die Massen für die nationale Sache mobilisiert. Und tatsächlich: Kein anderer Redner schafft ein derartiges Pensum an Großveranstaltungen in solch kurzen Zeitabständen und versteht es, große Teile der Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. In München beteiligt sich der talentierte Redner gar an vier verschiedenen Veranstaltungen an einem Abend, auf denen er jeweils für 30 Minuten als Co-Redner auftritt.
Augsburg bleibt hingegen 1920 in seiner Terminplanung weiterhin außen vor, obwohl Fabrikant Dr. Grandel als großzügiger Finanzier größtes Interesse an einem dynamischen Ortsgruppen-Aufbau besitzt. Doch Augsburg strauchelt in dieser Hinsicht. So berichtet der Augsburger Arbeiter Karl Böhrer über den schon früh einsetzenden Konflikt des Germanen-Ordens mit der in großen Teilen hitlertreuen NSDAP:
"Eine andere Episode: Zu meinem Ringen für den Führer Adolf Hitler und General (-a. D. Erich-) Ludendorff bemühte ich mich, diesen über die Augsburger Verhältnisse klaren Bescheid zu geben, sammelte Beweisstücke, aber immer kamen diese nicht in die richtigen Hände. So wurde mir (-zum August 1920?-) versprochen, zur Klärung eine Zusammenkunft zu arrangieren, wo die Vertreter beider Richtungen zusammenkommen sollten. Es war bestimmt, in (-dem Augsburger Fugger-)Schloß Wellenburg, (Fürst Fugger) im Walde zu tagen, Parole war 'Arahari' (-Ariogermanisch: Adler-). Als Vertreter des Führers war Dietrich Eckart bestimmt. General Ludendorff sollte auch kommen. Diese Zusammenkunft fand jedoch nicht statt, da General Ludendorff nichts mehr mit dem 'Orden' zu tun haben wollte. Ich sollte die Einladungen und Teilnehmer bestimmen. Ich bemühte mich ehrlich zu handeln, jedoch gegenüber solcher Geheimbündelei war an eine Zusammenarbeit mit beiden Richtungen nicht zu denken. Dr. Dickel trat ein für den Föderalismus, während der Führer einzig und allein von der zentralen Führung Deutschlands, ohne Kompromiß, ausging." (BArch: NS26 Karl Böhrer an das NSDAP-Hauptarchiv, S.16/Bl.141 - 1941)
Das Berliner Organ der unabhängigen Sozialdemokratie schreibt möglicherweise parallel zu diesem von Karl Böhrer geschilderten Ereignis:
"Ludendorff in Bayern. Wie unser Augsburger Parteiorgan 'Der Volkswille' aus zuverlässiger Quelle erfahren hat, hat General Ludendorff in dem Fürst Fuggerschen Schloß Wellenburg bei Augsburg Wohnung genommen." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Freiheit, Nr.327 v. 12.8.1920)

Orden vs. Hitler: Gescheiterter Versuch einer Einigung auf Schloss Wellenburg - 1920 (Postkarte im Privatbesitz)
An Rosenheim demonstriert der umtriebige Propagandist Hitler hingegen seinen potentiellen Geldgebern, was auch außerhalb Münchens an Mobilisierung möglich ist. Die Rahmenbedingungen scheinen hier ideal. So vermeldet die Ortsgruppe nur zwei Tage vor Adolf Hitlers geplanten Reise nach Salzburg eine weitere Großveranstaltung:
(Münchener Digitalisierungszentrum: Rosenheimer Anzeiger, S.4 v. 5.8.1920)
Das politische Engagement von Gottfried Grandel konzentriert sich im Jahre 1920 nicht nur auf seine Heimatstadt Augsburg. Laut dem Post-Auslaufvermerk der Münchener NSDAP bekommt er von der Geschäftsstelle im Juli 1920 eine Einladung zugesandt. In dem Vermerk heißt es:
"Zusendung der Mitgl.karte und Einladung nach Salzburg (-7.-8. August 1920-)." (BArch Berlin: NS26/222 - Eintrag im Münchener NSDAP-Posteingangsbuch v. 28.7.1920)
Die vom Parteibüro erwähnte Mitgliedskarte wird für Dr. Grandel in Salzburg erstmalig erforderlich, da er den Teilnehmern ausserhalb der bayerischen NSDAP gänzlich unbekannt gewesen sein dürfte. Auf dem Salzburger "Vertretertag aller nationalen Sozialisten des deutschen Sprachgebietes" nehmen offiziell der Parteivorsitzende Anton Drexler, Werbeobmann Adolf Hitler und zehn Ortsgruppenvertreter als Delegierte der bayerischen NSDAP teil. Hinzu kommen zehn weitere süddeutsche Vertreter, unter denen sich möglicherweise auch der Name Gottfried Grandel befindet. Für Augsburg wird von dem "Salzburger Volksblatt" für die NSDAP als Deligierter genannt: (Josef?) Sewald. (anno.onb.ac.at: Nr.183, S.2, "Der Vertretertag der Nationalsozialisten Großdeutschlands" v. 12.8.1920)
DAP-Mitgliedskarte von Adolf Hitler - 1920 (BArch: Bild 102-16149 / Pahl, Georg)
Auf Einladung Dr. Riels, Obmann der österreichischen DNSAP, versucht Hitler in Salzburg bereits, den alleinigen NSDAP-Führungsanspruch umzusetzen, was sich jedoch in diesem Zusammenhang noch nicht realisieren lässt. (Wagner: "Entwicklung, Herrschaft und Untergang der nationalsozialistischen Bewegung", S.27 – 2007)
In der Rede im Sitzungssaal des Salzburger Landtags betont der Münchener Werbeobmann Hitler vor rund 250 Delegierten und 100 Gästen:
"Wir haben erkannt, daß wenn es bisher möglich war, unserem Volke das Selbstverständlichste, was es überhaupt gab, herauszureißen, das Nationalgefühl, wenn es einzelnen Gruppen möglich war, Millionen Menschenmassen so weit zu bringen, daß sie sagten, wir sind international, und damit das Widernatürliche aussprachen, es auch möglich sein muß, ihnen zu sagen, ihr seid national und müßt es sein." (Jäckel: "Hitler – Sämtliche Aufzeichnungen", S.175 - 1980 + BArch Berlin: NS 11/28, Bl.2 ff.)
Salzburger Tagung völkischer Gruppierungen: Gruppenbild mit Hitler - 8. August 1920 (Bay. Staatsbibliothek, Bild: hoff-6512 / Hoffmann, Heinrich)
Adolf Hitler hält in diesem Zusammenhang noch im Chiemseehof eine Ansprache, in der er die Verbrüderung des nationalen mit dem sozialen Gedanken feiert. Beendet wird das Treffen schließlich im Kursaal mit einem Festabend. (Salzburger Volksblatt)
Nur 10 Tage nach dem Treffen in Salzburg schreibt Adolf Hitler an einen Partei-Interessenten:
"Wie Ihnen, verehrter Herr von Bülow, vielleicht bekannt geworden sein mag, fand am 7., 8. und 9. August (-1920-) in Salzburg eine Tagung all der Parteien statt, die im deutschen Sprachgebiet ohne Rücksicht auf augenblickliche staatliche Zugehörigkeit auf dem Boden des Programmes stehen, das Ihnen als engeres Programm unserer Partei bereits bekannt ist. Die Tagung, die von besten nationalen Ideen getragen wurde, sollte nun den Zusammenschluss all dieser Parteien herbeiführen, durch Annahme gemeinsamer allgemeiner Richtlinien und Annahme eines gemeinsamen Namens. (...) Was den zweiten Teil der zwischen uns gepflogenen Aussprache betrifft und an den Sie in Ihrem Brief erinnern, so muss ich Ihnen leider mitteilen, dass auf Grund der Salzburger Vereinbarung unsere Partei auf die Dauer von 6 Monaten in ihrer Tätigkeit sich zunächst auf Bayern, Württemberg und Baden zu beschränken hat, während der nördliche Teil Deutschlands, darunter auch Pommern und Mecklenburg, in das Arbeitsgebiet der Deutsch-Sozialistischen Partei, Sitz Hannover, fällt. Diese Vereinbarung war notwendig und wurde von uns im Interesse der nationalen Solidarität unterzeichnet und wird loyal gehalten werden, um jede Rivalität der beiden Parteien auf die Dauer der kommenden 6 Monate auszuschalten und in dieser Zeit die vollständige Verschmelzung der beiden Parteien durchführen zu können." (BArch Berlin: NS26/108, "Akt Geheim B."S.1 v. 18.8.1920)
Vermutlich wird zwischen Dr. Grandel und Adolf Hitler auf dieser Reise auch das weitere Vorgehen für die noch immer ausstehende Ortsgruppen-Gründung in Augsburg vereinbart.
Trotz der für ihn schwierigen Rahmenbedingungen bringt Gottfried Grandel schließlich über die von ihm gegründete Ortsgruppe Bund für deutsches Recht und den reichsweit aktiven Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund tatsächlich bis zum Jahreswechsel 1920/21 eine Anzahl von Interessenten zu den Augsburger Sprechabenden zusammen.
Auch sein redegewandter Freund, der Augsburger Lehrer Dr. Otto Dickel, gehört zu seinen Wunschkandidaten für die NSDAP-Parteimitgliedschaft. Amtmann Fischer notiert zu Dr. Grandels Aktivitäten rückblickend:
"Er veranstaltete hier Vorträge des Herrn Dr. Gottfr. Feder, hielt selbst Vorträge über die Schaffung eines deutschen Rechtes und schuf im Anschluss daran gemeinsam mit Dr. Dickel die Anfänge der hiesigen nationalsozialistischen Bewegung;" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R8048/672, S.37 - Amtmann Georg Fischer an Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Die Formulierung Georg Fischers lässt vermuten, dass die Akademiker Grandel und Dickel zu dieser Zeit gemeinsamer Teil der von Karl Böhrer erwähnten "Nebenregierung" des Ordens sind.
Das erklärte Ziel von Dr. Grandels Bemühungen: Die Gründung einer einflussreichen NSDAP-Ortsgruppierung; einer Hausmacht, die regelmäßig Treffen und Veranstaltungen organisiert und somit frühzeitig auf das Parteigeschehen in München Einfluss nehmen kann.
Mit der Augsburger Ortsgruppe soll dabei ein spürbares Gegengewicht zu den mittlerweile dominanten Münchener Partei-Aktivitäten entstehen, welche zu ordens-kritisch von Dietrich Eckart protegiert werden.
Und, so die Überlegung der völkischen Vordenker aus Augsburg: Unter der Direktive Dr. Otto Dickels gelänge möglicherweise der reichspolitische Sprung über die bayerische Landesgrenze hinaus in Richtung Norden.
Doch der wachsende Einfluss des Publizisten Dietrich Eckart auf Adolf Hitler läuft den Interessen des Ordens zunehmend entgegen:
"Im Frühsommer 1921 erhielt Hitler einen mahnenden Brief des Parteigenossen Heinrich Dolle, eines Mannes mit einem Hang zur Turnvater-Jahn-Deutschtümelei:
'Ihr sitzet zu viel mit Dietrich Eckart und dem jungen Heß in der Fledermaus-Bar, das ist nicht gut für Euch!'" (Schwarzwäller: "Hitlers Geld", S.98 - 1998)
Der westfälische Wanderredner Heinrich Dolle ist für die Bayerische Frühentwicklung der NSDAP nicht unbedeutend. Im folgenden Jahr 1922 wird er bei Gottfried Grandel in Augsburg für mehrere Monate wohnen und von ihm geschult werden, um in Süddeutschland für die NSDAP als Versammlungsredner Verwendung zu finden. (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.5 - Dr. Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Der mahnende Hinweis Heinrich Dolles an den Münchener Propagandisten veranschaulicht den Ablösungsprozess Hitlers gegenüber seiner ersten politischen Förderstruktur. Doch der Konflikt mit den völkischen Ordens-Einflüssen findet erst im Laufe des Sommers 1921 seinen wirklichen Höhepunkt. Im Zusammenhang mit Dr. Otto Dickel durchlebt die noch junge Partei dabei ihre bislang schwerste Krise.
Bei Dr. Grandels Bemühungen zur Gründung der Augsburger NSDAP-Ortsgruppe wird es anfangs auch zu Irritationen geführt haben, dass ausgerechnet ein Fabrikant Werktätige für die Idee des nationalen Sozialismus einer Arbeiterpartei gewinnen will. So plant Gottfried Grandel kurzerhand seinen Fabrikvorarbeiter Josef Schröffer für die Spitze der lokalen NSDAP-Ortsgruppierung ein.
Nachdem Dr. Grandel der NSDAP kurz vor Weihnachten 1920 bei dem geplanten Erwerb des überschuldeten Völkischen Beobachters entscheidende Hilfestellung als Bürge leistet, versucht er den parteiinternen Schub zum Ortsgruppen-Aufbau in der schwäbischen Hauptstadt zu nutzen.
NSDAP-Werbeobmann Adolf Hitler fokussiert sich derweil mit seinen unterstützenden Propaganda-Auftritten nur auf München und Oberbayern. Es fehlen der Partei schlichtweg die Ressourcen für eine schnellere und breitere Aufstellung auf Landes- und Reichsebene.
Adolf Hitler notiert in einem Antwortbrief an den späteren Reichsarbeitsführer Konstantin Hierl:
"Da die Ortsgruppe München praktisch die Gründung aller übrigen Ortsgruppen in erster Linie immer aus ihren eigenen Mitteln vornehmen muß, so sind wir auch nicht in der Lage, zu gleicher Zeit an zahlreiche Neugründungen denken zu können." (Jäckel/Kuhn: "Hitler - Sämtl. Aufzeichnungen", S.156 - Brief an Major Hierl v. 3.7.1920)
Der frühe Kapitalgeber Dr. Grandel wird sich mit Adolf Hitler besonders in folgender Bewertung einig gewesen sein:
"Wir legen auch weniger Gewicht darauf, eine möglichst große Zahl von Ortsgruppen aufweisen zu können, als vielmehr darauf, daß eine jede einmal angefangene Ortsgruppe auch wirklich in kürzester Zeit zu einem, wenn nicht ausschlaggebenden, so doch mitbestimmenden Faktor in dem Orte wird.(…) Die Gründung von Ortsgruppen wird bei uns unter der Voraussetzung unternommen, daß sich in dem betreffenden Ort auch wirklich eine Persönlichkeit findet, die fähig ist, die Bewegung erfolgreich durchzudrücken. Experimente können wir uns umso weniger erlauben, als die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, nur sehr klein sind." (Jäckel/Kuhn: "Hitler - Sämtl. Aufzeichnungen", S.156 - Brief an Major Hierl v. 3.7.1920)
Für Augsburg dürfte in den Anfangsjahren besonders Dr. Grandel die entscheidenden Finanzmittel bereitgestellt haben, doch werden auch hier Überlegungen verfolgt, dieses Fundament kontinuierlich zu verbreitern. So notiert der spätere Partei-Archivar Miller in seinem Nachkriegs-Erinnerungen:
"In jener Zeit erfolgte auch meine erste Begegnung mit Hitler. Es geschah auf Wunsch des erweiterten (-Augsburger-) Ausschusses der Ortsgruppe. Dieser hatte ständig Mangel an Geld. Fabrikdirektor (-Wilhelm-) Martini (-Haunstetten bei Augsburg-) stand im Rufe, nationalgesinnt zu sein, wenn auch nicht nationalsozialistisch. Die Herren meinten, man solle an einem neutralen Ort eine Zusammenkunft Martinis mit Hitler zustande bringen, vielleicht, dass er die Ortsgruppe dann finanziell unterstützen würde.
Obwohl mir die Sache wenig erfolgversprechend schien, übernahm ich es, nachdem ich häufig zum Besuch meiner Mutter nach München fuhr, bei Hitler in erwähntem Sinne vorzusprechen.
Hitler wohnte damals bei einem ihm treu ergebenen Anhängerehepaar in der Thierschstrasse, wo er in einem Parterreraum auch sein Büro hatte, das einfach ausgestattet war, nur mit den notwendigsten Möbeln, nach meiner Erinnerung nur einem grossen runden Tisch, einer Kommode und einigen Stühlen. Ich musste in einem kleinen Vorraum warten. Dietrich Eckart, der Dichter der Bewegung, war gerade bei Hitler. Als er gegangen, brachte ich Hitler eine kleine Anzahl Wünsche vor, die mir die Ortsgruppenleitung vorzubringen aufgetragen hatte, als ersten und für die Augsburger wichtigsten die Zusammenkunft mit Martini.
Da sprang Hitler vom Stuhl auf und rannte aufgeregt um den Tisch herum. 'Diese Schweinehunde', schrie er, 'dass wir ihre Fabriken schützen, dazu wären wir gut genug. Opfer wollen sie keine bringen. Ich habe meine Lastwagen, sogar die Schreibmaschinen und den Vervielfältigungsapparat in der Geschäftsstelle verpfänden müssen. In ihrer Presse berichten die Marxisten ständig von Golddollars und Franks, die wir aus der Schweiz erhielten. Alles gelogen. Wir sind ständig in Geldnot. Überall in der Provinz sollten wir auch noch aushelfen.'" (Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.15/16, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole" von Franz Maria Miller, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)
Was der Augsburger Haupt-Kapitalgeber Gottfried Grandel zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen kann: Ausgerechnet seine Geburtsstadt wird zu einem unfreiwilligen Experimentierfeld völkischer Gründungs- und Fusionsbestrebungen, an denen sein Parteifreund Dr. Otto Dickel erheblichen Anteil haben wird.
Doch nach zwei Jahren Partei-Vorarbeit und dem Erwerb des Völkischen Beobachters sieht sich Dr. Grandel zum Jahreswechsel 1920/21 in der Pflicht: Augsburg muss endlich liefern.
Seit dem Jahreswechsel steht dem Ansinnen Dr. Grandels das bis zum Ende 1920 satirisch aufgestellte Lokalblatt Deutsche Michel zur Verfügung:
"(...) ab 1921 stellte er (-der Deutsche Michl-) sich mit seinem Hauptinhalt in den Werbedienst der NSDAP (...)." (BArch Berlin: NS26/971 - Franz Xaver Weixler, Redakteur Deutsche Michl, Augsburg)
Bereits für den Januar 1921 vereinbart Dr. Grandel eine Augsburger Versammlung unter Beteiligung Adolf Hitlers. Für den mittlerweile immer selbstbewusster auftretenden Partei-Propagandisten gerät die getroffene Terminvereinbarung absehbar zu einem ersten öffentlichen Kräftemessen mit der "Nebenregierung" des Geheimordens, ihm ist dieser Konflikt bewusst. Adolf Hitler hat spätestens seit dem Scheitern von Ferdinand Wiegand ein Problem mit diesem Augsburger System, welches in erster Linie verkörpert wird durch den rhetorisch begabten und zudem gebildeten Redner Dr. Otto Dickel (41).
Die zwei unterschiedlichen Ansätze in der politischen Umsetzung begegnen sich hier konfrontativ, dennoch sagt Adolf Hitler gleich für zwei Augsburger Werbe-Veranstaltungen seine Teilnahme zu.
Der Arbeiter Karl Böhrer, im Januar 1921 selbsterklärtes Mitglied des örtlichen Germanen-Ordens, schreibt in seinen ausführlichen Erinnerungen an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Auf meine Frage an den Führer, wie er sich zu den deutschen Geheimbünden stelle, erwiderte er mir: 'Ich lehne jede Geheimverbindung ab, wir Nationalsozialisten sagen frei und offen, was wir wollen!'" (BArch Berlin: NS26/158, S.10-11/Bl.135-136 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Sicher sieht auch Fabrikant Dr. Grandel, nach Karl Böhrers späteren Angaben gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv zu dieser Zeit bereits als Hochgradfreimaurer tätig, das Konfliktpotential dieser verschiedenen Strömungen, doch hofft er dabei noch auf die bedingungslose Loyalität Adolf Hitlers gegenüber seinen frühen völkischen Förderern aus dem Geheimorden.
So meldet sich schließlich Dr. Grandel am 1. Januar 1921 bezüglich der ersten Versammlungsvorbereitungen beim Münchener Parteibüro. Dieses notiert zu seinem Anliegen:
"Ersuchen um Werbematerial und Plakate - Werbematerial gesandt." (BArch Berlin: NS26/222 - Eintrag im NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.557 v. 1.1.1921)
Auch der Augsburger NSDAP-Interessent Robert Rogg wird am 11. Januar 1921 von der Münchener Partei-Zentrale mit einer Versammlungs-Einladung für Augsburg berücksichtigt. (BArch Berlin: NS26/222 - Eintrag im NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.550 v. 11.1.1921)
Nachdem der erste Gründungsversuch Ferdinand Wiegands im Sommer 1920 in Augsburg scheitert, steht Gottfried Grandel mit seiner geplanten Umsetzung unter einem gewissen Erfolgsdruck. Augsburg wirkt hinsichtlich der noch jungen Parteientwicklung bereits gehemmt. Möglicherweise ist Gottfried Grandel auch selbst an dem Scheitern Ferdinand Wiegands beteiligt, was die Erwartungshaltung an die Versammlung noch zusäzlich erhöht. In einer Sonderbeilage der Augsburger-Nationalzeitung heißt es später rückblickend:
"Anfang des Jahres 1921 sammelte Dr. Gottfried Grandel einen kleinen Kreis von Männern um sich, vor denen bereits am 12. Januar 1921 Adolf Hitler im oberen Saal des damaligen Kaffee Maximilian über sein Wollen und das Programm der NSDAP sprach." (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger Nationalzeitung, Nr.270 - Sonderbeilage "15 Jahre NSDAP in Augsburg" v. 22.11.1937)

Die Obere Maximilianstraße - Links im Bild: Café Max - 1921 (Postkarte im Privatbesitz)
Die Einladung zu der Augsburger Versammlung wird durch die von Dr. Grandel bereits gegründete Ortsgruppe Bund für deutsches Recht ausgesprochen:
"Seit 1919 waren in Augsburg völkische Gruppen hervorgetreten. 1921 hatte auch die NSDAP Fuß gefaßt, nachdem Hitler am 12. Januar auf Einladung einer völkischen Vereinigung ('Bund für Deutsches Recht'- gegründet von dem Ölmühlenbesitzer Dr. Gottfried Grandel) in einem Café in der Maximilianstraße zum ersten Mal in Augsburg gesprochen hatte." ("Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt: Teil B, Teil 2", S.51 - 2018)
Thematisch angekündigt wird die von Dr. Grandel für 19.30 organisierte Veranstaltung im Café Max mit der Überschrift:
"Der Arbeiter im Deutschland der Zukunft" (Jäckel: "Sämtliche Aufzeichnungen", S.296 - 1980 + StadtAA: Allgäuer Tageblatt v. 18.11.1937 + Augsburger Neueste Nachrichten, S.2 v. 10.1.1921)
Doch im Unterschied zu dem DAP-Gründungsverlauf in Rosenheim spricht Adolf Hitler in Augsburg auch vor Teilen einer akademischen Oberschicht der schwäbischen Hauptstadt. Die den Sozialdemokraten nahestehende Schwäbische Volkszeitung schreibt über Adolf Hitlers erste Augsburg-Rede am 18. Januar 1921:
"Vor wenig Freunden und vielen Gästen referierte am vergangenen Mittwoch abend im Café Maximilian im 2. Stock Herr Hitler-München über das Programm der 'nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei'.
Der Redner führte zunächst aus, daß Deutschland ein germanischer Staat sei, der 'rasserein' erhalten werden müsse. Der Verwelschung (-Vermischung der Sprache-) müsse Einhalt geboten werden, der jüdische Einfluß gebrochen werden. Das Wort 'national' sei falsch gefaßt gewesen und dürfe nicht nur für jene Anwendung finden, die vom Staate leben, es müsse für alle gelten. Der materialistische Staat müsse durch den idealistischen ersetzt werden. Zum Gedeihen eines Volkes sei die innere Solidarität notwendig, eine enge Fühlungnahme zwischen Proletarier und Bourgeois. Sodann geht der Redner zur Begründung seines Programms über, das den Eindruck erweckt, als wäre es unter Zuhilfenahme sämtlicher sozialistischen und nationalistischen Programme in den Köpfen einiger Schwärmer im Café entstanden. Das Programm will nur als Zeitprogramm aufgefaßt werden und wird sich seinem Inhalte nach auch nur eine 'Zeitlang' über Wasser halten können.
Wenn der Redner bemüht war, am Anfang durch seine sachlichen Ausführungen einige Sympathien bei den Versammlungsteilnehmern zu erwerben, so machte er sich am Schlusse durch in 'Stierwut' geifernden Haßsprüchen, die in ein 'Viel Feind - viel Ehr' ausklangen, geradezu unmöglich.
Vom Diskussionsteilnehmer Dr. Dickel mußte sich der Redner manche Berichtigung gefallen und vor allem Eines vorhalten lassen, daß es heute an der Zeit wäre, das Volk zur inneren Geschlossenheit zusammenzuführen, statt es zu verhetzen. Dr. Dickel erwartet aus den vier mächtigen Säulen der Werkgemeinschaften, der Gewerkschaften, der Bürgerräte, der Bauernräte und der Besoldetenräte, die Rettung. Die nationalsozialistische Arbeiterschaft ist ein neuer Keil, der zwischen die Arbeiterschaft getrieben werden soll, und während die Fusionen der Großbetriebe die Ringe des Kapitals schließen, steht heute Arbeiter gegen Arbeiter. Wann dämmerts einmal der notleidenden Proletarierklasse?" (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Schwäbische Volkszeitung, Nr.14, S.5 - "Eine Versammlung der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei" v. 18.1.1921, Mikrofilmrolle Nr.42 + Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger National-Zeitung, Nr.270, Sonderbeilage "15 Jahre NSDAP in Augsburg" v. 22.11.1937)
Auch die Augsburger Neuesten Nachrichten widmen Adolf Hitlers Rede einen Artikel. Demzufolge beginnt er seine Ausführungen mit einem kurzen Rückblick auf den Weltkrieg und die zu dieser Zeit verantwortliche Führung. In dem Artikel heißt es weiter:
"In scharfen Worten wandte sich der Redner dann gegen das Schieber- und Wuchertum. Er forderte, daß alle Schieber und Wucherer gehängt würden, die deutschen um drei Meter höher als die Angehörigen anderer Rassen." (Jäckel: "Hitler-Sämtliche Aufzeichnungen", S.296/297 – 1980 + Augsburger Staats- u. Stadtbibliothek: Augsburger Neueste Nachrichten, Bd. 1, Nr.19, S.2: "Der Arbeiter in dem Deutschland der Zukunft" v. 13.1.1921)
Interessant in diesem Zusammenhang: Laut einer späteren Verlesung des Vorstrafenregisters besteht bereits im Jahre 1923 ein diesbezüglicher Eintrag zu Gottfried Grandel. Der Vorsitzende im Berliner Thormann-Grandel-Prozess vermerkt hierzu:
"Ich habe bei den Akten eine Verurteilung Grandels wegen Beamtennötigung zu 300 M., Umsatzsteuergefährdung und Preistreiberei." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.249, S.3 - "Claß als Zeuge" v. 28.5.1924)
Zu der hier angeführten "Preistreiberei" könnte der bereits ein Jahr zuvor erschienene Artikel des Vorwärts einen Bezug darstellen. Über Dr. Grandels späteren Nachfolger in der Augsburger NSDAP-Ortsgruppenleitung, Oberstadtmann Dr. Adolf Frank, wird dort berichtet:
"Ein Parteigänger und früherer Freund bezichtigte ihn (-Dr. Frank-) öffentlich und bei der Staatsanwaltschaft der Unterschlagung, weil er als Vorsitzender des Kriegswucheramts eine ihm gemeldete Preistreiberei (-des Dr. Grandel?-) unterschlug, nachdem auf seine Veranlassung der Angeschuldigte (-Dr. Grandel?-) zugunsten der nationalsozialistischen Parteikasse einen Geldbetrag gestiftet hatte.- Die Feststellungen vor dem Mainzer Kriegsgericht haben den Stadtrat in Augsburg veranlaßt, gegen Franke (-Frank-) neuerdings eine Untersuchung einzuleiten." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.309, S.3 - "Dr. Franke (-Frank-), der Ruhrkämpfer" v. 5.7.1923)
In dem Zeitungsartikel von Adolf Hitlers erster Augsburg-Rede wird noch auf einen Zwischenfall und den Diskussionsbeitrag von Dr. Otto Dickel hingewiesen:
"In der Judenfrage bekannte sich der Redner als antisemitisch. Ein kurzer Zwischenfall, der dadurch herbeigeführt worden war, daß einige radikale Elemente sehr jugendlichen Alters Unruhe zu stiften versuchten, wurde sehr schnell beigelegt, indem man das – auch für andere derartige Fälle sehr empfehlenswerte Verfahren anwandte, und die jungen Herren an die frische Luft beförderte. Nachdem Herr Hitler seinen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag beendet hatte, machte Herr Dr. Dickel in der anschließenden Aussprache noch einige Ausführungen über die Bodenreform und zu der Judenfrage." (Augsburger Staats- u. Stadtbibliothek: Augsburger Neueste Nachrichten, Bd. 1, Nr.19, S.2: "Der Arbeiter in dem Deutschland der Zukunft" v. 13.1.1921)
Auch der von der Partei im Dezember 1920 erworbene Völkische Beobachter berichtet von Adolf Hitlers ersten Augsburg-Rede:
"(Tel.-Meldg.) Im Saale des Café 'Maximilian' fand am 12. Jänner (-Januar 1921-) die erste große Werbeversammlung der D.A.P. statt. Der Besuch war, hauptsächlich aus den Kreisen der internationasozialistischen Arbeiterschaft, sehr gut. Teilweise von stürmischem Beifall unterbrochen, sprach Adolf Hitler über: Der Arbeiter im Deutschland der Zukunft. Ein paar Schreihälse, wahrscheinlich von der durch Hitlers Auftreten in Augsburg unangenehm berührten Judenschaft bezahlt, versuchten Krach zu machen, wurden aber durch die Saalpolizei an die Luft gesetzt. Viele Aufnahmen beweisen, daß auch in Augsburg der nationalsozialistische Gedanke sich durchsetzt." (Stadtarchiv München: Völkischer Beobachter, Nr.5, S. , Mikrofilm - "Aus der Bewegung" v. 16.1.1921)
Ein weiterer Artikel findet sich im Allgäuer Tageblatt vom 18. November 1937. (Stadtarchiv Augsburg + Kemptener Stadtarchiv + Bay. Staatsarchiv)
In der Augsburger Versammlung vom Januar 1921 begegnen sich, unabhängig vom parteiinternen Führungskonflikt, zwei Welten: Eine vom langjährigen Front-Krieg geformte Bereitschaft zur Radikalität in der Beseitigung von Hindernissen trifft hier auf das kulturell-gediegene Bildungs-Bürgertum der schwäbischen Hauptstadt, welches vorwiegend gewohnt ist, in geheimen Zirkeln und Herrenklubs politische Verabredungen zu treffen. Gerade Adolf Hitlers Bildungsniveau wird hier von Seiten der Akademiker belächelt. Der kontinuierliche Ablösungsprozess Adolf Hitlers vom ursprünglichen Lenkungsanspruch seiner frühen Ordens-Förderer findet hier seinen klaren Ausdruck:
"Schon beim ersten Mal, am 12. Januar 1921, sprach in der Diskussion der Augsburger Studienrat Dr. Otto Dickel. Hitler fand wenig Gefallen an Dickels politischen Äußerungen und verließ Augsburg in schlechter Laune." (Möller, Wirsching, Ziegler: "Nationalismus in der Region, regionale Wurzeln u. Differenzen der NSDAP", S.79 - Beitrag v. Helmut Auerbach - 2009)
Parteiredner Adolf Hitler beim Verlassen einer Großveranstaltung - 1927 (BArch: Symbolbild 183-S29405 / o.Ang.)
Die erste Augsburger NSDAP-Veranstaltung gerät für den geschulten Propagandisten Adolf Hitler zum persönlichen Fiasko: Nicht nur seine frühen Führerambitionen werden hier offen in Frage gestellt, auch intellektuell gerät er zum Teil unter die Räder des welterfahrenen Dr. Dickel.
Zumindest hat sich durch Adolf Hitlers Einsatz ein neues Parteimitglied anwerben lassen können. Am 15. Januar 1921 wird laut Posteingangsbuch dem neuen Pg. Friedrich Vey zum Augsburger Hotel Drei Mohren die Mitgliedskarte zugesandt. (BArch Berlin: NS26/222 - Eintrag im NSDAP-Posteingangsbuch v. 15.1.1921)
Die spätere Adresse für Adolf Hitlers Aufenthalte in Augsburg lautet sodann auch:
Hotel-Anzeige vom 22. November 1937 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger National-Zeitung, Nr.270 - Sonderbeilage "15 Jahre NSDAP in Augsburg" v. 22.11.1937)

Wohnen wie die Fürsten: Hotel Drei Mohren - 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
Durch die Augsburger Versammlung ist der Bruch zwischen Dr. Otto Dickel und dem NSDAP-Propagandisten Adolf Hitler auch für den politischen Gegner offen sichtbar. Der Augsburger Arbeiter Karl Böhrer notiert in seinem späteren Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Der Führer lehnte Dr. Otto Dickel ab, nachdem er ihn schon (-spätestens 1921-) kennenlernte in Augsburg im Café Maximilian und die Versammlung verließ. Bei der zweiten Aussprache mit dem Führer im Parteilokal (-am 10. Mai 1921?-) wollte der Führer mich verpflichten.(-Spätere Verpflichtungsformel: 'Ich schwöre Dir, unserem Führer Adolf Hitler, bis zum letzten Tropfen Blut bei unserer Fahne auszuharren.'-) Nun kommt die Tragik, die bitterste meines Lebens. Ich war ja schon verpflichtet auf 'Gedeih und Verderb' im Germanenorden (-Walvater in der Treuschaft Radsey unter dem Augsburger Hochmeister Oberstlt. Hermann v. Schleich-).- Auf meine Frage an den Führer, wie er sich zu den deutschen Geheimbünden stelle, erwiderte er mir: 'Ich lehne jede Geheimverbindung ab, wir Nationalsozialisten sagen frei und offen, was wir wollen.!' Das freute mich sehr und (-ich-) entschloß mich, aus dem (-Germanen-)Orden auszutreten, um nur (-für-) Hitler (-da-) zu sein. Aber noch durfte es nicht gelingen; die Freimaurermacht war zu stark." (BArch Berlin: NS26/158, S.10-11/Bl.135-136 - Bericht Karl Böhrer an das NSDAP-Hauptarchiv v. 20.4.1941)
Ein weiterer Augsburger Parteigenosse notiert rückblickend:
"Im (-12.-) Januar 1921 kam Hitler nach Augsburg, um unter den Mitgliedern der 'Deutschen Werkgemeinschaft' für seine Sache zu werben (-gemeint ist eher der Bund für deutsches Recht, Werkgemeinschaft gründet sich erst im März 1921?-). Die Berührung fand im später aufgelassenen Café Maximilian statt und führte zu keiner Einigung, da Studienprofessor Dr. Dickel, der Führer der Werkgemeinschaft, ein System der Bauern- und Arbeiter-Räte neben der Bodenreform vertrat und Hitlers Führerprinzip ablehnte." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Signatur 4 Enc 216-9, S.3, "Wie Hitler Augsburg Eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole" von Franz Maria Miller, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)
Laut dem frühen DAP-Geschäftsführer Rudolf Schüssler meldet sich in dieser ringenden Phase der ehemalige DAP-Schriftführer Ferdinand Wiegand aus Meisdorf a. Harz bei seinen ehemaligen Münchener Parteigenossen zurück. Rudolf Schüssler schreibt ihm daraufhin:
"Soeben erhalten wir von der Schriftleitung des 'Völkischen Beobachters' einen vom 4. Februar (-1921-) datierten Brief, indem wir nach langer Zeit wieder ein Lebenszeichen von Ihnen, Herr Wiegand, erblicken. Sie können sich unser Erstaunen wohl vorstellen, als wir so plötzlich ohne einen Grund zu wissen, auch nur zu ahnen, keinerlei Nachricht mehr über Sie erfahren konnten. Es freut uns, dass Sie wenigstens jetzt wieder gesund sind." (BArch Berlin: NS26/111 - Schriftwechsel R. Schüssler v. 22.2.1921)
Kurz darauf trifft am 22. Februar 1921 auch eine Nachricht von Wiegand an die NSDAP-Geschäftsstelle ein:
"Anfrage, ob er sich für die Partei verwenden kann. - Kann sich verwenden, Werbematerial wird zugesandt." (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch v. 22.2.1921)
Trotz der inneren Reibungsverluste konkretisiert sich unter der Leitung Gottfried Grandels die Gründung der ersten Augsburger NSDAP-Ortsgruppe im Nachlauf zu Adolf Hitlers ersten Werbeversammlung vom 12. Januar 1921.
Für den Februar wird schließlich im NSDAP-Posteingangsbuch zu Dr. Grandels Anliegen vermerkt:
"Bittet diese Woche, keine Post zu senden." (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.745 v. 22.2.1921)
In dem privaten Kalender Gottfried Grandels werden für diesen Zeitraum drei Kreuze vermerkt:

"Armes Lenl (-Helene-) - Armer Friedl (-Gottfried-)" - Drei Kreuze nach Absendung der Einladungen zur Gründungsversammlung? - 15. Februar 1921 (Eintragung in Gottfried Grandels Privatkalender v. 15.2.1921)
Eine weitere Auffälligkeit: Der Heidelberger Privatdozent Dr. Arnold Ruge, Mitglied des Germanen-Ordens Walvater, wendet sich am 22. Februar 1921 mit einem nicht näher benannten Anliegen an die NSDAP-Geschäftsstelle in München:
"Anfrage, ob er mit Hitler zusammenkommen kann." (BArch Berlin: NS26/222, Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.742 v. 22.2.1921)
März 1921
Im darauf folgenden Monat März heißt es im Posteingangsbuch zu den Augsburger Verhältnissen:
"Rob. Rogg, Augsburg Rosenaustr.: Empfing die Einladung zur (-Gründungs-?)Versammlung zu spät. - Vorsitzenden der Ortsgruppe (-Josef Schröffer-) bekannt gegeben." (BArch Berlin, NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.861 v. 19.3.1921 + zu Robert Rogg auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20103/Personalakten P14/451 II)
Offenbar hatte Dr. Grandel kein gesteigertes Interesse, den schon im Vorlauf sich anbietenden Augsburger Robert Rogg in die Gründungsphase der Ortsgruppe mit einzubinden.
Über seine Augsburger Aufbauaktivitäten berichtet er an das NSDAP-Hauptarchiv rückblickend:
"Aus diesen Gruppen (-Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund, Bund für Deutsches Recht-) sammelte ich die kleine Schar von Männern, mit denen ich dann (-im Februar/März 1921?-) die Ortsgruppe Augsburg der NSDAP gründete." (BArch Berlin: NS26/514, S.588-589/Bl.3-4 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Auf Nachfrage des Hauptarchives präzisiert Gottfried Grandel nochmals seine Angaben:
"Die Ortsgruppe Augsburg der NSDAP ist auf meine Initiative im Winter 1920/1921 gegründet worden." (BArch Berlin: NS26/514, S.597/Bl.1 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 6.11.1942)
In der Gründungsphase der nationalsozialistischen Ortsgruppe dient der Herausgeber des Deutschen Michel, Franz Xaver Weixler, als willkommene Unterstützung für die Parteiarbeit. Sein wöchentlich erscheinendes Blatt stellt er in Teilbereichen den Augsburger Parteigenossen ohne Gegenleistung zur Verfügung.
Als Vertrauensmann für die Ortsgruppen-Gründung schlägt Dr. Grandel in der konstituierenden Sitzung schließlich seinen Fabrikvorarbeiter Josef Schröffer vor. Dieser berichtet rückblickend:
"Ich war Vorsitzender u. Herr Dr. Grandel mein Kassier bei der Ortsgruppe Augsburg der national-sozialistischen deutschen Arbeiterpartei schon im Jahre 1921." (LArch Berlin: A Rep. 358-01 Nr. 6011 - Josef Schröffer, Bitt-Brief an Reichskanzler Dr. Gustav Stresemann, Deutsche Volkspartei v. 2.5.1924)
In der Aufzeichnung des Gau-Schwaben heißt es:
"Zum 1. Vorsitzenden der Ortsgruppe wurde ein ehemals in der Grandel'schen Ölfabrik beschäftigter Arbeiteraufseher, Pg. (-Josef-) Schröffer, gewählt." (NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.15 - 1935)
Auch der Fabrikarbeiter Karl Böhrer beschreibt die Ausgangslage der Augsburger Ortsgruppe in seinem ausführlichen Archivbericht von 1941:
"Vorsitzender war (-Dr. Grandels Vorarbeiter-) Herr (-Josef-) Schröffer, Schriftführer Dr. Grandel. Auch der (-Augsburger-) 'Schutz- u. Trutzbund' war hier zuhause, ebenso der 'deutsche (-Germanen-?)Orden'. Bald merkte ich, dass hier zwei Richtungen gegeneinander standen." (BArch Berlin: NS26/158, S.9-10/Bl.134-135 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Weiter heißt es zu der neuen Ortsgruppe:
"In ihrem Vorstand befanden sich nur zwei Arbeiter – der als Gußputzer in der MAN beschäftigte Hans Rehm, der nach 1933 Handwerkskammerpräsident werden sollte, und Josef Schröffer, ein Vorarbeiter in Grandels Ölmühle." (Studie von Gerhard Hetzer in: "Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt: Teil B, Teil 2", S.52 - 1981)
Der spätere Augsburger Partei-Archivar notiert zu der Gründungs-Frühphase:
"Neben dem Studenten Karl Brassler, der als Werkstudent bei einer Versicherungsgeschäftsstelle im Allianzhaus zu Augsburg beschäftigt war, ehe er nach Berlin ging, gehörte Dr. Grandel zu den ersten Sprechabendrednern der Ortsgruppe." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.28 - "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)
Mit rund neun Monaten Verzögerung steht vermutlich zum Ende Februar/Anfang März 1921 die erste Augsburger Ortsgruppe der NSDAP, doch die Stadt gibt sich gegenüber den Nationalsozialisten auch weiterhin sperrig.
Mit Dr. Otto Dickel besteht zudem für die Völkischen eine ernstzunehmende Alternative zu Hitlers stetig wachsendem Führungsanspruch innerhalb der aufstrebenden Partei.
Dr. Dickel ist dabei gewillt, diesen Konflikt auch weiter offensiv auszutragen. Dabei setzt er, im Gegensatz zu Hitler, auf eine breite Vereinigungsstrategie unter den verschiedenen völkisch-nationalen Gruppierungen.
Zeitgleich zu Dr. Grandels Vorbereitungen zur NSDAP-Ortsgruppengründung organisiert er daher seine auf Fusion ausgerichtete Konkurrenz-Gruppierung:
"Selbst Mitglied der NSDAP, demonstrierte er im März 1921 sein Sendungsbewusstsein durch die Gründung der 'Deutschen Werkgemeinschaft', die der Augsburger NSDAP die Mitglieder entzog." (Gotto:"Nationalsozialistische Kommunalpolitik", S.21 – 2009)
In zunehmender Konfrontation zu Adolf Hitler: Der Augsburger Dr. Otto Dickel - 1928 (Postkarte: Bay.Staatsbibliothek: Bild port-030746 / Fa. Scholle & Sonne)
26. März 1921
Zum Ende des Monats März finden intensive Gespräche statt:
"Anton Drexler von der NSDAP und Julius Streicher von der DSP sowie der österreichische NS-Führer Jung dabattieren in der Stadt Zeitz. Angestrebtes Ziel: Zusammenfassung der Münchener NSDAP und der DSP unter einer gemeinsamen Dachorganisation 'Deutsche Nationalsozialistische Partei' mit Sitz in Berlin. Adolf Hitler spricht sich dagegen aus, er tritt für den alleinigen Führungsanspruch der NSDAP ein." (Bruppacher: "Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP", S.91/92 - 2008)
Adolf Hitler vermerkt hierzu rückblickend:
"Wider jede Vernunft, aber auch wider die Statuten, wurde einst (-am 26. März 1921-) von Seiten der Parteileitung in Zeitz ein Kontrakt unterzeichnet, der die Leitung der Bewegung nach Berlin verlegte. Unter unglaublichem Ärger war es meinem Dazwischentreten noch gelungen, diesen Wahnsinn zu verhindern." (Jäckel: "Hitler . Sämtliche Aufzeichnungen", S.436 - 2009)
Die noch junge NSDAP-Ortsgruppe wird durch die Abspaltung der neuen Werkgemeinschaft stark geschwächt. Kontrahent Dr. Dickel versteht es durch seine Überzeugungskraft, die bisherigen Teilnehmer der NSDAP-Ortsgruppe überwiegend in die neugegründete Gruppierung zu ziehen. Auch der im Jahre 1921 noch mit Dr. Dickel befreundete Dr. Grandel äußert sich zu den konträren Linien in Augsburg. Im Abstand von 20 Jahren beschreibt er in seinen Aufzeichnungen an das NSDAP-Hauptarchiv die Einflussnahme Dr. Dickels während der nationalsozialistischen Aufbauphase in Augsburg:
"Schon bei diesem ersten Vortrage Hitlers in Augsburg (-vom 12. Januar 1921-) trat in der Aussprache Dr. Otto Dickel als Opponent auf. Er war damals noch Mitglied der demokratischen Partei, roch aber Morgenluft und gab sich viel Mühe, Hitler und die NSDAP zuerst in Augsburg, dann aber auch im übrigen Reich zu diskreditieren; brachte es auch (-im März 1921-) fertig, dass sich viele, anstatt der NSDAP, der Dickelschen 'Werkgemeinschaft' anschlossen. Dickel kam (-1921-) in alle Versammlungen der Ortsgruppe Augsburg der NSDAP, in denen ich und Oberamtmann Dr. Frank, Augsburg, sprachen. Die Versammlungen fanden in folgenden Lokalen statt: Café Maximilian, Café Kernstock (-Steingasse 268-), Gasthaus Pelikan, Schnapperbräu." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Das Augsburger Stadtarchiv billigt im Jahre 2008 in einem ausstellungsbegleitenden Buch der Rolle Dr. Dickels während der Ortsgruppengründung eine stärkere Gewichtung zu. Auch wird die Annahme vertreten, dass die erste Ortsgruppe der NSDAP erst im Mai 1921 zur Gründung gelangt:
"Gleich zwei Mal wurde die Augsburger Ortsgruppe der NSDAP gegründet: erstmals im Mai (-März?-) 1921 unter der Ägide von Otto Dickel (-Dr. Grandel ?-), der noch im gleichen Jahr im Streit mit Hitler (-am 10. September 1921-) aus der Partei ausgeschlossen wurde." (Cramer-Fürtig/Gotto: "'Machtergreifung' in Augsburg", S.264 - 2008)
Der Konflikt zwischen Dr. Dickel und Adolf Hitler wird auch von dem westfälischen Wanderredner Heinrich Dolle beleuchtet, jedoch aus einer anderen Blickrichtung. Ausgelöst durch einen ihn zuvor diffamierenden Artikel des Völkischen Beobachters empört sich der westfälische Wanderredner Dolle in seiner öffentlichen Stellungnahme:
"Dr. Dickels Arbeit für die Rettung des deutschen Volkes war früher da als Drexler mit der (NS)DAP (-Jan.1919-) und früher als Ihr, Adolf Hitler. Ihr wißt das, denn Ihr habt 9 Monate lang in Augsburg bei Dr. Grandel gelebt, habt dort nicht nur körperliche Nahrung erhalten, sondern auch geistige. Und auch die Gedanken Dr. Dickels kennen gelernt, und erst dann seid Ihr nach München gekommen und habt in der (NS)DAP (-ab August 1919-) gewirkt. Gegen Dr. Dickel. Nicht umgekehrt. Nicht nur Dickel war vor Euch in der Arbeit, sondern auch Dr. Gr.(-andel-) und Baumeister Lorenz Mesch (-Germanen-Orden, Regensburg-), und Dr. Arnold Ruge (-Germanen-Orden, Heidelberg-),(...). Ihr, Adolf Hitler, habt aber nicht nur gegen Dickel gearbeitet, sondern habt auch Euern Nährvater Dr. Gr.(-andel-), habt Eure Freunde Dr. Ruge und Lorenz Mesch achtlos beiseite geworfen, wie genutzte Citronen,(...)." (Aus Otto Dickels Augsburger Wochenzeitung: "Volk, Freiheit, Vaterland", Nr.20 v. 11.2.1926, Staats- und Stadtarchiv Augsburg + Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Abschrift im Nachlass Heinrich Dolle)
Bislang wird in der historischen Literatur davon ausgegangen, dass Hitlers Erstkontakt mit Augsburg im Zusammenhang mit dem Berliner Kapp-Putsch vom März 1920 steht:
"Wegen der Nähe zu München (-Münchens Flugdienst hatte von der Entente noch keine Freigabe bekommen-) und aus Gefälligkeit (-Hitler war noch Angestellter der Reichswehr und handelte auf Anweisung Hptm. Karl Mayrs-) für seinen Augsburger finanziellen Förderer Gottfried Grandel kam Hitler bereits 1920 zum ersten Mal nach Augsburg.(…) 1920 - 13. März: Flug von Augsburg nach Berlin. (-Der Flug startet von Augsburg erst am 17. März 1920-) StadtAA, Allgäuer Tageblatt, 18.11.1937, Schriftdokumentation 670A." (Cramer-Fürtig: "'Machtergreifung' in Augsburg", S.278 – 2008)
Zu dem Konflikt mit dem selbstbewussten Dr. Otto Dickel kommt für Adolf Hitler im industriell geprägten Augsburg noch eine weitere Unwucht hinzu: Der offensichtliche Widerspruch des ersten Versammlungs-Themas mit der Gästeliste Dr. Grandels.
Während die erste Rede Hitlers in Augsburg die "Arbeiter im Deutschland der Zukunft" in den Mittelpunkt rückt, weist der persönliche Bekanntenkreis des Veranstalters offenbar nur wenig Kontakte zur umworbenen Arbeiterschaft auf. Es scheint eher so, als sei der Augsburger Herrenklub in dieser Hinsicht bestimmendes Element der Versammlung. Der Metallarbeiter Karl Böhrer bildet hier eine seltsam wirkende Ausnahme, doch ist er bereit bzw. gezwungen, sich als Mitglied des Augsburger Germanen-Ordens in das nationalsozialistische Polit-Experiment mit einzufügen. Wie bereits erwähnt, berichtet er in seinem Rückblick auf das Frühjahr 1921:
"Die erste (-Ortsgruppengründungs-?-)Versammlung im 'Hotel Post' (-vom Febr./März 1921? in-) Augsburg machte keinen guten Eindruck auf mich. Lauter Doktoren, Ingenieure u.s.w., nur keine Arbeiter. Ich ließ mich aufnehmen in die N.S.D.A.P." (BArch Berlin: NS26/158, S.9/Bl.134 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)

Fuggerstraße 7: Erste Augsburger NSDAP-Versammlung im Hotel Post - 1921 (Postkarte im Privatbesitz)

Augsburger Gründung: "Lauter Doktoren, Ingenieure u.s.w., nur keine Arbeiter." (Symbolbild, Fotografie im Privatbesitz / Oberschlesischer Heimatverlag Augsburg, Bildkalender 1973)
Es wirkt widersprüchlich, dass sich der Arbeiter Karl Böhrer, der sich während der Augsburger Räterevolution gegen die Reichsregierung positionierte, in einem Zusammenhang von Doktoren und Ingenieuren politisch engagiert. Ein Erklärungsmuster wäre, dass er sich nach der gescheiterten Räterepublik zur Strafvermeidung auf einen Handel einließ.

Eisendreher Karl Böhrer - 1921 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_B_3251)
Auf die vom Arbeiter Karl Böhrer angesprochene Zielgruppen-Problematik der NSDAP geht auch Werbeobmann Adolf Hitler bereits in einem Brief vom 3. Juli 1920 ein:
"Ihre Ansicht, daß unsere Versammlungen zu wenig Besuch erhielten aus den Kreisen der industriellen Arbeiterschaft, ist nur bedingt richtig. Wir verkennen nicht die Schwierigkeit, Arbeiter, die zum Teil schon jahrzehntelang Organisationen angehörten, ohne weiteres zu uns bekehren zu können." (Jäckel: "Hitler-Sämtliche Aufzeichnungen", S.155/156 - 1980, Brief an Major Hierl v. 3.7.1920)
In dem Halbmonatsbericht des Regierungspräsidiums von Schwaben und Neuburg wird diese Fragestellung jedoch wie folgt beantwortet:
"Die nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei hat eigentlich einen falschen Namen. Sie ist keine Arbeiterpartei, denn die Arbeiter sind in ihr nur sehr schwach vertreten und spielen in ihr keinesfalls eine ausschlaggebende Rolle. Sie ist aber auch keine sozialistische Partei. Allerdings hat sie in ihrem Programm sozialistische Leitsätze, diese sind aber nur dazu bestimmt, die Arbeiter zu fangen, ernst ist es einem großen Teil der Partei mit ihnen nicht." (GStA München: MA 1943, JV 140, Umdruck + IfZ/Deuerlein: "Der Hitlerputsch, Bayerische Dokumente zum 9.11.1923", S.548 - 1962)
Zu dem Arbeiter Karl Böhrer heißt es in einer späteren Buchveröffentlichung weiter:
"Über den Eisendreher Karl Böhrer, der während der Räterepublik als Mitglied des revolutionären Zwölferrates Wohnungskommissar gewesen war, und einige von dessen Kameraden, wohl aus der Zahnräderfabrik Renk, besaß die NSDAP Kontakte zu Randgruppen der abbröckelnden USPD und zur KPD." (Broszat/Fröhlich: "Bayern in der NS-Zeit", S.51 – 1977)

Arbeitsplatz von Karl Böhrer: Alte Dreherei der vorm. Johann Renk A. G. in Augsburg - 1913 (Jubiläumsschrift: 30 Jahre "Zahnräderfabrik Augsburg", S. - 1927 + Wikimedia Commons: Datei: (1913) AUGSBURG Zahnradfabrik Abb.9.jpg / Wendlandt: "Die deutsche Industrie", S. - 1913)
_AUGSBURG_Zahnradfabrik_Abb.6-.jpg)
(Wikimedia Commons: Datei: (1913) AUGSBURG Zahnradfabrik Abb.6.jpg / Wendland: "Die deutsche Industrie", S. - 1913)
Weiter schildert der Arbeiter Karl Böhrer die Frühphase der Augsburger Ortsgruppen-Entwicklung in seinem ausführlichen Archivbericht von 1941:
"Bald hatte ich (-1921-) ein Dutzend echter Arbeiter (-vermutl. aus der Augsburger Zahnräderfabrik, vorm. Renk, bei der Karl Böhrer nach der Entlassung vom Militär ab 1919 wieder arbeitete-) beisammen. Wir zogen am Sonntag in die Umgebung Augsburgs, verteilten Flugblätter, ich hielt die Reden als Vertreter der NSDAP und hatte großen Erfolg.
Nun zeigten sich die Schattenseiten: Dr. Otto Dickel war gegen den Führer Adolf Hitler, ich für den Führer und wollte Verbindung mit ihm, aber zuerst wollte ich ihm eine zuverlässige Garde hier schaffen. 1000e von Flugblättern warf ich in alle Stadtteile, Klebekolonnen arbeiteten. Die Flugblätter 'Arbeiterverräter' brachten mir Prozesse; ich bestand sie glänzend. Ganz Augsburg hatte ich aufgewühlt und wir hatten Zuwachs aus allen Schichten. Nun wurden die Hakenkreuzler (-des Germanrn-Ordens-) gefährlich." (BArch Berlin: NS26/158, S.10/Bl.135 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941 + //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40002/Schriftdokumentation/608 - Flugschrift "Arbeiterverräter")
Der von Gottfried Grandel installierte Ortsgruppen-Vorsitzende Josef Schröffer (geb. 24.2.1867) befindet sich zu diesem Zeitpunkt schon in einer beginnenden Abwehrhaltung zu der neuen Gangart der Partei. Als langjäriger Ölfabrik-Vorarbeiter von Dr. Grandel fasst er 1924 in einem Bitt-Brief an den Reichskanzler Dr. Gustav Stresemann die Entwicklungsphasen der ersten Augsburger Ortsgruppe zusammen:
"Herr Dr. Stresemann Hochwohlgeboren!(…)
Ich bin bei Dr. Grandel z. Zt. in Untersuchungshaft in Berlin, in Sachen (-Attentatsversuch auf-) General v. Seeckt, in Arbeit. Ich war Vorsitzender u. Herr Dr. Grandel mein Kassier bei der Ortsgruppe Augsburg der national-sozialistischen deutschen Arbeiterpartei schon im Jahre 1921. Anfangs waren es sehr praktische Dienste, wirtschaftliche Fragen wurden besprochen und von einer Gewaltanwendung gegen die Regierung war noch keine Spur vorhanden. Allmählich, ja ziemlich schnell, kamen (-durch die Werbemaßnahmen Karl Böhrers?-) Elemente zu und bekamen die Oberherrschaft, und dem Drang der Massen ... unterlag auch Hittler. Ich warnte Hittler, unterrichtete ihn über Mögliches u. Unmögliches. Ich warnte Dr. Grandel desgleichen rechtzeitig. Die Folge war: Ich verlor überall die Gunst und meine Nichthörer standen vor einem zweiten Verdun (-misslungener Hitler-Putsch in München und Dr. Grandels aufgedeckter Attentatsplan gegen Generaloberst v. Seeckt-) und haben jetzt die Folgen (-Münchener Haft/Berliner U-Haft-) zu tragen. Ich zog mich rechtzeitig zurück in der sicheren Erkenntnis: So arbeitet man nicht. Und ich habe recht gehabt." (Landesarchiv Berlin: A Rep.358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bitt-Brief von Josef Schröffer an Reichskanzler Gustav Stresemann, DVP, v. 2.5.1924)
Rund sieben Wochen nach der angenommenen Gründung vom Februar/März 1921 kocht der Konflikt innerhalb der jungen Ortsgruppe in Augsburg ein erstes Mal hoch. Josef Schröffer zieht daraufhin als Ortsgruppen-Vorsitzender die Konsequenzen. In dem Posteingangsbuch der Münchener NSDAP heißt es hierzu:
"11. April 1921, D.A.P. Augsburg - Vorsitzender (-Josef Schröffer-) hat sein Amt niedergelegt, bittet zur Neuwahl einen Herrn zu senden.
Bis zur nächsten Versammlung möchte (-Schriftführer-) Dr. Grandel d. Arbeit zu erledigen, (-fragt,-) ob nach 21. ds. Versammlg. möglich. Zusendung neuer Mitgliedsk.
Dr. Grandel, Augsburg, Akt IV." (BArch Berlin: NS26/222 - NSDAP-Posteingangsbuch, lfd. Nr.938 v. 11.4.1921)

Benediktinermönch Josef Schröffer (m/h) im Zusammenhang mit St. Ottilien - 1900 (StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_C_7594)

Vorsitzender der ersten NSDAP-Ortsgruppe in Augsburg: Josef Schröffer (geb. 24.2.1867) als selbstständiger Schumacher in München - 1919 (StadtAA/40100/Fotosammlung/ FS_FA_C_7592)

Auf der Fotografie vermutlich Gottfried Grandels Ölfabrik-Vorarbeiter: Josef Schröffer - 1927 (Fotografie im Privatbesitz)

In späteren Jahren: Vermutlich Josef Schröffer als Torwächter der Augsburger Fuggerei - ca. 1940 (Bruni Pohl / o.A.)

Blick auf Fuggerei, Rathaus und Perlachturm - 1965 (Merian-Heft Augsburg, S.38 v. Januar 1966)
Dr. Grandel scheint für den offiziellen Ortsgruppen-Vorsitz nicht zur Verfügung zu stehen, denn kurz nach Josef Schröffers Rücktritt ist dem Posteingangsbuch unter "Verfügung" ein nicht weiter präzisierter Eintrag zu entnehmen:
"14. April: Bekanntgabe der O.(-rts-)G.(-ruppe-) Augsburg – (-Buchhalter-) Otto Hertel, Augsburg, Gärtnerstr. 29 (II)" (BArch Berlin: NS26/222 - NSDAP-Posteingangsbuch v. 14.4.1921)
Hier handelt es sich vermutlich um die Bekanntgabe des kommissarischen Ortsgruppenleiters, der demzufolge dem Augsburger Hitler-Flügel zuzurechnen wäre. Die Doktoren und Ingenieure mit Bezug zum Germanen-Orden hingegen können oder dürfen mit Hitlers Führungs- und Gestaltungsanspruch nicht viel anfangen. Sie wenden sich der von Dr. Dickel kurz zuvor gegründeten Deutschen Werkgemeinschaft zu.
Der Augsburger Arbeiter Karl Böhrer notiert hierzu:
"Zunächst beachtete ich die sogenannte 'Nebenregierung' (-der Augsburger NSDAP-Ortsgruppe durch den Herrenklub?/Germanen-Orden?-) wenig, als jedoch Dr. Otto Dickel (-am 12. Januar 1921/10. Mai 1921?-) offen gegen den Führer auftrat, Dr. Grandel (-im April 1921?-) den Schriftführerposten niederlegte, ebenso der 1. Vorsitz.(-ende Josef-) Schröffer (-am 11. April 1921-) und von dem Finanzausschuß, (-zwischen-) Dr. Otto Dickel, Oberstleutnant (-Eduard-) von Schleich u. Dr. Adolf Frank, sich Streitigkeiten ergaben, stand ich in einem Netz von Intrigen. Ein böses Freimaurerspiel wurde mit Dr. Adolf Frank (-geb. 28.10.1881, München-) und mir wieder getrieben." (BArch Berlin: NS26/158, S.10/Bl.135 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Rückblickend schreibt Dr. Grandel an das Parteiarchiv:
"Die unfaire Kampfesweise (-Dr. Otto-) Dickels widerte mich so an, dass ich mich (-ab April 1921?-) etwas zurückzog und die Führung der Ortsgruppe dem Pg. Dr. (-Adolf-) Frank überliess. Ich tat aber nach wie vor alles, um die Partei in Augsburg zu fördern." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Der hier von Gottfried Grandel erwähnte Dr. Adolf Frank betont später in seinem Spruchkammer-Verfahren:
"In der heutigen Verhandlung äussert der Betroffene: dass er im Jahre 1921 aus Idealismus und im Glauben an eine gute Sache der NSDAP beigetreten sei. Im Jahre 1921 oder 1922, genau könne er dies nicht mehr angeben, habe er die Ortsgruppe Augsburg gegründet und das Amt des Ortsgruppenleiters übernommen." (Bayerisches Staatsarchiv: Spruchkammer München VII, Akten-Nummer 1a, AZ 4466/47, als Beilage das Protokoll der öffentl. Sitzung v. 16.12.1948)
"Bald spielte er eine große Rolle in der Nationalsozialistischen Partei, wurde Gründer und Führer des (-hitlertreuen-) Sturmtrupps und war bei allen Rohheitsakten dieser nationalen Helden in eigener Person beteiligt. Sein Amt als Vorsitzender des Mieteinigungsamts und des Schlichtungsausschusses mißbrauchte er zu einer Judenhetze, so daß er nach Abschluß eines Disziplinarverfahrens von diesen Posten entfernt werden mußte." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.309, S.3 - "Dr. Franke, der 'Ruhrkämpfer'" v. 5.7.1923)

Zum Regierungsdirektor befördert: Dr. Adolf Frank (geb. 28.10.1881) - 1933 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_7663)
In Augsburg beginnt nun ein offenes Kräftemessen, doch Weltkriegs-Soldat Adolf Hitler ist von seiner Mentalität darauf angelegt, alle Hindernisse rigoros aus dem Weg zu räumen. Die Akademiker mit Ordens-Hintergrund hingegen schätzen seine massentauglichen Propagandafähigkeiten, lehnen jedoch seine Verselbstständigung, Brutalität und den wachsenden Machtanspruch überwiegend ab.
Einen Teilaspekt des in Augsburg zum Ausbruch kommenden Konfliktes beschreibt Adolf Hitler am Beispiel der damaligen DAP-Vorsitzenden aus München, dem Werkzeugschlosser Anton Drexler und Journalisten Karl Harrer:
"Herr Drexler, damals (-1919-) Vorsitzender der Ortsgruppe München, war einfacher Arbeiter, als Redner ebenfalls wenig bedeutend, im übrigen aber kein Soldat. Er hatte nicht beim Heer gedient, war auch während des Krieges nicht Soldat, so dass ihm, der seinem ganzen Wesen nach an sich schwächlich und unsicher war, die einzige Schule fehlte, die es fertig bringen konnte, aus unsicheren und weichlichen Naturen Männer zu machen. So waren beide Männer nicht aus dem Holz geschnitzt, das sie befähigt hätte, nicht nur den fanatischen Glauben an den Sieg einer Bewegung im Herzen zu tragen, sondern auch mit unerschütterlicher Willensenergie und, wenn nötig, mit brutalster Rücksichtslosigkeit die Widerstände zu beseitigen, die sich dem Emporsteigen der neuen Idee in die Wege stellen mochten." (Hitler: "Mein Kampf", S.391 – 1924)
Trotz der erkannten Widerstände und des Bruches innerhalb der Ortsgruppe kommt es im Frühjahr 1921 zu einer erneuten öffentlichen Versammlung der Augsburger NSDAP. Mit Unterstützung aus München soll dem zunehmenden Einfluss der neugegründeten Werkgemeinschaft Otto Dickels Einhalt geboten werden, doch der Plan misslingt.
Was die NSDAP von anderen Parteien unterscheidet: Sie besitzt mit ihrem Werbeobmann Adolf Hitler einen propagandistisch geschulten Vollzeitaktivisten, der es in den Versammlungen zumeist versteht, seine Zuhörer emotional einzufangen und für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Doch gerade in Dr. Grandels Geburtsstadt will ihm dies nicht so recht gelingen.
Zum Zeitpunkt der zweiten NSDAP-Versammlung in Augsburg ist die Finanzlage der jungen Bewegung durch die Übernahme des Völkischen Beobachters äußerst angespannt. So fordert Dr. Grandel denn auch schon in der Einladung seine Augsburger Ortsgruppen-Mitglieder auf:
"Aus München kommen 8-10 Herren unserer Partei (-Saalschutz?-), die zur Ersparung der hohen Hotel-Kosten tunlichst bei Parteimitgliedern Unterkunft für eine Nacht erhalten sollen. Wer bereit ist solche zu gewähren, es genügt auch notfalls ein Sofa, wird gebeten, vor dem Vortrage Herrn Frey (Friedrich Vey?) Mitteilung zu machen."
Gottfried Grandels Einladung zur zweiten Hitler-Rede in Augsburg - Mai 1921 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Neue Augsburger Zeitung, Nr.270 - "15 Jahre Kampf um Schwaben" v. 20.11.1937 + StadtAA, Fotosammlung N 157/158)
Die zu dieser Zeit dreijährige Tochter von Helene und Gottfried Grandel, Christine (1917-2011), weiß in späteren Jahren von dem 32-jährigen Adolf Hitler zu berichten, der bei ihnen auf dem Sofa übernachtete und auf dessen Schoß sie gelegentlich saß.
Propagandafahrt durch Bayern: "Aus München kommen 8-10 Herren unserer Partei" (BArch: Bild 102-00204 / Pahl, Georg - Hitler in dem neu erworbenen Mercedes, Teilnahme am Deutschen Tag in Hof, heutige Lessingstraße 6 vom 19.9.1923 + Dresler/Maier-Hartmann: "Dokumente der Zeitgeschichte", S.140 - 1938)
In der zweiten Werbeversammlung für die neugegründete Augsburger Ortsgruppe tritt Werbeobmann Adolf Hitler erneut als Hauptredner auf, diesmal vor 80-200 Teilnehmern zu dem Thema:
"Versaille, Deutschlands Vernichtung."
Versammlungsredner Adolf Hitler - 1927 (gettyimages.de: 248982_imagno)
Die von Hermann Esser geleitete Versammlung findet erneut im Saale des Café Maximilian statt.
(StadtAA, Schriftdokumentation 670 A – Sonderbeilage der ANZ: "15 Jahre NSDAP in Augsburg", Fotosammlung N 157, N 158)
Die Stimmung unter den Besuchern ist gespannt, auch der sendungsbewusste Augsburger Dr. Otto Dickel ist wieder unter den Zuhörern anwesend. Zudem hat Adolf Hitlers Saalschutz aus München vor Ort die Kontrolle über die Versammlung übernommen. Laut Wochenbericht des lokalen Polizei-Amtes kommt es schließlich bei den Ausführungen Adolf Hitlers durch einen älteren Zwischenrufer zum ersten Eklat. Der anwesende Beamte notiert:
"Sofort ist eine größere Anzahl Teilnehmer an seinen Tisch und bedrohte ihn. Bei der Diskussion wurde er mit Gewalt zum Rednerpult geführt, um sich wegen seines Zwischenrufs zu rechtfertigen, was ihm jedoch durch die drohende Haltung der anderen Versammlungsteilnehmer unmöglich gemacht wurde." (Online-Artikel d. Augsburger-Allgemeine: "Polizei-Protokoll vom 10. Mai 1921: Als Hitler in Augsburg auf Widerspruch stieß" v. 10.5.2019 + StadtAA DOK 212, Wochenbericht des Polizeiamts Augsburg, Abt. VI b v. 9.5.1921)
Die Versammlung erfährt auch Aufmerksamkeit von der SPD-nahen Schwäbischen Volkszeitung:
"Eine Massenversammlung ohne Massen - Auf Dienstag abend hatte die 'National-sozialistische Arbeiter-Partei' durch Plakate die 'Massen' eingeladen, in den 2. Stock des Restaurant Maximilian zu kommen. Es wimmelten denn auch wohlgezählte 80 Männlein heran. Was der Referent an fachlichem Inhalt seines Vortrags über den Friedensvertrag von Versailles bot, war für den, der sich nur einigermaßen mit den politischen Geschehnissen der letzten zwei Jahre beschäftigt hat, nicht Neues. Bezeichnend ist, daß seine Anhänger darin etwas Neues fanden; es zeigt, daß sie auf politischem Gebiete noch recht fremd sind. Die Behauptung des Referenten, daß 'man es nicht wagt, dem deutschen Volk den Inhalt des Friedensvertrags von Versailles bekannt zu geben', trifft zum Mindesten auf die Anhänger der Sozialdemokratischen Partei nicht zu, die allerwärts - auch in Augsburg - seinerzeit über den Inhalt des Friedensvertrages viel erschöpfender und tiefgründiger informiert wurden, als es der nunmehrige Referent besorgte, dem es natürlich nur darauf ankam, eine 'deutsch-völkisch'-antisemitische 'Aufklärung' zu verbreiten. Woher die Leutchen die Berechtigung nehmen, sich als 'sozialistisch' und als 'Arbeiterpartei' zu bezeichnen, ist dunkel. Vom Sozialismus haben sie nach dem Gebotenen gar keine Dunst und ihr Programm erweist sie als waschechtes Mittelständler-Grüppchen. Der Vorsitzende beklagte sich denn auch darüber, daß die Bewegung von den 'Preßbanditen' nicht ernst genommen würde. In der Versammlung löste ein ganz harmloser Zwischenruf eines älteren Mannes sofort Szenen aus, daß man glauben konnte, in ein Tollhaus geraten zu sein. Von allen Seiten rannten schreiende, schimpfende und mit den Armen fuchtelnde Gestalten auf den Zwischenrufer los und bedrohten ihn. Als er der ausdrücklichen Aufforderung des Versammlungsleiters folgend, dann in der Aussprache das Wort nehmen wollte, wurde ihm dies durch Bedrohungen mit Tätlichkeiten unmöglich gemacht. Der Versammlungsleiter (-Hermann Esser-) sah diesem Toben seiner Parteiangehörigen zu wie der bekannte Greis, der sich nicht zu helfen weiß! Ein anderer Versammlungsbesucher, der sich ganz ruhig verhalten hatte und auf diese rüpelhafte 'Erledigung' der Diskussion hin mit einer Bewegung der Mißbilligung den Saal verließ, wurde sofort von etwa 20 Versammlungsbesuchern verfolgt und auf der Stiege tätlich angegriffen. Und solch unreife Leute, solche Fanatiker, wundern sich dann, wenn man sie auf politischem Gebiet nicht ernst nimmt. Die Augsburger Polizei, die bei wirklichen Arbeiterversammlungen immer in Bereitschaft steht, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, war bei den Radau- und Prügelszenen natürlich nicht zu sehen! (Staats- und Stadtarchiv Augsburg: Schwäbische Volkszeitung, Nr.111, S.3 - "Eine Massenversammlung ohne Massen" v. 14.5.1921, Mikrofilmrolle)
Weiter vermerkt die Augsburger Allgemeine in ihrer Ausgabe vom 10. Mai 2019 zu dem Ablauf der dreistündigen Versammlung:
"Ein anderer Mann, der sich wohl für den Zwischenrufer eingesetzt hat, wird laut Bericht beim Verlassen des Saales 'von mehreren Versammlungsteilnehmern verfolgt und im Treppenhaus geschlagen'.
Der Beamte der Polizei schreibt: 'Es machte den Anschein, als ob die Partei Leute aufgestellt hat, die den Auftrag hatten, andersdenkende Versammlungsteilnehmer, die Zwischenrufe machten, gewaltsam aus dem Saale zu entfernen.(…) Am nächstfolgenden Tage fand man an sehr vielen Geschäften, besonders an solchen, deren Inhaber Juden sind, Zettel angeklebt, deren Inhalt Judenhetze war.'" (Online-Artikel d. Augsburger-Allgemeine: "Polizei-Protokoll vom 10. Mai 1921: Als Hitler in Augsburg auf Widerspruch stieß" v. 10.5.2019)

Klebezettel gegen die jüdische Bevölkerung - 1919 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS2/887, S.125 v. 1919)
Auch der Völkische Beobachter berichtet am 15. Mai 1921 (S.5) unter der Rubrik Aus der Bewegung von Hitlers Rede in Augsburg. Das Ergebnis der Versammlung ist jedoch ernüchternd: Nicht nur der akademische Freundeskreis Gottfried Grandels ist von der Veranstaltung wenig überzeugt, auch der Veranstalter Dr. Grandel steht nun vollends zwischen den Stühlen.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass in der Folgezeit die Idee der sogenannten Deutschen Werkgemeinschaft des Dr. Otto Dickel, zusammen mit dem völkischen Fusionsgedanken, in Augsburg einen stärkeren Zuspruch erfährt.
Der sich inhaltlich bereits im Vorlauf abzeichnende Konflikt, gepaart mit dem stetig anwachsenden Führungsanspruch des Hauptpropagandisten Hitlers, lässt die Partei nun auf eine ausgewachsene Krise zusteuern.
Dr. Grandels System der Ortsgruppenführung gerät dabei in schweres Fahrwasser und schließlich gänzlich unter die Räder. Er merkt, dass ihm Hitler aus der Führung entgleitet, sich der ursprüngliche Ordens-Anspruch nicht mit dem der Frontkämpfer-Generation in Einklang bringen lässt. Laut seinem späteren Anwalt Dr. Alfons Sack lehnt Dr. Grandel in dieser politischen Phase die machtpolitischen Kämpfe ab und bevorzugt dabei die "Regeneration von unten".
(Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.249, S.3 - "Claß als Zeuge" v. 28.5.1924)
Für den gestaltungs-orientierten Gottfried Grandel besonders misslich: Trotz des großen Engagements und erheblicher Investitionen aus seinem Privatvermögen kommt gerade in Augsburg kein richtiger Schwung in die nationalsozialistische Bewegung.
Schlimmer noch: Die Ortsgruppengründung gerät für den engagierten Förderer zunehmend zum Fiasko, sodass selbst die spätere nationalsozialistische Geschichtsschreibung über diese nervenaufreibende Partei-Episode hinwegzusehen versucht.
Zu der Entstehungsgeschichte der Ortsgruppe erinnert sich Dr. Grandel in seinen späteren Ausführungen an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Wiederholt waren (-ab 1919/1920-) Dietrich Eckart und Adolf Hitler bei mir in Augsburg gewesen, und wir hatten uns gut verstanden. Als ich Hitler (-verm. im März 1921-) einlud, in Augsburg zu sprechen, was dann am 10. Mai 1921 im Café Maximilian stattfand, bestand bereits die Ortsgruppe Augsburg. Ich erwähne dies deshalb, weil die 'Neue Augsburger Zeitung' zur 15-Jahrefeier der Gründung der Ortsgruppe behauptete, 'es sei bei jenem ersten (-zweiten-) Vortrage Hitlers (-vom 10. Mai 1921-) noch nicht zur Gründung einer Ortsgruppe gekommen'. Dass diese bereits bestand, beweist u.a. der Wortlaut meiner schriftlichen Einladung zu diesem Vortrage mit der Überschrift 'Nat. soz. deutsche Arbeiterpartei, Ortsgruppe Augsburg'." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Die Auseinandersetzungen innerhalb der NSDAP finden im Juli 1921 ihren Höhepunkt. Abgeleitet von den Ausführungen Karl Böhrers steht Otto Dickel bereit, die Initiative und den Einfluss des Germanen-Ordens innerhalb der völkischen Bewegung wieder führend in seine Hände zu bekommen. So heißt es in einer über Hitler angefertigten Chronik aus dem Jahre 2008:
"Unter Otto Dickels, - Gründer der völkischen 'Deutschen Werkgemeinschaft' - Leitung findet in Augsburg eine Aussprache mit Julius Streicher, DSP, und den Vertretern der NSDAP, Anton Drexler, Ernst Ehrensberger u.a., statt. Sie wollen eine Vereinigung aller nationalen Sozialisten in einer Organisation. Der aus München von Dietrich Eckart schnell nach Augsburg herbeigerufene Adolf Hitler erklärt, 'dass er jede Einigung zu verhindern wisse'. Die anderen Angehörigen des Parteiausschusses der NSDAP halten Hitlers Abwesenheit für eine günstige Gelegenheit, die Macht ihres Propagandaleiters, der sie mit seiner Energie und seinen immer neuen Ideen fast an die Wand gespielt hat, gründlich zu beschneiden." (Bruppacher: "Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP", S.95 - 2008)
Zur Durchsetzung seines Standpunktes ist Hitler bereit, seine politische Laufbahn aufs Spiel zu setzen. Aus Protest kehrt er am 11. Juli 1921 der NSDAP den Rücken. In einem Brief an den Parteiausschuss begründet Hitler seine Entscheidung:
"Wider jede Vernunft, aber auch wider die Statuten wurde einst (-Juli 1920?-) von Seiten der Parteileitung in Zeitz ein Kontrakt unterzeichnet, der die Leitung der Bewegung nach Berlin versetzte. Unter unglaublichen Ärger war es meinem Dazwischentreten damals noch gelungen, diesen Wahn zu verhindern. Trotz meiner damaligen Erklärung, im Falle einer Wiederholung eines solchen Vorfalles sofort aus der Partei auszuscheiden, fanden am 10. ds. Mts. in Augsburg neuerdings Verhandlungen statt, in denen neuerdings von der offiziellen Vertretung der Partei (-Anton Drexler-) der Vorschlag nicht nur gutgeheissen, sondern sogar selber unterbreitet wurde, über die (-völkische?-) Gesamtbewegung einen Aktionsausschuss zu stellen, der nicht nur seinen Sitz in Augsburg haben sollte, sondern der auch praktisch keinerlei Gewähr dafür zu bieten vermag, dass hierbei die Grundsätze der Bewegung noch weiter befolgt werden würden." (BArch Berlin: NS26/1373 - Hitlers Brief an den Parteiausschuss, S.2 v. 14.7.1921)
Nachdem sich der von der Mehrheit der Parteimitglieder als unverzichtbar empfundene Hitler durch Parteiaus- und wiedereintritt im Konflikt mit dem Augsburger Dr. Otto Dickel innerparteilich durchsetzt, macht er den verbliebenen Augsburgern auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung vom 29. Juli 1921 Zugeständnisse:
"Bis jetzt ist München noch maßgebend. Wir haben 16 000,- eingenommen, davon sind aber nur 6000,- Mark in München verwendet worden. Die anderen 10 000,- Mark werden fürs Land, auch für Augsburg, ausgegeben." (Jäckel: "Hitler-Sämtliche Aufzeichnungen", S.448 – 1980)
Der nun zum Führer proklamierte Werbeobmann Adolf Hitler ist endgültig durch mit dem Thema Werkgemeinschaft. Der Augsburger Parteigenosse Franz Maria Miller notiert rückblickend:
"Die persönlichen und politischen Gegensätze waren zu gross. Dr. Dickel hatte damals die bodenreformerischen Lehren Damaschkes auch bereits in die Tat umgesetzt und in der Nähe Augsburgs für die Handarbeiter eine Siedlung mitten im Moor geschaffen, Dickelsmoor genannt, die heute noch besteht. Seit jener Aussprache (-vom August 1921?-) gärte es aber in der Werkgemeinschaft und kam dort zu immer grösseren und schliesslich sogar handgreiflichen Auseinandersetzungen, die am Ende zu einer Spaltung dieser kleinen Vereinigung führten. Ein Teil der Mitglieder unter Stadtamtmann Dr. Frank entschied sich für Hitler und bildete dann den eigentlichen Kern der am 4. November 1922 in einer denkwürdig gewordenen Stockhauskeller-Versammlung gegründeten 1. (2., diesmal hitlertreuen) Ortsgruppe der N.S.D.A.P. Augsburg." (Stadtbibliothek Augsburg: Signatur 4 Enc 216-9, S.3, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole" von Franz Maria Miller, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)
Der Völkische Beobachter schreibt über die Münchener Mitglieder-Versammlung:
"Hitler begann seine Ausführungen mit einem Bericht über die Anfänge der Partei; er erzählte, wie er auch früher einmal (-1919 unter dem DAP-Vorsitzenden Karl Harrer-) gegen einen Ausschuß habe kämpfen müssen, der nicht zielsicher und tatkräftig vorging, sondern zu einem Teeklub zu werden drohte. Auch jetzt (-Juli 1921-) habe man – von Augsburg aus – es versucht, die (-NSDAP-)Kampfpartei Großdeutschlands auf ein ungefährliches Nebengleis zu schieben unter der Maske 'idealistischer' Vereinigung mit bisher unfruchtbaren Bewegungen. Sein schroffes Auftreten sei ihm verargt worden, es kam zum Kampf mit dem Ausschuß, der nicht offen gegen ihn vorzugehen wagte, sondern ihn hinterrücks anzugreifen versuchte." (Stadtbibliothek München: Völkischer Beobachter, Nr.61, S.4 v. 4.8.1921 in Jäckel: "Hitler-Sämtliche Aufzeichnungen", S.449 – 1980)
Ab März 1921 gelingt es Dr. Dickel, einen nicht unbedeutenden Teil der von Gottfried Grandel hierfür zusammengestellten Augsburger Ortsgruppe für seine Idee der Deutsche Werkgemeinschaft zu gewinnen. So läuft die NSDAP als Teil der Augsburger Werkgemeinschaft als gemeinsame Formation auf Augsburger Stadtgebiet.
12. August 1921
Selbst Gottfried Grandel steht anfangs konträr zu Adolf Hitlers parteiinternem Diktaturanspruch, doch reicht im Jahre 1921 sein Einfluss als früher "Nährvater" für eine Korrektur seines politischen Zöglings nicht mehr aus. So wendet er sich mit seinen Befürchtungen an Adolf Hitlers "neuen Nährvater", den Münchener Publizisten Dietrich Eckart, der zeitgleich Chefredakteur des Völkischen Beobachters wird. Laut Rybacks Buchveröffentlichung interveniert Gottfried Grandel bei ihm mit einem dringlichen Appell:
"Mir ist Hitler lieb und wert. Aber sein Streben nach Alleinherrschaft sah ich mit Sorge.(...) Es nimmt auch kein gutes Ende, es sei denn, dass er noch umkehrt und andere auch mitkommen lässt. Wir müssen im Auge behalten, dass jedes gewalttätige Wesen und jedes Parteibonzentum die besten Kräfte und Mitarbeiter verscheucht und lahm legt, dafür aber die minderwertigen Elemente nach vorne bringt." (Ryback: "Hitlers Bücher", S.82/83 - 2010 - Dr. Grandels Schreiben an Dietrich Eckart v. 12.8.1921)
Propagandist Adolf Hitler: Angespanntes Verhältnis zu völkischen Kreisen - 1923 (BArch: Bild 102-16148 / Pahl, Georg)
Anfänglich positioniert sich Dr. Grandel in dem harten Konflikt um Macht und Einfluss noch ordenskonform auf Seiten der Werkgemeinschaft Otto Dickels. So heißt es bei Ryback weiter:
"Grandel argumentierte, Dickel sei für die national-sozialistische Bewegung unverzichtbar, wenn diese je hoffe, sich über die Grenzen Bayerns auszudehnen und zu einer nationalen Kraft zu werden. Er äußerte die Befürchtung, dass die Bewegung 'in Schreien und Zerstörung ausarten' und Hitlers unbeirrbarer Antisemitismus von dringlicheren Problemen ablenken könnte.
'Antisemitismus ist nötig, aber Vorarbeiten für das kommende deutsche Reich sind auch vonnöten', schrieb Grandel. Er drängte Eckart, seinen 'großen, ja entscheidenden Einfluss' in München geltend zu machen, um Hitler wieder auf Linie zu bringen und das Gleichgewicht in der Partei wieder herzustellen." (Ryback: "Hitlers Bücher", S.83 – 2010 - Dr. Grandels Schreiben an Dietrich Eckart v. 12.8.1921)
Zum Ende der Auseinandersetzung zerfällt jedoch die Augsburger Ortsgruppe der NSDAP zum Herbst 1921. Sie wird zu einem Großteil von der Deutschen Werkgemeinschaft Dr. Dickels absorbiert. Der neue Parteidiktator Hitler steckt somit in Augsburg vorerst eine deutliche Niederlage ein.
Rückblickend notiert Dr. Grandel für diesen Zeitraum:
"Ich gehörte bis (-vermutlich August-) 1921 der Nationalsoz. Partei an und seit dieser Zeit überhaupt keiner politischen Partei mehr." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.55 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Gottfried Grandels Vernehmungsprotokoll vor dem Augsburger Amtsrichter Herrmann v. 19.1.1924)
Gottfried Grandel realisiert das Scheitern seiner Bemühungen um die Gründung einer ordenskonformen Ortsgruppe der NSDAP, stellt sich jedoch anfangs offenbar nicht konträr zu Otto Dickels alternativen Werkgemeinschafts-Idee. Die kooperative Vorgehensweise von Dr. Dickel und Dr. Grandel steht dabei im deutlichen Gegensatz zu Adolf Hitlers diktatorischem Führungsanspruch:
"Dr. Dickel versuchte nun (-ab April 1921-) als Leiter der Augsburger Werkgemeinschaft im Rahmen der DSP, die (-u. a. am 26. März 1921 gefassten-) Beschlüsse der Tagung von Jena und Zeitz im Sinne eines Zusammenschlusses aller deutschvölkischen und nationalsozialistischen Gruppen zu einer großen einheitlichen Partei durch persönliche Initiative zu verwirklichen. Neben ihm spielte in der Augsburger Werkgemeinschaft als finanzkräftiger Hintermann Dr. Gottfried Grandel eine große Rolle. Hitler und die Münchner Deutsche Arbeiterpartei waren gerade Dr. Grandel zu großem Dank verpflichtet, weil beide, Hitler persönlich wie die Deutsche Arbeiterpartei, in ihren Anfängen von dem Augsburger ausgiebig materiell und geistig unterstützt worden waren. Dickel und Grandel waren alte Völkische und suchten ihr Münchner Patenkind (-Adolf Hitler-) in ihrem Sinne (-und des Germanen-Ordens?-) zu steuern." (Franz-Willing: "Ursprung der Hitlerbewegung", S.161/162 - 1974)
In Zeiten der späteren NS-Diktatur schreibt Gottfried Grandel jedoch zu der in Augsburg eskalierten Auseinandersetzung in seinem Archivbericht:
"Die unfaire Kampfesweise Dickels widerte mich so an, dass ich mich etwas zurückzog (-vermutlich Berliner Ordens-Vorgabe-) und die Führung der Ortsgruppe (-ab September 1921?-) dem Pg. Dr. Frank überliess. Ich tat aber nach wie vor alles, um die Partei in Augsburg zu fördern." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Nach den Mitteilungen von Karl Böhrer ist das Wirken von Dr. Otto Dickel in dieser Phase umfassender Natur. So schreibt er:
"Der (-Nürnberger-) Redakteur (-des 'Deutschen Volkswillen', Propagandazeitung von Dickels Werkgemeinschaft, Walter-) Kellerbauer, ein Schwager (-von-) Dr. Adolf Frank, war (-ab Ende August 1921?-) beauftragt, (-das Noch-Werkgemeinschafts-Mitglied Julius-) Streicher in Nürnberg zu erledigen, die Zeitung (-Deutscher Volkswille-) an sich zu reißen und an Dr. Dickel auszuliefern. Zu gleicher Zeit kam Kellerbauer (-Ende August 1921?-) von einer Tagung (-des Germanen-Ordens?-) und erklärte, daß dort beschlossen wurde, sich nur 'deutsche Werkgemeinschaft' zu nennen und von der NSDAP abzurücken. Ich war aus dem (-Germanen-)Orden (-im Juli 1921?-) ausgetreten, um gegen die Gegner des Führers handeln zu können, ließ (-nun nach der Bestätigung Adolf Hitlers als Parteiführer-) Aufnahmescheine drucken für die NSDAP Ortsgruppe Augsburg und (-der Nürnberger Redakteur Walter-) Kellerbauer verstand es (-dennoch-), die (-Augsburger NSDAP?-)Versammlung (-vom 27. Oktober 1921?-) zu Gunsten der Werkgemeinschaft zu beeinflussen und Dr. Dickel zum Führer zu machen (-während sich Dr. Frank mit einem Teil abspaltet und kurz darauf eine hitlertreue NSDAP-Ortsgruppe gründet-). Nun stand ich (-als Vertreter der alten NSDAP-Ortsgruppe innerhalb der nun neu definierten Werkgemeinschaft-) einem Abgrund gegenüber. Überall Verschworene gegen den Führer, alle im '(-Germanen-?)Orden'. Meine Leute waren im (-vom Germanen-Orden gelenkten-) 'Bunde Oberland' (-auf 'Gedeih und Verderb'-) verpflichtet, Oberstleutnant (-Hermann-) v. Schleich (-aus Augsburg-) war Führer im Orden 'Hermann von Schwaben', verbunden mit dem (-vom Germanen-Orden dominierten Anteil der Ortsgruppe-) Nürnberg, ich konnte das Netz nicht lösen." (BArch Berlin: NS26/158, S.11/Bl.136 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Gottfried Grandels damaliger Freund hingegen, der Augsburger Amtmann Georg Fischer, vermerkt zu dem Binnenverhältnis Dr. Grandel/Dr. Dickel rückblickend:
"Er (-Gottfried Grandel-) veranstaltete hier (-in Augsburg im April 1919?-) Vorträge des Herrn Dr. Gottfr. Feder, hielt selbst (-von Dr. Arnold Wagemann inspirierte-) Vorträge über die Schaffung eines deutschen Rechtes und schuf im Anschluss daran (-ab dem 12. Januar 1921 mit Veranstaltungs-Unterstützung Adolf Hitlers-) gemeinsam mit Dr. Dickel die Anfänge der hiesigen nationalsozialistischen Bewegung; aus persönlicher Eifersucht auf die damaligen Erfolge des von mir abgelehnten Dr. Dickel wandelte sich das ursprüngliche Freundschaftsverhältnis (-von Dr. Grandel zu Dr. Dickel im Herbst 1921?-) in bitterste Feindschaft." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R8048/672, S.37 - Amtmann Georg Fischer an Verleger Julius Friedrich Lehmann v. 31.1.1924)

Gottfried Feders Beitrag zur Lösung der Finanzkrise: Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft - 1919 (Wikimedia Commons - Datei: An Alle, Alle! Heft 1, 1919.djvu / Feder, Gottfried)
Dass es sich bei der von Gottfried Grandel initiierten Veranstaltung mit Gottfried Feder bereits um eine Versammlung der Deutschen Werkgemeinschaft handelt, ist nicht anzunehmen. In seinem Archivbericht an die NSDAP schreibt Dr. Grandel zur Person Gottfried Feders lediglich:
"In jener Zeit (-1919-) kam ich auch mit Gottfried Feder in Berührung, half ihm (-während der beginnenden Münchener Räte-Republik im April 1919?-) zu einem Vortrag in Augsburg und liess dort auch (-analog zu Dietrich Eckarts Aktion im April 1919 in München?-) seine Flugblätter zur 'Brechung der Zinsknechtschaft' verteilen. Später wandte ich mich (-wie Adolf Hitler-) jedoch von seinen Bestrebungen ab und bedauerte seinen zunehmenden Einfluss." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 v. 22.10.1941)

Geeignete Theorien zur Täuschung der Arbeiterklasse: Dipl.-Ing. Gottfried Feder - 1922 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-990 / Hoffmannn, Heinrich)

Veranstaltung auf Einladung der Augsburger Werkgemeinschaft: Gottfried Feder - 11. Januar 1922 (BArch: Plak 002-041-034 / o.Ang.)
In einer Rückbetrachtung wird im Rahmen der Antragsbeantwortung einer Rathausfraktion vermerkt:
"R.(egierungs)-R.(at) Dr. Ott als Polizeireferent erinnerte an die Vorgänge im Frühjahr (-1922-) anläßlich einer Versammlung der National-Sozialisten, die bereits zu Beanstandungen Veranlassung gegeben habe." (Augsburger Staatsarchiv: Augsburger Neueste Nachrichten, Nr.263, S.3: "Die Nationalsozialisten in Augsburg" v. 11.11.1922)
Nachdem sich der neue Parteiführer Adolf Hitler parteiintern gegen Dr. Otto Dickel durch Ausschluss Dickels durchsetzt, aktiviert dieser wiederum seine Mittel, um Adolf Hitler das völkische Feld nicht allein überlassen zu müssen. So schreibt er an seinen Kampfgenossen Julius Streicher in Nürnberg:
"Lieber Herr Streicher! Ich habe eine Reihe erfreulicher Nachrichten für Sie. Es sind mir von meinem Freunde Heck 1000 Mark für den D.(-eutschen-)S.(-ozialist-) zugesagt worden. (-Gottfried-) Grandel glaubt, dass er eine ziemlich erhebliche Summe zum gleichen Zweck zusammenbringt." (StA Nürnberg: NS-Mischbestand - Sammlung Streicher 96, Dr. Otto Dickel, Werkgemeinschaft Augsburg an Julius Streicher v. 3.9.1921)
Während der Augsburger Orientierungsphase in der zweiten Hälfte von 1921 findet nach den Schilderungen des Mitglieds Karl Böhrer ein weiterer Versuch statt, die NSDAP-Ortsgruppe in die vom Germanen-Orden gewünschten Bahnen zu lenken:
"Einmal sollte ich (-im Herbst 1921?-) die Leitung an einen Jesuiten-Sendling (-Karl Hörath, kath. Hintergrund?-) abtreten, er käme mit 15-20 Mann und ich sollte ihm die NSDAP Augsburg frei machen, es solle mein Schaden nicht sein. Ich gab ihm die richtige Antwort: 'Hinauswurf.' Nun stellte er mich und drohte mir, daß ich mir Rechte anmaße, nachdem er doch vom (-Germanen?-)'Orden' geworben worden sei, von Oberstleutnant (-Hermann-) v. Schleich. Das genügte mir wieder: Ich ging zu v. Schleich, erzählte mein Erlebnis und nun stellte sich heraus, daß nochmals ein engster Geheimbund bestand. Dem verdutzten Herrn Oberstleutnant sagte ich nun ins Gesicht, daß er mit Dr. Dickel englische (-verborgene, doppelbödige-) Politik (-be-)treibe. Er verneinte nicht, sondern suchte mich zu gewinnen, gab mir Bücher und Schriften zum Lesen und nun erkannte ich die Hochgrad-(-freimaurerischen-) Zusammenhänge.
Bald darauf ein zweiter Fall. Ein Herr wünschte mich zu sprechen nach einem Vortrage über Freimaurerei, er sagte: 'Wissen Sie auch, daß Sie schon den Totenschein in der Tasche tragen? - Es wäre schade um Sie.' Ich antwortete: 'Nun, das macht nichts, den hat jeder von uns und wenn auch, dann treten andere nach mir auf.'- Auch ein Jesuiten-Sendling, nach einem halben Jahre war der Fall ganz klar, (-er-) stand mit Juden und Pfaffen in Verbindung. * (*Ein Beauftragter von Stinnes. Er bot eine Million zum s...laf und erwartete eine baldige Entscheidung.) Der Herr wollte dann auch später, wie auch der vorgenannte (-frühere Soldatenrat Karl-) Hörath, Landtagsabgeordneter werden in der N.S.D.A.P.
Immer brachte ich dann heraus, daß alle mit Dr. Dickel in Verbindung standen, dieser wieder mit allen führenden Persönlichkeiten Deutschlands. So wollte Dr. Otto Dickel der Kanzler (-Erich-) Ludendorffs werden. Der Verbindungsoffizier vom General (-Ludendorff-), Pg. Oberst Hierl, wurde getäuscht, ebenso Ingenieur Gottfried Feder als Begründer zur 'Befreiung der Zinsknechtschaft'. Ich durfte mich keinem der Herren nähern." (BArch Berlin: NS26/158, S.12-13/Bl.137-138 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Der umtriebige Augsburger Dr. Dickel lässt zum Herbst 1921 nichts unversucht, um mit seiner Deutschen Werkgemeinschaft das Rennen um den völkischen Führungsanspruch für seine Idee der völkischen Fusion zu entscheiden:
"Als der 'Deutsche Sozialist' (-aus Nürnberg-) im Herbst 1921 in finanzielle Schwierigkeiten kam, half ihm Otto Dickel in Augsburg aus. Streicher ging nun mit der ganzen DSP-Ortsgruppe Nürnberg (-damals an die 800 Mitglieder-) zu Dickels 'Deutscher Werkgemeinschaft' über und nannte seine Zeitschrift in 'Deutscher Volkswille' um." (Auerbach in: "Nationalsozialismus in der Region", S.77 - 2009)
Streik in Augsburg:
"Die (-Textilarbeiter-)Streikbewegung ist, da sie mit der der Metallarbeiter zusammentrifft, die bisher größte, die Augsburg erlebt hat, wenn man von den Generalstreiktagen in der Rätezeit absieht. Da annähernd 10 000 Metallarbeiter streiken oder ausgesperrt sind, sind jetzt insgesamt 23 000 Arbeiter in Augsburg beschäftigungslos, so daß mit den Angehörigen ungefähr 60-70 000 Einwohner unmittelbar vom Streik betroffen werden, das ist mehr als ein Drittel der Gesamteinwohnerschaft Augsburgs. Neben der Wirkung auf die betreffende Industrie und der allgemeinen volkswirtschaftlichen Bedeutung dieses Streiks wird dieser auch für das geschäftliche Leben in Augsburg jedenfalls sehr verhängnisvolle Folgen bringen, da die gesamte Geschäftswelt von der mit einem Schlage stark verminderten Kaufkraft der Streikenden in Mitleidenschaft gezogen wird." (Digitalisietrt auf digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.171, S.4 - "Streik in der Textil-Industrie" v. 23.4.1922)

