Der Versailler Friedensvertrag
(201-1919) Der Versailler Friedensvertrag wird nach Beendigung der Kampfhandlungen von einem Großteil der deutschen Reichsbürger als große Erniedrigung wahrgenommen.
Nach vier verlustreichen Kriegsjahren kapituliert das Deutsche Reich und streckt bedingungslos die Waffen. Der mit dem Münchener Verleger Dietrich Eckart eng befreundete Maler Albert Reich erinnert sich in seinem propagandistisch geprägten Rückblick an die Zeit der "Schicksalswende", die in dieser Form der Betrachtung die antisemitische Dolchstoßlegende begründet:
"Der Spätherbst des Unglücksjahres 1918 ist heraufgezogen, man schreibt Oktober. Viereinhalb Jahre hat das deutsche Heer dem Ansturm einer ganzen Welt getrotzt. Und dennoch pocht der Totenwurm im Gebälke. Verrat geht um! Judas steht im Begriffe, seinen Herrn und Meister - zum wievielten Male schon? - zu verraten! Fest steht die Front, und überall im Feindesland! Nicht eine Handbreite deutschen Bodens ist vom Feind besetzt. Der Gegner, an Zahl vielfach überlegen, zweifelt am Erfolg, er macht die ungeheuersten Anstrengungen, den Fels der deutschen Abwehr zu erschüttern. Vergebliches Bemühen! Und dennoch steht die schmachvolle Kapitulation, an die kein wackerer Soldat gedacht hat, bereits vor der Türe. Die Niederlage nach all den heldischen Bemühungen und Kämpfen, sie kommt aus dem eigenen Volke, kommt aus der Heimat, für die das Heer fast fünf lange Jahre im Trommelfeuer geblutet und ausgehalten hat. Überzeugungstreue marxistische Jämmerlinge, im Solde des ewigen Juden stehend, haben die Not und das Elend der schwergeprüften Heimat geschickt zu nutzen gewußt, und mit Phrasen und Weltverbrüderung und der Fata Morgana eines herrlichen Friedens, der uns bevorstehen würde, weiß man die deutschen Frauen und Mütter zu kirren, und, ohne daß sie selbst es merken, sind ihre Briefe, die ins Feld und in die Schützengräben gelangen, durchsetzt von jenem Gift, das nur bestimmt war, den Kampfeswillen jener Braven, der nie nötiger war, als zu jener Schicksalswende, zu brechen." (Reich: "Vom 9. November 1918 bis 9. November 1923. Die Entstehung der deutschen Freiheitsbewegung", S.5 - 1933)
Mit weißer Fahne: Deutsche Offiziere auf dem Weg zu den gegnerischen Stellungen - 1918 (BArch: Bild 183-R28715 / o.Ang.)
Nach dem Austausch diplomatischer Noten kommt es im November 1918 schließlich zum endgültigen Waffenstillstand:
"In einem Eisenbahnwagen in Compiègne, rund 80 Kilometer nördlich von Paris, unterzeichnen der deutsche Abgesandte Matthias Erzberger und der französische Marschall Ferdinand Foch am 11. November 1918 die Waffenstillstandsbedingungen der Entente-Mächte.(…) Die von Foch diktierten und den Regierungen von Frankreich, England und den USA akzeptierten Bedingungen müssen ohne jegliche Verhandlungen anerkannt werden." (welt.de: "Der Erste Weltkrieg endet in einem Salonwagen" v. 10.11.2017)
Der französische Marschall Ferdinand Foch vor dem Salonwagen im Walde von Compiégne, wo dem Deutschen Reich die Waffenstillstandsbedingungen auferlegt werden - 11. November 1918 (BArch: Bild 146-1987-038-29 / o.Ang.)
Über den Verlauf der Unterzeichnung heißt es:
"Die deutsche Waffenstillstandskommission, die sich schließlich zum Großen Hauptquartier im belgischen Spa auf den Weg machte, wurde angeführt von Staatssekretär Matthias Erzberger.(…) Obwohl er damit nur fortführte, was auf Drängen der Obersten Heeresleitung begonnen worden war, machte sich Erzberger durch dieses Ereignis bei der politischen Rechten verhasst. Die Unterschrift von Compiègne kostete ihn letztlich sogar das Leben. Wenige Jahre später fiel er einem Attentat zum Opfer." (welt.de: "Der Erste Weltkrieg endet in einem Salonwagen" v. 10.11.2017)
Gemälde von der Unterzeichnung des Waffenstillstandes in Compiégne/Frankreich. Vor dem Tisch: Matthias Erzberger - 11. November 1918 (Wikimedia Commons / Pillard-Verneuil, Maurice - Datei: Waffenstillstand gr.jpg)
Der Versailler Friedensvertrag wird in der Folge, genau fünf Jahre nach dem Thronfolger-Attentat in Sarajevo, am 28. Juni 1919 unterschrieben; er verlangt dem besiegten Deutschen Reich harte Bedingungen ab.
Das Kaiserreich verfügt zu Beginn des Krieges über finanzielle Rücklagen für lediglich zwei Tage Kriegsführung, der Krieg dauert hingegen vier lange Jahre. Anfänglich wird von einem siegreichen Feldzug ausgegangen, durch den schließlich der Fehlbetrag über Landgewinn und Kriegsbeute kompensiert werden könne. Mit dieser grundsätzlichen Herangehensweise steht Deutschland nicht alleine da, auch die Kriegsgegner kalkulieren ihrerseits auf ähnliche Weise. Nur können sie diese nach gewonnenem Krieg nun auch umsetzen.
In einem späteren Briefwechsel nimmt Gottfried Grandel einen kurzen Bezug auf das Versailler Vertragswerk:
"Es sind schon viele Verträge unter Druck ausgehandelt und unterschrieben worden. Ich erinnere nur an den Versailler Vertrag." (Gottfried Grandels Einschreiben an die Hamburger DOG-Teilhaber, Bl.11 v. 7.1.1941)
Zu den ersten Forderungen des Vertrages heißt es:
"Deutschlands Kriegsflotte muss ausgeliefert werden. An die Alliierten sind u.a. binnen eines Monats 5000 Lokomotiven, 15.000 Eisenbahnwaggons und 5000 Lkw zu übergeben. Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk mit Russland wir annulliert und die Forderung nach Schadensersatz in unbestimmter Höhe in Aussicht gestellt. Foch, der die deutsche Delegation wiederholt durch Abwesenheit brüskiert, erklärt: Jetzt sei Deutschland den Siegern auf Gnade und Ungnade ausgeliefert." (welt.de: "Der Erste Weltkrieg endet in einem Salonwagen" v. 10.11.2017)
"The winner takes it all": Mit deutschen Reparationsgütern (Maschinen) beladene Eisenbahnwaggons auf dem Weg ins Ausland - 1920 (BArch: Bild 183-R02190 / o.Ang.)
Eine dieser Vertrags-Vereinbarungen betrifft die Heeres-Reduzierung auf 100.000 Berufssoldaten und die Auflösung der aus Freiwilligen bestehenden Soldatenverbände. Ab dem Sommer 1919 werden daraufhin zum Unwillen vieler Betroffenen rund 200.000 Freikorpssoldaten entlassen, auch der Frust unter den Offizieren ist groß.
Der Versailler Vertrag: Pflicht zur Verschrottung von Kriegsmaterial - 1919(BArch: BildY 1-544-877-86 / o.Ang.)
Die Frustration vieler Soldaten trifft auf die Umsturzpläne der im Oktober 1919 gegründeten Nationalen Vereinigung, der Nachfolgeorganisation der Deutschen Vaterlandspartei. Einer der führenden Köpfe dieses rechtsextremen Verschwörerkreises: Der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp, der wiederum intensiven Kontakt zu General Walther von Lüttwitz unterhält. Der Münchener Publizist Dietrich Eckart setzt große politische Hoffnungen in die Initiative Kapps.
Die Luftwaffe des Deutschen Reiches wird nach Vorgabe der Versailler Vereinbarung zu dieser Zeit vollständig aufgelöst. Laut auszugsweisem Vertragstext heißt es:
"Artikel 198
Deutschland darf Luftstreitkräfte weder zu Lande noch zu Wasser als Teil seines Heerwesens unterhalten. ...
Artikel 199
Binnen zwei Monaten nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrags ist das Personal der Luftfahrt, das gegenwärtig in den Listen der deutschen Streitkräfte zu Land und zu Wasser geführt wird, demobil zu machen.
Artikel 200
Bis zu völligen Räumung des deutschen Gebiets durch die alliierten und assoziierten Truppen sollen die Luftfahrzeuge der alliierten und assoziierten Mächte in Deutschland freie Fahrt im Luftraum sowie Durchflugs- und Landungsfreiheit haben.
Artikel 201
Während einer Frist von sechs Monaten nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrags ist die Herstellung und Einfuhr von Luftfahrzeugen und Teilen solcher, ebenso wie von Luftfahrzeugmotoren und Teilen von solchen, für das ganze deutsche
Gebiet verboten.
Artikel 202
Mit Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrags ist das ganze militärische und Marineluftfahrzeugmaterial ... den Regierungen der alliierten und assoziierten Hauptmächte auszuliefern.
Diese Auslieferung hat an den von den genannten Regierungen zu bestimmenden Orten zu erfolgen; sie muß binnen drei Monaten beendet sein.
Zu diesem Material gehört im besonderen dasjenige, das für kriegerische Zwecke im Gebrauch oder bestimmt ist oder im Gebrauch oder bestimmt gewesen ist, namentlich:
Die vollständigen Land- und Wasserflugzeuge, ebenso solche, die sich in Herstellung, Ausbesserung oder Aufbau befinden. ... Die Luftfahrzeugmotoren.
Die Zellen (Rümpfe/Gondeln und Tragflächen). ... Einzelteile, die einer der vorstehenden Gattungen angehören.
Das vorerwähnte Material darf nicht ohne ausdrückliche Ermächtigung der genannten Regierungen von Ort und Stelle verbracht werden.
Artikel 203
Alle Bestimmungen des gegenwärtigen Vertrags über Landheer, Seemacht und Luftfahrt, für deren Durchführung eine zeitliche Grenze festgesetzt ist, sind von Deutschland unter Überwachung interalliierter Ausschüsse durchzuführen, die zu diesem Zweck von den alliierten und assoziierten Hauptmächten besonders ernannt werden.
Artikel 204
Die interalliierten Überwachungsausschüsse werden besonders damit betraut, die regelrechte Ausführung der Auslieferungen, der Zerstörung, des Abbruchs und der Unbrauchbarmachung zu überwachen, wie sie zu Lasten der deutschen Regierung durch den gegenwärtigen Vertrag vorgesehen sind.
Sie bringen den deutschen Behörden die Entscheidungen zur Kenntnis, welche die Regierungen der alliierten und assoziierten Hauptmächte sich zu treffen vorbehalten haben oder welche zur Durchführung der Bestimmungen über Landheer, Seemacht oder Luftfahrt nötig werden.
Artikel 205
Die interalliierten Überwachungsausschüsse dürfen ihre Dienststellen am Sitz der deutschen Reichsregierung einrichten. Sie sind befugt, so oft sie es für angebracht erachten, sich an jeden beliebigen Ort des deutschen Reichsgebiets zu begeben,
Unterausschüsse dorthin zu entsenden oder eins oder mehrere ihrer Mitglieder zu beauftragen, sich dorthin zu verfügen.
Artikel 206
Die deutsche Regierung hat den interalliierten Überwachungsausschüssen und ihren Mitgliedern jedes Entgegenkommen zu erweisen, das zur Erfüllung ihrer Aufgabe notwendig ist. Sie hat für jeden interalliierten Überwachungsausschuß einen
geeigneten Beauftragten zu bezeichnen, dessen Aufgabe es ist, von dem Ausschuß die für die deutsche Regierung bestimmten Mitteilungen entgegenzunehmen und dem Ausschuß alle verlangten Auskünfte oder Schriftstücke zu liefern oder zu
beschaffen. ...
Artikel 207
Der Unterhalt und die Kosten der Überwachungsausschüsse und die Aufwendungen, die durch ihre Tätigkeit veranlaßt werden, fallen Deutschland zur Last." (Dr. Ernst Vocke von der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Luftfahrthistorik / adl-luftfahrthistorik.de: "Zulassung und Kennzeichnung der
deutschen Zivilflugzeuge 1914-1934, 4. Die deutsche Luftfahrzeugrolle 1920-1934", S.13, vom April 2019 überarbeitete Fassung der Erstveröffentlichung in Luftfahrt International, Nr.2 - 1981)
Die Siegermächte verlangen über den Versailler Vertrag von Deutschland Reparationsleistungen in Höhe von 132 Milliarden Goldmark, unter denen die deutsche Volkswirtschaft zusammenzubrechen droht.
Aus dieser Phase entspringt Gottfried Grandels Wille, sich politisch zu engagieren. In einem späteren Landgerichtsurteil wird hierzu vermerkt:
"Interesse an der Politik will der Angeklagte erst nach dem Ausgange des Krieges gewonnen haben. Sein Interesse war dann aber ein recht reges. Er machte die Bekanntschaft Hittler’s, der ihn in Augsburg besuchte, und lernte ausserdem eine Reihe von führenden Persönlichkeiten rechtsstehender Kreise kennen (...)." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.87/89 - Urteilsbegründung im Thormann-Grandel-Prozess, Bl.3/4 v. 4./5. Juni 1924)
Der frühe Kontakt des Öl-Fabrikanten zu dem damals unbekannten Weltkriegsgefreiten wird auch in einer weiteren Schilderung aus der gesellschaftliche Umbruchzeit aufgegriffen:
"Dr. Grandel erzählte mir einmal, dass er Hitler nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst etwa ¼ Jahr lang bei sich beherbergte und ihm damals seine früheren Kolleghefte zur Weiterbildung zur Verfügung stellte. Dabei habe er mit Erstaunen festgestellt, wie selbständig Hitler über alles urteilte und z.B. mit den Thesen des liberalen Münchener Nationalökonomen Dr. Lujo Brentano keineswegs einverstanden war." (Miller: "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung", S.28, undatiertes Typoskript - 1964)
Dr. Gottfried Grandel - Sommer 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
Räte- vs. Weimarer-Republik
(202-1919) Deutschland im Umbruch: Der Kaiser wird abgedankt - sein autoritär geführtes Kaiserreich gehört plötzlich der Vergangenheit an.
Niemand scheint den Kaiser wirklich zu vermissen, doch viele der abgekämpften Soldaten erkennen bei ihrer Rückkehr die alte Heimat nicht wieder.
Koblenz: Rückkehr der deutschen Fronttruppen nach dem Waffenstillstand - November 1918 (BArch: Bild 146-1976-076-25A / Sennecke, Robert)
Nach den Matrosen-Aufständen in Kiel und weiteren Küstenregionen verbreitet sich das Aufbegehren in den Städten des Reiches; die alte Ordnung gilt zum Jahreswechsel 1918/19 in vielen Bereichen als nicht mehr gesichert.

Revolution: Mit roten Fahnen durch das Brandenburger Tor - 9. November 1918 (BArch: Bild 183-B0527-0001-810 / o.Ang. - 9.11.1918)
Ein provisorisch eingerichteter sozialdemokratischer Rat der Volksbeauftragten - unter der Leitung von Friedrich Ebert - soll den Übergang zur demokratischen Weimarer Republik organisieren, doch Revolution liegt in der Luft, nicht nur in Berlin.
2. Rat der Volksbeauftragten in Weimar: Philipp Scheidemann, Otto Landsberg, Friedrich Ebert, Gustav Noske (stehend), Rudolf Wissell - 1919 (BArch: B 145 Bild-P046275 / o.Ang.)
Der Augsburger Karl Wahl, späterer NS-Gauleiter, schreibt in seinen Nachkriegs-Memoiren über die Grundstimmung nach dem verlorenen Weltkrieg:
"Kameraden, mit denen ich jahrelang Schulter an Schulter gekämpft habe, sind plötzlich zu 'Feinden' geworden. Wer nicht für die Revolution ist, ist ganz einfach ein Reaktionär und muß bekämpft werden.(...) Front und Heimat waren am Ende ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. 1918 erschien mir die Revolution als ein Kapitalverbrechen am deutschen Volk.(...) So begeistert ich einst als Soldat zum Schutze meines Vaterlandes ausgezogen bin, so groß ist nun meine Enttäuschung. In diesen Tagen der tiefen Verbitterung kenne ich nur einen Gedanken, meinen Teil dazu beizutragen, um diesen Flecken auf dem Schild der Ehre wieder zu beseitigen. Mit viel Eifer suche ich nach Gleichgesinnten." (Wahl: "… es ist das deutsche Herz", S.33/34 - 1954)
Für 17 Jahre Gauleiter von Schwaben: Der Augsburger Karl Wahl - 1933 (Wikimedia Commons / Siemßen - Datei: KarlWahl.jpg - 1933)
Landesweit greifen derweil räte-demokratische Vorstellungen nach bolschewistisch-russischem Vorbild um sich. Aus dem linken Flügel der SPD bildet sich der marxistische Spartakusbund.
Deren Politiker, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, stehen kurz davor, im taumelnden deutschen Staat eine Sozialistische-Republik zu proklamieren.
Die Berliner Volksbeauftragten setzen hingegen auf eine parlamentarische Demokratie und rufen aufgrund der absehbar gefährdeten Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung die verbliebenen Streitkräfte unter dem sozialdemokratischen General Noske zu Hilfe.
Panzer der reaktionären Freikorpstruppen, die vom Sozialdemokrat Gustav Noske gegen die revolutionären Spartakisten und Unabhängigen unter Führung von Liebknecht und Ledebour während des Januaraufstandes vom 5. bis 12.1.1919, hier in Berlin-Neukölln, eingesetzt werden. (BArch: Bild 183-H26076 / o.Ang.)
Die Kommunistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg werden daraufhin am 15. Januar 1919 nach ihrer Festnahme und kurzen Vernehmung auf dem Weg zum Moabiter Gefängnis durch begleitende Soldaten ermordet.

Besetzung des Hauses Mannheimer Straße 43 in Berlin-Wilmersdorf durch Konterrevolutionäre Truppen bei der Verhaftung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs - 15. Januar 1919 (BArch: Bild 183-G0506-0600-002 / o.Ang.)
Gedenkpostkarte zur Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg - 1921 (BArch: BildY 10-RL6-26636 / o.Ang.)
Die juristische Aufarbeitung des politischen Mordes wird von den zuständigen Stellen erschwert und blockiert. Schließlich berichtet der KPD-Vorsitzende Leo Jogiches in der kommunistischen Roten Fahne von den eigenen Recherche-Ergebnissen. Massiv klagt er in seiner Rekonstruktion des Tatablaufes nicht nur die Untersuchungsführung an:
"Die Suche nach dem Mörder scheint dem Gericht weniger wichtig als die nach den vermeintlichen Indiskretionen. Wir haben auch versucht, das große Schweigen zu brechen.(…) Hier ist ein Mord begangen von weltgeschichtlicher Bedeutung.(…) Sie sind ermordet worden, und die Presse schweigt.(…) So wollen wir reden und wollen erzählen.(…) Sie ließen das Automobil ohne wichtigen Grund diesen nahezu unbeleuchteten Umweg fahren.(…) Sie haben die Lüge erfunden, Liebknecht habe einen Fluchtversuch gemacht. Daß dieser Fluchtversuch gelogen ist, ergibt sich daraus: (...) daß Liebknecht nach dem erlittenen schweren Schlag auf den Kopf kaum mehr im Stande war zu gehen, er war so benommen, daß selbst die Mörder ihn fragten, ob er noch gehen könne.(…) Rosa Luxemburg kam die Haupttreppe des Hotels herab und schritt durch den Hauptausgang.(…) Als sie durch die Drehtür schritt, drehte Runge das Gewehr um und schlug ihr auf den Kopf. Sie fiel um. Runge schlug ein zweites Mal auf den Kopf. Von einem dritten Schlag sah er ab, weil er sie für tot hielt.(…) Man schob die Leblose in den Wagen. Rechts und links davon ein Mann, darunter Vogel.(…) Der Oberleutnant Vogel hat unterwegs der Leblosen alsdann die Pistole gegen die Schläfe gehalten, ihr noch einmal eine Kugel durch den Kopf gejagt" ("Die Rote Fahne", Nr.26, S.1 v.12.2.1919)

Einen Monat nach dem Erscheinen des Artikels wird auch Jogiches verhaftet und kurz darauf im Gefängnis ermordet. Verantwortlich für die Tötung der Revolutionäre Luxemburg und Liebknecht zeigt sich später Waldemar Pabst, erster Generalstabsoffizier unter Oberbefehlshaber Gustav Noske (SPD). Zu dem Verlauf der Ermordung heißt es in einer Buchveröffentlichung:
"(-Waldemar-) Pabst hatte in der Mordnacht (-Gustav-) Noske in der Reichskanzlei angerufen! Am Telefon war Canaris, der zu Noske durchtstellte. Ergänzt man Pabsts Memoiren-Hinweis mit der Aussage Kranzbühlers, ergibt sich folgendes nächtliches Telefongespräch:
Pabst: 'Ich habe Luxemburg und Liebknecht. Geben Sie entsprechende Erschießungsbefehle.'
Noske: 'Das ist nicht meine Sache! Dann würde die Partei zerbrechen, denn für solche Maßnahmen ist sie nicht und unter keinen Umständen zu haben. Rufen Sie doch Lüttwitz an, er soll den Befehl geben.'
Pabst: 'Einen solchen Befehl kriege ich von dem doch nie!'
Noske: "Dann müssen Sie selber wissen, was zu tun ist.'" (Pirntke: "Das wahre Gesicht des Wilhelm Franz Canaris", S.19 - 2006)
Bis zu seinem Tod im Jahre 1970 wird Waldemar Pabst nie zu dieser Tat vernommen oder angeklagt.
Der Mann fürs Blutige: Waldemar Pabst - 1930 (BArch: Bild 183-2005-0413-500 / o.Ang.)
Der geheime Germanen-Orden
(203-1919) In der frühen Entwicklungsphase der Münchener (NS)DAP nimmt der bereits 1912 gegründete Germanen-Orden eine wichtige Organisationsform ein.
"Die Erwähnung des Germanenordens hier ist nicht unwichtig. Seine Richtlinien wurden zur weltanschaulichen Grundlage der SS." (Rittlinger: "Geheimdienst mit beschränkter Haftung", S.306 - 1973)
Der im Verborgenen wirkende Zusammenschluss wird von den "Stillen im Lande" geführt und bietet dabei in erster Linie Einfluss über Vernetzung. Doch der Geheimbund fordert auch von seinen Mitgliedern, wie aus polizeilich beschlagnahmten Briefen hervorgeht:
"... mache Sie aber nochmals darauf aufmerksam, dass ernste Pflichten Ihrer harren, dass Sie mit Ihrem Eintritt manches Opfer an Hab und Gut, an persönlicher Meinung und auch an eigenem Wollen zu bringen haben ..." (BArch Berlin: R 3009/164 - Auszug aus dem Ergebnisbericht zu der beschlagnahmten Akte "Weiheloge" des Germanen-Ordens vom 27.10.1922)
Briefbogen des im Geheimen wirkenden Germanen-Ordens - 1916 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/852, S.129)
Ordens-Gründung durch Theodor Fritsch (1852-1933)
Initiator der logenartig aufgebauten völkischen Organisation ist der Leipziger Ingenieur Theodor Fritsch.

Theodor Fritsch - 1890 (Fotografie aus "Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Hammer", S.64 - 1926)
Über den beruflichen Werdegang von Theodor Fritsch wird berichtet:
"Ursprünglich war Fritsch Mühlentechniker, der sich 1879 mit einem eigenen Büro zur Propagierung mühlentechnischer Neuerungen selbstständig gemacht hatte. Ein Jahr darauf, im Oktober 1880, meldete sich der junge Ingenieur mit dem Kleinen Mühlen-Journal auch als Interessenvertreter der eigenen Berufsgruppe, sowie als Propagandist mittelständischer Ideologien zu Wort. Zum 1. April 1882 zog der Verlag ins Leipziger Buchhändlerviertel um, die Zeitschrift hieß nun Deutscher Müller. Kurz zuvor hatte Fritsch in einem befreundeten Verlag sein erstes antisemitisches Pamphlet veröffentlicht." (Ulbricht: "Handbuch zur völkischen Bewegung", S.285 – 2012)

Foto zur Vermählung: Theodor Fritsch mit Ehefrau Paula, geb. Zilling - 1893 (Fotografie aus "Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Hammer", S.96 - 1926)
Der sächsische Verleger ist innerhalb der völkischen Bewegung vielseitig engagiert. In den Folgejahren nimmt er u.a. an einer Parteigründung teil und veröffentlicht diverse judenfeindliche Publikationen, die über seinen 1902 gegründeten Hammer-Verlag reichsweit in den Umlauf gebracht werden. Darunter fällt auch der Antisemiten-Katechismus, der in späteren Jahren unter dem Titel Handbuch der Judenfrage eine weite Verbreitung findet. Fritsch ist sich dabei hinsichtlich der sogenannten Dolchstoßlegende sicher:
"Ohne die Wirksamkeit der jüdischen-demokratischen und sozialdemokratischen Presse hätte Deutschland den Krieg siegreich bestanden, infolge ihres Einflusses ist er verloren worden. Sie hat damit selbst bekundet, daß die bestimmende Gesinnung des Gesamtjudentums, einschließlich des deutschen, gegen das Deutschtum unversöhnliche Todfeindschaft ist." (Fritsch: "Handbuch der Judenfrage", S.482 – 1919)
Nachfolger des Antisemiten Katechismus: Handbuch der Judenfrage - 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
1912 - Gründung des Germanen-Ordens
Unter der Direktive des Verlegers kommt es 1912 schließlich zur Gründung des geheimen Germanen-Ordens, der für sich auch zugleich den völkischen Führungsanspruch reklamiert:
"Der Germanenorden ging aus dem antisemitischen 'Reichshammerbund' hervor, den der Mühleningenieur und Publizist Theodor Fritsch zu Pfingsten 1912 (26. Mai) in Leipzig gegründet hatte. Da Fritsch eine geheime Kommandozentrale für die gesamte deutschvölkische Bewegung vorschwebte, wurde auf der konstituierenden Sitzung des Reichshammerbundes auch der Germanenorden ins Leben gerufen. Er sollte als logenartig aufgebauter Geheimbund eines Tages die Kommandogewalt übernehmen.(...) Der Germanenorden war der Vorläufer der Münchner Thule-Gesellschaft Rudolf von Sebottendorffs." (Gilbhard: "Germanenorden", publiziert auf historisches-lexikon-bayerns.de – 17.07.2006 + Benz/Mihok: "Organisationen, Institutionen, Bewegungen", S.303/S.518 - 2012)
Bei Goodrick-Clarke heißt es hierzu weiter:
"Der 'Reichshammerbund' wie auch der 'Germanenorden' waren virulent antisemitische Gruppen, die ihr Entstehen dem Organisationstalent von Theodor Fritsch, einem Hauptakteur der antisemitischen Szene im Vorkriegsdeutschland und in der deutschen Politik zwischen 1900 und 1914, verdanken." (Goodrik-Clarke: "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus", S.94 – 2014)

Leipzig: Gründungstag des Germanen-Ordens und Reichshammerbundes - 24./25. Mai 1912
1.Reihe, 2.v.l.: Ordenskanzler Hermann Pohl (17), 4.v.l.: Theodor Fritsch (19) (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/887, S.119)
Die antisemitischen Aktivitäten von Theodor Fritsch bleiben nicht unkommentiert. So schreibt der Verein zur Abwehr des Antisemitismus bereits fünf Monate nach dem Mai-Treffen:
"Von einem wahren Gründungsfieber sind die Antisemiten befallen. In den letzten Jahren allein wurden von ihnen ins Leben gerufen der 'Verband gegen die Ueberhebung des Judentums', der 'Hammerbund', der 'Deutschvölkische Schriftstellerverband'. Fast überall hat Herr Theodor Fritsch die Hand im Spiele. Der von ihm erwartete Erfolg muß aber doch ausgeblieben sein; sonst würde er nicht immer wieder einen frischen Versuch machen. Sein neuestes Experiment ist die Gründung des 'Germanenordens'. Wie das 'Berl.(-iner-) Tagebl.(-att, Nr.507, S.2 v. 4.10.1912-) mitzuteilen weiß, hat er ein Werbeschreiben an die 'Stillen' im Lande erlassen, worin er auseinandersetzt, daß zwar 'alles Geheimwesen dem geraden deutschen Sinn widerstrebe', daß es aber doch nun einmal nicht jedermanns Sache sei, 'sich zum Beispiel öffentlich als Judengegner zu bekennen und sich einem Vereine anzuschließen, der offen judengegnerische Ziele auf seine Fahne schreibt'. Wo bleibt da der deutsche Mut, den diese Helden in Erbschaft genommen haben!" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Mitteilungnen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Nr.22, S.176 - Rundschau v. 23.10.1912)
Über das Werbeschreiben von Theodor Fritsch heißt es in dem erwähnten Berliner Tageblatt:
"Herr Theodor Fritsch, der reine Tor mit dem hölzernen Hammer, erläßt ein Werbeschreiben an die Dummen im Lande, die er vorsichtshalber 'die Stillen' nennt. Er setzt darin auseinander, daß zwar 'alles Geheimwesen dem geraden deutschen Sinn widerstrebe', daß es aber doch nun einmal nicht jedermanns Sache sei, 'sich zum Beispiel öffentlich als Judengegner zu bekennen und sich einem Vereine anzuschließen, der offen judengegnerische Ziele auf seine Fahne schreibt'. So sehr aber ist Herr Fritsch nun doch nicht reiner Tor, daß er auf die Unterstützung dieser Leute verzichten möchte, die den Mut ihrer Ueberzeugung nicht haben. Mögen sie dem deutschen Namen öffentlich Schande machen, indem sie heuchlerisch und feig eine Meinung zur Schau tragen, die sie nicht haben! Das wird Herrn Theodor Fritsch nicht abhalten, heimlich, ganz heimlich ihnen - die Beiträge abzuknöpfen, deren er anscheinend sehr dringend bedarf. Zur Förderung der Sache natürlich, die 'tatkräftige Hammerfreunde' durch Stiftung einer Loge neu zu finanzieren gedenken. Denn also spricht der Hammer-Theo-Tor:
'Darum haben tatkräftige Hammersreunde sich zu einer logenartigen Verbindung unter dem Namen 'Germanenorden' (G. O.) zusammengeschlossen, in welcher nun jeder, ohne die Bloßstellung seines Namens fürchten zu müssen, an der Erlösungsarbeit unseres Volkes mitwirken kann. Der Germanenorden soll keine freimaurerische Freundschaftsverbrüderung darstellen, sondern nur eine auserlesene Waffenbrüderschaft, der sich hoch und niedrig freudig anschließen kann, und zu welcher bereits Männer in hoher sozialer Stellung sich bekennen. Judenabkömmlinge werden grundsätzlich ferngehalten. Diese Organisation macht im stillen rüstige Fortschritte, und es wäre zu wünschen, daß alle ernsten Männer, und auch die Frauen aus Hammerkreisen, ihr beiträten. Ich richte dieses Schreiben an eine beschränkte Zahl bewährter nationaler Männer mit der Bitte, diese neuen Bestrebungen fördern zu helfen. Es bedarf nur der Aeußerung Ihres Wunsches, um Ihnen weitere Aufschlüsse über Ziele und Verfassung unseres Germanenordens zugänglich zu machen. Die geschäftliche Leitung dieser Angelegenheit ist Herrn Eichmeister a. D. Hermann Pohl in Magdeburg, Kaiser-Friedrich-Straße 28, übertragen. Ich bitte Sie, sich vertrauensvoll an denselben zu wenden. Die strengste Verschwiegenheit bleibt Ihnen zugesichert.'
Also nur keine Bange nich, auserlesener Herr Waffenbruder! Der Herr Eichmeister wird Sie ganz in der Stille taxieren, mit dem geschärften Blick, der ihm von Berufswegen eigen ist. Und fürchten Sie nur nicht, daß je ein Mensch erfahren könnte, um wie viel Sie die neuen Bestrebungen 'gefördert' haben. Daß darüber nie mehr ein Sterbenswörtchen laut werden wird, dafür bürgt das abgrundtiefe Ordensgeheimnis Ihnen - und den anderen." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de + //dfg-viewer.de: Berliner Tageblatt, Nr.507, S.2 - "Deutschland" v. 4.10.1912)
Der offizielle Hauptsitz des Germanen-Ordens befindet sich in Berlin, rund 600 km von Augsburg entfernt:
"Bereits vor dem Kriege ist eine der umfangreichsten neuheidnischen Organisationen entstanden, die in bewußter Konsequenz absolutes Stillschweigen über ihre Einrichtungen von ihren Mitgliedern fordert. Es ist das der Germanenorden, der in Berlin-Lichterfelde, Curtiusstraße 3, seinen Sitz hat." (Steiger: "Der neudeutsche Heide im Kampf gegen Christen und Juden", S.165 - 1924)
Zu den Berliner Versammlungen heißt es in einer vertraulichen Einladung zur "feierlichen Verpflichtung und Weihe der in die Bruderschaft des Germanen Ordens Aufnahme heischenden" Anwärter:
"Die Tagung ist als 'Hammerbundsitzung' angemeldet, da der G.O. öffentlich nicht erwähnt werden darf. Zu dem daran anschliessenden einfachen Liebesmahl (Gedeck Mk. 1,50 ohne Weinzwang) sollen auch die Frauen der Brüder zugelassen werden. Zur Verschönerung des Festes ist es erwünscht, dass sich die Frauen in möglichst grosser Zahl beteiligen und in lichter Kleidung erscheinen.(...) Anzug zur Weihe für die teilnehmenden Brüder: Hoher Hut, schwarzer Anzug, weisse Binde, weisse Handschuhe. Gemäss Beschluss der Gauloge Berlin hat vor der Aufnahme eine Messung und Beurteilung durch den Phrenologen R. Burger (...) zu erfolgen.(...) Sollten Sie verhindert sein, die Messung vornehmen zu lassen, so wird um Einsendung Ihres Bildes und möglichst auch desjenigen Ihrer Frau Gemahlin gebeten." (Germanen-Orden, Gauloge Berlin: Vertrauliches Einladungsschreiben zur Verpflichtung und Weihe am 11.1.1914, Bruno Papendiek v. 29.12.1913)
Großmeister Theodor Fritsch, der sich bereits ab 1880 erfolgreich bemüht, über seine Verlagstätigkeit hinaus einen Deutschen Müllerbund zu organisieren, findet auch in Gottfried Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv eine kurze Erwähnung. Hierbei hält es Dr. Grandel offen, aus welchen Zusammenhängen der Kontakt zu dem umtriebigen Mühleningenieur Theodor Fritsch entsteht. Gottfried Grandel notiert:
"Ausgezeichnete Aufklärungsarbeit in völkischer Hinsicht leistete Theodor Fritsch in Leipzig, Herausgeber der Ztschr. 'Hammer', den ich ebenfalls persönlich kennen lernte." (BArch Berlin, NS26/514, S.593/ Bl.8 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Der Hinweis auf die von Theodor Fritsch seit 1902 vertriebene Publikation "Hammer" lässt vermuten, dass Gottfried Grandel zumindest Abonnent der antisemitischen Zeitschrift gewesen ist. Zu der inhaltlichen Ausrichtung des Halbmonats-Heftes heißt es:
"'Die Ausscheidung des Judentums aus dem Volksleben' wurde als oberstes Ziel proklamiert. Um den Boden für die Erreichung dieser Zielsetzung zu bereiten, wurden alle Vorstellungen und Ausführungen diesem Grundsatz untergeordnet." (Ulbricht: "Handbuch zur 'Völkischen Bewegung'", S.341 – 2012)

Reichsweit in Lesezirkeln organisiert: Abonnenten der Zeitschrift Hammer - Blätter für deutschen Sinn (Fotografie im Privatbesitz)
Ab 1905 werden die Abnehmer der Halbmonatshefte zu regionalen Lesezirkeln zusammengefasst. Auch in Augsburg und Nürnberg bildet sich eine solche Zusammenkunft.
Gründungsmitglieder der Ortsgruppe Nürnberg des Hammerbundes: Hochstein, Mulzer, Julius Rüttinger, Schiller, Schmiedel, Seidel, Spindler - 1933 (BArch: Bild 119-0197-02 / o.Ang.)
Dr. Grandels politischer Weggefährte aus dem Germanen-Orden Walvater, der aus Heidelberg stammende Dr. Arnold Ruge, nimmt in einer Jubiläumsausgabe zu der Zeitschrift Hammer Stellung:
"Wer die nahezu sechshundert schlichten grünen Hefte durchblättert, die im Laufe von 25 Jahren aus der Hammer-Schmiede ausgingen, kann sich eines Gefühls tiefer Beschämung nicht erwehren. Gegen soviel vernünftigen Rat und sittliche Ermahnung, gegen soviel geistige, kulturelle, wirtschaftliche, politische und nicht zuletzt religiöse Kräfte-Entfaltung konnte eine Nation in ihrer übergroßen Mehrheit teilnahmslos bleiben? Wenn irgendwo, so liegen in den Hammerbänden die Zeugnisse dafür aufgespeichert, daß die Katastrophe, die unser Volk betroffen hat, vermeidbar gewesen wäre, wenn es, statt berauschenden Wahn-Ideen nachzujagen, der klaren und nüchternen, von jeder falschen Schonung freien Stimme dieses wahrhaften Propheten gelauscht und seine Worte beherzigt hätte. Daß Fritsch, daß der 'Hammer' ein Prediger in der Wüste geblieben ist, darauf ist letzten Endes der furchtbare nationale Zusammenbruch vom November 1918 zurückzuführen."("Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Hammer", S.18/19 - 1926)

Dr. Arnold Ruge (1.1.1861 - 24.12.1945) vor der Heidelberger Universität - 1936 (Universitätsarchiv Heidelberg, PA 5551 / o.Ang.)
Weiter notiert Dr. Grandel in seinem Archivbericht über Theodor Fritsch:
"Ein kluger und mutiger Mann, musste er als 70-Jähriger (-73-Jähriger 1925-) noch (-für 3 Monate-) ins Gefängnis wandern, weil er den Juden (-Max-) Warburg in Hamburg gekränkt hatte. Nur eine total verjudete Justiz konnte sich zu einem solchen Fehlurteil entschliessen." (BArch Berlin: NS26/514, S.593/Bl.8 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Theodor Fritsch - 1926 (Fotografie aus "Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Hammer", S.1)
Auch Joseph Goebbels ist von Theodor Fritsch beeindruckt. In seinen Tagebuchaufzeichnungen notiert er:
"Mit Theodor Fritsch spreche ich eine ganze Stunde. Ein lieber alter Onkel, schon etwas müde, aber immer noch von unbesiegbarem Optimismus. Ich hatte mir ihn stärker und kräftiger vorgestellt. Dieser zarte Mann kämpft unentwegt gegen eine Weltmacht, gegen Leute wie Max Warburg. Respekt. Er pflichtet meinen Gedanken über die geistige Vertiefung der völkischen Bewegung bei." (Tagebuch Joseph Goebbels, Teil 1, Bd.1, S.200 v. 19.8.1924 + "Nationalsozialistischer Sprachstil", S.408 v. 2007)
Der spätere Propagandaminister Joseph Goebbels übernimmt in seinem 1941 veröffentlichten Leitartikel "Die Juden sind schuld" von Theodor Fritsch ganze Argumentationsstränge aus dem "Handbuch der Judenfrage", zum Teil fast wörtlich.
(Braun: "Nationalsozialistischer Sprachstil", S.228 v. 2007 + Goebbels: "Das eherne Herz", darin enthalten: "Die Juden sind schuld", S.85-91 v. 16.11.1941)
Zu dem hier von Gottfried Grandel angesprochenen Warburg-Prozess heißt es:
"In der Rubrik 'Politische Prozesse' wurde über den Prozeß von Max Warburg gegen den bekannten 'Alt-Antisemiten' Theodor Fritsch berichtet, der Warburg, 'den heimlichen Meister von Deutschland', beschuldigt hatte, sich während des Krieges zum Nachteile Deutschlands bereichert zu haben. Nach wiederholten Revisionsverfahren wurde Fritsch zu vier Monaten Gefängnis verurteilt." (Barkais: "Wehr Dich!", S.182 - 2002)
Im Anschluss an den erwähnten Prozess veröffentlicht der streitbare Verleger auch zu diesem Themenkomplex ein weiteres Buch:
"Mein Streit mit dem Hause Warburg. Eine Episode aus dem Kampfe gegen das Weltkapital."

Publizist Theodor Fritsch - 1930 (Wikimedia Commons - Datei: Theodor_Fritsch_1.jpg / Fritsch, T. + Bay. Staatsarchiv: Bild hoff-1083 / Repr. Fotoarchiv Hoffmann, Heinrich + Fritsch: "Handbuch der Judenfrage" - 1935 + historisches-lexikon-bayerns.de: Germanenorden)
Theodor Fritsch veröffentlicht in einer Ausgabe seiner Zeitschrift Hammer die Grundüberlegung zum parteipolitischen Engagement des Ordens:
"Hunderttausende von Deutschen sind aus der jüdisch-marxistischen und jüdisch-demokratischen Narkose erwacht. Der Umsturz und seine Folgeerscheinungen haben sie für den völkischen Gedanken reif gemacht. Der Weg zur völkischen Rechtspartei ist ihnen durch ihre wirtschaftliche Einstellung oder ihre Klassen-Vorurteile verbaut. Nur für eine völkische Linkspartei sind sie zu gewinnen. Der Deutsch-sozialistischen Partei, der einzigen Partei dieser Art, fehlt es an den nötigen Kräften und Mitteln, den völkischen Gedanken in die breiten Massen zu tragen. Es gibt aber keinen Wiederaufstieg Deutschlands ohne Gewinnung der Arbeiter für die deutsch-völkische Sache." (Fritsch: "Hammer", Nr.488, 21.Jhrg., S. v. 15.10.1922)
Die Vermutung liegt nahe, dass sich über die Mühlentechnik oder den Deutschen Müllerbund eine erste Verbindung des Leipziger Ingenieurs zu dem Betreiber der Augsburger Gewürzmühle entwickelt. Denkbar ist auch, dass bereits Gottfried Grandels Austritt aus der protestantischen Kirche im Jahre 1905 im Zusammenhang mit dem germanischen Religions-Einfluss von Theodor Fritsch zu sehen ist. Ab 1905 bilden sich im Reichsgebiet die ersten Hammer-Gemeinden als Lesezirkel.
Der Kontakt Gottfried Grandels zu dem arisch-antisemitischen Germanen-Orden oder dem Reichshammerbund ist hingegen über eine reguläre Mitgliederliste nicht nachweisbar, doch deuten verschiedene Aspekte auf eine recht enge Verbindung hin. So wird in der Zeitschrift Hammer u.a. ein Leserbrief veröffentlicht, den Gottfried Grandel in Bezug auf eine vorherige Buch-Veröffentlichung von Theodor Fritsch verfasst:
"Eine Zustimmung zu 'Anti-Rathenau'."
(Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Ausschnitt aus Halbmonatsschrift "Hammer - Blätter für deutschen Sinn", Nr.437, S.334 v. 1.9.1920)
Der abgedruckte Brief an F. Roderich-Stoltheim (d.i. Theodor Fritsch) erscheint für Dr. Grandels Vorgehensweise ungewöhnlich, da er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung eigentlich schon auf das politische Wirken im Hintergrund ausgelegt ist. Der Schritt ist jedoch erforderlich, da zeitgleich seiner Augsburger NSDAP-Ortsgruppengründung noch die Teilnehmerzahl mit Ordenshintergrund fehlt. Er schreibt:
"Sehr geehrter Herr! Es ist eine große Seltenheit, daß ich einem Buche meine ganze Zustimmung geben kann, wie Ihrer kleinen Schrift 'Anti-Rathenau'. Seit einem halben Jahre habe ich sie oft gelesen und kein Fehl darin gefunden. Alle die wichtigen Dinge, die Sie darin besprechen, bewegen auch mich aufs stärkste und ich habe mir Ihre Verwirklichung zum Ziele gesetzt. Landauf, landab suche ich seit langem selbstlose deutsche Männer, die das Gleiche wollen, sich aber nicht mit der Erkenntnis und dem Wunsche begnügen, sondern wirkliche Arbeit leisten. Der wahrhaft deutsche Rechtsstaat, den wir klar vor uns sehen, enthält die Grundzüge, die Sie in Ihrer Schrift anführen. Viel Leid und Enttäuschung ist dem beschert, der sein Volk sehend machen und zum Heile führen möchte. Der rechte Weg ist aber jetzt erkannt." (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Leserbrief Dr. Grandels v. 19.7.1920 aus: "Hammer-Blätter für den deutschen Sinn", Nr.437, S.334 v. 1.9.1920)
Der "wahrhaft deutsche Rechtsstaat" bezieht sich hier auf die Ausarbeitungen seines Freundes Dr. Arnold Wagemann, dem Gründer des "Bund für deutsches Recht", in dem sich auch Dr. Grandel bereits 1919 stark engagiert. Zu der von ihm gegenüber Theodor Fritsch hochgelobten Buchveröffentlichung wird hingegen vermerkt:
"1887 veröffentl. Fritsch unter dem Pseudonym Thomas Frey einen von Hitler in seiner Jugend gelesenen 'Antisemitismus-Catechismus' sowie 1918 unter dem Pseudonym Ferdinand Roderich-Stoltheim den 'Anti-Rathenau', eine extrem judenfeindl. Schmähschrift gegen Rathenau. Fritsch war Verfasser zahlreicher Bücher zur 'Judenfrage' sowie Hg. der antisemitischen Zeitschrift 'Der Hammer'." (Hentzschel-Fröhling: "Walther Rathenau als Politiker", S.303 - 2007)
Es ist anzunehmen, dass sich Gottfried Grandel von dem einflussreichen Wegbereiter des späteren Holocaust über dessen Veröffentlichungen stark beeinflussen lässt und dessen Schriften im Jahre 1919 als Hitlers erster "Nährvater" dann auch an seinen politischen Zögling weiterreicht:
"Sein Handbuch der Judenfrage war selbst für Hitler Pflichtlektüre." (ZEIT-Online: "Theodor Fritsch, ein Vordenker der Judenhasser" v. 7.11.2013)
Der frühe Kontakt des Öl-Fabrikanten zu dem damals unbekannten Weltkriegs-Gefreiten wird in einer späteren Schrift mit aufgegriffen:
"Dr. Grandel erzählte mir einmal, dass er Hitler nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst etwa ¼ Jahr lang bei sich beherbergte und ihm damals seine früheren Kolleghefte zur Weiterbildung zur Verfügung stellte. Dabei habe er mit Erstaunen festgestellt, wie selbständig Hitler über alles urteilte und z.B. mit den Thesen des liberalen Münchener Nationalökonomen Dr. Lujo Brentano keineswegs einverstanden war." (Miller: "Wie Hitler Augsburg eroberte. Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung", S.28, undatiertes Typoskript, Veröffentlichung 1964)
Der westfälische Wanderredner Heinrich Dolle, der drei Jahre später selbst für mehrere Monate bei Dr. Grandel in Augsburg als nationalsozialistischer Versammlungsredner geschult wird, erwähnt in seinem Brief an General Ludendorff:
"Adolf Hitler lebte, ehe er Mitglied der NSDAP wurde, ¾ Jahre bei meinem Freunde Gottfried Grandel in Augsburg. Dort bekam er nicht nur die körperliche Nahrung; auch die geistige." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Dolle an Erich Ludendorff v. 25.11.1927)
Den Krieg überstanden: Weltkriegs-Gefreiter Adolf Hitler – 1918 (Wikimedia Commons / o.Ang. - Datei: Hitler 1921.jpg – Passfoto der Waffenbesitzkarte - 1918)
Heinrich Dolle schreibt indessen auch Artikel für den Hammer von Theodor Fritsch:
"Zum Streit um Gesells Geldtheorie" (Hammer, 19. Jg, Nr.444, S.478/479 - 1920)
GO-Mitglied Friedrich Krohn (ca. 1880 - Starnberg, September 1967)
Der völkische Schüler Adolf Hitler profitiert noch von einem weiteren Ordensmitglied, der innerhalb der Organisation als Experte für völkische Themen und Entwickler der nationalsozialistischen Parteifahne gilt:
"Die zweite auswärtige Ortsgruppe (-der NSDAP-) entstand im August 1920 in Starnberg. Dort wohnte der (-schon seit 1913-) in Germanen-Orden und (-1918-) Thule-Gesellschaft aktive Dentist Friedrich Krohn, der Hitler seine Bibliothek völkischer Schriften zur Verfügung stellte." ("Nationalismus in der Region", darin enthaltener Aufsatz v. Hellmuth Auerbach: "Regionale Wurzeln und Differenzen der NSDAP", S.72 - 2009)
Weiter heißt es bei Franz-Willing:
"Friedrich Krohn, Mitglied des Germanen- und Wälsungenordens schon in der Vorkriegszeit, richtete im Laufe des Jahres 1918 eine Art 'nationalsozialistisches Institut' ein. Für diesen Zweck hatte er seine Privatbibliothek zur Verfügung gestellt, die etwa 2500 Bände umfaßte. Hitler benützte eifrig Krohns Bibliothek in den Jahren 1919-21." (Franz-Willing: "Ursprung der Hitlerbewegung", S.115 - 1962)
2. April 1913 - Werbeschreiben an potentielle Interessenten
"Sehr geehrter Herr Gesinnungfreund! Die Unwirksamkeit der bisherigen losen völkischen Bestrebungen und Vereinigungen haben die Ueberzeugung klar werden lassen, daß die hohen Ziele, deutschen Geist und deutsche Sitte wiederzubringen, unserem Volke nur durch einen festen Zusammenschluß aller Gleichgesinnten unter Ausschluß alles Fremdartigen und Fremdrassigen möglich ist. Der Weg hierzu ist bereits beschritten, und die bisherige Entwicklung hat gezeigt, daß der Erfolg die Richtigkeit dieses Gedankens bestätigt. In welcher Weise dieses Ziel erreicht werden kann, soll Ihnen in der am 7. April d. J., abends 81/2 Uh, im Hansarestaurant, Französische Straße 16, Vereinszimmer 1 Treppe, stattfindenden Besprechung, zu der nur Eingeladene und durch dieses Schreiben Ausgewiesene Zutritt haben, des näheren erörtert werden. Wir beehren uns, Sie zu dieser vertraulichen Aussprache ergebenst einzuladen und hoffen, daß Sie, von dem Wunsche beseelt, an der Wiedergeburt unseres Volkes mitzuarbeiten, gern an der Besprechung teilnehmen werden. Deutschen Gruß! Germanenorden: Prost." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Berliner Tageblatt, Nr.170, S.2 - "Der Germanenorden" v. 5.4.1920)
1916 - Die Entwicklung des süddeutschen Germanen-Ordens
Im Weltkriegsjahr 1916 kommt es zur Spaltung des Germanen-Ordens, woraufhin das Gründungsmitglied Hermann Pohl zusammen mit dem technischen Betriebsleiter Gustav Wilhelm Freese am 8. Oktober den Germanen-Orden Walvater auf einer Führer-Versammlung in Gotha als Neugründung ausgliedert. In diesem Zeitraum entsteht der intensivere Kontakt des Ordens zu Adam Alfred Rudolf Glauer, alias Rudolf von Sebottendorff, der sich nach seiner am 28. Juli 1915 in Wien vollzogenen Heirat mit der vermögenden Berliner Kaufmannstochter Bertha Anna Iffland in Kleinzschachwitz bei Dresden niederläßt. In dem lokalen Adressbuch firmiert er unter der Bezeichnung 'Villenbesitzer'. Im Jahre 1907/08, kurz nach seiner nur zwei Jahre währenden ersten Ehe vom März 1905 mit der Bischofswerdaer Bauerntochter Klara Voss, bezeichnete er sich im Berliner Adressbuch noch als:
"Glauer - Rudolf, Ingen./Geschätsführer, Steglitz, Kuhligks Hof 5 pt."
Verbindungen zu dem adelsbezogenen Namen v. Sebottendorff hat Rudolf Glauer bereits im Jahr 1894. Zusammen mit Hans v. Sebottendorff aus Hennersdorf, Kreis Görlitz, besteht der 18-jährige Elektrotechniker am 8. März 1894 die Abgangsprüfung am Realgymnasium. Weiter wird berichtet:
"Ein gewisser Heinrich von Sebottendorff (geboren 1825) lebte 1887 in Görlitz, einer Stadt in der Nähe von Hoyerswerda." (Goodrick-Clarke: "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus", S.124 - 1997)
1909
Der Lebensweg des jungen Glauer mutet experimentell an; schon früh entwickelt sich in ihm der Hang zum Täuschen. So berichtet die Münchner Post:
"Schon 1909 machte er wegen einer Reihe von Urkundenfälschungen und Betrügereien mit dem Berliner Staatsanwalt Bekanntschaft. Als ihm der Boden zu heiß wurde, entwich er nach der Türkei und tauchte plötzlich 1913 als 'Freiherr von Sebottendorf ' wieder in Deutschland (-Breslau-) auf, wo er angab, in Amerika als Sohn eines Freiherrn gleichen Namens geboren zu sein. Bei anderer Gelegenheit nannte er als Geburtsort Konstantinopel und behauptete, der Sohn eines aus Deutschland ausgewanderten (-Heinrich?-) Freiherrn von Sebottendorf zu sein. Dann bezeichnete er sich wieder als ottomanischer Staatsangehöriger und trat sogar in der Uniform eines türkischen Hauptmann auf!" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.6 - "Das Porträt eines hakenkreuzlerischen Hochstaplers" + Münchner Post, Nr.61, S.7 v. 14.3.1923)
Rudolf Glauer nimmt hier offenbar Bezug auf folgende Biographie:
"Aus dem übrigen Inhalt dieser Zeitschrift (-'Das Wissen', Juni 1913-) heben wir einen Artikel über die Petroleumlager in Mesopotamien aus der Feder des Ingenieurs H.(-einrich?/Hans?-) von Sebottendorf hervor, der vor einigen Jahren diese Gegenden auf ihren geologischen Wert untersuchte." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Karlsruher Tagblatt, Nr., S.6 v. 10.7.1913)
In seiner Buchveröffentlichung von 1933 berichtet Rudolf Glauer/v. Sebottendorff zu seinem Werdegang:
"Sebottendorff war im Jahre 1911 türkischer Staatsangehöriger geworden; er entstammt einer bürgerlichen Familie, ist in Hoyerswerda geboren und war nach türkischem Recht von einem Baron Heinrich von Sebottendorff adoptiert worden." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.169 - 1933)
"Baron Rudolf Sebottendorf kam im April 1913 nach Deutschland, um sich in Breslau von einer im Balkankriege erhaltenen Kopfverletzung kurieren zu lassen" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S. - "Thulegesellschaft, Beobachter, Freikorps Oberland" v. 19)

Aus Gründen besonders fotoscheu: Rudolf Glauer alias Baron Freiherr von Sebottendorff - 1939 (Wikimedia Commons - Datei: Rudolf von Sebottendorf in 1914.png / o.A.)
Rudolf Glauer/v. Sebottendorff übt sich schon früh in der Aquise von Risiko-Kapital:
"Er (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff-) lernte bei der Jahrhundertausstellung (-vom 20. Mai bis 26. Oktober 1913 in Breslau-) den Erfinder Friedrich (-Wilhelm-) Göbel kennen, der den ersten Tank (-Panzer-) dort im Modell vorführte und finanzierte diesen mit 350.000 Mark (-organisierte die Finanzierung-). Aus verschiedenen Gründen wurde der Tank von der Militärbehörde im Frühjahr 1914 abgelehnt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.14, Bl.1 - Bericht von Rudolf Glauer/ v. Sebottendorff über "Thulegesellschaft, Beobachter, Freikorps Oberland", undatiert)

Messegelände Breslau: Die Jahrhunderthalle mit spektakulärem Kuppelbau - 1913 (Wikimedia Commons - Datei: Breslau-Scheiting - Jahrhunderthalle. 1926 (74175751).jpg / o.A. v. 1913)
"In Deutschland machte ein anderer Mann als Erfinder des ersten Panzers die Schlagzeilen, nämlich Friedrich Wilhelm Goebel mit seinem Landpanzerkreuzer. Seine Behauptung ist nicht abwegig, obwohl er sich anstelle eines Raupensystems ein System mit Laufbalken vorgestellt hatte. Einige seiner Zeitgenossen könnten ihn jedoch im Voraus als Betrüger und nicht als Erfinder beschrieben haben. Mindestens zweimal gelang es ihm, Investoren mit dem Versprechen eines großen Gewinns anzulocken, aber stattdessen die Fonds mit wenig Ergebnissen zu versorgen.(...) Nachdem Goebel sein zweites Modell im April 1914 beendet hatte, startete er eine erfolgreiche Werbekampagne. Er bezeichnete das Fahrzeug als 'Schubschiff-Automobil', was in etwa ein 'Hebebahnen-Auto' bedeutet. Es hatte drei Sätze von Schienen, die an einem starren quadratischen Chassis befestigt waren. Auf diesem Chassis war eine Kabine gebaut, ähnlich einem kleinen Zugwagen. Es wurde von einem kleinen 4-5 PS-Motor angetrieben. Am 3. Mai (-1914-) zeigte er das Fahrzeug einem Publikum in Pinne, der gleichen Stadt, in der sich seine Werkstatt befand. Für die Veranstaltung wurde eine große Rampe gebaut, etwa elf Meter hoch und um etwa 50 Grad geneigt. Auf seinen Kufen erreichte er erfolgreich die Spitze, wo die deutsche Flagge in voller Pracht gehisst wurde. Eine zweite Demonstration fand am 15. Mai (-1914-) in Posen statt.(...) Angetrieben durch seinen Erfolg arrangierte er eine Show in Berlin. Während der Pfingstferien (-1914-) war das Berliner Stadion vollgepackt mit Menschen, darunter Militäroffiziere, Generäle, Techniker und ähnliche Behörden. Er hatte einen guten Start und das Fahrzeug ging zu der Höhe, die zu diesem Anlass dreißig Meter hoch war, neunzehn Meter höher als der aufgezeichnete vorherige Versuch. Unglücklicherweise für Goebel würde er nie die Spitze erreichen. Vor Hunderten von Menschen brach sein Fahrzeug am Fuße des Hügels zusammen und setzte ihn der Verlegenheit und Verachtung aus. Das geringe Interesse am Fahrzeug verdampfte in die Luft. Damals waren rund 300.000 Mark von externen Parteien in das Projekt investiert worden und Goebel konnte nach dem Vorfall in Berlin keine Investoren mehr gewinnen. Obwohl es ihm gelang, das Fahrzeug zu reparieren, indem er ihm einen neuen Motor baute, ging jede militärische Aufmerksamkeit verloren. Ohne kommerzielles Interesse wurde das Projekt beendet und Goebel musste seine Schulden zurückzahlen, was bedeutete, dass er keine persönlichen Mittel zur Verfügung hatte, um das Projekt selbst fortzusetzen.(...) Ein Thema, das mir in den Sinn kommt, ist die Art und Weise des Lenkens, und ehrlich gesagt erwähnte Goebel diesen Aspekt in seinen Patenten nicht. Man könnte vorschlagen, dass eine der Seiten rückwärts bewegt werden könnte, während die andere sich weiter vorwärts bewegte, aber die Zeichnungen deuten darauf hin, dass dies unmöglich war. Andere Probleme, die offensichtlich sind, sind der völlige Mangel an Federung und die geringe Bodenfreiheit. Es ist leicht vorstellbar, wie die Läufer in Schlamm stechen und sofort stecken bleiben würden." (//tanks-encyclopedia.com: "Goebel Landpanzerkreuzer", aus dem englischen Text per googl übersetzt)

Friedrich Wilhelm Goebel - 1916 (Digitalisiert auf delpher.nl: Nieuwsblad van het Zuiden, Nr.5540, S.8 v. 2.11.1931)
Über den umtriebigen Geldsammler Rudolf Glauer/v. Sebottendorff heißt es später:
"In Berlin und Dresden führte er sein Hochstaplerwesen weiter und ließ sich dann in Wien (-1915-) mit einer vermögenden Dame trauen, allerdings nur kirchlich, weil bei einer amtlichen Eheschließung seine Abstammung offenkundig geworden wäre." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.6 - "Das Porträt eines hakenkreuzlerischen Hochstaplers" + Münchner Post, Nr.61, S.7 v. 14.3.1923)
Den kurzzeitig mit seiner zweiten Ehefrau in Kleinzschachwitz bei Dresden gelandeten Rudolf Glauer alias Baron Freiherr von Sebottendorff beschäftigt ein breit gefächertes Interessensgebiet. Kapital ist durch die Wiener Heirat vorhanden:
"Er (...) hatte eine reiche Heirat gemacht, die sehr dicke und teilnahmslose Dame (-Berta Anna Iffland-) haben wir gesehen, -" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.19, Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 15.6.1939)
Darüber hinaus besitzt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff die Fähigkeit, sich gesellschaftlich gut verkaufen zu können. Er neigt dabei zum Repräsentieren und hat auch für die Kleinzschachwitzer Zeit ganz eigene Pläne:
"Baron v. Sebottendorff hat hier einen großen Teil des Weberschen Grundstücks angekauft, um einen großen Park (-mit Elblick-Panorama-) auf demselben anzulegen. Frhr. v. Sebottendorff ist türkischer Untertan (-wird daher mit seinen 40 Jahren in Deutschland nicht als Soldat eingezogen-) und gehört (-durch angebliche Adoption-) einem alten Adelsgeschlecht an, das früher in Sachsen ansässig war." (Digitalisiert auf sachsen.digital.de: Sächsische Volkszeitung, Nr.270, S.3 v. 24.11.1915)
Weiter wird zu seinem neuen Lebensmittelpunkt in der Nähe von Dresden berichtet:
"Zu den vorhandenen schönen Anlagen unseres idyllischen Ortes (-Kleinzschachwitz-) wird in Kürze noch eine neue Anlage (-mit Elblick-Panorama-) an der Laubegaster Straße, die Herr Baron von Sebottendorf auf dem von ihm erkauften, seinem Landhause (-Nr. 42-) gegenüber gelegenen, großen Wiesengelände anlegen und der Oeffentlichkeit widerruflich zugänglich machen will, hinzutreten." (Digitalisiert auf sachsen.digital.de: Beilage zur Sächsische Dorfzeitung und Elbgaupresse, Nr.51, S.5 v. 2.3.1916)
Kleinzschachwitz: Landhaus in der Laubegaster Straße 42 - 2013 (Wikimedia Commons - Datei: Laubegaster Straße 42 Niederpoyritz 3.JPG / Gross, Bernd - 2013)
Doch so einfach lässt sich der gesellschaftlich gehobene Einstieg in Kleinzschachwitz nicht erkaufen:
"Als Siegmund (-Freiherr von Sebottendorff-) im Oktober 1915 starb, lebte Sebottendorff in Kleinzschachwitz, einem noblen Dresdner Vorort am Elbeufer, wo er sich für 50.000 Goldmark eine grosse Villa (heute Meusslitzerstrasse 41) errichten liess. Bald aber wurde er Gegenstand übler Gerüchte und zog plötzlich fort. Er behauptete später, Opfer einer verleumderischen Kampagne geworden zu sein, die das Vermögen seiner zweiten Frau betraf. Am 15. Juli 1915 hatte Sebottendorff in Wien die geschiedene Berta Anna Iffland geheiratet. Als Tochter von Friedrich Wilhelm Müller, einem wohlhabenden Berliner Kaufmann, verfügte sie über bedeutendes Kapital, das ihrem Vermögensverwalter, dem Anwalt Max Alsberg, anvertraut war. Sebottendorff behauptete, dass ihm dieser Berliner Anwalt feindlich gesonnen war, zumal er nach der Hochzeit von seiner lukrativen Aufgabe entbunden worden war. Alsberg stiftete angeblich einen höheren Dresdner Polizeibeamten namens Heindl an, Sebottendorff als Mitgiftjäger zu verleumden. Auch die Berliner Behörden machten ihm Schwierigkeiten, da er aufgrund seiner türkischen Staatsbürgerschaft nicht zum (-deutschen-) Militär einberufen werden konnte." (Goodrick-Clarke: "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus", S.124 - 1997)

Repräsentativer Elbblick: Dresdner Vorort Laubegast - 1919 (Fotografie im Privatbesitz / Verlag E. Pfotenbaur, Laubegast)
In Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs kurze Zeit in Kleinzschachwitz fällt ein Kontak, der den von ihm verwendeten Adelstitel erklärt. In seinem autobiographisch angelegten Roman notiert er:
"Es gelang Erwin (-gemeint ist Rudolf Glauer-) leicht, den Baron (-Siegmund von Sebottendorff-) zu bewegen, mit ihm (-im Juli 1915?-) nach dem Spessart zu gehen. Dort verlebten sie in dem ruhigen Forsthause Rohrbrunn einige schöne, stille Wochen. Als Erwin den alten Herrn (-nach Wiesbaden?-) zurückbrachte, vollzog dieser (-im September 1915?-) einen Akt der Adoption vor dem Notar.
'Lassen Sie mir die Schrulle, ich habe dann wenigstens Jemanden, der meine Bilder und Sachen erbt, anderes zu vererben habe ich doch nicht. Übrigens ist das Egoismus von mir, denn als mein Adoptivsohn werden Sie sich um mich kümmern.'" (Sebottendorff: "Der Talisman des Rosenkreuzers", S.171 - 1925)
In seiner Buchveröffentlichung von 1933 berichtet er:
"Sebottendorff war im Jahre 1911 türkischer Staatsangehöriger geworden; er entstammt einer bürgerlichen Familie, ist in Hoyerswerda geboren und war nach türkischem Recht von einem Baron Heinrich von Sebottendorff adoptiert worden. Diese Adoption war, weil sie in Deutschland nicht galt, von den beiden letzten Mitgliedern der Familie Sebottendorff wiederholt worden. Siegmund Sebottendorff von der Rose hatte ihn 1914 in Wiesbaden als Mitglied der Familie anerkannt und seine Frau hatte nach dem Tode ihres Mannes die Adoption durch einen Notar in Baden-Baden wiederholt" (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.169 - 1933)
Weiter heißt es in der Roman-Erzählung zu Siegmund von Sebottendorff von der Rose:
"Schneller als gedacht kam der Tod zu dem alten Mann. Eines Morgens, gerade als er (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff aus Wiesbaden-) abreisen wollte, kam die Frau, die die Reinigung besorgte, mit der Nachricht, Baron Neudorf (-Siegmund von Sebottendorff-) sei von einem Schlaganfall getroffen worden. Erwin (-Rudolf Glauer/v.Sebottendorff-) fand ihn noch lebend, aber ohne Bewusstsein. Wenige Tage später starb er (-im 73. Lebensjahr am 21.10.1915-), ohne dasselbe wieder erlangt zu haben." (Sebottendorff: "Der Talisman des Rosenkreuzers", S.171 - 1925)
Eine Todesanzeige, auf die sich Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs diesbezügliche Roman-Erzählung von 1925 bezieht, erscheint im Oktober 1915 in der Sächsischen und Wiesbadener Zeitung. Die wenigen Verwandten des als Kurgast über Jahre in Wiesbaden lebenden Wieners Siegmund Freiherr von Sebottendorff geben bekannt:

In stiller Anteilnahme: Adoptivsohn "Rudolf Freiherr von Sebottendorff und Freifrau Anna" aus Kleinzschachwitz - 21. Oktober 1915 (Digitalisiert auf sachsen.digital.de: Sächsische Staatszeitung, Nr.246, S.4 v. 22.10.1915 + digitale-sammlungen.hebis.de: Wiesbadener Zeitung, S.6 v. 23.10.1915)
Ob die im Roman aufgezeigte Chronologie den tatsächlichen Begebenheiten entspricht, bleibt unklar. Freiherr Sigismund von Sebottendorff von der Rose, der bis zum 27. Juni 1915 in der wöchentlich aktualisierten Kurgast-Liste Erwähnung findet, taucht nach diesem Zeitpunkt in dem Wiesbadener Bade-Blatt bis zur Todesnachricht am 26. Oktober 1915 nicht wieder auf. Am gleichen Datum erst wird Rudolf v. Sebottendorff mit Gattin in der Tagesfremdenliste vom 23. Oktober 1915 als neuer Hotelgast in dem Kurblatt erwähnt. Zuvor ist lediglich ein Jurist Dr. Glauer aus Berlin/Charlottenburg ab 19. März 1915 als Hotelgast aufgeführt, der aber mit Rudolf Glauer nicht identisch ist. (digitale-sammlungen.hebis.de: Wiesbadener Zeitung, S.3 v. 26.10.1915)
1916
Zu dem weiteren Verlauf wird berichtet:
"Nach (-Flucht?-)Aufenthalten in Frankfurt und Berlin liessen sich die Sebottendorffs schliesslich noch 1916 in Bad Aibling, einem eleganten bayrischen Kurort, nieder. Sebottendorff betraute von dort aus seinen Münchner Rechtsanwalt Georg Gaubatz damit, die Polizeiakten bezüglich seiner türkischen Staatsbürgerschaft sicherzustellen." (Goodrick-Clarke: "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus", S.124 - 1997)
"1916 wurde er wegen der Betrügereien aus früheren Jahren (-1909?-) festgenommen, gab bei der Polizei zuerst falsche Personalien an, bestritt aber dann seine Identität mit Glauer nicht mehr, suchte sich jedoch darauf hinauszureden, daß er in der Türkei von einem Baron von Sebottendorf adoptiert worden sei. Diese Adoption erwies sich indes als ein Scheingeschäft, und es wurde ihm die Führung des Namens von Sebottendorf behördlich untersagt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.6 - "Das Porträt eines hakenkreuzlerischen Hochstaplers" + Münchner Post, Nr.61, S.7 v. 14.3.1923)
Der Weg des nun mit einem vermeintlichen Adelstitel ausgestatteten Rudolf Glauer/v. Sebottendorff führt ihn nach seiner eigenen Roman-Erzählung im September 1916 zum Germanen-Orden nach Berlin. Über den ersten Impuls zu diesem Schritt notiert er in seiner Roman-Erzählung von 1925:
"Vierzehn Tage später sprach Erwin (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff-) in München bei seinem Anwalt (-Dr. Georg Gaubatz, gest. 1937-) vor, die Antwort war eingetroffen, das Verfahren (-zwecks militärischer Einberufung trotz türkischer Staatsbürgerschaft?-) war eingestellt worden. Während Erwin (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff-) seine Schuld entrichtete, fiel sein Blick auf ein Inserat (-der Deutschen Zeitung?-), das Glaubitz (-Dr. Georg Gaubatz-) rot angestrichen hatte. Der Anwalt, der dem Blick gefolgt war, nahm das Blatt und sagte: 'Lesen Sie mal diese merkwürdige Annonce. Blonde und blauäugige deutsche Männer und Frauen, die einem Orden beitreten wollen, belieben ihre Anschriften einzusenden. Bild- und Blutbekenntnis erforderlich. Was mögen nur die drei Runenzeichen darüber bedeuten?' 'Es sind die Runen Yr, Tyr und Othal. Yr symbolisiert den Priester der Materie, der Sonnenod aufnimmt, die Tyrrune ist ein Mensch nach der Aufnahme, die Othalrune ist der Vokal O. Die Sache erscheint mir sehr beachtenswert. Sie sind ja blond und blauäugig, schreiben Sie doch hin.' 'Sie sind es ja auch, da können Sie ja schreiben.' 'Gut, ich werde es, geben Sie mir bitte die Zeitung.'" (Sebottendorff: "Der Talismann des Rosenkreuzers", S.168 - 1925)

"Flüstert es jedem blauäugig blonden Deutschen in's Ohr!" Werbeanzeige des Germanen-Ordens Walvater zum heiligen Gral - 4. August 1918 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de bzw. //dfg-viewer.de: Deutsche Zeitung, Nr.393 ,S.6 v. 4.8.1918)
Weiter vermerkt er in seinem autobiographischen Roman von 1925:
"Die Liqidation der Möbel und der sonstigen Einrichtungen (-des zuvor verstorbenen Sigmund v. Sebottendorff aus der Wiesbadener Wohnung am Kaiser-Friedrich-Ring 12-), das Verpacken der Bücher und Bilder, die Erwin (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff) mitzunehmen gedachte, hatte ihn länger aufgehalten. Es war September (-1916-) geworden, als er auf dem (-Wiesbadener-) Bahnhofe stand; ein inneres Gefühl zog ihn nach Berlin. Richtig, sagte er sich, das ist es, ich habe so lange nichts von dem (-Germanen-)Orden gehört, ich will einmal sehen, was los ist." (Sebottendorff: "Der Talisman des Rosenkreuzers", S.171 - 1925)
Die Romanschilderung deckt sich wohl im Wesentlichen mit den Realitäten: In Berlin angekommen, nimmt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff vermutlich Kontakt mit dem Ordenskanzler Hermann Pohl auf, der ihn laut Romanschilderung freudig begrüßt:
"Sie sind gerade zur rechten Zeit gekommen, morgen (-am 8. Oktober 1916-) sollte eine Versammlung der (-Logen-)Führer (-in Gotha-) stattfinden, die jetzt auf (-Front-)Urlaub hier sind. Bis jetzt lag die ganze Arbeit auf mir, meine Mittel sind gering, das wird wohl nun anders werden." (Sebottendorff: "Der Talisman des Rosenkreuzers", S.171 - 1925)
Ordenskanzler Hermann Pohl steht unter Druck:
"Trotz Pohls Sorge um das Überleben des Ordens würdigten einige prominente Brüder seinen Einsatz nicht. Im Juli 1914 schlug der Meister der Leipziger Loge Pohl höflich vor, zurückzutreten, und 1915 versuchten Mitglieder der Berliner Loge sogar, sich abzuspalten. Ende 1915 schrieb schliesslich Töpfer, der Nachfolger (-des fränkischen Provinzmeisters Julius-) Rüttingers in Nürnberg, dass die Brüder der Rituale, Zeremonien und Bankette, die (-Ordenskanzler Hermann-) Pohl offenbar als Hauptzweck des Ordens betrachtete, überdrüssig seien. Die Dinge spitzten sich am 8. Oktober 1916, anlässlich eines Treffens der thüringischen Provinz in Gotha, zu, das sowohl von den thüringischen Brüdern, als auch von jenen der Nachbarprovinzen besucht wurde. Die Berliner Brüder riefen die Versammlung in Gotha auf, Pohl seines Amtes als Kanzler zu entheben. Erbost über die undankbare Antwort darauf, dass er seit 1911 für den Orden keine Mühen gescheut hatte, erklärte er sich (-in Gotha-) sofort zum Kanzler eines schismatischen 'Germanenordens Walvater', dem sich die schon bestehenden Logen in den Provinzen Schlesien (Breslau), Hamburg, Berlin und dem Osterland (Gera) anschlossen. Pohls Verteidiger in Berlin waren G. W. Freese und Bräunlich, die neue Berliner Logen im Stadtzentrum (-Potsdamer Platz-) und in Gross-Lichterfelde (-Curtiusstraße 3-) gründeten. Der ursprüngliche Orden wurde fortan von Generalmajor Erwin von Heimerdinger (geb. 1856) als Kanzler, Dr. Gensch als Schatzmeister und Bernhard Koerner als Grosssippenwahrer (...) geleitet. In allen Ordensangelegenheiten wurde strenges Stillschweigen verlangt, und die Amtsträger in Berlin erklärten, dass sie fortan nur noch anonym unter den Runen f, F und X bekannt sein würden. Philipp Stauff und Eberhard von Brockhusen wurden auch als Inhaber von Ordensämtern in der loyalen Berliner Provinz ehrenvoll erwähnt." (S.118)
Gegenüber dem Ordenskanzler und Gründungsmitglied Hermann Pohl grenzt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff in dem Roman sein primäres Interess an dem Germanen-Orden ein:
"Ich will ganz offen sein, Herr Lange (-gem. ist Hermann Pohl-). Mich interessiert zuerst nur das Wissen um die Bedeutung der Runen. Alles andere kommt bei mir erst in zweiter Linie.'
'Glauben Sie denn auch, dass etwas hinter den Runen steckt? Sie wären der Erste, auf den ich träfe.'
'Ich glaube nicht nur, sondern ich weiß, Herr Lange (-Hermann Pohl-). Doch davon möchte ich mehr von Ihnen hören.'
'Auf die Bedeutung der Runen bin ich durch Guido von List gestoßen worden, der intuitiv das Richtige erkannte. Ich habe nur dessen Gedanken weiter ausgebaut und spezieller gefasst, möchte sie für unser deutsches Volk wieder zum Erleben und Erklingen bringen. Ich kann nicht von dem Gedanken loskommen, dass die Rassenmischung an der Verdunklung des Wissens um die magische Kraft der Runen Schuld ist und ich meine, wenn dies Wissen wieder lebendig werden soll, so muss erst eine Verbesserung der Rasse wieder kommen. Ich muss mit dem Runengedanken sehr vorsichtig sein, denn alle meine Freunde, die in der Frage der Rasse wohl mit mir Hand in Hand gehen, wollen nichts von der esoterischen Bedeutung der Runen wissen.'
'Die Runen sind mir, Herr Lange (-gem. ist Hermann Pohl-), aber die Hauptsache, auf sie kommt es mir vor allem an. Ich bin nicht sehr reich, aber doch reich genug, um Ihnen einen größeren Betrag zur Verfügung stellen zu können, ich weiß nur noch nicht recht, in welcher Weise ich das tun kann. Vielleicht geben Sie mir einen kurzen Überblick, wie weit die Bewegung gediehen ist.'
'Meine Lebensgeschichte ist fast die Geschichte der Bewegung. Ich strebe die innerliche Erneuerung des deutschen Volkes an, die Kirchen haben versagt, sie bieten dem Suchenden nichts, weil sie starr an ihrem Dogma hängend, zu wenig biegsam sind.'" (Sebottendorff: "Der Talisman des Rosenkreuzers", S.171/172 - 1925)
In einer weiteren Publikation heißt es:
"Im September (-eher Oktober-) 1916 trat er (Sebottendorff) in Berlin einer von Letzterem (-Hermann Pohl-) und G. W. Freese geleiteten Abspaltung dieser okkulten Gruppierung, dem 'Germanenorden Walvater' bei." (Gugenberger: "Hitlers Visionäre", S.83 - 2001)
Die Versammlung, auf der 1916 die Abspaltung des Germanen-Ordens Walvater vollzogen wird, findet in Gotha statt:
"Die Dinge spitzten sich am 8. Oktober 1916, anläßlich eines Treffens der thüringischen Provinz in Gotha, zu, das sowohl von den thüringischen Brüdern als auch von jenen der Nachbarprovinzen besucht wurde. Die Berliner Brüder riefen die Versammlung in Gotha auf, (-Hermann-) Pohl seines Amtes als Kanzler zu entheben. Erbost über die undankbare Antwort darauf, daß er seit 1911 für den Orden keine Mühen gescheut hatte, erklärte er sich sofort zum Kanzler eines schismatischen 'Germanenordens-Walvater, dem sich die schon bestehenden Logen in den Provinzen Schlesien (Breslau), Hamburg, Berlin und dem Osterland (Gera) anschlossen. Pohls Verteidiger in Berlin waren G. W. Freese und Bräunlich, die neue Berliner Logen im Stadtzentrum (-Potsdamer Platz-) und in Groß-Lichterfelde (-Curtiusstraße 3-) gründeten." (Goodrik-Clarke: "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus", S.118 - 1997)
1917
Der Zusammenhang ist naheliegend, dass Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs Kontaktaufnahme zu der neuen Walvater-Abspaltung des Germanen-Ordens 1917 zu seinem erneuten Ortswechsel führt, doch dieser scheint erst zur Verschleierung über den Umweg Frankfurt a. Main nach Bad Aibling zu verlaufen. Mittlerweile hat Rudolf Glauer/v. Sebottendorff den ehemaligen Vermögensverwalter seiner Frau, den bekannten Berliner Rechtsanwalt Max Alsberg und den Dresdner Polizeirat Dr. Robert Heindl im Gefolge, die ihm juristisch zu Leibe rücken. In Kleinzschachwitz brodelt zuletzt die Gerüchteküche ob der Heirat und der Absichten des angeblichen Barons. So schreibt die Münchner Post im Rückblick:
"Seit 1917 ist er entmündigt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.6 - "Das Porträt eines hakenkreuzlerischen Hochstaplers" + Münchner Post, Nr.61, S.7 v. 14.3.1923)
In diese für Rudolf Glauer/v. Sebottendorff bewegte Zeit fällt eine weitere Veränderung im Handelsregister:
"Deutsch-osmanische Handels-Kommandit-Gesellschaft, Eyre, Baier & Co., Berlin: Einzelprokurist: Freiherr Rudol von Sebottendorff, Klein Zschachwitz bei Dresden. Der Gesellschafter Gustav Baier ist fortan berechtigt, auch allein die Firma zu vertreten." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Deutscher Reichsanzeiger, Nr.51 , S.21 v. 28.2.1917)
Völkischer Geheimlogen-Einfluss: Sonnwendfeier 1917
Der zentrale Ordensvertreter für die bayerische Provinz wird ab dem Freitag, dem 21. Dezember 1917 Rudolf Glauer, alias Rudolf von Sebottendorff:
"Auf der Weihnachtstagung (-vom 21./22. Dezember-) 1917 des Germanenordens erhielt Baron Rudolf von Sebottendorff den Auftrag, den Orden in Bayern einzuführen. Die vorbereitenden Schritte waren bald getan und im Frühjahr 1918 begann er seine Arbeit" (BArch Berlin NS26/865a: Sebottendorff: Thule-Bote, Nr.1, S.1 - "Aus der Geschichte der Thule Gesellschaft" v. 31.10.1933)
Mai 1918
In dem oberbayerischen Kurort Bad Aibling findet sich im Jahr 1918 nun auch die spätere Wegbegleiterin und Ordensschwester Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs, Käthe Bierbaumer (34), ein:
"Käthe Bierbaumer, die langjährige Freundin Sebottendorffs. Sie lebte zu diesem Zeitpunkt mit ihm in Bad Aibling unter einem Dach. Beide hatten im Mai 1918 ihren Wohnsitz von Frankfurt am Main in den oberbayerischen Kurort verlegt. Sebottendorff mietete sich (-ab dem 12. Mai 1918-) in einem Haus in der damaligen Parkstraße (-335-), der heutigen Dr. Beckstraße, ein und Käthe Bierbaumer zog (-am 23. Mai 1918-) zu ihm als Untermieterin. Wenn Sebottendorff schreibt, er habe sich 'mit Frau und Dienerschaft' in Bad Aibling niedergelassen, so fehlt zum einen von der Dienerschaft jede Spur und zum anderen gibt es Unklarheiten darüber, wann die in Shanghei geborene Ehefrau von Frankfurt nachgezogen ist und in Bad Aibling gewohnt hat." (Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.73/74 - 1994)
Juni 1918
Der vom Berliner Hauptsitz des Germanen-Ordens beaufrtagte Ordensmeister berichtet:
"Sebottendorff hatte die Anschrift einiger Herren erhalten, die sich auf Anzeigen gemeldet hatten, diese besuchte er zuerst. Sehr günstig für ihn war es, daß er in München einen Bruder des Germanenordens traf, Walter Nauhaus, der bei Professor Wackerle als Schüler arbeitete.(...) Wie ein ins Wasser geworfener Stein immer weitere Kreise zieht, so gliederten sich diesem ersten Kreise (-von Walter Nauhaus, Dr. Georg Gaubatz und Johannes Hering-) bald weitere an; man konnte daran denken, in der Zweigstraße eine Wohnung zu mieten und dort Versammlungen abzuhalten.(...) Es war Sebottendorff bald klar, daß er in der kleinen Wohnung in der Zweigstraße keine großen Erfolge haben könne." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.41/43 - 1933)
"Schon im Juni (-1918-) konnten (-die 240 Meter vom Münchener Hauptbahnhof entfernten-) Räume in der Zweigstraße gemietet werden, die sich aber bald als zu klein erwiesen." (BArch Berlin NS26/865a: Sebottendorff: Thule-Bote, Nr.1, S.1 - "Aus der Geschichte der Thule Gesellschaft" v. 31.10.1933)
Rudolf Glauer/v. Sebottendorff hat mittlerweile einen strukturierten Plan. Nur einen Monat nach dem Wohnortswechsel nach Bad Aibling verstirbt "unerwartet schnell" der Zeitungsverleger des seit 1868 erscheinenden Münchener Beobachters, Franz Xaver Eher, am 22. Juni 1918:
"Zahlreich war auch im Südfriedhof die Beteiligung am Begräbnis des Herausgebers der Wochenschrift 'Münchner Beobachter', Franz Xaver Eher. Ein Geistlicher der Pfarrei St. Anna vollzog die Einsegnung. Viele Kranzspenden zierten Sarg und Grab." (//digipress.digitale-sammlungen.de: General-Anzeiger der Münchner Neueste Nachrichten, Nr.317, S.1 - "Bestattungen" v. 26.6.1918)

(Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.314, S.4 v. 24.6.1918)
Weiter wird berichtet:
"Als Franz Eher am 22.VI.1918 starb, setzte der 'Münchener Beobachter' nach Nummer 10 vom 24.V. bis zum 10.VII. aus. Nach Ehers Tod führte zunächst seine Witwe den Verlag weiter. Für die Nummer 11 zeichnete verantwortlich A. W. Weber, ab Nummer 12, die erst am 15.VIII.(-1918-) erschien, Rudolf von Sebottendorf, der Vorsitzende der kurz zuvor gegründeten Thule-Gesellschaft, die im 'Beobachter' ein geeignetes Organ zur Vertretung ihrer Bestrebungen erblickte." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Völkischer Beobachter, Nr.137, S.3 - "Gewachsen mit der Bewegung" v. 1.8.1938)
Juli 1918
Der Rechtsanwalt des verstorbenen Verlegers, Dr. Georg Gaubatz, ist bereits Mitglied des von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff zuvor reaktivierten bayerischen Germanen-Ordens:
"Meine Tagebuchaufzeichnungen begannen mit der für mich ersten Sitzung in den für die Zwecke des Germanenordens gemieteten Räumen im dritten Stockwerk der Vier Jahreszeiten, Eingang Marstallstraße. Ausser Freiherrn von Sebottendorf und mir waren anwesend: Justizrat Gaubatz, 1937 gestorben und Kantor Schanze aus Landshut, der soviel ich mich erinnern kann, schon nach ein bis zwei Jahren ganz aus unserem Gesichtskreise verschwand und nie eine Rolle gespielt hat." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/865, S.19)
Die enge Vertraute von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, Ordensschwester Käthe Bierbaumer, wird im darauf folgenden Monat offiziell durch käufliche Übernahme von der verwitweten Frieda Eher neue Eigentümerin des Verlages Franz Eher:
"Man mußte zu diesem Mittel greifen, da eine neue Zeitung damals wegen der Druckpapier-Rationierung nicht erscheinen konnte.(...) Der Beobachter hatte bei der Übernahme zwei Abonnenten, die erste Nummer erschien am 1. Juli 1918 Als verantwortlicher Schriftleiter zeichnete Rudolf von Sebottendorff." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.191/192 - 1933)
"In einem Aufruf an die Leser wird in Nummer 12 (-des 'Münchener Beobachters' am 22. März 1919-) mitgeteilt, daß das Blatt mit zwanzig Abonnenten übernommen worden sei, daß die Zahl zu Weihnachten (-1918-) auf fünfhundert gestiegen sei und gegenwärtig (-März 1919-) dreitausend betrage." (Dresler: "Geschichte des Völkischen Beobachters", S.63/64 - 1937)

Unklare Beweggründe und juristisch für Rudolf Glauers riskanten Unternehmungen haftbar: Frl. Käthe Bierbaumer, ab 1918 Partnerin von Rudolf Glauer, alias v. Sebottendorff - 1919 (Foto aus Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.193 - 1933)
Zeitgleich erfolgt die Mitglieder-Akquise für den bayerischen Orden:

"Heil und Sieg": Werbeblatt 1 des Meisters vom Stuhl - Juli 1918 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.202 - 1933 + Wikimedia Commons - Datei: Werbeblatt des Germanenordens, Ordensprovinz Bayern, Bad Aibling 1918.jpg / Glauer/v. Sebottendorff - 1918 + historisches-lexikon-bayerns.de: Germanenorden)
Auch mit breit gefächerten Anzeigen wirbt der neue Orden im letzten Kriegsjahr um neue Mitglieder:
"'Deutschvölkischer Orden' (Loge).
In einer Zeit, in der sich germanische Kraft nach außen so herrlich bewährt und doch internationale und fremdrassige Einflüsse im Hause sich breit machen, halten wir es für unsere Pflicht, aus der Verborgenheit hervorzutreten. Alle deutschgeborenen Männer, die sich ihres germanischen Blutes stolz bewußt sind, rufen wir auf, uns zu helfen bei unserer Arbeit, für unseres Volkes geistig-sittliche Erneuerung und rassische Wiedergeburt. Anfragen sind unter Nr. 259 an die Geschäftsstelle dieser Zeitschrift zu richten." (Lehmann: "Deutschlands Erneuerung", S.521 - Juli 1918)


Offenes Hilfeersuchen für die geheime Loge: Werbeanzeige des Germanen-Ordens Walvater - Juli 1918 (Julius Friedrich Lehmann: "Deutschlands Erneuerung", S.521 - Juli 1918 / Fotografie im Privatbesitz)

Werbung in eigener Sache: Anzeige des Germanen-Ordens im Müchener Beobachter - 7. Scheiding/September 1918 (Stadtarchiv München/Mikofilm Münchener Beobachter, Nr.14, S.4 v. 7.9.1918)
Die breit gefächerten Werbeanzeigen des germanischen Ordens bleiben nicht unkommentiert:
"Die bürgerliche Presse ist doch in der Hauptsache ein Organ für unfreiwilligen Humor." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Vorarlberger Wacht, Nr.222, S.4 - "Reinrassige, heraus!" v. 29.9.1920)
Eine der wenigen Fotografien von Adam Alfred Rudolf Glauer, alias Baron Rudolf Freiherr von Sebottendorff: Erkennungsdienstliche Aufnahmen der Polizeidirektion München - 1933 (Liechtensteinisches Amt für Kultur / Vaduz, Sign.: Landesarchiv B-91 - Polizeifotos aus München / o.Ang.)