Von Karl Böhrer verteiltes Flugblatt für die Augsburger Arbeiterschaft - Herbst 1922 ()
Auch der Augsburger Arbeiter Karl Böhrer greift den kritischsten Zeitraum der Augsburger Ortsgruppenentwicklung in seinem Archivbericht mit auf:
"Der (-Nürnberger-) Redakteur (-Walter-) Kellerbauer, ein Schwager (-von-) Dr. Frank, war (-1921?-) beauftragt, (-Julius-) Streicher in Nürnberg zu erledigen, die Zeitung (-Deutscher Sozialist/Volkswille?-) an sich zu reißen und an Dr. Dickel auszuliefern.(…)
Als ich jedoch erfuhr, was mit Streicher geschehen sollte, durchschlug ich den gordischen Knoten, meldete alles dem Orden, wie den Giftmordversuch an Dietrich Eckart. Das Gift lieferte Dr. Grandel, Hochgradfreim.(-aurer-) an Dr. Otto Dickel. Dies bewog Grandel (-Ende 1921?-) auszutreten aus der N.S.D.A.P.
Der Haß bezog sich auf Dietrich Eckart, weil er (-im Völkischen Beobachter?-) gegen (-Dr. Grandel,-) die Theosophen als 'Giftmischer' schrieb und ich (-be-)zeichnete den 'Augsburger Herrenklub' (-Nebenregierung/Germanen-Orden?-) als Zersetzer des Kampfgeistes innerhalb der N.S.D.A.P. und Kampfverbände." (BArch Berlin: NS26/158, S.11/bl.136 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Zu dem von Karl Böhrer angesprochenen "Giftmordversuch an Dietrich Eckart" berichtet auch Die Rote Fahne in ihrer Ausgabe vom 12. Juni 1923 anlässlich des Fuchs-Machhaus-Prozesses:
"Der (-Starnberger-) Kaufmann Hug (-Gründungsmitglied des Blücher-Bundes-) sagt unter seinem Eide aus, daß der berüchtigte Dr. (-Arnold-) Ruge (-als Germanen-Ordensmitglied und Vorstandsmitglied des Blücher-Bundes Rudolf-) Weinbrecht und Breu als Meuchelmörder gedungen habe, um Dr. (-Georg-) Heim und (-Dietrich-) Eckart mit Dolch und Gift zu beseitigen. Der gleiche Zeuge beschwört, daß dieser (-Dr. Arnold-) Ruge den Apothekerlehrling Karl Görlitz und einen Stefan Stellmach auf der Straße von Schönau nach Kasimir erschießen ließ. Am 3. Juli 1921 wurden weitere sechs junge Leute des Bundes Oberland (-Vorläufer des Kampfbundes Thule-) dem Femegericht des Dr. Ruge übergeben und von diesem erschossen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R43-I/1228, S.502 - "Die Rote Fahne", Nr.132, S.2 v. 12.6.1923)
Artikel aus: Die Rote Fahne - 12. Juni 1923 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R43-I/1228, S.502 - "Die Rote Fahne", Nr.132, S.2 v. 12.6.1923)
Nach den Schilderungen des Arbeiters Karl Böhrer beteiligt sich "Hochgradfreimaurer" Gottfried Grandel Anfang 1923 an den Vorbereitungen zu einem Giftmordanschlag auf Dietrich Eckart, dem Münchener "Nährvater" Adolf Hitlers. In dem sozialdemokratischen Zentralorgan Vorwärts heißt es zu der von Karl Böhrer angesprochenen "Giftlieferung" Dr. Grandels weiter:
"Am 17. Februar entwickelte (-Dr. Arnold-) Ruge dem Zeugen einen Plan zur Gründung einer Tscheka (lies: Feme) innerhalb des (-Blücher-)Bundes, einesteils zur inneren Ueberwachung des Bundes und weiter zur Beseitigung mißliebiger politischer Persönlichkeiten. Bei dieser Unterredung zeigte Ruge dem Zeugen auch 6 Flaschen mit tödlichen Giften, Flüssigkeiten und Salzen, die für diesen letzteren Zweck bestimmt waren. Sechs Stunden nach Genuß dieser Gifte würden sie einen unauffälligen Tod herbeiführen.(…) Kurze Zeit darauf besprach sich Ruge von neuem mit dem Zeugen (…). Bei dieser Besprechung betonte Ruge außerdem, daß er bereits zwei Männer zur Ausführung der Tscheka-Befehle gedungen habe, namens (-Rudolf-) Weinbrecht und Bau. Diese beiden würden zunächst den Dr. Heim erdolchen. Er selbst, Ruge, werde den Dietrich Eckart mit Gift beseitigen. Eckart sei deswegen zu beseitigen, weil er, ein enger Berater Hitlers, diesen immer wieder vordränge, um ihn dann im gegebenen Augenblick doch wieder zurückzuhalten. Dies sei auch der Grund, warum Hitler nicht schon lange losgeschlagen und reinen Tisch gemacht habe." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärt, Nr.263, S.7 - "Die Münchener Tscheka" v. 8.6.1923)

Im Visier von Dr. Arnold Ruge: Publizist und völkischer Dichter Dietrich Eckart - 1922 (Postkarte im Privatbesitz + Bay. Staatsbibliothek: hoff-870 / Hoffmann, Heinrich + Reich: "Dietrich Eckart: ein deutscher Dichter und Vorkämpfer" - 1934 + Dresler/Maier-Hartmann: "Dokumente der Zeitgeschichte", S.102 - 1938)

Mißliebiger Politiker auf separatistischen Abwegen: Bauernführer Dr. Georg Heim - 1919 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-1547 / Hoffmann, Heinrich)
Auch der bayerische Bauernführer Dr. Georg Heim ist dem Artikel nach für das Mitglied des Germanen-Ordens, Dr. Arnold Ruge, ein Fall für das Femegericht. In dem Mitteilungsblatt zur Abwehr des Antisemitismus heißt es zu dem möglichen Auslöser für dieses Vorhaben:
"Allmählig wird allerdings selbst dem gewiß nicht judenfreundlichen Dr. Heim das Treiben der antisemitischen Knüppelgarde etwas zu bunt. Er weiß, daß die Verführer des ganzen Spektakels zum großen Teil keine Bayern sind, sondern Leute, die seine bayrischen Bauern ihre Knochen für ihre Sonderzwecke zum Markte tragen lassen möchten. In seiner urwüchsigen Art hat er auf der Tuntenhausener Bauernparade davon gesprochen, dass in Bayern Leute ihr Unwesen trieben, die sich Lederhosen anzögen und die Urbayern spielen möchten, aber den bayrischen Dialekt radebrechten (-nicht ausreichend beherrschten-). Leider gingen viele Chiemgauer Bauernsöhne in das Netz dieser Leute. Heim hat sich allerdings durch seine offene Absage an die Putschisten bei diesen um allen Credit gebracht (...)." (Münchener Digitalisierungszentrum: "Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus", Bd.32, Nr.19, S.103 - "Tatmenschen" 10.10.1922)
Gruppenbild mit Lederhose: Rudolf Heß und Adolf Hitler - 19. August 1927 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-6792 + 6806 / Hoffmann, Heinrich)
Im Rahmen der Deutschen Werkgemeinschaft ist der Nürnberger Lehrer Julius Streicher das propagandistische Zugpferd:
"Während Streicher zu immer größeren Massenversammlungen im Herkules-Velodrom in Nürnberg aufrief, widmete er sich immer mehr dem Judenthema, und die Menschenmassen reagierten lautstark auf seine Angriffe." (Smelser/Syring/Zitelmann: "Die braune Elite II", S.233 - 1993)
In einem Briefwechsel heißt es hierzu:
"Herr Streicher hat meines Wissens noch nie bekundet, dass er den Juden ihre 'Rassenrechte' nehmen will, er will die Juden auch nicht vernichten. - Tage vorher hat er im Velodrom öffentlich ausgesprochen: 'Wir wollen die Juden nicht vernichten, sie sollen leben, aber nicht bei uns!' Nachdem Ihnen zweifelsohne genügend bekannt sein wird, welche Ungeheuerlichkeiten die Juden bisher gegen uns Deutsche bereits durchgeführt haben und fernerhin noch vorhaben, so ist das Ziel der völk. Bewegung eine ganz natürliche und vor allen Dingen eine sehr berechtigte Folge. - Es ist ja möglich, dass die sogen.(-annten-) kleinen Juden daran nicht beteiligt und vielleicht harmlos sind, aber es giebt eben kein anderes Mittel, um uns der bereits gelegten Schlingen noch rechtzeitig zu entwinden. - Wenn Herr Streicher bisher nicht so energisch, radikal und gleichbleibend gearbeitet hätte, dann wäre es einfach unmöglich gewesen, in so kurzer Zeit eine so weit verbreitete Begeisterung für die völkische Bewegung erzielt zu haben." (Staatsarchiv Nürnberg: Nachlass Streicher - Wilhelm Baltis/Nürnberg an den Augsburger Dr. Otto Dickel - Herbst 1922)
Die Deutsche Werkgemeinschaft erleidet im Herbst 1922 im Wettbewerb um den völkischen Führungsanspruch schließlich einen empfindlichen Rückschlag. Aufgrund schwerer Konflikte mit Dr. Dickel wechselt der Nürnberger Julius Streicher und ein Großteil seiner fränkischen Anhänger die Fronten. Der Franke stellt dabei erstmalig die eigenen Führer-Ambitionen gegenüber Adolf Hitler zurück:
"Nach einem Jahr war Streicher wieder in Geldnöten und kam wegen der Schulden mit Dickel (-1922-) in Streit. Die Deutsche Werkgemeinschaft hatte inzwischen auch an Popularität verloren, da der 'Deutsche Volkswille' für den Metallarbeiterstreik (-vom April 1922-) eintrat. Dickel gefiel der heftige Antisemitismus Streichers nicht. Streicher trat am 19. September (-1922-) aus der 'Deutschen Werkgemeinschaft' aus. Am 8. Oktober 1922 schrieb er an Hitler und bot sich diesem samt seiner Zeitschrift und seinen zahlreichen Anhängern in Franken an. Streicher erreichte von Hitler die Übernahme seiner Schulden und eine Anleihe von 70 000 Mark für die Erhaltung des 'Deutschen Volkswillens'." (Auerbach in: "Nationalsozialismus in der Region", S.77/78 - 2009)
In einem Schriftwechsel an Julius Streicher betont Dr. Otto Dickel Anfang Oktober 1922 unmissverständlich:
"Sie schulden mir, wie sie mehrfach schriftlich und mündlich anerkannt haben, noch immer den Betrag von 6000 M (sechs Tausend Mark). Ich brauche dieses Geld.(…) Sollte bis Samstag, den 14. Okt. (-1922-) keine Willensäußerung Ihrerseits vorliegen, so bin ich gezwungen, auf gesetzlichem Wege vorzugehen." (Staatsarchiv Nürnberg: Nachlass Streicher, Korrespondenz Dr. Dickel an Julius Streicher v. 10.10.1922)
Der sich in finanziellen Schwierigkeiten befindliche Franke zieht schließlich für sich und sein politisches Gefolge die Konsequenzen, wendet sich damit vom Germanen-Orden gelenkten Politikzweig ab:
"Ab dem 20. (-8.-) Oktober 1922 unterstellte sich der Lehrer Julius Streicher, Führer der in Nürnberg bestehenden Deutschen Werkgemeinschaft und Herausgeber der Zeitung 'Deutscher Volkswille', dem Führer der NSDAP, Adolf Hitler, womit diese eine numerische Verdoppelung und territoriale Ausweitung erfuhr." (digitale-sammlungen.de: "Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg", Nr.57 – 1970 + Streicher: "Kampf dem Weltfeind: Reden aus der Kampfzeit", S.17 - 1938)

Fränkischer Agitator: Julius Streicher - 1929 (BArch: Bild 102-01893A / o.Ang.)
Der Lehrer Julius Streicher polarisiert jedoch nicht nur nach außen:
"Neben Esser war Julius Streicher, sein Verbündeter, die umstrittenste Figur im völkischen Lager. Wegen seines krankhaften Geltungstriebes, seines Größenwahns und seiner hemmungslosen Streitsucht galt er damals schon als Psychopath." (Franz Willing: "Putsch und Verbotszeit", S. 224 - 1977)
Für die Augsburger Werkgemeinschaft hat es der Oktober 1922 in sich, eine weitere Abspaltung bahnt sich an:
"Über die (-zweite-) Augsburger 'Gründungsgeschichte' der NSDAP, also der hitlertreuen Partei, gibt es zwei Versionen: Die des Regierungspräsidenten erklärt, ein Teil der Werkgemeinschaft (-Dr. Otto-) Dickels habe sich im November (-1922-) abgespalten und eine (-hitlertreue NSDAP-) Ortsgruppe gegründet. Deren Vorstand wurde ein (-grandel'scher Öl-) Fabrikaufseher namens Josef Schröffer, eine schillernde Persönlichkeit (erst Kapuziener, dann Mitglied in der SPD, der USPD und der KPD, zudem Freidenker). Hinter ihm stehe aber der Stadtoberamtmann Dr. Adolf Frank. (21.11.1922)
Laut Bernhard Gotto war besagter (-Dr. Adolf-) Frank der Vorsitzende der im (-27.-) Oktober (-1922-) im 'Pelikan' in der Jakobervorstadt gegründeten Ortsgruppe. " (Weggel: "Augsburg in der Weimarer Republik", S.427 - 2025)
27. Oktober 1922 - Dritter Gründungsversuch durch Dr. Adolf Frank
Durch die im Sommer 1921 von Adolf Hitler vollzogene politische Selbstbehauptung ziehen sich Vertreter des Germanen-Ordens von der NSDAP zurück. Auch Gottfried Grandel wird von der Mitgliederliste wieder gestrichen. Das genaue Austrittsdatum ist hier nicht vermerkt, doch vermutlich geschieht auch hier der Rückzug zeitnah auf Anordnung des Ordens. Der nach Dr. Grandels Angaben von ihm installierte Nachfolger als Vertrauensmann der Augsburger Ortsgruppenleitung ist Oberstadtamtmann Dr. Adolf Frank.
Er tut sich nach dem dominanten Auftreten Dr. Dickels mit einer erneuten Ortsgruppen-Gründung in Augsburg schwer. Erst ein gutes Jahr nach dem Konflikt mit dessen Werkgemeinschaft, zwei Wochen nach dem für die NSDAP/SA erfolgreichen Deutschen Tag in Coburg und eine Woche nach dem NSDAP-Übertritt von Julius Steicher gelingt es Dr. Frank schließlich, die sich nun hitlertreu bezeichnende Ortsgruppe am 27. Oktober 1922 in Augsburg zu formieren. Gründungs-Unterstützung erfährt er durch den eng an Adolf Hitler orientierten Oskar Körner:
"Oskar Körner war ein unermüdlicher Streiter und gründete Ortsgruppen der Partei in Koburg, Augsburg, Landshut, Bad Tölz, Wolfratshausen, Tegernsee u. a. Orten, um später sogar 2. Vorsitzender der Partei zu werden." (Neues Verlagshaus für Volksliteratur: "Die Fahne hoch! Die braune Reihe", Ausg. 33-42, S.8 - 1934)
Der engeren Ortsgruppen-Vorstandsschaft gehören in Augsburg an:
"Ende (-27.-) Oktober 1922 wurde unter dem Vorsitze des Stadtamtmannes Dr. Adolf Frank die (-hitlertreue-) Ortsgruppe Augsburg der NSDAP gegründet. Zum 1. Vorsitzenden der Ortsgruppe wurde ein ehemals (-?-) in der Grandel'schen Ölfabrik beschäftigter Arbeiteraufseher, Pg. (-Josef-) Schröffer, gewählt (-wurde nach eigenem Bekunden bereits im Frühjahr 1921 als 1. Vorsitzender gewählt-). Außer den beiden genannten Herren gehörten der engeren Vorstandschaft an: Verwaltungsassistent (-Karl-) Wahl, Oberstadtsekretär Franz (-Maria-) Müller (-Miller-), Registrator Frey (verst), Architekt Roth, Architekt Thurn, Ingenieur Walter, Kaufmann Schwalb, Oberfeuerwerker Baum, Metzgermeister Rehm, Kaufmann Hager usw." (NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.15 - 1935)
Zeitgleich tritt Karl Böhrer auf der jährlich stattfindenden Hauptversammlung den 1. Ortsgruppenvorsitz der Werkgemeinde Augsburg an. Dies deutet darauf hin, dass es auf genau dieser Werkgemeinschafts-Hauptversammlung zur Abspaltung einer hitlertreuen Gruppe in Augsburg kommt.
Deutscher Tag in Coburg: Delegation der NSDAP - 13. Oktober 1922 (BArch: Bild 119-5519 / o.Ang. - Dritter v.u.r.: Hans Kurrer, geb. 1892/93)
In einer später bewusst geglätteten Partei-Historie der Augsburger Nationalzeitung heißt es rückblickend zum 15-jährigen Bestehen der Augsburger Ortsgruppe:
"Die erste (-zweite-) Ortsgruppe gegründet -
Treibereien aus politischer und persönlicher Ehrgeizelei aus den Kreisen der sogen. 'Werkgemeinschaft', einer bodenreformerischen Organisation, verhinderten die damalige Bildung einer nationalsozialistischen Ortsgruppe. Aber auch in dieser 'Werkgemeinschaft' entstanden 1922 schwere Auseinandersetzungen. Auf Anregung des Pg. Dr. Frank, damals Stadtoberamtmann, heute Oberregierungsrat in München, kam (-im Zusammenhang mit einer Jahreshauptversammlung der Augsburger Werkgemeinschaft-) am 27. Oktober 1922 die erste (-zweite-) Gründung der Ortsgruppe Augsburg der NSDAP im Nebenzimmer des Kaffee Kernstock zustande." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: "15 Jahre NSDAP in Augsburg", Sonderbeilage der Augsburger Nationalzeitung v. 22.11.1937)
Die Zusammenkünfte zu den sogenannten Sprechabenden finden nun wieder jeden Mittwoch abends um 20.00 Uhr statt. Nachdem die Räumlichkeit der Gaststätte Pelikan nicht mehr ausreicht, wird der Versammlungstreffpunkt in den Liedertafelsaal des Kaffee Kernstock verlegt. Die Rahmensituation bleibt hingegen angespannt:
"Die Gegner des Nationalsozialismus, insbesondere die Marxisten und auch Mitglieder der seinerzeitigen 'Deutschen Werkgemeinschaft', versuchten wiederholt, die Sprechabende zu stören; jedoch ohne einen besonderen Erfolg." (NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.15 - 1935)

NSDAP-Ortsgruppe Augsburg: Regelmäßige Diskussionsabende im Café Kernstock ab 1922 in der Steingasse/Annastraße (Postkarte v. Lichtbildwerkstätte Otto Sening, Augsburg)

Wöchentliche Zusammenkünfte: "Wegen Überfüllung in den Liedertafelsaal des Kaffee Kernstock verlegt" (Fotografie aus Wißner: "175 Jahre Phlilharmonischer Chor Augsburg", S.25 - 2018)
Trotz der erneuten Ortsgruppengründung vom Herbst 1922 kann sich die Augsburger Werkgemeinschaft von Otto Dickel noch für ein weiteres Jahr behaupten:
"Bis weit in das Jahr 1923 hinein blieb Otto Dickels Werkgemeinschaft in Augsburg bestimmende völkische Kraft." (Möller/Wirsching/Ziegler: "Nationalsozialismus in der Region", S.81 - 2009)
Doch Dr. Dickels Bedeutung im völkischen Umfeld schwindet. Der Wechsel des Franken Julius Streicher, der eine große Gefolgschaft von der Werkgemeinschaft ins Hitler-Lager mit sich zieht, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Durch seine Abwanderung ist der Zenit der Deutschen Werkgemeinschaft endgültig überschritten; Parteiführer Hitler hat sich auch hier am Ende der Auseinandersetzung durchsetzen können. In den späteren Ausführungen von Karl Böhrer findet sich ein Hinweis auf den direkten Vorlauf für Julius Streichers Wechsel von Otto Dickels Werkgemeinschaft in das konträre Hitler-Lager:
"Der (-Nürnberger-) Redakteur (-Walter-) Kellerbauer, ein Schwager (-von-) Dr. Adolf Frank, war (-1921?-) beauftragt, Streicher in Nürnberg zu erledigen, die Zeitung (-Deutscher Sozialist/Volkswille?-) an sich zu reißen und an Dr. Dickel auszuliefern. Zu gleicher Zeit (-Ende März 1921?-) kam Kellerbauer von einer Tagung (-am 26.3.21 in Zeitz?-) und erklärte, daß dort beschlossen wurde, sich nur 'deutsche Werkgemeinschaft' zu nennen und von der NSDAP abzurücken.(…) Als ich jedoch erfuhr, was mit (-Julius-) Streicher geschehen sollte, durchschlug ich den gordischen Knoten, meldete alles dem Orden, wie den Giftmordversuch an Dietrich Eckart. Das Gift lieferte Dr. Grandel, Hochgradfreim.(-aurer-) an Dr. Otto Dickel. Dies bewog Grandel, (-Ende 1921?-) auszutreten aus der NSDAP. Der Haß bezog sich auf Dietrich Eckart, weil er gegen die Theosophen als 'Giftmischer' schrieb und ich (-be-)zeichnete den 'Augsburger Herrenclub' als Zersetzer des Kampfgeistes innerhalb der NSDAP und Kampfverbände, nachdem ich zuerst Julius Streicher vor Dr. Dickel warnte, als er mich besuchte und ich (-den Nürnberger Redakteur Walter-) Kellerbauer haltlos machte in Nürnberg." (BArch Berlin: NS26/158, S.11-12/Bl.136-137 - Bericht von Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Walter Kellerbauer, Redakteur des Deutschen Volkswillen in Nürnberg
Der von Karl Böhrer erwähnte Walter Kellerbauer gilt als einer der ältesten nationalsozialistischen Redner Nürnbergs, der schon im Jahre 1920 öffentlich für die Partei auftritt und werbend im Frankenland umherreist.
(Franz-Willing: "Putsch und Verbotszeit", S.224 FN – 1977)
In einer Selbstauskunft betont er:
"Ich bemerke hierzu, dass ich ja seinerzeit von (-Julius-) Streicher nach Nürnberg geholt worden bin, um die Zeitung (-Deutscher Sozialist-) zu machen und dass ich auch von Hitler dazu bestimmt war. Dass ich vor dem Kriege 8 Jahre lang eine Tageszeitung mit 8 Seiten gemacht habe, ist Ihnen ja wohl bekannt." (Staatsarchiv Nürnberg: Nachlass Julius Streicher AL 13 - Redakteur Walter Kellermann/Großdeutsche Volksgemeinschaft an Unbekannt v. 19.12.1924)
Doch dem Augsburger Werkgemeinschafts-Ortsgruppenvorsitzenden Karl Böhrer gilt der Redakteur Walter Kellerbauer im September 1922 als Kernproblem der gedeihlichen Entwicklung. So schreibt er an den Parteiführer Adolf Hitler in München:
"Sie sehen den Fall Kellerbauer und seinen Schwager Dr. Frank; gerade diese beiden Herren waren es, die (-1921?-) in Abwesenheit Dr. Dickels die Mitgliederversammlung beeinflußten, daß wir von der Vorstandschaft gezwungen waren, den Namen Nationalsozialisten (-zu Gunsten der Werkgemeinschaft-) abzulegen. Und heute stehen diese im feindlichen (-nationalsozialistischen-) Lager.(…) Sehen Sie, Herr Hitler, ich bin nur ein Arbeiter, aber ehrlich, ich warne sie vor diesen Leuten. Es wäre wirklich nicht klug von Ihnen, sich mit solchen geborenen Verrätern einzulassen (...)." (Staatsarchiv Nürnberg: Nachlass Julius Streicher, Karl Böhrer an Adolf Hitler, S.1/2 v. 28.9.1922)
Zu dem Konflikt um den Nürnberger Redakteur Walter Kellerbauer heißt es an anderer Stelle weiter:
"Obwohl er (-Walter Kellerbauer-) in entsetzlicher Stimmung sei, wolle er doch jetzt in zwei Versammlungen reden – 'Weib und Kind hab ich zurückgelassen in der Sorge, stündlich erschlagen zu werden von tollgemachten Parteigenossen.' Er sei als 'Verräter' von der S.A. aus einer Mitgliederversammlung hinausgeworfen, ein Ehrengericht sei ihm verweigert, die Zeitung, die er in die Höhe gebracht habe, sei von anderen übernommen. 'Streicher schrie in die Versammlung: Wir brauchen kein München; brauchen keine Statuten, die sind Judenworte (-mache?-). Eine Stimme antwortete: wir brauchen keinen Hitler! (Dickels Jünger !!)'. Am Schluß bat Kellerbauer Hitler, nach Nürnberg zu einem Ehrengericht zu kommen. Der Fall Kellerbauer blieb aber noch lange unerledigt. Anfang Mai (-1923-) schrieb er, 'Streicher geht seinen persönlichen Weg um den Volkswillen (-Kellerbauers Zeitung-) außen herum, wie das aus seinem Sonderblatt 'Der Stürmer' ersichtlich ist, der doch unbedingt als Beilage zum Volkswillen erscheinen müßte.'" (Deutsche Rundschau, S.1034 - 1958 + BArch Koblenz: N 1128/7, Brief Nr.4650 + Franz-Willing: "Putsch und Verbotszeit", S.224 FN - 1977)
Die Reaktion auf Karl Böhrers Warnung an Adolf Hitler ist in einem Brief Walter Kellerbauers dokumentiert:
"Mitte Januar 1923 schrieb Herr (-Walter-) Kellerbauer, Schriftleiter eines dortigen nationalsozialistischen Blattes (-Deutscher Volkswille-), an Hitler: 'Als wir am 3.1.(-1923-) nachts (-nach der Rede in den Zentralsälen-) in Nürnberg voneinander Abschied nahmen, haben Sie mir tief und treu in die Augen geschaut und mir die Hand gedrückt – als ich Ihnen sagte, daß der schriftlich festgelegte Vorwurf von der Vorstandschaft Nürnberg, ich sei das zerstörende Element in der Partei, kaum zu verwinden sei, haben Sie mich getröstet mit den Worten: Kellerbauer, das ist ja Unsinn.'" (Deutsche Rundschau, S.1034 - 1958 + BArch Koblenz: NL Hitler, Akt 7, Brief Nr. 4650: Walter Kellerbauer aus Wien an Adolf Hitler v. 15.1.1923)
Ergänzend wird zu dem Redakteur Walter Kellerbauer vermerkt:
"Etwas resigniert verteidigt sich Kellerbauer in einem Brief vom 21. Mai (-1923-), er halte wegen der Proteste Streichers nur 'Vorträge' und keine 'Versammlungen'." (Deutsche Rundschau, S.1034 - 1958)
(Beschwerden über Streicher: BArch Koblenz: N 1128/8 - Kellerbauer an Hitler, Brief Nr.4844 v. 21.5.1923 + BArch Koblenz: N 1128/4 - Dr. Helmut Klotz, von Hitler Beauftragter für Nürnberg/Nordbayern, an Hitler, Brief Nr.4228)
In seinen Ausführungen führt Karl Böhrer in seinem Bericht von 1941 weiter aus:
"Nun hatte (-Redakteur Walter-) Kellerbauer den traurigen Mut, mit Julius Streicher (-am 4. November 1922 im Augsburger Stockhauskeller?-) gemeinsam als nat.(-ional-) soz.(-ialistischer-) Redner aufzutreten. Auf meinen Brief an den Führer, wo ich (-Walter-) Kellerbauer (-am 28.9.1922-) als Verräter brandmarkte, bekam ich (-am 6.10.1922-) die Antwort, er verlange, daß Kellerbauer mich nun verklagen müsse auf meine Anschuldigungen. Schweren Herzens trug ich auch diesen Schlag. Ich wusste, daß in München und überall Spione aufgestellt waren, sogar Privatdetektive (-J. Schäffler, BHStA I, SA 1475-) mußten die Mitgliederverzeichnisse verschaffen usw. Nun war mir der Weg zum Führer versperrt, aber noch war Deutschland unter dem Schanddiktat von Versailles – weiterkämpfen. Im Kampfe für Deutschlands Freiheit finden wir uns wieder, war mein Ansporn." (BArch Berlin: NS26/158, S.12/Bl.137 - Bericht von Karl Böhrer v. 20.4.1941)

Treffpunkt der Augsburger Werkgemeinschaft: Versammlungslokal Stockhauskeller in der Singerstraße - 1907 (Postkarte im Privatbesitz / Göttlich, Fr. - Augsburg)
Der Stockhauskeller dient der Augsburger Werkgemeinschaft in den Jahren 1922/23 jeden Donnerstag ab 20:00 Uhr als regelmäßiger Versammlungstreff für Vorträge mit freier Aussprache.
4. November 1922 - Streichers Rede vor der Augsburger NSDAP
Schon an dem der zweiten Augsburger Gründung folgenden Wochenende organisiert die neue Ortsgruppe im Stockhauskeller in der Singerstraße am 4. November 1922 ihre erste große Veranstaltung. Als Redner erscheinen aus Nürnberg der Redakteur Walter Kellerbauer und der neue, von der vom Germanen-Orden gelenkten DSP zur NSDAP übergetretene Parteigenosse Julius Streicher. Walter Kellerbauer spricht über das Thema:
"Warum hungert das Volk?" (Mühlberger: "Hitler’s Voice", S.71 - 2004 + NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.15 - 1935)
In den Erinnerungen des Stadtangestellten und NSDAP-Archivars Franz Maria Miller heißt es zu dem Ablauf der öffentlichen Mitglieder-Werbung:
"Zu dieser Versammlung hatten Ende (-27.-) Oktober 1922 an verschiedenen Litfaßsäulen Plakate in jenem spezifischen Rot eingeladen, das, heller als das Blutrot der Marxisten, später Hitlerrot getauft werden sollte. Als Redner (-im Stockhauskeller-) wurde ein gewisser (-Julius-) Streicher aus Nürnberg angekündigt. Als Saalschutz hatte Hitler eine seiner beiden Hundertschaften nach Augsburg gesandt, die unter Trommelwirbel vom Bahnhof durch die Halder- und Kaiserstrasse zum Stockhauskeller zog und bei den Gegnern naturgemäss höchst unliebsames Aufsehen erregte. Diese sorgte denn auch, als sich zu Beginn der Versammlung Unruhe im Saal bemerkbar machte, durch sofortige energische Entfernung der Störenfriede rasch für Ruhe im Lokal. Die Münchener hatten auch eine Hakenkreuzfahne mitgebracht, die vor dem Rednerpult aufgepflanzt wurde.
Als Hitler im grossen Festsaal des Münchener Hofbräuhauses seine erste grosse Versammlung abhielt, war es (-am 4. November 1921-) zu einer Saalschlacht mit den Marxisten gekommen, bei der die Anhänger Hitlers nur mit Mühe den Sprengversuch der Marxisten vereiteln konnten. Künftige Störversuche der Gegner zu unterbinden hatte sich danach ein Saalschutz gebildet, S.A. (Saalabteilung) genannt, der aus zwei Hundertschaften kampferprobter Weltkriegsteilnehmer bestand, lauter Kriegsauszeichnungsinhaber, die vor allem die ständig im Zirkus Krone stattfindenden Hitlerversammlungen zu schützen hatten. Feldmarschmässig gekleidet, im Stahlhelm, machten sie einen durchaus militärisch-wehrhaften Eindruck." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Signatur 4 Enc 216-9, S.3/4, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole" von Franz Maria Miller, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)
Eine weitere Veränderung stellt sich mit dem Wechsel des Franken Julius Streicher ein:
"Durch (-Julius-) Streicher, den nürnbergischen Herausgeber des 'Stürmer', erhielt jetzt die erste öffentlichen Kundgebung der Partei im (-Augsburger-) Stockhaus(-keller-) einen ausgesprochen antisemitischen Charakter und musste deshalb auf die Augsburger Judenschaft alarmierend wirken." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, Franz Maria Miller: "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", S.4, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)
In den Erinnerungen von Stadtamtmann Franz Maria Miller über Julius Streichers antisemitische Rede vor der neu gegründeten Augsburger Ortsgruppe vermerkt dieser:
"In Wien seien 90% der Rechtsanwälte und Aerzte bereits Juden. Wessen sie fähig seien, beweise ein Flugblatt, das er im Saal habe verteilen lassen, über den Kreuzigungsjuden Mayer, einen perversen Landgerichtsrat in Fürth, der jugendliche Mädchen an einen Kreuzigungsbalken in seiner Wohnung zuerst aufhing, dann schändete. Als Streicher geendet, wurden Listen im Saal herumgereicht, worin sich die Versammlungsteilnehmer als Bewerber um Parteimitgliedschaft einzeichnen sollten, was zwischen 50-100 Teilnehmer taten.
Ausser bei den Juden rief diese erste öffentliche Parteiveranstaltung vor allem auch bei den Marxisten helle Empörung hervor. Das sozialistische Parteiorgan, die 'Schwäbische Volkszeitung', übte dann auch heftige Kritik und erklärte den Marsch der Münchener Hundertschaft durch die Stadt als unerhörte Provokation." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Sign. 4 Enc 216-9, Franz Maria Miller: "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", S.4/5, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)
Ein Journalist fragt kritisch nach der Veranstaltung:
"Ist es richtig, daß die Nationalsozialisten bei ihrem 'Ausflug' nach Augsburg in der ehemaligen Ulrichskaserne einquartiert waren, in der jetzt die Schutzpolizei liegt?" (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Allgemeine Zeitung, Nr.46, S.3, "Revolution im November?" v. 12.11.1922)
Die Schwäbische Volkszeitung berichtet sodann über den Versammlungs-Einstand der neuen Ortsgruppe:
"Auch in Augsburg sollen die Hitlerleute nunmehr mobilisiert werden. Am letzten Samstag war dahier eine nationalsozialistische Versammlung (-am 4. November 1922 im Augsburger 'Stockhauskeller'-). Zu dieser hatte Hitler einen seiner berühmten Stoßtrupps (-aus München-) abkommandiert, der in einer Stärke von 50 'Mann' den Versammlungsschutz übernahm. Die wohlausgerüsteten Hakenkreuzler zogen am gestrigen Sonntag vormittags unter Vorantragung von Hakenkreuzfahnen mit Gesang ('Siegreich wollen wir Frankreich schlagen' usw.) durch die Stadt." (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Mikrofilmrolle Nr.45, Schwäbische Volkszeitung, Nr.257, S.5 v. 6.11.1922)
Weiter wird am darauf folgenden Tage berichtet:
"Die Hitlerbande in Augsburg - Die Expedition der Hitlerbande nach Augsburg am vergangenen Samstag-Sonntag (-4./5. November 1922-) hatte augenscheinlich den Zweck, einmal die Fühler auszustrecken, was man sich in Augsburg erlauben könne. Und da müssen die Erfahrungen, die die Burschen hier gemacht haben, sie zu einer baldigen Wiederholung ihres Besuches und zu einem noch frecheren Auftreten geradezu herausfordern! Es mag sein, daß die Augsburger Polizei Mittel bereitgestellt hatte, etwaigen größeren Ausschreitungen zu begegnen. Im übrigen aber hat anscheinend die Polizei nichts davon gesehen, daß diese unreifen und gewalttätigen Elemente mit Gummiknütteln, Pistolen und Messern bewaffnet waren. Was Dutzende und Aberdutzende von Zeugen sahen und bestätigen, das ist den sonst so scharfen Augen der Schutzleute entgangen. Oder sollten sie den Auftrag gehabt haben, eine Kontrolle der betreffenden Bürschchen zu unterlassen? Uns ist wenigstens kein Fall mitgeteilt worden, in dem eine solche Kontrolle stattgefunden hat. Vielleicht äußert sich die zuständige Stelle einmal zu der Sache. Für das freche Auftreten der Bürschchen einige Beispiele: ein jüdischer Besucher der Stockhausversammlung wurde von den Bürschchen angegriffen und mußte durch Polizeiorgane geschützt werden, wobei die Angreifer auch noch Miene machten, die Schutzleute anzugreifen. Im Schnapper wurden Gäste, die sich weigerten, bei den 'patriotischen' Gesängen der Burschen aufzustehen, belästigt. Als Schutzleute herbeigeholt worden waren, konnten die Täter nicht mehr festgestellt werden. Im Gasthaus Schachameyer belästigten die frechen Burschen andere Gäste durch bramabasierende Bemerkungen, die laut ins Lokal gerufen wurden. Am Roten Tor gab es zwischen Passanten und mehreren dieser Bürschchen, die etwa 16-18 Jahre alt waren, einen Wortwechsel, wobei die Bürschchen sofort Revolver und Gummiknüttel zum Vorschein brachten. Ein vorbeikommender Offizier, demgegenüber sich die Jungen durch Waffenschein (!) auswiesen, brachte sie dann in die ehemalige Chevaulegers-Kaserne, wo Landespolizei untergebracht ist, in Sicherheit. Es wäre interessant, zu erfahren, welche Behörde so gewissenlos ist, solchen unreifen Leuten Waffenscheine auszustellen. Daß solche Vorgänge eine wesentliche Beunruhigung der Bevölkerung hervorrufen müssen, ist klar. Sache des Stadtrats wird es sein, hier Ordnung zu schaffen und der Wiederholung solcher Vorfälle vorzubeugen. Es geht nicht an, die Bevölkerung dem Terror bewaffneter Rowdys auszuliefern!" (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Mikrofilmrolle Nr.45, Schwäbische Volkszeitung, Nr.258, S.5 - "Die Hitlerbande in Augsburg" v. 7.11.1922)
Der provokante Auftritt der Münchener SA in Augsburg hat ein politischen Nachspiel im Stadtrat. Über die Sitzungs-Anfrage der sozialdemokratischen Rathausfraktion schreibt die Schwäbische Volkszeitung weiter:
"'Ist dem Stadtrat bzw. dem Polizeireferat bekannt, daß die Bewaffnung dieser jungen Leute aus Gummiknüppel, feststehendem Messer und Revolver bestand, die für jedermann sichtbar in herausfordernder Weise getragen wurden?'(…) Der Polizeireferent Rechtsrat (-Dr.-) Ott führte aus, dass zunächst ein Plakat als Versammlungseinladung vorlag, aus dem verschiedenes gestrichen werden mußte.(…) In der Versammlung habe es schon während der Diskussion einen Zwischenfall gegeben, als sich ein jüdischer Herr zum Wort meldete. Dieser sei vom 'Versammlungsschutz' aus dem Saal befördert worden. Außerhalb des Lokals wurde vom Versammlungsschutz der Versuch gemacht, den Mann zu verprügeln. Nach der Versammlung zog der Trupp zum Schnapperbräu, wo sie allerlei Lieder sangen. Einer der Gäste, der sich beim Absingen des Deutschlandliedes weigerte, aufzustehen und mitzusingen, wurde im Hausgang schwer mißhandelt (…). Es erfolgten dann am Sonntag einzelne Umzüge (…). Dann sammelte die Truppe vor dem 'Schnapper' und marschierte mehrmals zwischen diesem und dem Rathaus zu einem nicht festgestellten Zweck hin und her, um dann zum Bahnhof abzurücken. Auf dem Marsch sangen sie nach Bekundung von Ohrenzeugen ein zweifellos zum Rassenhaß aufreizendes Lied, dessen Refrain ungefähr gelautet haben soll: 'Schmeißt sie raus, die Judenbande – schickt sie fort aus deutschem Lande – schickt sie nach Jerusalem!'(…) Eine Berechtigung der Versammlungsveranstalter als Inhaber des Hausrechts, jemanden aus dem Versammlungslokal zu verweisen, sei gegeben gewesen, nachdem auf den Plakaten stand: 'Juden haben keinen Zutritt.' Gegen größere Judenmißhandlungen seien ausreichende Vorsichtsmaßnahmen getroffen gewesen. Daß der eine oder andere verhauen werde, sei nicht zu verhindern, so wenig, wie sonstige gelegentliche Raufereien. Nachdem es nun feststehe, daß es sich wohl um dieselbe 'Versammlungsschutz'-Truppe handle, die schon in Nürnberg, Koburg und anderwärts Ausschreitungen verübt habe, werde dafür gesorgt werden, daß dieser Münchener Versammlungsschutz in Augsburg nicht mehr in Tätigkeit treten könne.(…) Redner (Stadtrat Simon, Soz.) hofft, daß für die Zukunft alle Maßnahmen getroffen seien, um die Wiederholung eines solchen Treibens unmöglich zu machen. Wenn die Polizei das nicht fertig bringe, dann werde die Arbeiterschaft den Unfug abstellen, und zwar gründlich! Die Empörung der Arbeiterschaft über das Treiben dieser Burschen am Samstag und Sonntag sei bereits gestiegen gewesen, daß die Gesellschaft allerhöchste Zeit gehabt habe, aus Augsburg zu verschwinden!" (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Mikrofilmrolle Nr.45, Schwäbische Volkszeitung, Nr.262, S.3/4 v. 11.11.1922 + Augsburger Neueste Nachrichten, Nr.263, S.3: "Die Nationalsozialisten in Augsburg" v. 11.11.1922)
Über die Versammlung der neuen hitlertreuen Ortsgruppe im Stockhauskeller wird berichtet:
"Da (-am 4. November 1922-) zur ersten (-Versammlung im Stockhauskeller-) 'ein bewaffneter Selbstschutz', also die SA, erschienen war, wurde der (-Augsburger-) Ortsgruppe (-von der Regierung-) erklärt, die Verammlung würde verboten, wenn diese sich wieder sehen lassen würde. 'Die Hitlerleute kamen deshalb zur zweiten Versammlung (-im Ludwigsbau am 1. Dezember 1922-) nicht mehr.'" (Weggel: "Augsburg in der Weimarer Republik", S.428 - 2025)
Zu dieser Zeit entscheidet sich der spätere Gauleiter Karl Wahl, Mitglied der Augsburger NSDAP zu werden:
"Im Laufe des Jahres 1922 las ich in einer Augsburger Tageszeitung die Ankündigung einer öffentlichen Versammlung der NSDAP im Stockhauskeller (-4. November 1922-). Was ich bei meinem Besuch zu sehen und zu hören bekam, entsprach zwar nicht ganz meinen Vorstellungen, aber es war ein Anfang. Bei der kurz darauf folgenden Gründungsversammlung (-27. Oktober 1922? Unklare Reihenfolge-) der Ortsgruppe Augsburg der NSDAP im 'Pelikan' (-Kaffee Kernstock?-) in der Jakobervorstadt unterschrieb ich meinen Aufnahmeschein und trat gleichzeitig in die SA ein.(...) Es sind nur ganz wenige, die sich dazu hergeben." (Wahl: "Patrioten oder Verbrecher", S.35 – 1973 + Wahl: "... es ist das deutsche Herz", S.36 - 1954)
In einem späteren Biographie wird hingegen über Karl Wahls Eintritt in die NSDAP bereits das Jahr 1921 vermerkt:
"1921 Joined the NSDAP/Ortsgruppe Augsburg - Joined the S.A." (Miller: "Gauleiter: The regional leaders", S. - 2021)
Neben dem Parteigenossen Karl Wahl erklären sich auch die Pg. Rehm, Hager und Mahler zu neuen Ortsgruppen-Mitgliedern.
Die Augsburger Ortsgruppe bedient sich neben Anton Drexler (17. November 1922) zum Ende des Jahres 1922 auch eines westfälischen Wanderredners: Heinrich Dolle. Parteigenosse Amtmann Miller notiert:
"Die nächste öffentliche Versammlung (-nach dem 4. November 1922-) fand, da der Stockhauskellersaal (-am Kaiserplatz-) sich als zu klein erwiesen hatte, (-am 1. Dezember 1922 zusammen mit Walter Kellerbauer und am 11. Januar 1923 nur mit Heinrich Dolle-) im grössten Konzerthaussaal Augsburgs, im Ludwigsbau, statt. Mit dieser Versammlung, in welcher der Ruhrbergarbeiter Heinrich Dolle sprach, schwenkte die Augsburger Ortsgruppe wieder auf ihre ursprüngliche Zielsetzung, die Bodenreform, zurück. Dolle verkündete als sein Programm die Losung: 'Siegen durch Arbeit auf eigener Scholle oder Seuchen!'(…)
Am Schluss der Dolle-Versammlung stimmten die Teilnehmer begeistert das Deutschland-Lied an, das jahrelang nicht mehr gesungen worden war. Es war auch wirklich ein Hochziel, das Dolle vor Augen gestellt hatte: Jedem Schaffenden der Stirne und der Faust einen angemessenen Arbeitslohn, womit er sich ein Häuschen mit Garten erwerben konnte, und eine auskömmliche Altersrente, die ein sorgenfreies Alter gewährleistete.
Die grosse Begeisterung, die Dolles Vortrag erweckt hatte, gab mir den Gedanken ein, ihn einem grösseren Publikum bekannt zu machen, zugleich auch ein Organ für solche Veröffentlichungen zu schaffen. So vereinbarte ich mit dem Druckereibesitzer und Plakatinstitutsinhaber Eisele, der sein Büro am Zeugplatz hatte und von dem mir berichtet worden war, dass er der Ludwigsbau-Versammlung beigewohnt und von ihr enthusiasmiert worden sei, der von ihm verlegten Augsburger Gerichtszeitung künftig ein Beiblatt beizugeben, betitelt 'Deutsche Wacht und Wehr', um den vaterländischen Gedanken wieder neu zu beleben. Zu einem solchen eigenen Organ kam es vorläufig indes nicht." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.4-6, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", von Franz Maria Miller, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)
Der Augsburger Parteiarchivar Miller führt hierzu weiter aus:
"Ferner mache ich Sie auf den ersten Presseversuch Augsburgs aufmerksam, den ich selbst machte, ohne allerdings meinen Namen durchzusetzen; ich setzte nun den Vorsitzenden, den (-grandel'schen Vor-) Arbeiter (-Josef-) Schröffer als verantwortlich ein, den damaligen Schatten-Vorsitzenden, man kämpfte ja nicht zur eigenen Ehre, trat selbstlos zurück. Sie finden dieses seltene Blatt in der Augsburger Gerichtszeitung vom 8.12.22 als Beiblatt 'Deutsche Wacht und Wehr' und zwar mit einem Bericht über den Dolle-Vortrag 'Chaos und Untergang oder Ordnung und Aufbau'. Der Verleger der Gerichtszeitung, Eisele, wurde durch die Juden gezwungen, kein weiteres Beiblatt erscheinen zu lassen, widrigenfalls die Juden alle Inserate und Plakataufträge für sein Plakatinstitut zurückgezogen hätten, was er wirtschaftlich nicht tragen könnte. Ich hatte mit Eisele nämlich als erstes Organ solche eigenen Beiblätter vereinbart. Erst nach diesem Fehlschlag wandte ich mich an Weixler mit ähnlichen Verhandlungen. Der 'Deuttsche Michel' galt als Revolverblatt und war deshalb nur der letzte Ausweg damals, um überhaupt eine Presse zu haben." (NS26/158, S.124/Bl.4 - Gauleitung Schwaben/Franz-Maria Miller an das NSDAP-Hauptarchiv/Dr. Uetrecht v.11.3.1937)
Veranstaltungsredner Heinrich Dolle findet auch in der Gründungs-Chronik der schwäbischen NSDAP Erwähnung:
"Eine Versammlung am 1. Dezember 1922 im überfüllten Ludwigsbau, in welcher der Bergarbeiter Heinrich Dolle sprach, war ein voller Erfolg und bildete den Auftakt zu der nunmehr machtvoll anschwellenden Bewegung für ganz Schwaben."(NSDFAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.16 -1935)
Die SPD-nahe Schwäbische Volkszeitung vermerkt zu der Veranstaltung:
"'Unter polizeilichem Schutz und Schirm ...' - Für gestern, Freitag abend, 14 Tage nach ihrer schmählichen Niederlage, hatten die Schildknappen des 'teutschen' Unternehmertums, die Augsburger Nationalsozialisten, wiederum eine 'öffentliche' Volksversammlung nach dem Ludwigsbau einberufen. Das heißt, eine unter polizeilicher Kontrolle stehende Volksversammlung, deren öffentlicher Charakter auf den Plakaten angekündigt, durch die liebevolle Fürsorge unserer 'Blauen' und 'Grünen'(-Polizei-) für die 'Versammlungsbesucher' aber in das Gegenteil verkehrt wurde. Die Augsburger Hakenkreuzler hatten umfassende Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um sich vor 'unliebsamen Zwischenfällen' zu schützen. Die 'Helden'! In den Vormittagsstunden des Freitag wurden Plakate angeschlagen, auf denen mitgeteilt ward, daß alle 'ehrlichen' Arbeiter zu einem 'Vortrag' eines Herrn Dolle aus Kleinenberg in Westfalen über 'Wiederaufbau' usw. eingeladen sind. Die Plakate bestellte ein Herr Fabrikdirektor (-Dr. Grandel?-), wahrscheinlich im Auftrage des Vorsitzenden (-und Grandel Ölfabrikvorarbeiters Josef-) Schröffer der Ortsgruppe Augsburg der NSDAP. Im 'Pelikan' wurden am Donnerstag abend Eintrittskarten ausgegeben, welche die Mitglieder an 'Interessenten' zu verteilen hatten, während an der 'Abendkasse' Karten für 30 Mark zu haben waren. Die Ausgabe von Karten im Vorverkauf (in Wirklichkeit wurden sie zum großen Teil gratis abgeben) war ein Manöver zu dem Zwecke, den Ludwigsbau einigermaßen zu füllen, um gegen jene Arbeiter, die an der Abendkasse eine Karte lösen wollten, die Mehrheit zu haben. Das hat Herr Schröffer bei seinem Eintritt in den Stadtgarten verraten, der sagte, es werden wohl Karten verkauft, aber 'wenn wir merken, daß es zu viel sind, dann wird der Saal polizeilich gesperrt'. Die vor dem Stadtgarten wartenden Arbeitermassen, welche von dem Versprechen einer öffentlichen Volksversammlung etwas profitieren wollten, merkten den nationalsozialistischen Schwindel, kehrten um und ließen die Herrschaften unter sich. Es sei gleich vorweg betont, der Besuch war trotz eifriger Werbetätigkeit nicht besonders glänzend, kein Vergleich mit der letzten Versammlung. Der Referent kam in einem Auto an, wagte sich, als er die vielen Arbeiter vor den Toren sah, zuerst nicht aus dem Wagen, ließ dann umkehren und bei der Einfahrt vorfahren, allwo grüne Polizei den Eingang sicherte. Herr Dolle, ein früherer Bergarbeiter und ehemaliger Kommunist, so präsentierte er sich der Versammlung, hielt seinen 'Vortrag'. Sozialisten- und Judenhetze gemeinster Art, daneben Anpöbelungen der Reichsregierung und des Reichspräsidenten. Der Mann atmete 'bayerische' Luft, das merkte man sofort. Bis gegen 11 Uhr hielt er seinen Speech, dann durfte ein weiterer Nationalsozialist aus München sein Sprüchlein herunterleiern. 'Die Jugend muß sich vorbereiten und rüsten zum großen Befreiungskampf ', aus war die Geschichte, ein 'patriotisches' Lied - Heil, Heil, Heil!
Die vielen Neugierigen sind nicht auf ihre Rechnung gekommen, auch die Herren Nationalsozialisten, so 'hinter (-Josef-) Schröffer ziehen', nicht. Nach dieser Richtung hin klappte die Geschichte nicht. Wohl aber funktionierte der 'Vertrauensmänner-Apparat' der Hakenkreuzler vorzüglich. Gegen 7 Uhr rückte eine Hundertschaft der Landespolizei an, besetzte den Stadtgarten und seine rückwärtigen Zugänge. Vorne versah blaue Polizei den 'Sicherheitsdienst'. Den Versammlungsbesuchern wurden von den Schutzleuten die Eintrittskarten kontrolliert, nur solche, die eine Vorverkaufskarte hatten, durften vor 8 Uhr eintreten. Was sich Karten an der Abendkasse löste, wurde erst nach 8 Uhr eingelassen. Die mit weißer Einlaßkarte Versehenen konnten den 'Sicherheitskordon' unbehelligt passieren, dagegen wurden die Inhaber roter Karten streng gefilzt und - auf Waffen untersucht. Für die Nationalsozialisten herzerfrischend, dieses prächtige Zusammenarbeiten mit der Polizei. Was geht es sonst jemand an, daß die Polizei, welche gemeinhin andere Tätigkeit auszuüben hat, in Augsburg den Hakenkreuzlern Bütteldienste verrichten muß? Wir sind überzeugt, eine Anfrage unsererseits, wer diese polizeilichen Anordnungen getroffen hat, bleibt ebenso unbeantwortet, wie unsere kürzlich gestellten Fragen an den Stadtrat, die in gleicher Richtung liegen. Und wer wohl die Kosten der Veranstaltung trägt? Die Geschichte hat viel Geld gekostet, Plakate, Eintrittskarten, Saalmiete usw., alles dies wird nicht im entferntesten aus den Eintrittsgeldern gedeckt werden können. Man kommt da auf mancherlei Gedanken. Vielleicht wird über die Geldgeber in Bälde näheres zu sagen sein. Aber eines möchten die Arbeiter als Steuerzahler heute schon wissen: Ist es Aufgabe der Polizei, Versammlungen der Nationalsozialisten nicht allein zu 'schützen', sondern ihnen auch noch die Arbeit der Saalkontrolle abzunehmen? Gut 200 Mann der städtischen und staatlichen Polizei waren aufgeboten. Hatten diese Leute keine andere Aufgabe zu erfüllen? Weiter möchten wir heute noch einmal die Frage stellen: 'Hat Herr Oberstadtamtmann Dr. Frank wieder den Oberbefehl über den Schutz der Nationalsozialisten gehabt? Und ist es richtig, daß die weißen Eintrittskarten am Freitag vormittags in sämtlichen städtischen Bureaus gratis verteilt und für die Versammlung agitiert wurde? Haben die städtischen Beamten, die fast restlos in der Versammlung waren, nichts Besseres zu tun?' Antwort, aber baldigste und befriedigende, erwarten die Steuerzahler vom Augsburger Stadtrat!" (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Mikrofilmrolle Nr.45, Schwäbische Volkszeitung, Nr.280, S.5 - "Unter polizeilichem Schutz und Schirm ..." v. 2.12.1922)

Für große Versammlungen geeignet: Der Augsburger Ludwigsbau - 1920 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Schöning & Co, Lübeck, Nr. Aug 38)

Konzertsaal: König Ludwigsbau im Stadtgarten - 1919 (Postkarte im Privatbesitz / Brack, J.J. + Wißner: "175 Jahre Philhamonischer Chor Augsburg", S.45 - 2018)

Ludwigsbau - 19. April 1939 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_1057)
Ein inhaltliches Beispiel zu Heinrich Dolles Veranstaltungsreden in Augsburg:
"Auf einer nationalsozialistischen Versammlung in Augsburg im Dezember 1922 gab Heinrich Dolle, ein Bergarbeiter und ehemaliger Kommunist, dieser Stimmung sehr deutlich Ausdruck:
'Ihr werdet ungeduldig und wollt endlich streiken. Habt Geduld! Wir werden auch gegen die weißen und schwarzen Juden aufrufen, wenn die Zeit gekommen ist. Übt nur noch kurze Zeit Geduld. Aber wenn wir Euch dann rufen, verschont die Sparkassen, denn dort haben die Proletarier unsere wenigen Pfennige, aber stürmt die Grossbanken! Nehmt alles Geld, dass Ihr dort findet, werft es auf die Straße und verbrennt den großen Haufen! Und hängt die weißen und die schwarzen Juden an die Masten der Trambahn. Und wenn Ihr Land wollt und niemand es Euch geben will, dann macht es so, wie ich es in meinem Heimatdorf mit meiner Genossenschaft gemacht habe: Nehmt es und baut Häuser darauf. Wir haben das getan, und die Regierung hat nicht gewagt, uns das fortzunehmen, was wir uns gegen ihren Willen genommen haben.'" (Gordon: "Hitlerputsch 1923: Machtkampf in Bayern", S.55 - 1971)
Der Augsburger Ölfabrikant Gottfried Grandel ist nicht unbeteiligt an der Verwendung des westfälischen Wanderredners in Bayern. Gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv schildert er später seinen parteipolitischen Einsatz:
"Als Gegenspieler gegen Dickel liess ich den Bergarbeiter Heinrich Dolle aus Westfalen kommen, er wohnte einige Monate (-August bis November 1922?-) bei mir.(...) Ich hielt es für gut, wenn nicht immer die gleichen bayerischen Männer redeten; die Bewegung sollte nicht so ausschliesslich bayerisch sein.(...) Ferner sollte er ein Gegenspieler gegen Dr. Otto Dickel in Augsburg sein, dessen infame Kampfweise mich abstiess und welcher ich als Redner nicht gewachsen war. Endlich sollte Dolle die Gedanken des Nationalsozialismus bei mir und in München in sich aufnehmen und sie dann in Norddeutschland verbreiten helfen." (BArch Berlin: NS26/514 -Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv, S.587/ Bl.4 v. 22.10.1941 + Bl.1 v. 6.11.1942)

Westfälischer Wanderredner Heinrich Dolle - 1918 (GStA PK, I. HA Rep. 84a, Nr.55584 - Artikel aus: General-Anzeiger, Nr.3, S.2 v. 17.01.1920 - Portrait Heinrich Dolle / o.Ang.)
Während der völkische Wanderredner Heinrich Dolle in Süddeutschland zu Propagandazwecken gegen die Weimarer Republik verweilt, wird im Januar 1923 in seiner Abwesenheit eine Hausdurchsuchung vorgenommen:
"Durch Kriminalassistenten Vogeler von der Polizeiverwaltung Bielefeld habe ich heute, in Anwesenheit des Landjägermeisters Kohaupt, eine Durchsuchung in der Wohnung des Herrn Dolle in Kleinenberg vornehmen lassen.(...) Dolle, der sich im Rheinlande aufhalten soll, war bei der Durchsuchung nicht anwesend.(...) Die beschlagnahmten Gegenstände habe ich gemäß dem Erlasse des Herrn Ministers des Innern vom 9. Januar 1923 (-II G. 4112-) unmittelbar an den Staatskommissar für die öffentliche Ordnung übersandt. Eine nähere Durcharbeitung des sehr reichhaltigen Materials war bei der Kürze der Zeit nicht möglich.(...) Durch nähere Verfolgung der Spuren, die sich aus dem Briefwechsel ergeben und geeignete Maßnahmen bei den Persönlichkeiten, mit denen Dolle in seinem Briefwechsel in Beziehungen steht, dürfte sich vielleicht weiteres Material zum Nachweise der Fortsetzung der aufgelösten Organisation ergeben." (Digitalisiert auf archive.nrw.de: LA NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe M1 I P/Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr.616 - "Untersuchung gegen den deutschvölkischen Wanderredner Heinrich Dolle", S.5/6 v. 22.1.1923)
Februar 1923
Das SPD-Zentralorgan Vorwärts gibt während der späteren Berliner Untersuchungshaft von Dr. Grandel in einem prozessbegleitenden Artikel noch einen weiteren Einblick in die Augsburger Ortsgruppen-Entwicklung des Frühjahres 1923:
"Grandel, der Guerillakrieger - Herzkrank, aber kräftig fürs 'Umlegen'.
Der (...) Mitangeklagte Dr. Grandel ist nach seinen Angaben selbstverständlich 'kein Politiker'. Dabei zählt er zu den Geldgebern der Nationalsozialisten Augsburgs. Er ist 'Kulturpolitiker', aber er begünstigte die barbarischen Kampfmethoden eines Hitler. Justizrat Claß spricht einmal von 'extremistischen' Anschauungen Dr. Grandels, und in der Tat huldigte Grandel dem blutigsten Gewaltkultus Hitlers.(…) In Augsburg machte seinerzeit das nationalsozialistische Blättchen 'Der deutsche Michel' viel von sich reden. Es teilt in einem Bericht über einen Sprechabend der Nationalsozialisten mit, Herr Dr. Grandel habe die Parole des Guerillakrieges ausgegeben. Vorher müßten aber die Arbeiter niedergeworfen werden! Diese Augsburger Ortsgruppe der Nationalsozialisten, in der Grandel seine blutigen Reden schwang, stand übrigens in enger Fühlung mit (-dem Mitglied des Germanen-Ordens-) Dr. (-Arnold-) Ruge, dem Organisator der 'Femen' in Oberschlesien und Oberbayern.(...) In den Kreisen Hitlers und Ruges war also Dr. Grandel heimisch. In der Tat, der 'Extremismus' hatte den ganzen Dr. Grandel in Flammen gesetzt; und daher gebärdete er sich auch in Augsburg als fanatischer Anhänger des Guerillakrieges. Aber vor Gericht leidet er furchtbar, so daß seinetwegen die Verhandlungen dauernd unterbrochen werden müssen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr. 260, S.2 - "Grandel, der Guerillakrieger" v. 4.6.1924)
Neben einem Gastrecht bei dem hier erwähnten und seit 1899 erscheinenden Deutschen Michel besitzt die Augsburger Ortsgruppe für ihre Pressearbeit gute Beziehungen zu der Bayerischen Gerichtszeitung, die regelmäßig mit Skandalen und Kriminalfällen Aufmerksamkeit erregt.
Im Bezug auf den beabsichtigten Guerillakrieg findet auch in dem 1923 erscheinenden Buch "Der Faschismus in Italien" die Augsburger Ortsgruppe Erwähnung:
"Und da half man sich eben so, daß dort, wo die durch maßlosen Byzantinismus (-Kriecherei/Unterwürfigkeit-) unterstützte persönliche Propaganda Hitlers (…) nicht ausreichte, den Stoßtrupps als Geheimparole der Partei mitgeteilt wurde, es gelte, den Guerillakrieg gegen Frankreich vorzubereiten! So plaudert auch ungefähr in der Mitte des Februar (-1923-) ein tratschhaftes Faschistenblättchen in Augsburg, 'Der deutsche Michel', in einem Bericht über den letzten Sprechabend der Nationalsozialisten aus, daß der Augsburger Führer der Nationalsozialisten, ein Dr. Grandel, die Guerillakriegsparole offen ausgegeben habe. Vorher müßten allerdings die Arbeiter niedergeworfen werden. Und die gleiche Augsburger Ortsgruppe ladet noch (...) diesen (-Dr. Arnold-) Ruge zu einer öffentlichen Werbeversammlung ihrer Partei in Augsburg ein, die dann von der Regierung unter dem Druck der Arbeiterschaft verboten (-Verwechslung mit Hermann Esser-) wurde." (Aquila: "Der Faschismus in Italien", S.59/60 - 1923)
März 1923 – Saalschlacht im Ludwigsbau
Eine der größeren Saalschlacht-Konfrontationen zwischen den ideologisch konkurrierenden Blöcken innerhalb der Weimarer Republik findet im Frühjahr 1923 in Augsburg statt.

Idyllisch im Stadtgarten gelegen: Augsburger Konzerthalle Ludwigsbau - 1922 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Wutz, H. - München)
In seinem Rückblick erinnert sich das damals neue NS-Parteimitglied Karl Wahl an die ersten Veranstaltungen der erneut gegründeten Ortsgruppe:
"Ihr Verlauf ist meist beschämend. Einige werden gleich zu Beginn von den Roten gesprengt. Der Saalschutz ist zu schwach. Zum Teil gelingt den Gegnern die Sprengung dadurch, daß sie mit ganzen Belegschaften von Betrieben schon lange vor Versammlungsbeginn den Saal überfüllen. Die eigentlichen Versammlungsbesucher werden dadurch am Betreten des Saales gehindert, da er bereits wegen Überfüllung polizeilich gesperrt ist. Eine Methode, die zwangsläufig scheitern muß, denn sie fordert Abwehrmaßnahmen geradezu heraus. Einmal kommt es (-am 2. März 1923-) zu einer Saalschlacht im Augsburger Ludwigsbau, an der alles dran ist. Die SA ist an diesem Abend wieder einmal führerlos." (Wahl: "Es ist das deutsche Herz", S.40 - 1952)
Eine Publikation des damaligen NS-Gau Schwaben führt aus:
"Von größter Wichtigkeit mußte es für die Augsburger sein, eine straff organisierte, stoßkräftige Sturmabteilung nach dem Muster Münchens zu schaffen. Nur das Vorhandensein einer disziplinierten SA konnte für die Zukunft in Augsburg die Gewähr dafür abgeben, daß künftige Versammlungen und Sprechabende ordnungsgemäß und erfolgreich durchgeführt werden können. Diese Erkenntnis wurde auch gar bald in die Tat umgesetzt. Der erste Augsburger SA-Führer war der heutige Ratsherr Pg. Wagner; Träger der ersten Augsburger Sturmfahne unter Gaukleiter Pg. Wahl." (NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.15/16 - 1935)
Die von Karl Wahl angesprochenen Schlägerei findet auch in einem Geschichtsbuch über die Stadt Augsburg Erwähnung :
"Anfang März 1923 wurde eine NSDAP-Kundgebung im Ludwigsbau nach Schlägereien mit Kommunisten von der Polizei aufgelöst." (Theiss: "Geschichte der Stadt Augsburg", S.589 – 1984)
Selbst in einem späteren Roman wird die Augsburger Auseinandersetzung aus Sicht der Marxisten mit festgehalten:
"Augsburg ist nicht München. Augsburg ist eine Arbeiterstadt, hier ist kein Platz für blutrünstigen Nationalismus und die Hanswurstiaden des Clowns Hitler. Die Proletarier Augsburgs sind bekannt als Gardetruppen des Marxismus. Einmal und nicht wieder! - müssen die Hitler-Söldlinge sich sagen, wenn sie die Fäuste des Augsburger Proletariats verspüren." (Zöberlein, Roman: "Der Befehl des Gewissens", S.884 - 1937 + Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung: "Eine Schande für die Stadt Augsburg" v. 22.11.1937)
Ergänzend notiert Heinrich Bennecke in seiner Buchveröffentlichung:
"In Augsburg soll es am 2. März (-1923-) bei einer Saalschlacht auf beiden Seiten insgesamt 35 Verletzte gegeben haben." (Bennecke: "Hitler und die SA", S.54 - 1962)
Der späteren Jubiläums-Sonderbeilage fügt ein NSDAP-Chronist, vermutlich Franz Maria Miller, einen Bericht zu der Augsburger Saalschlacht bei:
"Unglückselige, interne Verhältnisse (-Führungslosigkeit durch den zeitgleichen Einsatz im Ruhrkampf?-) verursachten aber bald darauf eine empfindliche Niederlage. Am 2. März 1923 sollte mit einer großen Versammlung im Ludwigsbau die Aufklärungsaktion wieder einsetzen. Aber es sollte der Tag der ersten großen Saalschlacht in Augsburg werden. Unter Führung des württembergischen kommunistischen Landtagsabgeordneten Müller hatten die Kommunisten es unter Benützung gefälschter Eintrittskarten verstanden, schon gleich bei Saalöffnung um 7 Uhr alle Plätze so einzunehmen, daß die in der Minderzahl sich befindlichen Nationalsozialisten halbkreisförmig eingeschlossen waren. Eine unheimliche Schwüle lag über dem von 1200 Menschen überfüllten Saal, als der Redner Kellerbauer/Nürnberg das Wort ergriff. Schon nach seinen ersten Worten ertönten im wüsten brüllenden Durcheinander Zwischenrufe, so daß es dem Redner unmöglich war, sich durchzusetzen. Das Deutschlandlied aus den Reihen der Nationalsozialisten wurde übertönt durch Johlen und Pfeifen und vom Geplärr der 'Internationale'. Gleich darauf prasselte auf die SA und die Parteigenossen, die sich beim Podium um die Fahne und den Redner geschart hatten, ein Hagel von Biergläsern, Aschenbechern, Stühlen usw., zum Teil von den Galerien geworfen, nieder. Die SA schlug sich tapfer und manche Einzelheit, ob nun der oder jener einen wunderbar gezielten Wurf oder einen saftigen Gegenhieb anbringen konnte oder ein verängstigter Versammlungsspießer unter einem Tisch Deckung suchte, wird heute noch in Kreisen der Alten Garde gerne erzählt und belacht. Die Polizei, die den Gummiknüppel nach beiden Seiten hin schwang, räumte den Saal, löste die Versammlung auf und verhalf den Kommunisten damit zu ihrem Ziel: die Auflösung der Versammlung, das sie allein nicht erreicht hätten. Ungeheurer Sachschaden war entstanden, für den die Ortsgruppe mit 630 000 Mark aufkommen mußte." (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung: "Die erste Saalschlacht" v. 22.11.1937 + StadtAA, Schriftdokumentation 670 A + weiterer Bericht digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Freie Presse, Nr.54, S.2/3 - "Hakenkreuzler-Sturm auf die Schwäbische Volkszeitung" v. 6.3.1923)

Weimarer Republik: Saalschlacht zwischen den Extremen (Symbolbild: bpk-Bildagentur: 30003926 / Filmausschnitt)
Einen recht ausführlichen Augenzeugen-Bericht über die Saalschlacht im Ludwigsbau liefert der damalige Parteigenosse Miller:
"Das grosse Tor zum Stadtgarten war polizeilich abgesperrt, weil der Saal bereits überfüllt war. Es gelang mir schliesslich, durch einen Seiteneingang doch noch in den Garten am Saal zu kommen. Beim Eintritt erzählte mir der an der Kasse Dienst tuende Parteigenosse, es seien doppelt so viele Eintrittskarten, als im Vorverkauf ausgegeben, bei ihm abgegeben worden. Die Gegner hätten offenbar die Karten nachgedruckt, gefälscht. Sie dominierten auch im Saal. Davon konnte ich mich rasch überzeugen. Durch den Mittelgang ging eben ein bärtiger Mann mit Ballonmütze auf dem Kopf und verteilte Propagandamaterial auf die Tische. Ich stellte fest, dass es kommunistisches war. Ich ging auf den Mann zu und sagte zu ihm: 'Unterlassen Sie das! Das ist unsere Versammlung, nicht Eure.' Er spöttisch, die letzten Blätter noch auf den Tisch werfend: 'Ich bin ohnedies fertig.' Der Parteigenosse an der Kasse hatte mir auch berichtet, dass die rote Fahne im Saal sei. Ich nahm wie ein gewöhnlicher Besucher auf einem Stuhl in der Mitte des Raumes Platz. Kellerbauer betrat jetzt das Rednerpodium, um mit seinem Vortrag zu beginnen. Wir hatten aus unseren Reihen keinen gefunden, der einige Einleitungsworte zuvor zur Begrüßung sprechen wollte.
Da sprang ein Mann in Matrosenuniform auf den Ecktisch rechts vor der Bühne und schrie: 'Zur Geschäftsordnung!'
Kellerbauer: 'Es ist jetzt noch kein Anlass, zur Geschäftsordnung zu sprechen.'
Der Matrose: 'Wir wollen dies aber. Wenn wir jetzt nicht zu Wort kommen, schliessen Sie nach Ihrer Rede die Versammlung und wir können es nicht mehr tun.'
Kellerbauer: 'Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich tue dies nicht. Sie können nach mir sprechen, wenn Sie wollen, ebenfalls 2 Stunden lang wie ich.'
Höchste Unruhe im Saal, alles stand von seinen Sitzen auf und harrte aufgeregt der kommenden Dinge. Vor der Bühne verhandelten einige der führenden Pgn. des erweiterten Ortsgruppenausschusses mit den kommunistischen Führern. Ich ging auf den Gang hinaus. Ich hatte beobachtet, dass sich bei meinem Eintritt Polizeileutnant Lutz dort aufgehalten hatte. Ich hatte Lutz auch noch, bevor ich Platz nahm, auf die gefährliche Lage aufmerksam gemacht. Er konnte mich nur darauf verweisen, dass wir allein das Saalrecht hätten und die Polizei erst im Notfall eingreifen und die Versammlung schliessen könne. Lutz war leider nunmehr nicht zu sehen, ich fand ihn auch nicht in der anschliessenden Küche. Kaum wieder auf meinem Platz zurückgekehrt, ging es los. Die Gegner gingen zum Angriff über, schleuderten Biergläser, Schlagringe, Beine der feinen Ebenholzstühle, die sie abbrachen, auf die Besucher, die sich ängstlich rasch unter die Tische und Stühle verkrochen. Es war das reinsteTrommelfeuer. Einige Minuten war die Luft von lauter Wurfgeschossen erfüllt.
Ein altes, gutgekleidetes, offenbar gutbürgerliches Ehepaar neben mir zitterte erbarmungswürdig am ganzen Leibe. Alles stob fluchtartig zu den Ausgangstüren zu oder kroch blitzschnell unter Tische und Stühle. Im Mittelgang klaffte eine Blutlache von einer Schädelwunde her. Ein Besucher war auf den Kopf getroffen worden. Scherben überall. Es gelang mir, zu flüchten. Hinter einer Säule am Eingang geborgen konnte ich ungefährdet die Lage überblicken. Höhnisch grinsend standen vorne und an der rechten Längswand die Kommunisten, kein Besucher war mehr im Saal. Da geht am hinteren Saaleingang von der Küche her die Türe auf, die grüne Polizei erscheint, immer 2 Mann hintereinander, in der linken Hand ein aufgepflanztes Bajonett, in der rechten einen Gummiknüppel. Nun dreschen sie auf die Ruhestörer ein. Diese flüchten. Später, beim Weggehen, sah ich noch einige dieser Gestalten aussen am Bau lehnen, in elendem Zustand.
Nachher erfuhren wir, dass diese Versammlungssprengung sorgfältig vorbereitet worden war. Man munkelte, im Geschäftshaus Kuhn, Inhaber Katzenstein, an der Bahnhofsstrasse, habe eine Besprechung zwischen Rabbinat und den Führern der marxistischen Parteien stattgefunden, die das Aktionsprogramm genau vereinbarten. Die jüdischen Geschäftsleute hätten es finanziert.
Das dicke Ende für die Ortsgruppe kam dann erst nach. Einige Wochen später erhielt sie von Bürgermeister Ackermann die Aufforderung, eine sehr hohe Summe für die im Sall angerichteten Schäden bei der Stadtkämmerei als Entschädigungsleistung einzubezahlen, eine Ortsgruppe, die froh sein musste, wenn sie bei jeder Veranstaltung nur die Plakatierungs- und Saalkosten aufbringen konnte, ohne Schulden machen zu müssen. Letztverpflichtet zur Entschädigungsleistung waren ja die Störenfriede, formalrechtlich aber vorerst die Ortsgruppe. Da half ihr die damals gerade einsetzende Inflation. Als die Schuldsumme wertmässig nur noch einen kleinen Betrag ausmachte, bezahlte der Kassier ihn bei der Stadtkämmerei ein, die ihn annahm. So war diese augenblickliche Notlage wenigstens wieder beendet." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.12-14, "Wie Hitler Augsburg Eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole" von Franz Maria Miller, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)

"Die Luft von lauter Wurfgeschossen erfüllt": Der Nürnberger Redakteur Walter Kellerbauer zu Besuch in Augsburg - 1923 (Stadtarchiv Nürnberg C 21/VII Nr. 102 + Hambrecht: "Die braune Bastion - Der Aufstieg der NSDAP in Mittel- und Oberfranken", S.33 - 2017)
Der in der Schwäbischen Volkszeitung korrigierte Versammlungsbericht deckt sich hier im Wesentlichen mit den vorherigen Schilderungen des Parteigenossen Franz Maria Miller:
"Unser Bericht vom Samstag bedarf insofern einer Richtigstellung, als die Versammlung nicht stattfinden konnte. Gleich bei Eröffnung derselben verlangten die Kommunisten durch einen Geschäftsordnungsantrag paritätische (!) Besetzung der Versammlungsleitung, damit für sie die Gewähr freier Aussprache nach dem Referat geboten sei. Die Nationalsozialisten lehnten diese kommunistische Forderung ab, versprachen jedoch, daß auch Andersdenkende zu Wort kommen sollten. Damit waren aber die Kommunisten nicht einverstanden. Als dann Kellerbauer sprechen wollte, setzte großer Lärm ein.
Die Hakenkreuzler, welche voraussahen, was eintreten wird, stimmten das Deutschlandlied an, die Kommunisten antworteten durch Absingung der Internationale. Inzwischen kam der im Saale anwesenden blauen Polizei Hilfe durch die Grünen. Vorher schon war der Stroßtrupp der Hitlergarde in Aktion. Gummiknüttel aus dem Sack! Ein regelrechter Kampf entbrannte, Maßkrüge und Biergläser schwirrten durch die Luft, mit Stühlen wurde dreingeschlagen, es gab mehrere Verletzte, ein großer Teil der Versammlungsbesucher verließ eilends den Saal. Da, in der höchsten Gefahr, erschien die Landespolizei auf dem Plan und schlug, was das Zeug hält, auf die Kommunisten los. Wären die Grünen ein paar Minunten später gekommen, dann hätten die Hakenkreuzler die Prügel bekommen, so ging es umgekehrt. Mit Mühe und Not konnte der Saal geräumt werden – aber mit der Hakenkreuzversammlung war es vorbei. Im Garten vor dem Ludwigsbau kam es nochmals zu Auseinandersetzungen, die Polizei zerstreute jedoch alsbald die Menge.
Nach den bisherigen Meldungen dürfte es bei dieser Radauversammlung zwei Dutzend Verletzte gegeben haben. Es sollen sich zur Stunde noch ein paar der blutig geschlagenen im Krankenhaus befinden. Die Polizei nahm eine Anzahl Personen fest, welche jedoch nach einigen Stunden nach Feststellung ihrer Personalien wieder freigelassen wurden. Nach einer oberflächlichen Schätzung dürfte sich der im Ludwigsbau angerichtete Schaden auf eine Million Mark belaufen. Die Nationalsozialisten haben am letzten Freitag eine schwere Niederlage erlitten, das steht fest. Trotzdem ihre Versammlung seit dem 17. November v.(origen) J.(ahres)stehts unter dem Schutz der grünen Landespolizei stattfinden, hat der berühmte Hetzapostel Kellermann nicht sprechen dürfen. Dafür haben sich die Hitlerspezl gerächt, der Überfall auf unser Druckereigebäude ist der Ausfluß dieser Niederlage. Aber die Nationalsozialisten dürfen sicher sein, daß das nächstemal den Lausbuben, die zum Fenstereinwerfen kommen, das Handwerk gelegt wird." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Mikrofilmrolle Nr.45, Schwäbische Volkszeitung, Nr.54, S.4 - "Eine gesprengte Versammlung" v. 5.3.1923)
In der Presseberichterstattung heißt es:
"In einer Versammlung der nationalsozialistischen Arbeiterpartei in Augsburg, in der deren Führer Kellerbauer in (-aus-) Nürnberg über Wege und Ziele des Nationalsozialismus sprechen sollte, kam es zu großen Tumultszenen zwischen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten bezw. Kommunisten. Eine große Anzahl von Personen wurde zu Boden gestoßen und niedergetrampelt. Der anständige Teil der Versammlung verließ panikartig den Saal. Mit Literkrügen und Stühlen schlugen die Gegner aufeinander ein. Die Landespolizei mußte den Ludwigsbau und den Staatsgarten mit Gummiknüppeln reinigen. Die Kommunisten versuchten dann noch eineAnsammlung auf dem Königsplatz, wurden aber in die Seitenstraßen zurückgedrängt. Im Ludwigsbau gab es 20 Leicht- und 4 Schwerverletzte." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Die Glocke, Nr.53, S.2 - "Nationalsozialistisch-kommunistische Prügelei" v. 5.3.1923)

Kommunisten und Nationalisten im harten Kampf um die Gunst der Arbeiterschaft - 1923 (BArch: Plak 002-019-053 / o.Ang.)
"Bei den Veranstaltungsorten fällt auf, dass die Gastwirtschaftsbetreiber keinerlei Hemmungen hatten, ihren Saal an wen auch immer zu vermieten. Das gilt für die Großen (Ludwigsbau, Saalbau Herrle, Drei Könige, Sängerhalle) wie für die Kleinen: Das Elysium in der Wertachvorstadt ließ die Nationalsozialisten herein, der Paradiesgarten im Ostend neben SPD, KPD und NSDAP auch Gruppierungen von Erwerbslosen, Textilarbeitern und Kriegsverletzten. Nur die Schwedenlinde beherbergte ausschließlich die KPD, das Volkshaus Augsburg in der Eisenhammerstraße die SPD. Der Rote Löwe war zu der Zeit schon das 'Arbeiterheim', der Sitz der kommunistischen Ortsgruppe und der Stadtfraktion, firmierte aber noch unter dem Namen der davor dort ansässigen Gastwirtschaft." (Weggel: "Augsburg in der Weimarer Republik", S.756 - 2025)

"Ließ die Nationalsozialisten herein": Saalbau Paradiesgarten - 1935 (Postkarte im Privatbesitz / Rudolf Behrbohm, Augsburg)
Durch die eindringlichen Versammlungs-Erfahrungen im Ludwigsbau vom März 1923 wird schon bald Karl Wahl die Aufbauarbeit der Augsburger SA übertragen:
"Nach dieser gesunden Lehre über die Notwendigkeit des Selbstschutzes wurde die SA von Pg. Wahl, der die Führung der SA zu dieser unglückseligen Zeit niedergelegt hatte, erneut zu einer straffen Stoßtruppe ausgebaut, die er dann im Herbst des Jahres 1923, wie schon einmal erwähnt, in schlagkräftiger Verfassung dem Pg. Rudolf Wagner übergeben konnte." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung: "Die erste Saalschlacht" v. 22.11.1921, StadtAA, Schriftdokumentation 670 A)

Kampferprobt: Parteigenosse Karl Wahl - 1935 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Neue Augsburger Zeitung, Nr.270 - "15 Jahre Kampf um Schwaben" v. 20.11.1937 + "'Machtergreifung' in Augsburg". S. - 2008)
Der damalige Amtmann Franz Maria Miller erinnert sich:
"Der Saalschutz wurde unter dem nachmaligen Gauleiter Karl Wahl, Kanzleiassistent bei der Stadt, neugebildet und funktionierte in Zukunft gut. Es waren etwa 30 verlässliche junge Leute, die nett zusammenhielten und eigene gesellige Abende abhielten, an denen sie vaterländische Lieder sangen. Da diese Zusammenkünfte aber allwöchentlich stattfanden, wirkten sie sich manchmal nachteilig auf das Parteileben aus. Die Mitglieder waren meist Handarbeiter. Ihr Verdienst erlaubte ihnen keine grösseren ausserordentlichen Aufwendungen, wie sie durch den notwendigen Bierkonsum in Gaststätten entstanden, wenn sie auch noch einem Sprechabend der Ortsgruppe beiwohnen sollten. Die S.A. war ferner auf Geheiss Münchens zu einer rein militärischen Kampftruppe umgestaltet worden. Wahl, ein früherer Unteroffizier des 1. Weltkriegs, unterstand jetzt direkt der Münchener S.A.-Führung, nicht mehr der (-Augsburger-) Vorstandsschaft. In erster Linie hatte die S.A. nunmehr Hitler persönlich zur Verfügung zu stehen, wie schon bisher die S.S., seine Leibgarde." (Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.14, "Wie Hitler Augsburg Eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole" von Franz Maria Miller, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)
Auch Karl Wahl äußert sich später zu den Schlussfolgerungen aus der für die Ortsgruppe schwersten Augsburger Saalschlacht:
"Wir waren uns klar darüber, daß ohne eine Schutzabteilung eine Fortsetzung der Werbung für die NSDAP und vor allem die für Augsburg vorgesehenen Großveranstaltungen nicht stattfinden konnten. Eine davon (-im Ludwigsbau-) war schon geplatzt und endete in einer Saalschlacht. Eine Wiederholung mußte um jeden Preis vermieden werden, und so stellte ich eine SA auf die Beine, auf die Verlaß war. Sie war nur – und nur auf Abwehr eingestellt, nicht auf Angriffe, wie uns später nachgesagt wurde." (Wahl: "Patrioten oder Verbrecher", S.35 - 1973)

SA nach Dienstschluss - 1929 (Fotografie im Privatbesitz)
Die sich politisch hier gegenüber stehenden Extreme schenken sich dabei nichts. Karl Wahl schreibt zu der politisch motivierten Auseinandersetzung weiter:
"Die Lastwagen, die uns samt Fahrern von Freunden und Bekannten zur Verfügung gestellt wurden, befanden sich in einem trostlosen Zustande, u.a. hatten sie noch Vollgummi-Bereifung. Trotzdem ereignete sich (-am 24.3.1923-) nur ein nennenswertes Unglück bei Erding, bei dem durch Sabotage die vollbesetzte Brücke in einer scharfen Kurve in einen Acker geschleudert wurde und ein ein paar (12) Schwer- und Leichtverletzte auf der Strecke blieben. Kommunisten hatten in ihrem blinden Haß die Brückenschrauben gelöst." (Wahl: "Patrioten oder Verbrecher", S.36 - 1973 + Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Sonderbeilage zur 15-Jahrfeier der NSDAP in Augsburg: "12 SA-Kameraden verunglückt" v. 20.11.1937)
Auf der Fahrt durch Oberbayern: Augsburger SA - 1927 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage d. Augsburger National-Zeitung: "15 Jahre NSDAP in Augsburg" v. 20.11.1937 + Thieme/Lamprecht: "Mein Augsburg", S.53 - 1983)
Die Augsburger SA
Zu der Entwicklung der Augsburger SA wird vermerkt:
"Die nach den Auseinandersetzungen mit der Dickel-Gruppe am 27. Oktober 1922 von dem Stadtamtmann Dr. Adolf Frank neugegründete hitlertreue NSDAP-Ortsgruppe wuchs im Laufe des Jahres 1923 mit einem SA-Trupp von 90 Mann in Augsburg zur stärksten völkischen Gruppe heran (-im November 1923 sind es bereits 200 Mitglieder-) und ließ die Dickelsche Werkgemeinschaft zur Sekte verkümmern." (Studie von Gerhard Hetzer in: "Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt: Teil B, Teil 2", S.52 – 2018)
Mitglieder der Augsburger SA unter der Führung von Karl Wahl (späterer Kanzleisekretär, Mitgl. d. Landtags) sind u.a.:
• Burger, Georg
• Hofmann, Eduard
• Mender, Max
• Saule, Anton (Geschäftsführer)
• Schabert, Kaspar
• Seiler, Edmund
• Ab dem Herbst 1923 Nachfolger Karl Wahls: Rudolf Wagner (Postsekretär)
Pg. Karl Wahl (m) mit seiner Augsburger SA, links neben ihm SA-Truppfüher Hans Kurrer (1892/93-15.5.1938, Mitgl.-Nr.: 2418) - 1923 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Neue Augsburger Zeitung, Nr.270 - "15 Jahre Kampf um Schwaben" v. 20.11.1937)
Über Karl Wahls Tätigkeit als Augsburger SA-Führer schreibt Amtmann und Parteiarchivar Miller:
"Mit seinen Leuten begann Wahl alsbald die Eroberung Schwabens, zuerst naturgemäss diejenige der Vororte. Der Feldzug nach Haunstetten als erstem derartigen Unternehmen wäre beinahe ebenso verhängnisvoll ausgegangen, wie die Ludwigsbau-Saalschlacht. Im Haunstetter Gasthaus, das ausgewählt worden war, in dessen Saal mehrere grosse lange Tische standen, sassen nicht nur S.A.-Leute und Mitglieder der Ortsgruppe, sondern auch politische Gegner. Teilweise standen letztere auch an den Seitenwänden wegen Saalüberfüllung.
Wie bald bekannt wurde, war das Haus aber auch aussen von Marxisten umstellt. Die Parteigenossen sassen in einer Mausefalle. Dr. Frank, Versammlungsleiter und an der Spitze eines der Tische sitzend, erhob sich, schlug mit seinem grossen Knotenstock energisch auf den Tisch und verkündete, dass eine grössere Saalschutztruppe im Anmarsch sei und jede Versammlungsstörung rasch von ihr unterbunden und auch gesühnt werde. Das wirkte. Die Gegner im Saal und ausserhalb zogen ab. Zurückgeblieben waren freilich nur wenige Einwohner Haunstettens, für die es sich nicht lohnte, lange zu tagen. Neubeitritte zur Partei erfolgten denn auch nur ganz wenige." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.14/15, "Wie Hitler Augsburg Eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole" von Franz Maria Miller, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)
Zu dem weiteren Verlauf der Augsburger SA heißt es:
"Die SA hatte in der kommenden Zeit noch viele Versammlungen zu schützen: Eine Versammlung im Herrle-Saal im März 1923 noch, in der Gottfried Feder sprach, bald darauf eine Versammlung im gleichen Saal mit Hermann Esser als Redner.(Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Neue Augsburger Zeitung, Nr.270 - "15 Jahre Kampf um Schwaben" v. 20.11.1937)
NSDAP-Sturmabteilung (SA) - 1923 (BArch: Symbolbild 102-13376 / Pahl, Georg)
April 1923
Die Erfahrungen aus der Saalschlacht im Augsburger Ludwigsbau sind für die folgenden Versammlungen bestimmend. NSDAP-Archivar Franz Maria Miller schreibt hierzu:
"In Augsburg wurde es mittlerweile immer schwieriger, einen Redner für die Sprechabende aufzutreiben. Auch hier galt es aber jetzt, den roten Bann zu brechen. Die Marxisten drohten: Wenn die Nazis noch einmal eine öffentliche Versammlung abzuhalten wagen würden, werde man Handgranaten auf sie werfen.
Von einem Gesinnungsfreund (-Dr. Grandel?-) wurde mir damals ein gewisser Dr. Arnold Ruge (-Mitglied des Germanen-Ordens Walvater-) als Redner empfohlen, zuletzt Privatdozent an der Universität Heidelberg, nach einem Konflikt mit dem Heidelberger Rabbiner (-wegen seiner Einstellung zur Staatsumwälzung seit dem 12.1.1923-) nach München verzogen und dort z. Zt. als freier völkischer Schriftsteller tätig." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.19-21 - "Wie Hitler Augsburg Eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)
Zu diesem Zeitabschnitt heißt es über Dr. Arnold Ruge:
"Hier wurde er am 28.2.23 wegen Teilnahme an hochverräterischen Unternehmungen in Sachen 'Machhaus u. Gen. wegen Hochverrats' vorläufig festgenommen und dem Ermittlungsrichter zugeführt. Es wurde beantragt, ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Nach einigen Tagen wurde Ruge aus der Polizeihaft wieder entlassen." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion)
Weiter berichtet der Augsburger NSDAP-Archivar Franz Maria Miller:
"Ich suchte ihn an einem Sonntag morgen auf (-11.3.1923-). Feldgrau gekleidet sass er gerade tippend an einer Schreibmaschine. Er begrüßte mich sehr freundlich und stellte mir seine 2 Jungens vor, wohlerzogene höfliche Knaben. Ruge war bereit, in Augsburg trotz der gefährlichen Lage zu sprechen, machte aber darauf aufmerksam, dass Hitler sein Angebot, für die Partei als Redner zu arbeiten, abgelehnt habe." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.19-21 - "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)
Der Heidelberger Privatdozent Dr. Arnold Ruge, Mitglied des Germanen-Ordens Walvater, wendet sich bereits im Februar 1921 mit seinem Anliegen an die NSDAP-Geschäftsstelle in München:
"Anfrage, ob er mit Hitler zusammenkommen kann." (BArch Berlin: NS26/222, Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.742 v. 22.2.1921)
Parteigenosse Miller berichtet über den Heidelberger Dr. Ruge weiter:
"In allen Punkten, vor allem in wirtschaftspolitischer Hinsicht, sei er mit dem Programm zwar nicht einverstanden, das mache aber nichts aus. Er werde nur in grossen Zügen das Programm erläutern. Wo er noch gesprochen habe, ob auch vor Kommunisten, Syndikalisten, Anarchisten, stets habe er schon nach wenigen einleitenden Sätzen das Publikum für sich gewonnen. Wenn man ihn nur überhaupt zu Wort kommen lasse, befürchte er keine Störungen mehr. So war es denn auch.
Für grosse öffentliche Versammlungen musste damals jedoch die Genehmigung der Münchener Zentralgeschäftsstelle eingeholt werden. Hitler, telefonisch von Geschäftsführer Bouhler deshalb angerufen, antwortete energisch ins Telefon hinein: 'Ausgeschlossen'. Dies empörte mich, weil ohne Begründung. Im Abendschnellzug fuhr ich mit Ruge 1 Woche später nach Augsburg. Nach einem raschen Essen im Restaurant Augusta ging ich mit ihm zum Herrlesaalbau, wo die bereits vorbereitete Versammlung stattfinden sollte.
Wieder konnte man zur Haupttüre nicht mehr hinein: Sie war polizeilich geschlossen. Wegen Überfüllung des kleinen Saales. Durch den rückwärts anschliessenden Garten gelang es uns, über einen rückwärtigen Eingang von einem Polizeiposten hineingelassen zu werden, da es sich ja um den Redner selbst handelte. Der Polizist hatte sich zuvor bei Polizeileutnant Lutz erkundigt. Im Garten war, wie wir feststellten, in einem Pavillon grüne Polizei bereitgestellt zum Eingreifen. Der Eingang führte zu einer Treppe nach oben, wo wir uns durch die dichtstehende Menge nur langsam nach vorne durcharbeiten konnten. Als wir den kleinen Vorraum neben der Bühne endlich erreicht hatten, sahen wir hinter dem Podium versteckt schwerbewaffnet blaue Polizei mit Pistolen. Im Saal herrschte eine hochgespannte Stimmung. Die Marxisten hatten ihre Fabrikbelegschaften mobilisiert. Während ich mit Dr. Ruge durch die Kaiserstrassenallee gegangen war, bat er mich, wenn ihm was zustosse, seiner Frau nur zu telegraphieren: 'Mann gefallen'. Er habe wohl einen Revolver im Schaft seines Stiefels verborgen und werde sein Leben nicht leicht verkaufen, aber bei einem Überfall?
Als ich ihm bei meinem ersten Besuch (-11. März 1923-) in seiner Wohnung im 3. Stock eines Hauses in der Leopoldstrasse, als er gerade tippte, mein Erstaunen ausdrückte, dass er auch am Sonntag vormittag arbeite, erwiderte er: 'Für mich ist immer noch Krieg.' Als er bei meiner 2. Vorsprache 1 Woche später (-18. März 1923-) von Hitlers Absage (-vom 16. März 1923-) erfuhr, erklärte er: 'Hitler hat mir garnichts zu verbieten, ich bin ja nicht Mitglied der Partei.'
Vor der Versammlung (-23. März 1923-) hatte die 'Schwäbische Volkszeitung', das Blatt der Marxisten, geschrieben: Nun sieht man es wenigstens deutlich, welche Bonzen hinter der Partei stehen. Jetzt lassen sie einen Erzbourgois, einen Hochschullehrer, reden.
Wieder war vereinbart, dass der Redner selbst nach kurzer Begrüssung sogleich das Wort ergreifen sollte. Ruge trat hinaus aufs Rednerpodium, ein unscheinbares Männchen in Soldatenkluft. Das konnte doch unmöglich der angekündigte Sprecher sein. Er war es aber scheinbar doch. Er begann sogleich in grossen Zügen das Parteiprogramm darzulegen, nachdem er einleitend darauf hingewiesen hatte, dass er zwar nicht Mitglied der Partei sei, aber das Programm im Wesentlichen unterschreiben könne, wenn er auch besonders in wirtschaftlicher Hinsicht in Einzelfragen teilweise andere Anschauungen habe. Von der Not der Zeit und besonders auch von der Wohnungsnot einleitend sprechend sagte er sodann, diese Not würde leicht behoben, wenn man die vielen kleinen Wirtschaften und die Zigarren- und Schnappsgeschäfte schliessen und Wohnräume für die Arbeiter daraus machen würde. Da brauste auch schon der erste Beifall auf. Seine Rede wurde zu einem einzigen Erfolg.
Am Schluss der Versammlung schrieben sich zahlreiche Besucher in eine Beitrittsliste ein, die an einem Tisch bereitlag. Den Pgn. verschwieg ich nachher wohlweislich, dass ich Ruge gegen Hitlers ausgesprochenes Verbot engagiert habe, schwere Konflikte wären sonst die Folge gewesen, wenn ich auch längst aus verschiedenen Gründen an meiner Funktion nicht mehr hing, ja, sie sogar gerne wieder losbekommen hätte, wenn sich nur ein passender Nachfolger dafür gefunden hätte. Später erfuhr ich den Grund für Hitlers Absage: Ruge war ihm zu radikal (-Vermutlich war es aber auch die Verbindung zum Germanen-Orden, die Hitler an Ruge störte-). Eines Tages verhaftete man ihn, weil er in einer öffentlichen Studentenversammlung in München zu Gewalthandlungen gegen die Gegner aufgefordert hatte (-Gottfried Grandel sagt in diesem Zusammenhang vor Gericht als Versammlungszeuge aus-).
In Augsburg jedoch kam es zu keiner Versammlungsstörung mehr. Ruge hatte das Verdienst, wesentlich dazu beigetragen zu haben." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.19-21 - "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)

"Für mich ist immer noch Krieg" - Dr. Arnold Ruge (1.1.1881-24.12.1945) (Universitätsarchiv Heidelberg: PA 5551 / o.Ang. - 1936)
Die Augsburger Ortsgruppe stabilisiert sich im Laufe des Jahres 1923 über weitere Veranstaltungen und erfährt durch die inflationsbedingte Unruhe innerhalb der Gesellschaft stärkeren Zulauf. So heißt es in einem Partei-Artikel:
"Versammlungen im Saalbau Herrle am 23. März (1923) mit Dr. (-Arnold-) Ruge, am 10. April mit Gottfried Feder und die allwöchentlichen Sprechabende im Kaffee Kernstock brachten immer neue Anhänger. Eine für den 25. April 1923 vorbereitete Versammlung mit Pg. Hermann Esser als Redner wurde in letzter Minute verboten, weil Pg. Esser tags zuvor im Zirkus Krone in München zum Widerstand gegen die Staatsgewalt aufgefordert habe. Ein darauf über Pg. Esser verhängtes Redeverbot hinderte ihn lange, in Augsburg zu sprechen." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung: "15 Jahre NSDAP in Augsburg" v. 20.11.1937)
"Zahlreichen Hitlerleuten ist die Untergrabung der Staatsautorität geradezu etwas selbstverständliches geworden. In Augsburg wurde am 25. April (-1923-) eine nationalsozialistische Versammlung verboten, weil der in Aussicht genommene Redner (-Hermann-) Esser in München bei einer Versammlung geäußert hatte, die Beamten der preußischen oder der Reichskriminalpolizei sollten gleich ihre Särge mitbringen, wenn sie die Haftbefehle des Staatsgerichtshofs gegen die völkischen Führer in München vollziehen wollten." (Weggel: "Augsburg in der Weimarer Republik", S.429 - 2025, Bericht d. Regierungspräsidenten v. 7.5.1923)
Zitate vom Parteiredner Hermann Esser aus den Jahren 1922/23:
"Warum geht die Staatsregierung nicht vor gegen Herrn (-Hermann-) Esser, der in einer Versammlung in aller Offenheit zum Sturz der verfassungsmäßigen Gewalten und zur Errichtung der Diktatur auffordert und dabei seiner jubelnden Zuhörerschaft den kommenden Diktator gleich präsentiert?" (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Allgemeine Zeitung München, Nr.46, S.3 - "Revolution im November?" v. 12.11.1922)
"Zweck der nationalsozialistischen Bewegung ist es nicht, verschiedenen bürgerlichen Trotteln die Kastanien aus dem Feuer zu holen." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Allgemeine Zeitung München, Nr.18, S.4 - "Die Tragikomödie des 1. Mai", Zitat aus Hermann Essers einleitender Rede vom 1. Mai 1923 im Münchener Zirkus Krone v. 5.5.1923)

Aufforderung zum Widerstand: Pg. Hermann Esser - 1922 (Bay. Staatsbibliothek, Bild: hoff-964 / Hoffmannn, Heinrich)
Zu dem Münchener Parteigenossen Hermann Esser heißt es im Zusammenhang mit dem Redeverbot weiter:
"Der 'Völkische Beobachter' spricht heute in großer Aufmachung von einem neuen 'Schweyer-Skandal', der angeblich darin besteht, daß ein Telephongespräch zwischen dem nationalsozialistischen Führer (-Hermann-) Esser und einem Augsburger Parteimitgliede von amtlicher Stelle belauscht worden sei. Auf Grund dieses Gesprächs, dessen Inhalt absolut niemand bekannt gewesen sei, hätte Esser am Donnerstag (-21. Juni 1923-) in einer geschlossenen Mitgliederversammlung sprechen sollen. Bei seiner Ankunft am Augsburger Bahnhof wurde er von einem Kriminalschutzmann in Empfang genommen und darauf hingewiesen, daß ihm verboten sei, in Augsburg zu sprechen. Von der zuständigen Stelle wird erklärt, daß von München aus keine Telephonüberwachung stattgefunden habe. Ein solcher Eingriff könne also, wenn er überhaupt stattgefunden habe, nur von seiten der lokalen Behörde in Augsburg vorgenommen worden sein. Eine Untersuchung darüber sei im Gange." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.289, S.2, "Verfolgte Unschuld" v. 23.6.1923)
Juni 1923
Die nun wieder regelmäßig am Mittwoch organisierten Sprechabende der NSDAP werden mit Vorträgen ergänzt, so auch am 27. Juni 1923. Das neue Parteiblatt aus Augsburg führt aus:
"Es sprach Pg. Dr. (-Georg-) Schott - München über 'Niederbruch unserer deutschen Kultur' im vollbesetzten Saal des Kaffee Kernstock. Mächtig habe die nationalsozialistische Bewegung nun auch in Augsburg Fuß gefaßt.(…) Die Untergrabung der deutschen Kultur hat zunächst nur äußerlich eingesetzt: im Boden. Schritt für Schritt nimmt man uns den Boden unter den Füßen weg. Als Heimatlose, Schollenlose, Wurzellose haben wir dann nicht mehr die Kraft in uns, den volkszerstörenden Mächten Widerstand zu leisten.(…) Innerlich wurde die deutsche Kultur in geistiger und seelischer Hinsicht zugrunde gerichtet. Zwei Weltanschauungen stehen sich unüberbrückbar gegenüber: die urdeutsche, christliche, aufs Ideale, Uebersinnliche und die jüdische, aufs Materielle, Profitliche gerichtete. Mit bewußter Absicht arbeitet der Jude unentwegt an der Zerstörung unserer Religion.(…) Die Abrechnung muß kommen. Wir wissen nicht, wann sie kommen wird. Gehen wir getroßt Hitler nach, folgen wir ihm vertrauensvoll in die dunkle Zukunft, er wird uns in eine neue Zeit führen. Tosender Beifall lohnte den Redner, dem wir wieder einen schönen Erfolg in jeder Hinsicht zu verdanken haben." (BArch Berlin: NS26/1132 - Augsburger Sturm-Glocke, S.4 v. 19.7.1923)
Die Veranstaltung mit dem Schriftsteller Georg Schott wird auch aus der Perspektive von Franz Maria Miller wiedergegeben:
"In jener Zeit veranstaltete ich (-am 27.6.1923-) mit dem Münchener völkischen Schriftsteller Dr. Georg Schott als Redner einen Sprechabend im Hohen Meer-Saal. Der Bruder des Redners war der (-Alldeutsche-) Buchhändler Schott bei der Annakirche, der seinerseits die Mitglieder der Sozietas Annensis zur Versammlung einlud. Ich sprach kurz einleitend und abschliessend. Obwohl der Beifall gross war, bezweifelte ich doch im Stillen, ob viele der Besucher den tiefgeistigen Ausführungen des Redners wirklich haben folgen können. Es war sogar mir schwergefallen. Dr. Georg Schott war der Verfasser feinsinniger Werke, so eine Einführung in Goethes Faust, eines Buches, das in die Welt der deutschen Sagen und Märchen hineinleuchtete, einer volkswirtschaftlich bedeutenden Schrift 'Germanus agrikola' usw.. In seinem Vortrag entwarf er ein Bild der indogermanischen Weltanschauung. Ein 'Buch vom Hitler' von ihm, das diesen als völkischen Idealisten darstellte, bewirkte nach dem 2. Weltkrieg seine Verfolgung als 'Nazi', auch er einer jener Idealisten, deren frühere Gefolgstreue später übel gelohnt wurde. Er war weder Antisemit noch ein Hetzapostel, wie Münchens Parteiführung sie liebte." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.14/15, "Wie Hitler Augsburg Eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole" undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)
Mai 1923
Nach zweijähriger Unterbrechung besucht auch Hitler als Festredner erneut eine Augsburger Versammlung: Die Deutsche Maifeier 1923 der lokalen Ortsgruppe. Sie findet statt im größten Versammlungssaal Augsburgs, der Sängerhalle, gelegen im Wittelsbacherpark südlich der Rosenaustraße. Der von 1900 erbaute Saal nimmt bis zu 6000 Besucher auf.