Briefkopf des fränkischen Germanen-Ordens (Fotogrtafie im Privatbesitz)
Regionalleiter v. Sebottendorff/Glauer notiert in seinen späteren Aufzeichnungen:
"In dieser (-Berliner GO-) Weihnachtstagung (-vom 21.12.1917-) wurde beschlossen, die Propaganda vorwärts zu treiben. Sebottendorff erklärte die 'Allgemeinen Ordens-Nachrichten' für die Geweihten, die 'Runen' für den Freundschaftsgrad zu finanzieren und zu leiten. Ihm fiel die Ordensprovinz Bayern zu. Diese Wahl wurde wichtig, denn dadurch wurde Bayern die Wiege der sozial-nationalen Bewegung. Die beiden südlichen deutschen Stämme, die Bajuvaren und die Schwaben, sind beweglicher, sich leichter anschließend, geselliger als die Norddeutschen. Sie sind nicht so kritisch, so einzelgängerisch. Die Herren, die in Mittel- und Norddeutschland die Arbeit begannen, hatten es schwerer." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.40/41 – 1933)
Merkblatt für den Freundschaftsgrad: 'Runen' (Fotografie im Privatbesitz: Runen, Bl.1, S.1 v. 21.1.1918)
In einer weiteren Ausführung betont Rudolf Glauer/v. Sebottendorff zu seiner durchgeplanten Vorgehensweise:
"Wie ein ins Wasser geworfener Stein immer weitere Kreise zieht, so gliederten sich diesem ersten Kreise bald weitere an; man konnte daran denken, in der Zweigstraße eine Wohnung zu mieten und dort Versammlungen abzuhalten.(...) Es war Sebottendorff bald klar, daß er in der kleinen Wohnung in der Zweigstraße keine großen Erfolge haben könne. Es bot sich Gelegenheit, die Räume des (-Münchener-) Sportclubs in den Vier Jahreszeiten, die Platz für 300 Leute boten, zu mieten. Hier konnten Versammlungen abgehalten und weitere Kreise für die Gedanken des Germanenordens gewonnen werden. Öffentliche Versammlungen abzuhalten war damals unmöglich. Sie wären des Burgfriedens wegen verboten worden, oder, wenn sie gestattet worden wären, so hätte man sie ohne Zweifel niedergebrüllt." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.41/43 - 1933)
"Im Januar 1918 wurde Sebottendorf mit der Organisation des Ordens in Süddeutschland beauftragt. Er siedelte nach Bad Aibling über, wo er für sich (-seiner Frau und Dienerschaft (Seb. S.41)-) ein Haus mietete. Durch persönliche Besuche und durch schriftliche Werbung gelang es, bis zum 1. Juni 1918 etwa 40 völkisch denkende Männer und Frauen zusammen zu bringen. Sebottendorf mietete die (-ab 1. Juni 1918 kurz zuvor freigewordenen fünf-) Klubräume des früheren Sportklubs (-MSC-) in der Marstallstrasse (-8-) (Hotel Vier Jahreszeiten), erwarb den Münchener Beobachter, Verlag Franz Eher, zu dessen Eigenthümerin (-seine Partnerin-) eine Thuleschwester Frl. (-Käthe-) Bierbaumer gemacht wurde und am 1. August 1918 fand die erste (-Aufnahme durch eine Mitglieder-)Weihe unter Anteilnahme der Berliner (-Ordensleitung-) und etwa 60 Mitgliedern statt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.12, Bl.1 - Sebottendorff über "Thulegesellschaft, Beobachter, Freikorps Oberland")

Zur Thule über den Seiteneingang 3 der Marstallstraße: Hotel Vier Jahreszeiten - 1920 (Postkarte im Privatbesitz / Metz, Otto - Köln)
Zum Hintergrund der Weiheloge innerhalb des Germanen-Ordens heißt es in einer späteren Ermittlungsakte der Polizei:
"Im übrigen befindet sich in der Akte 'Weiheloge', die in Schmalkalden beschlagnahmt ist, noch folgender Satz, der beachtenswert ist: '... mache Sie aber nochmals darauf aufmerksam, dass ernste Pflichten Ihrer harren, dass Sie mit Ihrem Eintritt manches Opfer an Hab und Gut, an persönlicher Meinung und auch an eigenem Wollen zu bringen haben ...' Diese Mahnung ergeht an diejenigen, die zur Aufnahme in den Orden geweiht werden sollen und zwar, ehe sie den Eid ablegen. Es geht aus dieser Mahnung hervor, dass der Orden verlangt, dass seine Mitglieder ihre eigene Willensmeinung stark beschränken, unter Umständen schrankenlos zu unterwerfen haben." (Bundesarchiv R 3009/164, Bl.7, S.3 - Ergebnis-Bericht zur Prüfung der vom preussischen Landratsamt Schmalkadlden beschlagnahmten Akten des Germanen-Ordens - 1922)

"Ich gelobe, mich allzeit in freiwilligem Gehorsam unterzuordnen": Aufnahme-Antrag des Germanen-Ordens - 1922 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/852, Bl.8 - Korrespondenz v. Brockhusen)

Vom Billardtisch zum Meister vom Stuhl: Anmietung der ehemaligen Klubräume des Münchener Sport-Clubs e. V. im Hotel Vier Jahreszeiten, der aufgrund der wirtschaftlichen Verwerfungen zum Ende des 1. Weltkrieges die Hotel-Räumlichkeiten aufgibt - 1912 (Digitalisiert auf muenchner-sportclub.de/Galerie + //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PK-STB-08055)
Die daraufhin forcierte und für Logen unkonventionelle Mitgliederwerbung wird von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff wie folgt beschrieben:
"Um die Art der Propaganda zu zeigen, sei hier mitgeteilt, daß Sebottendorff in verschiedenen Blättern (-u.a. 'Münchener Beobachter', 'Deutsche Zeitung' aus Berlin und die von Gottfried Grandel mitfinanzierte Wochenschrift 'Auf gut deutsch' aus München-) Anzeigen erließ, in denen zur Teilnahme an einer völkischen Loge eingeladen wurde." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.41 - 1933)
In einem Rückblick wird zum Münchener Beobachter vermerkt:
"Im Anzeigenteil finden sich (-ab Ausgabe 14 vom 7. September 1918-) mehrmals Anzeigen des Alldeutschen Verbandes, sowie Aufrufe zum Beitritt in einen germanischen Orden." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Völkischer Beobachter, Nr.137, S.3 - "Gewachsen mit der Bewegung" v. 1.8.1938)
Wörtlich heißt es in den geschalteten Werbeanzeigen:
"Loge z.(-um-) h.(-eiligen-) G.(-ral-) Deutschnationale Männer und Frauen von edler blondgermanischer Rasse und aristokratischer Gesinnung, welche ernstlich gewillt sind, sich einer straffen, rein germanischen Loge einzugliedern, mögen vertrauensvoll Bild und Blutbekenntnis dieser Zeitungs-Geschäftsstelle unter 5194 einsenden. Näheres geht ihnen dann zu. Fester denn je müssen sich alle noch blutsedlen Deutschen zusammenschließen, dringender als je ergeht in schwerer Germanennot der Sammelruf an sie."
Werbeanzeige in Eckarts Wochenschrift "Auf gut deutsch" - Juli 1919 (Eckart: "Auf gut deutsch", Ausgaben 23-45, jeweils letzte Seite in Heft 23, S.368 - 25.7.1919 + 24, S.384 - 31.7.1919)

"Es gilt zu retten, was eben noch zu retten ist!": Werbeanzeige des Germanen-Ordens Walvater zum heiligen Gral - 4. August 1918 (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Deutsche Zeitung, Nr. ,.6 v. 4.8.1918)
Über die Bedeutung der drei nordischen Runen des bayerischen Germanen-Ordens heißt es:
"Diese bedeuten - ererbter Besitz - Fruchtbarkeit - bewegliches Vermögen -." (ehrenzeichen-orden.de)
Nach der Niederschlagung der Münchener Räterepublik schreibt Dietrich Eckart 1919 in einem Brief:
"Kennen Sie in Berlin einen Herrn G. W. Freese? Er gab in 'Auf gut deutsch' das Inserat ...s (Germanen) Loge z. H. G. auf; darauf meldeten sich ein paar Interessenten bei mir, aber nun ... str. 19 mit dem Vermerk zurück: Adressat unbekannt verzogen. ... ist er wegen Spartakus ausgerückt. Meißtens ... Wenn Sie etwas über ihn wissen bzw. über seinen Aufenthalt erfahren können, wäre ich Ihnen für eine möglichst rasche Mitteilung sehr verbunden." (Dietrich Eckart an H. Puls, Berlin v. 14.7.1919)
Doch stoßen die Werbemaßnahmen auch innerhalb der eigentlichen Zielgruppe zum Teil auf klaren Widerspruch:
"Wir bauten still weiter und Mstr. Freese begründete trotz Warnung noch 1917 die Gauloge Brandenburg in der Cöthener Straße zu Berlin. Wir warben durch Anzeigen in der Deutschen Zeitung blonde, blauäugige Germanen. Die (-durch Abspaltung in Konkurrenz stehenden-) Steglitzer veranlaßten etwa 70 Ordensmitglieder, Beschwerden an die D.(-eutsche-) Ztg. wegen unserer Anzeigen zu schreiben, weil sie selber nicht hellhaarig und blauäugig, aber doch gute Deutsche wären. Die D.(-eutsche-) Ztg. sperrte uns auch tatsächlich ihr Blatt und der damalige Schriftleiter (-Hans-) Bodenstedt teilte uns vertraulich mit, daß Herr (-Heinrich-) Claß unsere Anzeigen nicht mehr gestatte. Auf unsere Beschwerden wurden sie späterhin wieder zugelassen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Osterbotschaft des Germanen-Ordens Walvater, S.5 - 1924)
Parallel zu den rassistischen Werbemaßnahmen betont v. Sebottendorff in seinem ersten Jahrgang der Zeitschrift "Runen" zu den Zielen des Ordens:
"Wir werden für die Weiterentwicklung unserer deutschen Rasse kämpfen! Wir erklären den Krieg jedem, der uns daran hindern will. Wüste Rassenhetze liegt uns fern. Wir wollen aber, daß andersrassige als Ausländer betrachtet werden sollen. Ueber Deutschlands heiligem Boden soll nur durch deutsches Recht, von deutschblütigen Männern gewaltet werden. Um dies zu erreichen, müssen wir unsern Mitgliedern den Stolz auf ihr Germanentum einhämmern; wir müssen mit den Verlogenheiten in Schule und Kirche aufräumen! Deutsch muß der Lehrer, deutsch die Wissenschaft werden. Wir müssen mit den geheimen Gesellschaften aufräumen, die ihre Weisungen von Tschandalen erhalten und die am Marke des Volkes zehren! Jesuitismus, Freimaurertum und die internationale Sozialdemokratie - die goldene, schwarze und rote Internationale muß bis aufs Blut bekämpft werden." (Sebottendorff: Runen, Bl.4, S.2 v. 21.4.1918)
Die Person v. Sebottendorff ist ungewöhnlich. So erinnert sich Johannes Hering zwanzig Jahre später an die Gründungssituation der Thule-Gesellschaft vom 21. März 1919:
"Bei der Abschrift der amtlichen Eintragungen hat es mich höchst verwundert, dass Sebottendorf sich überhaupt nicht hat eintragen lassen, obgleich er weitaus die Seele der Vereinigung war." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.150 - Johannes Herings Aufzeichnungen aus dem Münchener Vereinsregister zur Thule-Gesellschaft – 1938)
Der neue Hochmeister des Germanen-Ordens verfolgt von seinem bayerischen Wohnsitz in Bad Aibling einen zielstrebigen Plan. So heißt es bei Goodrik-Clarke:
"Die Geschichte der Ariosophie (-Religion auf rassistischer Grundlage-) in Deutschland führt uns letztlich zu (…) Rudolf von Sebottendorff, der zwischen 1917 und 1919 zwei rassistische Sekten in München gründete (-den bayerischen Ableger des Berliner Germanen-Ordens Walvater zum heiligen Gral und zu dessen Tarnung die vorgelagerte Thule-Gesellschaft-), in denen die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ihre Wurzeln hatte.". (Goodrik-Clarke: "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus", S.112 - 1997)
Johannes Hering berichtet über den bayerischen Logengründer weiter:
"Geheimnisvoll waren auch die Grundsätze, nach denen er die völkischen Verbände gründete.(…) Er wollte nach dem Carbonari-System die Fäden in seiner Hand halten, von den Unterorganisationen sollte keiner von dem Dasein des anderen etwas wissen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/2233, S.4 - Johannes Herings Aufzeichnungen zur Thule-Gesellschaft - 1939)
Juli 1918
Nach einigen Vorbereitungstreffen mit Justizrat und Ariosoph Dr. Georg Gaubatz, Johannes Hering (Hammerbund), Schanze, Nauhaus, Garsing und Walter Deicke ist es dann soweit; Rudolf Glauer/v. Sebottendorff verkündet in der Mitgliederschrift Runen unter der Rubrik Bekanntmachungen:
"Gauloge Bayern des G.O. Walvater mit Sitz in München ist begründet, das Heim gemietet und wird ausgestattet. Am 18. Ernting (-August 1918-), früh 11 Uhr hoffen wir mit der Einrichtung so weit zu sein, daß die feierliche Weihe der Loge vorgenommen werden kann. Vollbrüder und Schwestern, welche zu dieser neuen Gauloge überzutreten beabsichtigen, mögen ihren Wunsch zunächst der Ordenskanzlei (-Hermann Pohl, Berlin R.-Metzerstraße 8-) kundgeben, welche das Weitere veranlassen wird.(...) Wer von den Mitgliedern sich politisch betätigen will, trete dem mächtigen, scharf antisemitischen 'Alldeutschen Verbande' bei." (Sebottendorff: Runen, Bl.7, S.8 v. 21.7.1918)
Auch das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts vermerkt:
"Gründungen gleich dem 'Deutschbund' scheinen jetzt übrigens wie Pilze aus der Erde zu schießen, denn soeben macht auch ein Inserat in der 'DeutschenTagesztg.' für einen 'Deutschvölkischen Orden (-Loge-)' in folgender Weise Reklame:
'In einer Zeit, in der sich germanische Kraft nach außen so herrlich bewährt und doch internationale und fremdartige Einflüsse im Hause sich breit machen, halten wir es für unsere Pflicht, aus der Verborgenheit hervorzutreten. Alle deutschgeborenen Männer, die sich ihres germanischen Blutes bewußt sind, rufen wir auf, uns zu helfen bei unserer Arbeit für unseres Volkes geistig-sittliche Erneuerung und rassische Wiedergeburt. Anfragen sind unter Nr. 259 an die Geschäftsstelle dieser Zeitschrift zu richten.'" (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Vorwärts, Nr.207, S.7 v. 30.7.1918 + Deutschlands Erneuerung, Bd.2, Ausg. 7-12, S.592 v. 1918)
In der nur für Mitglieder zugänglichen Ordens-Schrift Runen betont auch Ordenskanzler Pohl:
"Der Orden ist kein politischer Verband, sondern erstrebt lediglich eine rassische und deutsch-religiöse Erneuerung unseres Volkes." (Sebottendorff: Runen, Bl.1, S.4 v. 1923 + Steiger: "Der neudeutsche Heide", S.166 – 1924)
Doch die Revolution nach dem 1. Weltkrieg erfordert besondere Maßnahmen. Rudolf v. Sebottendorff gründet daher in Bayern parallel zur Gauloge eine politische Vorfeldorganisation des Germanen-Ordens: Die Thule-Gesellschaft und für die Jüngeren den Thule-Kampfbund. Flankiert werden die politischen Bestrebungen durch das bereits erworbene Lokalblatt aus München:
"Nach dem Wahlspruch der Thule, 'Gedenke dass Du ein Deutscher bist, halte Dein Blut rein', begann (-in den angemieteten Hotel-Räumlichkeiten-) sofort die Tätigkeit des Münchener Beobachters, der, um weitere Kreise zu interessieren, auch als Sportblatt aufgezogen wurde." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.12, Bl.1 - Sebottendorff über "Thulegesellschaft, Beobachter, Freikorps Oberland")
Ordens-Treffpunkt in München: Hotel Vier Jahreszeiten der Gebrüder Walterspiel, Förderer der Thule-Gesellschaft - 1910 (Wikimedia Commons / o.Ang. - Datei: Hotel Vier Jahreszeiten, München, Duitsland, RP-F-00-6240-2.jpg, Aufnahme von 1910)
Über seine erstes Treffen in den Räumen der bayerischen Loge berichtet Johannes Hering:
"August 3. - Vorberatung in den Vier Jahreszeiten, anwesend Sebottendorf, Gaubatzu, (-Johannes-) Hering, Schanze
August 10. - Zusammenkunft mit den Frauen" (BArch Berlin: NS26/865a - Tagebuch Johannes Hering, Mitglied d. Germanen-Ordens, Thule-Gründungsmitglied u. 2. Vorsitzender)

Klubraum des Münchener Sport-Clubs im 3. Stockwerk der Vier Jahreszeiten - 1912 (Digitalisiert auf muenchner-sportclub.de/Galerie + //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PK-STB-08055)
Samstag, 17. August 1918
Bei Dr. Alfons Steiger heißt es zu der Ordens-Gründung:
"Von Berlin eilten (-am 17. August 1918-) die 'Meister' (-G. W.-) Freese und (-der Magdeburger Eichmeister Hermann-) Pohl (-vom Germanen-Orden Walvater-) nach München, um das Heim zu weihen." (Steiger: "Der neudeutsche Heide", S.176 – 1924 + Osterbotschaft 1924 des Germanen-Ordens Walvater, S.7)
Johannes Hering vermerkt:
"Aufnahme eines Br.(-uders-) aus dem Bayerischen Wald, Ordensmeister (-Hermann-) Pohl aus Magdeburg, Freese aus Berlin und (-Richard-) Hummel aus Leipzig kamen zur Einweihungsfeier." (BArch Berlin: NS26/865a - Tagebuch Johannes Hering, Mitglied d. Germanen-Ordens, Thule-Gründungsmitglied u. 2. Vorsitzender)
18. August 1918
An Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs Einweihungsfeier in den fünf angemieteten Räumen des 3. Stockwerks (linker Eingang Nr. 3, Marstallstraße) nehmen am Sonntag rund 40 Personen aus Bayern teil. Johannes Hering notiert:
"Grosse Weihe von Mittag ab, 30 Personen (-Novitzen-) aus Bayern, prächtige Festtafel, Rede (-G. W.-) Freese" (BArch Berlin: NS26/865a - Tagebuch Johannes Hering, Mitglied d. Germanen-Ordens, Thule-Gründungsmitglied u. 2. Vorsitzender)

Tagung ohne Tageslicht: Versammlungsraum der Ordensbrüder und -schwestern - 1920 (Fotografie im Privatbesitz / o.Ang.)
Zu der Logen-Weihe wird weiter vermerkt:
"Die Logenräume waren mit Hakenkreuzen geschmückt und jeder Teilnehmer der festlichen Runde hatte auch eine Bronzenadel anstecken, die auf dem Schilde das von zwei Speeren durchkreuzte Hakenkreuz zeigte.(…) Mitglieder und auch Gäste grüßten sich mit 'Heil und Sieg' (...)." (Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.53/54 - 1994)
Während die deutschen Truppen an den Fronten ihren letzten Blutzoll entrichten, ist die Festtafel trotz Mangelwirtschaft in München prachtvoll gedeckt: Meister G.W. Freese hält die Festrede. Auch das GO-Gründungsmitglied, der in Schwinemünde am 4. Juli 1870 geborene Zahnarzt Richard Hummel aus Leipzig, ist bei der Einweihungsfeier zugegen. Er gründet daraufhin am 25. November 1919 den Talis-Verlag und veröffentlicht mit Rudolf Glauer/v. Sebottendorff spirituelle Werke.

München: Speisesaal im Hotel Vier Jahreszeiten - 1918 (Fotografie im Privatbesitz / o.Ang.)

Klubraum des Münchener Sport-Clubs im 3. Stockwerk der Vier Jahreszeiten - 1912 (Digitalisiert auf muenchner-sportclub.de/Galerie + //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PK-STB-08055)
Für den neuen Ordensmeister Rudolf Glauer/v. Sebottendorff scheint der Kontakt zu Richard Hummel von Bedeutung:
"Unter dem Namen 'R.H. Laarss' gab dieser umtriebige Esoteriker später die 'Magischen Blätter' heraus und veröffentlichte zwei äußerst fehlerhafte, dennoch bis heute viel gelesene Bücher über 'Amulette und Talismane' (-1919-) sowie Éliphas Lévi, einen der bedeutendsten Wegbereiter der modernen abendländischen Esoterik. Über Hummel dürfte Glauer (-v. Sebottendorff-) oberflächliche Einblicke in die damals modischen okkulten Überlieferungen gewonnen haben und in Verbindung mit astrologischen Kreisen gekommen sein." (Gugenberger: "Hitlers Visionäre", S.80 - 2001)
24. August 1918
Schon an dem der Eröffnung folgenden Samstag beginnen die wöchentlichen Zusammenkünfte der neuen Ordens-Loge:
"August 24. - Pohl spricht über (-die esoterisch bedeutsamen-) Sonnenburgen (-bei Bad Aibling-), (-Johannes-) Hering (-mythologisch-) über 'Der Winter im Lichte der germanischen Dichtung'.
August 31. - Vortrag Sebottendorff über 'Pendeln' (mir war diese Verflechtung mit okkulten Dingen lebenslang zuwider, der Thule brachte sie dann und wann fragwürdige Mitglieder ein).
September 14./21./26. - Weiheloge neuer Mitglieder" (BArch Berlin: NS26/865a - Tagebuch Johannes Hering, Mitglied d. Germanen-Ordens, Thule-Gründungsmitglied u. 2. Vorsitzender)
Sitzungsraum des Ordens: Platz des Meisters vom Stuhl (Symbolfoto: Freimaurerloge "Libanon z.d. 3 Cedern", Erlangen / Panneck, Wilhelm – Postkarte im Privatbesitz)
Zu den praktizierten Zeremonie-Abläufen bei Einweihung von Novitzen in die unterste der drei Ordens-Stufen gibt ein Dokument von 1912 Auskunft:
"Während die neuen in einem Raum zu warten haben, kommen die Brüder im Zeremoniensaal der Loge zusammen. Der Meister sitzt unter einem Baldachin, flankiert an beiden Seiten von zwei Rittern, die in weißen Roben gekleidet sind, einen Helm mit Hörnern als Kopfbedeckung tragen und sich auf ihr Schwert stützen." (Orzechowski: "Schwarze Magie – Braune Macht", S.77 - 1987)
In einer weiteren Schilderung wird zu dem Zeremonie-Ablauf vermerkt:
"Ein erhaltenes Dokument über ein Ritual (ca. aus dem Jahre 1912) beschreibt die Initiation von Novizen in den untersten Ordensgrad. Während sie im Nebenraum warteten, versammelten sich die Brüder im Zeremoniensaal der Loge. Der Meister nahm seinen Platz auf der Stirnseite des Raumes unter einem Baldachin ein, der von zwei Rittern flankiert wurde, die weisse Roben und Helme mit Hörnern trugen und auf ihre Schwerter gestützt waren. Vor diesen sassen der Schatzmeister und der Schriftführer, die weisse Freimaurerschärpen trugen; der Herold nahm seinen Platz in der Raummitte ein. Am Ende des Raumes, im Gralshain, stand der Barde in weissem und vor ihm der Weihemeister in blauem Talar. Die anderen Logenbrüder sassen in einem Halbkreis um den Weihemeister bis zu den Tischen des Schatzmeisters und des Schriftführers. Hinter dem Gralshain befand sich ein Gesangs- und Musikraum, in dem ein Harmonium und ein Klavier von einem kleinen Chor von 'Waldelfen' musikalisch begleitet wurden. Die Zeremonie begann mit leiser Harmoniummusik, während die Brüder den 'Pilgerchor' aus Wagners 'Tannhäuser' sangen. Kerzen wurden entzündet, die Brüder machten das Zeichen der Swastika, und der Meister erwiderte dieses. Dann wurden die Novizen mit verbundenen Augen, Pilgermäntel tragend, vom Weihemeister in den Raum geleitet. Hier sprach nun der Meister zu ihnen über die ario-germanische und aristokratische Weltanschauung des Ordens, bevor der Barde das heilige Feuer (Kiefernadelessenz) entzündete und den Novizen Mäntel und Augenbinden abgenommen wurden. In diesem Augenblick hob der Meister Wotans Speer und hielt ihn vor sich, dieweil die beiden Ritter ihre Schwerter über ihm kreuzten. Eine Reihe von Rufen und Antworten, begleitet von Musik aus dem 'Lohengrin', vervollständigte den Eid der Novizen. Ihre Weihe begleiteten Rufe der 'Waldelfen', während die neuen Brüder im Gralshain rund um das heilige Feuer des Barden geführt wurden." (Goodrick-Clarke: "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus", S.117/118 - 1997)
Unter einem Baldachin: Platz des Meisters vom Stuhl - 1925 (Symbolfoto: Freimaurerloge "Libanon z.d. 3 Cedern", Erlangen / Panneck, Wilhelm – Postkarte im Privatbesitz)
Weiter wird über den logeninternen Ablauf berichtet:
"Im Osten des Raumes befindet sich immer der Altar, auf dem Altar die Bibel, daneben der Hammer für den 'Meister vom Stuhl', mit dem er die Versammlungen der Brüder lenkte. Links und rechts von ihm saßen der Schriftführer, der Redner und die zugeordneten Meister und Ehrenmeister, innen an der Türe hielt der Wachhabende Aufsicht, daß kein 'Profaner' sich einschlich und die Loge nach innen und nach außen gehörig 'gesichert und gedeckt' war. Auf den langen Stuhlreihen im Süden und Norden des Tempels saßen die Lehrlinge, Gesellen und Meister, wenn sie den Worten des Meisters vom Stuhl oder des 'ehrwürdigen' Bruders Redner lauschten. Immer wird der Tempel durch die Pforten im Westen betreten. In der Mitte des Arbeitssaales auf dem Boden liegt der 'Tapis', der heilige Teppich. Da sind die Symbole, die Sinnbilder aufgezeichnet, in denen der Freimaurer denkt und handelt: in der Mitte des Teppichs der Salomonische Tempel, das Symbol für den Tempel der Menschheit,(...)." (Bayerland-Verlag: "Das Freimaurerlogen-Museum in Nürnberg", S.49 - 1938)

Nürnberger NS-Freimaurer-Museum: Schürzen der unteren Grade - 1938 (Bayerland-Verlag: "Das Freimaurerlogen-Museum in Nürnberg", S.31 - 1938)
Für die höheren Grade wird in dem Begleittext des NS-Museums vermerkt:
"Aus dem 'dunkelsten Gang' im Freimaurerlogen-Museum. Vorschriftsmäßig mußten die in den 4. Grad Aufzunehmenden über Särge und Menschengerippe steigen."
Auch Dr. Grandel bestätigt in seinem ausführlichen NSDAP-Archivbericht von 1941 eine frühe Kontaktaufnahme zu der neu eingerichteten Hotel-Loge in München:
"Adolf Hitler hatte ich kurz vorher (-1919?-) in der Thule-Gesellschaft im Hotel Vier Jahreszeiten kennen gelernt und hörte ihn da als Diskussionsredner zum erstenmale sprechen." (BArch Berlin: NS26/514, Bl.1/2, S.586/587 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Der damalige DAP-Werbeobmann Hitler wird durch seine Förderer einige Einblicke in Rituale und Organisation geboten bekommen haben. Ein früher Finanzförderer berichtet:
"Ganz zu Anfang der Bewegung machte ich unter anderem die erste 'Sonnwendfeier' der Bewegung in der Nähe von Stadelheim auf einem Keller mit, bei der in Anwesenheit auch des Führers, Dietrich Eckart eine forsche Rede hielt und bei der sich (-am 21.12.1919-) fast das ganze Häuflein der damaligen Parteigenossen versammelt hatte." (BArch Berlin: NS26/1143 - Erinnerungen von Simon Eckart, S.7 – 1936)
Doch für den geschulten Propagandisten Adolf Hitler bleibt die ihn fördernde Organisation weithin fremd. Nach seinem endgültigen Bruch mit dem Orden kommt der ab 1921 proklamierte Parteiführer zu einem deutlichen Urteil:
"Es ist das Charakteristische dieser Naturen, daß sie von altgermanischem Heldentum, von grauer Vorzeit, Steinäxten, Ger und Schild schwärmen, in Wirklichkeit aber die größten Feiglinge sind, die man sich vorstellen kann. Denn die gleichen Leute, die mit altdeutschen, vorsorglich nachgemachten Blechschwertern in den Lüften herumfuchteln, ein präpariertes Bärenfell mit Stierhörnern über dem bärtigen Haupte, predigen für die Gegenwart immer nur den Kampf mit geistigen Waffen und fliehen vor jedem kommunistischen Gummiknüppel eiligst von dannen.(…) Ich habe diese Leute zu gut kennengelernt, um nicht vor ihrer elenden Schauspielerei den tiefsten Ekel zu empfinden. Auf die breite Masse aber wirken sie lächerlich, und der Jude hat allen Grund, diese völkischen Komödianten zu schonen, sie sogar den wirklichen Verfechtern eines kommenden Staates vorzuziehen." (Hitler: "Mein Kampf", S.396/397 -1943)
Der Germanen-Orden dient dem parteipolitischen Vollzeittrommler dennoch in mehrfacher Hinsicht als ideologischer Steinbruch und Ideengeber für die neu gegründete DAP. Auch bei den Ausdrucksformen bedient sich Hitler mit Hakenkreuz und Runen bestimmter Elemente, mit denen er innerhalb der Thule-Gesellschaft vertraut wurde. So heißt es bereits zum Ende des Krieges von der Germanen-Ordensleitung:
"Siegheil zum neuen Jahre!" (Sebottendorff: Runen, Bl.12, S.1 v. 21.12.1918)
Seinen direkten Bezug zum bayerischen Logengründer Sebottendorff erwähnt Gottfried Grandel im Zusammenhang mit dessen Verkauf des zuvor von ihm betriebenen Münchener Beobachters:
"Es ergab sich die Möglichkeit, den 'Münchener Beobachter' des Herrn v. Sebottendorff käuflich zu erwerben. Am 17. Dezember 1920 morgens kam Adolf Hitler zu mir nach Augsburg und bat mich, beim Kauf des Blattes die Bürgschaft zu übernehmen, weil die Partei kein Geld hatte. Ich sagte zu und fuhr mit ihm nach München zum Notariat, wo die Verbriefung stattfand." (BArch Berlin: NS26/514, Bl.3/S.588 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Der notarielle Erwerb des antisemitischen Hetzblattes Völkischer Beobachter findet am 17.12.1920 in München statt; Gottfried Grandel übernimmt bei dieser kurzfristig anberaumten Kauf-Aktion eine hohe, nahezu hälftige Bürgschaft für die NSDAP.
Auffallend in dem zeitlichen Zusammenhang ist hier der Eintrag vom 15. Dezember 1920 in das Posteingangsbuch der Münchener NSDAP:
"Untersuchungsrichter Landgericht München II – Anfragen betreffend Glauer. - Beantwortung d. Hr. Hitler – Postscheck-Amt: Zusendung einer Zahlkarte über 45.- für Orbock (-?-) & Walter, Straubing." (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.521 v. 15.12.1920)
Mit dem Namen Glauer ist Rudolf von Sebottendorff gemeint, der bei den Behörden unter dem bürgerlichem Namen Adam Alfred Rudolf Glauer registriert ist. Rudolf Glauer alias v. Sebottendorff gerät durch das Schreiben des Münchener Landgerichts in akute Schwierigkeiten. Rückblickend notiert er in seiner Buchveröffentlichung:
"Hatten sich jene sieben Thule-Leute für die Idee geopfert, so mußte Sebottendorff sich für die Bewegung opfern, er mußte gehen, um nicht die zarte Pflanze zu ersticken. Wohl wäre es ihm möglich gewesen, seine Nichtschuld nachzuweisen, aber der Staub, den die herrschenden Parteien aufgewirbelt hätten, hätte alles bedeckt, es wäre die Thule, der Beobachter, die Partei vernichtet worden." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.170 – 1933)
Ein undatiertes Schreiben von Rudolf v. Sebottendorff greift diese Übergangsphase ebenfalls auf:
"Durch den Geiselmord und die Freikorpssache (-GO-Gründung Freikorp Oberland-) war Sebottendorf bekannt geworden und er erschien den Marxisten und den Juden als der gefährlichste Gegner, der also zu vernichten war.(...) Sebottendorf ging aus München fort, um diese Angriffe auf sich zu nehmen, die Geldgeber, deren Namen man erfahren wollte zu schützen, aber vor allem, weil in dem kommenden Geiselmordprozess Dinge zur Sprache von der Gegenseite gebracht worden wären, die geheim bleiben mussten. Der Vertreter der Anklage, Oberstaatsanwalt Hoffmann, hat das Sebottendorf angeraten und nur gebeten, dass für den äussersten Fall er sich bereithalten solle, die Zeugenschaft abzulegen. Im Oktober (-1919-) bildete, da Sebottendorf und auch Frl. Bierbaumer nicht mehr im Stande waren, den Ansprüchen des Verlages gerecht zu werden, er mit seiner Schwester Frau Dora Kunze und Frl. Bierbaumer eine G.m.b.H. und überliess der Partei 50.000 Anteile, 20.000 Bargeld. Damit schied er aus der Bewegung aus." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/2234, Bl.16, undatiert)
So kommt es zwei Tage nach dem Schreiben des Münchener Landgerichts zum Notverkauf des Völkischen Beobachters an die NSDAP.
Es wird dabei kein Zufall gewesen sein, dass sich die offiziellen Anteilseigner Sebottendorffs, seine Freundin Käthe Bierbaumer und Schwester Dora Kunze, bei ihrer Auszahlung ausgerechnet mit Gottfried Grandel in finanzielles Benehmen setzen müssen: Genau ihre Anteile deckt die am 17. Dezember 1920 von Dr. Grandel unterzeichnete Bürgschaft ab.
Im Zusammenhang mit der daraufhin erfolgten Inanspruchnahme der von ihm eingegangenen Bürgschaftserklärung erwähnt Gottfried Grandel in einem späteren Schreiben an den Münchener Verleger Georg Grassinger:
"Auf meine Anfrage haben Sie mir unterm 19. ds. mitgeteilt, dass Ihnen die Adresse des Herrn Rudolf von Sebottendorff, des Verfassers des in ihrem Verlage erschienenen Buches 'Bevor Hitler kam' nicht bekannt sei. Da mir bekannt ist, dass Herr von Sebottendorff aus bestimmten Gründen gerne inkognito bleiben will, so erlaube ich mir, einen an ihn gerichteten Brief beizulegen mit der höfl. Bitte, denselben weiterleiten zu wollen.
Es ist aber möglich, dass Ihnen die Adresse seiner Schwester, Frau Dora Kunze (-verstorben 1921-) bekannt ist oder die von Frl. Bierbaumer.(-Interniert in England-) Diese beiden Damen waren Mitbesitzerinnen des 'Völkischen Beobachters', ehe derselbe an die NSDAP überging. Ich übernahm damals zusammen mit Herrn Dietrich Eckart die Bürgschaft für die Zahlung des Kaufpreises und ich wurde von Herrn Sebottendorff, Frl. Bierbaumer (-Freundin von Sebottendorff-) und Frau Kunze (-Schwester von Sebottendorff-) bald danach (-Januar 1921?-) dafür in voller Höhe in Anspruch genommen und habe die ansehnlichen Beträge an diese drei Personen ausbezahlt.(...) Bei früheren Haussuchungen (-Januar 1924?-) sind mir durch die Kriminalpolizei die diesbezüglichen Unterlagen und Urkunden weggenommen worden und nicht zurückerstattet worden. Sie sind aber jetzt von größter Bedeutung für mich geworden und ich möchte mich dieserhalb an Herrn v. Sebottendorff oder an eine der oben erwähnten Damen wenden zwecks Erlangung einer Bestätigung darüber, dass ich die Summen an sie ausbezahlt habe. Sie werden daher verstehen, dass es für mich sehr wichtig ist, mit einer der drei Personen oder mit allen Dreien in Verbindung zu kommen und ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie mir dazu verhelfen könnten." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: 3807/67, ZS-50-8/9 - Dr. Grandel an Georg Grassinger v. 21.11.1940)

Rudolf v. Sebottendorff mit seiner Lebensgefährtin Käthe Bierbaumer - Türkei, 1939 (Rudolf von Sebottendorf auf: tr.wikipedia.org / o.Ang./Archiv Halid Özkul, dem Neffen von Remzi Denker, vermutlich aus "Bilinmeyen Hitler", Altindal, Aytun – Istanbul, 2004 + Datei : Sebottendorf Remzi-Denker Nuri-Killigil Misli-Angel-Hanim .png)
Die Figur Rudolf Glauer/v. Sebottendorff gibt vielen Zeitgenossen Anlass zu Vermutungen, eine davon lautet:
"Indem ich dies niederschreibe, fällt mir ein, dass (-Graf-) Bothmer seinerseits die Vermutung weitergegeben hat, als ob Sebottendorf, der von Freiburg vielfach über den Rhein verkleidet gelangt, Unterstützung von denen erhalte, die er zu bekämpfen scheint. Bothmer selbst nahm zu diesem Gerücht weiter keine Stellung, während ich es damals wie heute abweise; freilich glaube ich, dass die mir als Nichte vorgezeigte Geldgeberin (-Frl. Käthe Bierbaumer-) des Münchener Beobachters, biologisch untersucht, Anlass zur Überraschung (-jüdische Vorfahren?-) geben würde." (BArch Berlin: R 8048/392, S.668 - Schriftsteller Dr. Otto Helmut Hopfen an Heinrich Class/Alldeutscher Verband v. 3.6.1919)
Oktober 1918
Als Versammlungen werden notiert:
"Oktober 5. - Logenkopfsitzung
Oktober 6. - Fahrt zu den (-esoterisch bedeutsamen-) Sonnenburgen bei Bad Aibling
Oktober 13. - Ausflug Ludwigshöhe
Oktober 19. - Germanenorden
Oktober 24. - Gemeinsamer Abend mit den Alldeutschen, Verlagsbuchhändler Lehmann fordert Staatsstreich" (BArch Berlin: NS26/865a - Tagebuch Johannes Hering, Mitglied d. Germanen-Ordens, Thule-Gründungsmitglied u. 2. Vorsitzender)
Die Leitung einer Gauloge bringt Verpflichtungen mit sich. So vermerkt der Bruder des an einer tückischen Krankheit verstorbenen Architekten Josef Scheidt (28) stellvertretend für die Hinterbliebenen:
"Besonderen Dank (...) dem Germanenorden, Gauloge Bayern, für die (-am 28. Oktober 1918, 15 Uhr, auf dem Münchner Waldfriedhof geleisteten-) Kranzspenden und Worte der Anerkennung für den Verstorbenen. (-Trauergottesdienst: 29. Oktober 1918, 9 Uhr Frauenkirche-)" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.550, S.7 v. 30.10.1918)
November 1918
"November 2. - Germanenorden, Sebottendorff an Grippe erkrankt
November 3. Ausflug Harlaching" (BArch Berlin: NS26/865a - Tagebuch Johannes Hering, Mitglied d. Germanen-Ordens, Thule-Gründungsmitglied u. 2. Vorsitzender)
8. November 1918
Zur Einleitung einer Logensitzung wird zu folgendem Ablauf geraten:
"Beginn der Sitzungen gewöhnlich pünktlich um 8 Uhr; die Brr. (-Logenbrüder und -schwestern-) sollen eine halbe Stunde zuvor versammelt sein. Der Mstr. v. St. spricht mit dem Glockenschlage: 'Ich bitte die Brr. (und Schw.), Platz zu nehmen.' Stehend eröffnet er die Sitzung mit den Worten: 'Ich gebiete Recht und Verbiete Unrecht bei scheidender Sonne, da es Zeit ist zu tagen. Als verordneter Meister vom Stuhl des Gaues Brandenburg eröffne ich die Sitzung!' (Hammerzeichen, welches der stellvertretende Mstr. jenseits des Tisches beantwortet). Dann nimmt der Mstr. Platz." (StaA Düsseldorf, Best. Reg. Düsseldorf, Nr.15639 - "Akten Germanen-Orden7Wälsungen-Orden", Anlage 1, Beschlagnahmt bei Hausdurchsuchung Lorenz Mesch in Regensburg: Mitteilung aus der Tagung der Ratsmannen des Gaues Brandenburg vom 29. Gilbhart/Oktober 1917)
Um das Jahr 1918 herum bewegt sich der bayerische Unternehmer Dr. Grandel verhältnismäßig oft im preußischen Berlin, dem Hauptsitz des Germanen-Ordens. Der ab 1917 mit der Familie freundschaftlich verbundene Verwaltungs-Amtmann Georg Fischer aus Augsburg notiert in einem späteren Briefwechsel über Gottfried Grandel:
"Ich habe ihn allmählich so einschätzen gelernt, dass er sich dazu berufen glaubt, unter allen Umständen eine politische Rolle spielen zu müssen,(…) . Als eifriger Leser der ihm von mir empfohlenen deutschen Zeitung (…) trat er in Verbindung mit (-dem GO-Mitglied-) Reinhold Wulle und anderen mir nicht genannten Berliner Herren (-u. a. 1919 mit dem Berliner GO-Mitglied Wilhelm v. Brehmer-). Wie er mir (-1918/19-) nach der Rückkunft von einer seiner öfteren Berliner Reisen erzählte, erklärte er noch bei einer Zusammenkunft, dass 'seine Vaterstadt bei dem Wiederaufbau Deutschlands die (oder eine) führende Rolle spielen müsse, dafür werde er sorgen!'" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch, R 8048/672, Bl.37 - Brief Georg Fischer a. d. Münchener Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Der Berliner Hauptsitz des Germanen-Ordens Walvater liegt rund 100 Meter vom Bahnhof Lichterfelde-West entfernt, doch in der noblen Villenkolonie aus der Jahrhundertwende feiert die weltanschaulich-religiöse Gemeinschaft offenbar nicht nur ihre Sonnenwendfeiern. Nach den Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus (Bd.37, S.70 - 1927) geht hervor, dass auch die Rathenau-Mörder um 1922 in dem Heim des Berliner Ordens verkehrt haben sollen. Diesbezüglich äußert sich auch der Bankdirektor Plewe auf einer Generalversammlung vom 20. Januar 1923, der "denselben als Rathenau-Mörder-Zentrale bezeichnete".
(LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - 3 Bände mit rund 600 Seiten, darin: GO Walvater: Osterbotschaft 1924, S.10)
Die Münchener Vorarbeiten Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs sind eine wichtige Quelle für die Entwicklung Adolf Hitlers zum Politiker, doch währt v. Sebottendorffs Einfluss nur kurz. Durch die Verhaftung und darauf folgende Erschießung von sieben Mitgliedern der Thule-Gesellschaft während der Münchener Räte-Republik gerät Rudolf v. Sebottendorff in die interne Kritik und öffentliche Wahrnehmung:
"Mai 10.(-1919-)– Trauerfeier für die ermordeten Mitglieder, Sebottendorff sucht sich zu rechtfertigen, weil er die Mitgliederliste nicht rechtzeitig beiseite geschafft hat." (Tagebuch Johannes Hering, Mitglied d. Germanen-Ordens, Thule-Gründungsmitglied u. 2. Vorsitzender - BArch Berlin: NS26/865a)
In der späteren Osterbotschaft 1924 des Germanen-Orden Walvater heißt es zu der Münchener Räterepublik und der damit verbundenen Rolle von Sebottendorffs:
"Die Loge wuchs mächtig heran und – H. v. Sebottendorff wurde in Steglitz gesehen – revolutionierte in München, machte aus der Ordensloge die Thule-Gesellschaft, trieb hochpolitische Umtriebe und – vier liebe (-Germanen-)Ordensgeschwister und drei Thule-Mitglieder mußten als Geiseln der Bolschewisten im Schulkeller ihr Leben aushauchen!" (LArch Berlin: A Rep.358-01, Nr.6011 - Osterbotschaft des Germanen-Ordens Walvater, S.7 - 1924)
In der Außendarstellung werden die sieben erschossenen Geiseln 1919 ausschließlich der Thule-Gesellschaft zugeordnet, eine Differenzierung findet zum Schutz des Germanen-Ordens auch hier nicht statt.
Todesanzeige aus der Bayerischen Staatszeitung - 8. Mai 1919 (Bay. Staatsbibliothek: port-026755 / Bayerische Staatszeitung, Nr.118)
Zum Vergleich: Todesanzeigen unter Mitgliedern des Germanenkultes können mitunter für Außenstehende auch seltsam wirken:
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13. Juni 1919
Nach der Niederschlagung der nur für kurze Zeit in München herrschenden Roten Armee veröffentlicht die Münchener Post am 13. Juni 1919 unter der Überschrift "Seltsame Geschichten" erste öffentliche Vorwürfe gegen Rudolf Glauer, alias v. Sebottendorff. Dieser greift die Entwicklung in seiner späteren Buchveröffentlichung auf:
"Er (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff-) führe einen falschen Namen. Er habe die Thule feige im Stich gelassen. Er sei Türke geworden, um sich vom Kriegsdienste zu drücken. Er habe Gelder kassiert und nicht verrechnet. Er sei entmündigt. Damit wollte man Sebottendorff zwingen, den Beleidigungsprozeß anzustrengen, man hatte noch mehr Pfeile im Köcher. Durch den Einfluß des obenerwähnten Schülein, der mit dem Handelsrichter Spitzer, mit dem Justizrat Zimmermann, mit dem (-Star-)Anwalt (-Max-) Alsberg-Berlin und dem Polizeirat (-aus Dresden, Dr. Robert-) Heindl zusammenarbeitete, hatte man ein wunderbares Aktenstück zusammengebracht, das unbedingt vernichtend wirken mußte. Dann war ein Skandal da, der sicher den Geiselmordprozeß auf eine andere Basis geschoben hätte. Also auf zur Jagd, Sebottendorff mußte fallen. Er mußte den Beleidigungsprozeß anstrengen. Doch der tat ihnen nicht den Gefallen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.169/170 - 1933)
Durch den politisch bedingten Wegfall Sebottendorffs verschiebt sich die völkische Statik Bayerns. Die internen Rivalitäten, die 1916 noch zur Abspaltung des schismatischen Zweiges des Germanen-Ordens unter Ordenskanzler Pohl geführt hatten, treten durch die revolutionäre Räterepublik im April 1919 offenbar wieder in den Hintergrund:
"Energisch betrieb man aktive Mitgliederwerbung und verfolgte die Gründung und Reorganisation von Logen, wobei es gelang, auch Logen des schismatischen Germanenordens Walvater unter Pohl zum Übertritt in den (-ursprünglichen-) Germanenorden zu bewegen, darunter im April 1919 auch die von Rudolf von Sebottendorff in München geleitete Thule-Gesellschaft." (Benz/Mihok: "Organisationen, Institutionen, Bewegungen", S.281 – 2012)
Als weiterer Ableger des Germanen-Ordens wird 1918 auch die Deutsch-Sozialistische Partei (DSP) gegründet.
Nachdem Adolf Hitler im Sommer 1919 in der DSP vermutlich wegen Julius Streicher keinen Fuß in die Tür bekommt, landet er schließlich im August 1919 bei der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) von Anton Drexler und dem Thule-Mitglied Karl Harrer.
Am dichtesten kommt Gottfried Grandel das Thema Germanen-Orden während seiner richterlichen Vernehmung im Berliner Thormann-Grandel-Prozess von 1924. Durch seine Teilnahme an den Attentatsvorbereitungen gegenüber dem Chef der Heeresleitung zeigt sich auch, dass der angeklagte Öl-Fabrikant dem politisch motivierten Mord nicht allzu fern zu stehen scheint.
Die vom Gericht in der Verhandlung nicht weiter verfolgten Versatzstücke zum germanischen Geheimbund deuten darauf hin, dass Gottfried Grandel im Januar 1921 möglicherweise für die bayerische Nachfolge des untergetauchten Regionalleiters Rudolf Glauer, alias v. Sebottendorff vorgesehen war. Ein Brief vom 26. Januar 1921 an einen unbekannten Empfänger, der Gottfried Grandels Vertrautem Lorenz Mesch zugeschrieben wird, führt aus:
"Was Ihre werte Person (-Gottfried Grandel?-) betrifft, so wurde von einem unserer Herren (-Richard Hayen?-) der Vorschlag gemacht, dass Sie die Leitung der sämtlichen Freimaurer übernehmen, die bei uns (-im Germanen-Orden Walvater-) sind oder die uns fernerhin beitreten. Ich halte diesen Vorschlag für gut.' (26.1.21)" (BArch Berlin: R8048/255 - Auseinandersetzungen im Bund mit Gorsleben, Mesch, Dr.Ruge und Hertzberg/Roth: "Aus dem Bunde und seinen Gliederungen", S.1-2/Bl.51-52 v. 1922)
Doch der politische Quereinsteiger Dr. Grandel tritt nach seinen Aussagen die Funktion innerhalb des Ordens nicht an. Er entscheidet sich möglicherweise für den im selben Jahr neu definierten Führungsanspruch Adolf Hitlers, der sich ab dem Sommer 1921 von der Direktive des Ordens löst, sprichwörtlich auf einer Augsburger Führer-Versammlung aus dem politischen Ruder läuft. Vielleicht ist aber auch seine zweite Ehe mit Helene Winternitz für die Verwerfung der ursprünglichen Absicht ausschlaggebend, denn der Arier-Verein duldet offiziell keine Ehepartner mit jüdischen Wurzeln:

"Keine Angehörigen der hebräischen Rasse": Blutsbekenntnis des Germanen-Ordens - 1922 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/852, S.13 - Korrespondenz v. Brockhusen)
Aufgrund der öffentlichen Berichterstattung von 1924 fühlt sich die Berliner Ordensleitung um Kanzler Herrmann Pohl genötigt, ein Schreiben an das Berliner Landgericht zu verfassen, in dem es heißt:
Schreiben des Germanen-Ordens an den Berliner Generalstaatsanwalt im Thormann-Grandel-Prozess - 29. Mai 1924 (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel - 1924)
Das damalige NSDAP-Mitglied Karl Böhrer, der 1921 zeitgleich auch dem Augsburger Germanen-Orden angehört, behauptet darüber hinaus, dass Dr. Grandel 1921 in der Funktion eines Hochgradfreimaurers tätig ist.
(BArch NS26/158: "Bericht über die Augsburger Vorkommnisse innerhalb der Gründung der Ortsgruppe der N.S.D.A.P. von Pg. Karl Böhrer, Augsburg" - 20. April 1941)
Der Germanen-Orden verlangt grundsätzlich von seinen Mitgliedern einen Arier-Nachweis, der sich auch auf die Familienangehörigen erstreckt. Mit Gottfried Grandels Heirat von Helene Winternitz im Jahre 1916 und der damit verbundenen Aufnahme ihrer zwei "volljüdischen" Kinder wäre eine führende Mitgliedschaft in dem Geheimorden ausgeschlossen gewesen, wie ein ähnlich gelagerter Fall zeigt:
"Agobard (-Deckname-) eröffnet das Thing (-Gerichtsversammlung/Beratung-), begrüßt die (=) (-Mitglieder, Mehrzahl-) und weist auf die unbedingte Verschwiegenheit über die Verhandlungen des Things hin, sowohl gegenüber Außenstehenden als auch gegenüber den (=) der Untergrade. Vor Eintritt in die Geschäftsordnung teilt er mit, dass sich (-) (-Mitglied, Einzahl-) Dahn-München (-Schützenstraße 7-) mit einer Judenstämmigen verheiratet hat und trotzdem zum Mihilathing erschienen ist. Es beantragt deshalb Abstimmung über seine Teilnahme. Die Abstimmung ergibt einstimmige Ablehnung. Br.(-uder des Germanen-Ordens, Rechtsanwalt und nach Sebottendorffs Weggang aus München kurzzeitiger Thule-Führer Hanns-) Dahn erklärt auf Befragen, daß seine Frau jüdischer Abstammung sei. Er verzichtet auf weitere Teilnahme an der Sitzung, bittet aber um Vorlage der Geburtsurkunde seiner Frau. Das geschieht und Dahn verläßt das Thing." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS 26/852 v. 29.9.1921)
Über den Münchner Rechtsanwalt Hanns Dahn heißt es zu diesem Datum weiter:
"Mehrere Abendblätter brachten gestern eine Münchener Meldung über die Voraussetzungen des Eintritts der Deutschen Volkspartei in die Reichsregierung, die Rechtsanwalt (-Hanns-) Dahn, der von den Berliner Verhandlungen zurückgekehrt sei, mitgeteilt haben soll. Wie uns von unterrichteter Stelle mitgeteilt wird, hat Rechtsanwalt Dahn (-als Vorsitzender der Wahlkreisorganisation Niederbayern und Oberpfalz-) an den Verhandlungen über die Regierungsbildung nicht teilgenommen, womit auch sämtliche an diese Meldung geknüpften Bemerkungen hinfällig sind." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Deutsche Allgemeine Zeitung, Nr.474, S.2 - "Deutsche Volkspartei und Regierungsbildung" v. 9.10.1921)
Aufnahme-Antrag für den Germanen-Orden - 1917
(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/852, S.8)
Möglich erscheint hier die Konstellation, dass Gottfried Grandel während seiner ersten Ehe zwischen 1905-15 Mitglied des Germanen-Ordens wird und er die antisemitische Betrachtung einer Partnerschaft bei seiner zweiten Hochzeit 1916 noch für zweitrangig hält. Acht Jahre später berichtet hierzu der mit der Familie Grandel befreundete Augsburger Amtmann Georg Fischer:
"Zu seiner Kennzeichnung muss ich auch erwähnen, dass er, der glühende Judenhasser, unter Hintansetzung aller Rücksichten auf Rassengrundsätze, (-1916-) die Witwe eines im Kriege gefallenen jüdischen Ingenieurs (-Fritz-) Winternitz mit 2 Kindern heiratete, obwohl er, wie mir gestern auf der Heimfahrt der Bruder (-Gottfried?/Ernst? Richter-) seiner ersten Frau erzählte, von dem Sachverhalt volle Kenntnis hatte, und dass er seiner Frau (-Helene-) gestattet, alle Einkäufe im jüdischen Warenhaus (-Brüder Landauer, Bürgermeister Fischerstrasse?-) zu machen.- Also ein Mann von Grundsätzen! -" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.37 + 39, Georg Fischer an Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Angekommen in Augsburg: Gottfried Grandels zweite Ehefrau Helene, verw. Winternitz - September 1916 (Fotografie im Privatbesitz)
Zu der Einstufung der mit Gottfried Grandel in Verbindung gebrachten Hochgradfreimaurerei heißt es in einer Buchveröffentlichung aus dem Jahre 1919:
"Doch kehren wir zu den niederen Graden zurück. Die blauen Grade oder die Johannesmaurerei (-u. a. die Augsburger Augusta-Loge-) ist an sich vielleicht ungefährlich, ja, sie wirkt in manchen Beziehungen wohltätig, wenigstens in Deutschland; sie unterhält eine große Anzahl von Stiftungen, treibt im allgemeinen keine Politik und kann, soweit sie nicht von Hochgraden abhängig ist, gewiß als gemeinnützige Anstalt betrachtet werden. Aber die blauen Grade sind - wie Br.(-uder-) A.(-lbert-) Pike sagt - 'eben nur der Vorhof und die Vorhalle des Tempels. Ein Teil der Symbole wird dort allerdings dem Lichtsuchenden erklärt. Er wird jedoch absichtlich durch falsche Auslegungen irregeführt. Es wird nicht beabsichtigt, daß er verstehe, es wird vielmehr beabsichtigt, daß er sich einbilde, er verstehe. Die wahre Auslegung ist den wirklich Eingeweihten, den Fürsten der Maurerei vorbehalten.' (Pike: 'Morals and Dogma', S.819 - 1871) Daraus geht wohl mit Klarheit hervor, daß die Freimaurer in ihrer überwiegenden Mehrheit keine blasse Ahnung davon besitzen, zu welcher Rolle sie mißbraucht werden. Von den Arbeiten der maurerischen Werkstätten höherer Grade verlautet in der Tat nirgends etwas; sogar ihre Mitgliederlisten werden ängstlich geheim gehalten, und zwar nicht bloß gegenüber den 'Profanen', sondern auch gegenüber den Brüdern niederer Grade. Das wurde sogar dem Br.(-uder-) .`. Dr. Julius Goldenberg zu bunt und er beklagte sich bitter 'über den unkontrollierbaren Einfluß der Hochgrade, die eine unsichtbare, unverantwortliche Macht darstellen'. Goldenberg, ein bekannter Wiener Freimaurer, der mehrere Schriften veröffentliche, gibt unumwunden zu, daß die Wirksamkeit der Hochgrade über die allgemein maurerischen Zwecke hinausgehe und beschwert sich darüber, daß die ersten drei Grade stets im Unklaren gehalten oder gar getäuscht werden, während man von ihnen blinden Gehorsam verlange. Mit Recht sagt Goldenberg, daß solche Zustände freier Männer unwürdig seien. Was Br.(-uder-) .`. Goldenberg über die ungarische Hochgradmaurerei sagt, trifft buchstäblich zu. Offenbar wußte er damals noch nicht, daß es zu den Aufgaben der Hochgrade gehört, auf die unteren Grade jeden erdenklichen Einfluß auszuüben und insbesondere Politik zu treiben; selbstverständlich nicht etwa bloße Kirchturmpolitik, sondern Staatspolitik, ja gerade Weltpolitik. Deutlich genug sagt dies ein italischer Hochgradmaurer: 'Die Johannesloge ist notwendig als Vorstufe der Hochgrade. ... Der Schwerpunkt unserer Arbeiten liegt in den Hochgraden. Dort machen wir den Fortschritt, die Politik und die Weltgeschichte ...' ('Freimaurerzeitung' vom 9. Mai 1874)" (Wichtel, erschienen über den Münchener Verlag Julius F. Lehmann: "Weltfreimaurerei, Weltrevolution, Weltrepublik - Eine Untersuchung über Ursprung und Endziele des Weltkrieges", S.30 - 1919)

Freimaurer-Hierarchie nach Heinrich Dolle: "Gebiet menschlichen Leids" - 1934 (Dolle: "Weltfreimaurerei und Judentum" - 1934)
Der hier zitierte jüdische Freimaurer Dr. Julius Goldenberg veröffentlicht 1886 ein Buch, in dem er die Hochgrade direkt angreift:
"Allein Neuerungen, Aenderungen und Zusätze sind nicht jedesmal Verbesserungen, sondern nicht minder häufig Verschlechterung, Verkehrtheit und Entstellung. Neugebilde letzterer Art sind nicht bloss schadhaft und anorganisch, sondern sie bringen auch dem Körper parasitenartig Nachteil, indem sie ihn entkräften und seine Funktion stören. Ein solcher maurerischer Pilz sind die Hoch-Grade; sie haben nach innen das Maurertum depraviert, nach aussen in der öffentlichen Meinung um seinen guten Ruf und sein Ansehen gebracht." (Goldenberg: "Mit dem Winkelmasse - Immer weiter! Bilder aus dem Maurerleben", S.115 - 1886)
Drei Jahre darauf verstirbt Dr. Julius Goldenberg mit 46 Jahren.

(Todesanzeige auf //freimaurer-wiki.de)
1918
Der Augsburger Ölfabrikant Gottfried Grandel ist um das Jahr 1918 herum oft in Berlin. Ab 1917 mit der Familie Grandel freundschaftlich verbunden, notiert Verwaltungs-Amtmann Georg Fischer aus Augsburg in einem späteren Briefwechsel über Dr. Grandel:
"Ich habe ihn allmählich so einschätzen gelernt, dass er sich dazu berufen glaubt, unter allen Umständen eine politische Rolle spielen zu müssen, (...). Als eifriger Leser der ihm von mir empfohlenen deutschen Zeitung (...) trat er in Verbindung mit (-dem GO-Mitglied-) Reinhold Wulle und anderen mir nicht genannten Berliner Herren (-u.a. 1919 mit dem Berliner GO-Mitglied Wilhelm v. Brehmer-). Wie er mir (-1919-) nach der Rückkunft von einer seiner öfteren Berliner Reisen erzählte, erklärte er noch bei einer Zusammenkunft, dass 'seine Vaterstadt bei dem Wiederaufbau Deutschlands die (oder eine) führende Rolle spielen müsse, dafür werde er sorgen!'" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, Bl.37 - Brief v. Georg Fischer a. d. Münchener Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Der Berliner Hauptsitz des Germanen-Ordens Walvater liegt rund 100 Meter vom Bahnhof Lichterfelde-West entfernt. In der noblen Villenkolonie aus der Jahrhundertwende feiert die weltanschaulich-religiöse Gemeinschaft nicht nur ihre Sonnenwendfeiern. Auch in der Berliner Nachbarschaft bleiben die Nutzer der Lichterfelder Immobilie nicht unbemerkt:
"Die vom Germanenorden benutzten Räume dieses Hauses fallen dadurch auf, daß seit Jahr und Tag kein Lichtstrahl von außen einzudringen vermag.(...) Nach den eigenen Erklärungen der Ordensleitung wird als Ziel des Ordens angegeben: 'Lebenserneuerung auf völkischer Grundlage'." (Steiger: "Der neudeutsche Heide im Kampf gegen Christen und Juden", S.165 - 1924)

Rechts neben der Konditorei Storch: Hauptsitz des Germanen-Ordens in der Berliner Curtiusstr. 3 - 1924 (Postkarte im Privatbesitz: Verlag Georg Klermm, Berlin Weissensee)
Die Figur v. Sebottendorff/Glauer ist zentral für die gegenrevolutionären Aktivitäten in München um das Jahr 1919 herum, doch es gibt auch grundsätzliche Kritik an seiner Vorgehensweise. So schreibt er in seinem 1933 erschienenen Rückblick auf die sogenannte Kampfzeit:
"Die Richtlinien der Großloge (-Germanen-Orden-) wurden bald nach der Rückkehr Sebottendorffs mit (-Karl-) Harrer diskutiert. Harrer war dagegen, die Bewegung als Partei zu bezeichnen. Er meinte, man werde damit zu sehr die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich ziehen. Einen Arbeiterverein werde man weniger beachten." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.182 - 1933)
In der Osterbotschaft 1924 der Germanen-Ordensleitung Walvater heißt es rückblickend zu seiner Person:
"v. Sebottendorf hat vor der (-zweiten Phase der-) Revolution (-im März 1919-) brieflich (-der Berliner Ordensleitung-) v. Ramin angetragen, in (-Bad-) Sachsa (-Süd-Harz-) sein Haus zu übernehmen und einen mit Millionen Goldmark und Devisen finanzierten, großzügigen völkischen Organisationsplan durchzuführen, während er selbst nach der Türkei zurückkehren wollte. In der Generalversammlung der Bank im Rheingoldsaal griff (-Bankdirektor-) Plewe v. Sebottendorff heftig an. Es fand bald darauf eine Zusammenkunft zwischen Ramin, Plewe und v. Sebottendorff statt. H.(-err-) v. Sebottendorff kehrte nach Bad Sachsa zurück, verbrannte nach einer scharfen Auseinandersetzung mit einem Berliner Herrn eine große Anzahl Papiere und flüchtete (-im Frühjahr 1923-) nach (-den Kurorten an den Schweizer Seen/Lugano in-) der Schweiz. Nichts kann ihn bewegen, nach Sachsa zurückzukehren. H.(-err-) v. Sebottendorff aber floh ohne Zweifel vor der Exekutive des Bundes." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Prozessakte Thormann-Grandel - 1924)
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Links im Bild: Rudolf Glauer/v. Sebottendorff - 1939 (Rudolf von Sebottendorf auf: tr.wikipedia.org / o.Ang., aus "Bilinmeyen Hitler", Altindal, Aytun, S.269 - Istanbul, 2004 Wikimedia Commons - Datei: Rudolf von Sebottendorf in 1914.png / o.A.)
1950
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges tritt die Partnerin Rudolf Glauers erneut in das Licht der Öffentlichkeit:
"Die (-bereits seit mehreren Jahren-) in der Schweiz lebende Oesterreicherin Frau Bierbaumer hat in München von der Wiedergutmachungsbehörde die Rückgabe des ehemaligen Zentralverlages der NSDAP gefordert." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Schwerter Zeitung, Nr.37, S.2 - "Oesterrreicherin verlangt Rückgabe des Eher-Verlages" v. 27.3.1950)
Neben Rudolf Glauer/v. Sebottendorff treten weitere Mitglieder des Germanen-Ordens in Dr. Grandels politischem Dunstkreis hervor, die sich durch Abschriften von Mitgliederlisten der völkischen Geheimgesellschaft zuordnen lassen:
Hausdurchsuchung beim Regionalleiter des Germanen-Ordens: Der Regensburger Architekt Lorenz Mesch (Armberg, 22.8.1885-1968)

Regensburger Regionalleiter des Germanen-Ordens: Lorenz Mesch - 1920 (Stadtarchiv Regensburg: Familienbögen - Portrait Karl Lorenz Mesch)
Ein in der Regensburger Sternbergstraße 2 gemeldeter Lorenz Mesch erscheint im Jahre 1910 in Bezug auf eine Patentanmeldung für die Müllerei:
"Vorrichtung zum Ausbreiten von Schüttgut in Lagerräumen". (Zeitschrift für das gesamte Getreidewesen, Bd. 2, S.297 - 1910)
Bereits 1905 erbaut: Sternbergstraße 2 in Regensburg (Wikimedia Commons - Datei: Sternbergstraße 2 - Regensburg.JPG / High Contrast v. September 2013)
1919
Für die Jahre ab 1919 taucht der Regensburger Architekt Lorenz Mesch dann als Bienenzüchter unter der Adresse Straubingerstr. 103 auf. In einer politischen Selbstbeschreibung erwähnt Lorenz Mesch später:
"Ich habe vieles für die völkische Bewegung getan. Habe tausende von Mark geliehen, um für das deutsche Volk zu kämpfen." (BArch Berlin: R8048/255, Bl.509 - "Mesch zu den Anschuldigungen des Hauptgeschäftsführers" - Februar 1922)
Weiter wird der mit Gottfried Grandel befreundete Regensburger Architekt mit dem Satz zitiert:
"(-Lorenz-) Mesch hat mir gegenüber wiederholt angedeutet, dass er geheimer Vertrauensmann hoher Parteistellen sei." (BArch Berlin: R9361-II/706963 - Auskunftersuch der Reichskammer der bildenden Künste, E. Jaeger, an die Münchener NSDAP-Gauleitung, Pg. Best, v. 24.4.1939)
Architekt Lorenz Mesch steht noch in den 30er-Jahren in enger Beziehung zu Heinrich Himmler, Wilhelm Frick und Hans Grimm. Seit 1926 wohnt der Vater von acht Kindern in Gräfelfing-Locham 1. Parteipolitisch engagiert sich der im Weltkrieg schwer kriegsbeschädigte Mesch sen. bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten innerhalb der Bayerischen Volkspartei.
Der öffentlichkeitsscheue Germanen-Orden gewinnt für Außenstehende erst durch die Auswertung von Unterlagen Konturen, die im Rahmen von Hausdurchsuchungen den amtlichen Stellen zur Kenntnis gelangen.
Eine dieser Durchsuchungsmaßnahmen findet 1921 im Zusammenhang mit der Mordsache Matthias Erzberger statt, der als Delegationsleiter 1918 den Waffenstillstand des Deutschen Reiches unterschrieben hatte.
Bei dem von der Polizei ermittelten Tatverdächtigen Heinrich Tillessen werden Schriftstücke gefunden, die wiederum auf einen guten Bekannten von Gottfried Grandel in Regensburg hinweisen: Den Architekten Lorenz Mesch, Deckname "Hermann".
Dieser hatte die Erzberger-Mörder als Leiter des regionalen Germanen-Ordens vor ihrer Tat beherbergt und dementsprechend politisch indoktriniert.
Auch dessen "rechte Hand" Ludwig Seidl, Deckname "Sigur", gerät bei den Nachforschungen in den Fokus der Fahnder.
Im Landesarchiv Duisburg (BR 0007, Nr.15638) befindet sich in Abschrift ein Teil der in Regensburg beschlagnahmten Unterlagen.
Besonders die dort erhaltenen Mitgliedslisten des Germanen-Ordens sind hier zu erwähnen, auf denen jedoch der Name Gottfried Grandel nicht vorkommt.
Darüber hinaus werden in den Akten vom zuständigen Amtsrichter beschlagnahmte Briefe von Lorenz Mesch und Ludwig Seidl erwähnt. Aus einem dieser Schriftstücke geht hervor:
"Wir 4 müssen nach und nach völlig unsichtbar sein, aber umso fester zusammenhalten. Wenn wir's nicht so machen, wird unsere ganze Leitung bekannt." (Landesarchiv Duisburg: BR 0007, Nr.15638)
In dem amtlichen Untersuchungsbericht wird dazu weiter geschlussfolgert:
"Wahrscheinlich werden der Sitz der Leitung, bzw. die leitenden Persönlichkeiten, die wohl an verschiedenen Orten wohnen, absichtlich geheimgehalten. Vermutlich gehört (-Lorenz-) Mesch zu den Leitern." (Landesarchiv Duisburg: BR 0007, Nr.15638 - Schreiben des Amtsrichters, Bl.2 v. 22.11.1921)
Zu Lorenz Mesch vermerkt Gottfried Grandel später in seinen Aufzeichnungen an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Durch (-Dietrich-) Eckart lernte ich auch Architekt Lorenz Mesch in Regensburg kennen, der überaus rührig und tätig war. M.(-esch-) unterhielt als Leiter eines germanischen Ordens zahlreiche Verbindungen im In- und Auslande und zielte sehr früh darauf ab, die etwas zur Absonderung neigenden bayerischen völkisch-politischen Kreise in Fühlung mit den norddeutschen zu bringen." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Auch Dr. Grandels Bekannter, Germanen-Orden-Mitglied Dr. Arnold Ruge, findet in dem Untersuchungsbericht des Amtsrichters Erwähnung:
"(-Dr. Arnold-) Ruge war Privatdozent in Heidelberg und gehört zu den Führern des Antisemitismus. Er wird öfter erwähnt und spielt eine ziemliche Rolle in dem (-Germanen-)Orden." (Landesarchiv Duisburg: BR 0007, Nr.15638 - Schreiben des Amtsrichters, Bl.3 v. 22.11.1921)
Aus den in Regensburg beschlagnahmten Unterlagen geht desweiteren hervor, dass der "Schriftsteller Gorsleben, Rudolf John (Wieland), Föhringerallee 44" sich 1921 als Hochmeister des Münchener Germanen-Ordens "Jotunheim" (Heim der Riesen) verantwortlich zeigt. Möglicherweise fungiert er hier als Nachfolger von Rudolf v. Sebottendorff.
Laut Wikipedia heißt es bei "Schwarze Magie - Braune Macht" (S.22 f.) über Hochmeister Gorsleben:
"Für das Anfang 1919 geschaffene Reichswehrkommando 4, die Nachrichten-, Presse- und Propagandaabteilung, die die politische Aufklärung der Truppe zur Aufgabe hatte, wurde er (-Gorsleben-) von dessen Leiter, Hauptmann (-Karl-) Mayr, ebenso wie Gottfried Feder und Karl Alexander Müller als politischer Leiter angeworben."
In dieser Reichswehr-Ausbildungseinheit wird schließlich auch Adolf Hitler 1919 in Propagandakursen ausführlich geschult.
Lorenz Meschs Ordens-Bruder Gorsleben, Anhänger des neugermanischen Heidentums, überträgt darüber hinaus im gleichen Jahr die Edda ins Deutsche. Im Jahre 1921 machen die beiden Mitglieder des geheimen Germanen-Ordens schließlich mit dem bayerischen Zweig des judenfeindlichen Schutz- und Trutzbundes auf sich aufmerksam:
"Gleichzeitig kündigen die beiden Gauleiter von Nord- und Südbayern, Lorenz Mesch und Rudolf John Gorsleben (-beide Mitglied im Germanen-Orden Walvater-), der Zentrale (-in Hamburg-) die Gefolgschaft auf und unternehmen den Versuch, einen eigenen bayerischen Schutz- und Trutzbund zu gründen." (Breuer: "Die Völkischen in Deutschland", S.160 - 2008)
Es ist davon auszugehen, dass auch diese Initiative unter der Regie des Germanen-Ordens von den zwei Mitgliedern initiiert wird, um sich gegenüber dem NSDAP-Zuwachs unter dem verselbstständigten Parteiführer Adolf Hitler besser behaupten zu können, doch ihr Versuch scheitert:
"Damit ist die auf Grund der Bestimmungen der Satzung und Gliederungsordnung des Bundes vollzogene Enthebung der Herren Gorsleben und Mesch von ihren Ämtern durch den Gesamtvorstand bestätigt worden; gleichzeitig sind die Genannten wegen schwerster Schädigung der Bundesbelange und wegen ehrenrühriger Handlungen aus dem Bunde ausgestossen.(...) Es hat sich ferner herausgestellt, dass Herr Mesch neuerdings auch im Wälsungen+Orden (Ring der Nibelungen) in Gemeinschaft mit Dr. Arnold Ruge, alias Professor Otto, zersetzender Umtriebe sich schuldig gemacht hat, sodass wohl demnächst auch von dieser Seite scharf gegen dieses unheilvolle Treiben Stellung genommen wird." (BArch Berlin: R8048/255 - Auseinandersetzungen im Bund mit Gorsleben, Mesch, Dr.Ruge und Hertzberg/Roth, Bl.40 - Alfred Roth an bayrische Ortsgruppen v. 1.2.1922)
In einem weiteren Schreiben betont Alfred Roth in seiner Sicht auf Lorenz Mesch:
"Die auf Beschluss des Gesamtvorstandes aus dem Bund ausgestossenen Herren Gorsleben und Mesch fahren fort, durch Rundschreiben und Erklärungen unwahre Behauptungen über den Bund zu verbreiten. So schreiben sie neuerdings: 'Hamburg ist uns in den Rücken gefallen, weil wir in unseren bayrischen Satzungen die Bestimmung haben, dass wir Freimaurer in unseren Reihen nicht aufnehmen und weil Ihr Bayern eine eigene Zeitung wollt.' Das ist eine bewusste Unwahrheit. Sie muss umso abstossender wirken, wenn man weiss, dass Herr Mesch - wie übrigens Herrn Gorsleben genau bekannt ist-, als stellvertretender Ordensmeister des Wälsungen-Ordens folgendes geleistet hat: Mit Wissen des Herrn Mesch wurden in diesen angeblichen Deutschvölkischen Orden Freimaurer und Halbjuden aufgenommen." (BArch Berlin: R8048/255,Bl.51 - Januar 1922)
11. August 1923
Im Rahmen der Münchener Ermittlungen gegen Dr. Arnold Ruge bekommen der Augsburger Dr. Gottfried Grandel und Lorenz Mesch (Straubingerstr. 103/0 in Regensburg) am 11. August 1923 eine Postzustellurkunde zugesandt.
Der Geheimbund gerät nochmals 1924 in den Blick der Öffentlichkeit:
Der Norddeutsche Großmeister: Richard Hayen
In einem Schreiben des Germanen-Ordens Walvater an den Berliner Generalstaatsanwalt Dr. Lindow vom 29. Mai 1924 wird im Rahmen der Attentats-Anklage gegen Alexander Thormann und Gottfried Grandel die Verbindung des Augsburger Fabrikanten zum Germanen-Orden thematisiert. Der Berliner Geschäftsführer und Ordens-Kanzler der germanischen Großloge, Hermann Pohl, der sich zum Zwecke einer süddeutschen Ordensgründung bereits seit September 1916 mit Rudolf Glauer/v. Sebottendorff auseinandersetzt, schreibt in Bezug auf den 1924 in Berlin prozessual eingebundenen Angeklagten Dr. Grandel:
"In dem Mordprozess Seeckt haben Sie in der Sitzung vom 27. (-Mai 1924-) an den Angeklagten Dr. Grandel die Frage gestellt, ob er dem (-Regensburger-) Germanenorden angehöre, dem auch die Mörder Erzbergers, Schulz und Tillessen, angehört haben. Ferner haben Sie erwähnt, daß bei den Nachforschungen bei Schulz und Tillessen ein Brief des Lehrers Heye (-Richard Hayen-) vom Germanenorden gefunden sei, in dem dieser schreibe, daß Dr. Grandel ihn bös im Stich gelassen habe. Im Weiteren hat Dr. Grandel nach den Zeitungsberichten auf Ihre Frage geantwortet, daß er mit Heye (-Hayen-) einmal vier Wochen Fühlung gehabt und daß dieser ihn für ein Amt im Germanenorden vorgeschlagen habe. Er, Grandel, habe aber den Beitritt für den Orden abgelehnt."
Von der gerichtlichen Verhandlung wird berichtet:
"Der Angeklagte erklärt, diese Briefstelle beziehe sich darauf, daß man ihn aufgefordert habe, dem Germanenorden beizutreten." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Merseburger Tageblatt, Nr.125, S.6 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 28.5.1924)
Der mit Gottfried Grandel befreundete Regensburger Architekt Lorenz Mesch wird am 26. Januar 1921 mit schriftlichen Äußerungen an einen unbekannten Empfänger zitiert:
"'Was Ihre (-Gottfried Grandel?-) werte Person betrifft, so wurde von einem unserer Herren (-GO-Meister vom Stuhl Richard Hayen?-) der Vorschlag gemacht, dass Sie (-nach der Verschmelzung der Germanenlogen-) die Leitung der sämtlichen Freimaurer übernehmen, die bei uns sind oder die uns fernerhin beitreten. Ich halte diesen Vorschlag für gut.' (26.1.21)" (BArch Berlin: R8048/255 - Auseinandersetzungen im Bund mit Gorsleben, Lorenz Mesch, Dr. Arnold Ruge und Hertzberg/Roth: "Aus dem Bunde und seinen Gliederungen", S.1-2/Bl.51-52 v. 1922)
Schreiben des Germanen-Ordens an den Berliner Generalstaatsanwalt vom 29. Mai 1924 (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 . Prozessakte Thormann-Grandel - 1924)
Der hier im Schreiben vom Germanen-Orden erwähnte Zeitungsbericht bezieht sich auf den folgenden Wortlaut des sozialdemokratischen Zentralorgans Vorwärts:
"Generalstaatsanwalt: 'Hat der Angeklagte (-Gottfried Grandel-) dem (-von Lorenz Mesch geführten Regensburger-) Germanenorden angehört, dem auch die Mörder Erzbergers Schulz und Tillessen angehört haben?'
Dr. Grandel: 'Ich habe ihm nicht angehört.'
Generalstaatsan.: 'Bei den Nachforschungen bei Schulz und Tillessen ist ein Brief des Lehrers Heye (-Richard Hayen-) vom Germanenorden gefunden worden, der schreibt, daß Dr. Grandel ihn böse im Stich gelassen habe.' - Dr. Grandel: 'Ich habe mit Heye einmal vier Wochen Fühlung gehabt, und er wollte mich für ein Amt im Germanenorden vorschlagen. Aber ich lehnte einen Beitritt für den Orden ab.'"
(Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.247, S.3 - "Detektiv Grandel" v. 27.5.1924 + //digital.wlb-stuttgart.de/sammlungen: Württemberger Zeitung, Nr.125, S.2 - "Der Attentatsplan gegen Seeckt" v. 28.5.1924)
Ungewöhnlich im Zusammenhang mit der hier geschilderten Amtsantragung an das angebliche Nichtmitglied Dr. Grandel:
"Gesinnungsgenossen der Lebenserneuerung auf völkischer Grundlage sind zunächst 'Freunde' des Ordens. Mit dem Eintritt – der Weihe – wird die Vollberechtigung auch noch nicht ohne weiteres erworben; vielmehr sind, wie bei der Freimaurerei, erst einige Grade zu durchlaufen."
(Steger: "Der neudeutsche Heide", S.165 – 1924)
Wenn also Gottfried Grandel tatsächlich durch GO- Mitglied Richard Hayen ein relativ hoch angeordnetes Amt angetragen wurde, dann musste er bereits verschiedene Ordens-Grade durchlaufen haben. Nach Auskunft des Augsburger NSDAP-Parteigenossen Karl Böhrer war Gottfried Grandel 1921 bereits "Hochgradfreimaurer", stand also der höheren Führungsebene des dortigen Germanen-Ordens formal zur Verfügung.
Mit dem vor Gericht erwähnten Lehrer Heye ist der damalige Hauptlehrer und spätere (1962) Rektor Richard Hayen aus dem Schwaneburger Moor/Oldenburg gemeint (Deckname "Hajo", auch sein am 6.3.1923 in Idafehn geborener Sohn und späterer Oldenburger Lehrer (1962) bekommt den Namen Hajo).
Bei dem älteren Lehrer Richard Hayen, dem Gaumeister des Germanen-Ordens Fosetisland aus Friesoythe/Friesland, wird schließlich im Juli 1923 auch eine Hausdurchsuchung durchgeführt.
In einem der Briefe, die während der Ermittlungen bei Lorenz Meschs Hausdurchsuchung im Jahre 1921 auftauchen, wird auf den Germanen- und Armanen-Orden Bezug genommen. Richard Hayen betont darin am 7. Juni 1921:
"Mir scheint es fast, als ob (-der Leiter des Hamburger Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes Alfred-) Roth mich fürchtet, denn er hat nur bei seiner Flucht in die Oeffentlichkeit in den deutsch-völkischen Blättern meinen Namen erwähnt. Das ist ein einziges Mal gewesen, er kennt aber doch den (-Alfred-) Jacobsenbrief (-Vorsitzender eines geheimen, von Germanen-Ordensmitglied Gebsattel gegründeten Verbandes, der mit einem detaillierten Organisationsplan zur Zusammenfassung der gesamten völkischen Bewegung unter eine geheime Kommandozentrale hervorgetreten war-) und anderes von uns. Ein (-daraufhin erforderlicher Führungs-)Wechsel unsererseits wird nicht nötig sein. Ich wenigstens sitze genug in der Versenkung drin, im Herbst werde ich sowieso nur noch Deckanschrift haben. Allerdings hat Dr. Grandel (-nach Ordensverschmelzung als vorgesehener Nachfolger für Rudolf Glauer/v. Sebottendorff?-) mich böse im Stich gelassen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch, R1507/826, S.308-311 + LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.54 - Prozessakte Thormann-Grandel - Reichskommissariat an Landgericht v. 12.5.1924)
Die angedeutete Bemerkung Richard Hayens in Bezug auf Dr. Grandel könnte im Zusammenhang mit der Wiederangliederung von Teilen des zuvor von Ordenskanzler Pohl geführten Walvater-Zweiges mit dem alten Teil des Germanen-Ordens in Verbindung stehen. Hierbei wird den einzugliedernden Ordensvertreten erneut ein schriftliches Blutsbekenntnis abverlangt. Gottfried Grandel hätte hier durch die 1915 erfolgte Scheidung von Auguste Grandel, geb. Richter und die daraufhin 1916 vollzogene Heirat mit der aus Reichenberg stammenden Helene Winternitz, geb. Willner, deren jüdischen Vater angeben müssen. In einem vergleichbaren Falle führte die jüdische Verheiratung bei dem Münchener Ordensbruder Dahn zum Ausschluss aus dem Germanen-Orden. Ob Dr. Grandel im Gespräch mit Richard Hayen die jüdischen Bezüge zur erneuten Verheiratung offengelegt hat oder ob er das neue Amt vorsorglich ablehnte, bleibt unklar. Der Rückzug von der Verantwortung innerhalb des Germanen-Ordens könnte auch mit seiner später von ihm erwähnten Depression zusammenhängen, die ihn im Sommer 1921 befiel. Hierfür könnte der zeitgleiche Ertrinkungstod seines jüngsten Sohnes Gottfried, aber auch die Ordens-Ablösung und Verselbstständigung Adolf Hitlers ursächlich sein.
Zu der perspektivischen Ordensführung schreibt Richard Hayen in seinem Brief weiter:
"Warum die ++ Leitung (-zukünftige Ordensleitung nach der Verschmelzung?-) nach dem Süden verlegen? Ich glaube im Gegenteil, hier im Nordwesten wird es nicht einmal so schlimm werden wie unten. Wie sicher Bayern ist, das hat ja jetzt Kahr bewiesen. Ich kann Friesland nicht verlassen, ich bin hier unbedingt notwendig." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch, R1507/826, S.308-311 + LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.54 - Prozessakte Thormann-Grandel - Reichskommissariat an Landgericht v. 12.5.1924)
Die Ermittler schlussfolgern sodann:
"Aus dieser Mitteilung ergibt sich, dass Dr. Grandel mit dem Germanen-Orden in Beziehung stand." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch, R1507/826, S.308)
In einem Schriftwechsel heißt es:
"Was die Führung (-des Germanen-Ordens-) betrifft, so will ich dabei gleich auf (-Richard-) Hayen kommen. Ich kenne Herrn Hayen nicht, weiß aber, daß er (-Guido v.-) List und ähnliche Anschauungen glatt weg verwirft, jedenfalls (ich weiß es nicht) auch solche Brauchtümer, wie sie der G(-ermanen-)O(-rden-) verwendet. Eine Ordensleitung muß unbekannt sein, das wissen Sie sehr gut selbst und wenn der O.(-rden-) so durchgeführt wird, wie ihn die von Ihnen genehmigte Verfassung vorschreibt, dann hat jeder seinen Vorgesetzten, den er sieht und kennt und der für ihn die Leitung ist. Nun wollen Sie Taten sehn und keine Versprechungen. Ja, mein verehrter Herr General, taten Sie doch einmal erst, indem Sie für die schleunigste Verschmelzung sorgen, damit endlich die Arbeit wieder normal aufgenommen werden kann." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/852, S.473 - Korrespondenz v. Brockhusen an General v. 17.6.1921)
Augsburger NSDAP- und GO-Mitglied: Der Arbeiter Karl Böhrer

Eisendreher Karl Böhrer - 1921 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA_40100_Fotosammlung_FS_FA_B_3251)
Auch Karl Böhrer, frühes Mitglied in der Augsburger Treuschaft Radsey des Germanen-Ordens Walvater und der Augsburger NSDAP-Ortsgruppe, bringt seinen Ortsgruppengründer Gottfried Grandel in Verbindung mit einer Loge:
"Als ich jedoch erfuhr, was mit Streicher geschehen sollte, durchschlug ich den gordischen Knoten, meldete alles dem (-Germanen-?-)Orden, wie den Giftmordversuch an Dietrich Eckart. Das Gift lieferte Dr. Grandel, Hochgradfreim.(-aurer-), an Dr. Otto Dickel." (BArch Berlin: NS26/158 - Bericht Karl Böhrer, S.11 v. 20.4.1941)
Dem hier als "Hochgradfreimaurer" eingestuften Dr. Grandel wäre damit eine Führungsposition innerhalb seiner Logenverbindung zugeschrieben.
Der Lehrer Richard Hayen wird später noch einmal mit dem Satz zitiert:
"Wir suchen und erstreben ja nicht Deutschtum, sondern Germanentum." (Schmidt-Rohr: "Die Sprache als Bildnerin der Völker", S.289 – 1932)
Zu Hayens germanischer "Treuschaft" zählt laut Mitgliederverzeichnis der Verlagsbuchhändler Albert Grenz in Oldenburg, Deckname "Gerold". Auch bei ihm findet eine Haussuchung statt, und zwar ...
"... im Zusammenhang mit dem Attentat (-3.7.1922-) auf (-den mit Walther Rathenau befreundeten Publizisten-) M.(-aximilian-) Harden ..." (Rogge: "Archivalische Quellen zur politischen Krisensituation während der Weimarer Zeit", Bd. 1-3, S.221 u. 218 - 1984)
Der Oldenburger Albert Grenz steht wiederum mit dem Regensburger GO-Mitglied Lorenz Mesch in enger Verbindung.
Nun ist Großmeister Hayens Kontakt zu Dr. Grandel in dem Ordens-Schreiben nicht weiter terminiert, auch das angedeutete "Amt" wird hier nicht näher erläutert. Klar ist hingegen, dass sich die erwähnte vierwöchige Kontaktebene zwischen Richard Hayen und Gottfried Grandel vor dem am 26. August 1921 von Schulz und Tillessen durchgeführten Mord an dem Zentrumspolitiker Erzberger ergeben haben muss, denn schon kurz nach dessen Tod werden die Wohnungen von Schulz, Tillessen, Mesch und Seidl durchsucht.
Möglicherweise wird Gottfried Grandel hier für die Funktion des süddeutschen Hochmeisters vorgesehen; als Nachfolger des zum Jahreswechsel 1920/21 entschwundenen Rudolf von Sebottendorff.
Der Umstand aber, dass Dr. Grandel den Lehrer Hayen "bös im Stich gelassen habe", könnte auch mit Adolf Hitlers politischer Verselbstständigung um den Juli 1921 im Zusammenhang stehen. Der politische Werbeobmann Adolf Hitler steht dem völkischen Ahnenkult und dem Einfluss der geheimen Logenverbindungen äußerst skeptisch gegenüber, lehnt dessen verdeckte Einflussnahme ab. Gottfried Grandel hingegen hält ihm bis zu Adolf Hitlers Inhaftierung vom November 1923 die Gefolgschaft und wendet sich damit von der Führungs-Strategie des Germanen-Ordens ab. Diese Verselbstständigung Adolf Hitlers war nie die erklärte Absicht der ursprünglichen Förderstruktur um den Germanen-Orden. Adolf Hitlers Ablehnung gegenüber den Geheimbünden geht dann später auch soweit, dass nach der Machtübernahme im Jahre 1933 selbst den ehemaligen Mitgliedern von neu-heidnischen Logen einflussreiche Ämter im NS-Staat auf Lebenszeit verwehrt bleiben, wie folgendes Beispiel zeigt:
Parteiämter auf Lebenszeit aberkannt: GO-Mitglied Julius Rüttinger (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/887, S.357 v. 20.8.1936)
Franz Schrönghamer-Heimdal (1881-1962)
Auf die Gottfried Grandel 1924 gestellte Frage des gerichtsmedizinischen Gutachters, ob er denn im privaten Umfeld nicht wenigstens Freunde benennen könne, die seine Angaben bestätigen würden, gab er lediglich einen Namen an:

Seit 1900 mit Künstlernamen-Zusatz: Franz Schrönghamer-Heimdal - 1926 (Wikimedia Commons - Datei: Schroenghamer 1926.jpg / o.A. - 1926)
1917/18
Buchveröffentlichungen:

Schrönghamer-Heimdal: "Weißblau und Feldgrau" - 1917 (Fotografie im Privatbesitz)

"Das kommende Reich" - Augsburger Verlag Haas & Grabherr - 1918
1919
"Und Goethe hat recht, wenn er im 'Faust' sagt: 'Im Anfang war die Tat!'" (Digitalisiert auf Dietrich Eckarts Wochenschrift-Sammlung Auf gut deutsch - Ausgaben 23-45: Heft 36, S.564 - "Das Sonnengebot" v. 31.10.1919)
Jürgen von Ramin (1884-1962)

Jürgen v. Ramin - 1923 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Gottheil & Sohn, Königsberg + Wikimedia Commons: Datei:RaminJürgenvon.jpg / Reichstagshandbuch, o.Ang.)
In der vom Germanen-Orden Walvater herausgegebenen Osterbotschaft 1924 wird die Tätigkeit Jürgen v. Ramins äußerst kritisch beleuchtet. Er gilt mithin als Zerstörer von langjährigen Strukturen. Zu seiner Rolle im Germanen-Orden heißt es in der Osterbotschaft:
"Ende 1920 kam H. v. Ramin zum Orden, er war auf Wunsch Pohls zu seinem Nachfolger als Ordenskanzler ausersehen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Osterbotschaft Germanen-Orden Walvater, S.8 - 1924)
In einem vom Geschäftsausschuss des Reichstages behandelten Brief v. Ramins wird dieser mit den Worten zitiert:
"Der dem Lumpen Müller nahestehende Mensch gehört sicher dem Germanenorden Walvater an, und weil ich aus diesem Orden ausgetreten bin, bezichtigt er mich des Eidbruchs. Als ich dem Orden beitrat, habe ich selbstverständlich angenommen, daß es Wahrheit sei, was man mir über die Bestrebungen des Ordens sagte. Es wurde mir gesagt, der Orden diene dem Gedanken deutsch-germanischer Erneuerung. Ich habe, bevor ich das Gelübde ablegte, die Führer des Ordens (-Pohl und Freese-) nochmals ausdrücklich gefragt, ob mit dem Gelübde eine Bindung an die Idee oder an die Person erfolge und erhielt zur Antwort, daß eine Bindung an die Idee, nicht an die Person erfolge. Später stellte sich heraus, daß die Führer des Ordens nicht der Sache, sondern ihrem kleinlichen Ehrgeiz dienten und sich nicht erblödeten, das Gelübde zu mißbrauchen, um eine unerhörte Diktatur über freie Männer einzurichten. Da habe ich die Lösung der Bindung verlangt." (Brief des deutschnationalen Abgeordneten Jürgen v. Ramin an Drager v. 31.10.1923, digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.133 "Germanenorden Walvater e.V. - Deutschlands Erneuerer unter sich" v. 20.3.1926)
Auch Adolf Hitler bekommt v. Ramins Interesse an deutlichen Worten zu spüren. Über die frühe Phase der Beeinflussung von Hitler schreibt der deutsch-völkische Politiker am 1. März 1927 einen offenen Brief an das Deutsche Tageblatt:
"Ich kann beweisen, daß Hitler großindustrielle Gönner hat. Ich habe sogar mit Herrn Hitler und solchen Gönnern an einem Tische gesessen.(...) Als Herr Hitler noch (-vor 1921-) der 'Trommler' war und keine Karikatur Mussolinis, hat er von einem bekannten Berliner Politiker (-v. Borsig, lt. Berl. Tagebl. v. 3.3.1927-) nicht nur Geld bekommen, sondern sich in dessen Bureau auch Instruktionen geholt." ("Kampf dem Faschismus", S.228/229 + "Deutschvölkischer Katechismus. Völkische Organisationen", Heft 2, S.104 - 1931 + Vorwärts, Nr.102, S.3 v. 2.3.1927)
Dr. Wilhelm von Brehmer (1883-1958)

Mitglied des Germanen-Ordens: Wilhelm von Brehmer - 1937 (Fotografie im Privatbesitz)
Der Berliner Hochmeister des Germanen-Ordens aus der Treuschaft Idafeld (Feld der Betriebsamkeit), Dr. Wilhelm von Brehmer (Deckname: Dietrich), äußert sich zu Dr. Grandel im Rahmen einer landgerichtlichen Schutzhaftaussage vom 25. Januar 1924:
"Ich kenne den Angeschuldigten Dr. Grandel seit etwa Anfang 1919, und habe mit ihm wissenschaftliche Fragen sowie die Frage der Bauernhochschulen besprochen." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel - 1924)
Mithin ist auch diese Aussage ein Hinweis darauf, dass der Augsburger Fabrikant Dr. Grandel "etwa Anfang 1919" schon auf das Berliner Netzwerk des landesweit verbreiteten Germanen-Ordens zurückgreifen kann.
Die Verbindungen zwischen Dr. Grandel und Dr. v. Brehmer scheinen eng. So wird über den Berliner Krebsforscher 1924 im Zusammenhang mit dem zuvor aufgedeckten Attentatsplan von Thormann-Grandel weiter berichtet:
"Auch die Vernehmung von Justizrat Claß scheint noch nicht abgeschlossen zu sein, denn gestern ist zur Klarstellung einiger Punkte in den Aussagen Dr. Grandels der seit über 14 Tagen auf Veranlassung des Reichsgruppenkommandos III in Schutzhaft genommene Privatdozent Dr. v. Brehmer vernommen worden, der bekanntlich sich in Haft befindet, weil in einem seiner Briefe, die er an einen Parteifreund in Magdeburg schrieb, sich auch eine Andeutung über einen bevorstehenden Putsch befindet. Dr. v. Brehmer hat auch mit Justizrat Claß in Briefwechsel gestanden und ist nunmehr über dieses Schreiben sehr eingehend verhört worden." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.43, S.2 - "Der Fall Claß" v. 26.1.1924)
Der prozessaffine Privatdozent aus Heidelberg: Dr. Arnold Ruge (1881-1945)