Versammlungsstätte Sängerhalle in Augsburg - 1923 (Postkarte im Privatbesitz / v. d. Grün, Pöttmers - Bonzani, Frz.)
Einladung Deutsche Maifeier - 29. Mai 1923 (StadtA Augsburg: Schriftdokument 670 A + Rede in der Sängerhalle, Schriftdokumentation 200)
Doch das Angebot der Mai-Rede passt nicht zur politischen Wetterlage: Nur 3 Tage zuvor wird der im Schnellgerichtsverfahren verurteilte Widerstandskämpfer Albert Leo Schlageter von einem französischen Ruhrkommando im besetzten Düsseldorf für seine Beteiligung an Sabotageakten hingerichtet.

Zum Tode verurteilt durch Erschießen: Ruhr-Aktivist Albert Leo Schlageter - 1918 (BArch: Bild 183-J27290 / o.Ang.)
Juli 1923
Hitler positioniert sich seit Jahresbeginn offiziell ablehnend gegenüber den Sabotageakten im dem von den französischen Truppen besetzten Ruhrgebiet. Nach seinem Mai-Besuch in Augsburg begreift er jedoch die Möglichkeit einer propagandistischen Vereinnahmung von Schlageters Hinrichtung durch die französischen Ruhrbesatzer. So vereinbart er kurzfristig mit der Augsburger Ortsgruppe für den 6. Juli 1923 eine weitere Versammlung am selben Ort, auf der er betonen wird:
"Wer die Sabotageakte im besetzten Gebiet macht, dessen brauchen wir uns nicht zu schämen. Aus den Reihen unserer Gegner kommen die Männer, die dem gallischen Erbfeind das Leben so schwer als nur möglich machen, nicht. Sie brachten bis heute nur die Verräter des deutschen Volkes und deutscher Helden auf den Damm. Ich bin stolz darauf, Führer einer Bewegung zu sein, die Schlageters hervorbringt, Männer, die den Mut haben, Sabotageakte zu verüben." (BArch Berlin: NS26/1132, Augsburger Sturm-Glocke, S.2 v. 19.7.1923 + StadtAA, Schriftdokumentation 200 u. 670/A; Fotosammlung N331)
Auch der Augsburger NSDAP-Archivar Miller greift Hitlers Besuch in Augsburg in seinen Erinnerungen mit auf:
"Kurz zuvor hatten S.A.-Männer den Rhein nächtens überschwommen und, indem sie unvermuteterweise einige führende Spartakisten mit Revolverschüssen niederstreckten, dem Separatistenspuk in der Pfalz ein rasches Ende bereitet.
Darauf spielte Amtmann Dr. Frank, der die Versammlung leitete, in seinen kurzen Einleitungsworten an, als er versicherte, Augsburger hätten sich an dieser Aktion nicht beteiligt.
Hitler, nach ihm ans Rednerpult tretend, führte seinen Vorredner sofort mit den Worten ab: 'Sabotage! Sabotage! Sabotage!', zum Kampfgeist aufrufend.
Hatte Marschmusik sein Erscheinen vorbereitet, begeistertes Absingen des Deutschlandliedes begleitete ihn nach seiner Rede beim Verlassen der Halle." (Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.23, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)
Versammlungsraum Sängerhalle: Hitler spricht in Augsburg - 6. Juli 1923 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung v. 22.11.1937)

Erbaut um 1900: Sängerhalle in Augsburg (Postkarte im Privatbesitz + Wißner: "175 Jahre Philhamonischer Chor Augsburg", S.51 - 2018)
Bereits am 30. Juni 1923 stehen die Aktivitäten der Augsburger Ortsgruppe auch im Blickpunkt des sozialdemokratischen Zentralorgans Vorwärts. Thematisch greift der Artikel die Sabotageakte während des passiven Widerstandes gegen die französische Ruhrbesetzung auf, nur aus einem ganz anderen Blickwinkel.
Und: In dem Artikel steht einmal mehr nicht der eigentliche Drahtzieher des aus Augsburg mitorganisierten Abwehrkampfes im Visier, sondern lediglich dessen Vertrauensmann. Der Vorwärts schreibt:
"Die fünf ersten angeklagten Personen sind beschuldigt, an der Sabotage von Bodenheim teilgenommen zu haben.(...) Unter den Einzelheiten, die die 'Agence Havas' über den Kriegsgerichtsprozeß, in dem sieben Deutsche zum Tode verurteilt wurden, veröffentlicht, befindet sich die Angabe, daß sie Mitglieder eines Freikorps gewesen seien. Die Angeklagten hätten zuerst geleugnet und hätten weiterhin erklärt, die Befehle zur Sabotage seien ihnen aus Augsburg von einem Dr. Franke (-Dr. Adolf Frank-) zugegangen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.302, S.1 - "Neue französische Bluturteile" v. 30.6.1923)
Die Augsburger Ortsgruppe steht damit kurz vor ihrer öffentlichen Veranstaltung unter moralischer Anklage. Zwei der sieben zum Tode verurteilten Ruhrkämpfer stammen zudem direkt aus Augsburg: Die jungen Friedrich Maurer und Georg Gruber.
Der Vorwärts legt inhaltlich am 5. Juli 1923 noch einmal nach:
"Dr. Franke, der 'Ruhrkämpfer'.
Im Verlauf der letzten Mainzer Kriegsgerichtsverhandlungen, die zu einem Todesspruch gegen sieben Deutsche führten, soll u.a. festgestellt worden sein, daß die Beschuldigten von einem gewissen Dr. Franke - Augsburg, 'Mitglied der Sozialdemokratischen Partei' (-franz. Übersetzungsfehler-), zu den verbrecherischen Taten aufgefordert sein sollen. In Wirklichkeit handelt es sich aber auch hier um einen maßgebenden Vertreter und Führer der Augsburger Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, der es vorgezogen hat, junge unerfahrene Elemente für Geld und gute Worte in den Tod zu treiben, während er selber weit vom Schusse seine eigene Haut sicherte. Dieses Mitglied unserer sogenannten 'nationalen Kreise' ist Oberstadtmann bei der Stadtverwaltung Augsburg." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.309, S.3 - "Dr. Franke, der 'Ruhrkämpfer'" v. 5.7.1923)

"Weit vom Schusse": Dr. Adolf Frank - (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_7663)
In einem von der Augsburger Veranstaltung am 6. Juli 1923 angefertigten Polizeibericht heißt es schließlich:
"Bereits um 1/2 8 Uhr war die Sängerhalle bis zu dreiviertel gefüllt; die Teilnehmer wurden am Eingang von Kriminalbeamten nach Waffen untersucht. Angehörige der Nationalsozialistischen Partei waren trotz des bestehenden Verbotes in grauer Jacke und Mütze mit Hakenkreuz und Fahnen erschienen; diese sogenannte Hitler-Garde war im Halbkreis auf der Bühne aufgestellt, die mit nationalsozialistischen Fahnen geziert war. Unter den Zuhörern konnte man alle Bevölkerungsschichten bemerken. Um 8 Uhr 5 Minuten erschien Hitler, von der Versammlung mit stürmischem dreifachen Heil begrüßt. Unmittelbar darauf eröffnete der Leiter der heutigen Versammlung, Stadtamtmann Dr. Frank, die Versammlung. Er bat die Anwesenden mit Rücksicht auf den Führer Hitler das Rauchen einzustellen; nach kurzer Begrüßung der Anwesenden verwahrte er sich gegen die in letzter Zeit in der Linkspresse enthaltenen Angriffe auf seine Person bezüglich der Mitschuld, bzw. Urheberschaft an den Sabotageakten im Ruhrgebiet." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/53, S.77/78 - Polizei-Bericht v. 6.7.1923)
Zu der nationalsozialistischen Versammlung führt die zu diesem Termin neu erschienene Parteizeitung aus Augsburg aus:
"Der riesige Bau war überfüllt. Schlag 8 Uhr betrat Hitler, von brausenden Heilrufen begrüßt, den Saal. Am Vorstandstische erwartete ihn eine Überraschung. Die erste Nummer unseres Augsburger Parteiblattes 'Sturmglocke' konnte unserem Führer überreicht werden." (BArch Berlin: NS26/1132 - Augsburger Sturm-Glocke, S.2 v. 19.7.1923)
Aufgrund der Berichterstattung über die Zusammenhänge im Mainzer Kriegsgerichts-Verfahren fühlt sich die Ortsgruppenleitung jedoch genötigt, in der parteieigenen Augsburger Sturm-Glocke eine "Feststellung" zu veröffentlichen, in der es heißt:
"Zu der in den inländischen und ausländischen Tageszeitungen verbreiteten Havasmeldung (-franz. Nachrichtenagentur-) vom 30. Juni (…) erklärt die Leitung der hiesigen Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei: Der in der Havasmeldung genannte Herr Dr. Frank aus Augsburg ist weder Gründer, noch Leiter eines Freikorps, ist auch nicht Mitglied des speziell genannten Freikorps 'Hanfreiko'. Herr Dr. Frank hat auch niemals Leute dieses Freikorps oder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zur Reise ins besetzte Gebiet und zu Sabotageakten der Besatzungsbehörde gegenüber veranlaßt." (BArch Berlin: NS26/1132 - Augsburger Sturm-Glocke, S.2 v. 19.7.1923)
In einer offiziellen Erklärung lässt Stadtamtmann Dr. Frank in der selben Ausgabe wissen:
"Ich erkläre hiermit ausdrücklich, daß ich mit Sabotage-Akten im besetzten Gebiet niemals auch nur das Geringste zu tun hatte; ich bin bereit, dies jederzeit eidlich zu erhärten und auf Wunsch auch in der Lage, mit zahlreichen Zeugen zu dienen, die bestätigen werden, dass ich die reine Wahrheit gesprochen habe.- Tatsache ist, und das sei auch rückhaltlos zugegeben, daß von den 7 zum Tode Verurteilten mir mehrere als Mitglieder eines Freikorps, dem auch ich kurze Zeit angehört hatte, dem Namen und der Person nach bekannt sind." (BArch Berlin: NS26/1132 - Erklärung Dr. Frank in Augsburger Sturm-Glocke, S.3 v. 6.7.1923)
So ganz falsch liegt Dr. Frank in seiner Formulierungung nicht, denn zu der eigentlichen Verantwortlichkeit der Augsburger Freikorps notiert Dr. Grandel rückblickend:
"In den aktiven Ruhrkampf griff ich auf eigene Faust ein, indem ich kleine Freikorps warb und sie, ausgerüstet mit Geld und Waffen, ins Ruhrgebiet schickte (…). Leo Albert Schlageter stand mit meinen Trupps in Verbindung." (BArch Berlin: NS26/514, S.592/Bl.7 - Dr. Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Zu Dr. Grandels Vertrauensmann Dr. Frank wird in einer späteren Berichterstattung jedoch vermerkt:
"Für nähere Auszeichnung des Dr. Fr. (alias Frank) sei noch mitzuteilen, daß in einem Wahlflugblatt der Großdeutschen Volksgemeinschaft zur Wahl des Amtmannes Dr. Frank (Augsburg) aufgefordert worden war mit dem Bemerken, daß dieser in hervorragendem Maße das Vertrauen Hitlers genieße und (-1922-) Gründer der (-hitlertreuen-) Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Augsburg sei. Erwähnt wird auch, daß Dr. Frank der Führer des Geheimbundes 'Hanfreko' (-Hanseatisches Freikorps-) gewesen ist." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de, Deutsches Zeitungsportal: Berliner Tageblatt und Handelszeitung, S.3 - "Isidor Kreil und seine Freunde" v. 12.2.1925)
September 1923

(Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40067/Plakatsammlung/1246)
In einem Gerichtsprozess erwähnt Dr. Adolf Frank:
"Am 15. und 16. September 1923 veranstalteten, wie dies in jener Zeit auch in anderen Städten der Fall war, in Neuburg a. D.(-onau-) Ortsgruppen vaterländischer Vereinigungen einen sogenannten 'Deutschen Tag'. An ihm nahmen insbesondere der Bund 'Bayern und Reich', der Bund 'Oberland' und die 'Nationalsozialistische Arbeiterpartei' (N.S.D.A.P.) teil. Auch von auswärtigen Ortsgruppen dieser Verbände waren zahlreiche Mitglieder erschienen, die teils am Samstag, teils am Sonntag zu Fuss, mit der Bahn oder mit Rad hier eintrafen. Ein grosser Teil der auswärtigen Gäste, insbesondere Mitglieder der Sturmabteilung der N.S.D.A.P. Augsburg, fand sich im Kieferlbräu hier zusammen." (Dr. Frank)
Oktober 1923
"Die am 7.10.(-1923-) von Hauptmann (-Adolf-) Heiß aufgelösten Ortsgruppen der Reichsflagge faßte ich sofort unter meiner Führung als 'Reichskriegsflagge' zusammen. Die gesamte bisherige Reichsflagge Südbayern unterstellte sich mir. Schon am 11.10.(-1923-) war die Reichskriegsflagge Augsburg errichtet. Ihr strammer Führer Künanz stellte mir an diesem Abend seinen geschlossenen Verband zur Verfügung. Gemeinsam mit Hermann Esser weilte ich am gleichen Abend bei der N.S.D.A.P. in Augsburg." (Röhm: "Die Geschichte eines Hochverräters", S.221/222 - 1928)
November 1923
In der verbleibenden Zeit bis zum putsch-bedingten Parteiverbot erfährt die schwäbische Ortsgruppe inflationsbedingt einen starken Zulauf:
"Bis November 1923 wuchs ihre Mitgliederzahl auf etwa 2000 (-200?-) Personen an. Ihre Organisations- und Anziehungskraft litt allerdings unter Führungs- und Richtungsstreitigkeiten, die auch noch unter dem Ortsgruppenleiter Karl Wahl andauerten." (Cramer-Fürtig/Gotto: "'Machtergreifung' in Augsburg", S.264 - 2008)
Gottfried Grandel ist laut einer Denkschrift vom Herbst 1923 im Gespräch als bayerischer Minister für Finanzen, doch das Vorhaben einer damit verbundenen bayerischen Diktatur lässt sich nicht umsetzen:
"Es wurden dann verschiedene Persönlichkeiten für die Gestaltung einer diktatorischen Regierung vorgeschlagen. Geheimrat Müller für Justiz, Präsident Völker für das Verkehrswesen, für die Wirtschaft die MAN-Direktoren Sieghack (Nürnberg) und Gertung (Nürnberg), für das Finanzwesen Dr. Grandel (Augsburg), der mit (-dem Freiberger Theodor Emil-) Hubricht einen ausgezeichneten Währungsplan ausgearbeitet hatte, General Möhl als Landeskommandant. Kahr sollte alleiniger Vertreter nach außen sein." (Franz-Willing: "Krisenjahr der Hitlerbewegung", S.354 – 1975 + BHSTA: Akten Bund Bayern und Reich, Bd.2, Akt: Reden und politische Gedanken)
Eine Portrait-Aufnahme für die zu erwartenden Presseanfragen lässt Gottfried Grandel vorsorglich schon einmal anfertigen:
Ministerabel: Dr. Gottfried Grandel - Sommer 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
Die Augsburger SA erhält zum Putsch in München in ihrem Bereitstellungsraum keinen Einsatzbefehl und fährt unverrichteter Dinge wieder zurück nach Augsburg. Hierzu vermerkt Parteigenosse Miller:
"An jenem 9. November war die Augsburger S.A. unter Wahl befehlsgemäss nach Mering gefahren, wo sie weitere Einsatzorder abwarten sollten. Diese kam nicht, da der Putsch gescheitert war. Bei ihrer Rückkehr nach Augsburg wurden die S.A.-Männer von der Polizei abgefangen und in Schutzhaft gebracht. Dr. Frank, der mitgefahren war, wurde ebenfalls in Schutzhaft genommen, ihm aber erlaubt, diese in seinem Büro zu verbringen. Die S.A-Leute durften am späten Abend noch nachhause gehen, man hatte ihnen aber vorher die Uniformröcke, Mützen und Waffen abgenommen. Es war für sie so eine recht blamable Heimkehr. General Ludendorf, der den Protestmarsch Hitlers gegen Kahr mitgemacht hatte, war nur mit Mühe und Not dem Kugelregen entgangen, der aus der Residenzwache heraus dem Zug ein Ende gemacht hatte. Hitler flüchtete feige in ein Versteck am Ammersee, wo er verhaftet und nach Landsberg a.L.(-ech-) in Festungshaft gebracht wurde. " (Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.25, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)
Gottfried Grandel hingegen ist bereits in Berlin und erwartet dort mit Spannung das Ergebnis seines jahrelangen Einsatzes. Der Vorlauf zum geplanten Marsch auf Berlin hat ihm viel Zeit und Geld gekostet; entsprechend hart trifft ihn am 9. November 1923 die Nachricht aus München:
"Grandel hat auch Besprechungen beigewohnt, die wir über die Münchener Vorgänge vom 9. November (-1923-) hatten. Er war über das Mißlingen der Münchener vaterländischen Pläne außerordentlich niedergedrückt und äußerte bei dieser Gelegenheit so extremistische Ansichten, daß dadurch einiges Aufsehen entstand. Er fuhr dann einige Zeit nach dem 9. November (-von Berlin-) nach München, und ich habe von Grandel erst bei meiner späteren Rückkehr nach Berlin wieder gehört." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.253, S.4 - "Justizrat Claß als Zeuge" v. 28.5.24)
Als Organisator im Hintergrund wird Dr. Grandel auch seine Verhaftung einkalkuliert haben. Der misslungene Hitler-Putsch ist für Gottfried Grandel schließlich der Anlass, sich von der Bewegung der Nationalsozialisten abzuwenden:
"Außerdem ist Herrn Rupp bekannt, daß Dr. Grandel sich nach dem 9. Nov. 1923, als der Aufmarsch in München die bekannte Entwicklung nahm, von der NSDAP zurückgezogen hat." (Interne DOG-Antwort auf Dr. Grandels Brief, S.4 v. 7.1.1941)
Auch die Augsburger Ortsgruppe stellt notgedrungen ihre Partei-Aktivitäten ein:
"Der Hitlerputsch vom 9. November 1923 brachte dann auch eine vorübergehende Pause im Leben der Augsburger Ortsgruppe, die auf Grund Verbots polizeilich aufgelöst war." (Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.25, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)
In der schwäbischen Gau-Chronik von 1935 heißt es hierzu rückblickend:
"Die Ereignisse des 9. November führten zur Auflösung der Partei und zum Verbot derselben durch die damalige Regierung. Pg. Geßwein sammelte sofort die Mitglieder unter dem Namen 'Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft'. Nach einer außerordentlich gut besuchten Versammlung im Evangelischen Vereinshaus, in der Pg. Bernhard Köhler sprach, erfolgte das Verbot des Kampfbundes. Als getarnte Parteiorganisation wurde im März 1924 der 'Völkische Blöck' gegründet, von welchem kurz darauf die 'Großdeutsche Volksgemeinschaft' absplitterte, worauf dann die beiden Organisationen getrennt, jedoch mit gleichem Ziel, marschierten." (NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.16 - 1935)
1924
Für Gottfried Grandel stellt das beginnende Jahr 1924 eine tiefe Zäsur dar. Seine durch eingeschleuste Spitzel am 15. Januar 1924 aufgeflogene Attentatsvorbereitung auf General Hans v. Seeckt, den Chef der deutschen Heeresleitung, bringt ihn für rund 5 1/2 Monate in Berliner Untersuchungshaft.
Im Visier der Republikgegner: Generaloberst von Seeckt - 1925 (BArch: Bild 146-2005-0163 / Tellgmann, Oscar)
Der Prozess im Berliner Landgericht erregt internationale Aufmerksamkeit; die journalistische Aufarbeitung ist umfassend.
Verhandlung im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Berlin-Moabit (BArch: Symbolbild 102-17226 / Pahl, Georg)
Trotz eines fragwürdigen Freispruches ist Gottfried Grandel nach diesem zehntägigen Prozess politisch neutralisiert und damit selbst für die Augsburger Nationalsozialisten nahezu wertlos. Im direkten Prozessvorlauf fasst Dr. Grandels langjähriger Ölfabrik-Vorarbeiter, der von ihm 1921 als erster Ortsgruppenvorsitzender eingesetzte Joseph Schröffer, die politische Entwicklung seines Arbeitgebers in wenigen Sätzen zusammen:
"Ich warnte Hittler, unterrichtete ihn über Mögliches u. Unmögliches. Ich warnte Dr. Grandel desgleichen rechtzeitig. Die Folge war: Ich verlor überall die Gunst und meine Nichthörer standen vor einem zweiten Verdun (-misslungener Putsch in München und aufgedeckter Attentatsplan in Berlin-) und haben jetzt die Folgen (-Haft/U-Haft-) zu tragen. Ich zog mich rechtzeitig zurück in der sicheren Erkenntnis: So arbeitet man nicht. Und ich habe recht gehabt." (Landesarchiv Berlin: A Rep.358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Bitt-Brief von Joseph Schröffer an Reichskanzler Gustav Stresemann, DVP v. 2.5.1924)
Vorarbeiter Joseph Schröffer schreibt auch an seinen inhaftierten Arbeitgeber:
"Mein lieber Herr Dr. mein lieber Arbeitgeber! Am 1. April (-1924-) erkrankte ich schwer an einer doppelseitigen Lungenentzündung, mit allen seinen Folgen. Die weiteren Gefahren sind wahrscheinlich überwunden, doch bin ich sehr schwach. Bereits 4 Wochen schlafloser Nächte bin ich bei Ihnen, leide mit Ihnen, denn Sie wissen ja, ich liebe Sie von Herzen wie meinen Bruder, als Ihr Arbeiter. Sie waren uns ein Vater, wenn auch durch Ihr Leiden Sie sich manchmal zu Kraftausdrücken verleiten ließen, welche uns beleidigten. Aber ich weiss, Sie liebten uns doch, unsere Sorgen waren auch Ihre Sorgen. Ich bin Deutsch geboren, bin ganz auf Deutsches Wesen eingestellt. Zuerst mein Volk, dann die vielen Anderen, dann die Welt. Ein wahrhaft deutsches Herz blutet in Berlin. Möge das Gericht erkennen, dass Sie das Opfer einer übertriebenen Vaterlandsliebe infolge Ihres Leidens geworden sind und recht bald mit Bewährungsfrist Ihr Leiden beendigen, Sie Ihrer Familie und Ihrem Betriebe zurückgeben. Das wünscht von Herzen Ihr Arbeiter gez J. Schröffer." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.16 - Prozessakte Thormann-Grandel, Vorarbeiter Josef Schröffer an Dr. Grandel v. 26.4.1924)
Verhandlung im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Berlin-Moabit: Die Angeklagten Dr. Grandel und Alexander Thormann (v.l.) (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 v. 1.6.1924 / Gerichtszeichner o.Ang.)
Seine politischen Erinnerungen aus dem Jahre 1961 schließt der ehemalige Parteigenosse und Archivar Franz Maria Miller in Bezug auf Gottfried Grandel mit einer lobenden Einschätzung:
"Zum Schluss noch ein paar ehrende Worte für einen der edelsten Menschen, die ich in jener Frühzeit kennen lernte, den Ölmühlenfabrikanten Dr. Georg (-Gottfried-) Grandel.(...) Dr. Grandel selbst erntete (leider/ -durchstrichen-) für seine wohlmeinende politische Tätigkeit schnöden Undank, sodass er sich schon 1923 wieder von der Partei zurückzog. Von gemeinen Menschen als Staatsfeind denunziert, wurde er plötzlich (-am 17. Januar 1924 in Augsburg-) verhaftet und musste, obwohl völlig (-???-) unschuldig, fast 1 Jahr (-5 1/2 Monate-) lang in Leipzig (-Berlin-) in Untersuchungshaft sitzen, ehe er wieder freikam. Da er aber als erster Fabrikant in Augsburg seinem Unternehmen eine durch und durch soziale Verfassung gegeben hatte, fand er bei seiner Rückkehr (-im Juni 1924-) seinen Betrieb in vorbildlichem Zustand wieder. Sein Prokurist (-Josef Rupp-) hatte seinen Betrieb gewissenhaft nach seinen Intentionen weitergeführt. Dr. Grandel verzog einige Zeit später (-1930-) nach Holland (-Hamburg-).(...) Möge das heute noch geteilte und ohnmächtige Deutschland bald zu neuer Blüte wiederauferstehen, innerlich gefestigt durch einen deutschen Sozialismus, wie er Idealisten nach Art Dr. Grandels in jener Frühzeit vorschwebte, einen nationalen Sozialismus, der mit Vernichtung oder Ausbeutung und Unterdrückung anderer nichts gemein hat. Das gebe Gott!" (Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.28/29, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)
Nach der Berliner Haftentlassung: Dr. Gottfried Grandel mit Ehefrau Helene und Tochter Christine Grandel - Juni 1924 (Fotografie im Privatbesitz)
Seit der Landsberger Inhaftierung von Adolf Hitler brechen vermehrt die innerparteilichen Konflikte offen aus, auch in Augsburg. So schreibt Heinrich Dolle am 22. März 1924 an Alfred Rosenberg:
"Meinen Brief vom 17.3.(-1924-) werden Sie bekommen haben. Ich hoffe, Sie haben sich darüber nicht geärgert, sondern herausgefühlt, dass ich um unser Werk bange, und zweitens, dass ich meine ganze Kraft einsetze, unser Werk zu fördern. Ich war in Augsburg. Lassen Sie sich von den Augsburgern berichten, mit welchem Ergebnis. Hier nur dieses: Der Streit unter den Parteigenossen in Augsburg um die Kandidatenliste für die Landtagswahl ist durch mich geschlichtet. Er drohte zu einem schweren inneren Zerwürfnis zu führen. Der Leiter Seebauer erklärte mir: 'Wir danken Ihnen von ganzen Herzen. Sie wissen gar nicht, was für einen grossen Dienst Sie uns geleistet haben. Was Sie jetzt in dreissig Minuten zuwege gebracht haben, ist uns in drei Wochen nicht möglich gewesen. - Die Kandidatenliste ist jetzt so zusammengestellt, dass alle beteiligten Augsburger Kreise, aber auch Sie in der Parteileitung, damit zufrieden sind. (...) Sie werden als Statthalter Hitlers daran die grösste Freude haben. Heil!" (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief von Heinrich Dolle an Alfred Rosenberg v. 22.3.1924)
Der westfälische Wanderredner Heinrich Dolle fasst in der Folgezeit nach Hitlers Haftentlassung in einem Briefwechsel an Erich Ludendorff und Hitler die frühe Entwicklung der NSDAP aus seiner Perspektive noch einmal zusammen.
Ausgelöst durch einen ihn zuvor diffamierenden Artikel des Völkischen Beobachters kündigt er zudem in Otto Dickels Augsburger Wochenzeitung Volk, Freiheit, Vaterland an, als Reaktion darauf seinen zuvor an Hitler versendeten Brief veröffentlichen zu lassen, sollte Hitler sich nicht gegen die Verunglimpfung Dolles stark machen. So schreibt Dolle in der Augsburger Zeitung der Werkgemeinschaft:
"Dr. Dickels Arbeit für die Rettung des deutschen Volkes war früher da als Drexler mit der N.S.D.A.P. und früher als Ihr, Adolf Hitler. Ihr wißt das, denn Ihr habt 9 Monate lang in Augsburg bei Dr. Grandel gelebt, habt dort nicht nur körperliche Nahrung erhalten, sondern auch geistige. Und auch die Gedanken Dr. Dickels kennen gelernt, und erst dann seid Ihr nach München gekommen und habt in der N.S.D.A.P. gewirkt. Gegen Dr. Dickel. Nicht umgekehrt. Nicht nur Dickel war vor Euch in der Arbeit, sondern auch Dr. Gr.(-andel-) und Baumeister Lorenz Mesch, und Dr. Arnold Ruge, Alfred Roth, Theodor Fritsch und hundert andere. Dieses zunächst als Steuer der Wahrheit. Euch, lieber Adolf Hitler, auf diese Tatsachen hinweisen, ist nicht gegen Euch auftreten, sondern Euch stärken, durch Hinführen auf das richtige Maß. Ihr, Adolf Hitler, habt aber nicht nur gegen Dickel gearbeitet, sondern habt auch Euern Nährvater Dr. Gr.(-andel-), habt Eure Freunde Dr. Ruge und Lorenz Mesch achtlos beiseite geworfen, wie genutzte Citronen, wie Ihr es jetzt mit mir zu machen versucht." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle, Dolle an Hitler v. 11.2.1926, veröffentlicht in Otto Dickels Augsburger Wochenzeitung "Volk, Freiheit, Vaterland" Nr.20 v. 11.2.1926 + Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg)
Weiter schreibt Heinrich Dolle an Erich Ludendorff:
"Grandel zur Seite standen (-Lorenz-) Mesch (-Germanen-Orden-) und (-Dr. Arnold-) Ruge (-Germanen-Orden-). Adolf Hitler wuchs über seine Nährväter hinaus und --- vergas sie. Dietrich Eckart war sein neuer. Doch auch Eckart nährte sich von den Genannten. Er sog aus uns. Wir gaben gern, aus Liebe zum Werk. Mit grosser Sorge sahen wir aber auch, wie Dietrich Eckart, und Esser und Amman und andere unsere Eingebungen erst mit ‚Champus‘ (-Champagner Wein-) und scharfen Schnäpsen in der Fledermaus (oder wie die Saubude genannt wurde) tauften, und erst mit dieser Luft behaftet, ins Leben wirkten. Und schlimmeres noch: wie der Jesuit Stempfle und andere Zweifelhaften die Schwächen Eckarts nutzten. Was für opfervolle, oft demütigende (besonders für die anderen drei) Taten wir wirkten zur Ausgleichung der Schäden, ist heute und auch hier nebensächlich.(…) Eckart ist tot. Grandel ist durch verzweifelte Taten, die ihn in furchtbare Lagen brachten, zermürbt und politisch getötet (-gescheiterter Attentatsversuch v. 1924 auf General v. Seeckt-). Ruge sass ein Jahr im Gefängnis. Hitler konnte ihm helfen. Wir sprachen mehmals drüber. Er tat nichts.(…) Mesch ist imgleichen verbittert." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Dolle an Ludendorff v. 25.11.1925)
Auf Wikipedia heißt es zu Heinrich Dolles weiteren Aktivitäten:
"Im Herbst 1924 war Dolle in näheren Kontakt zu Otto Dickel (1880-1944) in Augsburg gekommen. Dickel - Nationalsozialist der ersten Stunde - hatte sich von der NSDAP getrennt (-wurde auf Betreiben Hitlers im Sommer 1921 aus der NSDAP ausgeschlossen-) und im März 1921 die 'Deutsche Werkgemeinschaft' (DWG) sowie eine Siedlung namens 'Dickel(-s-)moor' gegründet. Auf Initiative von Dickel besuchte Dolle am 9. Dezember 1924 Hitler im Landsberger Gefängnis. Auch bei einem zweiten Treffen mit dem am 20. Dezember vorzeitig aus der Haft Entlassenen im Januar 1925 in dessen Münchener Wohnung ist es vermutlich darum gegangen, eine Aussöhnung herbeizuführen. Dolles Einsatz für Dickel und die DWG führte Anfang 1926 schließlich zur Trennung von der NSDAP."
Die gestrauchelten Nationalsozialisten Gottfried Grandel und Adolf Hitler gehen nach ihrem jeweiligen Haftaufenthalt in Berlin und München ab dem Jahre 1924 fortan getrennte Wege. Zu der weiteren Entwicklung notiert der Augsburger Partei-Archivar Franz Maria Miller:
"Während seiner (-Hitlers-) Inhaftierung zerfiel die Partei in 2 getrennte Organisationen, den 'Völkischen Block' unter Staatsbibliothekar Dr. Buttmann (-Augsburg: Fritz Lösch-) und die 'Grossdeutsche Volksgemeinschaft' unter Esser und Streicher (-Augsburg: Dr. Adolf Frank-), von der verlautete, dass Hitler auf ihrer Seite stehe. Während seiner Inhaftierung, die Hitler benützte, sein Standartwerk 'Mein Kampf' zu verfassen, veranstalteten beide Organisationen auch in Augsburg Versammlungen, die polizeilich genehmigt wurden." (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.25/26, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)
1925 - Dritte Augsburger Ortsgruppengründung
Nach der Landsberger Haftentlassung Adolf Hitlers und dessen anschließender Neugründung der NSDAP im Jahre 1925 kommt es auch in Augsburg zu neuen Aktivitäten. Aus der SA-Anweisung Karl Wahls vom 22. März 1925 geht hervor:

(Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_1061)
Juli 1925:
Zu der mittlerweile dritten Ortsgruppen-Gründung heißt es:
"Die Neugründung der Ortsgruppe der NSDAP fand im Juli 1925 im Stockhauskeller unter sehr großer Beteiligung statt. Die Ortsgruppenführung übernahm vorübergehend Pg. Hans Geßwein. Nach kurzer Zeit wurde unser heutiger Gauleiter Pg. Wahl zur Führung der Ortsgruppe bestimmt und hatte diese bis Juni 1929 inne." (NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.16 - 1935)
Zu der schwäbischen Partei-Chronik heißt es weiter:
"Nach der Zeit des Verbots und dem Zerfall des Völkischen Blocks war in Augsburg im Juli 1925 eine neue Ortsgruppe der NSDAP gegründet worden, die nach inneren Streitereien seit 1926 wieder Fuß zu fassen vermochte, aber bis 1928 keine größere Bedeutung erlangte. Sie hatte überwiegend den Charakter einer radikalen Mittelstandsbewegung mit gewissem Rückhalt im Minderheitenprotestantismus, was in den 20er Jahren in der Verspottung als 'Bäckerdutzend' zum Ausdruck kam." (Fröhlich-Broszat,Grossmann: "Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt: Teil B, Teil 2", S.67 - 2018)
Augsburgs Parteiarchivar Franz Maria Miller vermerkt zu dieser Gründungsphase:
"Nach Wiederaufmachung der Partei wurde Hans Gesswein, früher in Ingolstadt, jetzt Oberinspektor am Versorgungsamt Augsburg, in einer Mitgliederversammlung zum Vorsitzenden und auf seinen Wunsch hin ich wieder zum Schriftführer gewählt. Ich brauchte unter ihm nicht in Funktion zu treten, da er sein eigener Schriftführer und Organisator war. Gesswein trat jedoch schon nach etwa ¼ Jahr wieder zurück. Es war ihm nicht gelungen, mit Wahl und seiner S.A. gedeihlich zusammenzuarbeiten.
In einer neuerlichen Mitgliederversammlung schlug Wahl mich als Vorsitzenden vor. Da kein weiterer Vorschlag erfolgte, wurde ich auch gewählt, erklärte jedoch, ich wolle die Ortsgruppe nur interimistisch wie früher führen und baldmöglichst einen geeigneten Nachfolger ausfindig machen. Wahl machte mich damals vertraulich darauf aufmerksam, Schwaben, das bisher gemeinsam mit Oberbayern von Gauleiter Esser geführt wurde, bekomme demnächst einen eigenen Gauleiter, zu welchem Posten der 1. Vorsitzende der Ortsgruppe ausersehen sei. Wenn ich als Gauleiter in Versammlungen spräche, könne ich meiner schwachen Lunge wegen ja mich kürzer fassen und mich auch eines Lautsprechers bedienen. Es kam dann jedoch zu einer vollständigen Neuorganisation des Parteienwesens, auch in Augsburg. Die Stadtbezirke wurden zu Ortsgruppen zusammengefasst mit eigenen Leitern, diese unter einem Kreisleiter, der von München ernannt wurde. Die Gauleiter, Kreisleiter und Ortsgruppenleiter und ihr jeweiliger Stab wurden uniformiert und mussten an regelmässigen Revolverschiessübungen teilnehmen. Mit dem bisherigen demokratischen Geist war es vorbei. Mit dieser militaristisch-faschistischen Umgestaltung der Partei war ich nicht mehr einverstanden." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.26/27, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller, verm. v. 1961)
Ab Oktober 1925 wird dem Augsburger SA-Führer Karl Wahl schließlich die Position des Augsburger Ortsgruppenleiters übertragen. Neben ihm zeichnet sich Anton Saule, Obere Maximilianstraße 34, für die Ortsgruppenentwicklung verantwortlich.
1926
Mit der Ortsgruppen-Übernahme durch Karl Wahl ändern sich auch die räumlichen Verhältnisse:
"Als bevorzugtes Versammlungslokal der Ortsgruppe fungierte in den Anfangsjahren das Nebenzimmer des Café Kernstock, bis man 1926 eine provisorische Geschäftsstelle im Café Schachamayer einrichtete." (Cramer-Fürtig/Gotto: "'Machtergreifung' in Augsburg", S.264 – 2008)
Am 4. Juli 1926 wird auf dem zweiten Reichsparteitag in Weimar schließlich die Verleihung der landesweit siebten Standarte an die Augsburger SA durch den Führer vorgenommen. Adolf Hitler erklärt:
"Vor meinen lieben Augsburgern brauche ich weiter nichts zu erwähnen, ich weiß, daß von dort mir die Treue gehalten wird!" (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung v. 22.11.1937)
Rückkehr vom Reichsparteitag in Weimar: Augsburger Nationalsozialisten. Mitte unten: Karl Wahl - 4. Juli 1926 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage d. Augsburger National-Zeitung - "15 Jahre NSDAP in Augsburg" v. 20.11.1937)
Zu der von der Ortsgruppe als geschlossene Veranstaltung organisierten Deutschen Weihnachtsfeier erscheint am 19. Dezember 1926 auch Adolf Hitler in Augsburg. Vor rund 2000 Teilnehmern hält er, trotz des nach seiner Haftentlassung staatlich verordneten Redeverbotes, eine Ansprache in Herrle’s Saalbau.
Saalbau Herrle – Augsburg (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Fr. Joseph Huber, München)
Auf der tags zuvor in München gehaltenen Weihnachtsveranstaltung der NSDAP wird Adolf Hitler mit folgenden Worten zitiert:
"Christus sei nicht der Friedensapostel gewesen, den erst die Kirche aus ihm gemacht habe, sondern er sei die größte Kämpfernatur gewesen, die je gelebt hat. Die Lehre Christi sei für Jahrtausende grundlegend gewesen für den Kampf gegen den Juden als Feind der Menschheit. Das Werk, welches Christus angefangen habe, aber nicht beenden konnte, werde er zu Ende führen." (Bruppacher: "Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP", S.204 - 2008)
Auch der Völkische Beobachter interpretiert die Weihnachtsbotschaft auf seine eigene Weise:
"Der aufgehende Stern in der Weihnachtsnacht deutet auf den Erlöser; der sich nun teilende Vorhang zeigt den neuen Erlöser, der Erretter des deutschen Volkes aus Schande und Not – unseren Führer Adolf Hitler." (Bruppacher: "Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP", S.204 – 2008)
1927
12. März 1927
Nach der vom 10. März 1927 erlassenen Aufhebung des Redeverbotes spricht Adolf Hitler zwei Tage darauf unter der Versammlungsleitung von Gauleiter Karl Wahl laut Schwäbischer Volkszeitung in der Augsburger Sängerhalle vor rund 2000, laut dem Völkischen Beobachter vor 7000 Teilnehmern:
"Muß Deutschland zugrunde gehen?" (Ankündigung im Völkischen Beobachter v. 11./12.3.1927 + Hitler: "Reden, Schriften, Anordnungen", S.182 - 1992)
"Die Versammlung verlief ohne Störung" (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.72, S.13 v. 14.3.1927)

Rede von der Mitte des großen Versammlungsraumes: Vollbesetzte Sängerhalle in Augsburg - 12. März 1927 (StadtAA, Schriftdokumentation 200 u. 670A + Illustrierter Beobachter, Folge 6, S.82 / Hoffmann, Heinrich - 1927 / Augsburger Neueste Nachrichten - "Aus dem Parteileben. Hitler in Augsburg" v. 14.3.1927 / Münchner Neueste Nachrichten - "Hitler in Augsburg" v. 14.3.1927 / Völkischer Beobachter - "" v. 15.3.1927 / Neue Augsburger Zeitung)
17. Dezember 1927, nach 20 Uhr
Zu der von der Ortsgruppe organisierten Deutschen Weihnachtsfeier erscheint auch am 17. Dezember 1927 Adolf Hitler in Augsburg. Vor rund 2000 Teilnehmern hält er eine Ansprache in Herrle's Saalbau.
"Adolf Hitler spricht im Saalbau 'Herrle' in Augsburg." (Bruppacher: "Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP", S.220 - 2018 / Zu den Äußeren Begleitumständen: Völkischer Beobachter v. 30.12.1927 sowie Ankündigung im VB v. 16./17.12.1927)
1928
17. Mai 1928
"Augsburger Wahlversammlung: Hitler und Epp in Augsburg." (Augsburger Neueste Nachrichten v. 18.5.1928)
28. September 1928
Adolf Hitler spricht erneut in der Augsburger Sängerhalle vor rund 2000 Teilnehmern:

(Digitalisiert auf recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40067/Plakatsammlung/1232)
Schon 1928 gelangt Karl Wahl über Augsburg in den bayerischen Landtag und steigt dabei am 1. Oktober 1928 innerhalb der nationalsozialistischen Funktionärsstruktur zum schwäbischen Gauleiter auf. Bauführer Gallus Schneider übernimmt als Nachfolger Wahls die Augsburger Ortsgruppenleitung der NSDAP.
23. Oktober 1928
Noch im selben Monat folgt daraufhin eine NSDAP-Versammlung unter Beteiligung Adolf Hitlers im Augsburger Ludwigsbau unter der Überschrift:
"Warum Volksbegehren gegen 50 Millionen zum Panzerkreuzerbau und nicht Volksbegehren gegen den Dawestribut von 2.500 Millionen jährlich?" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/55, S.185 - Versammlungsbericht des Deutschen Michl v. 2.11.1928)
Über das öffentliche Auftreten Adolf Hitlers wird zu dieser Zeit berichtet:
"Und Hitler kam. Er fuhr schon damals in einem offenen schwarzen Auto vor und stieg in einem hellen Trenchcoat mit der Peitsche unter dem Arm aus. Ich muss gestehen, dass er auf mich einen äusserst enttäuschenden Eindruck machte. Ich hatte mir unter ihm vielmehr eine wirkliche Persönlichkeit vorgestellt, die war er nicht und die Reitpeitsche erregte erst recht meine Mißachtung." (BArch Koblenz, N1231, Bd.708, Bl.5 - Irene v. Buchholtz)
Aus der Versammlungsrede zitiert die von der Augsburger NSDAP unterstützte Zeitschrift Deutscher Michl:
"Wie vorauszusehen, war der grosse Saal bei Eröffnung der Versammlung bis zum letzten Platz gefüllt. Unter den Klängen der schneidigen Kapelle der NSDAP und des ebenso geschulten Trommlerkorps, betrat Adolf Hitler, von nichtendenwollenden Heilrufen stürmisch begrüsst, den Saal.(...) 'Die 'Roten' haben geglaubt, für sich allein das Recht beanspruchen zu müssen, öffentlich auf Straßen und Plätzen zu demonstrieren gegen die 1. Rate von ca. 7 Millionen zum Bau des Panzerkreuzers A.(...) Das deutsche Volk wird erst durch Kämpfen wiederaufsteigen, das ist unser Wunsch und Ziel.' Grosser, nicht enden wollender Beifall. Nachdem Herr (-Gauleiter Karl-) Wahl politische Gegner zur Diskussion aufforderte, sich aber keiner der roten Sippe heute Gehörtes zu widerlegen getraute, wurde mit kräftigem Heil auf den Führer die ohne jede Störung verlaufende Versammlung geschlossen." (Deutscher Michl v. 2.11.1928 + Hitler/Vollnhals/Dusik: "Hitler: Zwischen den Reichstagswahlen", S.175 - 1994 + digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/55, S.185 - Versammlungsbericht des Deutschen Michl v. 2.11.1928)

"Brandfackeln, Panzerkreuzer, 2.500 Millionen Dawestribut": Artikel-Überschrift des Deutschen Michl über die NSDAP-Veranstaltung im Ludwigsbau - 2. November 1928 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Schöning & Co, Lübeck, Nr. Aug 38)

Symbolbild: Versammlung im Augsburger Ludwigsbau - ca. 1930 (Fotografie im Privatbesitz / Fotohaus Lang am Dom, Augsburg)

(Digitalisiert auf recherche-stadtarchiv.augsburg.de:StadtAA/40067/Plakatsammlung/1229)

Gründungsversammlung der Augsburger Hitler-Jugend: Kaffee Schachameyer in der Annastraße - 14. Oktober 1928 (Postkarte im Privatbesitz / Gemünd, Wilhelm - Augsburg)
1929
Die Augsburger Partei-Chronik führt zu dem Jahr vor der Weltwirtschaftskrise weiter aus:
"Nach kurzer Zeit wurde unser heutiger Gauleiter Pg. (-Karl-) Wahl zur Führung der Ortsgruppe bestimmt und hatte diese bis Juni 1929 inne. Bei einer Mitgliederversammlung im Kaffee Schachameyer wurde Kreisleiter Pg. (-Gallus-) Schneider (-Bauführer-) zu seinem Nachfolger ernannt. Pg. Schneider war bis zum September 1932 Ortsgruppenleiter." (NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.16/17 - 1935)
Für die Augsburger Stadtratswahlen stellt die NSDAP eine Kandidatenliste mit 15 Personen zusammen:
1. Schneider, Gallus, Bauführer
2. Mayr, Joseph, Stadtobersekretär
3. Rehm, Hans (Bankmetzger)
4. Augustin, Alois (Schlosser)
5. Wagner, Rudolf (Postsekretär)
6. Fesch, Werner (kaufm. Angestellter DHB)
7. Gleich, Karl (Hilfsarbeiter)
8. Seiler, Hermann (Milchgeschäftsinhaber)
9. Senker, Johann (Friseur)
10. Mörtz, Michael (Schwerkriegsbeschädigter)
11. Novotny, Otto (Polizeihauptwachtmeister)
12. Kraus, Karl (Bauarbeiter)
13. Uhl, Julius (Kaufmann)
14. Gaule, Anton (Geschäftsführer)
15. Wahl, Karl (Kanzleisekretär, M.d.L.)
In diesem Zeitraum verlegt Gottfried Grandel seinen Wohn- und Firmensitz nach Hamburg, seine aktiven Bezüge zu Augsburg enden hier.

Abschied von Augsburg und Bayern: Gottfried Grandel - 1929 (Fotografie im Privatbesitz)
1930
Adolf Hitler stattet Augsburg am 8. September einen erneuten Besuch in der Sängerhalle ab. Unter der Überschrift: "Der Streit im Hitler-Lager" äüßert er sich im Rahmen der Veranstaltung wie folgt:
"Ich erkläre aber hier in der deutschen und in der breitesten Öffentlichkeit: Die nationalsozialistische Bewegung ist so organisiert und so granitfest, dass eher Deutschland zerfällt, ehe diese Partei auseinandergeht." (Bruppacher: "Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP", S. 268 - 2008)
Durch die zeitgleich einsetzende Weltwirtschaftskrise erfährt die Augsburger Ortsgruppe der NSDAP einen sprunghaften Anstieg:
"Von Frühjahr 1930 bis Ende 1932 hatte sich die Zahl der NSDAP-Mitglieder in Augsburg auf rund 1800 verdreifacht. Damit war sie hier nach der SPD zur zweitstärksten Mitgliederpartei geworden (...)." (Theiss: "Geschichte der Stadt Augsburg", S.590 - 1984)
Zum Herbst 1930 zeigt sich Reichskanzler Brüning in Bezug auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der erstarkenden NSDAP eindeutig:
"Nein, nie, unter keinen Umständen. Die Nationalsozialistische Bewegung ist eine Fieberkurvenerscheinung des deutschen Volkes, die bald wieder verschwinden wird." (Bruppacher: "Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP", S. 269 - 2008)
Zur Augsburger Weihnachtsfeier am 14. Dezmber 1930 erscheint auch der katholische Geistliche Dr. Philipp Haeuser. Möglicher Kritik an seiner Weihnachtsrede entgegnet er:
"Das schwärzeste und wildeste Negervolk hat das Recht, sich von christlichen Missionären das Weihnachtsevangelium predigen zu lassen. Also habe ich unbestreitbar das Recht und die Pflicht, den Jesusgedanken meinen deutschen Freunden zu verkünden, jenen Männern, welche im unerschrockenen Kampfe gegen den Bolschewismus bereits wöchentlich, ja fast täglich schwere blutige Opfer bringen - Opfer, welche das allzeit opferscheue Pharisäertum dem deutschen Volke verschweigt." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40002/Schriftdokumentation/2474 - Info-Blatt NSDAP-Augsburg/Gesswein: "Kampf dem Pharisäertum" v. 14.12.1930)

(Fotografie im Privatbesitz, Original-Schenkung 2022 an das Stadtarchiv Augsburg/Georg Feuerer: StadtAA/40002/Schriftdokumentation/2474)
1931
Von den 16 offiziellen Besuchen Adolf Hitlers in Augsburg, bis zu der 1933 erfolgten Machtübernahme im Reich, fallen 11 Besuche in die Zeit nach der erneuten Parteigründung von 1925. Die Augsburger Partei-Chronik führt zu dem Jahr vor der Weltwirtschaftskrise weiter aus:
"Pg. Schneider war bis zum September 1932 Ortsgruppenleiter. Im Juli 1931 wurde die Ortsgruppe Augsburg in 19 Bezirke eingeteilt. Die Leitung derselben hatte immer ein Bezirksobmann. Durch die ständig wachsende Mitgliederzahl wurde dann im Oktober 1932 der Kreis Augsburg-Stadt unter Leitung von Pg. Schneider gebildet. Die Kreisleitung Augsburg-Stadt wurde zu gleicher Zeit in 11 Ortsgruppen gegliedert." (NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.16/17 - 1935)
Während Gottfried Grandel aufgrund der Hamburger Ölfabrik-Fusion den Standort an der Johannes Haagstraße 18/20 aufgibt, findet Gauleiter Karl Wahl in die Johannes Haagstraße 13/I seinen neuen Wohnsitz.
1932
Im Völkischen Beobachter vom April 1932 wird berichtet:
"'Auftakt zum zweiten Deutschlandflug des Führers, Oberbayern huldigt Adolf Hitler' mit Aufnahmen und Berichten von Versammlungen in Trauntstein, Augsburg, Donauwörth und Rosenheim." (Stadtbibliothek München: Völkischer Beobachter, Nr.110, S. v. 19.4.1932)
Der am 21. Oktober 1923 in Augsburg gegründete Bayerische Verband Volksspielkunst - Kulturgemeinschaft für Volkskunst und Volksbildung wird 1932 vor der Ulrichskirche bei der Aufführung des Rütlischwurs aus Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell von einem SA-Fackelzug begleitet. Veranstalter der landesweiten Sturmtage ist die katholische Kirche:
"Der KJMV (-Katholischer Jungmännerverband, größter Jugendverband innerhalb der Weimarer Republik-) erstrebte das Gottesreich und stand bewußt hinter der Weimarer Republik - und er wollte seinen Mitgliedern ein jugendgemäßes Leben ermöglichen.(...) Das Jahr 1932 wurde von der Reichsleitung des KJMV zum 'Sturmjahr`' ausgerufen. Im 'Jungführer' wurde die Parole verkündet: 'Sturm 1932 - Christusjugend in die Front für Volk und Kirche'.(...) Am 7.5. war St. Ulrich an der Reihe , wo man u. a. die Rütliszene aus 'Wilhelm Tell' spielte und einen Fackelzug durch die Pfarrei veranstaltete.(...) Ein gemeinsamer Sturmtag des ganzen Bezirks Augsburg folgte am 10.7. mit 1000 Teilnehmern. Nach dem Gottesdienst zogen alle, angeführt von der Vereinskapelle von St. Ulrich, durch die Stadt zum Ludwigsbau." (Verein für Augsburger Bistumsgeschichte: "Jahrbuch - Band 35", S.141 + 174 + 177 - 2001)

Angetreten zum Hitlergruß: Augsburger SA und Schauspieler des Rütlischwurs auf dem Pfarrhof der katholischen Kirche St. Ulrich in Augsburg - 7. Mai 1932 (Postkarte im Privatbesitz / Ulrichsplatz 19 vom südlichen Ende der Maximilianstraße)

Katholischer Sturmtag vor St. Ulrich - 1932 (Postkarte im Privatbesitz / Adam Kraft Verlag, Augsburg)
Zu der Grundstimmung der Jahre schreibt Alfred Rosenberg im April 1931 über die NSDAP:
"Religiöse Meinungsverschiedenheiten, philosophische Wettstreite mussten bei uns ausserhalb der Parteiorganisation durchgeführt werden. Sobald diese zusammentrat, sobald die SA. ihr Braunhemd anzog, gab es keine Katholiken und Protestanten mehr, sondern nur noch um den Bestand und die Ehre ihres Volkes kämpfende Deutsche." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS8/21, S.2/5 - Alfred Rosenberg in 'NS-Monatshefte' v. April 1931)
Zu dem Rütlischwur vermerkt Wikipedia:
"Schillers Drama hat aber die Besonderheit, dass der eigentliche Schwur dargestellt wird, als sei er auf dem Rütli geleistet worden (2. Aufzug, 2. Szene). Am Ende der Versammlung auf dem Rütli sagt der Pfarrer Rösselmann (eine von Schiller eigeführte Figur): 'Lasset uns den Eid des neuen Bundes schwören' und spricht die Eidformel vor. Ihr Wortlaut wurde in der Schweizer Nationalromantik fast sprichwörtlich:
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als die Knechtschaft leben. Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht des Menschen."
In der katholischen Jugendorganisation heißt es in einem Artikel aus der damaligen Publikation Jugendland:
"Mit dem Geist der Sturmschar fuhren wir heim und wir wollen ihn weitertragen./ Sturm-Heil!" (Verein für Augsburger Bistumsgeschichte: "Jahrbuch - Band 35", S.155 - 2001)
Die Sprache, die zum Teil von dem KJMV im Vorwege der Veranstaltung gewählt wird, vermittelt den Eindruck, dass die Nationalsozialisten möglicherweise hierbei Pate gestanden haben, denn der Begriff Sturmtage wurde bereits 1919 von Dietrich Eckart in der Wochenschrift 'Auf gut deutsch' früh besetzt und auch die Formel 'Sturm-Heil' läßt Analogien zur NSDAP erscheinen. Zusammen mit dem 1932 vor der Ulrichskirche gemeinsam praktizierten Hitlergruß und dem anschließenden SA-Fackelzug durch die Pfarrei wirkt die Abgrenzungserklärung des KJMV aus dem Jahre 1933 auf den ersten Blick nicht plausibel. Wikipedia schreibt:
"Der KJMV nahm öfters Stellung gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung. Anfangs wurde eine Doppelmitgliedschaft in der KJMV und den Organisationen der NSDAP (SA, SS usw.) jedoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen und man stand, wie der Großteil des katholischen Milieus, dem NS positiv gegenüber. Aufgrund des immensen Propagandaaufwands der bereits regierenden Nationalsozialisten warnten die Verbände in folgendem Wahlaufruf davor: 'Was sich seit Mitte März vorigen Jahres ereignet hat, ist ein nationales Verderben (...) Wir erfahren es: Bolschewismus kann auch werden unter nationalen Vorzeichen. (...) Deutschland darf nicht den Extremen ausgeliefert werden; weder rechts noch links.' Dieser Wahlaufruf hatte mehrere Folgen: Er diente für Nationalsozialisten als Beweis der regierungsfeindlichen Einstellung des KJMV, die Zeitungen, die diesen Wahlaufruf veröffentlichten, wurden daraufhin verboten: Wolkers Zeitschriften 'Die Wacht' und 'Am Scheideweg' wurden mit der Auflösung der Diözesanverbände des KJMV 1937 verboten. Bereits am 25. Januar 1938 wurde der KJMV in Bayern aufgelöst, auf Reichsebene dann am 6. Februar 1939. "

Im Jahre 1932 Ort der Aufführung des Rütlischwurs: Pfarrhof von St. Ulrich (Postkarte im Privatbesitz)
1933
Seit dem 30. Januar 1933 ist Adolf Hitler Reichskanzler.

Kurz vor der Machtübernahme: Propagandamarsch der Berliner SA - 1932 (BArch: B 145 Bild-P049500 / o.Ang.)
In der nachgeordneten Reichstagswahl vom 5. März 1933 entfallen 32,3% der Augsburger Wählerstimmen auf die NSDAP; die nationalsozialistische Presse jubelt:
"Augsburg, das bisher eine unerschütterliche Hochburg der Bayerischen Volkspartei gewesen war, mußte die Führung in seinen Mauern an die Freiheitsbewegung Adolf Hitlers abgeben." (Neue National-Zeitung v. 6.3.1933 in Gotto: "Nationalsozialistische Kommunalpolitik", S.34/35 - 2009)

Nach 12 Jahren Kampf: Besetzung des Augsburger Rathauses (Westportal) durch SA und SS - 9. März 1933 (augsburger-allgemeine.de: "Die Revolutionäre in Haft, die Nazis im Kommen" v. 7.5.2019 / Fotografie im Besitz des Stadtarchives Augsburg)
Weiter heißt es zu den Augsburger Wahl-Ergebnissen:
"Die Märzwahlen von 1933 hatten zwar die NSDAP auch hier zur stärksten Partei werden lassen, aber noch immer hinkte sie dem Reichsergebnis um über zwölf Prozentpunkte hinterher. Während anderswo die Bastionen fielen, drohten sich die Augsburger Hitler-Anhänger an einem schwarz-roten Machtkartell die Zähne auszubeißen. Bereits am Wahlsonntag des 5. März hatten die Augsburger Nationalsozialisten Siegeszuversicht und ihren Herrschaftsanspruch symbolisch dadurch demonstriert, dass sie die Rathausfenster mit Parteifähnchen schmückten. Der Hausmeister Josef Leitner entfernte sie gegen den wütenden Protest Rehms auf Weisung der Polizei." (Gotto: "Nationalsozialistische Kommunalpolitik", S.34 - 2009)

Inmitten von Augsburger Kursteilnehmern der SA-Führerschule in Mark Oberdorf: Gauleiterstellvertreter Franz Schmid - 1932 (Staats- und Stadtbibliothek: Augsburger National-Zeitung, Nr.265, S.4 v. 13.11.1937 / Fotografie im Privatbesitz)

SA-Führerschulung im westfälischen Heilgrund mit Heinrich Dolle (l.) und dem Augsburger Gauleiter Karl Wahl (1. Reihe stehend, 2.v.r.) - 1933 (Foto: Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: S - M4A, Nr. 10/2 - Nachlass Heinrich Dolle)
Die schwäbische Gau-Chronik vermerkt zu dem Jahr der nationalsozialistischen Machtübnernahme:
"Der 13. Juni 1933 machte wegen des starken Mitgliederzuganges eine neue Unterteilung der Ortsgruppen des Kreisgebietes Augsburg-Stadt notwendig. An Stelle der 11 Ortsgruppen traten 22. Im Juli 1933 wurde die bisher zur Kreisleitung Augsburg-Land gehörende Ortsgruppe Augsburg-Siebenbrunn zum Kreis Augsburg-Stadt übergeführt. Im Februar 1934 wurde die ehemalige Ortsgruppe Lechhausen geteilt; es entstanden hieraus drei weitere Ortsgruppen. Der derzeitige (-1935-) Stand der Ortsgruppen im Kreisgebiet Augsburg-Stadt beträgt 26." (NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.17 - 1935)
Dr. Frank, Gottfried Grandels ehemaliger Vertrauensmann in der Augsburger Ortsgruppenleitung, bewirbt sich bereits 1933 für ein regionalpolitisches Amt:
"Persönlich profitierte (-der 1929 gewählte NSDAP-Stadtrat-) Josef Mayr (-seit 1922 Pg., 1934-45 1. Bürgermeister-) unmittelbar von (-Oberbürgermeister-) Bohl, denn erst mit dessen Hilfe konnte er sich gegen Dr. Frank im Rennen um den Posten des Zweiten Bürgermeisters durchsetzen. Frank brachte Eigenschaften mit, die ihn in den Augen des radikalen Flügels der NSDAP für ein kommunales Spitzenamt qualifizierten." (Gotto: "Nationalsozialistische Kommunalpolitik", S.47 - 2009)
Nur zwei Jahre später bekleidet Dr. Adolf Frank das Amt des Oberregierungsrates beim Wirtschaftsministerium in München. In einem späteren Briefwechsel Dr. Grandels mit der fusionierten Hamburger Oelfabrik, aus der er als Teilhaber bereits 1932 wieder ausscheidet, bezieht sich Gottfried Grandel zur Unterstreichung finanzieller Nachforderungen auf seinen frühes Engagement für die NSDAP:
"Dass mir von Seiten der Partei und nachdem die (-Hamburger-) Firma (-Deutsche Oelfabrik Dr. Grandel-) arisiert wurde, heute die gewünschte Unterstützung mit Nachdruck zuteil werden würde, werden Sie nicht bezweifeln. Denn es ist Ihnen und besonders (-dem ehemaligen Augsburger Prokuristen-) Herrn Rupp bekannt, dass der Führer mich kennt und meine Verdienste um die Partei nicht vergessen hat. Diese Verdienste sind ja auf der Gründungsfeier der NSDAP, Ortsgruppe Augsburg, in Gegenwart des Führers (-am 21.11.1937-) erneut anerkannt worden." (Dr. Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG, Bl.11 v. 7.1.1941)
1937
Zum 15. Jahrestag der Ortsgruppe kündigt sich im November 1937 Adolf Hitler zum Besuch in Augsburg an.

(Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung v. 22.11.1937 + StadtAA, Schriftdokumentation 670 A)
Die offizielle Zeitrechnung der nationalsozialistischen Ortsgruppe beginnt bei dieser Jubiläumsveranstaltung mit dem Jahre 1922; Dr. Grandel wirkt verstimmt; dem Archiv schreibt er später:
"Als ich Hitler (-ca. März 1921-) einlud, in Augsburg zu sprechen, was dann am 10. Mai 1921 im Cafe Maximilian stattfand, bestand bereits die Ortsgruppe Augsburg. Ich erwähne dies deshalb, weil die 'Neue Augsburger Zeitung' zur 15-Jahrefeier der Gründung der Ortsgruppe behauptete, 'es sei bei jenem ersten Vortrage Hitlers noch nicht zur Gründung einer Ortsgruppe gekommen'. Das diese bereits bestand, beweist u.a. der Wortlaut meiner schriftlichen Einladung zu diesem Vortrage mit der Überschrift 'Nat. soz. Deutsche Arbeiterpartei, Ortsgruppe Augsburg'." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941 + abgedrucktes Einladungsschreiben in Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Neue Augsburger Zeitung, Nr.270 - "15 Jahre Kampf um Schwaben" v. 20.11.1937)
Der Besuch des Führers in Augsburg wird redaktionell aufwändig vorbereitet, doch bleibt der Beitrag Gottfried Grandels zur Sonderbeilage entgegen mancher Erwartungen gänzlich unpolitisch. In einer ganzseitigen Ausarbeitung titelt "Dr. Gr.":
"Zwischen Donau und Alpen - Ein Streifzug durch den Gau Schwaben."

Ortsgruppen-Jubiläum: Unpolitischer Jubiläums-Beitrag von "Dr. Gr." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung v. 22.11.1937)
Sonntag, 21. November 1937
Nach dem im Ludwigsbau stattfindenden Mittagessen für die Alten Kämpfer, zu denen sich besonders auch Gottfried Grandel zählt, führt sie der Weg durch die Bürgermeister-Fischer-Straße zum Rathausempfang mit dem Führer, vorbei an der Geschosswohnung von Helene Grandel.

Vorbeimarsch der Alten Garde: Angeführt von Pg. Hans Rehm (Bankmetzger) folgt die älteste Sturmfahne Schwabens, getragen von Pg. Sepp Mahler - 21. November 1937 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger National-Zeitung, Nr. 271 v. 22.11.1937)
Die Ex-Frau Dr. Grandels wohnt hier seit Anfang der 30er-Jahre mit ihren zwei "volljüdischen" Kindern aus erster Ehe und den zwei gemeinsam mit Dr. Grandel großgezogenen Töchtern in einer unsicherer Zukunftserwartung. Die Nürnberger Rassegesetze von 1935 greifen zunehmend in das Leben von Menschen mit jüdischer Abstammung ein. Seit dem Wegzug Gottfried Grandels nach Hamburg und der von ihm daraufhin 1932 herbeigeführten Ehetrennung besitzt Helene Grandel mit ihren zwei Kindern aus erster Ehe in Augsburg perspektivisch nur noch eine Art Duldungsstatus.
Ihr Ex-Mann ist nach Heinrich Dolles und Franz Millers Ausführungen zwar der erste "Nährvater" Adolf Hitlers, doch unterliegt Helene Grandel mit ihren zwei Kindern aus erster Ehe immer stärkeren gesellschaftlichen Einschränkungen. Adolf Hitler trifft an diesem frühen Nachmittag des 21. November 1937 am Augsburger Hauptbahnhof ein. Stehend wird er im offenen Cabriolet an den am Straßenrand jubelnden Augsburgern in Richtung Rathaus gefahren, wiederum durch die Bürgermeister-Fischer-Straße. Hitler quert die Wohnadresse von Helene Grandel während seines Tagesbesuchs in Augsburg noch weitere drei Male.
Auch seine Rede aus dem Saalbau Herrle wird über Lautsprecher in die Straßen seiner Anfahrt übertragen. Im goldenen Saal des Rathauses angekommen erklingt zur Begrüßung des Führers der Einzug der Götter in Walhall aus Richard Wagners Rheingold.
Die Empfindungen von Helene Grandel sind hierzu nicht überliefert, doch die Tagebuchaufzeichnungen von Gottfried Grandels ältester Tochter deuten darauf hin, dass das politische Thema in Bezug auf Christines Vater innerhalb der in Augsburg verbliebenen Familie Grandel gänzlich ausgeklammert, tabuisiert wird.
So schreibt die 20-jährige Schneiderin Christine Grandel lediglich ein paar kurze Zeilen in ihrem Tagebuch. 16 Jahre zuvor saß sie noch auf dem Schoß des damaligen Werbeobmanns Hitler, nachdem dieser im Anschluss an seine ersten Augsburg-Reden bei ihnen auf dem Sofa übernachtet hatte.
Christine Grandel notiert:
"Samstag, 20. November 1937: Heut steht in der (-Neue Augsburger-) Zeitung ein Brief (-von 1921-) als Einladung an die 1. Nationalsozialisten in Augsburg, unterschrieben
'mit deutschem Gruß - Gottfried Grandel.'(...)
Ob er wohl in der Partei was ist heute?
Sonntag, 21. November 1937: Heut ist der Führer da!(...) 6 Mark mußte Munne (-Mutter Helene, seit 1932 geschiedene Grandel-) zahlen für die Dekoration! Das Stadtbild herrlich. Aber das ist auch das Einzige und teuer erkauft bei uns. Da standen dann die Leute unten (nicht mal so sehr dicht) und er fuhr vorbei, etliche Male, und dann schrien sie ziemlich doof, wie die Augsburger halt sind. Das war alles."

Offenes Cabriolet im November: Adolf Hitler in der Bürgermeister-Fischer-Straße - 21. November 1937 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung v. 22.11.1937)
Zu Hitlers anschließender Rede im Augsburger Saalbau Herrle heißt es später:
"Adolf Hitler spricht auf der 15-Jahrsfeier der NSDAP-Ortsgruppe in Augsburg über die unbedingte Führerautorität als völlig neue Grundlage im politischen Leben des deutschen Volkes. Zudem verkündet er: 'Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ist die größte Organisation, die jemals Menschen aufgebaut haben!'" (Bruppacher: "Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP", S.637 - 2008)

15 Jahre Ortsgruppe Augsburg: Hitler im Saalbau Herrle - 21.11.1937 (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger National-Zeitung + gettyimages.de: Bild-Nr. 825515546)
In seinem siebenseitigen Rede-Manuskript anlässlich des Augsburger Jubiläums geht Hitler auf die frühe Konfrontation vor der Augsburger Ortsgruppengründung ein:
"2 Welten - in sich abgeschlossen - gegenseitig feindlich - ... gegen Kräfte! entweder vereinen, oder ewiger Kampf."
Weiter wird Hitler mit den Worten zitiert:
"In Deutschland haben wir kein Regime der Knute, nein! Es ist ein Regime des Vertrauens und der tiefsten Kameradschaft, ein Glaubensband, das die Millionen zusammenkettet." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger National-Zeitung: "Ein unvergeßlicher Festtag für Augsburg", S.1 v. 22.11.1921)
Zum Zeitpunkt der Rede ist der ehemalige Regierungspräsident von Oberbayern schon seit drei Jahren tot. Der 71-jährige Gustav von Kahr, der nach Ansicht der Hakenkreuzler den Putschversuch von 1923 maßgeblich zum Scheitern brachte, wird bereits am 30. Juni 1934 im Konzentrationslager Dachau von einem SS-Angehörigen kurz nach seiner Einlieferung erschossen. Das Reichsjustizministerium erklärt daraufhin, dass der Fall Kahr "unter das Gesetz über Maßnahmen der Staatsnotwehr vom 3. Juli 1934" falle und damit rechtens sei."Daraufhin stellte der zuständige Oberstaatsanwalt beim Münchener Landgericht II das Verfahren wegen der Tötung Kahrs mit der Begründung ein, dass eine strafbare Handlung nicht vorliegt."
(Wikipedia: Gustav v. Kahr)
Auch Hitlers selbstbewusster Kritiker des Jahres 1921, der Augsburger Dr. Otto Dickel, gerät im Jahr nach der Machtübernahme in das Visier des totalitären Regimes. Für 10 Monate wird Dr. Otto Dickel in Gestapo-Haft genommen. Direkt vor seiner zweiten Verhaftung nimmt er sich schließlich das Leben. Deutsche Zeitungen berichten hier schon lange nicht mehr über diese Schicksale.
Als Übernachtungsort wählt Adolf Hitler am 21. November 1937, wie bei seine Augsburg-Besuchen üblich, das Hotel Drei Mohren.

Hitler beim Verlassen des Hotels Drei Mohren - 21. November 1937 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-16229 / Hoffmann, Heinrich)
Der Augsburger Gauleiter Karl Wahl kommt in seiner späteren Jahresabschluss-Bilanz für Augsburg zu folgendem Ergebnis:
"Wenn in diesem Jahr die Silvesterglocken an unser Ohr dringen, dann haben wir schwäbischen Nationalsozialisten allen Grund, besonders glücklich zu sein. Nicht nur, weil wir das stolze Bewußtsein in uns tragen, wieder ein Jahr als des Führers politische Soldaten unseren Mann gestellt zu haben, sondern insbesondere deshalb, weil das Ende des vergangenen Jahres dem Gau Schwaben die höchste Auszeichnung gebracht hat, die der nationalsozialistische Staat zu vergeben hat: Den Besuch des Führers." (Neue Augsburger Zeitung, Nr.304, StadtAA, Schriftdok. 670 A, Silvesteransprache Karl Wahl - 1937/38)
Dr. Grandels Bürgschaft: NS-Erwerb des Völkischen Beobachters
(306-1920) Im Juli 1918 erwirbt Käthe Bierbaumer für die antisemitischen Zwecke der von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff zuvor initiierten Thule-Gesellschaft den seit 1887 erscheinenden Münchener Beobachter.
Die Thule fungiert dabei nach außen als Orden für deutsche Art und Tarnorganisation des geheimen Germanen-Ordens. Zum Verlauf des für die Verbreitung des völkischen Gedankens vorgesehenen Einsatzes notiert Rudolf Glauer/v. Sebottendorff rückblickend:
"Eine Waffe, die in der Thule geschmiedet wurde, war der 'Münchener Beobachter', der erstmalig am 9. August 1919 auch als 'Völkischer Beobachter' im Reiche verbreitet wurde. Als die Inhaberin des Verlag Franz Eher, Frl. Käthe Bierbaumer (-geb. 4.7.1884-), Anfang Oktober 1919 ihr Besitzrecht in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung überführte, hatte der 'Münchener Beobachter' 9000 und der 'Völkische Beobachter' 8800 Bezieher" (Sebottendorff: "Der Thulebote", Nr.1 - 1933)

9. November 1918: Revolutions-Ausgabe des Münchener Beobachters (historisches-lexikon-bayerns.de)
Hochmeister des Germanen-Ordens, Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, plant nach der Kapitulation des Kaiserreichs größeres. Im Gepäck befindet sich nicht weniger als ein völkischer Aktionsplan zur Rettung der alten Ordnung.
Der Erwerb einer Propagandazeitung als massentauglichen Verstärker der eigenen Ideologie ist in diesem Zusammenhang für ihn nur von logischer Konsequenz, ein weiterer Baustein des zuvor gefassten und mit dem Berliner Hauptsitz des Germanen-Ordens Walvater abgestimmten Planes. Zur Seite steht ihm Georg Grassinger, der nach der Niederschlagung der Münchener Räterepublik die Betriebsleitung des Münchener Beobachters übernimmt. Aus einer kurz darauf stattfindenden Zusammenkunft ist der wirtschaftliche Hintergrund des Unternehmens zu entnehmen:
"Über den 'Münchener Beobachter' habe ich mich gestern (-2. Juni 1919-) in ausführlichem Gespräch mit Freiherr von Sebottendorf aufgeklärt. Auf seinem Tisch lag die D.(-eutsche-) Z.(-eitung-) und er erklärte mir, dass er sie aufs eifrigste für sein Blatt ausschnitte. Auch habe er bereits von mir einen grossen Aufsatz über Auer abgedruckt. Ich machte ihm kein Hehl daraus, dass sich unsere Kreise seit längerer Zeit mit dem Plane einer Münchener Zeitung beschäftigten und dass ich sonderlich viel in dieser Angelegenheit verhandelt hätte.
Es könne uns nicht angenehm sein, weil wir es für sachschädlich hielten müssten, wenn eine Zeitung leichtsinnig dort ins Leben träte und, sei es aus geldlichen, sei es aus persönlichen Mängeln, nach kurzer Zeit eingehen müsse. Ich hätte gehört, dass er mit Geld schlecht dran sei und glaubte, dass auch die ihm zur Verfügung stehenden Personen, zumal er selber, der Leitung einer Tageszeitung nicht gewachsen wären. Die überraschende Verkündigung der Tageszeitung zum 1. Juli (-1919-) (ich habe Ihnen ja das Blatt geschickt) veranlassen mich, ihm das geradezu zu sagen und zwar mit der Bitte, mir Aufklärung zu geben.
Sebottendorf nahm das gut auf und stellte mir seinen Geschäftsführer (-Georg Grassinger-) und seinen Hauptschriftleiter (-Hanns Georg Müller-) vor und machte die Rechnung folgendermassen:
Er selbst hat von sich aus 30-40 Tausend M verfügbar und ist bereit, sie aufs Spiel zu setzen. Er hofft 10 000 Bezieher zu bekommen = 13000 M monatlich und aus Anzeigen 12000,- monatlich. Mit diesen erhofften Einnahmen und seinen 30-40000 M gedenkt er sich 3 Monate durchzuschlagen. Dann müsse entweder der Bezieher- und Anzeigenstand mächtig gewachsen sein oder das Unternehmen wäre pleite.
Sein junger Geschäftsführer (-Georg Grassinger-) macht menschlich, wie sein noch jüngerer Hauptschriftleiter (-Hanns Georg Müller-), einen recht netten Eindruck. Er ist aber mit Leib und Seele Inseratenchef und hat noch keine Zeitung sonst geleitet. Der junge Hauptschriftleiter gar hat an überhaupt noch keiner Zeitung gearbeitet. Sebottendorf selbst ist bereit, sobald andere Leute, die mehr verstehen als er und seine Kerntruppe, die aber das Blatt auf seiner Grundnote, d.h. also wohl auf unserer, durchzuführen ersichtlich gewillt sind, die ganze Geschichte zu einer G.m.b.H. zu machen oder auch sie ganz abzugeben. Er arbeitet noch stark mit (-SPD-Reichswehrminister Gustav-) Noske und einem von diesem abgesandten Herrn (-Karl?-) Schwabacher (!) als Nachrichtenvermittler, weiss aber nicht einmal, dass Noske hier in Herrn von Stefani einen ständigen Vertreter hat. Sie können sich denken, dass ich bei diesem aufgelegten Dilettantismus nicht anders denn lächelnd den Bankrott abwarten würde, wenn damit nicht die Gefahr bestünde, dass unserer ganzen Richtung hier ein grosser Schaden der Lächerlichkeit zugefügt würde. Auch macht Sebottendorf persönlich einen ganz vortrefflichen Eindruck und sein Wagemut berührt mich natürlich sympathisch. Der Gedanke, ein Konkurrenzblatt gegen ihn auf gleicher völkischer Grundlage zu machen, ist meines Erachtens, nun, da er den ersten Schritt vollzogen hat, unbedingt abzulehnen.
Es fragt sich also, ob wir frühzeitig, sei es durch Gelder unserer Neudeutschen oder durch andere Gelder, eine Beteiligung suchen und damit der geschäftlichen Vernunft in diesem Unternehmen Eingang verschaffen sollen. Andererseits ist die Grundlage derart von Anfang an löcherig, dass wir vielleicht am besten die Finger ganz davon lassen. Dann macht es vermutlich irgendjemand, der uns gar nicht passt. Wie (-der Münchener Verleger Julius F.-) Lehmann (also auch Liebig) sich zu dieser neuen Münchener Zeitung stellen, weiss ich nicht und überlege mir, ob ich vor unserer Zusammenkunft und vor nochmaligem Gespräch mit Sebottendorf sie heranziehen soll. Durchschlag geht an (-das Berliner GO-Mitglied Reinhard-) Wulle." (BArch Berlin: R 8048/392, S.668 - Schriftsteller Dr. Otto Helmut Hopfen an Heinrich Class/Alldeutscher Verband v. 3.6.1919)
Zu dem Hauptschriftleiter Hanns Georg Müller heißt es:
"Sebottendorff hat inzwischen die Schriftleitung an den kriegsverletzten Hanns Georg Müller abgegeben, der ebenfalls der Thule-Gesellschaft angehört und der im März 1919 seine neue Tätigkeit aufgenommen hat." (Richardi: "Hitler und seine Hintermänner", S.318 - 1991)
Mai 1919
Nachdem die Münchener Räte-Republik am 2. Mai 1919 ihr blutiges Ende findet, werden die Redaktionsräume des Münchener Beobachters von dem Münchener Hotel Vier Jahreszeiten in die Thierschstraße verlegt.
Offenbar durch die Medienaufmerksamkeit gegenüber der Thule-Gesellschaft bedingt, schnellt die Auflagenzahl ihres Organs nach dem Scheitern der Räterepublik in die Höhe:
"In der achtseitigen Ausgabe vom 31. Mai (-1919-) wird angekündigt, daß die Wochenausgabe verschwinden soll und dafür Freitags ein Sportblatt als Beilage und vor dem Rennen am Samstag ein Sonderblatt erscheinen solle. 'Völkisch denkende Herren sind als Mitarbeiter gewonnen und alle Teile der Schriftleitung sind bestens besetzt.' Es wird weiter mitgeteilt, daß die letzte Auflage die Höhe von 20 000 erreicht habe. 'Das ist eine Zahl, die uns in so kurzer Zeit keine Wochenschrift nachmachen kann. Das beweist aber, daß hinter uns das Volk steht.'" (Dresler: "Geschichte des Völkischen Beobachters", S.65 - 1937)
Diese Aussage wird kurz darauf von der Redaktion wieder relativiert:
"Am 23. Juli (-1919-) wurde eine Belohnung von 50 Mark für denjenigen ausgesetzt, der Massenaufkäufer des 'Münchener Beobachters' namhaft mache. Es wird vermutet, daß politische Gegner den 'Münchener Beobachter' aufkauften, um dadurch seine Verbreitung zu beeinträchtigen." (Dresler: "Geschichte des Völkischen Beobachters", S.66 - 1937)
Juni 1919
Die Figur Rudolf v. Sebottendorff gerät jedoch durch die reaktionären Aktivitäten während der gescheiterten Münchener Räterepublik verstärkt in den Fokus seiner politischen Gegner. Das ambitionierte Projekt zum Umbau auf eine völkischen Tageszeitung misslingt einstweilen:
"Am 28. Juni (-1919-) wird (-im Münchener Beobachter-) mitgeteilt, daß die Umwandlung des 'Beobachters' in eine Tageszeitung infolge technischer Schwierigkeiten, besonders der Papierbeschaffung, um einige Monate aufgeschoben werden müsse. Inzwischen werde der 'Beobachter' ab 1. Juli zweimal wöchentlich, Mittwoch und Samstag, erscheinen." (Dresler: "Geschichte des Völkischen Beobachters", S.65 - 1937)
Juli 1919
Der dem Alldeutschen Verband nahestehende Schriftsteller Dr. Otto Helmut Hopfen notiert in seinem Schreiben an den in Berlin tätigen Verbandsvorsitzenden Justizrat Heinrich Class:
"Der Münchener Beobachter erscheint einstweilen 2 mal wöchentlich. Die Anschuldigungen gegen Herrn von Sebottendorf haben sich insofern wahr erwiesen, als er keine Berechtigung zur Führung dieses Namens oder Titels hat. Vielleicht ist es nicht einmal wahr, dass er von einem Herrn von Sebottendorf adoptiert worden ist. Von der Leitung des Münchener Beobachters ist er zurückgetreten; die bisher durch seine Hand fliessenden Gelder anderer Leute für Reichswehr und dergleichen sind trotz der Enttäuschung an seiner Person nicht zurückgezogen worden, gehen aber durch andere Hände." (BArch Berlin: R 8048/392, S.671 - Schriftsteller Dr. Otto Helmut Hopfen an Heinrich Class/Alldeutscher Verband v. 5.7.1919)
Ende Mai 1919 erscheint auch das Programm der Deutsch-sozialistische Partei (DSP) im Münchener Beobachter, angekündigt als "unser politisches Programm".
Die Gründung der Münchener DAP läuft hingegen nicht im einmütigen Interesse des Ordens:
"(-Der Münchener Rechtsanwalt Hanns-) Dahn bedauerte natürlich die Gründung der deutschnationalen Partei (-DAP-) in München, er wollte mich (-1919-) in die Thule-Gesellschaft einführen; ich lehnte aber aus Zeitmangel freundlich ab. Sebottendorf führt nach ihm Namen und Titel zu Recht, da (!) er auch neuerdings wieder einen auf von Sebottendorf lautenden Reisepass, vom Generalkonsul unterschrieben, vorgewiesen habe. Der Münchener Beobachter sei gesichert. Sebottendorf habe nichts mehr da zu sagen, da (!) Frau (die Nichte) (-Käthe Bierbaumer aus Bad Aibling-) Hauptbesitzerin sei und bleibe." (BArch Berlin: R 8048/392, S.711 - Schriftsteller Dr. Otto Helmut Hopfen an Heinrich Class/Alldeutscher Verband v. 24.11.1919)
Juli 1919
Zum 15. Juli 1919 erteilt Käthe Bierbaumer Hans Georg Müller, Wilhelm Laforce und Max Sesselmann Prokura für den Franz Eher Verlag Nachf., woraufhin Rudolf Glauer/v. Sebottendorff mit seiner Frau Anni Glauer am 31. Juli 1919 München verläßt.
August 1919
Nach Umbenennung des vierseitigen Regionalblattes zum 9. August 1919 planen die neuen Besitzer des Verlages Franz Eher Nachf., die Zeitung zu einem unabhängigen Organ für völkisch-nationale Politik zu entwickeln. Auch die judenfeindliche Ausrichtung wird fortgesetzt.
März 1920
So titelt der nunmehr Völkische Beobachter am 10. März 1920:
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(Stadtarchiv München/Mikrofilm: Völkischer Beobachter, Nr.20, S.1: "Macht ganze Arbeit mit den Juden" v. 10.3.1920)
Der Artikel wirbt schon zu Beginn der 20er-Jahre unverhohlen für das wirtschaftlich-, kulturell- und sozialausgrenzende Endziel der deutsch-völkischen Bewegung in der Judenfrage:
"Die Ostjuden müssen unverzüglich hinausgeschafft werden, gegen alle übrigen Juden muß sofort mit rücksichtslosen Maßnahmen vorgegangen werden. Solche Maßnahmen wären z.B. Einführung von Judenlisten in jeder Stadt bzw. in jeder Gemeinde, sofortige Entfernung der Juden aus allen Staatsämtern, Zeitungsbetrieben, Schaubühnen, Lichtspieltheatern usw. - kurz gesagt - es muß dem Juden jede Möglichkeit genommen werden, weiterhin seinen unheilvollen Einfluß auszuüben." (Stadtarchiv München/Mikrofilm: Völkischer Beobachter, Nr.20, S.1: "Macht ganze Arbeit mit den Juden" v. 10.3.1920)
Es sei das "jüdische Ungeziefer überhaupt mit eisernem Besen auszufegen", heißt es weiter in dem Leitartikel. Auch Konzentrationslager für die jüdische Bevölkerung werden hier bereits gefordert:
"Damit die beschäftigungslosen Semiten nicht insgeheim wühlen und hetzen können, wären sie in Sammellager zu verbringen."
Aufgrund der eindeutigen Judenhetze erhält der Völkische Beobachter erstmals vom 19. April bis zum 9. Mai 1920 eine Verbotsverfügung, welche letztendlich zur wirtschaftlichen Schieflage weiter beiträgt.
Doch der "Beo", wie Dr. Grandel die von ihm später finanziell und redaktionell unterstützte Zeitung nennt, ist in der Nachkriegsphase nicht sonderlich beliebt. Die Zeiten sind hart, das Geld ist knapp; Printmedien gelten für viele als Luxusartikel.
Dennoch befindet der antisemitische Förderer der Münchener DAP, Hauptmann Karl Mayr, in seinem Schreiben an den im März 1920 gescheiterten Putschisten Wolfgang Kapp:
"Wir werden, und zwar nicht im parlamentarisch geruhsamen Tempo der deutsch-nationalen Volkspartei, einen glühenden Nationalismus pflegen. Bolschewismus, Separatismus, Aufgehen in westlerische Pseudokultur und wirtschaftliches Helotentum von Englands und Frankreichs Gnaden werden wir mit Hörnern und Klauen bekämpfen. Aber zur planmässigen Förderung der Stosstruppen gehört auch eine Presse in einer spezifischen Art, wie sie in Bayern und auch ausserhalb Bayerns bislang nicht zu finden ist. Auch braucht man eine Presse, um dafür sorgen zu können, dass die neue Truppe nicht in falsches Fahrwasser gerät. Ich möchte hierzu den 'Münchener Beobachter' (-von Rudolf v. Sebottendorff-) in meine Hand kriegen. 45 000 M fehlen mir noch. Könnten Herr Geheimrat mir irgendwie Quellen erschliessen? Eine entsprechende Sicherstellung, so, dass es sich nur um eine Leihgabe handeln kann, wird sich machen lassen."(ZStAM, Rep.92, Nachlass Kapp, Bd.II, Bl.338 ff. + Gossweiler: "Kapital, Reichswehr und NSDAP 1919-1924", S.557 - 1982)

Schleppender Absatz: Auslieferung des Völkischen Beobachters - 1927 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-6722 / Hoffmann, Heinrich)
Für den geschulten Propagandisten Adolf Hitler verengt sich Wohl und Weh der noch jungen Partei in der Frage der Finanzierbarkeit einer eigenen Tageszeitung. So knüpft er bereits zum Sommer 1920 die entscheidenden Kontakte:
"Es war schon sehr spät an jenem Abend im Sommer 1920, als Hitler seinen Getreuen mitteilte, daß er bei dem nächsten Herrenabend des (-Berliner-) Flügelfabrikanten Bechstein mit dem Großunternehmer von Borsig zusammenträfe, daß ferner der Fabrikbesitzer Grandel aus Augsburg kommen wolle. Die Schwierigkeiten in materieller Hinsicht, in der sich die Partei gegenwärtig befände, würden nun bald überwunden sein, denn eine neue Verbindung bahne sich an. Hierbei unterbrach sich Hitler und blickte lauernd um sich. Es war offenbar ein Geheimnis, das nur der engste Kreis wissen sollte. Obwohl es ihm schwerfiel, bemühte er sich, sein lauthallendes Organ zu dämpfen: 'Fritz Thyssen, einer der Herren von Rhein und Ruhr, der Aufsichtsratsvorsitzende der Vereinigten Stahlwerke, will uns mit hunderttausend Goldmark unter die Arme greifen.' Diese Nachricht schlug wie eine Bombe ein, denn in den Monaten der beginnenden Inflation war das eine ungeheure Summe. Spät in der Nacht trennten sich Erich Koch, Josef Terboven und Karl Kaufmann von der fröhlichen Zecherrunde in der Schwabinger 'Brennessel' . Mit einem Nachtzug fuhren sie an die Ruhr zurück." (v. Walden: "Und morgen die ganze Welt?", S.20 - 1960)
Der zugeordnete Verlag Franz Eher Nachf. arbeitet schon seit längerer Zeit defizitär. Die verantwortlichen Gesellschafter suchen aufgrund der zunehmenden Verschuldung nach Lösungen und unterbreiten potentiellen Interessenten aus der Not heraus schließlich verschiedene Übernahme-Optionen.
Dr. Gottfried Grandel notiert in seinen Erinnerungen an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Dietrich Eckart hatte öfters angeregt, für die Partei eine Zeitung ins Leben zu rufen. Es ergab sich die Möglichkeit, den 'Münchener Beobachter' des Herrn v. Sebottendorff käuflich zu erwerben." (BArch Berlin: NS26/514, S.588/Bl.3 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Auch der neue DAP-Werbeobmann Adolf Hitler wird nach einem Artikel des Völkischen Beobachters schon bei dem ersten Vortragsabend der Deutschen Arbeiterpartei vom Oktober 1919 mit den Worten zitiert:
"Herr Hitler von der Deutschen Arbeiterpartei behandelte mit zündenden Worten die Notwendigkeit des Zusammenschlußes gegen den gemeinsamen Völkerfeind und begründete insbesondere die Unterstützung einer deutschen Presse, damit das Volk erfahre, was die Judenblätter verschweigen." (V.B. v. 16.10.1919)
Der Gefreite Hitler hatte schon vor seinem Eintritt in die Münchener DAP den Versuch unternommen, in verschiedenen politischen Zusammenhängen unterzukommen. Nach Auskunft des Münchener Verlegers und damaligen DSP-Vorsitzenden Georg Grassinger hatte Hitler bereits um den Juli 1919 Kontakt mit ihm aufgenommen:
"Ist Ihnen bekannt, daß Hitler und sein Anhang in unserer Deutsch-Sozialistischen Partei, im Eher-Verlag und im 'Völkischen Beobachter' mitarbeiten wollten? Ist Ihnen bekannt, daß die Deutsch-Sozialistische Partei unter meiner Leitung die Mitarbeit Hitlers und seines Anhangs verhindert hat?" (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: Georg Grassinger an die Deutsche-Verlagsanstalt - ZS-50-16 v. 3.5.1961)
Doch Adolf Hitler besitzt schon im Jahre 1920 einflussreiche Förderer; auch unter den Gesellschaftern des Völkischen Beobachters macht sich dieses bemerkbar:
"Wieser, Sesselmann und ich wurden Ende Februar bzw. Anfang März des Jahres 1920 aus der 'Beobachter'-Redaktion fristlos entlassen, nachdem wir es abgelehnt hatten, die in einem Ultimatum der Gesellschafterversammlung der Franz Eher Nachf. GmbH gestellten Forderungen zu erfüllen. Wir waren - insbesondere von Dr. Gutberlet - aufgefordert worden, die Fortsetzungsbeiträge der Reihe Germanus Agricola sofort einzustellen und stattdessen über die Veranstalltungen der NSDAP und insbesondere über die dort von Adolf Hitler gehaltenen Reden auf der Titelseite des 'Beobachters' zu berichten." (Protokoll H.-G. Müller in: "Die Thule-Gesellschaft - Vom okkulten Mummenschantz", S.243 - )
Neben dem Reichswehrhauptmann Karl Mayr erwägt auch der Vorstand der mittlerweile von DAP zur NSDAP umbenannten Splitterpartei ab Mitte 1920 die sich abzeichnende Möglichkeit, den Völkischen Beobachter in den Parteibesitz zu bringen. Auf diese Weise würde nicht nur der eigene Bekanntheitsgrad gesteigert, man wäre auch von den etablierten Presseorganen unabhängiger. Zudem könnte sich die überregional noch recht unbekannte Partei von weiteren völkisch-nationalen Vereinigungen, wie der konkurrierenden Deutsch-sozialistischen Partei (DSP) des Georg Grassinger und Julius Streicher, deutlicher abheben; so die Überlegungen des NSDAP-Vorstandes.
Doch im Herbst 1920 liegt die Verschuldung des Völkischen Beobachters bereits bei 250.000 RM; die Auflage von 7000 Exemplaren bleibt dabei überschaubar. Auf dieser Grundlage stünde eine Insolvenz unmittelbar bevor, sollte den Thule-Gesellschaftern nicht doch noch ein Notverkauf gelingen.
Als verantwortliche Gesellschafter fungieren zu diesem Zeitpunkt:
-
Braun, Karl Alfred - 3.500 RM
-
Eder, Franz Xaver: 10.000 RM, am 1. Oktober 1919 von den (H.-G. Müller: "vorgeschobenen") Inhabern Frl. Bierbaumer und Dora Kunze zum Geschäftsführer ernannt
-
Feder, Gottfried: 10.000 RM, Mitbegründer der DAP, Verfasser von dem "Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft"
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Feilitzsch, Franz Freih. v. : 20.000 RM, Mitglied d. Kampfbundes der Thule
-
Gutberlet, Dr. med. Wilhelm : 10.000 RM, Mitglied d. Kampfbundes der Thule (Er verzichtet beim Verkauf auf die Hälfte seiner Anteile)
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Heuß, Theodor: 10.000 RM, Mitglied der Thule
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Bierbaumer, Käthe: 46.500 RM, Sebottendorffs Freundin aus Bad Aiblingen, ab dem 14.9.1918 wohnhaft in München (Ludwigstr. 17b?) und zeitgleich eingetragene Eigentümerin des Verlages
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Kunze, geb. Glauer, Dora: 10.000 RM, Schwester von Adam Rudolf Glauer (Rudolf v. Sebottendorff), verstirbt unerwartet 1921 mit 35 Jahren.
In dieser frühen Entwicklungsphase der NSDAP ist der Augsburger Fabrikant Dr. Grandel als persönlicher Förderer Hitlers nicht nur finanziell stark engagiert, er bringt sich auch mit seinen unternehmerischen Sachverstand ein. Intern gilt er der völkischen Bewegung als kompetenter Wirtschafts- und Finanzrat.
August 1920
Seit dem 17. August 1920 wird Gottfried Grandel in der Mitgliederliste der NSDAP nun auch offiziell unter der Nummer 1713 geführt.
Oktober 1920
Nur wenige Wochen nach Dr. Grandels gelisteten Eintritt in die NSDAP beauftragt Adolf Hitler den Augsburger Firmenchef im Oktober 1920, die Kaufoption des für den Völkischen Beobachter verantwortlichen Franz Eher-Verlages zu prüfen.
Das Ergebnis ist ernüchternd: Am 27. Oktober 1920, dem dritten Geburtstag seiner Tochter Christine, informiert Dr. Grandel seinen Parteigenossen und Werbeobmann Adolf Hitler schriftlich über die finanzielle Situation des völkischen Blattes. Nach einer Bilanz vom 1. Oktober 1920 stünden den Passiva von fast 300.000 RM rund 10% ernsthafte Aktiva gegenüber. Dr. Grandels Fazit:
"Meines Erachtens ist der Konkurs des Beo unvermeidlich. Es ist zu lange mit der wirklichen Sanierung gewartet worden, u. jetzt ist es zu spät." (BArch Koblenz: N 1128/2 - Dr. Grandel an Adolf Hitler v. 27.10.1920)
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Auf dem Boden der Realität: Dr. Grandels Einschätzung zum völkischen "Beo" - 27. Oktober 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
Das Vorhaben scheint damit vorerst vom Tisch, dennoch geht Dr. Grandel in dem Antwortschreiben noch einmal auf Adolf Hitlers vorherigen Anregungen ein:
"Mein Reisender (-Prokurist Josef Rupp?-) kommt dieser Tage nach Kempten und wird wegen der Rotationspresse nachfragen. Zeschmar halte ich noch nicht für den geeigneten Mann zur Leitung des neuen Blattes. Ich halte ihn für einen Theoretiker; als Norddeutscher scheint er mir auch nicht das unmittelbare richtige Gefühl für unser bairisches Volkstum zu besitzen. Im Auswärtigen Amt, wo er so lange war, lernt man auch nichts Gescheites." (BArch Koblenz: N 1128/2 - Dr. Grandel an Adolf Hitler v. 27.10.1920)
Adolf Hitlers Fragestellung hinsichtlich der Rotationspresse dient der grundsätzlichen Überlegung, eine Zeitung im amerikanischen Großformat erscheinen zu lassen. Hierzu heißt es bei Rudolf v. Sebottendorff:
"Als im Herbst 1919 der Druck der Auflage des Beobachters auf Schnellpressen in der J.G. Weiß'schen Buchdruckerei nicht mehr zu bewerkstelligen war, verhandelte Grassinger wegen Übernahme des Druckes der Zeitung auf Rotationsmaschine mit einigen Großdruckereien; mit Ausnahme von M. Müller & Sohn lehnten die anderen Firmen den Druck des Beobachters ab." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.183 - 1933)

Rotationsmaschine der Druckerei M. Müller & Sohn: Fertigung des Völkischen Beobachters - 1927 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-6730 / Hoffmann, Heinrich)
Das Vorhaben der Rotationspresse wird jedoch vorerst nicht weiter verfolgt.
Zum Herbst 1920 erwirkt die NSDAP zusätzlich den Vereinsstatus. Die entsprechende Urkunde mit der Geschäfts-Registernr. 1930 wird von Notar Dr. Theodor Scherer am 14. Oktober 1920 in München dem "Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterverein Deutschlands" ausgestellt. Abgestempelt wird der parteiinterne Vorgang mit dem Vermerk "5.Nov. 1920, Nr.370 - Akt Geheim". Im Posteingangsbuch wird hingegen nur die Verschiebung der Gesellschafter-Anteile des Beobachters vermerkt:
"Th. Scherrer - Notariat XVI, München: Urkunde von Dr. Gutberlet über 5 Anteile. - Zum Akt Geheim." (BArch Berlin: NS26/1373 Urkunde + NS26/222 NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.370 v. 5.11.1920)
Weiter heißt es zu den Aktivitäten vor der geplanten Übernahme des Völkischen Beobachters:
"Am 30. September 1920 fand in ihrem (-NSDAP-) Geschäftszimmer im Sterneckerbräu (Tal 54) in München eine Sitzung sämtlicher Vorstandsmitglieder und einiger besonders hinzugezogener Parteimitglieder (-vermtl. auch Dr. Grandel-) zur Beschlussfassung über die Gründung eines 'Nationalsozialistischen Deutschen Arbeitervereins e.V' statt. Anwesend waren: der erste Vorsitzende Anton Drexler (1884-1942), der zweite Vorsitzende Benedikt Angermeir, (geb. 1877), die Kaufleute Oskar Körner (geb. 1875) und Rudolf Schüßler (geb. 1893), die Schlosser Karl Riedl (geb. 1891, Kassierer) und Fritz Michel (Versammlungsobmann) sowie F. Kurz. Drexler begründete das Vorgehen damit, dass die Partei einen Rechtstitel benötige, um den Charakter einer juristischen Person zu bekommen. Wahrscheinlich hielt er die Vereinsgründung auch wegen der geplanten Übernahme des 'Völkischen Beobachters' für erforderlich." (historisches-lexikon-bayerns.de: NSDAV 1920-23 - Amtsgericht München, Registergericht, Vereinsreg.. Bd. XVIII, Nr.1+Nr.46, Verfügung v. 20.10.1920)
Aufgrund einer möglichen Fahndung befindet sich derweil Rudolf Glauer/ alias v. Sebottendorff seit Ende Juli 1919 in ständigem Adressenwechsel, um als Zeuge/Beschuldigter dem Münchener Land-/Amtsgericht und der Polizei die laufenden Ermittlungen gegen seine Person zu erschweren. Anlaufstellen sind für ihn in dieser Zeit
Bad Säckingen/Baden,
Freiburg i.Br.(ab 15.1.1920: Immentalstr.3/II, seine Frau Anni Glauer auch v. 12.-16.7.1920, Eigentümerin Dr. Nora Stern/geb. Henseler, Sternen-Verlag),
Lauban (Aufenthalt lt. Melderegister München am 22.1.1920: Viktoriastr.2 b. Eltern/Schwester? Klara Scholz),
Freiburg i.Br. (12.-17.7.1920: Belfortstr.2/IV bei Paul Lorenz-Zentralbuchhandlung f. astrolog. Literatur)
Freiburg i.Br. (17.7.-6.8.1920: Schwarzwaldstr. 141/II)
ab 6.8.1920 angeblich Berlin
Ausweisungsverfügung am 20.7.1920 durch Badener Innenministerium
Bad Sachsa (Käthe Bierbaumer und Rudolf v. Sebottendorff, vom 1.11.1920 - Februar 1923: Erbhaistr.7)
Die Münchener Post (Nr.61, S.7) veröffentlich über Rudolf Glauer/v. Sebottendorff am 15. März 1923 "Das Portrait eines hakenkreuzlerischen Hochstaplers".
Dezember 1920
Der direkte Vorlauf zum NS-Erwerb der völkischen Zeitung zeichnet sich auch in einem Empfehlungsschreiben des damaligen Münchener Polizeipräsidenten Ernst Pöhner ab:
"Hochverehrter Herr Justizrat (-Class-), Hochverehrter Herr Oberfinanzrat (-Bang-)! Der Überbringer gegenwärtigen Briefes, Herr Hitler, ist Ihnen bereits von Ihrem Aufenthalt in München her bekannt, ich selbst habe mit Herrn Hitler bereits eingehende längere Unterredungen gepflogen und mich dabei überzeugt, daß er ein ausserordentlich geschickter und tatkräftiger Verfechter unserer gemeinsamen Ideen ist. Er ist eine organisatorische und agitatorische Kraft ersten Ranges und als der beste Redner der nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in ganz Bayern bekannt. Die Versammlungen, in denen er spricht, sind stets überfüllt. Herr Hitler ist, wie er mir erklärt hat, gerne bereit, falls er die nötige Unterstützung findet, auch in Norddeutschland sich entsprechend zu betätigen. Ich möchte Ihnen hiermit Herrn Hitler aufs wärmste empfehlen und bin gewiss, daß er Ihnen vorzügliche Dienste leisten wird." (BArch Berlin: R8048/258 - Polizeipräsident Pöhner an Class/Bang, Bl.198 v. 11.12.1920)
Seinen direkten Bezug zum bayerischen Logengründer Rudolf Glauer/ v. Sebottendorff erwähnt Dr. Grandel im Zusammenhang mit dessen Verkauf des Münchener Beobachters:
"Es ergab sich die Möglichkeit, den 'Münchener Beobachter' des Herrn v. Sebottendorff käuflich zu erwerben. Am 17. Dezember 1920 morgens kam Adolf Hitler zu mir nach Augsburg und bat mich, beim Kauf des Blattes die Bürgschaft zu übernehmen, weil die Partei kein Geld hatte. Ich sagte zu und fuhr mit ihm nach München zum Notariat (-Dr. Theodor Scherer?-), wo die Verbriefung stattfand." (BArch Berlin: NS26/514, S.588/Bl.3 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Der notarielle Erwerb des antisemitischen Hetzblattes Völkischer Beobachter findet am 17. Dezember 1920 in München statt; Gottfried Grandel übernimmt bei dieser kurzfristig anberaumten Kauf-Aktion eine hohe, nahezu hälftige Bürgschaft für die NSDAP.
Auffallend in dem zeitlichen Zusammenhang ist hier der Eintrag vom 15. Dezember 1920 in das Posteingangsbuch der Münchener NSDAP:
"Untersuchungsrichter Landgericht München II - Anfragen betreffend Glauer. - Beantwortung d. Hr. Hitler - Postscheck-Amt: Zusendung einer Zahlkarte über 45.- für Orbock (-?-) & Walter, Straubing." (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.521 v. 15.12.1920)
Mit dem Namen Glauer ist Rudolf von Sebottendorff gemeint, der bei den Behörden unter dem bürgerlichem Namen Adam Alfred Rudolf Glauer registriert ist. Rudolf Glauer, alias v. Sebottendorff, gerät durch das Schreiben des Münchener Landgerichts offenbar in akute Schwierigkeiten. Rückblickend notiert er in seiner Buchveröffentlichung:
"Hatten sich jene sieben Thule-Leute (-durch Erschießung im Luitpold-Gymnasium seitens Angehöriger der Roten Armee vom 30. April 1919 während der Münchener Räte-Republik-) für die Idee geopfert, so mußte Sebottendorff sich für die Bewegung opfern, er mußte (-am 31.7.1919-) gehen, um nicht die zarte Pflanze zu ersticken. Wohl wäre es ihm möglich gewesen, seine Nichtschuld nachzuweisen, aber der Staub, den die herrschenden Parteien aufgewirbelt hätten, hätte alles bedeckt, es wäre die Thule(-Gesellschaft-), der (-Völkische-)Beobachter, die (-nationalsozialistische-) Partei vernichtet worden." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.170 - 1933)
Ein undatiertes Schreiben von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff greift diese Übergangsphase ebenfalls auf:
"Durch den Geiselmord (-zum Ende der Münchener Räte-Republik am 30. April 1919-) und die Freikorpssache (-Germanenorden-Gründung des Freikorps Oberland-) war Sebottendorf bekannt geworden und er erschien den Marxisten und den Juden als der gefährlichste Gegner, der also zu vernichten war.(...) Sebottendorf ging (-am 31.7.1919-) aus München fort, um diese Angriffe auf sich zu nehmen, die Geldgeber, deren Namen man erfahren wollte zu schützen, aber vor allem, weil in dem (-ab September 1919 in München-) kommenden Geiselmordprozess Dinge zur Sprache von der Gegenseite gebracht worden wären, die geheim bleiben mussten. Der Vertreter der Anklage, Oberstaatsanwalt Hoffmann, hat das Sebottendorf angeraten und nur gebeten, dass für den äussersten Fall er sich bereithalten solle, die Zeugenschaft abzulegen. Im Oktober (-30. September 1919-) bildete, da Sebottendorf und auch Frl. (-Käthe-) Bierbaumer nicht mehr im Stande waren, den Ansprüchen des Verlages gerecht zu werden, er mit seiner Schwester Frau Dora Kunze (-geb. Glauer-) und Frl. Bierbaumer eine G.m.b.H. und überliess der Partei 50.000 Anteile, 20.000 Bargeld. Damit schied er aus der Bewegung aus." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/2234, Bl.16, undatiert)
So kommt es zwei Tage nach dem Schreiben des Münchener Landgerichts zum Notverkauf des Völkischen Beobachters an die NSDAP.
In einem späteren Klageverfahren vor der Münchener Wiedergutmachungsbehörde fordert Käthe Bierbaumer aus Österreich die Rückgabe des ehemaligen Zentralverlages der NSDAP:
"Die Klägerin führt in ihrer Klage - nach der 'Neuen Wiener Tageszeitung' - aus, sie sei seinerzeit die Hauptbesitzerin des sogenannten Eher-Verlages gewesen, doch seien ihr die Anteile durch die Nationalsozialisten mit List entzogen worden. Der Hauptschuldige dieser Transaktion sei der Verfasser des Parteiprogramms, Gottfried Feder, gewesen." (Digitalisiert auf : Honnefer Volkszeitung, S.3 v. 28.3.1950)
Es wird dabei kein Zufall gewesen sein, dass sich die offiziellen Anteilseigner Sebottendorffs, seine Freundin Käthe Bierbaumer und Schwester Dora Kunze, bei ihrer Auszahlung ausgerechnet mit Gottfried Grandel in finanzielles Benehmen setzen müssen: Genau ihre Anteile deckt die am 17. Dezember 1920 von Dr. Grandel unterzeichnete Bürgschaft ab.
Im Zusammenhang mit der daraufhin erfolgten Inanspruchnahme der von ihm eingegangenen Bürgschaftserklärung erwähnt Gottfried Grandel in einem späteren Schreiben an das ehemalige Germanen-Orden?/Thule-Mitglied, den Münchener Verleger Georg Grassinger:
"Auf meine Anfrage haben Sie mir unterm 19. ds. mitgeteilt, dass Ihnen die Adresse des Herrn Rudolf von Sebottendorff, des Verfassers des in ihrem Verlage erschienenen Buches 'Bevor Hitler kam' nicht bekannt sei. Da mir bekannt ist, dass Herr von Sebottendorff aus bestimmten Gründen (-Befürchtung einer nach der Buchveröffentlichung erneuten Inhaftierung durch die Gestapo bzw. Konfrontation zu Adolf Hitlers Ablehnung von Geheimorden-) gerne inkognito bleiben will, so erlaube ich mir, einen an ihn gerichteten Brief beizulegen mit der höfl. Bitte, denselben weiterleiten zu wollen. Es ist aber möglich, dass Ihnen die Adresse seiner Schwester, Frau Dora Kunze bekannt ist oder die von Frl. Bierbaumer. Diese beiden Damen waren Mitbesitzerinnen des 'Völkischen Beobachters', ehe derselbe an die NSDAP überging. Ich übernahm damals zusammen mit Herrn Dietrich Eckart die Bürgschaft für die Zahlung des Kaufpreises und ich wurde von Herrn Sebottendorff, Frl. Bierbaumer (-Freundin/Tochter? von Sebottendorff-) und Frau Kunze (-Schwester von Sebottendorff-) bald danach dafür in voller Höhe in Anspruch genommen und habe die ansehnlichen Beträge an diese drei Personen ausbezahlt.(...) Bei früheren Haussuchungen (-gescheitertes Seeckt-Attentat 1924?-) sind mir durch die Kriminalpolizei die diesbezüglichen Unterlagen und Urkunden weggenommen worden und nicht zurückerstattet worden. Sie sind aber jetzt (-finanziell-) von größter Bedeutung für mich geworden und ich möchte mich dieserhalb an Herrn v. Sebottendorff oder an eine der oben erwähnten Damen wenden zwecks Erlangung einer Bestätigung darüber, dass ich die Summen an sie ausbezahlt habe. Sie werden daher verstehen, dass es für mich sehr wichtig ist, mit einer der drei Personen oder mit allen Dreien in Verbindung zu kommen und ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie mir dazu verhelfen könnten."(Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: 3807/67, ZS-50-8/9 - Dr. Grandel an Georg Grassinger v. 21.11.1940)
Am 15. Dezember 1920 spitzt sich die Lage für die Hauptanteilseigner weiter zu:
"Anfragen betreffend Glauer (-Sebottendorff-) - Beantwortung durch Hr. Hitler (-an den-) Untersuchungsrichter Landgericht II" (BArch Berlin: NS26/222 NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.521 v. 15.12.1920)
Doch die parteipolitisch konkurrierende, bayerisch-separatistisch ausgelegte Deutsch-nationale Volkspartei signalisiert in dieser Situation angeblich durch Graf v. Bothmer Mitte Dezember 1920 auch ihrerseits eine eigene Kaufabsicht. Als Verleger von Die Wirklichkeit und Gastautor von Auf gut deutsch hat v. Bothmer bereits Erfahrungen mit dem von Dietrich Eckart 1916 gegründeten Verlag Hoheneichen sammeln können, war jedoch an den 1917 erteilten Verbotsbestimmungen durch das Reichskriegsministerium gescheitert.
Der umtriebige v. Bothmer ist dem Propagandisten Adolf Hitler seit 1919 auch aus der Reichswehr bereits bekannt:
"Bothmer hatte den Propagandakurs geleitet, an dem Hitler (-im Sommer-) 1919 teilgenommen hatte." (Weber: "Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde", S.312 - 2016)
Georg Grassinger berichtet über diese Phase:
"Der Verlag war durch die Inflation in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Vorher hatte die Deutsch-Sozialistische Partei durch Grassinger und den Jesuitenpater Professor (-Bernhard-) Stempfle versucht, Herrn (-Gustav-) von Kahr und seine Partei für einen Ankauf der Anteile des Eher-Verlages GmbH und damit der Zeitung 'Völkischer Beobachter' zu gewinnen, was jedoch nicht gelang. - Die Nationalsozialisten hatten systematisch darauf hingearbeitet, den Verlag in ihre Hände zu bekommen, indem sie nach und nach die Hälfte aller Gesellschaftsanteile aufkauften." (Digitalisiertz auf ifz-muenchen.de: Grassinger, Georg, ZS-50-3 ff - Protokoll Georg Franz über Georg Grassinger v. 19.12.1951)
Als Adolf Hitler am 16. Dezember 1920 spät abends, vermutlich durch einen Anteilseigner des Blattes, über die zugespitzte Situation um den Völkischen Beobachter Kenntnis erlangt, wird er aktiv. War die Verlags-Redaktion bislang der NSDAP gegenüber wohlgesonnen gewesen, könnte sich dies nach einer Übernahme durch einen parteipolitischen Mitbewerber nun ändern, befürchtet der NSDAP-Propagandist Adolf Hitler.
So wird in einer sprichwörtlichen Nacht-und-Nebel-Aktion am 17. Dezember 1920 frühmorgens um 2 Uhr der NSDAP-Vorsitzende Anton Drexler von Adolf Hitler informiert; dieser berichtet später:
"Es hieß, Graf Bothmer und Gottfried Feder wollten V.B. (für separatistische Zwecke, sagte Drexler an anderer Stelle-) aufkaufen. Ich glaubte das von Feder damals nicht." (NSDAP-Hauptarchiv, 23.1.1936, HICM, File 78, reel 3 + Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.280 - 2000)
Die von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff instalierter Inhaberin des Eher-Verlags berichtet später:
"Sie (-Käthe Bierbaumer-) erklärte, daß sie die Hauptbesitzerin des sogenannten Eher-Verlages gewesen sei. Doch hätten ihr die Nazis durch den Verfasser des Parteiprogrammes (-Brechung der Zinsknechtschaft-), Gottfried Feder, den Verlag durch List entzogen." (Digitalisiert auf deutsche digitale bibliothek.de: Schwerter Zeitung, Nr.37, S.2 - "Oesterrreicherin verlangt Rückgabe des Eher-Verlages" v. 27.3.1950)
Dietrich Eckart wird daraufhin um 8 Uhr misslaunig aus dem Schlaf geklingelt. Drexler selbst hält zwar die Kaufabsicht Hitlers für unseriös, gar für größenwahnsinnig, doch erklärt Dietrich Eckart ihm schließlich seine Bereitschaft zur Unterstützung:
"Nach etlichen Monaten trat Drexler an mich heran (-17. Dezember 1920-) mit dem Wunsch, ich möchte der Partei bei der Erwerbung des 'Völkischen Beobachter' behilflich sein. Das tat ich auch und zwar teils aus eigenen Mitteln, teils unter Mithilfe von Gesinnungsgenossen (-General v. Epp/Dr.Grandel-)." (Barch NS 26/2180 - Erklärung Eckart bei poliz. Vernehmung, S.2 v. 15.11.1923)
Mit der Zusage Dietrich Eckarts im Gepäck reist Adolf Hitler derweil mit dem Frühzug von München nach Augsburg, um seinen wichtigsten Förderer von der Notwendigkeit des schnellen Handelns zu überzeugen. Über den Gesprächsverlauf liegen keine überlieferten Aussagen vor. Denkbar wäre es jedoch, dass Hitler den finanzstarken Dr. Grandel erst einmal in einem längeren Vortrag nach einem bewährtem Muster überzeugen muss:
"Ich habe Sie gebeten (...). Ich sage Ihnen nun jetzt, daß Sie nicht berechtigt sind, dies abzulehnen, sondern daß Sie die Verpflichtung haben, sich mir voll und ganz zur Verfügung zu stellen. Die Ausrede (...) lasse ich nicht gelten, denn was nützt Ihnen eine (...) Stellung, wenn Sie eines schönen Tages von den Bolschewisten am nächsten Laternenpfahl aufgehängt werden!" (Noller: "Facsimile Querschnitt - Völkischer Beobachter" - Hitler zu Max Amann, S.4 - 1980)
Dr. Grandel scheint durch Adolf Hitler leicht beeinflussbar zu sein. In einem späteren Gerichtsprozess gesteht der Fabrikant seinem medizinischen Gutachter Dr. Stoermer:
"."
Obwohl Gottfried Grandel über die desaströse Situation des Völkischen Beobachters genau im Bilde ist, begeben sich beide Nationalsozialisten im Ergebnis noch am selben Tag auf den Weg zu einem Notar in München.
Schon am Nachmittag unterzeichnet Gottfried Grandel dort, gegen seine ursprünglich verschriftlichte Überzeugung, eine Bürgschaftserklärung über 56.500,- RM zum Kauf des Völkischen Beobachters. Dies entspricht nahezu der Hälfte des veranschlagten Kaufpreises von 115.000 RM, wobei die übernommene Schuldenlast noch deutlich höher liegt.
Reguläre Bankkredit-Vereinbarungen sind aufgrund der Kurzfristigkeit und desolaten Wirtschaftssituation des Eher-Verlages keine Option. In seinen Ausführungen an das NSDAP-Hauptarchiv erinnert sich Dr. Grandel an die Begleitumstände:
"Am 17. Dezember 1920 morgens kam Adolf Hitler zu mir nach Augsburg und bat mich, beim Kauf des Blattes die Bürgschaft zu übernehmen, weil die Partei kein Geld hatte. Ich sagte zu und fuhr mit ihm nach München zum Notariat, wo die Verbriefung stattfand. Ich unterzeichnete dort im Beisein von Anton Drexler die Bürgschaftserklärung. Ausser mir gab auch Dietrich Eckart eine solche ab. Der Beo wurde für Mark 115,000.- übernommen." (BArch Berlin: NS26/514, S.588/Bl.3 - Dr. Grandel an das Hauptarchiv der NSDAP v. 22.10.1941)
Auch der damalige DAP-Parteivorsitzende Anton Drexler berichtet dem Hauptarchiv der NSDAP am 23. Januar 1936:
"Schon am Nachmittag des 17. Dezember wird beim Notar der Kauf des Völkischen Beobachters protokolliert. Ich setzte an diesem Nachmittag meine Unterschrift unter eine Schuldenlast von 86.000 RM, obwohl ich vollständig vermögenslos war und einen Wochenverdienst von rund 30 RM hatte." (HICM, File 78, Reel 3 + Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.280 - 2000)
Im Konflikt Germanen-Orden vs. Hitlerbewegung stellt v. Sebottendorff später fest:
"Nach einer Eintragung vom 17. Dezember 1920 waren alle Anteile, bis auf die von Frl. Käthe Bierbaumer und Frau Dora Kunze, in der Hand von Anton Drexler." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.195 - 1933)
Im Vorwege hatte auch Dietrich Eckart über Beziehungen zu General v. Epp einen zweckentfremdeten Reichswehrfond-Kredit in Höhe von 60.000,- RM ermöglichen können. Für dessen Rückzahlung haftet er jedoch mit seinem ganzen persönlichen Eigentum.
Der bisherige Verantwortliche von Auf gut deutsch wird dann auch im Jahr nach dem Erwerb des Völkischen Beobachters dessen neuer Herausgeber.

(Völkischer Beobachter v. 28.7.1921 + Reich: "Dietrich Eckart: ein deutscher Dichter und Vorkämpfer", S.84 - 1934 + Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.299 - 2000)
Der "Beo" erscheint nun zweimal wöchentlich, ab dem 8. Februar 1923 täglich und reichsweit. Kurz nach der Übernahme verkündet das bis dahin parteilose Blatt in der Doppelausgabe vom 25. Dezember 1920:
"Die nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hat den 'Völkischen Beobachter' unter schwersten Opfern übernommen, um ihn zur rücksichtslosesten Waffe für das Deutschtum auszubauen gegen jede feindliche undeutsche Bestrebung." (Völkischer Beobachter, Jg. 34, Nr.110/111, S.2 v. 25.12.1920)

Titelblatt-Karrikatur nach NS-Kauf - 25. Dezember 1920 (Noller/v. Kotze: "Fracsimile Querschnitt durch den Völkischen Beobachter" S.33 - 1967 + historisches-lexikon-bayern.de: Völkischer Beobachter)
Schon in der vorherigen Ausgabe heißt es, die NSDAP sei die "in Wirklichkeit heute die ganze völkische Bewegung bestimmende Organisation".
In einem Dankschreiben an seinen Förderer Dietrich Eckart, welches in ähnlicher Ausführung vermutlich auch an den Bürgen Dr. Grandel übersandt wurde, schreibt Hitler:
"Lieber Herr Eckart! Nach der nun endlich erfolgten Übergabe des 'Völkischen Beobachters' an die Partei, will ich Ihnen, lieber Herr Eckart, für die uns noch in letzter Minute gewährte große Hilfe auch auf diesem Wege meinen wärmsten Dank zum Ausdruck bringen. Ohne Ihr hilfreiches Einspringen wäre die Sache vermutlich nicht so gekommen, ja ich glaube, daß wir damit auch die beste Aussicht, eine eigene Zeitung zu gewinnen, wohl auf viele Monate hinaus verloren hätten. Ich hänge nun selber so mit Leib und Seele an der Bewegung, daß Sie sich kaum denken können, wie glücklich ich infolge der Erreichung dieses bisher so ersehnten Zieles bin, und wie sehr es mich drängt, Ihnen für dieses heutige Glück meinen tiefgefühlten Dank auszudrücken.
In treuer Verehrung Ihr Adolf Hitler"

Nach Abwicklung von "Auf gut deutsch": Dietrich Eckart in dem neuen Redaktionsraum des Völkischen Beobachters - 1921 (Aus Reich: "Dietrich Eckart: Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer", S.84 - 1934)

Dichter und Chefredakteur: Dietrich Eckart - 1921 (Aus Reich: "Dietrich Eckart: Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer", S.95 - 1934 + Bay. Staatsbibliothek: hoff-874 / Hoffmann, Heinrich)
In einem seiner ersten Leitartikel für die Zeitung beschreibt Adolf Hitler die Wichtigkeit des finanziellen Wagnisses:
"Soll aber eine Bewegung mit Erfolg Aufklärung in die breitesten Massen unseres Volkes hineintragen, dann genügen auf die Dauer nicht Versammlungen, Sprechabende und Aufklärungskurse, die stets nur einem beschränkten Kreis von Zuhörern zugänglich sein werden, sondern dann muß hier auch die schärfste Waffe in den Dienst der völkischen Aufklärung eingesetzt werden: Die Presse." (V.B., Jg.35, Nr.8/9 v. 27./30.1.1921)
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(BArch: Plak 002-039-032 / Volk und Schreiber, München)
Schon kurz nach dem Kauf kommen nach Dr. Grandels Darstellung drei Personen zu ihm nach Augsburg und lassen sich als ehemalige Gesellschafter des Völkischen Beobachters in voller Bürgschaftshöhe auszahlen.
Am 21. November 1940 schreibt er diesbezüglich dem ehemaligen Münchener Thule-Mitglied, Gründer der DSP und Inhaber der Deutschen Kunst- und Verlagsanstalt, Hans Georg Grassinger:
"Ich übernahm damals zusammen mit Herrn Dietrich Eckart die Bürgschaft für die Zahlung des Kaufpreises und wurde von Herrn von Sebottendorff, Frl. Bierbaumer und seiner Schwester Frau Dora Kunze bald danach dafür in voller Höhe in Anspruch genommen und habe die ansehnlichen Beträge an diese drei Personen ausbezahlt. Herr Dietrich Eckart ist für die Kaufsumme oder einen Teil derselben nicht in Anspruch genommen worden und hat auch nichts bezahlt." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: ZS-50-8, Grassinger, Georg - Dr. Grandel an Georg Grassinger v. 21.11.1940)
Gottfried Grandels finanzielles Engagement des Jahres 1920 bezieht sich neben Eckarts Zeitschrift "Auf gut deutsch" nun auch auf ein weiteres völkisch-antisemitisches Hetzblatt, welches für München regelmäßig erscheint: Den Völkischen Beobachter.
Für Dr. Grandel ist dies nun eins zu viel. Eckart gibt später zu Protokoll:
"Wieder etwas später liess ich meine Zeitschrift 'Auf gut deutsch' eingehen und übernahm die verantwortliche Schriftleitung des Völkischen Beobachters." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/2180, Erklärung Eckart bei poliz. Vernehmung, S.7/8, Bl.2/3 v. 15.11.1923)
Schon im Januar 1921 fordert Gottfried Grandel diesbezüglich Unterlagen von der NSDAP-Geschäftsstelle in München, die von Anton Drexler erteilt wird. Im Rahmen einer Mitgliederversammlung vom 26. Januar 1921 ergeht folgender Beschluss:
"Eine im Brieftagebuch (Nr.623/624) nicht näher beschriebene 'Vollmacht' und einen 'Bericht über die Vermögenslage des Beo'." (Tyrell: "Vom Trommler zum Führer", S.280 + BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, NSDAP-Posteingangsbuch)
Der Brief wird noch am selben Tag im Original weitergeleitet an den NSDAP-Vorsitzenden Anton Drexler, zugleich eine Vollmacht an Dr. Grandel nach Augsburg versandt.
Dieser kündigt daraufhin am 1. Februar 1920 kurzfristig sein Kommen in München an:
"Dr. Grandel, Augsburg - Spricht im nächsten Diskussionsabend." (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.635 v. 1.2.1921)
Diese Initiative Grandels steht offenbar im direkten Zusammenhang mit der Auszahlung seiner Bürgschaftserklärung. In dem späteren Briefwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv führt Gottfried Grandel dazu weiter aus:
"Bald darauf kamen die Vorbesitzerinnen Frau Dora Kunze und Frl. Käthe Bierbaumer zu mir nach Augsburg und verlangten auf Grund meiner Bürgschaft Zahlung ihrer Forderungen, weil die Partei nicht zahlen konnte. Ich zahlte damals an
Frl. Bierbaumer Mark 46.500.-
Frau Kunze Mark 10.000.-
zusammen Mark 56.500.-
Dietrich Eckart wurde, da er kein Geld hatte, für seine Bürgschaft nicht in Anspruch genommen. Von den damaligen Redakteuren lernte ich Wieser, Sesselmann und Maurer kennen. Ich schrieb einigemale für den Beo. Auf mein Drängen übernahm Eckart zögernd die Schriftleitung des Beo, obwohl er jahrelang Redakteur des Berliner Lokalanzeigers gewesen war und Erfahrungen im Zeitungsfach hatte." (BArch Berlin: NS26/514, S.588/Bl.3 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Seit dem Jahreswechsel 1920/21 legt Gottfried Grandel auf die Wirtschaftlichkeit des Völkischen Beobachters großen Wert, doch die scheint vorerst unerreichbar. Die Anzeigen-Einkünfte bleiben überschaubar, sodass der Vorwärts süffisant in einer seiner Ausgaben vermerkt:

(Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.154, S.3 v. 1.4.1931)
Über die Ausgabe von 10 RM-Schuldscheinen wird 1921 zunächst versucht, die durch den Kauf des Zeitung schwierige Finanzlage der Partei zu entspannen. Mit der Aufschrift:
"Deutsche Volksgenossen: Sorgt für die Schaffung einer germanische Presse"
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(Fotografie im Privatbesitz)
Es wird jedoch nur bei den Ariern um finanzielle Unterstützung geworben. Dabei schützt die bayerische Landesregierung die Verlagsredaktion vor so mancher Verbotsverfügung:
"Wie die Schutzverordnung in Bayern gehandhabt wird. Die ersten Zeitungsverbote, welche in Bayern auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten erlassen sind, betreffen die beiden Organe der kommunistischen Partei, die 'Neue Zeitung' in München und die 'Bayerische Arbeiterzeitung' in Augsburg. Der 'Mießbacher Anzeiger' und der 'Deutschvölkische Beobachter' dürfen unbehelligt weiterhetzen. Die bayrische Regierung treibt da ein gefährliches Spiel, das unabsehbare Folgen nach sich ziehen kann." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Sozialdemokrat, Nr.166, S.4 v. 18.7.1922)
Der Alldeutsche Verbandsvorsitzende Heinrich Class bringt in seinen unveröffentlichen Erinnerungen von 1936 seine Enttäuschung zum Ausdruck, dass es der von ihm politisch favorisierte Vorsitzende der Deutsch-Nationalen Volkspartei, Alfred Ernst Hugenberg, im Gegensatz zu Adolf Hitler, nicht zum Kanzler der Weimarer Republik schaffte. Dieser Umstand beschäftigte Heinrich Class besonders, da Alfred Hugenberg mit seinem Medienkonzern große Teile der deutschen Presselandschaft kontrollieren konnte. Als wesentlichen Grund für Adolf Hitlers Vorsprung benennt Class rückblickend Alfred Hugenbergs offene Flanke:
"... zu diesem Nachteil kam ein anderer, der sich zum Schaden Hugenbergs und der von ihm vertretenden Sache verheerend auswirkte.(...) Und dies hängt auf Engste mit der Wahl zusammen, die Hugenberg in der Betreuung des Zeitungsfachmannes Ludwig Klitzsch mit der Leitung des sog. Scherl-Konzerns getroffen hatte. Aus den Mitteln des nationalen Zweckvermögens, das auf Hugenbergs Betreiben die Schwerindustrie aus ihren Kriegsgewinnen zusammengebracht hatte, war der in Schwierigkeiten geratene Verlag der August Scherl G.m.b.H erworben worden.(...) Es ist ganz ausser Zweifel, dass Klitzsch eine kaufmännische Kraft allerersten Ranges ist und dass er geschäftlich den grossen Scherl-Betrieb in Ordnung gebracht, wahrscheinlich gerettet hat. Aber er war nur Kaufmann. Politisch ein unbeschriebenes Blatt, gleichgültig, im günstigsten Falle landläufig national, aber ohne Verständnis für Hugenbergs grosse politischen Gedanken und leider auch ohne Sinn für die ausserordentliche kulturelle Bedeutung eines Zeitungsunternehmens, das schliesslich in die Hände des nationalen Zweckvermögens genommen worden war, um nationale Politik zu machen und die deutschen Kulturbestrebungen zu fördern.(...) Der gewesene Anzeigenfachmann hielt an seiner Erfahrung fest, dass der Anzeigenteil das geschäftliche Gedeihen eines Blattes entscheide; er vertrat die Auffassung, dass politische Zeitungen nicht lebensfähig seien, erst recht nicht nationalpolitische. Er erklärte solche Blätter für Zuschuss-Unternehmungen und hatte damit nach meinen eigenen Erfahrungen recht.(...) Der Anzeigenteil bestimmte alles, d.h. dass Klitzsch wegen der jüdischen Anzeigen nicht zuliess, dass in irgend einem Teile der Zeitung die Judenfrage auch nur gestreift wurde. Dies kam darauf hinaus, dass das Blatt, ja der ganze Verlag des Partei-Vorsitzenden (-Hugenberg-) in der Frage, die zur elementarsten der deutschen, der völkischen Entwicklung geworden war, völlig versagte. Nun stand zweifellos der weitaus grösste Teil der Mitglieder der D.N.V.P. dem Judentum feindlich gegenüber. Es wurde dem Partei-Vorsitzenden zum Vorwurf gemacht, dass 'sein' Blatt gegen die Juden peinlich schweige. In derselben Zeit entfaltete die N.S.D.A.P. eine von ihrem ganzen Fanatismus erfüllte Tätigkeit, um über die Sünden des Judentums am deutschen Volke Aufklärung zu verbreiten. Wen konnte es wundern, dass im zunehmenden Masse Deutschnationale, verstimmt durch solche Gleichgültigkeit in einer Lebensfrage unseres Volkes, zur N.S.D.A.P, übertraten." (BArch Berlin: N2368/3, Microfilm - Lebenserinnerungen Heinrich Class: "Wider den Strom" - Nachtrag, S.54/55 - 1936)
Das finanzielle Engagement Dr. Grandels hinterlässt nicht nur im politischen Betrieb deutliche Spuren; auch in der eigenen Firma ist die Verlagerung seiner Aufmerksamkeit mittlerweile deutlich spürbar:
"Im Sommer 1923 ging das Geschäft des Dr. G.(-randel-) schlecht und er schimpfte, dass keine Aufträge hereinkämen." (Prokurist Josef Rupp lt. Gutachten des Berliner Gerichtsmediziners Dr. Stoermer, S.2 v. 25.3.1924)
Der Völkische Beobachter dient den Nationalsozialisten nun ungefiltert als vorbereitendes Organ in der politischen Auseinandersetzung und den Gegnern aufgrund der inhaltlich extremen Standpunkte somit als Grundlage für verschiedene Verbotsverfahren. Die vielen rechtlichen Auseinandersetzung haben auch gegenüber der Druckerei ihren Preis:
"Mahnbrief (...) v. 22.5.1923. Danach wies das Konto ein Minus von 73 Millionen Mark aus; der gewährte Kredit von 30 Millionen war um 43 Millionen Mark überschritten worden." (Ullrich: "Adolf Hitler - Die Jahre des Aufstiegs", FN 580, + BArch Koblen:, N 1128/6+8)
Im Rahmen des Gesetzes zum Schutz der Republik vom 21. Juli 1922 beschließt der Bremer Senat nach Preußen, Baden, Thüringen, Mecklenburg-Schwerin und Hamburg am 13. Februar 1923 ein solches NSDAP-Betätigungsverbot auch für das bremische Staatsgebiet. Begründet wird dieses Vorgehen in einem Senatsbeschluss wie folgt:
"So heißt es in Nr.32 des 'Völkischen Beobachters', der das offizielle Kampfblatt der Partei ist und dessen Äußerungen und Berichte daher als solche der Partei angesehen werden müssen:
'daß die Demokratie grundsätzlich etwas nichtdeutsches, sondern etwas jüdisches sei und daß die Jüdische Demokratie der Majoritätsbestimmungen immer und jederzeit nur Mittel gewesen sei zur Vernichtung der tatsächlichen arischen Führerschaft.'
In Nr. 87/1922 derselben Zeitschrift wird gesagt:
'Demokratie sei Judenherrschaft, denn nicht das Volk herrsche, sondern die öffentliche Meinung, wie sie dem Volke durch die den Juden gehörige Presse eingeflößt werde. Die Demokratie sei nur Mittel zum Zweck der Herbeiführung der Judenherrschaft.'
In Nr. 88/1922 wird von einer Versammlung berichtet, in der Hitler die Äußerung getan habe,
'die Demokratie sei verschleierte Judenherrschaft' und angefügt 'die Demokratie ist die Bresche, die das Judentum ins deutsche Herz schlug, das Blut vergifte durch den vorgegaukelten Mammonismus, der unser glückliches Volk in Todesnot brachte.'(...)
In Nr. 97 des 'Völkischen Beobachters' wird in dem Leitartikel aus der Rede Hitlers in einer öffentlichen Parteiversammlung auszugsweise folgender Satz wiedergegeben:
'Wir glauben nicht an Majoritäten, sondern an die Energie der Minorität; wir haben den heiligen Glauben an unser Volk und kein Teufel wird uns daran hindern, es wieder frei zu machen.'"
September 1923
Am 27. September 1923 titelt der Völkische Beobachter:
"Die Diktatoren Stresemann - Seeckt."
Der Autor bezeichnet die beiden ranghohen Vertreter der jungen Demokratie als "Volksfeinde". Der Artikel beinhaltet darüber hinaus antisemitische Angriffe, sowohl gegen den Reichskanzler, als auch den Chef der Reichswehr und deren Ehefrauen. Generaloberst v. Seeckt verlangt daraufhin, den Völkischen Beobachter zu verbieten, für dessen Inhalt sich Dietrich Eckart verantwortlich zeichnet.

Silberpaar v. Seeckt in Konstantinopel - 3. Juni 1918 (v. Rabenau: "Seeckt - Aus seinem Leben 1918-1936", S.14 - 1940)
Der bayerische Ministerpräsident, Gustav Ritter v. Kahr, weigert sich hingegen, dem Befehl v. Seeckts Folge zu leisten.
In einer ersten Seeckt-Biographie von 1940 wird über diese heikle Phase deutscher Innenpolitik berichtet:
"Am 27. folgte im 'Völkischen Beobachter' ein Artikel mit der Überschrift: 'Die Diktatoren Stresemann und Seeckt.' In dieser Überschrift lag ein, wenn auch damals sehr begreiflicher Irrtum. Stresemann und Seeckt haben niemals recht zusammenarbeiten können.(...) Es war dann im Artikel des 'Völkischen Beobachters' allerdings erwähnt, daß Seeckt voraussichtlich seinen Partner bald beseitigen und seine Freunde, darunter den Grafen Schulenburg, zur Diktatur heranziehen würde. Der Artikel enthielt ferner Angriffe gegen Seeckt, die aus der Spannung der damaligen Zeit heraus durchaus verständlich waren, aber wie das Seeckt bei seiner verschlossenen, wenig die Aufklärung in der breiten Öffentlichkeit anstrebenden Art so leicht widerfuhr, doch auf Mißverständnissen aufgebaut wurden. Seeckt wollte und konnte sich die Angriffe nicht gut gefallen lassen, wenn er nicht die Autorität seiner Stellung gefährden wollte. Ob es eine sehr glückliche Maßnahme war, sei dahingestellt, jedenfalls erließ Geßler ein Verbot des 'Völkischen Beobachters'." (v. Rabenau: "Seeckt - Aus seinem Leben 1918-1936", S.355/356 - 1940)
Weiter wird in diesem Zusammenhang berichtet:
"Bayern steht in unleugbarem Konflikt mit dem Reiche. Es ist nicht ein Streit um die Auslegung irgend eines Rechtsparagraphen, diesmal greift der Konflikt an die Grundlagen der Staatshoheit und der Reichsverfassung . Die Ursache des Konflikts ist lächerlich klein. Bayern hatte am 26. September (-1923-) seinen Ausnahmezustand erklärt, um mit Generalstaatskommissar von Kahr einen Mann an die Spitze des Staates zu kriegen, der die gewaltig anschwellende nationale Bewegung einfangen, mit seiner Autorität sie beherrschen und damit die gefährdete Staatsantorität gegen rechts und links herstellen könnte. Der bayrische Staatskommissar erklärte in seiner ersten Kundgebung, daß er mit der nationalen Bewegung gehen, rechts regieren und den Marxismus mit allen Mitteln bekämpfen würde. Ein findiger sozialdemokratischer Journalist hat zuerst von dem Beschluß der bayrischen Regierung Wind bekommen, ihn sofort seinen Parteifrennden in Berlin und (-Friedrich-) Ebert mitgeteilt. Der Reichspräsident berief noch in derselben Nacht eine Kabinettssitzung und wenige Stunden nach der bayrischen kam die Reichserklärung des Ausnahmezustandes. Der demokratische Zylindersoldat, der frühere Oberbürgermeister von Nürnberg und jetzige Reichswehrminister Geßler wurde zum militärischen Reichsdiktator ernannt. Stresemann beruhigte am Tag darauf den bayrischen Ministerpräsidenten, der natürlich, wie alle Welt, den Schritt der Reichsregiernng als Affront gegen Bayern aufgefaßt hatte, mit der Versicherung: 'Die beiden Ausnahmezustände können reibungslos nebeneinander laufen.' Ganz gewiß war das in der Theorie möglich, in der Praxis nur dann, wenn beiderseits keine Dummheiten gemacht wurden. Da kam schon am zweiten Tag das Unglück. Der 'Völkische Beobachter' hatte noch vor Verhängung des Ansnahmezustandes den Oberkommandierenden der Reichsarmee, General v. Seeckt, angegriffen, den man wegen seiner politischen und sonstigen Verschlossenheit in Berlin die Sphynx mit der Pickelhaube nennt. Das nationalsozialistische Blatt hatte dabei behauptet, die Frau Seeckts sei eine Jüdin. Ich weiß nicht, ob dies wahr ist, im Zweifelsfall möchte ich es bejahen, so lange, bis ich ihren Taufschein gesehen habe. Jedenfalls ist Frau von Seeckt eine körperlich zwar kleine, aber dicke, nicht schöne, aber gefürchtete Dame, die richtige Kommandeuse, wie sie Romanschreiber in bissiger Satire schildern. Sie ist zungengewandt und ehrgeizig, man fürchtet sie mehr, als man sie liebt. Seeckt forderte nun von dem in Bayern durch den Reichsdiktator zum Inhaber der obersten militärischen Gewalt bestellten Wehrkreiskommandanten General v. Lossow das Verbot des 'Völkischen Beobachters'. Das war ein politischer Akt, der polizeiliche Hoheiten des bayrischen Staates in Anspruch nehmen mußte, denn ohne Polizei war der 'Völkische Beobachter' nicht zu verbieten. Lossow sprach mit der bayrischen Regierung und dem Generalstaatskommissar. Beide erklärten ein Verbot des 'Völkischen Beobachters' in dem Augenblick für unmöglich, wo der Generalstaatskommissar die Sammlung aller vaterländischen Organisationen und die Leitung der ganzen vaterländischen Bewegung begonnen hatte. Das Verbot des Blattes hätte den schärfsten Kampf gegen die nationalsozialistische Bewegung bedeutet, der umso schwieriger geworden wäre, weil der Grund zum Kampf ein so lächerlicher war. Seeckt und der Reichswehrminister aber versteiften sich auf den Befehl, Lossow müsse gehorchen oder gehen, weil er sich gegen die bayrische Regierung und gegen den bayrischen Generalstaatskommissar nicht durchsetzen wolle und könne. Das war eine unmögliche Situation: Die bayrische Reichswehr gegen die bayrische Regierung. Da fuhr Geßler nach Augsburg und stieß dort wilde Drohungen gegen Bayern aus. Die Reichsregierung werde Bayern kein Geld mehr geben, das Reich gegen Bayern abriegeln, die Bahn und Post nicht mehr von Bayern benützen lassen und andere schöne Dinge mehr. Das goß Oel ins Feuer. Die Bayrische Regierung erklärte: General v. Lossow bleibt und verpflichtet die bayrische Reichswehr als Treuhänderin des Reiches auf ihr Regierungsprogramm. So ist der Konflikt Bayerns mit dem Reich und der Konflikt Seeckt-Lossow entstanden. Die beiden haben sich nie gemocht. Sie waren in Konstantinopel beisammen und haben sich nicht riechen können. Die Kommandeuse Seeckt war in München und befahl dem Untergebenen Lossow, ihr einen Kraftwagen der Reichswehr zu ihren Vergnügungsfahrten zur Verfügung zu stellen. Lossow lehnte ab, weil er Reichskraftwagen nur für Reichszwecke zur Verfügung habe. Das Verhältnis Seeckt-Lossow wurde dadurch nicht besser und jetzt ist daraus der große Konflikt geworden, der tatsächlich das ganze Problem der Weimarer Verfassung: Einheitsstaat mit der straffen, alles überragenden Zentralgewalt in Berlin oder föderativer Staat der alten Reichsform aufrollt. Man ist sich in Bayern der Tragweite des Handelns voll bewußt. Man will die Weimarer Verfassung ändern, man will, wie der Führer der bayrischen Volkspartei, Held, auf dem Parteitag am Samstag unter stürmischer Begeisterung erklärt hat, über weiß-blau zu schwarz-weiß-rot. Das Reich ist heute schwach. Die Gleichgültigkeit, ja Feindseligkeit gegen die Republik, gegen den Parlamentarismus und das Parlament ist so stark, daß die Reichsautorität gefährdet ist. Die Parteien selber sind zerrissen und uneinig. Die stärkste Säule der heutigen Reichsregierung, die Sozialdemokratie ist in voller Auflösung begriffen. Der Reichsjustizminister Radbruch jammerte, als Stresemann den Reichstag auflösen wollte: Wir werden an die Wand gequetscht, daß wir nicht einmal mehr quietschen können. Wir kommen mit höchstens 50 Mandaten wieder. Löbe klagte am selben Tag, daß die Finanzen der sozialdemokratischen Partei in einer trostlosen Verfassung seien. Die Gewerkschaften können keinen Streik mehr finanzieren. Damit hätte die Sozialdemokratie ihre stärksten Waffen verloren. Der sozialdemokratische Exminister Hilferding hielt den Genossen die Tatsache vor. daß eine Massenslucht aus den sozialdemokratischen Gewerkschaften eingesetzt hat." (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Neue Züricher Nachrichten, Bd.19, Nr.302, S.1 - "Münchner Brief" v. 6.11.1923)
Auch innerhalb der Redaktion des Völkischen Beobachters kriselt es. In einem Brief vom 1. Oktober 1923 schreibt Dietrich Eckart dem Geschäftsführer Max Amann:
"Lieber Aman! Dass mein (-kritischer-) Mussolini-Artikel nicht gebracht wird, regt mich nicht weiter auf. Über kurz oder lang wird ihn die Zeit gründlich belegen. Nichts ist geeigneter irre zu führen, als vorgefasste Meinungen. Die Werke rechtfertigen nicht; und Gold ist noch lange nicht alles, was glänzt. Mussolini bringt es fertig, vom glorreichen Anteil der italienischen Juden im Weltkrieg begeistert zu sprechen; huldvoll empfängt er den Erzgauner (-jüdische Bankier und Unternehmer Otto Hermann-) Kahn und lässt ihn zu allem Überfluss durch Parademarsch feiern - das allein schon müsste genügen! (BArch Berlin: R/936, 26522 - Abschrift: Dietrich Eckart an Max Amann v. 1.10.1923)
Das Time Magazine schreibt hierzu rückblickend:
"In den zwanziger Jahren hatten Sprecher der Demokratien den Faschismus gelobt und damit zu seiner Unterstützung beigetragen. Der Finanzier Otto Kahn hatte gesagt: 'Mussolini ist viel zu weise und zu vernünftig, um sein Volk in gefährliche Abenteuer im Ausland zu führen.'" (Time Magazine, Auslandsnachrichten/Italien: 'Achsenmächte v. 20.9.1943)
Weiter berichte Dietrich Eckart gegenüber Max Amann:
"Sein (-Mussolinis-) vorübergehendes Eintreten für die katholische Kirche beweist gar nichts; Rom und Jerusalem sind schon des öfteren zusammengegangen. Auf jeden Fall werde ich mir nach wie vor erlauben, meine Stimme zu erheben, wenn ich es für nötig halte. Ich lasse mich nicht kaltstellen, umsoweniger, als ich bis zum heutigen Tag noch auf keinen grundsätzlichen Irrtum festgenagelt werden konnte. Bleibt mir der 'Beobachter' gesperrt, werde ich 'Auf gut Deutsch' wieder aufmachen. Tatkräftige Freunde habe ich noch genug auf der Welt. Und mit meinem Witz kann ich, wenn's pressiert, noch ein paar Dutzend Redaktionen versorgen. Deinen Optimismus hinsichtlich der kommenden Ereignisse (-Hitler-Putsch/Marsch auf Berlin-) vermag ich leider nicht zu teilen. Das Judentum befindet sich durchaus nicht in der Hinterhand; es holt im Gegenteil zum entscheidenden Schlag aus. Wer, wie ich jetzt, seine ungeheure Macht bis in die Pharaonenzeit zurückverfolgt hat, gibt sich da keinen Illusionen hin. Der Durchschnitt der nichtjüdischen Menschheit heisst (-Gustav v.-) Kahr - man überlege sich das. Ich halte es nicht für gut, dass wir so mit (-General a.D.-) Ludendorff Spektakel machen. Wir sind eine Arbeiterpartei, kein Veteranenverein. Was Ludendorff über das Judentum weiss, hat er gelernt, nicht aus sich selber geschöpft. Während des Krieges ging er stockblind am wichtigsten vorüber. Genial ist anders. Seine grossen militärischen Verdienste leugne ich nicht; sie waren aber für die Katz', weil er den inneren Feind nicht sah. Dass er auch jetzt noch nicht aufhört, von seinem ‚erhabenen‘ Kaiser, dem Stroh- (-mann?-) ...." (BArch Berlin: R/936, 26522 - Abschrift: Dietrich Eckart an Max Amann v. 1.10.1923)
Dietrich Eckart hält sich zu diesem Zeitpunkt aufgrund drohender Strafverfolgung in seinem Versteck am Obersalzberg auf, dem späteren offiziellen Rückzugsort Adolf Hitlers.
In der Pension vom Rennfahrer Bruno Büchner wird auch Hitler zwei Jahre später an seinem zweiten Teil von "Mein Kampf" schreiben.
Ironie der Geschichte: Seinen Immobilien-Grundbesitz muss Parteigenosse Büchner später unter Zwang und Wert verkaufen, nachdem das Areal Mitte der 30er-Jahre kurzerhand zum "Führersperrgebiet" erklärt wird.
Dietrich Eckart nimmt trotz des gegen ihn verhängten Strafbefehles noch als Mitläufer am folgenden Putsch in München teil. Der Hitler-Putsch vom 8./9. November 1923 scheitert jedoch. Adolf Hitler, seine engsten Unterstützer und der mittlerweile erkrankte Dietrich Eckart werden im Anschluss verhaftet und in die Festungshaftanstalt Landsberg verlegt.
Derweil unterliegt der Völkische Beobachter zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen bis zum 26. Februar 1925 einem Verbots-Beschluss.

Oft geschlossen: Redaktionsräume des Völkischen Beobachters - 1927 (historisches-lexikon-bayern.de: Völkischer Beobachter + Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-6705 / Hoffmann, Heinrich - Redaktion in der Thierschstr. 11)
Aufgrund der aggressiven Berichterstattung wird er im Laufe der kommenden Jahre noch mehrfach verboten und gerät allein schon dadurch regelmäßig in erhebliche Zahlungsschwierigkeiten.
An eine Rückzahlung der von Dr. Grandel übernommenen Bürgschaft ist daher über viele Jahre nicht zu denken.
Dietrich Eckart stirbt kurz nach seiner vorzeitigen U-Haft-Entlassung verarmt am 26. Dezember 1923. Das Verhältnis zu Adolf Hitler hatte sich in dem vorangegangenen Jahr merklich abgekühlt. Hitler brauchte ihn nicht mehr.

(Bay. Staatsbibliothek: Bild 19911 / Hoffmann, Heinrich)
In einem späteren Brief an Max Amann hebt der 1933 zum Reichskanzler gewählte Adolf Hitler die Bedeutung des Beobachter-Ankaufes nochmals hervor:
"Der Sieg der nationalsozialistischen Idee war entscheidend abhängig von der Möglichkeit, das Gedankengut unserer Bewegung durch ein zentral geleitetes Schrifttum einer großen Zahl von Parteigenossen zu vermitteln. Sie, mein lieber Parteigenosse Amann, haben sich als einer der ersten meiner ehemaligen Kriegskameraden mir zur Verfügung gestellt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS8/215, S.101)

Parteigenosse Max Amann, Hitlers Vorgesetzter aus dem 1. Weltkrieg - 1931 (Reich: "Dietrich Eckart: ein deutscher Dichter und Vorkämpfer", S.85 - 1934)
Dr. Grandels älteste Tochter Christine besucht in dieser Zeit die Heimatstadt ihrer Mutter, das böhmische Reichenberg. Sie ist im direkten Vergleich zu Augsburg überrascht von der relativ vielfältigen Berichterstattung.
Der Ratgeber "NS-Erzieher" empfiehlt schon 1936 für Lehrer und Schüler:
"Leser des 'Völkischen Beobachters'. Zur politischen Erziehung der deutschen Jugend ist ein enges Verhältnis der heranwachsenden Generation zur politischen Tageszeitung des Dritten Reiches unbedingte Notwendigkeit. Die NS-Presse ist die lebendige Vermittlerin zwischen Führung und Volk."

("NS-Erzieher", Bd.4, S.26 - 1936)
Eine konstruktive Umschreibung von Gehirnwäsche. Mittlerweile hat der NS-Pressetrust im bisherigen Reichsgebiet rund 80% der bürgerlichen Presse vereinnahmt, der zuständige Reichsleiter Max Amann triumphiert:
"Die Partei beherrscht die Presse." (Der Spiegel: Bd.21, S.52 - 1967 + online: Nr.15 - "Mehr gesprochen" v. 2.4.1967)
Auch Adolf Hitler zeigt sich erstaunt:
"Das macht uns kein Land nach." (Der Spiegel: Bd.21, S.52 - 1967 + online: Nr.15 - "Mehr gesprochen" v. 2.4.1967)
Schon 1934 skizziert er seine Vorstellung:
"Die Presse ist ein Erziehungselement, um ein Siebzig-Millionen-Volk in eine einheitliche Weltanschauung zu bringen." (Der Spiegel: Bd.21, S.52 - 1967 + online: Nr.15 - "Mehr gesprochen" v. 2.4.1967)
In einer späteren Rückschau wird Adolf Hitler mit den Worten zitiert:
"Dass es nicht anginge, dass beispielsweise in jedem Ministerium Presse oder in jeder sonstigen obersten Zentralstelle ein eigener Presse- und Propagandaapparat eingerichtet werde. Dafür seien das Propaganda-Ministerium und die Presseabteilung der Reichsregierung da. Er gehe mit seiner Reichskanzlei mit gutem Beispiel voran, indem er auch dort keinen Sonderapparat für Presse- und Propagandaangelegenheiten eingerichtet habe. Trotzdem könne er alles, was er auf diesem Gebiet veranlassen wolle, sofort durchführen. Selbst auf Reisen könne er von jeder Eisenbahnstation aus Anweisungen geben, dass am kommenden Morgen die Öffentlichkeit durch die Presse, den Rundfunk und so weiter auf irgendeinen politischen Gedanken, etwa den einer deutsch-russischen Verständigung, vorbereitet werden solle. Nur durch die Zusammenfassung des gesamten Presse- und Propagandawesens in einer Dienststelle sei auch eine einheitliche Lenkung der Presse möglich. Eine einheitliche Lenkung der Presse sei aber die Voraussetzung dafür, dass die Presse in der Öffentlichkeit Glauben finde und damit die Schlagkraft eines Volkserziehungsinstruments erhalte. Denn nur einer gelenkten Presse bleibe jene Fülle von Widersprüchen im Nachrichtenmaterial, in der Darstellung von politischen, kulturellen und sonstigen Zusammenhängen erspart, die sie in den Augen der Bevölkerung lächerlich mache, ihr Ansehen als Verkünderin der Wahrheit erschüttere und ihr für die Bildung der öffentlichen Meinung notwendiges Vertrauen verwirke. Wie wenig Verständnis gerade die sogenannten nationalen Kreise diesen Dingen entgegenbrächten, habe ihm bereits im Jahre 1920 eine Auseinandersetzung mit dem Herausgeber der 'Eisernen Blätter', Pfarrer Traub, gezeigt. Als er diesem Pfarrer Traub klipp und klar nachgewiesen habe, dass die Pressefreiheit zugunsten einer einheitlichen Presselenkung verschwinden müsse, da die Pressefreiheit nichts anderes sei als ein Freibrief für die Verbreitung jüdischer Unverschämtheiten, habe dieser sich vor Bedenken förmlich gekrümmt. Die Geisteshaltung der sogenannten 'Nationalen' vom Schlage des Pfarrers Traub sei daher von Dietrich Eckart richtig gekennzeichnet worden, als er erklärt habe, die 'Eisernen Blätter' müssten 'Blecherne Blätter' heissen, denn sonst müsse man ja auch eine Familienzeitschrift wie die 'Gartenlaube' unter einem Titel herausgeben wie 'Es braust ein Ruf wie Donnerhall'.
Welch ungeheuer wichtiges Volkserziehungsinstrument die Presse darstelle, sei den sogenannten 'Nationalen' niemals klargeworden. Dabei gebe es nur einige ganz wenige Volkserziehungsinstrumente von der Bedeutung der Presse.
Er jedenfalls stelle die Presse auf die gleiche Stufe wie beispielsweise das Schulwesen und vertrete daher bezüglich der Presse ebenso wie bezüglich des Schulwesens den Standpunkt, dass privates Eigentumsinteresse für ihre Lenkung und Ausrichtung keinesfalls massgeblich sein dürfe." (Henry Picker: "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier", S.368/369 - 1976)
Die Folge von Adolf Hitlers Einheitsvorstellung: Die vielstimmige Presselandschaft verödet, ideologiekonforme Sprachregelungen werden herausgegeben, die Phrasen in der Berichterstattung ähneln sich zunehmend.
Das Protektorat Böhmen und Mähren genießt in der Meinungsvielfalt hier noch eine Sonderstellung, doch auch dieser Status verändert sich. Ziel bleibt für die Nationalsozialisten die Gleichschaltung der ursprünglich vielfältigen Presselandschaft.
1940
Für den Privatier Gottfried Grandel verschieben sich im Verlauf des Jahres 1940 die privaten Koordinaten; er steht kurz vor seiner dritten Ehescheidung, die mit weiteren Kosten verbunden ist. Da ihm perspektivisch das Geld knapp wird, hält er Ausschau nach Einnahmequellen:
"Grandel prozessierte noch 1940 gegen den Eher-Verlag auf Rückgabe des von ihm im Jahre 1921 aufgebrachten Geldes. Doch in einer Partei, die sich die 'Brechung der Zinsknechtschaft' zum Ziel gesetzt hatte, wurden Darlehen durchweg als Geschenke betrachtet." (Hale: "Presse in der Zwangsjacke", S.29 - 1965)
Der Eintrag zu Gottfried Grandel bei Wikipedia greift auch den Erwerb des Völkischen Beobachters mit auf:
"Gottfried Grandel (* 17. Oktober 1877 in Augsburg; † 1952 (-10. Januar 1951-) in Freiberg) war ein deutscher Unternehmer auf dem Gebiet der Bioraffinerie. Der Sohn von Georg Grandel und der Vater von Felix Grandel (* 1. Juni 1905 in Mannheim; † 21. August 1977 in Augsburg) promovierte 1900 zum Doktor der Philologie, war Apotheker (-?-) und übernahm das elterliche Ölwerk Georg Grandel in Augsburg.
1919 gründete Grandel in Augsburg den Bund für deutsches Recht und war Mittelsmann zu völkischen Verbänden (Alldeutscher Verband). Er war mit Dietrich Eckart befreundet. Im März 1920 organisierte er ein Flugzeug, mit dem Adolf Hitler und Eckart nach Berlin flogen, um am Kapp-Putsch teilzunehmen.
Am 17. August 1920 gründete (-?-) er die Ortsgruppe Augsburg des Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterverein e. V. NSDAP-Mitgliedsnummer 1713. Am 17. Dezember 1920 erwarb dieser eingetragene Verein von der Thule-Gesellschaft für 120.000 Reichsmark den Völkischer Beobachter sowie den Franz-Eher-Verlag. Für diesen Erwerb stellte Franz Ritter von Epp, als Zeichnungsberechtigter für einen Reptilienfonds der Reichswehr, 60.000 Reichsmark zur Verfügung. Adolf Hitler begleitete Gottfried Grandel von Augsburg zu einem Notar nach München, wo Grandel eine Bürgschaftserklärung für ein Darlehen über 56.500 Reichsmark für den Erwerb des Verlages gab. Die Bürgschaft wurde von den Begünstigten kurz darauf abgerufen und an Grandel nicht mehr zurückgezahlt.
1929 fusionierte das Ölwerk Georg Grandel Augsburg mit dem Ölgroßhändler Christian Lindemann Walsoe (-war schon nicht mehr Teilhaber-) zur Deutschen Ölfabrik Dr. Grandel & Co, welche sich der Faktisherstellung widmete und verlagerte den Unternehmenssitz 1930 nach Hamburg."
Dr. Dickels Werkgemeinschaft in Augsburg
(307-1921) In der geschichtlichen Fachliteratur wird das frühe Verhältnis Adolf Hitlers zu Augsburg auf das Jahr 1920 terminiert, wo Dr. Grandel im März des Jahres Hitlers Flug nach Berlin und im darauf folgenden Dezember den Ankauf des Völkischen Beobachters als Bürge unterstützt.
In "Machtergreifung", dem austellungsbegleitenden Buch des Augsburger Stadtarchivs, heißt es hierzu:
"Als Dank für sein (-Dr. Grandels-) Engagement trat Hitler 1921 zweimal als Redner in Augsburg auf." (Cramer-Fürtig/Gotto:"'Machtergreifung' in Augsburg", S.268 - 2008)

Frühe Unterstützung der NSDAP durch die völkischen Akademiker Otto Dickel und Gottfried Grandel - 1920/1921 (Cramer-Fürtig/Gotto: "'Machtergreifung' in Augsburg", S.268 - 2008)
Ob es sich bei Adolf Hitler Anfang 1921 schon um eine Gefälligkeitsgeste gegenüber seinem frühen Förderer Dr. Grandel handelt, ist eher unwahrscheinlich; er wird vielmehr den Vorstellungen Dr. Grandels einfach Folge geleistet haben.
Dieser hat im Jahr 1920, zusammen mit dem Augsburger Dr. Otto Dickel, klare völkische Vorstellungen für die Ausrichtung der Augsburger Ortsgruppenentwicklung der NSDAP. Der redegewandte Dr. Dickel ist zudem bereit, sich für eine Spitzenfunktion innerhalb der reichsweit geplanten Partei zu empfehlen.

Völkischer Vordenker aus Augsburg: Dr. Otto Dickel - 1931 (Bay. Staatsbibliothek, port-030746 / Fa. Scholle & Sonne)
Gottfried Grandel wiederum unterstützt Dr. Dickels politischen Ansatz. So heißt es bei Tyrell:
"Neben anderen war es der Chemiker und Fabrikant Dr. Gottfried Grandel, der völkisch- antisemitische Bestrebungen auch finanziell förderte." (Tyrell: "Vom 'Trommler' zum 'Führer'", S.110 - 1975 + Staatsarchiv Nürnberg: Nachlass Julius Streicher AL 13 - Dr. Otto Dickel an Julius Streicher v. 3.9.1921)
Doch das Verhältnis des DAP-Werbeobmanns Hitler zu den befreundeten Akademikern Dr. Grandel und Dr. Dickel liest sich nach Aussagen des westfälischen Wanderredners Heinrich Dolle für den Zeitraum der Jahre 1919-21 ein wenig anders, als es bislang in der geschichtlichen Literatur Erwähnung findet.
Ausgelöst durch einen ihn zuvor diffamierenden Artikel des Völkischen Beobachters empört sich der Westfale Anfang Februar 1926 in Otto Dickels Augsburger Wochenzeitung der Deutschen Werkgemeinschaft. Heinrich Dolle schreibt:
"Dr. Dickels Arbeit für die Rettung des deutschen Volkes war früher da, als Drexler mit der NSDAP und früher als Ihr, Adolf Hitler. Ihr wißt das, denn Ihr habt 9 Monate lang in Augsburg bei Dr. Grandel (-in der Betriebsleiterwohnung, Johannes-Haagstraße 18?-) gelebt, habt dort nicht nur körperliche Nahrung erhalten, sondern auch geistige. Und auch die Gedanken Dr. Dickels kennen gelernt, und erst dann (-im August 1919?-) seid Ihr nach München gekommen und habt in der NSDAP gewirkt. Gegen Dr. Dickel. Nicht umgekehrt. Nicht nur Dickel war vor Euch in der Arbeit, sondern auch Dr. Gr.(-andel-) und (-der Regensburger-) Baumeister Lorenz Mesch, und (-der Heidelberger Privatdozent-) Dr. Arnold Ruge, (...). Ihr, Adolf Hitler, habt aber nicht nur gegen Dickel gearbeitet, sondern habt auch Euern Nährvater Dr. Gr.(-andel-), habt Eure Freunde Dr. Ruge und Lorenz Mesch achtlos beiseite geworfen, wie genutzte Citronen,(...)." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Z126, 1923-1926, F20, S.2 - "Volk, Freiheit, Vaterland", Nr.20, S.2 v. 11.2.1926)

(Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Z126, 1923-1926, F20, S.2 - "Volk, Freiheit, Vaterland", Nr.20, S.1 v. 11.2.1926)
Aus Heinrich Dolles Schilderungen wird deutlich, dass es im Jahre 1921 eine komplette Umkehr im Verhältnis des Propagandisten Hitler zu Dr. Grandel und Dr. Dickel gegeben hat. Diese Entwicklung ist zu diesem Zeitpunkt vom Vorlauf her schon länger angelegt, doch wird der Augsburger Dr. Dickel schließlich ungewollt der Auslöser für die parteiinterne Verselbstständigung des zukünftigen "Führers" Adolf Hitler ab dem Juli 1921.
Die vorausgehende NSDAP-Ortsgruppengründung zum Frühjahr 1921 verläuft für den Initiator Gottfried Grandel noch ohne besondere Verwerfungen.
Eine Orientierungshilfe für den zeitlichen Ablauf bietet hier der Augsburger Arbeiter Karl Böhrer in seinem späteren Archivbericht. Die Geburtsstadt Gottfried Grandels ist in dieser Phase der geplanten NSDAP-Ortsgruppengründung offenbar eine Sonderzone, hier bestimmt nach Auskunft Böhrers der geheime Germanen-Orden als übergeordnete "Nebenregierung" die Ortsgruppen-Entwicklung im Hintergrund.
Karl Böhrer vermerkt hierzu in seinen Ausführungen:
"Die erste (-Ortsgruppengründungs-?-)Versammlung im 'Hotel Post' (-in-) Augsburg (-vom Febr./März 1921?-) machte keinen guten Eindruck auf mich. Lauter Doktoren, Ingenieure usw. (-aus dem 'Bund für deutsches Recht'?-), nur keine Arbeiter. Ich ließ mich (-auf Geheiß des Germanen-Ordens?-) aufnehmen in die NSDAP. (-Schatten-)Vorsitzender war (-Dr. Grandels Ölfabrik-Vorarbeiter-) Herr (-Joseph-) Schröffer, Schriftführer Dr. Grandel. Auch der (-Augsburger Deutschvölkische-) 'Schutz- u. Trutzbund' war hier zu Hause, ebenso der 'deutsche (-Germanen-?-)Orden' (-über den 'Bund für deutsches Recht' bzw. 'Augsburger Herrenklub'?-). Bald merkte ich, daß hier zwei Richtungen gegen einander standen." (BArch Berlin: NS26/158, S.9-10/Bl.134/135 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Die erste Kontaktaufnahme zu Dr. Otto Dickel findet in Karl Böhrers Bericht Erwähnung. Hier notiert er:
"Ich sprach in den Versammlungen (-von 1920?-) gegen den Volksbetrug, besonders der Juden und Jesuiten, gegen die 'ernsten Bibelforscher', trat Kommunistenführern entgegen und wollte (-im Herbst 1920?-) einen Aufruf erlassen zur Sammlung gleichgesinnter Arbeiter. Damit ging ich zu Redakteur Dr. Reichel (-Augsburger Neueste Nachrichten + Gebr. Reichel Verlag/Augsburg-), er frug mich, wer hinter mir stünde. Ich sagte: 'Die suche ich ja.' Er meinte, solche Bestrebungen gibt es schon und gab mir ein Buch in die Hand: 'Auferstehung des Abendlandes' von Dr. Otto Dickel, ich solle mich da anschließen. Zuvor hatte ich mich auch wieder dem deutschen Orden genähert, besuchte Versammlungen des 'Alldeutschen Verbandes', wurde Mitglied des Germanenordens und des Schutz- u. Trutzbundes. Als hier (-am 1.6.1920-) eine (-Schutz- u. Trutzbund-)Versammlung von Juden und Kommunisten unter schweren Schlägereien gesprengt wurde, sagte ich dem Kommunistenführer (-Wendelin-) Thomas persönlich den Kampf an." (BArch Berlin: NS26/158, S.9/Bl.134 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)

Bucherscheinung zum Neujahrstag 1921: Dr. Otto Dickel (Fotografie im Privatbesitz)
Das Ingolstädter Anzeigenblatt schreibt rückblickend zu dem Augsburger Dr. Otto Dickel:
"Vor einigen Jahren fühlte er sich berufen, Oswald Sprenglers 'Untergang des Abendlandes mit einer dickleibigen Gegenschrift zu widerlegen. Allerdings nur mit dem Erfolg, daß man ihn von da ab noch etwas weniger ernst nahm als vorher." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Ingolstätter Anzeiger, Nr.174, S. - "Das Fiasko einer teutschvölkischen Gründung - Die Germanensiedlung im Dickelsmoor bei Augsburg" v. 3.8.1931)

Selbstbewusst im Auftritt: Marine-Offizier Dr. Otto Dickel - 1916 (Fotografie aus: "Dickelsmoor bei Derching - Eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte" + augsburger-allgemeine.de: "Die Akte Dickel ist noch nicht geschlossen" v. 24.2.2012 + Dreigroschenheft: "Ein unbekannter Lehrer Brechts: Der spätere NS-Aktivist und -Theoretiker Otto Dickel", S.8 - 4/2010 + Frisch/Obermeier: "Brecht in Augsburg", S.57 - 1998)
Weitere Kritik kommt vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus:
"Oswald Sprenglers 'Der Untergang des Abendlandes' hat eine Flut von Literatur erzeugt. Wenn auch Otto Dickel in dem Vorwort seines 320 Seiten umfangreichen Werkes 'Die Auferstehung des Abendlandes' ausdrücklich betont, daß er sein Weltbild in vielen Jahren als sein Heiligtum im Herzen getragen, und nun sein 'stilles, reines Schauen dem Blick der Welt' bloßstelle, so hat dennoch Sprenglers Buch, gegen das er sich im allgemeinen ablehnend verhält, Anlaß zu der Bloßstellung gegeben. Wir wollen gerecht sein: wir haben aus verschiedenen Teilen des Werkes Anregung und Belehrung geschöpft; sobald aber der Verfasser das Kapitel Juden und Judentum behandelt, zeigt er seine Unwissenheit, seine Gehässigkeit derart, daß er die Gesinnungsgenossen (-Theodor-) Fritsch, (-Adolf-) Bartels, (-Artur-) Dinter und Konsorten in den Schatten stellt, denn keine Spur von wissenschaftlichem Denken, keine Spur von Objektivität - nur sein eigenes, inneres Erleben, dem er so große Bedeutung beimißt. D.(-ickel-) wiederholt tausendfach widerlegte antisemitische Tiraden, zeigt eine Verbissenheit und Verbohrtheit, die schwerlich eine Belehrbarkeit zuläßt." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Nr.20, S.122 - "Der neue Haman" v. 8.10.1921)
Zu Dr. Dickels Rolle während der politischen Aufbauphase in Augsburg äußert sich Dr. Grandel in einem späteren Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Schon bei diesem ersten Vortrage Hitlers (-vom 12. Januar 1921-) in Augsburg trat in der Aussprache Dr. Otto Dickel als Opponent auf. Er war damals noch Mitglied der demokratischen Partei (-DDP-), roch aber Morgenluft (...)." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Seinen politischen Werdegang schildert Dr. Otto Dickel kurz in dem Vorwort seines Werkes:
"Wie immer im Leben, so verdankt auch dieses Werk (-'Die Auferstehung des Abendlandes'-) einer äusseren Veranlassung sein Dasein. Als ich im Herbste 1920 in München nach einer Sitzung des (-DDP-)Landesvorstandes einer über Deutschland sich erstreckenden grossen Vereinigung mit einigen Herren zusammensass, um die Abfahrt des Zuges abzuwarten, kam, wie heute so oft, das Gespräch auf politische und nationale Fragen und auf die Judenfrage. Die Meinungen platzten heftig aufeinander. Um zu versöhnen, machte ich ein paar Bemerkungen, deren Inhalt einer der Anwesenden erlebte, obwohl sie wenig geeignet waren, mein Innerstes zu verschleiern. Er forderte mich auf, vor einem grösseren Kreise von hochgebildeten, urteilsfähigen, strebenden Akademikern ausführlich über die Zusammenhänge zu reden, die ich da flüchtig angedeutet hatte.(...) Der Eindruck, den meine Rede hervorrief, führte zu der Aufforderung, in zwei grossen Vorträgen mein Erleben zusammenzufassen und vor einer vierhundertköpfigen Versammlung von führenden Köpfen, vor Universitätsprofessoren, Gymnasiallehrern, Geistlichen beider Bekenntnisse, Juristen, Aerzten, Ingenieuren, leitenden Männern aus der Industrie, dem Bankfach, des Handels, Militärs u. a. zu sprechen. Der Erfolg dieser beiden, in sich geschlossenen Vorträge, hat mich überrascht.(...) Das ist der Grund, weswegen ich dem Drängen meiner Freunde nachgab und mich ans Werk machte, dieses Buch zu schreiben." (Dr. Dickel: "Die Auferstehung des Abendlandes", Vorwort - Neujahr 1921)

Ehepaar Auguste (geb. Reindel) und Otto Dickel in Dickelsmoor bei Augsburg - 1928 (Fotografie aus Jahrbuch "'Altbayern in Schwaben': Dickelsmoor bei Derching - Eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte" + augsburger-allgemeine.de: "Ohne Dickel kein Dickelsmoor" v. 16.12.2011)
Die nachfolgende Neuorientierung Otto Dickels zu den Tätigkeiten Gottfried Grandels korrespondiert mit dem zeitgleichen Niedergang der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), die aufgrund von Unklarheiten im Umgang mit dem Versailler Friedensvertrag ab 1920 deutlich an Zustimmungswerten einbüssen muss. Auch fehlt es der DDP an einem Partei-Presseorgan, welches die NSDAP durch Unterstützung von Dr. Grandels Bürgschaft zum Dezember 1920 erwerben kann.
Fabrikant Dr. Grandel setzt auf die vielversprechenden Veranlagungen Dr. Dickels, doch obwohl er selbst in Parteikreisen als angesehener Wirtschafts- und Finanzrat agiert und darüber hinaus als strategisch denkender Parteigenosse finanziell, organisatorisch und ideologisch für eine hohe Verlässlichkeit in der Gründungsphase steht, verläuft der Parteiaufbau gerade in Augsburg nicht nach seinen Vorstellungen.
DAP-Mitglied Hitler vollzieht bereits in München unter der Obhut seines neuen Förderers Dietrich Eckart einen internen Systemwechsel, auf den sein vorheriger "Nährvater Dr. Grandel" und auch Dr. Dickel in Augsburg nicht wirklich eingestellt sind. Für sie ist der Propagandaredner Hitler noch immer ein nützliches Werkzeug, ein Lautsprecher, um die eigenen deutsch-völkischen Vorstellungen unter die breitere Öffentlichkeit und besonders die Arbeiterschaft zu bringen.
Parteiinterne Konkurrenz nimmt Adolf Hitler jedoch zunehmend als Bedrohung seiner neuen politischen Ambitionen wahr, die besonders durch den neuen Münchener Förderer Dietrich Eckart bei ihm verankert werden.
Mit dem über die Deutsche Demokratische Partei (DDP) zur Politik geratenen Augsburger Naturwissenschaftler und Gymnasiallehrer Dr. Otto Dickel, steht Adolf Hitler seit dem Beginn des Jahres 1921 eine ernstzunehmende und qualifizierte Alternative in Augsburg gegenüber; eine Alternative mit ausgeprägten Sendungs- und Führungsanspruch.
Zu diesem Zeitpunkt hat Otto Dickel bereits durch seine Buchveröffentlichung "Die Auferstehung des Abendlandes" im Januar 1920 in völkischen Kreisen auf sich aufmerksam gemacht. Die Publikation ist angelegt als Gegenentwurf zu dem im Vorwege erschienenen Buch "Der Untergang des Abendlandes" des bekannten Rechtsideologen Oswald Sprengler.
Gottfried Grandel wird den politisch interessierten Doktor-Kollegen aus seiner Heimatstadt zu der ersten Augsburger Werbe-Veranstaltung mit Adolf Hitler am 12. Januar 1921 persönlich eingeladen haben, zumindest datiert Dr. Dickels Eintritt in die NSDAP aus diesem Zeitraum der Augsburger Ortsgruppenentwicklung. Vermutlich ist Dr. Dickel zuvor auch bereits regelmäßiger Besucher von Dr. Grandels Veranstaltungen des Bundes für deutsches Recht, die Dr. Grandel seit 1919 in Augsburg leitet und der für die erste Rede Hitlers in Augsburg die Veranstaltung organisiert hatte.
Die Einladung an Dr. Dickel war sicher auch mit der Hoffnung verbunden, dass dieser im Rahmen einer späteren Parteienfusion den breiteren Schulterschluss zur Arbeiterschaft ermöglichen möge; doch Dr. Otto Dickel ist auch Alphatier. Er entwickelt schon im Vorlauf der Versammlung seinen eigenen Kompass und lässt den eingeladenen Versammlungsredner Hitler in anschließender Diskussion seine geistige Überlegenheit spüren. Er stellt nicht nur, sondern beantwortet für sich damit auch unausgesprochen die parteiinterne Führungsfrage. Adolf Hitler fühlt sich vorgeführt
In der umfangreichen Sonderbeilage der Augsburger National-Zeitung zur 15-Jahrfeier der NSDAP in Augsburg wird ein diesbezüglicher Veranstaltungs-Kommentar der Schwäbischen-Volkszeitung (SPD-nah) vom 18. Januar 1921 in voller Länge aufgegriffen. Darin heißt es:
"Vor wenig Freunden und vielen Gästen referierte am vergangenen Mittwoch abend im Café Maximilian im 2. Stock Herr Hitler-München über das Programm der 'nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei'. Der Redner führte zunächst aus, daß Deutschland ein germanischer Staat sei, der 'rasserein' erhalten werden müsse. Der Verwelschung (-Vermischung der Sprache-) müsse Einhalt geboten werden, der jüdische Einfluß gebrochen werden. Das Wort 'national' sei falsch gefaßt gewesen und dürfe nicht nur für jene Anwendung finden, die vom Staate leben, es müsse für alle gelten. Der materialistische Staat müsse durch den idealistischen ersetzt werden. Zum Gedeihen eines Volkes sei die innere Solidarität notwendig, eine enge Fühlungnahme zwischen Proletarier und Bourgeois. Sodann geht der Redner zur Begründung seines Programms über, das den Eindruck erweckt, als wäre es unter Zuhilfenahme sämtlicher sozialistischen und nationalistischen Programme in den Köpfen einiger Schwärmer im Café entstanden. Das Programm will nur als Zeitprogramm aufgefaßt werden und wird sich seinem Inhalte nach auch nur eine 'Zeitlang' über Wasser halten können. Wenn der Redner bemüht war, am Anfang durch seine sachlichen Ausführungen einige Sympathien bei den Versammlungsteilnehmern zu erwerben, so machte er sich am Schlusse durch in 'Stierwut' geifernden Haßsprüchen, die in ein 'Viel Feind - viel Ehr' ausklangen, geradezu unmöglich. Vom Diskussionsteilnehmer Dr. Dickel mußte sich der Redner manche Berichtigung gefallen und vor allem Eines vorhalten lassen, daß es heute an der Zeit wäre, das Volk zur inneren Geschlossenheit zusammenzuführen, statt es zu verhetzen. Dr. Dickel erwartet aus den vier mächtigen Säulen der Werkgemeinschaften, der Gewerkschaften, der Bürgerräte, der Bauernräte und der Besoldetenräte, die Rettung. Die nationalsozialistische Arbeiterschaft ist ein neuer Keil, der zwischen die Arbeiterschaft getrieben werden soll, und während die Fusionen der Großbetriebe die Ringe des Kapitals schließen, steht heute Arbeiter gegen Arbeiter. Wann dämmerts einmal der notleidenden Proletarierklasse?" (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Schwäbische Volkszeitung, Nr.14, S.5 - "Eine Versammlung der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei" v. 18.1.1921, Mikrofilmrolle Nr.42 + Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger National-Zeitung, Nr.270, Sonderbeilage "15 Jahre NSDAP in Augsburg" v. 22.11.1937)
Hellmuth Auerbach schreibt diesbezüglich über die Anfänge der NSDAP in Augsburg:
"Schon beim ersten Mal, am 12. Januar 1921, sprach in der Diskussion der Augsburger Studienrat Dr. Otto Dickel. Hitler fand wenig Gefallen an Dickels politischen Äußerungen und verließ Augsburg in schlechter Laune." (Moeller/Wirsching/Ziegler: "Nationalsozialismus in der Region", darin enthalten von Auerbach: "Regionale Wurzeln und Differenzen der NSDAP 1919-1923". S.79 - 1996)
Auch Dr. Grandel äußert sich im Abstand von 20 Jahre in seinen Aufzeichnungen an das NSDAP-Hauptarchiv zu Dr. Dickels Rolle während der nationalsozialistischen Aufbauphase in Augsburg:
"Schon bei diesem ersten Vortrage Hitlers (-vom 12.1.1921-) in Augsburg trat in der Aussprache Dr. Otto Dickel als Opponent auf. Er war damals noch Mitglied der demokratischen Partei, roch aber Morgenluft und gab sich viel Mühe, Hitler und die NSDAP zuerst in Augsburg, dann aber auch im übrigen Reich zu diskreditieren; brachte es auch fertig, dass sich viele, anstatt der NSDAP, der Dickelschen 'Werkgemeinschaft' anschlossen. Dickel kam in alle Versammlungen der Ortsgruppe Augsburg der NSDAP, in denen ich und Oberamtmann Dr. Frank, Augsburg, sprachen. Die Versammlungen fanden in folgenden Lokalen statt: Café Maximilian, Café Kernstock, Gasthaus Pelikan, Schnapperbräu." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
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Ausgleich zur Politik: Gottfried Grandel mit seinem jüdischen Stiefsohn Hans Winternitz - 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
26. März 1921
In den nachfolgenden zwei Monaten finden bezüglich der politischen Fusionsabsichten intensive Gespräche statt:
"Anton Drexler von der NSDAP und Julius Streicher von der DSP sowie der österreichische NS-Führer Jung dabattieren in der Stadt Zeitz. Angestrebtes Ziel: Zusammenfassung der Münchener NSDAP und der DSP unter einer gemeinsamen Dachorganisation 'Deutsche Nationalsozialistische Partei' mit Sitz in Berlin. Adolf Hitler spricht sich dagegen aus, er tritt für den alleinigen Führungsanspruch der NSDAP ein." (Bruppacher: "Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP", S.91/92 - 2008)
Augsburg, 10. Mai 1921
Der zweite Rednerbesuch Adolf Hitlers in Augsburg ist auf den 10. Mai 1921 terminiert. Das Thema lautet:
"Versaille, Deutschlands Vernichtung."
Der eher links-völkisch orientierte Dr. Dickel besitzt tatsächlich ein ausgeprägtes Rednertalent, Sendungsbewusstsein und den politischen Drang zu Höherem. Er steht damit innerhalb der noch jungen NSDAP unweigerlich in direkter Konkurrenz zu dem unermüdlich agierendem Trommler Adolf Hitler.
Zudem scheint Dr. Otto Dickel in mehreren Bereichen dem Werbeobmann Adolf Hitler nicht nur geistig überlegen zu sein; auch seine Teamfähigkeit wirkt ausgeprägter. Otto Dickel hat bei der Versammlung im Augsburger Café seine eigenen Idee schon klar vor Augen; es entwickelt sich daher zu einer Art Revierkampf für beide Protagonisten. Buchautor Dr. Otto Dickel lässt dabei den Gefreiten Adolf Hitler unweigerlich seine selbst empfundene Überlegenheit in der Versammlungen am 12. Januar 1921 spüren.
Nach den persönlichen Erfahrungen aus der Augsburger Rede Adolf Hitlers gründet Otto Dickel parallel zu seiner neuen NSDAP-Mitgliedschaft am 10. März 1921 in Augsburg die "Deutsche Werkgemeinschaft". Auch das fränkische DSP-Mitglied Julius Streicher aus Nürnberg unterstützt ihn anfangs bei diesem Vorhaben, da er mit Adolf Hitlers NSDAP in Konkurrenz um die völkische Führung steht. Nur wenige Monate später nutzt Otto Dickel schließlich diese Werkgemeinschafts-Konstruktion für Fusionsgespräche mit der Deutschsozialistischen Partei (DSP). Auch die noch junge Splitterpartei NSDAP versucht Dr. Dickel für diesen Verschmelzungs-Ansatz zu gewinnen.
Der Antisemitismus hingegen scheint in den Fusionsgesprächen politischer Konsens, nur in der Intensität unterscheiden sich die Vertreter der fusionsinteressierten Gruppierungen:
"Dickels Antisemitismus war sehr viel gemäßigter als der Hitlers und Streichers" (IfZ/Auerbach in: "Nationalsozialismus in der Region", S.79 - 1996)
Zitate aus Otto Dickels Buch "Die Auferstehung des Abendlandes", welches vom Völkischen Beobachter anfangs noch sehr empfohlen wird, deuten jedoch auf eine radikale Tendenz auch bei Dr. Otto Dickel hin. Dort äußert er sich:
"Wer die Judenfrage lösen will - und sie muß gelöst werden - muß tief schürfen. Er muß erkennen, daß der Jude nur da gedeiht, wo Fäulnis herrscht, daß er nur da zur Macht gelangt und zur furchtbaren Plage wird, wo seinem Wuchergeist kein Einhalt geboten wird." (Dickel: "Die Auferstehung des Abendlandes", S.58 - Neujahr 1921)
Im Juli 1921 laufen die überparteilichen Gespräche auf eine Entscheidung hinaus: Dr. Otto Dickel forciert dabei den parteipolitischen Fusionsgedanken, den Adolf Hitler zuvor jedoch kategorisch ablehnt. Dem geschulten Propagandaredner ist dabei klar: Die NSDAP kann er noch lenken, doch bei einer Fusion mit der vom Germanen-Orden dominierten Gruppierung DSP entstünden neue Programmdiskussionen, Kräfteverhältnisse und Kompromisse, unter denen er seinen Einfluss neu ausbauen müsste. Dr. Dickel würde zudem wiederholt die Führungsfrage stellen, da ist sich Adolf Hitler sicher. Auch wären Hitlers Kapitalgeber verunsichert, sollte die NSDAP durch die Fusion einen Linksrutsch erfahren. Adolf Hitler sieht sich bereits in Abhängigkeit vom Großkapital, will er seinen reichsweiten Führungsanspruch durchsetzen.
Vielleicht ist es aber auch ein wenig die Rivalität zwischen den beiden Städten Augsburg und München, die zum anschwellenden Konflikt zwischen Adolf Hitler und Dr. Otto Dickel beiträgt. Die Mitglieder sehen zumindest im Augsburger Redetalent einen zweiten Trommler für die noch junge Partei. Was Otto Dickel unterscheidet, ist seine höhere Sozial- und Bildungkompetenz. Er versucht zumindest während der Fusionsgespräche, die Vorstände in die perspektivische Entwicklung mit einzubeziehen.
Adolf Hitler weilt unterdessen seit dem 5. Juni 1921 mit Dietrich Eckart in Berlin, um in erneuten Gesprächen mit einflussreichen Persönlichkeiten für die NSDAP zu werben, aber auch, um seinen österreichischen Akzent mit Sprachunterricht weitgehend zu minimieren.
Die Finanzlage des noch immer hoch verschuldeten Völkischen Beobachters ist ein weiterer Aspekt seiner Reise. Diese andauernd prekäre Situation versucht er auch über seine neuen finanzkräftigen Kontakte zu verbessern. Zu seinen Berliner Verbindungen zählen das Klavierfabrikantpaar Bechstein und der Vorsitzende des Alldeutschen-Verbandes, Justizrat Class.
Juni 1921
Zeitgleich finden nach einer erfolgreichen Dickel-Veranstaltung am 24. Juni 1921 im Münchener Hofbräuhausfestsaal konkretisierte Fusionsüberlegungen des NSDAP-Vorstandes um Anton Drexler mit der völkisch-linken, von der Thule-Gesellschaft stark beeinflußten Deutschsozialistischen Partei (DSP) um Georg Grassinger als Vorsitzenden statt. Diskutiert wird bereits eine mögliche Zusammenlegung aller deutschvölkisch, antisemitisch und sozialistisch bewegten Gruppierungen im Reichsgebiet.
Augsburg, 10. Juli 1921
Bei einem diesbezüglichen Treffen in Augsburg vom 10. Juli 1921 nehmen u. a. Julius Streicher von der DSP, aber auch Anton Drexler und Ernst Ehrensperger von der NSDAP teil. Auch der FAbrikant Gottfried Grandel wird bei diesem Treffen die Fäden gezogen haben, ohne jedoch als industrieller in den Vordergrund zu treten. Augsburg wird zudem von Dr. Dickel als mögliche Parteizentrale ins Gespräch gebracht, doch es kommt anders: Aus Berlin eilt überraschend Adolf Hitler hinzu. Der schon wieder in München verweilende Dietrich Eckart hatte ihn vorab über die sich abzeichnende Fusions-Entwicklung informiert. Die Situation in Augsburg hat für die beiden politisch und emotional eng verbundenen Nationalisten politische Sprengkraft und dementsprechend eskaliert sie daraufhin.
29. Juli 1921
Adolf Hitlers Rede auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung im Festsaal des Münchner Hofbräuhauses:
"Wir wollen keinen Zusammenbruch, sondern Anschluß an die anderen Parteien, wir behalten aber die Führung. Wer sich (-wie Dr. Otto Dickel-) nicht fügen will, kann gehen. Dies gilt für Nürnberg und Augsburg, wo andere (-vom Germanen-Orden gelenkte-) Bewegungen Platz gegriffen haben." (Jäckel: "Hitler - Sämtliche Aufzeichnungen", S.448 v. 29.7.1921)
30. Juli 1921
Adolf Hitler an Julius Streicher:
"Geehrter Herr Streicher.
Mein Dank für die von Ihnen gezeigte nationale Aufrichtigkeit.(...) Ich freue mich, daß nun auch endlich die 'Deutsch-Sozialistische Partei' ihren Weg zur N.S.D.A.P. gefunden hat." (Jäckel: "Hitler - Sämtliche Aufzeichnungen", S.450 v. 30.7.1921)
September 1921
Nachdem sich zwar Adolf Hitler parteiintern gegen Dr. Otto Dickel durchsetzt, aktiviert dieser wiederum seine Mittel, um dem neuen Parteiführer Adolf Hitler das völkische Feld nicht allein überlassen zu müssen. So schreibt er an seinen Werkgemeinschaft-Kampfgenossen Julius Streicher (DSP) in Nürnberg:
"Lieber Herr Streicher! Ich habe eine Reihe erfreulicher Nachrichten für Sie. Es sind mir von meinem Freunde Heck 1000 Mark für den D.(-eutschen-)S.(-ozialist-) zugesagt worden. (-Gottfried-) Grandel glaubt, dass er eine ziemlich erhebliche Summe zum gleichen Zweck zusammenbringt. Ferner besteht Aussicht, dass ich dafür von Herrn Machhaus mehrere tausend Mark erhalte.(...) In der Anlage übersende ich Ihnen einen höchst wichtigen Brief. Hitler kann durch seine Veröffentlichung, in Verbindung mit den nötigen Bemerkungen, vernichtend getroffen werden. Ich empfehle dringend, diese Veröffentlichung in der nächsten Nummer (-des Deutschen Sozialisten-) vorzunehmen. Diese Nummer muss in einer grossen Auflage erscheinen, damit wir sie durch unsere Leute in München teils durch die Händler vertreiben lassen, teils an eine grosse Zahl von Mitgliedern der Hitlerpartei kostenfrei versenden. Wir dürfen in dieser Sache die Unkosten nicht scheuen. Wir müssen in München auf diese Weise und gerade durch den persönlichen Kampf gegen Hitler am raschesten Fuss (-fassen-) und schlagen somit zwei Fliegen mit einer Klappe.(...) Aus dem Schreiben H.(-itlers-) geht für jeden klar hervor, dass lediglich verletzte Eitelkeit und persönliche Gründe einen Geist 'xten Grades', wie es H.(-itler-) ist, zur Hintertreibung der Einigung und damit einer Stärke verbürgenden Organisation veranlasst haben. Daraus erklärt sich auch die in heftigster Form, noch vor Eröffnung der (-Augsburger?-) Verhandlungen von H.(-itler-) gemachte Äusserung, er werde jede Einigung zu verhindern wissen." (StA Nürnberg: NS-Mischbestand - Sammlung Streicher 96, Dr. Otto Dickel, Werkgemeinschaft Augsburg an Julius Streicher v. 3.9.1921)