Späte Genugtuung am früheren Wirkungsort: Dr. Arnold Ruge vor der Heidelberger Universität - 1936 (Universitätsarchiv Heidelberg, PA 5551 / o.Ang.)
Neben Rudolf von Sebottendorff/Glauer, Lorenz Mesch, Wilhelm von Brehmer und Franz Schroenghamer-Heimdal gibt es noch ein weiteres Mitglied des geheimen Germanen-Ordens Walvater, der 1921 in bekannt gewordener Verbindung zu Gottfried Grandel steht: Der Heidelberger Privatdozent Dr. Arnold Ruge. Im Gegensatz zu Dr. Grandel wählt er in seiner politischen Vorgehensweise die offene Konfrontation.
1920
"Dem Privatdozenten für Philosophie an der Universität Heidelberg, Dr. Arnold Ruge, wurde vom Ministerium die venia legendi entzogen. Gegen Ruge, der während des Wahlkampfes (-1919-) die unflätigsten antisemitischen Flugblätter verfaßt und in die Menge geworfen hatte, auch schon im November vorigen Jahres vom Universitätsportal aus Studenten und Bürger zu kräftiger antisemitischer Betätigung aufgefordert hatte, schwebte seit einiger Zeit wegen Beleidigung der Universitätsbehörden ein Verfahren, das nun, unter Zustimmung des Senats, zu seiner Entfernung aus dem Lehrkörper geführt hat. Ruge, der in diesem Semester ein Kolleg über (-den national-antisemitischen Philosophen Johann Gottlieb-) Fichte angekündigt hatte, war kein Jüngling mehr und machte den Eindruck eines vollkommenen Querulanten." (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Neue Züricher Zeitung, Nr.1241, S.2 - "Amtsentsetzung eines Privatdozenten" v. 27.7.1920)
Bereits 1920 setzt sich der Regensburger Architekt Lorenz Mesch für die Interessen des antisemitischen Privatdozenten Dr. Arnold Ruge ein, der, ausgelöst durch eine 1919 gehaltene Veranstaltungsrede, 1920 die Universität Heidelberg als Arbeitgeber verliert. GO-Regionalleiter Lorenz Mesch betont daraufhin am Ende seines antisemitischen Unterstützer-Schreibens:
"Der Kampf um die Wiederherstellung des mit Füßen getretenen deutschen Rechtes muß bis zum siegreichen Ende fortgesetzt werden. Jüdische Hände weg von unseren Hochschulen und unseren anderen Volkseinrichtungen! - Jeder deutsche Mann und jede deutsche Frau, die ein Herz für unsere Jugend haben, müssen an der Verbreitung der vorliegenden Verteidigungsschrift mithelfen; die jüdische Presse wird alles tun, um sie totzuschweigen und zu unterdrücken." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.16 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion)

Lorenz Mesch: Verteidigungsschrift für den GO-Ordensbruder Dr. Arnold Ruge - Dezember 1920 (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.15 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion)
Dr. Arnold Ruge berichtet:
"Von Herrn Adolf Hitler hatte ich schon im Jahre 1920 eine seiner ersten Parteifahnen als Unterpfand kameradschaftlicher Treue geschenkt bekommen." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.66/Bl.2 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion, Ruge an Kultusminister Schemm v. 8.9.1933)
15. September 1921
"Die B.(-erliner-) Z.(-eitung-) meldet die Aushebung einer schlesischen Nachrichtenzentrale, als deren Leiter der bekannte Privatdozent Arnold Ruge aus Heidelberg verhaftet wurde. Ruge hatte falsche Papiere auf sich gehabt." (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Beilage zur Berner Tagwacht, Nr.217, S.2 - "Auslandsnachrichten" v. 15.9.1921)
1922
Über Dr. Arnold Ruge heißt es in den Deutschvölkischen Blättern aus Hamburg:
"Dabei (-gemeint sind die Vorgänge in Bayern-) stellte es sich heraus, dass leider der 'Wälsungen-Orden' und dessen Beauftragter Dr. Ruge in unerhörter Weise in die Belange des (-Deutschvölkischen Schutz- u. Trutz-)Bundes eingegriffen haben und damit die bedauerlichen Vorgänge - wohl mit Absicht und Willen - herbeigeführt haben." (BArch Berlin: R8048/255, Bl.399 - Deutschvölkische Blätter / Hamburg, Nr.4 v. 26.1.1922 - Dr. Ruges Zusammenstellung von politischen Zitaten - 1.2.1922)
In einem Rückblick betont Arnold Ruge zum Hintergrund seines Ortswechsels:
"Nach meiner Verdrängung durch jüdischen Terror bin ich nach Bayern geflüchtet, weil verbrecherische Massnahmen drohten, mich auf dem Wege über einen 'sachverständigen' jüdischen Arzt vollends zu vernichten." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.56 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion, Schriftliche Eingabe von Dr. Arnold Ruge an den bay. Kultusminister Schemm v. 20.4.1933)
1923
Zu seinem Werdegang berichtet Dr. Arnold Ruge:
"Im (12.) Januar 1923 flüchtete ich mit meiner Familie von Heidelberg nach München. Nachdem eine grössere Anzahl von Unternehmungen der neuen 'Herren' an den damals noch vorhandenen Widerstande richterlicher Beamter gescheitert war, mich unfolge meiner Kampfansagen gegen Demokratie, Marxismus, Judentum und Rom ins Gefängnis zu bringen, versprach der Versuch Erfolg, mich über das Gutachten eines jüdischen Psychiaters zur 'Beobachtung' ins Irrenhaus zu sperren. Da es für dergleichen Verbrechen keinerlei Einspruch gibt, musste ich bei Nacht und Nebel Heidelberg und Baden verlassen. Zur Bestreitung der Umzugskosten war ich gezwungen, meine wertvolle philosophische Handbücherei an einen jüdischen Antiquar zu verkaufen. In München hatte ich engste Fühlung mit den damaligen Trägern der völkischen Bewegung, unter denen der Polizeipräsident Poehner und der jetzige Stabschef Röhm hervorragten." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.66/Bl.2 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion, Ruge an Kultusminister Schemm v. 8.9.1933)
In der medialen Aufarbeitung bleibt Dr. Arnold Ruge weiterhin ein Thema:
"Vor seiner Verurteilung im Sommer 1923 hat sich Dr. Ruge in München als einer der übelsten völkischen Hetzer betätigt. Er wurde in engen Zusammenhang gebracht mit verschiedenen Fememorden gewisser Organisationen (-Consul-). Eine Hauptrolle spielte er im Blücherbund 1923, also zu jener Zeit, wo der Student Baur in München ermordet wurde. Dr. Ruge genoß auch das besondere Vertrauen des Augsburger Fabrikanten Grandel, der den bedürftigen Privatgelehrten des öfteren finanzierte." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Volksblatt, Nr.174, S.3 - "Ruge auf freiem Fuß" v. 28.7.1924)
Zu diesem Zeitabschnitt heißt es über Dr. Arnold Ruge:
"Seit 12.1.1923 ist Ruge in München wohnhaft. Hier wurde er am 28.2.23 wegen Teilnahme an hochverräterischen Unternehmungen in Sachen 'Machhaus u. Gen. wegen Hochverrats' vorläufig festgenommen und dem Ermittlungsrichter zugeführt. Es wurde beantragt, ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Nach einigen Tagen wurde Ruge aus der Polizeihaft wieder entlassen." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion)
Zu seiner Biographie notiert Arnold Ruge rückblickend:
"Anschließend an meine Vertreibung aus dem Amte wurde der Versuch gemacht, mich durch ein Gutachten des jüdischen Universitätspsychaters ins Irrenhaus zu bringen; durch den marxistischen Badischen Minister Remmele und den jüdischen Amtmann Kaufmann in Heidelberg wurden kostspielige Prozesse gegen mich erzwungen; man schleppte mich vor den Staatsgerichtshof, weil ich den Juden Rathenau, den Juden, Freimaurer und Jesuiten Erzberger und den Römling Wirth als Totengräber des Deutschen Volkes bezeichnete; infolge meiner Beteiligung an den oberschlesischen Abwehrkämpfen erzwang ein Breslauer Jude einen Haftbefehl und einen Steckbrief gegen mich, der mich ein halbes Jahr unstet umherirren liess; ein im Dienste jüdischer Verbrecher arbeitender Staatsanwalt inscenierte gegen mich durch Aktenfälschung eine Anklage wegen Mord; der bayerische Staatskommissar und Polizeipräsident Mantel verhängte über mich ein Aufenthaltsverbot; infolge eines Vortrages in München, wo ich die Judengefahr (-aufgriff-), wurde ich ein ganzes Jahr ins Gefängnis gesperrt, Bewährungsfrist oder Begnadigung betraf nur Zuhälter, Landesverräter, Parteigänger der schwarzen Fetischdiener, im Gefängnis wurde von einem jüdischen Arzt ein Giftmord an mir versucht; die Universität Jena bot die gemeinsten Journaillen auf, um meine Berufung durch den Minister Frick zu hintertreiben; der bayerische Volksparteiminister Goldenberger versperrte mir den Zugang zur Münchener Hochschule." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.37 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion, Schriftliche Eingabe von Dr. Arnold Ruge an den bay. Ministerpräsidenten Franz Ritter v. Epp v. 4.4.1933)
Auch in der Öffentlichkeit erregt der völkische Interessenvertreter im Zusammenhang mit dem Fuchs-Machhaus-Prozess von 1923 Aufsehen. Die Presse berichtet:
"Am 17. Februar (-1923-) entwickelte (-Vorstandsmitglied Dr. Arnold-) Ruge dem Zeugen einen Plan zur Gründung einer Tscheka (lies: Feme) innerhalb des (-Blücher-)Bundes, einesteils zur inneren Ueberwachung des Bundes und weiter zur Beseitigung mißliebiger politischer Persönlichkeiten. Bei dieser Unterredung zeigte Ruge dem Zeugen auch 6 Flaschen mit tödlichen Giften, Flüssigkeiten und Salzen, die für diesen letzteren Zweck bestimmt waren. Sechs Stunden nach Genuß dieser Gifte würden sie einen unauffälligen Tod herbeiführen.(...) Kurze Zeit darauf besprach sich Ruge von neuem mit dem Zeugen (...). Bei dieser Besprechung betonte Ruge außerdem, daß er bereits zwei Männer zur Ausführung der Tscheka-Befehle gedungen habe, namens (-Rudolf-) Weinbrecht und Bau. Diese beiden würden zunächst den Dr. (-Georg-) Heim erdolchen. Er selbst, Ruge, werde den Dietrich Eckart mit Gift beseitigen. Eckart sei deswegen zu beseitigen, weil er, ein enger Berater Hitlers, diesen immer wieder vordränge, um ihn dann im gegebenen Augenblick doch wieder zurückzuhalten. Dies sei auch der Grund, warum Hitler nicht schon lange losgeschlagen und reinen Tisch gemacht habe. Die Sensation des Tages, vor der alle anderen Vorgänge zurücktreten, war das Auftreten des Zeugen Privatdozent Dr. Ruge (...). Zur Sache der Giftflaschen erklärte Ruge, daß es sich nur um einfache Medizinfläschchen gegen sein Magenübel gehandelt habe, die er stets mit sich auf Reisen nehmen müsse." (Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Freie Presse für Ingolstadt u. den Donaugau, Nr.130, S.1 - "Die Münchener Tscheka" v. 11.6.1923 + fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.263 - "Die Münchener Tscheka", S.7 v. 8.6.1923)

Als völkischer Redner kampfbereit, doch fotoscheu: Öl-Portrait von Oskar Hagemann, welches im Rahmen der Kunstausstellung 1937 von Adolf Hitler für 700,- Reichsmark erworben wird - 1937 (Digitalisiert auf //gdk-research.de: "Grosse Deutsche Kunstausstellung", Bild GDK1938, Saal 23 / Stiftung Haus der Kunst GMbH, Historisches Archiv, HDK 24 - 1937)
Weiter heißt es über Dr. Arnold Ruge:
"Am 23.6.23 wurde Ruge neuerdings wegen Verdachts der Mitwisserschaft an der Ermordung des Studenten Baur festgenommen. Die Anschuldigung war jedoch nicht nachweisbar. Dagegen wurde Ruge am 27.8.23 vom Volksgericht München I wegen Aufforderung zum Mord, begangen am 13.2.23 durch ein Referat, worin er Angehörige des Blücherbundes zur Ermordung von Juden und politischen Persönlichkeiten aufgefordert hatte, zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Nach Zeugenaussagen befaßte sich Dr. Ruge anfangs 1923 auch mit der Bildung einer 'Tscheka' nach bolschewistischem Muster. Durch besonders zuverlässige Leute des Blücherbundes sollten auf Geheiß des Dr. Ruge hin prominente Politiker beseitigt werden." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion)
"Ich selbst wurde zu einem Jahr Gefängniswegen 'Aufforderung zum Mord' verurteilt, weil ich in einem Vortrage in schärfster Weise auf das Judentum und seinen Bund mit Rom und den Feindmächten hingewiesen und vor allem die Beseitigung des Hauptfeindes (-Juden-) gefordert hatte." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.67/Bl.3 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion, Ruge an Kultusminister Schemm v. 8.9.1933)
1924
Haftentlassung:
"Der berüchtigte Rechtsbolschewist und Antisemit Dr. Ruge" ()
Dr. Arnold Ruge berichtet:
"Nachdem ich meine Gefängnisstrafe in zehn Gefängnissen ohne jegliche Bewährungsfrist bis zum letzten Tage verbüsst hatte, verarmt und unter der Fürsorge jüdischer Gefängnisärzte krank zu meiner Familie zurückkehren wollte, wurde ich von dem bayerischen Staatskommissar und Münchener Polizeipräsidenten Mantel des Landes verwiesen und auf die Straße gesetzt." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.67/Bl.3 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion, Ruge an Kultusminister Schemm v. 8.9.1933)
August 1924
Nach 20 Monaten Aufenthalt in Bayern heißt es:
"Durch Beschluß des Staatskommissars für München-Stadt und Land vom 12.8.24 wurde dem Dr. Ruge der weitere Aufenthalt in Bayern untersagt. Auf Beschwerde hin hat das Oberste Landgericht am 2.9.24 die Ausweisung aufgehoben und die Staatskasse verpflichtet, Dr. Ruge für den ihm durch die Ausweisung entstandenen Vermögensschaden zu entschädigen (300 RM), weil seit der Verbüßung der Gefängnisstrafe Tatsachen, die eine Gefahr für die Sicherheit des Landes bedeuten, nicht bekannt geworden seien." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion)
"Zwar wurde diese Ungeheuerlichkeit (-Ausweisung-) infolge meines energischen und rücksichtslosen Einspruches rückgängig gemacht, aber dioe grossen Kosten und Lasten, die mir erwachsen waren, sind natürlich (-bis auf 300 RM-) nicht ersetzt worden." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.67/Bl.3 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion, Ruge an Kultusminister Schemm v. 8.9.1933)
Zu dem Verhältnis von Dr. Arnold Ruge zu Adolf Hitler wird vermerkt:
"Stattdessen tritt nun die politische Agitation beherrschend in den Vordergrund. Sie deutete sich bereits 1905 an, als der Heidelberger Student (-Arnold Ruge-) durch zwei Druckschriften von sich reden machte, für die er einen Verweis seiner Universität hinnehmen mußte. Sie befaßten sich aus deutschnationalem Geist mit dem akademischen Leben und deuten alle Themen an, die für Ruge bestimmend blieben: Die völkische Idee auf rassistischer Grundlage, gepaart mit einem fast pathologischen Antisemitismus, Kampf gegen alle davon abweichenden politischen, religiösen und gesellschaftlichen Formen, gegen Klerikalismus und Materialismus, Freimaurertum und Sozialismus. Wenn er später den Machthabern des NS-Staates vorrechnete, er sei schon vor 1914 Nationalsozialist gewesen, so verstand er darunter mehr als nur die Rolle eines geistigen Wegbereiters Hitler'scher Ideen, dem er in München 1922/23 (-spätestens 1920-) erstmals begegnet ist. Doch zur 'Kampfgemeinschaft' zwischen beiden kam es bei aller Gemeinsamkeit der Interessen nicht, und nach 1933 hat Hitler selbst sich geweigert, ihn als seinen damaligen Mitkämpfer anzuerkennen." (leo-bw.de: Hansmartin Schwarzmaier (Autor) über Arnold Paul Ruge in Badische Biographien NF 4, S. 244-247 - 1996)
1925
Noch immer wirbt der Germanen-Orden Walvater um blauäugige Blonde:

(Digitalisiert auf //digital.wlb-stuttgart.de/sammlungen: Süddeutsche Zeitung - für nationale Politik und Volkswirtschaft, Nr.232, S.4 22.5.1925)
1933
Dem ehemals aktiven Mitglied des Germanen-Ordens Walvater gerät die spätere Anerkennung als 'Alter Kämpfer' während der nationalsozialistischen Diktatur zur Enttäuschung. So wendet er sich in seinem Bemühen um Rehabilitierung auch an den in München kommissarisch wirkenden Ministerpräsidenten Franz Ritter v. Epp, der im Gegensatz zu Dr. Arnold Ruge über eine hohe Reputation verfügt. Dr. Arnold Ruge argumentiert:
"Die nationale Revolution sollte alle diejenigen wieder in Recht und auch Wirkungsmöglichkeit bringen, die durch den Feind zu Boden geschlagen wurden. Es ist ein sonderbares Geschick, dass ich mich, obwohl von den besten Männern der Bewegung als eine der zuverlässigsten Kampfnaturen anerkannt, nicht nur ausserhalb jeder Machtstellung, sondern auch nicht einmal an dem mir geraubten Posten befinde." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.29 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion, Schriftliche Eingabe von Dr. Arnold Ruge an Franz Ritter v. Epp v. 26.3.1933)
Drahtzieher im Hintergrund: Dr. Paul Köthner (1870-1932)

Wirken im Verborgenen: Dr. Paul Köthner - 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
Einem von Dr. Grandel offenbar sehr geschätzten Zeitgenossen und Chemiker gelingt hingegen die Aufnahme in den Germanen-Orden nicht. In seinem NSDAP-Archivbericht notiert Dr. Grandel:
"Als Lorenz Mesch (-1918/19-) seinen Kampf gegen die Freimaurerei und seine Aufklärungsarbeit aufnahm, stiess er bald auf einen merkwürdigen, ganz in der Stille arbeitenden Mann mit ganz grossen weitverzweigten in- und ausländischen Beziehungen.(...) Ich nahm persönliche Beziehung zu K. (-öthner-) auf und lernte in ihm einen ungewöhnlich gebildeten und wissenden Mann kennen." (BArch Berlin: NS26/514, S.593/Bl.8 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Es ist nicht auszuschließen, dass Dr. Grandel und Lorenz Mesch nach der beschriebenen Kontaktaufnahme zu Dr. Köthner diesen als aufzunehmendes Mitglied dem Berliner Germanen-Orden vorschlagen, doch in Steigers Veröffentlichung heißt es zu Paul Köthners Verbindungen weiter:
"Dr. Köthner hat wiederholt um Aufnahme in den Lichterfelder (-Germanen-)Orden nachgesucht, zum letztenmal 1919. Die Aufnahme wurde aber verweigert, weil er nach Erkundigungen des Ordens Jesuitenzögling (!) und Freimaurer (!) sein sollte." (Steiger: "Der neudeutsche Heide", S.176 - 1924 u. GO-Walvaters Osterbotschaft 1924, S.8)
Nach eigener Aussage erklärt Dr. Paul Köthner in seiner Schrift von 1928:
"Eine mehr als 20 jährige Erfahrung an bedeutendsten Freimaurern dieser und früherer Zeit hat mich deshalb zu der hier folgenden Erkenntnis geführt." (Der Brückner: "Das letzte Geheimnis", S.3 - 1928)
Der völkische Abgeordnete aus Berlin: Reinhold Wulle (1882 - 1950)

Reichsführer der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung: Reinhold Wulle - 1925 (Postkarte im Privatbesitz / o.Ang.)
Durch den Attentatsprozess von 1924 gerät Gottfried Grandel als Angeklagter nicht nur in das Licht einer breiten Öffentlichkeit, auch seine nähere Umgebung ist erstaunt über die sich ergebenden Zusammenhänge. So wird u. a. Dr. Grandels Beziehung zum völkischen Reinhold Wulle beleuchtet, der Mitglied des Berliner Germanen-Ordens ist. Der Münchener Verleger Julius F. Lehmann äußert sich in einem Brief an den von Dr. Grandel der Attentats-Anstiftung beschuldigten alldeutschen Verbandsvorsitzenden Heinrich Class:
"Als ich aus der Zeitung ersah, dass ein gewisser Dr. Grandel in Augsburg Sie als Beteiligten an dem Anschlag auf General Seeckt angegeben hat, bat ich meinen Freund (-Georg-) Fischer in Augsburg, der mir früher (-1917/1918-) verschiedentlich sehr wenig erfreuliches über ihn berichtete, mir doch einmal mitzuteilen, was er mit ihm erfahren habe.(...) Da Dr. Grandel ein fanatischer Parteigänger (-Reinhard-) Wulles war, hatte ich sofort den Verdacht, dass hier gemeinsam von diesen beiden Leuten gegen Sie gearbeitet würde, um es auf diese Weise fertig zu bringen, Sie unmöglich zu machen.(...) Fischer hat mir Herrn Dr. Grandel verschiedentlich schon früher als einen ganz unklaren Wirrkopf hingestellt, der immer die grössten Reden im Munde führte und die Juden immer Dutzend-weise umlegen wollte. Ich bedauere nur, dass Sie den Menschen überhaupt zu sich gelassen haben. Hätten Sie sich bei mir nach dem Herrn erkundigt, so hätte ich Sie auf das eindringlichste gewarnt. Jetzt kann ich es nur nachträglich tun, doch ist Ihnen vielleicht der Hinweis, dass der Herr Doktor die längste Zeit in Augsburg stets gegen Sie gehetzt habe und dass er ein Gesinnungsgenosse und Mitarbeiter von Wulle ist, immerhin wertvoll zu wissen. Sie können vielleicht dementsprechend Massnahmen treffen. Es sollte mich freuen, wenn es Ihnen gelänge, durch diese Mitteilung den Leuten auf die Spur zu kommen, die gegen Sie arbeiten." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.35/36 - Julius F. Lehmann an Heinrich Class v. 1.2.1924)
Der in diesem Zusammenhang von Julius F. Lehmann kontaktierte Amtmann Georg Fischer aus Augsburg notiert zur Person Gottfried Grandel:
"Als eifriger Leser der ihm von mir empfohlenen Deutschen Zeitung, an deren Haltung er übrigens manches auszusetzen hatte, trat er in Verbindung mit Reinhold Wulle (-Germanen-Orden-) und anderen mir nicht genannten Berliner Herren. Wie er mir nach der Rückkunft von einer seiner öfteren Berliner Reisen erzählte, erklärte er bei einer Zusammenkunft, dass 'seine Vaterstadt bei dem Wiederaufbau Deutschlands die (oder eine) führende Rolle spielen werde, dafür werde er sorgen.'!(38) Wulle hat einen starken und nachhaltigen Einfluss auf ihn ausgeübt, der scheint seine schwache Seite, nämlich seinen persönlichen Ehrgeiz, sein Nichtunterordnenkönnen und seine Eifersucht auf andere hervorragende Führer bald erkannt zu haben. Schon einige Monate vor dem Bruch des Herrn J.(-ustiz-)-R.(-at-) Class mit Wulle erzählte mir Grandel, dass er auf Grund zuverlässiger Mitteilungen W.'s bestimmt versichern könne, Cl.(-ass-) sei Freimaurer und auch hinsichtlich jüdischer Verbindungen nicht hasenrein.
Als ich ihm - etwa im Februar 1921 - sagte, dass W.(-ulle-) in einem an den Vorsitzenden der B.(-ayerischen-) Mittelspartei geschriebenen Brief diese Behauptungen zurückgenommen habe und ihn fragte, ob dies auch ihm gegenüber geschehen sei, wie es die Pflicht von jedem ehr- und wahrheitsliebenden Mann erfordere, erklärte er mir ausweichend, dass Wulle dies im Drang seiner vielen Geschäfte übersehen haben müsse. Nun muss ich hier allerdings einschalten, dass mir die Mitteilung von dem Brief Wulles an Dr. Hilpert von Oberstleutnant (-Hermann-) v. Schleich (-laut dem Augsburger Karl Böhrer GO-Mitglied-) gemacht wurde, mir aber Hilpert, den ich noch gestern im Landtag aufsuchte, erklärte, dass er hiervon nichts mehr wisse.(...) Jedenfalls steht für mich auf Grund vieler Äusserungen Grandels fest, dass er an Herrn J. R. Class nicht nur ständig zu mäkeln hatte, sondern ihn auch glühend hasste, - ganz wie sein Freund Wulle. Ich stehe auch - allerdings ganz für mich persönlich - unter dem Eindruck, dass er, - allein oder auf andere Mitveranlassung, - sich sogar an Class herangemacht habe, um ihn für den Plan gegen Seeckt zu gewinnen, nicht nur wegen Seeckt allein, sondern auch, um Class gleichzeitig zu erledigen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.37/38 - Amtmann Georg Fischer an Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Der Theosoph Rudolf Steiner
Auch der Lehrer Rudolf Steiner (Nr.3451) aus Bennisch/Schlesien (Schulplatz) ist im Jahre 1921 Mitglied des Troppauer Germanen-Ordens Sigrid, doch werden seine Anschauungen innerhalb des Ordens kritisch diskutiert:
"Warnen möchte ich die Schwestern und Brüder vor dem Theosophen Rudolf Steiner, der einen Tempel in Dornach, Schweiz, baut - und durch Versammlungen neue Mitglieder wirbt. Die Theosophie ist arisches Geistesprodukt, leider aber auf die Spitze getrieben und daher auf einen falschen Weg geraten - es war der indische Zweig der Arier, der die Theosophie als Wissenschaft ausbildete - der die Philosophie als Betätigungsgebiet sich erkoren und darin völlig aufgegangen ist. Rudolf Steiner ist ein tüchtiger Redner, der in ganz raffinierter Weise die odischen Ausstrahlungen der Zuhörer auf sich konzentriert - und dann im Banne hält.- Theosophie predigt den Kosmopolitismus, wir predigen die Rasse; Rasse ist alles, und jede Rasse muß zugrunde gehen, die ihr Blut sorglos Vermischungen hingibt, sagt der Jude (-Benjamin-) Disraeli." (Sebottendorff: Runen, Blatt 8, S.2 v. 21.8.1918)
In seinem 1933 veröffentlichten Buch "Bevor Hitler kam" (S.260), notiert Rudolf v. Sebottendorff/Glauer:
"Steiner, Rudolf. Wahrscheinlich Jude. *27.Februar 1861. T 30. März 1926. Gründer der antroposophischen Bewegung. Vorkämpfer kommunistischer Gedanken (System der Dreigliederung). Gründer des Dornacher Tempels und der dortigen Hochschule für Antroposophie. (Schwarz-Bostunitsch: Rudolf Steiner, ein Schwindler, wie keiner.)"

Werbung um den Seelenfrieden: Rogge - Grandel - Steiner - 1934 (Digitalisiert auf digital.slub-dresden.de: "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" - 3.12.1934)
Ein weiterer Vertreter des Germanen-Ordens:
Burchardi, Gustav - Dr. phil., ca. 1896-1933, Privatgelehrter, Indologe, Philologe, (Deckname "Notar", Kirchstr.18 II, Berlin-Friedenau) war 1921 Mitglied des Berliner Germanen-Ordens Gladsheim.
(späterer Staatsanwalt im Berliner Thormann-Grandel-Prozess: Karl Burchardi)
Die Geheimorganisation "Bund"
In der politischen Auseinandersetzung der 20er-Jahre taucht eine Geheimverbindung auf, die sich den schlichten Namen "Bund" zulegt. Sie sieht vornehmlich in der Sammlung finanzieller Mittel zur Förderung der völkischen Idee ihre Aufgabenstellung.
Rudolf v. Sebottendorff/Glauer wird schon für das Jahr 1919 mit dieser Vereinigung in Verbindung gebracht. In der Osterbotschaft 1924 der Germanen-Ordensleitung Walvater heißt es rückblickend zu seiner Person:
"v. Sebottendorf hat vor der (-zweiten Phase der-) Revolution (-1919-) brieflich (-der Berliner Ordensleitung-) v. Ramin angetragen, in (-Bad-) Sachsa (-Süd-Harz-) sein Haus zu übernehmen und einen mit Millionen Goldmark und Devisen finanzierten großzügigen völkischen Organisationsplan durchzuführen, während er selbst nach der Türkei zurückkehren wollte. In der Generalversammlung der Bank im Rheingoldsaal griff (-Bankdirektor-) Plewe v. Sebottendorff heftig an. Es fand bald darauf eine Zusammenkunft zwischen Ramin, Plewe und v. Sebottendorff statt. H.(-err-) v. Sebottendorff kehrte nach Bad Sachsa zurück, verbrannte nach einer scharfen Auseinandersetzung mit einem Berliner Herrn eine große Anzahl Papiere und flüchtete nach der Schweiz. Nichts kann ihn bewegen, nach Sachsa zurückzukehren. H.(-err-) v. Sebottendorff aber floh ohne Zweifel vor der Exekutive des Bundes." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel - 1924)
Auch in dem Thormann-Grandel-Ermittlungsverfahren um die Attentatsvorbereitungen auf den Chef der deutschen Heeresleitung kommt dieser Zusammenhang im Januar 1924 in Form eines aufgetauchten, aber angeblich gefälschten Sitzungs-Protokolls des Bundes zur Sprache.
Angeklagt und in Untersuchungshaft sind Alexander Thormann und Dr. Gottfried Grandel, doch wer die eigentlichen Auftraggeber des kurz vor der Ausführung sich befundenen Mordplanes auf Generalobesrt v. Seeckt sind, lässt sich auch in der darauf folgenden Gerichtsverhandlung nicht abschließend klären.
In seinem ersten Geständnis beschuldigt Gottfried Grandel den Berliner Justizrat Heinrich Class der Anstiftung zum Mord, doch zieht er diese Aussage kurz darauf bei einer direkten Gegenüberstellung mit Heinrich Class wieder zurück. In dem April-Schreiben der Ordensleitung heißt es daraufhin:
"Justizrat Dr. Claß vom Alldeutschen Verbande, der im Protokoll nur eine harmlose Rolle spielt, bezeichnet dieses geradezu erschütternde Sitzungsprotokoll als Fälschung und Fastnachtscherz, und auch J. v. Ramin hat in einer Versammlung der jungdeutschen Verbände zu Magdeburg am 16. d. Mts. das Protokoll als Fälschung bezeichnet. Herr Reichstagsabgeordneter v. Graefe schreibt dagegen im 'Berl. Lokalanzeiger' vom 24.1.24 bezügl. des Protokolls:
'Wenn der Reichskommissar für die öffentliche Ordnung seine Pflicht in der Orientierung der Oeffentlichkeit, wie ich annehme, zur gegebenen Stunde erfüllen wird, dürften ganz andere Leute als meine Freunde, die an der ganzen Angelegenheit nur passiv beteiligt waren (-Prozesszeuge v. Tettenborn-), ungeheuerlich entlarvt dastehen!'(...) Ein namenhafter deutschvölkischer Führer und Abgeordneter (-Reinhard Wulle?-) aber gab der Ordensleitung seiner Überzeugung dahin Ausdruck, daß in die völkische Bewegung Einigung einziehen würde in dem Augenblick, wo es gelingt, die Drahtzieher des 'Bundes' zu entlarven!" (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, GO Walvater: Osterbotschaft 1924, S.11)
In dem Schreiben der Ordensleitung heißt es weiter:
"In jedem vaterländischen Verband werden nach v. Brockhusen'schem Rezept Sendlinge hineingeschickt, um mit demselben Dreh wie im G.-O. in Besitz der Organisation zu kommen, es wird vor Fälschungen und Täuschungen der Richter und brutaler Gewalt nicht zurückgeschreckt, die finanzielle rückwärtige Hilfe aus Jesuitenkreisen steht zur Verfügung, wie es im Protokoll heißt." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, GO Walvater: Osterbotschaft 1924)
Die Vertreter des Germanen-Ordens Walvater, Meister Bräunlich, Pohl und Freese, sind sich hingegen einig:
"Unsere Erfahrungen, die wir bezüglich anderer Protokollzeichner noch erweitern können und werden, sprechen unbedingt für die Echtheit des Protokolls und für das Bestehen des 'Bundes' mit seiner unheilvollen, auf schlimmster jesuitischer Grundlage aufgebauten Organisation." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, GO Walvater: Osterbotschaft 1924, S.10)
Der Augsburger Metallarbeiter Karl Böhrer (geb. 21.9.1886, Bez.Amt Gunzenhausen) schildert in seinem ausführlichen Bericht an das Hauptarchiv der NSDAP seinen frühen Einstieg in die Augsburger Politik. Er ist nicht nur Mitglied des Germanen-Ordens, sondern auch bereit, sich in das nationalsozialistische NSDAP-Experiment des Augsburger Ordens mit einfügen zu lassen. In seinem Rückblick auf das Frühjahr 1921 berichtet er über den gruppeninternen Konflikt der jungen Ortsgruppe:
"Die erste Versammlung im 'Hotel Post', Augsburg, machte keinen guten Eindruck auf mich. Lauter Doktoren, Ingenieure u.s.w., nur keine Arbeiter. Ich ließ mich aufnehmen in die N.S.D.A.P." (BArch Berlin: NS26/158 - Bericht Karl Böhrer, S.9 v. 20.4.1941)
Die neue Augsburger Ortsgruppe der NSDAP scheint dominiert von dem Umkreis des elitären Germanen-Ordens. Zu Karl Böhrer heißt es:
"Über den Eisendreher Karl Böhrer, der während der Räterepublik als Mitglied des revolutionären Zwölferrates Wohnungskommissar gewesen war, und einige von dessen Kameraden, wohl aus der Zahnräderfabrik Renk, besaß die NSDAP Kontakte zu Randgruppen der abbröckelnden USPD und zur KPD." (Broszat/Fröhlich: "Bayern in der NS-Zeit", S.51 - 1977)
Parteigenosse Karl Böhrer schildert in seinem Archiv-Bericht von 1941 die Frühphase der Augsburger Ortsgruppen-Entwicklung:
"Vorsitzender war (-Dr. Grandels Fabrikaufseher-) Herr (-Josef-) Schröffer (-Krankenhausstr. H 246/I-), Schriftführer Dr. Grandel. Auch der 'Schutz- u. Trutzbund' war hier zuhause, ebenso der 'deutsche (-Germanen-)Orden'. Bald merkte ich, dass hier zwei Richtungen gegeneinander standen. (-Germanen-Orden vs. Hitler-Bewegung-)
Bald hatte ich ein Dutzend echter Arbeiter beisammen. Wir zogen am Samstag in die Umgebung Augsburgs, verteilten Flugblätter. Ich hielt die Reden als Vertreter der N.S.D.A.P. und hatte großen Erfolg.
Nun zeigten sich die Schattenseiten: Dr. Otto Dickel war (-ab 1921-) gegen den Führer Adolf Hitler, ich für den Führer und wollte Verbindung mit ihm, aber zuerst wollte ich ihm eine zuverlässige Garde hier schaffen. 1000de von Flugblättern warf ich in alle Stadtteile, Klebekolonnen arbeiteten. Die Flugblätter 'Arbeiterverräter' (-//recherche-stadtarchiv-augsburg.de-) brachten mir Prozesse; ich bestand sie glänzend. Ganz Augsburg hatte ich aufgewühlt und wir hatten Zuwachs aus allen Schichten. Nun wurden die (-hitlertreuen-) Hakenkreuzler gefährlich.
Zunächst beachtete ich die sogenannte 'Nebenregierung' (-Augsburger Herrenklub?/Germanen-Orden?-) wenig, als jedoch Dr. Otto Dickel offen gegen den Führer auftrat (-Januar 1921?-), Dr. Grandel den Schriftführerposten niederlegte (April 1921?), ebenso der 1. Vorsitz. Schröffer und von dem Finanzausschuß Dr. Otto Dickel, Oberstleutnant (-und Augsburger GO-Hochmeister Hermann-) von Schleich u. Dr. Adolf Frank sich Streitigkeiten ergaben, stand ich in einem Netz von Intrigen.
Ein böses Freimaurerspiel wurde mit Dr. Adolf Frank und mir wieder getrieben. Ich hatte 1922 die Ehre, vom Führer empfangen zu werden, wurde dann Pg. Dietrich Eckart vorgestellt im Bürgerbräukeller.
Der Führer lehnte Dr. Otto Dickel ab, nachdem er ihn schon kennen lernte in Augsburg im Kaffee 'Maximilian' und die Versammlung verließ.
Bei der zweiten Aussprache mit dem Führer im Parteilokal wollte der Führer mich verpflichten.
Nun kommt die Tragik, die bitterste meines Lebens:
Ich war ja schon verpflichtet auf 'Gedeih und Verderb' im Germanenorden.- Auf meine Frage an den Führer, wie er sich zu den deutschen Geheimbünden stelle, erwiderte er mir:
'Ich lehne jede Geheimverbindung ab, wir Nationalsozialisten sagen frei und offen, was wir wollen!' -
Das freute mich sehr und (-ich-) entschloß mich aus dem Orden auszutreten, um nur (-für-) Hitler (-da-) zu sein. Aber noch durfte es nicht gelingen, die Freimaurermacht war zu stark.
Der Redakteur (-des Deutschen Volkswillen, Propagandazeitung von Dickels Werkgemeinschaft, Walter-) Kellerbauer, ein Schwager (-von-) Dr. Adolf Frank, war beauftragt, (-Julius-) Streicher in Nürnberg zu erledigen, die Zeitung an sich zu reißen und an Dr. Dickel zu liefern.
Zu gleicher Zeit kam Kellerbauer von einer Tagung und erklärte, daß dort beschlossen wurde, sich nur 'Deutsche Werkgemeinschaft' zu nennen und von der N.S.D.A.P. abzurücken.
Ich war aus dem Orden ausgetreten, um gegen die Gegner des Führers handeln zu können, ließ Aufnahmescheine drucken für die N.S.D.A.P.-Ortsgruppe Augsburg und Kellerbauer verstand es, die Versammlung (-vom Juni 1921?-) zu Gunsten der Werkgemeinschaft zu beeinflußen und Dr. Dickel zum Führer zu machen.
Nun stand ich einem Abgrund gegenüber: Überall Verschwörer gegen den Führer, alle im (-Germanen-/Deutschen-?)'Orden'. Meine Leute waren im 'Bunde Oberland' verpflichtet. Oberstleutnant (-Hermann-) v. Schleich war (-Hochmeister-) Führer im (-Augsburger Germanen-)Orden (-Treuschaft Radsey-) 'Herrman (-I. Herzog?-) von Schwaben', verbunden mit Nürnberg, ich konnte das Netz nicht lösen." (BArch Berlin: NS26/158 - Bericht Karl Böhrer, S.9-11 v. 20.4.1941)

Mitglieder der Siedlergemeinschaft Dickelsmoor: Hermann v. Schleich (l), Franz Füchsle (m) mit Gründer Dr. Otto Dickel (r) - 1927 (Fotografie im Privatbesitz von Siegfried Riegel in Zinterer: "Füchsle: Die Tragödie eines Hitlergegners der ersten Stunde", S.52 - 1999 + Dreigroschenheft: "Ein unbekannter Lehrer Brechts: Der spätere NS-Aktivist und -Theoretiker Otto Dickel", S.10 - 4/2010)
"Als ich jedoch erfuhr, was mit (-Julius-) Streicher geschehen sollte, durchschlug ich den gordischen Knoten, meldete alles dem Orden, wie den Giftmordversuch an Dietrich Eckart. Das Gift lieferte Dr. Grandel, Hochgradfreim.(-aurer-), an Dr. Otto Dickel. Dies bewog Grandel (-1921-) auszutreten aus der N.S.D.A.P.
Der (-Austritt-)Satz bezog sich auf Dietrich Eckart, weil er gegen den Theosophen (-Dr. Grandel?-) als 'Giftmischer' schrieb und ich zeichnete den 'Augsburger Herrenklub' als Zersetzer des Kampfgeistes innerhalb der N.S.D.A.P. und Kampfverbände." (BArch Berlin: NS26/158 - Bericht Karl Böhrer, S.9-11 v. 20.4.1941)
Über Hermann von Schleich heißt es:
"In der (-Augsburger-)Werkgemeinschaft nun trifft (-Franz-) Füchsle auf einen Kameraden (-Erich-) Ludendorffs, den Oberstleutnant a. D. Hermann von Schleich. In Dickelsmoor wird der 'Säcklwart' sogar sein Nachbar sein." (Zinterer: "Füchsle: Die Tragödie eines Hitlergegners der ersten Stunde", S.52 - 1999)
Zu dem von Karl Böhrer angesprochenen Giftmordversuch berichtet Die Rote Fahne in ihrem Bericht über den Fuchs-Machhaus-Prozess:
"Der Kaufmann sagt unter seinem Eide aus, dass der berüchtigte Dr. (-Arnold-) Ruge (-Rudolf-) Weinbrecht und Breu als Meuchelmörder gedungen habe, um Dr. (-Georg-) Heim und (-Dietrich-) Eckart mit Dolch und Gift zu beseitigen. Der gleiche Zeuge beschwört, daß dieser Ruge den Apothekerlerling Karl Görlitz und einen Stefan Stellmach auf der Straße von Schönau nach Kasimir erschießen ließ. Am 3. Juli 1921 wurden weitere sechs junge Leute des Bundes Oberland dem Femegericht des Dr. Ruge übergeben und von diesem erschossen." (BArch Berlin: R43-I/1228, S.502 - "Die Rote Fahne", Nr.132, S.2 v. 12.6.1923)

Artikel aus: Die Rote Fahne - 12. Juni 1923
Der streitbare Antisemit Dr. Arnold Ruge aus Heidelberg, der laut dem völkischen Wanderredner Heinrich Dolle in engem Kontakt zu Gottfried Grandel steht, wird von Dr. Grandel in seinem eigenen Archivbericht an die NSDAP mit keinem Wort erwähnt.
Gottfried Grandels Freund, der Münchener Publizist Dietrich Eckart, gerät hingegen für den Versammlungsredner Heinrich Dolle Anfang der 20er-Jahre zu einer festen Größe:
"Dietrich Eckart war ein Großer Mensch!(...) - So war denn seine Kritik des Buches 'Aus Not zu Brot' für mich und für unsere Genossenschaft der Kleinviehzüchter im Kreise Moers eine große Freude. - Im folgenden Jahre, - 1921 - schrieb er mir dann einen schönen Brief, und wieder ein Jahr später, - 1922 - schickte er einen Papier-Dollar für meine Reise nach München, - und da sprachen wir uns aus, - und da lernte ich den Kreis seiner Freunde kennen: Anton Drexsler, der Vorsitzende der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei, - Adolf Hitler, der Propagandaleiter der NS-Partei, Dr. Gottfried Grandel, der kluge, tatstarke und weitsichtige Mann aus Augsburg, und dessen Helfer: Baumeister Lorenz Mesch aus Regensburg, Dr. (-Arnold-) Ruge aus Heidelberg, und der fromme, feinsinnige Erzähler Schrönghamer/Heimdall." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn, Nachlass Heinrich Dolle: "Letztwillige Verfügung/Dolle Geschichten - Große Sachen für kleine Leute", S.3 - 1937)
Dr. Arnold Ruge ist, wie Lorenz Mesch und Franz Schroenghamer/Heimdall, Mitglied des geheimen Germanen-Ordens Walvater.
Der in der Schrift erwähnte Zusammenhang findet auch in einem späteren Brief des westfälischen Wanderredners Heinrich Dolle an General Ludendorff Erwähnung. Hier schreibt er:
"Adolf Hitler lebte, ehe er Mitglied der NSDAP wurde, ¾ Jahre bei meinem Freunde Gottfried Grandel in Augsburg. Dort bekam er nicht nur die körperliche Nahrung; auch die geistige. Grandel zur Seite standen (-Lorenz-) Mesch und (-Arnold-) Ruge. Adolf Hitler wuchs über seine Nährväter hinaus und - - - vergas sie. Dietrich Eckart war (-ab 1920-) sein neuer. Doch auch Eckart nährte sich von den Genannten. Er sog aus uns. Wir gaben gern, aus Liebe zum Werk. Mit grosser Sorge sahen wir aber auch, wie Dietrich Eckart, und (-Hermann-) Esser und (-Max-) Amman und andere unsere Eingebungen erst mit 'Champus‘ (-Champagner Wein-) und scharfen Schnäpsen in der Fledermaus (oder wie die Saubude genannt wurde) tauften, und erst mit dieser Luft behaftet, ins Leben wirkten. Und schlimmeres noch: wie der Jesuit Stempfle und andere Zweifelhaften die Schwächen Eckarts nutzten. Was für opfervolle, oft demütigende (besonders für die anderen drei) Taten wir wirkten zur Ausgleichung der Schäden, ist heute und auch hier nebensächlich." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn, Nachlass Heinrich Dolle - Dolle an Ludendorff v. 25.11.1927)
Der Passus "Er sog aus uns. Wir gaben gern" verstärkt den Eindruck, dass es sich bei Adolf Hitlers erstem ideologischen Aufbauteam um vier Personen gehandelt hat: Gottfried Grandel, Lorenz Mesch, Arnold Ruge und Heinrich Dolle. Als übergeordnete Struktur wäre hier der Germanen-Orden naheliegend, doch bei Dr. Grandel und Heinrich Dolle ist die Zugehörigkeit zu der geheimen Loge nicht belegbar.
Die Münchener Thule-Gesellschaft
(204-1919) Im Rahmen der frühen NS-Gegnerschaft zur vermeintlich jesuitisch-jüdisch dominierten Freimaurerei nimmt die Thule-Gesellschaft zum Ende des 1. Weltkrieges in Süddeutschland eine zentrale Vorreiterrolle ein.
Benannt wird die Gesellschaft nach der angenommenen Urheimat der Arier. In seiner späteren Buchveröffentlichung führt der bayerische Logenmeister des Germanen-Ordens und Thule-Gründer Rudolf Glauer/v. Sebottendorff zu der gewählten Begrifflichkeit aus:
"Als die Christianisierung der Germanen einsetzte, war Island die letzte Zuflucht der sich nicht zum Christentum bekehrenden Germanen. Hier wurden die Sagen aufbewahrt, Edda, so daß eine Wiederherstellung der germanischen Religion möglich war." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.261 - 1933)
Weiter heißt es zur ideologischen Ausrichtung der als Tarngesellschaft des Germanen-Ordens angelegten Thule-Gesellschaft:
"Wir hassen das Schlagwort von der Gleichheit. Der Kampf ist der Vater aller Dinge, Gleichheit ist der Tod.(...) Unsere Ansicht von der Gleichheit ist die Gleichheit der Pflicht. Wir wollen jeden einzelnen von uns so tüchtig wie möglich machen, damit er die Pflicht nicht als Last, sondern als ein Stück von sich selbst empfindet. Dann werden wir auch den Kampf bestehen, der kommen wird, kommen muß, den Kampf zwischen Ariern und Juden. Ein erkannter Feind ist kein Feind mehr, wir wollen unserem Volke die Augen öffnen, wo sein Feind steht, der uns bekämpft bis zur Vernichtung.(...) Wir wollen nicht mehr Amboß, sondern Hammer sein.(...) Wir wissen aus der Geschichte, daß der Arier aufbaut, der Jude aber zerstört." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.24 - 1933)
Die vorgelagerte Tarngesellschaft des bayerischen Germanen-Ordens spricht sich klar gegen kommunistische Bestrebungen aus und versucht, neben der für erforderlich gehaltenen Rassenlehre und Judenfeindschaft den Sozialismus mit dem Nationalismus zu vereinen.
Briefbogen der dem Germanen-Orden vorgelagerten Thule-Gesellschaft - 1919 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/2232, S.44)
Auf einem späteren Briefkopf der Gesellschaft ist vermerkt:
"Ehemals Orden für Deutsche Art / gegr. Januar 1918" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.142, Johanne Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP- Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 1937)

Symbol des Münchener Kampfbundes der Thule-Gesellschaft - 1919 (Wikimedia Commons - Datei: Thule-Gesellschaft.jpg / o.Ang. - 1919 + bpk-bildagentur.de: Bild-Nr.30003874)
Eine der wenigen Quellen zur Ausleuchtung der Thule-Gesellschaft ist Johannes Hering, seines Zeichens bereits 1918 Mitglied des bayerischen Germanen-Ordens und ab 1919 Gründungs- und Vorstandsmitglied der Thule. Er notiert rücklickend:
"Zum Glück habe ich ein sehr genaues Tagebuch geführt, welches alle einigermassen wichtigen Zusammenkünfte, Vortragsabende und Aufnahmefeiern umfasste, aber auch die gleichzeitigen, jeden deutschen Mann bewegenden grossen trübseligen Ereignisse der letzten Kriegsmonate, der Novemberrevolution (-von 1918-), des Rückzuges unseres tapferen Heeres. Diese Gleichzeitigkeit habe ich in folgender Liste veranschaulicht, um zu zeigen, unter welchen Verhältnissen und schwierigen Situationen wir so ziemlich als die einzigen den deutschen Gedanken in München aufrecht hielten." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/865 - Beiträge zur Geschichte der Thule-Gesellschaft, S.17 - 15.6.1939)
Auch mit breit gefächerten Anzeigen wirbt der neue Orden im letzten Kriegsjahr gezielt um neue Mitglieder:
"'Deutschvölkischer Orden' (Loge). In einer Zeit, in der sich germanische Kraft nach außen so herrlich bewährt und doch internationale und fremdrassige Einflüsse im Hause sich breit machen, halten wir es für unsere Pflicht, aus der Verborgenheit hervorzutreten. Alle deutschgeborenen Männer, die sich ihres germanischen Blutes stolz bewußt sind, rufen wir auf, uns zu helfen bei unserer Arbeit, für unseres Volkes geistig-sittliche Erneuerung und rassische Wiedergeburt. Anfragen sind unter Nr. 259 an die Geschäftsstelle dieser Zeitschrift zu richten." (Lehmann: "Deutschlands Erneuerung", S.592 v. 1918)


"Unsere Pflicht, aus der Verborgenheit herauszutreten": Werbung für die Thule-Gesellschaft - 1918 (Lehmann: "Deutschlands Erneuerung", S.592 - 1918)
November 1918
In München gärt es. Nachdem Kurt Eisner als ehemaliges SPD-Mitglied und nunmehrig unabhängiger Sozialdemokrat der USPD zum Ende des Kriegsjahres 1917 in der Schillerstraße illegale Versammlungen im Gasthof Zum schwarzen Adler abhält, spitzt sich die Situation zum Ende des Weltkrieges dramatisch zu:
"In dieser kleinen Gastwirtschaft begann buchstäblich die bayrische Revolution. Dort saßen in einem engen Nebenzimmer alle rebellischen Elemente Münchens - und es waren ihrer so wenige! Kaum zwei bis drei Dutzend! Wer sie erlebt hat, begreift erst, mit wie wenig man etwas zustande bringen kann, wenn nur der Geist der rechte ist. Was saß denn da neben dem grauhaarigen, bebrillten, immer belebten, immer geistreichen (-jüdischen Journalisten-) Kurt Eisner? Vier oder fünf ganz Getreue, rundherum etliche oppositionelle SPD-Proleten, USPler, Intellektuelle und vor allem kriegsmüde Proletarierinnen, Frauen mit ausgelaugten Gesichtern, zerarbeiteten Händen und entschlossenen Augen. Sie waren eigentlich die Nüchternsten, die Mutigsten. Sie arbeiteten in den Granatfabriken, waren Straßenbahnerinnen, schufteten sonstwo und erzählten von ihren Nöten, von den Schwierigkeiten der Agitation unter ihren Kolleginnen und sie machten Vorschläge. Sie waren die ersten, die in München, in jenem grauenvollen Kriegswinter (-1917/18-), die ersten Hungerdemonstrationen wagten, sie gingen als erste anläßlich des Jännerstreiks 1918 mit Eisner ins Gefängnis. Wer war damals eigentlich noch bei jenen Versammlungen? Syndikalisten und Anarchisten, merkwürdige Menschen mit antroposophischen Ideen (-Rudolf Steiner-) und pazifistische Dichter. (-Der jüdische Anarchist-) Erich Mühsam erschien etliche Male, dann tauchte eines Tages (-der jüdische Schriftsteller-) Ernst Toller auf und hielt eine glühende Rede gegen den Krieg. Und immer saß der 'Apostel' neben Kurt Eisner, immer sahen wir den (-jüdischen Kaufmann und Journalisten-) Felix Fechenbach.(...) Und auf einmal gestattete (-Kaiser-)Wilhelm zwo den Parlamentarismus, die Wahlen wurden ausgeschrieben, Kurt Eisner wurde aus dem Gefängnis Stadelheim entlassen und sprach im überfüllten Saal der Schwabinger Brauerei. Wer sitzt denn da droben, neben ihm? Felix Fechenbach." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Arbeiter-Zeitung, Nr.224, S.3 - "In memoriam Felix Fechenbach" v. 15.8.1933)
"Bald darauf wurde der Unabhängige Kurt Eisner aus dem Gefängnis entlassen; er trat gegen den Sozialdemokraten (-Erhard-) Auer als Wahlwerber für die Reichstags-Ersatzwahl nach dem Genossen von Vollmar auf:
'Umsturz, Revolution, Beseitigung der bestehenden Gewalten, Errichtung einer großen deutschen Republik mit Einschluß Deutsch-Oesterreichs und Rückkehr zu dem Ideal der Revolution vom Jahre 1848.'
Zwei Tage darauf (-25. Oktober 1918-) beschwor der Sozialist (-Erhard-) Auer im Saale des Hotels Wagner die Unabhängigen unter Führung Unterleitners mit den Worten: 'Die Ueberführung des Obrigkeitsstaates in einen Volksstaat muß auf gesetzlichem und Verwaltungswege verankert werden. Mit Putschen, Gewalt und Gepolter kann nicht von heute auf morgen aus dem Jammertal ein Himmel auf Erden werden.'" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Voralberger Volksblatt, Nr.268, S.1 - "Woher der Umsturz" v. 21.11.1918)
"Und dann kam etwas Ungeheures. Der siebente November (-1918-) auf der Theresienwiese. Die Massen Münchens stehen und stehen dichtgedrängt um die Redner, die von den Hängen herunterschreien. Keiner versteht recht. Plötzlich schwingt einer neben Kurt Eisner die rote Fahne und schreit: 'Genossen und Genossinnen! Wir wollen nicht mehr lange reden! Die Revolution ist da! Wer dafür ist, mir nach, uns nach!' Ein ungeheurer Jubel, ein jähes Losgehen, über die Hänge hinauf, in die Straßen, auf die Kasernen zu. Wer hat denn geschrien? Wer hat denn uns alle mitgerissen? Jener rührend unbeholfene, einfache Felix Fechenbach!" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Arbeiter-Zeitung, Nr.224, S.3 - "In memoriam Felix Fechenbach" v. 15.8.1933)
7. November 1918
"Am 7. November (-1918-) war die gemeinsame Kundgebung (-der Unabhängigen um Kurt Eisner und den Alt-Sozialdemokraten um Erhard Auer-) auf der Theresien-Wiese; am Abend sind Kurt Eisner und der Bauernbündler Ludwig Gandorfer, ein blinder Bauer aus Niederbayern, der in wenigen Tagen bei einer Kraftwagenfahrt tötlich verunglückte, Arm in Arm durch die Straßen von München gestürmt; sie wurden als das Wahrzeichen der Demokratie angesehen, wenn sie straßab, straßauf, hinein in die Kasernen, hinaus in das Menschengewühl der aufgeregten Tausende auf den Gassenschritten, ein Blinder mit der Fackel des Aufruhrs am Arm des Volksredners, der vorher durch Tage die Massen aufgepeitscht hatte. Wer die Volksseele der Großstadt kennt, wird begreifen, daß solcher Aufwiegelung in stürmischer Zeit schwer Widerstand zu leisten ist. In der Nacht bemächtigten sich die Umstürzler der öffentlichen Gewalt und die Soldaten, unter denen bislang keine revolutionäre Organisation geschaffen worden war, schlossen sich der Revolution wie von selbst an." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Voralberger Volksblatt, Nr.268, S.1 - "Woher der Umsturz" v. 21.11.1918)
Die Revolution beginnt in München mit einem Fehlstart:
"Als die Münchner am Revolutionsmorgen erwachten, erfuhren sie zu ihrer Überraschung, daß sie einen neuen Stadtkommandanten hätten, der Arnold hieß. Kein Mensch wußte, wer dieser Arnold war, und vielleicht in den Kreisen seiner Kollegen, der neugebackenen Minister, wußte es zwei Tage vorher auch niemand. Denn Herr Arnold war erst am Tag vorher zugereist und noch nicht einmal bei der Polizei gemeldet." (Hofmiller: "Revolutionstagebuch 1918/19", S.70/71 - 1939)
"Stadtkommandant Arnold von München, welcher der Revolution in München wacker auf die Beine geholfen hatte, ein zwanzigjähriger Jude aus Friedrichshafen, hat in der Zeit seiner Herrlichkeit an zwei Banken Betrug im Betrage von 37.000 Mark versucht; dafür wurde er vom sozialistischen Volksbeauftragten für militärische Angelegenheiten, Roßhaupter, vom Posten in den Arrest versetzt." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Voralberger Volksblatt, Nr.268, S.1 - "Woher der Umsturz" v. 21.11.1918)
Der zu dieser Zeit als Hochmeister des Germanen-Ordens tätige Rudolf Glauer alias Rudolf v. Sebottendorff gründete bereits im ersten Quartal 1918 die Münchener Thule-Gesellschaft; sie dient ihm als äußerer Ring des geheim agierenden Germanen-Ordens:
"Die Bewegung breitete sich rasch aus, bei der Revolution November 1918 zählte die Thule in ganz Bayern etwa 1000 Mitglieder und die Abonentenzahl des (-ihr durch Rudolf Glauer/v. Sebottendorff als Organ zur Verfügung gestellten Münchener-) Beobachters war von 2 auf 2000 gestiegen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.12, Bl.1 - Sebottendorff über "Thulegesellschaft, Beobachter, Freikorps Oberland")
Obwohl die Münchner Revolution vom Überraschungsmoment profitiert, provozieren die Geschehnisse des 7. November 1918 auch Gegenreaktionen. Auf den 10. November 1918 datiert sich beispielsweise die Gründung des Kampfbundes der Thule-Gesellschaft, dessen Leitung auch dem Hochmeister Rudolf Glauer/v. Sebottendorff obliegt. In seiner Buchveröffentlichung von 1933 schreibt er zu der strategischen Ausrichtung des bevorstehenden Jahreswechsels:
"Die Vorträge Gottfried Feders ließen einen Plan reifen, der Sebottendorff schon lange bewegte. Er wollte die Arbeiter gewinnen. In der Thule-Brüderschaft wurde Bruder Karl Harrer ausgewählt, um einen Arbeiter-Ring zu bilden. Ingenieur Gottfried Feder erbot sich, Vorträge zu halten. (--)" (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.73 - 1933)
Gottfried Grandel fungiert in Augsburg wohl schon ab diesem Zeitpunkt als 'geistiger Nährvater' Adolf Hitlers, wie es später Heinrich Dolle berichtet, um nach einer intensiven Schulung als Propagandist die Arbeiterschaft wieder an das nationale Lager zu binden.
Über die Aktivitäten Gottfried Feders wird weiter berichtet:
"Seit 1918 gab er seine unternehmerische Tätigkeit zugunsten seiner politischen und schriftstellerischen Aktivitäten (-für den Germanen-Orden Walvater?-) auf. So schrieb er für die 'Süddeutschen Monatshefte', die von seinem Schwager Prof. Karl Alexander von Müller mitherausgegeben wurden, und die Zeitschrift 'Auf gut Deutsch', deren Herausgeber Dietrich Eckart war (-und die von Gottfried Grandel mitfinanziert wurde-)."(Schalm auf nsdoku.de: Gottfried Feder v. 21.2.2024)
In einer Rückbetrachtung schreibt der völkische Logenmeister Rudolf Glauer/v. Sebottendorff:
"Ich war der erste, der in München für die völkische Idee warb und zwar offen, ohne Rückhalt - es kam die Revolution, die uns alle überraschte. Ich habe keinen Augeblick gezögert, als alle sich beugten, alleine aufrecht zu stehen. So kam es, daß sich eine Reihe von völkisch denkenden Männern um mich scharte." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/1229, S.8, Bl.1 - Rudolf Glauers/v. Sebottendorfs Antwortschreiben an Thule-Mitglied Johannes Hering v. 7.12.1922)

Büste von Adam Alfred Rudolf Glauer alias Rudolf v. Sebottendorff - 1926 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.6 - 1933 / Bildhauer Hanns Goebl, München)
10. November 1918 - München

Reichskonferenz der bundesstaatlichen Regierungsvertreter in Berlin: Der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner (SPD, seit 1917 USPD) mit seinem Kanzlei-Sekretär Felix Fechenbach (l) verlässt mit dem bayerischen Gesandten in Berlin, Dr. Friedrich Muckle (r), nach der Sitzung das Reichskanzler-Palais - 25. November 1918 (Bundesarchiv: Bild 146-1988-075-02 / Sennecke, Robert - 25.11.1918)

(Wikimedia Commons - Datei: Proklamation - Novemberrevolution Bayern - Kurt Eisner - 1918-11.jpg / Eisner, Kurt v. 10. November 1918)
28. November 1918
Die Personalie Kurt Eisner ist als neuer USPD-Ministerpräsident umstritten. Bestimmten Kreisen, zu denen auch die Thule-Gesellschaft zählt, gilt daher der seit 1900 hauptberuflich als sozialdemokratischer Leiter des Landessekretariats aktive und bayerische Innenminister Erhard Auer als aussichtsreiche Alternative. Dieser warnt bereits auf dem sozialdemokratischen Parteitag Bayerns am 13. Oktober 1918 in München:
"Der Bolschewismus würde Deutschland ins Unheil stürzen. Die jetzt nach Revolution schreien, werden die ersten sein, die später einen solchen Schritt verfluchen!" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Voralberger Volksblatt, Nr.268, S.1 - "Woher der Umsturz" v. 21.11.1918)
"Hagemeister (München): Acht Tage vor dem (-Lotter?-)Putsch am letzten Freitag (-6.12.1918-) war in München eine geheime Versammlung (-in den Thule-Räumen des Hotels Vier Jahreszeiten?-) aus gewissen Orten Oberbayerns einberufen; dort wurde gesagt, daß (-MSPD-Innenminister Erhard-) Auer zum Ausdruck gebracht habe, (-USPD-Ministerpräsident Kurt-) Eisner falle heute noch oder doch zum mindesten in den nächsten Tagen. Der Kampf gegen Eisner sei dem Arbeiterrat nicht verborgen geblieben; daraus erkläre sich die Stimmung gegen Auer." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.625, S.2 - "" v. 11.12.1918)
2./3.(-6./7.) Dezember 1918
Felix Fechenbach berichtet:
"Eine weit ernstere Gestalt nahm ein anderes Vorkommnis an, das sich in der gleichen Nacht vom 2.(-6.-) zum 3.(-7.-) Dezember (-1918-) ereignete. Nach einer Versammlung zog eine größere Menschenmenge vor die Wohnung des Ministers (-Erhard-) Auer (-in der Nußbaumstraße 10-); ein kleiner Trupp wußte sich auch Eingang zu verschaffen und verlangte (-im dritten Stock-) von Auer eine schriftliche Rücktrittserklärung, die dieser angesichts der auf ihn gerichteten Waffen auch gab. Eisner kam, als er davon hörte, sofort in Auers Wohnung und veranlaßte, daß Auer weiter im Ministerium verblieb. In dieser Nacht fiel die Aeußerung Auers, daß ihm Eisner durch dies Erlebnis menschlich bedeutend näher gekommen sei." (Digitalisiert auf daten.digitale-sammlungen.de: Fechenbach: "Der Revolutionär Kurt Eisner - aus persönlichen Erlebnissen", S.53/54 - 1929)

Rücktrittserklärung angesichts der auf ihn gerichteten Waffenläufe: MSPD-Innenminister Erhard Auer - November 1918 (Wikimedia Commons - Datei: Erhardauer1919Innenminister.jpg / o.Ang., Reichtags-Büro 1919 + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PER-A-0192-01 / Postkarten-Fotografie Wally Umenhof)
Erhard Auer wird als waschechter Bayer und Sohn des bayrischen Waldes beschrieben:
"Derb und knorrig, dafür aber auch kernig und würzig - wie das Holz aus dem bayrischen Urwald - sind sein Charakter und die Reden Auers und der Inhalt seiner Gedanken" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: "Das neue Bayern - Politische Reden von E. Auer", S.67 - 1919)
4. Dezember 1918 - Ministerpräsident Kurt Eisner (USPD) in Bad Aibling
Am Fuße der bayerischen Alpen gelegen, zeichnet sich Bad Aibling durch ein außerordentlich mildes Klima und die Heilerfolge seiner Moor-, Soole- und Fichtennadelbäder aus. Zusätzliche Attraktivität besitzt der Kurort durch den Anschluss an die elektische Lokalbahn zwischen Bad Aiblingen und Feilnbach. Auch Logenmeister Rudolf Glauer/v. Sebottendorff hat hier mit seiner vermögenden Frau seinen Hauptwohnsitz bezogen. Auf der Suche nach direkter Einflussnahme in das politische Geschehen planen Mitglieder des Thule-Kampfbundes um Rudolf Glauer/v. Sebottendorff relativ spontan die Entführung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (51) auf einer öffentlichen Versammlung in Bad Aibling, doch der Plan misslingt:
"Von einer Bauernversammlung (-mit rund 600 Telnehmern im Festsaal des Gasthof Schuhbräu-), die (-Kurt-) Eisner in Aibling (-zur 'Aufklärung der Bürger- und Bauernschaft des ganzen Oberlandes' um 15 Uhr-) abzuhalten wagte, und die nach bisherigen Berichten harmlos verlaufen sein sollte, erfährt man jetzt nach dem 'Bayerischen Kurier' folgendes: Eisner war im Königsautomobil (!), begleitet von zwei anderen Kraftwagen, gekommen." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Süddeutsche Zeitung: für deutsche Politik und Volkswirtschaft, Nr.339, S.3 - "Bayern" v. 9.12.1918)

"Im Königsautomobil(!) gekommen": Bayerns Ministerpräsident Kurt Eisner (l) mit Kanzlei-Sekretär Felix Fechenbach - 1918 (Wikimedia Commons - Datei: Sennecke - Kurt Eisner, Fahrt zur Reichskonferenz November 1918.jpg / Sennecke, Rudolf v. 22.11.1918)
Felix Fechenbach wird später als "treues Mitglied der Poale Zion" bezeichnet. Über die Organisation heißt es:
"Die sozialistische Arbeiterklasse - der bis jetzt gefesselte Hohepriester der Freiheit - hat seine Fesseln gesprengt und geht nun mit gesammelten Kräften heran, den neuen und erträumten Staat aufzubauen. (...) Es lebe die freie sozialistische Republik! Stark und siegreich soll die befreiende Sozialdemokratie hervorgehen! Genossen! Jüdische Arbeiter! Volksmassen und Intelligenz! (...) Die Stunde des aktiven Kampfes um euer Recht und eure Freiheit ist gekommen! Schließt euch der jüdischen sozialdemokratischen Poale Zion an, die in Deutschland ihre Fahne entfaltet hat." (yadvashem.org: Schwarz: "Eine jüdische Randerscheinung - Der Poale-Zionismus in Deutschland" - 2012)

Ministerpräsident Kurt Eisner: Empfang vor dem Kurhaus in Bad Aibling - 4. Dezember 1918 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.215 - 1933)

Hotel und Versammlungslokal Schuhbräu in Bad Aibling - 1902 (wikipedia.org - Datei: Schuhbräu Meggendorfer 1902.png / o.Ang., Postkartenmotiv von 1900)
"Der bisherige Vorsitzende der Vaterlandspartei, Rechtsanwalt Eller, begrüßte ihn als großen Mann, was Eisner bescheiden abwehrte, dann aber sagte, daß sich die neue Regierung nicht so leicht verdrängen lassen werde, so feige wie andere sei man nicht. Die Probe auf das Exempel sollte bald stattfinden. Als ein eben aus dem Feld heimgekehrter Aiblinger (-Hermann Sedlmeier-) Eisner einen hergelaufenen Juden nannte, der seine Macht auf Maschinengewehre stütze, sprangen zwei baumlange Leibgardisten Eisners mit riesigen Revolvern auf den Redner zu. Es entstand ein furchtbarer Tumult. Die Tribüne wurde gestürmt und Eisner war mit seiner Schutzwache im nächsten Augenblick von der Bildfläche verschwunden. Die Versammlung wurde nach kurzer Pause fortgesetzt mit einem Hoch auf den Freistaat geschlossen und massenhaft Flugblätter verteilt, in denen es heißt: 'Fort mit Eisner!'" (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Süddeutsche Zeitung: für deutsche Politik und Volkswirtschaft, Nr.339, S.3 - "Bayern" v. 9.12.1918)

"Mit einem derartigen Regime wollen wir alle nichts zu tun haben": Flugblatt des Thule-Kampfbundes zum Ende der Eisner-Veranstaltung in Bad Aibling - 4. Dezember 1918 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.215 - 1933)

"Vom Geld der Bolschewiki bestochen (...) Angehöriger derjenigen Rasse, in deren Händen der internationale Großkapitalismus liegt (...) Weg mit Kurt Eisner, es lebe unser neuer Ministerpräsident Auer, der uns einer besseren, wenn auch schweren Zeit entgegenführen soll!": Flugblatt des Thule-Kampfbundes zum Ende der Eisner-Veranstaltung in Bad Aibling - 4. Dezember 1918 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.215 - 1933)
In der Schilderung des germanischen Logenmeisters Rudolf Glauer/v. Sebottendorff heißt es zu den Hintergründen:
"Eine andere Episode, bei der man (-den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt-) Eisner fangen wollte, ging ebenfalls ohne Resultat vorüber. Es war am 4. Dezember 1918 und Sebottendorff befand sich auf dem Wege (-von München/Holzkirchen/Rosenheim-) nach Bad Aibling, um seine Frau zu besuchen. Am Bahnhof empfing ihn (-das 22-jährige Thule-Kampfbundmitglied-) Leutnant (-Hermann-) Sedlmeier, der Sohn des Besitzers (-Jakob-) des bekannten Theresienbades (-und Kurhotels mit Massage an der Bahnhofstraße-) in Bad Aibling und teilte mit, daß Eisner im Kurhaus (-Festsaal des Gasthofes Schuhbräu-) sprechen würde. Er brächte (-den bayerischen MSPD-Innenminister Erhard-) Auer und (-den MSPD-Justizminister Johannes-) Timm mit. Das wäre doch eine Gelegenheit, ihn zu fangen und Auer zum Präsidenten auszurufen. Die Sache schien möglich. Es war damals schon eine starke Opposition gegen Eisner bemerkbar. Namentlich hatten die Mehrheitssozialisten (-MSPD-) es übel genommen, daß Eisner in Genf sich der Entente anbiedern wollte und Deutschland der Schuld am Kriege bezichtigt hatte. Die Mehrheitssozialisten hatten in der Regierung selbst fast nichts zu sagen; Eisner, (-Felix-) Fechenbach, (-Kurt Eisners Schwiegersohn und USPD-Minister für soziale Fürsorge Hans-) Unterleitner waren die wirklichen Regenten. Der Plan konnte gelingen, wenn Auer anwesend war, wenn genügend Bauern vorhanden waren, die den Überfall decken konnten. Sedlmeier selbst hatte etwa 15 junge Leute um sich versammelt, die bereit waren mitzutun. Es wurden Aufrufe verfaßt, die in der Druckerei des Miesbacher Anzeigers, der damals noch von Klaus Eck geleitet wurde, gedruckt wurden. Der Aufruf sollte im letzten Augenblick verteilt werden, wenn Eisner gesprochen hatte. Sedlmeier sollte sich an der Bühne aufstellen und sollte Eisner nach seiner Rede provozieren. Sebottendorff hatte es übernommen, von der anderen Seite der Bühne her ihm zu Hilfe zu kommen und Eisner gefangen zu nehmen. Ein Auto sollte den Gefangenen ins Gebirge bringen, wo er so lange festgehalten werden sollte, bis sich die neue Regierung gebildet hatte. Alles, was ein Fahrrad hatte, wurde ausgeschickt, um von den Dörfern so viel Bauern zu holen, wie es möglich war. Es sollte ihnen gesagt werden, 'daß etwas geschehen würde'. Zwei Umstände vereitelten den Plan. Eisner brachte nicht (-den bayerischen MSPD-Innenminister Erhard-) Auer mit, sondern den (-MSPD-)Kultusminister (-Johannes-) Hoffmann und den Bauernrat (-Karl-) Gandorfer (-Bruder Ludwig Gandorfer zuvor bei Autounfall verunglückt-). Dann hatten sich die Kolbermoorer Arbeiter, fast reine Kommunisten, und die Leute von der Rosenheimer Sanierung eingefunden, die sich in dicken Haufen (-rund 600 Personen auf der Galerie und-) um die Bühne drängten; es war Sebottendorff mit seinen Leuten unmöglich, an die Bühne heranzukommen. Aber das wäre noch nicht so schlimm gewesen, das Gefährliche war, man hatte (-Kurt-) Eisners Redegabe unterschätzt, hatte nicht damit gerechnet, daß (-Karl-) Gandorfer die Bauern gewinnen würde." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.64-66 - 1933)

Ersatzredner für den Innenminister: MSPD-Kultusminister Johannes Hoffmann - 1918 (Wikimedia Commons - Datei: Hoffmann Johannes 1919.jpg / o.Ang., Reichtags-Büro 1919)
Ministerpräsident Kurt Eisners Kanzlei-Sekretär Felix Fechenbach berichtet rückblickend:
"München hat ein agrarisches Hinterland. Sollte eine revolutionäre Erhebung, für die die lange Kriegsdauer und der militärische Zusammenbruch die psychologischen Bedingungen geschaffen hatten, nicht von den Bauern erstickt werden, dann konnte sie nicht gegen die Bauern, sie mußte mit ihnen durchgeführt werden. (-Kurt-) Eisner nahm deshalb noch im Oktober (-1918-) die Verbindung mit radikalen Bauern auf, vor allem mit dem blinden Bauern Ludwig Gandorfer und dessen Bruder, dem Landtagsabgeordneten Karl Gandorfer, der Eisner durch eine scharfe Oppositionsrede im Landtag aufgefallen war. Beide Brüder hatten Bauernhöfe in Pfaffenberg in Niederbayern. Der blinde (-Ludwig-) Gandorfer war ein weitgereister Mann mit stärkstem Interesse für das politische Leben, und war seit längerer Zeit Sozialist. Unabhängig von Eisner war in ihm der Gedanke einer großen Volksbewegung gereift. Er hatte Helmi Liebknecht, den Sohn Karl Liebknechts, bei sich aufgenommen, der sich am Gymnasium nicht mehr halten konnte, seit sein Vater wegen seines Kampfes gegen den Krieg ins Zuchthaus gekommen war." (Digitalisiert auf daten.digitale-sammlungen.de: Fechenbach: "Der Revolutionär Kurt Eisner - aus persönlichen Erlebnissen", S.33 - 1929)
Zu der Versammlung in Bad Aibling führt Logenmeister Rudolf Glauer/v. Sebottendorff weiter aus:
"(-Kurt-) Eisners Rede war ein Meisterstück jüdischer Verdrehungskunst. Er begann damit, daß er sich dreier Fehler bezichtigte. Er sei erstens Jude, er gehöre jenem unglücklichen Volke an, das seit Jahrhunderten in der Sklaverei lebe, das man zu keiner Arbeit zuließe und das man hasse. Gerade deswegen seien immer die Juden für die wahre Freiheit, die wahre Gleichheit eingetreten, weil sie am eigenen Leibe die unsägliche Schmach und das ganze Unglück erlitten. Er sei zweitens Preuße, Saupreuße, wie die Oberländer sagen. Aber er sei ein Feind der kritischen preußischen Denkart, ein Feind des dort herrschenden Junkertums und darum wohne er schon seit Jahren in Bayern und sein erster Ausflug ist hierher in das geliebte Oberland gewesen. Er sei drittens Sozialdemokrat. Nun kamen die bekannten Redensarten über die internationale Sozialdemokratie, die helfen würde, ein neues Deutschland in Schönheit und Würde zu bauen. Als Eisner geendet, brauste ein wilder Jubel durch den Saal, Sedlmeiers Aktion war erledigt. Sie war unmöglich, nachdem (-Karl-) Gandorfer gesprochen und den Bauern erzählt hatte, was sie alles erhalten würden. Als Gandorfer geendet hatte und die Diskussion eröffnet wurde, sprang Sedlmeier auf die Bühne und begann seine Rede: 'Salomon Kosmanowsky - vulgo Kurt Eisner - hat gesprochen.'" (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.66-67 - 1933)
Kurt Eisners Sekretär Felix Fechenbach schreibt zu dem Vorwurf der Namensänderung:
"Als in der Presse wahrheitswidrig behauptet wurde, (-Kurt-) Eisner heiße in Wirklichkeit Kosmanowsky und stamme aus Galizien, erklärte er in einer Notiz nur kurz und bündig, daß er nie anders als Kurt Eisner geheißen habe, in Berlin geboren sei, und daß auch sein Vater und Großvater Eisner geheißen hätten." (Digitalisiert auf daten.digitale-sammlungen.de: Fechenbach: "Der Revolutionär Kurt Eisner - aus persönlichen Erlebnissen", S.53 - 1929)
Rudolf Glauer/v. Sebottendorff vermerkt zum Fortlauf der Veranstaltungs-Provokation:
"Weiter kam er (-Thule-Kampfbundmitglied Leutnant Hermann Sedlmeier-) nicht, ein wilder Tumult (-und Entrüstungssturm-) erhob sich, (-der sich trotz aller Beruhigungsversuche nicht legen wollte,-) die beiden Wachen stürzten sich auf den kleinen Leutnant, (-ein paar Männer sprangen auf die Rednertribüne und Felix-) Fechenbach drängte heran - da erschien der Aiblinger Schmied im Hintergrunde, streckte seine Fäuste aus, ergriff den schmächtigen Sedlmeier am Kragen und hob ihn aus der Menge, um ihn hinter sich niederzusetzen. So konnte er (-durch eine rückwärtige Türe-) entkommen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.67 - 1933 + Münchener Post v.6.12.1918)
Die ursprüngliche Fehleinschätzung zu Kurt Eisners Redebegabung erklärt sich auch in einer Schilderung von Felix Fechenbach:
"(-Kurt-) Eisners begeisternde Persönlichkeit, der Mut und die Wahrhaftigkeit, die jedes seiner Worte charakterisierten, veranlaßte die Baseler Studentenschaft, ihn um einen Vortrag über 'Sozialismus und Jugend' zu bitten. Wie er diesen Vortrag hielt, und wie die den Saal bis auf den letzten Platz füllende Menge in ungeheurer Begeisterung wogte, so daß minutenlang die Rede unterbrochen wurde, wird jedem, der es erlebte, unvergeßlich bleiben." (Digitalisiert auf daten.digitale-sammlungen.de: Fechenbach: "Der Revolutionär Kurt Eisner - aus persönlichen Erlebnissen", S.60 - 1929)
Als Schlußfolgerung zu der Veranstaltung in Bad Aibling wird von der Übergangsregierung Eisner gezogen:
"Es gährte in der Versammlung in Aibling, sobald ein Offizier sprach. Wir dürfen die Stimmung nicht unterschätzen, namentlich, wenn die soziale Lage sich verschlechtert, wir müssen die Kraft der Massen organisieren. Bei Beschränkung der Organisation verlieren wir die Kraft." ("Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus", S.128 - 1987 + Bauer/Albrecht: "Die Regierung Eisner", S.128 - 1987)
Der am Ende gescheiterte und von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff verantwortete Entführungsversuch in Bad Aiblingen zu Gunsten des mehrheitssozialistischen Innenministers Erhard Auer läßt eine vorherige Annährung der handelnden Personen erkennen. Auch Erhard Auer scheint von der Verbindung zur Thule-Gesellschaft zu profitieren, reicht doch das Informanten-Netzwerk des bayerischen Logenmeisters schon weit in die kommunistische Organisation hinein. So berichtet Ehard Auer rückblickend:
"Der Haß der kommunistischen Anhänger gegen mich war fanatisch. Ich war ihr geschworener Feind und sie hatten mich als Hindernis für ihre Pläne erkannt. Ich wußte, daß im Revolutionären Arbeiterrat Anschläge auf mich geplant und beschlossen worden waren. Das war mir von zuverlässiger privater Seite mitgeteilt worden, und ich wurde von verschiedenen Seiten gewarnt. Einen mir von der Polizei angebotenen persönlichen Schutz habe ich abgelehnt." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.507 , S.3 - "Die Attentate im Landtag" v. 12.12.1919)
6./7. Dezember 1918 - Überfall auf Innenminister Erhard Auer
Der MSPD-Innenminister Erhard Auer berichtet:
"Heute morgen (-7.12.1918-) kurz nach Mitternacht kamen 300 bis 400 bewaffnete junge Soldaten und einige Zivilisten vor meine Wohnung (-in der Nußbaumstraße 10/3-). Nach Pfeifen, Johlen, Schreien und groben Beschimpfungen wurde von einem Redner von der Straße aus an mich die Aufforderung gerichtet, daß ich als Minister des Innern zurückzutreten habe. Bald darauf wurde an meiner Wohnungstüre gepocht und Einlaß gefordert, widrigenfalls gewaltsam geöffnet werde. Als ich öffnete, wurden mir Gewehr- und Browningläufe vorgehalten. Die Bewaffneten forderten meinen sofortigen Rücktritt. Ich verlangte, daß die Gewehre abgenommen und Brownings eingesteckt werden, was sofort geschah. Die Wohnung war bald besetzt. Ein Teil der Leute blieb auf der Stiege und auf der Straße. Wer die Führung hatte, konnte ich nicht feststellen. Es wurde ungestüm verlangt, daß ich als Minister abzutreten habe. Ueber die Frage, ob ich das schriftlich zu tun hätte oder mündlich, entspann sich unter den Leuten ein längerer lebhafter Streit. Man einigte sich darauf, daß ich die Erklärung schriftlich zu geben hätte. Darauf schrieb ich sinngemäß folgende Erklärung nieder: 'Am 7. Dezember 1918 nachts 12.15 Uhr bin ich von ungefähr 300 bewaffneten Männern in meiner Wohnung überfallen und gezwungen worden, das Ministeramt niederzulegen. Der Gewalt weichend, erkläre ich hiermit, daß ich das Amt als Minister des Innern niederlege. München, 7. Dezember 1918. E. Auer'. Ein Teil junger Soldaten, unter denen sich Leute der Landtagswache befanden, benahm sich bei der Besprechung anständig. Einige entschuldigten sich, während ein anderer Teil der Soldaten und einige Zivilisten - einer erklärte, im Namen des Arbeiterrates anwesend zu sein - böse schimpften. Bei dem Gespräch, daß ich mit den Leuten führte, wurde gesagt: In den zwei Versammlungen, in denen Herr Schröder und Sauber gesprochen, sei beschlossen worden, daß ich zu beseitigen sei. Einer von den Teilnehmern machte die Leute in der Wohnung auf die schädliche Wirkung ihres Tuns aufmerksam. Doch es war nicht möglich, die Leute von ihrem Vorhaben abzubringen. Als ich meine schriftliche Erklärung abgegeben hatte, wurde verlangt, daß ich die gleiche Erkärung vom Fenster aus auch mündlich abgebe. Nach längerem Streiten zogen die Demonstranten unter Mitnahme einiger Gegenstände und nach Durchstöberung meiner Arbeiten im Arbeitszimmer ab. Bald nachher kam wieder eine Abordnung und erklärte, es werde beanstandet, daß ich in der Erklärung gesagt habe, ich hätte der Gewalt weichend das Amt niedergelegt. Ich müsse erklären, daß ich freiwillig niedergelegt habe. Meine Antwort war, daß ich diese Erklärung nicht abgeben werde. Freiwillig hatte ich schon am letzten Montag, so sagte ich der Abordnung, mein Amt niedergelegt, doch Eisner bat mich, meine Tätigkeit fortzusetzen. Schließlich erklärte ich mich bereit, ungefähr dieses zu schreiben: 'Am Montag, den 2. Dezember 1918, hat, nachdem ich mein Amt niedergelegt hatte, Herr Eisner mich dringend gebeten, das Amt als Minister des Innern weiterzuführen. München, 7. Dezember. E. Auer'. Die von der Stadtkommandantur alarmierte Wache kam glücklicherweise zu spät und so verlief ein unüberlegter Streich ohne ernsteren Zwischenfall. Das Leib-Regiment, das von der Sache erfuhr, stellte sofort aus eigenem Antrieb eine Wache zu meinem Schutz." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Stadtanzeiger, Nr.50, S.1 - "Die Vorgänge in der Nacht vom 6. auf 7. Dezember" v. 14.12.1918)

"Dringend gebeten, das Amt als Minister des Innern weiterzuführen": Kurt Eisner mit seinem Innenminister Erhard Auer - 1919 (Beyer: "Die Revolution in Bayern", S.160 - 1988)
Beim nächtlichen Überfall mit dabei:
"Am 7. Dezember 1918 war (-der später am 21. Februar 1919 auf Innenminister Erhard Auer einwirkende Attentäter Alois-) Lindner Teilnehmer des kommunistischen Putsches gegen den Minister Auer. Der Angeklagte (-Alois Lindner-) hat sich damals einer Gruppe von Demonstranten, die ursprünglich gegen die 'Münchener Post' demonstrieren wollten, angeschlossen. Dann wurde die Parole ausgegeben, Auer zur Abdankung zu zwingen. Man begab sich zur Wohnung Auers in der Nußbaumstraße (10/3), wo bereits mehrere Gesinnungsgenossen zum gleichen Zwecke eingetroffen waren. Lindner trat vor Auer hin und nannte ihn drei oder viermal einen gemeinen Verräter.
Vorsitzender: 'Sie sollen damals geäußert haben, der Auer muß weg, den erschießen wir.'" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: "Die Attentate im bayerischen Landtag - Der Prozeß gegen Alois Lindner und Genossen vor dem Volksgericht München", S.37 - 1919)
Im Nachlauf zu dem nächtlichen Überfall bittet Erhard Auer als MSPD-Minister des Innern um die Veröffentlichung folgender Mitteilung:
"Auf die Nachricht, daß ich in der Nacht vom 7. zum 8. in meiner Wohnung von einer Schar politischer Gegner überfallen und mit Waffen bedroht wurde, sind mir von allen Seiten, aus allen Gebieten Bayerns, namentlich auch von unseren Feld- wie Garnisionstruppen, außerordentlich zahlreiche briefliche und telegraphische Kundgebungen der Anteilnahme und der Empörung über die Vorkommnisse zugegangen." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.625, S.1 - "Kundgebungen für den Minister Auer" v. 11.12.1918)
"Zur Unterfertigung des Bürgerwehr-Aufrufes erinnerte der Minister (-Erhard Auer-) daran, daß er in der Nacht zum 8. Dezember (-1918-) ohne Schutz durch die Kommandantur und Polizei den Leuten ausgeliefert war, die in der rücksichtslosesten Weise in seine Wohnung eindrangen. Es sei nicht das Verdienst irgend einer Stelle, auch keiner militärischen Stelle, daß nichts passiert sei. Der Ueberfall habe nun seine Erledigung gefunden, aber nicht etwa dadurch, daß gegen irgend einen eine Untersuchung eingeleitet worden wäre, obwohl Personen, die dabei waren, bekannt sind." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.656, S.2 - "Sitzung des Landes-Soldatenrates" v. 30.12.1918)r
Die grundsätzliche Sicherheits-Überlegung der MSPD um Innenminister Ehrhard Auer basiert auf folgender Grundlage:
"Die Mehrheitssozialdemokraten versuchen also eine Machtgrundlage zu schaffen, die ihnen die Möglichkeit gibt, ohne große Rücksichtnahme auf linksradikale Aktivisten ihre politischen Vorstellungen durchzusetzen." (Hillmayr: "Roter und weißer Terror in Bayern nach 1918", S.29 - 1974)
24. Dezember 1918
Der junge Graf Arco auf Balley, späterer Attentäter des Ministerpräsidenten Kurt Eisner, schildert in seiner Aussage vor Gericht:
"Es kam so weit, daß Minister (-Erhard-) Auer mit seiner ganzen Familie am Weihnachtsabend (-zu den Frontdelegierten-) in die Türkenkaserne fliehen mußte vor den Kommunisten, weil sie einen Anschlag gegen ihn planten. (-Auer hielt eine Lobrede auf das Leibregiment und saß dort zwischen dem späteren Eisner-Attentäter Graf Arco und Karlfried Graf Dürckheim-) Auch Auer sah, daß auf die Truppen von damals kein Verlaß mehr war. Die Truppen waren aufgehetzt, die Offiziere als Reaktionäre hingestellt. Das war natürlich bloß eine Ausrede, denn wir hatten uns alle wirklich treu für unser Vaterland eingesetzt, wir dachten nicht an König und nicht an eine Partei. Dann gründete Auer die Bürgerwehr." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Lehmann: "Der Prozeß gegen den Grafen Anton Arco-Valley", S.8 - 1920)
Freitag, 27. Dezember 1918 - Veröffentlichung des Aufrufs zu Dr. Buttmanns Bürgerwehr
Die von der Thule angemieteten Räumlichkeiten im Münchener Hotel Vier Jahreszeiten dienen während der Revolutionszeit auch weiteren Vereinigungen als Treffpunkt, die ein diskretes Umfeld auf Etage für ihre Aktivitäten zu schätzen wissen:
"Ein drittes Ereignis, das gleichfalls ergebnislos blieb, sollte für den Kampfbund der Thule bedeutsam werden. Dr. (-Rudolf-) Buttmann, früher Abgeordneter, hatte von (-Innenminister Erhard-) Auer, (-Sozialminister Johannes-) Timm und Haller die Erlaubnis bekommen, eine Bürgerwehr aufzustellen. Die drei Minister gehörten den Mehrheitssozialisten an und wollten die Bürgerwehr als Sicherung bei den kommenden Wahlen haben. Dr. Buttmann hatte wohl andere Absichten, aber er verbarg sie klug unter der Maske der Bürgerwehr. Durch das Thulemitglied Oberleutnant (-Heinz-) Kurz wurde er auf die Thule Gesellschaft aufmerksam und so kam er zu Sebottendorff und erbat sich den großen Saal (-der Thule-Gesellschaft im Hotel Vier Jahreszeiten-) zu einer Abendversammlung. Das wurde gewährt." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.68 - 1933)
In einem späteren Rückblick berichtet Dr. Rudolf Buttmann über den Vorlauf zur Bürgerwehr:
"Der sozialdemokratische Innenminister (-Erhard Auer-) mußte froh sein, wenn man ihn auf seinem Posten beließ. Daß er auch noch etwas mit diesem Posten anfangen sollte, gestatteten ihm seine eigenen Parteifreunde nicht. Der Erlaß vom 12. November (-1918-) wurde ihm von seinen Genossen schon schwer verübelt. Als ich, auf diesen und auf - wie ich zugeben mußte - reichlich unverbindliche Zusagen des Ministeriums gestützt, (-ab dem 24. November 1918-) den neuen 'Stadtkommandanten', einen gewissen (-Gewerkschaftssekretär Oskar-) Dürr, aufsuchte, fuhr mich dieser an, die Bildung einer bewaffneten Bürgerwehr könne uns gegenrevolutionären Offizieren wohl passen. Ich entgegnete ihm, wenn wir je an Gegenrevolution gedacht hätten, so sei an eine solche angesichts des offenkundigen Versagens aller führenden Persönlichkeiten des alten Regimes und der jämmerlichen Haltung des Bürgertums gewiß nicht mehr zu denken. Wir hätten nur den Wunsch, die von führenden Sozialdemokraten selbst ausgegebene Parole 'Sicherung der Wahlen zum Nationalrat' durchzuführen. Tatsächlich hatten unter den Mitgliedern meiner Organisation einige später aufgenommene an ihren Eintritt die Bedingung geknüpft, für eine Wiederherstellung des Königtums nicht eingesetzt zu werden, und ich hatte in klarer Erkenntnis des Versagens aller auf solche Dinge gesetzten Hoffnungen Verzicht auf eine bewaffnete Gegenrevolution geleistet. Als ich Herrn Dürr erwiderte, er als verantwortlicher Stadtkommandant müsse die Unzulänglichkeit, ja die Gefährlichkeit der ihm zur Verfügung stehenden Organisationen kennen, entgegnete er mir wörtlich: 'Die Revolution geht weiter. Ich bin lediglich Sozialist und als solcher auf den Posten eines Stadt-Kommandanten gestellt. Euch Gegenrevolutionäre müßte man alle an die Wand stellen.' Nicht ganz so brutal im Auftreten, aber von derselben Einstellung war der 'Polizeipräsident' (-und Gewerkschaftsvorsitzende Josef-) Staimer. Verhandlungen mit diesem führten ebensowenig zu einem Erfolg. Der (-Staats-)Minister für militärische Angelegenheiten, der sozialdemokratische Abgeordnete (-Albert-) Roßhaupter, hatte seine Zustimmung zur Bildung einer Bürgerwehr gegeben. Dürr fuhr unwillig auf, als ich ihm dies vorhielt, und meinte: 'Was solche Parteibonzen wie Roßhaupter Ihnen zugesagt haben, geht mich nichts an. Ich bin Stadtkommandant und gebe den Bürgern keine Waffe in die Hand. Das Bürgertum darf nur zusehen, wie die Revolution weitergeht.' Nach solchen Erfahrungen war die Notwendigkeit erst recht gegeben, zu organisieren und Waffen zu bekommen. Hauptmann (-Christian-) Roth, der spätere Justizminister, Verlagsbuchhändler (-und völkisches Mitglied der Alldeutschen Julius Friedrich-) Lehmann, Kaufmann Rau waren von Anfang an mit meinen Plänen einverstanden und förderten mein Unternehmen nach besten Kräften, wozu der Erstgenannte (-Christian Roth-) als Leiter der Politischen Abteilung des Stellvertretenden Generalkommandos trotz der ihm beigegebenen Ueberwachungsorgane am meißten in der Lage war. Allmählich fanden sich auch Männer, deren Namen in der Bürgerschaft Klang hatten, zur Unterzeichnung eines Aufrufs zur öffentlichen Bildung einer Bürgerwehr bereit. Ich klopfte damals, im November und Dezember 1918, an sehr sehr vielen Türen in München an. Trotzdem ich mich auf behördliche Erlaubnis berufen konnte und nur der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Aufrufs infolge der unklaren Machtverhältnisse innerhalb der Regierung (-Eisner-) noch hinausgeschoben werden mußte, waren die wenigsten zum Anschluß zu bewegen. Ich erlebte die komischsten und die jämmerlichsten Geschichten, Unterschriften wurden gegeben und unter lächerlichen Begründungen tags darauf zurückgezogen. Das Spießbürgertum in der Beamtenschaft und in den freien Berufen lernte ich in jenen Wochen gründlich verachten. Um so dankbarer bin ich Zeit meines Lebens den wenigen Männern, die damals den Mut fanden, die Sache der Bürgerwehr zu fördern oder gar selbst mitzutun. Wie es in Deutschland bis auf den heutigen Tag immer zu gehen pflegt, gründeten sich nach und nach ähnliche Organisationen, die aber, und das war das Erfreuliche an der Sache, ihren Anschluß an die Bürgerwehr erklärten, nachdem sie sich von der Zwecklosigkeit des Nebeneinander überzeugt hatten. Listen wurden in meiner Organisation nicht geführt. Ich hatte einige Dutzend Namen und Adressen im Kopf und jeder von diesen Männern wieder andere ebenso. Wir hielte keine Sitzungen ab, sondern trafen uns in kleiner Zahl öffentlich und privat, um uns auf dem laufenden zu halten. Namentlich die Gewerkschaften sollten zur Mitarbeit gewonnen werden, ehe an eine Veröffentlichung des Aufrufes gedacht werden konnte. Hier aber gab es große Schwierigkeiten. Bei einer Besprechung am Abend des 30. November (-1918-) im Gewerkschaftshaus in der Pestalozzistraße, bei der Herr Dürr anwesend sein mußte, hatte dieser seinen völlig ablehnenden Standpunkt mit großer Entschiedenheit vertreten. Unter anderem hatte er ausgerufen: Nächstens werde Oberst Epp an die Wand gestellt. (Dieser, bekanntlich der letzte Kommandeur des Infanterie-Leibregiments, stand aber in keinem Zusammenhang mit der Bürgerwehr und war von mir auch gar nicht genannt worden.) Die christlichen Gewerkschaften waren bereit, mitzutun, unter der Voraussetzung, daß die sog. freien, d. h. sozialdemokratiischen Gewerkschaften sich ebenfalls beteiligten. Deren Führer Schiefer jedoch war offenbar infolge gelegentlicher persönlicher Erfahrungen im Felde von vornherein offiziersfeindlich und voll Mißtrauen. Alle Anerbietungen zur Sicherheitsleistung, daß die Bürgerwehr keine Gegenrevolution machen werde, prallten an ihm ab.
Der Minister für militärische Angelegenheiten, Roßhaupter, empfing mich am 3. Dezember (-1918-) im Gegensatz zu der freundlichen Art, in der er mir am 29. November die Waffenzuteilung zugesagt hatte, höchst gemessen und kühl. Als ich ihm die Aeußerungen des 'Stadtkommandanten' mitteilte, meinte er: 'Da hat Herr Dürr mal wieder Viechereien gemacht; er ist überhaupt zurzeit nervös überreizt. Wenn der Dürr eine Bürgerwehr in München nicht für nötig hält, dann gibt's keine Waffen. Ich selber fürchte weder eine Bewegung von rechts noch von links. Nur das Bürgertum hat Angst.' Der Vorgesetzte (-Roßhaupter-) stand offenbar unter dem Terror seines Untergebenen (-Dürr-). Ich erwiderte ihm: ' Wenn wir auch auf die Veröffentlichung unseres Aufrufs zunächst verzichtet haben und jetzt auch auf die Ausfolgung von Waffen durch die Behörden verzichten müssen, so halten wir doch an der Notwendigkeit einer Bürgerwehr fest, nicht aus Angst, sondern aus Liebe zu unserem Volk, das noch schweren Tagen entgegengeht, wo man uns braucht. Dazu bleiben wir entschlossen.' Roßhaupter aber flüchtete auf den Speicher des Landtagsgebäudes, als am 22. Februar 1919 der rote Schrecken seinen ersten Wutausbruch fand, und erlitt einen 'Nervenzusammenbruch'!" (Dr. Rudolf Buttmann in Illustrierter Beobachter, Nr.20, S.283/284 - "Erinnerungen aus der bayerischen Revolution" v. 30.10.1927)
"Um 1/2 6 früh seien die Herren (-Rudolf-) Buttmann und (-Heinz-) Kurz, zwei Offiziere, in die Wohnung der beiden Minister (-Erhard Auer und Johannes Timm-) gekommen und hätten mit Rücksicht auf die Gefahr des Bürgerkrieges" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.656, S.2 - "Sitzung des Landes-Soldatenrates" v. 30.12.1918)

Forsches Vorgehen in Sachen Bürgerwehr: Initiator Dr. Rudolf Buttmann - 1927 (Illustrierter Beobachter, Nr.7, S.99 - "Die oberbayerischen und schwäbischen Ortsgruppenführer in München" v. 15.4.1927/ Hoffmann)
Der völkische Verleger Julius Friedrich Lehmann ist bei der Bürgerwehr-Gründung dabei. Seine Frau erinnert sich:
"Anfang Dezember (-1919-) bildete sich in München im Stillen (-um Dr. Rudolf Buttmann-) eine Bürgerwehr, die den Gewalttaten der Spartakusgruppe, die hintereinander verschiedene Versammlungen mit bewaffnetem Eindringen gestört hatte, entgegentreten wollte. Julius Lehmann arbeitete eifrig und mit Freuden mit; man hoffte, bis zur nächsten Unternehmung der Spartakusleute, die man vor den Wahlen (-Anfang 1919-) erwartete, soweit organisiert und gerüstet zu sein, daß man ihre Absicht vereiteln könnte." (Melanie Lehmann: "Verleger J. F. Lehmann - Ein Leben im Kampf für Deutschland", S.47 - 1935)
Innenminister Erhard Auer (SPD) umreißt seine Vorstellungen zu den hauptsächlichen Aufgaben der geplanten und von ihm befürworteten Bürgerwehr noch kurz vor dem öffentlichen Aufruf in einem Brief an Gewerkschaftsekretär Schiefer:
"Schutz der Wählerlisten, ordnungsgemäße Durchführung der Wahlen und ungehinderte Tagung der Nationalversammlung." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.656, S.2 - "Sitzung des Landes-Soldatenrates" v. 30.12.1918)
Zu seinen Überlegungen und dem Gründungsaufruf betont der Minister des Innern:
"In den letzten Tagen seien dann noch die Nachrichten von den Vorgängen in Berlin gekommen. Der Minister schilderte dann die Schreckensherrschaft der Bolschewisten in Rußland und verwies darauf, daß wir auch in Deutschland Ansätze dafür haben. Mit russischem Gelde sollen Verbrecher gedungen und junge Leute mißbraucht werden. Gegen die Führer soll Mißtrauen gesät werden, um so den Resonanzboden zu schaffen für eine verbrecherische Tätigkeit. Die Geldmittel seien auch bereits in München.(...) Minister Auer teilte dann mit, daß der Satz in dem Bürgerwehr-Aufruf: 'zum Zwecke, die bestehende Staatsform gegen jeden Angriff zu verteidigen' auf sein Verlangen in dem Aufrufe eingefügt wurde und daß ihm vorgeschwebt habe, eine Verständigung der Bürgerwehr mit den Soldaten in den Kasernen und mit der republikanischen Schutztruppe herbeizuführen. Auch sei mit der Bürgerwehr darüber verhandelt worden, daß sich ein Teil der Leute für den Fall eines Putsches als Geiseln zur Verfügung stellt.(...) In der Bekanntmachung heiße es ausdrücklich: 'Wegen Bewaffnung der Bürgerwehr wäre mit der Feldzeugmeisterei ins Benehmen zu treten'." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.656, S.2 - "Sitzung des Landes-Soldatenrates" v. 30.12.1918)
In den Ausführungen des Logenmeisters Rudolf Glauer/v. Sebottendorff heißt es zu der ersten Zusammenkunft der Vertrauensmänner unter Leitung von Dr. Rudolf Buttmann weiter:
"Die Versammlung (-der Bürgerwehr in den Thule-Räumen des Hotels Vier Jahreszeiten-) fand am Abend (-des 27. Dezember 1918-) statt. Man hatte, um das Geheimnis der einzelnen Beteiligten zu wahren, die Teilnehmer nicht genügend geprüft und so hatte sich ein Leutnant Kranold eingeschlichen, der im Kriegsministerium Dienste tat und der von der Gründung erfahren hatte. Oberstleutnant Haak setzte an diesem Abend auseinander, wie München gegen einen Putschversuch von innen verteidigt werden müsse, er gab an, welche Sicherungen zu ergreifen wären, wo man Posten aufzustellen habe, dann wurde beschlossen, am nächsten (-Sonnabend-)Mittag wieder in der Thule zusammen zu kommen und die Abteilungen zu bilden. Da alle anderen Anwesenden hierzu notwendig waren, übernahm es Sebottendorff, in dem bereits von Dr. Buttmann gemieteten Werbebüro am Kühbogen die ersten Werbungen zu leiten." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.68 - 1933)
Aus der rückwärtigen Perspektive des Bürgerwehr-Initiators findet die Thule-Gesellschaft keine Erwähnung, dennoch deckt sich der Gründungs-Verlauf mit der Schilderung des Logenmeisters. Dr. Rudolf Buttmann schreibt:
"Am Abend (-des 27. Dezember 1918-) fand die erste Sitzung von Vertrauensmännern der Bürgerwehr statt, in der zunächst Herr Oberstleutnant Haack, der als militärisch-technischer Leiter gewonnen worden war, darlegte, wie die Sicherungsaufgaben der Bürgerwehr im Falle eines Putsches durchgeführt werden sollten." (Dr. Rudolf Buttmann in Illustrierter Beobachter, Nr.20, S.284 - "Erinnerungen aus der bayerischen Revolution" v. 30.10.1927)
Der teilnehmende Oberstleutnant Haack selbst beschreibt die Situation rückblickend:
"Haack teilt mit, daß diese Besprechung 'in einem Nebenraum des Hotels Vier Jahreszeiten' stattgefunden hat, der 'von irgendeiner freimaurerischen Gesellschaft, deren Name mir nicht mehr erinnerlich ist', benutzt wurde . 'Im Verlauf der Besprechung nahm ich Veranlassung, etwa notwendig werdende militärische Maßnahmen an Hand eines Stadtplanes zu erörtern, wenn bei den Bestrebungen, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, seitens der radikal Gesinnten Widerstand geleistet werden sollte." (Bay HStA, Abt.IV,HS 2176, Manuskript Haack, S.5/Rückseite + Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.82 - 1994)
"Im Anschluß daran gab ich einen kurzen Überblick über die bisherige Entwicklung der Organisation. Eisner war mit Auer (-nach Stuttgart-) verreist, so daß der Ministerrat erst in einigen Tagen zusammentreten konnte. Zum ersten Vorstand der nunmehr öffentlichen Organisation wurde ich, zum zweiten Vorstand Herr Kaufmann Rau gewählt. Eine Fortsetzung der Besprechung wurde auf den nächsten Tag angesetzt. Mit dieser ersten Sitzung der Vertrauensmänner der Bürgerwehr war die Katastrophe eingeleitet. Durch die Unvorsichtigkeit und Vertrauensseligkeit eines Vertrauensmannes hatte ein Spion Zutritt erlangt, der, da ein Mitschreiben ausdrücklich verboten war, aus dem Gedächtnis nach Schluß der Sitzung ein 'Protokoll', das von Entstellungen und tendenziösen Fälschungen wimmelte, anfertigte. Dieses Protokoll, das sowohl dem Militärminister, wie bezeichnenderweise dem nachmals so berüchtigt verbummelten jüdischen Studenten (-Ernst-) Toller, Mitglied des sog. Provisorischen Nationalrats, zugeleitet wurde, veranlaßte meinen alten 'Freund' Staimer dazu, die in demselben (-Thule-)Raum am anderen Vormittag wieder versammelten Vertrauensmänner der Bürgerwehr durch Matrosen verhaften und ins Polizeipräsidium auf Lastautos unter Geheul und Gejohle der Menge abführen zu lassen." (Dr. Rudolf Buttmann in Illustrierter Beobachter, Nr.20, S.284/285 - "Erinnerungen aus der bayerischen Revolution" v. 30.10.1927)
28. Dezember 1918 - Verhaftungen in den Thule-Räumen
Über den zweiten Versammlungstag der Bürgerwehr in den Thule-Räumen des Hotels Vier Jahreszeiten führt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff weiter aus:
10:00
"An diesem Morgen (-28. Dezember 1918-) meldeten sich auf Grund der bereits angeschlagenen Plakate weit über 300 Mann, die durch Handschlag gegen jeden Putschversuch, komme er von rechts oder links, verpflichtet wurden. Die Namen und Wohnungen wurden in eine Liste eingetragen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.68 - 1933)
12:00
"Um 12 Uhr schloß Sebottendorff das Werbebüro und begab sich nach den 'Vier Jahreszeiten', wo er von dem zuverlässigen Portier Sell erfahren mußte, daß eben 35 Leute durch die Republikanische Schutzwehr ausgehoben und nach dem Polizeipräsidium gebracht worden seien. Leute vom Beobachter seien nicht mitverhaftet worden.(...) Dr. Buttmann war es gelungen, durch den ihm gezeigten zweiten Ausgang der Thuleräume zu entfliehen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.69 - 1933)
Dr. Rudolf Buttmann umschreibt die Situation später aus seiner Perspektive:
"Ich hatte mich bei einer Besprechung im Landtag verspätet und entging dadurch zunächst dem Schicksal, ebenfalls (-in dem Thule-Versammlungsraum-) verhaftet zu werden. Meine erste Sorge galt der Befreiung meiner Kameraden. Der (-MSPD-)Innenminister (-Erhard-) Auer wurde mit dem Abendschnellzug von Stuttgart zurückerwartet. Ich fuhr dem Zug bis zur Station Pasing mit zwei Kameraden entgegen und versuchte, den Stationsvorsteher zu veranlassen, den Zug in Pasing zu stellen. Denn Auer wurde am Münchner Bahnhof bereits von einer Rotte der Tollerleute 'erwartet'. Der Zug wurde auch tatsächlich zum Halten gebracht, ich suchte Herrn Auer in dem überfüllten Zug, fand ihn auch glücklich und veranlaßte ihn durch ein zwischen uns für den Fall der Not vereinbartes Stichwort zum Aussteigen. Ich erzählte ihm, was geschehen war, und forderte ihn auf, als Polizeiminister für sofortige Freilassung der gefangenen Vertrauensmänner zu sorgen. Er versprach mir das nicht nur, sondern erklärte sogar, es sei ihm ganz recht, einmal mit Eisner abrechnen zu können. Ich hatte den Eindruck von ihm, daß er Eisners erklärter Gegner war. Er versprach mir, sofort die Freilassung der Verhafteten zu verfügen und seine Einstellung gegenüber der Bürgerwehr aufrechtzuerhalten und durchzusetzen." (Dr. Rudolf Buttmann in Illustrierter Beobachter, Nr.20, S.285 - "Erinnerungen aus der bayerischen Revolution" v. 30.10.1927)
"Minister des Innern (-Erhard-) Auer erklärte, überrascht gewesen zu sein, als er, von Stuttgart zurückkehrend, hörte, was in München die Hysterie wieder für Unheil angerichtet habe. Er habe die Erfahrung machen müssen, und diese sei durch Verhandlungen, die er mit einem Herrn aus dem Auslande hatte, bestätigt worden, daß wir ohne Ruhe und Ordnung weder Brot noch Frieden bekommen werden." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.656, S.2 - "Sitzung des Landes-Soldatenrates" v. 30.12.1918)
16:00
"Es gelang Sebottendorff am Nachmittag (-des 28.12.1918-), bei (-USPD-Ministerpräsident Kurt-) Eisner vorgelassen zu werden und von ihm einen schriftlichen Befehl zu erhalten, daß die Verhöre sofort zu beginnen hätten. Er legte auf dem Polizeiamt seine Werbelisten vor und gab an, daß er die Leute gegen jeden Putschversuch, komme er von links oder rechts, verpflichtet habe." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.69 - 1933)
21:00
"Inzwischen waren die Verhafteten, deren Zahl sich nach und nach auf vierzig erhöhte, vernommen worden, ohne daß sich irgendwie Belastendes ergeben hätte. Auch Haussuchnungen wurden bei ihnen vorgenommen, wobei einem Herrn eine Brieftasche mit 300 M. Inhalt aus dem Schreibtisch gestohlen wurde - von den Organen der öffentlichen Sicherheit! Herr (-Julius Friedrich-) Lehmann wurde erst am sechsten Tage der Haft vom Untersuchungsrichter vernommen und auf freien Fuß gesetzt, am Tage darauf endlich auch Herr Oberstleutnant Haack. Die anderen Herren waren vorher in Freiheit gesetzt worden." (Dr. Rudolf Buttmann in Illustrierter Beobachter, Nr.20, S.285 - "Erinnerungen aus der bayerischen Revolution" v. 30.10.1927)

Reaktionäres Engagement für die Münchener Bürgerwehr: Landtagsbibliothekar Dr. Rudolf Buttmann - 1927 (StadtAA/40002/Schriftdokumentation/608 - Hoffmann: "Deutschlands Erwachen - 2. Teil", S.24 - 1927 + Wikipedia - Datei: ButtmannRudolf.jpg / o.Ang., Reichstags-Handbuch + //bildarchiv.bsb-muenchen.de: Bildarchiv Hoffmann, hoff-668)
"Minister Auer bezeichnete es als eines freien Volksstaates unwürdig, daß bei der Verhaftung nicht einmal die Normen eingehalten werden, wie sie der alte Staat einhielt, daß nämlich innerhalb von 24 Stunden der Verhaftete dem ordentlichen Gericht zugeführt wird." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.656, S.2 - "Sitzung des Landes-Soldatenrates" v. 30.12.1918)
"Um 9 Uhr waren 33 Leute verhört und konnten bei Würstchen, Bier und Zigaretten, die Sebottendorff besorgt hatte, ihre Freilassung erwarten. Festgehalten wurden (-der völkische-) Verlagsbuchhändler (-und Mitglied des Alldeutschen Verbandes Julius Friedrich-) Lehmann, bei dem man Waffen gefunden und Oberstleutnant Haack, der die bekannte Rede (-in den Thule-Räumen-) gehalten hatte. Gegen diesen lagen die von Kranold gemachten falschen Angaben vor. Lehmann und Haack wurden nach Stadelheim gebracht und mußten mehrere Wochen dort in Untersuchungshaft verbringen.(...) Die 33 verhafteten jungen Leute, unter denen sich neben (-Heinz-) Kurz, der Ingenieur Werner, Leutnant (-Leo-) Parcus, Ahrens und (-Leutnant Karl-) Schwabe befanden, schlossen sich dem (-Thule-)Kampfbunde an." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.69 - 1933)
Weiter wird über den Vorfall in den Münchner Hotel-Räumlichkeiten berichtet:
"Als die staatlichen Sicherheitsorgane am 27. Dezember 1918 eine in den Clubräumen der Thule-Gesellschaft im Hotel 'Vier Jahreszeiten' stattfindende Versammlung der Initiatoren der Bürgerwehr infiltrieren konnten und dabei über das Ausmaß der Verschwörung Kenntnis erhielten, wurde am folgenden Tag eine weitere Versammlung dieses Zirkels ausgehoben. 40 führende Bürgerwehr-Organisatoren wurden verhaftet." (historisches-lexikon-bayerns.de: Bürgerwehraffäre 1918)
"Ueber die am Samstag erfolgten Verhaftungen in München teilte Sauber mit, daß rund 40 Mann verhaftet worden seien. Es sei ein erdrückendes Beweismaterial dafür vorhanden, daß in Wirklichkeit die Konterrevolution marschiert sei und daß dafür alle Einzelheiten genau festgesetzt gewesen seien. In derselben Sache habe man versucht, zwei Minister (Auer und Timm) hineinzulegen." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.656, S.2 - "Sitzung des Landes-Soldatenrates" v. 30.12.1918)
Der als Gastgeber für die Bürgerwehr fungierende Rudolf Glauer/v. Sebottendorff vermerkt an anderer Stelle zu den Verhaftungen in den Thule-Räumlichkeiten:
"Einen besonderen Auftrieb erhielt die (-Thule-)Bewegung durch das Aufheben der Bürgerwehr, die am 27. Dezember 1918 von Dr. Rudolf Buttmann in den Räumen der Thulegesellschaft gegründet wurde und die durch den Leutnant Kranold veraten worden war. Dadurch, dass Sebottendorf für die Gefangenen Leute sofort einsprang und sie noch am selben Tage freimachen konnte (bis auf Zwei: den Verlagsbuchhändler Lehmann und den Oberstleutnant Haack), gewann er das Vertrauen der 35 gefangen gewesenen Leute. Es kam der Thulemann Oberleutnant Heinz Kurz in die Bewegung des Kampfbundes, der nun als Zwischenglied funktionierte." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.14, Bl.2 - Sebottendorff über "Thulegesellschaft, Beobachter, Freikorps Oberland")
In dem späteren Prozess gegen den Eisner-Attentäter kommt zur Sprache, dass auch der Angeklagte Graf Arco auf Valley in die Aktivitäten der Bürgerwehr involviert war. Möglicherweise gehörte er zu den 35 in den Thule-Räumlichkeiten gefangen genommenen Mitgliedern, von denen nach der Freilassung einige den Aufnahmeantrag in den Thule-Kampfbund beantragten:
"Zur Unterstützung der Niederschlagung der Revolution trat Arco-Valley im Dezember 1918 der von Rudolf Buttmann neu gegründeten und von den Ministern Erhard Auer und Johannes Timm anfänglich unterstützten Bürgerwehr bei." (StAM, StA 2295/2, Protokoll Hauptverhandlung gegen Arco-Valley vom 15./16.1.1920, Prozessaussage Arco-Valley, Bl.633 + Tucher: "Der Mord an Kurt Eisner", S.8 - 2021)
Sonntag, 29. Dezember 1918 - Münchener Landtag: Öffentliche Sitzung des Landes-Soldatenrates
Innenminister Erhard Auer (MSPD) erklärt:
"Er halte es zwar für falsch, aber er könne es verstehen, daß sich die Soldaten durch die Bürgerwehr gekränkt fühlen. Er höre nun, daß sich in die Bürgerwehr alldeutsche Elemente (-Julius Fr. Lehmann-) eingeschlichen haben. Es sei erklärt worden, daß nur Leute genommen werden, die durch ihre politische Vergangenheit die Gewähr bieten, daß reaktionäre Einflüsse nicht zur Geltung kommen. Er habe den Aufruf unterschrieben unter dem Eindruck der Berliner Verhältnisse, unter dem Eindruck des Erlebens, das er und seine Familie seit Wochen durchmachen, und unter dem Eindruck seiner Wahrnehmung, daß die Organisation in München äußerst mangelhaft ist." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.656, S.2 - "Sitzung des Landes-Soldatenrates" v. 30.12.1918)
Als Kurt Eisners Staatskanzlei-Sekretär erklärt Felix Fechenbach im Verlauf der Sitzung:
"Fechenbach (München) anerkannte, daß Minister Auer vom besten Wollen getrieben worden sei, aber in der Politik komme es nicht auf den Willen, sondern auf die Wirkung an. So sei es eine Wirkung des Aufrufes gewesen, daß bereits von den ganz links stehenden Elementen eine rote Garde gebildet werde.(...) Man müsse aber verlangen, daß Auer öffentlich seine Unterschrift zurückziehe.(...) Das Schlimmste wäre es, wenn die Diktatur der A.(-rbeiter-) u. S.(-oldaten-)-Räte käme. (Lebhafte Beifallsrufe und Rufe: 'Er ist umgefallen, er hat sich reformiert.') Fechenbach erklärte, daß er immer auf dem Standpunkt gestanden sei, daß uns eine Diktatur der Räte niemals den Frieden bringen kann.
Minister Auer bemerkte, daß die A. u. S.-Räte nicht berufen sind, den Staat aufzubauen; sie würden ein klägliches Fiasko machen. Das ganze Volk müsse es tun." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.656, S.2 - "Sitzung des Landes-Soldatenrates" v. 30.12.1918)
Januar 1919 - Durchsuchung bei der Thule-Gesellschaft
Im Nachlauf zu den Bürgerwehr-Verhaftungen ergeben sich konkrete Anhaltspunkete zu Waffensammlungen. Die Räumlichkeiten der Thule-Gesellschaft werden daraufhin, vermutlich im Januar 1919, erneut durchsucht:
"Das aktivste und vorwärtstreibende Element des ganzen (-Thule-)-Kreises war der Verlagsbuchhändler (-Julius Fr.-) Lehmann, der immer und immer wieder mit neuen Gedanken und Plänen kam. Lehmann war als Alldeutscher in München bekannt und wurde von allen Parteien dementsprechend gehaßt. Er hatte für alle Fälle Waffen beschafft und in der Thule war ein Hauptdepot. Diese Waffen bildeten den Anlaß zu einer kleinen Episode, die nicht verschwiegen werden soll. Sebottendorff war mit seiner Frau (--) und Frl. (-Käthe-) Bierbaumer zum Mittagessen eingeladen worden und als der Kaffee, damals eine Seltenheit, kommen sollte, ergriff ihn eine plötzliche Unruhe, die ihn zwang, aufzustehen, wegzugehen und nach dem (-Hotel-)Büro in der Marstallstraße zu fahren. Dort war alles ruhig, nur die Sekretärin Anni Molz war da. Mit ihr ging Sebottendorff daran, die unter den Podien verborgenen Waffen zu sammeln und sie in Form von Schreibpapierbogen zu verpacken. Die einzelnen Pakete wurden dann im Büro aufgestapelt, so daß die aufgeschlagene Tür sie verbarg. Kaum war die Arbeit getan, als es klingelte und der (-in der Frühlingstr. 17 ansässige Münchner-) Buchdruckereibesitzer (-Hans-) Stiegeler erschien, der um einige Mauserpistolen bat. Stiegeler ist in der völkischen Bewegung durch sein Buch 'Deutschlands (-Des Deutschen Volkes-) Werdegang (-Ein völkischer Rück- und Ausblick-)' und durch seinen (-Deutschvölkischen Urda-Bund-) Verein 'Urda' bekannt. Sebottendorff packte ihm zwei Pistolen und die notwendige Munition in die Aktentasche, er selber nahm sich zwei Pistolen mit, entließ Frl. Molz und verschloß die Thule. Als die beiden Herren von der Marstallstraße in die Maximilianstraße einbogen, fuhr ein Lastauto mit Republikanischer Schutzwehr um die Ecke und hielt vor dem (-Hotel-Seiten-)Eingang zur Thule-Gesellschaft. 'Die wollen zu mir', sagte Sebottendorff, 'bitte, Herr Stiegeler, nehmen Sie meine Aktentasche, ich muß zurück und sehen, was da los ist.' 'Sie werden doch nicht so verrückt sein und sich in den Rachen der Bestien werfen?' Doch, Herr Stiegeler, ich muß wissen, was da los ist. Bitte nehmen Sie die Tasche und seien Sie heute um 10 Uhr (-abends-) im Paulaner. Bin ich bis 10 Uhr nicht dort, so gehen Sie zu Rechtsanwalt (-und Mitglied der Thule Hanns-) Dahn oder (-Mitglied der Thule-) Dr. (-Georg-) Gaubatz und melden Sie, damit man weiß, wo ich bin!' Gesagt, getan. Als Sebottendorff die Treppe hinaufkam, hörte er gerade, daß man mit Schlüsseln die Tür zu öffnen versuchte. Er fragte: 'Was macht Ihr denn da?' 'Ja, was willst Du denn hier?' war die Gegenfrage. 'Na, erlauben Sie, ich bin doch der Inhaber der Räume hier.' 'So, wir haben Befehl, nach Waffen zu suchen.' 'Bitte, treten Sie ein.' Sebottendorff schloß die Tür auf, es begann eine eingehende Untersuchung. Alles, selbst die Heizung, der Flügel, das Harmonium wurden geöffnet, die Podien in der Loge emporgehoben. Wie froh war Sebottendorff, daß er am Nachmittage die Waffen anderweitig untergebracht hatte! Als man nichts fand, erbat sich Sebottendorff eine Bescheinigung, daß die Durchsuchung ergebnislos gewesen sei, die ihm auch gegeben wurde. Trotzdem nahm man ihn mit nach dem Polizeipräsidium. Dort fragte man ihn, was die Thule-Gesellschaft sei. Er gab sie als Sportclub aus und da er sich als türkischer Staatsangehöriger legitimieren konnte, entließ man ihn bald wieder. Im Paulaner traf er Stiegeler, der schon Dahn benachrichtigt hatte, und diesen selber an." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.62-64 - 1933)
12. Januar 1919 - München
Bei den bayerischen Landtagswahlen erleidet die USPD unter Ministerpräsident Kurt Eisner eine empfindliche Niederlage.
18. Januar 1919 - Hotel Vier Jahreszeiten
"Am (-Sonnabend-) 18. Januar 1919 wurde in den (-Hotel-)Räumen der Thule-Gesellschaft der national-sozialistische Deutsche Arbeiterverein gegründet. Schriftsteller Karl Harrer war erster, Metalldreher Anton Drexler zweiter Vorsitzender." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.81 - 1933)
In seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv notiert Gottfried Grandel im Jahre 1941 rückblickend:
"Adolf Hitler hatte ich kurz vorher (-1919-) in der Thule-Gesellschaft im (-Münchener-) Hotel Vier Jahreszeiten kennen gelernt und hörte ihn da (-nach dem Vortrag von Gottfried Feder?-) als Diskussionsredner zum erstenmale sprechen. Auch Anton Drexler begegnete mir dort (-am 18. Januar 1919?-) und erklärte mir die Ziele seiner 'Deutschen Arbeiterpartei'." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/587, Bl.1/2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
26. Januar 1919 - Hotel Vier Jahreszeiten
"Die Gesellschaft der Offiziere des Beurlaubtenstandes hält mit Genehmigung des Ministeriums für militärische Angelegenheiten am 26. Januar (-1919-) vormittags 11 Uhr im Saale des Hotels Vier Jahreszeiten, Eingang Marstallstraße, eine Willkomm- und Gedenkfeier zur Begrüßung der zurückgekommenen Kameraden und zur Ehrung ihrer gefallenen Mitglieder ab." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.36, S.3 - "Heimkehrfeier" v. 22.1.1919)
13. Februar 1919 - Hetze gegen den Ministerpräsidenten Kurt Eisner
"Als Eisner nach München zurückkam, war die öffentliche Meinung vergiftet durch die unwahre Berichterstattung über sein Auftreten in Bern. Die Hetze gegen ihn hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Wahnsinn der Lüge feierte Orgien. Als Eisner am 13. Februar (-1919-) in einer öffentlichen Versammlung in München über die Berner Konferenz sprach, waren am gleichen Tage von Studenten gedruckte Zettel verteilt worden, auf denen zu lesen war:
'Kommilitonen! Alle Kommilitonen, die im Felde gestanden sind, werden hiermit aufgefordert, vollzählig in der Versammlung von Kurt Eisner, Donnerstag, den 13. Februar, abends 6 Uhr im Deutschen Theater zu erscheinen, um in aller Form Bewahrung einzulegen, daß der derzeitige Ministerpräsident es in Bern gewagt hat, gegen die Freigabe aller unserer kriegsgefangenen Kommilitonen einzutreten. Mach hurtig, Landvogt, deine Uhr ist abgelaufen. - Schiller, Wilhelm Tell.'
Das war Aufforderung zum Mord. Nur der Wachsamkeit einiger Anhänger Eisners war es zu danken, daß er nicht schon an diesem Abend ermordet wurde." (Digitalisiert auf daten.digitale-sammlungen.de: Fechenbach: "Der Revolutionär Kurt Eisner - aus persönlichen Erlebnissen", S.61 - 1929)
Auch der distanziert zu dem Ministerpräsidenten Kurt Eisner stehende Innenminister Erhard Auer (MSPD) steht im Fokus der Kontroverse. Seine Frau berichtet:
"Die Wochen vorher (-vor dem 21. Februar 1919-) schon waren zahlreiche telephonische Anrufe in die Wohnung (-Nußbaumstraße 10/III-) von Auer gekommen, auch private Besuche hatten sich eingefunden, die immer wieder darauf hinwiesen, Auer solle entweder nicht mehr in seine Wohnung zurückkehren oder nicht ohne Begleitung fortgehen, weil im Revolutionären Arbeiterrat beschlossen worden sei, ihn zu beseitigen. Mein Mann erklärte mir, wenn ich ihm meine Befürchtung aussprach, die Leute seien sehr nervös, es bestehe keine Befürchtung. Möglicherweise wollte er mich damit beruhigen." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Bayerische Staatsbibliothek: "Die Attentate im Bayerischen Landtag", S.43 - Zeugenaussage von Sophie Auer - 1919)
Mitte Februar 1919
Der 22-jährige Graf Arco auf Balley, späterer Attentäter des Ministerpräsidenten Kurt Eisner, schildert in seiner Aussage vor Gericht:
"Die zweite Revolution stand vor der Türe. (-Erich-) Mühsam hatte mit Eisner schon die erste Revolution gemacht, also mußte ich annehmen, daß die beiden unter einer Decke steckten. Außerdem sagte Eisner in dieser Zeit in einer Rede: 'Wenn ich nicht mehr Ministerpräsident bin, werde ich in die Massen des Volkes hinabsteigen.' Wozu, das war klar. Am 12. Februar kam der Aufruf zur Einberufung des Landtags. Obwohl Eisner damals schon aus Bern zurückgekehrt war, trug dieser Aufruf nur die Unterschrift des (-MSPD-)Ministers (-Erhard-) Auer. Meine Meinung war, daß Eisner seine Unterschrift nicht hergeben konnte, wenn er sich nicht in den Augen der Massen herabsetzen wollte." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Lehmann: "Der Prozeß gegen den Grafen Anton Arco-Valley", S.10 - 1920)
16. Februar 1919 - Demonstrationszug mit Kurt Eisner
Ehepaar Eisner mit Parteisekretär Felix Fechenbach (Digitalisiert auf //bildarchiv.bsb-muenchen.de / Bay. Staatsbibliothek, Signatur hoff-5156 / Hartel, Franz - 1919)
Demonstrationszug mit Ministerpräsident Kurt Eisner und Felix Fechenbach, stehend mit Pelzkragen - 16. Februar 1919 (//bildarchiv.bsb-muenchen.de / Bay. Staatsbibliothek: Signatur hoff-5138 / Hoffmann, Heinrich - 16.2.1919)
In Bezug auf seine ehemaligen Kriegskameraden betont Graf Anton Arco auf Valley weiter:
"'Da sagte ich mir, es gibt doch noch Leute, die es wert sind, daß ich dieses Opfer bringe. Denn ein Opfer war es, ich rechnete mit meinem Tode, aber ich hätte ja auch im Felde fallen können. Ich bereue, daß ich einen hinterlistigen Überfall ausführen mußte, aber ich glaubte, mit meinem Blut diese Unehrenhaftigkeit eines hinterlistigen Überfalls auslöschen zu können. Ich bereue an sich jedes Menschenleben, ich bereue, daß ich einige Engländer erschossen habe, aber das waren offene und ehrliche Gegner. Eisner aber war ein hinterlistiger Verräter, ihm konnte ich nur mit Hinterlist beikommen. Es war nicht anders möglich, daß sich einer opferte. Das Blutvergießen mußte ja kommen, aber indem ich die Persönlichkeit Eisners beseitigte, würde ich, so dachte ich, dieses Blutvergießen mildern.'" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Lehmann: "Der Prozeß gegen den Grafen Anton Arco-Valley", S.12/13 - 1920)
Zu den möglichen Folgen seines Attentats-Planes führt Anton Arco später vor Gericht aus:
"(...) ich dachte mir, der Landtag würde vertrieben, wir stünden unmittelbar vor einer zweiten Revolution; daß die kommen würde, stand für mich fest. Was an Truppen noch da war, war der Kern der späteren Roten Garde. Ich sagte mir, wenn die Person Eisners entfernt ist, würde der Kampf, der unbedingt kommen mußte, weniger Blut fordern und die Sache für die Regierung weniger gefährlich sein." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Lehmann: "Der Prozeß gegen den Grafen Anton Arco-Valley", S.14/15 - 1920)
Die Einschätzung des Attentäters Graf Arco deckt sich im Wesentlichen mit der Beurteilung des für die Sicherheit des Landtages verantwortlichen MSPD-Innenministers Erhard Auer, doch ein wichtiger Baustein des Sicherheits-Konzeptes schlägt fehl:
"Ich erwartete in der Zeit vor dem 21. Februar (-1919-) für den Fall des Zusammentritts des (-bayerischen-) Landtags eine Störung seiner Arbeit und einen Anschlag. Um den Landtag zu sichern, verlangte ich von Roßhaupter ein feldmäßig ausgerüstetes Regiment von auswärts. Roßhaupter und die übrigen Minister waren damit einverstanden. Es erging eine Regierungsproklamation, an deren Spitze der Name Eisner stand, in der es hieß, der Landtag ist durch die Regierung geschützt. Ich war der sicheren Meinung, daß alles in Ordnung und das Regiment von auswärts im Landtagsgebäude eingetroffen sei. Es war auch ein solches in Anmarsch gesetzt worden, meines Wissens, infolge eines Verrats, war aber das Regiment durch den Soldatenrat in Dachau abgefangen worden." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.507 , S.4 "Die Attentate im Landtag" - 12.12.1919)
Donnerstag, 20. Februar 1919 - Kurt Eisners letzte öffentliche Rede
"Die sozialdemokratische Landeskonferenz setzte am 20. Februar (-1919-) ihre Tagung fort und wiederholte in einem Beschlusse das Bekenntnis, daß sie grundsätzlich auf dem Standpunkt der Demokratie stehe und eine Diktatur, ganz gleich von wem sie durchgeführt werden will, mit aller Entschiedenheit ablehne. Eisner verabschiedete an diesem Tage die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte. Er lehnte es ab, in einem (-Koalitions-)Ministerium neben einem Zentrumsmann oder Demokraten zu arbeiten.
'Dagaen können wir', so schloß er seine Ausführungen, 'mit den Bauern jene Einigkeit von Stadt und Land herstellen, jene neue Demokratie, die uns zum Sozialismus führt. Die zweite Revolution wird kein Plündern und kein Straßenkampf sein, die neue Revolution ist die Sammlung der Massen in Stadt und Land, die ausführt, was die erste Revolution begonnen hat. Keine Unbesonnenheit in diesen Tagen! Ich beschwöre Sie! Nur die Massen sammeln und entschlossen sein, das Werk der Revolution zu vollenden. Wer glaubt, mit Ueberfällen und Putschen von links oder rechts diese Entwicklung zu stören, der soll auf den Widerstand dieser selben Massen stoßen. Das bayerische Volk hat sich den Landtag zusammengewählt, wie er nun einmal da ist. Es haben ja auch Kretinenanstalten dazu mitgewirkt, (Heiterkeit.) Die Mehrheit, die Bürgerlichen, sollen nun bürgerliche Politik treiben. Wir werden sehen, ob sie regierungsfähig sind. Inzwischen sollen die Räte ihr Werk tun, die neue Demokratie aufbauen, dann kommt auch vielleicht für Bayern der neue Geist. Ich sehne mich danach, wenn die Sozialisten ohne Unterschied der Richtung (-USPD/MSPD/Spartakisten/KPD-) endlich aufhören zu regieren und wieder Opposition werden. Vielleicht ist die Entscheidung, während ich hier rede, (-auf der sozialdemokratischen Landeskonferenz-) schon gefallen. Morgen beginnt der Landtag, morgen soll auch die Tätigkeit der Räte aufs neue beginnen und dann werden wir sehen, wo Lebenskraft und wo die Zuckungen einer dem Tode geweihten (-bürgerlichen-) Gesellschaft zu finden sind.'" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Bayerische Staatsbibliothek: "Die Attentate im Bayerischen Landtag", S.20 - 1919)
Kurt Eisners Rücktrittsabsicht
Ministerpräsident Kurt Eisner formuliert noch am Vorabend der konstituierenden bayerischen Landtagssitzung seine Rücktrittserklärung:
"Im Auftrage des Ministerrates erkläre ich, daß das Gesamtministerium von seinen Aemtern zurücktritt und diese dem Landtag zur Verfügung stellt. Ferner ist das Gesamtministerium bereit, die Geschäfte weiterzuführen, bis eine neue Regierung gebildet ist. (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Nachrichtenblatt des Zentralrats, Nr.1, S.2 - "Die Ereignisse im Landtag" v. 22.2.1919)
Doch Ministerpräsident Kurt Eisner knüpft an sein Vorgehen bestimmte Vorstellungen:
"(-MSPD-Innenminister Erhard-) Auer sagte im Prozeß gegen Lindner (1919) aus, Eisner habe dem Druck der MSP (Mehrheits-Soz.-P.), von der Regierung zurückzutreten, nur unter der Bedingung der Herstellung einer geschlossenen Front der sozialistischen Parteien nachgegeben." (Franz-Willing: "Ursprung der Hitlerbewegung - 1919-1922", S.31/32 - 1974)
In der hier erwähnten Prozessaussage betont Erhard Auer im Detail:
"Am 20. Februar (-1919 abends-) hatte ich mit dem Vorsitzenden des Ministerrats, Kurt Eisner, eine Besprechung. Es lag der Beschluß der Sozialdemokratischen Mehrheitspartei (-MSPD-) vor, wonach die damaligen Minister (-zur konstituierenden Sitzung am 21. Februar 1919-) dem Landtag ihre Aemter zur Verfügung stellen sollten. Eisner war über diese Zumutung zunächst sehr empört und verweigerte den Rücktritt, ich aber blieb fest auf dem von den Mehrheitssozialdemokraten vertretenen demokratischen Standpunkt, wonach entsprechend der (-am 12. Januar 1919 gewählten-) Zusammensetzung des Landtags auch die Regierung zusammengesetzt sein sollte. Schließlich willigte Eisner in den Rücktritt ein, machte aber den Vorschlag, daß nicht nur alle damaligen Minister zurücktreten sollten, sondern daß sich unsere Parteien, also auch die Mehrheitssozialisten und die ganze Arbeiterschaft sich weigern sollten, in eine künftige Regierung einzutreten. Damit wäre einer neuen Revolution der Weg gewiesen gewesen, denn eine Regierung der bürgerlichen Parteien allein, mit der Opposition der Arbeiterparteien, hätte sich nur wenige Tage halten können und es wäre zum Kampf zwischen der Arbeiterpartei und den bürgerlichen Parteien gekommen. Ich verwies Eisner wiederholt auf das Wahlresultat, das nach demokratischen Grundsätzen respektiert werden müsse, und es gelang mir endlich, ihn dazu zu bringen, sich mit dem bedingungslosen Rücktritt sämtlicher Minister einverstanden zu erklären. Bei dieser Gelegenheit nahm ich an Eisner ein eigentümliches Mienenspiel wahr und ich glaubte, daß er infolge meiner Zumutung böse Gedanken in sich trage. Ich hielt ihm das auch direkt vor und sagte zu ihm, er werde wohl beabsichtigen, die Kräfte, die er bisher zurückgehalten, neu aufzustacheln. Eisner entgegnete darauf nichts, sondern hatte nur ein zynisches Lächeln. Ich kannte Eisner als ehrgeizig, konnte aber erst damals bemessen, in wie hohem Grade er es war, und ich glaubte, er hätte damals jede Bedingung unterschrieben, wenn er nur nicht zum Rücktritt von seinem Amte veranlaßt worden wäre. Das geschilderte Benehmen Eisners, über das ich ihm Vorhalt machte, erweckte in mir neuerdings das Gefühl einer persönlichen Gefahr für mich.(...) An diese Besprechung mit Eisner schloß sich am Abend des 20. Februar (-1919-) ein Ministerrat an. In diesem gaben ich und Eisner bekannt, daß die Regierung den anderen Tag vor dem Landtag den Rücktritt erklären werde. Alle Minister waren einverstanden und es wurden die Grundlinien für die Rücktrittserklärung vereinbart, während die Formulierung dem Vositzenden im Ministerrat Eisner überlassen wurde." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.507, S.3 - "Die Attentate im Landtag" v. 12.12.1919)
Möglicherweise ist es kein Zufall, dass der spätere Attentäter Graf Arco gerade an diesem Abend seinen Entschluss zum politischen Mord mitteilt:
"Durch Befragen des Vorsitzenden wird hierauf noch festgestellt, daß Graf Arco am Abend des 20. Februar (-1919-) seinem Zimmermädchen gegenüber äußerte, er werde (-den bayerischen USPD-Ministerpäsidenten Kurt-) Eisner erschießen. Als ihm das Mädchen Vorhalt machte und darauf hinwies, er könne dabei selbst ums Leben kommen, sagte er, es wäre egal, ob dies so geschähe oder ob er im Felde geblieben wäre." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Lehmann: "Der Prozeß gegen den Grafen Anton Arco-Valley", S.13 - 1920)
21. Februar 1919 - Das Attentat auf Kurt Eisner / Erste Landtagssitzung des Freistaates Bayern
Zu dem Vorlauf des 22-jährigen Attentäter Graf Arco heißt es weiter:
"Arco hat dann noch Vorbereitungen getroffen, er hat - wie er sich ausdrückt - mit seinem Herrgott abgeschlossen und am Morgen des 21. (-Februar 1919-) im Landtag telephonisch angefragt, ob noch Tribünenkarten zu haben seien und wann die Minister kämen. Unter den Papieren Arcos fanden sich Aufzeichnungen, die er in letzter Stunde vor der Tat gemacht hat und in denen er feststellt: 'Eisner strebt nach der Anarchie, er ist Bolschewist, er ist Jude, er ist kein Deutscher, er fühlt nicht deutsch, er untergräbt jedes deutsche Gefühl, er ist ein Landesverräter. Das ganze Volk schreit nach Befreiung. Also!! Mein Grund: Ich hasse den Bolschewismus, ich liebe mein Bayernvolk, ich bin ein treuer Monarchist, ein guter Katholik. Über alles achte ich die Ehre Bayerns. Darum hoch die Monarchie, hoch Rupprecht!'" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Lehmann: "Der Prozeß gegen den Grafen Anton Arco-Valley", S.13 - 1920)
10:00
Das tödliche Attentat auf den Führer der bayerischen Revolution, dem seit dem 8. November 1918 im provisorischen Nationalrat aktiven bayerischen USPD-Ministerpräsidenten Kurt Eisner (52), kommt für das Opfer nicht überraschend. Ein Jahr zuvor schreibt er im Januar aus Berlin an seine Frau Else-Belli Eisner:
"Es bedrängte mich eine trübe Ahnung, als ob sich mein Schicksal bald vollenden könne, ich weiß, daß ich durch Gefahren wandere, die ich deutlich sehe und gegen die ich doch blind sein will. Ich kann nicht anders. Ich könnte niemals mehr frei atmen, wenn ich nicht jetzt das täte, was ich für meine Pflicht halte. Dieser persönlichen Verantwortung und Verpflichtung kann ich nicht mehr ausweichen - um meiner Seele willen. Aber ich gestehe, ich bringe damit ein schweres Opfer." (//anno.onb.ac.at: "Das Tagebuch - Kurt Eisner", Nr.14, S.561 - 1929 + dasanderebayern.de: "Genossen, Wahrheit muss sein")
Der Mord an Kurt Eisner gilt als Zäsur für die bayerische Politik. Zuvor wird in verschiedenen Versammlungen der Unabhängigen (-USPD-) und der Kommunistischen Partei (-KPD-) die Frage erörtert, ob der einzuberufene bayerische Landtag überhaupt geduldet, auseinandergejagt oder das Rätesystem sofort eingeführt werden solle. Kurt Eisners Staatskanzlei-Sekretär Felix Fechenbach berichtet rückblickend:
"Als (-Kurt-) Eisner am 21. Februar gegen 10 Uhr vom (-Außen-)Ministerium ins Landtagsgebäude (-in der Prannerstraße-) ging, um dort den Rücktritt der Regierung zu erklären, baten ihn Freunde, er möge nicht über die (-Promenade-)Straße, sondern durch den (-links angrenzenden-) 'Bayrischen Hof' gehen, dessen rückwärtiger Ausgang gegenüber dem Landtagsgebäude (-an der Prannerstraße 8-) liegt. Eisner weigerte sich entschieden. (-USPD-)Minister (-Hans-) Unterleitner und ich wiesen nochmals auf die durch die Presse hervorgerufene Haß-Stimmung hin und auf die vielen Drohbriefe, die er in den letzten Tagen bekommen habe. Vergebens. Eisner bestand darauf, den gewohnten Weg über die Straße zum Landtag zu gehen: 'Man kann einem Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen ...' Für alle Fälle waren die Zugangsstraßen zum Landtag militärisch abgesperrt worden. Wir gingen zu dreien, rechts der Leiter des Bureaus des Ministerpräsidenten, in der Mitte Eisner, und ich zu seiner Linken. Wir waren eifrig im Gespräch über die weitere politische Entwicklung. Plötzlich krachen hinter uns schnell nacheinander zwei Schüsse, Eisner schwankt einen Augenblick, er will etwas sprechen, aber die Zunge versagt ihm. Dann bricht er lautlos zusammen. Das alles geschah im Bruchteil einer Sekunde. Im selben Augenblick, als die Schüsse krachten, hatte ich mich umgedreht, den Attentäter am Arm gefaßt und zu Boden geschleudert." (Digitalisiert auf daten.digitale-sammlungen.de: Fechenbach: "Der Revolutionär Kurt Eisner - aus persönlichen Erlebnissen", S.62 - 1929)

Dem politischen Meuchelmord zum Opfer gefallen: USPD-Ministerpräsident Kurt Eisner - 1919 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Ludwig Welsch, München)
Über die gespannte Atmosphäre kurz vor Eröffnung der bayerischen Landtagssitzung berichtet als Beobachterin Sophie Auer, die Ehefrau des MSPD-Innenministers:
"Der Zeugin ist aufgefallen, daß die Tribünen des Landtags ein anderes Bild aufzeigten wie sonst, es war ein ganz anderes Publikum. Die Zeugin saß mit einer bekannten Dame in einer Loge über der Linken des Hauses; in der gleichen Loge saß auch die Frau Eisners. Aus der Richtung der reservierten Loge über der Linken des Hauses kam der Ruf: 'Rache!' Man war darüber erstaunt, daß Eisner so lange auf sich warten ließ. Kurz nach 10 Uhr kam ein Soldat in die Loge herein und teilte Frau Eisner mit, daß auf ihren Mann geschossen worden sei. Es entstand ein großer Tumult. Der Alterspräsident Jäger(-, der die Sitzung des ersten verfassungsmäßigen Landtages des freien Volksstaates Bayern eröffnen wollte,-) sprach dann sein Bedauern über die Tat an Eisner aus und Abgeordneter Süßheim beantragte die Unterbrechung der Sitzung auf eine Stunde. Die Zeugin wollte ursprünglich im Sitzungssaal bleiben, nach ihrer Angabe deshalb, weil sie das Gefühl hatte, daß ihrem Mann etwas passieren würde." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Bayerische Staatsbibliothek: "Die Attentate im Bayerischen Landtag", S.43 - 1919)
Ihr Ehemann Erhard Auer schildert die Situation aus seiner Perspektive als Innenministers:
"Als die für die Landtagssitzung bestimmte Stunde herannahte, begab ich mich in den Sitzungssaal, wo ich links vom Präsidenten des Landtags Platz nahm. Es kam die Kunde, daß Eisner erschossen worden sei. Meines Erinnerns brachte (-USPD-Minister für militärische Angelegenheiten Richard-) Scheid diese Mitteilung, er brachte auch die Ausweispapiere des Attentäters (Leutnant a. D. Anton Graf Arco auf Valley) mit. Scheid besprach sich mit dem Alterspräsidenten (-Dr. Jäger-). Inzwischen kam (-Felix-) Fechenbach, Eisners Sekretär. Er machte irgend eine drohende Aueßerung, deren Wortlaut mir nicht erinnerlich ist. Dabei hatte er den Hut auf dem Kopf. Ich und Frauendorfer verwiesen ihm diese Außerung. Die Sitzung der Abgeordneten wurde vertagt und es trat eine Pause ein. Ich begab mich in das Fraktionszimmer der Mehrheitssozialisten. Auf dem Wege dorthin trat ein junger Mann an mich heran, der mir eine drohende Außerung zurief. Ich stellte den Mann sofort mit dem Anruf: 'Was wollen Sie?!' Es kam dann der Abgeordnete Süßheim, der zur Ruhe rief. Im Fraktionszimmer formulierte ich einen Nachruf auf Eisner, dann begab ich mich in das Ministerzimmer, um die Formulierung mit den anderen Ministern zu besprechen. Bei dieser Gelegenheit machte (-der 53-jährige jüdische USPD-Finanz-)Minister (-Edgar-) Jaffé eine zweideutige Bemerkung dahingehend, daß das Attentat auf Eisner wohl vorbereitet gewesen sei und er redete so herum, wie wenn ich schuld an dem Attentat wäre. Ich stellte ihn sofort energisch zur Rede, worauf er mir auswich." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.507, S.3 - "Die Attentate im Landtag" v. 12.12.1919)

"Attentat auf Eisner wohl vorbereitet": Finanzminister Edgar Jaffé - 1902 (Wikimedia Commons - Datei: Edgar Jaffé, 1902.png / o.Ang. - 1902)
Auch die Thule-Gesellschaft hat einen Anteil an der politischen Eskalation in München. In seinem 1933 erschienenen Buch berichtet der bayerische Logenmeister Rudolf Glauer/v. Sebottendorff zum Attentat auf den Ministerpräsidenten Kurt Eisner:
"Für den folgenden Tag hatte Levien einen Vortrag 'Spartakus, der Sklavenbefreier' angesagt, es kam aber nicht dazu, denn am Freitag, dem 21. Februar, eine Viertelstunde vor 10 Uhr, wurde Eisner vom Grafen Anton Arco auf Valley auf dem Wege zum Landtag an der Ecke der Promenadestraße erschossen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.82 - 1933)

Auf dem Weg zum bayerischen Landtag: USPD-Ministerpräsident Kurt Eisner neben seiner Ehefrau Else und dem Schwiegersohn, USPD-Sozialminister Hans Unterleitner in der Prannerstraße. Zweiter von hinten links: Parteisekretär Felix Fechenbach (25) - Januar 1919 (Wikimedia Commons - Datei: Ministerpräsident Kurt Eisner mit Frau und Minister Unterleitner, 1919.jpg / o.Ang. - 1919 + Bundesarchiv: Bild 146-1969-038-54 / o.Ang. - 1919 + digitalisiert auf //bildarchiv.bsb-muenchen.de / Bay. Staatsbibliothek, Signatur hoff-5153 / Hoffmann, Heinrich - 1919)
Der geständige Attentäter schildert später vor dem Richter den Tatablauf:
"Ich kam um 3/4 10 Uhr an den Promenadeplatz, sah dort etwa 40 Leute, die mir Spartakisten zu sein schienen, und dachte, da wird es mir nicht gut gehen. Als ich Eisner kommen sah, ging ich schräg über die Straße. Dabei gab ich mir innerlich einen Ruck; der Ruck hieß: Mord! Aber ich sagte mir: Feigheit! - und überwand. Dann gab ich zwei Schüsse ab, die beide tödlich waren.'
Vorsitzender: 'Wann haben Sie den Revolver gezogen?'
Angeklagter: 'Als ich Eisner überholt hatte.'
Vorsitzender: 'Wann entsicherten Sie die Waffe?'
Angeklagter: 'Schon vorher in der Tasche.'
Der Angeklagte bemerkt, er sei innerlich sehr aufgeregt, aber äußerlich vollkommen ruhig gewesen. 'Nachdem ich', fährt Arco fort, 'die Schüsse abgegeben hatte, merkte ich, daß mich schon einer an der Gurgel hatte und daß ich auch einen Schuß hatte. Ich lag auf dem Gehsteig, ein Mann gab in Intervallen vier Schüsse auf mich ab, dabei dachte ich mir, wieviel Schüsse werden in dem Revolver noch stecken. Dann hat man mich mit Fußtritten traktiert. Ich stellte mich tot, war aber bei Bewußtsein, bis ich in die Klinik verbracht wurde." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Lehmann: "Der Prozeß gegen den Grafen Anton Arco-Valley", S.13/14 - 1920)
Nachdem Mitglieder der Militärpolizei den angeschossenen Attentäter an sich nehmen, spricht sich die Kunde vom getöteten Ministerpräsidenten auch im bayerischen Landtag herum. Laut Sitzungsprotokoll heißt es:
"Die Sitzung wird um 10 Uhr 10 Minuten durch den Alterspräsidenten Dr. Jäger eröffnet. Dr. Jäger: 'Meine Damen und meine Herren! Ehe wir in die Sitzung eintreten, muß ich bekanntgeben, daß nach einem Gerücht Ministerpräsident Eisner heute erschossen worden sei. Auch der Mörder sei erschossen worden. Die Sache ist für uns menschlich und politisch natürlich im höchsten Maße peinlich. Wir wollen solche Mittel nicht anwenden und verabscheuen sie unter allen Umständen und bei allen Parteien. (Sehr richtig! Bravo!) Ich bitte die Galerie um Ruhe!" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Bayerische Staatsbibliothek: "Die Attentate im Bayerischen Landtag" S.20/21 - 1919)
Die Frau des Innenministers Erhard Auer berichtet:
"Bald nach dem Eintreffen der Nachricht von Eisners Tod kam ein Landtagsbote und riet mir, das Haus zu verlassen. Die Zeugin wollte durch einen rückwärtigen Ausgang hinausgehen, wurde aber von einem Soldaten mit dem Bemerken aufgehalten, sie sei auf der Tribüne neben einer Dame von der Bayerischen Volkspartei gesessen. Schließlich konnte die Zeugin das Haus doch verlassen." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Bayerische Staatsbibliothek: "Die Attentate im Bayerischen Landtag", S.43 - Zeugenaussage von Sophie Auer - 1919)
"Als der Alterspräsident Dr. Jäger die Sitzung (-um 10 Minuten-) nach 10 Uhr eröffnet hatte, wurde von der Zuhörertribüne mit erregter Stimme in den Saal gerufen: 'Eisner ist erschossen! Auch der Mörder ist erschossen!' Ein lähmender Schreck befiel das ganze Haus. Alterspräsident Dr. Jäger wandte sich darauf sofort mit kurzen Worten an die Abgeordneten, in denen er der Verabscheuung über den Mord Ausdruck gab. 'Wir wollen solche Mittel nicht anwenden', bemerkte er, 'wir verabscheuen sie unter allen Umständen. (Große Bewegung und allseitige Zustimmung. Erregung auf den Tribünen.) Ich bitte die Galerien um Ruhe, damit wir frei und unbeeinflußt in unseren Beratungen verhandeln können.' (Rufe: Sitzung aufheben!) Der Präsident versuchte noch, die Wahl der provisorischen Schriftführer vorzunehmen, die Erregung im Hause nahm aber einen derartigen Umfang an, daß die Sitzung unterbrochen werden mußte. Nach Gerüchten, die im Hause gingen, ist der Mörder des Ministerpräsidenten Eisner ein junger Graf Arco-Valley. Die militärische Besetzung des Landtags wurde sofort verstärkt. Es durfte niemand weder herein noch hinaus. Alle im Landtag befindlichen Personen wurden auf Waffen untersucht. Es bildeten sich in den Wandelgängen überall Gruppen, die erregt die Vorfälle besprachen und ihrem Abscheu über die ruchlose Mordtat Ausdruck gaben. Es wurde auch mitgeteilt, daß Ministerpräsident Eisner zu Beginn der Sitzung folgende Erklärung hätte abgeben wollen:
'Im Auftrage des Ministerrates erkläre er, daß das Gesamtministerium von seinen Aemtern zurücktrete und diese dem Landtag zur Verfügung stelle. Ferner sei das Gesamtministerium bereit, die Geschäfte weiterzuführen, bis eine neue Regierung gebildet sei.'" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Nachrichtenblatt des Zentralrats, Nr.1, S.2 - "Die Ereignisse im Landtag" v. 22.2.1919)

Plakatanschlag des Zentralrates nach der Ermordung des Ministerpäsidenten Kurt Eisners: "Bestimmte Persönlichkeiten als Geiseln" - 23. Februar 1919. (Monacensia. Literaturarchiv und Bibliothek - Datei: Artikel 44593 bilder value 1 roter-terror1.jpg)

Gedenken am Tatort: Gebäudefassade des bayerischen Außenministeriums in München, dem Palais Montgelas, Ecke Promenadeplatz, rechts vom Bayerischen Hof (nicht, wie auf dem Foto angegeben, an der Prannerstraße) - 22. Februar 1919 (Postkarte im Privatbesitz)
Zu dem Attentat schreibt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff:
"Das erste war, daß man den Generalstreik verkündete. Alle Geschäfte schlossen, der Verkehr stockte. Plakate erschienen, die zu Vergeltungsmaßnahmen an den Besitzenden aufforderten. Um 1 Uhr mittags erklangen von allen Türmen die Glocken; man hatte die Priester gezwungen, sie selber zu läuten. Gegen 4 Uhr nachmittags wurden die Zeitungen gestürmt, die Papierrollen auf die Straße geschleppt und angezündet. Überall wurde geplündert und geraubt, überall krachten Schüsse. An der Stelle, wo Eisner erschossen wurde, hatte man sein mit Blumen geschmücktes Bild aufgestellt, zwei Posten sorgten dafür, daß jeder Vorübergehende grüßte. Doch dauerte dieser Spuk nicht lange, es wurde ein alter Jägertrick angewandt; man hatte eine Tüte mit Mehl, das den Schweiß zweier läufiger Hündinnen enthielt, vor dem Bilde verschüttet. Bald gaben alle Hunde der Nachbarschaft ihre Visitenkarte ab und Bild und Posten verschwanden. Die wahnsinnige Tat Arcos hatte alle Pläne (-bezüglich des von Rudolf Glauer/Sebottendorff als Ministerpräsidenten favorisierten MSPD-Innenministers Erhard Auer-) umgestürzt. Eisner, der (-am Tage zuvor sich entschloss, als Ministerpräsident zurückzutreten und damit-) schon halb erledigt gewesen war, erhielt durch diese Tat den Glorienschein des Märtyrers. Der tiefe Haß gegen die Junker kam erneut zum Ausdruck, denn ein Junker war es ja, der Kurt Eisner erschossen hatte." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.83/84 - 1933)

Gedenken am Tatort des Attentates: Fassade des bayerischen Außenministeriums, dem Palais Montgelas am Münchner Promenadeplatz, rechts vom Bayerischen Hof - 22. Februar 1919 (Fotografie im Privatbesitz / Steininger, München)
"Graf Anton Arco auf Valley hatte von der Mutter her (einer geborenen Oppenheim) Judenblut in den Adern, er ist Jüdling und war daher (-nach dem Scheitern der Buttmann-Bürgerwehr trotz seines Antrages-) weder von der Thule-Gesellschaft noch vom Kampfbunde aufgenommen worden. Er wollte (-dem Thule-Kampfbund-) zeigen, daß auch ein Halbjude eine Tat ausführen könne. An Stelle (-des ermordeten Ministerpräsidenten Kurt-) Eisners eröffnete (-MSPD-Innenminister Erhard-) Auer eine Stunde später (-um 11:00 Uhr-) den Landtag mit einem warmen Nachruf; kaum hatte er seine Rede beendet, öffnete sich die Tür und der Metzger (-und 31-jährige Schenkkellner Alois-) Lindner, ein überzeugter Kommunist, gab einige (-zwei-) Schüsse auf Auer ab." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.82 - 1933)

"Von der Mutter her Judenblut in den Adern": Emmy Gräfin von Arco mit ihren Söhnen Ferdinand (r) und Anton - 1916 (geni.com: Freiin Emmy Henriette Melanie von Arco auf Valley, geb. v. Oppenheim + Anton von Padua Alfred Emil Hubert Georg von Arco-Valley / Fotoatelier Franz Grainer - München)
21. Februar 1919 - 10:15
Für Alois Lindner ist der Innenminister Erhard Auer kein Unbekannter. Bereits am 7. Dezember 1918 überfällt er den Innenminister mit Gesinnungsgenossen nachts in dessen Wohnung, um den MSPD-Minister unter Androhung von Schusswaffengebrauch zum Rücktritt zu zwingen. In der späteren Anklageschrift wird zu dem bayerischen Landtagsschützen vermerkt:
"Auf die Kunde von der Ermordung Eisners fand sich in einem vom Revolutionären Arbeiterrat im Landtagsgebäude belegten Zimmer eine Reihe von Mitgliedern des Revolutionären Arbeiterrats zusammen, darunter auch Alois Lindner und Georg Frisch(-, der auch bei dem Vorfall am 6. Dezember 1918 im Hofe der 'Münchner Neuesten Nachrichten' bewaffnet teilgenommen hatte-). Von verschiedenen Seiten wurde der (-MSPD-)Minister des Innern, Erhard Auer, bezichtigt, das Attentat auf Eisner verschuldet oder gar veranlaßt zu haben. Auch Lindner und Frisch erhoben diese Beschuldigungen gegen Auer, ergingen sich in Verwünschungen und Drohungen gegen ihn und erklärten, Auer gehöre erschossen. Obwohl einige der Anwesenden zunächst versuchten, sie zurückzuhalten, stürmten Lindner und Frisch in den Landtagssitzungssaal, um Auer zu töten. Beide waren (-am Landtags-Eingang nicht auf Waffen kontrolliert worden und daher-) mit einer Schußwaffe, einem Armee-Browning-Revolver, versehen." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: "Die Attentate im bayerischen Landtag - Der Prozeß gegen Alois Lindner und Genossen vor dem Volksgericht München - Die Anklage", S.33/34 - 1919)
21. Februar 1919 - 11:10
"Gegen (-10 Minuten nach-) 11 Uhr wurde die Sitzung im Landtag wieder aufgenommen. Die Abgeordneten hatten sich wieder fast vollzählig im Saale eingefunden; auch die Zuhörertribünen waren besetzt. Der Minister des Innern (-Erhard-) Auer erhob sich zu einem Nachruf für Eisner. Er führte, während die Abgeordneten sich von den Sitzen erhoben hatten, aus:
'Damen und Herren! Der provisorische Ministerpräsident (-die Abgeordneten erheben sich-) (-Kurt-) Eisner hat soeben durch Mörderhand den Tod gefunden. Der Mörder ist auf der Stelle gerichtet worden. Die Tat wurde von ruchloser Hand in feiger Weise verübt, als Eisner auf dem Wege zum Landtag war, um dort inmitten der gewählten Volksversammlung sein Amt als provisorischer Ministerpräsident auszuüben. Diese Handlung muß bei jedem anständigen Menschen tiefsten Abscheu hervorrufen. (Zustimmung.) (-Sehr richtig!-) Der politische Konflikt in Bayern stand vor seiner friedlichen Lösung. Eisner war im Begriff, dem versammelten Landtag den (-am Vortage-) im Ministerrat in Anwesenheit aller Minister gefaßten Beschluß mitzuteilen, daß das gesamte provisorische Ministerium seine Aemter in die Hände der gewählten Volksversammlung legen werde, damit die Grundlage geschaffen werde, auf der nach demokratischen Grundsätzen der wirtschaftliche, kulturelle und politische Aufbau sich vollziehen und damit die bestehende Not des Landes gelindert werden kann. Umso unverantwortlicher ist die begangene Bluttat. (Sehr richtig!) Wir beklagen in dem Ermordeten den Führer der Revolution in Bayern und zugleich den vom reinsten Idealismus und von treuer Sorge für das Proletariat erfüllten Menschen.(-Bravo! links-) Auf diesem Wege kann und darf nicht fortgefahren werden (Zustimmung), wenn nicht die vollkommene Anarchie eintreten soll. (-Sehr richtig!-) Angesichts dieser wahnsinnigen Mordtat, gegen deren Urheber mit aller rücksichtslosen Strenge vorgegangen wird (Sehr richtig!), gilt es nunmehr, (-die-) Besonnenheit zu wahren und alle Kräfte zusammenzufassen, um die ungeheuren Aufgaben der nächsten Zeit so zu lösen, wie es die Interessen des geliebten (-gesamten-) bayerischen Volkes erfordern.'(-Bravo!-)
Ueber dem Hause lag eine gedrückte Stimmung. Tiefe Bewegung ging durch alle Bänke. Abg. Dr. Süßheim (Soz.) beantragte, die Sitzung zu vertagen und die Einberufung der nächsten Sitzung dem Alterspräsidenten zu überlassen. (Allseitige Zustimmung.) Als darauf Abg. (-Ludwig-) Giehrl (Bayer. Volkspartei) eine Erklärung seiner Partei abgeben wollte und eben einige Schritte vorwärts zum Referentenpult machte, fiel plötzlich ein Revolverschuß. Der Abgeordneten bemächtigte sich eine große Panik. (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Nachrichtenblatt des Zentralrats, Nr.1, S.2 - "Die Ereignisse im Landtag" v. 22.2.1919 + digitale-sammlungen.de: "Die Attentate im bayerischen Landtag", S.21/22 - 1919)
Aus dem Sitzungsprotokoll des Landtages ist zu entnehmen:
"Dr. Süßheim (Soz.): Meine Frauen und Herren! Ich stelle den Antrag, die Sitzung jetzt zu vertagen und die Einberufung der nächsten Sitzung dem verehrten Herrn Alterspräsidenten zu überlassen. Eine Begründung dürfte angesichts dieser Sachlage nicht notwendig sein.
Dr. Jäger: Zur Geschäftsordnung Herr Abgeordneter Dr. Müller Ernst!
Dr. Müller (D.Vp.): Ich darf zu den -
(Nunmehr fallen Schüsse. Alles verläßt den Saal.)
(Schluß der Sitzung um 11 Uhr 13 Minuten.)" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: "Die Attentate im bayerischen Landtag", S.22 - 1919)
Weitere Schüsse fielen vom (-mit einem Plüschvorhang verhängten linken Tür--) Eingang her und von der Zuhörertribüne. Die Abgeordneten flüchteten durch alle Türen aus dem Sitzungssaal. Der Vorhang an der linken Eingangstüre wurde aufgerissen und herein stürmte ein Mann (-im Militärmantel und Zivilhut in den Sitzungssaal-), der mit erhobenem Revolver (-und auf den Minister schimpfend aus einem Meter Entfernung zwei-) weitere Schüsse in der Richtung auf den Ministertisch abgab. Minister Auer sank plötzlich, von einem der Schüsse in der linken Brustseite getroffen, zusammen. Abgeordneter Osel wurde tödlich von einer Kugel getroffen. Zwei Ministerialbeamte erhielten schwere Schussverletzungen. Der Minister Frauendorfer und Hoffmann, sowie Abgeordnete der sozialdemokratischen Fraktion bemühten sich zunächst um Auer. Er wurde in einen der Sessel gelegt. Die Kugel ging durch die linke Brustseite, die Verletzung ist schwer. Sanitätspersonal leistete die erste Hilfe. Die Sitzung wurde aufgehoben." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Nachrichtenblatt des Zentralrats, Nr.1, S.2 - "Die Ereignisse im Landtag" v. 22.2.1919)
"Sie (-, der nervös veranlagte Georg Frisch und Alois Lindner-) betraten den Sitzungssaal durch eine nur für die Abgeordneten und die im Saale dienstlich beschäftigten bestimmte Türe links vom Ministertisch. Nach kurzem Verweilen (-hinter dem Plüschvorhang-) an der Tür trat Lindner an den Ministertisch heran und gab über diesen weg aus nächster Nähe zwei Schüsse auf Auer ab, der eben den Nachruf auf Ministerpräsident Eisner beendet hatte. Durch einen der Schüsse verletzte er Auer lebensgefährlich. Auer erhielt einen Schuß in die linke Brustseite mit Verletzung der Lunge und des Zwerchfells." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: "Die Attentate im bayerischen Landtag - Der Prozeß gegen Alois Lindner und Genossen vor dem Volksgericht München - Die Anklage", S.33/34 - 1919)
Innenminister Erhard Auer erinnert sich:
"Die Sitzung der Abgeordneten wurde wieder aufgenommen. Ich hatte mich nach dem Nachruf auf Eisner eben wieder gesetzt, als ich bei der Türe links (-Alois-) Lindner hereinkommen sah.(...) Lindner kannte ich von früher her als Mitglied des revolutionären Arbeiterrats. Etwa vierzehn Tage vor dem Attentat (-7. Februar 1919-) hat mich (-Kurt Eisners Sekretär Felix-) Fechenbach vor Lindner gewarnt und mir erzählt, daß mir Lindner in den (-Wohnsitz-)Anlagen an der Nußbaumstraße aufgelauert habe.(...) Als ich seiner ansichtig wurde, war mir sofort klar, daß mir unmittelbar persönliche Gefahr drohe. Ich griff nach meiner Hosentasche, um meinen Browning zu ziehen, mußte aber gewahr werden, daß ich ihn im Ueberzieher hatte stecken lassen. (-Alois-) Lindner trat an den Ministertisch heran, rief mir zu: 'Schuft!' oder so ähnlich und knallte sofort los. Ich glaube, er hat noch einmal geschossen. Ich merkte sofort, daß ich getroffen war, und sank von meinem Sessel zu Boden hinter dem Ministertisch. Ich hörte noch einige Schüsse und drohende Rufe nach der Zentrumspartei. Von meinem Platz aus hörte ich noch einige Personen herumlaufen, und da ich mir dachte, wenn die sehen, daß ich noch nicht tot bin, würden sie mich töten, versteckte ich mich unter dem Ministertisch. Als es wieder ruhig geworden war, kroch ich hervor. Es nahmen sich Leute meiner an, darunter ein Herr Wimpfheimer, der mich verband. Als ich schwer verletzt dalag, bat ich um einen Kognak. Eine abfällige Bemerkung, die auf diese meine Bitte hin gefallen sein soll, habe ich nicht gehört. Dagegen hat sich ein Sanitätssoldat, der mich verbinden half, gefühllos und roh benommen. Er erklärte: 'Eigentlich sollte ich Dir etwas anderes machen, aber das ist jetzt gleich!' Den von mehreren Zeugen bekundeten Ruf Hagemeisters: 'Das ist die Rache des Proletariats!' habe ich nicht gehört." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.507, S.3/4 - "Die Attentate im Landtag" v. 12.12.1919)
"Während (-Alois-) Lindner die Schüsse auf Auer abgab, stand (-Georg-) Frisch in dessen Nähe zu seiner Unterstützung und Deckung bereit. Lindner trat dann zurück gegen die Türe zu, durch die er den Sitzungssaal betreten hatte. Es stellte sich ihm Major v. Jahreis entgegen, um ihn von weiteren Tätlichkeiten abzuhalten und ihn festzunehmen. Lindner gab in Tötungsabsicht aus nächster Nähe einen Schuß auf Major v. Jahreis ab. Er traf ihn in die linke obere Brustseite. Das Geschoß durchdrang die Brust, die Verletzung hatte eine innere Verblutung zur Folge. Jahreis starb an den Folgen der Verletzung am Abend des 22. Februar (-1919-). Ehe Lindner den Sitzungssaal verließ, gab er aus seinem Revolver noch mehrere Schüsse in der Richtung auf die sogenannte rechte Seite, die Plätze der Abgeordneten der Bayerischen Volkspartei, ab. Er feuerte wahllos in die zusammengedrängte Menge der Abgeordneten. Einer der Schüsse traf den Abgeordneten Osel. Das Geschoß drang über der linken vorderen Achselfalte am Oberarm ein, durchdrang in nahezu horizontaler Richtung den Brustkorb und blieb in der rechten Brustwarzenlinie unter dem Schlüsselbein stecken. Infolge der Schußverletzung starb Osel an innerer Verblutung in beiden Brusthöhlenräumen und im Herzbeutel. " (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: "Die Attentate im bayerischen Landtag - Der Prozeß gegen Alois Lindner und Genossen vor dem Volksgericht München - Die Anklage", S.33/34 - 1919)

"Ich bin halt eine aufgeregte Natur": Landtags-Attentäter und Mitglied des revolutionären Arbeiterrates Alois Lindner - 1919 (Illustrierter Beobachter, Nr.20, S.285 - 1927, darin Buttmann: "Erinnerungen aus der bayerischen Revolution" + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PER-L-0225-01 + Dankerl: "Alois Lindner" - 2007)
"Auer wurde schwer verletzt; im selben Augenblicke wurde auch von der Tribüne aus gefeuert, wo sich der Arbeiter- und Soldatenrat niedergelassen hatte. Duch diese Schüsse wurde der (-konservative-) Abgeordnete (-Heinrich-) Osel (-ungeklärte Täterschaft?-) und der als Besucher anwesende (-Referent im bayerischen Militärministerium-) Major (-Paul Ritter-) von Jahreiß (-durch Alois Lindner-) getötet. In wilder Flucht stob der Landtag auseinander." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.82 - 1933)

Dem Landtags-Attentäter entgegen gestellt: Major Paul Ritter von Jahreis - 1917 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PER-J-0022-01)
"Der Parteisekretär und vormalige Münchner Polizeipräsident Staimer leistet ebenfalls den weltlichen Eid. Er bekundet, daß durch den Tod Eisners die Wache im Landtag sehr erregt worden sei. Auf die Schüsse hin, die im Sitzungssaale fielen, eilte Staimer dorthin und sah eben den Lindner mit rauchendem Revolver aus der Türe stürzen. Als der Zeuge das Haus verlassen wollte, äußerte ein Wachsoldat: 'Da kommt keiner hinaus, die Kerle müssen hin sein!' Andere Soldaten schrien: 'Wo ist der (-Militärminister-) Roßhaupter, der muß auch her!' Staimer erfuhr dann, daß Roßhaupter (-mit einem Nervenzusammenbruch-) in einem (-Landtags-Dach-)Zimmer verborgen sei und hat sich deshalb nicht weiter um ihn gekümmert. Von (-Alois-) Lindner empfing der Zeuge den Eindruck eines Verrückten." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.507 , S.4 "Die Attentate im Landtag" - 12.12.1919)

Zur Fahndung ausgeschrieben: Alois Lindner - 1919 (Polizeiblatt in : "Alois Lindner", S. - )
"Nämlich eines Morgens - ich wollte mir gerade Drahtstifte kaufen - lief wie ein Lauffeuer in alle Winkel und Ecken der aufgepeitschten Stadt: 'Kurt Eisner ermordet! Minister Auer schwer verwundet, Zentrumsabgeordneter Osel tot, Major Jareis angeschossen! Schießerei und Panik im Landtag!' Man schrieb den 21. Februar (-1919-). Der Landtag sollte heute eröffnet werden. Es war klarkalt. Ich rannte, so wie ich war, ohne Hut und Mantel weiter. Alles in mir war durcheinandergewühlt. Die Glocken von allen Türmen fingen zu läuten an, die Trambahnen hörten mit einem Male zu fahren auf, da und dort stieß jemand eine rote Fahne mit Trauerflor zum Fenster heraus, und eine schwere, ungewisse Stille brach an. Alle Menschen liefen mit verstörten Gesichtern stadteinwärts. Je weiter ich kam, desto aufgeregter wurde die dumpfe Hast. Vor dem Landtag ballte sich ein schwarzer Menschenknäuel, Soldaten und bewaffnete Zivilisten waren darunter. Ich stürmte weiter in die Promenadestraße, an den Mordplatz. Da hatten sich Hunderte schweigend um die mit Sägespänen bedeckten Blutspuren Eisners zu einem Kreis gestaut. Fast niemand sagte ein lautes Wort, Frauen weinten leis und auch Männer. Etliche Soldaten traten in die Mitte und errichteten eine Gewehrpyramide. Dem einen rannen dicke Tränen über die braunen Backen herunter. 'Unser Eisner! Unser einziger Eisner!' klagte eine Frau laut auf, und jetzt wurde das Weinen vernehmbarer. Viele legten Blumen auf den Platz, immer mehr und immer mehr. Plötzlich fuhr vorne am Promenadeplatz ein vollbesetztes Lastauto mit dichten Fahnen und Maschinengewehren vorüber, und laut schrie es herunter: 'Rache für Eisner!' Furchtbar wie ein Sturmsignal klang es, und furchtbar, wie ein gellender, verzweifelter Aufschrei brach es aus den Hunderten: 'Rache! Rache für Eisner!' Mir lief es kalt über den Rücken. Ich ging weiter. Der Promenadeplatz war dicht übersät von Menschen, immer wieder drönten Lastautos daher, und jetzt fielen die ersten Flugblätter herunter: 'Arbeiter und Soldaten! Die Gegenrevolution hat zum ersten großen Schlage ausgeholt, indem sie den gehaßten Führer der sozialistischen Revolution niederstreckte! Die Bürgerwehr, die Weiße Garde, der Mittwochputsch, das sind die Etappen zur Erwürgung der sozialistischen Revolution!'" (Graf: "Wir sind Gefangene", Kap. XXII - 1927/2010)
"Es lag (-am 21. Februar 1919 um 12:00 Uhr-) eine gewisse angeregte Spannung in der Luft. Man sah viel raschfahrende Autos mit Soldaten besetzt. Nachmittags ging ich, meine Vorlesung in der technischen Hochschule zu halten. Die Menge strömte in die Maximilianstraße, etwa wie am Faschingsdienstag. Vor dem Hotel Vier Jahreszeiten stand ein Brückenauto mit einem Maschinengewehr, das auf die Front des Hotels gerichtet war. Warum, konnte ich nicht erfahren. Ein Plakat besagte, daß die Insassen des Autos 'gegen die Reaktion und Lügenpresse' und 'für Revolution und Freiheit' kämpften." (Hofmiller: "Revolutionstagebuch 1918/19", S.151 - 1939)

Aufgepflanztes MG: "Gegen die Reaktion und Lügenpresse" - 1918/19 (bild.bundesarchiv.de: Bild 183-S26934 / o.Ang)

Bekanntmachung des tödlichen Attentates auf den bayerischen Ministerprädidenten Kurt Eisner - 21. Februar 1919 (Bundesarchiv: Plak 002-022-002 / Fechenbach, Felix - 21.2.1919)

Einzeltäter oder Auftragsmord?: Anton Graf von Arco auf Valley - 1918 (Wikimedia Commons - Datei: Anton Graf von Arco auf Valley.png / o.Ang. + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PK-PER-A-027)
Zu den Beweggründen äußert sich der Attentäter Graf Arco in einer späteren Aussage vor Gericht:
"Dort stand, daß Auer in irgendeiner Richtung einen Einfluß auf mich ausgeübt habe, das möchte ich gerade heute betonen, daß das Gegenteil von dem richtig ist, daß ich den Abg. Auer seit jener Weihnachtsnacht (-1918-), wo wir im Leibregiment bei der Kompaniefeier zusammensaßen, meines Wissens bis heute nicht mehr gesehen habe, daß also von einer Einflußnahme des Abg. Auer auf meine (-Attentats-)Handlung vom 21. Februar 1919 keine Rede sein kann. Und ich trete auch hier allen Gerüchten, die ich schon früher hörte, es wäre ein Komplott gewesen, daß ich ein Los gezogen hätte, ganz energisch entgegen. Es hat niemand mit meiner Handlungsweise irgend etwas zu tun. Wie ich schon in meinem Prozeß erklärt habe, habe ich die ganze Sache allein übernommen, als Pflicht gegenüber meinem Vaterland, und es war niemand beteiligt. Ich habe auch die Konsequenzen gezogen und die Sache auf meine Kappe genommen." (Münchener Post, Nr.25, S. - "Der Prozess Auer gegen Winter" v. 31.1.1925 + Tucher: "Der Mord an Kurt Eisner", S.357 - 2021)
Der von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff verantwortete Münchener Beobachter schlägt sich nach dem Attentat auf die Seite des schwerverletzten MSPD-Innenministers:
"Wenn man diesen Mann so sieht, treudeutsch oder alldeutsch, wie man's ehrenvoll nennen will, dann mag man sich wundern, wie viel Gemeinsames dieser deutsche Führer der bayerischen Sozialdemokratie mit der großen treudeutschen, alldeutschen, neudeutschen über die Parteien und Landesgrenzen hinausgehenden Bewegung hat." (Dr. O. H. Hopfen in Münchener Beobachter, Nr.8, S.1/2 - "Der verlorene Sohn" v. 22.2.1919)
26. Februar 1919
"Die Beisetzung des ermordeten (-USPD-)Ministerpräsidenten und Revolutionärs Kurt Eisner (1867-1919) am 26. Februar 1919 auf dem Münchner Ostfriedhof war eine der größten Massenkundgebungen in München bis zu diesem Zeitpunkt und eine machtvolle Demonstration der Stärke der links-revolutionären Kräfte. " (historisches-lexikon-bayerns.de: "Beisetzung Kurt Eisner")

Breite Anteilnahme zur Beerdigung des ermordeten USPD-Ministerpräsidenten Kurt Eisners: Martinsplatz am Münchener Ostfriedhof - 26. Februar 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
Die Trauerfeierlichkeiten vom 26. Februar 1919
Graf Arco wird nach dem von ihm durchgeführten Eisner-Attentat schwer verwundet:
"Sein Leben verdankte Arco-Valley, auf den die Leibwächter Eisners mehrere Schüsse abgebeben hatten, einer von Ferdinand Sauerbruch (1875-1951) ausgeführten Notoperation." (historisches-lexikon-bayerns.de: "Arco-Prozess, 1920")
Der zu dieser Zeit in München praktizierende Chirurg Dr. Ferdinand Sauerbruch beschreibt in seinen Lebens-Erinnerungen:
"(-Kurt-) Eisner war von einem Angehörigen des nationalen Bürgertums erschossen worden, der sein junges zweiundzwanzigjähriges Leben daransetzte, den Usurpator zu töten. Da ging es los. Versammlungen in Lokalen und unter freiem Himmel, Umzüge, wilde Demonstrationen, Sprechchöre, Fahnen, Aufrufe aller Art versetzen die (-Arbeiter-)Massen in Raserei.(...) Ich hörte, daß Graf Arco durch viele Schüsse aus allernächster Nähe niedergeschossen und getötet worden sei. Wie erstaunt, betroffen und - ehrlich gesagt - beglückt war ich, als mir, ich traute meinen Ohren nicht, während wir alle Hände voll zu tun hatten und Verwundete operierten, ein Assistent zuflüsterte, eben sei Graf Arco schwerverletzt bei uns eingeliefert worden.(...) Als Arco gleich darauf in den Operationssaal gebracht wurde, sah ich, daß er nahe dran war, zu ersticken. Er hatte einen Schuß durch den Hals bekommen, und die Blutung machte eine Atmung fast unmöglich. 'Geben Sie ein Messer her', sagte ich, 'der Mann erstickt ja ...' Mit einigen Schnitten spaltete ich die Halsmuskulatur, um angestautem Blut Abfluß zu geben. Sofort erholte sich der Patient zusehends.(...) Blutiger Schaum stand vor seinem Mund, als wir ihn auf dem Operationstisch hatten. Meine Helfer und die Schwestern entsetzten sich; denn ich hing den Patienten an den Beinen auf. Ich glaube, daß diese Maßnahme seine Rettung war. Seine Atemwege konnten sich von Blut befreien, und er begann ganz unbeschwert zu atmen." (Sauerbruch: "Das war mein Leben", S.320/321 - 1951)

"Geben Sie ein Messer her, der Mann erstickt ja": Graf Anton Arco auf Valley - 1918 (Postkarte im Privatbesitz / H. Spiessl, München)
Während der Eisner-Attentäter unter der Obhut des renomierten Chirurgen Prof. Dr. Ferdinand Sauerbruch zurück ins Leben findet, läßt ihm der ebenfalls nach einem Attentat in der chirurgischen Klinik untergebrachte MSPD-Innenminister Erhard Auer eine wohlgemeinte Aufmerksamkeit zukommen. Dieser erklärt sich später:
"Es handelt sich nicht um die Erwiderung einer Aufmerksamkeit, die mir (-der Eisner-Attentäter-) Graf Arco erwiesen hat. Die Sache war vielmehr so: Exzelenz (-Maximilian Freiherr von-) Speidel, der (-1919 Chef der Personalabteilung und-) Staatsrat im Kriegsministerium war, hat mich auf meinem Krankenlager (-in der chirurgischen Klinik Sauerbruchs-) sehr oft besucht und hat mir immer Blumen gebracht. Speidel ist der Onkel des Grafen Arco und als Arco, wie ich von Professor Sauerbruch erfuhr, einer schweren Operation unterzogen wurde, von der man annahm, daß er sie nicht überstehen würde, da habe ich ihm einen Blumenstrauß geschickt." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Ingolstädter Anzeiger, Nr.24, S.2 - "Der Prozeß Auer gegen Winter" v. 30.1.1925)
Staatsrat Freiherr von Speidel ist zu Beginn des ersten Weltkrieges als General d. Kav. Divisions-Kommandeur und vom 30. Oktober bis 15. November 1914 Kommandeur der 12. Reserve-Infanterie-Brigade, der das Reserve-Infanterie-Regiment 16 zugeordnet ist. Diesem gehört als Kriegsfreiwilliger auch Adolf Hitler an, der General Speidel bereits als Mitglied der Fahnen-Kompanie zur feierlichen Fahnenweihe am 18. Oktober 1914 begegnet. Ab dem 9. November 1914 bis zum Ende des Krieges wird der Gefreite als Meldegänger zwischen dem Regimentsstab und den Bataillonsstäben eingesetzt. Maximilian Freiherr von Speidel ist mit Anna, geb. Gräfin von Arco auf Valley, verheiratet, welche die Großtante des Eisner-Attentäters Anton Graf Arco auf Valley ist.
Über das für die Entführung Kurt Eisners in Bad Aibling eingeplante Thule-Kampfbund-Mitglied Hermann Sedlmeier heißt es:
"Später, bei Eisners Tode, rächte man sich an ihm. Rechtsanwalt Eller, eins eine Säule der Vaterlandspartei, dann Kommunist, führte den Zug, man riß Sedlmeier aus dem Bett, stellte ihn auf einen Wagen und bedroht von 25 entsicherten Gewehren mußte er die Worte nachsprechen, die ihm Ingenieur Herbst vorsagte: 'Ich bitte um Verzeihung, daß ich den Ministerpräsidenten beleidigte, ich bedaure, daß ein Glied der Offizierskaste ihn ermordete.' Bürgermeister Ruf wurde abgesetzt und Eller übernahm das Amt." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.67 - 1933)
5.März 1919
Felix Fechenbach, der ehemalige Kanzleisekretär des erschossenen Ministerpräsidenten Kurt Eisners, hat bereits zwei Wochen nach dem Attentat einen schweren Stand innerhalb der revolutionären Szene Münchens:
"Die gestrige Sitzung des bayerischen Rätekongresses, die sich mit der Bildung einer neuen Regierung befaßte, nahm einen überaus stürmischen Verlauf. Zu tumultuösen Szenen gab besonders die Rede des früheren Privatsekretärs Eisner, (-Felix-) Fechenbach, Anlaß, der den Revolutionären mit einer Heftigkeit und Entschlossenheit entgegentrat, die die Revolutionäre im höchsten Grade reizte. Fechenbach rief der Gruppe (- des Anarchisten Erich-) Mühsam-Landauer u.a. zu: 'Sie leben in einem Machtwahn! Sie bilden sich ein, ganz Bayern zu sein. Dabei sind Sie höchstens München. Wenn Sie eine Regierung wählen, dann wird der Landtag in Bamberg zusammentreten und wir haben in Bayern zwei Regierungen. Das Volk von Bayern wird der Regierung in Bamberg gehorchen und Sie in München werden in acht Tagen isoliert sein und keinen Tropfen Milch und keine Nahrungsmittel haben. Ihr Machtwahn hat Sie blind gemacht. Hoffentlich werdenSie noch sehend, ehe es zu spät wird.' Nach diesen Worten hagelten zahlreiche Zurufe seitens der Revolutionäre auf Fechenbach nieder. Man hörte die Rufe: 'Fechenbach-Hanibal!', 'Fechenbach-Judas!', 'Fechenbach-Verräter!', 'Niederträchtiger Lump!'. Fechenbach ließ sich jedoch nicht irre machen und hielt den Revolutionären noch ein weiteres Sündenregister vor und schloß mit den Worten: 'Wenn Sie nicht von Ihrem Wahne ablassen, so werden Sie und mit Ihnen Bayern und das bayerische Volk in diesen Flammen verbrennen! Nehmen Sie Vernunft an und treten Sie den Nürnberger Vereinbarungen bei!' Diese Rede rief bei bei der Mehrheit tosenden Beifall hervor, während die Revolutionäre heftig protestierten." (//anno.onb.ac.at: Tages-Post/Linz, Nr.54, S.2 - "Der Umsturz in Bayern" v. 6.3.1919)
Auf einer internen Logenkopfsitzung des Münchener Germanen-Ordens am selben Tage wird über einen Zusammenschluss des bayerischen Germanen-Ordens mit der Thule-Gesellschaft entschieden. Zur Begründung heißt es:
"Unter der Führung von (-dem 27-jährigen Mitglied des Germanen-Ordens und Bildhauer Walter-) Nauhaus und (-dem 24-jährigen Kunstgewerbezeichner Walter-) Deicke (...) bestand (-seit 1918-) ein Verein, der sich die Erforschung und Verbreitung der Lehre von Edda, Saga u. a. zum Ziel setzte. Diese Gesellschaft wurde also (-im März 1919-) in den Germanenorden aufgenommen, doch so, dass letzterer als Verein gegenüber der Oeffentlichkeit und insbesondere der roten Regierung gegenüber verschwand. Dafür gab es nach aussen hin nur die Thule-Gesellschaft, welche sich Germanenforschung zum Ziele setzte, während (-der 44-jährige Rudolf v.-) Sebottendorf den Münchener Beobachter als Sportblatt aufzog." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/865, Bl.5/S.25 - Erinnerungsbericht des ehem. stellv. Thule-Vorsitzenden Johannes Hering an das NSDAP-Hauptarchiv - 15.6.1939)
"Sebottendorf schützte nun die Thule-Gesellschaft wegen der ...ger als wissenschaftlich arbeitenden Verein dem Germanenorden vor, in welchen als zweite Ordenstufe erprobte Mitglieder der Thuleges.(ellschaft) aufgenommen wurden und der sich mit scharf politischen Zielen befasste." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/865, Bl.5/S.150 - Erinnerungsbericht des ehem. stellv. Thule-Vorsitzenden Johannes Hering an das NSDAP-Hauptarchiv - 15.6.1939)
"Mit Nummer 9 (-1. März 1919-) wurde der 'Münchener Beobachter', ebenso wie die übrige Münchener Presse, unter die Zensur der revolutionären Regierung gestellt. Er trug am Kopf den Vermerk: 'Unter Aufsicht des Zentralrates'." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Völkischer Beobachter, Nr.137, S.3 - "Gewachsen mit der Bewegung" v. 1.8.1938)
"Alle Beträge dieser Nummer sind mit Namen gezeichnet, ..." (Dresler: "Geschichte des Völkischen Beobachters", S.63 - 1937)
10. März 1919
Weiter heißt es zu den Aktivitäten Rudolf Glauers/v. Sebottendorff:
"Am Tage nach dem Erscheinen des (-Münchener-)Beobachters, einem Montag (-10. März 1919-), ging Sebottendorff über den Karlsplatz in München und hörte ausrufen: 'Ein Alldeutscher verleumdet Frau Eisner! Sebottendorff schmäht den toten Ministerpräsidenten!' Er trat an den Ausrufer heran, der die Zeitung 'Der Republikaner(-Volksblatt für süddeutsche Freiheit-)' ausbot und fragte: 'Da geh her, was hast denn da?'(...) Die zweite Seite enthielt unter der Schlagzeile: 'Die Witwe Kurt Eisners von einem Alldeutschen verleumdet' eine Entgegnung (-Joseph Anton-) Leibs, des Inhabers (-Schriftsetzers-) des Blattes 'Der Republikaner', sie lautete: '(...) Frau Eisner ist fest entschlossen, den feigen Besudler ihrer Ehre vor die Schranken des Gerichts zu fordern, aber man kann sich eines bangen Gefühls nicht erwehren, daß die reaktionären Elemente allen Grund zu haben scheinen, sich in der Republik Bayern sicherer zu fühlen, so sicher, daß sie glauben, sich alles erlauben zu können. Wie lange wird es noch dauern und eine gewisse Tagespresse darf wieder ungestört die Schleusen ihres Unrates öffnen und alles mit Kot bespritzen, was nur irgend mit der Revolution in Zusammenhang gebracht werden kann.' 'Ja, was ist denn dös, dös is ja eine große Gemeinheit, mei Lieber, der Artikel da, was wird dem Sebottendorff denn geschehen?' Den wern mer heut Abend scho holn.' 'So, da möcht ich a dabei sein, wo wohnt denn der Bazi?' 'Da am Siegestor (-Pension Doering, Inh. Wilhelm Hornstein, Ludwigstraße 17 b, Tel. 30805, gegenüber der Kunstakademie mit Blick auf das Siegestor-) soll er wohnen.'(...) Die Sache sah doch ernster aus; die beiden Artikel waren wohl berechnet, die Leute aufzupeitschen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.96-101 - 1933)