In anfänglicher Konfrontation zum neuen Parteiführer der NSDAP: Julius Streicher - 1921 (BArch Berlin: NS26/96)
10. September 1921
Nachdem sich Adolf Hitler innerparteilich durchsetzen kann, wird Dr. Otto Dickel aus der NSDAP ausgeschlossen.
Ob Dr. Grandels Verhältnis zu Otto Dickel am Ende auf eine harte Probe gestellt wird, der es letztlich nicht standhält, ist unklar. Er selbst notiert später gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv zu dem Ortsgruppen-Zerwürfnis des Jahres 1921:
"Die unfaire Kampfesweise (-Otto-) Dickels widerte mich so an, dass ich mich etwas zurückzog und die Führung der (-nun detlich getrennt von der Werkgemeinschaft laufende NSDAP-)Ortsgruppe dem Pg. Dr. (-Adolf-) Frank überliess. Ich tat aber nach wie vor alles, um die Partei in Augsburg zu fördern." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandels Bericht an das NASAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Nach den Mitteilungen von Karl Böhrer ist das Wirken von Dr. Otto Dickel in dieser Phase umfassender Natur. So schreibt er:
"Der (-Nürnberger-) Redakteur (-des 'Deutschen Volkswillen', Propagandazeitung von Dickels Werkgemeinschaft, Walter-) Kellerbauer, ein Schwager (-von-) Dr. Adolf Frank, war (-ab Ende August 1921?-) beauftragt, (-das Noch-Werkgemeinschafts-Mitglied Julius-) Streicher in Nürnberg zu erledigen, die Zeitung (-Deutscher Volkswille-) an sich zu reißen und an Dr. Dickel auszuliefern. Zu gleicher Zeit kam Kellerbauer (-Ende August 1921?-) von einer Tagung (-des Germanen-Ordens?-) und erklärte, daß dort beschlossen wurde, sich nur 'deutsche Werkgemeinschaft' zu nennen und von der NSDAP abzurücken. Ich war aus dem (-Germanen-)Orden (-im Juli 1921?-) ausgetreten, um gegen die Gegner des Führers handeln zu können, ließ (-nun nach der Bestätigung Adolf Hitlers als Parteiführer-) Aufnahmescheine drucken für die NSDAP Ortsgruppe Augsburg und (-der Nürnberger Redakteur Walter-) Kellerbauer verstand es (-dennoch-), die (-Augsburger NSDAP?-)Versammlung (-vom 27. Oktober 1921?-) zu Gunsten der Werkgemeinschaft zu beeinflussen und Dr. Dickel zum Führer zu machen (-während sich Dr. Frank mit einem Teil abspaltet und kurz darauf eine hitlertreue NSDAP-Ortsgruppe gründet-). Nun stand ich (-als Vertreter der alten NSDAP-Ortsgruppe innerhalb der nun neu definierten Werkgemeinschaft-) einem Abgrund gegenüber. Überall Verschworene gegen den Führer, alle im '(-Germanen-?)Orden'. Meine Leute waren im (-vom Germanen-Orden gelenkten-) 'Bunde Oberland' (-auf 'Gedeih und Verderb'-) verpflichtet, Oberstleutnant (-Hermann-) v. Schleich (-aus Augsburg-) war Führer im Orden 'Hermann von Schwaben', verbunden mit dem (-vom Germanen-Orden dominierten Anteil der Ortsgruppe-) Nürnberg, ich konnte das Netz nicht lösen." (BArch Berlin: NS26/158, S.11/Bl.136 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Das angespannte Verhältnis von Dr. Grandel zu Dr. Dickel ist jedoch so schlecht nicht. Bei Tyrell heißt es zu Dr. Grandels kritischen Äußerungen gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv:
"Siehe auch (-Gottfried-) Grandels Bericht, der allerdings Grandels Verhältnis zu (-Otto-) Dickel schlechter erscheinen läßt, als es in Wirklichkeit gewesen sein kann. Denn noch im September 1921, also nach der Kontroverse Hitler-Dickel, betätigte sich Grandel als Geldgeber für Dickel." (Tyrell: "Vom Trommler zum Führer", Fußnote 373 auf S.256 - 1975 + Staatsarchiv Nürnberg: Nachlass Streicher AL 13 - Dr. Otto Dickel an Julius Streicher v. 3.9.1921)

Später zum Regierungsdirektor befördert: Der Augsburger Ortsgruppenleiter Dr. Adolf Frank (geb. 28.10.1881) - 1933 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_A_7663)
Der im Oktober 1921 durch Dr. Grandels Rückzug in die Ortsgruppenleitung nachrückende Dr. Adolf Frank entwickelt im Laufe der Jahre begründete Aussichten auf das Augsburger Oberbürgermeisteramt, wird jedoch für "etwas sehr stark radikal" gehalten und übernimmt stattdessen das Amt des Oberregierungsrates in München. (Wirsching: "Nationalismus in Bayerisch-Schwaben", S.103 - 2004)
Zu seinem Werdegang fasst der Augsburger Personalsenats-Beschluss vom 9. Juli 1924 zusammen:
"In der heutigen Sitzung führte der Berichterstatter Bürgermeister Dr. Maurer aus, daß aus der Mitte des Stadtrats der Wunsch ausgesprochen worden ist, den Oberamtmann Dr. Frank aus dem städt. Dienst zu beseitigen.(...) Zu Last wurde früher einmal dem Dr. Frank gelegt, daß er während der Dienststunden für politische Zwecke agitierte. Dieser Vorwurf ist mit Personalsenatsbeschluß vom 20. Dezember 1922 erledigt worden, indem ihm eine Rüge erteilt und jede politische Betätigung während des Dienstes untersagt wurde. Seitdem sind diesbezügl. Klagen nicht mehr eingelaufen. Neuerdings wird ihm vorgeworfen, daß er anfangs Juni im Bahnhofhotel sich betrunken habe und bei der von seinen Begleitern durchgeführten Schießerei in der Bahnhofstraße beteiligt war." ()
Als Feindfigur nimmt sich Dr. Otto Dickel mittlerweile den Münchener Publizisten Dietrich Eckart zur Brust, der von Dr. Grandel über die vorausgegangenen Jahre auch hohe Zuwendungen für die mittlerweile eingestampfte Publikation Auf gut deutsch erhielt. Dr. Dickel schreibt an Julius Streicher in Nürnberg:
"Beide (-Pixis u. Fehn-) erhoffen sich immer noch eine Einigung (-zwischen Otto Dickel und Adolf Hitler-). Ich (-Dr. Dickel-) habe erklärt, dass eine solche nur denkbar ist, wenn (-Dietrich-) Eckart rücksichtslos beseitigt wird, weil er der Infektionsherd und die Stütze des hitlerschen Grössenwahns ist. Wenn ferner H.(-itler-) sich zu der Einsicht bequemt, dass er zwar als Agitator tätig sein kann, aber als nichts anderes. Um hier, wenn auch wohl vergeblich, Brücken zu bauen, habe ich den versöhnlichen Abschluss H.(-itler-) gegenüber gewählt. Es empfiehlt sich, den Aufsatz in der nächsten Nummer zu bringen. Wir warten dann ab, wie sich die Dinge gestalten und gehen dann ev.(-entuell-) mit dem gestriegen Artikel zum Angriff über. Zögern dürfen wir nach Lage der Dinge nicht mehr. Selbstverständlich brauchen wir eine sehr grosse Auflage dieser Kampfnummer." (StA Nürnberg: NS-Mischbestand - Sammlung Streicher 96, Dr. Otto Dickel, Werkgemeinschaft Augsburg an Julius Streicher v. 5.9.1921)
Für die nun von Julius Streicher am 4. Juni 1920 gegründete und als Schriftleiter verantwortete Publikation Deutscher Sozialist liefert Dr. Dickel verschiedene Beiträge auf Vorrat:
"Für die Werbenummer im Oktober wird Dr. Dickel einen besonderen Aufsatz 'Deutsche Werkgemeinschaft' schreiben,(...). Das (-von Dr. Dickel geschriebene?-) 'Missverständnis' könnten Sie mit entsprechendem Kommentar an alle Lehrerzeitungen hinübergeben, um gegen Dietrich Eckart energisch Stimmung zu machen, wobei Ihnen Dr. Dickel dringend ans Herz legt, von allem Gebrauch zu machen, was er Ihnen hier über die Persönlichkeit Eckarts anvertraut hat. Diesem Hochstapler müsse auf alle mögliche Weise das Handwerk gelegt werden. Zu dem (-im Völkischen Beobachter geschriebenen Rosenberg-?-) Artikel 'Schlagwortpopanze' hat Dickel selbst schon Randbemerkungen gemacht. (-Alfred-) Rosenberg kann eben nicht anders, als Plagiat begehen! Dazu verdreht er alles." (Staatsarchiv Nürnberg: NS-Mischbestand, Rep.503, Sammlung Streicher, Allgemeine Korrespondenz A-E, Nr.79 - Walter Kellerbauer für "Werkgemeinschaft Augsburg des abendländischen Bundes" an Julius Streicher v. 15.9.1921)
Oktober 1921
Nach dem durch Adolf Hitler erwirkten Austritt aus der NSDAP stellt Dr. Otto Dickel die Augsburger Werkgemeinschaft auf autonome Grundlage:
"Erster Vorsitzender der Augsburger Werkgemeinschaft war nicht (-Otto-) Dickel selbst, sondern ein Carl Böhrer, von Beruf Eisendreher und in der Räterepublik 1919 Volkkommissar für das Wohnungswesen." (Auerbach: "Regionale Wurzeln und Differenzen in der NSDAP" in Möller/Wirsching/Ziegler: "Nationalsozialismus in der Region", S.80 - 2009)
Januar 1922
Auch Gottfried Feder versucht, seine Kapital-Thesen im Rahmen der Augsburger Werkgemeinschaft zu vertreten. Ein Jahr nach dem ersten Auftritt Adolf Hitlers lädt die Werkgemeinschaft in das Evangelische Vereinshaus:
"Der Redner auf Dickels wohl erster Parteiversammlung, Gottfried Feder, war mit seinen Ideen zunächst Vorbild für Dickels eigene Partei, stellte sich aber ganz in den Dienst der NSDAP und wurde deren führender Wirtschaftstheoretiker in den 1920er Jahren. Seine Forderungen nach Verstaatlichung der Banken und Abschaffung der Zinsen lieferte eine perfekte Symbiose zwischen Antikapitalismus und Antisemitismus: 'Schon wie einmal der Herrgott, schon wie einmal Christus die Juden aus dem Tempel hinausgejagt hat, so werden auch wir die Juden aus den Banken hinausjagen', so Gottfried Feder in der Wahlpropagande der NSDAP zur Reichtagswahl im Juli 1932." (Weggel: "Augsburg in der Weimarer Republik", S.426 - 2025)

Veranstaltung auf Einladung der Augsburger Werkgemeinschaft: Gottfried Feder - 11. Januar 1922 (Digitalisiert auf: //recherche-stadtarchiv.augsburg.de + StadtAA/40067/Plakatsammlung/1245 + BArch: Plak 002-041-034 / Feldbauer, Georg - Drucker)

Verfechter zur Befreiung von der Zinsknechtschaft: Dipl.-Ing. Gottfried Feder - 1921 (Postkarte im Privatbesitz)

Veranstaltungsraum der Augsburger Werkgemeinschaft: Evangelisches Vereinshaus - 1922 (Postkarte im Privatbesitz / Fleisch, G. - Photoanstalt München)

Versammlungsraum der Werkgemeinschaft: Evangelisches Vereinshaus - 1922 (Postkarte im Privatbesitz / Fleisch, G. - Photoanstalt München)
März 1922
Die Werkgemeinschaft Otto Dickels erfährt im Jahr 1922 ihren Höhepunkt. So heißt es zu einer von ihr in Augsburg organisierten Veranstaltung:
"Hat J.(-ulius-) Streicher in den Jahren öfter Versammlungen in Norddeutschland gehalten, so spricht er jetzt fast nur noch in Süddeutschland. Am 8. März (-1922-) war der grosse Saal des evang. Vereinshauses in Augsburg bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Nebensaal wurde geöffnet. Die Massen standen dichtgedrängt. 'Heraus mit der Wahrheit' lautete das Thema. Zwei brennende Fragen standen an der Spitze der langen Ausführungen: 'Was sind die Ursachen unserer Erniedrigung?' und 'Das Unglück unseres Vaterlandes begann mit der Verstädtung unseres Landvolkes, der Vertreibung des Bauernburschen von seiner Scholle, mit der Industrialisierung, gestützt auf den Mammongeist der Bodensperre. In der Fabrik stirbt die Seele des Volkes dahin ohne Vaterland. Und doch ist die deutsche Arbeiterseele noch rein, sie will das Gute und Rechte, aber ihre Führer sind Fremdlinge; die Seele des Bonzen ist kapitalistisch erstorben. Es war die Sünde der Vergangenheit, dass der Gebildete vom Arbeiter, dem Heringesser, abrückte, statt sich seiner anzunehmen, weil deutsches Blut es miteinander ehrlich meinen muss. Der ausgebeutete Arbeiter fühlte sich ausgestossen. Da nahm sich der schlaue schlimme Jude seiner an. So wurde der Arbeiter in der Partei der Knecht des Geldwechslervolkes, das ihn zu seinen Machtzwecken missbrauchte. So schuf der Jude die Macht, welche die Ergebnisse gebar, von denen viele glaubten, sie seien von selbst gekommen, obwohl die 'Eitelkeit' der 'Führer' längst bestand, wie sie die 'Revolution machten'.
Schon 1871 sass der Jude hinter den Generalen, um den Kriegsgewinn für sich finanziell auszuwerten, ---- fast alle Kriege sind von den Geldmenschen gemacht --- vom Mammongeist, vom leibhaftigen Satan! Es ist die Sünde der Vergangenheit, dass wir die Gesetze der Rasse verleugnet haben-. Wilhelm II. ging aus und ein in Rahthenaus Haus, auf dessen Fries in Opferschalen 66 abgehackte Fürstenköpfe dargestellt sind! Viele, die einst an Wilhelm glaubten, glauben heute, ein Rathenau sei der Retter. Hinter dem Schutze der Konfessionen hat sich der Angriff der Fremdrasse versteckt, hinter der dem Schwindel des Namenswechsels. Unter dieser Maske ist ein riesiger Volksbetrug verübt worden und erfolgt heute noch Tag für Tag. Nie tritt ein Jude für den Deutschen ein, nur dumme Deutsche üben den Schutz der Juden (Steinerianer (-Rudolf-), Sozialisten)." (Staatsarchiv Nürnberg: Nachlass Julius Streicher, AL 13 - v. Schuh, Wolf: "Was ist die Deutsche Werkgemeinschaft", S.47/48)
Nur drei Wochen später erscheint der Nürnberger Julius Streicher erneut in Augsburg:
"Am 29. März 1922 fand im Saalbau Herrle eine riesige Kundgebung der 'Deutschen Werkgemeinschaft' mit Julius Streicher, dem berühmt-berüchtigten Antisemiten, und Dr. Otto Dickel, dem Gründer dieser Werkgemeinschaft, vor 2500 Zuhörern statt. Für eine Stadt mit damals rund 160.000 Einwohnern ist dies eine gewaltige Besucherzahl, erst recht wenn man sie damit vergleicht, dass zu den beiden Veranstaltungen mit Adolf Hitler in Augsburg im Januar und Mai 1921 nur jeweils knapp 200 Zuhörer gekommen waren." (Dr. Helmut Gier in daz-augsburg.de: "Vor 100 Jahren in Augsburg" v. 28.3.2022)

Saalbau Herrle in Augsburg - 1900 (Ansichtskarte im Privatbesitz)
"Ende März 1922 befürwortete (-Otto-) Dickel öffentlich den Streik der Augsburger Metallarbeiter. In derselben Versammlung mit etwa 2500 Leuten sprach auch (-Julius-) Streicher und hielt eine seiner üblichen antisemitischen Hetzreden, was Dickel nur noch mehr Schwierigkeiten brachte; seine nächsten Veranstaltungen wurden verboten. Trotzdem sprach Dickel bald darauf auch in Nürnberg;" (Auerbach: "Regionale Wurzeln und Differenzen in der NSDAP" in Möller/Wirsching/Ziegler: "Nationalsozialismus in der Region", S.79/80 - 2009)

Saalbau Herrle in Augsburg - 1900 (Ansichtskarte im Privatbesitz)

Veranstaltungsplakat der Deutschen Werkgemeinschaft Augsburg - 29. März 1922 (BArch: Plak 002-039-030 / Feldbauer, Gg., Augsburg)
Über die Veranstaltung heißt es:
"Die Rede von Julius Streicher enthielt übelste Anstachelung zur Gewalt gegen Juden. Er verlangte ein Fremdengesetz, wonach die Juden ausgewiesen werden sollten, in ihre Wohnungen sollten Arbeiter hineinkommen, ihr Vermögen sollte dem Volke zugeführt werden und mit dem Geld sollten Häuser gebaut werden. Dieser Auftritt Streichers hatte ein Nachspiel, die nächste, für den 6. April (-1922-) geplante Versammlung der Werkgemeinschaft wurde verboten und der Stadtrat Augsburg führte Klage bei dem Vorsitzenden der Deutschen Werkgemeinschaft in Nürnberg, Carl Böhrer, über den Aufruf seines Stellvertreters Streicher zum Mord an den Juden. Diesem Schriftwechsel verdankt sich ein wörtliches schauerliches Zitat aus der Rede Streichers im Saalbau Herrle: 'Es muss eine deutsche Revolution kommen. Dann sollen die Juden in Schiffen abfahren und wenn keine Schiffe da sind, dann ins Meer hinein damit, wie seinerzeit ins rote Meer.'" (Dr. Helmut Gier in daz-augsburg.de: "Vor 100 Jahren in Augsburg" v. 28.3.2022)
Über die Befassung des Regierungspräsidenten mit der Veranstaltung wird berichtet:
"Im (-8.-) März 1922 wurde Julius Streicher von der NSDAP (-oder Werkgemeinschaft?-) nach Augsburg eingeladen, (20.3.1922) einen Monat später kam er (-am 29. März 1922 im Saalbau Herrle-) wieder. Er und Dickel 'hetzten schwer gegen die Juden und für den Streik', den der Metallarbeiter. Sie sammelten sogar Geld, welches die Streikleitung aber zurückwies. Immerhin 2500 Personen hörten sich diese Reden im Herrle-Saal an. Der Stadtrat verbot daraufhin eine für den 6.4. geplante Versammlung in der Sängerhalle. (6.4.1922)" (Weggel: "Augsburg in der Weimarer Republik", S.426/427 - 2025)
Das agitatorische Engagement von Julius Streicher erfährt ein polizeiliches Nachspiel. So erwähnt er in seinem zweiseitigen Antwortschreiben an die Augsburger Kriminalabteilung:
"Zu 1.) Es ist nicht wahr, daß ich einen solchen Blödsinn redete. Eine Anspielung auf den biblischen Bericht vom Auszug der Juden aus Ägypten (der doch als geschichtlich gelten kann), ist hier vollständig verdreht wiedergegeben.
Zu 2.) Ich sagte wortwörtlich: 'Arbeiter, kommt in die deutsche Werkgemeinschaft und wenn Ihr dort dann auch wieder von den Führern betrogen werdet, dann schlagt uns tot!' Um ja keinen Zweifel übrig zu lassen, deutete ich bei dieser Äußerung auf mich selbst."
Zu 3.) Hier habe ich eine geschichtliche Tatsache angeführt. In jedem Kalender sind die beiden jüdischen Mordfeste verzeichnet und in allen möglichen völkischen Büchern ist auf das Parim- und Passalfest hingewiesen (s. insbesondere Handbuch der Judenfrage, Hammer Verlag Leipzig). Daß ein solches Volk, das heute nach 2000 Jahren noch den Meuchelmord feiert, kein Recht hat zu verlangen, daß es weiter bei uns bleibe und mit uns zusammen lebe, ist doch selbstverständlich.
Es handelt sich also weder um Aufreizung zum Klassenkampf, noch kann eine Religionsgemeinschaft sich beleidigt fühlen. Ich behandle in allen meinen Vorträgen die Rassenfrage. Der englische Jude d'Israeli schreibt in seinem Roman Endymion, daß die Rassenfrage der Schlüssel zur Weltgeschichte sei. Meine Ausführungen in Augsburg bezogen sich auf keine Klasse und auch auf keine Religionsgesellschaft." (Handschriftliche Stellungnahme von Julius Streicher an die Augsburger Kriminalabteilung, undatiert)
11. April 1922
Zwei Wochen nach der Augsburger Versammlung bestreiten Walter Kellerbauer und Julius Streicher auch in Nürnberg eine Werbeveranstaltung - mit durchwachsenem Ergebnis:
"Zu einer regelrechten Schlägerei kam es am Dienstag abend (-11. April 1922-) im Herkules-Saalbau in Nürnberg bei einer neuen Versammlung, welche die Deutsche Werkgemeinschaft dort abhielt. Als erster Redner sprach Herr (-Walter-) Kellerbauer über die Frage: 'Was will die Deutsche Werkgemeinschaft?' Er konnte seine Ansprache nur mit Mühe zu Ende führen, nachdem der Versammlungsleiter mit Rücksicht auf die schon zu Beginn der Versammlung bemerkbaren Störungsversuche die Genehmigung der Mehrheit der Besucher zur Abhaltung des Referats eingeholt hatte. Redner forderte ein deutsches Recht, hauptsächlich in der Bodenpolitik. Als zweiter Redner wollte Herr (-Julius-) Streicher sprechen über 'Die republikanische Reaktion'. Er kam aber in seinen Ausführungen nicht weit, da schon die Person des Redners den lebhaftesten Widerspruch eines großen Teiles der Besucher herausforderte. Im Laufe der Unruhen wurde der Vorschlag gemacht, das Lied 'Deutschland, Deutschland über alles' zu singen. Der Gesang gab der Gegenpartei Anlaß zum Absingen der Internationale. Dazwischen gab es noch ein fürchterliches Pfeifkonzert. Schließlich stürmte ein Teil der (-kommunistisch gelenkten?-) Gegenpartei mit Stühlen auf das Podium und schlug auf die Versammlungsleiter ein. Es gab dabei Verletzungen, allerdings nur unbedeutende. In dem Augenblick, wo es zu Tätlichkeiten kam, begann die 'vorsorglich' bereitgehaltene Schutzmannschaft einzugreifen. Die Räumung des Saales und die Zersteuung der Ansammlungen vor der Halle gingen ohne besondere Schwierigkeiten vor sich." (Digitalisiert auf digipress.digirale-sammlungen.de: Freie Presse für Ingolstadt, Nr.88, S.1 - "Eine stürmische Versammlung" v. 15.4.1922)
August 1922
Nach den 1921 in Augsburg gemachten Erfahrungen mit Dr. Otto Dickel wird als Ersatz der erfahrene Wanderredner Heinrich Dolle von der süddeutschen NSDAP nicht nur für zukünftige Versammlungen gebucht, er wird nach Dr. Grandels Angaben im Vorwege auch regelrecht geschult und auf eine nationalsozialistische Verwendbarkeit eingestellt. Dies geschieht wiederum privat bei Gottfried Grandel in Augsburg. Dieser begründet später in seinem 11-seitigen Bericht gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv seinen parteipolitischen Einsatz:
"Als Gegenspieler gegen (-Dr. Otto-) Dickel liess ich den Bergarbeiter Heinrich Dolle aus Westfalen kommen, er wohnte einige Monate (-August bis November 1922-) bei mir.(...) Ich hielt es für gut, wenn nicht immer die gleichen bayerischen Männer redeten; die Bewegung sollte nicht so ausschliesslich bayerisch sein.(...) Ferner sollte er ein Gegenspieler gegen Dr. Otto Dickel in Augsburg sein, dessen infame Kampfweise mich abstiess und welcher ich als Redner nicht gewachsen war. Endlich sollte Dolle die Gedanken des Nationalsozialismus bei mir und in München in sich aufnehmen und sie dann in Norddeutschland verbreiten helfen." (BArch: NS26/514 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv - S.589/Bl.4 v. 22.10.1941 + S.597/Bl.1 v. 6.11.1942)
September 1922
Am 19. September 1922 erklärt schließlich der Nürnberger Vertreter der Deutsch Sozialistischen Partei (DSP) seinen Austritt. Julius Streicher schreibt dem Augsburger Karl Breul:
"Die Behandlung, die meine Stellungnahme zur Judenfrage innerhalb der Vorstandsschaft erfuhr, veranlaßt mich zum Rücktritt von meiner Beisitzerstelle u. zum Austritte aus der Bewegung (-der 'Deutsch Sozialistischen Partei'-).(...) Der eiserne Besen, mit dem Augsburg kehrte, war nicht ganz rein und der Besen, mit dem (-der Nürnberger Redakteur Walter-) Kellerbauer kehren wollte, ... reicht nicht. Bei gutem Willen u. mit gutem Herzen (... Herzen!) hätte auf beiden Seiten sich der Weg zur Verständigung finden müssen. Ich machte im Hause des Herrn Dr. D.(-ickel-) Freudenscenen zwischen Dr. D.(-ickel-) einerseits u. Dr. Grandel u. Dr. Frank andrerseits mit u. mußte hernach das vollendete Gegenteil erleben. Hier stimmt etwas nicht, auch bei Herrn Dr. D.(-ickel-), den ich in seiner wissenschaftlichen Veranlagung übrigens entsprechend einzuschätzen weiß." (Staatsarchiv Nürnberg, Nachlass Streicher, Al 13, S.4-6 - Julius Streicher an Karl Breul v. 19.9.1922)

Ab September 1922 in enger Fühlung mit Adolf Hitler: Propagandist Julius Streicher - 1930 (BArch Berlin: NS26/96)
Nach internen Querelen und finanzieller Engpässe verläßt der Nürnberger Julius Streicher mit seiner Anhängerschaft nach nur einjähriger Mitgliedschaft auch die Deutsche Werkgemeinschaft von Dr. Dickel. An den Schriftführer Wolf v. Schuh schreibt Julius Streicher:
"Unter Heutigem erklärte ich in einem Schreiben an die ... der Werkgemeinde Nürnberg meinen Austritt aus der 'Deutschen Werkgemeinschaft'. Damit ... ich gleichzeitig die Stelle als Beisitzer." (Staatsarchiv Nürnberg, Nachlass Streicher, Al 13 - Julius Streicher an Wolf v. Schuh v. 19.9.1922)
0ktober 1922
Julius Streicher schließt sich im Oktober 1922 bedingungslos der NSDAP unter Führung von Adolf Hitler an, aufgrund dessen sich auch im Spätherbst 1922 die Deutschsozielistische Partei auflöst. In einem Brief an Adolf Hitler vermerkt der ehemalige DSP-Parteifunktionär:
"Am kommenden Freitag (-13. Oktober 1922-) gründen wir hier (-in Nürnberg-) eine N.(-ational-)S.(-ozialistische-)O.(-rts-)Gr.(-uppe-). Ich halte es für zweckdienlich, wenn Sie oder (-Anton-) Drexler zur Taufe erscheinen und Pate stehen, der Augenblick ist jedenfalls denkwürdig. Ich lade dazu auch Vertreter von früheren Werkgemeinden ein. Geben Sie sofort Nachricht, ob wir auf Ihr oder Dr.(-exlers-) Erscheinen rechnen können. Sie bekommen dann noch Näheres mitgeteilt. Ich unterstelle mich hiermit der Münchener Hauptleitung, über die Befehlsverhältnisse in Franken müssen wir uns noch aussprechen. Mein Austritt aus der 'D(-eutschen-)W'(-erkgemeinschaft-) hatte zur Folge, daß auch die von mir ins Leben gerufenen Werkgemeinden zum Teil sich schon auflösten und auf dem Wege zu den Nationalsozialisten sich befinden." (Brief von Julius Streicher an Adolf Hitler v. 8.10.1922 in Franz-Willing: "Ursprung der Hitlerbewegung", S.134 - 1974 + "Wille und Macht. Führerorgan der nationalsozialistischen Jugend", Nr.17 v. 1.9.1937)
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Sieger im völkischen Wettlauf um Einfluss und Macht: Adolf Hitler (m) mit dem Nürnberger NSDAP-Vertreter Julius Streicher (2.v.l., rechts neben Rudolf Hess) - 1927 (Wikimedia Commons - Datei: Adolf Hitler speech at Nuremberg Rally, 1927.jpg / unbekannt)
In den Jahren 1922/23 dient der Stockhauskeller der Augsburger Werkgemeinschaft in den Jahren 1922/23 jeden Donnerstag ab 20:00 Uhr als Versammlungstreff für Vorträge mit freier Aussprache. Zeitgleich tritt Karl Böhrer auf der jährlich stattfindenden Hauptversammlung den 1. Ortsgruppenvorsitz der Werkgemeinde Augsburg an.
(Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Deutscher Wille - Werkgemeinschaftliches Wochenblatt, 1. Jhrg., Nr.40/41, S.2 - "Einladung zur Jahreshauptversammlung" v. 10.10.1923)

Treffpunkt der Augsburger Werkgemeinschaft: Versammlungslokal Stockhauskeller in der Singerstraße - 1907 (Postkarte im Privatbesitz / Göttlich, Fr. - Augsburg)
Für die Augsburger Werkgemeinschaft hat es der Oktober 1922 in sich; ausgelöst durch den vorherigen Übertritt des Werkgemeinschaftlers Julius Streicher zur NSDAP bahnt sich eine weitere Abspaltung an:
"Über die (-zweite-) Augsburger 'Gründungsgeschichte' der NSDAP, also der hitlertreuen Partei, gibt es zwei Versionen: Die des Regierungspräsidenten erklärt, ein Teil der Werkgemeinschaft (-Dr. Otto-) Dickels habe sich im November (-1922-) abgespalten und eine (-hitlertreue NSDAP-) Ortsgruppe gegründet. Deren Vorstand wurde ein (-grandel'scher Öl-) Fabrikaufseher namens Josef Schröffer, eine schillernde Persönlichkeit (erst Kapuziener, dann Mitglied in der SPD, der USPD und der KPD, zudem Freidenker). Hinter ihm stehe aber der Stadtoberamtmann Dr. Adolf Frank. (21.11.1922)
Laut Bernhard Gotto war besagter (-Dr. Adolf-) Frank der Vorsitzende der im (-27.-) Oktober (-1922-) im 'Pelikan' in der Jakobervorstadt gegründeten Ortsgruppe." (Weggel: "Augsburg in der Weimarer Republik", S.427 - 2025)
Rückblickend schreibt Dr. Grandel an das Parteiarchiv:
"Die unfaire Kampfesweise (-Dr. Otto-) Dickels widerte mich (-1922-) so an, dass ich mich (-ab April 1921?-) etwas zurückzog und die Führung der Ortsgruppe dem Pg. Dr. (-Adolf-) Frank überliess. Ich tat aber nach wie vor alles, um die Partei in Augsburg zu fördern." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Der seit dem Herbst 1921 zum Parteiführer proklamierte Werbeobmann Adolf Hitler ist zu diesem Zeitpunkt endgültig durch mit dem Thema Werkgemeinschaft. Der Augsburger Parteigenosse Franz Maria Miller notiert rückblickend:
"Die persönlichen und politischen Gegensätze waren zu gross. Dr. Dickel hatte damals die bodenreformerischen Lehren Damaschkes auch bereits in die Tat umgesetzt und in der Nähe Augsburgs für die Handarbeiter eine Siedlung mitten im Moor geschaffen, Dickelsmoor genannt, die heute noch besteht. Seit jener Aussprache (-vom August 1921?-) gärte es aber in der Werkgemeinschaft und kam dort zu immer grösseren und schliesslich sogar handgreiflichen Auseinandersetzungen, die am Ende zu einer Spaltung dieser kleinen Vereinigung führten. Ein Teil der Mitglieder unter Stadtamtmann Dr. Frank entschied sich für Hitler und bildete dann den eigentlichen Kern der am 4. November 1922 in einer denkwürdig gewordenen Stockhauskeller-Versammlung gegründeten 1. (2., diesmal hitlertreuen) Ortsgruppe der N.S.D.A.P. Augsburg." (Stadtbibliothek Augsburg: Signatur 4 Enc 216-9, S.3, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole" von Franz Maria Miller, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)
Die von Dr. Adolf Frank geführte endgültige Abspaltung von der Augsburger Werkgemeinschaft erfolgt vermutlich im Verlauf der regulären Jahreshauptversammlung. In einer später bewusst geglätteten Partei-Historie der Augsburger Nationalzeitung heißt es 1937 rückblickend zum 15-jährigen Bestehen der Augsburger NSDAP-Ortsgruppe:
"Die erste (-zweite-) Ortsgruppe gegründet -
Treibereien aus politischer und persönlicher Ehrgeizelei aus den Kreisen der sogen. 'Werkgemeinschaft', einer bodenreformerischen Organisation, verhinderten die damalige Bildung einer nationalsozialistischen Ortsgruppe. Aber auch in dieser 'Werkgemeinschaft' entstanden 1922 schwere Auseinandersetzungen. Auf Anregung des Pg. Dr. Frank, damals Stadtoberamtmann, heute Oberregierungsrat in München, kam (-im Zusammenhang mit einer Jahreshauptversammlung der Augsburger Werkgemeinschaft-) am 27. Oktober 1922 die erste (-zweite-) Gründung der Ortsgruppe Augsburg der NSDAP im Nebenzimmer des Kaffee Kernstock zustande." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: "15 Jahre NSDAP in Augsburg", Sonderbeilage der Augsburger Nationalzeitung v. 22.11.1937)
29. Oktober 1923
Im Café Luitpold, Bismarkstraße, findet im Rahmen der Jahreshauptversammlung am Montag, 29. Oktober 1923 die Neuwahl der Vorstandschaft der Augsburger Werkgemeinde statt.
(Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Deutscher Wille - Werkgemeinschaftliches Wochenblatt, 1. Jhrg., Nr.40/41, S.2 - "Einladung zur Jahreshauptversammlung" v. 10.10.1923)
November 1924 - Heinrich Dolles Verhältnis zu Dr. Dickel
Während Adolf Hitlers Festungshaft versucht Heinrich Dolle, das seit 1921 zerüttete Verhältnis zwischen Dr. Otto Dickel und Adolf Hitler wieder zu glätten, doch die Grundvorraussetzungen gestalten sich schwierig. So heißt es nach einem zitierten Bericht des Privatdetektivs J. Schäffler:
"Auf Grund seiner eigenen Erfahrungen schilderte Dr. Otto Dickel Hitler 1924 als einen 'großen Hitzkopf'." (BHStA: I, SA 1475 - Privatdetektiv J. Schäffler über ein Gespräch mit Dr. Dickel über Ehensperger und Hitler v. 12.4.1924 in Tyrell: "Vom Trommler zum Führer", S.254, Fußnote 348 - 1975)
Seine persönliche Position im Konflikt zu Adolf Hitler legt Dr. Otto Dickel in einem Schreiben an Heinrich Dolle vom November 1924 dar:
"Und Dank für Euern Brief und Eure Bemühungen! Das ist das Rechte: Immer prüfen, 'ob man noch in der Führung ist, oder getrieben wird'.(...) Deshalb unterstütze ich, was mich anlangt, Euer Versöhnungsbestreben.(...) Gemeinsam ist - nennen wir als Vertreter etwa Hitler - mit ihm das Ziel. Verschieden ist der Weg. Ich bin überzeugt, dass sich auf dem von jener Seite, zu der die von Euch genannten Männer ebenfalls, wenn auch mit kleinen Modifikationen gehören, eingeschlagenen Wege nichts erreichen lässt,(...)." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief von Dr. Otto Dickel an Heinrich Dolle v. 17.11.1924)
Dezember 1924
In einem weiteren Schreiben vom 1. Dezember 1924 teilt Dr. Dickel dem Konflikt-Vermittler Heinrich Dolle mit:
"Heil Euch, lieber Dolle! Herpel schickt mir beiliegenden Brief an Euch mit der ausdrücklichen Bitte, ihn zu lesen und Euch dann weiter zu schicken, was hierdurch geschieht. Stellung dazu zu nehmen erübrigt sich um so mehr, als wir uns in Augsburg sprechen. Nur das eine: Es ist richtig, dass er (-Herpel-) mich wegen Hitler sehr stark bearbeitet hat. Das hat mich gefreut, obwohl es nicht notwendig war, denn ich stehe in meinem Urteil fest. Ich habe nie etwas gegen Hitler persönlich gehabt, oder gesagt. Umgekehrt ist das nicht der Fall, wie ich gelegentlich eines Ehrengerichtsverfahrens zweck restloser Reinigung von geradezu hahnebüchenen Anwürfen aktenmässig feststellen konnte. Aber solche Sachen kann ich vergessen. An mir soll es um die Sache willen nicht fehlen. Denn Herpel hat in der Sache durchaus nicht Unrecht. Der 7. Dez. wird wenigstens in Baiern selbst dem Blindesten die Augen über die Grösse der Katastrophe jener Organisation öffnen. Im Anschluss" (Dr. Otto Dickel an Heinrich Dolle v. 1.12.1924)

Wanderredner aus Westfalen: Heinrich Dolle - 1918 (GStA PK, I. HA Rep. 84a, Nr.55584 - Artikel aus: General-Anzeiger, Nr.3, S.2 v. 17.01.1920 - Portrait Heinrich Dolle / o.Ang.)
Auch Adolf Hitler gewinnt während seiner Festungshaft im Jahre 1924 die Einsicht, auf gewaltsamen Wegen die angestrebte nationale Diktatur nicht mehr erreichen zu können, doch vermeidet er zeitlebens den Zusammenschluss mit Dr. Otto Dickel. Die Vermittlungs-Bemühungen von Heinrich Dolle laufen somit ins Leere.
Die aus der Vermittlungsfunktion sich entwickelnde Annährung des engagierten Wanderredners aus Westfalen gegenüber dem Augsburger Otto Dickel beinhaltet für Gottfried Grandel eine Enttäuschung:
"Leider entzweite sich Dolle mit Hitlers Umgebung in München und schlug sich (-1924-) zu meinem Unwillen auf Dickels Seite, wo er aber erhebliche Enttäuschungen erlitt." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandels Bericht an das NASAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
In einem Briefkontakt zu Dr. Grandels Freund Emil Hubricht aus Freiberg/Sachsen stellt Heinrich Dolle seine Sicht auf den Konflikt mit Otto Dickel dar:
"Ich glaube annehmen zu können, dass unser lieber Freund Grandel auch Euch von Dickel erzählt hat, und nichts Gutes. Ich habe ihm damals (-1922-) angemerkt, dass auch er nur weitergab, was er gehört hatte. Später wurde ich immer wieder auf gute Taten Dickels gestossen, und da entschloss ich mich zur Prüfung der üblen Nachrede, und --- bedauerte es, so leichtgläubig gewesen zu sein. Bitte, tut auch so, um unserer deutschen Seele willen." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle, Brief Heinrich Dolle an Emil Hubricht, S.3 v. 25.11.1925)
Augsburg, April 1926
Im Jahre 1926 kommt es bei Derching unter Vorsitz Otto Dickels zur Gründung der werkgemeinschaftlichen Gartenbau-Siedlung Dickelsmoor. Heinrich Dolle ist rundweg angetan von dem Werk Otto Dickels, bei dem er sich im April 1926 auch im Rahmen von Vortragsreisen in diversen Stätden öfter aufhält:
"Ich habe mir den Betrieb in der Siedlung (-Dickelsmoor-) der Augsburger Werkgemeinschaft angesehen, und muss sagen, dass ich hochbefriedigt bin. Hier ist Politik wirklich, was es ursprünglich heisst, nämlich Wirtschaft + Werte-schafft. So etwas soll und muss allerorten in Deutschland werden. Herrgott, das ist Gesundung! Alles andere ist fauler Zauber, mag er sich nun nennen, wie er will." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Sammelbrief von Heinrich Dolle an Dr. Stock, Oskar Müller und Ludwig Dickel v. 6.+ 26.4.1926)

Mitglieder der Augsburger Siedlergemeinschaft Dickelsmoor mit dem Gründer Dr. Otto Dickel (sitzend, m.r.) und dem 6-jährigen Karl Riegel - 1927 (Fotografie im Privatbesitz von Siegfried Riegel in Zinterer: "Füchsle: Die Tragödie eines Hitlergegners der ersten Stunde", S.51 - 1999 + Bildausschnitt in Dreigroschenheft: "Ein unbekannter Lehrer Brechts: Der spätere NS-Aktivist und -Theoretiker Otto Dickel", S.10 - 4/2010)

Mitglieder der Siedlergemeinschaft Dickelsmoor: Augsburger Hochmeister des Germanen-Ordens Walvater, Treuschaft Radsey, Hermann v. Schleich (l), Franz Füchsle (m., ab 1928 mit dortigem Wohnsitz) mit dem Gründer der Werkgemeinschaftt Dr. Otto Dickel (r) - 1927 (Fotografie im Privatbesitz von Siegfried Riegel in Zinterer: "Füchsle: Die Tragödie eines Hitlergegners der ersten Stunde", S.52 - 1999 + Dreigroschenheft: "Ein unbekannter Lehrer Brechts: Der spätere NS-Aktivist und -Theoretiker Otto Dickel", S.10 - 4/2010)

Dickelsmoorer Siedlerhaus des GO-Hochmeisters Oberstleutnant Hermann v. Schleich - 1927 (Fotografie im Privatbesitz von Siegfried Riegel in Zinterer: "Füchsle: Die Tragödie eines Hitlergegners der ersten Stunde", S.53 - 1999)

Namensgeber Dr. Otto Dickel im Dickelsmoor - 1931 (Fotografie aus: "")

(Fotografie im Privatbesitz / Hamburger Aufruf v. 6. Mai 1931)
Auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise hält der Augsburger Dr. Otto Dickel weiter an seinen Plänen fest, den Arbeitern eine Alternative zur NSDAP zu bieten. Auch in Berlin versucht er das ihm Mögliche zu erreichen. In dem sozialdemokratischen Zentralorgan Vorwärts wird dazu 1931 berichtet:
"Hauptmann Stennes bereitet die Lösung der Berliner S.A. von der Hitler-Partei vor. Er weiß - in durchaus richtiger Einschätzung seiner Grenzen -, daß ihm jede politische Note abgeht; er hat daher, um diesem Mangel, der seine zukünftigen Pläne zu gefährden geeignet wäre, abzuhelfen, seit einiger Zeit Fühlung aufgenommen mit dem Augsburger Studienrat Dr. Otto Dickel, dem Gründer und Leiter der antisemitischen und scheinsozialistischen 'Deutschen Werkgemeinschaft', um zu prüfen, ob und wie weit er auf der Basis des Dickelschen Programms gemeinsam mit diesem gegen die NSDAP vorzugehen und ein politisches Eigenleben zu fundieren vermag. Die Verhandlungen zwischen Stennes und Dickel sind dieser Tage in Berlin zu einem gewissen Abschluß gekommen: Dickel hat ein Programm zur 'radikalen Bekämpfung des Arbeitselends' vorgelegt, und dieses Programm hat die Billigung von Stennes gefunden. Beide wollen nunmehr auf der Basis dieses Programms den 'Reichsbund der Erwerbslosen' gründen, der zunächst getragen wird von den im Gegensatz zu Hitler und Goebbels stehenden SA-Leuten und der sich sowohl gegen Hitler wie die Gewerkschaften richten soll." (Digitalisiert auf fes-imageware.de: Vorwärts, Nr.154, S.3 - "Feme-Schulz statt Stennes!" v. 1.4.1931)
Im darauf folgenden August des Jahres berichtet der Ingolstädter Anzeiger:
"Etwa vier Kilometer nordöstlich von Augsburg, in den Moorwiesen zwischen dem Lech und dem östlich davon gelegenen Höhenzug, ist vor etwa sechs Jahren eine 'Siedlung' entstanden, die ihresgleichen wohl nicht findet: das Dickelsmoor, benannt nach seinem Gründer, dem teutschvölkischen Führer der 'Deutschen Werkgemeinschaft' Dr. Otto Dickel, seines Zeichens Turnlehrer an einer Augsburger Studienanstalt. Dr. Dickel hat wiederholt versucht, im politischen Leben eine Rolle zu spielen.(...) Die Gründung Dickelsmoor bezeichnet er selbst in einer Schriftals die erste und bisher einzige SiedlungDeutschlands, die sich auf 'deutsches Recht' gründe, und als einen Beleg für die Möglichkeit, seine Ideen zur Rettung des deutschenVolkes aus dem Chaosder Nachkriegszeit in die Praxis zu übersetzen. -- Es ist nicht so einfach, nach Dickelsmoor zu gelangen. Ein Fußweg über Wiesen,, daneben ein Feldweg, der auf eine weite Strecke durch Verbotstafeln als für den Verkehr mit Fahrzeugenaller Art gesperrt bezeichnet wird, führt dahin. Selbst die dürftige Bekiesung dieses Feldweges endetdort, wo das Dickelsmoorer Gebiet beginnt. Bei Regenwetterein grundloser Weg; schönere Wege weist aber die ganze Siedlung nicht auf!- Mit Hilfe von großen Versprechungen gelang es Dr. Dickel und seinen Freunden vor etwa fünf bis sechs Jahren, eine Anzahl Siedler, etwas mehr als ein Dutzend, nach Dickelsmoor zu locken. Manche davon haben den gesegneten Gefilden der teutschvölkischen Gründung längst wieder den Rücken gekehrt; andere möchten es ihnen gerne nachmachen, wenn sich nur ein Käufer für die bescheidenen Holzhütten finden würde, die sie auf dem in 'deutschem Erbbaupachtrecht' gepachteten Grund der völkischen Wirtschaftsgemeinschaft errichtet haben." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Ingolstädter Anzeiger, Nr.174 - "Das Fiasko einer teutschvölkischen Gründung - Die Germanensiedlung im Dickelsmoor bei Augsburg" v. 3.8.1931)
Zu der von Dr. Dickel initiierten Siedlung wird weiter berichtet:
"In diesem Zusammenhang interessiert aber auch eine andere Frage: Der 'Deutsche Erwerbslosen-Verband' macht für eine Arbeiter-Heimstätten- und Bauernsiedlungspolitik im Sinne eines gewissen Dr. Otto Dickel Propaganda. Dieser Deutschvölkische der 'Deutschen Werkgemeinschaft' hat vor einigen Jahren in der Nähe von Augsburg, von jedem Verkehr fast abgeschlossen, eine kleine Siedlung begründet, die den Namen Dickelsmoor trägt. In zumeißt erbärmlichen Holzhütten, die ohne Genehmigung der zuständigen Behörden erbaut wurden, hausen dort einige Siedler nach einem eigenen 'deutschen Recht' und sogar mit einer eigenen Währung, 'Wert' genannt, in Umkehrung der Wirklichkeit. Über das 'Währungsmaß' heißt es in der Satzung dieser Siedlung: 'Ein Wert ist gleich der Bestellgebühr für zehn Inlandbriefe.' Mit Hilfe dieyer mystischen Währung sind die Siedler in Dickelsmoor schon viele hunderte richzige Reichsmark und unzählige Schweißtropfen losgeworden. Sie wissen nicht mehr ein und aus und zerbrechen sich den Kopf darüber, wie sie nur wieder von ihren Verpflichtungen und damit wieder von ihrer 'eigenen Scholle' loskommen können, die nur einmal in der Woche des Postboten Fuß betritt. Wonach man wohl den 'Wert' der Siedlung bemessen kann. Die deutschen Erwerbslosen werden sich für eine solche Einsiedelei bestens bedanken. Was uns aber besonders interessiert, ist die Frage, weshalb Herr Treviranus mit diesem Dr. Dickel in regem Verkehr steht. Besagter Dr. Dickel geht seit einiger Zeit bei Herrn Treviranus ein und aus. Sollen für diesen völkischen Siedlungshumbug etwa noch Reichsmittel bereitgestellt werden?" (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.493 , S.10 - "Eine dunkle Angelegenheit - Dickel, Treviranus und der 'Wert' von Gründungen" v. 21.10.1931)
Hitlers parteiinterne Machtergreifung
(308-1921) Im Nachlauf der Augsburger Parteisitzung vom 10. Juli 1921 setzt Adolf Hitler alles auf ein Karte: Er verkündet zum 11. Juli 1921 seinen Austritt aus der NSDAP; auch eine Parteineugründung wird von ihm nun nicht mehr ausgeschlossen.
Gottfried Grandel ist als Augsburger Initiator der jungen Ortsgruppe entsetzt, seine jahrelangen Bemühungen um die Entwicklung der NSDAP drohen in einem großen Zerwürfnis zu enden. In einer späteren Schilderung führt er aus:
"Seit dem Sommer 1921 leide ich unter seelischen Depressionen. Eine Hoffnungslosigkeit sondergleichen hat sich meiner bemächtigt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.299 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.9 - 1924)
Der von Adolf Hitler hart kritisierte NSDAP-Vorstand befürchtet gar, ohne den vollzeit-engagierten Propagandisten an der eigenen Parteispitze in der politischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.
Parteivorsitzender Anton Drexler vertritt schon vor diesem Disput den Standpunkt, „daß jede revolutionäre Bewegung einen diktatorischen Kopf haben muß". Weiter betont er:
"... und deshalb halte ich auch gerade unseren Hitler für unsere Bewegung als den geeignetsten, ohne daß ich deshalb in den Hintergrund zu schieben wäre."
Doch gerade er war es gewesen, der zuvor durch sein Verhalten Adolf Hitlers Zorn auf sich gezogen hatte:
"Vom 26. bis 28. März 1921 waren 35 DSP-Vertreter von Gauen und Ortsgruppen aus allen Teilen des Reiches versammelt; je ein Vertreter der Bruderparteien aus München (-Anton Drexler-), Österreich und der Tschecheslovakei war ebenfalls anwesend. Mit Zustimmung der Vertretung der Bruderparteien wurde die Verschmelzung mit der Münchener Partei, die Namensänderung 'Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei' und die Verlegung der Parteileitung nach Berlin beschlossen." (Franz-Willing: "Ursprung der Hitlerbewegung", S.161 - 1974 + Bericht: 3. Reichsparteitag der DSP in Zeitzer Neueste Nachrichten, Nr. 83/84 v. 29./30.3.1921)
Verschiedene Parteimitglieder geraten zum Sommer 1921 durch Adolf Hitlers Austritt in Aufruhr und üben nun massiven Druck auf den NSDAP-Parteivorstand aus. Die Vorstandsrunde akzeptiert schließlich die Abhängigkeit von dem unermüdlichen Trommler, der allein "in einem Jahr 56 mal in München gesprochen hatte". (Albert Reich)
Durch Vermittlung Dietrich Eckarts nimmt der Vorsitzende Anton Drexler schließlich wieder Kontakt zu Adolf Hitler auf und akzeptiert in diesem Zuge alle sechs der nunmehr diktatorischen Forderungen. Dieser tritt daraufhin als uneingeschränkter Führer der NSDAP wieder bei und löst Anton Drexler damit als Vorsitzenden ab, den er als Ehrenvorsitzenden an die innerparteiliche Seitenlinie schiebt. Adolf Hitler schreibt später über den Parteigründer Anton Drexler:
"... er war ein einfacher Arbeiter, als Redner ebenfalls wenig bedeutend, im übrigen aber kein Frontsoldat. Er hatte nicht beim Heer gedient, war auch während des Krieges nicht Soldat, so daß ihm, der seinem ganzen Wesen nach an sich schwächlich und unsicher war, die einzige Schule fehlte, die es fertig bringen konnte, aus unsicheren und weichlichen Naturen Männer zu machen. So waren beide Männer (-Anton Drexler und Karl Harrer-) nicht aus dem Holz geschnitzt, das sie befähigt hätte, nicht nur den fanatischen Glauben an den Sieg einer Bewegung im Herzen zu tragen, sondern auch mit unerschütterlicher Willensenergie und, wenn nötig, mit brutalster Rücksichtslosigkeit die Widerstände zu beseitigen, die sich dem Emporsteigen der neuen Idee in die Wege stellen mochten." (Hitler: "Mein Kampf", S.391 - 1925)
Die zielgerichtete Entwicklung "vom Trommler zum Führer" beschreibt in diesem parteiinternen Verdrängungsvorgang ihren Wendepunkt.
Nachdem Adolf Hitler am 29. Juli 1921 auch innerhalb der Partei seine diktatorische Vollmachten als neuer Parteivorsitzender durchsetzen und die vorherigen Fusionsgespräche damit komplett abbrechen konnte, schreibt Dr. Gottfried Grandel am 12. August 1921 seinem Freund Dietrich Eckart einen Brief:
"Mir ist Hitler lieb und wert. Aber sein Streben nach Alleinherrschaft sah ich mit Sorge. Es nimmt auch kein gutes Ende, es sei denn, dass er noch umkehrt und andere (-gemeint ist beispielsweise Dr. Otto Dickel-) auch mitkommen läßt. Wir müssen im Auge behalten, dass jedes gewalttätige Wesen und jedes Parteibonzentum die besten Kräfte und Mitarbeiter verscheucht und lahm legt, dafür aber die minderwertigen Elemente nach vorne bringt."
Weiter wird in diesem Zusammenhang ausgeführt:
"(- Dr. Gottfried-) Grandel argumentierte, (-Dr. Otto-) Dickel sei für die nationalsozialistische Bewegung unverzichtbar, wenn diese je hoffe, sich über die Grenzen Bayerns auszudehnen und zu einer nationalen Kraft zu werden. Er äußerte die Befürchtung, dass die Bewegung in 'Schreien und Zerstörung ausarten' und Hitlers unbeirrbarer Antisemitismus von dringlicheren Problemen ablenken könnte." (Ryback: "Hitlers Bücher", S.83 - 2010)
Weiter betont Dr. Grandel in seinem Brief an Dietrich Eckart:
"Antisemitismus ist notwendig, aber die Vorbereitungen für das bevorstehende 'Deutsche Reich' sind auch vonnöten."
Er drängt den Münchener Verleger, seinen "großen, ja entscheidenden Einfluss" gegenüber Adolf Hitler geltend zu machen, um ihn wieder auf Linie zu bringen und damit die Unruhe in der Partei zu befrieden. Hierbei besinnt er sich auf eine Erkenntnis, die er bereits 1917 auf einem Kalenderblatt vermerkte:
"Früher oder später ist alle fehlerhafte Arbeit aufgedeckt. Besser Misserfolg als Erfolg durch falsche Mittel."

Kalenderblatt von Gottfried Grandel - 6. Januar 1917 (Fotografie im Privatbesitz)
Doch Dietrich Eckart folgt Dr. Grandels Ratschlägen nicht. Stattdessen rechtfertigt er Adolf Hitlers Führungsanspruch und greift im Völkischen Beobachter die Verfasser eines anonymen, gegen Hitler gerichteten Protest-Flugblattes an:
"Wir sind es, die die Bewegung ins Rollen gebracht haben;(...) und da sollen wir uns anschließen, sollen wir hinübergleiten in die Reihen derjenigen, die weder an Zahl noch an Wucht, noch an Klarheit auch nur annähernd mit uns zu wetteifern vermögen? Umgekehrt wird ein Schuh daraus." (Völkischer Beobachter v. Oktober 1921 in Deuerlein: "Der Aufstieg der NSDAP in Augenzeugenberichten", S.141 - 1968)
Der Völkische Beobachter greift die Kritik von Dr. Grandel inhaltlich auf und legt in einer weiteren Positionierung nach:
"Möge mancher (-gemeint ist u. a. vermutlich Dr. Grandel-) still für sich die neue Zeit eines völkischen Großdeutschlands vorbereiten, wir, die Nationalsozialisten, wollen dessen Kampftruppe sein. Wir wissen, daß der deutsche Gedanke eine Macht ist, wir wissen aber auch, dass wir von Feinden und verblendeten Volksgenossen umringt sind. Deshalb müssen wir zu lieben und zu hassen verstehen, deshalb müssen wir auch eine physische Macht (-SA-) werden. Eine Idee, hinter der nicht auch der Wille zum Durchsetzen derselben besteht, hat ihren Lohn dahin. Sie zeigt dadurch, daß sie keine innere Kraft besitzt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 8/21, S.13 - Völkischer Beobachter v. 22.10.1921)
Die Führungsfrage innerhalb der NSDAP ist damit entschieden, die Führung des Germanen-Ordens hat das Nachsehen. Der Münchener Publizist Dietrich Eckart sieht seinen protegierten Hoffnungsträger nunmehr in der von ihm zugedachten Position des unangefochtenen Parteiführers. Adolf Hitler nutzt hingegen seine parteiintern erworbene Machtfülle, die nun auch öffentlich sichtbare Spuren hinterläßt:
"Der von Ingenieur (-Otto-) Ballerstedt geleitete Bayernbund hatte auf Mittwoch abend (-14.9.1921-) in den großen Saal des (-Münchner-) Löwenbräukellers eine öffentliche Versammlung einberufen, die zu den letzten politischen Ereignissen Stellung nehmen sollte. Angekündigt war ein Vortrag des Bundesleiters unter dem Titel: Wir verraten Bayern nicht! Die Versammlung, die einen starken Besuch aufwies, nahm infolge eines von nationalsozialistischer Seite planmäßig vorbereiteten Ueberfalles ein vorzeitiges, stürmisches Ende. Nationalsozialistische 'Jungmannen' hatten frühzeitig die Plätze um die Rednertribüne besetzt. Auch sonst waren zahlreiche Nationalsozialisten über den Saal verteilt. Als der Führer der Nationalsozialisten Hitler im Saal erschien, wurde er von seinen Anhängern mit demonstrativem Beifall begrüßt. Sein Erscheinen gab den Auftakt zu dem nachfolgenden Gewaltakt. Der frühere Redakteur (-Hermann-) Esser des Völkischen Beobachters stieg auf einen Stuhl und erklärte, daß Bayern die Lage, in der es sich befinde, den Juden und Judenzern verdanke. Ballerstedt habe sich immer um die Judenfrage herumgedrückt. Die Nationalsozialisten sähen sich daher 'gezwungen', Ballerstedt das Wort zu entziehen und es Hitler zu geben. Die Anhänger Hitlers besetzten darauf sofort das Podium, um ihre Absicht, die Versammlung zu einer nationalsozialistischen zu gestalten, durchzuführen. Ein großer Teil der Versammlung erhob hingegen lebhaft Protest und verlangte, daß Ballerstedt sprechen solle. Dieser war inzwischen zum Podium durchgedrungen, konnte aber nicht zu Wort kommen, da die Nationalsozialisten andauernd 'Hitler' schrien. Der Tumult vergrößerte sich noch, als versucht wurde, durch Ausschalten der Beleuchtung der befürchteten Schlägerei vorzubeugen. Als die Beleuchtung wieder funktionierte, erklärte Ballerstedt, daß er jeden gerichtlich wegen Hausfriedensbruches belangen werde, der die Versammlung zu stören versuche. Daraufhin umringten die auf dem Podium befindlichen jungen Leute, unter denen sich verschiedene kaum halbwüchsige befanden, schlugen auf ihn ein und stießen ihn die Treppe vom Podium hinunter, wobei Ballerstedt eine stark blutende Kopfwunde davontrug. Redakteur Esser gab darauf bekannt, daß die Nationalsozialisten jeden unerbittlich entfernen würden, 'der die Ruhe störe'. Ein Mitglied des Bayernbundes, das anscheinend dessen Versammlung leiten sollte, machte auf dem Podium den Nationalsozialisten Vorhalt wegen ihres gewalttätigen Benehmens, worauf auch er mit Fäusten und Stockhieben geschlagen und vom Podium hinabgedrängt wurde. Ein Kriminalbeamter eilte ihm mit einem Gummiknüttel zu Hilfe." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.389, S.4 - "Nationalsozialistischer Ueberfall" v. 15.9.1921)
Wie schon zwei Jahre zuvor bei Gottfried Grandel praktiziert, läßt Dietrich Eckart nun dem "lieben Freund Hitler" eine handsignierte Ausgabe seiner Übersetzung von Peer Gynt zukommen, "herzlichst übereignet" - als Zeichen größter Wertschätzung.
Der ehrgeizige Zahnarzt Friedrich Krohn hingegen ist durch mit dem neu proklamierten "Führer" Adolf Hitler. Helmut Auerbach schreibt hierzu:
"Die zweite auswärtige Ortsgruppe entstand im August in Starnberg (-18.4.1920-). Dort wohnte der schon in Germanen-Orden und Thule-Gesellschaft aktive Dentist Friedrich Krohn, der Hitler seine Bibliothek völkischer Schriften zur Verfügung stellte. Krohn zog sich aber schon 1921 aus Protest (-und Anordnung des Germanen-Ordens?-) gegen Hitlers diktatorische Gelüste aus der Partei zurück." (Möller: "Nationalismus in der Region", Aufs. v. H. Auerbach, S.72)
Friedrich Krohn ist innerhalb der jungen Partei nicht irgendwer. In "Mein Kampf - Eine kritische Edition" heißt es im Erläuterungstext (85) auf Seite 1248:
"Friedrich Krohn aus Starnberg nahm später für sich in Anspruch, an der Entwicklung der Parteifahne federführend beteiligt gewesen zu sein."
Weiter heißt es auf stadtarchiv.de zu der damaligen Entwicklung der "Ortsgruppe NSDAP":
"Die zunächst von 13 Mitgliedern gegründete Ortsgruppe wuchs im Laufe des Jahres 1920 rasch auf über 260 Mitglieder an. 1921 und 1922 stagnierte der vorher so stürmische Parteizuwachs. Auch die Gründung weiterer Ortsgruppen im Umland, zum Beispiel in Kolbermoor, gelang nicht.(...) Die Gründungsmitglieder der Rosenheimer Ortsgruppe kamen überwiegend aus der Mittel- und Oberschicht."
Analog zu der Augsburger Ortsgruppengründung fühlen sich einige Gründungsmitglieder abgestoßen von Adolf Hitlers diktatorischem Gebaren innerhalb der Partei; die Ortsgruppenentwicklung gerät zum Stillstand.
Nicht nur Germanen-Ordensmitglied Friedrich Krohn zieht sich seit Adolf Hitlers parteiinternem Machtanspruch zurück, auch Gottfried Grandel notiert:
"Ich gehörte bis 1921 der Nationalsoz. Partei an und seit dieser Zeit überhaupt keiner politischen Partei mehr." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.55 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Gottfried Grandels Vernehmungsprotokoll vor dem Augsburger Amtsrichter Herrmann v. 19.1.1924)
Doch auch in München schwelt der Konflikt weiter: Dietrich Eckart vermutet Prof. Otto Dickel als Verfasser eines anonymen Protestschreibens, in dem Adolf Hitler als neuer Vorsitzender scharf kritisiert wird. Darin heißt es:
"Machtdünkel und persönlicher Ehrgeiz haben Herrn Adolf Hitler nach seiner sechswöchigen Reise nach Berlin, über deren Zweck er sich bis heute noch nicht ausgesprochen hat, auf den Posten gerufen. Er glaubt die Zeit für gekommen zu erachten, um im Auftrag seiner dunklen Hintermänner, Uneinigkeit und Zersplitterung in unsere Reihen zu tragen und dadurch die Geschäfte des Judentums und seiner Helfer zu besorgen (...). Auf Fragen einzelner Mitglieder, von was er denn eigentlich lebe, geriet er jedesmal in Zorn und Erregung. Eine Beantwortung dieser Frage ist bis heute noch nicht erfolgt. Sein Gewissen kann also nicht rein sein. (...) Und wie führt er den Kampf? Echt jüdisch! Er verdreht alle Tatsachen und stellt die Sache so hin, als ob Drexler nicht revolutionär genug sei und ins parlamentarische System zurückfallen wolle. Nationalsozialisten! Urteilt selbst über solche Charaktere! Laßt Euch nicht irreführen, Hitler ist Demagoge und stützt sich nur auf seine Rednergabe, er glaubt damit, das deutsche Volk irrezuführen und Euch besonders Dinge aufzuschwätzen, die alles andere sind, als die Wahrheit!"
In dieser Phase wird Adolf Hitlers zweiter Nährvater, der bislang Verantwortliche von Auf gut deutsch, neuer Herausgeber des Völkischen Beobachters. Er neigt auch in dieser Funktion zu deutlicher Sprache:
"In bezug auf das vor einigen Monaten verbreitete anonyme Schurkenflugblatt gegen Hitler schrieb ich damals: 'Ich dachte mir, sogar eine alte Hure müßte die Finger von einem Machwerk lassen, das in hanebüchenster Deutlichkeit den Stempel der Lüge mit sich herumtrug'. Die (-Münchener-)'Post' hatte es selbstverständlich nicht getan;" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Deutsche Arbeiter-Presse/Wien, Nr.38, S.2 - "Verschiedenes - Enthüllungsdelirium der 'Post'" v. 5.11.1921)

(Völkischer Beobachter v. 28.7.1921 + Reich: "Dietrich Eckart: ein deutscher Dichter und Vorkämpfer", S.84 - 1934 + Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.299 - 2000)
Für Dr. Otto Dickel endet schließlich der Ausflug in die Niederungen der NSDAP apprupt: Auf Betreiben Adolf Hitlers wird er am 10. September 1921 aus der Partei ausgeschlossen. Der neu proklamierte Führer Adolf Hitler bezeichnet ihn dabei als "extremsten Gegner" der NSDAP. Doch Otto Dickel gibt so schnell nicht bei; noch im Folgejahr absorbiert die von ihm initiierte Werkgemeinschaft das völkisch-nationalistische Milieu in Augsburg.
In "Bayern - Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt" heißt es zu Otto Dickels DWG:
"Ein mit antisemitischer Hetze dargebotener, die 'Schaffung deutschen, auf germanische Wesensart und Weltanschauung begründeten Rechtes', eine ständische 'wahrhaft deutsche Volksverfassung' und als Kernstück 'eine freie unverschuldete Heimstätte, ein kleines Erblehngut', das 'Volksernährung aus eigener Scholle' sicherstellen sollte, forderndes Programm sprach Personen 'aus allen Ständen' an."
März 1922
Der ehemals revolutionäre MSPD-Innenminister unter Kurt Eisner, Erhard Auer, spricht sich als einziger SPD-Parteivorstand beim Innenminister Franz Xaver Schweyer für die Ausweisung Adolf Hitlers nach Österreich aus.
Oktober 1922
Die noch junge NSDAP-Ortsgruppe von Gottfried Grandel zerfällt aufgrund des schweren Konflikts zwischen Otto Dickel und Adolf Hitler, die Augsburger Intelligenz wendet sich vorerst angewidert und enttäuscht ab, doch nur ein Jahr später versucht eine Gruppe der hitlertreuen NSDAP in Augsburg erneut eine Gründung.
"Herrschaft und Gesellschaft" führt dazu weiter aus:
"Die nach den Auseinandersetzungen mit der Dickel-Gruppe am 27. Oktober 1922 von dem Stadtmann Dr. Adolf Frank neu gegründete hitlertreue NSDAP-Ortsgruppe wuchs im Laufe des Jahres 1923 mit einem SA-Trupp von 90 Mann in Augsburg zur stärksten völkischen Gruppe heran (-im November 1923 sind es bereits 200 Mitglieder-) und ließ die Dickelsche Werkgemeinschaft zur Sekte verkümmern. In ihrem Vorstand befanden sich nur zwei Arbeiter - der als Gußputzer in der MAN beschäftigte Hans Reim, der nach 1933 Handwerkskammerpräsident werden sollte, und Josef Schröffer, ein Vorarbeiter in Grandels Ölmühle."
In der NSDAP-Sonderbeilage zum 15jährigen Bestehen der 1922 neugegründeten "hitlertreuen" Ortsgruppe wird dazu rückblickend folgende Erklärung gegeben:
"Treibereien aus politischer und persönlicher Ehrgeizelei aus den Kreisen der sogen. 'Werkgemeinschaft', einer bodenreformerschen Organisation, verhinderten die damalige Bildung einer nationalsozialistischen Ortsgruppe. Aber auch in dieser 'Werkgemeinschaft' entstanden 1922 schwere Auseinandersetzungen. Auf Anregung des Pg. Dr. (Adolf) Frank, damals Stadtoberamtmann, heute Oberregierungsrat in München, kam am 27. Oktober 1922 die erste Gründung der Ortsgruppe Augsburg der NSDAP im Nebenzimmer des Kaffee Kernstock zustande."
Dr. Gottfried Grandel ist zu diesem Zeitpunkt zunehmend genervt von politischen Gründungsprozessen. Möglicherweise ist das auch ein Zeitraum, wo er sich vom Diktat Adolf Hitlers langsam wieder abwendet. Schließlich muss er sich vor seinen Kontakten für die gescheiterte Vermarktung Adolf Hitlers in Augsburg rechtfertigen, die er mit viel Engagement versucht hatte, erfolgreich umzusetzen.
In der Mitgliedsliste "Adolf Hitler's Mitkämpfer 1919-1921" ist seine Adresszeile mit Bleistift durchstrichen, ein Austrittsdatum wurde hingegen nicht vermerkt. Es könnte das Jahr 1921 gewesen sein.
In dem am 22. Oktober 1941 für das Hauptarchiv der NSDAP angefertigten Rückblick auf die "Kampfzeit" beschreibt Gottfried Grandel jedoch ein anderes Bild. Trotz der verfahrenen Ortsgruppen-Situation in Augsburg ist selbst 20 Jahre nach der parteiinternen Machtergreifung kein Wort der Kritik gegenüber dem Verhalten Adolf Hitlers zu entnehmen. Das will aber nicht viel heißen. Gottfried Grandel besitzt mit seinen 64 Jahren gegenüber dem Hauptarchiv genug Erfahrungen, um dem von der jeweils übergeordneten Struktur erwarteten Sprachduktus zu entsprechen. Ihm sind darüber hinaus sicherlich auch genügend Informationen über Personen zuteil geworden, die sich bereits in Konfrontation zu Adolf Hitler begeben haben.
In einem Schreiben an (Adam) Röder vom 17. November 1925 fasst Dr. Otto Dickel seine Einschätzung zur Deutschen Werkgemeinschaft zusammen. Seine Teamfähigkeit scheint in den Jahren eine Wandlung erfahren zu haben:
"Nun meinen Sie, durch Überführung von Mitgliedern der DWG zum BdG wollten Sie ein kampffähiges Werkzeug gestalten. Lieber Herr Roeder! Die DWG habe ich unter unsäglichen Schwierigkeiten gestaltet. Sie hat schon manche Feuerprobe bestanden und wird, im Gegensatz zu all den Bünden und Bündchen, Parteien und Verbänden, von allen Volksfeinden sehr ernst genommen ... Sie ist also eine Waffe. Und zwar meine Waffe. Da braucht wirklich kein anderer dran schmieden helfen."
Dr. Otto Dickel wird es später bereut haben, Adolf Hitler je begegnet zu sein: 1934 bekommt er für angebliche Kontakte zu Pg. Otto Strasser 10 Monate Haft wegen "Hochverrats". Bei einem weiteren Gestapo-Besuch begeht er am 15. Juni 1944 schließlich mit einer Pistole Selbstmord in der Wohnung seiner Tochter, um sich der erneuten Verhaftung zu entziehen.
Unzweifelhaft wirkt hingegen Dr. Grandels folgende Aussage gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv:
"Wirtschaftlich hat mir dies (-Engagement für die NS/DAP-) sehr geschadet. Ich wurde in der roten Presse angeprangert, insbesondere nachdem durch Indiskretionen bekannt geworden war, dass ich Hitler Geld gegeben und den Völk. Beo(-bachter-) für die Partei 'gekauft' hatte. In dem berüchtigten 'Braunbuch' soll mein Name als Geldgeber der Partei öfters vorkommen."
In dem hier von Dr. Grandel erwähnten Braunbuch von 1933 ist zu lesen:
"Im späteren 'Hitler-Ludendorff-Prozeß' (-1924-) ist festgestellt worden, daß Hitler von dem Direktor des bayerischen Industriellenverbandes, Geheimrat Aust, dem Verbandssyndikus Dr. Kühl, dem Inhaber der Klavierfabrik Bechstein, dem Großindustriellen Maffei (München), den Fabrikanten Hornschuh (Kulmbach) und Grandel (Augsburg) erhebliche Geldsummen für die Partei erhalten hat."
Grandels Antwort auf Otto Dickel: Heinrich Dolle
(309-1922) Die Kontaktaufnahme der süddeutschen NSDAP zu Heinrich Dolle und die darauf folgende Agitation des westfälischen Wanderredners lässt sich anhand seines im Paderborner Stadt- und Kreisarchiv hinterlegten Nachlasses gut rekonstruieren.
Dabei ist der in sehr armen Verhältnissen am 19. Januar 1876 geborene Westfale ein eher untypischer Vertreter der Rednerzunft. Nach dem ersten Weltkrieg wird er mit Frau und sechs Kindern in Kleinenberg als bescheidener Waldbauer und Einsiedler heimisch:
"Ich will gemeinsam mit meinem tapferen Weibe acht Morgen Land roden und gedenke den Beweis zu führen, daß ein Mensch durch seine persönliche und seiner Angehörigen Arbeit seinen Lebensunterhalt selbst erwerben kann." (Kreis-und Stadtarchiv Paderborn, Nachlass Heinrich Dolle)
Heinrich Dolle betreibt fortan die Zucht von Geflügel, Kaninchen, Ziegen und anderem Kleinvieh, meidet jedoch Tabak, Rauschgetränke und Fleisch. Sein Kleidungsstil ist bewusst einfach gehalten, Stärkewäsche und Unterzeug spielen für den barhäuptigen Kleinbauern dabei keine Rolle. Auch sein Redestil hebt sich ab. Einem Journalisten erklärt er:
"Wortgeklingel und Schleimreden verabscheue ich, und deshalb rede ich, wie ich fühle." (GStA PK, I. HA Rep. 84a, Nr.55584 - Artikel aus: General-Anzeiger für Krefeld und den Niederrhein, Nr.3, S.2 v. 17.01.1920)

"Geld ist Dreck": Völkischer Vorkämpfer Heinrich Dolle aus Westfalen - 1928 (BArch Berlin: NS26/1215 - Portraitfoto Heinrich Dolle / Fotografie im Privatbesitz)
In den Jahren 1922-24 kreuzen sich die Wege des völkischen Fabrikanten Gottfried Grandel mit dem selbsternannten Arbeiterführer aus dem Kreis Moers, doch dessen politische Aktivitäten reichen schon weiter zurück.
1. Oktober 1918
Genossenschaftssekretär Heinrich Dolle hat bereits kurz vor dem Ende des 1. Weltkrieges "mit seiner antisemitischen Flugschrift 'Deutsche!' einen rassisch motivierten Gegensatz zwischen Deutschen und Juden postuliert und damit ein breites Echo in der völkischen Szene gefunden". ("Unter Soldaten und Agitatoren", S.195 - 2013)

Genossenschafts-Sekretär Heinrich Dolle - 1918 (Fotografie im Privatbesitz - Aus Dolles erster Buchveröffentlichung: "Aus Not zu Brot" - 1918)
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Zweite Schrift von Heinrich Dolle: "Aufgang oder Niedergang unseres Volkes" - 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
1920
Auch aus München kommen auf Heinrich Dolles Schriften interessierte Reaktionen; das NSDAP-Posteingangsbuch vermerkt zu einer bei Landwirt Dolle bestellten Warensendung:
"Sendet 2 Bücher zum Preise von Mk 10,- - Bestellungen werden gemacht, wenn Buch entspricht." (BArch Berlin: NS26/222 - NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.175 v. 17.8.1920)
Der völkische Dichter, Publizist und Hitler-Vertraute Dietrich Eckart schreibt daraufhin in der von Dr. Grandel finanziell unterstützten Wochen-Zeitschrift "Auf gut deutsch" ein persönliches Gedicht, zusammen mit einer empfehlenden Besprechung:
"Ich las Dein Buch: Aus Not zu Brot, - Verbittert war ich, als ichs nahm.-
Was soll uns Das? Die Treue tot, - Der Glaube tot und tot die Scham!-
In diesem Meer von Schlamm und Kot, - Was soll da noch der Bücherkram!-
Ich las und las,- las immerzu, - Und las, wie lang?- ich weis es nicht.-
Alltägliches: Dein Weib und Du - Und Deine Arbeit still und schlicht,
und trotzdem ging ich dann zur Ruh, - Weiß Gott, mit strahlendem Gesicht." (Eckart: "Auf gut deutsch", Nr.35/36, S.428 - 26.11.1920 + BArch Berlin: NS26/1215 - Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.2 v. 15.10.1937)

Völkischer Dichter: Dietrich Eckart - 1921 (Fotografie aus "Dietrich Eckart: Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer", S.95 + Bay. Staatsbibliothek: hoff-874 / Hoffmann, Heinrich)
Weiter berichtet der Westfale Heinrich Dolle rückblickend:
"Adolf Hitler hat das Buch auch gelesen. Er sagte es mir, und daß er zum ersten Parteitag im Januar 1923,- wie wir bei dem Weihefest des Genossenschaftsheims (Seite 283 'Aus Not zu Brot'), auch das Niederl.(-ändische-) Dankgebet singen lassen wollte.- Unsere Genossenschaftsarbeit im Kreise Moers, wie sie in dem Buche beschrieben ist, ist in mancher Hinsicht in der Folgezeit und bis in unsere heutigen Tage hinein vorbildlich geblieben auf vielen Gebieten des staatlich öffentlichen Lebens.(1937)." (BArch Berlin: NS26/1215 - Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.2 v. 15.10.1937)
24. Februar 1921
Am Anfang der persönlichen Beziehung von Gottfried Grandel zu Heinrich Dolle steht ein guter Bekannter aus Regensburg: Lorenz Mesch.
Der Architekt und Astrologe nimmt zu Beginn des Jahres 1921 schriftlichen Kontakt zu dem Düsseldorfer Kreiszuchtwart Heinrich Dolle auf. Lorenz Mesch ist zu diesem Zeitpunkt Regionalleiter des rassistischen Germanen-Ordens Walvater und seit kurzem in Bayern auch an führender Stelle des scharf antisemitischen Schutz- und Trutzbundes tätig.
Im Jahresverlauf 1921 radikalisiert er innerhalb seines Regensburger Germanen-Ordens die späteren Erzberger-Mörder Thillessen und Schulz. Zuvor schreibt Lorenz Mesch dem Wanderredner Heinrich Dolle:
"Sonnenheil! Verehrter Herr Dolle! Herrn (-Eberhard-) v. Brockhusen (-Großmeister des Germanen-Ordens-) verdanke ich Ihre w.(-erte-) Anschrift. In Ihrem Büchlein: 'Aus Not zu Brot' habe ich erst die Einleitung gelesen und doch muss ich Ihnen heute schon schreiben, da die Zeit jetzt drängt. Es wird jetzt bald handeln heissen, sollen wir nicht untergehen im mammonistisch-jüdischen Sumpf. In den wenigen Seiten verstand ich zu lesen, dass Sie ein Sonnenkämpfer sind, einer der 'Wenigen'. Kommen Sie nicht einmal nach Bayern, dass Sie uns etwas erzählen in Vorträgen? Die Wege hierzu könnte ich Ihnen ebnen helfen, da ich vor kurzer Zeit eine führende Stelle im Schutz- u. Trutzbund erhielt, in welchem ich mein Arbeitsfeld gefunden habe. Wir müssten da über manches sprechen, über die kommende neue Zeit, die wir bringen, die wir aber auch heraufführen müssen, weil sie nicht von selbst kommen wird! Von selbst käme das, was die Juden wollen, der Bolchewismus! Und den wollen wir nicht, wenigstens wollen wir keine Juden an der Spitze haben. Eng müssen wir uns zusammenschliessen, weil sonst nichts aus der ganzen Sache wird. Heil Ihrer Arbeit! Durch Kampf und Treue zum Sieg!" (Kreis- u. Staadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Lorenz Mesch, Straubinger Str. 103, Regensburg an Heinrich Dolle v. 24.2.1921)
Über das von Dietrich Eckart und Lorenz Mesch erwähnte Buch "Aus Not zu Brot" schreibt Heinrich Dolle:
"Es war eines der ersten Bücher (vielleicht gar das erste) nach dem Großen Kriege, das Wege wies zur Deutschen Erhebung und zu Rettenden Taten." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - "Letztwillige Verfügung", S.1 - 1937)

Erste Buchveröffentlichung Heirich Dolles: "Aus Not zu Brot!" (Fotografie im Privatbesitz)
16. März 1921
Vor seinem ersten Auftritt in Süddeutschland ist Heinrich Dolle auch in Ostdeutschland als Versammlungsredner unterwegs:

Versammlungsplakat für den Vortrag von Heinrich Dolle - März 1921 (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle)

Presse-Ankündigung des Vortrages mit Heinrich Dolle (//digital.slub-dresden.de: Dresdner Nachrichten, Nr. 125, S.8 v. 15.3.1921)

Ansicht des evangelischen Vereinshaus-Hospiz auf der Zinzendorferstr. 17 in Dresden - 1908 (//bild.isgv.de - / Hugo Engler, Dresden)
Unter dieser Adresse befindet sich sowohl ein Hospiz-Hotel als auch ein Versammlungssaal mit rund 1400 Plätzen.

Öffentlicher Vortrag für den Schutz- und Trutzbund in Dresden: "Bringt auch Eure Frauen mit!" - 16. März 1921 (Postkarte im Privatbesitz / Römmler & Jonas, Dresden)
Juni 1921
Nur vier Monate nach der ersten Kontaktaufnahme von Lorenz Mesch folgt ein besorgter Brief Heinrich Dolles an Adolf Hitler:
"Im Frühsommer 1921 erhielt Hitler einen mahnenden Brief des Parteigenossen Heinrich Dolle, eines Mannes mit einem Hang zur Turnvater-Jahn-Deutschtümelei: 'Ihr sitzet zu viel mit Dietrich Eckart und dem jungen Heß in der Fledermaus-Bar, das ist nicht gut für Euch!'" (Schwarzwäller: "Hitlers Geld", S.98 - 1986)
Über die Eigenarten Dietrich Eckarts wird in diesem Zusammenhang vermerkt:
"Er (-Adolf Hitler-) lud seine Gäste (-im Herbst 1920-) zu einem Schoppen Wein in das Schwabinger Lokal 'Brennessel' ein. Hier wurde er von einem betrunkenen Mann lautschallend begrüßt. Es war Dietrich Eckart; unentwegt schimpfte der auf die Juden; und man sah ihm an, daß er ein Trinker war. Hier schien Hitler viel zu verkehren, denn hierher kamen am gleichen Abend noch eine Reihe von Gesinnungsgenossen (...)." (v. Walden: "... und morgen die ganze Welt?", S.19 - 1960)
24. Juni 1921
Die Beziehungen Heinrich Dolles zur Münchener NSDAP werden im Jahre 1921 auch über das politische "Kampfblatt" der Partei sichtbar: Im Juni setzt sich der Völkische Beobachter in einem Prozesskosten-Spendenaufruf für das antisemitische Engagement des Westfalen ein. In einem Briefwechsel dazu heißt es:
"... und teilen Ihnen mit, dass leider die in der Zeitung veröffentlichten M 125.-- bereits an die Polizei abgeliefert werden mussten. Hingegen haben wir die weiters eingegangenen M 200.-- nicht veröffentlicht und überweisen sie heute Ihrem Postscheckkonto (...). Wir teilen mit Ihnen die Empörung über die Beschlagnahme der Sammlung." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief VB an Dolle v. 24.6.1921)
22. Juni 1921
Der streitbare Wanderredner reagiert auf die Spenden-Beschlagnahmung in einem Brief an den Münchener Ermittlungsrichter:
"Ich habe aus Ihrem 'Beschluss' gesehen, dass Sie sich hinter das Geld, das die braven Menschen vom Völkischen Beobachter für mich gesammelt haben als Unterstützung in diesem Kampfe gegen Verschmutzung und Verluderung unserer besten deutschen Seelenwerte, hergemacht haben und es beschlagnahmt haben. Im Namen des Rechts! Selbstverständlich! Was Ihr so Recht nennt. Wisst Ihr, Ihr lieben Menschen vom Münchener Gericht, dass auf 100 Bewohner in Deutschland nur 1 Jude kommt, dass aber auf 100 Juristen in Deutschland 43 Juden kommen? Ich weiss das, und darum reg ich mich nicht auf, wenn Ihr mir wegnehmt, was nach wirklichem Rechte mir gehört. Ich rege mich ja auch nicht mehr darüber auf, dass überall, wo der Jude in Deutschland vorherrscht, Verluderung einreisst: In der Presse, im Geldwesen im Theaterwesen, im Kinowesen, im Parteiwesen usw. Ich nehme zur Kenntnis davon, nehme mich fester zusammen, und kämpfe! Hoffe auf die ewige Gerechtigkeit, die anders ist als Eure, und vertraue mit unerschütterlicher Ruhe dem Schicksal: Lasst diesem Schicksal seinen Lauf, das hängt die Völkermörder auf,- und in dem grauenvollen Würgen, erhängt es auch die Judenbürgen." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief Dolle an Münchener Ermittlungsrichter v. 22.6.1921)
März 1922
In seiner streitbaren Art gerät der Westfale Heinrich Dolle in regelmäßigen Abständen vor Gericht. In einem Schreiben an den Nürnberger Julius Streicher berichtet ein Teilnehmer über einen dieser Prozesse aus Paderborn:
"Lieber (-Schul-)Meister Streicher,
unser Heinrich Dolle hatte gestern (-21.3.1922-) hier vor der Strafkammer seinen Prozess. Er wurde wegen eines Falles freigesprochen, wegen des anderen zu 150 M Geldstrafe. Vor unserem deutschen Recht ist Dolle in allem frei, vor dem jüdisch-römischen Rassen- und Formalrecht wurde ihm in einem Falle ein Strick gedreht.(...) Vorläufig bittet Dolle Euch, seinen anliegenden ersten Bericht im DV. (-Deutschen Volkswillen-) aufnehmen zu wollen.(...) Es war eine hochfesselnde Verhandlung. Ich selbst war dabei. Man konnte so genau beobachten, wie jüdischer, schlauer Geist und deutscher, gerader Geist so grundverschiedene Dinge sind. Das sehr zahlreich erschienene Publikum war ganz aufseiten Dolles. Unser Freund verstand es meisterlich, in seinen Erklärungen und vor allem in seinetr Schluss-Verteidigungsrede aus dem Gerichtssaale eine deutschvölkische Versammlung zu machen und als er am Schlusse sagte, daß er, möge das Urteil ausfallen wie es wolle, jetzt mit verdoppelter Kraft für sein niedergetretenes deutsches Volk ringen und sorgen werde, 'Gott helfe mir, Amen', da stand alles eine Zeitlang unter dem Bann dieses ganz eigenartigen Künders deutschen Wiederaufstiegs." (Staatsarchiv Nürnberg: NS-Mischbestand, Rep.503, Sammlung Streicher, Allgemeine Korrespondenz A-E, Nr.79 - Heinrich Disselmeier/Paderborn an Julius Streicher/Nürnberg v. 22.3.1922)
8. Juni 1922
Kurz vor seinem Abschied als Düsseldorfer Kreiszuchtwart und der damit verbundenen Ausrichtung nach Süddeutschland schreibt Heinrich Dolle an das spätere NSDAP-Mitglied Karl v. Wedel-Parlow über Gottfried Grandels "Helfer", Dr. Arnold Ruge, einen Brief:
"Ich kannte (-Dr. Arnold-) Ruge nicht. Da bekam ich von (ich glaube) Mesch, den ich nur aus Briefen kannte und von Herrn Prof. (-Heinrich-) Kraeger (-völk. Pseudonym 'Erich Ekkehard'-) als einen ehrenwerten und tapferen Menschen geschildert bekam, eine Anfrage, ob ich meinen Namen unter einen Aufruf setzen wollte für Ruge, der wegen seines Kampfes für die deutsche Sache böse verfolgt würde. Ich habe gleich -Ja!- gesagt. Im Januar dieses Jahres lernte ich Ruge dann selbst kennen in Halle bei (-Tuberkuloseforscher-) Dr. (-Karl Heinz-) Blümel." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle, Dolle an Karl v. Wedel-Parlow v. 8.6.1921)
Der streitbare Antisemit Dr. Arnold Ruge aus Heidelberg, der laut Heinrich Dolles späteren Angaben in engem Kontakt zu Gottfried Grandel steht, wird von Dr. Grandel selbst in seinem Archivbericht an die NSDAP nicht erwähnt. Dr. Ruge ist, wie Lorenz Mesch aus Regensburg, Mitglied des geheimen Germanen-Ordens Walvater. In Erwiderung zu einem Schreiben des Obersten Landgerichts München vom 12. August 1924 geht der prozesserfahrene Dr. Ruge am 23. August 1924 auf das ihm gegenüber ausgesprochene "Aufenthaltsverbot für Bayern" ein. Er schreibt auf Seite 1 ff.:
"Das Aufenthaltsverbot ist auf erlogene Tatsachen gegründet.(...) Das 'Aufenthaltsverbot' behauptet: 'Ich sei von einem krankhaften völkischen Fanatismus beherrscht, der mir jedes Mittel, selbst den Mord, zur Verwirklichung meiner Ideen als angebracht erscheinen lasse.(...) Die Zusammenstellung 'völkischer Fanatismus' und 'krankhafte Ideen' stammen aus dem Wortschatz jüdisch- bolschewistischer und französich-separatischer Wühlarbeit. In der Art, wie sie hier auf die Tätigkeit eines Mannes angewandt werden, der erwiesener Massen 10 Jahre hindurch für die heiligsten Belange seines auf das allerschwerste bedrückten, verratenen und von jüdischen Verbrechern ausgeplünderten Volkes eintritt, drücken sich deutschfeindliche Gesinnung und politischer Hass aus." (Stadtarchiv Heidelberg: Nachlass Ruge - Brief Arnold Ruge an Münchener Oberlandesgericht v. 22.6.1921)
Juni 1922
Gottfried Grandels Freund, der Publizist Dietrich Eckart, wird für Heinrich Dolle Anfang der 20er-Jahre zu einer festen Größe:
"Dietrich Eckart war ein Großer Mensch!(...) So war denn seine Kritik des Buches: 'Aus Not zu Brot' für mich und für unsere Genossenschaft der Kleinviehzüchter im Kreise Moers eine große Freude. Im folgenden Jahre, -1921- schrieb er mir dann einen schönen Brief, und wieder ein Jahr später, -1922- schickte er einen Papier-Dollar für meine Reise nach München,- und da sprachen wir uns aus,- und da lernte ich den Kreis seiner Freunde kennen: Anton Drexler, Vorsitzender der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei (-1922 war Drexler nur noch Ehrenvorsitzender, Hitler hatte ihn zur Niederlegung des NSDAP-Vorsitzes genötigt-), - Adolf Hitler, der Propagandaleiter der NS-Partei (-Hitler war 1921 bereits zum Parteiführer mit diktarorischen Vollmachten ernannt worden-), Dr. Gottfried Grandel, der kluge, tatstarke und weitsichtige Mann aus Augsburg, und dessen Helfer: (-GO-Regionalleiter-) Baumeister Lorenz Mesch aus Regensburg, Dr. (-Arnold-) Ruge aus Heidelberg (-GO-Mitglied Ruge lernte er schon im Januar 1921 bei Dr. Blümel in Hamm kennen-), und der fromme, feinsinnige Erzähler (-GO-Mitglied Franz-) Schrönghamer/Heimdall. Dazu noch manchen andern überragenden Menschen. Innerer Drang und äußerer Zwang hatte sie nach München und da zusammengeführt: Äußerlich betrachtet war es die Not der Zeit und das Gesetz zum Schutze der Republik, das nach der Tötung Rathenau' 1922 kam. Dieses Gesetz galt nicht für Bayern. Alle, die im übrigen Reiche davon verfolgt wurden, zogen nach Bayern. So sammelten sich in Bayerns Hauptstadt München ungeheure politische Energien. Die Geldentwertung (Inflation) kam dazu und steigerte sie bis zum Furchtbaren!" (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: "Letztwillige Verfügung/Dolle Geschichten - Große Sachen für kleine Leute", S.3 - 1937)
Heinrich Dolle schreibt nach Schwarzwällers Buch "Hitlers Geld" (S.98) bereits im Frühsommer 1921 einen mahnenden Brief an den Propagandaleiter und regelmäßigen Fledermaus-Bar-Besucher Adolf Hitler. Später behauptet Dolle aber, erst 1922 durch Eckarts "Papier-Dollar" die Reise nach München unternommen zu haben. Erst dort will er dessen Freundeskreis kennengelernt haben, zu dem auch Hitler und Grandel gehörten.
Heinrich Dolles besorgter Brief, der vor Hitlers partei-diktatorischen Vollmachten vom Juli 1921 an ihn verschickt wurde, deutet hier also auf ein früheres Bekanntschaftsverhältnis hin. Der in dem Brief erwähnte Zusammenhang findet auch in einem späteren Brief von Heinrich Dolle an Erich Ludendorff Erwähnung:
"Grandel zur Seite standen (-Lorenz-) Mesch und (-Arnold-) Ruge. Adolf Hitler wuchs über seine Nährväter hinaus und - - - vergas sie. Dietrich Eckart war sein neuer. Doch auch Eckart nährte sich von den Genannten. Er sog aus uns. Wir gaben gern, aus Liebe zum Werk. Mit grosser Sorge sahen wir aber auch, wie Dietrich Eckart, und (-Hermann-) Esser und (-Max-) Amman und andere unsere Eingebungen erst mit 'Champus' (-Champagner-Wein-)und scharfen Schnäpsen in der Fledermaus (oder wie die Saubude genannt wurde) tauften, und erst mit dieser Luft behaftet, ins Leben wirkten. Und schlimmeres noch: wie der Jesuit Stempfle und andere Zweifelhaften die Schwächen Eckarts nutzten. Was für opfervolle, oft demütigende (besonders für die anderen drei) Taten wir wirkten zur Ausgleichung der Schäden, ist heute und auch hier nebensächlich." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Dolle - Brief Heinrich Dolle an Erich Ludendorff v. 25.11.1927)
Der Passus "Er sog aus uns. Wir gaben gern" verstärkt den Eindruck, dass es sich bei Hitlers erstem ideologischen Aufbauteam um vier Personen gehandelt haben könnte: Grandel, Mesch, Ruge und Dolle. Als übergeordnete Struktur wäre hier der Germanen-Orden naheliegend, doch bei Grandel und Dolle ist die Zugehörigkeit zu der geheimen Loge nicht belegbar.
26. Juni 1922
Zur genaueren zeitlichen Eingrenzung seines Wechsels von Westfalen nach Bayern dient ein Brief des Kreiszuchtwarts Dolle an seinen Freund Grundstedt, geschrieben aus Düsseldorf - zwei Tage nach dem Mord an Außenminister Rathenau:
"Ich stehe in den letzten Tagen vor meinem Abgang. Ich will einen nach jeder Richtung guten Abgang haben und alles einwandfrei meinem Nachfolger hinterlassen."
In einer weiteren Schilderung von ihm vermerkt er rückblickend:
"Bis zum Tage des Rathenau-Mordes wegen Mangel an Brot auf dem Landratsamt Düsseldorf gearbeitet. Zwischendurch Vortragsreisen, was im Dienstvertrag vorbehalten war." (BArch Berlin: NS26/1215, Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.1 v. 15.10.1937)
Aus einem Briefwechsel an Julius Streicher geht hervor, dass Heinrich Dolle bereits im März 1922 plant, zum Juli seine Arbeit in Düsseldorf zu beenden: Hierzu schreibt Heinrich Disselmeier aus Paderborn über seinen Bekannten Dolle:
"Er hält allenthalben in Rheinland, Westfalen, Hannover und Mitteldeutschland Vorträge ab, wo er ausserordentlich guten und hoffnungsvollen Samen in die Herzen der wahrheitshungrigen Volksgenossen aus den werkenden Schichten sät. Am 1. Juli (-1922-) wird er in Düsseldorf ganz frei, dann wirkt er auf seiner Siedlung in Kleinenberg bei Paderborn innerhalb seiner Familie so, daß er jede freie Zeit für unsere Volksrettungsarbeit wirken will, noch mehr, wie bisher. Er hat auch vor, eine praktische, völkische Bauernhochschule auf seiner Siedlung vorzubereiten und durchzuführen, um junge, starke, wanderungslustige, nikotin- und alkoholfeindliche Deutsche, abgekehrt von der Jugendkultur, zu bewussten, völkischen Siedlern auf eigenem Grund zu machen." (Staatsarchiv Nürnberg: NS-Mischbestand, Rep.503, Sammlung Streicher, Allgemeine Korrespondenz A-E, Nr.79 - Heinrich Disselmeier/Paderborn an Julius Streicher/Nürnberg v. 22.3.1922)
August 1922
Nach den 1921 in Augsburg gemachten Erfahrungen mit Dr. Otto Dickel wird der erfahrene Wanderredner Heinrich Dolle von der süddeutschen NSDAP nicht nur für zukünftige Versammlungen gebucht, er wird nach Dr. Grandels Angaben im Vorwege auch regelrecht geschult und auf eine nationalsozialistische Verwendbarkeit eingestellt. Dies geschieht wiederum privat bei Gottfried Grandel in Augsburg.
Dieser begründet in seinem 11-seitigen Bericht gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv seinen parteipolitischen Einsatz:
"Als Gegenspieler gegen Dickel liess ich den Bergarbeiter Heinrich Dolle aus Westfalen kommen, er wohnte einige Monate (-August bis November 1922-) bei mir.(...) Ich hielt es für gut, wenn nicht immer die gleichen bayerischen Männer redeten; die Bewegung sollte nicht so ausschliesslich bayerisch sein.(...) Ferner sollte er ein Gegenspieler gegen Dr. Otto Dickel in Augsburg sein, dessen infame Kampfweise mich abstiess und welcher ich als Redner nicht gewachsen war. Endlich sollte Dolle die Gedanken des Nationalsozialismus bei mir und in München in sich aufnehmen und sie dann in Norddeutschland verbreiten helfen." (BArch: NS26/514 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv - S.589/Bl.4 v. 22.10.1941 + S.597/Bl.1 v. 6.11.1942)
Inhaltlich hinterlässt Heinrich Dolle zu dem mehrmonatigen Aufenthalt beim Augsburger Ölfabrikanten einen indirekten Hinweis in einem Brief an Dr. Joseph Goebbels.