(Münchner Stadtarchiv/Bibliothek: Der Republikaner, Sign. 01/Av. Bibl. 34491/39)
"In der Pension Doering am Siegestor angekommen, erbat sich Sebottendorff von dem Inhaber Hornstein den Schlüssel zur Hintertür des Hauses, durch die man in den Hof des Serenissimus gelangen konnte. 'Heut Abend bekomme ich Besuch, Herr Hornstein, die Spartakusleute wollen mich holen. Erschrecken Sie nicht, wenn Sie mich bei der Haussuchung dabei sehen.'(...) Pünktlich um 6 Uhr erschien auf zwei Lastautos republikanische Schutzwehr, begleitet von einigen Leuten der Sektion Schwabing. Ihnen schloss sich Sebottendorff an. Man beschlagnahmte einige Blätter Runenmanuskripte, ein paar belanglose Briefe und, da man gerade im Hause war, wurden die anstoßenden Zimmer mit untersucht. Eines dieser Zimmer wurde von der (-Thule-Schwester-) Baronin Mikusch bewohnt, deren Sohn während des Krieges in Haidar Pascha Bahnhofskommandant war. Das Bild des Baron Mikusch in türkischer Uniform stand auf dem Schreibtisch der Mutter.(...) Als die Soldaten das Bild sahen, rief einer: 'Das ist der Sebottendorff.' 'Ganz recht, er ist ein Türke', meinte ein anderer.(...) 'Wißt Ihr, dös Bild muß konfisziert werden und a jeder muß es in der Taschen haben, damit wir den Bazi endlich erwischen', hetzte Sebottendorff.(...) In den nächsten Tagen wurden die Kopien der Photographie in den Sektionen verteilt, damit jeder den Sebottendorff sofort erkenne und festhalte." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.96-101 - 1933)

An der Grenze zum Münchener Stadtteil Schwabing: Südseitiger Triumphbogen des Siegestores von der Leopoldstraße in stadtauswärtiger Richtung - 1925 (Postkarte im Privatbesitz / Satrap)

Münchener Wohnsitz von Käthe Bierbaumer und Rudolf Glauer/v. Sebottendorff: Pension Doering in der Ludwigstraße 17 b, gleichzeitiger Sitz der Münchener Schauspiel- und Redekunstschule von Otto König und der Bücherstube von Horst Stobbe - 1910 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-HB-XXIII-157)
Zu der im Hause angesiedelten Bücherstube wird vermerkt:
"Anfang des 20. Jahrhunderts kamen Lese- und Sitzmöglichkeiten und direkter Zugang zu den Büchern in deutschen Buchhandlungen auf. Berühmt war etwa das Lesezimmer der Amelang'schen Buchhandlung in Charlottenburg. Während hier der vornehme Saloncharakter vorherrschte, kreierte der Buchhändler und Antiquar Horst Stobbe in München 1912 eine 'Bücherstube'. Der Kunde sollte sich hier behaglich niederlassen und die Bücher ohne Kaufzwang prüfen können. Er sollte sich wie in einem Wohnzimmer, aber nicht wie in einem Verkaufsladen fühlen." (//biblio.hypotheses.org: "Die Abschaffung der Ladentheke" - 17.08.2023)

Wohnzimmer statt Verkaufsladen: Bücherstube am Siegestor, Ludwigstraße 17a - 1925 (Digitalisiert auf //digi.ub.uni-heidelberg.de: Horst Stobbe - "Bücherstube am Siegestor", S.3 - 1925)
"In den Vitrinen der Bücherstube findet jeder Bücherfreund etwas für seine Sammlung: Seltene Erstausgaben / Bücher mit handschriftlichen Widmungen / Deutsche und ausländische Preffen / Illustrierte Bücher / Vorzugs-Drucke. Wertvolle Werke in eigenen Einbänden von Meisterhand. Kostbare und seltene Zeitschriften / Kataloge über Vorzugsdrucke / Graphik / Kunstgeschichte auf Verlangen / Ankauf von geschlossenen Sammlungen und wertvollen Büchern." (Stobbe: "Die Bücherstube", Bd.1, S.40 - 1920)

"Erschrecken Sie nicht, wenn Sie mich bei der Haussuchung dabei sehen": Eingangsportal der Pension am Siegestor - 2025 (Fotografie im Privatbesitz)
17./18. März 1919 München
Letzte der insgesamt drei Landtagssitzungen des Freistaates Bayern vor der Ausweich-Verlegung der Regierungsgeschäfte nach Bamberg.
21. März 1919
Zu der nicht ungefährlichen Verteilung antisemitischer Hetzschriften durch Mitglieder der Thule-Gersellschaft zählt neben dem Münchener Beobachter und einzelnen Flugblättern auch die antisemitische Satire-Zeitschrift Rote Hand. Diese erscheint mit mutmaßlicher Unterstützung der Thule-Gesellschaft jedoch nur in begrenzter Stückzahl, sodass im Januar 1919 drei und im darauf folgenden März lediglich eine Ausgabe in die Straßenverteilung gelangt. Thule-Organisator Rudolf Glauer/v. Sebottendorff schreibt rückblickend:
"Bei der Verteilung der (-von der Räteregierung verbotenen Satire-Wochenschrift-) 'Roten Hand' war (-um den 21. März 1919?-) ein Thulemann abgefaßt worden, er flüchtete und wurde verfolgt. Als er (-zum Hotel-Seiteneingang-) in die Marstallstraße kam, zog die ganze Rotte ihm nach, die Räume der Thule-Gesellschaft (-im 3. Stock des Hotels Vier Jahreszeiten-) waren im Nu überschwemmt." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.93 - 1933)

Gedränge unter beengten Verhältnissen: Hotelflur zu den ehemaligen Thule-Räumlichkeiten - 2025 (Fotografie im Privatbesitz)
"Glücklicherweise waren gerade einige Leute des Kampfbundes da, die aus den kommunistischen Sektionen gekommen waren, um Bericht zu erstatten. Diese traten mit ihren roten Armbinden sofort in Aktion und drängten die anderen zurück. Seit diesen Tagen standen stets zwei Mitglieder des Kampfbundes als Kommunisten Wache." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.93 - 1933)
Vom GO-Mitglied Schrönghamer-Heimdal empfohlen: Antisemitisches Satireblatt Rote Hand - Mitte März 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
In der Osterbotschaft 1924 der Germanen-Ordensleitung Walvater heißt es rückblickend zu Rudolf Glauer/v. Sebottendorff:
"v. Sebottendorf hat vor der (-zweiten Phase der-) Revolution (-im März 1919-) brieflich (-der Berliner Ordensleitung-) v. Ramin angetragen, in (-Bad-) Sachsa (-Süd-Harz-) sein Haus zu übernehmen und einen mit Millionen Goldmark und Devisen finanzierten, großzügigen völkischen Organisationsplan durchzuführen, während er selbst nach der Türkei zurückkehren wollte." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Prozessakte Thormann-Grandel - 1924)
Im März 1919 verlegt die bayerische Regierung Hoffmann (SPD)ihre Kabinetssitzungen aus Sicherheitsaspekten nach Bamberg. Rudolf Glauer/v. Sebottendorff erinnert sich der parallel forcierten Freikorps-Aufstellungen:
"Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Regierung Hoffmann nach Bamberg übersiedelte (-17.3.-31.5.1919-), war es nicht schwer, die Leute als Reisende über die Grenze zu bringen; erst als die scharfe Grenzkontrolle bei Bamberg einsetzte, wurden die Leute zurückgesandt. Diese sammelten sich in München an und besuchten (-im Hotel Vier Jahreszeiten-) die Thuleräume. Es schien gefährlich, eine solche Menge beisammen zu haben, sie erregten Aufmerksamkeit, und sie wollten etwas zu tun haben; Sebottendorff beschloß, sie nach auswärts zu bringen, nicht zu weit von München, damit man sie sofort zur Hand habe, und doch nicht so nahe, daß die Roten aufmerksam würden. Oberleutnant (-Heinz-) Kurz hatte eine Verbindung mit den Echinger Bauern und so kam mit diesen eine Vereinbarung zustande, daß die Leute sich dort sammeln konnten und den Schutz der Gegend gegen Plünderung der Roten übernahmen.(...) Die zweite Abteilung, den Nachrichtendienst, hatte Leutnant Edgar Kraus in Händen. Kraus ist der Sohn des Ersten Staatsanwaltes in Augsburg, der sich später im bayerischen Femeprozeß einen Namen machte.(...) Egetemayer stellte mit seinen Leuten die Verbindung mit den Truppen der Regierung her, er brachte seine Erkundigungen zuerst nach dem Kampfbunde, dort wurden sie bearbeitet und weitergegeben.(...) In jeder kommunistischen Sektion saßen Leute des Kampfbundes, meißt als Schreiber und Schriftführer, die jeden Abend die Nachrichten nach (-den in der 3. Etage liegenden Thule-Räumen in-) der Marstallstraße (-des Hotels Vier Jahreszeiten-) brachten. Alle so eingegangenen Berichte wurden zusammengestellt und mit dem letzten Zuge nach Augsburg und von da aus nach Bamberg befördert. Wichtiges wurde von Augsburg aus telephonisch übermittelt. Die Regierung Hoffmann war durch einen bekannten Augsburger Rechtsanwalt an Sebottendorff herangetreten und hatte angefragt, ob er für die Regierung tätig sein wolle. Um die nötigen Verabredungen zu treffen, war Sebottendorff nach Augsburg gefahren und im (-Zum-)'Goldenen Lamm', einem kleinen Gasthofe (-in Göggingen/Augsburg-Süd-), in dem er nicht auffiel, abgestiegen. Dort wurde vereinbart, daß die Publikationen der Regierung durch Sebottendorff vervielfältigt werden sollten; er erhielt den Auftrag, die Gegenrevolution mit allen Mitteln zu organisieren, damit die Regierung Hoffmann in Kürze auch in München wieder die Macht habe. Mit diesem Auftrag waren alle Handlungen des Kampfbundes als legal gedeckt. Wie damals bei der Waffensache, so warnte auch in Augsburg ein merkwürdiger Umstand. Es mußte über die Verhandlungen etwas durchgesickert sein. Die Matrosen hatten am frühen Morgen beschlossen, Sebottendorff im Goldenen Lamm auszuheben; er war aber mit dem ersten Zuge nach München gefahren und war gerade im (-Vier Jahreszeiten-)Büro der Thule Gesellschaft angekommen, als ihn (-von Dr. Grandel?-) ein Telephonanruf aus Augsburg erreichte, der ihm den Vorfall mitteilte." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.106-108 - 1933)
Zu der sich in München verschärfenden Situation schreibt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff:
"Daß in dem nun einsetzenden Kampfe der Kampfbund der Thule und diese selber zunächst unbelästigt blieb, ist dem Umstande zu verdanken, daß sich die Räume der Gesellschaft in der stillen Marstallstraße befanden, in unmittelbarer Nähe des Armeemuseums, wo das Oberkommando seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Der Eingang zu den Versammlungsräumen der Thule war ein Nebeneingang des Hotels 'Vier Jahreszeiten', der besonders den Angestellten des Hotelbetriebes diente, es fiel also nicht sehr auf, daß dieser Eingang auch von den Thule-Leuten stark benutzt wurde." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.84 - 1933)

Zur Thule über den Seiteneingang 3 der Marstallstraße: Blick auf das Kaufmannskasino im Hotel Vier Jahreszeiten - 1919 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag Bruckmann, München)
In der linksseitigen Marstallstraße befinden sich drei Nebeneingänge zum Hotel Vier Jahreszeiten. Über den ersten Eingang gelangt der Besucher zu den Abendkonzerten, der Eingang 2 führt zur Hotel-Bar und dem Restaurant. Der dritte Eingang ermöglicht den Zugang zu den Hotel-Räumlichkeitern der Thule-Gesellschaft, die jedoch auch über den Haupteingang der Maximilianstraße und durch einen weiteren Seiteneingang erreichbar ist:
"Auch die jungen, gerade aus dem Krieg zurückgekehrten Offiziere, die darüber entsetzt waren, was sie in der Heimat vorfanden, fragten sich, was man tun könne. Und in diesem Fall hieß es 'Wurzerstraße', denn dort befand sich der Eingang zur 'Thule-Gesellschaft'." (Zeugenbefragung von Dr. Heinz Kurz durch Herrmann Gilbhard, Bl.10 v. 16.6.1975 in Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.242 - 1994)

Hotel Vier Jahreszeiten an der Maximilianstraße mit den Seitenstraßen Marstall- und Wurzerstraße - 2013 (Wikimedia Commons - Datei: München - Nationaltheater (Luftbild).jpg / Dörrbecker, Maximilian - 13.04.2013)
Als Mitorganisator der Münchener Gegenrevolution setzt der seit 1918 aktive Regionalleiter des bayerischen Germanen-Ordens vieles in Bewegung, doch finanzielle und administrative Aufgaben zehren an seinem Finanz- und Zeitbudget. Entlastung schafft die Einstellung einer weiteren Sekretärin, die auch Aufgaben innerhalb des von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff erworbenen Verlagunternehmens Münchner Beobachter übernimmt:
"Heila (-genannt Hella, 33,-) Gräfin von Westarp war im Februar 1919 in die Thule Gesellschaft gekommen und (-neben Anni Molz-) als zweite Sekretärin angestellt worden.(...) Die Gräfin hatte einen kunstgewerblichen Kurs mitgemacht, war dann als Hütegarniererin tätig und war zufrieden und dankbar gewesen, als sie eine bescheidene Anstellung bei einer Brotkartenverteilung bekommen hatte. Im Januar (-1919-) erfuhr die Behörde, daß sie eine Gräfin sei und entließ sie aus diesem Grunde." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.163 - 1933)
"Die Gräfin von Westarp, von Beruf Kunstgewerblerin, war schon vor der offiziellen Gründung der Thule-Gesellschaft mit Sebottendorff zusammengekommen. Ich weiß zwar nicht wie, nehme aber an, daß der Kontakt durch den großen Bekanntenkreis Sebottendorffs zustande gekommen war. Frau Westarp war von der Idee begeistert und hatte sich selbst als Mitarbeiterin zur Verfügung gestellt. Sie war, insbesondere was den Kampf gegen die Räteherrschaft anbelangte, über alle Absichten der Thule-Führung informiert und in die Vorgänge eingeweiht. Da sie sich ständig in der Umgebung Sebottendorffs aufhielt, waren ihr sämtliche Pläne und taktischen Vorbereitungen bekannt." (Zeiteugenbefragung von Dr. Heinz Kurz durch Hermann Gilbhard vom Juni 1975, S.6 in Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.240 - 1994)
"(...) Gräfin Westarp kommt aus einer wenig begüterten, von Schicksalsschlägen schwer heimgesuchten Familie.(-Ihr Bruder verstarb bereits im ersten Weltkriegsjahr als Soldat in Frankreich; der in München 1915 verstorbener und Bismarck verehrender Vater Adolf Graf Westarp betätigte sich u. a. als Autor und Dichter, wie z. B.: 'Fürst Bismarck und das deutsche Volk' v. 1893 + Gedicht: 'Bismarck, komm zurück!' Er musste in den 1880er-Jahren wegen Krankheit den Staatsdienst verlassen, betätigte sich daraufhin schriftstellerisch und war ab 1899 bis zu seinem Tod gelähmt.-) Sie war Buchhalterin und hatte ihre kleinen Ersparnisse in einem Strumpf versteckt." (Digitalisiert auf sachsen-digital.de: Dresdner Nachrichten, Nr.126 - "Weitere ermordete Geiseln", S.2 v. 8.5.1919)

"Im Glauben an seinen Heiland fürs Vaterland den Heldentod gestorben": Otto v. Westarp - 1. Dezember 1914 (Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.621, S.6 v. 4.12.1914)
"Die Jahre 1913 bis 1919 verbrachte Hella von Westarp in Hessen und Württemberg. Seit dem 3. März 1919 war sie als 'ledig, Privatiere, protestantisch' wieder in München (...). Sie arbeitete als (-zweite-) Sekretärin für die Thule-Gesellschaft." (spiegel.de: "Mord im Luitpold-Gymnasium" v. 25.9.2007)

Umzug nach München: Gräfin Hella von Westarp - 1910 (BArch: Bild 119-1272-0001 / o.Ang.)
Weitere Veränderungen zeichnen sich für den März 1919 ab:
"Die letzte (-Logen-)Weihe hatte am 21. März (-1919 im Hotel Vier Jahreszeiten-) stattgefunden. Während der Rätezeit wurden die Versammlungen abgesetzt. Um der Thule eine feste Form zu geben, damit sie auch nach außen hin auftreten könne, wurde (-am 5.3.1919-) beschlossen, die Thule als Verein registergerichtlich einzutragen, dazu waren Statuten notwendig; vom Führerprinzip mußte damit abgegangen werden. Das Registergericht trug nur Vereine ein, die ihren Vorstand durch Wahl bildeten. Die finanziellen Ansprüche, die an Sebottendorff herangetreten waren, hatten seine Kraft erschöpft; er mußte die Mitglieder bitten, ab 1. März 1919 Beiträge zu zahlen. (-Julius-) Kneil wurde jetzt Kassenwart. Auch die tagenden Vereine mußten jetzt Saalmiete zahlen."(Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.90/91 - 1933)
Offiziell gegründet wird die Tarn-Gesellschaft, laut Münchener Vereinsregister des Münchener Register-Gerichtes, als Orden zur Förderung deutscher Art e.V. am 21. März 1919, kurz vor Ausrufung der Münchener Räterepublik.
(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.148, Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 15.6.1939)
Über eine weitere Begebenheit aus den Hotelräumen der von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff initiierten Thule-Gesellschaft wird berichtet:
"Geheimnisvoll waren auch die Grundsätze, nach denen er (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff-) die völkischen Verbände gründete: erst zu allerletzt erfuhren wir, dass in den Räumen der Vier Jahreszeiten ein Verein der in München lebenden Marineoffiziere, ein Verband vaterlandstreuer Unteroffiziere seinen Sitz hatte (...). Er wollte nach dem Carbonari-System die Fäden in seiner Hand halten, von den Unterorganisationen sollte keiner von dem Dasein der anderen etwas wissen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.19, Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 15.6.1939)

Mit Hang zur Diskretion: Seiteneingang Marstallstraße mit Zugang zu der oberen Büro-Etage im Anbautrackt der Vier Jahreszeiten - 2025 (Fotografie im Privatbesitz)
Die Überlegung der konterrevolutionären Offiziere ist einfach: Sollte es zu einem Angriff der weißen Truppen auf München kommen, würden zuvor weitergeleitete Informationen und abgestimmte Aktionen aus dem Inneren der Stadt den militärischen Erfolg deutlich beschleunigen. Zu dem konspirativen Zusammenschluss der Offiziere wird von einem Teilnehmer berichtet:
"Allmählich wird das Hotel 'Vier Jahreszeiten' in München zum Hauptquartier der rätegegnerischen Organisationen. Es gibt da, nicht erst seit gestern, einen merkwürdigen Klub, die Thule-Gesellschaft. Das ist so eine Art germanischer Orden mit gemäßigt antisemitischen Tendenzen, aber sonst durchaus harmlos und als Deckmantel für die Arbeit der Offiziere durchaus geeignet. Dort können sie verhältnismäßig ungefährdet gelegentlich zusammenkommen, ihre Berichte austauschen und die weiteren Vorarbeiten zur Organisation des Widerstandes gegen die Rätediktatur miteinander besprechen. Die Mitgliederliste der Thule-Gesellschaft wird zu ihrer Stammrolle. Das alles geht vor sich, ohne daß die eigentlichen, ursprünglichen Mitglieder der Thule-Gesellschaft irgend etwas davon wissen." (v. Oertzen: "Kamerad, reich mir die Hände", S.80 - 1933)
Ein weiterer Besucher der Thule-Gesellschaft ist Leutnant Hans Schnitzlein, der aus Bamberg kommend kurz vor Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs Abreise nach Nordbayern den Auftrag erhält, Kontakt mit den rätekonträren Gruppen in München aufzunehmen. Er notiert in seinen Erinnerungen:
"Schon der Aufgang in die Räume der Gesellschaft war bemerkenswert: Gemälde von blondlockigen und in rauhe Felle gekleideten Germanen zierten die Wände, dazu waren Spruchbänder angebracht über die Wichtigkeit der Rassenforschung usf." (Bay HStA, Abt.IV, HS 2421 - Bericht Hans Schnitzlein an Heeresarchiv München v. 9.5.1935 in Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.108 - 1994)

"Gemälde von blondlockigen und in rauhe Felle gekleideten Germanen": Treppenaufgang im Hotel Vier Jahreszeiten - 2025 (Fotografie im Privatbesitz)

"In rauhe Felle gekleidete Germanen": Standbild des Feldmarschalls Blücher - 1815 (rdklabor.de - Datei: 07-1205-1.jpg / "Die Bildwerke der Gottfried Schadow", Abb. 186 - 1951)
Zur Anwerbung von Freikorpssoldaten nutzt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff möglicherweise die Räumlichkeiten in der Marstallstraße 2-3, die schon von dem 1918 verstorbenen Verleger des Münchener Beobachters, Franz Xaver Eher, in Verwendung standen. (//stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-BUG-396)
April 1919
Nachdem die Räterepublik auch München fest im Griff hält, gilt die im noblen Hotel Vier Jahreszeiten untergebrachte Thule-Gesellschaft den eingeweihten als Zentrum der reaktionären Verschwörung. Rudolf Glauer/v. Sebottendorff berichtet:
"Durch die Revolution waren fast alle völkischen Vereine obdachlos geworden; die Lokale waren ihnen von den Wirten gekündigt worden. Sebottendorff machte seine Pforten weit auf und in kurzer Zeit fanden alle wichtigen völkischen Versammlungen in den 'Vier Jahreszeiten' statt.(...) In der Thule Gesellschaft ging es zu wie in einem Taubenschlage: hier konstituierte sich von neuem die Nationalliberale Partei unter (-Thule-Mitglied-) Hanns Dahn, hier tagten (-dienstags, 19:30-) die Alldeutschen unter Verlagsbuchhändler (-Julius F.-) Lehmann (-55-), der Deutsche Schulverein unter (-dem seit Januar 1918 zugehörigem Germanen-Ordensmitglied Wilhelm-) Rohmeder, die Fahrenden Gesellen (-u. a. am 7.2.1919-), der Hammerbund (-u. a. am 11.4.1919-), dessen aktivstes Mitglied (-Franz-) Dannehl war, kurz, es gab keinen Verein in München, der irgendwelche nationalen Belange vertrat, der nicht in der Thule Unterkunft fand." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.62 - 1933)
4. April 1919
"Von besonderem Interesse ist die Aussage des Ministers für soziale Fürsorge, Segitz. Er gibt Auskunft über die Ministerrats-Sitzung vom 4. April (-1919-), in der eine Abordnung aus Augsburg erschienen sei und berichtet habe, in Augsburg habe man einstimmig (-die-) Ausrufung der Räterepublik beschlossen. Man verlange Anerkennung durch den Ministerrat." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.345, S.7 - "Erich Mühsam und Genossen vor dem Standgericht" v. 9.7.1919)
5. April 1919
"Anfang April 1919 war sehr viel Schnee gefallen, bis weit in die Ostern blieb der Schnee liegen, warum sollte er auch entfernt werden, es wurde ja doch jeden dritten Tag gestreikt." (Sebottendorff: "Bevo Hitler kam", S.124 - 1933)
"Nummer 13 des (-Münchener-)Beobachters vom 5. April 1919 sollte die letzte sein, welche bis zur Befreiung Münchens von der Räteherrschaft erschien." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.102 - 1933)
6. April 1919 - Dietrich Eckarts und Gottfried Feders Flugblatt zur Brechung der Zinsknechtschaft
Über die Münchener Phase der Räterepublik heißt es in einer über Dietrich Eckart erschienenen Propagandaschrift von Albert Reich, einem mit dem Verleger eng befreundeten Maler und Nationalsozialisten der ersten Stunde:
"Einen Tag vor Errichtung der 'Räterepublik Baiern' verteilte er (-Dietrich Eckart mit Alfred Rosenberg am 6. April 1919 in einer Auflage von 100.000 Exemplaren-) ein von ihm und G.(-ottfried-) Feder verfaßtes Flugblatt 'An alle Werktätigen', das den Kampf gegen das Leihkapital predigte. - Freunde und freiwillig sich meldende Arbeiter waren es, die in Tausenden von Exemplaren den eindringlich abgefaßten Flugzettel aus Autos in die überall sich sammelnde Menge warfen." (Reich: "Dietrich Eckart - Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.71 - 1934)
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Mit Unterstützung von Gottfried Feder: Dietrich Eckarts Beitrag zur bevorstehenden Räterepublik in München: "An alle Werktätigen" - 5. April 1919 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/2181, S.3 v. April 1919 + digitale-sammlungen.de: "Sammlung von Flugblättern betreffend die Münchener Räterepublik 1919", Bild 18)
Der in dem Flugblatt beschriebene Zusammenhang von Revolution und jüdischer Weltverschwörung birgt gesellschaftlichen Sprengstoff. In Reaktion auf Dietrich Eckarts Verteilungsaktion heißt es in einem offenen Brief von Sigmund Fraenkel, dem Vizepräsidenten der Münchener Industrie- und Handelskammer und langjährigen Vorstand des orthodoxen Synagogenvereins Ohel Jakob, gerichtet an die Führer der bayerischen Rätebewegung:
"Wir Münchener Juden haben in all den schweren, leiderfüllten Wochen der Vergangenheit geschwiegen, da Sie und andere landfremde, des bayerischen Volkscharakters unkundige Phantasten und Träumer die bittere Not und die seelische Depression unseres Volkes ausnützten, um Gläubige für Ihre vielleicht wohlgemeinten, aber verhängnisvollen und der menschlichen Natur zuwiderlaufenden Pläne einer zukünftigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu werben. Wir schwiegen, weil wir fürchteten, unsere Glaubensgemeinschaft zu schädigen, wenn wir Sie in der Öffentlichkeit abschüttelten und weil wir von Tag zu Tag hofften, daß das Verantwortungsgefühl für die religiöse Gemeinschaft, der Sie oder Ihre Eltern entstammten, früher oder später in Ihnen erwachen und Ihnen zum Bewußstsein bringen werde, in welches Chaos von Zerstörung und Verwüstung der von Ihnen eingeschlagene Weg münden müsse. Der heutige Tag, an dem Tausende und aber Tausende von aufreizenden antisemitischen Flugblättern in Münchens Straßen verteilt wurden, zeigt mir mit aller Deutlichkeit die Größe der Gefahr, die nicht die Bekenner unserer Glaubensgemeinschaft, sondern das Judentum selbst bedroht, wenn die große Masse von Münchens werktätiger Bevölkerung die erhabenen Lehren und Dogmen der jüdischen Religion in ideellen Zusammenhang mit den bolschewistischen und kommunistischen Irrlehren bringt, die Sie seit Wochen den durch die viereinhalbjährige Kriegsdauer zermürbten und verwirrten Volksmassen predigen.(...) Dieses Judentum hat Sie und Ihre verworrenen und krausen Phantasien nicht gebraucht." (Wilhelm: "Dichter Denker Fememörder", S.70 - 1989 + Schulze-Marmeling: "Der FC-Bayern", S. - 2017)

Zur Klarstellung: Flugschrift der Ortsgruppe München des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens - April 1919 (Landesbildstelle Nordbayern, Bayreuth, Haus der Bayerischen Geschichte / G. Heller, München)
Über die Tätigkeiten der Thule-Gesellschaft berichtet ein Mitglied (vermutlich der Student Karl Stecher) des Thule-Kampfbundes:
"Die ersten Wochen (-im März 1919-) betätigte ich mich in der (-Vier-Jahreszeiten-)Zentrale der Bewegung, im Büro und den Gesellschaftsräumen des 'Münchener Beobachters' und der 'Thule-Gesellschaft'. In erster Linie sorgte ich dafür, daß wir Leute bekamen mit gleicher Gesinnung und aktiver Beteiligung. Für das (-ab Mitte März 1919 aktive-) Unternehmen in Eching bewahrte ich seit drei Monaten ungefähr 80-100 Armeepistolen auf. Weiter gab ich Auskünfte, wie und wohin man in die auswärtigen Freikorps kommt. Durch diese Arbeit allein wurden zirka 400-500 von den zuverlässigsten Leuten abgeschoben." (Tätigkeitsbericht, vermutlich des am 2.5.1919 in München gefallenen Studenten der Handelswissenschaften, Karl Stecher, in Schricker: "Rotmord über München", S.117/118 - 1934 + Hitzer: "Der Mord im Hofbräuhaus", S.251 - 1981)
Über einen weiteren Unterstützer der konterrevolutionären Thule-Gesellschaft heißt es:
"Durch die Thule-Gesellschaft erhielt ich (-Rudolf Heß-) antisemitische Flugblätter, die ich in Münchens Straßen verteilte, wobei ich prombt festgenommen wurde. Bezeichnenderweise stand damals nicht etwa auf Wucher und dergleichen, wohl aber auf antisemitische Propaganda die Todesstrafe. Nur einem mir anscheinend heimlich wohlgesinnten Beamten in der Münchner Polizeidirektion hatte ich es zu verdanken, daß ich entfliehen konnte. Beinahe hätte mich aber wenige Tage darauf mein Schicksal doch ereilt." (Leitgen: "Adolf Hitler und seine Getreuen an der Arbeit", S.13 - 1933)
"Er (-Rudolf Heß-) hatte besonders nach Ausrufung der Räterepublik die nicht leichte Aufgabe, die Personen, die sich im Büro der Thule um Aufnahme in den Kampfbund und später in das Freikorps Oberland beworben hatten, auf ihre Eignung und Zuverlässigkeit zu überprüfen. Das Personalverzeichnis der Angenommenen führte die Gräfin Westarp." (Zeiteugenbefragung von Dr. Heinz Kurz durch Hermann Gilbhard vom Juni 1975, S.6 in Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft",S.240 - 1994)
Auch Georg Grassinger ist fest eingebunden in den Abwehrkampf der Thule-Gesellschaft:
"Er stellte Studenten kommunistische Ausweise aus, damit sie in kommunistische Sektionen gehen und spitzeln konnten. Grassinger arbeitete in der Weiss'schen Buchdruckerei, Liebherrstr. 5 (Ecke Thierschstr.) und gab in der Weiss'schen Druckerei den 'Münchner Beobachter' heraus." (Digitalisiertz auf ifz-muenchen.de: Grassinger, Georg, ZS-50-1 - Protokoll Georg Franz über Georg Grassinger v. 19.12.1951)
12. April 1919
"Nummer 14 vom 12. April 1919 konnte nicht mehr ausgegeben werden, da an diesem Tage ein Verbot des (-Münchnener-)Beobachters erfolgte." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.102 - 1933)
"Infolge der Kämpfe zur Niederringung der Räterepublik konnte der 'Münchener Beobachter' vom 12.IV. bis 10.V. nicht erscheinen." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Völkischer Beobachter, Nr.137, S.3 - "Gewachsen mit der Bewegung" v. 1.8.1938)
Palmsonntag, 13. April 1919
Die antisemitische Propagande der Thule-Gesellschaft wird in den ersten Aprilwochen intensiviert. So wird unter anderem ein Flugblatt in den Umlauf gebracht, für das sich intern der aus dem antisemitischen Hammerbund hervorgegangene Komponist Franz Dannehl verantwortlich zeigt:
"Der (-Thule-)Kampfbund betrieb seine Propaganda durch den (-Münchener-)Beobachter, er verteilte Einzeldrucke aus demselben, Flugblätter, die besonders (-Franz-)Dannehl verfaßte." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.73/74 - 1933)
Der für Dietrich Eckarts - und von Gottfried Grandel mitfinanzierte - Wochenschrift Auf gut deutsch arbeitende Redakteur Alfred Rosenberg erinnert sich:
"Aus diesem so herbeigesehnten Demonstrationszug wurde weiter nichts, da die sich stauenden Menschenmassen jede Formierung eines Zuges praktisch verhinderten, im Übrigen aber bekannt wurde, dass schon rote Patrouillen auf dem Wege waren, um den widerspenstigen Redner (-Alfred Rosenberg an der Mariensäule auf dem Münchner Rathausplatz-) festzunehmen. Es ist oft ein schicksalhaftes Zusammentreffen, dass Menschen, ohne sich jemals gesehen (-?-) oder ohne sich zu reden, zu gleicher Zeit das Gleiche beginnen. Ich war kaum mit meiner Rede zu Ende, da fuhr in einem grossen Tempo durch die Menschengasse hindurch ein Auto und aus diesem Auto flatterten vierseitige grüne Flugblätter, auf der Titelseite mit einem Sensemann (-?-) geziert. Und der Inhalt war ein Aufruf antisemitischer Art schärfster Natur, der sich in erbittertster Weise gegen Judenherrschaft über Deutschland wandte. Später stellte sich heraus, dass dieses Flugblatt von der Thule-Gesellschaft stammte und von unserem späteren treuen Parteigenossen, dem Musiker und Liederkomponisten Franz Dannehl verfasst und herausgeschleudert worden war. Am nächsten Morgen konnte man in der kommunistischen Münchener Neuesten Nachrichten (sie war von der Regierung beschlagnahmt worden) lesen, dass unverantwortliche Hetzer das Volk mit antisemitischen Reden und Flugblättern irre führen wollten und dass die neue Regierung Anweisung gegeben habe, rücksichtslos nach den Volksverhetzern zu fahnden und sie dingfest zu machen." (BArch: NS 8/20, S.56/56 bzw. 9/10 - Alfred Rosenbergs Erinnerungen an die Anfänge der NS-Bewegung)


Aus der Märzausgabe des Satireblattes Rote Hand entnommen: Herr Todleben

Verteilt in großer Anzahl: Flugblatt Franz Dannehls vom Münchener Kampfbund der Thule - 13. April 1919 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.209 - 1933 + digitalisiert auf //bildsuche.digitale-sammlungen.de: "An alle Schaffenden! Die wahren Verräter und Würger der Deutschen! Tatsachen!" v. 13.4.1919)
Der von Gottfried Grandel finanziel unterstützte Herausgeber der Wochenschrift Auf gut deutsch vermerkt in einer Ausgabe:
"Mit am tatkräftigsten wirkt hier in München für unsere deutsche Sache der Komponist Franz Dannehl.(...) Einfach, schlicht und doch groß greift jedes seiner (-Musik-)Stücke ans Herz. Hieße er Korngold, die Welt würde ihn bejubeln. Auch die deutsche Welt." (Digitalisiert auf Dietrich Eckarts Wochenschrift-Sammlung Auf gut deutsch - Ausgaben 23-45: Heft 42/43, S.675 - "Obacht" v. 12.12.1919)

Mitglied des des Thule-Kampfbundes: Franz Dannehl - 1918 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.115 - 1933)
Am Abend setzen Kämpfe um den Münchener Hauptbahnhof ein, bei denen sich die Spartakisten durch Einsatz eines Mienenwerfers durchsetzen können. In den darauf folgenden Tagen wird ganz München unter ihre Kontrolle gebracht. Rudolf Glauer/v. Sebottendorff notiert:
"Er (-Friedrich Knauf-) kam ohne Resultat am Sonnabend Nacht (-12. April 1919-) zurück. Als ich niedergeschlagen in meine Wohnung kam, erwartete mich dort ein Herr, legitimierte sich als Beauftragter der Bamberger Regierung und teilte mir mit, daß man (-Friedrich-) Knauf mit Mißtrauen begegne. Wenn ich in der Nacht die Häupter der Kommunisten verhaften helfen würde, würde am Palmsonntag (-13. April 1919-) von Ingolstadt her eine genügend starke Macht vordringen. Es käme nur drauf an, bis zum Mittag München zu halten. So verhaftete ich in der Nacht (-Erich-) Mühsam, (-Gustav-) Landauer (-wurde von Frau Mühsams nach der Verhaftung ihres Mannes telefonisch gewarnt und entkam daraufhin-) und andere mit Hülfe von (-Matrosen?-). Am Palmsonntag war München frei. Leider nahm (-der Kommandant der Republikanischen Schutztruppe Alfred-) Seyffertitz meine Unterstützung nicht an und wies meine Hilfstruppen, Offiziere und Studenten zurück. Auch Schneppenhorst hielt nicht Wort. Die Truppen kamen nicht. So fiel der Bahnhof an das (-kommunistische-) Kommando." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/1229, S.8, Bl.1 - Rudolf Glauers/v. Sebottendorfs Antwortschreiben an Thule-Mitglied Johannes Hering v. 7.12.1922)
15. April 1919
In der von Gottfried Grandel mitfinanzierten Zeitschrift Auf gut deutsch beschreibt der völkische Verleger Dietrich Eckart rückblickend, wie auch er offenbar vom Nachrichtendienst des Thule-Kampfbundes profitiert:
"Kurz vor Beginn der Versammlung (-mit Gottfried Feder-) wurde ich aufs neue gewarnt, von einem, den ich als 'Wissenden' kannte (-Ordensleiter Rudolf Glauer/v. Sebottendorff?-). Die Kommunisten, unter (-Max-) Levien, seien (-nach dem gescheiterten Palmsonntagsputsch vom 13.4.1919-) auf dem Sprung, das Niekisch-Regiment zu stürzen, und dann würde ich augenblicks (-durch den neuen Vollzugsrat-) verhaftet werden. Der Befehl dazu läge bereits unterschrieben vor.(...) Ich fuhr schnell zu der vereinbarten Stätte, traf dort viele bereits Wartende (...), sprach die nötigen Worte der Aufklärung und verschob, unter allgemeiner Zustimmung, die Debatte auf ruhigere Zeiten." (Eckart: "Auf gut deutsch", Nr.14/15 - Artikel "Sturmtage", S.230/231 v. 24.5.1919 + BArch Berlin: NS26/2183, Wilh. Grün - "Dietrich Eckarts politischer Kampf", S.15)
16. April 1919
"Die Thule-Gesellschaft wurde während dieser Zeit von zwei Ereignissen berührt. Das erste war (-am 17. April 1919?-) der Besuch des Polizeipräsidenten Pallabene (-Hans Köberl, 31, Münchener Polizeipräsident v. 15.-22.4.1919?-), der kam, um Haussuchungen nach antisemitischen Flugblättern (-von Franz Dannehl?-) zu halten.(...) Bestätigt wurde der Besuch durch das Mitglied der Republikanischen Schutztruppe (-Konrad-) Ritzler, der zugleich Mitglied der Thule Gesellschaft war; er konnte auch die genaue Zeit angeben: die Haussuchung sollte gegen 10 Uhr morgens stattfinden. Um den Angriff abzuwehren, bat Sebottendorff Frau Riemann-Bucherer, für den Morgen Gesangsstunde anzusetzen und alle Schwestern der Thule Gesellschaft (-in die gemieteten Hotel-Räume-) zu bestellen. Als dann der Polizeipräsident gemeldet wurde, klang ihm das Einführungslied: 'Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen', entgegen. Gräfin Westarp, die zweite Sekretärin, meldete den Herrn, der sofort fragte: 'Was ist das für ein Verein?' 'O, das ist ein Verein zur Höherzüchtung der germanischen Rasse!'(...) 'Ja, was treiben Sie eigentlich?' 'Sie hören es, wir singen.' 'Sie treiben antisemitische Propaganda, ich weiß es wohl, Herr! Sie machen sich über mich lustig, ich lasse Sie und ihren ganzen Anhang verhaften! Ich bin gekommen, Haussuchung zu halten!' 'Bitte', sagte Sebottendorff, 'ich kann Sie nicht hindern, aber eine Erklärung zuvor, Herr Polizeipräsident. Meine Macht reicht etwas weiter als Sie denken. Sehen Sie, ich bin nun sechs Monate und mehr Führer der Thule Gesellschaft und denke es auch noch lange zu bleiben. Sie, Herr Polizeipräsident, sind seit zwei Tagen im Amt und können vielleicht noch zwei oder drei Tage bleiben, dann kommt ein anderer an die Futterkrippe. Wenn Sie, Herr Polizeipräsident, hier mich oder einen meiner Leute oder auch alle verhaften, dann nehmen meine Leute, wo immer sie einen finden, einen Juden hoch, schleifen ihn durch die Straßen und behaupten, er habe eine Hostie gestohlen. Dann, Herr Polizeipräsident, haben Sie einen Pogrom, der auch Sie hinwegfegen wird.' 'Das ist ja irrsinnig, das ist Wahnsinn.' 'Vielleicht, aber mein Wahnsinn hat Methode.'(...) Damit ging er und mit ihm seine Beamten, unter denen zwei Mitglieder des Kampfbundes der Thule waren." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S. 91-93 - 1933)
Der aus Bamberg entsandte Verbindungsmann Leutnant Hans Schnitzlein berichtet weiter über seinen Aufenthalt in München:
"Ich wurde in einen Raum (-der Thule-Gesellschaft-) geführt, in dem etwa 6-8 Männer saßen, die sich nach allgemeiner Vorstellung zunächst einmal durch Vorlage von tadelosen Spartakus-Ausweisen bei mir verdächtig machten. An ihrer Spitze stand ein angeblicher Freiherr von Sebottendorff, ein Bahnverwalter namens (-Friedrich-) Knauf und ein Leutnant (-Heinz-) Kurz. Es ergab sich aber, daß diese Herren tatsächlich der Kern einer Truppe von etwa 200 Leuten waren, die mit allen Mitteln gegen die Roten arbeiteten. Zum Beispiel hatten sie eine kleine Druckerei im Gange, in welcher regelrechte Mitgliedskarten des Spartakus-Bundes, Eisenbahn-Inspektoren-Ausweise usf. hergestellt wurden. Nach längerem Gespräch glaubte ich - wie sich später zeigte, mit vollem Recht - diesen Persönlichkeiten volles Vertrauen schenken zu dürfen.(...) Ich übermittelte nach dem Gedächtnis den Aufruf der rechtmäßigen Regierung, der zum Kampfe gegen die Spartakisten aufforderte. Sie erzählten mir, daß sie diesen Aufruf drucken (...) und durch einen Flieger abwerfen würden. Zum Verlassen Münchens gaben mir die Herren einen Ausweis als Bahnbeamter (auf den Namen Kirschner) und eine Freifahrtkarte, ferner einen Chiffre-Schlüssel für den Verkehr mit der Regierung." (Bay HStA, Abt.IV, HS 2421 - Bericht Hans Schnitzlein an Heeresarchiv München v. 9.5.1935 in Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.108 - 1994)
Was in dieser geschilderten Situation zu Irritationen hätte führen können: Der aufgrund seiner Erziehung national eingestellte Hans Schnitzlein ist jüdischer Herkunft.
Thule-Organisator Rudolf Glauer/v. Sebottendorff berichtet weiter:
"Am Mittwoch, dem 16. April 1919, abends, waren fast alle Leute des Kampfbundes unterwegs. Es galt nun noch, die Thule zu sichern. Kf (-Friedrich Knauf-) und (-Theodor-) Deby unternahmen es, die Kartothek der Gesellschaft, die mit den Papieren Sebottendorffs und Dokumenten der Thule in zwei mit R.(-udolf-) v. S.(-ebottendorff-) signierte Militärkoffer verpackt waren, beiseite zu schaffen. Wer freiwillig weiter arbeiten wollte, wurde darauf aufmerksam gemacht, daß er gefährdet sei, wenn in München bekannt werde, daß Sebottendorff ein Freikorps (-Oberland-) aufstelle. Gräfin (-Heila v.-) Westarp, Johann Ott, Valentin Büchold (-20-) erboten sich mit vielen andern, unter K(-nau-)f und Deby weiter zu arbeiten. Während so die letzten Dispositionen getroffen wurden, erschien der frühere republikanische Schutzwehrmann (-und gleichzeitige Thule-Bruder Konrad-) Ritzler (-35-) und teilte mit, daß Verhaftungsbefehl gegen Sebottendorff ergangen sei. Der Befehl könne bis 8 Uhr abends zurückgehalten werden, dann dürfe Sebottendorff weder in der Thule noch in der Wohnung zu finden sein. Es war daher keine Zeit mehr für Sebottendorff, länger in München zu bleiben, denn die Leute in Eching, in Treuchtlingen, hingen von ihm ab. Noch einmal ermahnte er zur Vorsicht, riet, an verschiedenen Orten zu arbeiten, bat nochmals, die Koffer sofort zu sichern und ging fort. In der Pension Doering benachrichtigte er (-die Thule-Schwestern-) Frau Baronin (-Adelheid v.-) Mikusch (-Buchberg, geb. Engert, Akte: //blha-recherche.brandenburg.de - 4A KG Pers 3546-) und Frl. (-Käthe-) Bierbaumer, daß sie gefährdet seien und bat sie, sofort alles zu packen, was sie für einige Tage benötigen und spätestens um 7 Uhr im Hotel 'Deutscher Hof' zu sein, wo Zimmer reserviert seien. Sebottendorff war im Hotel 'Deutscher Hof' bekannt; er verständigte den alten Hausdiener Siegfried, daß er den Namen eines Bahnverwalters Kallenbach führe. In der Nacht wurde das Hotel zweimal von Arbeiterwehr durchsucht; am Zimmer des Bahnverwalters Kallenbach ging man vorüber, doch wurden die beiden Damen visitiert. Frl. Bierbaumer gab sich als eine eben aus Ungarn angekommene Kommunistin aus und wurde in Ruhe gelassen, auch Baronin Mikusch wurde nicht weiter belästigt. Da der Zug um 6 Uhr morgens abging und nach der letzten Visitation an Schlaf doch nicht mehr zu denken war, beschlossen die Drei, daß Sebottendorff versuchen solle, mit seiner Handtasche und dem Gepäck der Damen nach dem Bahnhof zu kommen und daß die Damen nachfolgen sollten." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.116/117 - 1933)
"Zu meinen Vertretern in München bestellte ich (-Friedrich-) Knauf und (-Theodor-) Deby. Dann reiste ich am Dienstag früh (-15. April 1919? Oder nch obigen Bericht doch eher Donnerstag, 17. April 1919?-) ab, nachdem ich Order gegeben, alles aus den Räumen der Thule-Gesellschaft zu entfernen, was Verdacht erwecken könne, denn, das waren meine Worte zu Knauf: 'Wenn es bekannt wird, daß ich ein Freikorps aufstelle, dann seid Ihr alle in Gefahr.' Meinen Weisungen ist nicht gefolgt worden, so geschah das Unglück, daß meine Treuesten gemordet wurden!'" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/1229, S.8, Bl.1 - Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs Antwortschreiben an Thule-Mitglied Johannes Hering v. 7.12.1922)

"... daß sie gefährdet seien": Pension am Siegestor - 2025 (Fotografie im Privatbesitz)
Aus den angemieteten Hotel-Räumlichkeiten der Thule-Gesellschaft heißt es derweil:
"Als unsere Lage hier in den 'Vier Jahreszeiten' immer brenzlicher wurde und wir die militärischen Operationen der Roten Armee noch auskundschaften wollten, fehlte es uns an den nötigen kommunistischen Ausweisen. Kurz entschlossen ließ ich mich am (-Mittwoch-) 16. April (-1919-) in die Kommunistische Partei aufnehmen. Am Abend dieses Tages - es war die neunte Stunde - wurde ich der Frau des bekannten Kommandanten (-im Luitpold-Gymnasium Fritz-) Seidel vorgestellt. Als armer Handelsgehilfe stand meiner Aufnahme nichts im Wege. Ich gab an, daß für mich eine Aufnahme gar keinen Wert hätte, wenn ich mich nicht geistig betätigen könnte. Dies wurde mir sofort zugebilligt, und nach 1 1/2 Stunden hatte ich mit Frau Seidel die dickste Freundschaft." (Tätigkeitsbericht, vermutlich des am 2.5.1919 in München gefallenen Studenten der Handelswissenschaften, Karl Stecher, in Schricker: "Rotmord über München", S.117/118 - 1934 + Hitzer: "Der Mord im Hofbräuhaus", S.251 - 1981)
Aus Sicht des Kommandanten heißt es in einer späteren Vernehmung vor Gericht:
"Später habe er (-Fritz Seidel-) sich der kommunistischen Partei angeschlossen, und zwar der Sektion IV im Gärtnerviertel. Seine Frau sei erst später in die Partei aufgenommen worden, und zwar auf seine Veranlassung. Im ersten Drittel des April (-1919-) wurde er Obmann. Seine Tätigkeit habe darin bestanden, die Sektion aufzurichten, Mitglieder aufzunehmen, zu Versammlungen einzuladen usw.(...) Zum Tätigkeitsgebiet des Angeklagten (-Fritz Seidel-) gehörte unter anderem die Erstattung der Stärkemeldungen an das Oberkommando (-Egelhofer-), die Abhaltung von Appellen, wobei insbesondere die jeweilige Lage bekanntgegeben wurde, und gemeinsam mit (-Wilhelm-) Hausmann die Aufrechterhaltung der Ordnung und Disziplin im Gymnasium." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/2095, S.22, Münchener Zeitung, Nr.237, S.2 - "Die Sühne für den Geiselmord" v. 2.9.1919)
Im Verlauf der Münchener Räte-Revolution verläßt Thule-Leiter Rudolf Glauer/v. Sebottendorff zum Aufbau des Freikorps Oberland am 16. April 1919 die Stadt:
"Die Gräfin wurde (-am 15. April 1919-) von Sebottendorff beim Abschiede gewarnt, sie sagte: 'Reisen Sie denn aus, Bruder? Lassen Sie mich am Platze, und sei es nur, daß ich mein verdientes Brot esse.'" (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.165 - 1933)
"Wie bereits gesagt, arbeiteten die Vertreter Sebottendorffs in der Marstallstraße (-Hotel Vier Jahreszeiten-) während seiner Abwesenheit eifrig weiter. Sie verließen sich aber zu sehr auf das Glück, das jenen begleitet hatte. Es fehlte ihnen auch das In-die Bresche-springen, wenn es darauf ankam. Es sind in der Zeit vom 18. April 1919 bis zur Aushebung der Thule durch die revolutionäre Polizei (-am 26. April 1919-) weit über 500 Freifahrtscheine ausgegeben worden; die Abreisenden wurden in eine Liste eingetragen, die im großen (-Thule-)Saale auslag." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.135 - 1933)
"Die Thule hat (-bis zum 16. April 1919-) auch die paar hundert Mann zusammengebracht, die aus einem lockeren Verband heraus schon vor der eigentlichen Aktion zur Befreiung Münchens (-am 1. Mai 1919-) mit der Waffe in der Hand gegen die Roten um Dachau gekämpft haben. Ohne die Vorbereitungen der Thule hätte es auch weder ein Freikorps Oberland noch ein anderes bayerisches Freikorps gegeben." (Zeugenbefragung von Dr. Heinz Kurz durch Herrmann Gilbhard, Bl.10 v. 16.6.1975 in Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.242 - 1994)
19. April 1919 - Aufstellung des Freikorps Oberland
Über Rudolf Glauer/v. Sebottendorff wird berichtet:
"Er bekam am 19. April 1919 (-durch den Minister für militärische Angelegenheiten Ernst Schneppenhorst-) die Einwilligung der legitimen Regierung des sozialdemokratischen bayerischen Ministerpräsidenten Hoffmann, die sich vor der in München ausgerufenen Räterepublik nach Bamberg geflüchtet hatte und (-nach dem gescheiterten 'Palmsonntag-Putsch' vom 13. April 1919-) Hilfe dringend brauchte." (Friedrich: "Spuren des Nationalsozialismus", S.80 - 2013)

Regierung in Not: Einwilligung zur offiziellen Aufstellung des Freikorps Oberland - 19. April 1919 (Digitalisiert auf invenio.bundesarvhiv.de: NS 26/2234, S.2)
20. April 1919
"Im Ostersonntag 1919 erschien Sebottendorff in der Kommandantur des III. Armeekorps und zeigte seine Vollmachten vor. In Übereinstimmung mit den bereits getroffenen Vorkehrungen wurde Eichstätt zum Standort des Freikorps Oberland bestimmt." ()
Zu der Zentrale Oberland gehören als Mitarbeiter:
"Oberleutnant Kurz (...) Leutnant (-Edgar-) Kraus (...) (-Afrikaflieger-) Leutnant Karl Schwabe (...) Leutnant Parcus (...) Karl Witzgall (...) Johann Ott (...) Schödel" (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.134 - 1933)

(Kriegsgliederung/Freikorps Oberland in Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt: "Die Niederwerfung der Räteherrschaft in Bayern", S.207 - 1939)
22. April 1919
"Am Osterdienstag (-22. April 1919-) fuhr bei leichtem Schneegestöber am Bavaria-Ring ein Lastwagen mit zehn Rotarmisten vor und nahm an Hand einer Liste in verschiedenen Häusern Verhaftungen von Staatsbeamten, Geistlichen und Pensionisten vor, die in die Guldeinschule gebracht wurden. 'Fünfzehnhundert werden geschnappt. Rücken die Weißen an, werdet ihr vor uns hergetrieben als Kugelfang und Deckung. Was dann von euch noch übrigbleibt, wird auf der Theresienwiese füsiliert', wurde den Geiseln bei der Verhaftung mitgeteilt. Die Geiseln höheren Ranges wurden in das Gefängnis nach Stadelheim gebracht." (Brehm: "Der Trommler", S.179 - 1960)
"Man mußte es den Herren vom Zentralrat schon lassen, sie hatten bei der Auswahl dieser (-in Stadelheim inhaftierten-) Geiseln Sinn und Verständnis für Qualität bewiesen. Man sah in der Tischrunde den kommandierenden General von F., den General von L., den Obersten K. von Kr., den Reichsrat von A., den fanatisch national denkenden Verlagsbuchhändler (-Julius Friedrich-) Lehmann und manch andere hochgestellte Persönlichkeit, deren Name mir im Laufe der Jahre entfallen ist. Diese Männer saßen bereits ununterbrochen seit 14 Tagen in (-Stadelheimer-) Haft ..." (Bericht vom Münchener Korpsmitglied Transrhenania, Max Schmitt, in Korpszeitung Nr.2 von 1929, zitiert in Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.123 - 1933)
Der alldeutsche Verleger Julius Friedrich Lehmann erinnert sich:
"Anfang April 1919 wurde mir an einem Tag von vier verschiedenen Seiten mitgeteilt, daß ich wieder als Geisel verhaftet werden solle. Meine früheren Erlebnisse (-nach der Bürgerwehr-Affaire vom Dezember 1918-) im Bayerischen Hof und in Stadelheim ließen es mir zweckmäßig erscheinen, der Verhaftung aus dem Wege zu gehen. Ich zog aber diesmal vor, nicht ins Gebirge, sondern (-als 54-jähriger-) in Richtung Ohrdruf (-bei Gotha, zu-) - Oberst Epp abzumarschieren." (Melanie Lehmann: "Verleger J. F. Lehmann - Ein Leben im Kampf für Deutschland", S.50 - 1935)
23. April 1919 - Flugzeuge über München
"Der erste von Daya persönlich geleitete Nachrichtenflug nach München ist vollkommen gelungen. Das Nachrichtenblatt der Deutschen demokratischen Partei wurde durch vier Flugzeuge in vielen tausend Exemplaren über der Stadt München abgeworfen, wobei die Flieger von den Türmen der Frauenkirche aus mit Maschinengewehren heftig beschossen wurden. Nunmehr läßt auch die Regierung Hoffmann ein Nachrichtenblatt 'Flugpost Bamberg-München' herausgeben und über München abwerfen." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Berliner Tageblatt, Nr.184, S.1 - "Die Finanznöte der Bolschewisten" v. 25.4.1919)
"Die Bürgerschaft lechzt nach Nachrichten von draußen. Obwohl es bei Todesstrafe verboten ist, die von den Regierungsflugzeugen abgeworfenen Zettel aufzuheben, sieht man dennoch täglich im Englischen Garten elegant gekleidete Herren nach den auf den Bäumen hängen gebliebenen Zetteln klettern. Heute (-23. April 1919-) wird zum ersten Male ein eigenes, zu diesem Zwecke zusammengestelltes Nachrichtenblatt der Deutschen demokratischen Partei durch ein von der Parteileitung gemietetes Flugzeug über München abgeworfen, da die Regierung keines zur Verfügung stellte." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Berliner Tageblatt, Nr.182, S.5 - "Aufforderung zur Plünderung" v. 24.4.1919)
"Wer Plakate aufhob, die von Fliegern abgeworfen wurden, mußte zur Strafe in den Kasernen, Schulen und Wachstuben die Klosette reinigen." (Sebottendorff: "Bevo Hitler kam", S.124 - 1933)
"Einen kühnen Streich begingen zwei Unteroffizierspiloten der Regierungstruppen. Sie erbrachen nachts die Schuppen der Flugzeugwerke Otto in München und schoben vier der dort montierten Fokkerapparate ins Freie. Von der Wache überrascht, gaben sie sich als Spartakisten aus und ersuchten die Rotgardisten, ihnen bei dem Abflug behilflich zu sein. Dann flogen sie mit zwei Flugzeugen davon und lieferten diese auf dem Flugplatze der Regierungstruppen in der Nähe von Bamberg ab." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Berliner Tageblatt, Nr.184, S.1 - "Die Finanznöte der Bolschewisten" v. 25.4.1919)

Herrscher der bayerischen Lüfte: Doppeldecker des Augburger Flugverkehrs Rumpler - 1919 ()
"Was ich sonst getan habe? Das will ich nur andeuten. Ich habe (-im Rahmen von Diversiontätigkeiten auf dem Flugplatz Schleißheim-) mit zwei jungen Leuten in einer Nacht 100 Flugzeuge (-vom Tank-) unbrauchbar gemacht, die gegen Bamberg gerüstet werden sollten. Ich habe den ganzen Automobilpark für die Rote Armee unbrauchbar gemacht, indem ich die Zündschnüre durchschnitt und die Magnete auswechseln ließ. Ich habe die Zündbolzen der großen Haubitze bei Krupp(-München-) durchschnitten. Ich bin jede Nacht unterwegs gewesen, habe Posten überfallen, Waffen gestolen u.s.w." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/1229, S.8, Bl.2 - Rudolf Glauers/v. Sebottendorfs Antwortschreiben an Thule-Mitglied Johannes Hering v. 7.12.1922 + Beyer: "Die Revolution in Bayern", S.144 - 1988)
"Durch den Nachrichtendienst (-von Thule-Kampfbundmitglied Edgar-) Kraus erfuhr der Kampfbund alles, was von den Räten geplant wurde und so ist es gelungen, mehr als einmal große Aktionen der Roten Armee zu verhindern. Dreimal wurde der gesamte Automobilpark durch Vertauschen der Magnete lahmlegt, die Tanks der Schleißheimer Flugzeuge wurden durch Anschlagen unbrauchbar gemacht." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.109 - 1933)

(Digitalisiert auf //daten.digitale-sammlungen.de: Bayerische Staatsbibliothek 4 H.un.app. 1071 t / Flugblattsammlung Räterepublik 1919)
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24. April 1919 - Eichstätt
Rudolf Glauer/v. Sebottendorff berichtet:
"Aus München waren durch einen Kurier, Dr. Kummer, einem Mitglied des Germanenordens, böse Nachrichten gekommen; es gehe dort wie in einem Taubenschlage zu, man arbeite ganz offen gegen die Räteregierung.(...) Sebottendorff war beim Abmarsch des Freikorps am 24. April 1919 in Eichstätt und hatte auf der Rückfahrt kurz vor Treuchlingen eine Panne. Der Bahnhofkommandant leiß einen Leerzug anhalten. Hier traf Sebottendorff den Kurier, der Reichert, einen Unterführer der Roten Armee, als Gefangenen mit sich führte. Der Kurier war am Vormittag in (-den Thule-Räumen-) der Marstallstraße gewesen und hatte dort (-Friedrich-) Kf(-Knauf-) getroffen, dieser hatte seine Warnungen verlacht und sich sehr sicher gefühlt. Der Kurier berichtete, daß an diesem Tage mindestens 100 Freifahrtscheine ausgegeben worden seien und daß das Treiben nicht lange verborgen bleiben könne, die Thule müsse jeden Augenblick auffliegen. Die Scheine wurden, nachdem Leutnant Rudolf Heß die Vorprüfung vorgenommen habe, durch (-Johann-) Ott ausgegeben. (-Rudolf-) Heß sei aber heute auch zum Freikorps Regensburg abgegangen. Diese Nachrichten bewogen Sebottendorff, den Prinzen Thurn und Taxis, der am selben Abend (-des 24. April 1919-) mit Nachrichten ankam, nach München zurückzusenden, mit dem Auftrage, unbedingt zur Vorsicht zu mahnen und sich vor allem zu überzeugen, ob die beiden Militärkoffer weggebracht worden seien." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.127/128 - 1933)
25. April 1919 - Verrat
"Das Verhängnis wollte es, daß der Prinz am nächsten Tage nicht bis nach München gelangen konnte; der Zugverkehr war unterbrochen, er kam erst am 26. April 1919 nach München und da war das Unglück schon geschehen;" (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.128 - 1933)
"(-Ingenieur und Studienrat Hans-) Riemann hatte die Gräfin einige Tage vor der Verhaftung gewarnt: 'Schwester, es geht hier jetzt hochpolitisch zu, das ist nichts für eine Frau, wir halten unsere Köpfe hin, aber bleiben Sie weg.' Sie gab ihm zur Antwort: 'Ich bin eine deutsche Frau, ich werde meine Pflicht tun.' Am Tage vor der Verhaftung, am 25. April (-1919-), hatte (-Thule-Mitglied und Sportschriftleiter des Münchener Beobachters Valentin-) Büchold zu ihr gesprochen: 'Schwester Heila, hier ist, seit Sebottendorff fort ist, dicke Luft ... Am besten ist es, wenn Sie morgen nicht mehr kommen, ich traue der Sache nicht; ich gehe nach einem der anmarschierenden Freikorps ab.' Gräfin Westarp hat dies (-Thule-Mitglied Arthur-) Griehl gesagt und dieser hat ihr ebenfalls geraten, weg zu bleiben, wenn sie Furcht habe; er selber müsse am nächsten Morgen nach der Marstallstraße, er wolle sie entschuldigen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.138 - 1933)

"... und ging doch am nächsten Morgen an ihre Arbeit": Heila Gräfin von Westarp - 1919 (Glock & Sohn: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.31 - 1920)
Die Aktivitäten der Thule-Gesellschaft bleiben gegenüber den revolutionären Räten tatsächlich nicht unbemerkt. So berichtet vermutlich Karl Stecher, wichtiger Informant der Thule-Gesellschaft, in einem Tätigkeitsbericht:
"Irgendein Verräter steckt es (-am 25. April 1919-) der politischen Militärpolizei." (Tätigkeitsbericht, vermutlich des am 2.5.1919 in München gefallenen Studenten der Handelswissenschaften, Karl Stecher, in Schricker: "Rotmord über München", S.116/117 - 1934 + digitalisiert auf bavarikon.de: "Ein Jahr bayrische Revolution im Bilde", S.17 - 1919)
In einer weiteren Buchveröffentlichung wird betont, dass Karl Witzgall und Karl Stecher während der Münchener Räterepublik als Studenten der Handelswissenschaft für Waffenverschiebungen von München in das Umland verantwortlich sind.
(Luhrssen: "Hammer of the Gods - the Thule Society and the birth of Nazism", S.129 - 2012)
"Durch einen Angestellten des Hotels Vier Jahreszeiten erhielt das Kriegsministerium bald Kenntnis von den Vorgängen in den Räumen der Thule." (Rose: "Die Thule-Gesellschaft", S.58 - 1994)
"Die waffentragenden Verbindungen wurden aufgefordert, Geiseln namhaft zu machen. Der Kommandeur des Luitpoldgymnasiums, Fritz Seidel, der als Handlungsgehilfe wegen Unterschlagung von Firmengeldern bestraft worden war, erfuhr von einer Bedienerin, einer überzeugten Kommunistin, wie sie sagte, daß im vierten (-3.-) Stock eines Hotels 'Vier Jahreszeiten', in den Räumen eines Sportclubs, Aristokraten, Offiziere und nichtstuerisches Weibervolk zusammenkomme, die sich über die Ermordung Eisners freuten, auf die Juden schimpften und der Räteregierung ein baldiges Ende wünschten. Eine Anfrage bei der Polizei bestätigte die Angaben der Bedienerin (-der Vier Jahreszeiten-): ja, dort tage tatsächlich eine Geheimgesellschaft mit dem Namen 'Thule', nicht ernst zu nehmende Leute, die sich mit alldeutschen Spinnereien befasse.(...) Seidel, dem vor kurzem sein Sekretär mit Stampiglien, Formularen und Geld durchgebrannt war, hoffte ihm auf die Spru gekommen zu sein und wollte deshalb Näheres über die Thuleleute wissen. Es seien, wiederholte der Polizeibeamte beim Telefon, in erster Linie Spinner, eine Art arischer Freimaurer, eine österreichische Erfindung, deren oberste Leitung ein aus Österreich stammender und in Berlin lebender Lehrer (-Philipp-) Stauff innehabe. In München stehe der Gesellschaft ein gewisser Baron Sebottendorff, ein türkischer Staatsbürger, vor, kein echter, sondern ein adoptierter Baron, und noch dazu in der Türkei adoptiert. Sein Vater habe ganz schlicht Glauer geheißen und sei in Sachsen Lokomotivführer gewesen. Diesen adoptierten Baron wollte (-Kasernenkommandant Fritz-) Seidel sich ausborgen. Er stellte ein Komnmando von Rotarmisten zusammen und trug ihnen auf, alles, was sie in der Thule-Gesellschaft fänden, zu verhaften." (Brehm: "Der Trommler", S.179/180 - 1960)
"Noch am 25. April (-1919-) äußerte die Gräfin Todesgedanken zu (-Thule-)Bruder (-Arthur-) Griehl und ging doch am nächsten Morgen an ihre Arbeit." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.165 - 1933)
26. April 1919 - 10-13 Uhr, Hotel Vier Jahreszeiten
Am Sonnabend, dem 26. April 1919, gelingt dem Oberkommando der Münchner Räteregierung eine entscheidende Aktion gegen die seit sechs Monaten überwiegend im Geheimen agierende Thule-Gesellschaft:
"Am nächsten Morgen (-Samstag, 26.4.1919-) schickt man eine Abteilung Matrosen (-auf die Hoteletage der 'Vier Jahreszeiten'-) hinauf. Die sollen die Verschwörer abfangen." (Tätigkeitsbericht, vermutlich des am 2.5.1919 in München gefallenen Studenten der Handelswissenschaften, Karl Stecher, in Schricker: "Rotmord über München", S.116/117 - 1934 + digitalisiert auf bavarikon.de: "Ein Jahr bayrische Revolution im Bilde", S.17 - 1919)
Thule-Mitglied Rudolf Heß berichtet von seinem 25. Geburtstag:
"Lediglich dem Umstand, daß ich durch einen Zufall aufgehalten wurde und zu spät zu der angesetzten Zusammenkunft der Thule-Gesellschaft kam, ist es zuzuschreiben, daß ich nicht mit den übrigen (-Thule-)Geiseln verhaftet und im Münchner Luitpold-Gymnasium erschossen wurde. Als ich (-nachmittags am Hotel Vier Jahreszeiten zum Seiteneingang-) in die Marstallstraße einbog, in der die (-Kampfbund-)Sitzung sein sollte, sah ich die Lastautos mit den roten Matrosen vorfahren. Mein Versuch, von der nächsten Telephonzelle aus die Kameraden zu warnen, mißglückte: der Fernsprechapparat der Thule-Gesellschaft war inzwischen schon von den Matrosen besetzt worden." (Leitgen: "Adolf Hitler und seine Getreuen an der Arbeit", S.13 - 1933)
Aufgrund der Freikorps-Werbetätigkeit durch den Thule-Kampfbund dürfte als Zielperson dieser Verhaftungen Rudolf Glauer/v. Sebottendorff zu sehen sein, der sich jedoch schon außerhalb Münchens befindet:
"(-Münchens Oberkommandant Rudolf-) Egelhofer bekam von den (-Thule-)Zusammenkünften Wind. Seine Spione hatten ihm gemeldet, daß um ein Uhr mittags eine Ausschußsitzung stattfinden werde. Kurz vor ein Uhr umstellte er das Hotel mit Matrosen und drang in die Räume der Thule-Gesellschaft ein. Dort fand er niemand, auch keine belastende Schriftstücke, weil jeder Schriftwechsel vermieden wurde. Wütend darüber wurden auch die Redaktionsräume des Münchner Völkischen Beobachters, die auf der gleichen Etage lagen, durchsucht. Die Kontoreinrichtung wurde demoliert und alle Manuskripte fortgeschleppt." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Süddeutsche Zeitung: für deutsche Politik und Volkswirtschaft, Nr.588, S.6 - "Was uns droht - Erinnerungen an die Münchener Rätezeit" v. 17.12.1930)

Aufdeckung durch Verrat: Motorisierte Rotgardisten in München - April 1919 (Schricker: "Rotmord über München", Bild 36 - 1934 + + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-044 + Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz / Heinrich Hoffmann + BArch: Bild 146-1992-092-04 / o.Ang.)

Revolutionäre Soldaten in München - November 1918 (BArch: Bild 183-R29339 / o.Ang.)
"Im Hotel 'Vier Jahreszeiten' werden in den Räumen der Thule-Gesellschaft mehrere Personen (-u.a. die zweite Sekretärin Gräfin Hella von Westarp-) überrascht und verhaftet." (Tätigkeitsbericht, vermutlich des am 2.5.1919 in München gefallenen Studenten der Handelswissenschaften, Karl Stecher, in Schricker: "Rotmord über München", S.116/117 - 1934 + digitalisiert auf bavarikon.de: "Ein Jahr bayrische Revolution im Bilde", S.17 - 1919)
"Am 26. April (-1919, 13 Uhr-) nachmittags griff die Polizei zu und sandte ein Kommando Arbeiterwehr und einige Matrosen, um die Thule Gesellschaft, das heißt, das in ihren Räumen befindliche Werbebüro auszuheben. Man fand dort nur die Sekretärin Gräfin (-Haila v.-) Westarp vor, die man verhörte, nach der Polizei mitnahm und dort entließ." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.135 - 1933)

Zur Thule-Gesellschaft über den gotischen Seiteneingang 3 der Marstallstraße: Hotel Vier Jahreszeiten - 1920 (Postkarte im Privatbesitz / Metz, Otto - Köln + //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-WKII-STR-2061 Eingang Marstallstraße 1)
Der Münchener Beobachter vermerkt über die Durchsuchung der angemieteten Redaktionsräume nach dem Scheitern der Räterepublik:
"In den Schreibstuben des Beobachters ist nichts von der Bande gelassen worden, alle Schriftstücke, alle Unterlagen sind vernichtet. Wir sind so schwer geschädigt, daß die Fortführung des Blattes auf Schwierigkeiten stoßen dürfte." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Völkischer Beobachter, Nr.137, S.3 - "Gewachsen mit der Bewegung" v. 1.8.1938 + Münchener Beobachter, Nr.15 v. 10.5.1919)

Marstallstraße: Hinterster Teilbereich des Hotels Vier Jahreszeiten - 4. April 1906 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-NL-PETT1-2418)
"Am Sonnabend, den 26. April (-1919, 12 Uhr-), kam ich (-Zeugin und Thule-Mitglied Josephine Lack, geb. Bauer, im selben Jahr noch verheiratet mit Thule-Mitglied Josef Lack, der bis Juli 1919 in der Anzeigenabteilung des Völkischen Beobachters beschäftigt wird-) in die Klubräume (-der Thule-Gesellschaft-). Ich traf dort aber nur Rotgardisten an, die mich sofort festnahmen und des Näheren über den Schriftleiter des 'Beobachter', Hans Müller, vernahmen, der zufällig ein Schulfreund von mir war. Unten vor der Tür standen, als wir hinunterkamen, weitere zwanzig Rotgardisten und einige Zivilisten.(...) Sie nahmen mir alle Namen und Adressen ab und dann brachte ein Rotgardist aus den Klubräumen eine Anzahl gelber und grüner Flugblätter herunter. Darauf sagte der Zivilist: 'Jetzt haben wir die, die seinerzeit im Auto gesessen sind! (Bekanntlich wurden während der Zeit der Räterepublik antisemitische Flugblätter in großen Mengen aus einem in der Stadt herumfahrenden Auto herausgeworfen.)" (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.460, S.3 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 9.9.1919)
"Erst bei genauerer Untersuchung der Thule-Räume wird das Ausmaß der Verschwörung deutlich. Zwar stößt man vorerst nur auf merkwürdig altertümlich anmutende Schriften, mit denen man wenig anzufangen weiß, doch dann ist das Erstaunen groß. Da finden sich mehrere Nummern von Sebottendorffs 'Münchner Beobachter', in dem zum Kampf gegen die 'Bolschewisten' aufgerufen wird. Da entdeckt man plötzlich einige der knallgelben Flugblätter, die vor drei Wochen von Dietrich Eckart und Alfred Rosenberg aus den Taxis geworfen wurden. Da liegt eine Straßenkarte von Schleißheim herum, auf der sich bei genauerem Hinsehen Markierungen und Einzeichnungen erkennen lassen: die Stellungen der Roten Armee. Man durchwühlt das Büromaterial und stößt auf Faksimilestempel der Roten Armee mit der Unterschrift des Oberkommandierenden (-Matrosen Rudolf-) Egelhofer und seines Adjudanten Karpf. Ein Siegel der Stadtkommandantur ist auch vorhanden. Ein offensichtlich aus Versehen liegen gebliebener Teil einer Mitgliederliste der Thule-Gesellschaft wird entdeckt. 30 Namen mit Adresse sind darauf notiert, darunter mehrere Kunstmaler (-u. a. vermutlich Adolf Hitler-) sowie eine stattliche Anzahl mehr oder weniger bekannter Professoren von der Münchner Universität. Daß man dann auch noch zurückgelassene Waffen aufstöbert, wundert keinen mehr. Eiligst wird versucht, die auf den Listen angegebenen Thule-Mitglieder festzunehmen. Man macht sich sofort auf den Weg. Doch die meisten der Gesuchten haben München längst verlassen oder sind bei Freunden untergetaucht. Man verhaftet die Gräfin Heila von Westarp, die als Sekretärin im Büro der Thule-Gesellschaft tätig ist. Sie wird mehrmals verhört und anschließend wieder nach Hause geschickt. Die Gräfin nimmt die Gelegenheit zur Flucht nicht wahr. Sie hält sich als Bürokraft für zu unbedeutend und deshalb für ungefährdet." (Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.72 - 1989)
Über die Vorgehensweise eines Verhaftungskommandos berichtet (das in der Schmellerstraße wohnende Thule-Mitglied Marie?) Straub:
"Am 26. April sei (-der Kommandant im Luitpold-Gymnasium Fritz-) Seidel in der Wohnung des Zeugen erschienen, um diesen zu verhaften. Der Zeuge hatte sich aber bereits in Sicherheit gebracht, und wurde der Verhaftungsversuch an den folgenden Tagen mehreremals erfolglos wiederholt. Die Frau des Zeugen hatte Seidel auf einer Photographie als einen der Beteiligten erkannt. Hierauf wird die Frau des Zeugen Straub vernommen, welche über die Verhaftungsversuche in ihrem Hause berichten soll. Sie erkennt den Angeklagten Seidel sofort wieder und erklärt, dass eines Tages drei Männer, darunter Seidel und Haussmann, in einem Panzer-Automobil an ihrem Haus vorgefahren kamen, mit dem Gewehrkolben an die Tür schlugen, und die Oeffnung der Tür mit dem Bemerken verlangten: 'Die Militärpolizei sei da', es sei sofort nach ihrem Manne gefragt worden, und habe Seidel im Schlafzimmer unter die Betten gesehen, und von der Zeugin die Oeffnung eines Kleiderschrankes verlangt, dabei bemerkend, wenn er selbst öffne, könne die Zeugin später sagen, er habe etwas gestohlen (-vermutlich Selbstschutz, falls bei Öffnung ihr Mann aus dem Schrank geschossen hätte-). Die Männer seien bis an die Zähne bewaffnet, und aus den Mänteln hätten die Stiele von Handgranaten herausgesehen. Als sie den Gesuchten nicht fanden, habe Haussmann gesagt: 'Wenn wir den Schuft, den Schurken und Landesverräter finden, dann wird er sofort an die Wand gestellt." (Glock & Sohn: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.57/58 - 1920)

Als ehemaliger Straßenbahnangestellter im Panzermobil auf der Suche nach Thule-Mitgliedern: Kommandant Wilhelm Haussmann - 1919 (Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.6 - 1920)
In einer späteren Prozessaufarbeitung wird der im April 1919 als Vorsitzender des Revolutionstribunals fungierende Franz Michael Cronauer vernommen:
"Der Zeuge (...) schilderte, wie nach anfänglicher Vernunft und Mäßigung die Radikalen immer mehr das Revolutionstribunal zu beeinflussen versuchten. Trotz aller Gerüchte sei niemals ein Todesurteil von dem Tribunal gefällt worden. Die höchste Strafe waren einmal zwei Jahre Gefängnis. Das paßte natürlich den Radikalen vom Schlage (-Fritz-) Seidls und (-Wilhelm-) Haußmanns nicht in den Kram und man drängte den Zeugen (-Franz Michael Cronauer-) dazu, auch einmal endlich ein Todesurteil zu verhängen. Einmal mußte der Zeuge 3/4 Stunden lang auf die Arbeiter einreden, doch vernünftig zu sein. Früher hätten sie sich immer über die Justizirrtümer beschwert. Jetzt, wo sie am Ruder seien, sollten sie doch nicht in den gleichen Fehler verfallen, wie das alte Regime. Als aber die (-Thule-)Leute aus den 'Vier Jahreszeiten' (-am 26.4.1919-) verhaftet wurden, gab es bei den Rotgardisten kein Halten mehr und Cronauer setzte sich vergeblich dafür ein, daß die Verhafteten vor das Revolutionstribunal kämen. Die anderen erklärten einfach: 'Gebt sie uns nur her, Ihr seid zu human.'" (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Freiheit, Nr.431, S.5 - "Die Erschießung der Münchener Geiseln vor Gericht" v. 7.9.1919)
"In München war damals (-im April 1919-) eine Verhaftungsmanie eingerissen, die ein Seitenstück nur in der von 1914 (-zu Beginn des 1. Weltkrieges-) hatte, als fast jeder Mensch als Spion galt. Gegen diese Manie wurde ich (-Revolutionstribunal-Vorsitzender Cronauer-) beim Stadtkommandanten (-Rudolf Egelhofer-), wie auch beim Vollzugsausschuß wiederholt vorstellig, erreichte aber nichts. Bei einem telephonischen Anruf dieserhalb sagte Egelhofer (-am 26. April 1919-) zu mir: 'Komm doch gleich mal herüber. Wir haben Kerle hier (-im Kriegsministerium-), die Stempel gefälscht haben.' Der Zeuge wohnte dann einer Vernehmung des (-Thule-Mitglieds und Bildhauers Walter-) Nauhaus bei, der ein Buch der Thule-Gesellschaft vorlegte, in dem sämtliche Namen der Mitglieder enthalten waren. Darauf erklärte Egelhofer: 'Wenn ich die alle erschießen sollte, das gäbe etwas Schönes.'" (Digitalisiert auf //collections.fes.de/historische-presse: Vorwärts, Nr.357: "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 7.9.1919)
"Durch einen Herrn, der gewissermaßen amtlich mit den Verhafteten zu tun hatte, erfuhr man folgendes: Irgend ein Zufall oder eine Denunziation hatte der Stadtkommandantur (-am 25.4.1919-) Kenntnis von einem 'Komplott' gebracht, das mit gefälschten Stempeln arbeitete. Bei der Durchsuchung eines (-ehemaligen-) Sportbureaus (-im Hotel Vier Jahreszeiten-), dessen Räume dieses Komplott gemietet hatte, fand man (-am Samstag, 26.4.1919-) tatsächlich in einem Zigarrenkistchen (-13-) nachgemachte Gummi- und Holzstempel, darunter einen der Stadtkommandantur. Bei dieser Gelegenheit entdeckte man ein in Leder gebundenes künstlerisches Werk mit altgermanischen Schriftzeichen und in der Sprache, wie sie etwa vom Teutonenorden gepflegt wird. In diesem Album waren die Namen von etwa 30 Herren verzeichnet, darunter die von den (-ledigen Münchner-) Malern (-Walter-) Deike, (-Friedrich Wilhelm-) Freiherr von Seydlitz, (-dem ledigen Münchner Bildhauer-) Walter Nauhaus und einer Anzahl von Münchnern, Würzburger und Nürnberger Professoren (-weitere Verhaftungen: Dr. Eidinger/Freilassung am 30.4.-). Gegen sie wurde Haftbefehl erlassen, doch die meisten von ihnen waren entweder nicht erreichbar oder bereits aus München geflohen, die anderen wurden im Laufe des Sonntags (27.4.1919) verhaftet, im ganzen etwa 15 bis 20 Personen." (Schmolze, Gerhard: "Revolution und Räterepublik in München 1918-19 in Augenzeugenberichten", S.352 - 1969)
"Man findet (-am Samstag, 26.4.1919 insgesamt 13-) falsche Stempel und - antisemitische Flugblätter. 'Aha, jetzt ham mir ja die, wo die gelben Flugblätter (-von Thule-Mitglied Franz Dannehl-) aus dem Auto herausgeworfen haben!' Draußen vor der Tür postiert man einen Matrosen, der jeden festnehmen soll, der das Büro der Thule-Gesellschaft oder des Sportblatts 'Der Münchner Beobachter' betreten will." (Tätigkeitsbericht, vermutlich des am 2.5.1919 in München gefallenen Studenten der Handelswissenschaften, Karl Stecher, in Schricker: "Rotmord über München", S.116/117 - 1934 + digitalisiert auf bavarikon.de: "Ein Jahr bayrische Revolution im Bilde", S.17 - 1919)

Spätere Räumlichkeit der Thule-Gesellschaft: Aufnahme des Vormieters Münchener Sport-Club (MSC) - 1912 (Digitalisiert auf muenchner-sportclub.de/Galerie + //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PK-STB-08055)
Auch Gründungsmitglied Johannes Hering berichtet:
"Die auf die Gründung der Thule-Gesellschaft bezüglichen Schriftstücke, die ersten Mitgliederlisten und Bücher sind durch die Spartakisten mit Schreibmaschinen, Möbeln und dergleichen (-u. a. eine 'große Menge an Waffen' am 26. April 1919 aus den angemieteten Räumen der Vier Jahreszeiten-) geraubt worden." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/865, S.17 - Beiträge des Gründungs- und Vorstandsmitglieds der Thule, Johannes Hering, zur Geschichte der Thule-Gesellschaft - 15.6.1939)
"In dem Bureau der Thule-Gesellschaft wurde ferner ein Zettel antisemitischen Inhalts gefunden, auf dem auch die Namen aller derjenigen Regierungsmitglieder deutscher Einzelstaaten gestanden hätten, die jüdischen Glaubens waren." (Digitalisiert auf //collections.fes.de/historische-presse: Vorwärts, Nr.461, S.2: "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 9.9.1919)
"In den Schreibstuben des 'Beobachters' ist nichts von der Bande gelassen worden, alle Schriftstücke, alle Unterlagen sind vernichtet. Wir haben auch keine Belegnummern der früheren Blätter.(...) Wir sind so schwer geschädigt, daß die Fortführung des Blattes auf Schwierigkeiten stoßen dürfte. Wir wollen aber alles tun, um den 'Münchener Beobachter' zu halten, das einzige völkische Blatt Bayerns. Darum bitten wir alle mitzuhelfen, neue Bezieher uns zuzuführen. Heil und Sieg!" (Dresler: "Geschichte des Völkischen Beobachters", S.64 - 1937)
Als bei den Rotgardisten eingeschleuster Thule-Informant schreibt vermutlich der Student Karl Stecher in seinem Tätigkeitsbericht weiter:
"Ich wurde (-bei den Rotgardisten-) mit der Führung der Geschäfte betraut. Täglich hatte ich zirka 200 Mitglieder in die KPD aufgenommen. Mein ursprünglicher Plan war, wenn die Freikorps gegen die Stadt rückten, mit sämtlichen Listen der KPD zu verschwinden. Das wurde jedoch durch die Verhaftung der Gräfin (-Hella von-) Westarp in unseren Büroräumen (-der Thuele-Gesellschaft am 26. April 1919 im Hotel Vier Jahreszeiten-) vereitelt.
26. April. Der unglückselige Tag. Nachmittags 4 1/2 Uhr wurde ich von der Verhaftung, welche in den 'Vier Jahreszeiten' stattfand, benachrichtigt. Ich arbeitete in der Zentrale der KPD gemütlich weiter. Vor 5 Uhr wurde mir ins Gesicht gesagt, ich wäre ein Verräter (-da sein Name vermutlich auf der sichergestellten Thule-Mitgliederliste steht-). Durch meine Reden jedoch konnte ich den Verdacht abschütteln und dem Lose der Gräfin Westarp entgehen. 6 1/2 wurde ich von einer Patrouille, welche mir anscheinend gefolgt war, verhaftet. Sie brachten mich in die Zentrale, die Posten jedoch, die mich übernehmen sollten, waren nicht pünktlich da. Durch meine persönliche Gewandtheit kam ich nochmals aus. Die Nacht verbrachte ich nicht zu Hause. Meinen Vater wollten sie für mich als Geisel nehmen." (Schricker: "Rotmord über München", S.118/119 - 1934)
"Während des (-Polizei-)Verhörs (-der verhafteten Thule-Sekretärin Haila v. Westarp-) erschienen mehrere Leute, die vernommen wurden und wieder gehen konnten. Da war zuerst (-Arthur-) Griehl, der mit Kf (-Bahninspektor Friedrich Knauf-) und Dietrich Eckart verabredet hatte, sich in der Thule zu treffen, um nach Stadelheim zu fahren. Griehl wurde zwei Stunden festgehalten; da man seinen Namen nicht in der ausliegenden Liste, jener Liste der Abgereisten fand, wurde er wieder entlassen. (-Dietrich-) Eckart und Kf (-Knauf-) waren im Auto angekommen und hatten gewittert, daß etwas vorgegangen war, dadurch konnten sie entkommen. Wie sehr Kf (-Friedrich Knauf-) die Gefahr unterschätzte, geht daraus hervor, daß er am selben Tage ein anderes Büro zu eröffnen versuchte; er glaubte, weiter arbeiten zu können. Hätte er nicht vergessen, die Militärkoffer (-samt der darin befindlichen Mitgliederliste und Akten des Germanen-/Thule-Ordens-) im Büro fortzuschaffen, so wäre nichts passiert."(Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.135/136 - 1933)

Durchsuchung der Thule-Räume im Hotel Vier Jahreszeiten: Verhängnis durch zwei Militärkoffer besiegelt - 26. April 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
Auch Gottfried Grandels Freund, der völkische Publizist Dietrich Eckert, gerät in den Fokus der Münchener Rotgardisten. Der Maler Albert Reich vermerkt in seinen Erinnerungen:
"In München hatte mittlerweile die Unsicherheit begonnen, täglich wurden Leute festgenommen, und so war es kein Wunder, wenn das Augenmerk der Rätegewaltigen sich auch auf (-Dietrich-) Eckart richtete und er vor dem (-Hotel-)Zimmer der Thule-Gesellschaft auf der Treppe verhaftet wurde." (Reich: "Dietrich Eckart - Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.73 - 1934)