Von Heinrich Dolle für die NSDAP angeworben: Joseph Goebbels - 1922 (BArch: Bild 102-01888A / Pahl, Georg)
In dem Schreiben an den Reichspropagandaminister weist Heinrich Dolle auf sein "Büchlein" hin, welches seinen Angaben zufolge von ihm nach dem Rathenaumord verfasst wurde, also frühestens ab dem Juli 1922. Der Titel lautet: "Rettende Wege! Richte für den Wirtschaftsbund." Hierzu führt er gegenüber Dr. Goebbels aus:
"Ich habe es verfaßt nach dem Tode Rathenaus, als 'politisch' in Norddeutschland nicht mehr im Deutschen Sinne gewirkt werden konnte.- Ein Blick hinein auf die rot angestrichenen Stellen wird überzeugen, daß ich der geistige Vorbereiter bin für Vieles, was heute körperhaft wird.- Das Büchlein ist in 10 000 Stück 1922 in Bayern verbreitet worden." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief Heinrich Dolle an Joseph Goebbels v. 20.4.1934)
Weiter notiert Heinrich Dolle an anderer Stelle:
"Eine dritte Schrift: 'Richte für den Wirtschaftsbund' lies ich 1922 in Soest drucken; sie ist ein Auszug aus dem Buche aus Moers ('Aus Not ...') und enthält in knappen Kampfsätzen unsere NS-Forderungen und so ziemlich alles, was seit der Machtübernahme bis heute durchgeführt worden ist. Nur eines sei herausgegriffen: 'Punkt 17: Ein Arbeiterdienstjahr wird eingeführt, zunächst für alle Männer. Später auch für Frauen. Es wird in der Landwirtschaft abgedient, damit unser Volk wieder wehrhaft werde. Wehrhaft weniger in vernichtenden Waffen, als vielmehr in dem Gesundheitszustand an Leib und Seele. Die Waffe der Deutschen sei der Spaten!' Diese und die zweite Schrift: 'Die Beseitigung des arbeitslosen Einkommens - Die neue Lehre vom Geld und Zins' wirkten zugleich und vornehmlich in den marxistischen Industrie- und Großstadtmenschen.- In Nürnberg wurden nach meinem Vortrag im Herkules-Velodrom und nochmal im Kulturvereinssaal zusammen an den 2 Abenden mit Julius Streichers Hilfe 4300 Stück "Richte ...' verkauft.-(1922)." (BArch Berlin: NS26/1215, Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.2 v. 15.10.1937)
In zwei weiteren Rückblicken an das NSDAP-Hauptarchiv vermerkt Heinrich Dolle:
"Nach dem Rathenaumord und unter dem Gesetz zum Schutze der Republik sammelte ich die Versprengten und gründete den 'Wirtschaftsbund' und schrieb dafür die 'Richte ...' (...) Da hassten mich die Behörden und alle, die vom damaligen Staate (-Weimarer Republik-) lebten. Mein Kampf war hart und bedingungslos!" (BArch Berlin: NS26/1215 - Heinrich Dolle an das NSDAP-Hauptarchiv v. 8.12.1937)
"Mein Büchlein 'Richte für den Wirtschaftsbund' aus 1922 lege ich Ihnen hier bei. Ich war der einzige 1923, der mit diesem 'Wirtschaftsbund' nach dem Rathenaumorde, als alles verboten und aufgelöst war, die wenigen Getreuen in Westfalen sammelte und geschlossen weiter in den Kampf führte. Lest das Büchlein, und Ihr werdet erkennen, es steht darin - 1922 niedergeschrieben - was heute getan wird. Was heute getan wird, - an aufbauenden Dingen, das ist die Tat von meinen Gedanken. - Dieses Büchlein ist 1922 in 15 000 Stück allein in Bayern verbreitet, weitgehend durch Streicher. - Hitler hat es auch gelesen." (BArch Berlin: NS26/1215 - Heinrich Dolle an Gauleiter Josef Wagner/Bochum v. 8.6.1934)

Heinrich Dolle: "Richte für den Wirtschaftsbund" - 1922 (Fotografie im Privatbesitz)
Dieses auflagenstarke "Büchlein" fällt 1922 zeitlich in die Augsburger Vorbereitungsphase, in der Heinrich Dolle für "einige Monate" Kost, Logis und auch reichlich geistige Nahrung von Dr. Grandel erhält. Neben der inhaltlichen Begleitung dürfte Gottfried Grandel auch die Herstellungskosten der 10-15.000 allein in Bayern verteilten dünnen Heftchen übernommen haben, denn für Heinrich Dolle stellt sich durch diverse Gerichtsprozesse mit seiner zehnköpfigen Familie die wirtschaftliche Existenzfrage.
Zu der nationalsozialistischen Anwerbung von Joseph Goebbels schreibt der Wanderredner Heinrich Dolle:
"Es folgten weitere zahlreiche Schriften (...), und meine Aufsätze in allen NS-Zeitungen und der NS verwandten Zeitungen gehen in die tausende in den folgenden Jahren. Desgleichen meine Vorträge.- Durch diese kamen (...) in Beyenburg (-ev. Gemeindehaus/Kasinostraße/Wupperthal-) im Bergischen 1922 nach meiner Feuerrede Dr. Göbbels,- in Peine Hans Kerrl,- in Köln der heutige Gauleiter Grohe,- in Elberfeld Karl Kaufmann, jetzt Gauleiter Hamburg usw.---" (BArch Berlin: NS26/1215, Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.2 v. 15.10.1937)
Der Kontakt von Heinrich Dolle zu Joseph Goebbels bleibt über Jahre aktiv. Der ab 1926 eingesetzte Gauleiter von Berlin vertraut seinem Tagebuch bereits am 14. Juni 1924 an:
"Ich lese Dolles 'Aus Not zu Brot' und habe meine rechte Freude an diesem echten nationalsozialen Bergarbeiter.(...) Ich möchte auf einige Wochen zum Bergmann Dolle nach Büren im Paderbornischen fahren und da meine Vorträge zu Ende ausarbeiten. Die Nervosität hier läßt mich doch nicht zum Ausruhen und zur Sammlung kommen." (Tagebuch Joseph Goebbels in Fröhlich: "Oktober 1923 - November 1925", S.149 v. 2018)
Im zweiten Halbjahr 1922 nimmt sich Dr. Grandel Zeit und einiges Geld für den Westfalen Heinrich Dolle in die Hand. Naheliegend ist, dass er ihn über die Vorbereitungsmonate August bis November 1922 in seiner offiziell leerstehenden Augsburger Betriebsleiterwohnung in der Johannes-Haag-Str. 18/I unterbringt.

Ab 1922 offiziell nur noch als Büro genutzt: Dr. Grandels Betriebsleiterwohnung mit Balkon in der Johannes-Haagstraße 18/I - 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Hier könnte Anfang 1919 auch schon Adolf Hitler vor seinem Eintritt in die Politik für neun Monate von ihm geschult worden sein, zumindest legen das später veröffentlichte Schriftstücke von Heinrich Dolle und dem Augsburger Partei-Archivar Franz Maria Miller nahe.
Die beiden Mitglieder des Germanen-Ordens, der Regensburger Lorenz Mesch und der Heidelberger Dr. Arnold Ruge, seien 1919 bei der Schulung Hitlers Dr. Grandel zur Seite gestanden. Diesbezügliche Meldeeinträge zu Dolle oder Hitler in Augsburg gibt es jedoch nicht.
Heinrich Dolles süddeutscher Einsatz für die NSDAP ist für Adolf Hitlers politischen Machtzuwachs von großer Bedeutung, denn auch ein Julius Streicher von der konkurrierenden "Schwesterorganisation" DSP macht ihm in Franken seinen völkisch-antisemitischen Führungsanspruch bisher streitig.
22. Oktober 1922 - Streichers Eintritt in die NSDAP
Zeitgleich zu Dr. Grandels Vorbereitungen von Heinrich Dolle für den süddeutschen Raum fällt der NSDAP-Eintritt des Franken Julius Streicher mitsamt seiner Anhängerschaft. Streicher war zuvor am 19. September 1922 nach internen Unstimmigkeiten aus der Deutschen Werkgemeinschaft Otto Dickels ausgetreten.
Zu dem Vorlauf des Wechsels wird vermerkt:
"Der 'Werkgemeinschaft' wurde die Radikalität Streichers zunehmend lästig. Seine Tätigkeit hatte ihm zahlreiche Feinde eingebracht, die ihn häufig bedrohten.(...) So hatten sich Dickel und Beck den Mitgliederzuwachs nicht vorgestellt, verstanden sie ihre Organisation doch mehr als gemäßigte völkisch-kulturelle Bewegung. Im Juli distanzierten sie sich öffentlich von Streichers radikalem Antisemitismus und Dickel warf Streicher vor, seine Kampfweise habe sich als 'äußerst schädlich' für die Bewegung erwiesen. Er bestellte den 'Deutschen Volkswillen' (-der für die Werkgemeinschaft umbenannte 'Stürmer'-) für den Bereich Augsburg der D(-eutschen-) W(-erkgemeinschaft-) ab, mit der Begründung, dass 'die Zeitung die Judenfrage zu sehr betont und wirtschaftlich aufbauende und kulturelle Probleme völlig vernachlässigt' habe.(...) Bei der DW-Hauptversammlung der Ortsgruppe Nürnberg im September (-1922-) gab Beck folgende Erklärung ab:
'Die Werkgemeinschaft ist eine Kulturgemeinde. Sie lehnt jede Kampfpolitik ab. Sie beschränkt sich auf enger gesteckte Ziele und stellt sich auf rein geistige Entwicklung von langer Dauer ein.'
Streicher sah seine Art der Agitation und Kampfesführung damit endgültig abgelehnt und trat zum 19. September 1922 aus der 'Deutschen Werkgemeinschaft' aus." (Roos: "Julius Streicher und 'Der Stürmer'", S.63 ff. - 2014)
Doch Lehrer Streicher, der sich im Wettlauf um die Führung des völkisch-nationalen Lagers auch an dem scharfen Antisemitismus Hitlers orientiert, fehlt das Geld für den breiten Organisationsaufbau einer politischen Partei. Auch muss er sich nach dem Bruch mit Dickels Werkgemeinschaft beeilen, denn seine fränkischen Anhänger tendieren selbst ohne ihn der NSDAP von Adolf Hitler zu. So fügt er sich schließlich bedingungslos unter das Diktat Hitlers. Von den Synergie-Effekten profitieren am Ende des Konfliktes jedoch beide Protagonisten:
"Auf Initiative von Julius Streicher kamen in den folgenden Jahren zahlreiche Ortsgruppen der NSDAP in Unter-, Mittel- und Oberfranken hinzu. Für die NSDAP war dies der entscheidende Ausbreitungsschub von einer Münchener Hinterzimmerpartei hin zu einer deutschlandweit präsenten Kraft im zersplitterten rechtsextremen Spektrum.(...) Streicher vollzog den Übertritt aus der Splitterpartei 'Deutsche Werkgemeinschaft' in die NSDAP zusammen mit rund 2.000 seiner Anhänger und unterstellte sich öffentlich dem Führungsanspruch von Hitler." (historisches-lexikon-bayerns.de, Gau Franken)
9. November 1922 - Erste Rede Dolles in Süddeutschland
Der Wanderredner Heinrich Dolle führt zu seinem Einsatz als Propagandist in Bayern aus:
"Dahinein tat ich am 9. November 1922 meinen ersten Vortrag in München (auf den Ruf Dietrich Eckarts hin). Da gab mir Dietrich Eckart sein Bild mit seiner Freundschaftswidmung darunter, - und drängte dann: 'Schreib Dein Buch neu! - Du weißt: Das aus Moers! - Den Extrakt daraus! - Ganz kurz! - Nur ein Bogen! - Taschenformat! - Hunderttausend Stück allein für Bayern! - Für die marxistischen Arbeiter! - Damit die Idee rein bleibt! - Verstehst: Die Idee! Die Zündung aus der Ewigkeit! -' - - - - - - - Adolf Hitler drängte: 'Bleiben Sie doch bei uns (in Bayern)!' Und verpflichtete mich für Vorträge in Augsburg,- Gunzenhausen,- Donauwörth,- Ansbach,- Ulm und vielen anderen - Julius Streicher (-verpflichtete mich-) desgleichen für Nürnberg,- Weiden in der Oberpfalz,- Fürth und andere.- Schemm (-verpflichtete mich-) für Bayreuth.- Viele kamen noch dazu (-u.a. Amberg-). (Ich hielt in etwa 20 Städten Versammlungen ab, die meisten mit furchtbaren Schlägereien, aber es waren durchweg Eroberungen der Städte.)" (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - "Letztwillige Verfügung - Dolle Geschichten", S.3/4 v. 1937 + eingeklammert, jedoch ohne "-": BArch Berlin: NS26/1215 - Heinrich Dolle an das NSDAP-Hauptarchiv v. 8.12.1937)
Auch in seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv vermerkt Heinrich Dolle:
"Am 9.11.1922 hielt ich meinen ersten Vortrag in München auf den Ruf Dietrich Eckarts hin, und hinterher bat mich Adolf Hitler, in Bayern zu bleiben: ich hielt in etwa 20 Städten Versammlungen ab, die meisten mit furchtbaren Schlägereien, aber es waren durchweg Eroberungen der Städte. Adolf Hitler steckte mir das Parteizeichen an." (BArch Berlin: NS26/1215, Sachakte Heinrich Dolle - Dolle an das NSDAP-Hauptarchiv, Bl.1 v. 8.12.1937)
Die Agitationsphase im Süden der Republik ist für Dolle ein einschneidender Abschnitt in seinem Lebenslauf. Sie wird von ihm später in einem Bewerbungsschreiben erneut mit aufgegriffen:
"Hitler verpflichtete mich daraufhin für Vorträge in Augsburg, Ansbach, Weiden (Oberpfalz), Amberg, Ulm/Donau, Nürnberg und vielen anderen Orten. Die Versammlungen waren alle schwer, durchweg mit Blut und Trümmer begleitet. Inzwischen mitgeholfen bei der Gründung und Förderung der Deutschsozialistischen Partei, zusammen mit Obering. Brunner/Düsseldorf,- Richter/Duisburg,- Streicher/Nürnberg,- und anderen." (BArch Berlin: NS26/1215, Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.1 v. 15.10.1937)
Nach der Erfahrung in München startet der süddeutsche Versammlungsmarathon für den Wanderredner Heinrich Dolle.
1. Dezember 1922 - Erste Rede Heinrich Dolles in Augsburg
Die im Oktober erneut gegründete Augsburger Ortsgruppe bedient sich bereits am 1. Dezember 1922 des westfälischen Wanderredners. Parteiarchivar Amtmann Miller notiert:
"Die nächste öffentliche Versammlung (-nach Julius Streicher v. 4.11.1922-) fand, da der Stockhauskellersaal (-am Kaiserplatz-) sich als zu klein erwiesen hatte, (-am 1.12.1922 zusammen mit Walter Kellerbauer und am 11.1.1923 nur mit Heinrich Dolle-) im grössten Konzerthaussaal Augsburgs, im Ludwigsbau, statt. Mit dieser Versammlung, in welcher der Ruhrbergarbeiter Heinrich Dolle sprach, schwenkte die Augsburger Ortsgruppe wieder auf ihre ursprüngliche Zielsetzung, die Bodenreform, zurück. Dolle verkündete als sein Programm die Losung: 'Siegen durch Arbeit auf eigener Scholle oder Seuchen!'(...) Am Schluss der Dolle-Versammlung stimmten die Teilnehmer begeistert das Deutschland-Lied an, das jahrelang nicht mehr gesungen worden war. Es war auch wirklich ein Hochziel, das Dolle vor Augen gestellt hatte: Jedem Schaffenden der Stirne und der Faust einen angemessenen Arbeitslohn, womit er sich ein Häuschen mit Garten erwerben konnte, und eine auskömmliche Altersrente, die ein sorgenfreies Alter gewährleistete. Die grosse Begeisterung, die Dolles Vortrag erweckt hatte, gab mir den Gedanken ein, ihn einem grösseren Publikum bekannt zu machen, zugleich auch ein Organ für solche Veröffentlichungen zu schaffen. So vereinbarte ich mit dem Druckereibesitzer und Plakatinstitutsinhaber Eisele, der sein Büro am Zeugplatz hatte und von dem mir berichtet worden war, dass er der Ludwigsbau-Versammlung beigewohnt und von ihr enthusiasmiert worden sei, der von ihm verlegten Augsburger Gerichtszeitung künftig ein Beiblatt beizugeben, betitelt 'Deutsche Wacht und Wehr', um den vaterländischen Gedanken wieder neu zu beleben. Zu einem solchen eigenen Organ kam es vorläufig indes nicht." (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.4-6, "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole" von Franz Maria Miller, undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript, verm. v. 1961)

Für große Versammlungen geeignet: Der Augsburger Ludwigsbau - 1922 (Postkarte im Privatbesitz: Verlag von Kunst für Kirche und Haus, Augsburg)

Veranstaltungsplakat: "Es spricht der völkische Redner" - 19. September 1925 (Staatsarchiv Detmold: L113, Nr.1167)
Ein inhaltliches Beispiel zu Heinrich Dolles Veranstaltungsreden ist in einer Veröffentlichung über Augsburg vermerkt:
"Auf einer nationalsozialistischen Versammlung in Augsburg im Dezember 1922 gab Heinrich Dolle, ein Bergarbeiter und ehemaliger Kommunist, dieser Stimmung sehr deutlich Ausdruck:
'Ihr werdet ungeduldig und wollt endlich streiken. Habt Geduld! Wir werden auch gegen die weißen und schwarzen Juden aufrufen, wenn die Zeit gekommen ist. Übt nur noch kurze Zeit Geduld. Aber wenn wir Euch dann rufen, verschont die Sparkassen, denn dort haben die Proletarier unsere wenigen Pfennige, aber stürmt die Grossbanken! Nehmt alles Geld, dass Ihr dort findet, werft es auf die Straße und verbrennt den großen Haufen! Und hängt die weißen und die schwarzen Juden an die Masten der Trambahn. Und wenn Ihr Land wollt und niemand es Euch geben will, dann macht es so, wie ich es in meinem Heimatdorf mit meiner Genossenschaft gemacht habe: Nehmt es und baut Häuser darauf. Wir haben das getan, und die Regierung hat nicht gewagt, uns das fortzunehmen, was wir uns gegen ihren Willen genommen haben.'" (Gordon: "Hitlerputsch 1923: Machtkampf in Bayern", S.55 - 1971)
Der erste Augsburger Auftritt des Westfalen findet auch in der Gründungs-Chronik der schwäbischen NSDAP Erwähnung:
"Eine Versammlung am 1. Dezember 1922 im überfüllten Ludwigsbau, in welcher der Bergarbeiter Heinrich Dolle sprach, war ein voller Erfolg und bildete den Auftakt zu der nunmehr machtvoll anschwellenden Bewegung für ganz Schwaben." (NSDAP-Gau Schwaben: "Die NSDAP am Platze", S.16 -1935)
Gunzenhausen - Unter Mitwirkung von Heinrich Dolles antisemitischer Hetzrede entwickelt sich über die Jahre auch in der fränkischen Kleinstadt Gunzenhausen ein gesellschaftlich hochexplosives Klima. In einer Buchveröffentlichung werden hierzu verschiedene Aspekte mit aufgegriffen:
"Üble Nachreden und Verleumdungen waren von nun an alltäglich, zunehmend begleitet von der Hetze öffentlich auftretender Volksredner, antisemitischen Flugblättern sowie Sachbeschädigungen. Im Laufe der 20er Jahre wurden mehrfach der jüdische Friedhof geschändet (-1922 etwa 14 Grabsteine-) und die Fenster der Synagoge (-im Januar 1923-) eingeworfen, Anzeichen einer deutlichen Eskalation. Mit der Gründung einer NSDAP- sowie SA-Ortsgruppe 1923 einige Monate vor dem Münchener 'Hitlerputsch', wuchs unter den völkischen Gruppen Gunzenhausens die Sympathie für die Nationalsozialisten und damit die Gewaltbereitschaft. Schon die ersten Versammlungen der NSDAP-Ortsgruppe (-Zeitungsinserat v. 19.1.1923-) zog 1000 Zuhörer an, fast ein Fünftel der Einwohnerschaft." (Medicus: "Verhängnisvoller Wandel: Ansichten aus der Provinz", S.14 - 2016)
Ansbach - Nachdem bereits 1922 eine lokale Gruppe der SA entsteht, wird am 22. Januar 1923 vom Vorsitzenden Wilhelm Grimm (vorher DSP) und Schriftführer Richard Hänel im Goldenen Schlüssel die Ortsgruppe der NSDAP gegründet. (Wikipedia: Richard Hänel)
"Schon am 13.01.1939 erklärte Kreisleiter und Oberbürgermeister Richard Hänel 'Ansbach nach über 600 Jahren als judenfrei'." (synagoge-ansbach.de/geschichte/SynagogeAN_geschichte-8.pdf)
Ulm - Auch in Ulm hinterläßt der westfälische Wanderredner Spuren:
"Im Herbst 1922 entstand dann eine erste Ortsgruppe Ulm/Neu-Ulm/Weißenhorn der NSDAP. Ein erster Höhepunkt für die Neu-Ulmer Nationalsozialisten war die Versammlung am 10. März 1923 in der Turnhalle, wo der 'Ruhrbergarbeiter Heinrich Dolle über Nationalsozialismus' sprach. Nach einem Bericht des 'Völkischen Beobachters' lockte er ca. 2000 Zuhörer in die Neu-Ulmer Turnhalle. Ein zweites 'Großereignis' war die Sprengung einer Versammlung der Ulmer Friedensgesellschaft durch die 'junge Ortsgruppe'." (Treu: "Stadt Neu-Ulm, 1869-1994", S.311 - 1994)
Weiden - Hier entsteht die lokale NSDAP-Ortsgruppe aus dem bereits aktiven Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund. Seit 1922 Mitglied der Weidener NSDAP: Harbauer, Hans (37) (Laschinger: "Judenpogrome in Weiden und Amberg 1938", S.188)
Amberg -Zusammen mit Weiden bildet Amberg in den Erinnerungen von Heinrich Dolle einen Sonderstatus:
"Am 15.11.1922 wurde im Gasthof 'Goldene Krone' unter Vorsitz des Betriebsrates der Steingutfabrik Wilhelm Körner die Amberger Gruppe der NSDAP gegründet. Bei den bald darauf stattgefundenen Wahlen wurden Wilhelm Körner zum 1. und Ludwig Stüdlein zum 2. Vorsitzenden gewählt. Laut Schott war die NSDAP-Ortsgruppe Amberg die erste in der Oberpfalz. So klang dies 15 Jahre später in der Laudatio: 'Der rote Terror wird gebrochen, ... Im Frühjahr des Jahres 1922 kamen Meldungen aus München, wo in großen Massenversammlungen ein einfacher Frontsoldat sprach. Die Begeisterung, die ihm entgegengebracht wurde, ergriff auch einige Amberger kämpferisch gesinnte Männer ... es (kam) auch in Amberg zur Gründung einer Ortsgruppe." (Dörner: "Juden in Amberg, Juden in Bayern", S.124 - 2003)
Heinrich Dolle notiert in seinen späteren Erinnerungen zu den Versammlungsorten Amberg und Weiden:
"14 von diesen Versammlungen habe ich durchgeführt. Davon waren 9 mit Blut und Trümmer. In Amberg reichte eine Hundertschaft Landespolizei nicht aus, - da kam noch eine Kompanie Reichswehr. Als das Signal: 'Seitengewehr pflanzt auf' durch die Nacht schmetterte und das Eisen der Bayonette knirschte und die Schlösser einschnappten, - - - das war dramatisch! Es füllte die Seele mit Grausen! - Deutsche waren es doch! Voll Irrwarr und Wirrwarr! - Hundert Versammlungen, mehrere hundert Versammlungen hatte ich schon abgehalten, in Königsberg in Ostpreußen im Großen Saale der Börse und in der Stadthalle, in Köln, Hamburg, bis nach Flensburg, in Kassel, Hannover, Detmold, Weimar und vielen anderen im Reiche, und es ging oft sehr stürmisch dabei zu, - aber Amberg und Weiden, - - - Weiden, wo die Juden aus der angrenzenden Tschechei 2000!- Kommunisten herüber geholt und in 5 große Säle untergebracht hatten, ............................. da bin ich heimgereist in meinen Heilgrund: erschöpt an Leib und Seele. - Landarbeit gesundet. Denn es ist Arbeit = Ar-Beut!" (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: "Letztwillige Verfügung - Dolle Geschichten", S.4 - 1937)
"So ein Feierabendleben, am kleinen Kanonen-Öfchen, bei Gesang und Märchen und Pausen der Stille, darin das Waldrauschen dringt." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Hachlass Heinrich Dolle, Dolle an Fam. Plumbohns v. 21.11.1929)

"Neun Versammlungen mit Blut und Trümmer": Saalschlacht mit Kommunisten (bpk-Bildagentur: 30003926 / o.Ang.)
In seinem Archivbericht an die NSDAP stellt Gottfried Grandel rüchblickend fest:
"Dolle brachte in der Tat, wie von mir gewünscht, eine andere erfolgreiche Note herein. (...) Im Einverständnis mit Hitler liess ich ihn sowohl in Augsburg (-1.12.1922 + 11.1.1923, Ludwigsbau-), als auch in vielen bayerischen Städten mit Ausnahme von München sprechen, wodurch es mehrfach zur Gründung neuer Ortsgruppen kam.(...) Dolle sprach über das Programm der NSDAP. Er war sehr beliebt." (BArch: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandels Bericht an das NDSAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941 + S.597/Bl.1 v. 6.11.1942)
Auch der westfälische Wanderredner äußert sich später über seine bayerische Aktionsphase:
"In Bayern half ich Hitler, sodass er und Eckart mich in ihrer Umgebung wiederholt vorstellten mit den Worten: 'Das ist Heinrich Dolle. Der hat Augsburg erobert, der hat Ansbach erobert, der hat Gunzenhausen erobert, der hat Amberg erobert (und dann noch ein Dutzend mal dasselbe von anderen Orten), und aufgrund seiner Versammlungen, von denen allein im Monat März 1923 von 14 neun waren mit Blut und Trümmer, entstand mit das sogenannte Versammlungsschutzgesetz.'" (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Dolle an Albrecht v. Graefe v. 28.10.1924)
Zu einem weiteren Gesetz schreibt Heinrich Dolle:
"1923 war ich viel in Bayern, wo das Gesetz zum Schutze der Republik, von dem ich verfolgt wurde, nicht galt." (BArch Berlin: NS26/1215, Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.2 v. 15.10.1937)
13. Dezember 1922
Während sich in vielen Haushalten schon die vorweihnachtliche Stimmung einstellt, liefern sich SPD und NSDAP in München einen Veranstaltung-Maraton. Im Vorwege hatten die Sozialdemokraten fünf Massenveranstaltungen angekündigt, woraufhin die Nationalsozialisten mit einer doppelten Anzahl reagierten.
So werden Mitte Dezember insgesamt 15, davon zehn nationalsozialistische Kundgebungen zeitgleich von verschiedenen Partei-Rednern bestritten. (StA München, Pol. Dir. Mü 6700, Bl.27: Zeitungsausschnitt "15 Massenveranstaltungen")
NSDAP-Ehrenvorsitzender Anton Drexler ist mit Kellerbauer als Redner im Franziskanerkeller dabei; auch Dietrich Eckart bestreitet zusammen mit Pfaffenzell und Wachenfeld im Festsaal des Hofbräuhauses eine Versammlung.
Im Salvatorkeller tauchen Kellerbauer und Hermann Esser als Versammlungsredner auf, den Löwenbräukeller arbeiten Weber und Ing. Jung/Troppau für die Partei ab.
Der Hackerkeller wird wiederum von Weber und Esser abgedeckt, während im Bürgerbräukeller Pg. Jung die Zuhörer bindet.
Im Großen Wirt (Schwabing) folgen rund 400 Teilnehmer den "Reden von Sesselmann und Tittmann. Um 23.10 erschien Hitler ('er war heiser und schwer zu verstehen')". (Jäckel/Kuhn: "Hitler - Sämmtliche Aufzeichnungen 1905-1924", S.765 - 1980
Doch auch das von etwa 1000 Gästen besuchte Versammlungslokal Zur Blüte wird noch um 23:45 von Hitler frequentiert. Hier hatten Sesselmann und Rosenberg zuvor die Reden gehalten.
Der Hirschbräukeller bekommt die Redner Anton Drexler, Wenzl und Dorsch zugewiesen, währen Hitler dort erst um Mitternacht erscheint.
Auch der Nürnberger Julius Streicher läßt sich als neuer Parteigenosse im Münchener Veranstaltungs-Marathon sehen; genau wie der gerade in Augsburg für die Nationalsozialisten frisch ausgebildete Heinrich Dolle.
Parteigenosse Hitler fährt währenddessen mit Dietrich Eckarts Auto die Versammlungen ab und bringt sich jeweils für 10-15 Minuten als Gastredner in die Versammlungen ein, die unter folgendem Motto stattfinden:
"Juden und Marxisten als die einzigen Totengräber der deutschen Nation und des Deutschen Reiches" (Longerich: "Hitler - Biographie", S.111 - 2015 + Völkischer Beobachter, S.1 v. 13.12.1922)
Der Völkische Beobachter titelt hernach auf seiner Titelseite:
"Abrechnung mit dem marxistischen Führergesindel" (Völkischer Beobachter, Nr.100 v. 16.12.1922)

(BArch: Plak 002-041-036-T2 / Bundesarchiv)
Über die Rahmenbedingungen der Veranstaltungen wird berichtet:
"Die Selbstschutzorganisationen der Parteien schafften sich im großen Stil Gummiknüppel und andere Schlagwaffen an, die das Innenministerium mit der Verordnung vom 23. November (-1922-) verbot. Nur, wo war die Grenze zu ziehen?
Die Massenveranstaltungen der Nazis häuften sich, die Polizei passte besonders auf, und Polizeipräsident Nortz mußte dem Innenminister melden: Was die Führung von 'Holzknütteln' betrifft, so waren in allen Versammlungen Leute zu beobachten, welche derbe Spazierstöcke mit sich führten. Es ist hier außerordentlich schwer zu entscheiden, wann der Begriff Holzknüttel tatsächlich zutrifft. Derartige Stöcke (Hackelstöcke, eisenbeschlagene Touristenstöcke) waren schon immer und überall zu sehen, sind als Spazierstöcke eingebürgert und im alltäglichen Gebrauch. Und so machte sich das Innenministerium die Nortzsche Anschauung zu eigen: 'Der in dieser Verordnung enthaltene Begriff 'Holzknüttel' ist wohl auf die von den Sturmabteilungen mitgeführten Hackelstöcke und eisenbeschlagenen Touristenstöcke nicht ohne weiteres anwendbar, da derartige Stöcke schon immer und überall eingebürgert und im alltäglichen Gebrauch sind."
Die SPD versuchte (-1922-) dem Massenauftrieb der Nazis Paroli zu bieten und organisierte für den 13. Dezember fünf Gegenkundgebungen im Münchner Kindl-Keller, im Thomasbräu, im Kolosseum in der Kolosseumstraße 4, in der Schwabinger Brauerei und in der Brauerei Thalkirchen in der Fraunbergstraße 8 mit dem Motto 'Entente, Nationalsozialisten und Geheimbünde, Deutschlands Totengräber', die die Nazis noch am selben Tag mit zehn Gegenveranstaltungen unter dem Titel 'Juden und Marxisten als die einzigen Totengräber der deutschen Nation und des deutschen Reiches' konterten. Mit Nazis vollbesetzte Lastwagen sausten durch die Straßen und ließen packenweise Flugblätter auf die Passanten herabregnen. Die Polizei konnte zwei der Automobile abfangen. Neun Nazis wurden angezeigt, 15.000 Flugblätter beschlagnahmt." (Gerstenberg: "Freiheit!: Texte", S.105/106 v. 1997)
Zu der von Dietrich Eckart frequentierten Versammlung wird vermerkt:
"Bei dieser Gelegenheit hetzte Dietrich Eckart gegen ein Konzert Henri Marteaus im Hotel Bayerischer Hof. Die Polizei konnte nicht verhindern, dass beim Auftritt des deutsch-französischen Geigers, der nach dem Ersten Weltkrieg zudem die schwedische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, im Konzertsaal Stinkbomben flogen." (Osterloh: "Ausschaltung der Juden und des jüdischen Geistes", S.129 - 2020)

Völkischer Kulturfeind: NS-Redner Dietrich Eckart - 1921 (Aus "Dietrich Eckart: Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer", S.95 + Bay. Staatsbibliothek: hoff-874 / Hoffmann, Heinrich)
Zu dem von der Vossischen Zeitung aufgegriffenen Vorfall heißt es:
"Während Dietrich Eckart vom 'Völkischen Beobachter' in einer Versammlung mitteilte, jetzt konzertiere Henry Marteau, der während des Krieges in Deutschland als Spion verhaftet worden sei, warf im Konzertsaal selbst ein den besseren Ständen angehörender Herr, unterstützt von zahlreichen anderen Demonstranten, Stinkbomben, die eine tränenerregende Flüssigkeit verbreiteten, so daß der Aufenthalt im Saal unmöglich wurde. Die Störer wurden verhaftet." (zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.592 , S.6 - "Radau in München" v. 15.12.1922)
Weiter wird über den Geiger Marteaus berichtet:
"In seiner Wahlheimat Schweden hatte er 1920 nicht weniger als 101 Konzerte gegeben, im Jahr 1921 waren es 71, 1922 immerhin noch 31, im Jahr 1923 wieder 68. Die Verschleißerscheinungen des Künstlers im neuen Heimatland sind jedoch unübersehbar, wenn man feststellen muß, daß dann in den darauffolgenden elf Jahren bis zu seinem Tod insgesamt nur noch 65 Konzerte stattfanden, dabei kein einziges in den Jahren 1927 und 1928.
Völkische Proteste gegen Marteau in Deutschland
Marteaus am dramatischsten gescheiterter Versuch, in Deutschland wieder Fuß zu fassen, fällt in das Jahr 1922. Sein Auftritt war im traditionsreichen Konzertsaal des Hotels 'Bayerischer Hof' in München geplant. Die mißlungene Veranstaltung zeigt exemplarisch, welchen Verdächtigungen, Verleumdungen und üblen Nachreden der Künstler ausgesetzt war. Der Eklat in München bestätigt, daß es für Marteau unmöglich war, auch vier Jahre nach Kriegsende, in seinem Mutterland wieder an frühere Zeiten anzuknüpfen. Der Bericht, den die Polizeidirektion München am 15. Dezember 1922 dem Bayerischen Staatsministerium des Äußeren über die 'Sprengung des Vortrages Henri Marteau (...) im Hotel Bayer. Hof' erstattete, ist erhalten geblieben. Das Ministerium leitete ihn, da Marteau schwedischer Staatsbürger war, an die schwedische Botschaft in Berlin weiter.
'Am 13. Dezember 1922 abends 7 1/2 Uhr sollte im Konzertsaal des Hotel 'Bayer. Hof' ein Violinkonzert des Künstlers Henri Marteau, veranstaltet durch das Konzertbüro Bauer, hier stattfinden. Die Polizeidirektion war durch eine Zuschrift aus vaterländischen Kreisen darauf aufmerksam gemacht worden, daß man in nationalen Kreisen den Gedanken trage, das Konzert zu stören. Marteau wird als früherer französischer Offizier bezeichnet, der, wegen Spionage zum Tode verurteilt, durch den früheren Deutschen Kaiser aber wieder begnadigt wurde. Nach den polizeilichen Feststellungen befand sich Marteau bei Ausbruch des Krieges als Professor an der Kgl. Preuß. Hochschule in Berlin. Da er als französischer Reserveoffizier gegen ein Land, dessen Beamter er war, aber nicht zu Felde ziehen wollte, stellte er sich freiwillig zur Internierung. Diese wurde später auf Einwirkung des Kaisers wieder aufgehoben." (Weiss: "Der grosse Geiger Henri Marteau (1874-1934)", S.187 - 2002)
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(Wikimedia Commons / o.Ang. - Datei: Henri Marteau (-1908).jpg - Aufnahme 1908)
Abschliessend kommt die Vossische Zeitung in ihrem Artikel zu folgendem Ergebnis des Veranstaltungs-Maraton:
"Abgesehen von kleinen Ruhestörungen sind alle ruhig verlaufen. Es ist aber bezeichnend, daß auch Blätter, welche sich als demokratisch bezeichnen, wie die 'Münchener Neuesten Nachrichten', in schlecht verhüllter Schadenfreude vom verhältnismäßig geringen Besuch der sozialistischen und sehr starkem Besuch der nationalsozialistischen Versammlungen berichten und den demonstrativ jubelnden Empfang besonders hervorheben, den der zuletzt vom vielen Reden in allen Versammlungen heiser gewordene Hitler bei seinen Getreuen einheimsen konnte." (zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.592 , S.6 - "Radau in München" v. 15.12.1922)
11. Januar 1923 - Augsburg
Erneute Rede von Heinrich Dolle im Augsburger Ludwigsbau
22. Januar 1923 - Kleinenberg
Während der völkische Wanderredner Heinrich Dolle in Süddeutschland zu Propagandazwecken gegen die Weimarer Republik verweilt, wird im Januar 1923 in seiner Abwesenheit eine Hausdurchsuchung vorgenommen:
"Durch Kriminalassistenten Vogeler von der Polizeiverwaltung Bielefeld habe ich heute, in Anwesenheit des Landjägermeisters Kohaupt, eine Durchsuchung in der Wohnung des Herrn Dolle in Kleinenberg vornehmen lassen.(...) Dolle, der sich im Rheinlande aufhalten soll, war bei der Durchsuchung nicht anwesend.(...) Die beschlagnahmten Gegenstände habe ich gemäß dem Erlasse des Herrn Ministers des Innern vom 9. Januar 1923 (-II G. 4112-) unmittelbar an den Staatskommissar für die öffentliche Ordnung übersandt. Eine nähere Durcharbeitung des sehr reichhaltigen Materials war bei der Kürze der Zeit nicht möglich.(...) Durch nähere Verfolgung der Spuren, die sich aus dem Briefwechsel ergeben und geeignete Maßnahmen bei den Persönlichkeiten, mit denen Dolle in seinem Briefwechsel in Beziehungen steht, dürfte sich vielleicht weiteres Material zum Nachweise der Fortsetzung der aufgelösten Organisation ergeben." (Digitalisiert auf archive.nrw.de: LA NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe M1 I P/Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr.616 - "Untersuchung gegen den deutschvölkischen Wanderredner Heinrich Dolle", S.5/6 v. 22.1.1923)
27./29. Januar 1923 - NSDAP-Parteitag in München
Heinrich Dolle steht neben der Parteiprominenz auf der Rednerbühne:
"Am ersten Parteitage hatte ich 8 Vorträge." (BArch Berlin: NS26/1215, Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.2 v. 15.10.1937)
Die Regierenden sehen im Vorwege des Parteitages die Aktivitäten der NSDAP mit Unbehagen:
"Aus Sorge vor einem nationalsozialistischen Putschversuch (...) hatte die bayerische Staatsregierung am 26. Januar 1923 den Ausnahmezustand erklärt und die geplanten Massenveranstaltungen der NSDAP verboten, deren Durchführung Hitler gleichwohl erreichen konnte." (Hürten: "Das Krisenjahr 1923: Militär und Innenpolitik", S.9 - 1980)
April 1923
Dr. Grandels ideologischer Einsatz für den Wanderredner Heinrich Dolle hinterlässt trotz dessen Erschöpfungserscheinungen nicht nur in Bayern, sondern darauf folgend auch nördlich der Mainlinie deutliche Spuren.
Noch vor dem in München gescheiterten Hitlerputsch (Marsch auf Berlin) vom 9. November 1923 und dem daraufhin reichsweit verhängten Betätigungsverbot der NSDAP gelingt es Heinrich Dolle, wie Dr. Grandel es in seinem Archivbericht formuliert, "genug Gedanken des Nationalsozialismus bei (-ihm-) und in München in sich aufnehmen und sie dann in Norddeutschland verbreiten helfen":
"So fand in Detmold im April 1923 eine Veranstaltung mit dem DVFP-Anhänger und selbsternannten 'Arbeiterführer' Heinrich Dolle statt, die von solchen Angriffen gegen die Juden und auf die Reichsregierung gekrönt war, daß der Demagoge bei einem erneuten Auftritt in Lippe ein Jahr später verhaftet wurde." ("Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde", S.172 - 1991)
So schreibt das Lippische Mitteilungsblatt von dem Verlauf der Veranstaltung:
"Moritz Rülf hat sich trotz seiner bedrückenden Erfahrungen in den Jahren 1919 und 1920 nicht aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, sondern den Kampf gegen die antisemitischen Hetzer aufgenommen. So besuchte er am 12. April 1923 eine Versammlung im Gasthaus Krone, bei der der sogenannte 'Arbeiterführer' Heinrich Dolle aus Kleinenberg vom Völkisch-Sozialen Block zum Thema 'Deutschlands Rettung vom Standpunkt des Lohnarbeiters' sprach. Darin führte er aus, Rülf und Examus hätten die Veranstaltung massiv gestört, erst ein spontan sich bildender 'Saalschutz' unter der Führung des Lehrers Schröder aus Leopoldsthal habe für einen ruhigen Fortgang des Vortrags sorgen können. Aufgrund der Anzeige von Rülf wurde ein Strafverfahren gegen Dolle wegen Vergehens gegen das Gesetz zum Schutz der Republik von 1922, das nach der Ermordung Rathenaus erlassen worden war, eingeleitet. Die lippischen Polizeibeamten wurden angewiesen, den Genannten bei nochmaligem Betreten des Landes festzunehmen." (Müller: „Juden in Detmold: gesammelte Beiträge", S.146/147 - 2008 + "Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde", S.403-405 - 1988)
26. Juli 1923 - Kleinenberg
Der politische Einsatz des Wanderredners hat auch im Juli 1923 Konsequenzen:
"Vom Amte Lichtenau hatte der Oberlandjäger Pizala aus Kleinenberg Auftrag erhalten, (-Heinrich-) Dolle am 26. Juli 1923 festzunehmen und dem Amtsgerichte in Lichtenau zur Vernehmung vorzuführen. Dolle hat schon vorher bei einer Unterredung dem Oberlandjäger Pizala gegenüber erklärt, er werde sich keinem Gerichte freiwillig stellen. Um nun im Hause des Dolle und auf dem Transporte nach Lichtenau mit Dolle keine Schwierigkeiten zu haben, hatte sich der Oberlandjäger Pizala mit dem Landjäger Balzulat in Verbindung gesetzt. Beide Beamten suchten zur Ausführung des Auftrages die Wohnung des Dolle auf. Als der Oberlandjäger Pizala in der Wohnung nach Dolle fragte, wurde ihm von dem Sohn des Dolle gesagt, der Vater sei nicht zu Hause. Gleichzeitig hörten beide Beamte im Nebenzimmer ein Gemurmel. Landjäger Balzulat machte dem Oberlandjäger Pizala herauf aufmerksam und ging hinaus und um das Haus herum. Hier stellte er fest, daß Dolle aus dem Fenster seines Arbeitszimmers herausgesprungen war und die Flucht nach dem nahen Walde ergriffen hatte. Dolle hatte einen Vorsprung von ungefähr 80 Metern. Da nun die beiden Beamten den Auftrag ausführen wollten, rief der Landjäger Balzulat dem Flüchtigen zu: 'Stehn oder ich schieße.' Landjäger Balzulat feuerte alsdann zwei Schreckschüsse in die Luft, welche den Zweck haben sollten, Dolle zum Stehen zu bringen. Dolle erreichte aber in eiligen Sprüngen den Wald. Im Wald war die weitere Verfolgung zwecklos. Bis heute ist Dolle in Kleinenberg noch nicht wieder eingetroffen." (Digitalisiert auf archive.nrw.de: LA NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe M1 I P/Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr.616 - Bericht an den Landrat, S.19 v. 24.8.1923)
Über diesen Verlauf berichtet auch der Centralverein jüdischer Staatsbürger:
"Heinrich Dolle, jetzt M.(-itglied-) d. R.(-eichstags-), ist unseren Lesern nicht unbekannt. Wir hatten wiederholt Gelegenheit, uns mit diesem kleinen Provinzantisemiten, der insbesondere Westfalen unsicher macht, zu beschäftigen. Neulich stand er wieder einmal vor dem Richter. Dolle hatte nämlich früher einmal Verleumdungen über angesehene jüdische Bürger verbreitet und war deshalb in zwei Instanzen verurteilt worden. Das ging ihm hart an, und so setzte er auf die alte Verleumdung eine neue, indem er behauptete, die Belastungszeugen, insbesondere Prediger Cohn aus Marburg, hätten einen Meineid geleistet. Leider ließen sich diese Herren die Verleumdung nicht gefallen und stellten Strafantrag. Dolle in seiner souveränen Verachtung überlebter Staatseinrichtungen verschmähte es, zur Verhandlung zu erscheinen. Das Gericht verstand aber keinen Spaß; es erließ Haftbefehl. Als der Landjäger Dolles Wohnung betrat und ihn verhaften wollte, sprang er aus dem Fenster, lief, was er laufen konnte und beschimpfte den Landjäger. Aber, ach! Auf die erhabene Entrüstung des völkischen Propheten reagierte die Behörde mit 50 Mark Geldstrafe wegen Beamtenbeleidigung, und was das schlimmste ist: Dolle wurde danach doch noch ergriffen. Im Gefängnis suchte er durch einen Hungerstreik Eindruck zu machen und erreichte es schließlich durch seine flehentlichen Bitten, nachdem er ehrenwörtlich versprochen hatte, zur nächsten Hauptverhandlung im Verleumdungsprozeß zu kommen,, daß man ihn laufen ließ. Dann kam es zur Hauptverhandlung. In kurzen treffenden Ausführungen wies unser Syndikus Rechtsanwalt Dr. Marx (Frankfurt a. M.) dem armen Heinrich seine Verleumdungen nach. Die als Entlastungszeugen Geladenen sagten nicht nur nichts Entlastendes aus, sondern belasteten den Dolle noch aufs neue, und der Staatsanwal beantragte 150 Mark Geldstrafe. Das brachte den Angeklagten ganz aus dem Häuschen. Die lautesten und schmutzigsten Beschimpfungen des Judentums, seiner Lehren und seiner Anhänger waren ihm gerade gut genug. Das Gericht, den Staatsanwalt, die Rechtsanwälte, die Nebenkläger: keinen verschonte er mit seinen wüsten Schimpfreden. Den Herrn Rechtsanwälten Dr. Marx und Dr. Meyer wurde die Sache zu bunt; sie nahmen ihre Akten und verließen den Sitzungssaal. Dolle sprang im Saal herum wie ein wildes Tier, so daß sich schließlich im Zuhörerraum eine große Versammlung von Neugierigen bildete. Endlich kam er zur Ruhe. Einer der Nebenkläger, Herr Prediger Cohn aus Marburg, hielt in sachlichen ruhigen Ausführungen eine kurze Gegenrede, in der er die Lügen und Beschimpfungen, die Dolle vor dem großen, inzwischen versammelten Publikum ausgestoßen hatte, richtigstellte, so daß aus der Gerichtsverhandlung ungewollt eine Aufklärungsversammlung wurde. Nach kurzer Beratung verkündete das Gericht das Urteil. Es ging über den Antrag des Staatsanwalts hinaus und lautet auf 200 Goldmark Geldstrafe und die üblichen Nebenstrafen. Armer Heinrich Dolle, was sagst Du nun dazu? Und armer Reichstag, was sagst Du dazu?" (Staatsarchiv Detmold: L 113, Nr.1167, S.92 - Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, S.508 - "Heinrich Dolle. Ein anziehendes Charakterbild" v. August 1924)
Heinrich Dolle schreibt rückblickend an Erich Ludendorff:
"1923 im Juli bat mich der Fabrikant Moderegger(-& Runge, Maschinenfabrik-) in Mering bei Augsburg, ihm zu sagen, was Hitler in 1923 + 24 tun würde; - ihm sei die Leitung des Regiments Augsburg angetragen; da wollte er gern wissen ... - Ich sagte ihm: '1924 macht Hitler nichts. 1923 noch macht Hitler einen Putsch, und der schlägt fehl.' - Das Fehlschlagen zu verhüten, habe ich ganz 1923 gearbeitet wie ein Tier. Die schwersten Orte in Bayern: Augsburg, Ambach, Gunzenhausen, Hersbrück, Amberg und viele andere nahm ich, meist in ersten Versammlungen, in Blut und Trümmern für die NSDAP." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Dolle, Heinrich Dolle an Erich Ludendorff v. 10.4.1925)
August 1923
Heinrich Dolle wird vor seiner Verhaftung noch weiter die in Augsburg bei Dr. Grandel aufgenommenen "Gedanken des Nationalsozialismus" verbreiten können. So heißt es in einer kritischen Betrachtung aus dem Jahre 1924:
"Auf keinen Fall behaupte ich natürlich, daß alle Nationalsozialisten und Deutsch-Völkischen auf dem Standpunkt des nationalsozialistischen Agitators Dolle stehen, der in einer vom nationalsozialistischen Zweckverband Nürnberg einberufenen Versammlung am 10. August 1923 in naiver Geschichtsphilosophie meinte:
'Das alte Sonnenrad, das religiöse Symbol unserer heidnischen Vorfahren, sei mit dem Untergang des germanischen Heidentums zum Hakenkreuz geworden. Daraufhin sei das Judenchristentum stärker zu Einfluß gekommen und habe das deutsche Volk immer mehr verweichlicht und zur Feigheit erzogen und das Hakenkreuz hätte die Form des christlichen Kreuzes angenommen. Es sei dann der Untergang durch die Revolution gekommen. In der Erniedrigung sei wieder das Hakenkreuz erschienen, vertreten durch die nationalsozialistische Bewegung. Und wenn nunmehr diese nationalsozialistisch-völkische Bewegung gesiegt habe, dann werde sie das Hakenkreuz wieder auf seinen Ursprung zurückführen, und das künftige religiöse Zeichen des Deutschen sei dann wieder das Sonnenrad in seiner alten Form. Freilich werde die Vernichtung des Christentums und seine Ersetzung durch den altgermanischen Götterkult nur unter ungeheuren blutigen Kämpfen möglich sein. Es sei damit zu rechnen, daß von 70 Millionen Deutschen nur 7 Millionen Lebende aus der Wallstatt hervorgehen würden. Diese 7 Millionen und ihre Nachkommen würden aber einst berufen sein, über die ganze Welt zu herrschen.'
So naiv denken selbstverständlich nicht alle Nationalsozialisten und Deutschvölkischen. Und doch drückt Dolle nur ganz parterre aus, was viele in dieser Form bloß nicht auszusprechen oder doch nur leise zu hoffen wagen. Es sind nicht wenige und sind gerade die aktivsten Kreise, die heute, aus welchen Gründen nur immer, - die Forderung nach Nationalisierung und Germanisierung der Religion, ja nach einer nationalen Religion aufstellen. Und wir müssen diese Forderungen, ihre Möglichkeiten, Ziele und Aussichten und die Versuche, sie durchzusetzen, untersuchen, wenn wir die nationalistische und deutsch-völkische Bewegung nach der religiösen Seite hin verstehen wollen." (Schlund: "Neugermanisches Heidentum im heutigen Deutschland", S.9/10 - 1924 + Bayerische Volkszeitung, Nr.192 v. 18.8.1923 + Westfälisches Volksblatt, Nr.103, S.2: "Das Völkische und das Christentum" v. 2.5.1924)
In einer Publikation der Kasseler SA wird aufgeführt:
"Am 16. August 1923 sprach im heutigen Gasthaus Ellenberger der zu gleicher Zeit auch in der Kasseler SA bekannte Pg. Heinrich Dolle. Er sprach unter falschem Namen, weil er steckbrieflich verfolgt wurde. Die Versammlung verlief stürmisch." (NSDAP-Kassel: "Die Geschichte der Kurhessischen SA", S.30 - 1935)
An seine Frau Käte notiert Heinrich Dolle zum Ende August 1923 in Gera:
"Meine Arbeit geht ihren planmäßigen Gang. Am 2.9.(-1923-) jedoch bin ich nicht in Stuttgart, sondern bleibe, wo ich tags zuvor (-am 1.9.1923 in Nürnberg/Augsburg?-) bin. Dahin erwarte ich wieder eine Nachricht von Euch.(...) Es ist eine grimmige Wut im Volke. Zu entschlossenen Taten ist es aber immer noch nicht reif. Die neuen Steuern müssen sich erst auswirken." (Digitalisiert auf archive.nrw.de: LA NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe M1 I P/Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr.616 - "Untersuchung gegen den deutschvölkischen Wanderredner Heinrich Dolle", S.34 - Heinrich Dolle an Ehefrau Käte v. 27.8.1923)
September 1923
Heinrich Dolle schreibt Anfang September aus München an seine Frau in Westfalen:
4.9.1923: "Liebe Käte! Gestern mittag (-Montag, 3.9.1923-) sandte ich Dir, ehe ich nach Dr. Gr.(-andel in Augsburg-) kam, ein Paket, das ich schon (-am Tag zuvor beim Deutschen Tag-) in Nürnberg, noch in der Nacht (-Sonntag, 2.9.1923-), fertig gemacht hatte.(...) Dann ging ich zu Dr. Gr.(-andel-), wo ich Deine lieben Briefe fand. Da war ich sehr froh und dankbar.- Ich beantworte sie gleich; in einer Stunde muß ich nach München fahren.(...) Alles ist bis jetzt planmäßig und mehr, als ich wünschen konnte, verlaufen." (Digitalisiert auf archive.nrw.de: LA NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe M1 I P/Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr.616 - "Untersuchung gegen den deutschvölkischen Wanderredner Heinrich Dolle", S.32 - Heinrich Dolle an Ehefrau Käte v. 4.9.1923, früh)
"Meine liebe Käte! Heute früh (-Dienstag, 4.9.1923-) konnte ich den Brief an Dich nicht zu Ende schreiben. Dr. Grandel kam; wir aßen und mußten zur Bahn (-Augsburger Hauptbahnhof-). Nun muß ich (-in München-) auf Hitler warten.(-Hitler hält Rede am Mittwoch, 5.9.1923, im Zirkus Krone-) Diese Wartezeit nutze ich für Dich. Heute abend soll ich in München sprechen. Das ist gut, denn dann habe ich wieder eine Einnahme. Ich habe mich mit dem Kauf der Sachen etwas Mark ausgegeben." (Digitalisiert auf archive.nrw.de: LA NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe M1 I P/Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr.616 - "Untersuchung gegen den deutschvölkischen Wanderredner Heinrich Dolle", S.30 - Heinrich Dolle an Ehefrau Käte v. 4.9.1923, mittags)
"Liebe Käte! Nun ist es (-Dienstag-) abend. Heute mittag kam plötzlich, als ich an Deinem Briefe schrieb, Hitler zu mir herein, und da fand ich keine Zeit mehr. Nun soll ich gleich in Neuhausen bei München sprechen. 1/4 Stunde ist noch Zeit -(...) Ich war 2 Stunden mit Hitler zusammen. Er ist doch ein großer Mensch. Wir gingen zusammen essen. Einfaches Gericht Gasthausessen. 1 1/4 Million für jeden. Ich konnte gut wirken für Ruge und ... (der zum Tode verurteilte). Dann war ich bei einem Freunde von Gr.(-andel-) namens Heinrich Meyer, ein alter Rentner, früher (ich glaube) Gerichtsdirektor,- ein herrlicher Mensch, bester Edda-Forscher." (Digitalisiert auf archive.nrw.de: LA NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe M1 I P/Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr.616 - "Untersuchung gegen den deutschvölkischen Wanderredner Heinrich Dolle", S.33/34 - Heinrich Dolle an Ehefrau Käte v. 4.9.1923, abends)
Bei dem hier von Heinrich Dolle erwähnten Freund Dr. Grandels handelt es sich um den in der Ariosophen-Szene Münchens gut bekannte Heinrich Christian H. Meyer. Dieser gründete bereit während seiner Zeit als Gerichtsassesor um 1912 die deutschvölkische Vereinigung Urda-Bund, der Bezug nimmt auf die Schicksalsgöttin der Vergangenheit:
"Diese Organisation vertrat u. a. die Ideen des Ariosophen Guido von List, ihre bald erfolgte Abspaltung Asgard (-Götterwohnung-) schloß sich unter Meyers Leitung der Münchener Sektion der Germanisch-deutschreligiösen Gemeinschaft an, von der bis heute nur der Name kekannt zu sein scheint.(...) Meyer ist in der völkisch-religiösen Szene besonders hervorgetreten durch seine Einführungen in die Edda. Außerdem hat er der Bewegung" (Puschner/Schmitz/Ulbricht: "Handbuch zur 'Völkischen Bewegung' 1871-1918", S.295 - 2012)
Weiter schreibt Heinrich Dolle in seinem Briefwechsel mit seiner Fraü Käte:
"Hitler ließ mir soeben sagen, ich müsse noch etwas Geduld haben; er ist stark arbeitend und wird überlaufen. Hier kommt viel Not aus Deutschland zusammen. Der gute (-Heidelberger Dr. Arnold-) Ruge (-Germanen-Orden Walvater-) hat nun auch ein Jahr Gefängnis bekommen, und das ist jetzt erst der Anfang. Weitere Anklagen werden ...cht gemacht. Ein anderer guter Mensch ist zum Tode verurteilt. Für beide habe ich mich mit Dr. Gr.(-andel-) heute ins Zeug gelegt." (Digitalisiert auf archive.nrw.de: LA NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe M1 I P/Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr.616 - "Untersuchung gegen den deutschvölkischen Wanderredner Heinrich Dolle", S.32 - Heinrich Dolle an Ehefrau Käte v. 4.9.1923, abends)
5.9.1923: Adolf Hitler spricht im Zirkus Krone.
6.9.1923: "Liebe! Ich reise nach Augsburg (-vermutl. zu Dr. Grandel-) und heute abend (-am Donnerstag, 6.9.1923-) will ich noch im ... sprechen. Es gibt wenig Ruhe zum Schreiben. Ich war gestern bei der Mutter von ..., bei Frau Dr. Ruge, für ... bei einem seiner Freunde. Ich ... jetzt ... Brief " (Digitalisiert auf archive.nrw.de: LA NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe M1 I P/Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr.616 - "Untersuchung gegen den deutschvölkischen Wanderredner Heinrich Dolle", S.33 - Heinrich Dolle an Ehefrau Käte v. 6.9.1923, abends)
"Augsburg, 6.9.1923 vormittags (...) Es ist sagenhaft, ein Kampf zwischen ... Mächten ..." (Digitalisiert auf archive.nrw.de: LA NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe M1 I P/Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr.616 - "Untersuchung gegen den deutschvölkischen Wanderredner Heinrich Dolle", S.27 - Heinrich Dolle an Ehefrau Käte v. 6.9.1923, Augsburg, vormittags)
"... am 6. in Frankfurt"
"Am 7.9. bin ich in Hildburghausen (-Stadt in Thhüringen-)" + "Am 7.9. muß ich noch einmal nach Thüringen. Damit verlängert sich die Reise. "
"...am 9. in Kassel"
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Oktober 1923 - München
Für die Vorbereitungen von Adolf Hitlers Marsch auf Berlin wird Heinrich Dolle nach München geordert:
"Ende Oktober 1923 rief ein Telegramm Essers im Auftrage Hitlers mich nach München, auch stand ich während, vor und nach dem Putsch in den Brennpunkten der Ereignisse. Dietrich Eckart gab mir 20 Minuten vor seiner Verhaftung sein Bild mit Freundschaftswidmung und einem Vermächtnis.-" (BArch Berlin: NS26/1215, Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.2/3 v. 15.10.1937)
In einer späteren Erinnerung berichtet der westfälische Agitator von einer Mitschrift eines privaten Treffens mit Ernst Pöhner, dem ehemaligen Münchener Polizeipräsidenten und nunmehrigen Obersten Richter Bayerns. Dieser betont gegenüber den anwesenden Heinrich Dolle, Kautter, Kriebel, Baron v. Aufseß und Christian Heinrich Meyer:
"Ich habe bisher immer dafür gesorgt, daß Hitler hat hochkommen können.- Bald ich die Sonne staatlicher Gunst,- bald habe ich den Regenschirm über ihn gehalten und Wetterwolken fern gehalten vom Hitler.- In der 'Münchener Post' hat die Kanaille getobt gegen mich, und hat mir Urkundenfälschung und Ausstellung falscher Pässe vorgeworfen. Da hat mich Kahr gefragt, was daran sei. Ich habe geantwortet, ich wolle lieber darüber schweigen,- ich wolle ihm,- Kahr- aber doch sagen, daß das Strafgesetzbuch keinen § habe,- abgesehen von Blutschande- den ich nicht übertreten habe. Da hat Kahr verlegen gelacht, wie man das in solchen Fällen tut.
Herr Kahr hat mir dann den Chef der Landespolizei zugesandt und mich fragen lassen, wie ich mich dazu stelle, wenn mir ein Amt angetragen würde, vielleicht das eines Zivilkommissars, der dem Chef der Landespolizei beigegeben würde als Berater. Da habe ich geantwortet, das tue ich nur, wenn ich selbst bestimmen kann über die Maschinen-Gewehre.- Wie würden Sie sich verhalten, sagt er da, dem Herrn Kahr gegenüber, wenn Sie als Innenminister über die Polizeigewalt verfügten? - - Ich würde würde freundschaftlich mit dem Herrn General-Staatskommissar zusammen arbeiten."
8./9. November 1923 - Hitlerputsch in München
Im November 1923 findet der Hitler-Putsch in München statt, an dessen Vorbereitungstreffen auch Protokollant Heinrich Dolle, Lorenz Mesch und Gottfried Grandel teilnehmen. Aus Heinrich Dolles schriftlicher Kommunikation ist jedoch nicht zu entnehmen, wo und in welcher Funktion er sich genau am 8./9. November 1923 in den gescheiterten Marsch auf Berlin einbringt.
März 1924
Obwohl Heinrich Dolle in Vorplanung und Umsetzung des Hitlerputsches direkt involviert ist, gelangt er nicht in Haft. Die Folgezeit schildert er in in einer Ergänzung zu seinem Lebenslauf:
"1924, als Hitler in Landsberg saß, die Partei und ihre Zeitungen verboten waren, der Führerstreit im Reiche tiefste Seelennot machte, lag auf mich (-mir-) die größte Last für die Erhaltung und Weiterführung des Hohen Kampfes: obwohl wir damals grundsätzliche Gegner der Parlamentswahlen waren, beteiligten wir uns daran, weil anders ein Wirken offen nicht möglich war. Nach einer schriftlichen Erklärung an den Wahlleiter Hauptmann v. Pfeffer, daß ich ein Mandat für den Reichstag nicht annehmen würde, nahm ich dann die Spitzenkandidatur an für beide Wahlkreise Westfalen, beider Hessen, beider Düsseldorf und andere. Dazu keine Geldmittel und fast keine Drucksachen.- Dazu Prozesse über Prozesse, Steckbriefe, Verfolgungen, Verhetzungen, Verleumdungen, selbst von der Kanzel und in Büchern des Pater Schlund, Rektor der Universität München, in Hirtenbriefen und ähnlichem.--- Auf der Führertagung in Magdeburg 1924 wurde mir die 'Nichtparlamentarische Reichsführerschaft' übertragen. Auf mein Verlangen wurde in der Niederschrift der Verhandlungen unter Punkt 6 aufgenommen: 'Unsere Nichtparlamentarische Führerschaft legt die Führung nieder, wenn Adolf Hitler frei ist, und die Führung selber wieder übernimmt.'" (BArch Berlin: NS26/1215, Sachakte Heinrich Dolle - "Ergänzung zum Lebenslauf", Bl.3 v. 15.10.1937)
Seit der Inhaftierung von Adolf Hitler brechen nun vermehrt die innerparteilichen Konflikte offen aus, auch in Augsburg. So schreibt Heinrich Dolle am 22. März 1924 an Alfred Rosenberg:
"Meinen Brief vom 17.3.(-1924-) werden Sie bekommen haben. Ich hoffe, Sie haben sich darüber nicht geärgert, sondern herausgefühlt, dass ich um unser Werk bange, und zweitens, dass ich meine ganze Kraft einsetze, unser Werk zu fördern.
Ich war in Augsburg. Lassen Sie sich von den Augsburgern berichten, mit welchem Ergebnis. Hier nur dieses: Der Streit unter den Parteigenossen in Augsburg um die Kandidatenliste für die Landtagswahl ist durch mich geschlichtet. Er drohte zu einem schweren inneren Zerwürfnis zu führen. Der Leiter Seebauer erklärte mir: 'Wir danken Ihnen von ganzen Herzen. Sie wissen gar nicht, was für einen grossen Dienst Sie uns geleistet haben. Was Sie jetzt in dreissig Minuten zuwege gebracht haben, ist uns in drei Wochen nicht möglich gewesen. - Die Kandidatenliste ist jetzt so zusammengestellt, dass alle beteiligten Augsburger Kreise, aber auch Sie in der Parteileitung, damit zufrieden sind. (...) Mit den drei genannten Führern der Deutschen Partei, also der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei im Hessenlande, werde ich jetzt zuerst sprechen. Dann gehe ich zu den Führern der Kampfverbände. Auch das sind vernünftige Leute. Helfen Sie mir in der Weise, wie ich gebeten, ist in einer Woche das Trümmerfeld aufgeräumt und der Aufbau beginnt. Sie werden als Statthalter Hitlers daran die grösste Freude haben. Heil!" (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief von Heinrich Dolle an Alfred Rosenberg v. 22.3.1924)
Zu Heinrich Dolles oben erwähnter Veranstaltungs-Verhaftung in Westfalen wird in den Lippischen Mitteilungen berichtet:
"Zu seiner ersten öffentlichen Versammlung in Lippe am 29. März 1924 im Detmolder 'Neuen Krug' war als Redner der Demagoge Heinrich Dolle aus Kleinenberg geladen, der allerdings sogleich verhaftet wurde. Als Dolle einen Tag später wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, verstanden es die Völkisch-Sozialen, den Vorgang propagandistisch für ihre Zwecke auszunutzen. Die öffentliche Stimmung war außerordentlich gereizt, zumal die Presse zur gleichen Zeit täglich über die Münchner Verhandlung gegen Hitler und Ludendorff berichtete ." ("Lippische Mitteilungen", Band 60-61, S.178 - 1991)
Ausführlicher wird der Verlauf in einer weiteren Ausgabe beschrieben:
"1924 kandidierte Dolle für den Völkisch-Sozialen Block bei den Reichstagswahlen. Als er am Vorabend eines Treffens sogenannter Vaterländischer Verbände am Hermannsdenkmal in einer Versammlung seiner Partei (-am 29. März 1924-) eine Wahlrede hielt, wurde er verhaftet. Dolles Gesinnungsgenossen zogen aus Protest gegen die Verhaftung vor das Landgericht, wo sie von der Polizei mit Gummiknüppeln auseinandergetrieben wurden. Am nächsten Morgen wurde Dolle wieder auf freien Fuß gesetzt, und am Nachmittag, nachdem die 'Frühlingsfeier' der vaterländischen Verbände am Hermannsdenkmal mit Reden des Detmolder Germanenforschers Teudt und des Generals von Watter zu Ende war, setzte er seine am Vortage durch die Polizei unterbrochene Rede im Neuen Krug wieder fort.
Dolle berichtete selber 1933 im Paderborner NS-Blatt 'Der Filter' von dieser 'denkwürdigen' Veranstaltung und vergaß dabei nicht zu erwähnen, wie gekonnt er die Zwischenrufe der jüdischen Zuhörer pariert habe. In dem Prozess am 27. August 1924 vor dem Schöffengericht in Detmold wurde Dolle von dem Vorwurf, gegen das Gesetz zum Schutz der Republik verstoßen zu haben, freigesprochen. Im Entwurf eines Zeitungsartikels, den Dolle offensichtlich selbst für die völkischen Blätter über diesen Prozeß geschrieben hat, wurde Rülf ausdrücklich als derjenige genannt, auf dessen Aussage hin es zu diesem Prozeß gekommen war. Dolle hatte bei der Vernehmung ausreichend Gelegenheit, seine antisemitischen Thesen zu wiederholen. Moritz Rülf ließ als Zeuge, das geht selbst aus Dolles Artikel hervor, die Ausflüchte Dolles nicht durchgehen: es sei nicht ein Mal über ernste und 'heilige' Dinge gesprochen worden , die Versammlung habe nur 'Vorstöße gegen Regierung und Judentum' zum Zweck gehabt. Die Zeugen aus dem deutschnationalen und dem deutschvölkischen Lager bestritten natürlich, daß irgendwelche beleidigenden Äußerungen gegen den Reichspräsidenten oder die Reichsregierung gefallen seien. Und der Zeuge Juckenack, bis zu dessen Verbot 1922 im Vorstand des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, gab an, sich gewundert zu haben, 'wie solch ein einfacher Mann so scharf und doch nicht beleidigend sprechen könne'. Dolles Verteidiger, der Detmolder Rechtsanwalt Petri, führte in seinem Plädoyer aus, es handle sich überhaupt nicht um Angriffe gegen die Republik, sondern gegen die Jude , und das sei nicht identisch'. Er könne es dem Juden Rülf wohl nachfühlen, dass er innerlich erregt sei, wenn sein Volkstum angegriffen würde, immerhin müsse aber festgestellt werden, daß seine dreimaligen Aussagen sich nicht deckten, so dass irgendwo der Tatbestand objektiver Unrichtigkeit gegeben sei ... Herr Dolle habe nicht die Regierung treffen wollen, sondern die jüdischen Kreise hinter derselben, Herr Rülf habe sogar zugegeben, daß das wohl stimmen könnte. Das Gericht kam zum Freispruch, da 'kein Zeuge habe bekunden können, daß es beabsichtigt gewesen wäre, die Republik zu beleidigen'. Wie diese Argumentation auf Moritz Rülf und die anderen jüdischen Teilnehmer der Verhandlung gewirkt haben muß, kann man sich vorstellen. Angriffe auf die jüdischen Bürger waren nicht verfolgenswert! Der Staatsanwalt legte Revision ein, und die Strafkammer des Landgerichts hob am 20. 11. 1924 den Freispruch auf und verurteilte Dolle zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat und zu einer Geldstrafe von 500 Goldmark, weil sie den Belastungszeugen mehr glaubte als den Freunden des Angeklagten. Aber auch in diesem Prozeß konnte Dolle wieder ausgiebig seine antisemitischen Thesen vortragen." (Müller: "Juden in Detmold: gesammelte Beiträge", S.146/147 - 2008 + "Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde", S.403-405 - 1988)
Der Vorsitzende der Augsburger Werkgemeinschaft, Dr. Otto Dickel, schreibt in einem Hilfsangebot an Heinrich Dolle:
"Werde, soweit mir möglich ist, an Euer Weib denken und werde (-mich für Euch-) um Arbeit umsehen. Glaube wohl, dass ich Euch hier unterbringen kann, muss aber wissen, wie lange Ihr sitzt, denn Arbeit beschaffen, von der Ihr 3 Tage später von der Polizei geholt werdet, hat keinen Wert. Teilt mir mit, wenn Ihr herauskommt u. sitzt die 'Strafe' so rasch wie möglich ab. Dann seid Ihr ein freier Mann und wir können helfen, soweit es in meinen Kräften steht." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle, Otto Dickel an Heinrich Dolle v. 15.6.1925)
Aus einem Briefwechsel Heinrich Dolles mit Dr. Grandels Freund Emil Hubricht aus Freiberg/Sachsen geht hervor:
"Lieber Herr Hubricht, Heil Euch! Wie Ihr wisst, war ich im Gefängnis, und habe dort gehungert, volle 8 Tage.- Nun musste ich zuhause erst leichte Arbeit tun."
(Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief Heinrich Dolle an Emil Hubricht, S.1 v. 25.11.1925)
November 1924 - Heinrich Dolles Verhältnis zu Dr. Dickel
Während Adolf Hitlers Festungshaft versucht Heinrich Dolle, das seit 1921 zerrüttete Verhältnis zwischen Dr. Otto Dickel und Adolf Hitler zu glätten. Seine persönliche Position im Konflikt zu Adolf Hitler legt Dr. Otto Dickel in einem Schreiben an Heinrich Dolle vom November 1924 dar:
"Und Dank für Euern Brief und Eure Bemühungen! Das ist das Rechte: Immer prüfen, 'ob man noch in der Führung ist, oder getrieben wird'.(...) Deshalb unterstütze ich, was mich anlangt, Euer Versöhnungsbestreben.(...) Gemeinsam ist - nennen wir als Vertreter etwa Hitler - mit ihm das Ziel. Verschieden ist der Weg. Ich bin überzeugt, dass sich auf dem von jener Seite, zu der die von Euch genannten Männer ebenfalls, wenn auch mit kleinen Modifikationen gehören, eingeschlagenen Wege nichts erreichen lässt,(...)." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief von Otto Dickel an Heinrich Dolle v. 17.11.1924)

Völkischer Vordenker aus Augsburg: Dr. Otto Dickel - 1928 (Bay. Staatsbibliothek: port-030746 / Fa. Scholle & Sonne)
Auch Adolf Hitler gewinnt während seiner Festungshaft im Jahre 1924 die Einsicht, auf gewaltsamen Wegen die angestrebte nationale Diktatur nicht erreichen zu können, doch vermeidet er zeitlebens den Zusammenschluss mit Dr. Otto Dickel. Die Vermittlungs-Bemühungen von Heinrich Dolle verlaufen somit im Sande.
Die aus der Schlichtungsfunktion sich entwickelnde Annährung des engagierten Wanderredners aus Westfalen gegenüber dem Augsburger Otto Dickel beinhaltet für Gottfried Grandel eine Enttäuschung:
"Leider entzweite sich Dolle mit Hitlers Umgebung in München und schlug sich (-1924-) zu meinem Unwillen auf Dickels Seite, wo er aber erhebliche Enttäuschungen erlitt." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandel an das NASAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Nicht nur Redner, auch Mann der Tat: Dr. Otto Dickel beimBau eines Bienenhause - 1931 (Fotografie aus: "")
In einem Briefkontakt zu Dr. Grandels Freund Emil Hubricht aus Freiberg/Sachsen stellt Heinrich Dolle seine Sicht auf den Konflikt mit Otto Dickel dar:
"Ich glaube annehmen zu können, dass unser lieber Freund Grandel auch Euch von Dickel erzählt hat, und nichts Gutes. Ich habe ihm damals (-1922-) angemerkt, dass auch er nur weitergab, was er gehört hatte. Später wurde ich immer wieder auf gute Taten Dickels gestossen, und da entschloss ich mich zur Prüfung der üblen Nachrede, und --- bedauerte es, so leichtgläubig gewesen zu sein. Bitte, tut auch so, um unserer deutschen Seele willen." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief Heinrich Dolle an Emil Hubricht, S.3 v. 25.11.1925)
19. Mai 1925
In einem weiteren Schriftwechsel an den späteren NS-Gauleiter in Thüringen, Fritz Sauckel, fasst Heinrich Dolle seine Erlebnisse in Süddeutschland zusammen:
"Heute fange ich eine Fabrikarbeit an: ganz schlecht. Die keiner tun will, darum war sie für mich frei ... Ich will sehen, ob ich zur Arbeit im landläufigen Sinne noch fähig bin ... Reden und Reisen macht leicht fahrig und --- gewissenlos. Ich habe viel gesehen und erlebt bei so manchem völkisch führfenden Mann,- und bin in Angst und Sorge ums Mark. 2 Jahre tat ich die Hälfte meiner Kraft im Streitschlichten, war ich Brücke und wurde als solche von beiden Seiten getreten.- Wenn ich 4-6 Wochen in dieser niederen, stinkigen Fabrikarbeit ausgehalten habe, hab ich mich ganz wieder ..." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Dolle an Sauckel v. 19.5.1925)

Abgekämpft vom süddeutschen Einsatz: Heinrich Dolle (GStA PK, I. HA Rep. 84a, Nr.55584 - Artikel aus: Ostpreussische Sonntags-Post, Königsberg, Nr.16, S.1, "Das deutsche Volk muß siedeln, oder es geht zu Grunde" v. 19.4.1931, S.2 - Portraitzeichnung Heinrich Dolle / Budzinski, Robert)
8. September 1925
Nach längerer Pause nimmt Heinrich Dolle wieder Kontakt zu Julius Streicher aus Nürnberg auf:
"Wollt Ihr mir nicht einmal schreiben, wie es um unsere Bewegung um Hitler steht, ob bei ihm nun alles langsam stirbt, oder Hoffnung auf ein neues Leben ist? Und wie Ihr über die künftige Gestaltung der Dinge denkt? Ich bin durch die langen, mühevollen, entbehrungsreichen und an bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen überreichen Kämpfe seit vollen 7 Jahren nun auch erschöpft: ich bin vollkommen verarmt (an Gütern selbstverständlich nur). Allerding: Auch Weib und Kinder haben unter all dem nicht wenig gelitten. Nun muss ich, wohl oder übel, einige Zeit zurücktreten, meine Lebensverhältnisse wieder festigen - ich hoffe, dass es noch möglich sein wird - bevor ich wieder von neuem mit eingreifen kann. Nun hat sich aber langsam, aber immer mehr, der Gedanke in mir gefestigt: Die Völkische Bewegung, wie sie bisher war, hat ihre geschichtliche Aufgabe erfüllt, und sie geht ihrem Ende entgegen im - - - Parlament, und im Parteikram, beides Sumpf, darinne sie erstickt, stirbt. Hitler und Sie, Ihr seid zu schade, mit in diesen Zug des Versinkens gezogen zu werden. Ihr müsstet Euch loslösen, dergestalt, dass Ihr Eure Taktik ändert. Wie, möchte ich Euch gern schreiben, nur als Vorschlag, wenn ich wüsste, ob Euch das wert genug erscheint." (Staatsarchiv Nürnberg: Rep.503, NS-Mischbestand, Sammlung Streicher - Heinrich Dolle an Julius Streicher v. 8.9.1925)
25. November 1925
Über den gestalterische Anspruch Heinrich Dolles innerhalb der völkisch-nationalen Bewegung geben seine vielen Briefe Auskunft, die er seit 1919 an verschiedene Protagonisten von nationalen Parteien und Verbänden versendet. So schildert er in mehreren Briefen an General a. D. Erich Ludendorff seine politischen Einschätzungen und Gedanken:
"Grandel zur Seite standen Mesch und Ruge. Adolf Hitler wuchs über seine Nährväter hinaus und --- vergas sie. Dietrich Eckart war sein neuer. Doch auch Eckart nährte sich von den Genannten. Er sog aus uns. Wir gaben gern, aus Liebe zum Werk. Mit grosser Sorge sahen wir aber auch, wie Dietrich Eckart, und Esser und Amman und andere unsere Eingebungen erst mit 'Champus' (-Champagner Wein-) und scharfen Schnäpsen in der Fledermaus (oder wie die Saubude genannt wurde) tauften, und erst mit dieser Luft behaftet, ins Leben wirkten. Und schlimmeres noch: wie der Jesuit Stempfle und andere Zweifelhaften die Schwächen Eckarts nutzten. Was für opfervolle, oft demütigende (besonders für die anderen drei) Taten wir wirkten zur Ausgleichung der Schäden, ist heute und auch hier nebensächlich. Jetzt kommt es darauf an, ausser obiges zu begründen, dass Hitler wieder Menschen zur Seite bekommt, die seiner würdig sind, und nicht nur Hitler - auch Ihr. Bitte nehmt mir meine Kühnheit nicht krumm. Lieber Herzog, Ihr seid in Gefahr!(...) Euch mangeln die treuen, aufrichtigen, selbstlosen und kundigen Gefährten. Das bringt Euch Gefahr und durch Euch unserem Volk --- Eckart ist tot. Grandel ist durch verzweifelte Taten, die ihn in furchtbare Lagen brachten, zermürbt und politisch getötet (-u.a. gescheiterter Attentatsversuch v. 1924 auf General v. Seeckt. Dr. Arnold-). Ruge sass ein Jahr im Gefängnis. Hitler konnte ihm helfen. Wir sprachen mehmals drüber Er tat nichts. Er konnte wenigstensn Ruges Weib und Kind helfen. Er tats nicht.(...) Frau Ruge starb fast Hungers. Nun ist Ruge für Hitler verloren. Ich weiss, was es für freiheitsliebende, für eine heilige Volkssache kämpfende Menschen heisst, im Gefängnis dieses Staates (-zu-) sitzen. (-Der Regensburger Lorenz-) Mesch ist imgleichen verbittert.-------- Da habe ich Adolf Hitler 1923 (-1921?-) auf die furchtbaren Gefahren, die in seiner Umgebung lagen, aufmerksam gemacht. Er suchte mich. Ich kam nicht an ihn, weil Esser, Amman Eckart und andere es verhinderten. Da kam er zu mir. Schicksalgefügt. Ich erkannte, ihm fehlte der Instinkt. Ich machte ihn auf die Gefahr aufmerksam, die magisch am Geld haftet, und dass es nicht gleich sei, woher dieses komme. 'Ich verkaufe meine Seele nicht!', sagte er selbstsicher. Ich zeigte ihm die Jesuitengefahr als die grössere. Der Jude war in Bayern schon nicht mehr der gefährlichere. 'Ich kann nicht nach 2 Fronten kämpfen', sagte er. Und das sagt er auch heute noch. Als ob wir im Weltkrieg nicht nach mehr als 2 Fronten kämpfen mussten. Und als ob nicht Jude und Jesuit eine Front wären! - Unser Mühen 1923 ist gescheitert am Jesuiten. Hitler hat den Juden klein gemacht, für den Jesuiten. (So sehr sie eins sind in der Knechtung unseres Volkes, so sehr streiten sie gegeneinander um den Rang.) Ich habe dabei geholfen, wie kaum ein zweiter. Die schwersten Städte in Bayern nahm ich. Aber ich tats immer in der Hoffnung und dem Vertrauen, dass uns der furchtbare Endkampf doch noch den Sieg bringen würde, auch über den Jesuiten.---
In (-der Festungshaft-) Landsberg war ich (-1924-) bei ihm und bat ihn, nunmehr Anschluss zu suchen an Dr. Dickel in Augsburg, der ein Mann sei, dazu klug, weitschauend. Er versprach es mir, doch 'erst muss der Meineidsprozess entschieden sein, der klar stellt, ob Dickel seiner Zeit das Flugblatt gegen mich wirklich nicht geschrieben hat'.- Nun ist der Prozess entschieden. Dickel steht rein da. Die Flugblattgeschichte erkennt jeder, der aufrichtig will, als eine Schandtat derer, die ein Gemeinsam-Wirken von Dickel und Hitler seinerzeit hintertrieben. Weil das eine Gefahr für Jud und Jesuit war. Und Adolf Hitler hält nicht, wieder nicht, was er versprach. Er sagt mir: 'Die Not ist so gross und das Land so weit, dass beide vollauf zu tun haben und nebeneinander schaffen können. Ich störe Dr. Dickel nicht.'" (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief von Heinrich Dolle an Erich Ludendorff v. 25.11.1925)
11. Februar 1926
Der Westfale Heinrich Dolle fühlt sich im Februar 1926 von Adolf Hitler schlecht behandelt; er ist regelrecht empört. Ausgelöst durch einen ihn zuvor diffamierenden Artikel des Völkischen Beobachters läßt er in Otto Dickels Augsburger Wochenzeitung "Volk, Freiheit, Vaterland" als Reaktion darauf seinen an Hitler versendeten Brief veröffentlichen, der zuvor von diesem unbeantwortet geblieben war. Heinrich Dolle schreibt darin:
"Dr. Dickels Arbeit für die Rettung des deutschen Volkes war früher da als Drexler mit der NSDAP und früher als Ihr, Adolf Hitler. Ihr wißt das, denn Ihr habt 9 Monate lang in Augsburg bei Dr. Grandel gelebt, habt dort nicht nur körperliche Nahrung erhalten, sondern auch geistige. Und auch die Gedanken Dr. Dickels kennen gelernt, und erst dann seid Ihr nach München gekommen und habt in der NSDAP gewirkt. Gegen Dr. Dickel. Nicht umgekehrt. Nicht nur Dickel war vor Euch in der Arbeit, sondern auch Dr. Gr.(-andel-) und Baumeister Lorenz Mesch, und Dr. Arnold Ruge, (...). Ihr, Adolf Hitler, habt aber nicht nur gegen Dickel gearbeitet, sondern habt auch Euern NährvaterDr. Gr.(andel), habt Eure Freunde Dr. Ruge und Lorenz Mesch achtlos beiseite geworfen, wie genutzte Citronen,(...)." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: "Volk, Freiheit, Vaterland", Nr.20 v. 11.2.1926)
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(Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Z126, 1923-1926, F20, S.2 - "Volk, Freiheit, Vaterland", Nr.20, S.2 v. 11.2.1926)
Heinrich Dolle schreibt im Nachlauf der Veröffentlichung in einem Brief an drei Werkgemeindler:
"Um Hitler und den Nationalsozialismus mag ich mich auch nicht mehr kümmern. Mein Brief an Hitler ist von vorn bis hinten und in allen Einzelheiten Wahrheit. Wer glaubt, durch Gerichtsklagen daran etwas wandeln zu können, mags wagen. Mir wärs schon recht, wenns anders wäre. Um unserer Volksrettungsarbeit willen." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Sammelbrief von Heinrich Dolle an Dr. Stock, Oskar Müller, Ludwig Dickel v. 6.4.1926)
9. September 1927
Heinrich Dolle weist General Ludendorff auch auf seine politische Wunschkonstellation hin:
"Der Generalstabs-Chef fehlt, der sie (-die besten Kräfte-) ruft, und bindet, und leitet. Der Geistige Generalstab!(...) Reventlow sollte ihn 1922 bilden. Dazu waren wir an die 30 deutschv.(-ölkischen-) Männer aus dem Reiche in Kassel zusammengekommen. Es ging nicht, weils Geld fehlte, selbst zum Briefeschreiben. Es war die Zeit noch nicht gekommen. Dr. Otto Dickel bat Euch in seinem 'Volk, Freiheit, Vaterland', Folge 50 darum. In Folge 51 steht der Brief eines soz.dem. Gewerkschaftsbeamten an mich über Euer Buch, und meine Antwort darauf. Wahrhaftig: Dickel hat Recht: Herr General Ludendorff, Sie müssen den Geistigen Generalstab jetzt bilden. Und Dickel dazu rufen. Seit ichs las, bewegt mich dieser Aufruf Dickels an Euch dauernd tief."
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Bei Wikipedia (2021) heißt es in diesem Zusammenhang zu Heinrich Dolle :
"Anfang 1922 begann sich Dolles Verhältnis zum DVSTB (-Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund-) abzukühlen. Durch Vermittlung von Dietrich Eckart (1868-1923) kam er in Kontakt zur NSDAP. Anfang November 1922 hielt der Agitator aus dem Westfälischen seinen ersten politischen Vortrag in München. Am 13. Dezember folgte eine weitere Massenkundgebung, auf der Dolle neben Julius Streicher, Hermann Esser, Anton Drechsler (-Drexler-) und Adolf Hitler sprach. Und auch auf dem ersten NSDAP-Parteitag am 27. Januar 1923 in München stand Dolle neben der Parteiprominenz auf der Rednerliste. Nach dem gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsch arbeitete Dolle von Kleinenberg aus weiter für die illegale NSDAP. Im Frühjahr 1924 trat Dolle bei der Reichstagswahl als Spitzenkandidat für den "Völkisch-Sozialen-Block" in den Wahlkreisen Westfalen-Süd (...) an. Auch in den folgenden Monaten war er unermüdlich bei politischen Kundgebungen im Einsatz. Im Herbst 1924 war Dolle in näheren Kontakt zu Otto Dickel (1880-1944) in Augsburg gekommen. Dickel - Nationalsozialist der ersten Stunde - hatte sich von der NSDAP getrennt (-wurde auf Hitlers Drängen im September 1921 ausgeschlossen-) und im März 1921 die "DeutscheWerkgemeinschaft" (DWG) sowie eine Siedlung namens "Dickel(s)moor" gegründet. Auf Initiative von Dickel besuchte Dolle am 9. Dezember 1924 Hitler im Landsberger Gefängnis. Auch bei einem zweiten Treffen mit dem am 20. Dezember vorzeitig aus der Haft Entlassenen im Januar 1925 in dessen Münchener Wohnung ist es vermutlich darum gegangen, eine Aussöhnung herbeizuführen. Dolles Einsatz für Dickel und die DWG führte Anfang 1926 schließlich zur Trennung von der NSDAP."

SA-Führerschulung bei Heinrich Dolle (l.) im westfälischen Heilgrund mit dem Augsburger Gauleiter Karl Wahl (erste Reihe stehend, 2.v.r.) - 1933 (Foto: Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: S - M4A, Nr. 10/2 - Nachlass Heinrich Dolle)
Die geheime Organisation Consul
(310-1921 Es liegt in der Natur der Sache, dass auf Verschwiegenheit ausgelegte Organisationen über wenig Transparenz verfügen.
Auch die öffentliche Aufarbeitung der mit politischen Morden in Zusammenhang stehenden Vereinigungen wirkt während der Weimarer Republik bisweilen sehr zurückhaltend. So werden die möglichen Verbindungen zur terroristischen Organisation Consul (O.C.) während des Berliner Thormann-Grandel-Prozesses von 1924 immer nur in Randbereichen thematisiert, ohne dass vom Gericht ein erkennbarer Wille zur konkretisierten Aufklärung erkennbar wäre. In der öffentlichen Berichterstattung erfährt jedoch Gottfried Grandel diesbezüglich Erwähnung:
"Die Person des Herrn (-Alexander-) Thormann ist äußerst uninteressant. Wichtig dagegen ist sein Complice Dr. Grandel, der Financier der O.C. und Freund des Herrn Claß." (Die Weltbühne: Bd.20, Teil 1, S.362 - "Das Attentat auf Seeckt" v. 1924)

Eine der wenigen Aufarbeitungen: Emil Gumbels Zusammentragung der politischen Morde während der jungen Weimarer Republik - 1922 (Fotografie im Privatbesitz)
In dem sozialdemokratischen Zentralorgan wird im Rahmen der prozessualen Attentats-Aufarbeitung zu der berüchtigten Organisation C. berichtet:
"Auch wenn (-der Zeuge-) Gilbert ein übles Subjekt ist, auch wenn (-Alexander-) Thormann ein Spitzel von der anderen Seite sein sollte - die Tatsache kann nicht hinwegdisputiert werden, daß (-der alldeutsche Verbandsvorsitzende Heinrich-) Claß und (-O.C.-Gründer Hermann-) Ehrhardt eng liiert sind, und daß aus der Organisation Ehrhardt die Mordbuben stammten, die Erzberger und Rathenau 'killten' und die den Mord an (-Philipp-) Scheidemann versuchten." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.113 + Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.3 - "Spitzelsumpf" v. 1.6.1924)
Ein weiterer Prozess-Bericht streift Dr. Grandels Rolle innerhalb der Organisation Consul:
"Denn mittlerweile hat (-von-) Tettenborn den drängenden (-Alexander-) Thormann mit einem 'Mörder' bekannt gemacht, einem Herrn (-Heinz-) Cöpke, und aus der Versenkung ist plötzlich (-in Berlin-) auch der O. C.-Mann Grandel aufgestiegen. Wer wäre imstande, das nun sich webende feinmaschige Netz vollständig zu entwirren!" (Die Weltbühne: Bd.20, Teil 1, S.330 - "Thormann, Grandel & Cie" v. 1924)
Ein weiterer Artikel führt aus:
"In der Berliner Presse ist die Nachricht verbreitet worden, daß es auf Grund neuer Ermittlungen gelungen ist, die Hintermänner und Geldgeber der Mörder Erzbergers und Rathenaus ausfindig zu machen, und daß das Ergebnis dieser Ermittlungen bereits dem Oberreichsanwalt übergeben worden sei. Diese Hintermänner und Geldgeber sollen sämtlich dem Alldeutschen Verbande nahestehen. Während von alldeutscher Seite die Richtigkeit der Meldung aufs bestimmteste verneint wird, glaubt das Berliner Sprachrohr des (-katholischen-) Zentrums, die Germania, folgende Ausführungen machen zu können:(...) All die Spuren führen weniger in der Richtung auf deutsch-völkische Kreise, als auf solche, die man eher als deutsch-national bezeichnen muß. Es drängt sich die Parallele zu dem Thormann-Grandel-Prozeß auf, bei dem das Attentat gegen General v. Seeckt gleichfalls von alldeutschen Kreisen ausging. Es steht überhaupt mit ziemlicher Sicherheit fest, daß die Beziehungen zwischen der berüchtigten Organisation C. und gewissen maßgebenden Stellen des Alldeutschen Verbandes (-Heinrich Class, Paul Bang-) sehr eng sind. Die Organisation C. hat vielfach geradezu als ausführendes Organ dieser alldeutschen Stellen gehandelt, von denen sie in weitem Umfang finanziell abhängt. Auch bei der Ausführung des Mordes an Rathenau haben die geldgebenden, durch das neue Material belastenden alldeutschen Stellen die Organisation C. mit genauen Weisungen versehen. Es waren für die Ermordung zwei Kolonnen gebildet worden, von denen die eigentlich in erster Linie zur Tat bestimmte nicht eingreifen konnte, weil ihre Mitglieder im entscheidenden Augenblick betrunken waren. " (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Godesberger Volkszeitung, Nr.107, S.3 - "Aus Nah und Fern" v. 6.5.1924)
Mit verschiedenen Versatzstücken lässt sich im Abstand von rund 100 Jahren ein etwas genaueres Bild der diktaturaffinen Organisation C. zeichnen, die in ihrer aktiven Phase auch vor politischen Terrormaßnahmen nicht zurückschreckt. Diese paramilitärisch geführte Gruppierung gilt inoffiziell nicht nur in Oberschlesien als verlängerter Arm der landesweit geschwächten Reichswehr; sie agiert ab dem Frühjahr 1921 auch massiv gegen die demokratischen Vertreter der Weimarer Republik. Hauptmann Ernst Röhm beschreibt seinen Blick auf die damaligen Zusammenhänge:
"Kapitän Ehrhardt hatte nach Auflösung seiner Brigade (-als Folge des Versailler Vertrages und daraufhin gescheiterten Berliner Kapp-Putsches v. 13. - 17. März 1920-) sein Hauptquartier in München aufgeschlagen.(...) An seiner Seite arbeitete als sein Stabschef der ruhig erwägende, entschlossene und zielklare Kapitänleutnant Hoffmann, der durch sein persönlich-verbindliches Wesen auftretende Unstimmigkeiten und Schwierigkeiten stets zu bannen wußte. Dr. Hahnke, alias Schnitzler, war sein politischer Berater. In ihm lernte ich einen der klügsten Köpfe mit bewegter Vergangenheit und, wie sich später zeigen sollte, auch Zukunft kennen. Er verstand es, die Fäden seiner politischen Netze auch in die bayerischen politischen Kreise zu spannen und gewann dabei mit Geheimrat (-und Bauernführer-) Dr. Heim nähere Fühlung. Für Ehrhardts Aufenthalt und Wirken in Bayern war diese Stütze natürlich von wesentlicher Bedeutung.(...) Der Brigade Ehrhardt, ebenso wie später der Organisation C.(-onsul-), gehörte in München ein großer Teil der akademischen Jugend an; auch in den anderen Universitätsstädten hatte Ehrhardt starke Gefolgschaft. Zweifellos war die O. C., was militärische Zucht betraf, damals einer der besten Wehrverbände." (Röhm: "Geschichte eines Hochverräters", S.109 - 1933)
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Kopf der Münchener Organisation C.: Korvetten-Kapitän Hermann Ehrhardt - Berlin, 13. März 1920 (BArch: Bild 146-1971-037-42 / o.Ang.)
Unter dem Organisationsnamen Consul wird der Deckname des Korvetten-Kapitäns Hermann Ehrhardt verstanden, der sich nach dem gescheiterten Kapp-Putsch trotz steckbrieflicher Suche in München mit zwei zusätzlichen Pässen nahezu unbehelligt bewegen kann. Einer dieser Ausweise trägt den durch den Münchener Polizeipräsidenten Ernst Pöhner erteilten Namenszusatz Consul.
Marineoffizier Ehrhardt ist bereits in den frühen 20er-Jahren als antisemitischer, deutschnationaler und republikfeindlicher Freikorpsführer bekannt. Während des Kapp-Putsches vom März 1920 zählt der Befehlshaber und Namensgeber der Brigade zu den Hauptprotagonisten. Nach dem gescheiterten Kapp-Unternehmen in Berlin gilt er jedoch als Hochverräter und gerät damit in die staatliche Fahndung. Sein Freikorps wird, wie schon zuvor angeordnet, nach den Vorgaben des Versailler Vertrages schließlich aufgelöst.

(BArch: Plak 002-009-016 / Dr. Wildsche Buchdruckerei; Gebr. Parcus, München)
Korvettenkapitän Ehrhardt formiert daraufhin aus Teilen der ihm weiterhin treu gesinnten Anhängerschaft in München die geheime Organisation Consul (O.C.), die mit ihren rund 5000 Mitstreitern gelegentlich auch als Teil der Schwarzen Reichswehr bezeichnet wird.
In der IfZ-Dokumentation "Aus den Akten der Prozesse gegen die Erzberger-Mörder" heißt es zu dem Aufgabengebiet der Organisation:
"Die Reichswehr hatte allerlei Aufgaben für Ehrhardt und seine Leute, die selber auszuführen ihr nicht möglich war, weil sie im Widerspruch zur offiziellen Politik der Reichsregierung und den Abrüstungs- und Entmilitarisierungs-Bestimmungen des Versailler Vertrages standen. Zu diesen Aufgaben gehörten Waffenschiebungen sowie das Anlegen und Überwachen von geheimen Waffenlagern, ferner gezielte Aktionen im (-von den Franzosen-) besetzten Gebiet, Gefangenenbefreiungen, Attentate oder Spitzelbeseitigungen."
Doch was hat nun die Organisation Consul mit Dr. Gottfried Grandel zu tun? Er selbst betont während seiner Berliner Vernehmung:
"Ich selbst bin Mitglied keiner politischen Organisation und gehöre namentlich weder der Organisation 'Consul' noch dem (-Nachfolgekonstrukt-) Wikingbund an. Ich vertrete aber einen nationalen politischen Standpunkt und stehe mit zahlreichen Personen, die nationalen Verbänden angehören, in Berührung. Ich habe seit der Revolution (-vom November 1918-) fast alle führenden Männer der deutschnationalen Bewegung kennen gelernt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10 - 1924)
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Selten Mitglied, aber oft dabei: Dr. Gottfried Grandel - 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
Die auffälligste Ebene hinsichtlich der Beteiligung an den Aktivitäten der Organisation C. kommt 1924 bei Dr. Grandels gescheiterten Attentatsplan zur Ermordung des Chefs der deutschen Heeresleitung, General Hans von Seeckt, zum Vorschein. Durch zuvor beteiligte Spitzel und des daraufhin in Berlin am 15. Januar 1924 gescheiterten Attentatsplanes teilen sich Gottfried Grandel und Alexander Thormann in der ersten Jahreshälfte 1924 die Berliner Untersuchungshaft und Anklagebank des Landgerichts. Dr. Grandels erstes Geständnis, Zeugenaussagen und Indizien sprechen dafür, dass die beiden Angeklagten im Auftrag einer größeren Organisation gehandelt haben.
Alexander Thormann war bis zum geplanten Attentat Mitglied des Bund Wicking, der Nachfolgeorganisation der mittlerweile verbotenen Organisation Consul. Zu der Attentatsvorbereitung auf den obersten Chef der deutschen Heeresleitung heißt es im Berliner Tageblatt:
"Nach der Art und Weise, wie der Anschlag auf Herrn v. Seeckt ausgeführt werden sollte, läßt sich mit einiger Sicherheit darauf schließen, daß man mindestens die Methode der Beiseiteschaffung von der Organisation Consul übernommen hat. Die Einzelheiten der Tat waren analog der Ermordung der Reichsminister Rathenau und Erzberger festgelegt." (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584, Bl.1 - Berliner Tageblatt, Nr.27, "Der Attentatsplan gegen General v. Seeckt" v. 16.1.1924)
Gottfried Grandel hingegen betont vor dem Berliner Landgericht:
"Ich habe weder gewünscht oder gesagt, daß Seeckt beseitigt werden müßte, dazu wäre ich seelich nicht stark genug. Unser politisches Leben verfliegt jetzt schnell. Man braucht einen Menschen nicht umzubringen, der einem nicht zusagt, Man braucht nur einige Monate zu warten." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Rhein- und Ruhrzeitung, Nr.229, S.1 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 29.5.1924)

Im Focus der Mord-Organisation: General Hans von Seeckt - 1926 (BArch: Bild 136-B0240 / Tellgmann, Oscar)
Auffällig in diesem Zusammenhang ist auch: Zu dem Angeklagten Dr. Grandel existiert ein Schreiben des Berliner Reichskommissars zur Überwachung der öffentlichen Ordnung (Nr.641/24.I. v. 30.1.1924) an den Berliner Untersuchungsrichter Dr. Nothmann. In diesem Papier wird auf eine mögliche Querverbindung hingewiesen, die sich im Zusammenhang mit Dr. Grandels aufgedeckter Mordplanung inhaltlich einfügt. In dem Schreiben heißt es:
"Dr. Grandel soll sich nach Zeitungsmeldungen in Berlin zeitweise 'Günther' genannt haben." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Reichskommissar f. öffentl. Ordnung, Akt.-Nr.641/24.I., an Untersuchungsrichter Dr. Max Nothmann v. 30.1.1924)
Einem Studenten Günther wird bereits im Vorwege die Beteiligung am Rahtenau-Mord zur Last gelegt, in dessen Zusammenhang er u.a. Kurierdienste zwischen München und Berlin vorgenommen habe. Der Bericht im sozialdemokratischen Zentralorgan Vorwärts, welcher nach Dr. Grandels Berliner Geständnis vom Januar 1924 veröffentlicht wird, betont zu dem Namen Günther:
"In Berlin ist Dr. Grandel übrigens unter dem Namen 'Günther' aufgetreten, ein Pseudonym, das er auch in den Besprechungen mit den beiden Herren beibehalten hat, die das Vorhaben Grandels und Thormanns zur Anzeige gebracht haben (-vor diesen nannte er sich, laut Ermittlungsakte, Dr. Brandler-)." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.35, S.3 - "Der Helfer Thormanns" v. 22.1.1924)
Der dem Schreiben beigefügten Informanten-Abschrift ist ferner zu entnehmen:
"Im Hause Bülowstrasse 20 (-Abwicklungsstelle der Org. Buchrucker/Berlin-) erscheint auch ab und zu ein gewisser Günther von der Org. C. Als ich zuletzt dort war - es war vor etwa 8 Tagen - ist davon gesprochen (-worden-), dass der General von Seeckt 'abgeschossen' werden sollte. Ursprünglich war geplant, ihn am Tage des Küstriner Putsches (-1.10.1923-) 'abzuschiessen', dessen Verlauf man sich anders gedacht hatte."
Der Putschist Major a.D. Buchrucker wurde am 27. Oktober 1923 zu 10 Jahren Festungshaft verurteilt. Das Informanten-Schreiben ist nicht terminiert, deckt aber von der Schilderung den Zeitraum Oktober/November 1923 ab.
Eine mögliche Schnittmenge der Aktivitäten des "Günther von der Org. C." zu Gottfried Grandel ergibt sich auch aus dessen eigenem Geständnis gegenüber dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann vom 21. Januar 1924, in dem es heißt:
"Der Plan der Beseitigung des Generals von Seeckt wurde mir von J.(-ustiz-) R.(-at Heinrich-) Class im Oktober (-1923, nach dem gescheiterten Küstriner Putsch-) in seiner Wohnung in Berlin, Rauchstraße 27, dargelegt. Class sagte mir damals, daß (-General Hans-) von Seeckt beseitigt werden müßte, weil er als ein hauptsächlicher Schädling die Gesundung Deutschlands verhindere. Er erwähnte, daß von Seeckt die Schuld an der Vernachlässigung unserer Wehrmacht, an der Vernachlässigung unserer geheimen Kriegsmittel trage; daß er die Abwehr der Franzosen beim Ruhreinfall (-ab dem 9.1.1923-) hintertrieben habe, daß er ein Börsenspekulant und Schlemmer sei, und daß er ihm, Class, persönlich erklärt habe, 'er werde auf Rechts schießen lassen, bis zur letzten Patrone'.(...) Class beauftragte mich mit den Vorbereitungen für die Ausführung des Attentats auf v. Seeckt und stellte in Aussicht, daß er die nötigen Geldmittel beschaffen werde. Er zahlte mir auch im November 1923 mehrfach in seiner Wohnung Geldsummen im Gesamtbetrage von 16.000 Goldmark bar aus. Diesen ganzen Betrag gab ich am Sonnabend, den 12. Januar 1924, dem angeschuldigten Thormann, den ich für die Ausführung des Attentats in Aussicht nahm. In der Zeit vom Oktober 1923 bis jetzt hatte ich keine geeignete Person finden können. Ich hatte dies Class berichtet, der mich drängte, endlich zur Ausführung zu schreiten." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.300 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.10 - 1924)
Ein weiterer Mann namens Günther von der Organisation C. spielt zuvor auch bei dem Attentatsversuch vom 4. Juni 1922 auf Philipp Scheidemann eine Rolle. Hierzu wird bei dem Journalisten Emil Julius Gumbel ausgeführt:
"Sie (-die zwei Attentäter der Organisation C.-) empfingen mehrfach Besuch von einem gewissen Alfred Günther aus Elberfeld, einem Angehörigen der Organisation C.(-onsul-)" (Gumbel: "Verschwörer - Zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde 1918-1924", S.76 - 1979)
Möglicherweise kam der für Dr. Grandel entscheidende Kontakt zu Alexander Thormann über die Beerdigung von Dietrich Eckart am 30. Dezember 1923 in Berchtesgaden zustande.
Auch das von Wanderredner Heinrich Dolle für das Jahr 1922 benannte direkte Umfeld Gottfried Grandels tritt im Vorlauf der Attentatsplanung von 1924 prozessual in Erscheinung: Die Mitglieder des Germanen-Ordens Lorenz Mesch und Dr. Arnold Ruge.
Bei dem Blausäure-Attentat auf Philipp Scheidemann und den vergifteten Pralinen an den wegen Anstiftung und Mittäterschaft im Rathenau-Prozess angeklagten Studenten Günther waren hingegen Kenntnisse gefordert, die auf einen Chemiker hindeuten. Dieser konnte von der Kriminalpolizei jedoch nie ermittelt werden. Bei Gumbel heißt es hierzu:
"Am 3. Oktober 1922 begann die Verhandlung vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig. Günther bekam eine Sendung von Pralinen, die mit Arsen vergiftet waren.(...) Die Absender konnten nicht festgestellt werden." (Gumbel: "Vier Jahre politischer Mord", S.72 - 1922)
Letztendlich taucht dann im Zeitraum zwischen 1924-26 ein O.C.-Aussteiger auf, der mit detailliertem Wissen den Behörden die Ermittlungen erleichtert. Kurz zuvor wird Gottfried Grandel vom Berliner Landgericht, zur Verwunderung vieler Prozessbeobachter, juristisch freigesprochen.
Insgesamt bietet sich bei diesem Thema viel Raum für Spekulation, doch so ganz abwegig scheinen die Vermutungen nicht zu sein. Folgende Ausführungen besitzen den Anspruch, diese Indizien zu verdichten.
Die Aussteiger-Aussage über die Attentate der Organisation Consul
Zum besseren Verständnis der Arbeitsweise der geheimen Organisation Consul bieten sich in der Literatur verschiedene Fallbeispiele zu den polizeilich ermittelten Terroraktionen an. So wird im Gebhardts Buch "Der Fall des Erzberger-Mörders Heinrich Tillessen" detailliert auf die internen Abläufe der Organisation eingegangen. Dort heißt es auf Seite 53:
"Noch deutlicher war ein Aktenvermerk des Oberreichsanwalts beim Staatsgerichtshof in Leipzig aus dem Jahre 1926 (-19. November-). Danach betrieb Ehrhardt seit Gründung der O.C. im Frühjahr 1921 in Zusammenarbeit mit Ludendorff systematisch den Sturz der republikanischen Regierung.(...) Der Vermerk bezieht sich auf eine Aussage eines Aussteigers aus dem nationalistischen Aktivistenkreis, der detaillierte Angaben über Personen, Taten und Tathintergründe machte. Danach soll Ludendorff der militärische und Ehrhardt (-teilweise von Ungarn aus-) der organisatorisch-politische Leiter der Organisation gewesen sein.(...) Geplant war, die öffentliche Ordnung durch spektakuläre Gewalttaten nachhaltig zu erschüttern und Unruhen herauszufordern, um dadurch die Gelegenheit zum Einsatz der nationalen Verbände zu schaffen.(...) Ludendorffs und Ehrhardts Plan soll die Ermordung Gareis' (-gest. durch wiederholtes Attentat am 9.6.1921, Mitgl. d. USPD-), Erzbergers (-gest. am 26.8.1921, Reichstagsabg. d. Zentrumspartei-), Scheidemanns (-überlebt Blausäure-Attentat am 5.6.1922, ehem. Reichskanzler, Mitgl. d. SPD-), Rathenaus (-gest. am 24.6.1922, Reichsaußenminister-) und weiterer Personen des öffentlichen Lebens durch besonders zuverlässige Täter gewesen sein." (Gebhardts: "Der Fall des Erzberger-Mörders Heinrich Tillessen", S.53 - 1995)
Der rechtsradikale Aussteiger wird im Aktenvermerk des Oberreichsanwalts vom 29. November 1926 (Staatsarchiv Freiburg, F 179/4 Nr. 32) mit dem Namen "Carl/Karl Schmidt" angegeben. Geboren am 14. Juli 1901 in Bad Langenschwalbach, soll der Kunstgewerbler zum Zeitpunkt der Aussage in der Berliner Sophie-Charlottenstraße 83 gewohnt haben. Nach seinen Angaben gehörte er der O.C. seit dem November 1920 an.
Im Berliner Adressbuch des Jahres 1926 sind hunderte Personen mit dem Namen Carl/Karl Schmidt eingetragen, jedoch keiner unter der aufgeführten Adresse. Lediglich eine Möbelspedition wird dort als ansässig vermerkt. Es verwundert auch, dass der Aktenvermerk keiner Geheimhaltung unterliegt, obwohl in ihm der angebliche Klarname des Aussteigers notiert wird. Auf den Versuch, ihn daraufhin in Offenburg als Zeugen zu vernehmen, kommt von der Post der einfache Hinweis:
"Nach unbekannt verzogen."
Auch wenn die Identität des Aussteigers nicht ohne Zweifel bleibt, liefert dieser in seinen kenntnisreichen Ausführungen zur Organisation Consul doch wertvolle Hinweise zum Verständnis der internen Führungsabläufe:
"Da aber die bisher verübten Gewalttaten nicht in dem erwarteten Maße wirksam geworden seien, habe nichts von Belang geschehen können. Vielmehr haben Ludendorff und Erhardt die Notwendigkeit erkannt, durch weitere Gewalttaten eine noch heftigere Störung der öffentlichen Ordnung herbeizuführen, damit sie dann zur Entwicklung ihres hochverräterischen Planes schreiten können. Zu diesem Zwecke sei neben der Begehung von Sprengstoffanschlägen insbesondere die Ermordung des Abgeordneten Scheidemann, des Ministers Rathenau, des Bankiers Warburg und des Redakteurs Wolff beschlossen worden. Eine Besprechung über diese Anschläge habe im Frühjahr 1922 in Bad Nauheim stattgefunden. (-Friedrich Wilhelm-) Heinz, Karl Tillessen, (-Hartmut-) Plaas und (-Ernst-) von Salomon haben neben anderen (-Kurt Blome? Leonardo Conti? Otto Gohdes? Erwin Kern? Georg Wurster? Heinrich Schulz? Philipp Wurzbacher?-) an der Besprechung teilgenommen. Die Leitung des gegen das Leben des Ministers Rathenau gerichteten Unternehmens sei dem Tillessen übertragen worden. Die endgültige Festlegung habe am 13. Mai 1922 in München in einer Verhandlung stattgefunden, die Ehrhardt geleitet habe und an der Heinz, Tillessen, Plaas und von Salomon mitgewirkt haben, außerdem noch (-Alfred-) Hoffmann, -(Ernst-) Viebig und (-Eberhard-) Kautter. Was hier beschlossen worden sei, sei zur Ausführung zunächst dadurch gelangt, daß am 5. Juni (-1922-) der Anschlag auf das Leben des Abgeordneten Scheidemann geschehen sei und daß am 14. Juni die Hamburger Sprengstoffverbrechen ihren Beginn genommen haben. Die Ermordung des Ministers Rathenau habe sich am 24. Juni (-1922-) angeschlossen. Die frühzeitige Verhaftung des Tillessen und andere Umstände haben die Ausführung der weiteren Pläne vereitelt. Das ganze Unternehmen sei daraufhin aufgegeben worden."
Nach "Karl Schmidts" Aussagen sei im Führungszirkel der O.C. im Verlauf der darauf einsetzenden Gerichtsverhandlung zum Mordfall Rathenau ...
"... die Befürchtung erwachsen, der Angeklagte Willy Günther werde verraten, daß Ludendorff das Haupt des ganzen Unternehmens sei und daß alle geschehenen Gewalttaten im Grunde auf ihn haben zurückgeführt werden müssen. Die Tötung des Günther sei deshalb angeordnet worden. Heinz habe durch einen Chemiker Arsenik in Pralinen einfügen lassen und die vergifteten Pralinen dem Günther übermittelt. Der Chemiker habe einen Mißgriff insofern begangen, als er zuviel Gift zugesetzt habe, so daß alsbald beim Genuß Übelkeit und Erbrechen eingetreten seien".
Der O.C.-Mord an Matthias Erzberger - Hausdurchsuchung bei Lorenz Mesch
Vor dem Mord an dem Zentrumspolitiker Mathias Erzberger wird von völkisch-nationalistischer Seite scharf gehetzt. Der Völkische Beobachter berichtet am 17. Januar 1920, dass er ein ...
"... Verräter am eigenen Volk vor dem Feind, Erreger des Bürgerkrieges, Verderber unserer Wirtschaft ..."
... sei und er für die ...
"... Auslieferung unseres Volkes an den Feind,(...) die Erzwingung des Waffenstillstandes und des Versailler Schandvertrages ..."
... Verantwortung trage.
Er sei zudem ein "Zentrumsjude" (VB v. 18.8.21), ein "Zentrumshebräer" (VB v. 21.8.21), der ein ...
"Bündnis mit dem Judentum auf Kosten des Deutschen Volkes ..."
... geschlossen habe (VB v. 11.8.21).
Der Völkische Beobachter drohte schließlich am 11. August 1921, dass sich ...
"... Erzberger darauf verlassen (-könne-), daß er mit seinen schwarzen Bundesbrüdern samt der Judenbagage das Nötige besorgt bekommt."
Nur zwei Wochen später, am 26. August 1921, wird der Politiker Matthias Erzberger auf einem Spaziergang in der Nähe von Bad Griesheim ermordet.

In dem späteren Untersuchungsbericht heißt es:
"Erzbergers Obduktion ergab acht Einschüsse. Den Tod hatten zwei Kopfschüsse verursacht."
Der katholische Zentrumspolitiker hatte zuvor seine Rückkehr in die Politik angekündigt und dabei den Ausgleich mit den Siegermächten befürwortet.
Zum gewaltsamen Tod Mathias Erzbergers schreibt der Völkische Beobachter am 1. September 1921:
"Der eine geht früher, der andere später, der Jude zuletzt. Blitzschnell wirbelte das rächende Schicksal die Schulmeisterseele Matthias Erzberger zurück in die Tiefe. An seiner skrupellosen Eitelkeit ging er zugrunde, an nichts anderem; die ihn richteten, waren nur die Gelegenheitsursache."
Nach Angaben von Wikipedia war Manfred v. Killinger als führendes Mitglied der Organisation Consul für den Auftragsmord an dem ehemaligen Reichsfinanzminister und Zentrums-Politiker verantwortlich, den er "als Befehl des Germanen-Ordens erteilt" hatte.
Im Buch "Der Fall des Erzberger-Mörders Heinrich Tillessen" wird diesbezüglich auf Seite 53 ausgeführt:
"In diesem Zusammenhang ist auch auf den schriftlichen Mordbefehl einzugehen, den Tillessen und Schulz in v. Killingers Büro erhielten. Beide Täter hatten durch diese, unabhängig voneinander gemachte Aussage den Germanenorden ins Spiel gebracht, der damit als eigentlicher Auftraggeber des Erzberger-Mordes erschien."

Fahndungsplakat nach den Erzberger-Mördern - 12. September 1921 (BArch: Plak 002-009-021 / Dr. Wildsche Buchdruckerei Gebr. Parcus, München)

Sozialdemokratisches Zentralorgan Vorwärts: Fahndung nach den Tatverdächtigen (Digitalisietrt auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.437, S.7 - "Die Mörder Erzbergers" v. 16.9.1921)
Das Attentat auf den ehemaligen Reichsfinanzminister hat politische Folgen:
"Der Mord an Erzberger bewog zwar die Reichsregierung zu einer aufgrund von Artikel 48 der Reichsverfassung erlassenen Ausnahmeverordnung gegen politische Verhetzung in Wort und Schrift und die Arbeiterschaft zu Protestdemonstrationen, doch machte man auf seiten der Rechten aus seiner Befriedigung über den Tod des 'Totengräbers Deutschlands' oft keinen Hehl; schon zu seinen Lebzeiten war gegen diesen Mann eine maßlose Hetze veranstaltet worden, und Pressestimmen nach dem Attentat legen zum Teil Zeugnis von einer unfaßlichen Verrohung des politischen Lebens ab." (S.90)
Der Berliner Reichstagsabgeordneten Reinhard Wulle, Mitglied des Germanen-Ordens, läßt über den politischen Auftragsmord verlauten:
"Das große Kotzen kommt einem an ob der Verhandlung des Falles in einem Teil der Rechtspresse bis in die deutschnationale Presse hinein. Sie wackeln von Traurigkeit und Demut ordentlich mit den Ohren wie ein alter Karrengaul, der sie nicht mehr steif halten kann. Und die Täter werden bereitwillig verurteilt, auf Vorschuß, d.h. noch ehe man ihre Person und ihre Beweggründe kennt. Man verpflichtet sich ferierlich, sie unter allen Umständen verabscheungswürdig zu finden, gleichviel, ob sie sich als Vollstrecker des nationalen Gewissens gefühlt haben."

Reichsführer der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung: Reinhold Wulle - 1925 (Postkarte im Privatbesitz / o.Ang.)
Dr. Grandels Beziehung zu Reinhold Wulle beleuchtet Julius Friedrich Lehmann, der ihn als "fanatischen Parteigänger Wulles" bezeichnet. Weiter schreibt er über Dr. Grandel:
"Hätten Sie (-Alldeutscher Verbandsvorsitzender Heinrich Class-) sich bei mir nach dem Herrn (-Dr. Grandel-) erkundigt, so hätte ich Sie auf das eindringlichste gewarnt. Jetzt kann ich es nur nachträglich tun, doch ist Ihnen vielleicht der Hinweis, dass der Herr Doktor die längste Zeit in Augsburg stets gegen Sie gehetzt habe und dass er ein Gesinnungsgenosse und Mitarbeiter von Wulle ist, immerhin wertvoll zu wissen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.35/36 - Julius F. Lehmann an Heinrich Class - 1.2.1924)
So heißt es auch zu Dr. Grandels frühen Helfern "Mesch und Ruge" in einem Schreiben des Württembergischen Landespolizeiamts vom 22. November 1921 (LA Duisburg, BR 00007, Nr. 15638):
"Anlässlich der Untersuchung in der 'Mordsache Erzberger' wurden von einem Architekten Lorenz Mesch und einem Ludwig Seidl in Regensburg Schriftstücke und Drucksachen beschlagnahmt, die sich auf den Germanen-Orden beziehen.(...) Die im Besitz des Landespolizeiamts befindlichen Akten geben keine genaue Auskunft über die Organisation des Ordens, insbesondere ist nicht ersichtlich, wo die Leitung des Ordens ihren Sitz hat. Es wird einmal bemerkt, daß es nicht zweckmäßig sei, die Leitung vom Nordwesten nach dem Süden zu verlegen; ein andermal heißt es: 'Wir 4 müssen nach und nach völlig unsichtbar sein, aber um so fester zusammenhalten! Wenn wir's nicht so machen, wird unsere ganze Leitung bekannt.'
Wahrscheinlich werden der Sitz der Leitung, bzw. die leitenden Persönlichkeiten, die wohl an verschiedenen Orten wohnen, absichtlich geheim gehalten. Vermutlich gehört Mesch zu den Leitern."

Regensburger Regionalleiter des Germanen-Ordens und des Schutz- und Trutzbundes: Lorenz Mesch - 1920 (Stadtarchiv Regensburg: Familienbögen - Portrait Karl Lorenz Mesch)
In der Gerichtsaussage zu dem Erzberger-Attentat heißt es zu Lorenz Mesch:
"Es wird sodann der Architekt (-Lorenz-) Mesch aus Regensburg vernommen, der Vorsitzender des Schutz- und Trutzbundes war und auch heute noch ist. Dieser Bund habe den Zweck, das deutsche Wesen zu fördern und die zersetzenden jüdischen Einflüsse zu bekämpfen. Die Bekämpfung richte sich nur gegen das Judentum, nicht gegen andere. Er habe auch noch anderen Vereinigungen (-Germanen-Orden Walvater-) zur Bekämpfung des Judentums angehört, politischen Verbindungen aber nicht. Von der Organisation C. habe er nichts gewußt. Aber er habe verschiedene Herren gekannt, die gleicher Gesinnung waren wie er. Schulz und Tillessen waren in der Ortsgruppe in Regensburg aktiv tätig gewesen.(...) Auf Befragen des Vorsitzenden, ob auch von den Freimaurern die Rede gewesen wäre, sagte er, sie könne man nicht bekämpfen, weil sie Geheimbund wären. Aber sie wären die gleichen wie die Juden.Auf eine besondere Frage erklärt der Zeuge, daß auf Jesuiten und (-katholisches-) Zentrum nicht geschimpft worden sei. Er sei wohl Protestant, er habe in Regensburg die engste Fühlung mit deutschnational gesinnten Kreisen. Es wird dann festgestellt, daß man (-während einer Hausdurchsuchung-) bei ihm deutschvölkische Flugschriften gefunden habe. Er gibt das lachend zu. Der Zeuge hat nach der Revolution auch einen 'Bund der schaffenden Stände' gegründet, der dann später mit dem Schutz- und Trutzbunde vereinigt wurde. Der Zeuge hat, wie weiterhin festgestellt wird, einmal die Aeußerung gemacht: 'Erzberger und alle Novembermänner seien gemeine Vaterlandsverräter.' Er bestreitet nicht, daß er das gesagt hat, will sich aber nicht mehr erinnern, daß er sich geäußert habe, er hätte der Organisation C. in München viele Mitglieder zugeführt. Es wird weiter noch festgestellt, daß er mit Dr. Ruge in Breslau, dem Leiter großer Geheimorganisationen, Verbindung gehabt habe." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Godesberger Volkszeitung, zweites Blatt, Nr.136, S.1 - "München und Offenburg" - v. 14.6.1922 + Dorstener Volkszeitung, Nr.137, S.2 - "Killinger freigesprochen" v. 16.6.1922)
Das Blausäure-Attentat auf Philipp Scheidemann
https://www.deutschlandfunkkultur.de/philipp-scheidemann-anschlag-blausaeure-100.html
Zum Ende des 1. Weltkrieges wird der Name Philipp Scheidemann von national-völkischer Seite durch sein politisches Engagement im Zusammenhang mit der Novemberrevolution und dem Versailler Vertrag in besonders negative Verbindung gebracht. Als "Totengräber Deutschlands" gehört er schon früh zu den sogenannten "Novemberverbrechern", auf die sich die rachsüchtige Wut der geschmähten Nationalisten fokussiert.
"Als führender Sozialdemokrat, Mitglied des Rats der Volksbeauftragten und Chef des ersten Reichskabinetts der Weimarer Republik hatte Scheidemann entscheidenden Anteil am politischen Leben und stand wie Erzberger im Mittelpunkt einer maßlos verleumderischen Hetze." (Gebhardt: "Der Fall des Erzberger-Mörders Heinrich Tillessen", S.51 - 1995)

Die Volksbeauftragten der Deutschen Nationalversammlung im Schloss zu Weimar: Philipp Scheidemann, Otto Landsberg, Friedrich Ebert, Gustav Noske (stehend), Rudolf Wissell - Februar 1919 (BArch: Bild 183-R16807 / o.Ang.)
Gegen Phillip Scheidemann und dessen "semitischen Freunde der rötesten Färbung" wird besonders im Völkischen Beobachter (u.a. Ausgabe v. 11. Mai 1920) polemisiert und gehetzt. Auch der von Gottfried Grandel finanziell unterstützte Dichter und Herausgeber der antisemitischen Wochenschrift Auf gut deutsch, Dietrich Eckart, tritt hier hervor:
"Scheidemanns Staatsgerichtshof.
Sei nur getrost, es kommt schon das Gericht, vor dem es klar wird, wem wir es verdanken, daß Millionen Deutsche - starben? Schwätze nicht! - daß nutzlos sie als Todesopfer sanken!
Das kommt, verlaß Dich drauf; doch wenn es naht, kein Tribunal, bestechlich wie auf Erden, dann bist es Du und ist es Dein Verrat, den all die Millionen richten werden!
Berufe Dich dann nicht, Du Judenknecht, auf die Versucher, mit erlog'ner Reuhe! An Dir gemessen, waren sie im Recht, denn Fremde waren sie im Land der Treue!" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Ostdeutsche Rundschau, Nr.221, S.5 - "Scheidemanns Staatsgerichtshof" v. 9.4.1919)
Die Ausführung des Attentates
Am Pfingstmontag wird auf den Kasseler Oberbürgermeister Scheidemann ein Attentat verübt.
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(Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts Nr.262/263, S.1 v. 6.6.1922)
In dem Artikel des Vorwärts heißt es:
"Die amtliche Untersuchung der gegen Oberbürgermeister Scheidemann gespritzten Flüssigkeit hat ergeben, daß die aus einer aufgelösten gasförmigen Blausäre bestand, deren Wirkung tödlich ist, wenn auch nur eine Spur vavon eingeatmet wird. Es muss sich bei dem Täter offenbar um einen Mann handeln, der gute chemische und pharmakologische Kenntnisse hat." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.262/263, S.1 - "Blausäureattentat auf Scheidemann" v. 6.6.1922)
Bei dem Kasseler Anschlag vom 4. Juni 1922 auf Oberbürgermeister Scheidemann erregen die mittellosen Attentäter bereits im Vorlauf durch den Besitz nicht unerheblicher Geldmittel eine gewisse Aufmerksamkeit. Als Hintergrund ihrer Tätigkeit behaupten sie, als "Reisende für eine Papierfabrik" unterwegs zu sein. (Gumbel: "Verschwörer", S.76)
Auffällig ist hier, dass bereits Dietrich Eckart und Adolf Hitler zwei Jahre zuvor auf dem von Gottfried Grandel organisierten Flug zum Kapp-Putsch nach Berlin eine gleiche Tarn-Legende bei der Zwischenlandung auf dem Flugplatz Jüterbog verwendeten.
Heinz Hustert (22) aus Elberfeld und Karl Oehlschläger (29) aus Althammer ...
"... waren bereits in das Geheimbündelei-Verfahren in Sachen Erzberger verwickelt", schreibt später Die Weltbühne zu den ausgesuchten Tätern.
Gumbel vermerkt in seinem Buch über die für Philipp Scheidemann ausgesuchten Attentäter Hustert und Oelschläger weiter:
"Beide waren Mitglieder der O.C. und des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes. Ein Mitglied der O.C. besuchte sie mehrfach. Am 3. Juni kam dann ein unbekannt gebliebener Mann" mit der Aussage, dem ausgewählten Attentäter "Geld geliehen" zu haben. "Wahrscheinlich hat dieser Besuch ihnen die für das Attentat ausgemachte Belohnung übergeben", wechselte hier auch die Tatwaffe einen Tag vor der Ausführung ihren Besitzer.
Im Attentatsfall Scheidemann wird versucht, dem Opfer während eines Spazierganges am 4. Juni 1922 die chemische Substanz "Blausäure in das Gesicht zu spritzen". Doch so einfach ist das mit der Blausäure nicht. Die von Apothekern hergestellte Substanz zersetzt sich recht schnell, auch in luftdichten Gefäßen. So kann es geschehen, ...
"... daß dieses Gift, wenn es nicht frisch bereitet ist, nicht selten in der Hand von Selbstmördern unwirksam bleibt. Durch Zusatz einer höchst geringen Menge von Mineralsäuren, z.B. eines Tropfens von Schwefelsäure, wird die Blausäure haltbarer."
, heißt es in "Das Choleralgift", Seite 117.
Attentatsopfer Phillip Scheidemann überlebt den Anschlag nur knapp. In seinen Memoiren beschreibt er den Angriff aus seiner Sicht, die eingeklammerten Bemerkungen entstammen dem Buch "Fünfzig Jahre Dienst am Recht" ab Seite 172:
"Meine Tochter Luise (-35-) und ihre achtjährige Nichte Hanna, mein Enkelkind, gingen Hand in Hand auf stillem Pfad im herrlichen Hochwald (-in der Nähe der Wilhelmshöhe-) etwa 20 (-10-) Meter hinter mir her. Da sahen sie, wie hinter einem starken Baum ein Mann hervorsprang, (-von einem rasch dahinschreitenden Manne überholt wurden, der in der linken Hand einen Bergstock trug und die rechte in der Tasche verborgen hatte-) der auf mich zulief und die Rechte Faust erhob - in dem Augenblick, in dem meine immer vorsichtig beobachtende Tochter schrie: 'Vater schieß!' stand der Kerl, den ich auf dem weichen Waldboden nicht hatte hören können, auch schon vor mir und spritzte aus einer faustdicken Ohrenspritze (-roter Gummispritzball-) die Blausäure mir (-mit einer Druckbewegung gegen die linke Backe-) ins Gesicht. Sie wirkte sofort, jedoch nicht tödlich, weil sie nicht Schleimhäute traf, weder die Augen noch die vom Schnurrbart geschützten Lippen (-und ich den rechten Arm zur Deckung in etwa Mundhöhe hielt-). Freilich verkrampften sich a tempo Arme, Beine und Hände. (-In diesem Augenblick traf ein zweiter Strahl aus dem vom Täter gedrückten Gummiball an der Nase-) Auf den Ruf meiner Tochter hin hatte ich jedoch sofort den in der rechten Hosentasche steckenden, ungesicherten Browning gefaßt, so daß ich (-'Schuft elender' rief und-) im Hinsinken noch zwei Schüsse abgeben konnte (-zielen konnte er nicht, da ihn alsbald ein Gefühl von Bewußtlosigkeit überfiel. Der Täter warf den Gummiball weg und floh. Nur dem Umstande, daß die Blausäure den Verletzten im Freien getroffen hat und daß damals ein starker Luftzug wehte, ist es zu verdanken, daß keine tödliche Wirkung eintrat-)."

SPD-Reichstagsabgeordneter Phillip Scheidemann - 1925 (BArch: Bild 102-01915A / Pahl, Georg)
Da O.C.-Führer v. Killinger kurz vor seiner Gerichtsverhandlung steht (7.-19.6.22), ist hier ein zeitlicher Zusammenhang nicht ausgeschlossen. Vielleicht sollte damit dem Gericht signalisiert werden, dass auch ohne v. Killinger politische Attentate ausgeführt werden konnten und er damit im gewissen Sinne von seiner führenden Rolle entlastet wäre.
3. Juli 1922 - Das Harden-Attentat
In die Reihe der Attentate, die von der Organisation und Durchführung in das Schema der Organisation Consul in Verbindung mit dem Germanen-Orden passen, gehört auch der Mordanchlag auf Maximilian Harden. Auch hier wird dem späteren Attentäter Geld und Anstellung nach dessen Tatausführung zugesichert; für ihn aber auch seine Familie, würde gesorgt werden. Im Rahmen der prozessualen Aufarbeitung führt Oberstaatsanwalt Schweitzer aus:
"Die Tat ist in einer politisch erregten Zeit ausgeführt worden. Nach dem Erzberger-Mord, nach dem Attentat auf Scheidemann, erfolgte die Ermordung Rathenaus und zehn Tage später dieser Ueberfal (-auf Maximilian Harden-). Die Tatsache, daß die Briefe unter Deckadressen abgingen (-und nach Kenntnisname zerissen werden sollten-), daß eine eidliche Verpflichtung stattfand, daß große Summen aufgewendet wurden, lassen zur Ueberzeugung kommen, daß es sich um die Tötung(-sabsicht-) handelt." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.261S.5 - "Sechs Jahre Zuchthaus für Ankermann" v. 3.6.1924)
In E. J. Gumbels Buch "Verräter verfallen der Feme" werden darüber hinaus Attentatsverläufe der Jahre 1921-23 geschildert, die einen organisatorischen Hintergrund vermuten lassen.
Zu dem von Heinrich Dolle erwähnten Heidelberger Dr. Arnold Ruge vermerkt das württembergische Landespolizeiamt:
"In einem Schreiben v. 22.3.21 wird der Plan der Herausgabe eines 'Blättchens mit allgemeinen Nachrichten u. Weisungen für unsere (=)'((=) bedeutet wahrscheinlich Mitglieder) erörtert. Die Schriftleitung des Blättchens soll Dr. Ruge übernehmen. Ruge war Privatdozent in Heidelberg und gehört zu den Führern des Antisemitismus. Er wird öfter erwähnt und spielt eine ziemliche Rolle in dem Orden."
Mitglied des Germanen-Ordens: Privatdozent Dr. Arnold Ruge
Der Heidelberger Privatdozent Dr. Arnold Ruge ist laut angeführter Liste 1921 Mitglied (3396) des Stuttgarter Germanen-Ordens Tuisko (germ. für Gottheit, Stammvater der Germanen).

Dr. Arnold Ruge vor der Heidelberger Universität - 1936 (Universitätsarchiv Heidelberg, PA 5551 / o.Ang.)
In dem Bericht der württembergischen Landespolizei wird darüber hinaus eine Verknüpfung zwischen dem von Lorenz Mesch geführten Germanen-Orden in Regensburg und der Münchener Organisation Consul vorgenommen:
"Die vermeintlichen Mörder Erzbergers, Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen, waren Mitglieder des Ordens (siehe Anlage 2 unter Regensburg), ferner ein Kapitänleutnant von Killinger, der zur Zeit in Offenburg inhaftiert ist wegen Verdachts der Teilnahme an der Ermordung Erzbergers.
Schulz, Tillessen und Killinger waren zugleich Mitglieder einer anderen aktiveren Organisation, der Organisation der ehemaligen Erhardtoffiziere. Vermutlich haben sie sich in den Germanen-Orden aufnehmen lassen, um dort Anhänger für ihre Ideen zu finden."
Aus den beschlagnahmten Ordens-Unterlagen (Anlage 4) ist eine Aufzählung von Städten ersichtlich, sogenannte Treuschaften. Für die Treuschaft Augsburg wird der Zusatz "Radsey" verwendet. Folgt man dem Buch "Die Lieder der sogenannten älteren Edda" von Hugo Gering (S.43), so bedeutet "Radsey" die "Insel, auf der Pläne (-zu Kriegszügen-) geschmiedet werden".
Durch die Berliner Gerichtsverhandlung von 1924 wird mehr als bestätigt, dass Gottfried Grandel das Berliner Attentat zusammen mit Alexander Thormann an verantwortlicher Stelle zur Ausführung bringen wollte. Sein ermitteltes Vorgehen spricht für eine Routine, besonders sein Hinweis am Tag vor dem Attentat an den ausgewählten Täter Heinz Köpke signalisiert einen Erfahrungswert in dieser Hinsicht. Die Vorgehensweise folgt bei verschiedenen Attentaten einem sich stets wiederholenden Muster. Doch nicht nur die Gegner der völkisch-nationalen Ordnug geraten in das Visier der Feme, auch in den eigenen Reihen werden "Säuberungen" vorgenommen.
In dem sozialdemokratischen Organ Freiheit heißt es zu der Organisation Consul:
"In Schlesien sind tatsächlich mehrere Personen den Satzungen der Geheimorganisation C gemäß ermordet worden. Da (-Dr. Arnold-) Ruge Leiter dieser Geheimorganisation war, ist er zum mindesten der Mittäterschaft dringend verdächtig." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Freiheit, Nr.157, S.2 - "Ruge und die Organisation C." v. 2.4.1922)
Die Heidelberger Volkszeitung zitiert am 18. März 1922 die Freiheit mit folgenden Worten:
"Ruge war, wie noch bekannt ist, Leiter einer Nachrichtenzentrale des Freikorps Oberland, die auf Schloß Bielau in Schlesien ihren Sitz hatte. Diese Nachrichtenorganisation stand mit den Münchener Mordzentralen in engster Verbindung. Sie zog nicht nur aus ganz Deutschland Mannschaften und militärische Ausrüstungsgegenstände für die Freikorpsbanden nach Oberschlesien, sondern sie hatte auch einen ausgedehnten politischen Geheimdienst eingerichtet. Dr. Ruge, ein wüster antisemitischer Agitator, stand auch in dem dringenden Verdacht, eine Reihe von Mordplänen entworfen zu haben. Ebenso soll er hinter verschiedenen Mordtaten stehen, die in Oberschlesien auf Befehl der Geheimorganisation verübt worden sind."
Der folgende Feme-Fall Karl Baur von 1923 wird kurz vor dem Hitler-Putsch verhandelt - unter Beteiligung des Angeklagten Dr. Arnold Ruge und des Zeugen Dr. Gottfried Grandel.

"Organisator der 'Femen' in Oberschlesien und Oberbayern": Dr. Arnold Ruge (Digitalisietrt auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.260, S.2 - "Grandel, der Guerillakrieger" v. 4.6.1924)
Der letzte aktenkundige Feme-Mordfall:
Im Abstand von zehn Jahren berichtet Dr. Arnold Ruge rückblickend:
"Die Beseitigung des Studenten (-Karl-) Baur war eine Abwehrmassnahme gegen das von allen Seiten gut bezahlte Spitzeltum, das sich namentlich darauf legte, die in Bayern noch vorhandenen Waffen an die Franzosen zu verraten." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.67/Bl.3 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion, Ruge an Kultusminister Schemm v. 8.9.1933)

Mordopfer der Feme: Student Karl Baur - 1922 (Bay. Staatsarchiv München: StA München, S 2879 - Polizeidirektion Nr.8103, Microfilm, Blatt 155)
In der Attentats-Berichterstattung über den Berliner Thormann-Grandel-Prozess erwähnt die Weltbühne:
"Es ist vielleicht ganz interessant, darauf hinzuweisen, daß (-Gottfried-) Grandel bereits einmal in solch einer Mordsache vernommen wurde, und zwar in der Affäre des Studenten (-Karl-) Baur, der als unbequemer Informierter von einem gewissen Zwengauer in die ewigen Jagdgründe befördert wurde." (Die Weltbühne: Bd.20, Teil 1, S.331 - "Thormann, Grandel & Cie" v. 1924)
Auch die Zeitung Sozialdemokrat greift Gottfried Grandels Engagement in diesem Zusammenhang auf:
"In weiten Kreisen ist er (-Gottfried Grandel-) bekannt geworden durch seine Zeugenschaft in dem Prozeß wegen Ermordung des Studenten (-Karl-) Baur (-Fehmemord im Blücherbund-), wo er den berüchtigten Dr. (-Arnold-) Ruge zu entlasten versuchte, und sich dabei als Geldgeber dieses Dr. Ruge entpupte." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Sozialdemokrat, Nr.19, S.5 - "Ein nationalsozialistischer Fabrikant als Mordkomplize" v. 22.1.1924)
"Vor seiner Verurteilung im Sommer 1923 hat sich Dr. Ruge in München als einer der übelsten völkischen Hetzer betätigt. Er wurde in engen Zusammenhang gebracht mit verschiedenen Fememorden gewisser Organisationen (-Freikorps Oberland + Organisation Consul-). Eine Hauptrolle spielte er im Blücherbund 1923, also zu jener Zeit, wo der Student Baur in München ermordet wurde. Dr. Ruge genoß auch das besondere Vertrauen des Augsburger Fabrikanten Grandel, der den bedürftigen Privatgelehrten des öfteren finanzierte." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Volksblatt, Nr.174, S.3 - "Ruge auf freiem Fuß" v. 28.7.1924)
Eine weitere Betrachtung liefert die Schwäbische Volkszeitung:
"Die 'Münchener Post' schreibt unter der Überschrift: 'Immer noch nationalistische Tscheka?: Die Verhaftung des Fabrikanten Dr. Grandel aus Augsburg ist nach verschiedenen Richtungen interessant. Dr. Grandel ist schon einmal in einer nur recht wenig geklärten Mordangelegenheit, in dem Prozeß wegen der Beseitigung des Studenten (-Karl-) Baur, in dem als Hauptbeschuldigter der Forstgehilfe Zwengauer hängen blieb, aufgetaucht. Damals wurde erwiesen, daß er (-Dr. Grandel-) mit den Gebrüdern Berger und dem früheren Privatdozenten Dr. (-Arnold-) Ruge in engster Verbindung stand. Johann Berger und (-Dr. Arnold-) Ruge kamen in dem Mordprozeß, nachdem sie schon im Fuchs-Machhaus-Prozeß eine auffällige Rolle gespielt hatten, mit einem blauen Auge, nämlich mit mehrmonatigen Gefängnisstrafen davon. Die 'Münchener Post' wies schon damals auch auf diesen merkwürdigen 'Entlastungszeugen' (-Dr. Grandel-) hin. Vielleicht kann Dr. (-Wilhelm-) Frick, der ja in der 'Unordnungszelle' (-eigentl. 'Ordnungszelle Bayern'-) längere Zeit als Polizeidirektor mit Kriminalpolitik dienstlich zu tun hatte, und der mit Dr. Ruge Verbindung hielt, auch über diesen Augsburger Patrioten sich äußern. Nun wird es Zeit, dass die Polizei, die schon damals diesen Zusammenhängen hätte nachgehen sollen, endlich volle Klarheit schafft.'" (Staats- und Stadtarchiv Augsburg: Schwäbische Volkszeitung, Nr.21, S.5 - "Nationalistische Tscheka?" v. 25.1.1924)
Weiter führt die Schwäbische Volkszeitung aus:
"Dr. Grandel ist - wie wir gestern schon erwähnten - schon früher als politischer Fanatiker hervorgetreten. Weiteren politischen Kreisen ist er bekannt geworden durch seine Zeugenschaft in dem Prozeß wegen Ermordung des Studenten (-Karl-) Baur (... im Blücherbund), wo er den berüchtigten Dr. Ruge zu entlasten versuchte und sich dabei als materieller Protektor des angeblichen 'Geheimrates Berger' (-Tarname von Arnold Ruge-) entpuppte." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Schwäbische Volkszeitung v. Januar 1924)
Das spätere Mordopfer Karl Baur unterstützt im Juni 1922 die Mörder des Reichsaußenministers Walther Rathenau bei ihrer Flucht und war im Vorwege mit einem Sturmtrupp ...
"... geschlossen der rechtsradikalen 'Organisation Consul' des früheren Kapitän Ehrhardt ..."
... beigetreten. (Ulrike Hoffmann: "Verräter verfallen der Feme", S.67 - 2000)
Der Politiker Walther Rathenau ist zu diesem Zeitpunkt Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), jüdischer Abstammung und erst wenige Monate zuvor für das Ministeramt ernannt worden. Er gilt den rechts-nationalen Feinden der Republik als Vertreter einer Erfüllungspolitik gegenüber den Siegermächten des 1. Weltkrieges.
Aufgrund der ermittelten Fluchthilfe gegenüber den an der Ermordung Rathenaus beteiligten Kern und Fischer ...
"... wurde (-Karl-) Baur festgenommen und nach einem umfassenden Geständnis wieder freigelassen. Gegen ihn wurde ein Strafverfahren wegen Begünstigung eingeleitet, dessen Ausgang er allerdings nicht mehr erlebte.(...) Die Ursache lag vor allem darin, daß Baur bei seiner Vernehmung wegen seiner Fluchthilfe Angaben über geheime Umtriebe der 'Organisation Consul' gemacht hatte und auch nach seiner Freilassung der Polizei so manche Information zukommen ließ.(...) Der Leiter der politischen Polizei", so wird in dem Buch vermutet, informierte wohl "selbst die O.C. über Baurs Aussagen und Angaben". (Ulrike Hoffmann: "Verräter verfallen der Feme", S.67 - 2000)
Januar 1923
In München ...
"... entwickelte (-der Student Karl-) Baur nach einer Hitlerrede über die 'Novemberverbrecher' den Plan, den früheren SPD-Reichsminister und damaligen Oberbürgermeister von Kassel, Phillip Scheidemann, zu ermorden. Er bereitete den Anschlag ernsthaft vor und bemühte sich um Mithelfer und Geldgeber. Baur fand allerdings im rechtsextremen Lager nur wenig Resonanz für seine Pläne."
Am 27. März 1923 wird schließlich ...
"... der Körper eines jungen Mannes in der Isar in der Nähe von Freising gefunden. Die gerichtliche Leichenöffnung ergab, daß der Mann einen Schuß in den Kopf erhalten hatte, bewußtlos ins Wasser geworfen wurde und ertrunken war. Der Tote wurde als Karl Baur identifiziert."

"Die Leiche wies eine Schußverletzung auf": Fahndung nach den Mördern des Studenten Karl Baur - 9. April 1923 (Staatsarchiv München: Polizeidirektion Nr.8103, Microfilm, Bild 339 v. 9.4.1923)
Das Gerichtsverfahren zum Mord an Karl Baur - Zeuge Dr. Grandel
Das Volksgerichtsverfahren zu dem organisations-internen Mord an Karl Baur vom 18. Februar 1923 findet im August desselben Jahres in München statt.
Auch Dr. Grandels Heidelberger Freund, Privatdozent Dr. Arnold Ruge, sitzt mit auf der Anklagebank. Dr. Ruge ist Mitglied im Germanen-Orden Walvater und aufgrund der in Bayern protegierten nationalen Bewegung nach München gekommen. Darüber hinaus fungiert er in München seit Anfang 1923 als Chefideologe und Werbungsbeauftragter für den Blücherbund, der im Februar 1923 aus dem Freikorps Treu-Oberland hervorgeht.
Der stark antisemitisch geprägte Agitator versucht, auf die Leitung des Blücherbundes entscheidenden Einfluss auszuüben, da ihm dessen Führer Schäfer nicht aktivistisch genug erscheint.
In dem viertägigen Münchener Gerichtsprozess wird Dr. Ruge beschuldigt, zum Mord an Karl Baur aufgefordert zu haben. Seit dem 23. Juni 1923 befindet er sich aufgrund dieser Vermutung in Münchener Untersuchungshaft.
Nach dem Prozess-Bericht des München-Augsburger Abendzeitung vom 24. August 1923 erklärt der Mitangeklagte Ernst Berger dem Gericht:
"Am 17. Februar habe Baur im Bureau des Bundes Geld verlangt und gedroht, das sei Schwindel und Betrug, man verspreche Geld und gebe es nicht, er werde sich schon rächen und Verschiedenes an den Tag bringen. Er, Berger, habe das so aufgefaßt, als wolle Baur aufgebauschtes Material über die Organisationen an die norddeutsche Presse liefern."
Laut München-Augsburger Abendzeitung vom 24. August 1923 (S.3) schildert der Zeuge und NSDAP-Mitglied Max (Eugen) Stubenrauch:
"(...) ich hatte Angst um Baur, weil mir Ströbel einmal gesagt hat, daß ein verstecktes Waffenlager zeigen so viel wie Umbringen heißt.(...) Ich hatte von dem Augenblick den Eindruck, daß die Geschichte von der Autofahrt ein Schwindel ist. Gegen Morgen kam Zwengauer und erzählte ziemlich laut von einem Streit mit Baur(...). Dann seien sie an die Isar gekommen, wo er dem Baur erklärt habe, er müsse sterben. Baur erwiderte: Zwengauer sei ein Schuft. Zwengauer machte dann Baur Vorwürfe und hätte ihm den Revolver hingehalten mit den Worten: Du mußt sterben, spring in die Isar! Da Baur dies nicht getan habe, habe er geschossen. Zwengauer habe vorher auch von einem Eid zu Baur gesprochen."
Der Zeuge Felix Aumüller, Student und Kompagnieführer beim nationalistischen Blücherbund, erklärt vor Gericht:
"Baur war öfter in der Glückstraße und wurde durch mich Dr. Ruge vorgestellt. Er gab sich mir gegenüber am 17. Februar als Privatsekretär von Dr. Ruge aus.(...) Dr. Ruge hat mir einmal Vorschläge von der Gründung einer Aktivistengruppe gemacht, die oberhalb des Blücherbundes stehen würde (Das erstemal habe ihm Ruge Vorschläge über die Gründung einer Tscheka gemacht, das wäre eine aktivistische Gruppe mit Leuten, die alles für die Idee hingeben und zur Beseitigung mißliebiger Personen verwendet werden.) Der politische Kopf würde er (-Dr. Ruge-) sein. Die Sache war so gedacht: Der Kopf mit der Aufgabe der Finanzierung, zugleich mit dem Recht, diejenigen, die umgelegt werden sollen, zu bestimmen. Die Ausführung sollte von einer Handvoll (6 bis 8) unbedingt zuverlässiger Leute erfolgen. Der Unterführer, für den er mich bestimmt hatte, sollte zugleich bei ihm Privatsekretär sein, damit es nicht auffällt. Zwengauer wurde nach Baur Privatsekretär bei Dr. Ruge." (München-Augsburger Abendzeitung + Bayerischer Kurier und Münchener Fremdenblatt v. 24.8.1923)
Der Zeuge Rudolf Schäfer betont:
"Baur habe ich flüchtig kennen gelernt, er hat mir gesagt, er sei bei Dr. Ruge tätig. Später habe ich gehört, daß Dr. Ruge den Baur wegen Unzuverlässigkeit hinausgeworfen habe. Ueber die Tscheka erzählte mir Dr. Ruge von der Notwendigkeit der Schaffung einer solchen Einrichtung zur Beseitigung von Schädlingen.(...) Den Inhaber des Postens als Privatsekretär wollte Dr. Ruge auch als Führer der Tscheka benutzen. Ich halte es für möglich, daß Dr. Ruge Zwengauer in seinem Sinne beeinflußt hat."
Ein weiterer Zeuge bekundet im Rahmen der Sitzung:
"Den Plan der Tscheka habe ihm (-Kaufmann Hug-) Dr. Ruge zweimal dargelegt. Der Zweck dieser Tscheka sollte sein, Leute, die als Schufte befunden würden, zu beseitigen. Dr. Ruge nannte damals Dr. Heim und Dietrich Eckart.(...) Der Zeuge selbst hat den Plan nicht ernst genommen, war aber der Ansicht, daß es Dr. Ruge ernst mit der Schaffung der Tscheka war.(...) Nach dem 17. Februar habe er Dr. Ruge nach Baur gefragt und zur Antwort erhalten: 'Der ist weggeschickt!' Eine Aeußerung Dr. Ruges über Johann Berger, dieser habe seine Feuerprobe bestanden, bezog der Zeuge, als ihm die Ermordung Baurs bekannt wurde, auf diese Sache. Die Aeußerung von der Feuerprobe sei in der Woche nach dem 17. Februar gemacht worden."
Der Angeklagte August Zwengauer wird zum Tode verurteilt, Dr. Arnold Ruge jedoch aus Mangel an Beweisen in diesem Punkt freigesprochen. Dennoch kommt ein weiterer Anklagepunkt gegen Dr. Arnold Ruge zum tragen: Seine aufreizende Rede im Versammlungsraum des Wittelsbacher Gartens vom 13. Februar 1923, in deren Zusammenhang "ein Schweigegebot an die Versammlungsteilnehmer im Hinblick auf den Ernst der von den Führern gemachten Mitteilungen ergangen war".
(Bay. Staatsarchiv München: Mikrofilm S 329, Staatsanwaltschaften 2344/2 - 2344/5, Urteilsbegründung S.3/Bl.785 v. August 1923)
(Der Attentäter von Kurt Eisner, Anton Graf von Arco auf Valley, tanzte nach Aussage der Zeugin Schönberger in "Der Mord an Kurt Eisner"/Tucher, S.149, "des Öfteren mit der Tochter des Inhabers des Wittelsbacher Gartens".)
Im Rahmen der prozessualen Aufarbeitung benennt Dr. Arnold Ruge u. a. Dr. Gottfried Grandel und Lorenz Mesch als Entlastungszeugen:
"Die einzelnen Teilnehmer an der Versammlung (-vom 13. Februar 1923 im Nebenzimmer des Wittelsbacher Garten-) waren mir dem Namen nach nicht bekannt; ich kann deshalb auch keine Zeugen dafür angeben, was ich in Wirklichkeit gesagt habe, höchstens den Fabrikanten Dr. Grandel in Augsburg, Johannes-Haagstr. 20, der damals als Gast dem Appell angewohnt hat." (Bay. Staatsarchiv München: Polizeidirektion Nr.8103, Microfilm, Bild 339)
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"In den Äußerungen irgendeine strafbare Handlung nicht erblickt": Arnold Ruges Entlastungszeuge Dr. Gottfried Grandel - Winter 1918/19 (Fotografie im Privatbesitz)
Über Gottfried Grandel wird berichtet:
"In weiteren Kreisen ist er bekannt geworden durch seine Zeugenschaft in dem Prozeß wegen Ermordung des Studenten Baur (Fememord im Blücherbund), wo er den berüchtigten Dr. Ruge zu entlasten versuchte, und sich dabei als Geldgeber dieses Dr. Ruge entpuppte." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Sozialdemokrat. Nr.19, S.3 - "Ein nationalsozialistischer Fabrikant als Mordkomplize" v. 22.1.1924)
Donnerstag, 23. August 1923
Am zweiten Verhandlungstag kommt es u. a. zur beeidigten Vernehmung von Gottfried Grandel und dem Regensburger Regionalleiter des Germanen-Ordens, Lorenz Mesch, nachdem der Angeklagte Dr. Arnold Ruge über seinen Strafverteidiger diese beiden völkischen Protagonisten als Entlastungszeugen für sich aufführt. Gottfried Grandel wird vom Verteidiger der Gruppe B und E zugeordnet:
"Die Zeugen (...) sollen darüber aussagen,(...)
Gruppe B (...), dass Dr. Ruge über die Vorgänge am Morde Baur nichts wusste und selbst in keiner Form, weder als Täter, noch als Anstifter oder Begünstigter, beteiligt ist.
Gruppe E, dass Dr. Ruges Aeusserungen in der Versammlung vom 13.2.(-1923-) nicht als Anreiz zum Mord gemeint waren und auch wenigstens von urteilsfähigen Menschen nicht als solche verstanden werden konnten." (Bay. Staatsarchiv / Mikrofilm: Dr. Ruges Strafverteidiger RA Aichinger an das Volksgericht München I v. 17.8.1923)
Es ist ein seltener Moment, an dem die früheste politische Logen-Förderebene des 1919 noch unbekannten Gefreiten Adolf Hitler in gemeinsamer Beziehung nach außen aufzutreten wagt, doch Dr. Arnold Ruge als Mitglied des Germanen-Ordens Walvater weiß sich nicht anders zu helfen; eine mehrjährige Haftstrafe steht für ihn zur Disposition. Die Münchener Staatsanwaltschaft fasst zusammen:
"3.) Am 13.2.23 hielt Ruge bei einem von dem Mitbeschuldigten Johann Berger geleiteten Apell des Blücherbundes in einem abgeschlossenen Raume der Gastwirtschaft zum Wittelsbacher Garten in München eine Rede Es waren etwa 70-80 Mitglieder des Bundes anwesend, größtenteils junge Leute im Alter von 18-21 Jahren. Ruge führte dabei u. a. aus: Deutschland könne nicht wieder hoch kommen, wenn nicht zuvor Verräter, von denen es wimmle, beseitigt seien. Nach dem Zusammenhang und nach der Ausdrucksweise des Redners konnte kein Zweifel darüber sein, dass er gewaltsame Beseitigung (ist gleich Tötung) dieser Personen im Auge hatte. Ruge fuhr fort: Zu den Verrätern gehörten vor allem die Juden, jeder von den Teilnehmern an der Versammlung müsse sich einen einflussreichen Juden aufs Korn nehmen und ihn an dem Tage der unmittelbar bevorstehenden nationalen Aktion erledigen. Jeder solle an Stelle des Abendgebetes täglich neu den Vorsatz fassen, nicht zu ruhen und zu rasten, bis der betreffende Jude getötet sei." (Bay. Staatsarchiv München: Mikrofilm S 329, Staatsanwaltschaften 2344/2-2344/5 -Staatsanwaltschaft an das Volksgericht München I. v. 31.7.1923)
Abweichend vom Ergebnis der staatsanwaltschaftlichen Voruntersuchung betont Dr. Gottfried Grandel zuvor im Rahmen der polizeilichen Vorermittlung vom Juli 1923 in Augsburg:
"Um die angegebene Zeit (-13. Februar 1923-) war ich von Dr. Ruge zu einem Vortrag, welcher im Nebenzimmer des 'Wittelsbacher Garten' in München stattfand, eigeladen. Versammlungsleiter war ein Herr Berger, den ich jedoch nicht näher kenne. Dr. Ruge sprach vor ca. 40-50 jungren Leuten (-Gymnasiasten/Realschülern-), welche nach meiner Ansicht dem 'Blücherbund' angehörten. Seine Ausführungen gingen dahin, die jungen Leute für die vaterländische Sache zu begeistern. Im zweiten Punkt des Vortrages behandelte der Redner die Judenfrage und führte aus, dass das organisierte Judentum und die von diesem geführten Parteien unsere inneren Feinde sind und dass zur energischen Gegenwehr geschritten werden müsse. Von der erwähnten angeblichen Aeusserung des Dr. Ruge bezügl. der Tötung von einflussreichen Juden ist mir nichts bekannt. Ich glaube sicher nicht, dass er sich in diesem Sinne ausgelassen hat. Wenn dies geschehen wäre, so würde ich mich heute noch daran erinnern, vielmehr hätte ich gleich Herrn Dr. Ruge wegen einer solchen Aeusserung zur Rede gestellt, da ich eine solche Aufforderung nicht gelten lassen würde. Der Vortrag war nach meiner Ansicht ruhig und sachlich gehalten und habe ich in den Aeusserungen irgendeine strafbare Handlung nicht erblickt." (Bay. Staatsarchiv München: Mikrofilm S 329, Staatsanwaltschaften 2344/2 - 2344/5, Bl.664 - Vernehmungsprotokoll des Stadtpolizeiamtes Augsburg v. 16.7.1923)

(Bay. Staatsarchiv München: Mikrofilm S 329, Staatsanwaltschaften 2344/2 - 2344/5, Bl.664 - Vernehmungsprotokoll des Stadtpolizeiamtes Augsburg v. 16.7.1923)

(Bay. Staatsarchiv München: Mikrofilm S 329, Staatsanwaltschaften 2344/2 - 2344/5, Bl.664 - Vernehmungsprotokoll des Stadtpolizeiamtes Augsburg v. 16.7.1923)
In der München-Augsburger Abendzeitung vom Freitag, 24. August 1923 (S.3), wird über dessen Zeugenaussage berichtet:
"Dr. Gottfried Grandel, Fabrikant in Augsburg, war in jener geschlossenen Versammlung im Wittelsbacher Garten. Er erinnert sich des Wortlautes der Ansprache Dr. Ruges nicht mehr, dem Sinne nach sei die Rede die Ansprache eines Truppenführers vor der Schlacht gewesen. Dr. Ruge forderte in der Rede die jungen Leute auf, sich auf die unmittelbar bevorstehende Abrechnung bereit zu halten, die eine Vernichtung aller Vaterlandsfeinde sein werde. Er bezeichnete als Vaterlandsfeinde die Novemberverbrecher, die Außenfeinde und das Judentum und forderte auf: Wenn der Kampf losbreche, dürfe man sich nicht scheuen, alle Feinde zu vernichten. Die ganze Versammlung sei unter dem Eindruck gestanden, daß ein Kampf wie im Kriege bevorstünde. Weder die Versammlung noch die Ansprache hat der Zeuge (-Dr. Grandel-) ernst genommen, weil er die ganze Sache nicht glaubte. Der Zeuge hält Dr. Ruge nicht für fähig, einen Mord anzustiften. Dr. Ruge könne wohl zum Kampfe in heftigsten Worten auffordern, doch nicht zu einem Einzelmord. Er hätte es bei seiner Kenntnis des Charakters von Dr. Ruge diesem angesehen, wenn er bei der an Baur verübten Mordtat irgendwie beteiligt gewesen wäre. Dr. Ruge sei nicht imstande, seine heftigen Ausdrücke zu verwirklichen."
Im Gegensatz zu Dr. Grandels Ausführungen wird von dem Prozessverlauf berichtet:
"Die meisten dieser Zeugen bestätigten, daß Dr. Ruge bei gleichzeitiger Mahnung zur Disziplin die Versammelten aufgefordert habe, sich einen Juden auszuwählen oder aufs Korn zu nehmen, der, wenn es losgehe, beseitigt oder umgelegt werden müsse." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.228, S.4 - "Ein politischer Mordprozeß" v.24.8.1923)
"Bei einem Appell des 'Blücherbundes' am 13 Februar (-1923-), an dem etwa 80 junge Leute, darunter auch Realschüler, anwesend waren, erklärte Ruge: 'Deutschland könne nicht wieder hochkommen, wenn nicht zuerstr die Verräter beseitigt würden. Zu diesen gehörten in erster Linie die Juden; jeder der Versammlungsteilnehmer müsse sich einen einflußreichen Juden aufs Korn nehmen und ihn an dem Tage vor der unmittelbat bevorstehenden Aktion erledigen. Jeder solle an Stelle des Abendgebetes täglich neu den Vorsatz fassen, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis der betreffende Jude getötet sei.'" (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.391, S.3 - "Der Feme-Mord von München" v. 23.8.1923)
Demgegenüber betont die Rechtsvertretung des Angeklagten Dr. Arnold Ruge:
"Dr. Ruges Verteidiger R.-A. Dr. Aichinger wandte sich dagegen, daß Dr. Ruge die moralische Verantwortung trage. Was sich im besonderen in der Versammlung im Wittelsbacher Garten zugetragen habe, darüber ließen sich verschiedene Auffassungen vertreten. Dr. Ruge habe wohl zum Kampf aufgefordert, habe aber zur Disziplin ermahnt. Die Aeußerungen Dr. Ruges seien nicht im Sinne der Aufforderung zum Mord gemeint und nicht in diesem Sinne aufgefaßt worden. Der Verteidiger ersuchte um die Freisprechung Dr. Ruges, im Falle der Verurteilung um die denkbar geringste Strafe, da ein Schaden nicht verursacht worden sei, und beantragte sofortige Haftentlassung." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.229, S.4 - "Ein politischer Mordprozeß" v.25.8.1923)
Die Münchener Post vom 25./26. August 1923 schildert die Aussagen Dr. Ruges zu seinem Vortrag im Münchener Gasthaus Wittelsbacher Garten:
"Der Angeklagte gibt an, dass Schäfer ihn gebeten habe, das heilige Feuer in das Herz der Leute zu gießen."
Arnold Ruges Verteidiger, Rechtsanwalt Aichinger, bestreitet laut München-Augsburger Abendzeitung vom 25. August 1923 in seinem abschließenden Plädoyer die moralische Verantwortung seines Mandanten:
"Dr. Ruge ist ein Mann, der ins Groteske geht und bei seinen Ausdrücken nicht wählerisch ist. An Worten aber ist noch niemand gestorben."
Nach einem Bericht der München-Augsburger Zeitung vom 22. August 1923 vertrat Dr. Ruge ...
"... stets ganz radikale Anschauungen, er betonte stets, dass Verräter und Schädlinge an der vaterländischen Sache getötet werden müssen. Der Ausdruck 'umlegen' wurde von ihm in diesem Sinne sehr häufig gebraucht."
Der Staatsanwalt Dr. Stumpf, so heißt es im Artikel vom 25. August weiter, betont jedoch in seiner Prozess-Zusammenfassung:
"Die moralische Verantwortung für den Mord an Bauer trifft Dr. Ruge. Durch ihn ist es soweit gekommen, dass die drei die schauerliche Tat ausgeführt haben. Der dringende Verdacht der Anstiftung besteht heute noch, aber ich halte den Antrag wegen Anstiftung zum Mord, nur wegen mangels Beweises, nach dem Gang der Verhandlung nicht mehr aufrecht.(...) Ich beantrage also:(...) Gegen Dr. Ruge wegen Aufforderung zum Mord 1 Jahr Gefängnis. Die Strafe ist gesetzlich das Höchstmaß. Die Strafe ist für Dr. Ruge viel zu gering, aber Gericht wie Staatsanwaltschaft sind an das Gesetz gebunden."
Der vorsitzende Richter Vollmuth entspricht mit seinem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft.
Der sozialdemokratische Abgeordnete Kuttner betont in der Justizdebatte des Berliner Landtages:
"Die preußische Justiz versagt in der Bekämpfung der Fememorde. Auf ihr Konto ist es zu schreiben, wenn der Hauptorganisator dieser Morde, Herr (-Arnold-) Ruge, (-nach Bayern-) entwischte." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: 2.Beilage des Vorwärts, Nr.298, S.9 "Justizdebatte im Landtag" v. 27.6.1924)
Der Attentatsplan auf Generaloberst v. Seeckt - Angeklagter Dr. Grandel
Der Chemiker Dr. Gottfried Grandel hat sich nie offiziell als Mitglied der Organisation Consul oder des Germanen-Ordens bekannt. Im Attentatsprozess von 1924 leugnet er als Angeklagter selbst die Mitgliedschaft in einer Partei.
Der Lübecker Volksbote erwähnt am 27. Mai 1924 seine diesbezüglich gemachten Aussagen:
"Der zweite Angeklagte, Dr. Grandel, kam durch Hitler in die politische Bewegung der Völkischen, die er jedoch nur als eine Art 'Kulturbewegung' auffaßte. Als sie machtpolitisch wurde, hat er sich wieder zurückgezogen. Er gehöre keiner Partei, keinem Geheimbund an. Sein Programm sei: 'Familie, Heimat, Vaterland'."
Nachweislich ist Parteigenosse Gottfried Grandel schon seit dem 17. August 1920 unter der Nummer 1713 in der frühen NSDAP-Mitgliederliste aus der sogenannten Kampfzeit namentlich aufgeführt. In seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv von 1941 schreibt er sich sogar ein noch früheres Eintrittsdatum zu:
"Ich war inzwischen im März 1920 (-nach der Bekanntmachung des Parteiprogrammes-) Mitglied der 'Deutschen Arbeiterpartei' geworden."
Die Bezeichnung DAP fungiert bis zum Frühjahr 1920 als ursprüngliche Bezeichnung der daraufhin zur NSDAP umbenannten Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei.
Wenn Gottfried Grandel vor Gericht schon den Verdacht von der NSDAP fernhalten will, dann gilt diese Absicht erst recht gegenüber einem Geheimbund, der auf Verrat mit dem Fememord droht.
Dass Dr. Grandel Anfang 1924 das Attentat auf Generaloberst von Seeckt nun aber aus eigener Motivation und ohne organisatorische Unterstützung geplant haben will, ist nicht anzunehmen. Er selbst betont bei seiner ersten Vernehmung gegenüber dem Untesuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann, dass hinter ihm eine größere Organisation stünde und der Untersuchungsrichter es später sicher bereuen würde, seine Finger in diese Sache gesteckt zu haben. Naheliegend ist es aus heutiger Betrachtung, dass Dr. Grandel, analog zum Regensburger Architekten Lorenz Mesch und dem Heidelberger Privatdozenten Dr. Arnold Ruge, Mitglied des Germanen-Ordens gewesen war und über diese Verbindung im Rahmen der Organisation Consul tätig wurde. Denkbar ist, dass sich aus diesem Verbund eine kleine Untergruppe des Germanen-Ordens zur Tötung politischer Gegner gebildet hatte. Doch Beweise hierfür fehlen, es finden sich lediglich Indizien.
Auf Seite 94 von Gabriele Kruegers Buch „Die Brigade Ehrhardt" heißt es zu dem mißlungenen Attentat auf Generaloberst von Seeckt:
"Allerdings ist der Rathenau-Mord nicht der letzte von Ehrhardt-Leuten organisierte politische Mord. Am 15. Januar 1924 sollte der General von Seeckt erschossen werden, doch wurde die Verschwörung verraten. Die zunehmende Orientierungslosigkeit der Radikalisten aus Ehrhardts Gefolgschaft zeigt sich darin, daß das Opfer diesmal ein Mann war, den die Nationalisten im Herbst 1923 nicht ungern als ihren Führer gesehen hätten und von dem sie sich enttäuscht fühlten."
Generaloberst Hans von Seeckt stand besonders 1923 im Kreuzfeuer der Kritik. In der Seeckt-Biographie (S.425) schreibt Hans Meier-Welcker zu der angespannten Lage:
"Deshalb wurde im Herbst 1923 die Bereitschaft der Wachen des Reichswehrministeriums erhöht. Eine Zeitlang wurden zwei Kriminalbeamte zu Seeckts persönlichem Schutz eingesetzt. Nun kam der Attentatsplan aus den Kreisen der von Kapitän Ehrhardt gegründeten 'Organisation Consul' (O.C.)."
Einen weiteren Hinweis, dass es sich bei den Attentatsvorbereitungen auf Generaloberst von Seeckt 1924 möglicherweise um eine geplante Aktion der Organisation Consul gehandelt habe, gibt ein führendes Mitglied der Terrorgruppierung selbst. In Franz-Willings „Krisenjahr der Hitlerbewegung" heißt es auf Seite 312:
"Kptl. a. D. Manfred von Killinger gab in einem Schreiben vom 3.2.1927 zu, sich mit dem Gedanken eines Attentats auf Seeckt befaßt zu haben. Abschrift, Privatbesitz."
Während des Kapp-Lüttwitz-Putsches vom März 1920 befehligte von Killinger eine Kompanie der Putschisten und war zusammen mit den späteren Erzberger-Mördern Tillessen und Schulz kurzzeitig Mitglied im Regensburger Germanen-Orden von Lorenz Mesch.
Laut Wikipedia ist v. Killinger seit Anfang 1921 Mitglied der Organisation Consul (O.C.), wo er als Vorstand der Unterabteilung B die Führung der militärischen Abteilung übernimmt. Wie die meisten Mitglieder der O.C. gehört er auch dem antisemitischen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund an.
Schnittmengen der Organisation Consul zum Germanen-Orden
Nach Angaben von Wikipedia war Manfred von Killinger als führendes Mitglied der Organisation Consul für den Auftragsmord an dem ehemaligen Reichsfinanzminister und Zentrums-Politiker verantwortlich, den er „als Befehl des Germanen-Ordens erteilt" hatte.
Im Buch „Der Fall des Erzberger-Mörders Heinrich Tillessen" wird diesbezüglich auf Seite 53 ausgeführt:
"In diesem Zusammenhang ist auch auf den schriftlichen Mordbefehl einzugehen, den Tillessen und Schulz in v. Killingers Büro erhielten. Beide Täter hatten durch diese, unabhängig voneinander gemachte Aussage den Germanenorden ins Spiel gebracht, der damit als eigentlicher Auftraggeber des Erzberger-Mordes erschien."
In dem Attentatsprozeß von 1924 in Berlin nimmt Gottfried Grandel als Angeklagter teil. Als der potentielle Attentäter Heinz Koepke in Berlin ausgesucht scheint, wird er durch den tatbeteiligten Alexander Thormann dem offensichtlichen Organisator und Geldgeber Dr. Grandel vorgestellt. Gottfried Grandel zeigt hier deutlich das Verhalten des spiritus rectors, auf dessen Anweisungen letztendlich der auszuführende Attentatsplan fußt.
Im Buch „Der Fall des Erzberger-Mörders" wird das Offenburger Landgerichtsurteil vom 19. Juli 1950 zitiert.
Es stellt fest, dass sich ...
"... die wirklichen Hintergründe dieses Germanenordens, seine Struktur und Zielsetzung im Einzelnen und wer (...) die verantwortlichen Männer waren,(...) nicht eindeutig aufklären lassen. So viel ist aber sicher, daß es sich (...) um eine weitere Erscheinungsform der in der O.C. verkörperten Kräfte handelte, vielleicht sogar um eine Unterabteilung dieser Organisation, ihre besonders zuverlässigen und zu bestimmten Sonderaufgaben brauchbaren Leute umfassend, weiter, daß (...) der Orden (...) als politische Terrororganisation den politischen Tendenzen der Kreise um Erhardt dienen sollte." (StAF: StA Offenburg 1984/153 lfd. Nr.7)
Weiter wird im Buch auf die Entwicklung des Germanen-Ordens eingegangen:
"Ein logenartig aufgebauter Germanenorden war bereits Mitte 1912 in Leipzig gegründet worden. Obwohl er sich als Sammelbewegung aller deutsch-völkischen Verbände verstand, bestanden besonders enge personelle Beziehungen zum 'Schutz- und Trutzbund'. Aufgrund von Führungsstreitigkeiten zerfiel der nur wenige Hundert Mitglieder starke Germanenorden bereits 1917. 1920 existierte in Regensburg eine namensgleiche Nachfolgeorganisation, die Judentum und Freimaurerei bekämpfte und Tillessen, Schulz sowie v. Killinger zu ihren Mitgliedern zählte." (StAF: StA Offenburg 1984/153 lfd. Nr.66 - Schreiben der StA Offenburg v. 27.12.1921 - und lfd. Nr.137, S.431 - Aussage Lorenz Mesch, Regensburg v. 4.1.1922)
Der hier aufgeführte Hinweis auf die Aussage des Regensburger Architekten Karl Lorenz Mesch scheint in Bezug auf Gottfried Grandel erwähnenswert. Mesch gilt Anfang der 20er Jahre als Leiter des völkischen Germanen-Ordens in Regensburg und des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes für Bayern-Nord. Zudem beherbergt er über Monate die Erzberger-Mörder Heinrich Tillessen und Heinrich Schulze.
Die Vorbereitungen zum Seeckt-Attentat durch Thormann und Grandel folgen einem ähnlichen Muster, wie es der Mordanschlag gegen den Zentrums-Politiker Erzberger aufweist.
Die vom Germanen-Orden aufgenommenen Mitglieder schwören gegenüber v. Killinger in einem Eid ...
"bedingungslosen Gehorsam gegenüber jedem Ordensbefehl.(...) Wesentliche Aussage der Satzung war, daß Deutschland nur erneuert werden könne, wenn es deutsch-völkisch denken lerne, und daß dies nur durch Personen deutschen Bluts zu verwirklichen sei.(...) Das geheime Ordenszeichen, einen Kreis mit eingeschlossenem V",
wird den Neumitgliedern bekannt gegeben. Kurze Zeit später werden sie erneut in das Münchener Büro gerufen, wo Killinger
"ihnen einen verschlossenen Briefumschlag überreicht, den sie sofort öffnen. Er enthält eine undatierte, anonym-maschinengeschriebene Mitteilung, die sich durch den aufgemalten Kreis mit eingeschlossene V als Befehl des Germanenordens ausweist".
Darin heißt es dann:
"Gemäß der in der Leitung stattgefundenen Auslosung wurden Sie (...) dazu bestimmt, den (...) zu beseitigen. Die Art der Ausführung bleibt Ihnen überlassen. Vollzugsmeldung ist nicht zu erstatten. Brüder, Ihr könnt der Unterstützung des Ordens im Fall einer Entdeckung gewiß sein."
"Nachdem sie den Zettel in Gegenwart v. Killingers verbrannt haben, sagt dieser Ihnen unbeschränkten Urlaub zu. Aus dem ungewöhnlichen Verhalten Ehrhardts schließen sie auf seine Mitwisserschaft." (aus: "Der Fall des Erzberger-Mörders Heinrich Tillessen")
Die Weltbühne schreibt 1924 über das Netzwerk Ehrhardts:
"Aber Hauptwerkzeug dieses Konsuls im Norden (-Heinrich Class-) ist der Consul im Süden. Ehrhardt steht in enger Verbindung mit Justizrat Claß und zwar in so enger Verbindung, daß die 'O.C.' als die 'Tscheka' (-urspr. kommunistische Untergrundorganisation-) des 'Alldeutschen-Verbandes' anzusehen ist."
Wikipedia schreibt weiter:
"Im Rahmen der Ermittlungen nach der Ermordung Walther Rathenaus 1922 wurde Killinger 1924 verhaftet und wegen 'Geheimbündelei' zu acht Monaten Gefängnis verurteilt, aber ohne Strafvollstreckung auf freien Fuß gesetzt. In der Zwischenzeit war Killinger nach Dresden gezogen, wo er 1923 die Führung des sächsischen 'Bund-Wicking' übernahm, der als Nachfolgeorganisation der inzwischen verbotenen O.C. gegründet worden war."
Die Attentatspläne und Durchführungen in den frühen 20er Jahren ähneln sich vom Grundmuster. Als Rekrutierungsebene dienen ehemalige Angehörige der Brigade Ehrhardt, Bünde wie Wicking‚ Organisation Consul oder der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund. Ein finanzstarker Geldgeber lenkt die Mordverabredung im Hintergrund. Es gilt der bedingungslose Gehorsamsschwur, bei Nichteinhaltung droht die Feme, die Exekution.
In einem späteren Vernehmungsprotokoll der Polizei heißt es:
"Man ist außerdem unbequem, wenn man zu viel weiß."
Die Begründung zur bevorstehenden Tat lautet im Allgemeinen:
"Das Vaterland sei in höchster Gefahr und verlange die Tat. Nur ganz radikale Methoden wären in der Lage, der nationalen Sache zu dienen."
Dr. Grandel und die Freimaurerei
(311-1920) In machtpolitischen Zusammenhängen spielen Feindbilder für die Identität extremistischer Gruppen eine wichtige Rolle.
Auch die Nationalsozialisten der frühen 20er-Jahre bedienen sich der radikalen Ab- und Ausgrenzungslogik, um sich und ihre Zielgruppe als völkische Arier aufzuwerten. Ein besonderes Augenmerk legt Adolf Hitler dabei auf die Lenkungseinflüsse von Geheimlogen, mit denen er bereits in Gestalt des Germanen-Ordens im Frühstadium seiner politischen Arbeit in Kontakt, Konfrontation und schließlich auf Distanz gerät. In seinem siebenseitigen Redemanuskript anlässlich des Augsburger Ortsgruppen-Jubiläums geht er dann auch im Abstand von 18 Jahren auf diese Konfrontationslinie ein:
"2 Welten - in sich abgeschlossen - gegenseitig feindlich - ... gegen Kräfte! entweder vereinen, oder ewiger Kampf."(Auszug aus Adolf Hitlers Rede-Manuskript vom November 1937 - Privatbesitz)

Zirkel und Winkel: Symbole der Freimaurer für Ordnung und Moral (Wikimedia Commons / Rusch, Jens - Datei: Rauher Stein Schatten.jpg - 2006)
Die grundsätzliche Zielrichtung der Freimaurerei wird in Teilen der Literatur wie folgt beschrieben:
"Zur Vorbereitung der Weltrepublik soll in den einzelnen Staaten zunächst die republikanische Staatsform eingeführt werden, bei der der Einfluß des Freimaurerbundes sicherer gewährleistet ist als in der Monarchie. In einer Republik kann der Einfluß eines mit Freimaurern durchsetzten Parlamentes nur durch eine Verfassungsänderung ausgeschaltet werden. In einer Monarchie ist es dagegen immer möglich, daß sich ein selbständiger Monarch den Wünschen des Freimaurerbundes nicht beugt oder ihn sogar unterdrückt. Planvoll und zäh wurden die einzelnen Revolutionen vorbereitet. Auf der ganzen Welt sollten die Throne gestürzt werden. Nicht von gestern stammen diese Pläne, sie wuchsen mit der Freimaurerei heran und reiften erst allmählich. Im Jahre 1740 führte der damalige Großmeister, Herzog von Autin, auf einem Feste der Großloge von Frankreich in einer Rede aus, die Freimaurerei sei gegründet worden, um auf der ganzen Welt die republikanische Staatsform einzuführen." (Dr. Ohr, Wilhelm: "Der französische Geist und die Freimaurerei", S.30 ff - + Wichtl, Friedrich: "Weltfreimaurerei, Weltrevolution, Weltrepublik", S.197 - 1919/1943)
Doch nicht nur Freimaurer, auch Juden und Jesuiten geraten zunehmend in das Fadenkreuz der ideologisch-religiösen Betrachtung der Nationalsozialisten, bei der es sich letztendlich auch um die Verteilung von gruppenbezogener Macht handelt.
Unterstellt wird hierbei von den völkischen Gegnern der Freimaurer, dass der Einfluss der international eingebundenen Logen mitunter bis weit in die Politik hineinreicht und sich gar für den Ausbruch des ersten Weltkrieges verantwortlich zeigt. In einer NS-Publikation von 1938 wird hierzu vermerkt:
"Das Judentum wendete sich mit Unterstützung der Freimaurer und der sichtbar mit ihnen zusammenarbeitenden Presse, die wiederum vielfach ihren Geldbedarf von Juden erhielt, den Berufen der Rechtsanwälte, Ärzte und den Stellen zu, bei denen man nach der Meinung des Judentums leichter verdient und besser zur Geltung kommt. In Handel und Wirtschaft fangen die jüdischen Banken an zu herrschen. Die Wirtschaft wurde abhängig gemacht. In den Großstädten stieg der Anteil des Judentums immer mehr; in Nürnberg waren z.B. 93 Prozent des Ausfuhrhandels in jüdischen Händen. Der liberalistisch-jüdische Gedanke setzte sich unaufhaltsam durch und fraß wie ein Krebsgewür am Leib der Völker Europas, bis der Schuß von Sarajevo das morsche Gebäude des Verfassungsstaates zusammenbrechen ließ. Der Freimaurerei der Welt war es gelungen, drei große Kaiserreiche zu zerstören, die immerhin noch das Judentum in einer Reihe von Sondergesetzen wenigstens von den führenden Stellen der Regierung ferngehalten hatten.(...) Adolf Hitler ging weiter, als Graf Montgelas mit seiner Abschnürung der Freimaurer und Geheimbünde vom Staatsbeamtentum gegangen war. Er verbot die Geheimbünde jeglicher Art und zerriß das Netz der Freimaurerlogen, das über ganz Deutschland gebreitet war. Die Logen wurden geschlossen, und nun sieht in den Museen des romantischen staatsgefährlichen Gerümpels das Volk die grauenhaften Zusammenhänge der Vergangenheit." ("Das Freimaurerlogen-Museum in Nürnberg" - Schardt: "Die Freimaurer in Bayern", S.24/25 - 1938)
Auch in Augsburg befindet sich eine Freimaurervereinigung, die der Publikation nach der am 21. Januar 1741 gegründeten und am 11. Dezember 1811 konstituierten Bayreuther Großloge Zur Sonne als eine von 68 bayerischen Tochterlogen untergeordnet ist. Die hier erwähnte Augsburger Johannis-Loge Augusta zählt zu diesem Zeitpunkt 140 Brüder. In einem Artikel von 2017 heißt es über den Werdegang der Augsburger Freimaurer:
"Gerüchte um die Freimaurer halten sich hartnäckig. Verschwörungstheoretiker unterstellen ihnen den Willen, das Denken der Gesellschaft zu lenken. 'Das ist völlig absurd. Unser einziges Ziel ist es, uns selbst als Menschen zu verbessern', sagt Herzog. Die Ursprünge dieser Vorurteile kommen ihm zufolge aus der NS-Zeit. Damals hatten die Nazis mit ihrer Propaganda gegen die jüdische Bevölkerung aufgebracht. Zentraler Bestandteil war dabei die Behauptung, dass die Juden heimlich das Weltgeschehen lenken wollten. In dieses Verschwörungsschema wurden auch andere Gruppen gesteckt, die den Nazis ein Dorn im Auge waren - zum Beispiel die unabhängig denkenden Freimaurer." (augsburger-allgemeine.de: "Die Augsburger Freimaurer - Ein Blick hinter die Kulissen" v. 20.10.2017)

Am 4. Dezember 1872 in Augsburg unter der Großloge Zur Sonne gegründet: Johannis-Loge Augusta - 1913 (Fotografie im Privatbesitz)

Meister vom Stuhl: Freimaurer in Konkurrenz zum Machtanspruch der Nationalsozialisten (Symbolfoto: Freimaurerloge "Libanon z.d.3. Cedern", Erlangen / Panneck, Wilhelm - Postkarte im Privatbesitz)
Auch Gottfried Grandels Universitätsstandort Heidelberg verfügt seit dem 26. November 1856 über eine Johannis-Loge, die sich selbst Rupprecht zu den fünf Rosen benennt.
In seinem Wirkungsort Mannheim existiert wiederum unter der führenden Großloge Zur Sonne die Johannes-Loge Carl zur Eintracht, gegründet am 28. November 1778. Desweiteren befindet sich am späteren Wohnort Gottfried Grandels in Hamburg die am 1. Dezember 1876 gegründete Johannis-Loge Globus und in Freiburg Zur edlen Aussicht vom 22. Juni 1784.

Von Heinrich Dolle skizzierte Basistufen des Aufstiegs: "Blaue oder Johannis Loge" als Fundament des Weltfreimaurertums (Dolle: "Weltfreimaurerei und Judentum" - 1934)
Der in Bayern nunmehr zum Ende des ersten Weltkrieges sehr aktive Germanen-Orden bedient sich zwar auch der Ausdrucksformen und Gliederung von Geheimlogen, verfolgt zur Absicherung der Interessen jedoch eine rein arisch motivierte Durchdringung des Systems.
Karl Böhrer, frühes Mitglied sowohl im Germanen-Orden als auch der Augsburger NSDAP-Ortsgruppe, bringt seinen Ortsgruppengründer Gottfried Grandel für das Jahr 1922 in Verbindung mit einer dieser Logen:
"Als ich jedoch erfuhr, was mit (-dem Nürnberger Julius-) Streicher geschehen sollte, durchschlug ich den gordischen Knoten, meldete alles dem Orden, wie den Giftmordversuch an Dietrich Eckart. Das Gift lieferte Dr. Grandel, Hochgradfreim.(-aurer-), an Dr. Otto Dickel." (BArch Berlin: NS26/158 - Bericht Karl Böhrer, S.11 v. 20.4.1941)

Figur des Schweigens aus den Tempel des 4. Grades der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland (Knochen/Schardt/Kaiser: "Das Freimaurerlogen-Museum in Nürnberg", S.1 - 1938)
Der völkische Architekt Lorenz Mesch aus Regensburg
In seinem NSDAP-Archivbericht beschäftigt sich Gottfried Grandel ausführlich mit dem nationalsozialistischen Feindbild der Freimaurerei.
Rückblickend auf die Jahre 1918-24 besitzt für ihn der Architekt Lorenz Mesch "als Förderer des völkischen Gedankens(...) eine bedeutende Rolle" in der Bewegung, was die Aufklärung über die Freimaurerei anbelangt.
(BArch Berlin: NS26/514, S.592/Bl.7 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Wer also ist nun Lorenz Mesch und wie kam er in Beziehung zu Gottfried Grandel?