"Verhaftet!": Treppenaufgang der Vier Jahreszeiten - 2025 (Fotografie im Privatbesitz)
"Am 26. April (-1919-) war er (-Dietrich Eckart um 13 Uhr-) mit einigen Thule-Leuten im Hotel Vier Jahreszeiten verabredet, um mit ihnen Geiseln aus dem Stadelheimer Gefängnis zu befreien. Auf der Treppe zu den Thule-Räumen wurde er jedoch von Rotgardisten verhaftet, konnte sie jedoch überzeugen, daß er auch 'Sozialist' war, und wurde wieder freigelassen." (Rose: "Die Thule-Gesellschaft", S.113 - 1994)
"Die Rotarmisten kamen mit der Gräfin (-und Thule-Sekretärin Hella v. Westarp-) gerade die Stiege herunter, als ihnen, etwas außer Atem durch die vielen Stufen, Dietrich Eckart, der Herausgeber der (- von Gottfried Grandel finanziell unterstützten-) Zeitschrift 'Auf gut deutsch' entgegenkam. 'Ausweis!' verlangte ein Matrose. 'Nicht bei mir, leider!' 'Verhaftet!' 'Ich wohne nicht weit von hier. Geben Sie mir zwei Mann mit, ich hole den Ausweis und bringe ihn her.' Man gab Dietrich Eckart die zwei Leute mit, er nahm sie nach Hause, bewirtete sie gut, und sie kehrten mit der Meldung zurück, daß alles in bester Ordnung sei. Der Herr sei eben auf dem Weg zu den Thule-Leuten gewesen und habe sich über ihre dumme Zettelstreuerei beschweren wollen." (Brehm: "Der Trommler", S.180/181 - 1960)
München, 27. April 1919
In seinem Tätigkeitsbericht erwähnt der von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff eingesetzte Informant, vermutlich handelt es sich dabei um den Studenten Karl Stecher, weiter:
"Früh 5 Uhr (-am 27. April 1919-) verließ ich mein Nachtquartier. Als (-angeblicher-) Rotgardist betrat ich um 5.45 Uhr den Hauptbahnhof, kam (-mit gefälschten Ausweispapieren-) glücklich durch die Sperre, wurde im Zuge nochmals kontrolliert. Um 6.10 Uhr ging's nach Herchin. Um 9 Uhr vormittags war ich aus dem Bereiche der Roten Armee. In den Abendstunden gab ich noch dem General Haas, dem Kommandierenden der Württembergischen Armee, die letzten Berichte von München." (Tätigkeitsbericht, vermutlich des am 2.5.1919 in München gefallenen Studenten der Handelswissenschaften, Karl Stecher, in Schricker: "Rotmord über München", S.118/119 - 1934)
Die auf diese Art gewonnenen Informationen sind von großer Bedeutung. In einer Rückbetrachtung erwähnt die Führung der Weißen Armee:
"Das einzig Erfreuliche in dieser kritischen Zeit des Aufmarsches war, daß wir durch freiwillige Spione (-der Thule-Gesellschaft-), die täglich unter Einsatz ihres Lebens von München herauskamen, über alle Absichten und Bewegungen des Gegners bis aufs Kleinste unterrichtet waren. Wir wußten jede kleine Abteilung, wir kannten die Befestigungen von Dachau und zwar so, daß wir jedes feindliche Geschütz wußten." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Fischer: "Die Schreckensherrschaft in München und Spartakus im bay. Oberland", S.114 - )
Auch der Rechts- und Wirtschaftsstudent Hans Frank (18) schlägt sich im April 1919 zum Freikorps Epp durch, welches sich vor den Toren Münchens zur Niederschlagung der Räterepublik bereit hält. Thule-Organisator Rudolf Glauer/v. Sebottendorff berichtet:
"(-Das Mitglied des Germanen-Ordens-) Johannes Hering hatte einen Ring um sich gesammelt, der sich mit dem alten Deutschen Recht beschäftigte, hier war es später (-Hans-) Frank, der als Student der Rechte (-1919-) diesen Ring weiter ausbildete." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.73 - 1933)
Thule-Organisator Rudolf Glauer/v. Sebottendorff berichtet zu den Münchener Begebenheiten weiter:
"(-Fritz-) Seidel (-Kommandeur der 800 im umfunktionierten Luitpold-Gymnasium untergebrachten Rotarmisten, direkt dem Oberkommandeur Rudolf Egelhofer unterstellt-) wurde mit seiner Meute losgelassen und nur dem Umstande, daß die meisten Thule-Leute gewarnt, sich hatten sichern können, ist es zuzuschreiben, daß nur sieben gefaßt wurden; das war ein Glücksfall, denn keines der mehr als zweihundert Mitglieder ist ungesucht geblieben. In jeder Wohnung sind die Häscher gewesen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.138 - 1933)

Hektischer Umgang mit Handfeuerwaffen: Fritz Seidel (25), Kasernen-Kommandant der Roten Armee im Münchner Luitpold-Gymnasium - April 1919 (BArch SGY 10 32 0085 + Bayerisches Polizeiblatt München, Nr.65 - "Haftbefehle und Steckbriefe zur Verfolgung bekannter Täter" v. 4.6.1919)
"Der Vorsitzende des Revolutionstribunals (-Franz Michael Cronauer-), der diesen (-Thule-Mitgliederlisten-)Fund für eine herrenlose und mit der Stempelfälschung nicht zusammenhängende Sache hielt, verlangte, daß die Verhafteten vor das Revolutionstribunal gebracht würden, der damalige Stadtkommandant Mehrer lehnte es aber mit dem Bemerken ab: 'Nein! Das Revolutionstribunal bekommt sie nicht. Das läßt sie ja doch wieder laufen. Es muß einmal ein Exempel statuiert werden!'" (Schmolze, Gerhard: "Revolution und Räterepublik in München 1918-19 in Augenzeugenberichten", S.355 - 1969)

Zuletzt in der Dachauer Pulverfabrik als Kaufmann mit kommunistisch-agitatorischer Zielsetzung beschäftigt: Der Hauptangeklagte Fritz Seidel - 1919 (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Illustriertes Wiener Extrablatt, Nr.254, S.9 - "Der Prozeß gegen die Münchener Geiselmörder" v. 16.9.1919)


"... mit seiner Meute losgelassen": Kasernen-Kommandant Fritz Seidel - 1919 (Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.21 - 1920 + Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.74 - 1989 + Eckart: "Auf gut deutsch", Nr.32/33, S.509 - 10.10.1919)
Johannes Schickelhofer (40), Zimmermann aus München, verheiratet.
Die in München durchgeführte Gefangennahme von Thule-Mitgliedern schlägt Wellen. Ein Zeitzeuge berichtet:
"Man habe in den 'Vier Jahreszeiten' eine hochadelige Bande von Plünderern ausgehoben; der Betriebsrat der 'Vier Jahreszeiten' verwahre sich dagegen, daß diese Gesellschaft mit dem Hotel in Beziehung gebracht werde; sie hätte nur ein Klublokal gemietet (...). Eine besondere Gemeinheit der Räteregierung war es, daß sie diese armen Teufel verdächtigten, Plünderungen im großen Stil vorgenommen zu haben (man bemäntelte damit die eigenen Plünderungen in Erding und log all das, was die Roten dort genommen hatten, auf alldeutsche Schwärmer hinauf). Diese Behauptungen wurden sogar durch öffentliche Anschläge an allen Straßenecken bekannt, um den Mob gruseln zu machen." (Hofmiller: "Revolutionstagebuch 1918/19", S.225/226, Eintrag v. 10.5.1919 - 1939)
"Auffällig erschien der Umstand, daß von den acht Geiseln vier Kunstmaler waren. Man vermutete zunächst eine Denunziation wegen künstlerischer Gegensätze." (Schmolze, Gerhard: "Revolution und Räterepublik in München 1918-19 in Augenzeugenberichten", S.352 - 1969)

"Reaktionäre Diebe und Plünderer": Bekanntmachung der Verhaftung durch Rudolf Egelhofer - 27. April 1919 (Digitalisiert auf bavarikon.de: "Ein Jahr bayrische Revolution im Bilde", S.16 - 1919 + z.T. verschriftlicht bei Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.139 - 1933)
Münchens revolutionärer Stadtkommandant Rudolf Egelhofer wird später mit dem Satz aus einer Soldatenversammlung des Frühjahres 1919 zitiert:
"Es tut mir jedesmal leid, wenn ich nach München komme und nicht an jedem Laternenpfahl einen Offizier oder Kapitalisten baumeln sehe." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Nr.12, S.90 - "Die Thule-Gesellschaft, die Juden und der Münchener Geiselmord" v. 11.6..1919 + Davidson: "Wie war Hitler möglich?", S.153 - 1980)

Seit dem 16. April 1919 Münchener Oberkommandant der Roten Armee: Matrose Rudolf Egelhofer - 1918 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: SGY_2_169_0049 + //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PER-E-0052-01)
"Am 27. April (-1919, nachmittags,-) kamen zwei schwer bewaffnete Soldaten in die Wohnung des (-kaufmännischen Hoteldirektors der Vier Jahreszeiten und Gerichts-)Zeugen (-Larringer-) mit der Erklärung, sie hätten den Auftrag, ihn zu verhaften. Als der Zeuge sich weigerte, mitzugehen, da die Leute keinen Haftbefehl vorzeigen konnten, rieten die Soldaten ihm, möglichst bald zu (-dem Oberkommandanten Rudolf-) Egelhofer zu gehen. Der Zeuge erschien dann auch nachmittags bei Egelhofer im Kriegsministerium. Dieser lag in einem Fauteuil und trank Bier. Levien hatte sich in einem Klubsessel niedergelassen (-und zeigte lebhaftes Interesse für die Mitglieder und Gäste der Thule-Gesellschaft. Er äußerte, man solle die ganze Bande aufhängen lassen.-). Ich wurde nun von den Leuten aufgefordert, so erklärt der Zeuge, die Namen der sämtlichen Hotelgäste zu nennen. Das war mir aber nicht möglich. Die Frage wurde dann dadurch geklärt, daß der andere Direktor des Hotels, Mangin (-Mandin-), und der Portier des Hotels (-Sell-) kamen. Der letztere erklärte, daß von der Thule-Gesellschaft niemand im Hotel wohne. Daraufhin wurden die drei Personen wieder entlassen." (Digitalisiert auf sachsen.digital.de: Dresdner Nachrichten, Nr.250, S.3 - "Der Münchner Geiselmord vor Gericht", S.3 v. 10.9.1919 + Vorwärts, Nr. 460 v. 9.9.1919)
"Am 27. April (-1919-) mußte der Zeuge (-und Chemie-Student Adolf Mick, Schreiber im Sicherheitsreferat auf der Stadtkommandatur,-) den Unfried auf die Polizeidirektion begleiten. Mayerhöfer und Unfried gingen in die Arestzelle der Verhafteten. Als sie zurückkamen, hatte Mayerhöfer eine Unterredung wegen des ehemaligen Stadtkommandanten Weinberger, der in der Polizeidirektion in Haft war und beschuldigt wurde, mit der Thule-Gesellschaft in Verbindung gestanden und für sie Ausweise ausgestellt zu haben. Als Unfried zu Weinberger wollte, hieß es, dieser sei spurlos verschwunden. (Weinberger wurde bekanntlich bald darauf mit einer Schußwunde in dem Auermühlbach in der Nähe des Luitpold-Gymnasiums gefunden.) Im Vorzimmer des Polizeipräsidenten saßen mehrere dem Zeugen unbekannte Herren, unter denen besprochen wurde, daß gegen die Mitglieder der Thule-Gesellschaft das Todesurteil gefällt werden solle und daß es gegen einzelne Mitglieder bereits gefällt sei." (Digitalisiert auf sachsen.digital.de: Dresdner Nachrichten, Nr.250, S.3 - "Der Münchner Geiselmord vor Gericht", S.3 v. 10.9.1919
"Der nächste Zeuge, der Student der Chemie Mick, war während der Räterepublick als Schreiber im Sicherheitsreferat auf der Stadtkommandantur. Am 23. (-26.-) April (-1919-) wurden die beiden Sicherheitsreferenten Maierhöfer und Unfried zum Stadtkommandanten Meher gerufen. Der Zeuge begleitete sie dorthin. Als man in das Zimmer Mehrers kam, lag eine große Menge Plakate der Regierung Hofmann auf dem Boden, auf dem Schreibtische waren falsche Stempel ausgebreitet. Der Stadtkommandant hatte eine Liste in der Hand, in der die Namensverzeichnisse der Mitglieder der Thule-Gesellschaft enthalten waren. Die Sekretärin Meherers, Hilde Kramer, schrieb auf Veranlassung des Stadtkommandanten eben die Haftbefehle. Mehrer erklärte dabei, es handle sich um Gegenrevolutionäre und Plünderer, die ausgerottet werden müßten. " (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.360, S.4 - "" v. 9.9.1919)
Auch der Gefreite Adolf Hitler, seit dem 15. April 1919 offiziell zum Ersatzmann in den Soldatenrat seines Demobilmachungs-Regiments gewählt, ist seinen eigenen Angaben nach involviert in die Verhaftungswelle der Münchener Rotgardisten. Begleitet wird Adolf Hitler bei dem Thule-Kampfbund von dem jungen Münchener Schreiner Karl Witzgall, der auch während des Krieges in Adolf Hitlers Einheit dem Regimentsstab als Meldegänger diente. Über Karl Witzgall heißt es:
"Karl Witzgall (-verunglückt 1925-) und Karl Stecher (-stirbt bei den Kämpfen um München am 2. Mai 1919-) brachten ihn (-Georg Grassinger-) zur Thule." (Digitalisiertz auf ifz-muenchen.de: Grassinger, Georg, ZS-50-1 - Protokoll Georg Franz über Georg Grassinger v. 19.12.1951)
Wenn Adolf Hitler auch sonst in den wenigen biographischen Angaben für das Jahr 1919 oft im Ungefähren verbleibt, so gibt er in seinem fünf Jahre darauf erscheinenden Buch bezüglich der Verhaftungswelle von Thule-Mitgliedern doch einen zeitlich ungewöhnlich genauen Hinweis auf seine Situation während der zweiten Räte-Republik:
"Am 27. April 1919 früh morgens sollte ich (-von Rotgardisten in meiner Kasernenstube-) verhaftet werden; die drei Burschen aber besaßen angesichts des vorgehaltenen Karabiners nicht den nötigen Mut und zogen wieder ab, wie sie gekommen waren." (Hitler: "Mein Kampf", S.218 - 1924)
In dem späteren Buch von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff wird das von Thule-Gast Adolf Hitler beschriebene Erlebnis nur kurz erwähnt:
"In der Räterevolution im April 1919 tritt Hitler zum erstenmale (-mit der Verteilung von Franz Dannehls Flugzetteln am 13. April 1919 bzw. der aufgefundenen Thule-Namensliste für Dokumentenfälschung?-) so auf, daß er sich das Mißfallen des Zentralrates zuzog. Am 27. April 1919 frühmorgens sollte Hitler verhaftet werden." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.241 - 1933)
"Wenige Wochen nach Sebottendorffs Weggang (-Mitte/Ende Mai 1919?-) betrat Adolf Hitler (-im Juni/Juli 1919-) die (-Hotel-)Räume der Thule und er war an jenem Großkampftage beteiligt, an dem unter (-Franz-) Dannehls Leitung (-am 13. April 1919-) ganz München mit Flugblättern und Klebezetteln bedeckt wurde." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.167 - 1933)
Eine detailliertere Beschreibung der versuchten Verhaftung Adolf Hitlers ist seiner ersten Biographie aus dem Jahre 1923 zu entnehmen, die vermutlich aber nicht von dem hier hervortretenden Verfasser Koerber, sondern von Adolf Hitler und seinen Förderern in Eigenvermarktung initiiert wird:
"Ein wüster Haufen johlender Rotgardisten stürmt am (-frühen Morgen des-) 27. April 1919 die Kasernentreppen empor. Die Flügeltür zum Kompagnierevier fliegt auseinander. Das Gesindel ergießt sich über die Gänge. Ein verwahrloster Lümmel, Mütze im Genick, einen Haarbüschel ins Gesicht gezerrt, führt an. Sie schreien immer den gleichen Namen (-Gefreiter Adolf Hitler-). Sie drohen und stoßen fluchend in die ersten Räume vor. Plötzlich wird eine Stubentür am Ende des Reviers aufgerissen. Ein hagerer Gefreiter (-Adolf Hitler-) springt der Rotte entgegen. Seine Rechte umspannt den Abdrücker des Gewehrs. 'Ich schieße den ersten Schuft nieder, der einen Schritt näher kommt!' Das Gewehr fliegt in Anschlag. Entschlossenes Zielen. Auf gestrafftem feldgrauen Tuch das Kreuz I. Klasse, - ein Frontsoldat! Die Verbrecher stehen gebannt. Bewegungslos, lautlos. Einer ermannt sich. Er fordert, zugleich den 'Haftbefehl' eines 'Vollzugsrates' schwenkend, den 'Proletarierverräter' zu greifen! Doch keiner der Stubenkammeraden, die mit Leichtigkeit den Dolchstoß in dieses Mannes Rücken führen könnten, rührt sich vom Platz." (Koerber: "Adolf Hitler - sein Leben und seine Reden", S.7 - 1923)
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Vermutlich im April 1919 u.a. tätig als Fälscher von Ausweisdokumenten für die Thule-Gesellschaft: Gefreiter Adolf Hitler - 1918 (Wikimedia Commons - Datei: Hitler 1921.jpg / o.Ang. - Passfoto aus der Waffenbesitzkarte Nr.10 v. 1921)
Der Fokus auf den ehemaligen Kunstmaler Adolf Hitler ist erklärbar:
"Bei der Durchsuchung eines (-ehemaligen-) Sportbureaus (-im Hotel Vier Jahreszeiten-), dessen Räume dieses Komplott gemietet hatte, fand man (-am Samstag, 26.4.1919-) tatsächlich in einem Zigarrenkistchen nachgemachte Gummi- und Holzstempel, darunter einen der Stadtkommandantur. Bei dieser Gelegenheit entdeckte man ein in Leder gebundenes künstlerisches Werk mit altgermanischen Schriftzeichen und in der Sprache, wie sie etwa vom Teutonenorden gepflegt wird. In diesem Album waren die Namen von etwa 30 Herren verzeichnet, darunter die von den Malern (-Walter-) Deicke, (-Friedrich Wilhelm-) Freiherr von Seydlitz, Walter Nauhaus(-, Adolf Hitler?-) und einer Anzahl von Münchnern, Würzburger und Nürnberger Professoren. Gegen sie wurde Haftbefehl erlassen, doch die meisten von ihnen waren entweder nicht erreichbar oder bereits aus München geflohen, die anderen wurden im Laufe des Sonntags (-27.4.1919-) verhaftet, im ganzen etwa 15 bis 20 Personen." (Schmolze, Gerhard: "Revolution und Räterepublik in München 1918-19 in Augenzeugenberichten", S.352 - 1969)
Da sich Adolf Hitlers Kasernen-Schilderung im Rückblick durch direkte Zeugen nicht bestätigen lässt, gilt sie heute als umstritten. In dem NSDAP-Hauptarchiv findet jedoch ein weiterer Hinweis auf Adolf Hitlers Einbindung in die Wirkungskreise der Thule-Gesellschaft Erwähnung mit der Überschrift:
"Das erste Anzeichen des erwachenden Deutschlands. Angeschlagen Mai 1919 in der Kaserne des 2. I.(-nfantrie-)R.(-egiments-) am 'Schwarzen Brett', in welcher der Führer als Soldat nach der Revolution einquartiert war. Der beigesetzte Spruch stammt von einem Gegner. In der Regimentskanzlei entstand heftige Aufregung über die Frechheit, dass ein Hakenkreuz an die amtliche Tafel angeklebt wurde. Wer der Täter war, blieb trotz Nachforschungen unbekannt. (Es war Adolf Hitler)" (BArch Berlin: NS26/1930, Neg. 91/2)

(BArch Berlin: NS26/1930, Neg. 91/2)
Die Frage, ob Adolf Hitler während der bayerischen Räte-Republik mit Vertretern der Thule-Gesellschaft tatsächlich in direkter Verbindung steht, wird in der Fachliteratur unterschiedlich bewertet:
"Will man sich vorstellen, daß Hitler und die Thule-Gesellschaft miteinander in Berührung gekommen sind, so kann es also nur in der Zeit Anfang Dezember 1918 bis Mai 1919 gewesen sein. Auch in dieser Zeit gibt es Zeitspannen, in denen ein Kontakt kaum möglich war: die Zeit, in der Hitler in Traunstein war (-Anfang Februar bis zum 7. März 1919-), ferner die Zeit von etwa 15. April bis zum 3. Mai, in der die Thule-Gesellschaft durch die Räte an irgendwelchen Aktivitäten gehindert war. Es bleibt also die Frage: wird sich der kontaktschwache Hitler irgendwann in das relativ vornehme Hotel Vier Jahreszeiten gewagt haben? Was soll der mittellose Gefreite dort in jenen Kreisen des gehobenen Bürgertums gesucht haben? Die These also, die Thule-Gesellschaft oder Sebottendorff habe Hitler beeinflußt, aufgebaut oder gesteuert, ist in verschiedener Hinsicht unwahrscheinlich: erstens behauptet kein überlebender Zeuge, daß Hitler je in den Räumen der Thule-Gesellschaft gewesen sei; zweitens ist die geistige Kapazität der Thule-Gesellschaft nie derart gewesen, daß ihr okkulte Machinationen zugeschrieben werden könnten; drittens dürfte die Behauptung Sebottendorffs, Hitler sei 'Gast der Thule' gewesen, 1933 aus sehr durchsichtigen Gründen erfolgt sein, es ist höchst unwahrscheinlich, daß Hitler je in (-den gemieteten Hotel-Räumen-) der 'Thule' gewesen ist." (Lindenberg: "Die Technik des Bösen", S.25 - 1979)
Auch Dr. Grandel widmet sich in seinem ausführlichen NSDAP-Archivbericht diesem Zusammenhang, jedoch aus einem anderen Blickwinkel:
"Ich war inzwischen im März 1920 (-nach der Veröffentlichung des DAP-Programms-) Mitglied der 'Deutschen Arbeiterpartei' geworden.(...) Adolf Hitler hatte ich kurz vorher (-1918/19?-) in der Thule-Gesellschaft im Hotel Vier Jahreszeiten kennen gelernt und hörte ihn da (-im Juni 1919?-) als Diskussionsredner zum erstenmale sprechen.(...) In meinem Wohnsitz in Augsburg bestand noch keine Ortsgruppe. Ich fing an, für die Bewegung zu werben." (BArch Berlin: NS26/514, S.586-587/Bl.1-2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
In späterern Jahren beschreibt Adolf Hitler in seiner Buchveröffentlichung die Anfänge des organisierten Antisemitismus und verwendet dabei die Formulierung "Unsere ersten Versuche". Er bezieht sich damit mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die bereits 1918 in München antisemitisch aktive Thule-Gesellschaft unter Rudolf Glauer/v. Sebottendorff und begreift sich offenbar als ein Teil von ihr:
"Im Jahre 1918 konnte von einem planmäßigen Antisemitismus gar keine Rede sein. Noch erinnere ich mich der Schwierigkeiten, auf die man stieß, sowie man nur das Wort Jude in den Mund nahm. Man wurde entweder dumm angeglotzt, oder man erlebte heftigsten Widerstand. Unsere ersten Versuche (-Germanen-Orden/Thule-Gesellschaft?-), der Öffentlichkeit den wahren Feind zu zeigen, schienen damals fast aussichtslos zu sein, und nur ganz langsam begannen sich die Dinge zum Besseren zu wenden. So verfehlt der Schutz- und Trutzbund in seiner organisatorischen Anlage war, so groß war nichtsdestoweniger sein Verdienst, die Judenfrage als solche wieder aufgerollt zu haben. Jedenfalls begann (-durch die Aktivitäten des reichsweit aktiven Schutz- und Trutzbundes-) im Winter 1918/19 so etwas wie Antisemitismus langsam Wurzel zu fassen. Später hat dann allerdings die nationalsozialistische Bewegung (-ab 1920-) die Judenfrage ganz anders vorwärtsgetrieben. Sie hat es vor allem fertiggebracht, dieses Problem aus dem engbegrenzten Kreise oberer und kleinbürgerlicher Schichten herauszuheben und zum treibenden Motiv einer großen Volksbewegung umzuwandeln." (Hitler: "Mein Kampf", S.128 - 1939)
28. April 1919
In seinen Erinnerungen schreibt Pg. Julius Rüttinger, damaliges Mitglied des Nürnberger Germanen-Ordens:
"In diesen schicksalschweren Stunden mußte Dietrich Eckart, einer der Getreuesten unseres Führers, unter den damaligen trostlosen Verkehrsverhältnissen bei Nacht und Nebel München verlassen, um nicht ebenfalls den Rotmordbanden in die Hände zu fallen. Nach seinem eigenen Bericht, den er uns gab, wurde Eckart von seinem Hausportier gewarnt (trotzdem er selbst Kommunist war), sofort zu verschwinden, sonst würde er am nächsten Tage wegen seiner Judengegnerschaft an die Wand gestellt werden. Eckart war seit Tagen fast nicht zur Ruhe gekommen und befand sich in einem bedauernswerten Zustande." (BArch Berlin: NS26/1308, Sachakte Dietrich Eckart - Pg. Julius Rüttinger, Nürnberg aus "Erinnerungen aus vergangener Zeit" v. 10.7.1935 an das NSDAP-Hauptarchiv, Tgb.-Nr.4889, Bl.3, Akten-Auszugsabschrift durch das NSDAP-Hautarchiv v. 17.8.1935)
Aus Eching heißt es:
"1919-04-28 Vorstoß der Roten von Garching bis Eching, um dort die aus München geflohenen Angehörigen der Thulegesellschaft zu vertreiben. Sie hatten ihr Quartier im Alten Wirt. Sie wollten dort den Widerstand gegen die 'Roten' organisieren und Unterstützer für das Freikorps Oberland anwerben. Sie ziehen sich nach Eichstätt zurück und werden dort der Garnison Ingolstadt eingegliedert." (Digitalisiert auf fgg-garching.de: "Revolution 1918/19 in Garching")

Zuvor als Augsburger Lehrer tätig: Gemäßigter Revolutionär Ernst Niekisch - 1919 (//bildarchiv.bsb-muenchen.de: hoff-2956 / Fotoarchiv Hoffmann)
"An dem Tag, da die verführten Münchener Arbeiter, des Terrors satt, zum erstenmal gegen den Stachel lökten, am Abend des gleichen Tages saß (-Max-) Levien im Zimmer (-des Matrosen und Oberkommandanten Rudolf-) Egelhofers beim Verhör der (-sieben-) des Antisemitismus beschuldigten Thuleleute. Niemand wußte, wie die Thuleleute aus dem für sie ungefährlichen Kriegsministerium in die Hölle des Luitpoldgymnasiums gekommen waren, nur (-Max-) Levien und (-Eugen-) Leviné haben es gewußt. Sie kamen am Abend des 28. April (-1919-) ins Luitpoldgymnasium, um sich, wie Seidel sagte, nach der Unterbringung der 'Geiseln' zu erkundigen. (-Max-) Levien war damals schon aus der Regierung ausgeschieden, aber um das 'Schicksal' der Thuleleute hat er sich trotzdem gekümmert. Und wie hat er sich um sie gekümmert! 'Zu essen wollt Ihr haben? Das wäre Verschwendung! Morgen geht's mit Euch ja sowieso um die Ecke!' Dann ging er hinauf ins Kommandantenzimmer und ließ sich - Pfannkuchen backen! (-Max-) Levien ist während der letzten entscheidenden Tage mit dem sogen. engeren Ausschuß im Luitpoldgymnasium gewesen, und in diesem engeren Ausschuß, nicht im Kriegsministerium bei (-Rudolf-) Egelhofer, scheint sich das Schicksal der Thuleleute vollendet zu haben. Und der Maßgebende in diesem Rat ist (-Max-) Levien gewesen." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Rosenheimer Anzeiger, Nr.233, S.2 - "Levien" v. 11.10.1919 + Eckart: "Auf gut deutsch", Nr.32/33, S.510 - 10.10.1919)

Eugen Leviné-Nissen - 1918 (Eckart: "Auf gut deutsch", Nr.32/33, S.508 - 10.10.1919)

"Auf dem Sprung, das Niekisch-Regiment zu stürzen": Kommunistenführer Eugen Leviné-Nissen - 1918 (Wikimedia Commons - Datei: Eugene Levine2.jpg / o.Ang - 1918)
Unter der Führung der KPD verändert sich das Klima in der Stadt deutlich, Revolutionär Ernst Toller berichtet:
"Die rote Garde hat in den letzten Tagen planlos Menschen verhaftet, wir müssen sie befreien, ich telephoniere an die Gefängnisse, die Verzweiflungstaten der Pariser Kommune dürfen sich nicht wiederholen. Die Parlamentäre, die der Aktionsausschuß zu der Regierung Hoffmann (-nach Bamberg-) entsandt hat, kehren zurück, die Generale fordern die bedingungslose Übergabe der Stadt und die Auslieferung aller Führer, sie wissen, daß die Betriebsräte diese Bedingungen nicht annehmen können. Das gegenseitige Mißtrauen in den Reihen der Revolutionäre ist so groß, daß manche nicht mehr wagen, in ihren Wohnungen zu schlafen, einer sieht den anderen als Feind, einer fürchtet, vom andern verhaftet zu werden." (Dorst: "Die Münchener Räterepublik - Zeugnisse und Kommentare", S.105/106 - 1966)
"Am 28. April wurden die beiden Sicherheitsreferenten Mayerhöfer und Unfried zum Stadtkommandanten der damaligen Räterepublik (-Max-) Mehrer gerufen. Der Zeuge (-, Chemie-Student und Schreiber im Sicherheitsreferat der Stadtkommandatur, Adolf Mick,-) begleitete sie dorthin. Als man in das Zimmer (-Max-) Mehrers kam, lag eine große Menge Plakate der Regierung Hoffmann auf dem Boden. Auf dem Schreibtisch waren (-rund ein Dutzend-) falsche Stempel (-der Stadtkommandantur, des Güterbahnhofes, der Arbeiterwehr, das Faksimile Egelhofers und der Stempel des alten, nicht mehr in Tätigkeit befindlichen Vollzugsrates-) ausgebreitet. (-Zusätzlich fanden sich 3000 Flugblätter der Demokratischen Partei, einige Juden-Hetzblätter (-Völkischer Beobachter-) und Mitgliedskarten der KPD-) Der Stadtkommandant hatte eine Liste in der Hand, in der das Namensverzeichnis der Mitglieder der Thule-Gesellschaft enthalten war. Die Sekretärin (-des Stadtkommandanten-) Mehrers, Hilde Kramer, schrieb auf Veranlassung des Kommandanten eben die Haftbefehle aus. Mehrer erklärte dabei, es handele sich um Gegenrevolutionäre und Plünderer, die ausgerottet werden müßten. Nach etwa einer halben Stunde wurden die ersten Verhafteten gebracht." (Digitalisiert auf sachsen.digital.de: Dresdner Nachrichten, Nr.250, S.3 - "Der Münchner Geiselmord vor Gericht", S.3 v. 10.9.1919 + auf //collections.fes.de: Freiheit, Nr.444 "Die Erschießung der Münchener Geiseln vor Gericht", S.3 v. 14.9.1919)
"Am 28. April 8-1919-), abends, kamen (-Max-) Lewin, (-Eugen-) Leviné und noch ein Dritter, vielleicht Dietrich oder Axelrod, fährt (-Kasernen-Kommandant Fritz-) Seidel fort, zu mir auf mein Amtszimmer, etwa gegen 10 Uhr, zu einer Besprechung über die Unterbringung der Geiseln. Hausmann war nicht dabei. Daß bei dieser Besprechung ein Frauenzimmer dabei war und Wein oder Sekt getrunken wurde, ist nicht wahr. Lewin habe die Gefangenen zu sehen verlangt. Warum, wisse er nicht. Er habe die drei in den Keller geführt, wo Lewin die Gefangenen selbst nach ihren Personalien fragte. Die Gefangenen hätten sich Lewin gegenüber über ihre traurige Lage in dem Kellerloch beschwert. Darauf habe Lewin erwidert: 'Morgen geht es sowieso um die Ecke; es ist überflüssig, sich mit Beschwerden zu befassen.'" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Neue Freie Presse/Wien, Nr.19797, S.19 - "Der Prozeß gegen die Münchner Geiselmörder" v. 5.9.1919)
Starnberg, 29. April 1919
"In den Berichten der 'Weißen', die am 29. April (-1919-) die Befreiung Starnbergs meldeten, ist davon die Rede, dass die aus Württemberg stammenden Truppen im Verlauf der Kampfhandlungen 27 'Spartakisten' erschossen hatten, eigene Verluste gab es keine. Aus einem anderen Bericht von Freikorpstruppen, die Starnberg einnahmen, geht hervor, dass in der Stadt 37 gefangene Kämpfer der Roten Armee an Ort und Stelle erschossen worden waren. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass diese Berichte oft übertrieben sind, gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die 'Weißen' mit besonderer Brutalität vorgingen.(...) Schon in den Morgenstunden des 30. April erfuhr die Führung Rätebayerns, was in den südlichen Vororten Münchens geschehen war. " (kommunismusgeschichte.de: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung/Vatlin - "Die Starnberger Kommune. Eine unbekannte Episode aus der Geschichte der Bayerischen Räterepublik", S. 281.298 v. 2013)
"Er (-Gerichtszeuge Matrose Messerschmidt-) habe im Zimmer (-des Oberkommandanten Rudolf-) Egelhofers gehört, daß der bekannte Roser im Kriegsministerium gerufen habe: 'Ich werde die Schlappe wieder gutmachen, die wir bei Starnberg erlitten haben; aber auf eine Weise, daß ganz München staunen wird.' Auf jeden Fall würden die Leute, die jetzt verhaftet seien, nicht mehr lebendig von den Truppen befreit werden. Im Notfalle würde er sie selbst niederknallen." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.461, S.2 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 9.9.1919)
Am Abend des 29. April 1919 liefert der Oberkommandierende Rudolf Egelhofer die beiden bei Oberschleißheim von der Roten Armee gefangenen genommenen Husaren persönlich in das Luitpold-Gymnasium ein.
"Der folgende Zeuge, der Bureaudiener Wagner, der Professor Berger seit 19 Jahren kannte, gab eine lebhafte Schilderung von der Verhaftung Bergers, wie es ihm gelungen war, im Auftrage seiner Familie ins Luitpold-Gymnasium zu Berger zu gelangen und mit ihm zu sprechen,(...)." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Neue Freie Presse/Wien, Nr.19774, S.3 - "Der Prozeß gegen die Münchner Geiselmörder" v. 13.9.1919)
"Nach einer weiteren Zeugenaussage seien Levien und Leviné die ganze Nacht vom 29. auf den 30. April (-1919-) im Luitpold-Gymnasium gewesen. Zeuge habe auch davon gehört, daß Lewien zu den Geiseln in den Keller hinuntergestiegen sei." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Neue Freie Presse/Wien, Nr.19774, S.3 - "Der Prozeß gegen die Münchner Geiselmörder" v. 13.9.1919)
"Zeugin Anna Blaß war bis Ende März (-1919-) in der Pulverfabrik Dachau als Schreiberin beschäftigt, wo damals auch Seidel angestellt war. Er betrieb in Dachau und Umgebung kommunistisch-agitatorische Politik. Sie selbst wurde auch Mitglied der Partei und am 25. April Schreiberin im kommunischtischen Parteibureau. Sie war Zeugin und auf Wunsch Seidels Helferin, als er in der Nacht zum 30. April (-1919-), 'weil die Sache schief geht', wie er sagte, Vorbereitungen zu seiner und seiner Frau Flucht traf. Er ordnete die Verbrennung der Papiere, der Mitgliederlisten der (-KPD-)Partei usw. an." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Neue Freie Presse/Wien, Nr.19774, S.3 - "Der Prozeß gegen die Münchner Geiselmörder" v. 13.9.1919)
Luitpold-Gymnasium, 30. April 1919
Das von der Roten Armee zur Kaserne umfunktionierte Luitpold-Gymnasium wird am Ende des Monats April 1919 zum Schauplatz einer Tragödie, die internationales Aufsehen erregt.

Im Fokus der räte-republikanischen Endphase in München: Das zur Kaserne umfunktionierte Luitpold-Gymnasium, unweit des Sendlinger Tores - 1912 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-STB-1025 / o.Ang.)
Für die militärische Aufrechterhaltung von Ordnung und Disziplin zeichnen sich in dem kurzerhand zur Kaserne umfunktionierten Schulgebäude die beiden Rotgardisten Fritz Seidel und Wilhelm Haußmann verantwortlich, doch um die Disziplin der Soldaten ist es nicht gut bestellt. Viele von ihnen sind nur aufgrund der gut aufgestellten Besoldung der Roten Armee beigetreten. Für Mittwoch, den 30. April 1919, steht für den Kasernen-Kommandanten Fritz Seidel eine erneute Auszahlung der Soldatenlöhne an, die regulär alle zehn Tage erfolgt. Zuvor erhält der ehemals kaufmännische Angestellte telephonisch den Auftrag, die Mitglieder der Thule-Gesellschaft von der darauf zu besetzenden Münchner Polizeidirektion direkt zu übernehmen.
Die daraufhin von den Rotgadisten inhaftierten Thule-Mitglieder werden schließlich mit weiteren Gefangenen in den Keller des zur Kaserne umfunktionierten Luitpold-Gymnasiums gebracht.
Der an diesem Mittwoch bereits funktionslose Revolutionär Ernst Toller berichtet:
"An sich war meine Aufgabe mit der Wahl des neuen Aktionsausschusses in der Dienstagversammlung (-29. April 1919-) erledigt, da ich diesem nicht mehr angehörte. Am Mittwoch (-30. April 1919-) suchte ich (-Oberkommandant Rudolf-) Egelhofer im Kriegsministerium auf, da ich gehört hatte, daß zwei gefangene Regierungssoldaten (-am selben Tag um 10 Uhr im Luitpold-Gymnasium-) erschossen worden seien. Im Kriegsministerium entnahm ich aus den Reden von Soldaten, daß auch (-Kurt Eisners Mörder-) Graf Arco ermordet und weitere Geiseln erschossen werden sollten. Ich machte Egelhofer über all diese Dinge Vorhalt. Er bezeichnete die Erschießung der gefangenen Soldaten als berechtigt, weil diese Spione gewesen seien. Egelhofer verweigerte auch in meiner Gegenwart entsprechend meinem dringenden Ersuchen den Soldaten die verlangte unterschriftliche Genehmigung zur Erschießung des Grafen Arco. Ebenso erklärte ich ihm, daß unter keinen Umständen weitere Geiseln erschossen werden dürften; was er mir ebenfalls zusicherte.(...) Ich bat dann die zufällig im Kriegsministerium anesenden Finanzassesor Hergt und Vollzugsratmitglieder (-Bankbeamter-) Kellner, selbst in die Klinik zu gehen und für die Sicherheit Arcos und (-Erhard-) Auers zu sorgen. Hergts lehnte ab, da er keine politische Persönlichkeit sei, und ich fuhr dann selbst mit Kellner in die (-von Dr. Sauerbruch geleitete-) Klinik." (Staatsanwalt Lieberichs Verhörprotokoll mit Ernst Toller v. 4.6.1919 in Viesel: "Literaten an der Wand", S.368 - 1980)

"Ende 1918 mit 600 bewaffneten Matrosen in München eingetroffen": Oberkommandant Rudolf Egelhofer - 1914 (Wikimedia Commons: Rudolf Egelhofer.jpg / o.Ang.)
"Am 30. April mußte der Zeuge (-Adolf Mick-) mit Mayerhöfer und einem ihm nicht bekannten Herrn des Aktionsausschusses (-Vollzugsratmitglied Kellner zusammen mit Ernst Toller?-) in das Luitpold-Gymnasium. Als der Zeuge beobachtete, daß im Hofe etwa 20 Mann aufgestellt wurden, erfuhr er von einem Posten, daß diese Leute zum Erschießen der Geiseln bestimmt seien. Auf die Frage des Zeugen, was das für Leute seien, wurde erklärt: 'Das sind die reaktionären Hunde von den Vier Jahreszeiten.' Bei dieser Gelegenheit wurde dem Zeugen auch gesagt, daß am Vormittag bereits zwei Weißgardisten erschossen worden seien. Der Zeuge fragte, ob er die Geiseln sehen könne, und erhielt die Antwort, man dürfe sie ihm nicht zeigen. Der Posten fügte aber dann hinzu: 'Ich kann Dir aber schon Geiseln zeigen, die sehen sowieso den anderen ähnlich.' Er führte dann den Zeugen an einen Schuppen, in dem drei Schweine untergebracht waren." (Digitalisiert auf sachsen.digital.de: Dresdner Nachrichten, Nr.250, S.3 - "Der Münchner Geiselmord vor Gericht", S.3 v. 10.9.1919)
Der zu dieser Zeit ebenfalls verhaftete Sohn des bekannten Münchener Stadtschulrates Kerschensteiner erinnert sich:
"Wir (...) landeten im Luitpold-Gymnasium, nachdem wir auf der Wache wiederum unsere Personalien angeben mußten, auf Zimmer 49, II Stock. Dort waren wir 22 Gefangene; diese Zahl veränderte sich aber fortwährend, da immer wieder neue Gefangene dazukamen und andere entlassen wurden.(...) Um 2 Uhr kam ein Mann ins Zimmer, der mit höhnischer Miene erklärte, es würden heute noch alle Geiseln vernommen. Nachdem die Namen der anwesenden Gefangenen aufgenommen worden waren, kamen drei Posten und holten die ersten vier Geiseln 'zur Vernehmung'. Einer von Ihnen (-Max Aumüller?-) wurde (-durch Initiative des bei der Löhnung anwesenden Ernst Toller?-) sofort freigelassen. Es dauerte wenige Minuten, als aus dem Hofe her bereits Lärm von Soldaten ertönte. Darauf hörte man, daß eine kurze Ansprache an die Soldaten gehalten wurde, darauf zwei Salven. Da ich mir nicht denken konnte, daß das Verhör schon vorbei wäre, sprang ich trotz des Verbots rasch an das Fenster und sah die beiden Leichen (-Anton Daumenlang und Professor Ernst Berger?-) bereits an der Wand liegen.(...) Im ganzen wurden von Zimmer 49 fünf Geiseln (-Professor Berger und Thule-Mitglieder Walter Deicke, Anton Daumenlang, Walter Nauhaus und Gräfin von Westarp-) und drei Weißgardisten (-Thule-Mitglieder Freiherr von Teuchert, Leutnant Seidlitz und Prinz Thurn und Taxis-) erschossen." (Schmolze: "Revolution und Räterepublik in München 1918/19 in Augenzeugenberichten", S.354f - 1969)
In einer weiteren Zeugenaussage wird vermerkt:
"Der Zeuge (-und ehemalige Befehlshaber der Roten Armee Süd, Kunstmaler Walter-) Seyler (-30-) schildert dann, wie er nachmittags mit dem (-vermutlich kurz zuvor von der Apostolischen Nuntiatur beschlagnahmten-) Auto in das Luitpold-Gymnasium kam. Er forderte den Soldaten Hofer, den er dort traf, auf, in die äußere Ringstraße, wo bereits gekämpft wurde, Verstärkung hinzuschicken. In dem Augenblicke, in dem der Zeuge mit Hofer sprach, läuteten die Glocken über dem Portal des Gymnasiums. Es wurde das Gymnasium alarmiert. Im gleichen Moment fiel eine Salve. Der Zeuge ist durch das Fenster auf den Hof gesprungen und traf dort einen großen Haufen von Soldaten an. Bei mir, erzählte der Zeuge, stand (-sein Adjudant,-) der Schauspieler (-Peter-) Bongratz (-25, später erschossen im Münchner Schlachthof am 5.5.1919-) und ein Eisenbahnbeamter Schwab. Im nächsten Augenblick fiel wieder eine Salve (...)." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.462, S.4 - "Der Befehl zum Geiselmord" v. 11.9.1919)

Luitpold-Gymnasium nach dem Sturz der Münchner Räterepublik - Mai 1919 (Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.10 - 1920 / Rhese & Co + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-116 + Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.74 - 1989)

Gefangen in der neubarocken Oberrealschule des seit 1891 dort tätigen Oberstudienrats Professor Dr. Joreph Ducrue, der hier zum Ende des 19. Jahrhunderts Albert Einstein in Mathematik und Physik unterrichtete: Das Münchner Luitpold-Gymnasium in der Müllerstraße 1 (7): - 30. April 1919 (BArch: Bild 119-1272-0003 / o.Ang)
"Auch der damalige Rektor des Gymnasiums, Oberstudienrat Dr. (-Joseph-) Ducrue, der dort verblieben war, erzählte im Laufe seiner Zeugenaussage, daß er sich wiederholt an (-den Kasernen-Kommandanten Fritz-) Seidel gewandt habe, damit die fortwährenden Diebstähle im Gymnasium abgestellt würden. Ein Erfolg dieser Vorstellungen sei aber nicht zu bemerken gewesen." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Neue Freie Presse/Wien, Nr.19774, S.3 - "Der Prozeß gegen die Münchner Geiselmörder" v. 13.9.1919)

"Ein einziger Eimer für die Notdurft aller.": Gefangen mit bis zu 25 Personen im fensterlosen Keller des Real-Gymnasiums - 30. April 1919 (BArch: Bild 119-1272-0004 / o.Ang. + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-117)

Platz für rund 800 Soldaten der IV. Abteilung der Roten Armee: Luitpold-Gymnasium in München - 1925 (Postkarte im Privatbesitz)
"Nachmittags vier Uhr. Im Geiselzimmer (-des Luitpold-Gymnasiums-) sitzen die Verhafteten. Die einen lesen, die anderen spielen Karten. (-Anton-) Daumenlang jammert nach Frau und Kind. Da kommt (-Kasernen-Kommandant Wilhelm-) Haußmann mit zwei Schreibern und diktiert ihnen Namen. 'Erst die von den Vier Jahreszeiten.' Hesselmann stellt die Gruppen zusammen. 'Erst die, dann die, dann die.' Man ahnt, es geht zum Tode. Nur Professor Berger nicht, er gehört nicht zu den Thule-Leuten, im Gegenteil, er ist Jude. Die anderen Schicksalsgenossen wollen ihn zurückhalten - aber er drängt sich hinzu, weil er glaubt, es geht zum Verhör. Die Posten weisen ihn zurück: 'Du gehörst nicht dazu.' Aber er geht nicht weg, er drängt sich zum Tode. Posten kommen und holen die erste Gruppe ab. Voraus (-Anton-) Daumenlang mit gefalteten Händen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.148/149 - 1933)
Die spätere Zeugenaussage eines in direkter Schul-Nachbarschaft arbeitenden Elektrikers ergibt:
"Er (-Zeuge-) begab sich daher am 30.(-April 1919-) direkt zu (-Rotgardist Wilhelm-) Haußmann. Dieser stand im Hof des Gymnasiums, wo viele Menschen versammelt waren. Auf seine, des Zeugen, Frage, was denn los sei, habe Haußmann gesagt: 'Es werden wieder ein paar Verräter erschossen.' Ich bat ihn, so fährt der Zeuge fort, er möge sich die Sache doch ja reiflich überlegen, aber Haußmann erwiderte: 'Ich habe von Seidl den strengsten Befehl, die Leute erschießen zu lassen.(...) Haußmann stürmte dann ins Gymnasium hinein und holte eine Anzahl Soldaten heraus, die verschiedene Leute an die Wand stellten (-alle weiteren herangeführten Todeskandidaten wurden gezwungen, der Erschießung der vorherigen aus nächster Nähe zuzusehen-)." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.464, S.9 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 11.9.1919)
"Unterdessen ist das ganze Gymnasium rebellisch geworden. Als der Zug der Todgeweihten auf den Korridor kommt, da schreit einer in die Zimmer hinein: 'Die Fahne raus! Auf geht's!' und man schreitet - welch teuflische Kunst der Regie - mit der blutroten Fahne hinter den armen Opfern her. Im Hofe wimmelt es von Soldaten. Sechshundert, achthundert sind drunten. Man sucht nach Schützen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.148 - 1933)
"Es kamen zunächst drei Mann herunter, und zwar zuerst (-Anton-) Daumenlang, der (-nach Plünderungs-Behauptungen-) erklärte: 'Ja, meine Herren, ich bin doch kein Plünderer. Ihr begeht einen Mord an mir, ich will vernommen werden.' Der Mann wurde dann vorgeführt. In der Feuerlinie standen auf dem rechten Flügel Russen, auf dem linken Matrosen und in der Mitte ein Zivilist mit einem gelben Ueberzieher, der der Roheste von allen war." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.464, S.4 - "Der Münchener Geiselmordprozeß" v. 12.9.1919)

"Von rückwärts mit dem Gesicht zur Mauer erschossen": Familienvater, Eisenbahnobersekretär und Thule-Mitglied Anton Daumenlang (48), geb. 1870 in Königshofen - 1918 (Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.31 - 1920 + Wikimedia Commons - Datei: Anton Daumenlang.png / Werisko - 2023)
"Haußmann ist menschlich. Die Todgeweihten dürfen noch ein paar Zeilen an ihre Lieben schreiben. Briefe, die sie nie erreichten. Schon bringt man die zweite Gruppe in den Hof. Darunter die Gräfin Westarp. 'Sollermensch!' (-Dirne, Sauweibsbild-) 'An die Wand mit der Hur!', jubelt die Soldateska. 'Nur eine Stunde laßt mich noch leben', fleht die Gräfin, 'macht doch keine Leiche aus mir'. Eine Gnade gewährt man auch ihr, sie darf auf dem Rücken eines Schreibers noch (-10 bis 15 Minuten-) einen Brief schreiben. Derweilen fällt (-Anton-) Daumenlang als Erster. Betend geht er in den Tod." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.149 - 1933)

Mitglied des Germanen-Ordens und der Thule-Gesellschaft: Anton Daumenlang - 1918 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS_26_2095_0013 + //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-120 + Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.73 - 1989)
"Professor (-Ernst-) Berger wurde durch einen Faustschlag ins Gesicht vorwärts getrieben.(...) Der alte Professor Berger, der einen weißen Bart trug, rief: 'Ich dulde es nicht. Ich bin kein Verbrecher. Ich will zunächst verhört werden.'" (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.464, S.9 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 11.9.1919)
"Wer als zweiter erschossen worden ist, konnte nicht einwandfrei festgestellt werden. Auf das Opfer wurde noch nachträglich ein Schuß, den der Zivilist abfeuerte, abgegeben, und zwar ganz in der Nähe des Kopfes, wodurch die Schädeldecke zertrümmert wurde." ((Karl: "Die Schreckensherrschaft in München", S.81 - 1919)

"Ich bin kein Verbrecher": Professor Ernst Berger, geb. 1857 in Wien, Professor und Kunstmaler in München - 1918 (Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.30 - 1920 + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-119 + Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.73 - 1989)
"Jedesmal, nachdem drei der Geiseln erschossen waren, winkte er (-Wilhelm Haußmann-) mit der Hand zu Schickelhofer hinüber, daß man fortfahren sollte.(...) Nicht nur der alte Professor Berger, sondern auch der Baron v. Seylitz hat sich zuerst etwas gesträubt und ebenso der Prinz Thurn und Taxis. Er rief immer wieder: 'Ich bin nicht der Reichsfürst (-ich stamme aus der österreichischen Linie. Hören Sie mich doch an!-).'" (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.464, S.9 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 11.9.1919)
"Nur dem Prinzen wurde es gestattet, noch einmal ins Gymnasium hinaufzugehen. Nach wenigen Minuten war er jedoch zurück und erklärte: 'Es gibt kein Verhandeln.'(...) Als der Prinz an die Wand gestellt wurde, sagte er zu den Soldaten: 'Nun schießt, aber trefft auch gut, daß ich nicht so lange zu leiden habe.' Darauf schrien die Soldaten: 'Das machen wir schon.'"(Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.464, S.9 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 11.9.1919)
"Ein Zeuge erzählte, er sei nach Erschießung einiger Geiseln, der er zugesehen habe, wieder ins Kommandantenzimmer gegangen. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, ein Soldat mit Gewehr im Arm kam herein und rief: 'Seidel, was ist's, wird der Thurn und Taxis erschossen?' Seidel fragte den Mann: 'Wieviel Geiseln sind jetzt erschossen?' Der Soldat antwortete: 'Bis jetzt sind's sieben!' Seidel entschied: 'Achte müssen wir haben.'" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Neue Freie Presse/Wien, Nr.19774, S.3 - "Der Prozeß gegen die Münchner Geiselmörder" v. 13.9.1919)

"Ich bin nicht der Reichsfürst": Prinz Gustav Franz Maria von Thurn und Taxis aus München, geb. 1988 in Dresden - 1918 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-123 + invenio.bundesarchiv.de: NS_26_2095_0013 + Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.31 - 1920 + Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.73 - 1989)
"Leutnant von Teuchert und (-Walter-) Nauhaus, sie kehren den Mördern tapfer das Gesicht zu, folgen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.149 - 1933)

Auf der Erkundungsfahrt für die Regierungstruppen in Neufahrn von der Roten Armee festgenommen: Freikorps-Freiwilliger Franz Karl von Teuchert, geb. 1900 in Regensburg(Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.30 - 1920 + Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.73 - 1989)

Mitglied des Germanen-Ordens und der Thule-Gesellschaft: Walter Nauhaus, geb. 1892 in Bothsabello in Transvaal, lediger Bildhauer und Kunstgewerbler in München - 1918 (Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.31 - 1920 + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-123 + Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.73 - 1989)
"Den Soldaten auf dem Hof merkte man im allgemeinen die große Freude darüber an, daß die Geiseln erschossen wurden.(...) Nach jedem Opfer, das umsank, taten die Soldaten überaus rohe Aeußerungen." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.464, S.9 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 11.9.1919)

An die Wand gestellt: Kunstgewerbezeichner und Thule-Mitglied Walter Deicke, geb. 1894 in Magdeburg, lediger Kunstgewerbezeichner in München - 1918 (Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.31 - 1920 + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-121 + Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.73 - 1989)
Friedrich Wilhelm Freiherr von Seydlitz (geb. 1891 in Langen-Bielau in Schlesien, lediger Kunstmaler in München)
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"Nach Schluß der Erschießung warteten die Soldaten noch eine Weile, denn es hieß, es sollten noch zwei weitere kommen. Dann aber kam ein Schreiber herunter und sagte: 'Für heute ist es genug.'" (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.464, S.9 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 11.9.1919)

Erschießungen neben dem Misthaufen: Hofecke des Luitpold-Gymnasiums - Mai 1919 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-118)

Einschüsse an der Wand des Pausenhofs - 1. Mai 1919 (Postkarte im Privatbesitz / Hoffmann, Heinrich + BArch: Bild 119-1272-0005 / o.Ang.)

Gedenktafel an der Hinrichtungsmauer: Pausenhof der Luitpold-Gymnasiums in München - Mai 1919 (BArch: BildY 1-470-1164-70 / o.Ang + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-326)

"Davon weiß ich nichts!": Kasernen-Kommandant des Luitpold-Gymnasiums, der 1894 in Chemnitz geborene Fritz Seidel - 1919 (Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.9 - 1920 + digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArchSGY_10_32_0101)
Zusammen mit drei weiteren Personen werden sieben inhaftierte Thule-Mitglieder am 30. April 1919 von den Soldaten der Roten Armee in den Hof des Luitpold-Gymnasium geführt. Unter ihnen die 33-jährige Sekretärin vom Regionalleiter des bayerischen Germanen-Ordens, Gräfin Hella von Westarp. In dem späteren Gerichtsverfahren betont der Zeuge Heiß:
"Die Gräfin habe geschrien: 'Helft mir! Laßt mich wenigstens noch eine Stunde leben!' Der eine Teil der Soldaten sei für sie gewesen, der andere habe geschrien: 'Sie gehört auch erschossen.' Einige hätten gerufen: 'Fragt erst noch einmal, ob sie erschossen werden soll.' Da habe einer vom Fenster hiuntergeschrien: 'Ja, sie wird auch erschossen. Bei der ist eine Liste gefunden worden, auf der die Namen von 500 Kommunisten stehen, die von der Gegenrevolution erschossen werden sollten.'" (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.466, S.5 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 12.9.1919)
Die alten Soldaten weigern sich, die Inhaftierten zu erschießen, woraufhin vier junge Rotgardisten herangezogen werden. Der bayerische Ordensleiter Rudolf Glauer/v. Sebottendorff berichtet:
"Als siebentes Opfer kam die Gräfin Westarp daran. Sie bat noch, schreiben zu dürfen. Dies wurde ihr gestattet und sie schrieb auf dem Rücken eines Soldaten etwa 10 bis 15 Minuten." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.147 - 1933)
"Zitternd an allen Gliedern schreibt die Gräfin an ihrem Abschiedsbriefe. Die Zuschauer werden ungeduldig. '(-Sakrament!-) Die soll stenographieren.' 'Die gehört an die Wand!' 'Es ist schluß jetzt!' Da packt sie - das Zeichen des Roten Kreuzes am Arm - ein Sanitäter mit rohem Griff und zerrt sie vor. Ohnmächtig bricht sie zusammen. Man läßt ihr einige Momente der Erholung." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.149 - 1933)
"Gräfin Westarp wurde neugierig angestarrt und es fielen Schimpfworte. Einer der Niedergeschossenen bewegte sich noch etwas. Da trat ein Soldat hinzu und spaltete ihm mit einem Kolbenschlag den Schädel, indem er sagte: 'Es ist ja gleich, ob er so oder so hingeht.' Ein kleiner sächsischer Soldat packte die Gräfin, die ihm offenbar zu lange an ihrem Abschiedsbrief schrieb, schleppte sie zur Mauer und feuerte mit auf sie. Der Zeuge schildert dann zum Entsetzen der Hörer, wie an der Leiche der Gräfin eine höchst unflätige Handlung (-ein Rotgardist versetzte ihr einen Fußtritt in den Unterleib und spie ihr ins Gesicht-) von einem der Angeklagten, den er nicht näher nennen könne, vorgenommen wurde. Am späten Abend wurden, angeblich auf einen Befehl von Seidl, die Leichen eingegraben.(-sie verfügten aber nur über einen Spaten und einen Rechen-) Es wurden mehrere Schaufeln geholt und die Soldaten erklärten, der Boden sei zu hart. Sie wurden aber angetrieben mit dem Bemerken: 'Seidl will es so haben.' Als die Leichen aufgehoben wurden, lag dazwischen Menschenkot, Müll und Abfall.(-Dünger-/Misthaufen-)" (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.464, S.9 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 11.9.1919)

Vertraute Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs: Gräfin Hella von Westarp - 1918 (Postkarte im Privatbesitz / Steiger + Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.73 - 1989)
"Sie sagte zu den Soldaten: 'Ich bin unschuldig, macht doch keine Leiche aus mir'. Den Zettel gab sie dem Schreiber, nahm das Gesicht in die Hände und fiel getroffen von einigen Kugeln auf die anderen Leichen nieder." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.147 - 1933)
"Einige Rotgardisten, die erfuhren, daß sie erschossen sei, äußerten: 'Um die ist es nicht schade, die hat uns oft verkauft!' Sie scheint ihnen also als Verräterin bezeichnet worden zu sein. Sie hat vor ihrem Tod geweint und flehentlich gebeten, sie doch leben zu lassen, so daß der Vollstrecker des Urteils, ein Kellner, sich erst nach längerem Zögern entschloß, dem Befehl zum Erschießen nachzukommen" (Digitalisiert auf sachsen-digital.de: Dresdner Nachrichten, Nr.126 - "Weitere ermordete Geiseln", S.2 v. 8.5.1919)
"Im nächsten Augenblick fiel wieder eine Salve, und als ich (-Prozesszeuge Kunstmaler Walter Seyler-) mich umdrehte, sah ich, daß die Gräfin Westarp auch erschossen war. In der Nähe standen mehrere wild erregte Leute, und in der Mitte befand sich ein alle stark überragender Zivilist, dann der Kunstmaler Berger und der Prinz von Thurn und Taxis. In diesem Augenblick wurde Seilitz an die Wand geführt und erschossen. Noch ehe ich zur Besinnung kam, wurde auch der Kunstmaler Professor Berger herangeführt. Der Hauptanführer war ein kleiner schwarzer Mann, der hinkte. Ihm habe ich den Prinzen von Thurn und Taxis entrissen und bin mit diesem ins Gymnasium gegangen. Bei dieser Gelegenheit traf ich Seidl am Portal. Ich habe ihm den Ausweis des Eglhofer gezeigt und sagte zu ihm: 'Der Prinz von Thurn und Taxis muss vernommen werden. Ich verstehe überhaupt nicht, von wem der Befehl zum Erschießen gekommen ist.' Seidl erklärte, der Befehl ist vom Kriegsministerium gekommen, worauf ich ihm entgegnete: 'Das ist unwahr, denn ich komme soeben aus dem Kriegsministerium.' Daraufhin sagte Seidl zu dem Zeugen: 'Wenn Du jetzt nicht gehst, dann bekommst Du auch eine Kugel, die sind bei uns billig.' (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.462, S.4 - "Der Befehl zum Geiselmord" v. 11.9.1919)
"Die Leichen lagen in einer Reihe: links Gräfin Westarp, rechts Fürst Thurn und Taxis, in der Mitte die anderen. Ich habe gesehen, wie einer hinging und die Gräfin bei den Füßen nahm und aufhob. Daraufhin habe ich gesagt: 'Laßt das doch gehen, das ist ja Leichenschändung!' Da hat es geheißen: 'Halt Dein Maul, Du alter Lump, sonst lehnen wir Dich auch gleich an die Wand!' Nach einer anderen Aussage wurden im Auftrage Seidels die Leichen untersucht, die vorgefundenen Sachen dann durch einen Matrosen in ein offenes Regal im Zimmer Seidels gelegt. Als der betreffende Zeuge abends in dieses Zimmer kam, lagen nur noch die Schuhe der Geiseln am Boden; von den anderen Dingen habe er nichts mehr gesehen." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Neue Freie Presse/Wien, Nr.19774, S.3 - "Der Prozeß gegen die Münchner Geiselmörder" v. 13.9.1919)
30. April 1919 - 17:00: Nach den Erschießungen
Die Reaktion des roten Stadtkommandanten Rudolf Egelhofer auf die Vorgänge im Luitpold-Gymnasium schildert Zeuge und Kunstmaler Walter Seyler in dem späteren Prozessverlauf:
"Ich (-Walter Seyler-) ging dann ins Kriegsministerium zu (-Oberkommandant Rudolf-) Eglhofer und sagte zu ihm: 'Was ist das für eine furchtbare Geschichte: sie erschießen gerade im Gymnasium die Leute. Da war Egelhofe aufgestanden, wurde kreidebleich (...)." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.462, S.4 - "Der Befehl zum Geiselmord" v. 11.9.1919)
"Als der Zeuge (-Kunstmaler Walter Seyler-) am Nachmittag des 30. April (-1919 dem Stadtkommandanten Rudolf-) Eglhofer die Mitteilung vom Tode der Thule-Leute machte, habe Eglhofer mit der Hand an den Kopf gegriffen und sei nach hinten zusammengesunken mit den Worten: 'Die Gräfin ist nach meiner Meinung vollständig unschuldig. Wer hat den Befehl dazu gegeben? (-Ich weiß von nichts.-) Das bricht mir den Hals!'" (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.465, S.2 - "" v. 11.9.1919)

Matrose und Stadtkommandant von München: Rudolf Egelhofer (23) - 1918 (Glock: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.6 - 1920)
"Der Zeuge Ertl, einer der bereits vom Standgericht wegen Beihilfe zum Hochverrat zu Festungshaft verurteilten Münchener Rotgardisten, erzählte, daß er am 30. April (-1919-) von Egelhofer beauftragt worden sei, mit einigen Leuten zum Luitpold-Gymnasium zu fahren und die Toten auf den Gottesacker oder sonstwohin zu schaffen. Als der Zeuge mit einem Lastauto und sechs Mann in die Müllerstraße, wo das Gymnasium liegt, kam, begegneten ihm bereits Soldaten mit Gepäck und vollgeproften Rucksäcken, da wegen des drohenden Einrückens der (-weißen-) Regierungstruppen in die Stadt am Abend das Gymnasium fluchtartig geräumt wurde. Als er sah, daß bereits geraubt und geplündert wurde, habe er gesagt: 'Wenn Ihr schon das Rauben und Plündern anfangt, dann könnt Ihr auch die Toten selbst wegschaffen!' Er habe den Auftrag nicht ausgeführt. Ein weiteres Beispiel von Gefühllosigkeit ergibt sich aus folgender weiteren Mitteilung dieses Zeugen: Er habe dem zweiten Portier vom Hotel 'Drei Löwen' von seinem Auftrag erzählt, worauf dieser ihn ersuchte: 'Könntest Du mir von den Leichen nicht einen Anzug besorgen? Ich schicke Dir einen Mann mit, der den Anzug schon herunterzieht.' Er hat dann auch einen Infanteristen mitgeschickt, der aber auch sagte, daß er den Toten die Kleider nicht ausziehen wolle." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Neue Freie Presse/Wien, Nr.19774, S.3 - "Der Prozeß gegen die Münchner Geiselmörder" v. 13.9.1919)
30. April 1919 - 18:00: Luitpold-Gymnasium
"Die Witwe des (-um 16:00-) erschossenen Eisenbahnsekretärs Daumenlang schilderte als Zeugin die Verhaftung ihres Mannes, der Mitglied der Thule-Gesellschaft war, und ihre Bemühungen im Luitpold-Gymnasium am 30. April, abends 6 Uhr, bei Seidel, um ihren Mann frei zu bekommen. Seidel versicherte, es werde ja niemand erschossen, und gab ihr noch den Rat, sich im Kriegsministerium eine Bescheinigung zur Freilassung ihres Mannes zu verschaffen. Und doch war um diese Zeit die Erschießung bereits vollzogen! Von allen Gegenständen, die ihr Mann bei sich hatte, hat die Witwe nichts mehr bekommen.(...) Im Gymnasium hätte Seidel und Hausmann (-der Ehefrau Professor Bergers und dem Bürodiener Wagner-) abends gesagt, Berger sei am selben Abend entlassen worden; er müsse schon zu Hause sein. Berger wurde nun abends und nachts gesucht, bis man endlich Kenntnis davon erlangte, daß er schon erschossen sei und seine Leiche im Anatomischen Institut liege." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Neue Freie Presse/Wien, Nr.19774, S.3 - "Der Prozeß gegen die Münchner Geiselmörder" v. 13.9.1919)
In der Rückschau beschreibt Räterevolutionär Ernst Toller die Situation vor dem Einmarsch weißer Regierungstruppen in München:
"Abends versammeln sich (-am 30.4.1919 um 23 Uhr im Hofbräuhaus-) die Betriebsräte zum letzten Mal, ohnmächtig sehen sie dem Ende entgegen, ihre Macht ist dahin, die Arbeiterschaft zerfallen, die rote Armee in Auflösung, sie fordern das Proletariat Münchens auf, die Waffen niederzulegen, schweigend den Einmarsch der Weißen hinzunehmen - die Revolution ist besiegt. Da stürzt ein Mann aufs Podium, ruft, daß im Luitpoldgymnasium neun Gefangene (-zwei Husaren um 10 Uhr und acht weitere Gefangene um 16:30-) erschossen sind, Bürger der Stadt München. Entsetzen packt die Versammlung. Diese Arbeiter, die wissen, daß sie vielleicht morgen schon an die Wand gestellt werden, erheben sich schweigend von ihren Sitzen, wann je haben die Weißen ähnlich auf die Kunde von der Erschießung gefangener Arbeiter geantwortet? Welche Folgen mag diese Verzweiflungstat haben, Hunderte von Menschen auf unserer Seite werden dafür büßen." (Dorst: "Die Münchener Räterepublik - Zeugnisse und Kommentare", S.108 - 1966 + Schlecht-Nimrich: "1919: Als alles möglich schien", S.156/157 - 2019)
"Die letzte Versammlung der Betriebsräte fand am 30. April (-1919-), nachts 11 Uhr statt.(..) Toller äußerte sich über einen Besuch im Kriegsministerium dahin, er habe dort den schlechtesten Eindruck gewonnen. Die Leute der Roten Armee seien vollständig demoralisiert. Jedem, der zum Kampfe entschlossen sei, habe man 20 M Tagegeld und so und so viele Zigaretten bieten müssen. Von Augenzeugen habe er eben den Bericht erhalten über die Niedermetzelung von 10 Geiseln im Luitpoldgymnasium. Da möchte man am liebsten einen Revolver nehmen und sich selbst aus der Welt schaffen. Das sei kein Kommunismus, sondern Nihilismus. Levine hätte dies verhindern können.(...) In der Versammlung der Betriebsrätte, die bis zum Morgen des 1. Mai (-1919-) dauerte, wurde folgende Entschließung angenommen und an den Häusern angeschlagen:" (Karl: "Die Schreckensherrschaft in München",S.74/75 - 1919)
"Ich (-Ernst Toller-) veranlaßte daraufhin in der Betriebsräteversammlung einen Verwahrungsbeschluß gegen diese Greueltat und den Anschlag eines entsprechenden Plakates, sowie einen weiteren Beschluß zur sofortigen Waffenniederlegung; und Entsendung einer Übergabekommission an die Regierungstruppen. Die Betriebsräte forderten mich dort selbst auf, mich in Sicherheit zu bringen." (Hitzer: "Mord im Hofbräuhaus", S.187 - 1981)

(Fotografie im Privatbeitz)
"Ich (-Ernst Toller-) ging von der Versammlung noch selbst in das Luitpoldgymnasium und sah dort (-um 2 Uhr morgens-) die Leichen der 8 Erschossenen." (Hitzer: "Mord im Hofbräuhaus", S.187 - 1981)

Verwahrungsbeschuss gegen die Greueltat: Revolutionär Ernst Toller - 1919 (Digitalisiert auf //bildsuche.digitale-sammlungen.de: "Das Bayerland XXX 19", S.329 - 1919, aus "Das Ende der Räterepublik in Bayern" - 1919)
"Einige Soldaten, welche noch da waren, meinten, man solle die Leichen in die Isar werfen, andere, man sollte sie an Ort und Stelle vergraben. Es wurde jedoch davon Abstand genommen. Die Bekleidungskammer sei auch vollständig ausgeplündert gewesen, und die den Geiseln abgenommenen Wertsachen aus der Kanzlei (-des Luitpold-Gymnasiums-) verschwunden. Einer (...) habe mehrere Brieftaschen von erschossenen Geiseln gehabt." (Glock & Sohn: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.52/53 - 1920)
Zu dieser Zeit befindet sich, in rund einem Kilometer Entfernung zum Luitpold-Gymnasium, die bekannte Schauspielerin und Künstlerin Tilla Durieux in ärztlicher Klinik-Behandlung bei Professor Dr. Ferdinand Sauerbruch. Sie berichtet in ihren Erinnerungen:
"(-Der seit August 1918 in München praktizierende Klinikprofessor Dr. Ferdinand-) Sauerbruch verordnete mir absolute Bettruhe. Am 30. März (-30. April 1919-) gegen Abend kam (-um ca. 16 Uhr, nach der bereits am Vormittag um 10 Uhr durchgeführten Erschießung der zwei Weißgardisten und offenbar unmittelbar vor der Erschießung der Thule-Mitglieder, der ehemals führende Revolutionär Ernst-) Toller plötzlich zu mir." (Durieux: "Eine Tür steht offen: Erinnerungen", S.251/252 - 1954)

Tilla Durieux - 1920 (Wikimedia Commons - Datei: Sasha Stone Tilla Durieux mit Siamkatze.jpg / Stone, Sasha - 1920)

Chirurgische Klinik in der Münchener Nußbaumstraße 20 - 1919 (Postkarte im Priatbesiz / Lengauer, A. - München)
Zu Ernst Tollers möglichem Aufenthalt im unweit entfernten Luitpold-Gymnasium heißt es in einer späteren prozessualen Zeugenaussage:
"In diesem Zusammenhang erklärte der Angeklagte Riethmaier, daß auch (-Ernst-) Toller zu dieser Zeit (-am 30.4.1919, ca. 16:00-) im Hof (-des Luitpold-Gymnasiums-) gewesen sei. Vielleicht habe auch er das (Exekutions-)Kommando gegeben. Toller sei auf der Kanzlei (-des Gymnasiums mit dem Kommandanten Fritz Seidel-) bei der Löhnungsauszahlung anwesend gewesen und habe Buch geführt." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Vossische Zeitung, Nr.462, S.4 - "Der Befehl zum Geiselmord" v. 11.9.1919)
Durch Beantragung schafft es Ernst Toller später, sich während des sogenannten Geiselmord-Prozesses aus der Stadelheimer Haftanstalt in die medizinische Obhut von Professor Dr. Sauerbruch zu bringen. Nach erfolgter Operation verwahrt er sich in einem Brief aus der chirurgischen Klinik gegen den in der Presse aufgegriffenen Vorwurf:
"Und nun heute die Pressehetze anläßlich des qualvollen Seidelprozesses. Ein Angeklagter (-Riethmaier-), den ich gar nicht kenne, behauptet einmal, ich wäre auch 'dabei' gewesen. Ich ersuche sofort den Vorsitzenden um eidliche Vernehmung. Dem Herrn scheint absichtlich nichts daran zu liegen, zu verlangen, vor der Öffentlichkeit darzulegen, daß ich keinen Schritt unterließ, der die Tat hätte verhindern können. - Vom Staatsanwalt höre ich, daß meine Nichtanwesenheit aufgrund der umfassenden Untersuchung erwiesen ist." (Ernst Tollers Brief an Kurt Wolff v. 14.9.1919 in Toller: "Biefe 1915-1939", S.58 - 2018)
30. April 1919 - 16 Uhr: Klinik Dr. Sauerbruch
Die Schauspielerin Tilla Durieux führt in ihren Erinnerungen über den Klinikbesuch Ernst Tollers weiter aus:
"Er war (-am 30.4.1919 um ca. 16 Uhr-) so aufgeregt, wie ich ihn noch nie gesehen, und verlangte, (-Klinikprofessor Dr.-) Sauerbruch zu sprechen (-, den er zuvor schon einmal aus der Verhaftung durch Rotgardisten herauslösen konnte-). Als die Nonne, die ich nach dem Professor schickte, das Zimmer verlassen hatte, eröffnete mir Toller, dass (-nach dem Fall des militärischen Außenpostens Dachau und dem nun absehbar bevorstehendem Zusammenbruch der bayerischen Roten Armee-) alles verloren sei und ihm nur die Flucht übrig bleibe. Ich gab ihm alles Geld, dass ich augenblicklich da hatte, und sagte ihm, ich würde alles für ihn tun, was in meiner Macht stünde. Nachdem Sauerbruch gekommen war, gestand Toller, daß er jeden Einfluß auf seine Leute verloren habe und die Geiseln im Luitpold-Gymnasium erschossen werden sollten. Dabei rief er mir zu: '(-Den zuvor von den Spartakisten am 28. April 1919 als Geisel in Haft genommene Max-) Aumüller (-vom Münchner Hotel Marienbad, Barer Straße 11-) konnte ich noch (-aus dem Zimmer der Todeskandidaten des Luitpold-Gymnasiums-) hinausbringen.' Ich zitterte vor Aufregung, und Sauerbruch zog ihn aus meinem Zimmer." (Durieux: "Eine Tür steht offen: Erinnerungen", S.251/252 - 1954)
Über Max Aumüller wird berichtet:
"Der Hotelier Aumüller kam nach seiner Verhaftung auf der Polizeidirektion mit den Mitgliedern der Thule-Gesellschaft zusammen. Der Zeuge blieb mehrere Tage im Geiselkeller und gibt erschütternde Einzelheiten bekannt, wie die Geiseln mehr und mehr abstarben und sich in Nervenschocs und Krämpfen wanden. Der Obersekretär Daumenlang, der schwer verletzt war und blutete, wurde von Seidel jedesmal, wenn er sich bei ihm beschweren wollte, mit dem Revolver bedroht und aufgefordert, das Maul zu halten. Die Gräfin Westarp versuchte vergeblich, bei Seidel eine Besserung ihrer traurigen Lage zu erreichen. Auch ihr hielt Seidel den Revolver vor das Gesicht und, als sie trotzdem weitersprach, entsicherte er die Waffe. Unterwegs beim Transport wurde das Publikum dadurch irregeführt, daß die Rotgardisten schrien, die Geiseln seien Plünderer, worauf die Menge z. T. noch 'Bravo' rief und auf die Transportierten einzudringen suchte. Ein Protokoll wurde überhaupt nicht aufgenommen. Seidel selbst schrieb die Namen auf und sagte in außerordentlich zynischer Weise: 'In den Keller mit den Schweinen'. Mit einem gewissen Galgenhumor fügte der Zeuge hinzu: 'Es war ja auch ein furchtbarer Schweinestall, in den wir kamen. In einer Ecke saß Daumenlang und betete. Am letzten Abend (-29. April 1919-) vor der Hinrichtung war Geschützdonner hörbar und darauf rückten einige Rotgardisten aus. Der Zeuge (-Max Aumüller-), der erschossen werden sollte, begegnete unterwegs Haußmann und Seidel. Sie unterhielten sich einige Zeit über ihn und gaben ihm schließlich einen Entlassungsschein, worauf er sich schleunigst aus dem Gymnasium entfernte." (Digitalisiert auf //collections.fes.de/historische-presse: Vorwärts, Nr.357: "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 7.9.1919)
In dem späteren Hochverratsprozess gegen Ernst Toller heißt es zu dem als Zeugen geladenen Klinik-Professor Dr. Sauerbruch:
"Zeuge Geheimrat Profewssor (-Ferdinand-) Sauerbruch bekundet, daß am 30. April (-1919 um ca. 16 Uhr-) ihm Toller gelegentlich eines Besuchs im Krankenhaus bei den Kranken (-u. a. Schauspielerin Tilla Durieux-) die Warnung zukommen ließ, daß das Krankenhaus in Gefahr sei, da die Ankunft der Weißen Garde in München bevorstehe. Es sei zu erwarten, daß die Kommunisten in ihrer Wut versuchen werden, den (Eisner-Attentäter) Grafen Arco zu erschießen. Es waren vorher auch schon gleich drei- bis viermal Banden erschienen, die im Spital Erpressungen versuchten, indem sie bald die Herausgabe Arcos, bald diejenige Auers forderten." ((Digitalisiert auf //collections.fes.de/historische-presse: Vorwärts, Nr.356, S.3 - "Hochverratsprozeß gegen Toller" v. 15.7.1920))
"und ich hatte ihn durch Toller abermals befreit. Nun lag eine Denunzierung vor, die davon sprach, daß weder (-der Eisner-Attentäter Graf Anton-) Arco noch (-der ehemalige MSPD-Innenminister Erhard-) Auer wirklich krank seien. Ich sollte nun den Krankheitszustand der beiden beschreiben. Ich sagte der Wahrheit gemäß, daß ich zwar Arco nie gesehen habe, denn sein Zimmer sei für jeden streng verschlossen, daß ich aber nichts anderes gehört hätte, als daß er sich noch nicht außer Lebensgefahr befände. Auer hätte ich einmal gesehen, wie er im Rollstuhl zur Behandlung gefahren wurde, sein Aussehen sei erschreckend gewesen. Diese Aussagen nahm man zur Kenntnis und verlangte nun von mir, sie mit einem Eid zu bekräftigen. Nun war ich in Verlegenheit über die Form des Eides, aber man stellte sie mir frei. Ich begann also in meinem Gedächtnis nach irgendeiner Eidesformel zu suchen und sagte möglichst feierlich: 'Im Namen Gottes schwöre ich, die volle Wahrheit zu sagen.' Man war befriedigt. Da stand einer aus der Tischtrunde auf, sah mich durchdringend an und fragte:'
... Toller , der sich im Gegensatz zu den radikalsten Elementen" (Durieux: "Eine Tür steht offen: Erinnerungen", S.250 - 1954)
Der in der Klinik untergebrachte Eisner-Attentäter Graf Amton Arco auf Valley gibt später vor Gericht zu Protokoll:
"In der Klinik, während der (-nach dem Eisner-Attentat-) folgenden Regierung Hoffmann und der späteren Räterepublik, kam etwa alle acht Tage Besuch aus den Kommunistenversammlungen. Die Leute zwangen den Geheimrat Sauerbruch, mich zu untersuchen, ob ich noch nicht 'reif', das heißt gesund sei; was man mit mir vorhatte (-Preisgabe eventueller Hintermänner?-), weiß ich nicht. Am 30. April (-1919-) wurde ich mit einem Automobil abgeholt und nur mit einem Nachthemd bekleidet in die Kirchenschule verbracht. Geheimrat Sauerbruch begleitete mich; er mag damals wohl selbst die Hoffnung aufgegeben haben, mich wiederzusehen. Indessen war die Behandlung in der Kirchenschule sehr gut. In der Nacht und tags darauf kamen noch weitere Geiseln, die nach eingetretenem Umschwung freigelassen wurden. Ich blieb allein zurück. Alle Augenblicke kam einer in das Zimmer und rief: 'Du Hund, Du hast uns in die Lage gebracht. Den Leuten sagte man zu ihrer Beruhigung, ich käme ins Luitpoldgymnasium. Damit war ich gerettet." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Lehmann: "Der Prozeß gegen den Grafen Anton Arco-Valley", S.14 - 1920)
"Der Zeuge (-Professor Dr. Ferdinand Sauerbruch-) hat sich durch eine Kranke (-Schauspielerin Tilla Durieux-), die mit (-Revolutionär Ernst-) Toller befreundet war, an diesen gewandt und ihn ersucht, einzuschreiten. Das hatte den Erfolg, daß das Spital einige Zeit unbehelligt blieb, bis Toller (-ab dem 26. April 1919-) seinen Einfluß verlor, indem die Herrschaft in die Hände der Kommunisten überging. Auf eine Frage bezeichnet der Zeuge (-Dr. Sauerbruch den Revolutionär Ernst-) Toller als einen Menschen, der außerordentlich eitel war." (Digitalisiert auf //collections.fes.de/historische-presse: Vorwärts, Nr.356, S.3 - "Hochverratsprozeß gegen Toller" v. 15.7.1920)
Filmszene ab Minute 25: "Sauerbruch - Das war mein Leben" (1954) Buchveröffentlichung S.326-328 - 1951
Professor Dr. Sauerbruch gilt als nationalistisch, doch sein ärztliches Selbstverständnis ist universell angelegt:
"Es ist eines der unwandelbaren, unantastbaren Gesetze der Menschheit, daß ihre Ärzte frei von zeitgebundenen Kräften ihr Werk tun. So sehr auch die Medizin als Wissenschaft ihr wechselndes Gepräge von einzelnen Kulturepochen empfängt, die ideelle Haltung des Arztes bei seiner verantwortungsvollen Arbeit muß unbeeinflußt und menschlich frei bleiben. In der unmittelbaren Beziehung zu jedem Kranken, der sich ihm anvertraut, liegt seine königliche, ja göttliche Sendung. Aus dieser inneren Unabhängigkeit entspringt aber auch eine großzügige, lebendige Anschauung der Zeitfragen. Die Eigenart des ärztlichen Berufes lehrt uns zudem Ehrfurcht vor den ewig unerforschlichen Mächten des Daseins. Sie bestimmen die Lebenslinie des einzelnen und prägen das Schicksal ganzer Völker. Jede Anklage muß vor ihnen verstummen und Begriffe wie 'Schuld' und 'Ursache' verblassen. Bei einer solchen Betrachtungsweise verknüpfen wir auch mit dem Weltkrieg nicht die Vorstellung einer 'Schuld', sondern sehen in ihm nur die Folgen einer übersetzten, ungesunden Entwicklung, die, wie eine Naturkatastrophe, zur Auseinandersetzung der Völker führen mußte. Er war das erste Symptom einer Weltenwende, die alle Staaten früher oder später erfaßt und ihnen mit schicksalsmäßiger Unerbittlichkeit neue Werte, neue Formen aufzwingt, ohne Rücksicht auf bisherige Bindungen. Internationale Konferenzen zur allgemeinen Rettung versagten, weil sie die historischen und biologischen Bedingungen der Völker verkannt haben." (Die Medizinische Welt, Bd.7, Ausg.2, S.1447 - "An die Ärzteschaft der Welt!" Offener Brief des Geheimrats Professor Dr. E. F. Sauerbruch, Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Berlin, Charité v. 1933)
Revolutionär Ernst Toller berichtet später über die Klinik-Zusammenkunft:
"In der Klinik erfuhr ich dann von Geheimrat (-Prof. Dr. Ferdinand-) Sauerbruch, daß Graf Arco bereits (-von den Rotgardisten-) abgeholt worden sei, und bat ihn, Auer zu veranlassen, sich in der Frauenklinik in Sicherheit zu bringen. Dann fuhr ich (-zu Oberkommandeur Rudolf Egelhofer-) in das Kriegsministerium zurück und fand dies vollständig leer; (...)." (Staatsanwalt Lieberichs Verhörprotokoll mit Ernst Toller v. 4.6.1919 in Viesel: "Literaten an der Wand", S.368 - 1980)
Über die Vorgänge in der chirurgischen Klinik wird weiter berichtet:
"Der Mörder Eisners getötet? Bamberg, 25. April. Ein von München hier hergekommenes früheres Mitglied des vorläufigen Nationalrates teilt mit, daß der Mörder (-Kurt-) Eisners, Graf Arco, aus der Chirurgischen Klinik, wo er noch in Pflege war, von Soldaten der Roten Garde herausgeholt und getötet worden sei. Der frühere Minister Auer (-wohnhaft Nußbaumstraße 10/III-), der ebenfalls in der Chirurgischen Klinik in Behandlung des Prof. Dr. Sauerbruch stand, hat sich, da er schwer bedroht war, von dort in Sicherheit gebracht." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Kölnische Zeitung, Nr.97, S.1 - "Der Mörder Eisners getötet?" v. 26.4.1919)

An den Ereignissen bayerischer Politik sichtlich gealtert: Erhard Auer - 1925 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-WREP-0019)
"Graf Arco war am Mittwoch, den 30. April (-1919-), von Rotgardisten gewaltsam aus der Klinik entfernt und ins Kommunistenquartier in Holzhausen verschleppt worden, ebenso der gegen seine Entführung protestierende Vorstand der Klinik, Geheimrat Dr. Sauerbruch. Letzterer wurde am nächsten Tage von dem Stadtkommandanten Egelhofer verhört, wobei es einer nachdrücklichen Vorstellung von dritter Seite gelang, Dr. Sauerbruch nach eintägiger Haft seinem Beruf zurückzuführen. Ebenso ist Graf Arco wieder in die Klinik gebracht worden." (Digitalisiert auf //collections.fes.de/historische-presse: Vorwärts, Nr.233, S.2 - "Das Befinden des Grafen Arco" v. 8.5.1919)

Anton Graf Arco auf Valley - 1918 (Postkarte im Privatbesitz / Atelier Elvira)
Zu der Befreiungaktion schreibt Graf Arco:
"Anläßlich meiner Geiselverhaftung am 30. April (-1919-), aus der mich ein Mann der Landtagswache befreite, erfuhr ich, daß dieser Mann ein spartakistischer Agitator in der Republikanischen Sicherheitswache vor dem 21. Februar (-1919-) war." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Lehmann: "Der Prozeß gegen den Grafen Anton Arco-Valley", S.12 - 1920)
Der behandelnde Arzt Professor Dr. Ferdinand Sauerbruch berichtet:
"Den Grafen Arco befreite Dr. Jehn mit einem Bluff und mit gefälschten Papieren. Er erschien an dem Ort, an dem Arco gefangengehalten wurde, und verlangte seine Herausgabe, da sich die Regierung entschlossen habe, ihn noch strenger (-im Luitpolt-Gymnasium-) zu halten. Man lieferte den Gefangenen aus. Jehn brachte ihn in der Psychatrischen Klinik unter, und dort konnte er verborgen gehalten werden, bis Ritter von Epp mit den Truppen der deutschen Republik (-am 2. Mai 1919-) einzog und die Münchener Räteregierung zerschlug. Worauf nach dem roten der 'weiße' Terror begann. Jetzt suchte man nicht mehr den Grafen Arco, aber den Schriftsteller Ernst Toller, der Mitglied der Räteregierung gewesen war, fand ihn jedoch nicht, denn er saß im Kleiderschrank der Tilla Durieux." (Sauerbruch: "Das war mein Leben", S.328 - 1951)
Nachdem Ernst Toller die Klinik an der Nussbaum-Allee wieder verlassen hatte, wendet sich Professor Ferdinand Sauerbruch wieder der Künstlerin Durieux zu:
"Er (-Professor Dr. Sauerbruch-) kam nachher zurück und sagte mir beruhigend: 'Toller ist nervlich vollständig zusammengebrochen und sieht alles schwarz. Morgen Mittag sitzen die Geiseln aus dem Luitpold-Gymnasium schon zuhause! Als er sah, wie aufgeregt ich war, gab er mir ein starkes Schlafmittel, und ich schlief ein. In dieser Stunde (-ca. 16:30 Uhr-) wurden die Geiseln erschossen. (Durieux: "Eine Tür steht offen: Erinnerungen", S.251/252 - 1954)
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Politische Fehldiagnose des Meisters für Lungenchirurgie: Dr. Ferdinand Sauerbruch - 1915 (Wikimedia Commons - Datei: (AfM) PS gf S 04 Sauerbruch.jpg / o.Ang - Archiv für Medizingeschichte)
Die Schauspielerin schreibt rückblickend:
"Gewiß, ich hatte Sauerbruch und Aumüller geholfen, hatte Toller zur Flucht Geld gegeben; das letztere konnte zudem niemandem bekannt sein. Eisner, Landauer und auch Toller hatten wohl manche politischen Gespräche mit mir gehabt, aber um Rat fragte mich keiner, und ich hätte auch keinen zu geben gewußt." (Durieux: "Meine ersten neunzig Jahre", S.298 - 1971)
Ernst Toller besitzt zu der Schauspielerin Tilla Durieux vollstes Vertrauen. In einer späteren Aussage vor der Staatsanwaltschaft München I erklärt der Ingenieur und Kaufmann Georg Lauer, Außendienstleiter beim Reichswehrgruppenkommando IV/Politische Sicherheitsabteilung, am 12. Februar 1923:
"Unter diesen (-Akten-)Beilagen befand sich insbesondere das 'Erklärung' überschriebene Schriftstück (-der Roten Armee-) datiert Dachau, den 26. April 1919, worin die Führer der Truppen des Abschn. I. erklären, 'unter allen Umständen auf ihren Posten zu verharren'.(...) Professor Sauerbruch hat mir angegeben, das Schriftstück sei im Bette der Tilla Durieux vorgefunden worden. Diese war damals Patientin bei Professor Sauerbruch. Sie führte eine geheime Korrespondenz mit Toller und hatte verschiedene Schriftstücke in ihrem Bette verborgen." (Hitzer: "Der Mord im Hofbräuhaus", S.193 - 1981)
Dokumente im Bett: "Der Schwur von Dachau" - 26. April 1919 (BayHStA Sta M I 2242/II + Hitzer: "Der Mord im Hofbräuhaus", S.193 - 1981)