Regionalleiter des völkischen Germanen-Ordens: Lorenz Mesch - 1920 (Stadtarchiv Regensburg: Familienbögen - Portrait Karl Lorenz Mesch)
Der in Regensburg lebende Baumeister Lorenz Mesch gilt laut "Weishaar und der Bund der Guoten" (S.15) als örtlicher Logenführer des Germanen-Ordens. In der von der Polizei 1921 bei Ludwig Seidl sichergestellten Mitgliederliste rangiert Lorenz Mesch an erster Position des Regensburger Germanen-Ordens "Zur Treue".
Auch Tillessen und Schultz, später verurteilte Attentäter im politischen Erzberger-Mordprozess, sind hier als Mitglieder des Regensburger Germanen-Ordens aufgeführt.
Darüber hinaus wird Lorenz Mesch in Detlev Roses Buch "Die Thule-Gesellschaft" der Ortsgruppenvorsitz des "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes" zugeschrieben.
Doch der letztgenannte Bund entwickelt, parallel zu Hitlers Verselbstständigung innerhalb der NSDAP, im Jahre 1922 Abwehrmaßnahmen gegen Lorenz Mesch und seinen Mitstreiter John-Gorsleben:
"Die auf Beschluss des Gesamtvorstandes aus dem Bunde ausgestossenen Herren Gorsleben und Mesch fahren fort, durch Rundschreiben und Erklärungen unwahre Behauptungen über den (-Schutz- u. Trutz-) Bund zu verbreiten. So schreiben sie neuerdings:
'Hamburg (-Leitung um Alfred Roth-) ist uns in den Rücken gefallen, weil wir in unseren bayrischen Satzungen die Bestimmung haben, dass wir Freimaurer in unseren Reihen nicht aufnehmen und weil Ihr Bayern eine eigene Zeitung wollt.'
Das ist eine bewusste Unwahrheit. Sie muss umso abstossender wirken, wenn man weiss, dass Herr Mesch - wie übrigens Herrn Gorsleben genau bekannt ist - als stellvertretender Ordensmeister des Wälsungen-Ordens (-im Juli 1921 im Germanen-Orden aufgegangen-) folgendes geleistet hat: Mit Wissen des Herrn Mesch wurden in diesen angeblichen Deutschvölkischen Orden Freimaurer und Halbjuden aufgenommen. Herr Mesch brachte es sogar fertig, bei Gelegenheit folgende Bekenntnisse seiner schönen Seele abzulegen; er schrieb an ein Ordensmitglied jüdischer Abstammung u.a. wortwörtlich:
'Ihrem Wunsche, keine Freimaurer aufzunehmen, werden wir strengstens nachkommen. Wir beabsichtigen sogar, die wenigen Freimaurer, die bei uns als Kalander (-Verdichtung, Glättung-) sind, vollständig kalt zu stellen. Was meinen Sie dazu?' (26.6.20)
'Betreffs Weihe sind Sie in falscher Anschauung. Die Weihe ist bei uns eine Art Verpflichtung und nicht etwa ein Hanswurstelspiel, wie bei den Freimaurern. Wir sehen auf den Mann und nicht darauf, wieviel Drudenfüsse über seinen Scheitel schon gezeichnet sind. Auch nicht darauf, ob er etwas fremdes Blut in den Adern hat. Die Tat allein ehrt den Mann und zeigt den wahren Charakter. Und es freut uns, von Ihnen Taten zu sehen, die anders vergessen machen!' (6.9.20)
'Was Ihre werte Person betrifft, so wurde von einem unserer Herren der Vorschlag gemacht, dass Sie die Leitung der sämtlichen Freimaurer übernehmen, die bei uns sind oder die uns fernerhin beitreten. Ich halte diesen Vorschlag für gut.' (26.1.21)
Man bedenke: Der Mann, der all das geschrieben hat und die Kreise, denen er vorsteht, sind die Urheber der verlogenen Treibereien gegen die Bundesleitung wegen ihrer angeblichen Abhängigkeit von Freimaurern. So sind die Schleier endlich gefallen." (BArch Berlin: R8048/255 - Auseinandersetzungen im Bund mit Gorsleben, Mesch, Dr.Ruge und Hertzberg/Roth: "Aus dem Bunde und seinen Gliederungen", S.1-2/Bl.51-52 v. 1922)
Laut Wanderredner Heinrich Dolle steht Lorenz Mesch, zusammen mit seinem Heidelberger Ordens-Bruder Dr. Arnold Ruge, dem Augsburger Fabrikanten Dr. Grandel ab 1919 hilfreich zur Seite, um Adolf Hitler vor dem Eintritt in die Politik über 9 Monate "geistige Nahrung" zu vermitteln.
Dr. Grandel schreibt in seinem Archivbericht weiter:
"Durch (-Dietrich-) Eckart lernte ich auch Architekt Lorenz Mesch kennen, der überaus rührig und tätig war. M.(-esch-) unterhielt als Leiter eines germanischen Ordens (-Germanen-Orden Walvater-) zahlreiche Verbindungen im In- und Auslande und zielte sehr früh darauf ab, die etwas zur Absonderung neigenden bayerischen völkisch-politischen Kreise in Fühlung mit den norddeutschen zu bringen.
Mesch kam oft mit Hitler, Pöhner, Frick, Röhm, Eckart und dem damals in München versteckten Kapitän Ehrhardt zusammen und verbreitete frühzeitig die Aufklärung über die Freimaurerei in Wort und Schrift. Er war es, der zuerst umfassende Unterlagen über die Frmrei (-Freimaurerei-) Eckart, Rosenberg, Pöhner, Frick und auch General Ludendorff überreichte und sie über die Zusammenhänge der Frmrei mit der Politik aufklärte." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
In seinem undatierten Gutachten zu Ludendorffs 1927 erschienenem Buch "Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse" führt Lorenz Mesch hierzu aus:
"... daß kurz nach der Revolution meine 1. Tätigkeit war, maßgebende Männer, unter anderem auch Ludendorff, über das Wesen der Geheimgesellschaften aufzuklären. Ich habe damals eine Reihe von wichtigen Werken General Ludendorff überreicht, wie ich auch späterhin von wichtigen Schriftstücken, die mir durch Zufall in die Hände fielen, Abschriften an General Ludendorff sandte. Jahrelang hat es gedauert, bis Ludendorff im wesentlichen das Wichtigste über die Geheimgesellschaften erfaßt hat." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Gutachten von Lorenz Mesch zu Erich Ludendorffs Bucherscheinung von 1927)
Dr. Paul Köthner - der stille Arbeiter aus Berlin (1870-1932)
Bei Gottfried Grandel stößt das Thema Freimaurerei offenbar schon früh auf Resonanz. Er notiert in seinem Archivbericht:
"Als Lorenz Mesch (-1919?-) seinen Kampf gegen die Freimaurerei und seine Aufklärungsarbeit aufnahm, stiess er bald auf einen merkwürdigen, ganz in der Stille arbeitenden Mann mit ganz grossen, weitverzweigten in- und ausländischen Beziehungen; es war der Privatdozent Dr. Köthner in Berlin, Hochgradfreimaurer und schriftstellerisch und noch mehr brieflich sehr tätig." (BArch Berlin: NS26/514, S.593/Bl.8 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Hochgradfreimaurer Dr. Paul Kötner aus Berlin-Halensee/ Paulsbornerstr.27 - 1925 (Fotografie im Privatbesitz / o.Ang.)
Zu dem Berliner Vertreter der völkischen Freimaurerei heißt es in einer Buchveröffentlichung weiter:
"Der Hochgradfreimaurer Dr. Paul Köthner, Privatdozent an der Universität Berlin, hat diese Schrift (-"Auf den Pfaden der internationalen Freimaurerei"-) unter dem Namen Ernst Freymann geschrieben. Dr. Paul Köthner war Mitglied der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland. Er nahm in dieser Loge eine angesehene Stellung ein. Da durch die erwähnte Schrift nicht nur die ausländischen, sondern auch die deutschen Hochgradfreimaurer belastet wurden, geriet er mit seiner Großloge in Meinungsverschiedenheiten und trat aus. Nach außen hat die Großloge ein Beinleiden als Grund seines Austritts angegeben." (Wichtl/Schneider: "Weltfreimaurerei, Weltrevolution, Weltrepublik", S.121 - 1943)
Nachdem also der Germanenbruder Lorenz Mesch offenbar die Vorarbeit leistet, nimmt auch Gottfried Grandel Kontakt zu dem gebildeten, aber still im Hintergrund wirkenden Chemiker Dr. phil. Paul Köthner auf.
Der am Berliner Kaiserplatz 7 wohnende Hochgradfreimaurer der Großen Landesloge ist völkisch motiviert und als Arier überzeugter Antisemit. Er verkörpert hier eine Art Mischform, was das von der NSDAP praktizierte Feindbild gegenüber der Freimaurerei anbelangt.
International vernetzt versucht Dr. Köthner bereits ab 1918, die völkische Ideologie bestimmend mit der Freimaurerei zu verbinden, um auf diesem Fundament eine allarische Weltorganisation zu errichten. Dabei vertritt er die Ansicht, dass die deutsche Geistesrasse berufen sei, den Kampf gegen die Lüge in der Welt aufzunehmen.
Doch nicht nur im Rahmen seiner Freimaurerloge, auch schriftstellerisch bevorzugt Dr. Köthner die Arbeitsform der Zurückhaltung: Unter Pseudonymen wie Raphael‚ Renatus Ram, Der Brückner und Ernst Freymann veröffentlicht er diverse Texte und Publikationen, darunter sich befinden:
• Hermetische Lehrbriefe - Über die Große und die kleine Welt - Licht Ägyptens (1908)
• Godentum und Judaismus - Wegweiser in die deutsche Zukunft (1921)
• Das letzte Geheimnis: Eroberung der Weltrunen, Überwindung der Freimaurerei, das dritte Reich. Mit einem Anhang: Erich Ludendorff als Alchemist(1928)
• Auf den Pfaden der internationalen Freimaurerei (1931)
Doch Dr. Köthner gerät bereits Anfang der 20er-Jahre selbst in die völkisch motivierte Kritik:
"In der April/Mai-Nummer seiner Zeitschrift 'Auf Vorposten' begann 1921 Müller von Hausen, einer der Initiatoren des Kampfes gegen den Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund, seine Enthüllungen über die Entstehung des Schutz- und Trutzbundes und des geheimen 'Bundes'. Er behauptete, die 'Logenbrüder' Jacobsen und Köthner hätten den 'Bund‘ mit dem Ziel gegründet, 'die völkischen Führer nach und nach im freimaurerischen Sinne zu beeinflussen'." (Lohhalm: "Völkischer Radikalismus", S.259 - 1970)
Dr. Grandel sieht sich auch im Fall Paul Köthner motiviert abzuklären, ob es sich hierbei um eine potentielle Gegnerschaft oder nutzbare Verbindung in Bezug auf Adolf Hitlers politisches Engagement handelt und er scheint den Ansätzen Dr. Köthners zu folgen. So notiert er rückblickend in seinem Archivbericht:
"Sein Einfluss reichte weit in die damaligen völkischen und alldeutschen Kreise. Er verbreitete den völkischen Gedanken in der Frmrei (-Freimaurerei-) und erstrebte einen allarischen Verband auf der ganzen Erde, zu welchem Zwecke er Verbindungsmänner in fast allen Ländern hatte." (BArch Berlin: NS26/514, S.593/Bl.8 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
In Dr. Köthners unter Pseudonym im Jahre 1917 verfassten Schrift heißt es hierzu:
"Seit mehr als 7 Jahren verfolge ich die Tätigkeit ausländischer Freimaurerlogen. Ich hatte in Wien, Budapest, Lugano, Rom, Brüssel, Paris, London, auch in Mexiko, Washington gute Freunde unter den Frmrn (-Freimaurern-) und habe selber zum Teil an ihren Tempelarbeiten teilgenommen." (Freymann: "Auf den Pfadern der internationalen Freimaurerei", S.7 - 1931, Sonderdruck aus dem "Mecklenburgischen Logenblatt", Jg.46)

Nürnberger NS-Freimaurer-Museum: Schürzen der unteren Grade der Johannis-Logen, zu der auch die Augsburger Loge Augusta zählte - 1938 (Bayerland-Verlag: "Das Freimaurerlogen-Museum in Nürnberg", S.31 - 1938)
Gottfried Grandel berichtet an das Archiv weiter:
"Ich nahm persönliche Beziehungen zu K.(-öthner-) auf und lernte in ihm einen ungewöhnlich gebildeten und wissenden Mann kennen. Er erwies sich nicht als ein Gegenspieler Hitlers und der NSDAP. 'Arier gegen Nichtarier, übernationale Zusammenarbeit der arischen Völker, Durchdringung der Frmrei (-Freimaurerei-) mit dem arischen Gedanken und dem Wunsche einer friedlichen Verständigung unter den arischen Nationen unter Ausschaltung der Juden.'
Köthner wollte also den Juden die freimaurerische Weltorganisation entreissen und sie gänzlich in arische Hände bringen. Er erreichte auch ganz im Stillen, dass viele Frmr.-Logen keine Juden mehr aufnahmen und die antisemitische Propaganda innerhalb der Logen Raum fand. In Deutschland fand er in Robert (-F.-) Eskau einen eifrigen Mitarbeiter. Köthner starb im Jahre 1927 (-1932-). Die Gründung des 'Deutschvölkischen Schutz- u. Trutzbundes' ist von Köthner ausgegangen. Sein Traum von dem Werden eines 'arischen Weltordens' ging nicht in Erfüllung." (BArch Berlin: NS26/514, S.593/Bl.8 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Die von Dr. Grandel beschriebenen Absichten Dr. Köthners widerstreben den allgemeinen Grundsätzen der Freimaurerei. In einer Stellungnahme zum Erscheinungsbild des Antisemitismus betont der Verein deutscher Freimaurer:
"Darunter versteht man die Bewegung gegen Juden und deren sozialpolitischen Rechte, die nicht neu ist, sondern nur von Zeit zu Zeit stärker hervortritt. Der Ausgang des 19. Jahrh. hat diese Bewegung (-auch durch das Wirken von Theodor Fritsch-) von neuem in Fluss gebracht. Auch in der Freimaurerei hat sie Boden gefasst, wie naturgemäss alle äusseren Strömungen mehr oder weniger Eingang in die Logen finden. Der A.(-ntisemitismus-) hat mit der Freimaurerei nichts zu thun. In ihr haben die Bekenner aller Religionen Platz, da kirchliche Streitigkeiten von ihr ausgeschlossen sind und sie jedem Mitglied seinen Glauben unberührt lässt. Selbst darin liegt noch kein A.(-ntisemitismus-) an sich, dass einzelne Grosslogen verfassungsmässig nur Christen aufnehmen; denn wenigstens in neuerer Zeit lassen sie auch Juden als Besuchende zu, wenn sie in einer anerkannten Loge aufgenommen sind. A.(-ntisemitismus-) ist erst dann in Logen vorhanden, wenn in ihnen, ungeachtet sie sich nicht grundsätzlich auf Christen beschränken, Juden gar nicht oder nur schwer Aufnahme finden. Solcher A.(-ntisemitismus-) ist allerdings thatsächlich am Ende des 19. Jahrh. bedauerlicherweise vorhanden. Allein es ist trotzdem allgemein anerkannt, dass ein Antisemit nicht Freimaurer sein kann. Mit dem Schwinden der äusseren Strömung wird der A.(-ntisemitismus-) auch in den Logen wieder abnehmen. Der Deutsche Grosslogenbund hat 1881 beschlossen, 'angesichts der traurigen, für unsere Zeit unerhörten Vorgänge, die an längst versunkene Jahrhunderte erinnern und die Jahre 1880 und 1881 in den Annalen der deutschen Geschichte als unrühmliche kennzeichnen, es als seine Pflicht zu bezeichnen, alle Bundeslogen in ihren einzelnen Mitgliedern aufzufordern, der sog. antisemitischen Ausschreitung entschlossen und energisch entgegenzutreten'." ("Das Freimaurerlogen-Museum in Nürnberg" - Kaiser: "Das Nürnberger Freimaurerlogen-Museum", S.37 - 1938)
In "Weishaar und der Geheimbund der Guoten" (S.143) heißt es zu Dr. Köthners publizistischen Schwerpunkten:
"Nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte Köthner, zum Teil unter Pseudonym, antisemitische Hetzschriften, griff die 'Freimaurerei' an und unterstützte die Politik Erich Ludendorffs."
Allgemein bekannt wird Dr. Köthner mit einem 1917 im 46. Jg. des Mecklenburger Logenblattes veröffentlichten Artikel "Auf den Internationalen Pfaden der Freimaurer". Darin behauptet er, Freimaurerlogen seien Drahtzieher des Weltkrieges gewesen und in Wien hätten Pläne zur Ermordung des österreichischen Thronfolgers existiert.
Das Buch "Aus der Werkstatt der Freimaurer im Oesterreich der Nachkriegszeit" von 1927 berichtet ab Seite 110 über diesen erwähnten Zusammenhang:
"Äußerst Interessantes hat vor kurzem ein gewesener Freimaurer (-Paul Köthner-) auch darüber zu erzählen gewußt; einiges sei davon angeführt. Gewährsmann ist der Privatdozent für Chemie an der Berliner Universität, Dr. Paul Köthner, der '15 Jahre lang, bis zum März 1921', Mitglied der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland und 'wiewohl er nicht zum Großbeamtenrate gehörte, doch über die wichtigsten Vorgänge unterrichtet' war.
Ex-Bruder Köthner berichtete nun im 'Femstern' (-Jg.1, Nr.8 vom 21. Nebelung 1925 S.6(100)ff.-), einer für den 'Bund der Guten' als Handschrift gedruckten Zeitschrift:
'Ich hatte in den Jahren 1911 bis 1913 - anfänglich noch gutgläubig und arglos - in Logen anderer Städte und Länder Entdeckungen gemacht, die mich aufs heftigste erschütterten und meine ganze bisherige Auffassung von Freimaurerei über den Haufen warfen. Denn ich sah, hörte, erlebte, daß es neben der mir bekannten noch eine andere dieser todfeindlichen 'Freimaurerei' gibt und erhielt 'zufällig' Beweise dafür, daß diese etwas furchtbares gegen Deutschland plante. Aus unvorsichtigen, verlorenen Bemerkungen und durch merkwürdige Umstände hatte ich erlauscht den Plan zur Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand, zum Weltkrieg, zum Sturz der Throne und Altare und manches, was dann bis ins kleinste eingetroffen ist. Mit diesem furchtbaren Wissen ging ich zu dem einzig Zuständigen, zum Landesgroßmeister (-1908-1915-) Graf (-zu-) Dohna , und enthüllte ihm unter vier Augen, was ich mit eigenen Ohren gehört, mit eigenen Augen gesehen hatte. Aber er schien kein Organ dafür zu haben. Diese Unterredung (-vom 28.10.1911-), die einen entschiedenen Bruch mit allen Großlogen des Auslandes und auch vielen des Inlandes hätte einleiten müssen", die aber auch eine offizielle Verständigung des Auswärtigen Amtes durch den 'einzig Zuständigen' oder die anderen 'Großen' der Landesloge zur Folge hätte haben müssen, endete mit der kategorischen Erklärung des Landesgroßmeisters: 'Es gibt nur eine Freimaurerei!'
Bruder Köthner hatte allerlei aus eigenem in den folgenden Jahren und während des Krieges unternommen, um wache Ohren für die furchtbare Wahrheit zu finden, die wie schwerer Alpdruck auf ihm lastete, - überall fand er aber bei den Großen dieselbe 'Instinktlosigkeit', wie er das Nichthörenwollen nennt." ("Aus der Werkstatt der Freimaurer im Oesterreich der Nachkriegszeit", S.110 ff. - 1927 + Freymann:"Auf den Pfaden der internationalen Freimaurerei", S.140 - 1931)
Auch der nach der Revolution mit Dr. Grandel in Verbindung stehende DAP-Mitbegründer Anton Drexler widmet sich der Schuldfrage des Weltkrieges. In seiner ab 1919 von Dr. Grandel vermutlich mitiniziierten Kampfschrift "Mein politisches Erwachen" notiert er:
"Noch immer will man nicht erkennen, daß die ganze Erde vom jüdischen Bolschewismus bedroht ist. Trotz der Frechheit, mit der jüdische Führer das offen aussprechen. So hat in einer Versammlung in Stuttgart 1920 der Jude (-und zionistische Politiker Nahum?-) Goldmann, (-1919 Teilnehmer am Komitee der jüdischen Delegationen in Paris und-) der Redner des Abends, erklärt: 'Es ist richtig, wir Juden haben den Weltkrieg gemacht, wir haben ihn auch beendet. Wir haben auch die Revolution in Rußland und Deutschland gemacht. Und wir werden nicht rasten und ruhen, bis sich der Bolschewismus über die ganze Erde hinweggewälzt hat.' Über diese Offenheit erschrak selbst der Versammlungsleiter, Landgerichtsdirektor (-ab 1921 Essener Landgerichtsrat Hugo?-) Stern, und er hat darauf seinen Rassegenossen öffentlich zurechtgewiesen, da auch Nichtjuden im Saal waren." (Drexler: "Mein politisches Erwachen", Schlussbetrachtung der 4. Auflage, S.65 - 1923)
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Deutsche Annährung an israelische Vertreter zionistischer Interessen: Bundeskanzler Adenauer (m) im Gespräch mit dem Präsidenten der zionistischen Weltorganisation WZO, Nahum Goldmann (l) bei der Aufnahme als Ehrenbürger in das Chaim-Weizmann-Institut - Juni 1966 (Wikimedia Commons, Datei: Konrad Adenauer visit to Israel (997009326897105171).jpg / Carmi, Boris - 1966)
Laut Wikipedia stirbt Paul Köthner 62-jährig am 23. Juli 1932, kurz nach Veröffentlichung seines letzten Buches über Freimaurerei, herausgegeben von Ludendorffs "Tannenbergbund".
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Berliner Grabstelle der Familie Köthner - 2012 (Wikimedia Commons / Zägel, Jörg - Datei: Berlin, Kreuzberg, Bergmannstrasse, Friedrichswerderscher Friedhof, Grab Paul Koethner.jpg v. 1.6.2012)
Zu den Vorbehalten nationaler Kreise gegenüber der deutschen Freimaurerei heißt es 1921 in einer selten offenen Auseinandersetzung vor der Öffentlichkeit:
"Ist die deutsche Freimaurerei international?
Die 'Große Landeslage der Freimaurer von Deutschland' veröffentlicht in der 'Deutschen Tageszeitung' (Nr. 69 vom 11. Februar 1921) folgende Erklärung:
'Die 'Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland' legt zur Wahrung ihres nationalen Ansehens und ihres altbewährten guten Rufes, als treudeutsche Vereinigung streng national gesinnter Männer auf christlicher Grundlage, den allergrößten Wert darauf, wieder einmal nachdrücklich vor der Oeffentlichkeit festzustellen, daß sie nichts gemein hat mit jenen Logen, Geheimbünden und obskuren Vereinigungen, die sich 'Freimaurer' zu nennen erdreisten, aber nichts mit dem altehrwürdigen Orden der deutschen Freimaurer zu tun haben. Auch soll hiermit ein für alle Mal in der Oeffentlichkeit offiziell gesagt sein, daß die 'Große Landesloge' jegliche Verbindung oder Beziehung mit der Freimaurerei der Entente seit 1914 abgebrochen hat und jede internationalistische Tendenz in ihren Kreisen verbietet, soweit es die Entente betrifft oder mit der nationalen Ehre unvereinbar ist. Die 'Große Landesloge' weiß sich in Uebereinstimmung mit den anderen auf nationaler und christlicher Weltanschanung stehenden deutschen Großlogen in der Verachtung aller jener schamlosen Kreise, die in fantastischen Weltverbrüderungsträumen als Pazifisten, oder als Internationalisten gröberen Kalibers, ihre vaterländische Ehre verleugnet oder sich verächtlich gemacht haben. Es bedeutet eine Herabwürdigung der glänzenden und ehrenvollen Geschichte der altpreußischen Großlogen und eine Nichtachtung ihrer für die Entwicklung unseres Vaterlandes bedeutsamen Tradition, wenn die Oeffentlichkeit jene vaterlandlosen Pazifistenkreise und Weltverbrüderungs-Schwärmer mit den altpreußischen Großlogen identtfiziert: Darum erklärt die 'Große Landesloge' ihre Verachtung und offene Gegnerschaft gegen einen Bund süddeutscher Winkellogen, welche sich erdreisten, sich Freimaurer zu nennen; sie hält es für ihre vaterländische Pflicht, auf das gemeingefährliche Treiben dieses Bundes 'Zur aufgehenden Sonne' in Nürnberg aufmerksam zu machen. Diese Winkelloge, die niemals von den deutschen Großlogen anerkannt worden ist, hat seit 1907 mit der Großloge in Frankreich in Verbindung gestanden. Seit dem Kriegsausbruch betteln diese Internationalisten um die Anerkennung bei der Großloge von Frankreich, - also bei jenen verbrecherischen Kreisen, die als poIttische Klubs am eifrigsten zum Vernichtungskrieg gegen Deutschland gehetzt haben. Die Zeitschrift 'Latomia' veröffentlicht in Nr. 1 des 44. Jahrgang vom 20. Januar 1921, S. 5 ff. Leipzig, einen Auszug aus den Verhandlungen dieser Internationalisten-Loge mit der Großloge von Frankreich. Die Röte des Zornes und der Scham steigt jedem Deutschen ins Gesicht, wenn er in diesem Sumpf von Selbsterniedrigung und hündischer Kriecherei sieht. Vielleicht bewirkt diese Veröffentlichung, daß sich auch der Staatsanwalt in Nürnberg einmal mit dieser Gesellschaft im bayerischen Sinne befassen wird. Offenbar noch während des Krieges schreiben die 'Brüder' nach einem wüsten Geschimpfe auf die 'rückständigen' altpreußischen Großlogen wörtlich an unsere Feinde: '... der Weltfriede verlangt so schnell als möglich die Umwandlung des freiheitfeindlichen und gamaschenknöpfigen Deutschlands in eine demokratische Republik oder die Rückkehr des verpreußten Deutschland zum Geiste des alten Deutschland vor Bismark.' - Wer erkennt hier nicht den Pferdefuß? - Nach einer Verteidigung von Liebknecht, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner u. a. m. versichern diese demokratischen Französlinge, 'daß sie bald bedeutenden Einfluß auf die deutsche Maurerwelt ausüben würden, denn es gäbe in den alten Großlogen sehr wohl Maurer, die den reaktionären Geist nicht billigten, aber noch nicht gewagt hätten, mit den allmächtigen Organisationen zu brechen.' Die Große Landesloge versichert, daß diese an Landesverrat grenzende Handlungsweise der Winkelloge allerdings einen Einfluß auf die Große Landesloge und wahrscheinlich auch auf alle in den altpreußischen Großlogen vereinigten Freimaurer haben wird, - freilich einen anderen Einfluß, als jene Vaterlandslosen meinen, nämlich: schärfere Abwehr aller pazifistischen, internationalistischen Anträge von außen, Stärkung und Läuterung und Betätigung des traditionellen deutschen Geistes innerhalb der unterstellten Logen, schärfsten Kampf endlich gegen jede Richtung, die es wagt, sich deutsche Freimaurerei zu nennen und nicht auf dem festen Grunde deutscher, nationaler Gesinnung steht. Möge die nationale Presse, wie hier in diesem Falle, so bei allen Angriffen gegen die altpreußischen Großlogen von internationalistischer Seite her, - die ganze deutsche Welt aufklären, daß uns Welten von jenen Verrätern trennen. Möge die nationale Presse und Oeffentlichkeit uns treu deutsche Freimaurer unterstützen in unserem aufrechten Kampf gegen Lüge und Verrat, und alle diejenigen brandmarken, die unserem ehrlichen Rufe schaden wollen.'
Vorstehender Erklärung der 'Großen Landesloge' fehlt jene Klarheit, die man hätte erwarten sollen, seitdem Millionen von Deutschen mit berechtigten Mißtrauen auf die gesamte Freimaurerei schauen, in rechter Würdigung der Tatsache, daß die internationale Freimaurerei den internationalen Menschheitsbund schaffen wollte, der die gesamte Menschheit zu 'einem Hirten und einer Herde', d. h. zu einer Freimaurerei und einer'profanen', der Freimaurerei ergebenen Herde machen sollte. Die Tatsache, daß viele Deutsche der Freimaurerei mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber stehen, wird auch wohl die Ursache sein, warum die 'Große Laudesloge' den für die Freimaurerei so außergewöhnlichen Weg der Flucht in die Oeffentlichkeit einschlägt, um eben gegen solche berechtigten Gefühle Stellung zu nehmen. Es dürfte zweifellos der 'Großen Landesloge'nich unbekannt geblieben sein, daß Millionen von Deutschen der Freimaurerei nicht trauen. Aber man muß sagen, daß die oben wiedergegebene Erklärung nicht geeignet ist, jenes von der 'Großen Landesloge' gewünschte Vertrauen herzustellen. Im Gegenteil, sie ruft erst recht das Mißtrauen wieder hervor, welches schon seit langem nicht nur gegen die außendeutschen, sondern auch gegen die deutschen Logen besteht.
Zuerst fällt uns in der Erklärung der 'GroßenLandesloge' auf, daß sie sich an der einen Stelle mit sämtlichen deutschen Logen identifiziert, an der anderen Stelle aber nur auf sämtliche 'Altpreußische Logen' als einig mit ihr, zurückgreift. Warum diese merkwürdigen in zwei genau abgegrenzten Teilen vorgenommene Identifizierungen von der 'Großen Landesloge' angewandt wurden, ist ohne weiteres für den Außenstehenden nicht zu verstehen. Der 'Profane' muß sich da unwillkürlich fragen: 'Hat die 'Große Landesloge' vielleicht selbst nicht alles in Ordnung unter den deutschen Großlogen gefunden?-' Und in der Tat, der Eingeweihte weiß, daß auch unter den deutschen Großlogen nicht alles so ist, wie es sein sollte. Selbst die altpreußischen Großlogen, die doch besonders national sein wollen, dürften ihre nationalen Bestrebungen ein wenig kontrollieren. Die 'GroßeLandesloge' gibt doch selber zu, daß sie seit 1914, also erst seit 7 Jahren, jede internationale Beziehung mit der Freimaurerei der Entente abgebrochen hat. Dieser Bruch, falls er faktisch mit der Freimaurerei der Entente getätigt ist, kommt reichlich spät. Weiß doch obige Großloge besonders gut, daß nach dem (-1870-)siebziger Krieg mit Frankreich die französische Freimaurerei auf den Kopf des damaligen Königs von Preußen eine Belohnung von 1 Million gesetzt hat. Und doch hat die Großoge von Deutschland erst 1914, wie sie selber zugibt, jegliche Beziehung mit der Ententemaurerei gebrochen. Dieser Bruch in jeglicher Hinsicht seit 1914 stellt also eine Bestätigung dar, daß sich die deutschen Großlogen vor 1914 international betätigt haben. Und das in demselben Sinne, wie die Ententelogen auch: mit dem internationalen Ziele, die ganze Welt zu einem Hirten und zu einer Herde zu machen. Gerade hierüber findet man in der freimaurerischen Literatur der 'Anerkannten' in Deutschland sehr viel. Sollte man in anerkannten Logenkreisen seit 1914 tatsächlich diesem internationalen Ziele entsagt haben?- Nun denn, die Wahrheit heraus: niemals, bis heute nicht, hat die 'anerkannte' deutsche Freimaurerei, auch die altpreußischen Logen, diesem internationalen Ziele entsagt; denn diesem Ziele entsagen, hieße, den freimaurerischen Tempel schließen, hieße, der Freimaurrrei entsagen. In diesem Ziele ist sich die ganze Weltmaurerei einig, dieses Ziel ist so urwüchsig und wesentlich mit der Freimaurerei verbunden, daß es hieße, die Freimaurerei selbst leugnen, wenn man dieses internationale Ziel der Freimaurerei abstreiten wollte. Und zu diesem Zwecke ist ja der Krieg entfacht, die Revolution gezeugt und Deutschland geknechtet worden. Und dieses Ziel ist auch das, was die deutsche Freimaurerei erstrebt hat, sowohl vor 1914 wie nachher, das Ziel 'des einen Hirten und der einen Herde', die ganze Welt nur eine Nation, nur ein Vaterland!
Nun macht die 'Große Landesloge' auf das gemeingefährliche Treiben des Freimaurerbundes' Zur aufgehenden Sonne' in Nürnberg aufmerksam. Sie erklärt diese Loge als 'Winkelloge', 'die niemals von den deutschen Großlogen anerkannt worden ist'. 'Sie habe seit 1907 mit der Großloge von Frankreich in Verbindung gestanden, um die Anerkennung bei der Großloge von Frankreich zu erlangen'- also bei jenen verbrecherischen Kreisen, die als politische Klubs am eifrigsten zum Vernichtungskrieg gegen Deutschland gehetzt haben. Merkwürdig ist und bleibt eine solche öffentliche Erklärung der 'Großen Landesloge' immerhin; denn was heute die Winkelloge 'Zur aufgehenden Sonne' in Nürnberg tut, hat doch 3½ Jahre lang, Dez. 1770 bis Juli 1774 die 'Große Landesloge' auch getan, d. h. sie hat doch in dieser Zeit ebensogut um die 'Anerkennung' geworben, wie es heute jene Winkelloge von Nürnberg tut. Hierbei ist es tatsächlich einerlei, ob die Anerkennung bei einer englischen oder französischen Großloge nachgesucht und erworben wird. Und ist die 'Große Lankloge' nicht auch von einer ausländischen Loge bestätigt oder anerkannt worden, von der Großloge von England (London) am 16. Juli 1774? - War das nicht gewissermaßen dieselbe internationale Gesinnung, wie sie heute jene Nürnberger Winkelloge zeigt? - Was versteht man nun unter 'Anerkennung' innerhalb der Freimaurerei? - Die 'Profanen',wie die nicht zur Freimaurerei gehörigen Menschen bezeichnet werden, wissen dies wohl meistens nicht, deshalb soll hier die Erklärung eingefügt werden. Unter Anerkennung im weiteren Sinne versteht der Maurer die Bestätigug seiner Provinzloge durch eine Großloge, d. h. diese Loge wird von der betr. Großloge anerkannt, als zu ihrer Oberhoheit gehörig. Im engeren Sinne versteht der Maurer unter 'Anerkennung' die Bestätigung einer Loge nebst Tochterlogen zu einer 'Großloge'. Letztere Anerkennung kann nur durch eine 'anerkannte Großloge'getätigt werden. Da nun die erste oder Ur-Großoge seit 1717 die Großloge von England (London) ist, so laufen auch alle Anerkennungen letzten Endes auf England hinaus. Die Großloge von Frankreich ist von der Urloge anerkannt, diese habe etwa die Großloge 'Zur Eintracht' Darmstadt anerkannt, so ist auch diese Anerkennung letzten Endes durch die englische Ur-Loge erfolgt, da die englische Urloge die 'Großloge von Frankreich' mit der Vollmacht anerkannte, weitere Anerkennungen für sie vornehmen zu dürfen. Durch die 'Anerkennung' wird die Großloge mit ihren Mitgliedern in die internationale'Bruderkette' aufgenommen, und hat durch diese Aufnahme gewisse internationale Verpflichtungen auf sich genommen, die nur durch Auflösung der Großloge mit Unterlogen wieder gelöst werden können. Wenn also die 'Nürnberger Winkelloge' um Anerkennung bei der französischen Großloge bittet, so handelt sie vollständig korrekt vom freimaurerischen Standpunkt aus. Wenn ihr hierüber von der 'Großen Landesloge' Vorwürfe gemacht werden, so ist dies ungerecht und hat tiefere Gründe, wie selbst die meisten Maurer niederer Grade ahnen. Denn durch die Nachsuchung der Anerkennung der 'Nürnberger Loge' an die französische Großloge wird bei Anerkennung die Nürmberger Großloge zur selben Internationalität erhoben wie die 'Große Landesloge' selbst. Doppelt unbegreiflich ist es von der 'Großen Landesloge', daß sie sich von jeder Internationalität seit 1914 freispricht, aber mit demselben Atemzuge sich auf ihre 'Anerkennung' stützt, oder mit anderen Worten sagt: 'Wir verurteilen zwar jede Internationalität seit 1914, sind aber selbst absolut von reinster Internationalität, von reinstem internationalen Charakter, eben dadurch, daß wir auerkannt sind.' Wenn an dieser Stelle scheinbar die Nürnberger Winkelloge in Schutz genommen wird, so geschieht es nur hinsichtlich der ungerechten Forderung der 'Großen Landesloge'. Ebensowenig, wie durch unsere Darstellung die 'anerkannte' Freimaurerei in Schutz genommen werden soll, ebensowenig soll hierdurch ein Wort für irgend eine Winkekloge gesprochen werden. Alle Logen, ob anerkannt oder nicht, sind nicht daseinsberechtigt. Die Existenzberechtigung haben sie sich alle aus eigener Machtvollkommenheit genommen, etwa im selben Sinne wie der Dieb sich fremdes Eigentum aneignet. Interessantes Material für dieses angemaßte Recht bietet die Gründungsgeschichte der Urloge, wobei Anderson und seine Freunde keine glänzende und tugendhafte Rolle gespielt haben. Fürwahr, die sonveräne Gründung der modernen Freimaurerei ist ein recht dunkles Kapitel, welches nicht gut das Tageslicht verträgt! Wenn also die 'Große Landesloge' die Nachsuchung der Anerkennung der Nürnberger Winkelloge ein 'gemeingefährliches Treiben' nennt, so ist dieses durchaus richtig. Aber ist darum das 'Anerkannt'-sein weniger gemeingefährlich, wie das Nachsuchen darum? - Es ist unmöglich, einen Unterschied darin zu entdecken; daher ist man nach dem eigenen Urteil der 'Großen Landesloge' gezwungen zu sagen: 'Sowohl die 'Große Landesloge' wie die 'Winkelloge', wie jegliche Freimaurerei ist gemeingefährich: Wenn man ein wenig die Geschichte der Freimaurerei verfolgt, so sieht man, daß sich im Jahre 1782 auf dem internationalen Freimaurerkongreß zu Wilhelmsbad, doch geradezu die französische Freimaurerei mit der deutschen verbrüdert hat, waren doch sämtliche damalige Großlogen Deutschlands, angefangen von den berüchtigten 'Illuminaten' mit ihren kommunistischen Zielen bis zur 'Großen Landesloge' dort vertreten und feierten eine internationale Verbrüderung sondergleichen. Dort wurde in langen philosophischen Reden auch die 'Religion' der Maurer speziell definiert. Die Religion, zu welcher nach den alten Konstitutionen Andersons alle Maurer verpflichtet sind, weil ihr alle Menschen anhingen (infolge ihres sündigen Triebes). Es ist die Religion des Egoismus oder wie sie damals definiert wurde, frei nach der heidnischen Lehre Sokrates: 'Gerecht und gut ist das, was nützlich ist.' Tatsächlich ein alle Sünden erlaubendes Glaubensbekenntnis. Allmählich versteht man die Internationalität der Freimaurerei, die so stürmisch von der international anerkannten 'Großen Landesloge' bekämpft wird. Außerdem identifiziert sich die 'Große Landesloge' mit sämtlichen anerkannten Großlogen, indem sie sich mit diesen in Uebereinstimmung weiß.' Hierdurch haben wir es also um ein erklekliches leichter, indem wir in unseren Untersuchungen jetzt gewissermaßen der ganzen deutschen Freimaurerei gegenüberstehen, denn die 'Große Landesloge' weiß sich ja mit dieser in Uebereinstimmung, sie haftet daher auch mit für alle Unternehmungen, die von der anerkannten deutschen Freimaurerei unternommen werden." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Rheinischer Merkur, Nr.83, S.1/2 - "Ist die deutsche Freimaurerei international?" v. 10.4.1921)
"In Berlin hatte der Stadtrat Dr. Penzig gegen den Schriftleiter Ackermann von 'Deutschen Tageszeitung', den Major Witt-Hoe und den Großmeister der Großen Landesloge der Freimaurer in Deutschland, Dr. Müllendorf, wegen eines in der 'D. Tagesztg.' erschienenen Artikels 'Logen und Winkellogen' Privatklage angestrengt. In dem Artikel war gesagt, daß, im Gegensatz zu den Logen, die Winkelloge 'Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne'in Nürnberg habe um Anerkennung durch die Grand Loge de France gebettelt, also bei jenen politischen Klubs, die am meisten zum Vernichtungskriege gegen Deutschland gehetzt haben. Das Gericht erkannte auf Freisprechung der Beklagten, da der Wahrheitsbeweis gegenüber der Winkelloge erbracht werden konnte." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Westfälische Zeitung, Nr., S.2 - "Internationale Bestrebungen einer 'Winkelloge'" v. 16.6.1922)
"Das Verhältnis zu Frankreich. Zu unserer Notiz in Nr. 472 des Blattes vom 13. Juni 1922 über internationale Bestrebungen einer Winkelloge wird uns berichtigend mitgeteilt: Es ist nicht wahr, daß das freisprechende Urteil des Gerichts erfolgte, da der Wahrheitsbeweis gegenüber der Winkelloge erbracht werden konnte, wahr ist vielmehr, daß der Freispruch erfolgte, weil die Aktivlegitimation des Klägers zur Klageerhebung fiir eine unbestimmte Mehrheit von Personen nicht anerkannt, dem Beklagten aber die Wahrnehmung berechtigter Interessen (§ 193 Str.-G.-B.) zugestanden wurde. Zu dieser Berichtigung haben wir folgendes zu bemerken: Bereits während des Krieges 1870 hat der Deutsche Großlogenbund alle Beziehungen zu der französischen Freimaurerei abgebrochen. Sie sind auch in den Friedensjahren nicht wiederaufgenommen worden. Noch viel weniger konnte der Großlogenbund daran denken, dies nach den Scheuseligkeiten des Weltkrieges und den Friedensauswirkungen des französischen Hasses zu tun, an denen die französische Freimaurerei so frechen Anteil hat. Da bildete sich in Nürnberg ein pazifistisch eingestellter 'Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne'. Der Deutsche Großlogenbund, dem so ziemlich alle anderen deutschen Logen angehören, hat diese Nürnberger Winkelloge nie anerkannt. Als sie nun gar mit den Franzosen anzubandeln suchte, hat der Großmeister der Großen Landesloge diese Leute öffentlich derart abgeschüttelt, daß die Beleidigungsklage gegen ihn erfolgte. Was der 'Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne' berechtigt, ist juristische Formsache. Vom vaterländischen Standpunkte aus sind die Herren aus Nürnberg nicht gerettet, sondern gerichtet." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Hannoverscher Kurier, Nr.290, S.3 - "Internationale Bestzrebungen einer Winkelloge" v. 23.6.1922)
Über Adolf Hitlers Einstellung zu den Freimaurern wird berichtet:
"Die auf die Zeit der Aufklärung zurückgehende Freimaurerei (erste Grossloge: 1717 in London; deutsche Mitglieder u. a. Friedrich der Grosse, Fichte, Goethe, Mozart) wurde nach dem Beispiel der römisch-katholischen Kirche sowohl von Hitler für Deutschland als auch von Stalin für die Sowjetunion verboten. In Hitlers Sicht war die - mit insgesamt 6,2 Millionen Mitgliedern in aller Welt, insbesondere aber in den USA, aktive - Freimaurerei ein 'stark wirtschaftlich und politisch interessierter überstaatlicher Zweckverband unter amerikanisch-jüdischem Einfluss'. Bei Hitlers spektakulärer Schliessung der Freimaurerlogen in Deutschland am 17. August 1935 stellte es sich heraus, dass es insgesamt nur etwa 60.000 deutsche Freimaurer gab." (Henry Picker: "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier", S.77 - 1976)
Dr. Grandel nimmt im Jahre 1941 erneut Kontakt auf zu Dr. Köthners ehemals "eifrigen Mitarbeiter", dem Kaufmann Robert F. Eskau aus Hamburg. Im Rahmen der juristischen Auseinandersetzung um Nachzahlungen aus dem bereits 1932 geschlossenem DOG-Ausstiegsvertrag benennt er ihn zu seinem Vertrauensmann für die Verhandlungen mit der Hamburger Ölfabrik, dessen Teilhaberschaft er für gut zwei Jahre inne hatte.

Einschreiben Dr. Grandels an seine ehemalige DOG-Teilhaber v. 7.1.1941
Über Robert F. Eskau heißt es:
"Zudem verbreitete er die Idee seines Freundes, des Freimaurergegners Robert Eskau aus Hamburg, der eine 'Reinigung innerhalb der Freimaurerei' anstrebte. Eskau wollte damit das 'beschämende Niveau' der Freimaurerei in Deutschland heben." (Heydemann: "Sachsen und der Nationalsozialismus", S.274 - 2014)
Der Hamburger Kaufmann Eskau tritt innerhalb der völkischen Szene 1925 deutlich in Erscheinung. In seiner Hermanns-Botschaft, die im Namen anonymer Hermannsöhne ab Ostern 1925 herausgegeben wird, führt er u.a. öffentliche Kritik gegenüber dem Führer des Alldeutschen Verbandes, Justitzrat Heinrich Class. Seine Anwürfe bleiben nicht ohne Wirkung, auch Dr. Köthner äußert sich:
"Wenn das ein Anderer tut (hier Alfred Roth) und dabei Eskau persönlich massregelt (öffentlich), so schneidet er das Band mit ihm entzwei; denn jetzt wird er nur noch schärfer seinen Standpunkt (u.a. gegen die Alldeutschen) behaupten und schadet damit dem einmütigen Wirken einer völkischen Führerschaft ungeheuer. Kurz: man darf Männer wie Eskau nicht isolieren.- Dies nur ein Beispiel für viele. Wir kommen nicht darum herum: Jeder, der in der Oeffentlichkeit als völkischer Führer wirkt, ist jedem anderen Führer verantwortlich, und Alle sind für ihn verantwortlich, selbst bei grösster Zerrissenheit innerhalb der Führerschaft gilt das; denn wir sind nun einmal aneinandergekettet, auf Gedeih und Verderb! Ob wir uns achten und vertrauen, oder verachten und misstrauen: wir müssen 'am selben Strang ziehen' - müssen 'am selben Loch bohren', sonst legen wir die Kerkerwand niemals nieder." (BArch Berlin: R8048/350 )

Eskaus Publikation: Die Herrmannssöhne
Über die mit Gottfried Grandel im Jahr 1923 eng verbundenen Vertreter des Alldeutschen Verbandes heißt es:
"Paul Bang erklärte, er habe gegenüber Ludendorff, den er 1919 im Zuge seiner engen Verbindungen zu Wolfgang Kapp und Waldemar Pabst kennengelernt hatte, bereits seiner Zeit erklärt, dass er 'selbst zur Freimaurerei ohne jede Beziehung' sei. Ludendorff halte sich jedoch von ihm und Claß bewusst fern, weil Ludendorff überzeugt sei, dass Claß Freimaurer sei." (Claß/Hofmann: "Politische Erinnerungen", S.625 FN 206 - 2022)
Heinrich Dolle - der Wanderredner aus Westfalen
Auch der Veranstaltungsredner Heinrich Dolle, der während seines mehrmonatigen Aufenthaltes bei Dr. Grandel im Jahre 1922 "die Gedanken des Nationalsozialismus(...) in sich aufnehmen" konnte, steht in Kontakt mit dem Regensburger Architekten Lorenz Mesch, dem Berliner Dr. Paul Köthner und dem Münchener General a. D. Erich Ludendorff. Das Thema der Freimaurerei im Verhältnis zum Judentum ist ihm hierbei ein besonderes Anliegen. So schreibt Heinrich Dolle in einer kurzen Publikation:
"Dieser schriftliche Bericht über Weltfreimaurerei und Judentum ist nicht für den Büchermarkt bestimmt. Er wird als Handschrift gedruckt und ist als Brief zu betrachten, der an den Empfänger selbst gerichtet ist. Dieser Brief-Bericht wird gegeben, weil es nötig ist: Seit 1920 habe ich rund tausendmal in öffentlichen Versammlungen über dieses Gebiet menschlichen Leids gesprochen und Wege der Beseitigung gewiesen, in allen Gauen des Deutschen Reiches und im Auslande. Seit 1920 bin ich immer wieder gebeten und bedrängt worden - von den Hörern meiner Vorträge - um diesen schriftlichen Bericht. Denn es fehlt auf diesem Gebiet eine klare, wahre, sachliche und doch kurze Darstellung." (Dolle: "Weltfreimaurerei und Judentum", Vorwort zur ersten Auflage von 1927 - 1934)

Wanderredner Heinrich Dolle - 1918 (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584 - Artikel aus: General-Anzeiger für Krefeld und den Niederrhein, Nr.3, S.2 v. 17.01.1920)
In einem Brief des gut vernetzten Westfalen an Erich Ludendorff beschreibt Heinrich Dolle die von ihm geplante Verbindungsaufnahme seines Freundes Dr. Paul Köthner zu Erich Ludendorff, um ihn für weitere Informationen zu Ludendorffs geplantem Buchprojekt zu gewinnen. Heinrich Dolle vermerkt:
"Sie werden wohl Recht behalten, weder von K.(-öthner-) noch von M.(-esch-) Nachricht zu bekommen. M.(-esch-) ist von anderen völkischen Männern (-Alfred Roth-) zu schwer verletzt; will nun nichts mehr tun.
K.(-öthner-) schreibt mir: ‘Was (-Wilhelm-) Marten über Freimaurer hatte und bearbeitete, hat er von mir erhalten (-'Freimaurerei und Goldene Internationale', 1917-); das habe ich als mein Eigentum zurück bekommen. Leider nicht alles. Im übrigen verwertete Ludendorff bereits Martens Veröffentlichungen, wie auch meine: 'Auf den Pfaden der internationalen Freimaurer'(-ei. Sonderabdruck aus dem Mecklenburger Logenblatt. 46. Jahrgang-).
Also könnt Ihr ihm an Material durch mich nichts Neues bringen.'" (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief von Heinrich Dolle an Erich Ludendorff v. 29.9.1927)
Der mittlerweile in München arbeitende Architekt Lorenz Mesch ist sich in seiner Mitteilung an Heinrich Dolle vom 1. Oktober 1927 hingegen sicher, dass General Erich Ludendorff den Kampf gegen die Freimaurerei "vollständig falsch aufgezäumt" habe, er selbst dies "unter keinen Umständen mittun" könne und "Ludendorff in dem Kampf gegen die Freimaurerei unterliegen" werde.
In einem undatierten Gutachten über Ludendorffs Buch "Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse" führt Lorenz Mesch über "das Wesen" und "die Kampfesart(...) der geheimen Gesellschaften" nach fast 10-jähriger Zuarbeit enttäuscht aus:
"Der Titel des Buches zeigt schon, daß Ludendorff die Gefährlichkeit und Macht der Geheimgesellschaften nicht erkannt hat. Wie kann z. B. ein Buch, welches die Gefährlichkeit des Fuchses zeigt, denselben auch vernichten? Durch Veröffentlichungen wird nichts vernichtet.(...) der Kampf wird nicht auf dem Papier geführt, was Ludendorff schon längst wissen sollte."
In seinem Schreiben an Erich Ludendorff schreibt Heinrich Dolle über Dr. Köthner etwas resigniert:
"Ich habe die Gewissheit, dass K.(-öthner-) viel zu Unrecht verdächtigt und verläumdet wurde, besonders von unsern deutschvölkischen Menschen. Diese Säuche der üblen Nachrede hat uns den Hals gebrochen: beste Kräfte sind niedergeschlagen.- K.(-öthner-) verdiente Vertrauen, dann wäre er ein selten guter Helfer. Wie so mancher noch, der sich seit Jahren auf sich allein gestellt sieht, sich zerquält in einem, seinem kleinen Kreis, den er überschauen kann; der nicht Deutschland ist, aber Deutschland retten soll." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief von Heinrich Dolle an Erich Ludendorff v. 27.9.1927)
1933
Durch die Machtübernahme der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei werden ab 1933 die Freimaurerlogen verboten, Logenhäuser und Vermögen beschlagnahmt, Mitglieder verfolgt, diskriminiert und staatsbürgerlich deklassiert.
Auf der heutigen Internet-Präsenz einerer betroffenen Loge aus Nürnberg heißt es:
"Die Loge wurde zwischen 1934 und 1935 aufgelöst, und viele Mitglieder wurden im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung in Konzentrationslager verschleppt. In dieser Zeit entstand auch das Anti-Freimaurermuseum im Logenhaus Hallerwiese." (freimaurer-nuernberg.com: "Geschichte der Loge 'Joseph zur Einigkeit")

Freimaurer-Museum in Nürnberg - 4. September 1938 (Atlantic-Photo, Nr.79-3-79-65/4529a)
Heinrich Dolle veröffentlicht im Laufe der Jahre einige Schriften, so auch eine Abhandlung über "Weltfreimaurerei und Judentum" von 1933, in der es im Vorwort heißt:
"Das Frühlingsahnen einer neuen Zeit, der Deutschen Zeit, wehte hindurch; ein Regen der Kräfte des Ewigen Deutschen aus der Wurzel, der Ur-Zell und Ur-Seele. Unser Volk soll wieder leben und auf den Höhen der Menschheit wandeln, wenn es wieder findet zur deutschen Mutter-Erde, zum deutschen Vater-Land: zum Boden!"
General a.D. Erich Ludendorff - der bekannteste Gegner der Freimaurerei
Von völkischen Vertretern wie Mesch, Dolle und Köthner unterrichtet, führt Erich Ludendorff seinen Kampf gegen die internationale Freimaurerei. Auch nach seiner These sind Freimaurer-Logen verantwortlich für das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo, welches 1914 den ersten Weltkrig auslöst. Doch im Gegensatz zu Köthner, Mesch und Grandel lehnt er auch die Germaischen Logen ab. In der Buchbesprechung zu Sebottendorffs 1933 erschinenen Ausgabe von "Bevor Hitler kam" heißt es:
"Rudolf v. Sebottendorff, der auch türkischer Untertan war, leitet sein Buch mit einer Betrachtung über Freimaurerei und 'Germanische Logen' ein, lobt diese natürlich bis in den Himmel, während wir sie genauso ablehnen wie jene. Wir halten nichts von dem sogenannten 'Ariogermanischen Weistum'. Wir wissen, daß zwar die sogenannten 'Germanischen Logen' gegen Juda kämpfen, dass sie aber nur zu oft von römischer Seite für römische Zwecke ausgenutzt werden, ohne daß die Mitglieder das ahnen, - ganz so wie viele Freimaurer nicht wissen, welche Rolle sie im jüdischen Weltenplan zu spielen haben. Außerdem binden diese Orden ihre Mitglieder für Lebenszeit durch Gelübde." (Buchbesprechung aus Erich Ludendorffs Halbmonatsschrift: "Am Heiligen Quell Deutscher Kraft" - Juni 1934)
Der Weltkriegsgeneral fühlt sich schließlich in seiner politischen Arbeit durch Freimaurer bedroht, was 1928 durch Aufnahme gerichtlicher Voruntersuchungen zum Ausdruck kommt:
(Geh.Staatsarchiv PK: I. HA Rep. 84a, Nr. 55224 - Untersuchungssache wegen angeblicher Bedrohung des Generals der Infanterie Erich Ludendorff durch Freimaurer - 1928/29)

General a.D. Erich Ludendorff - 1921 (BArch: Bild 183-R41120 / o.Ang.)
Der NS-Staat setzt ab 1933 um, was er über Jahre im Vorwege ausgearbeitet hat. So heißt es 1938 in einem ausstellungsbegleitenden Buch:
"Hart waren die Hände, welche die Logentüren aufrissen und nun in den ehemaligen Tempeln eine Schule errichteten, in denen der deutsche Mensch die Freimaurerei ohne Mantel, ohne Schleier, ohne Phrase und ohne Vertarnung kennen und bekämpfen lernen sollte. Hart war der Wille, der diesen Kampf in Deutschland zum siegreichen Ende führte. Die Logen hatten lange Zeit, sich selbst aufzulösen. Da sie es nicht taten, wurden sie geschlossen und mit ihren Einrichtungen beschlagnahmt." (Bayerland-Verlag: "Das Freimaurerlogen-Museum in Nürnberg", S.49 - 1938)

Nürnberger NS-Freimaurer-Museum: - 1938 (Bayerland-Verlag: "Das Freimaurerlogen-Museum in Nürnberg", S.31 - 1938)

(Bayerland-Verlag: "Das Freimaurerlogen-Museum in Nürnberg", S.31 - 1938)
Waren in den vorherigen Jahrzehnten und Jahrhunderten die Freimaurer mit ihrer Symbolik noch selbstbewusst in Erscheinung getreten, führen ihre Strukturen in der Phase der nationalsozialistischen Diktatur einen sprichwörtlichen Kampf ums Überleben.

Verbunden über den Tod hinaus: Freimaurersymbol auf dem Grabstein (Fotografie im Privatbesitz)
Lorenz Mesch: Das NS-Verhältnis zur Astrologie
(312-1920) Die Beschäftigung mit dem Thema Nationalsozialismus führt unweigerlich in das Spektrum der Astrologie; auch Gottfried Grandel weist Bezüge zur mystischen Zukunftsdeutung auf.
Der Augsburger Ölfabrikant Gottfried Grandel ist durch den Kontakt zu Mitgliedern des Germanen-Ordens eng mit Kulten verbunden, die für Außenstehende ungewöhnlich erscheinen. So praktiziert er u. a. das ritualisierte Mondbaden und erhofft sich dadurch heilende Kräfte in allen Lebensbereichen.
Aus der astrologischen Bibliothek des Rudolf Glauer/v. Sebottendorff dürften ihm dabei Bücher wie Sonnen- und Mondorte (1922) sowie Die Geschichte der Astrologie (1923) geläufig gewesen sein.
Nach seinem unfreiwilligen Fortgang aus München zum 31. Juli 1919 gibt der ehemals bayerische Leiter des Germanen-Ordens über das Theosophische Verlagshaus in Leipzig im Jahre 1921 auch ein überarbeitetes Buch zur Hilfshoroskopie heraus. Es umfasst die Themen der Jahres-, Geburtstags-, Progressions- und Lunationshoroskope.
Als Augsburger Doktor der Chemie kann Gottfried Grandel auch der Astrologie etwas abgewinnen. Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts notiert im Jahre 1924 über seine Aussagen als Angeklagter vor dem Berliner Landgericht:
"Alle Schauspieler sind bekanntlich abergläubisch, und das ist auch Herr Dr. Grandel. Er hat sich das Hososkop für Lebenszeit stellen lassen, und er ist überzeugter Astrologe." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.255, S.5 - "Politische Abenteurer" v. 1.6.1924)
In einer zuvor erstellten gerichtsmedizinischen Begutachtung wird zu der astrologischen Ausrichtung hervorgehoben:
"Außerdem hat er noch einen besonders schweren Schlag dadurch erlitten, daß (-im Sommer 1921-) ein Kind (-Gottfried jr.-) von ihm in einem (-Eis-)Bach, der durch seinen Garten fließt, ertrank. Es soll ihm kurz vorher durch das Horoskop prophezeit worden sein, daß das Kind durch eine Flüssigkeit zu Schaden kommen werde. Seitdem ist Grandel von der Richtigkeit des Horoskops überzeugt. Von dieser Überzeugung ist es nur ein Schritt bis zur Beschäftigung mit okkulten Dingen und Problemen der Hypnose."(Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.253, S.4: "Justizrat Claß als Zeuge" v. 28.5.1924)

Ausschaltung des Denkens: "Induziertes Irresein durch Occultlehren" von Marianne Ludendorff - 1929
"1921 habe Dr. Grandel sein zweijähriges Söhnchen (-Gottfried jr.-) verloren, und dieses Ereignis war ihm durch ein Horoskop vorausgesagt worden. Diese Tatsache habe ihn zum Mystizismus und Okkultismus verleitet. Er beschäftige sich mit Astrologie." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Berliner Volks-Zeitung, Nr.253, S.2 - "Der Prozeß Thormann-Grandel" v. 28.5.1924)
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Am dem privaten Garten angrenzenden Eisbach: Gottfried Grandel mit seinem zweiten Sohn Gottfried, wenige Wochen vor dessen Ertrinkungstod am 16. Juni 1921 (Fotografie im Privatbesitz)
In einem allgemeinen Text zur Astrologie bemerkt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff im Jahre 1920:
"Hast Du Kinder, so wird das Horoskop Dir zeigen, welche Fähigkeiten und welche Mängel vorhanden sind: Du wirst imstande sein, die Dir anvertraute Seele zu formen; Du kannst Schwache stark machen und wirst erfahren, wie Du Dein Leben am nützlichsten für Dich und die große Sache leben kannst. - Fürchte nicht, daß wir mit mittelalterlichem Formelkram Dich abquälen werden, vertraue uns, daß wir Dich zum Licht führen werden. Wir verlangen nichts weiter von Dir, als vorurteilslos zu prüfen, an Dir selbst sollst Du lernen." (Ringende Jugend, 1. Jg., 7.Bl., 21.November/Nebelung 1920; S.3)
Der mit Gottfried Grandel eng befreundete Bochumer Amtsrichter a. D., Dr. Arnold Wagemann, vermerkt in einer gerichtlichen Stellungnahme über die charakterliche Prägung Dr. Grandels:
"Ausser diesen Eigenschaften lernte ich schon früh eine mir fremde mystische Richtung an ihm kennen, die ich in einem Schreiben an Herrn Medizinalrat Dr. Störmer bereits erwähnt hatte. - Jetzt ist mir bei meinem Aufenthalt in Berlin seine fabelhafte Beeinflussbarkeit (Suggestibilität) wieder sehr aufgefallen, die um so bedenklicher ist, als er sich für einen sehr gefestigten Willensmenschen hält." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.235, Bl.2 - Arnold Wagemanns "Erklärung in der Untersuchungssache Grandel" v. 2.3.1924)
Das Horoskop bezüglich seines 1921 verstorbenen Sohnes könnte Dr. Grandel auch von dem Regensburger Architekten und Astrologen Lorenz Mesch erstellt worden sein, zu dem er laut Heinrich Dolle schon 1919 engen Kontakt pflegt. In Heinrich Dolles Aufzeichnungen heißt es zu diesem Zeitraum:
"(-Dr. Gottfried-) Grandel zur Seite standen (-Lorenz-) Mesch und (-Dr. Arnold-) Ruge." (Stadt- und Kreisarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle)

In den 20er-Jahren Regionalleiter des Germanen-Ordens: Der Regensburger Architekt Lorenz Mesch - 1920 (Stadtarchiv Regensburg: Familienbögen - Portrait Karl Lorenz Mesch, 22.8.1885-1967/68, Maldfriedhof München)
Lorenz Mesch als Leiter des regionalen Germanen-Ordens und Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes liefert zu Beginn der 20er-Jahre vielen Nationalsozialisten persönliche Horoskope. Doch nicht nur Lorenz Mesch beschäftigte sich mit der Astrologie, auch Rudolf Glauer/ v. Sebottendorff gibt sich zu dieser Zeit als fachkundig. In seinem Buch Geschichte der Astrologie geht er auf Uhrzeit und Altertum der Sterndeutung ein.
Nach anfänglichem Zögern benennt Gottfried Grandel im Rahmen der medizinischen Begutachtung vom März 1924 den Namen seines vermeintlichen Astrologen. Der Gerichtsgutachter notiert:
"Zum Punkte der astrologischen Studien äussert sich G.(-randel-) dahin, dass er durch einen Bekannten (-Lorenz Mesch/Rudolf Glauer/v. Sebottendorff?-) auf den Schriftsteller (-Kurt-) Paehlke (-Weishaar, Führer des Bundes der Guoten, BArch Berlin: R58, 7275-), Johanniterstrasse 1, aufmerksam gemacht worden sei. Es seien ihm auch dessen Schriften zugegangen und durch deren Lektüre bewogen, hätte er sich von P. (dessen Name er mir ursprünglich nicht nennen wollte) ein Horoskop stellen lassen. Darin hätte P.(-aelke-) ihm prophezeit, dass seinem jüngsten Kinde im Juni 1923 (-1921-) 'durch Flüssigkeit' eine Gefahr drohen würde. Darauf hätten er und seine Frau nichts gegeben. Sie seien (-am 14.6.1921-) nach Walchensee gereist und nachdem sie kaum einen Tag dort gewesen seien, kam die Nachricht, dass das Kind im Gartenbach (-Eisbach-) ertrunken sei. Nachdem sich das Horoskop des P.(-aehlke-) so glänzend bestätigt hätte, habe er sich von P.(-aehlke-) ein Dauerhoroskop stellen lassen um nachzuprüfen, ob P.(-aehlke-) imstande sei, ihm unbekannte Dinge aus seiner (G's) Vergangenheit richtig zu zeigen und das ist auch eingetreten. Seitdem habe er ein Zutrauen zu der Astrologie, zumal ihm auch gesagt wurde, unter welchen Sternen er geboren sei. Durch entsprechende Lektüre hätte er sich weitergebildet." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.266-267/Bl.17-18 - Prozessakte Thormann-Grandel, Gutachten des Medizinalrates Dr. Stoermer über Gottfried Grandel v. 25.3.1924)

Rudolf Glauer/v. Sebottendorf: "Praktischer Lehrgang zur Horoskopie" aus dem Theosophischen Verlagshaus Leipzig - 1922 (Fotografie im Privatbesitz)
Das ürsprüngliche Zögern Gottfried Grandels in der Astrologenbenennung mag mit dem Geheimlogen-Hintergrund zusammenhängen. Denkbar wäre auch, dass Rudolf Glauer/v. Sebottendorff hier für Dr. Grandel tätig wurde, was dieser, ohne mediales Aufsehen in Bayern zu erregen, nicht hätte kundtun können. Zu Kurt Paehlke notiert die NSDAP in einer späteren Untersuchung:
"(-Kurt-) Paehlke hat nach dem Bericht der Preussischen Zeitung vom 31.5.1936 bereits vor oder im Kriege in Königsberg Pr., als er ein Briefmarkengeschäft und Sterndeuterei betrieb, einen Germanenorden gegründet, als dessen Meister vom Stuhl er in Berlin (Johanniterstr.1) Wohnung nahm. Dieser Orden ist in der Folge in einen 'Bund der aufrechten Männer' umgewandelt worden. Später - etwa 1922 - ist hieraus der 'Bund der Guoten' entschtanden." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 58/7275, S.22 v.)
Adolf Hitlers frühes Verhältnis zur Astrologie ist hingegen nicht eindeutig belegt. Einen bedeutenden Einfluss dürfte auch hier der Regensburger Architekt und Astrologe Mesch ausgeübt haben. Lorenz Mesch selbst berichtete laut einer astrologischen Zeitung davon, schon 1919 mit Adolf Hitler in Kontakt gekommen zu sein.
Auch der mit Gottfried Grandel in enger Fühlung stehende Westfale Heinrich Dolle hat starke Bezüge zu der Vorhersehung. An den Lorcher Verleger Karl Rohm notiert er am 27. Mai 1927:
"Ihr kommt dann wohl auch mehr dahin, wie ich, anzunehmen, daß der Parlamentsmist am sterben ist, und damit auch der Staat, und damit auch der Kapitalismus. Und daß das alles kosmisch bedingt ist. Und daß dann die deutsche Zeit beginnt."
Das Wirken der Astrologen während der nationalsozialistischen Diktatur ruft zunehmend Unbehagen unter den politischen Funktionsträgern hervor. Selbst der Lorenz Mesch über Jahre nahestehende Heinrich Himmler stellt fest:
"Es tut mir leid, daß ich Sie habe einperren lassen müssen, aber das mit der Astrologie in aller Öffentlichkeit ging nicht mehr so weiter. In der breiten Öffentlichkeit darf die Astrologie nicht mehr gestattet werden. Alles, was damit im Zusammenhang stand, hätte verboten werden müssen. Es wurde ein großer Unfug damit getrieben. Friedrich der Große hat das auch verboten während des Siebenjährigen Krieges. Er ließ Wahrsager, Astrologen, Handleser und Pastoren kommen und verwarnen; wenn sie gegen den Krieg und seine Politik Aussagen machten, würde er sie einsperren.(...) Wir können nicht dulden, daß sich außer uns noch jemand mit der Astrologie beschäftigt. Die Astrologie muß im nationalsozialistischen Staat 'Privilegium singulorum‘ bleiben und ist nicht für die Volksmasse." (Wulff: "Tierkreis und Hakenkreuz - Als Astrologe an Himmlers Hof", S.154 - 1968)
Im Ringen um die Existenzberechtigung innerhalb des NS-Staates nimmt die XVI. Reichstagung deutscher Astrologen in Starnberg bei München (27.08.-1.9.1938) eine besondere Beachtung durch die NS-Sicherheitsbehörden ein. Schon im Vorjahr war ...
„die Teilnahme am Intern.(-ationalen-) Astrologiekongress als staatspolitisch bedenklich"
... erachtet worden. Den deutschen Teilnehmern wurde durch Nichtauszahlung der Devisen und Einziehung der Pässe die Teilnahme in Paris unmöglich gemacht. SS-Rottenführer Otto Arnold, abgestellt für die Beobachtung der astrologischen Versammlung in Starnberg, notiert am 15. September 1938 in einem zusammenfassenden Bericht sarkastisch :
"Die Tagung in Starnberg stand aber unter keinem glücklichen Stern. Als schwerer Schlag wurde von den Tagungsteilnehmern allgemein empfunden, dass der 1. Vorsitzende der A.(-strologischen-)Z(-entrale-), Dr. jur. Hubert Korsch, an diesem Reichstreffen infolge eines Unglücksfalles nicht teilnehmen konnte. Welcher Art dieser Unfall, der schon einige Tage zurückliegen soll, war, konnte nicht ermittelt werden und selbst Seidenschwang konnte darüber keine näheren Angaben machen. Über diesen Unglücksfall schwebte während der ganzen Versammlung geheimnisvolles Dunkel. Die XVI. Reichstagung in Starnberg wurde am Samstag, den 27.8.38 vormittags 11 Uhr mit einer Pressekonferenz im Hotel Bayerischer Hof durch Seidenschwang in Uniform als SA-Standartenführer eröffnet.(...) Es war offensichtlich, dass Seidenschwang nur als Aushängeschild und vorgeschobene Figur handelte." (BArch R58/6209, S.521)
In einem weiteren Bericht des SD-Führers des SS-Oberabschnitts-Süd an das Sicherheitshauptamt Abteilung II 113 vom 15. November 1938 heißt es dazu weiter:
"Nach Angaben des (-Lorenz-) Mesch wurde der Vorsitzende der Astrologischen Zentrale e.V., Düsseldorf, Dr. jur. Hubert Korsch, Düsseldorf, kurz vor der Starnberger Tagung in Düsseldorf festgenommen."(Barch R 58/6209, S.2)
Der gut informierte Architekt Lorenz Mesch nimmt in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung wahr. SS-Rottenführer Arnold notiert dazu in seinem Bericht auf Seite 11 über die "besonders aktive Astrologen":
"(-Lorenz-) Mesch wurde absichtlich als Vertrauensmann der Geh. Staatspolizeistelle München zur Tagung entsandt. Seine Mission war jedoch im Kreise der Tagungsteilnehmer allgemein bekannt, da er sich selbst als von der Geheimen Staatspolizei entsandt überall zu erkennen gab. Mesch ist mit dem Reichsführer-SS (-Heinrich Himmler-) persönlich gut bekannt und pflegt in erster Linie erst diesem zu berichten, um dann ungefähr 8 Tage später seinen Bericht an die Staatspolizei abzugeben. M.(-esch-) macht den Eindruck eines fanatisch gläubigen Anhängers der Astrologie, der im Gegensatz zu vielen anderen Astrologen nicht auf einer gewissen mathematischen Grundlage arbeitet, sondern der bei der Deutung von Horoskopen rein gefühlsmäßig entscheidet. Bezeichnend dafür war, dass er den Vortrag über die Astrologie der arischen Inder als den besten der ganzen Vortragsreihe bezeichnete, da hier alle Entscheidungen rein aus dem Gefühlsmässigen heraus getroffen werden. Der Obengenannte erzählte mir, dass die Astrologie besonders Freunde in den Reihen der NS-Formationen, des Militärs und der Polizei habe, das hätte er aus dem Horoskop ersehen. Aus einer Unterredung zwischen Mesch und einem anderen Astrologen konnte ich entnehmen, dass M.(-esch-) vom 1. Vorsitzenden der A.Z., Dr. Korsch, in einem Schreiben ersucht worden sei, seinen ganzen Einfluss bei den führenden Persönlichkeiten aus seinem Bekanntenkreis geltend zu machen, um diese zu einer versöhnlichen Haltung gegenüber der Astrologie zu bewegen." (BArch R58/6209)
Flug nach England
Rudolf Heß, Stellvertreter des Führers (StdF), Reichsminister und oberste Instanz der NSDAP, hatte seinen eigenen Zugang zur Astrologie gefunden.
Augsburger Privatflughafen der Messerschmitt-Werke
Laut Wikipedia-Eintrag "Aktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften" heißt es:
"Am 10. Mai 1941, um 18:10 Uhr, startet Heß mit einer Messerschmitt Bf 110 vom Fliegerhorst Haunstetten bei Augburg in Richtung Schottland.(...) Sein Friedensangebot fand kein Interesse und er geriet in britische Kriegsgefangenschaft." ("Skandal und Diktatur", Martin Sabrow):
"Am Vormittag des 13. Mai 1941 meldete der britische Rundfunk, daß der Stellvertreter des Führers nach einem nächtlichen Alleinflug mit dem Fallschirm in Schottland abgesprungen sei, sich unverletzt gefangen gegeben habe ..." (Wilhelm Muehlon: "Tagebuch der Kriegsjahre 1940-1944", S.450)
"Gestern abend erscheint eine Messerschmitt 110 über Schottland in Richtung Glasgow. Das Flugzeug wird gemeldet, die Nachricht zuerst nicht geglaubt, weil eine Messerschmitt 110 nicht genug Brennstoff zum Rückflug mitführen könnte. Ein Bauer sieht einen deutschen Offizier aus dem Flugzeug im Fallschirm abspringen ..."
Nach dem Englandflug von Rudolf Hess wird eine Anzahl von Astrologen im Juni 1941 von der Gestapo verhaftet und schließlich in ein "Arbeitslager für Spezialisten" deportiert. Laut "Astrologie und Aufklärung" (S.314) notiert der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Josef Goebbels, dazu in seinem Tagebuch:
"19.5.1942. Berndt hat einen Plan aufgestellt, wie wir die Hilfe des Okkultismus in unserer Propaganda nutzen können. Da kommen wir weiter. Die Engländer und Amerikaner fallen leicht auf soetwas herein. Deswegen pressen wir alle Experten für okkulte Prophezeiungen in den Dienst, die wir finden können. Nostradamus muß wieder herhalten, um zitiert zu werden."
SS-Standartenführer Berndt wird in einem Vermerk vom 15. Mai 1939 mit folgendem Standpunkt zitiert:
"... dass es sich beim astrologischen Schrifttum um Veröffentlichungen handelt, die man nicht kulturell betreuen, sondern nur polizeilich behandeln kann, nämlich als organisierte Volksverdummung." (BArch Berlin R58/6209, S.535)
"Der Kampf zwischen Tierkreis und Hakenkreuz war entschieden. Der Nationalsozialismus war zerbrochen und verschwunden. Die Astrologie, wenn auch in Deutschland um Jahrzehnte zurückgeworfen und noch immer umstritten, blieb." (Wilhelm Wulff: "Tierkreis und Hakenkreuz", S.232)
Zu den ausschließlich geladenen Gästen, die einem Vortrag Gottfried Feders im Sterneckerbräu folgen, gehört auch das astrologisch versierte Thule-Mitglied Dr. med. Wilhelm Gutberlet. Dieser gilt, als damaliger Gesellschafter des im Eher-Verlag erscheinenden Völkischen Beobachters, zusammen mit Chemiker Gottfried Grandel, Verleger Julius F. Lehmann und Zahnarzt Friedrich Kohn (Mitgl. NSDAP/Germanen-Orden) zu den frühen finanziellen Förderern Adolf Hitlers.
(Weber: "Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde", S.321 - 2016)
Zum frühen NS-Förderer Dr. Gutberlet heißt es im Buch "Pof. Dr. med Theo Morell", auf Seite 87 weiter:
"Die Sorge um seine Stimme - was wäre Hitler ohne sie? - hat er bereits am Anfang seiner politischen Laufbahn und Rednertätigkeit dem Halsspezialisten Dr. Wilhelm Gutberlet anvertraut."
Doch Dr. Gutberlet berät Adolf Hitler darüber hinaus, wie auch Lorenz Mesch einen Heinrich Himmler, in astrologischer Hinsicht. In Hersdorfs "Saturn Hitler" heißt es dazu auf Seite 12:
"Herrmann Rehwaldt, vor und nach 1945 ein Stamm-Autor im Verlag des verschwörungstheoretisch sehr aktiven Generals Erich Ludendorff, schrieb in der Nachkriegszeit: 'Es ist allgemein bekannt, daß sich Hitler mehrere Leibastrologen hielt, die die günstigen Konstellationen für seine wichtigsten Unternehmungen berechneten.'(...) Was die Astrologen Hitlers anbelangt, so gehören solche 'Wissenden' in der Regel einem der Geheimorden usw. an (...). Das alliierte Hauptquartier zog seinen Nutzen aus der astrologischen Verblödung des 'Führers'. Es richtete ebenfalls eine astrologische Zentrale ein, die die astrologisch günstigen Daten der deutschen Unternehmungen vorauszuberechnen hatte (...)."
In seinem Neujahrs-Horoskop an Adolf Hitler vom 31. Dezember 1930 erwähnt Dr. Wilhelm Gutberlet dann auch:
"An diese uralte Wissenschaft und Weisheit glaubst Du ja nun auch seit dem November 23."
Der Astrologe Rudolf von Sebottendorff hatte Hitler angeblich das Scheitern des Hitler-Putsches von 1923 vorausgesagt. Der zweite, von Wanderredner Heinrich Dolle für 1919 als Augsburger Grandel-Helfer benannte Hitler-Unterstützer, ist der völkische Republikgegner und Privatdozent Dr. Arnold Ruge aus Heidelberg. Ruge, der im Zusammenhang mit dem judenfeindlichen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund wohl "zu den heftigsten Agitatoren gehörte", fiel in dieser Zeit besonders durch "seine antisemitischen Tiraden" auf.
("Handbuch der völkischen Wissenschaften", S.672)
Bei Gumbels "Verräter verfallen der Feme" (S.123) gilt Arnold Ruge 1922 zudem als "das geistige Oberhaupt des Blücherbundes", eines paramilitärischen Wehrverbandes. Zitiert wird Ruge dort mit der Aussage:"Jeder Nationalgesinnte muß sich einen Juden aufs Korn nehmen und bald kommt die Stunde, wo jeder seinen Mann zur Erledigung zugeteilt bekommt."
Zu Arnold Ruge heißt es bei Hofmanns "Verräter verfallen der Feme" auf Seite 162 weiter:
"Ruge arbeitete nach dem Entzug seiner Lehrerlaubnis als Schriftsteller und Redner. Daneben gehörte er als tätiges Mitglied dem Germanen-Orden an.(...) Er schuf teilweise regelrechte Pogromstimmungen, vor allem gegen die Angehörigen des jüdischen Glaubens, indem er zum Beispiel dazu aufrief, mit Flammenwerfern die Synagogen auszuräuchern oder schwarze Listen anzufertigen.(...) Ruge war mit Mesch vom Germanen-Orden in Regensburg bekannt, der Kontakte zu den Erzbergermördern Schulz und Tillessen gehabt hatte."
Auch das SPD-Zentralorgan Vorwärts (Nr.260) gibt in einem prozessbegleitenden Artikel vom 4. Juni 1924 unter der Überschrift "Grandel, der Guerillakrieger" Einblick zu dem Verhältnis zwischen Gr. Grandel und Dr. Arnold Ruge:
"Herzkrank, aber kräftig fürs 'Umlegen'.(...) In Augsburg machte seinerzeit das nationalsozialistische Blättchen 'Der deutsche Michel' viel von sich reden. Es teilt in einem Bericht über einen Sprechabend der Nationalsozialisten mit, Herr Dr. Grandel habe die Parole des Guerillakrieges ausgegeben. Vorher müßten aber die Arbeiter niederweworfen werden! Diese Augsburger Ortsgruppe der Nationalsozialisten, in der Grandel seine blutigen Reden schwang, stand übrigens in enger Fühlung mit Dr. Ruge, dem Organisator der 'Femen' in Oberschlesien und Oberbayern.(...) In den Kreisen Hitlers und Ruges war also Dr. Grandel heimisch. In der Tat, der Extremismus' hatte den ganzen Dr. Grandel in Flammen gesetzt; und daher gebärdete er sich auch in Augsburg als fanatischer Anhänger des Guerillakrieges. Aber vor Gericht leidet er furchtbar, so daß seinetwegen die Verhandlungen dauernd unterbrochen werden müssen."
Heinrich Dolle schreibt:
"Grandel zur Seite standen Mesch und Ruge."
Beide Helfer waren, wenn man den Mitgliederlisten und der gängigen Literatur folgt, im geheimen Germanen-Orden fest mit eingebunden.
"Lorenz Mesch verstarb 1968. Und sein Sohn erinnert sich noch daran, dass nach seinem Tod die ganze Familie ratlos vor seiner Bibliothek gestanden habe mit seinen vielen astrologischen Büchern und Unterlagen. Niemand habe damit etwas anzufangen gewusst: 'Wir haben dann den ganzen Glumbatsch im Garten verbrannt.'" (Röbel: "Das geheimnisumwitterte Horoskop-Archiv der SS" auf www.der-rote-reiter.de)
Tragödie am Hanreibach: Familie Grandel in Augsburg
(313-1921) Über zwei Generationen ist der Bachlauf direkt am Wohn- und Fabrikgelände für die Familie Grandel ein Garant für Wohlstand und Lebenskraft.
Seine Energie treibt seit über 200 Jahren die alte Mühle an, wird Anfang der 20er-Jahre von bis zu 20 Mitarbeitern genutzt und versorgt auch die angegliederte Landwirtschaft mit wertvollem Wasser. Für Gottfried Grandel verläuft nicht nur der berufliche Werdegang nach Plan, auch der persönliche Neustart mit seiner zweiten Ehefrau gelingt. Über die Augsburger Familie heißt es rückblickend in einem Versreim zum 90. Geburtstag von Helene Grandel:
"Es dauert nicht lange und Christel erscheint (-1917-); noch inniger ist die Familie vereint."
Auch ein Brüderchen stellt sich der jungen Christine im Jahr 1919 zur Seite: Gottfried, der Jüngere.

Familienvater Gottfried Grandel mit Gottfried Jr. und Christine - Sommer 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
Während Dr. Grandel in diesem Zeitraum hochpolitisch im Sinne der Nationalsozialisten agiert, scheint seine direkte Familie wenig von seinen meist geheimen Aktivitäten mitzubekommen. Augenscheinlich verbringen die Kinder unbeschwerte Jahre am Hanreibach.

Lageplan der Ölfabrik Grandel - 1920 (Fotografie im Privatbesitz / Lith. Anst.. v. G. Stempfle, Augsburg)
Die finanzielle Situation kann als previlegiert bezeichnet werden. So schenkt Gottfried Grandel nach der Geburt seines ersten Sohnes aus zweiter Ehe zum Dank der Mutter eine großformatige Portraitzeichnung.

Als Zeichen großer Zuneigung: Portraitzeichnung von Helene Grandel, geb. Winternitz - 1921 (Fotografie im Privatbesitz)

Original und Kopie: Helene Grandel - 1921 (Fotografie im Privatbesitz)
Mit dem Sohn Gottfried Jr. scheint dem Vater ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen zu sein, doch am 16. Juni 1921 geschieht für die Familie Grandel ein großes Unglück. Die Augsburger Neuesten Nachrichten vermelden:
"Ein Kind ertrunken - Gestern vormittags 10 Uhr fiel im Garten des Anwesens Johannes-Haag-Straße 20 das 2 1/4 Jahre alte Fabrikbesitzerkind Gottfried Grandel in den durch den Garten fließenden Eisbach des Hanreibaches und ertrank." (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Augsburger Neueste Nachrichten, Nr.216, S.4 v. 17.6.1921)

Dr. Grandels zweitgeborener Sohn: Gottfried Grandel der Jüngere - April 1921 (Fotografie im Privatbesitz)
Während sich Helene und Gottfried Grandel an dem rund 150 km entfernten Walchensee zum Reiten aufhalten, gerät zuhause durch eine Unaufmerksamkeit der zweijährige Gottfried Junior in den angrenzenden Nebenarm des Hanreibaches und ertrinkt. Zu dem tragischen Unglück gibt der damalige Prokurist der Ölfabrik Jahre später zu Protokoll:
"Am 16/6.21 ertrank der 2jährige Sohn des Herrn G.(-randel-) im Bache, der durch das Grundstück des Dr. G.(-randel-) fliesst durch Unachtsamkeit des Kindermädchens. Die damals am Walchensee weilenden Eltern wurden zurückgerufen und Zeuge (-Josef Rupp-) erzählte den Eltern in der Wohnung haarklein den ganzen Vorgang. Später habe der Dr. G.(-randel-) noch mehrfach gefragt: 'Ja, Herr Rupp, sagen Sie mir doch, wie hat sich der Vorfall ereignet, Sie haben mir das ja noch gar nicht gesagt?!" (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.1-2/Bl.250-251 - Prozessakte Thormann-Grandel - Befragung von Josef Rupp durch Medizinalrat Dr. Stoermer v. 26.1.1924)

Walchensee in Oberbayern - 23. Februar 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkelin von J. Rupp)
Dr. Grandels Juni-Aufenthalt am Walchensee könnte auch im direkten Zusammenhang mit dem Bau des großen Wasserkraftwerkes liegen. Der Ingenieur Oskar v. Miller treibt hier im Auftrag der bayerischen Landesregierung mit 2000 Arbeitskräften die Elektrifizierung Bayerns voran:
"Mehr als je ist Deutschland darauf angewiesen, seine Wasserkräfte auszunützen, um den Kohlenmangel, der leider auch in der Zukunft kaum mildere Formen annehmen wird, einigermassen zu begegnen. Bayern ist daher eifrig dabei, seine gewaltigen Wasserkräfte auszubauen. Zwei grosse Werke sind geplant, das Walchenseewerk und das an der mittleren Isar. Durch die Aufspeicherung des Isarwassers im Walchensee und Ausnutzung der 200 m hohen Gefällstufe zwischen Walchensee und Kochelsee wird eine Spitzenleistung von 120 000 PS gewonnen, die einem Jahresdurchschnitt von 250 Millionen PS-Kraftstunden entspricht. Bei Beginn der Arbeiten vor zwei Jahren waren in verschiedenen Baustellen nur 120 Arbeiter beschäftigt. Jetzt ist die Zahl der Arbeiter bereits auf 2000 gestiegen." (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Die Voss, Nr.7, S.5 - "Das Reich der Technik - Das Walchensee-Werk" v. 19.3.1921)

Elektrifizierung durch Wasserkraft: Ru C I-Flugkapitän Adolf Doldi mit Ministerpräsident Dr. Gustav v. Kahr (l) und Geh. Baurat Dr. Oskar v. Miller (r) vor dem Flug zum Walchensee-Kraftwerk - Flugfeld Oberschleissheim 6. Juni 1921 (Fotografie im Privatbesitz / Fischer, Heinrich - München + (Kranzhoff: "Edmund Rumpler - Wegbereiter der industriellen Flugzeugfertigung", S.340 - 2004)+ bridgemanimages.com. Zu Adolf Doldi: Später Lufthansa-Pilot und SS-Obersturmbannführer, SS-Nr. 276.881, am 21.8.1944 abgeschossen)
Doch am 30. Juni 1921 kommt es zum Bruch mit der Walchenseewerk AG, Baurat v. Miller steigt aus dem Bauprojekt aus.
In einer weiteren Erklärung führt Dr. Grandels Augsburger Prokurist Josef Rupp im Abstand von drei Jahren zum Tod des jungen Gottfried noch etwas detaillierter aus:
"Ich hatte diesen Vorfall telefonisch den in Walchensee befindlichen Eltern mitgeteilt. Als Herr Dr. Grandel abends mit seiner Frau in seine Wohnung (-im ersten Stock des dreigeschossigen Hauses-) kam, erzählte ich ihm eingehend den Vorfall im Beisein seiner Ehefrau. Bei dieser Gelegenheit war Herr Dr. Grandel kreideweiss und verfallen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.104 - Prozessakte Thormann-Grandel - Stellungnahme von Prokurist Josef Rupp v. 26.1.1924)

Josef Rupp - Dezember 1923 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Die ältere Schwester des ertrunkenen Gottfrid Jr. ist zu diesem Zeitpunkt fast vier Jahre alt. Christel befindet sich vor dem Unglück in unmittelbarer Nähe zu dem kleinen Gottfried, doch bemerkt sie zu spät die Tragödie, die ihn erfasst. Zeitlebens plagen sie Vorwürfe, dieses Verhängnis nicht rechtzeitig bemerkt und verhindert zu haben. Aus den Erzählungen heißt es, der Wasserlauf sei zu diesem Zeitpunkt zwar sehr flach gewesen, das Hausmädchen Lena hätte jedoch ihren Freund zu Besuch gehabt.
In einer späteren gerichtsmedizinischen Begutachtung zu Gottfried Grandel wird vermerkt:
"Außerdem hat er noch einen besonders schweren Schlag dadurch erlitten, daß ein Kind von ihm in einem Bach, der durch seinen Garten fließt, ertrank. Es soll ihm kurz vorher durch das Horoskop prophezeit worden sein, daß das Kind durch eine Flüssigkeit zu Schaden kommen werde. Seitdem ist Grandel von der Richtigkeit des Horoskops überzeugt." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.253, S.4: "Justizrat Claß als Zeuge" v. 28.5.1924)
Die Ausführungen zu diesem Horoskop berichtet Gottfried Grandel in einem Gespräch mit dem Berliner Medizinalrat Dr. Stoermer:
"Zum Punkte der astrologischen Studien äussert sich G.(-randel-) dahin, dass er durch einen Bekannten (-Lorenz Mesch/Rudolf v. Sebottendorff?-) auf den Schriftsteller (-Kurt-) Paehlke , Johanniterstrass 1, aufmerksam gemacht worden sei. Es seien ihm auch dessen Schriften zugegangen und durch deren Lektüre bewogen, hätte er sich von P. (dessen Name er mir ursprünglich nicht nennen wollte) ein Horoskop stellen lassen. Darin hätte P.(-aelke-) ihm prophezeit, dass seinem jüngsten Kinde im Juni 1923 (-1921?-) 'durch Flüssigkeit' eine Gefahr drohen würde. Darauf hätten er und seine Frau nichts gegeben. Sie seien nach Walchensee gereist und nachdem sie kaum einen Tag dort gewesen seien, kam die Nachricht, dass das Kind im Gartenbach (-Eisbach-) ertrunken sei. Nachdem sich das Horoskop des P.(-aehlke-) so glänzend bestätigt hätte, habe er sich von P.(-aehlke-) ein Dauerhoroskop stellen lassen um nachzuprüfen, ob P.(-aehlke-) imstande sei, ihm unbekannte Dinge aus seiner (G's) Vergangenheit richtig zu zeigen und das ist auch eingetreten. Seitdem habe er ein Zutrauen zu der Astrologie, zumal ihm auch gesagt wurde, unter welchen Sternen er geboren sei. Durch entsprechende Lektüre hätte er sich weiter gebildet." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.266-267/Bl.17-18 - Prozessakte Thormann-Grandel, Gutachten des Medizinalrates Dr. Stoermer über Gottfried Grandel v. 25.3.1924 + Paehlke, Kurt/Weishaar, geb. 10.11.1875, Bundesführer des 'Bundes der Guoten', digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin: R58/7275)

Kurz vor dem Ertrinkungstod: Gottfried Grandel mit seinem zweitgeborenen Sohn Gottfried am das Grundstück durchlaufenden Eisbach - Sommer 1921 (Fotografie im Privatbesitz)
Für Vater Gottfried stirbt nicht nur sein geliebter Sohn, sondern auch sein potentieller Firmennachfolger.

"Durch das Horoskop prophezeit": Schaden durch Flüssigkeit - 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
In Fragen der Erziehung hatte Gottfried Grandel klare Vorstellungen. Der von Helene in die Ehe gebrachte Sohn Hans Winternitz war ihm deutlich zu weich erzogen; sein erstgeborener Sohn Felix wurde ab 1915 hauptsächlich von seiner geschiedenen Ehefrau Auguste beeinflusst.
Auf Gottfried Junior lagen nun die Hoffnungen des Augsburger Fabrikanten, die auch in der Namensgebung zum Ausdruck kommen.
Nach den zwei Fotoalben der Familie Grandel, die unbeschadet durch das zurückliegende Jahrhundert gekommen sind, ist Gottfried Grandel gegenüber Kindern ein zugewandter Charakter.
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Kinderspiele mit Tochter Christine und Nachbarkindern: Familienmensch Gottfried Grandel - 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
Als Familienmensch pflückt Gottfried Grandel mit seinem Stiefsohn Hans Winternitz in hohen Leitern die Obstbäume im fabriknahen Garten. Auch spielt er mit den Kindern auf dem Hof ihre Spiele, gibt ihnen Nähe durch zugewandtes Umarmen. Die Zuwendungen und das Lachen zu seiner Frau Helene wirken echt. Nach dem Tod des jungen Gottfrieds heißt es in dem Versreim zu Helene Grandels 90. Geburtstag:
"(-Haushaltshilfe-) Lena blieb da und Maidl kam - Felix fing zu studieren an (-1922-).
Nun waltet Lenl (-Helene Grandel-) in Garten und Haus mit sanfter Hand und strahlt Liebe aus.
Die schöne Gabe des Mitfühlens, Gebens, hilft vielen Schattenpflanzen des Lebens.
Sie lehrt ihre Kinder des Herzens Tugend, erfüllt mit Schönheit, Kindheit und Jugend.
Sie gewinnt auch Freundschaft in reichem Maße - zur Herzensheimat wird die (-Johannes-)Haagstraße."
Ein besonderes Verhältnis pflegt Gottfried Grandel zu seiner ersten Tochter Christine. Über sie notiert er auch diverse Aussprüche:

Gottfried Grandels Notizen zu seiner Tochter Christine - 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
Im Jahr 1925, zum 8. Geburtstag der gemeinsamen Tochter Christine Grandel (gen. Titi), schreibt Helene Grandel der jungen Tochter ein Gedicht:
"Der Vater hat die Titi lieb, sie ist ein schlauer kleiner Dieb.
Daß sie ihm ganz das Herz gestohlen, daß ist zu sehen unverhohlen.
Sein Auge strahlt, wenn Titi singt, sein Herze lacht, wenn Titi springt,
und oft hat man das Wort vernommen: 'Gell, nach der Schul' fei' zu mir kommen.'
Bei Tisch kriegt sie die besten Bissen, und lustig ist's, wie sie beflissen,
ihr Wänglein an das seine reibt und flugs die Grillen ihm vertreibt.
Drum lebe hoch das Titilein, Gott mög' Gesundheit ihr verleih'n,
damit Sie wachse und gedeih, ein Schmuck in uns'rer frohen Reih'."

Blick auf das benachbarte Werk I der Mechanischen Baumwoll-Spinn- und Weberei: Gottfried Grandel mit Tochter Christine - 1922 (Fotografie im Privatbesitz)

Ein herzliches Verhältnis: Gottfried Grandel mit Tochter Christine - 1922 (Fotografie im Privatbesitz)
Auch ein bekanntes, leicht verändertes Kinderlied wird Tochter Christine beigebracht und über hundert Jahre aufgehoben. Die Umschreibung bezieht sich auf die Obsternte im heimischen Garten der Familie Grandel:
"Wolt ier wissen, wolt ier wissen, was der Gottfried Grandel machte?
Baum nauf steigen, Baum nauf steigen, alles dreht sich herum!"
Das ist die private Seite, die sich hauptsächlich über die alten Fotoalben der Familie vermittelt. Im Rückblick auf sein Leben schreibt Gottfried Grandel zum Ende der 40er-Jahre jedoch in einer Art Erinnerungsbuch für seine drei Söhne einen Text, der teilweise in einem deutlichen Widerspruch zu den Bildern zu stehen scheint. In einer dieser Abhandlungen heißt es:
"Die Witwen, besonders die mit kleinen Kindern (-gemeint ist hier Helene Grandel mit ihren zwei Kindern aus erster Ehe-), haben es sehr auf die heiratsfähigen Männer abgesehen. Ich bin auch darauf reingefallen. Die Männer glauben, die Witwen haben ihre Eheprüfungen sozusagen schon mit Erfolg abgelegt, und es werde sich mit ihnen gut leben. Jedoch bedenkt der Mann nicht, dass eine Witwe nicht mehr 'neu' sein kann, namentlich, wenn sie schon geboren hat; deshalb ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass es auf dem sexuellen Gebiete eine Enttäuschung für den Mann geben wird, wenn der erste Liebesrausch vorüber ist. Eine Witwe mag im Bett vielleicht manchen Nachteil durch Übung und Technik ausgleichen, indem sie aus Ihrer vorigen Ehe gewisse Erfahrungen mitbringt. Meist sind aber die Witwen doch schon über 30 und für einen jungen Mann unbedingt zu alt. Bringt die Witwe vollends gar kleine Kinder in die neue Ehe ein, so sind diese ganz zweifellos eine Hypothek, welche der Ehemann auf sich nimmt, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten. Kommen weitere Kinder hinzu, dann sind also zweierlei Kinder vorhanden und da beginnt eine endlose Tragik für den Mann. Ich war so unüberlegt und thöricht, mit 38 Jahren, nachdem meine erste Ehe (-mit Auguste Grandel, geb. Richter-) geschieden worden war, eine Kriegswitwe (-Helene Winternitz-) mit zwei hübschen Kinderchen (-Eleonore und Hans Winternitz-) zu heiraten. Eigene Kinder (-Christine, Gottfried und Gerlinde/Maidl-) kamen hinzu, und aus meiner 1. Ehe war Felix vorhanden. Es waren dann dreierlei Kinder vorhanden. Das tat nicht gut. Ich ertrug es. Nicht aber die Frau, welche den Stiefsohn Felix hasste und ihre Kinder Hans und Nora aus erster Ehe bevorzugt sehen wollte. Um Gottes Willen nur keine Witwe heiraten, weder ohne noch weniger mit Kindern. Freilich, viele Kriegswitwen wollen wieder geheiratet werden, sie gehen scharf ins Zeug und machen jungen Mädchen oft genug erfolgreichen Wettbewerb. Sie sind nicht schüchtern, sie verstehen den Mann am schwächsten Punkt zu fassen. Sie öffnen bald ihren Schoss, und dann kommt der Mann nicht mehr los. Nicht selten lässt er sich durch die vorhandene nett eingerichtete Wohnung oder durch ein vorhandenes Geschäft oder durch vorhandenes ererbtes Geld beeinflussen. Zuletzt ist er trotzdem der Dumme, das ist gewiss."
Auch zu seiner jüdischen Stieftochter Eleonora Winternitz hält er in diesen Jahren eine enge Verbindung. Der Balkon in der Johannes-Haag-Straße läßt zu dieser Zeit noch einen unverbauten Fernblick auf die Alpen zu. Gottfried Grandel liebt es, mit seinen Kinder zu scherzen:
Norle Winternitz mit ihrem Stiefvater Gottfried Grandel - Sommer 1926 (Fotografie im Privatbesitz)
In den Lebenserinnerungen von Gottfried Grandel bleibt das Beziehungsthema ein wichtiges, wenn auch vom Ergebnis unbeantwortet. Zu der Herkules-Sage vermerkt er diesbezüglich:
"Also ein schmähliches Ende für den Helden, durch das eigene Eheweib. Mit den gefährlichsten wilden Tieren wurde er fertig, aber nicht mit seinem Weibe.- Wenn ein Herkules nicht damit fertig wurde, brauche ich mich nicht zu schämen, dass es mir nicht gelang.- Die Sage gibt aber sehr zu denken!"
Inwieweit Gottfried Grandel zu einer Selbstreflektion gegenüber seinem persönlichen Anteil des Scheiterns in der Lage war, ist aus den Texten heraus nicht erkennbar.
Es gibt viele private Aufzeichnungen, Briefe und Fotos der Familie Grandel aus der Augsburger Zeit, doch trotz ausgeprägter Aktivitäten kein einziges Foto aus einem politischen Zusammenhang.
Auch sind kaum Briefe von Gottfried Grandel in dem umfassenden Nachlass seiner ältesten Tochter vorhanden. Lediglich ein Parteifoto aus dem Bundesarchiv enthält mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Parteigenossen Gottfried Grandel. Es zeigt eine NSDAP-Delegation auf dem Weg zum Deutschen Tag am 14. Oktober 1922 in Coburg, einer Großveranstaltung des "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbundes":

Vermutlich Gottfried Grandel: Vordere Reihe stehend, 2. von rechts. Ganz links, mit Pfeife und Hut, steht der Parteiführer Sektion Schwaben, Oskar Körner. Er beteiligt sich sowohl am 17. Dezember 1920 bei der Geldbeschaffung und Finanzierung des Völkischen Beobachters, der zweiten Augsburger Ortsgruppengründung vom Oktober 1922, als auch am gescheiterten Hitler-Putsch in München, in dessen Verlauf er an den Schüssen der Landespolizei verstirbt. Ganz rechts im Bild steht Oluf Christensen, der zweite von rechts, sitzend, ist vermutlich Hans Sippel. (BArch: Bild 119-5519 / o.Ang.)
Auch der Publizist Dietrich Eckart nimmt an dem national-völkischen Treffen in Coburg teil. In dem posthumen Propaganda-Buch von seinem Freund, dem Maler Albert Reich, wird dazu folgendes berichtet:
"Den Deutschen Tag in Koburg am 14. und 15. Oktober hat auch Dietrich Eckart mitgemacht und er sprach begeisternde Worte zu den ihn nach Überwindung der marxistischen Hetzer umdrängenden Sturmkolonnen und Parteigenossen. Heute sei der erste Freiheitszug durch Bayern gefahren, meinte Eckart, und nur eine Bewegung kenne er, auf die allein er baue, nur eine einzige, und das sei die nationalsozialistische." (Reich: "Dietrich Eckart-Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.108 - 1934)
In dieser Hinsicht wird sich Dietrich Eckart mit Gottfried Grandel einig gewesen sein.
Die betriebliche Situation der beginnenden 20er-Jahre stellt sich nach Angaben der Ölfabrik-Mitarbeiter wie folgt dar:
"Die Firma Georg Grandel, Ölfabrik Augsburg, beschäftigt z. Zt. (-Januar 1924-) 8 Arbeiter und 3 kaufmännische Angestellte. Der Alleininhaber der Firma, Herr Dr. Gottfried Grandel, ist die Seele des ganzen Unternehmens; er leitete den schwierigen, chemischen Betrieb persönlich, führte auch alle Analysen, Versuche und Untersuchungen der Rohstoffe, Halb- & Fertigfabrikate stets selbst aus. Er allein kennt die Herstellungsverfahren, weil eigene Erfindung. Die kaufmännische Leitung und die Arbeiterschaft können ohne ihn nur kurze Zeit weiter machen.(...) Die Geschäftsführung ist infolge der Zeitumstände sehr schwierig; der unterzeichnende, noch jugendliche Prokurist (-Josef Rupp-) der Firma (29 Jahre alt) entbehrt sehr der überlegenen Erfahrung des Chefs.(...)
Die kaufmännischen Angestellten: Josef Rupp
Die Arbeiter: Wilhelm Burlein, Joseph Jakob, Josef Schröffer, Joachim Brunninger, Rudolf Röthle, Paul Hack, Johann Zitzmann
Vorarbeiter: August Gruber (-Zollernstr. 53/0, Augsburg-)" (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.169 - Prozessakte Thormann-Grandel - Bittbrief der Augsburger Belegschaft Dr. Grandels an den Berliner Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 6.2.1924)
Aus betrieblicher Sicht berichtet auch Dr. Grandels Mitarbeiter Josef Schröffer in einem Brief an seinen Chef:
"Mein lieber Herr Dr., mein lieber Arbeitgeber! Am 1. April (-1924-) erkrankte ich schwer an einer doppelseitigen Lungenentzündung, mit allen seinen Folgen. Die weiteren Gefahren sind wahrscheinlich überwunden, doch bin ich sehr schwach. Bereits 4 Wochen schlafloser Nächte bin ich bei Ihnen, leide mit Ihnen, denn Sie wissen ja, ich liebe Sie von Herzen wie meinen Bruder, als Ihr Arbeiter. Sie waren uns ein Vater, wenn auch durch Ihr Leiden Sie sich manchmal zu Kraftausdrücken verleiten ließen, welche uns beleidigten. Aber ich weiss, Sie liebten uns doch, unsere Sorgen waren auch Ihre Sorgen. Ich bin Deutsch geboren, bin ganz auf Deutsches Wesen eingestellt. Zuerst mein Volk, dann die vielen Anderen, dann die Welt. Ein wahrhaft deutsches Herz blutet in Berlin. Möge das Gericht erkennen, dass Sie das Opfer einer übertriebenen Vaterlandsliebe infolge Ihres Leidens geworden sind und recht bald mit Bewährungsfrist Ihr Leiden beendigen, Sie Ihrer Familie und Ihrem Betriebe zurückgeben. Das wünscht von Herzen Ihr Arbeiter gez. J. Schröffer." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.16 - Prozessakte Thormann-Grandel, Vorarbeiter Josef Schröffer an Dr. Grandel v. 26.4.1924)

Bangen um den Chef: "Können ohne ihn nur kurze Zeit weiter machen" (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.225 - Prozessakte Thormann-Grandel, Josef Rupps Bitte um Haftentlassung v. 7.2.1924)
Ein weiterer Mitarbeiter der Firma Grandel ist der Fahrer (und Techniker Otto?) Ranner, der auch gegenüber den Grandel-Kindern ein herzliches Verhältnis pflegt.

Ausflug nach Tapfheim mit dem firmeneigenen Mercedes der Firma Grandel: Angestellter (Otto?) Ranner - 29. September 1929 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Allgemein beliebt: Mitarbeiter (Otto?) Ranner mit Christel und Maidl Grandel hinter dem Augsburger Wohnhaus in der Johannes-Haagstraße 20 - 1926 (Fotografie im Privatbesitz)
"Strafe gegen den Ehemann wegen Widerstands laut Mitteilung des St.A. beim By. hier vom 21.II. 1922 lt. Mitteilung von ..." (Familienbogen)