"Nervlich vollständig zusammengebrochen": Revolutionär Ernst Toller - Juni 1919 (Digitalisiert auf dhm.de: Kursell in "Auf gut Deutsch", S. - 1920 / Deutsches Historisches Museum - Berlin, Inv.-Nr.: ZA 5273)
1. Mai 1919 - 2 Uhr morgens, Luitpold-Gymnasium
Der gescheiterte Revolutionär Ernst Toller beschreibt später den dramatischen Verlauf nach Beendigung der letzten Betriebsräteversammlung:
"Ich (-Ernst Toller-) laufe (-nachts noch einmal um ca. 2 Uhr-) ins Luitpoldgymnasium, die Besatzung hat es schon verlassen. Ein paar junge Burschen finde ich und zwei frühere russische Gefangene, die zur roten Armee übergetreten sind. Ich rate jenen, sich davonzumachen, diesen, sich der Uniform zu entledigen und sich zu verbergen.(...) Hinter einer verschlossenen Türe höre ich Schreie. - 'Da sind noch Gefangene', sagt einer. - 'Wo ist der Schlüssel zur Tür?' Niemand weiß es. Wir rütteln am Schloß, die Tür gibt nicht nach, wir schlagen sie ein. Das Schreien und Weinen wird greller und trostloser, plötzlich verstummt es. Die Tür bricht auf, drinnen in den Winkeln hocken und knien sechs Menschen in Todesangst. Da wir ihnen sagen, daß wir nicht gekommen sind, sie zu erschießen, sondern sie zu befreien, wollen sie es nicht glauben. Wen hat man da gefangen gesetzt? Keine Führer der Konterrevolution, kleine armselige Menschen, ein alter Dienstmann ist darunter, der, weil es regnete, ein Plakat der roten Garde von der Litfaßsäule riß, um es über seinen Karren zu decken, ein Hotelwirt, den ein entlassener Kellner denunziert hat, ein unzufriedener Arbeiter. Ein Soldat führt mich zu dem Schuppen, in dem die Erschossenen liegen, nicht Geiseln, wie später die Zeitungen lügen, acht (-sieben-) waren Mitglieder der völkischen Thule-Gesellschaft, man hatte bei ihnen (-in den Büroräumen des Hotels Vier Jahreszeiten-) gefälschte Stempel der Räteregierung gefunden und faksimilierte Unterschriften ihrer Führer. Als die Kunde kam, daß die weißen Truppen jeden gefangenen Rotarmisten, ja selbst Sanitätsmannschaften gnadenlos töten, hatte der Kommandant (-Fritz Seidel-) des Luitpoldgymnasiums ohne Wissen eines verantwortlichen Führers (-?-) den Befehl zu ihrer Erschießung erteilt. Eine Frau (-Gräfin Heila v. Westarp-) ist unter den Toten, ein jüdischer Maler (-Professor Ernst Berger-). Ich zünde einen Streichholz an und sehe im trüben flackernden Licht die unheimlichen Gestalten. Der Soldat erzählt mir, wie sie gestorben sind, aufrecht und ohne Furcht, einer hatte sich eine Zigarette angesteckt und ist mit der Zigarette im Mund an die Mauer gegangen.(...) Ich muß noch in dieser Nacht dafür sorgen, daß die Leichen aus dem Luitpoldgymnasium geschafft werden, ihr Anblick wird Racheorgien der Weißen entfesseln, ich gehe zur chirurgischen Klinik (-in der Nussbaumallee 7/Schillerstraße-), spreche mit (-Erich Katzenstein?-) dem Assistenten des Professor Sauerbruch und flehe ihn an, die Leichen sofort abholen zu lassen. Er hat es nicht getan. Am nächsten Tag, nach dem Sieg der Weißen, erzählen Plakate und Zeitungen, man habe die Leichen verstümmelt aufgefunden (-zwei Opfern fehlte die Schädeldecke-), die abgeschnittenen Geschlechtsteile in Kehrichtfässern entdeckt. Als man zwei Tage später die Wahrheit verkündete, in den Fässern hätten Fleischteile geschlachteter Schweine gelegen, niemand sei verstümmelt worden, hatte die erbärmliche Lüge ihre Wirkung getan." (Dorst: "Die Münchener Räterepublik - Zeugnisse und Kommentare", S.108 - 1966 + Schlecht-Nimrich: "1919: Als alles möglich schien", S.156/157 - 2019)
1. Mai 1919 - 3 Uhr morgens, Klinik Dr. Sauerbruch
Die Schauspielerin Tilla Durieux vermerkt in ihren Erinnerungen weiter:
"In der Nacht (-zum 1. Mai 1919-) war es mir, als hätte sich die Türe meines Zimmers geöffnet und als hätte jemand (-vermutlich Ernst Toller-) mehrere Male meinen Namen gerufen, aber ich war so benommen von dem Schlafmittel, daß ich nicht zum vollen Bewußtsein kam. Die Nonne erzählte mir am Morgen nach wiederholtem Fragen, daß Toller noch in der Nacht zu mir gewollt habe, dann aber zu Sauerbruch ging, der die Klinik nicht verlassen hatte. Sauerbruch bestätigte diese Erzählung und meinte, er sei leider ein schlechter Prophet gewesen. Die Geiseln waren tot, und Toller hatte sich mit der Bitte an ihn gewandt, die Leichen verbergen zu helfen, um keine Vergeltungsaktion der Weißen Garde hervorzurufen; ein Ansinnen, dem er aber (-allein schon wegen der Kampfhandlungen-) nicht Folge leisten konnte. Während unseres Gespräches begann Maschinengewehrfeuer durch unsere Straße zu streichen. Die Weißen und die Roten standen sich gegenüber, und unsere Straße, die Nußbaumallee, wurde in Mitleidenschaft gezogen. Die Kugeln schlugen in unser Mauerwerk ein, und wir hörten, wie der Verputz des Hauses herabrieselte. Trotz meiner schlechten körperlichen Verfassung stand ich auf, im Untergeschoß wurden die Kranken aus den Zimmern, die nach vorn lagen, in die Korridore getragen. Verwundete brachte man auf Bahren von der Straße herein. Kugeln trafen Träger und Verwundete. Der Professor und seine Assistenten arbeiteten ohne Pausen. Ein Student der Medizin mit Namen (-Erich-) Katzenstein, der sich (-zusammen mit seiner Frau Netti Katzenstein-Sutro, Schwägerin von Rechtsanwalt Max Hirschberg, aufgrund seiner Teilhabe an dem jüdisch-sozialistischen Netzwerk um Leviné-) vor den Weißen verstecken mußte, rannte zu Sauerbruch und bekannte ihm seine gefährliche Situation; er wurde von ihm angeschrien: 'Was stehen Sie da herum, ich habe schon auf Sie gewartet, ziehen Sie einen Kittel an und bleiben Sie an meiner Seite.' Heute ist Professor (-Erich-) Katzenstein ein bekannter Arzt in Zürich. Das Feuer dauerte die Nacht über an, es verebbte gegen Morgen (-Ehepaar Katzenstein gewährt dem daraufhin sich auf der Flucht befindlichen Ernst Toller Unterschlupf-)" (Durieux: "Eine Tür steht offen: Erinnerungen", S.251/252 - 1954)
Professor Sauerbruch notiert:
"Mich hatte die Revolution den Balkon meines Arbeitszimmers gekostet. Eine Granate hatte ihn heruntergerissen." (Sauerbruch: "Das war mein Leben", S.328 - 1951)
1. Mai 1919 - 7 Uhr morgens, gerichtlich-medizinisches Institut
Zu den Kämpfen in direkter Umgebund des Luitpold-Gymnasiums und der unweit entfernten Pathologie wird berichtet:
"Am 1. Mai (-1919-) früh wurden die Leichen ins gerichtlich-medizinische Institut gebracht und es wurden eingehende Erhebungen zur Feststellung der Leichen eingeleitet. Die (-an die Pathologie angrenzende-) Schillerstraße lag vollkommen unter dem Feuer der Spartakisten, die dort zwei schwere Maschinengewehre und ein Geschütz aufgefahren hatten, und es war den Beamten der Militärpolizei nicht möglich, in das gerichtlich-medizinische Institut mit Feststellungszeugen zu kommen. Der Versuch wurde mehrmals in der Nacht wiederholt, und man versuchte, mit den damals zur Verfügung gestandenen schwachen Kräften die Zufahrtstraßen zur Schillerstraße zu nehmen. Da keine Verstärkung von auswärts kam, konnte man nicht vorstoßen. In den Morgenstunden wurde dann die Schillerstraße frei. Sofort begannen die Agnoszierungszeugen ihre Tätigkeit und mittlerweile wurde auch der Tatbestand durch zahlreiche Zeugen protokollarisch festgelegt." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Fischer: "Die Schreckensherrschaft in München", S.79/80 - 1919)
"Dreimal versuchten Regierungstruppen, denen verhältnismäßig schwache Kräfte zur Verfügung standen, den (-Sendlingertor-) Platz und die anschließenden Krankenhausanlagen, die stark besetzt waren, zu nehmen; vergebens. Die Spartakisten hatten einen Minenwerfer aufgestellt, während die Regierungstruppen lediglich mit Pistolen und Gewehren bewaffnet waren. Bei den Angriffen hat sich besonders ein Fähnchen der Schweren Reiter sowie eine Abteilung Bürgerwehr hervorgetan, die sich zum Schutze des Ministers Auer in der Klinik angeboten hatten, der entgegen der Versicherung (-Ernst-) Tollers völlig unbewacht in der Chirurgischen Klinik lag." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: "Die Schreckensherrschaft in München und Spartakus im bay. Oberland", S.102 - 1919)
Röhm:
"Für den 1.5.1919 war angeordnet, den Ring um München von Süden her durch völlige Einklammerung zu schließen. In aller Frühe brachen die Truppen bei kalter Witterung auf und erreichten nach einigen Scharmützeln die befohlenen Linien. Durch Flüchtlinge und den eigenen Nachrichtendienst erfuhr die Truppe von dem viehischen Geiselmord in München und verschiedentlichen Aufständen in der Stadt. Kampfesmut, Erbitterung und Wut ließ die Truppe kaum mehr zurückhalten. Teile preußischer Einschließungstruppen brachen noch in der Nacht zum 1. Mai in München ein. Das für den 2. Mai, mittags 12 Uhr, vorgesehene gemeinsame Vorgehen war dadurch überholt" (Röhm: "Die Geschichte eines Hochverräters", S.100/101 - 1933)
Die gegen die Rote Armee kämpfende Truppe der Freikorps Epp und Oberland weist einen deutlichen Überhang an Offizieren aus. So verwundert die folgende Schilderung nicht:
"Am Abend erhielt ich (-Hauptmann Ernst Röhm-) noch die Nachricht, daß tags vorher (-am 1. Mai 1919-) am Stachus mein unvergeßlicher Divisionskommandeur General von Nagel, als er ein Maschinengewehr in Stellung brachte, von einer deutschen Kugel tödlich getroffen worden war." (Röhm: "Die Geschichte eines Hochverräters", S.102 - 1933)
2. Mai 1919
"Am 2. Mai bezog das Batl. Lindenfels, in der Mehrzahl aus Tübinger Studenten bestehend, Quartier in der Implerschule. Bei (-Josef Anton-) Leib (-52-) wurden drei Haussuchungen abgehalten, es wurde aber nichts gefunden;" (Gumbel: "Vier Jahre politischer Mord", S.36 - 1922)
"Der Redakteur Leib - eines kleinen, völlig unbekannten Blättchens 'Der Republikaner, Volksblatt für süddeutsche Freiheit'- hatte einen antimilitaristischen Artikel gebracht und gewisse Offiziere darin als 'Berufsmörder' bezeichnet. Der Rittmeister von Lindenfels, der ihn zu Gesicht bekommen hatte, begab sich (-am 2. Mai 1919-) mit zweien seiner Leute in die Wohnung des Leib. Er läutete. Leib öffnete die Türe. Lindenfels fragte ihn: 'Bist Du der Leib?' Leib bejahte. Sodann fragte Lindenfels: 'Hast Du diesen Artikel geschrieben?' Leib bejahte abermals. Lindenfels fällte darauf folgendes Todesurteil: 'Du bist hiermit zum Tode verurteilt. Das Urteil wird sofort vollstreckt.'" (Hirschberg: "Jude und Demokrat: Erinnerungen eines Münchener Rechtsanwalts", S.132 - 2015)
"Dann wurde er (-Leib-) mitgeschleppt und auf Befehl des Rittmeisters Freiherrn von Lindenfels im Hof des Restaurants Elysium erschossen." (Gumbel: "Vier Jahre politischer Mord", S.36 - 1922)
"Er zog seinen Revolver und schoß Leib nieder. Sodann befahl er dem begleitenden Unteroffizier, über die 'standrechtliche Erschießung' ein Protokoll aufzunehmen und entfernte sich befriedigt." (Hirschberg: "Jude und Demokrat: Erinnerungen eines Münchener Rechtsanwalts", S.132 - 2015)
"Als Begründung wurde angegeben, er habe 'auf der Liste gestanden' und habe Offiziere beschimpft." (Gumbel: "Vier Jahre politischer Mord", S.36/37 - 1922)

(Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.175, S.6 v. 7.5.1919)
Hauptmann Ernst Röhm erinnert sich an seine Einfahrt nach München:
"Ich war am 2. Mai (-1919-) vormittags auf dem Vormarsche dem zum Stadtkommandanten von München bestellten Oberstleutnant Hergott als Chef des Stabes beigegeben worden.(...) Mit stolz wehender schwarzweißroter Fahne fuhren wir, vielfach begeistert und mit Blumen begrüßt, durch Nymphenburg und Nauhausen in München ein.(...) Hier tobte noch der Kampf; es blieb nichts weiter übrig, als zurückzufahren und über Nymphenburg die Brücke von Grünwald zu gewinnen, um zu sehen, ob wir nicht von der anderen Seite der Stadt aus in die Mitte von München gelangen konnten. Erst im Laufe der Nacht trafen wir, vom Maximilianeum herkommend, an unserem Ziel, dem Hotel 'Vier Jahreszeiten' ein und nahmen dort Unterkunft. Das Haus war durch einige Stäbe (Gardekavallerie-Schützendivision, Detjen) schon reichlich belegt. Auch das Generalkommando von Oven hatte sich hier bereits häuslich eingerichtet. Für den an diesem Tage noch kleinen Stab der Stadtkommandantur war aber noch genügend Platz." (Röhm: "Die Geschichte eines Hochverräters", S.101/102 - 1933)
"(-Die am 30. April 1919 im Luitpold-Gymnasium von Soldaten der Roten Armee exekutierte Thule-Sekretärin-) Heila von Westarp war durch ihre Mutter (-Godella Emma von Oven-) mit dem preußischen Generalleutnant Ernst von Oven verwandt, der im Auftrag des Reichswehrministers Noske (-SPD-) den Oberbefehl über sämtliche Regierungstruppen und Freikorps führte, die zur Niederwerfung der Räteherrschaft in München eingesetzt wurden." (Gebhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.209 - 1994)
3. Mai 1919 - 4 Uhr morgens
"(-Münchens Oberkommandierender Rudolf-) Egelhofer wird nach seiner Gefangennahme am 3. Mai (-1919-) morgens um 4 Uhr beim Verhör in der Residenz erschossen." (Wilhelm: "Dichter Denker Fememörder", S.75 - 1989)
Über die Schauspielerin Tilla Durieux wird berichtet:
"Die 'Weißen' übernahmen die Stadt. Nur Stunden später stand die Polizei in Tilla Durieuxs Zimmer. Ihr Kontakt zu Ernst Toller war durchgesickert, sie wurde der Kollaboration mit den 'Roten' verdächtigt. Man verzichtete auf eine Festnahme, allerdings musste Professor Sauerbruch persönlich dafür bürgen, dass sie seine Klinik nicht verlassen würde. 'Ruhe' und 'keinerlei Aufregung' sahen anders aus. Über München war der Ausnahmezustand verhängt worden. Das gesellschaftliche und soziale Leben hatte sich auf ein Minimum reduziert. Tilla Durieux lag in ihrem Bett und fragte sich, wie es nun weitergehen würde, mit Ernst Toller, den 'Roten' und den 'Weißen', am Theater, mit (-ihrem Ehemann-) Paul Cassirer. Von dem hatte sie seit Wochen keine Nachricht mehr erhalten. Als die Briefsperre aufgehoben wurde, traf endlich ein Brief von ihm aus Berlin ein. Doch der Inhalt war alles andere als erfreulich: Sein Sohn Peter, gerade 18 Jahre alt, hatte sich erschossen. Tilla Durieux fuhr nach Berlin, las in der Zeitung, dass sie gesucht werde und im Verdacht stehe, Ernst Toller zur Flucht verholfen zu haben, reiste auf Druck ihres Mannes aber gegen ärztlichen Rat nach München zurück, schleppte sich erst zur Polizei, dann in eine Klinik, Professor Sauerbruch diagnostizierte eine Bauchfellentzündung, das Fieber stieg, stieg weiter, andere Ärzte wurden konsultiert, als letzte Hoffnung blieb nur noch eine Operation mit unsicherem Ausgang. Tilla Durieux setzte ihr Testament auf. Drei Tage lang blieb sie bewusstlos. Die folgenden drei Monate musste sie sich füttern lassen. Ernst Toller wurde gefasst und zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt." (Rai: "Tilla Durieux: Eine Biographie", S.105/106 - 2005)
3. Mai 1919 - Leichenschau
"Am 3. Mai lag das von Amtsrichter Dr. Billmann, Landgerichtsrat Prof. Dr. Merkel und Dr. Rich. Pfreimbler gezeichnete amtliche Protokoll der am 3. Mai (-1919-) im gerichtlich-medizinischen Institut vorgenommenen Leichenschau der im Luitpold-Gymnasium ermordeten Geiseln vor." (Karl: "Die Schreckensherrschaft in München und Spartakus im bayr. Oberland", S.94 - 1919)
Weiter wird berichtet:
"Der Leichenschau wohnten als Zeugen die dem gleichen traurigen Schicksal entronnenen Geiseln Rechtsrat Dr. Konrad, Hauptlehrer Bund und der Sohn des Oberstudienrats Kerschensteiner bei.(...) Wenn auch von Verstümmelungen in dem Protokoll nicht die Rede ist, so ist doch die Möglichkeit von Mißhandlungen offen gelassen. Auch sind nicht alle Verletzungen durch Gewehrschüsse erfolgt. So zeigte eine Leiche am linken Arm einen explosivartigen Durchschuß und eine Zertrümmerung des Kiefers. Diese Verletzungen weisen nach der gerichtsärztlichen Feststellung nicht den Charakter von Gewehrschußverletzungen auf, sondern sind wohl durch Handgranaten oder ähnliche Waffen verursacht worden. Besonders grauenhaft waren die Verletzungen des Prof. Berger. Der linke Unterarm war zerfetzt. Die Verletzung war keine Gewehrschußverletzung, sondern ist vermutlich gleichfalls durch eine Handgranate herbeigeführt worden. Die Schädeldecke war zertrümmert. Die enorme Explosionswirkung legt die Möglichkeit nahe, daß sie durch einen Gewehrschuß aus nächster Nähe erzielt wurde.(...) Bei der Einsargung der Leiche des Prof. Berger wurde von einem Freunde des Ermordeten erklärt, daß Berger am Kinn einen stärkeren und längeren Bart getragen habe. Prof. Dr. Merkel hat deshalb eine neue Untersuchung vorgenommen und festgestellt, daß in der Tat im Bart eine etwa Drei-Markstück große kahle Stelle vorhanden war. An dieser Stelle war die Haut rötlich gefärbt. Nach dem Gutachten besteht die Möglichkeit, daß ihm durch Mißhandlung (starkes Reißen) ein Stück des Bartes ausgerissen wurde. Eine andere Leiche zeigte im Gesicht blaue, blutunterlaufene Stellen, das Kinn war geschwollen. Das Protokoll erklärt kurz: 'Die Spuren im Gesicht können sehr wohl von Mißhandlungen herrühren.'" (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.181, S.4 - "Der Geiselmord im Luitpold-Gymnasium" v. 10./11.5.1919)

Untersuchung des Leichnams im gerichtsmedizinisches Institut: Hella von Westarp - 3. Mai 1919 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-140)

Untersuchung des Leichnams im gerichtsmedizinisches Institut: Gräfin Haila von Westarp - 3. Mai 1919 (//bildarchiv.bsb-muenchen.de: Sign. Fotoarchiv Heinrich Hoffmann C.3, Bild hoff-5208)
Auch Thule-Gründer Rudolf Glauer/v. Sebottendorff äußert sich später in autobiographischer Romanform über den gewaltsamen Tod seiner Sekretärin:
"Erschüttert, bis ins Tiefste getroffen, stand Erwin (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff-) an der Bahre der toten Heila.(...) Wo er ging und stand, sah er das greisenhafte, von weißen Haaren umrahmte Gesicht der unglücklichen Heila. Was musste die Arme nicht gelitten haben, sie, die immer so froh, so dienstbereit, so willig und bescheiden gewesen war." (Sebottendorff: "Der Talisman des Rosenkreuzers", S.188/189 - 1925)

Untersuchung des Leichnams im gerichtsmedizinisches Institut: Anton Daumenlang - 3. Mai 1919 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-127)

Die Schädeldecke zertrümmert: Untersuchung des Leichnams im gerichts-medizinisches Institut: Professor Ernst Berger - 3. Mai 1919 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-125)
Der mit der Obduktion der Leichen befasste Gerichtsmediziner Professor Dr. Merkel äußert sich später im Rahmen des Münchner Gerichts-Prozesses:
"Er führt aus, daß die Leichen durchschnittlich vier bis sieben Schüsse aufwiesen und erklärt dies damit, daß man auf die Sterbenden und Toten nochmals geschossen habe.(...) Der Gräfin Westarp war das halbe Gesicht weggerissen und das Taschentuch, das sie in ihrer Todesnot vor das Gesicht gehalten hatte, ganz durchlöchert." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.449, S.3 - "Der Münchener Geiselmord vor Gericht" v. 3.9.1919)
In der aufgereizten Stimmung wird im nächtlichen Verlauf des 30. April 1919 das Polizeipräsidium von den Kommunisten verwüstet.
Die Schreckensmeldung über die Erschießungen verbreitet sich noch am selben Tage wie ein Lauffeuer in der Stadt. Im Verlauf der anschließenden Besetzung Münchens durch Soldaten der Weißen Garde wird Stadtkommandant Egelhofer als Oberbefehlshaber der Roten Armee noch während des Verhörs ohne Gerichtsurteil erschossen:
"Als die Freikorps, unterstützt von Regierungstruppen und Verbänden der sogenannten 'Vorläufigen Reichswehr', die inzwischen den Ring um München vollständig geschlossen hatten, Ende April schließlich auf die Innenstadt vorrückten, mussten die Kämpfer der Räterepublik die meißten Außenposten räumen. Dazu zählte auch Dachau, das am 30. April aufgegeben wurde. Und als am nächsten Tag der Häuserkampf in München begann, trat die Rote Armee trotz heftiger Gefechte schon nicht mehr als geschlossener Verband in Erscheinung. Aus Sicht von (-Rudolf-) Hess, der sich seit dem Mittag des 1. Mai am Hotel Reichsadler und in der Sonnenstraße an den Kämpfen beteiligte, geschah die Einnahme der Stadt indessen viel zu langsam. Noch in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai war für ihn die Lage kritisch. Wenn 'die Roten' mehr Angriffsgeist entwickelt hätten, wäre es ihm schlecht ergangen, berichtete er später seinen Eltern." (Görtemaker: "Rudolf Hess, der Stellvertreter", S./FN67 - 2023)
Über die erbitterten Kämpfe in der Münchner Innenstadt wird später von amtlicher Seite berichtet:
"In den Abendstunden des 30. April (-1919-) verbreitete sich in München wie ein Lauffeuer das Gerücht, daß im Luitpoldgymnasium Geiseln erschossen worden sind und daß diese verstümmelt waren. Die Polizeidirektion, die zu dieser Zeit nach Abzug des kommunistischen Polizeipräsidenten Mairgünther durch einige beherzte Beamte der Militärpolizei besetzt worden war, nahm sofort unter Leitung des Polizeipräsidenten Vollnhals als erstes die Klärung des Tatbestandes auf über die Erschießung der zehn Geiseln. Am 1. Mai (-1919-) früh wurden die Leichen (-vom Luitpoldgymnasium in der Müllerstraße 1-) in das (-rund 900 Meter entfernte-) gerichtlich-medizinische Institut (-an der Ecke Nußbaumstraße/Schillerstraße-) gebracht und es wurden eingehende Erhebungen zur Feststellung der Leichen eingeleitet. Die Schillerstraße lag vollkommen unter dem Feuer der Spartakisten, die dort zwei schwere Maschinengewehre und ein Geschütz aufgefahren hatten und es war den Beamten nicht möglich, in das gerichtlich-medizinische Institut zu kommen. Der Versuch wurde mehrmals in der Nacht wiederholt und man versuchte, mit den damals zur Verfügung stehenden schwachen Kräften die Zufahrtstraße zur Schillenstraße zu nehmen. Da keine Verstärkung von auswärts kam, konnte man noch nicht vorstoßen. In den Morgenstunden wurde dann die Schillerstraße frei. Sofort begannen die Agnoszierungen. Mittlerweile wurde der Tatbestand durch sehr zahlreiche Zeugen protokolarisch festgestellt." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.143/144 - 1933)
Auch der alldeutsche Verleger Julius Friedrich Lehmann erinnert sich:
"Am nächsten Morgen (-1. Mai 1919-) war mein erster Gang nach der Anatomie. Dort lagen die Leichen der Geiseln in bestialischer Weise verunstaltet, die an dem Abend (-26. April 1919?-) verhaftet worden sind, an dem auch ich hätte verhaftet werden sollen. Wir sind leider einen Tag zu spät gekommen, um sie zu retten." (Melanie Lehmann: "Verleger J. F. Lehmann - Ein Leben im Kampf für Deutschland", S.55 - 1935)

Rund vier Kilometer vom Luitpold-Gymnasium entfernt: Verhaftung des Eisendrehers Johann Lehner durch 2. Württembergische Freiwilligenregiment (Bataillon Ulm) aus der umkämpften Gaststätte 'Zum Trompeter von Säckingen' in der Maillingerstraße 32 (17?) heraus. Der in der Lokomotivfabrik Krauss beschäftigte Arbeiter wird am selben Tag trotz vorhandener Ausweispapiere ohne Prozess im Münchner Schlachthof durch Freikorpssoldaten erschossen, da man ihn mit dem roten Kommandanten des Luitpold-Gymnasiums Seidel verwechselt - 3. Mai 1919 (Postkarte im Privatbesitz / Pfeiffer, Hermann + Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5185 + Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.93 - 1989)

Nach dem Ende der Kampfhandlungen: Freikorps Würzburg in München - Mai 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
Über den nach der gescheiterten Räterepublik wieder erscheinende Münchener Beobachter heißt es:
"In der gleichen Nummer (-Münchener Beobachter, Nr. 15 v. 10.5.1919-) wurde den von den Bolschewisten ermordeten Geiseln und einem im Kampf um München (-am 2.5.1919-) gefallenen Mitgliede der Thule-Gesellschaft ein Nachruf gewidmet.(-Kriegsteilnehmer 1914-18, ehm. Vizewachtmeister der bay. Flak-Batt. 59, Student der Wirtschafts- u. Handelswissenschaften Karl Stecher, 21 Jahre, Tal 38 II, nähe Sterneckerbräu/Tal 54-)" (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Völkischer Beobachter, Nr.137, S.3 - "Gewachsen mit der Bewegung" v. 1.8.1938)

"Studiosus rerum mercatorum": Karl Stecher - Mai 1919 (Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.171, S.7 v. 5.5.1919 + Vereinigung ehem. Angeh. Flak-Batt. v. 7.5.1919 + Danksagung v. 9.5.1919)
3. Mai 1919
Die Aufbarung der erschossenen Personen aus dem Luitpold-Gymnasium erfolgt am 3. Mai 1919 im gerichtsmedizinischen Institut. Auf Plakaten wird stadtweit mitgeteilt:

Bekanntgabe der Erschießungsopfer aus dem Luitpolt-Gymnasium - 5. Mai 1919 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArchSGY_10_36_0066)
Die polizeilichen Ermittlungen laufen derweil unter Hochdruck, auch der seit dem 1. Mai 1919 flüchtige Ernst Toller wird noch immer gesucht:

Auf der Flucht: Fahndungsaufruf zu Ernst Toller - 15. Mai 1919 (Wikimedia Commons - Datei: Ernst Toller - 10000 Mark Belohnung wegen Hochverrats, 1919.png / Bayerisches Polizeiblatt)
4. Mai 1919
"Die Mitglieder des Vorstandes, (-Theo-) Deby, (-Friedrich-) Knauf u. a., welche verfolgt wurden, über Wolfratshausen nach Bamberg und Kempten geflohen waren, trafen (-wieder in München-) ein." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS
Nachdem die Münchener Räterepublik Geschichte ist und die bürgerlichen Zeitungen ab dem 1. Mai 1919 wieder erscheinen dürfen, notiert ein Zeitzeuge in seinem Revolutions-Tagebuch:
"Die heutige Morgennummer der 'Augsburger Abendzeitung' enthält eine Todesanzeige der Thule-Gesellschaft, in der sie den Tod folgender Mitglieder anzeigt:" (Hofmiller: "Revolutions-Tagebuch 1918/19", S.225, Eintrag v. 7.5.1919 - 1939)

(Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.175, S.6 v. 7.5.1919)
Eine ostdeutsche Tageszeitung berichtet über die erschossenen Thule-Mitglieder:
"Die rassehygienischen Bestrebungen dienende, auf völkischem Boden stehende 'Thule-Gesellschaft' veröffentlicht folgende Todesanzeige:(...) Von den erschossenen zehn Geiseln sind also sieben Mitglieder dieser Gesellschaft; von den für die Verhaftung verantwortlichen Führern des Münchener Aufstandes waren Levien, Leviné, Sontheimer, Toller, Landauer, Mühsam und andere Juden. Es ist wohl kein Zufall, daß sich deren besonderes Interesse den ortsvölkischen Kreisen zuwandte. Soll man daraus schließen dürfen, was den deutschen Kreisen bevorstünde, wenn jüdisch-bolschewistische Elemente in Deutschland das Heft in die Hand bekämen? Jedenfalls ist die Münchener Untat im Lichte dieser Tatsachen ein außerordentlich ernstes Moment." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Hallesche Zeitung, Nr.263, S.3 - "Münchener Deutschenmorde durch Juden" v. 2.6.1919)

Todesanzeige für die erschossenen Mitglieder der Thule-Gesellschaft - 8. Mai 1919 (Digitalisiert auf //bildarchiv.bsb-muenchen.de: Signatur 2Eph.pol.108g-1919,2 – Bildnummer port-026755 + Münchener Post, S.8 v. 8.5.1919 + Bayerische Staatszeitung + Bayerischer Staatsanzeiger, Nr.118 vom 8.5.1919)
26/865, S.27 - )
6. Mai 1919 - Nordfriedhof
16 Uhr: Beerdigung von Thule-Mitglied Karl Stecher auf dem Münchener Nordfriedhof.

(Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.175, S.6 v. 7.5.1919)
7. Mai 1919
Trauergottesdienst Karl Stecher um 9:15 Uhr HL Geistkirche

(Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.175, S.6 v. 7.5.1919)
Die spätere Osterbotschaft 1924 des Germanen-Ordens Walvater führt zu der Münchener Räterepublik und der Rolle des bayerischen Regionalleiters Glauers/von Sebottendorff aus:
"Die Loge wuchs mächtig heran und – H. v. Sebottendorff wurde in Steglitz gesehen – revolutionierte (-1919-) in München, machte aus der Ordensloge die Thule-Gesellschaft, trieb hochpolitische Umtriebe und – vier liebe Ordensgeschwister und drei Thule-Mitglieder mußten als Geiseln der Bolschewisten im Schulkeller ihr Leben aushauchen!" (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011 - Prozessakte Thormann-Grandel, Osterbotschaft des Germanen-Ordens Walvater, S.7 – 1924)
8. Mai 1919
Aussegnungshalle des gerichtlich-medizinisches Instituts, Schillerstraße 25, 9 Uhr: Aussegnung der Leiche von Anton Daumenlang zur Überführung nach Windsbach/Mittelfranken.

(Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.175, S.6 v. 7.5.1919)
Münchener Waldfriedhof, 14:15 - Beerdigung von Josef Anton Leib, dem Herausgeber von 'Der Republikaner'.
Zu der Beerdigung von Gräfin Heila von Westarp auf dem Münchener Westfriedhof wird berichtet:

"Auch sie starb als Heldin für ihr geliebtes Vaterland": Heila Gräfin von Westarp - 8. Mai. 1919 (Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.176, S.4 v. 8.5.1919)
"Unter ungewöhnlich großer Beteiligung wurde im Westfriedhof ein weiteres Todesopfer der Vorgänge im Luitpoldgymnasium, Hella Gräfin Westarp, zu Grabe getragen. Stadtpfarrer Kreppel schilderte in einer längeren, tiefempfundenen Gedächtnisrede den Lebensgang der unglücklichen Frau. Die durch eine Abordnung vertretene Stadtgemeinde München, die Thulegesellschaft und die Oberbayerische Kriegsinvalidenfürsorge spendeten Kränze. Die Stadtgärtnerei hatte die Ruhestätte mit Lorbeer und Palmen reich geschmückt." (Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr, S.4 - "Bestattung ermordeter Geiseln" v. 9.5.1919)

Letzte Ruhestätte der 1886 in Partenkirchen geborenen Gräfin, die am 26. September 1915 ihren langjährig gelähmten Vater auf dem Westfriedhof hier beisetzen ließ: Westarp, Heila v. - Westfriedhof, 009-6-12
Berger, Ernst: Westfriedhof, Krypta 30
9. Mai 1919
In der Außendarstellung werden die sieben erschossenen Mitglieder im Jahre 1919 lediglich der Tarngesellschaft Thule zugeordnet, eine Differenzierung findet zum Schutz des Germanen-Ordens nicht statt. Da dieser nicht in den Blick der Öffentlichkeit geraten soll, fungiert auch hier die Thule-Gesellschaft als vorgeschobene Organisation. Bestattet wird ein Teil der erschossenen Thule-Opfer auf dem Münchener Waldfriedhof, auf dem auch die erschossenen Husaren ihre Ruhestätte finden:
"Der Gefreite (-Fritz-) Linnenbru(ü)gger (-geb.1878 in Bielefeld, verh.-) und der Reiter (-Husar Walter-) Hindorf (-geb. 1900 in Weißenfels a. S., ledig-) von der ersten Schwadron des preuß. Husarenregiments Nr. 8, die beide als Vorposten bei Neuherberge von den Rotgardisten (-am 29. April 1919 bei einem Angriffsunternehmen der 'Roten Armee' auf Oberschleißheim-) zu Gefangenen gemacht und im Luitpoldgymnasium mit den Geiseln erschossen wurden, fanden im Waldfriedhof den Grabesfrieden. Die Bestattung wurde mit Musik und militärischen Ehren vollzogen. Mit den Offizieren und Kameraden des Regiments erwiesen viele andere Leidtragende den Toten den letzten Liebesdienst und spendeten Blumen." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.181, S.4 - "Der Geiselmord im Luitpold-Gymnasium" v. 10./11.5.1919)

Mit militärischen Ehren: Beisetzung der zwei am 30. April 1919 im Luitpold-Gymnasium ermordeten Soldaten des 8. preußischen Husaren-Regiments in München: Linnenbrugger und Hindorf - 9. Mai 1919 (BArch: Bild 119-1272-0002A / Hoffmann, Heinrich - München)

"Dem politischen Meuchelmord zum Opfer gefallen": Kapelle auf dem Münchener Waldfriedhof - 2023 (Wikimedia Commons - Datei: Grabkapelle mit Löwen im Waldfriedhof in München.jpg / Czeczotka, Jan)

"Die Stadt München Ihren in den Maikämpfen 1919 gefallenen Befreiern": Husarengrab (40-W-42) auf dem Münchener Waldfriedhof - 1930 (Fotografie im Privatbesitz + digitalisiert auf mz.de: "Münchner Geiselmord: Der Sohn der Großmutter ein Opfer" v. 9.7.2019 - Archiv Bunk, Hans Joachim)
(stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-BUR-1659-1, Grabsteine für zwei Thule-Mitglieder von der Stadt München - Mai 1919)
Zu der Beerdigung der ermordeten Thule-Mitglieder wird weiter berichtet:
"Im (-Münchener-) Waldfriedhof fanden am Freitag nachmittag (-9. Mai 1919-) die der Bluttat im Luitpold-Gymnasium zum Opfer gefallenen Kunststudierenden Walter Deicke und Walter Nauhaus gemeinsam die letzte Ruhestätte. Professoren und Studierende der Akademie der bildenden Künste und der Kunstgewerbeschule, sowie viele andere Trauernde nahmen an dem Begräbnis teil. Kirchenrat Reichenhart von St. Matthäus verrichtete die kirchliche Handlung. In der Fülle der niedergelegten Kränze waren Spenden von der Akademie der bildenden Künste, von der Halm-Klasse, von der Stadtgemeinde München, vom Bund feldgrauer Künstler, vom Josefinum, von den Schülern der Kunstgewerbeschule, von der Thule-Gesellschaft und von den Akademischen Arbeiterkursen München, in denen Deicke mehrere Semester unterrichtete. Die Leiche des Studierenden an der Akademie der bildenden Künste, Friedrich Wilhelm von Seidlitz, wurde vom Gerichtlich-medizinischen Institut aus nach Olbersdorf in Schlesien und die Leiche des Prinzen Thurn und Taxis nach Obermark in Württemberg übergeführt. Viele Kränze, darunter Spenden von der Stadtgemeinde München, von der Thule-Gesellschaft und von der Zeichenklasse Jank schmückten die Särge." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.181, S.4 - "Der Geiselmord im Luitpold-Gymnasium" v. 10./11.5.1919)
Nauhaus, Walter: Walfdriedhof, 138-W-3 / 40-W-42
Sonnabend, 10. Mai 1919
Auch die Thule-Gesellschaft platziert für ihre ermordeten Mitglieder im vom Thule-Gründer Rudolf Glauer/v. Sebottendorff betriebenen Münchener Beobachter eine Traueranzeige:
"Als Opfer ihrer Ueberzeugung wurden gemordet: Gräfin Heila v. Westarp, Walter Nauhaus, Anton Daumenlang, Walter Deike, Baron Teuckert, Friedrich Wilhelm v. Seydlitz. Wir werden stets der feigen Mordes eingedenk sein. Deutsche! Seht, was Ihr von russischen Juden zu erwarten habt - denn die Gemordeten waren als Antisemiten bekannt. Thule-Gesellschaft." (Münchener Beobachter, vermutlich Nr.15 v. 10.5.1919, digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Verein zur Abwehr des Antisemitismus,Nr.12, S.90 - "Die Thule-Gesellschaft, die Juden und der Münchener Geiselmord" v. 11.6..1919)
Die an diesem Sonnabend stattfindende Trauerloge in den gut besuchten Thule-Räumen der Vier Jahreszeiten verläuft unter großer Anteilnahme, aber auch mit internen Spannungen. Zu der internen Trauerfeier der führt Regionalleiter Rudolf Glauer/v. Sebottendorff aus:
"Ein gemeinsames Grab konnte den Thule-Leuten nicht bereitet werden. Seidlitz, Thurn und Taxis und Teuchert wurden in den Familiengrüften der Heimat beigesetzt. Deicke und Nauhaus ruhen in einem gemeinsamen Grabe. Zwei Tage nach der Beerdigung der Gräfin Haila (-v. Westarp-) fand in der Thule (-im Hotel Vier Jahreszeiten am 10. Mai 1919-) die Trauerloge statt. Das Rednerpult war mit einer erbeuteten Kommunistenfahne bedeckt, an Stelle des Hammers und der Sichel hatte eine (-Thule-)Schwesternhand das Hakenkreuz im weißen Felde angebracht, das Hakenkreuz, das alle Wände der Loge schmückte, für das die Thule-Leute in den Tod gegangen waren. Wenn Sebottendorff in seiner Rede sagte, daß das Opfer nicht umsonst gewesen sei, daß die Bewegung immer und immer wieder neue Kräfte aus diesem Opfer ziehen werde, dann sah es nicht so aus, dann sah es nicht so aus, als solle sich das bewahrheiten." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.166/167 - 1933)
Germanen- und Thule-Mitglied Johannes Hering notiert in seinem Tagebuch:
"Trauerfeier für die ermordeten Mitglieder. Sebottendorf sucht sich zu rechtfertigen, weil er die Mitgliederliste nicht rechtzeitig beiseite geschafft hat. Wir hatten schon lange unter den Namen Baldur (-Gott des Lichts-), Uller (-Gott der Jagd-) und anderer germanischer Götter uns in die Anwesenheitsliste eingetragen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/865, S.23 - Erinnerungsbericht des ehem. Thule-Vorsitzenden Johannes Hering an das NSDAP-Hauptarchiv - 15.6.1939, Ellic Howe ("Rudolf Freiherr von Sebottendorff", S.81 - 1989) notiert für die Trauerfeier den 7.5.1919)
"Es setzten (-nach der Beerdigung der sieben Thule-Mitglieder ab Mitte Mai 1919-) schwere innere Kämpfe ein, die der (-Thule-)Gesellschaft ein Ende bereiten sollten." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.167 - 1933)
Ein weiteres Mitglied des Germanen-Ordens berichtet im Spätsommer 1919 an den Hochmeister Eberhard von Brockhusen:
"Den Geiselmord haben ja Sebottendorf und (-der 46-jährige Eisenbahninspektor Friedrich-) Knauf auch auf dem Gewissen, da sie jede Warnung aus (-Eitelkeit?-) unterlassen und uns durch ihre feige Flucht unserem Schicksale überlassen haben." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 58/6177, S.48, Bl.2 - GO- und Thule-Mitglied Heinrich Meyer an Hochmeister Eberhard v. Brockhusen v. 2.9.1919)
"Die Verwendung eines hohen Betrages ist nicht ausgewiesen und nach dem Verbleib verschiedener Mietautos wird jetzt schon gefragt. Daß diese und andere Vorgänge (z. B. das Zusammenwohnen Knauf's mit einem Juden seit 10 Jahren schon, die Unterlassung jeder Rechnungsführung pp.) unter den Thulemitgliedern grosse Erregung hervorgerufen hat, können Sie sich denken " (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 58/6177, S.48, Bl.2 - GO- und Thule-Mitglied Heinrich Meyer an Hochmeister Eberhard v. Brockhusen v. 2.9.1919)
"Dieser (-Dr. Friedrich Weber, Schwiegersohn v. Julius F. Lehmann-) warf Knauf eine zu große Nähe zu Pittinger sowie zur B(-ayerischen-)V(-olks-)P(-artei-) und titulierte ihn unter anderem als 'Jesuiten-Spion'." (Vgl. Bericht über Mitgliederversammlung des Bundes Oberland in Colosseumsbierhalle am 29.9.1922 v. 4.10.1922, StAM Pol. Dir. 6878)
Im Abstand von rund 1 1/2 Jahrzehnten schreibt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff in seiner Buchveröffentlichung von 1933:
"Jetzt kann endlich gesagt werden, was bisher nicht gesagt werden durfte. um nicht den Haß des 'Systems' auf die Wegbereiter zu lenken. Es braucht nun nicht mehr verhehlt zu werden, daß jene sieben Thule-Leute nicht als Geiseln starben, nein, daß sie gemordet wurden, weil sie Antisemiten waren. Sie starben für das Hakenkreuz, sie fielen Juda zum Opfer, sie wurden gemordet, weil man die Ansätze der nationalen Erhebung vernichten wollte." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.7 - 1933)
Nachdem der Münchener Beobachter vom 12. April bis zum 9. Mai 1919 nicht erscheinen kann, heißt es in der darauf folgenden Ausgabe:
"An unsere Leser. Die Herrschaft der jüdischen Bolschewisten hat unser Erscheinen verhindert; nach einem Monat tollster Wirrnis können wir zum erstenmal wieder erscheinen. In den Schreibstuben des 'Beobachters' ist nichts von der Bande gelassen worden, alle Schriftstücke, alle Unterlagen sind vernichtet." (Stadtbibliothek München: Völkischer Beobachter v. 10.5.1919)
Auch Dietrich Eckart betont bereits im Oktober 1919 in der von Gottfried Grandel finanziell unterstützten Wochenschrift Auf gut deutsch:
"Um aber dem Trauerspiel noch das Satyrspiel folgen zu lassen, sei berichtet, daß im Kasernenhofe des Freikorps Oberland Adjudant Kupfer den 'Münchner Beobachter' feierlichst verbrannte und veranlaßte, daß Sebottendorff vom Oberkommandierenden wegen seiner antisemitischen Taten gerüffelt wurde. Das Schreiben führte aus, daß Sebottendorff durch Verbreitung des antisemitischen Beobachters im Freikorps sich gegen den obersten Grundsatz: Soldaten von der Politik fernzuhalten, vergangen habe." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.134 - 1933)

(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/2234, S.4 v. 21.6.1919)
30. Mai 1919
Einen Monat nach den Erschießungen im Luitpold-Gymnasium und dem Ende der Münchner Räte-Republik hält Dietrich Eckart in den Hotelräumen der Thule-Gesellschaft einen Vortrag.(invenio.bundesarchiv.de: NS 26/865 - Johannes Hering: Beiträge zur Geschichte der Thule-Gesellschaft v. 21.6.1939)
Eine skurile Schilderung würde, wenn sie denn hinterlegt wäre, in diesen zeitlichen Zusammenhang passen:
"Ravenscroft schreibt (-1974-) über die spiritistischen Sitzungen, die angeblich von (-dem 'Auf gut deutsch'-Herausgeber Dietrich-) Eckart, einem inneren Kreis von Thuleleuten und den oben erwähnten Russen
der weißrussische Agitator Professor Gregor, der vor riesig aufgemachten nationalsozialistischen Versammlungen über die 'bolschewistische Hölle' spricht,
der Generalmajor Vasilij V. Biskupskij,
der ukrainische Hetman Skoropaldski-) durchgeführt werden:
'Dietrich Eckart war bei diesen regelmässigen Séancen Zeremonienmeister, aber ein deutscher Flüchtling aus Moskau (-und Mitarbeiter von Gottfried Grandels mitfinanzierten Wochenschrift 'Auf gut deutsch'-), Alfred Rosenberg, übernahm die Aufgabe, die ständig wechselnden Geister zu befragen, die vorübergehend das Medium (-'eine einfache und unwissende Bauersfrau'-) mit Beschlag belegt hatten. Und es war auch Alfred Rosenberg, der Prophet des Antichrist der 'Protokolle der Weisen von Zion', der es wagte, das Untier der Offenbarung anzurufen - den luziferischen Leviathan, der sich Hitlers Körper und Seele bemächtigt hatte.
Nach Aussage Konrad Rietzlers, eines der frühesten Mitglieder der Thulegruppe und späterhin der literarische Herausgeber ihrer geheimen Publikationen, waren sämtliche Anwesende entsetzt über die mächtigen Kräfte, die sie freigelassen hatten. Die Luft im Zimmer (-des Hotels Vier Jahreszeiten?-)`wurde stickig und unaushaltbar, und der nackte Körper des Mediums wurde durchscheinend in einer Aura ektoplasmatischen Lichtes. Rolf (-Rudolf-) Glauer (Sebottendorff), der Gründer der Thulegesellschaft, wollte in panischer Angst aus dem Zimmer stürzen, aber Eckart griff ihn am Arm und warf ihn zu Boden. Keiner hatte die Geistesgegenwart, die rätselhaften Äusserungen niederzuschreiben, die aus dem Munde des Mediums hervorströmten.
Botschaften von grösster Wichtigkeit und Klarheit wurden auf den Sitzungen vernommen, in denen tote Mitglieder der Thulegruppe von der anderen Seite des Grabes herbeizitiert wurden. Die wichtigste Prophetie von der lange erwarteten Ankunft des deutschen Messias kam vom Fürsten von Thurn und Taxis, der in jenem Jahr (am 30. April 1919) von den Kommunisten im Luitpoldschen Gymnasium getötet worden war.(...) Nun erschien der Kopf des Fürsten bleich und gespenstisch über einem ektoplasmatischen Tuch, während das Medium, seine irdische Stimme perfekt nachahmend, in deutscher Sprache seine Gedanken äusserte, wozu es in wachem Zustand nicht in der Lage gewesen wäre.(...) Jetzt indentifizierte er den Mann, der neuer deutscher Führer werden sollte, als nächsten Prätendenten auf die Heilige Lanze, mit der die Legende von der Welteroberung verwoben war.(-Er wurde als ein Mann beschrieben, 'der mit der Beredsamkeit und mystischen Kraft des Propheten Mohamed die Politik und Religion zu einem unheiligen Kreuzzug gegen die Ideale der christlichen Welt miteinander verbinden würde.'-)
Erst der 'Schatten' der einstmals blonden und schönen Heila, Gräfin von Westarp, zu ihren Lebzeiten, bis die Roten sie ermordeten, Sekretärin der Thulegesellschaft, bereitete den mitternächtlichen Verschwörern eine höchst unwillkommene Überraschung. Wie eine durchsichtige Kassandra stieg sie aus dem Schoss des schlummernden Mediums und verkündete, dass dieser Mann, der sich daran mache, die Führung der Thulegesellschaft zu übernehmen, sich als falscher Prophet erweisen würde. Er würde totale Macht über die Nation erlangen, aber eines Tages ganz Deutschland in Ruinen legen und das deutsche Volk in eine Niederlage und moralische Verderbnis führen, die bislang nicht ihresgleichen in der Geschichte habe.
Natürlich wurde ihre Verkündigung, dass der kommende Messias 'vor der Tür' stünde, mit Jubel vernommen, aber die warnenden Worte aus dem Jenseits, die sich so erschütternd bewahrheiten sollten, verhallten völlig unbeachtet." (Satparam: "Der Stern des Abgrundes: Das Medium Adolf Hitler", S.217 - 2007 + Ravenscroft: "Der Speer des Schicksals", S.118 - 1974 + Lacroft: "Illuminaten: Blut - Geld - Krieg", S.181 - 2017)

Séance: Elektrisiert von der Hoffnung auf Kontakt zum Jenseits - 1908 (Museo di Antropologia Criminale / Turin)
Über die Anwendung der Séance ist bei Wikipedia zu erfahren:
"Als sichtbare Zeichen des Kontakts mit dem Jenseits werden das sogenannte 'automatische Schreiben' oder die verbale Kommunikation des Mediums mit dem Jenseits interpretiert. Weitere physikalische Manifestationen sollen Materialisierung von Gegenständen, das Herausquellen von sogenanntem Ektoplasma aus Körperöffnungen des Mediums, Telekinese, Apportphänomene und Levitation, d. h. schwebende Gegenstände wie Tische, Klaviere und Bücher, sein. Das 'Medium' wird in aller Regel anonym gehalten, es wird behauptet, dieser Mensch habe seine besondere Eignung erwiesen, in Trance zu fallen und dann ins Jenseits hören zu können. Oftmals werden die Teilnehmer einer Séance eingeschworen, keinem Außenstehenden Mitteilung über das Geschehen zu machen. Eine Séance findet oft bei Kerzenlicht oder in fast völliger Dunkelheit statt, was nur ein schemenhaftes Sehen gestattet. Der Raum zur Séance kann mit technischen Einrichtungen versehen sein, die es dem Medium oder seinen Begleitern erlaubt, plötzlich das Licht einzuschalten oder es ganz zu verdunkeln bzw. eine Kerze verlöschen zu lassen, oder auch Geräusche von einem Tonband oder Schallplatte abzuspielen, gesteuert über verborgen angebrachte Schalter. Oft existiert in einem Nebenraum versteckt noch jemand, der die Worte des Mediums in die passende Geräuschkulisse umsetzt und die Teilnehmer glauben lässt, ein Geist spreche aus dem Jenseits. Fäden bei der sogenannten Levitation sind ein weiterer beliebter Trick, um die 'von Geistern' bewegten schwebende Tische oder Gegenstände zu zeigen. Solch eine Séance erscheint damit als eine wirtschaftlich motivierte Illusions-Veranstaltung: die Teilnehmer zahlen dafür, mittels des 'Mediums' ihren Wunsch nach Kontakt ins Jenseits erfüllt zu bekommen."

Spiritistische Fähigkeiten unter Aufsicht: Zeitungsausschnitt - 1894 (Wikimedia Commons - Datei: Psychicmedium.jpg / de Rochas, Albert - 1894)
Juni 1919
In den Aufzeichnungen von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff wird zu diesem Zeitraum vermerkt:
"Es setzten (-nach der Beerdigung der sieben Thule-Mitglieder ab Mitte Mai 1919-) schwere innere Kämpfe ein, die der (-Thule-)Gesellschaft ein Ende bereiten sollten. Sie hatte ihren Zweck erfüllt, sie mußte vergehen, damit das Neue (-Messias-Andeutung?-) werden konnte, das schon an der Schwelle stand. Wenige Wochen nach Sebottendorffs Weggang (-nach Bad Sachsa, im Anschluss an seine letzte Münchener Thule-Versammlungsleitung vom 22. Juni 1919-) betrat (-im Juli 1919 der für das Reichswehrgruppenkommando 4 unter Hauptmann Karl Mayr tätige V-Mann-) Adolf Hitler die Räume der Thule (...)." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.167 - 1933)
Zu den erwähnten russischen Emigranten wird berichtet:
"Da waren vor allem einige weißrussische Emigranten, ein aus Riga geflohener (-und für Dietrich Eckart arbeitender-) Architekturstudent namens Alfred Rosenberg. Er erschien in Begleitung des Zarengenerals Skoropadski, von dem man sich achtungsvoll zuflüsterte, daß er 1918 in der Ukraine Gouverneur gewesen sei, eingesetzt von der kaiserlich-deutschen Armee. Er und der General Biskupski erzählten Erich Koch, daß sie den 'Völkischen Beobachter' finanzierten und antibolschewistisch beeinflussen. Etwas später sprach man ganz offen darüber, daß Hitler eine Einladung zum Flügelfabrikanten (-Edwin-) Bechstein hätte, wo er mit dem General Ludendorff zusammenträfe." (v. Walden: "... und morgen die ganze Welt?", S.19 - 1960)
4. Juni 1919 - Ernst Toller
Durch einen Polizeihinweis wird nach einem Monat der sich auf der Flucht befindliche Revolutionär Ernst Tolle aufgespürt und verhaftet:
"" (Hitzer: "Der Mord im Hofbräuhaus", S. - 1981)
In Haft wird Ernst Toller zur erkennungsdienstlichen Behandlung vorgeführt:
"Ich werde zum Photographen geführt, ich muss mich auf einen Stuhl setzen, der meine 'Verbrechernummer' trägt. Der Photograph drückt mir eine Reisemütze ins Gesicht und fotografiert mich von allen Seiten, später bringen die Zeitungen das Bild, mit retuschierten wulstigen Lippen und stechenden 'Verbrecheraugen', zum Abschrecken." (Toller: "Eine Jugend in Deutschland", S.156 - 2021)

Ende einer Flucht: Ernst Toller - Juni 1919 (Glock & Sohn: "Die Prozesse des Geiselmordes", S.7 - 1920 + Eckart: "Auf gut deutsch", Nr.32/33, S.511 - 10.10.1919)

Inhaftiert: Ernst Toller (Wikimedia Commons - Datei: Ernst Toller - Schwadron.jpg / o.Ang., National Library of Israel, Schwadron collection - 1920)
Der sogenannte Geiselmord von München wirkt medial nach, nicht nur in München:
"Soll man daraus schließen dürfen, was den deutschen Kreisen bevorstünde, wenn jüdisch-bolschewistische Kreise in Deutschland das Heft in die Hände bekämen?" (Deutsche Tageszeitung, vermutlich v. Mai 1919, digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Nr.12, S.90 - "Die Thule-Gesellschaft, die Juden und der Münchener Geiselmord" v. 11.6..1919)
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13. Juni 1919
Am 13. Juni 1919 veröffentlicht die von der SPD gelenkte Münchener Post unter der Überschrift "Seltsame Geschichten" erste Vorwürfe gegen Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, welche kurzfristig von dessen Anwalt in der Ausgabe Nr.138/S.2 berichtigt werden, doch der Stein gegen den Kopf der Thule-Gesellschaft ist bereits ins Rollen geraten. Der Gescholtene greift die redaktionellen Anwürfe in seiner späteren Buchveröffentlichung mit auf:
"Er (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff-) führe einen falschen Namen. Er habe die Thule feige im Stich gelassen. Er sei Türke geworden, um sich vom Kriegsdienste zu drücken. Er habe Gelder kassiert und nicht verrechnet. Er sei entmündigt.
Damit wollte man (-Rudolf Glauer/v.-) Sebottendorff zwingen, den Beleidigungsprozeß anzustrengen, man hatte noch mehr Pfeile im Köcher. Durch den Einfluß des oben erwähnten Schülein, der mit dem Handelsrichter Spitzer, mit dem Justizrat Zimmermann, mit dem Anwalt Alsberg-Berlin und dem Polizeirat Heindl zusammenarbeitete, hatte man ein wunderbares Aktenstück zusammengebracht, das unbedingt vernichtend wirken mußte. Dann war ein Skandal da, der sicher den Geiselmordprozeß auf eine andere Basis geschoben hätte. Also auf zur Jagd, Sebottendorff mußte fallen. Er mußte den Beleidigungsprozeß anstrengen. Doch der tat ihnen nicht den Gefallen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.169/170 - 1933)
"Dietrich Eckart war machthungrig und wollte sich an meine Stelle setzen. Dazu benutzte er meine schwache Position - als Mensch. Ich war, durch Umstände, die nicht hierher gehören, entmündigt, allerdings auf meinen Antrag hin, um das Vermögen zu retten. Der Vormund war der einzige Erbe nach meiner Frau, ein Judenabkömmling. Mit diesen paktierten Knauf und Eckart - und so brachte man mich zu Fall. Ich zog es vor, zu schweigen, denn wenn ich spreche (-gesprochen hätte-), wären sehr viele Leute damals bloßgestellt worden. Ich ging, um andere zu schonen.(...) Ich habe dannn im Mai und Juni die Bewegung geldlich gestützt, bis (-Dietrich-) Eckart die kommende Macht erkannte. Nun, der Einzelne ist nichts, die Idee ist alles." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/1229, S.8, Bl.2 - Rudolf Glauers/v. Sebottendorfs Antwortschreiben an Thule-Mitglied Johannes Hering v. 7.12.1922)
Zu dem nachrevolutionären Verbleib Rudol Glauers/v. Sebottendorff landet Rudolf Glauer in Bad Sachsa im Süd-Harz, einem idyllisch gelegenen Ort mit modernem Schwimmbad und sehenswertem Märchenspiel:
"So verließ Sebottendorff Mitte bis Ende Mai München, fuhr zunächst nach Konstanz, dann in die Nähe von Freiburg i. Br. und zuletzt nach Bad Sachsa, wo er wegen falscher Namensführung, Meineid und Entmündigung Prozesse führte." (Lindenberg: "Die Technik des Bösen", S.22 - 1979)
Weiter schreibt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff über die aus seiner Sicht im Sommer 1919 breit einsetzende Gegenreaktion auf die antisemitischen Aktivitäten der von ihm verantworteten Thule-Gesellschaft:
"Es war der Angriff der Juden, der Angriff der Sozialdemokratischen Partei, der ihn (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff-) zum Fortgehen (-aus München-) zwang.(...) Zwei Gründe waren es vornehmlich, die zu den Angriffen führten. Der erste war: man mußte dem kommenden Geiselmordprozeß die Spitze abbrechen, indem man die öffentliche Aufmerksamkeit durch einen Beleidigungsprozeß (-zum Nachteil Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs-) ablenkte.(...) Der zweite Grund war, daß die Judenschaft, durch die antisemitische Propaganda beunruhigt, der Sozialdemokratie die geldliche Unterstützung entziehen und sich mit den Unabhängigen (-USPD-) zusammentun wollte. Die erste Warnung erhielt Sebottendorff aus Frankfurt am Main. Sie ist dann in Nr. 291 der 'Deutschen Zeitung' Berlin vom Jahre 1919 veröffentlicht worden. Justizrat Zimmermann, der Syndikus des Staatsvereins, hatte die Sache in die Hand genommen. Verhandlungen wurden von ihm über die Subventionen mit den Unabhängigen in Weimar geführt; sie drehten sich darum, die Agitation der Antisemiten einzuschränken, wenn sie (-die Unabhängige Sozialdemokratische Partei USPD-) zur Macht kommen sollten. Hierzu war Juda bereit, geldliche und sonstige Unterstützung zu leisten. Für die (-Mehrheits-)Sozialdemokraten bestand also die Gefahr, daß diese ergiebige Geldquelle versiege, wenn sie nicht handelten. In München, dem Hauptzentrum der gefährlich werdenden Bewegung, mußte zugegriffen werden und hier konnte man zugreifen. Man hatte 'Material' gegen Sebottendorff gesammelt." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.167/168 - 1933)

(Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: Deutsche Zeitung, Nr.291, S.5 - "Die Judenschaft und die Unabhängigen" v. 27.6.1919)
Die von Gottfried Grandel in seinem Bericht aufgeführte Begegnung mit dem Diskussionsredner Adolf Hitler korrespondiert mit den Aufzeichnungen von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, in denen er für den Zeitraum zwischen Mai und August 1919 vermerkt:
"Es setzten (-nach der Beerdigung der sieben Thule-Mitglieder ab Mai 1919-) schwere innere Kämpfe ein, die der (-Thule-)Gesellschaft ein Ende bereiten sollten. Sie hatte ihren Zweck erfüllt, sie mußte vergehen, damit das Neue werden konnte, das schon an der Schwelle stand. Wenige Wochen nach Sebottendorffs Weggang (-nach Bad Sachsa im Anschluss an seine letzte Münchener Thule-Versammlungsleitung vom 22. Juni 1919-) betrat Adolf Hitler die Räume der Thule (...)." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.167 - 1933)
3. Juli 1919
Durch die interne Auseinandersetzung wählt sich die Thule-Gesellschaft nach dem Weggang Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs eine neue Führung:
"Vorsitzender Friedrich Knauf, Bahnverwalter, stellvertretender Vorsitzender (-Hugo-) Heinrich Meyer, Bezirksamtassessor" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.148, Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 15.6.1939)
September 1919
Doch die Thule-Gesellschaft kommt durch die dramatischen Ereignisse während der Räte-Republik und dem daraufhin bedingten Weggang ihres germanischen Logenführers Rudolf Glauer/v. Sebottendorff in schweres Fahrwasser. Die dreijährige Aufbauarbeit der bayerischen Walvater-Gauloge scheint darüber hinaus durch interne Querelen dem Ende entgegenzustreben. So schreibt Eberhard Freiherr v. Brockhusen als Vertreter des ursprünglichen Zweiges des Germanen-Ordens:
"Gestern (-am 4. September 1919-) erhielt ich einen Brief des (-seit dem 3. Juli 1919 stellvertretenden Thule-Vorsitzenden-) Herrn Bezirksamtsassessors a. D. (-Heinrich-) Meyer aus München, in dem er mich bittet, der (-Berliner-) Leitung (-Hermann Pohl-) seinen Austritt aus dem (-Germanen-)Orden mitzuteilen. Ich erfülle diese Pflicht mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß ich Ihnen seinen Brief nicht senden kann, da er mich bittet, ihn als geheim zu betrachten. Der schöne Anfang des Thulebundes scheint in die Brüche zu gehen und allerlei Unerfreuliches sich breit zu machen. Es wäre vielleicht gut, wenn Sie einen Herrn heruntersenden würden, der alles einmal dort begutachtet." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/852, S.414 - Korrespondenz v. Brockhusen an Generalmajor Erwin von Heimerdinger v. 5.9.1919)
14. September 1919
Während des sogenannten Münchener Geiselmord-Prozesses kommt die Verteidigung auf Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs Aktivitäten innerhalb der Thule-Gesellschaft zu sprechen:
"Ferner habe er, (-Rechtsanwalt Theodor-) Liebknecht, bestimmtes Material bezüglich des Herrn Sebottendorf wegen der Verwendung der gefälschten (-Räte-)Stempel. Der Vorsitzende habe im Laufe der Vernehmung die Behauptung aufgestellt, daß kein Beweis erbracht sei für die Fälschung der Stempel durch die Mitglieder der Thule-Gesellschaft. Der Vorsitzende weist eine derartige Unterstellung entschieden zurück. Er habe nur gesagt, es sei kein Beweis erbracht worden für die Beteiligung der ermordeten Mitglieder der Thule-Gesellschaft an der Fälschung der Stempel. Im Übrigen wolle er sich hierüber mit der Verteidigung nicht weiter streiten. Rechtsanwalt Dr. Sauter beantragt sofortige Ladung des Herrn Sebottendorf als Zeugen dafür, daß die Mitglieder der Thule-Gesellschaft die Stempel deswegen gefälscht haben, um mittels gefälschter Ausweispapiere Offiziere und dergleichen aus der Stadt zur Weißen Garde hinauszuschmuggeln (Unruhe im Zuhörerraum) und auf der anderen Seite Plünderungen und dergleichen vorzunehmen. (Erneute Unruhe, Rufe: Unglaublich!) Diese Frage, die ebenso Interesse für die Öffentlichkeit hat, sei von der Staatsanwaltschaft bisher noch nicht geklärt worden. Der Staatsanwalt (-Heinz Hoffmann-) beantragt Ablehnung dieser Beweisanträge und betont, sie gingen offensichtlich weit vom Thema des Prozesses ab, in dem es sich doch um die Ermordung der Geiseln handle.(...) Rechtsanwalt Liebknecht weist noch einmal auf den Artikel des 'Münchner Beobachter' hin, den er schon verlesen habe, und in dem am Schlusse zugegeben werde, daß die gefälschten Stempel wirklich gebraucht worden seien, um Persönlichkeiten aus der Stadt hinauszuführen. Nach längerer Beratung beschließt der Gerichtshof: Die Ladung der Zeugen Moser, Sebottendorf (...) wird abgelehnt, weil das Gericht aus dem Inbegriff der gesamten Verhandlung seine Meinung über die Glaubwürdigkeit der Zeugen schöpft." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchener Neueste Nachrichten, Nr.370, S.2 - "Der Geiselmord im Luitpoldgymnasium" v. 15.9.1919)
"Staatsanwalt Hoffmann erklärt, daß diese Anträge offensichtlich die Verhandlung von dem Thema abbringen sollen und daß es sich hier allein um die Erschießung von zehn unschuldigen Geiseln handle, von denen einige tatsächlich Mitglieder der Thule-Gesellschaft gewesen seien, was aber nichts für die Behauptungen der Verteidigung beweise. Er lehne es jedenfalls ab, den Verteidigern auf das politische Gebiet zu folgen. (Zustimmung im Zuhörerraum.)" (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: General-Anzeiger für Dortmund, Nr.248 , S.3 - "Der Münchener Geiselmordprozeß" v. 16.9.1919)
24. September 1919
Friedrich Knauf legt ersatzlos sein Amt nieder und wird als Thule-Vorsitzender aus dem Vereins-Register gelöscht. Zum Stellvertreter wird als Nachfolger des ausgetretenen Heinrich Meyer das Thulemitglied Johannes Hering gewählt.
1920
"Professor Stempfle vom Rehse-Institut brachte humorvolle Ausführungen, verlas unter anderem einen Brief Sebottendorffs vom Jahre 1920 an Schulrat (-Wilhelm-) Rohmeder, worin Sebottendorff mitteilte, dass er erst dann wieder nach München komme, wenn die Hakenkreuzfahnen in Deutschland den Sieg der Bewegung künden werden." (Buchbesprechung aus Ludendorffs Halbmonatsschrift: "Am Heiligen Quell Deutscher Kraft" - Juni 1934 + Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.119 - 1933)
"1920 wußte er eine Freifrau von Sebottendorf in Baden- Baden zu bestimmen, daß sie ihn adoptiere. Er gab damit also selbst zu, daß seine vorhergehenden Angaben Schwindel waren, sonst hätte er den Versuch der Adoption gar nicht unternommen.(...) Im übrigen wäre das Dresdner Polizeipräsidium und die Berliner Staatsanwaltschaft in der Lage, näheres über diese Abenteurerexistenz mitzuteilen. Der Herr gab auch in München seinerzeit eine Gastrolle und betätigte sich in Judenfresserei." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.6 - "Das Porträt eines hakenkreuzlerischen Hochstaplers" + Münchner Post, Nr.61, S.7 v. 14.3.1923)
1921
Über die zweite Gedächtnisfeier zum Jahrestag der erschossenen Thule-Mitglieder wir berichtet:
"Die Ferienstille im Hofe des Luitpoldgymnasiums wurde am Samstag nachmittag durch eine schlichte, aber ergreifende Feier unterbrochen. An der Stätte, an der vor zwei Jahren, am 30. April (-1919-) nachmittag 5 Uhr, schuldlose, gute Münchner Bürger und zwei tapfere Angehörige der Reichswehr den Kugeln revolutionären Irrwahnes zum Opfer fielen, hatten sich Angehörige und Freunde der Ermordeten zum ehrenden Gedenken eingefunden. Prof. Bauer sprach als Vorsitzender der Thule-Gesellschaft mit bewegter Stimme von dem Opfer, das die Gefallenen der Gesamtheit durch ihren Tod gebracht haben. Denn die Schüsse, die sie trafen, weckte die Bevölkerung aus dem Banne der Rätewirtschaft und riefen die Selbsthilfe durch die Einwohnerwehr auf den Plan. Zum Dank dafür solle alljährlich an dieser Stelle der Ermordeten gedacht werden. Prof. Sittmann legte im Namen der Deutschvölkischen Arbeitsgemeinschaft einen Kranz nieder mit der Mahnung zur Reinhaltung deutschen Blutes von jenen fremden Einflüssen, denen dieser Mord zuzuschreiben sei. In stillem Gedenken verließen die Trauernden den Ort, dessen unter reichem Blumen- und Pflanzenschmuck treuer Hände hervorschimmernden Kugelspuren an die Schreckenszeit der Räteherrschaft erinnerten." (Digitalisiert auf digipress.digitale-sammlungen.de: Generalanzeiger der Münchener Neueste Nachrichten, Nr.186, S.1 - "Gedenktag des Geiselmordes im Luitpoldgymnasium" v. 3.5.1921)
Der ehemalige Führer der Thule, Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, ist zu der Feierlichkeit nicht geladen. In dem Geleitwort zu seiner astrologischen Buchveröffentlichung berichtet er für das Jahr 1921, dass seine Schwester, ehemalige Anteilseignerin des Völkischen Beobachters, im selben verstarb:
"Die beiden Bände XVII und XVIII dürften fast fehlerlos sein, da sie gründlich durchsehen wurden, was bei Band XVI leider nicht der Fall war - mea culpa - ich bitte, mir das nachsehen zu wollen, der plötzliche Tod meiner Schwester (-Dora Kunze-) und anderes mehr hatte mich zur Durchsicht nicht mehr fähig gemacht." (Sebottendorf: "Praktischer Lehrgang zur Horoskopie", Sebottendorfs Geleitwort v. 1.5.1922)
Ein Hinweis zu einer Person, die eng mit der Thule-Gesellschaft in Verbindung steht, in dem umfassenden Rückblick des Logen-Meisters von 1933 jedoch keine Erwähnung findet:
"1921 wurde Müller von Hausen Vorsitzender der 'Feme-Ritter' der Thule-Gesellschaft, einer Gerichtsstelle für innere und äußere Streitigkeiten, deren Angehörige berechtigt waren, Todesurteile gegenüber Ordensmitgliedern auszusprechen. Zu Beginn der 1920er Jahre stand er in Verbindung zu den verbreiteten politischen Mordplänen gegen jüdische, linksstehende und republikanische Politiker und Publizisten. So wurde er verdächtigt, ein Attentat auf den russischen Sozialdemokraten Alexander Parvus in Auftrag gegeben zu haben. Mit Heinrich Tillessen und Heinrich Schulz, den Mördern von Reichsfinanzminister Matthias Erzberger, hatte er sich im Sommer 1921 kurz vor der Tat getroffen." (Wikipedia: Ludwig Müller von Hausen)
"Schulz und Thillessen gingen ein Vierteljahrhundert später in ihren Aussagen auf Müller von Hausen nicht ein. Sie wurden allerdings auch nicht nach ihm befragt. Legt man jedoch ihr Geständnis zugrunde, nach dem der Befehl zur Ermordung Erzbergers vom Germanenorden ausgegangen war, liegt die Folgerung auf der Hand, daß Müller von Hausen als Vorsitzender des 'Femegerichtes' an einem Beschluß der Ordensleitung zur Tötung des Reichsministers mitgewirkt haben muß, ihn vielleicht sogar herbeigeführt hat. Dazu paßt eine auffällige zeitliche Koinzidenz: Ausweislich der Korrespondenz der (-Walvater-)Ordensleitung wurde das Femegericht in der ersten Julihälfte 1921 neu gebildet und Müller von Hausen zu seinem Vorsitzenden bestimmt. In den ersten Augusttagen (-1921-) erfolgte der Mordauftrag an Schulz und Thillessen." (Sabrow: "Der Rathenaumord", S.55 - 1999)
7. Dezember 1922
Rudolf Glauer/v. Sebottendorff antwortet auf eine Karte seines ehemaligen Mitstreiters aus Münchener Thule-Zeiten:
"Vielleicht komme ich im Januar 1923 wieder durch München, da ich die Absicht habe, nach dem Orient zurückzukehren, um dort mein Eigentum wieder in Besitz zu nehmen.(...) Ich ziehe ohne Dank in die Ferne, ich habe auch nicht um Dank gearbeitet. Mir genügt das Bewußtsein, überhaupt gearbeitet zu haben zu einer Zeit, als es noch gefährlich war, deutsch zu denken. Was meine Feinde planten, mich zu vernichten, ist ihnen mißlungen. Mein nächster Roman wird Münchner Verhältnisse zu dieser Zeit behandeln, dann werden Sie erst klar sehen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/1229, S.8, Bl.1/2 - Rudolf Glauers/v. Sebottendorfs Antwortschreiben an Thule-Mitglied Johannes Hering v. 7.12.1922)
14. März 1923
Das in München erscheinende sozialdemokratische Presseorgan greift die Person Rudolf Glauer/v. Sebottendoff vier Jahre nach dessen Weggang aus München redaktionell noch einmal auf und titelt:
"Das Portrait eines hakenkreuzlerischen Hochstaplers" (Münchner Post, S.7 v. 14.3.1923)
"Jakobi, Karl. Rechtsanwalt. Arier. Mitglied der Thule. Nahm für Sebottendorff gegen die Münchener Post Stellung." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.243 - 1933)

Hoch gestapelt: Unklare Biographie des Rudolf Glauer - 1923 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.6 - "Das Porträt eines hakenkreuzlerischen Hochstaplers" + Münchner Post, Nr.61, S.7 v. 14.3.1923)
In der Osterbotschaft 1924 der Germanen-Ordensleitung Walvater heißt es rückblickend zu dem im Frühjahr 1923 erhöhten Druck auf Rudolf Glauer/v. Sebottendorff:
"v. Sebottendorf hat vor der (-zweiten Phase der-) Revolution (-im März 1919-) brieflich (-der Berliner Ordensleitung-) v. Ramin angetragen, in (-Bad-) Sachsa (-Süd-Harz-) sein Haus zu übernehmen und einen mit Millionen Goldmark und Devisen finanzierten, großzügigen völkischen Organisationsplan durchzuführen, während er selbst nach der Türkei zurückkehren wollte. In der Generalversammlung der Bank im Rheingoldsaal griff (-Bankdirektor-) Plewe v. Sebottendorff heftig an. Es fand bald darauf eine Zusammenkunft zwischen Ramin, Plewe und v. Sebottendorff statt. H.(-err-) v. Sebottendorff kehrte nach Bad Sachsa zurück, verbrannte nach einer scharfen Auseinandersetzung mit einem Berliner Herrn eine große Anzahl Papiere und flüchtete (-im Frühjahr 1923-) nach (-den Kurorten an den Schweizer Seen/Lugano/Castagnola in-) der Schweiz. Nichts kann ihn bewegen, nach Sachsa zurückzukehren. H.(-err-) v. Sebottendorff aber floh ohne Zweifel vor der Exekutive des Bundes." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Prozessakte Thormann-Grandel - 1924)
29. April 1923 - 11 Uhr
Zu der jährlich anstehenden Trauerfeier für die ermordeten Thule-Mitglieder im Hof des Luitpold-Gymnasiums ist ihr Gründer Rudolf Glauer/v. Sebottendorff nicht mehr in Deutschland. Eingeladen ist hingegen Euer Hochwohlgeboren.
Dezember 1925
"Der Talismann des Rosenkreuzers. Roman von Rudolf von Sebottendorf. Broschiert Mk. 2,- Baum Verlag, Pfullingen in Württemberg. Das Werk ist nicht nur außerordentlich spannend geschrieben, sondern darf auch als jeden Leser zum Denken anregender Weltanschauungsroman angesprochen werden. Der Held des Romans ging hinaus in die Welt und suchte im Osten wie im Westen das Wissen, und er fand Gott. Weiteste Kreise dürfte auch der Roman deshalb interessieren, weil der Verfasser in ihm Münchens schwere Tage der Nachkriegszeit schildert. Er spricht da aus eigenem Erleben und gibt in packenden Schilderungen anschauliche Bilder dieser Vorgänge." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Rhein- und Rhurzeitung, Nr.558, S.7 v. 4.12.1925)
Februar 1926
Rudolf Glauer veröffentlicht seinen halbbiographischen Roman "Der Talisman des Rosenkreuzers".
1931 - Tod des Ordenskanzlers Hermann Pohl
Nach über 100 juristischen Auseinandersetzungen verlassen Gründungsmitglied und Ordenskanzler Hermann Pohl die Kräfte. Rudolf Glauer/v. Sebottendorff vermerkt in seinem späteren Buch:
"Durch Intrigen verlor der Orden seinen Besitz. (-Eichmeister a. D. Hermann-) Pohl starb am 26. Mai 1932." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.238 - 1933)

Nachruf auf den verstorbenen Eichmeister und Ordenskanzler Hermann Pohl aus der Berliner Metzer Straße 8 - 1932 (invenio.bundesarchiv.de: NS26/865a - "Tule-Gesellschaft" v. 1932)
1932
Nach dem Weggang Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs aus Deutschland verliert die Thule-Gesellschaft schnell an Bedeutung:
"Fest steht ferner, dass 1932 die Thule-Ges.(-ellschaft-) unter Sesselmann eingeschlafen war, (-am 10. Februar 1932-) keine Mitglieder mehr hatte und (-von amtswegen-) gelöscht war, als wir mit der Errichtung des Dritten Reiches an die Neugründung herangingen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.150, Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft, 1939)
"Im Jahre 1926 waren nur noch fünf Mitglieder vorhanden. Als dann das Registergericht (-Marcus/Max-) Sesselmann in Strafe nahm, weil er einige Jahre keine Berichte einsandte, meldete Sesselmann und der zweite Vorsitzende (-Franz-) Wagner, daß die Thule keine Mitglieder mehr habe. Durch Verfügung des Registerrichters vom Juni 1930 (-?-) wurde die Thule-Gesellschaft gelöscht." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.198 - 1933)
30. April 1933
Über den weiteren Verlauf der Thule-Gesellschaft heißt es rückblickend:
"Rudolf von Sebottendorff war schon wieder in München, als am 30. April 1933 die neuen Machthaber Deutschlands im Hofe des Münchener Luitpoldgymnasiums ihre erste imposante 'Geiselmord-Gedächtnisfeier' abhielten.
'Groß war die Zahl der behördlichen Vertreter, die mit den Angehörigen der Ermordeten ... erschienen waren ... . In die erwartungsvolle Feierlichkeit trug das nationalsozialistische Reichssymphonieorchester ... den ersten weihevollen Ton. Dann ergriff der Sprecher der Thule-Gesellschaft, Marc (Max) Sesselmann, der die braune Uniform eines Amtswalters trug, das Wort, um vom Opfertod jener Männer und jener Frau ... zu künden ... . Sie seien gefallen als Vortrupp der nationalen Erhebung, sie hätten Entscheidendes getan zur Reinigung des bayerischen Bodens von jüdisch-marxistischen Elementen ...'" (Gilbard: "Die Thule-Gesellschaft", S.168 - 1994 + München-Augsburger Abendzeitung v. 1.5.1933)
"Vier oder fünf Jahre haben sich die Mitglieder kaum noch gesehen, da wurde nach der Machtergreifung die Geiselmordfeier (-am 30. April 1933-) prachtvoll in Scene gesetzt. Die Thulemitglieder waren fast vollzählig erschienen, gingen dann gemeinsam zum Domhof und beschlossen, die Thule neu aufzubauen. Freiherr von Sebottendorf war nach jahrelanger Abwesenheit in der Türkei wieder in München und verstand es, einen unerwarteten Aufschwung in die Sache zu bringen. (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.59 - Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 1939)
"In den letzten Jahren hatten auch die Thulefeiern im Luitpoldgymnasium aufgehört. Erst im Jahre 1933 fand wieder eine solche statt. Sebottendorff sollte die Gedächtnisrede halten, doch wurde dies durch (-Marcus/Max-) Sesselmann hintertrieben. Aber nach der Feier fanden sich 75 alte Thuleleute im Domhofe zusammen, um den alten Meister (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff-) zu begrüßen. Die Versammelten kamen überein, die Thule wieder aufleben zu lassen und die registergerichtliche Löschung der Gesellschaft rückgängig zu machen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.198 - 1933)

Mit der Zahl Sieben hinterlegt: Thule-Emblem zum Andenken an die Opfer des 30. April 1919 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/865, S.11 - 1933)
Juni 1933
In unmittelbarer Nähe zum Münchener Hauptbahnhof bezieht Rudolf Glauer/v. Sebottendorff in der Pension Central (Prielmayerstraße 10) Quartier. Hier arbeitet er an seinem Buchmanuskript mit dem Arbeitstitel "Von Thule bis Hitler". Unterstützung erfährt er in den darauffolgenden Monaten besonders durch die Korrekturen von Professor Stempfle. (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/2235, S.12 v. Juni 1933)
Georg Grassinger, der in Aussicht genommene völkische Verleger und ehemalige Thule-Vertraute Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs des Jahres 1919, äußert sich in seinem Rückblick auf das Jahr 1933:
"Der eigentliche Verfasser des Buches ist nach Meinung von Herrn Grassinger der Jesuitenpater Professor Stempfle, der Herausgeber des 'Miesbacher Anzeiger' von 1922-25, der auch als 'Konlektor' das Manuskript von Hitlers 'Mein Kampf' habe lesen müssen (Er habe Grassinger gegenüber geäußert, 'einen unverzeihlicheren und größeren Mist' habe er noch nicht gelesen)." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: ZS-50-4 ff., Protokoll von Georg Franz zu einem Gespräch mit Hans Georg Grassinger v. 19.12.1951)
10. Juni 1933
Zu den ersten Aktivitäten Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs wird berichtet:
"Er hatte, wie er vor Gericht auch eingestehen mußte, am 10.6.1933 im Nebenzimmer einer Münchner Gaststätte Mitgliedern der Thule-Gesellschaft eine von ihm erfundene Geschichte erzählt, wonach er durch Vermittlung des Edgar Kraus Gelegenheit gehabt habe, das Konzentrationslager Dachau zu besuchen. Dabei sei er in die Zelle des verrückt geschlagenen Juden Selow gekommen, der beim bloßen Öffnen der Zellentüre sein Gesäß entblößt hätte, um die üblichen Prügel in Empfang zu nehmen." (Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.65 - 1994)
19. Juli 1933
Laut Verfügung des Register-Gerichtes vom 19. Juli 1933 wird die Thule-Gesellschaft von amtswegen gelöscht.
25. Juli 1933
"Zunächst übernahm es unser Gründungsmitglied, Justizrat Gaubatz, dem Gerichte nachzuweisen, dass wir die wirklichen Thulemitglieder seien, weil Herr Sesselmann versuchte, uns den Titel vorzuenthalten." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.59 - Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 1939)
"Unter Vorsitz des vom Gericht bestellten Sachwalters, Justizrats Dr. Georg Gaubatz, fand eine Generalversammlung statt, in der Sebottendorff wieder zum Führer und Ingenieur Riemann zum stellvertretenden Führer bestimmt wurde. Weiter wurde beschlossen, durch Änderung der Satzungen das Führerprinzip wieder herzustellen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.199 - 1933)
"(-Der seit dem 24. Mai 1924 als Vorsitzender fungierende Marcus-) Sesselmann und (-der als Stellvertreter benannte Finanzbeamte Franz-) Wagner gelöscht. Neubestellter Vorsitzender Justizrat Dr. Georg Gaubatz." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.148, Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 15.6.1939)
15. August 1933 - Berchtesgaden
Als Gründer der zu Beginn der Weimarer Republik noch einflussreichen Thule-Gesellschaft hat Rudolf Glauer/v. Sebottendorff gewisse Erwartungshaltungen, als er nach der nationalsozialistischen Machtübernahme seines ehemals protegierten Schülers Adolf Hitler im Jahre 1933 erneut deutschen Boden betritt. Er geht von der irrigen Annahme aus, Adolf Hitler würde die neu erworbene Macht anerkennend mit seiner alten Geheimbund-Förderstruktur teilen. Noch im August 1933 scheint Rudolf Glauer/v. Sebottendorff guter Dinge zu sein, was die Reaktivierung der ehemals einflußreichen Thule-Gesellschaft anbelangt. In einem Brief an Hugo Vollrath vom Theosophischen Verlagshaus notiert er:
"Ich bin hier in Berchtesgaden seit einigen Tagen und habe das Buch: (-Die Praxis der alten-) Türkische(-n-) Freimaurerei (-Sebottendorff/Theosophisches Verlagshaus v. 1924-) dem Führer übergeben, morgen oder übermorgen werde ich ihm die Geschichte der Astrologie (-Bd.1: Urzeit und Altertum v. 1923-) übereignen." (GStArchiv PK, I.HA Rep.238, Theosophische Gesellschaft, Karton 57: Brief von Sebottendorff an das Teosophische Verlagshaus/Hugo Vollrath v. 15.8.1933 in Lechler: "Sterne, Menschen, Politik: Die astrologische Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts", S.XI - 2024)
Der angedeutete Kontakt des geheimbündlerischen Lehrmeisters zum ehemaligen Thule-Mitglied Adolf Hitler findet offenbar nicht, wie ursprünglich geplant, statt; der Autounfall eines Berchtesgadener Gastes unter Beteiligung von Adolf Hitlers Adjutanten Wilhelm Brückner bringt den Zeitplan des Reichskanzlers in Bedrängnis:
"Am 15. August 1933 - nun schon häufig in der Begleitung Hilters - war Brandt dabei, als ein Wagen von Hitlers Autokolonne auf der Fahrt nach Reit im Winkl in Oberbayern verunglückte. Hitlers Adjudant, der baumlange Wilhelm Brückner, erlitt einen Schädel- und einen Beinbruch. Brandt leistete erste Hilfe, begleitete ihn zum Krankenhaus Traunstein und opperierte ihn. Dieser Vorfall muß wohl Hitler dazu bewogen haben, auf Reisen eine ständige ärztliche Begleitung in Erwägung zu ziehen." (Irving: "Die geheimen Tagebücher des Dr. Morell", S.32/33 - 1983)
18. August 1933
"Justizrat Dr. (-Georg-) Gaubatz (-als Vorsitzender-) gelöscht, neubestellt als Vorsitzender Baron Rudolf von Sebottendorf, Ingeniör, stellvertretender V.(-orsitzender-) Hans Riemann, Ingeniör." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.148/150, Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 15.6.1939)
In wichtigen Angelegenheiten für Rudolf Glauer/v. Sebottendorff zur Stelle: Mitglied des Germanen-Ordens Justizrat Dr. Georg Gaubatz - 1932 ()
9. September 1933 - Stiftungsfest im Hotel 'Vier Jahreszeiten'
Der Wiedereinstig Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs in das bayerische Gesellschaftsleben verläuft anfänglich nach Plan:
"Jetzt ist die Thule-Gesellschaft wieder entstanden. Rudolf v. Sebottendorff, der nach dem Morde (-der Thule-Mitglieder am 30. April 1919 während der Münchener Räterepublik-) sehr bald Deutschland verlassen mußte und (-ab März 1923-) wieder in die Türkei zurückging, ist jetzt (-ab März 1933-) wieder nach Deutschland (-und ab Anfang April 1933 nach München-) zurückgekehrt. Er schreibt: 'Durch Entgegenkommen der Brüder Walterspiel, der Besitzer des Hotels 'Vier Jahreszeiten', wurden Sebottendorff für die Thule die alten historischen Räume wieder zugeteilt und so konnte am 9. September 1933 das 15jährige Stiftungsfest gefeiert werden.'" (Buchbesprechung aus Ludendorffs Halbmonatsschrift: "Am Heiligen Quell Deutscher Kraft" - Juni 1934 + Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.199 - 1933)

Nach Hitlers Machtübernahme: Einladung zum Stiftungsfest der Thule-Gesellschaft – 1933 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/865, S.7 v. 9.9.1939)
Weiter heißt es zum Jubiläumsanlass:
"Die übliche Prominenz und Münchens Oberbürgermeister waren anwesend. Ein (-Thule-)Bruder der ersten Garnitur, der ehemalige Pater und nunmehrige Professor des Rhese-Instituts für nationalsozialistische Geschichtsforschung, Dr. Bernhard Stempfle - Beichtvater und Intimus von Hitler aus allererster Kampfzeit und Berater beim Abfassen von 'Mein Kampf' -, ließ Thor und Wotan zu Holze reiten und die Wala singen. Brachte aber auch 'humorvolle Ausführungen aus Belegen der Vergangenheit von Thule' und verlas einen Brief des Thulegründers vom Jahre 1920 an einen Schulrat (-Wilhelm-) Rohmeder, worin der Freiherr mitteilte, daß er erst dann wieder nach München kommen werde, wenn in Deutschland die Hakenkreuzbanner von den Türmen wehten." (Rittlinger: "Geheimdienst mit beschränkter Haftung", S.331 - 1973 + Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.199 - 1933)
"Professor Stempfle vom Rehse-Institut brachte (-am 9. September 1933-) humorvolle Ausführungen, verlas unter anderem einen Brief Sebottendorffs vom Jahre 1920 an Schulrat (-Wilhelm-) Rohmeder, worin Sebottendorff mitteilte, dass er erst dann wieder nach München komme, wenn die Hakenkreuzfahnen in Deutschland den Sieg der Bewegung künden werden." (Buchbesprechung aus Ludendorffs Halbmonatsschrift: "Am Heiligen Quell Deutscher Kraft" - Juni 1934 + Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.119 - 1933)
Im Rahmen der Reaktivierung der Thule-Gesellschaft, möglicherweise sogar im Zusammenhang des Stiftungsfestes, erhalten die ehemaligen Freikorpsmitglieder des Freikorps Oberland ein Erinnerungsabzeichen verliehen, doch trifft auch diese Maßnahme auf wenig Verständnis der herrschenden Nationalsozialisten:
"Trotz dem Bezug zur nationalsozialistischen Bewegung und dem angesehenen Freikorps Oberland wurde das Abzeichen bereits 1934 dem Trageverbot unterzogen und 1935 endgültig verboten. Das betraf die Herstellung, den Handel und das Tragen. Die drei Runen auf der Mitte des Kreuzes waren auch das Zeichen des Germanen-Ordens in Bayern.(...) Mittig auf dem Kreuz 3 Runenzeichen aus dem nordischen Runenalphabet. Diese bedeuten - ererbter Besitz - Fruchtbarkeit - bewegliches Vermögen -." (ehrenzeichen-orden.de)

Linksdrehendes Hakenkreuz vor gekreuzten Schwertern: Erinnerngsabzeichen des Freikorps Oberland an die Einnahme Münchens - ca. 1933
13. September 1933
In einem Rundschreiben der Nachrichtensammelstelle des Reichsinnenministeriums wird vor Rudolf Glauer/v. Sebottendorff als politischem Hochstapler gewarnt. (Bay HStA, Abt.IV/Kriegsarchiv, Bd.33 A 2 7632b + Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.65 - 1994)
15. September 1933
Kurz nach der Feierlichkeit zum 15-jährigen Bestehen der Thule-Gesellschaft legt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff nach: Für den Jahreswechsel 1933/34 beabsichtigt er zusammen mit Georg Grassinger die Veröffentlichung eines Buches über die Entstehung und Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung. Der Arbeitstitel lautet: Von Thule bis Hitler. Hierzu intensiviert sich der Kontakt zu dem Jesuitenpater Bernhard Stemple, der 1924 schon für Adolf Hitlers Mein Kampf Korrektur gelesen hatte:

Vorarbeiten für das Buchprojekt: "Siegheil Ihr Sebottendorff" - 15. September 1933 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.32 - Sebottendorff an Stempfle v. 15.9.1933)
Oktober 1933
"Als ich im Oktober von einer fünfmonatlichen Forschungsreise zurückkehrte, fand ich die Gesellschaft in erfreulicher alter Einmütigkeit beisammen und besuchte als Mitglied regelmäßig die durchaus ungetrübt verlaufenden Abende." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.20, Bl.1 - Franz Dannehl: Thule-Bericht v. November 1933)
31. Oktober 1933
"Am 31. Oktober 1933, am Vorabend vor Allerheiligsten, veranstaltete die Thule Gesellschaft eine (-gut besuchte-) Toten-Gedächtnisfeier (-im Cherubin-Saal-). Die weihevollen Klänge des 'Treueschwur' von Kistler, die das Orchester der Beamtenabteilung der N.S.D.A.P. unter Leitung von Georg Festner zu Gehör brachte, leitete die Feier ein. Sebottendorff hielt die Toten-Gedächtnisrede. Hofschauspieler Max Bayrhammer trug eine vaterländische Dichtung (-Rezitation mit Theo Reiter-): 'In einer Winternacht' von D. Lilieneron vor. Zum Abschluß sprach Thulebruder Dr. Heinz Kurz in einem Vortrag über 'Lob des Todes'. An diesem Tage erschien erstmals wieder ein Organ der Thule Gesellschaft: der 'Thule-Bote' (-Deukula-Verlag/Georg Grassinger-)." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.199/200 - 1933)
1. November 1933
"Am Allerheiligsten legten Thulebrüder an den Gräbern ihrer Toten zum ehrenden Gedächtnis Kränze nieder. Die Aufgabe der Erneuerung der Thule Gesellschaft ist erreicht: an jedem Samstagabend versammeln sich die Thuleleute nun wieder an der historischen Stätte ihres Wirkens, in den 'Vier Jahreszeiten'." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.200 - 1933)
"Es gelang, durch das liebenswürdige Entgegenkommen der Herren Walterspiel, die Räume im altvertrauten Hause des Hotels 'Vier Jahreszeiten' wieder zu erhalten. Gesellige Zusammenkünfte wurden auch geladenen Gästen zugänglich, in engerem Rahmen häufig veranstaltet. Es sprachen unter anderem: Sebottendorff über 'Entstehung der Astrologie' und 'Die moderne Türkei', Bartel Bauer über 'Entstehung des Hakenkreuzes', Crämer über 'Erlebnisse im Gran Chaco', Dr. Kurz über 'Thule und Außenpolitik', Dannehl über 'Die Urwälder der Madonie', Dr. M. Römer über 'Die Edda als Grundlage der neuen Weltanschauung', Herr Blab über 'Wie diene ich der deutschen Sprache'. Um die musikalische Ausgestaltung der Abende machten sich besonders verdient: Frau Degischer, Frau Riemann-Bucherer mit ihren Schülern, Kammermusiker Zimmermann, Frl. Grähl, Frau Nini Diehl." (BArch Berlin: NS26 / 865a: Thule-Bote, Nr.1, S.4 v. 15.1.1934)
Die Aktivitäten Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs werden jedoch kritisch beobachtet. Die Bayerische Politische Polizei vermerkt rückblickend:
"Nach der nationalen Erhebung wurde die (-Thule-)Vereinigung von dem politischen Hochstapler Adam Rudolf von Sebottendorf, geb. 9.11.75 in Hoyerswerda, wieder gesammelt und für eigensüchtige Zwecke dienstbar gemacht." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 58/6177, S.7 - Stellungnahme der Bayerischen Politischen Polizei an das Geheime Staatspolizeiamt Berlin v. 1.8.1935)
6. November 1933
Franz Dannehl berichtet:
"Etwa Anfang dieses Monats (-November 1933-) wurden allerhand Beschuldigungen gegen den Führer S.(-ebottendorff-) - erst mehr oder weniger versteckt - verbreitet. Am 6 November (-1933-) teilte mir S.(-ebottendorff-) mit, er habe sein Amt niedergelegt und beauftragte mich ganz überraschend in Gegenwart eines anderen Mitgliedes der Gesellschaft auf Grund des Führerprinzips mit seiner Nachfolge. Bei meinem sofortigen Besuch im Geschäftszimmer der TH (-ule-Gesellschaft im Hotel Vier Jahreszeiten-) erfuhr ich von Herrn Ott (...), dass schwere Anschuldigungen gegen Seb.(-ottendorff-) erforderten, sofort eine Generalversammlung einzuberufen, dort die einzelnen Verfehlungen, für die keinerlei greifbare Beweise vorgelegt wurden, zu erörtern." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.20/22, Bl.1/2 - Franz Dannehl: Thule-Bericht v. November 1933)
9. November 1933
Rudolf Glauer/v. Sebottendorff steht erneut innerhalb der Thule-Gesellschaft in der Kritik, doch sein Buchprojekt treibt er weiter voran. Anfang November 1933 steht dieses Projekt kurz vor der Veröffentlichung. Am Ende seiner hierfür geplanten Buchwidmung vom symbolbehafteten 9. November 1933, der zugleich sein 58. Geburtstag ist, vermerkt er hierbei selbstbewusst:
"Die Rüstung des kommenden Führers bestand außer der Thule selber, aus dem in der Thule-Gesellschaft von dem Bruder Karl Harrer gegründeten Deutschen Arbeiterverein und der von Hans Georg Grassinger geleiteten Deutsch-Sozialistischen Partei, deren Organ der Münchener, später der Völkische Beobachter war. Aus diesen drei Quellen schuf Hitler die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Wir grüßen unseren Führer Adolf Hitler mit Sieg-Heil!" (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.8 - 1933)
10. November 1933
"Es gelang mir mit meinen Freunden durchzusetzen, das zunächst ein Rat der Aeltesten mit der Klärung der Angelegenheit betraut werden sollte, der, aus 16 Herren bestehend, am 10. November (-1933, ein Tag nach dessen 58. Geburtstag,-) zusammentrat. Zu dem Ankläger Ott gesellte sich neben Herrn Büchold Herr Polizeihauptmann (-Edgar-) Kraus, der bereits in den letzten Tagen eine ebenso eigenartige wie emsige Propaganda für sich selbst entfaltete, unter unverhüllten Drohungen, dass die Politische Polizei schwere Bedenken gegen die Thule-Gesellschaft habe und allerhand Gefahren bestünden. Die Mitglieder waren jedenfalls der Meinung geworden, dass Hauptmann K.(-raus-) selbst als Beauftragter der Politischen Polizei unter ihnen sei. Nachdem eine grosse Reihe teils sehr schwerer, indessen unbelegter, wie auch zahlreicher sofort als unsinnig erwiesener Beschuldigungen gegen Seb.(-ottendorff-) durchgesprochen waren und die Ankläger erklärt hatten, dass sie keinerlei weitere(-n-) Vorwürfe zu machen in der Lage wären, beschloß der Aeltestenrat der 16 einstimmig: Seb.(-ottendorff-) ist aufzufordern, sein Amt niederzulegen und seinen Austritt zu erklären, Ehrenrührige Beschuldigungen werden nicht erhoben. Als Führer der TH.(-ule-) wird (-Franz-) Dannehl bestimmt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.22/24, Bl.2/3 - Franz Dannehl: Thule-Bericht v. November 1933)
Durch die geplante Buchveröffentlichung misslingt der Wiedereinstieg in die alten Strukturen vollends. Die Spannungen zwischen Rudolf Glauer/v. Sebottendorff und Adolf Hitler nehmen zu Beginn des Jahres 1934 zu, befeuert durch die im Dezember 1933 auslieferungsbereite Erstauflage von "Bevor Hitler kam – Urkundliches aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung":
"Wie sollte das gut gehen! Die erste Auflage des schlecht geschriebenen Buches mit d e m Titel der Zeit war (-ab dem Dezember 1933-) schnell vergriffen (...)." (Rittlinger: "Geheimdienst mit beschränkter Haftung", S333 - 1973)
"Die erste Auflage des Buches mit dreitausend Stück war so rasch (-zum Beginn des Jahres 1934-) vergriffen, dass im gleichen Jahre noch eine zweite mit fünftausend Exemplaren gedruckt wurde." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: ZS-50-2, Protokoll von Georg Franz zu einem Gespräch mit Hans Georg Grassinger v. 19.12.1951)
Werbeanzeige des Deukula-Verlages von Georg Grassinger – 1933 (s.a. invenio.bundesarchiv.de: NS26/2234, S.8)
Verlegt wird das Buch von Georg Grassinger, der Rudolf Glauer/v. Sebottendorff schon 1918 im Rahmen des groß angelegten völkischen Planes politisch unterstützt:
"(-Georg-) Grassinger gehörte zu den Gründern der Deutsch-sozialistischen Partei in München; er war ihr Vorsitzender. Die Gründergruppe setzte sich wie folgt zusammen:
Grassinger, H. Gg. (Kampfbund der Thule)
Sesselmann, Max. (Thule-Mitglied, Schriftleiter im Beobachter)
Wieser, Fritz (Thule-Mitglied, Schriftleiter im Beobachter)
Müller, Hans Gg. (Thule-Mitglied)
Laforce, Wilhelm (Thule-Mitglied, Leiter der Anzeigen-Abteilung des Beobachters)
Strasser, Gregor
Streicher, Julius
Brunner, Alfred." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: ZS-50-1 ff., Protokoll von Georg Franz zu einem Gespräch mit Hans Georg Grassinger v. 19.12.1951)

Rechte Hand von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, Mitglied im Kampfbund der Thule und Münchener Buchverleger: Hans Georg Grassinger - 1930 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.181 – 1933)
Doch selbst Ernst Niekisch, führender Augsburger Räterevolutionär des Jahres 1919, bestätigt später in seinen Erinnerungen:
"Das Ei, aus welchem die nationolalsozialistische Bewegung wie ihr Programm kroch, wurde in München gelegt; das Dritte Reich wurde, wenn man bis auf den Ursprung zurückgeht, aus der Thule-Gesellschaft ausgebrütet." (Niekisch: "Das Reich der niederen Dämonen", S.34 - 1953 + Rittlinger: "Geheimdienst mit beschränkter Haftung", S.319 - 1973)
21. November 1933 - Verhaftung Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs
Zur Verwunderung der Thule-Mitglieder wird Rudolf Glauer/v. Sebottendorff durch die Münchener Gestapo verhaftet. Dieser schreibt rückblickend an seinen Verlagskollegen:
"Sie hatten mir eine Karte etwa folgenden Inhalts geschrieben: 'Ich lege Ihnen einige Prospekte bei und vielleicht finden Sie Seelen, die für eschatologische Dinge Verständnis haben. Die Stillen sammeln sich im Lande und ich hoffe, dass Sie einen Fischzug tun werden.'
Diese Karte, an meine Anschrift 'Thulegesellschaft' gerichtet, war die erste Grundlage der gegen mich erhobenen Beschuldigungen, dann kam der Verrat zweier Thuleleute (-Bücherrevisor Johann Ott? und Anzeige des Polizeihptm. der Grünen Landespolizei Edgar Kraus v. 24. November 1933-) hinzu und so griff man zu. Ich wurde früh um 6 Uhr aus dem Bett geholt und im Polizeigefängnis verwahrt." (GStArchiv PK, I.HA Rep.238, Theosophische Gesellschaft, Karton 29: Brief von Sebottendorff an das Teosophische Verlagshaus/Hugo Vollrath v. 28.2.1934 in Lechler: "Sterne, Menschen, Politik: Die astrologische Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts", S.XI - 20244)
"Vom 21.11.33 bis 24.2.34 war Sebottendorf in Schutzhaft im K(-onzentrations-)L.(-ager-) Dachau und ging anschließend nach Österreich." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 58/6177, S.7 - Stellungnahme der Bayerischen Politischen Polizei an das Geheime Staatspolizeiamt Berlin v. 1.8.1935)
"V. Sebottendorf, der, wie sich später herausstellte, in Wirklichkeit Glauer hiess, befand sich im Winter 1933/34 wegen 'Verbreitens von Greuelmärchen' 3 Monate in Schutzhaft u. wurde anschließend (-am 10. Februar 1934 vom Sondergericht in München-) zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt (-Als Glauers/Sebottendorffs Wahlverteidiger fungiert GO-Mitglied und Thule-Mitbegründer Dr. Georg Gaubatz-). Anlässlich einer Strafunterbrechung verliess Gl.(-auer-) Deutschland." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R58/6177, S.19 - Bericht der Bayer. Polit. Polizei v. 18.6.1936)

Polizeiaufnahmen aus München: Häftling Rudolf Glauer/v. Sebottendorff - 21. November 1933 (Liechtensteinisches Amt für Kultur / Vaduz, Sign.: Landesarchiv B-91, Polizeifotos aus München / o.Ang - 21.11.1933)
Am Tage der Verhaftung ist auch die Generalversammlung der Thule-Gesellschaft angesetzt, auf der der designierte Nachfolger Franz Dannehl sich zur Wahl stellt. Der Verlauf der Ereignisse gleicht einer umfassenden Intrige:
"Unterdessen hatte nach seinen eigenen Angaben Herr Hauptmann (-Edgar-) Kraus die Inhaftnahme des früheren Thuleführers, Baron von Sebottendorff, veranlasst, und zwar am Tage der Wahl (-, dem 21. November 1933-), sodass auch dieser Umstand nach dem sonstigen Vorgefallenen leider als 'Wahlmanöver' wirkte.(...) Ich selbst habe selbstverständlich sofort nach der Verhaftung Sebottendorffs zwecks Klärung der Frage, ob die TH.(-ule-Gesellschaft-) irgendwie mit den Anklagen gegen Seb.(-ottendorff-) in Verbindung gebracht werde, Besuch bei der Politischen Polizei gemacht und die Zusicherung erhalten, dass die Vorgänge und die Beschuldigungen gegen S.(-ebottendorff-) nicht das Geringste mit der TH.(-ule-Gesellschaft-) zu tun hätte(-n-)." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.26/28, Bl.4/5 - Franz Dannehl: Thule-Bericht v. November 1933)
"Die (-wieder nach dem Führerprinzip organisierte-) Generalversammlung vom 21. November 1933 wählte Bruder Franz Dannehl zum Führer, er bestellte Dr. Kurz zum Stellvertreter, Büchold zum Schriftführer und Kassenwart, (-Hans-Georg-) Grassinger zum Werbeleiter und berief Dr. Gaubatz, Griehl und Gathmann in den Altestenrat." (BArch Berlin: NS26 / 865a: Thule-Bote, Nr.1, S.4 v. 15.1.1934)
24. November 1933
Bereits drei Tage nach seiner Verhaftung wird Rudolf Glauer/v. Sebottendorff als Vorsitzender der Münchener Thule-Gesellschaft aus dem Vereinsregister gelöscht und durch den neubestellten Vorsitzenden, den Münchener Tondichter Franz Dannehl, ersetzt. In der Buchveröffentlichung wird hierzu noch verharmlosend vermerkt:
"Damit hielt Sebottendorff die Zeit für gekommen, die Führung der Thule Gesellschaft in Bruder (-Franz-) Dannehls Hände zu legen. Der Führer (-Franz Dannehl-) bestimmte Dr. Heinz Kurz zum stellvertretenden Führer; Hans Georg Grassinger zum Propagandaleiter." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.200 - 1933)
"Im Spätherbst schied Baron Sebottendorff aus der Thule aus. " (BArch Berlin: NS26 / 865a: Thule-Bote, Nr.1, S.4 v. 15.1.1934)
Hauptmann Edgar Kraus, ehemaliges Mitglied der Oberland-Zentrale des Jahres 1919 und mittlerweile Hauptmann der Grünen Polizei, stellt drei Tage nach dessen Verhaftung eine Anzeige gegen Rudolf Glauer/v. Sebottendorff aufgrund der Verbreitung von Greuelmärchen:
"Er hatte, wie er vor Gericht auch eingestehen mußte, am 10.6.1933 im Nebenzimmer einer Münchner Gaststätte Mitgliedern der Thule-Gesellschaft eine von ihm erfundene Geschichte erzählt, wonach er durch Vermittlung des Edgar Kraus Gelegenheit gehabt habe, das Konzentrationslager Dachau zu besuchen. Dabei sei er in die Zelle des verrückt geschlagenen Juden Selow gekommen, der beim bloßen Öffnen der Zellentüre sein Gesäß entblößt hätte, um die üblichen Prügel in Empfang zu nehmen." (Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.65 - 1994)
13. Januar 1934
Die mit Rudolf Glauer/v. Sebottendorff eng verbundene Käthe Bierbaumer lässt während dessen Inhaftierung nichts unversucht:
"Eingabe einer Käthe Bierbaumer (München) an Heß als ehemaligem Mitglied der Thule-Gesellschaft für den aufgrund einer 'Denunziation' in Schutzhaft genommenen Gründer der Gesellschaft, Rudolf Frhr. v. Sebottendorff. Weiterleitung der Eingabe an die Bayerische Politische Polizei. Nach deren Bericht S.(-ebottendorff-) ein Schwindler und Hochstapler; Übermittlung seines jüngst erschienenen Buches 'Bevor Hitler kam' und mehrere Berichte über S.(-ebottendorff-) an den StdF (-Stellvertreter des Führers-); keine Bedenken des StdF gegen eine Ausweisung S.s. (-Sebottendorffs-)" (Digitalisiert auf Regesten. Teil 1 - Teil 1 - Seite 34: Akten der Partei-Kanzlei, 10299, W/H 124 01751/1-753 (183))

Frl. Käthe Bierbaumer - 1918 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.193 1933)
21. Februar 1934
"Sebottendorff brauchte die drei Monate jedoch nicht abzusitzen. Nachdem er sich schriflich verpflichtet hatte, Deutschland zu verlassen und zur Vermeidung einer erneuten Verhaftung nicht mehr zurückzukehren, wurde die Vollstreckung der Strafe am 21.2.1934 durch eine Verfügung des bayerischen Justizministers Dr. Hans Frank (der im Jahre 1919 Mitglied der Thule gewesen ist) mit sofortiger Wirkung unterbrochen." (Gilbhard: "Die Thule-Gesellschaft", S.66 - 1994)
24. Februar 1934 - Entlassung aus der Schutzhaft
Der verurteilte Häftling Rudolf Glauer/v. Sebottendorff schafft es durch seine Beziehungen, noch vor dem sogenannten Röhm-Putsch vom Juni/Juli 1934 wieder aus der Haft entlassen zu werden und gelangt im Juli 1934 in das Fürstentum Liechtenstein. In einem Brief an Hugo Vollrath vermerkt er:
"Nun werden Sie recht erstaunt sein, von mir einen Brief zu erhalten, nachdem Sie vier Monate nichts von mir gehört haben. Nun, das Rätsel will ich Ihnen lösen. Ich war (-vom 21. November 1933-) in Schutzhaft, vier Monate beinahe. Am vergangenen Samstag (-24. Februar 1934-) wurde ich entlassen, weil der Führer intervenierte, die politische Polizei Bayerns aber nahm mir das Wort ab, sofort Bayern zu verlassen. Man fürchtete, dass ich beim Führer etwas erzählen würde. Wissen Sie, wer die politische Polizei Bayerns leitet? Antroposophen.(...)
Als dann alle die Beschuldigungen zusammenbrachen, versuchte man mich kriminell zu belasten und als auch da nichts zu finden war, musste man mich (-duch eine Verfügung des ehemaligen Thule-Mitgliedes und neuen bayerischen Justizministers Dr. Hans Frank vom 21. Februar 1934-) loslassen. Wäre jedoch der Führer nicht gewesen, so sässe ich heut noch. Mein Buch 'Bevor Hitler kam' ist mittlerweile erschienen, die erste Auflage (-von 3000 Exemplaren zum Jahreswechsel 1933/34-) soll vergriffen sein und ich habe noch nichts (-finanziell-) davon gesehen.(...) Den grössten Teil meiner beschlagnahmten Sachen hat man einbehalten. Man wollte mir auch aus dem Gauklerparagraphen einen Strick drehen, doch da konnte ich den Leuten nachweisen, dass ich nie Horoskope gestellt hatte und wenn ich es tat, nie Geld dafür genommen hatte." (GStArchiv PK, I.HA Rep.238, Theosophische Gesellschaft, Karton 29: Brief von Sebottendorff an das Teosophische Verlagshaus/Hugo Vollrath v. 28.2.1934 in Lechler: "Sterne, Menschen, Politik: Die astrologische Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts", S.XI - 20244)
Rudolf Glauer/v.Sebottendorff hofft nach seiner Entlassung aus bayerischer Schutzhaft und einem kurzen Aufenthalt in Begrenz/Österreich auf eine Aufenthaltsbewilligung in Liechtenstein und beantragt darüber hinaus die Gründung eines Auxillary-Clubs (Hilfs-Vereinigung), doch beide Anliegen werden ihm von der Liechtensteiner Regierung untersagt.
1. März 1934
Nachdem der Buchautor außer Landes ist, steht der Auslieferung der zweiten Auflage nichts mehr im Wege, doch der Staatsapperat schreitet erneut ein:
"(-Georg-) Grassinger gab im Jahre 1934 in zwei Auflagen das Buch 'Bevor Hitler kam' heraus; die zweite Auflage (-in einer Auflage von 5000 Exemplaren-) wurde (-noch in der Druckerei am 1. März 1934-) von der Gestapo fast restlos beschlagnahmt; nur zwölf Exemplare wurden gerettet. Grassinger wurde verhaftet und vernommen wegen des Buches und der Thule-Gesellschaft." (Digitalisiert auf //open.ifz-muenchen.de: ZS-50-1/ZS-50-2 - Protokoll Hans Georg Grassinger v. 19.12.1951)
Zu der erwähnten Beschlagnahmung schreibt die politische Polizei in München:
"Die Verwendung des Namens des Führers für den Titel des Buches dient offensichtlich nur geschäftlichen Zwecken.(…) Die ganze Tendenz des Buches geht überhaupt dahin, in einer den Tatsachen widersprechenden Weise das Hauptverdienst um die nationale Erneuerung Deutschlands der Thule-Gesellschaft zuzuschreiben." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/2234, S.38/39 v. 1.3.1934)
"Davon (-von der zweiten 5000er-Auflage -) wurden vor dem Zugriff der Gestapo nur zwölf Stück gerettet, von denen sechs der (-General a. D. Erich-) Ludendorff-Verlag hatte und sechs Bernhard Stempfle, der der eigentliche Verfasser des Buches ist. Nach Grassingers Überzeugung ging die Aktion auf Veranlassung Hitlers zurück wegen der Tendenz des Buches, das Hauptverdienst an der Entstehung des neuen Deutschlands der Thule-Gesellschaft zuzugestehen." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: ZS-50-2, Gesprächs-Protokoll von Georg Franz mit Hans Georg Grassinger v. 19.12.1951)


Bayerische Politische Polizei: "Beschlagnahme und Einziehung von Druckschriften" - 1. März 1934 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/2234, S.38/39 v. 1.3.1934)
So reist Rudolf Glauer/v. Sebottendorff schließlich, nachdem er sich noch am 17. November 1934 in Insbruck befindet, Anfang Dezember 1934 nach Ankara. Er kehrt nie wieder nach Deutschland zurück.
(Liechtensteinisches Amt für Kultur / Vaduz, Sign.: Landesarchiv RF146/295 - 1934 + GStA PK, I. HA Rep. 238, Theosophische-Gesellschaft, Karton 107, darin Brief v. Sebottendorff an Vollrath v. 17.11.1934)
15. September 1934
Rudolf Glauers/v. Sebottendorffs Verleger, Georg Grassinger, erklärt nach den polizeilichen Maßnahmen gegen die Buchveröffentlichung dem damaligen Vorsitzenden Franz Dannehl enttäuscht seinen Austritt aus der Thule-Gesellschaft. Die Vereinigung verpflichtet sich laut Satzungsänderung vom 15. September 1934, sich zukünftig nur noch "unpolitisch" zu betätigen.
(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/2233, S.46, Thule-Mitglied Georg Grassinger an Franz Dannehl v. 19.3.1934 + R58/6177, S.19, Bericht der Bayer. Polit. Polizei v. 18.6.1936)
Johannes Hering fasst rückblickend zusammen:
"Es kam alles genau so wieder, wie es 1918/25 gewesen war: glänzende Versammlungen, Vorträge in den Räumen der 'Vier Jahreszeiten', dann Krachs, Spaltungen, Abdanken Sebottendorfs und allmähliges Einschlafen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/865, S.59 - Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 1939)
"Bei der Abschrift der amtlichen Eintragungen hat es mich höchst verwundert, dass Sebottendorf sich überhaupt nicht hat eintragen lassen, obgleich er weitaus die Seele der Vereinigung war, weder bei der ersten (-1919-), noch bei der zweiten, der Wiedergründung 1933 (-zuerst Gaubatz, dann kurzzeitig Sebottendorff-), sondern erst geraume Zeit später (5.5.1938?)." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/865, S.150 - Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 1938)
30. Juni 1934 - Der sogenannte Röhm-Putsch
Während sich Rudolf Glauer/v. Sebottendorff bereits im Ausland befindet, trifft der Vernichtungswille der nationalsozialistischen Machthaber während des sogenannten Röhm-Putsches dessen Korrekturleser von 'Bevor Hitler kam' mit voller Härte:
"Ein Opfer dieser Mordsucht ist wohl im Ausland noch nicht namentlich bekannt. Ich will Ihnen deshalb diesen Fall unterbreiten: Am 30. Juni (-1934-) wollte sich Herr Bernhard Stempfle, Schriftleiter des 'Miesbacher Anzeigers', aus beruflichen Gründen mit dem Nachtschnellzug von München, seinem ständigen Wohnort, nach Berlin begeben. Stempfle war Junggeselle (Geistlicher) und wohnte als Untermieter im Stadtviertel Nymphenburg. Am Bahnhof fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, seiner Wirtin am Monatsende den Mietzins zu bezahlen. Da er sehr frühzeitig am Bahnhof gewesen war, nahm er eine Autodroschke und fuhr nochmals heim. Vor seinem Hause stand bereits ein anderes Auto, in dem (-ein-) Herr saß. Im Stiegenhaus wurde er von zwei Männern angehalten, nach seinem Namen gefragt, alsdann als festgenommen erklärt und in das Auto gebracht. Während der rasenden Fahrt, die ins Dachauer Moor führte, wurde Stempfle erschossen. Seine Leiche wurde am anderen Nachmittag unweit der Leiche von (-Gustav v.-) Kahr aufgefunden." (Digitalisiert auf collections.fes.de: Deutsche Freiheit, Nr.200, S.2 - "Noch ein ermordeter Katholikenführer" v. 30.8.1934)
"Pater 'Professor' Stempfle verendete am 30. Juli (-Juni-) 1934 anläßlich des Röhm-Putsches - oder vielmehr: des Hitler-Putsches gegen Röhm - mit drei Herzschüssen uns gebrochener Wirbelsäule. Er war ein zu intimer Mitwisser privater Hitler-Geheimnisse gewesen." (Rittlinger: "Geheimdienst mit beschränkter Haftung", S.333 - 1973)
"Opfer dieser Mordsucht": Pater Bernhard Stempfle - 1928 (Wikimedia Commons - Datei: Stempfle.JPG / Winkler, H. v. 1928)
Mai 1935
Im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel erscheint eine Liste von verbotenen Druckschriften:
"Auf Grund der Verordnung vom 28. Februar 1933 wurde die Verbreitung der nachstehend genannten ausländischen Druckschriften im Inland bis auf weiteres verboten:(...) Auf Grund des § 7 der Verordnung vom 4. Februar wurden für Preußen beschlagnahmt und eingezogen:(...) Sebottendorf, Rudolf von: 'Bevor Hitler kam' (...)." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Nr., S.25 v. 28.5.1935)
September 1936
Die Vertraute Rudolf Glauers/v.Sebottendorffs, die aus Österreich stammende Katharina/Käthe Bierbaumer, sorgt als ehemalige Inhaberin des Völkischen Beobachters für Schlagzeilen:
"Wie die Schweizer Depeschenagentur meldet, ist beim Berner Kantonsgericht von der Gründerin des NSDAP-Verlages Franz Eher Nachf. G.m.b.H. in München, Käthe Bierbaumer, einer gebürtigen Österreicherin, eine Klage gegen den Münchener Verlag angestrengt worden. Die Klage geht auf Entschädigung bis zu einer Höhe von 100 Millionen Franken. Sie stützt sich darauf, daß der Gründerin des Franz-Eher-Verlages im Jahre 1920, als sie Deutschland verließ, ihre Anteile an dem Verlag widerrechtlich entzogen worden seien und daß sie seither weder die Zinsen, noch sonstige Entschädigungen erhalten habe. Die gesamten Anteile des Franz-Eher-Verlages sollen sich heute in den Händen des Reichskanzlers Hitler befinden. Die Klägerin macht geltend, daß mit Rücksicht auf die großen Erträge des Verlages schon allein aus Hitlers Buch 'Mein Kampf' ihr als Gründerin und Besitzerin der Mehrheit der seinerzeitigen Anteile ganz bedeutende Summen entzogen worden seien. Der Klägerin war seinerzeit eine Abfindungssumme (-in Höher von 10.000 Mark-) angeboten worden, die aber als viel zu klein abgelehnt wurde." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Freie Stimmen, Nr.211, S.12 - "Eine Klage gegen Hitler in der Schweiz" v. 13.9.1936)
Weiter heißt es in einem Bericht aus der Schweiz:
"Gegenüber dem Franz Eher-Verlag, der seinen Sitz in München hat, konnte in Bern ein Arrest erwirkt werden, da dieser Verlag hier ein Postscheckkonto besitzt, auf welchem die Beträge für den Verkauf von Büchern und Zeitungen in der Schweiz eingehen. Bei der Klage, die nun beim Obergericht eingereicht worden ist, handelt es sich um eine sog. Arrestprosequierumsklage. Das Rechtsbegehren lautet auf einen Betrag von über 8000 Franken.(...) Die Klägerin wird vertreten durch Fürsprech Dr. Lisschitz, der beklagte Verlag durch Fürsprech Dr. Trüffel." (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Der Bund, Nr.419, S.3 - "Der Nationalsozialistische Millionenhandel in Bern" v. 8.9.1936)
Oktober 1936 - Schloss Chartreuse/Schweiz
Die von Käthe Bierbaumer angestrengte Klage gegen den NSDAP-Verlag kostet Geld, doch Lebenspartner Rudolf Glauer/v. Sebottendorff ist um lukrative Ideen nicht verlegen. Seine Spur verläuft zum Herbst des Jahres 1936 über das Schweizer Schloss Chartreuse:
"Im gleichen Jahr tauchte Herr Rudolf Freiherr von Sebottendorf, angeblich ein 'Baron', mit deutschem und türkischem Bürgerrecht auf, welcher im Schloss Chartreuse ein Ingenieur- und Architekturbüro für arbeitslose Ingenieure und Architekten einrichten und Pläne und Projekte in der Türkei ausführen lassen wollte. Als engster Mitarbeiter des Herrn 'Baron' von Sebottendorf stellte sich Herr Ingenieur Hans Büchler (-Schöntalgasse 27/Mechanische Werkstätte-), Zürich, vor. Am 29. Oktober 1936 fragte mich Herr Fassbänder telefonisch bei der Kantonalbank Thun an, wann mich Herr von Sebottendorf sprechen könnte, worauf ich in der Buchhaltungsabteilung in Anwesenheit von zwölf Kollegen stolz antwortete: 'Ich erwarte Herrn Baron von Sebottendorf abends um 7 Uhr im Hotel Falken in Thun.' Dort vereinbarten wir eine weitere Besprechung am 1. November (-1936-) im Bibliothekzimmer der Chartreuse, wo er mir eine große Karte der Türkei mit den angeblichen Projekten zeigte. Zweck der Unterredung war eigentlich ein Kreditgesuch für die Finanzierung der Büroeinrichtung im Schloss Chartreuse im Betrag von 9000 bis 10 000 Franken. Als Pfandgeber nannte er mir einen Geschäftsfreund in Bern. Dieser Pfandgeber rief mich am folgenden Tag an und erklärte mir, dass er bereit sei, ein Sparheft von zirka 10 000 Franken auf die Kantonalbank von Bern als Sicherheit zu übermachen und fragte mich, was ich von der ganzen Sache halte. Ich antwortete, nach meiner Ansicht sei es sicher ein Schwindel. Bevor der Pfandgeber das Sparheft nach Thun spedierte, hob er noch schnell FR. 5000,- ab, so dass er schlussendlich um die Hälfte weniger zu Schaden kam. Nachdem die beiden Herren Büchler und Sebottendorf den Kredit ausgeschöpft hatten, verschwanden sie auf Nimmerwiedersehen." (Digitalisiert auf e-newspaperarchives.ch: Thuner Tageblatt, Nr.49, S.17 - "Als es mit dem Schloss Chartreuse zu Ende ging" v. 28.2.1975)

Große Pläne im repräsentativen Umfeld: Schloss Chartreuse - 1906 (Postkarte im Privatbesitz / Zürich)
1939
Abschließend heißt es in Johannes Herings Thule-Erinnerungen:
"Heute (-1939-) kommen wir zu der Hauptversammlung, der Geiselmordfeier und sonst dann und wann zusammen, sind nicht ganz zwanzig Mitglieder, von denen die meisten der Meinung sind, die Thulegesellschaft habe damals ihre hohe Aufgabe erfüllt und sei höchstens noch dazu da, die Erinnerung an die Märtyrer wach zu halten." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/865, S.59 - Johannes Herings Schriftwechsel mit dem NSDAP-Hauptarchiv zur Thule-Gesellschaft - 1939)
1940
Im Fühjahr 1940 gerät Rudolf Glauer/v. Sebottendorff auf eine geheime Liste:
"Die Sonderfahndungsliste G.B. (Sonderfahndungsliste Großbritannien) war ein im Frühjahr 1940 im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zusammengestelltes Verzeichnis mit den Namen und Personalien von 2820 Personen, die im Falle einer erfolgreichen Invasion der britischen Inseln durch die deutsche Wehrmacht von dicht auf die Invasionstruppen folgenden Sonderkommandos der SS systematisch aufgespürt und verhaftet werden sollten. Angelegt wurde die Liste im Zusammenhang mit der im Frühjahr von der deutschen Militärführung in Erwägung gezogenen Invasion der britischen Inseln durch die Wehrmacht (siehe Unternehmen Seelöwe).(...)
S 37: Baron Sebottendorf [= Rudolf von Sebottendorf]: Generalvertreter; vermuteter Aufenthaltsort: London, Fa. Guild Hall Civil Contractes; gesucht von Referat IVE3 und Stapoleitstelle Stuttgart" (Wikipedia)
Im Winter 1940 versucht Gottfried Grandel noch einmal, von seinem Wohnsitz in Freiburg aus mit Rudolf Glauer/v. Sebottendorff in Verbindung zu treten. Anlass ist seine finanzielle Situation; er befindet sich kurz vor seiner dritten Scheidung. In einem Brief an Georg Grassinger schreibt Gottfried Grandel:
"Auf meine Anfrage haben Sie mir unterm 19. ds. mitgeteilt, dass Ihnen die Adresse des Herrn Rudolf von Sebottendorff, des Verfassers des in ihrem Verlage erschienenen Buches 'Bevor Hitler kam', nicht bekannt sei. Da mir bekannt ist, dass Herr von Sebottendorff aus bestimmten Gründen gerne inkognito bleiben will, so erlaube ich mir, einen an ihn gerichteten Brief beizulegen mit der höfl. Bitte, denselben weiterleiten zu wollen. Es ist aber möglich, dass Ihnen die Adresse seiner Schwester, Frau Dora Kunze bekannt ist oder die von Frl. () -Käthe-) Bierbaumer. Diese beiden Damen waren Mitbesitzerinnen des 'Völkischen Beobachters', ehe derselbe an die NSDAP überging. Ich übernahm damals zusammen mit Herrn Dietrich Eckart die Bürgschaft für die Zahlung des Kaufpreises und ich wurde von Herrn Sebottendorff, Frl. Bierbaumer (-Freundin von Seb.-) und Frau Kunze (-Schwester von Seb.-) bald danach dafür in voller Höhe in Anspruch genommen und habe die ansehnlichen Beträge an diese drei Personen ausbezahlt.(...) Bei früheren Haussuchungen sind mir durch die Kriminalpolizei die diesbezüglichen Unterlagen und Urkunden weggenommen worden und nicht zurückerstattet worden. Sie sind aber jetzt von größter Bedeutung für mich geworden und ich möchte mich dieserhalb an Herrn v. Sebottendorff oder an eine der oben erwähnten Damen wenden zwecks Erlangung einer Bestätigung darüber, dass ich die Summen an sie ausbezahlt habe. Sie werden daher verstehen, dass es für mich sehr wichtig ist, mit einer der drei Personen oder mit allen Dreien in Verbindung zu kommen und ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie mir dazu verhelfen könnten." (Digitalisiert auf ifz.muenchen.de: ZS-0050.pdf, S.8/9 - Dr. Grandel an Georg Grassinger v. 21.11.1940)
Dem Anliegen Gottfried Grandels kann Georg Grassinger nicht entsprechen. Rudolf Glauer/v. Sebottendorff arbeitet in der Türkei für den deutschen, sowie möglicherweise auch gleichzeitig für den englischen Geheimdienst, seine Schwester Dora Kunze verstirbt bereits 1925 und Frl. Käthe Bierbaumer emigriert 1937 nach England:
"Käthe Bierbaumer war unter der Registrierungsnummer 1388 mehrere Jahre lang als Enemy Alien auf der Isle of Man und im Vereinigten Königreich interniert. Nach Aufzeichnungen des Rushen Internment Camps auf der Isle of Man soll Bierbaumer am 16. September 1937 in Großbritannien eingereist sein. Ihre letzte Adresse außerhalb des Vereinigten Königreichs war die Pension Ville Frey in Bern. Sie besaß den österreichischen Pass Nr. 235, der am 14. Januar 1929 in München (sic!) ausgestellt worden war. Mit Urteilsspruch Nr. 2 der Metro Police vom 20. Dezember 1938 wurde ihre Internierung angeordnet. Am 3. Mai 1940 wurde sie vom Secretary of State von einer Internierung bis auf weiteres befreit. Sie scheint aber später dennoch interniert worden zu sein, da ihr am 11. November 1940 erlaubt wurde, das Rushen Camp zu verlassen, um das Gericht in Douglas und das Home Office Advisory Committee aufzusuchen. Am selben Tage wurde notiert, dass sie weiter zu internieren sei. Am 4. Oktober 1941 verließ sie in Begleitung die Isle of Man mit dem Ziel 101 Nightingale Lane, London. Sie scheint auf die Isle of Man zurückgekehrt zu sein, da für den 13. Oktober 1943 verzeichnet ist, dass sie die Insel erneut in Begleitung verlassen hat, nun mit dem Ziel einer 'Repatriierung'. Bierbaumer lebte ab 1944 in Innsbruck (-und starb nach Wikipedia mit 67 am 21. August 1951 in Seefeld-)." (Wikipedia)
Verleger Georg Grassinger schreibt unter dem Eindruck der Röhm-Affaire später über seine damalige Sicht auf die Ereignisse:
"Sebottendorff und (-Pater Bernhard-) Stempfle (-wurden-) nie mehr freigelassen. Wie viele andere wurden sie ermordet.(-hinsichtlich Sebottendorff irrt er-)" (Brief von Georg Grassinger an Ellic Howe v. 22.1.1966 in Howe: "Main outlines of the Sebottendorff and Thule Society Sory", S. - 1968)
Der aus Deutschland geflüchtete Hochstapler Rudolf Glauer hält sich mittlerweile in Istanbul auf. In einem türkischen Artikel über seinen Werdegang heißt es:
"Er begann jedoch in äußerster Vorsicht zu leben und befürchtete, dass Hitler ihn in der Türkei ermorden lassen würde." (mpanews.com: "Wer ist Rudolf von Sebottendorf?")
"Daraufhin reiste er über die Schweiz wieder in die Türkei zurück und fand schließlich im Krieg unter Herbert Rittlinger Arbeit beim deutschen Geheimdienst in Istanbul. Sein damaliger Vorgesetzter nannte ihn einen knausrigen und liebenswerten alten Herrn, dessen Informationen bedauerlicherweise nutzlos waren." (Goodrick-Clarke: "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus", S.134 - 5. Aufl. v. 2014)

"Aus bestimmten Gründen gerne inkognito": Rudolf Glauer alias von Sebottendorff - 1937 (mpanews.com: "Wer ist Rudolf von Sebottendorf?" - "Rudolf von Sebottendorf (Şefik Hüsnü) kimdir?" + Wikimedia Commons - Datei: Rudolf von Sebottendorf in 1914.png / o.A.)
Über den späteren Verbleib des Gründers von Thule- und bayerischem Germanen-Orden gibt es unterschiedliche Darstellungen. Gängig ist die Annahme, Rudolf Glauer/v. Sebottendorff habe Anfang Mai 1945, zum Ende des zweiten Weltkrieges, Selbstmord im türkischen Bosporus bei Istanbul begangen:
"Als die Deutschen (-mit dem Istanbuler Außenstellen-Geheimdienstchef Herbert Rittlinger-) im September 1944 Istanbul verließen, erhielt Sebottendorff bescheidene Mittel, die ihm noch für ein Jahr das Überleben sicherten. Nach dem Krieg erhielt (-der Auslands-Geheimdienstmitarbeiter und Chef des Meldekopfes 'Ilo' Herbert-) Rittlinger die verläßliche Information, daß sich der alte Baron am 9. Mai 1945 in den Bosporus gestürtzt hatte. Da Rittlinger als letzter Kontakt mit Sebottendorff gehabt hatte, darf er das Schlußwort haben: 'Der alte und einsame Baron (-, den Rittlinger 'Hakawaki', den 'Märchenerzähler' nannte,-) war einfach am Ende, kein Geld mehr, von allem abgeschnitten und nicht die geringste Hoffnung, sein Leben auch nur auf die bescheidenste Weise zu fristen. Der Tag der Unterzeichnung des Waffenstillstandes mit der Implizierung der totalen Niederlage muß ihn noch zusätzlich deprimiert haben.' So endete das Leben jenes Abenteurers, der der Nationalsozialistischen Partei die Ariosophie brachte." (Goodrick-Clarke: "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus", S.134/135 - 5. Aufl. v. 2014)
"Von Nachrichten aus dem Schattenreich hielt K. nichts. Immerhin hielt er diese eine für mitteilenswert: 'Sicher werden Sie sich noch', hat er mir (-, Herbert Rittlinger, bald nach der Währungsreform vom Juni 1948-) geschrieben, 'an Ihren Baron erinnern, den Sie wohl für einen Spitzel der Engländer (-Secret Operations Executive, SOE-) oder Türken gehalten haben. Am 9. Mai 1945 - also einen Tag nach der Kapitulation Deutschlands - hat man ihn tot aus dem Bosporus gezogen. Selbstmord.' Leider war das eine zuverlässigere Nachricht, als sie der alte Märchenerzähler jemals selbst hätte liefern können.(...) Beiläufig ist in meinem Bericht wenig. Die Authentizität lenkt den Blick auf ein Panorama, das nicht nur zeittypisch, sondern auch zeitlos ist. Was davon ist zeitgeschichtlich wirklich wichtig?(...) Wichtig - ich meine von wirklich historischer Signifikanz - war allein mein unwichtigster V-Mann (-Rudolf Glauer/v. Sebottendorff-). Unser imposanter Baron, der ein Nachrichtenschwindler war, aber kein großer, sondern ein kläglicher, und den ich als junger Ignorant, der ich gewesen war, für einen potentiellen Verräter gehalten habe - dieser rundum gesunde Endsechziger: Er war eine der verhängnisvollsten Figuren der neueren Zeitgeschichte. Das ist mehr als vorsichtig ausgedrückt. Andere Rechercheure - Historiker, Zeitgeschichtsforscher, genaue Abwäger - haben inzwischen die Überzeugung gewonnen: Er war die verhängnisvollste Figur der deutschen Geschichte im Schicksalsjahr 1918. Ohne ihn wäre Hitler nicht möglich gewesen." (Rittlinger: "Geheimdienst mit beschränkter Haftung", S.300-302 - 1973)
"Zuerst dachte ich: er hatte keine Möglichkeit mehr gesehen, sein Leben auch nur auf die bescheidenste Weise weiter zu fristen. Aber dann wurde mir immer klarer, daß eine Art Germanentreue im Spiel gewesen sein mußte. Dieser Rosenkreuzler, Fantast und Nazihasser. Dieser bedenkliche Baron - Sebottendorf hieß er - Er war der Gründer der sagenumwobenen Thule-Gesellschaft.(...) Nun die Thule-Gesellschaft. Die hatte der Baron (-in Istanbul-) niemals auch nur mit einem Wort erwähnt." (Rittlinger: "Von hier bis Babylon", S.489/490 - 1965)
Andere Recherchen hingegen gehen davon aus, dass Rudolf Glauer/v. Sebottendorff nach Kriegsende weiterhin als Geheimagent für die Engländer tätig ist, den Suizid zur Prozess-Vermeidung nur vortäuscht und erst Mitte der 60er-Jahre, noch unter dem Decknamen Fefik Hüsnü, in der Türkei verstirbt.
(mepanews.com: "Wer ist Rudolf von Sebottendorff?")
In einer Wikipedia-Unterhaltung auf Vortrag: Rudolf von Sebottendorf heißt es zu seinem weiteren Verbleib:
"Am 17.04.1957 kam er nach Adana (Türkei)... Er ging nach Ägypten (über Syrien)... Sebottendorf war 82 Jahre alt, als er die Türkei verließ." " (Altindal: "Bilinmeyen Hitler", S.193 - 2004)
Auf tr.wikipedia.org wird zu Rudolf von Sebottendorf vermerkt:
"Am 8. Mai 1945 soll er durch eine Waffe oder eine Halsverletzung Selbstmord begangen haben, aber diese Anschuldigungen wurden später zurückgewiesen. Es gab bereits Beispiele über solche Berichte über verschiedene Nazis, die zu dieser Zeit mit der Geheimdienstarbeit bei anderen Informationsdiensten begonnen haben, und es wurde enthüllt, dass sie später gelebt haben. Nach den Aufzeichnungen der Adana Polizeibehörde vom 17. April 1957 wohnten Michael Stahl, Hans Bendik und Rudolf Freiherr von Sebottendorff im Republic Hotel. So war es völlig falsch, dass Sebottendorff 1945 Selbstmord beging oder 1934 in der 'Nacht der langen Messer' getötet wurde. Und wieder, 1957, hinterließ er ein Paket von Dokumenten und Briefen an den britischen Geheimdienst unter der Voraussetzung, dass sie für 50 Jahre unveröffentlicht blieben. Am 10. Dezember 1965 wurde im Doğancılar Park in Üsküdar eine Nachricht veröffentlicht, wo er erfroren aufgefunden und auf dem Waisenfriedhof begraben wurde."
1950
Die langjährige Vertraute Rudolf Glauers/v. Sebottendorff, die seit 1944 in Innsbruck wohnende Käthe Bierbaumer (Deutsches Heim 18), unternimmt nach Beendigung des zweiten Weltkriegs erneut einen juristischen Versuch in Sachen Völkischer Beobachter:
"Die bereits seit mehreren Jahren in der Schweiz lebende Oesterreicherin Frau Käthe Bierbaumer hat bei der Münchener Wiedergutmachungsbehörde die Rückgabe des ehemaligen Zentralverlages der NSDAP gefordert. Die Klägerin führt in ihrer Klage - nach der 'Neuen Wiener Tageszeitung' - aus, sie sei seinerzeit die Hauptbesitzerin des sogenannten Eher-Verlages gewesen, doch seien ihr die Anteile durch die Nationalsozialisten mit List entzogen worden. Der Hauptschuldige dieser Transaktion sei der Verfasser des Parteiprogramms, Gottfried Feder, gewesen." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Honnefer Volkszeitung, Nr.74, S.3 - "Oesterreicherin verlangt Eher-Verlag zurück" v. 26./28.3.1950)
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Als Geschichts-Wissenschaftler würde man mit der Behauptung, Adolf Hitler sei lediglich ein frühes Werkzeug des mysteriösen Thule-Ordens gewesen, schnell in den Bereich der Verschwörungstheoretiker sortiert. Allein die Faktenlage bei den sogenannten Geheimbünden hält einer wissenschaftlichen Betrachtung nur ungenügend stand; zu dünn sind die Informationen aus dem Inneren der geheimen Zirkel, zu gewissenhaft die praktizierte Mitglieder-Abschottung nach außen. Selbst nach innen gibt man sich unter den Mitgliedern zum Teil schon konspirativ.
Der zusammengefasste Erklärungs-Versuch aus der Sicht eines fiktiven Thule-Mitgliedes ist daher ein Ansatz, sich dem Thema zu nähern und ließt sich in einem Roman von 1991 wie folgt:
"Vor zwölftausend Jahren ging ein Reich in einer riesigen Katastrophe zu Ende, wie es bis heute nie wieder auf der Welt existiert hat. Thule war das Reich einer Rasse, die von den Göttern abstammte. Diese Rasse verfügte über ein unbeschreibliches Wissen, das weit über das heute bekannte hinausging. Doch es war kein Wissen, wie wir es heute kennen.
Der Mensch der Gegenwart ist degeneriert. Er kann nur mehr Dinge erfassen, die seine fünf Sinne wahrnehmen können. Und er kann diese Dinge nur mehr nach den Gesetzen der Logik und der Rationalität verarbeiten. Die Wesen der Thule dagegen lebten ebenso in der geistigen Welt wie in der materiellen.(…)
Einige der Wesen der Thule überlebten die Katastrophe, die die Bibel als Sintflut beschreibt. Sie zogen in die Welt und trafen dort auf die Anfänge der Menschheit, die gerade ihre ersten Schritte in die Geschichte machte. Sie wurden als Götter verehrt, kein Wunder, denn sie stammten von ihnen ab. Ihre Fähigkeiten faszinierten die Menschen, die keine Erklärung dafür hatten. Doch was sollten die Wesen von Thule mit den Menschen tun? Diese Frage spaltete die letzten Abkömmlinge der Götter.
Die einen wollten, wenn die Zeit dafür reif war, aus den Menschen ihresgleichen machen. Sie wollten ihnen den Hauch des Göttlichen verleihen und sie teilhaben lassen an ihrem gigantischen Wissen, sie emporsteigen lassen zu neuen Höhen. Die anderen wollten, daß die Menschen bleiben, wie sie sind. Diese Gruppe wollte weiterhin als Götter verehrt werden. Für sie waren die Menschen nichts anderes als Herden von höheren Tieren, die der Führung von Hirten bedürfen. Sie wollten ihr göttliches Wissen mit niemandem teilen, denn sie fühlten sich selbst als Götter.
Und so kam es, daß sich die Wesen von Thule in zwei Gruppen aufspalteten. Die einen folgten dem Weg zur linken Hand und nannten sich nach ihrem Orakel Agarthi. Die anderen, die dem Rechtsweg folgten und weiter als Götter verehrt werden wollten, waren die Schamballah. Beide Gruppen aber, selbst jene der Schamballah, vermischten sich im Laufe der Jahrtausende mit den Menschen, so daß sie ihnen äußerlich immer mehr glichen. Und doch wurde das aus Thule überlieferte Wissen bis heute bewahrt.
Die beiden Gruppen aber, Agarthi und Schamballah, stehen seit Jahrtausenden im Kampf gegeneinander. Und das unterschiedliche Schicksal, das sie den Menschen zugedacht haben, ist der Grund dafür.(...)
Wie geht die Geschichte weiter? Was hat sie mit Tibet zu tun? Tibet deshalb, weil nach der Katastrophe von Thule eine der größten überlebenden Gruppen in das Himalaya-Gebiet gekommen ist. Da sie hier lange keinen Kontakt mit Menschen hatte, hat sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten länger bewahrt als die anderen, bei denen so manches verloren ging. Als sie dann auf Menschen traf, entschloß sie sich für den Weg von Agarthi.(...)
Diese Legende wird, wie viele andere auch, von Menschen geglaubt. Und weil sie daran glauben, richten sie ihr Handeln danach aus. Und so wird das, was Sie (...) bestenfalls als Mythos anzuerkennen bereit sind, in die auch für Sie faßbare Welt transformiert. Denn die Menschen schaffen, geleitet von ihrem Glauben, Ereignisse in jener realen Welt, die auch Ihnen zugänglich ist. Und diese Ereignisse wiederum beeinflussen die Geschichte, wie sie Menschen wie Sie kennen. Und doch reichen deren Wurzeln in eine Welt, die für Sie (...) einfach nicht existiert.(...) Was wäre, wenn viele Personen aus der Geschichte oder in der heutigen Politik an solche Dinge glaubten? Dann gab es kaum noch ein Handeln, das den Begriff der Rationalität für sich beanspruchen könnte.(...) Wenn dem so wäre, dann wäre die Welt nur mehr ein Kräftespiel von esoterischen Ideen. Geschichte und Politik als Wettstreit irrationaler Ideen, weil Menschen daran glaubten.(...) Und doch dachte heute niemand ernsthaft daran, auch diese Dinge zu berücksichtigen, wenn es um die Erklärung historischer oder politischer Ereignisse ging.(...)
Für Sie beginnt die Geschichte des Dritten Reichs vermutlich mit dem Aufstieg der NSDAP in den zwanziger Jahren. Noch 1923, als Hitler und seine Leute zur Münchner Feldherrnhalle marschierten, waren die Partei und ihr Führer nicht mehr als lokale bayrische Erscheinungen. Doch die Weichen für alles, was noch kommen sollte, waren bereits Jahre zuvor gestellt worden: die Machtübernahme in Deutschland, der Aufbau eines Staates nach völlig neuen Gesetzmäßigkeiten, der Drang zur Expansion in Europa und darüber hinaus.(...)
Am 26. Dezember 1923, als Hitler nach dem mißglückten Putsch im Gefängnis saß, starb in München ein gewisser Dietrich Eckart. Wenige Minuten, bevor er starb, sagte er: ‚Folgt Hitler! Wir haben ihm die Mittel gegeben, mit IHNEN in Verbindung zu treten. Beklagt mich nicht, meine Freunde. Ich werde mehr Einfluß auf die Geschichte gehabt haben, als jeder andere Deutsche. Hitler wird tanzen, aber die Musik zu seinem Tanz haben wir komponiert.‘(...) Dietrich Eckart war Dichter und Schriftsteller. Unter anderem schrieb er eine damals vielbeachtete Fassung des ‚Peer Gynt‘. Er war ein Bohemien, der sich gern in der Münchner Gesellschaft bewegte. Doch all das ist Nebensache. Vor allem war er ein Eingeweihter der Thule-Gesellschaft. Die Gesellschaft wurde am 17. August 1918 gegründet. Ihre Logenräume befanden sich im Münchner Hotel ‚Vier Jahreszeiten‘. Der Gründer war ein gewisser Rudolf von Sebottendorff, der mit richtigem Namen Rudolf Glauer hieß. Sebottendorff verbrachte viele Jahre im Nahen Osten, wo er mit zahlreichen okkulten Gesellschaften in Kontakt stand. Schließlich kehrte er nach Deutschland zurück. Er traf dort auf Hermann Pohl, den Meister des Germanen-Ordens, dem er sich anschloß. Zur Wintersonnenwende 1917 wird Sebottendorff Meister der bayrischen Organisation dieses Ordens. Im Juni 1918 kaufte er eine Zeitung, den Münchner-Beobachter, deren Redaktionsräumlichkeiten ebenfalls in die ‚Vier Jahreszeiten‘ verlegt wurden. Später geht daraus der Völkische-Beobachter hervor, das Parteiblatt der NSDAP.(...) Sebottendorff will, daß seine esoterischen Ideen auch in der realen Welt Macht entfalten. Die Thule-Gesellschaft soll ein Bindeglied zwischen beiden Welten werden. Sie soll für jene, die wirklich nach Einweihung streben, ein Sprungbrett sein. Gleichzeitig soll sie, nun ja, normalen Menschen die Möglichkeit bieten, sich damit zu identifizieren. Also schafft man eine sozusagen profane, populäre Version des echten Wissens. Um Einfluß zu erlangen, tritt man vor allem an gewichtige Persönlichkeiten heran. Man versucht Politiker, Journalisten, Unternehmer, Offiziere, Ärzte, Rechtsanwälte und dergleichen für die Thule-Gesellschaft zu gewinnen. Und es gelingt. Da sich dort immer mehr einflußreiche Männer sammeln, kommen weitere dazu, um von den Kontakten unter den Logenbrüdern zu profitieren. Und doch vereint sie, die einen mehr, die anderen weniger, ein gemeinsames Weltbild, das ihnen Sebottendorff vorgegeben hat und in dem sie sich wiederfinden können. Kein Wunder, denn dieses mythologische Weltbild ist allgemein genug gehalten, um jedem - innerhalb eines gewissen Rahmens natürlich - seine Interpretation zu lassen. Natürlich hat Sebottendorff diese Strategie nicht erfunden. Betrachten Sie die Politik einmal aus diesem Blickwinkel, werden Sie feststellen, daß sehr häufig auf diese Art der Grundstein für das spätere, scheinbar plötzliche Aufkommen von Ideen und Organisationen gelegt wird. Begonnen aber hat es häufig lange vorher, unbeachtet von der Öffentlichkeit und unbeachtet auch von Journalisten.(...) Bald schon gehören der Thule-Gesellschaft viele einflußreiche Mitglieder der Münchner Gesellschaft an. Darüber hinaus aber sammeln sich darin auch wirkliche Eingeweihte: Alfred Rosenberg, ein Freund Dietrich Eckarts und späterer Chefideologe der NSDAP, Rudolf Heß, der spätere Stellvertreter Hitlers, aber auch Karl Haushofer.(...) Sie können davon ausgehen, dass so gut wie alle Persönlichkeiten, die die spätere Politik der NSDAP und des Dritten Reichs beeinflußten, der Thule-Gesellschaft angehörten oder ihr zumindest nahestanden.(...) NSDAP: Als Brennpunkt der Ideen, sozusagen als Vehikel in der realen Welt, ist natürlich auch sie eine Schöpfung der Thule-Gesellschaft. Die Thule-Brüder Anton Drexler und Karl Harrer gründeten 1919 auf Anweisung der Gesellschaft die Deutsche Arbeiterpartei, die im Februar 1920 in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei umbenannt wird. Als Hitler wenige Monate nach der Gründung der DAP zu ihr stößt, ist er eingebettet in ein Netz von Thule-Leuten: Geschäftsführer ist Max Amann. Chefredakteur der Parteizeitung, des Beobachters, ist Dietrich Eckart. Dessen Stellvertreter ist Alfred Rosenberg. Auch das Zeichen der Partei - das Hakenkreuz -, das später Millionen Menschen in seinen Bann ziehen sollte, kam aus den Kreisen der Thule. Sebottendorff hatte ganze Arbeit geleistet. Er hatte gesät, was erst Jahre später in voller Größe aufgehen sollte. Es war Zeit für ihn zu verschwinden. Er selbst schrieb damals: 'Die Thule-Gesellschaft hatte ihren Zweck erfüllt, sie mußte vergehen, damit das Neue werden konnte, das schon an der Schwelle stand.' Mit dem Aufstieg der NSDAP verlor die Gesellschaft ihre formale Bedeutung. Was sich früher in ihr gesammelt hatte, sammelte sich jetzt in der Partei. Die Idee aber lebte weiter, denn sie ist nie so ohnmächtig, es nur bis zur Idee zu bringen. 1930 schließlich wurde die Thule-Gesellschaft liquidiert, Sebottendorff verschwand. Am 9. Mai 1945, einen Tag nach dem Kriegsende in Europa, zog man ihn tot aus dem Bosporus. Die Quintessenz dessen (...) ist also, daß am Anfang der NSDAP und damit eigentlich auch am Anfang des Dritten Reichs eine Geheimgesellschaft stand, die ihr Wirken vor allem aus esoterischen Ideen ableitete. Dann käme dem Nationalsozialismus doch viel eher der Charakter einer Sekte oder Religion, als einer politischen Bewegung zu.(...) Hermann Rauschning, der ehemalige Senatspräsident von Danzig, der die Partei hassen lernte, schrieb dazu: 'Jeder Deutsche steht mit einem Fuß in Atlantis, in dem er einen recht stattlichen Erbhof sein eigen nennt. Diese Eigenschaft der Dublizität der Naturen, die Fähigkeit, in doppelten Welten zu leben, eine imaginäre immer wieder in die reale hinein zu projizieren - all dies trifft auf besondere Weise auf Hitler und seinen magischen Sozialismus zu. Für alle Zukurzgekommenen ist der Nationalsozialismus der Traum von der großen Magie.' Aber wer hat Rauschning und einige andere schon wirklich ernst genommen? Es gibt wohl keine historische Periode, die so genau erforscht und analysiert wurde, wie die des Nationalsozialismus. Aber das Weltbild der Historiker ist ein reales, eines des Zähl- und Meßbaren. Selbst, wenn sie auf Dinge stießen, die es ihnen ermöglicht hätten, hinter die Kulissen zu sehen, haben sie daraus keine ernsthaften Konsequenzen gezogen. Dabei hätten sie nur Hitler, den sie vielfach todernst nahmen, auch dann ernst nehmen sollen, als er sagte:
'Ihr wißt nichts von mir, meine Parteigenossen haben keine Ahnung von den Träumen, die mich bewegen und von dem grandiosen Gebäude, dessen Grundmauern zumindest stehen werden, wenn ich sterbe. Es wird sich eine Umwälzung auf der Erde vollziehen, die ihr, die Nicht-Eingeweihten, nicht verstehen könnt. Das, was hier vor sich geht, ist mehr als das Heraufkommen einer neuen Religion, es ist der Wille zu einer neuen Menschenschöpfung.'" (McCloud bzw. Autorenteam um den deutschen Wissenschasftsjournalisten Stephan Mögle-Stadel: "Die schwarze Sonne von Tashi Lhunpo", S.97ff. - 1991)
Soweit der ausführliche Auszug aus dem Buch "Die schwarze Sonne von Tashi Lhunpo".
Nicht alles in diesem Text hält einer genauen Betrachtung stand. So schreibt Thorwald C. Franke in "Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis" auf Seite 663:
"1939 veröffentlichte er sein Werk 'Gespräche mit Hitler'(...), um das Ausland vor den Nationalsozialisten zu warnen. Heute sind Rauschnings angeblichen Gespräche mit Hitler als Fälschungen entlarvt.(...) Dieses von Rauschning in guter Absicht, aber mit den falschen Mitteln verfaßte Werk, formte die Wahrnehmung des Nationalsozialismus im Ausland maßgeblich mit."
Eine direkte Verbindung Gottfried Grandels zu der antisemitisch-völkischen Thule-Gesellschaft findet nur in einer einzigen Quelle Erwähnung. In seinem Archivbericht an die NSDAP notiert er 1941 wie beiläufig:
"Adolf Hitler hatte ich kurz vorher (-gemeint ist der Zeitraum vor dem Berliner Kapp-Putsch vom März 1920-) in der Thule-Gesellschaft im Hotel Vier Jahreszeiten kennen gelernt und hörte ihn da als Diskussionsredner zum erstenmale sprechen. Auch Anton Drexler begegnete mir dort und erklärte mir die Ziele seiner 'Deutschen Arbeiterpartei'." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/587, Bl.1/2 - Dr. Grandel an NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Mit diesem Hinweis ist jedoch noch nichts darüber ausgesagt, ob Gottfried Grandel zu dem angegebenen Zeitpunkt als Mitglied des Germanen-Ordens teilnimmt, Mitglied der Thule-Gesellschaft ist oder lediglich als interessierter Teilnehmer einen Gaststatus besitzt.
Postkarten-Ausschnitt vom 15. Dezember 1933 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/2232, S.8)
Der Germanen-Orden, und damit auch die ihr vorgelagerte Tarnorganisation Thule-Gesellschaft, sind in ihrer Mitgliederstruktur streng antisemitisch eingestellt, es gilt für die Teilnehmer der Arier-Nachweis. Somit wäre Gottfried Grandel bei Herkunftskenntnis seiner Frau Helene von der Mitgliedschaft ausgeschlossen gewesen oder bereits vor der Hochzeit von 1916 als GO-Mitglied geführt.
Arier-Nachweis für die Thule-Gesellschaft (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/2232, S.46 - 1933)
Die von Gottfried Grandel in seinem Bericht aufgeführte Begegnung mit dem Diskussionsredner Adolf Hitler korrespondiert mit den Aufzeichnungen von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, in denen er für den Zeitraum zwischen Mai und August 1919 vermerkt:
"Es setzten (-ab Mai 1919-) schwere innere Kämpfe ein, die der (-Thule-)Gesellschaft ein Ende bereiten sollten. Sie hatte ihren Zweck erfüllt, sie mußte vergehen, damit das Neue werden konnte, das schon an der Schwelle stand. Wenige Wochen nach Sebottendorffs Weggang betrat Adolf Hitler die Räume der Thule und er war an jenem Großkampftage beteiligt, an dem unter Dannehls (-Franz, DAP-Mittgliedsnummer 520-) Leitung ganz München mit Flugblättern und Klebezetteln bedeckt wurde." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.167 - 1933)
Auch wenn v. Sebottendorff den Augsburger Fabrikanten in keinem seiner Schriftstücke namentlich erwähnt, wird zumindest Adolf Hitlers damaliger Thule-Status von ihm präzisiert:
"Hitler, Adolf. Arier. Frontkämpfer im Weltkrieg 1914-18. Gast der Thule." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.241 – 1933)
Zu dem mit Gottfried Grandel befreundeten Dietrich Eckart heißt es hingegen:
"Bei der im November 1918 gegründeten Thule-Gesellschaft hatte Eckart, eingeführt durch (-den im März 1919 als Kassenwart tätigen-) Julius Kneil, den Status eines 'Gastes' und tat bei einzelnen Aktionen mit." (Gugenberger: "Hitlers Visionäre", S.40 – 2001, s.a. Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.230 - 1933)
Mitgliedskarte der Thule-Gesellschaft - Vorstufe des Germanen-Ordens (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/865, S.159)
Das von Dr. Grandel beschriebene Treffen in den Hotel-Räumlichkeiten der Thule-Gesellschaft findet als geschlossene Veranstaltung statt, wird daher im Vorlauf auch nicht öffentlich beworben.
Doch wer oder was verbirgt sich eigentlich hinter der Thule-Gesellschaft und welche Position vertreten ihre Gründer gegenüber der Freimaurerei im Speziellen?
Briefkopf der Münchener Thule-Gesellschaft von 1918 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.201 – 1933 + Sammlung Rehse/Stadtarchiv München: BuR-1659-1-002a + historisches-lexikon-bayerns.de + //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-ERG-T-0103 -M v. 25.6.1919 + DE-1992-BUR-1659-1)
Wer sich thematisch der von Walter Nauhaus und Rudolf Glauer/v. Sebottendorff 1918 initiierten Thule nähert, bewegt sich unweigerlich in den Bereich des Okkulten. Das Thema ist komplex und wissenschaftlich schwer zu fassen.
Gut beschrieben sind diese Zusammenhänge jedoch ausgerechnet in einem Roman:
"Die schwarze Sonne von Tashi Lhunpo"
In einer Mischform zwischen realen Zusammenhängen und fiktiver Handlung wird die Entwicklung der Begrifflichkeit Thule recht verständlich beleuchtet und daraufhin zu einer Schlussfolgerung geführt:
Adolf Hitler sei demnach schon auf seinem Weg in die Politik von einer Geheimloge gelenkt worden.
Gründung der Münchener DAP
(205-1919) Aus den Münchener Zirkeln der völkisch-nationalistischen und antisemitischen Vereinigungen heraus gründet sich in den Münchener Räumlichkeiten der Thule-Gesellschaft im Januar 1919 die Deutsche Arbeiterpartei (DAP), Vorläufer der zum Frühjahr 1920 umbenannten NSDAP.
Von dem bayerischen Hochmeister des Germanen-Ordens, Rudolf v. Sebottendorff, werden auch in dieser Gründungsphase im Hintergrund die Fäden gezogen. In seiner späteren Buchveröffentlichung benennt er die wichtigsten Säulen seines völkischen Planes:
"Aus der Thule-Gesellschaft (-Gründer Rudolf v. Sebottendorff/Glauer-) gingen hervor und wurden selbstständig: der Deutsche Arbeiterverein, später Deutsche Arbeiterpartei (-DAP, Harrer/Drexler-) und die Deutsch-Sozialistische Arbeitsgemeinschaft, später Deutsch-Sozialistische Partei (-DSP, Grassinger/Streicher-) mit ihrem Organ: Münchener-Beobachter, später Völkischer-Beobachter." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.171 - 1933)
Die Thule-Gesellschaft ist darüber hinaus maßgebliche Ideenschmiede für den späteren NSDAP-Vorsitzenden Adolf Hitler. Dabei werden nicht nur Hakenkreuz und Grußformel in leicht veränderter Form übernommen. Aus der Thule-Begrüßungsformel "Heil und Sieg" entsteht beispielsweise die Massenformel "Sieg Heil".
Zur Gründung der DAP leistet das Thule-Mitglied Karl Harrer, Sportjournalist des Münchener Beobachters und Redakteur der München-Augsburger Abendzeitung, wesentliche Vorarbeiten.

Thule- und Gründungsmitglied der DAP: Karl Harrer - 1915 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-1526 / Hoffmann, Heinrich + Dresler/Maier-Hartmann: Dokumente der Zeitgeschichte, S.83 - 1938)
Januar 1919
Zu dem unmittelbaren Gründungsvorlauf heißt es:
"Beim Holen von Werkzeugen, beim Umtauschen derselben, entwickelten sich unter den Angesammelten politische Gespräche, welche von Anton Drexler immer wieder eingeleitet und auf die richtige Bahn gebracht wurden. Verbitterte Frontkämpfer, zynische Marxisten und Kommunisten deabattierten über die Schuld am Ausgang des Krieges. Unverzagt und mutig kämpfte Anton Drexler mit der überwiegenden Zahl politisch anders Denkender. Auf mich machte die klare Herausstellung Anton Drexlers, wer der wahre Schuldige am Zusammenbruch der Front und Ausbruch der Revolution ist, einen tiefen nachhaltigen Eindruck. Ich hörte da erstmals aus Anton Drexlers Mund von dem Vernichtungswillen allen Germanischen durch das Judentum und der Freimaurerlogen.(...) Noch im Laufe des Dezembers wurde der bekannte politische Arbeiterzirkel gebildet, wo ich dann als 1. Schriftführer tätig war." (BArch Berlin: NS26/78, S.10/Bl.3 - Vortrag Michael Lotter v. 19.10.1935)
In der Gründungs-Versammlung vom 5. Januar 1919 im Fürstenfelder Hof wird Journalist Karl Harrer als erster Reichsvorsitzender der DAP positioniert, obwohl landesweit nur diese kleine Ortsgruppe in München existiert. Neben weiteren 23 (?) Personen gehört hier auch der Werkzeugschlosser Anton Drexler (spätere Mitgliedsnummer 526) als Stellvertreter Harrers zu den ersten Vertretern der Partei. Werbeobmann Hitler berichtet über die die Zusammenkünfte nach seinem Beitritt im Spätsommer 1919:
"Überhaupt bewegte sich das Ringen immer zwischen Zahlen von sieben, elf, neun oder dreizehn Besuchern unserer normalen Zusammenkünfte. Die Tätigkeit des Ausschusses bestand darin, erstens Briefe, die eingegangen waren, vorzulesen, die Antwort zu beraten und die Briefe, die vom Vorsitzenden (-Karl Harrer-) entsprechend dieser Beratung abgeschickt wurden, wieder zur Kenntnis zu nehmen, d . h . also, ebenfalls vorzulesen. Ich habe seit jener Zeit gegen Briefschreiben und Briefschreiber einen geradezu infernalischen Haß in mir aufgestapelt. Schade um die kostbare Zeit, die man damit vertrödelt hatte. Denn man muß sich vorstellen, wer geschrieben hat und was geschrieben wurde. Als es Spätherbst (-November1919-) wurde, konnte man es in unserer Wirtschaft nicht mehr aushalten. Es war saukalt, und die Gasfunsel brannte immer schlechter, das Bier war ungenießbar dünn, die Wirtsleute aber machten einen Eindruck, als ob sie jeden Augenblick Selbstmord beabsichtigten. So wurde denn nach einer langen Beratung eines Tags der Beschluß gefaßt, aus dieser unwürdigen und ungastlichen Stätte auszuziehen und eine neue passendere Sitzungsmöglichkeit zu suchen ..." (Hitler/Vollnhals: "Reden, Schriften, Anordnungen: Zwischen den Reichstagswahlen", S.338 - 1994)

Offizielle Lesart von Hitlers Kontaktaufnahme zur DAP: NSDAP-Sammelkarte (Fotografie im Privatbesitz)
"... Da Harrer in einem Café drüber der Isar häufig zu Abend aß, wurde sein Vorschlag angenommen, dorthin unsere Sitzungen zu verlegen (-Sterneckerbräu-). Es war mir (-ab November 1919-) gelungen, eine Anzahl von jungen Kräften, lauter Soldaten, die mich kannten, unserer Bewegung zuzuführen.(...) Wir hockten bei unseren Ausschußsitzungen in einem großen Raum an einem kleinen, runden Tischchen mit Marmorplatte, an den Wänden liefen rote Plüschsofas hin von ziemlich verschwundener Pracht, während ein paar kitschig vergoldete Säulen die Decke trugen. An den Nachbartischen wurden Karten geschlagen, Schach gespielt, andere wieder übten sich an einem Billardtisch, die Juden ringsherum studierten unterdes eifrig die Kurszettel. Und Juden waren nicht wenige um uns herum. Hier und da blickte man natürlich auch auf unseren komischen Tisch herüber, und sie mochten dann wohl ihre Gedanken ausgetauscht haben. Selbstverständlich galten wir als ausgemacht verrückt, als Idioten, vielleicht sah man in uns wohl Kriegsopfer, verschüttete Unglückliche, die nun irgendeiner fixen Idee nachrannten. Und sicher waren sie überzeugt, daß man solche spinnende Wesen am besten unter sich allein lasse.
Wir hatten damals auch ein 'Vereinsvermögen'. Es bestand aus Materialien und auch aus barem Geld. Das Geld schwankte zwischen 5 Mark und stieg in Flutzeiten bis auf 12, 13, 15 und einmal erinnere ich mich sogar 17 Mark. Die Materialien bestanden erstens in einer Zigarrenkiste, die das Geld bewahrte, und in Briefen, Briefumschlägen, etlichen Briefmarken sowie in den 'Richtlinien des Vereins'. Die Richtlinien hätten so recht für die spätere 'Freiheitspartei' gepaßt. Grundtendenz war: Wasch mir den Pelz, und mach mich nicht naß. So war die Stellung zur Judenfrage einfach die, daß jeder Jude mindestens 30 Jahre in Deutschland ansässig sein mußte, ehe er das Staatsbürgerrecht bekommen konnte, und daß zweitens Ostjuden, die man bei schieberischen Geschäften fassen würde, ausgewiesen werden müßten. Es ist selbstverständlich, daß solche Grundsätze auch auf die Menschen abfärben , die sie vertreten. Man konnte also sagen, daß, solange nicht diese Grundsätze geändert würden, auch nicht mit wertvollen Menschen zu rechnen war.
So war es in meinen Augen unerträglich, daß, wenn ein Schreiben abgeschickt wurde, nicht einmal ein Stempel darunter gesetzt werden konnte. Ich brachte also den Antrag ein , daß drei Stempel angeschafft werden müßten, einer für den Vorsitzenden, einer für den Kassier und einer für den Schriftwart. Als ich Harrer zum ersten Male darüber meine Meinung sagte, erblaßte er förmlich angesichts einer solch drohenden Verschleuderung des Vereinsvermögens. Die wichtige Angelegenheit wurde also als Tagesordnung für den nächsten Mittwoch festgesetzt.
Harrer, der der Sache mißtrauisch ablehnend gegenüberstand, fürchtete er doch als Resultat eine Erschütterung der finanziellen Grundlagen des Vereins, kam etwas später. Nach 8 Uhr wurde offiziell in die Verhandlungen eingetreten. Nach drei Stunden war endlich der Fall so weit durchgesprochen, daß die überwiegende Mehrheit sich der Anschaffung der drei Stempel zuneigte. Schon glaubten wir die Sache erledigt, als Harrer den letzten Trumpf ausspielte.
Die Anschaffung der Stempel wäre ja im Prinzip nun beschlossen, aber er müßte schärfsten Protest einlegen gegen die bedrohliche Zerrüttung des Parteigeldwesens. Die Zigarrenkiste mit den Papierscheinen verwaltete er. Er betonte, daß man erst einen Kostenvoranschlag einholen müsse und hinterdrein zu versuchen habe, die finanzielle Seite zu lösen. Darauf tat ich mich mit den Jüngeren zusammen, wir bestellten die Stempel, bezahlten sie selber und nahmen sie mit in den 'Ausschuß'. Und damit waren sie auch verschwunden. Denn als Harrer der drei Stempel ansichtig wurde, erklärte er es für notwendig, sie in eine sorgfältige Verwahrung zu nehmen, legte sie in die Zigarrenkiste zu dem Geld, und niemand sah sie jemals wieder. Aber so hat die Partei ihre ersten drei Stempel bekommen ..."
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Nachgestellte Szene zu der Abwahl von Karl Harrer am 5. Januar 1920: Kassensturz durch den neuen Geschäftsführer Schüssler (Postkarte im Privatbesitz / Hoffmann, Heinrich)
"... Harrer war ein schlechter Redner. Das heißt, er redete überhaupt nicht, sondern las meistens vor. Es war selbstverständlich, daß die Partei unter einer solchen Leitung über 15 Mann gar nicht herauskommen konnte. Denn das Unglück war, daß Harrer sich selbst für ein rednerisches Phänomen hielt und nicht zu bewegen war, anderen das Wort zu längeren Ausführungen zu erteilen. Er fürchtete, daß dies zu einer Blamage für den Verein führen könnte. So war er besonders tief erfüllt von der Überzeugung, daß mir selbst jede, aber auch jede rednerische Fähigkeit fehlt. Mir fehlt die Ruhe zum Reden. Ich sprach seiner Überzeugung nach zu hastig. Ich überlegte die Sätze zu wenig. Außerdem war meine Stimme zu lärmend und endlich bewegte ich dabei dauernd die Hände. Kurz, er war überzeugt, daß ich alles werden könnte in meinem Leben, aber etwas niemals, nämlich ein - Redner. Er versuchte mir das gütlich klarzumachen. Das gab einen ewigen Krieg. Ich war natürlich vom Gegenteil überzeugt." (Hitler/Vollnhals: "Reden, Schriften, Anordnungen", S.338-340 - 1994, Artikel aus: Illustrierter Beobachter: "Zehn Jahre Kampf" v. 3.8.1929)
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Erster Reichsvorsitzender der DAP: Karl Harrer - 1919 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.172 - 1933 + Wikimedia Commons - Datei: Karl Harrer, 1. Vorsitzender der DAP.jpg)
Zu dem Vorsitzenden Karl Harrer existiert keine Mitgliedsnummer, da er sich bereits ein Jahr nach der DAP-Gründung im Konflikt zu Adolf Hitler zurückzieht. Harrers, und damit auch Thule-und Germanen-Ordens-Absicht, die Partei als engen Zirkel zu führen, stößt bei dem frisch ausgebildeten Propagandisten Adolf Hitler auf Ablehnug; dieser strebt als versierter Redner die Entwicklung einer Massenpartei an.
Für Karl Harrer und den ihn stützenden Ordensbezug grenzt dies an Größenwahn und gefährlicher Selbstüberschätzung. Es wird befürchtet, in den gefährlichen Focus des politischen Gegners zu geraten. Die Mitgliedsnummern und -listen werden dementsprechend erst nach Karl Harrers Ausscheiden zum Januar 1920 eingeführt. Hiermit verbunden stehen für das Gründungsjahr auch keine Zeitangaben zum jeweiligen Parteibeitritt der Mitglieder. Adolf Hitler urteilt später in einer Rede zum 10-jährigen Bestehen der NSDAP:
"Es war nicht leicht , unseren Herrn ersten Vorsitzenden (-Karl Harrer-) im Jahre 1920 von der Notwendigkeit von irgend etwas Neuem zu überzeugen. Ein braver, anständiger kleiner Journalist, aber um Gottes Himmels willen kein Führer einer Partei, geschweige denn einer Bewegung." (Hitler/Vollnhals: "Reden, Schriften, Anordnungen", S.336 - 1992, Artikel aus: Illustrierter Beobachter: "Zehn Jahre Kampf" vom 3.8.1929)
Der Augsburger Fabrikant Gottfried Grandel besitzt schon früh Kontakt zu dem DAP-Mitbegründer Anton Drexler. Er gilt mit seinen Kontakten als wohlhabender Ölfabrikant der DAP als finanzkräftiger Hintermann:
"Hitler und die Münchener Deutsche Arbeiterpartei waren gerade Dr. Grandel zu großem Dank verpflichtet, weil beide, Hitler persönlich wie die Deutsche Arbeiterpartei, in ihren Anfängen von dem Augsburger ausgiebig materiell und geistig unterstützt worden waren.(…) An Persönlichkeiten, die dem jungen Gebilde in der Frühzeit halfen, sind vor allem zu nennen Dietrich Eckart, Ernst Röhm, Gottfried Feder, Anton Voll, Fritz Lauböck, Dr. Gottfried Grandel, Dr. Johannes Dingfelder. Diese brachten nicht nur aus eigener Tasche große Opfer, sondern, was wichtiger und weitaus wirkungsvoller war, sie stellten ihre persönlichen und dienstlichen Beziehungen zu Freunden und Bekannten Hitler zur Verfügung." (Franz-Willing: "Ursprung der Hitlerbewegung, 1919-1922", S.161/162 + 270 - 1974)
In seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv notiert Gottfried Grandel im Jahre 1941 dann auch rückblickend:
"Adolf Hitler hatte ich kurz vorher (-1919-) in der Thule-Gesellschaft im (-Münchener-) Hotel Vier Jahreszeiten kennen gelernt und hörte ihn da als Diskussionsredner zum erstenmale sprechen. Auch Anton Drexler begegnete mir dort und erklärte mir die Ziele seiner 'Deutschen Arbeiterpartei'. In jener Zeit kam ich auch mit Gottfried Feder in Berührung, half ihm zu einem Vortrag in Augsburg (-Augsburger Sängerhalle?-) und ließ dort auch seine Flugblätter zur 'Brechung der Zinsknechtschaft' verteilen." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/587, Bl.1/2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Der mit Dr. Grandel zu dieser Zeit durch die Herausgabe der völkisch-antisemitischen Wochenschrift Auf gut deutsch eng verbundene Verleger Dietrich Eckart grenzt die zeitliche Angabe zu Anton Drexlers politischen Antrittsbesuch weiter ein:
"Anfang 1919 (-Januar?-) besuchte mich Anton Drexler, der kurz zuvor (-5. Januar 1919-) die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei gegründet hatte (-DAP-) und machte mich mit seinen Ideen bekannt. Sie leuchteten mir ohne weiteres ein, und ich beschloß, der jungen Bewegung nach Kräften zu dienen. Einige Wochen oder Monate später kam ich zum erstenmal mit Hitler zusammen." (Deuerlein: "Der Aufstieg der NSDAP 1919-1933 in Augenzeugenberichten", S.112 - 1968 + Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München 1913-1923", S.276 - 2000 + digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2180, S.7/2 - Polizeiliches Verhör Dietrich Eckarts v. 15.11.1923)
DAP-Parteigründer Anton Drexler - 1933 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-855 / Hoffmann, Heinrich)
Seit 1918 steht Anton Drexler das Münchener Thule-Mitglied Dr. Paul Tafel als Mentor zur Seite. Die Ausgangslage der jungen Deutschen Arbeiterpartei beschreibt Rudolf Glauer/v. Sebottendorff in seiner Buchveröffentlichung für das Jahr 1919 wie folgt:
"Die Deutsche Arbeiterpartei gewann zunächst keinen größeren Einfluß und blieb in der Hauptsache auf München beschränkt." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.184 - 1933)
Zum Herbst 1919 sollte sich dies mit einem propagandageschulten Weltkriegs-Gefreiten ändern, jedoch: Der Einstieg Adolf Hitlers in die Münchener Parteipolitik vollzieht sich nicht im ersten Anlauf.
Einer der engsten Mitarbeiter von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, Germanen-Orden und Kampfbund-Thule-Mitglied Georg Grassinger, ist nach Niederschlagung der kurzen Münchener Räterepublik bereits ab dem 10. Mai 1919 dem Münchener Beobachter als Betriebsleiter zugeordnet.
Der spätere Verleger ist auch Organisator der aus der Thule-Gesellschaft im Mai 1919 hervorgegangenen Deutsch-Sozialistischen Partei (DSP), in der Julius Streicher aus Nürnberg sich stark als antisemitische Führerfigur profiliert.
In einer von Dr. Sonja Noller (IfZ) gefertigten Gesprächs-Niederschrift von 1961 vermerkt die Historikerin über das Interview mit dem Zeitzeugen Georg Grassinger:
"Im Herbst des Jahres 1919, etwa im September (-August-), erschien im Büro des Verlages bei Grassinger Adolf Hitler und erbot sich, an der Zeitung und in der Deutsch-Sozialistischen Partei mitzuarbeiten. Er war mittellos und hat sich von Herrn Grassinger Geld geliehen. Man hatte in der Zeitung aber keine Verwendung für ihn; in der Partei wollte man ihn ebenfalls nicht haben.(...) Herr Grassinger war als Vorsitzender der Deutsch-Sozialistischen Partei kein Freund der Nationalsozialisten und lehnte Hitlers Radikalismus von Anfang an ab." (Digitalisat als pdf: ifz-muenchen.de, ZS-50-3/4 - Gespräch mit Zeitzeuge Georg Grassinger v. 5.7.1961)

Rechte Hand von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff, Mitglied im Kampfbund Thule und Münchener Buchverleger: Hans Georg Grassinger - 1930 (Foto aus Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.181 - 1933)
Nach der klaren Ablehnung durch den Vorstand der DSP landet Adolf Hitler kurz darauf bei der Deutschen Arbeiterpartei (DAP). Hierzu heißt es:
"Ende Juni 1919 wird Hitler von seinem direkten Vorgesetzten, (-Hauptmann-) Karl Mayr, Chef der Nachrichten-Abteilung des Wehrkreiskommandos, auf die DAP aufmerksam gemacht: 'Gehen Sie mal dorthin, die Leute scheinen in Ordnung zu sein.' Nach einer anderen Version heißt es, die Reichswehr sei damals auf der Suche nach einer gefügigen Partei gewesen, die sie zu eigenen politischen Zwecken benützen wollte. Hitler schreibt sich die Adresse auf und geht noch am gleichen Tag in den Sterneckerbräu. Dort referiert vor 25 Anwesenden an diesem Abend Gottfried Feder (-DAP-Mitgliedsnummer 531-), dem er schon einige Zeit zuvor an einer Zusammenkunft Münchner Reichswehrsoldaten begegnet war und dessen Ausführungen ihn stark beeindruckt hatten. In der anschließenden Diskussion verzichtet Hitler auf seine Beobachterrolle - auftragsgemäß hätte er sich darauf beschränken sollen, das Gesagte zu notieren - und hält eine heftige und wirre Rede gegen die 'Volksfeinde, die aus kleinlichen Interessen die Einheit Großdeutschlands aufs Spiel setzen wollten'. Als er das Lokal verlassen will, folgt ihm Drexler, der den Vorsitz hatte, und übergibt ihm eine seiner Broschüren. Schon im Juli tritt Hitler nach langen Bedenken der 40 Mann starken DAP bei und wird gleich in den leitenden Ausschuß gewählt." (Rosenberg, Lang, Schenk: "Portrait eines Menschheitsverbrechers", S.46 - 1947)

Mit der Aufforderung zur Mitarbeit: Anton Drexlers politisches Erwachen - 1920 (Dresler/Maier-Hartmann: Dokumente der Zeitgeschichte, S.82 - 1938)
Die neue Publikation von Anton Drexler wird erstmalig am 3. Dezember 1919 im Völkischen Beobachter beworben:
"Die Nummer 67 (-3. Dezember 1919-) bringt eine Anzeige des Buches 'Mein politisches Erwachen' von Anton Drexler." (Dresler; "Die Geschichte des Völkischen Beobachters", S.68 - 1937)
Einen weiteren Bericht liefert der Völkische Beobachter zum 10. Jahrestag des Hitler-Putsches von dem ersten Schriftfüher der DAP:
"Im Juli 1919 kam Adolf Hitler eines Tages voller Begeisterung in meine Regimentskanzlei und erzählte mir vom Sternecker. Er ersuchte mich dringend, mit ihm den nächsten Vortragsabend im Sterneckerbräu zu besuchen, da dort eine Gruppe von Leuten beisammen sei, die das gleiche Ziel verfolgten wie wir. Am ersten Abend, an dem Adolf Hitler in diesem Kreis weilte, meldete er sich nach dem Vortrag zur Diskussion, worauf ihn der Vorsitzende (-Anton Drexler-) um seine Mitarbeit bat. Am zweiten Abend, den wir zusammen besuchten, wurde auch ich Mitglied und von diesem Tage an begann die engste Zusammenarbeit. Ein neuer Ausschuß wurde gebildet, dem Adolf Hitler als Werbeobmann angehörte, während ich Schriftführer wurde. Sofort wurden für die Ausschußmitglieder Mitgliedskarten angefertigt. Adolf Hitler bekam die Nummer 7. Ein Parteibüro hatten wir nicht, weshalb alle Arbeiten in meiner Regimentskanzlei erledigt wurden. Jetzt begann mit aller Macht die Werbearbeit. Jeden Interessenten - Parteigenossen gab es damals noch nicht - wurde es zur Pflicht gemacht, zum nächsten Sprechabend mindestens einen Gleichgesinnten mitzubringen." (BArch Berlin: NS26/80, Bericht v. Pg. Rudolf Schüßler im Der Sternecker: "Aus dem ersten Kampfjahr der Bewegung" - 1935 + Völkischer Beobachter v. 8.11.1933)
Von der darauf folgenden DAP-Versammlung heißt es nach der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung:
"An einem trüben Septembermorgen des Jahres 1919 standen auf der Plattform der Linie 1, die zumStiglmaierplatz fuhr, zwei Männer und eine jüngere Frau. Sie waren schnell in ein Gespräch gekommen,und zwar in ein politisches Gespräch, und es stellte sich heraus, daß diese junge Frau ein recht begeistertes Mitglied des Völkischen Schutz- und Trutzbundes war. Die beiden Männer hörten dieser heftig redenden Frau eine Zeitlang ganz aufmerksam zu, und auf einmal merkten sie, daß sie hier regelrecht für diesen Schutz- und Trutzbund 'gekeilt'werden sollten. Die Frau hatte allerdings nicht die geringste Ahnung, wer die beiden Passanten waren, denen sie mit unerhörtem Eifer ihre politischen Ansichten vortrug. Sie stutzte höchstens einen Augenblick, als sie von den beiden aufgefordert wurde, doch am gleichen Abend zu einer politischen Versammlung zukommen. Als sie sich am Abend einfand, stieß sie sogleich wieder auf die beiden Herren von der Straßenbahn. Es waren niemand anders als Adolf Hitler und sein Freund (-Anton-) Drexler, die an diesem Abend hier ihren ersten öffentlichen Vortrag hielten.
Heimliche Klebekolonne
Nun, die junge Frau ist an diesem Abend nicht mehr zum Schutz- und Trutzbund zurückgekehrt, sondern sie hat mit den Leuten, welche die Versammlung abhielten, sogleich einen anderen 'Schutz- undTrutzbund' geschlossen, und der besteht jetzt gerade fünfzehn Jahre. In den nächsten Nächten schon sah man die junge Frau Pia mit Adolf Hitler und Drexler und Schüßler auf heimlichen Wegen Plakate ankleben, die neue Versammlungen ankündigten. Mehr als einmal hat damals Schwester Pia solche Plakate blitzschnell unter die Röcke verschwinden lassen müssen, denn des öfteren nahte die Polizei, und es hat mit Hitler, der den Klebetopf auf solchen Fahrten trug, und den Schutzleuten, die der Kolonne wie der eigene Schatten folgten, ziemlich laute Unterhaltungen gegeben." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Stuttgarter NS-Kurier, Nr.526, S.11 - "Schwester Pia - eine Kämpferin" v. 10.11.1934)
Nach der im Jahr 1920 von Ferdinand Wiegand angefertigten NSDAP-Mitgliederliste rangiert "Adolf Hittler, Maler" unter der Mitgliedsnummer 555, wird also theoretisch als 55er Parteigenosse aufgenommen. Zu der vorherigen Nummer 549 ist das Datum 27. August 1919 vermerkt.
Bei der Verteilung der Mitgliedsnummern, die erst ab dem Jahreswechsel 1919/20 eingeführt werden, bekommen die bereits vorhandenen Parteimitglieder aus dem Jahr 1919 die aufsteigenden Nummern ab der Zahl 501 in alphabetischer reihenfolge zugeordnet. Mit der Zahl 501 beginnend erhält Parteigründer Anton Drexler die Nummer 526, was jedoch nicht heißt, dass bei der Gründungsversammlung mit ihm mindestens 26 Personen anwesend waren. Dementsprechend ist die Nummer 555 von Adolf Hitler auch nur der rückwirkend angewandten Vergabe geschuldet.

Mitgliedskarte Nr. 555 vom 1. Januar 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
Es ist davon auszugehen, dass Adolf Hitlers Aufklärungs-Vorgesetzter Hptm. Karl Mayr Ende August 1919 nicht nur ihm die Weisung erteilt, Mitglied der Partei zu werden. Vermutlich sind mit Adolf Hitler weitere Soldaten der Reichswehr en bloc in die noch unbedeutende Partei eingetreten, um sie im Sinne der Reichswehr-Vorgesetzten zukünftig steuern zu können.

(BArch: Bild 102-16149 / Pahl, Georg - 1934)
Die offizielle Verlautbarung zu Adolf Hitlers Eintritt in die 1919 noch unbedeutende DAP ließt sich wie folgt:
"Am 16. September 1919 trat Adolf Hitler als Mitglied Nr.7 in die 'Deutsche Arbeiterpartei' ein.(...) Er hatte die 'Partei', d. h. eine Gruppe von sechs Männern, bei Ausführung eines dienstlichen Auftrags (-seines Vorgesetzten Hptm. Karl Mayr-) durch Zufall kennengelernt. Äußerlich sah er dort nichts Begeisterndes und Ermutigendes. Die Vorsitzenden Harrer und Drexler waren Männer ohne rednerische Begabung und starkes inneres Feuer. Die Versammlungen bestanden in der Hauptsache aus Vorstandssitzungen, in denen in bürgerlicher Weise kleine Vereinsfragen erörtert wurden. Weder ein Programm noch Mitgliedskarten besaß der Verein. Er war äußerlich gesehen eine der vielen politischen Gründungen, die in der Zeit der damaligen Wirrnis überall wie Pilze aus dem Boden schossen. Es mußte an sich ein hoffnungsloses Beginnen sein, sich einer solchen Gesellschaft anzuschließen." (Rehm: "Die SA.: Zeitschrift der Sturmabteilung der NSDAP", Geschichte der SA., S.4 - Juni 1941)
Für die Frühentwicklung der Deutschen Arbeiterpartei trägt Hauptmann Karl Mayr eine entscheidenden Verantwortung. So heißt es in einem Text von 1941, der ihm nach amerikanischer Veröffentlichung zugeordnet wird:
"Ich kannte ihn (-Adolf Hitler-), bevor er sich verstellen und die Maske eines Anführers aufsetzen musste, manchmal sogar gegenüber den sogenannten Männern um ihn herum. Nach dem Ersten Weltkrieg (-1918/19-) war er nur einer von vielen tausend Ex-Soldaten, die auf der Suche nach Arbeit durch die Straßen gingen ... Zu dieser Zeit war Hitler bereit, sich mit jedem zusammenzutun, der ihm Freundlichkeit zeigte. Er hatte nie diesen Märtyrergeist 'Tod oder Deutschland', der ihm später so viel Propaganda-Slogan auftrieb. Er hätte genauso gerne für einen jüdischen oder französischen Arbeitgeber gearbeitet wie für einen Arier. Als ich ihn zum ersten Mal traf, war er wie ein müder streunender Hund / auf der Suche nach einem Herrn. So phantasievoll Schriftsteller ihn heute beschreiben, damals war er völlig unbekümmert um das deutsche Volk und seine Schicksale." (Current History, Nr.3, S.193-199 - "I was Hitler's Bos" v. November 1941)

Der Schattenmann nationaler Umsturzbestrebungen: Hauptmann Karl Mayr, links neben Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) in München - 25. August 1919 (BArch: BildY 1-548-2575-67 / Hoffmann, Heinrich + Bay. Staatsbibliothek: hoff-5538 / Hoffmann, Heinrich)
In einem Brief an Wolfgang Kapp beschreibt Hauptmann Mayr dem 1920 aus Berlin nach Schweden geflohenen Putschisten die frühe Gründungsphase der DAP:
"Wir arbeiten weiter, wir schaffen die Organisation des nationalen Radikalismus, ein Prinzip, das nebenbeibemerkt, mit Nationalbolschewismus nichts zu tun hat.(...) Die nationale Arbeiterpartei (-DAP-) muss die Basis geben für den starken Stoßtrupp, den wir erhoffen. Das Programm ist gewiss noch etwas unbeholfen, und vielleicht auch lückenhaft. Wir werden es ergänzen. Sicher ist nur, dass wir unter dieser Fahne doch schon recht viele Anhänger gewonnen haben. Seit Juli vorigen Jahres (-1919-) schon suche, soweit mir möglich, auch ich die Bewegung zu stärken. Das Wesentliche in jeder politischen kurz- oder langfristigen Aktion scheint mir die Auswahl der Persönlichkeiten zu sein neben dem Hochhalten des eigenen persönlichen Gedankens und Entschlusses. Ich habe sehr tüchtige junge Leute auf die Beine gebracht. Ein Herr Hitler z.B. ist eine bewegende Kraft geworden, ein Volksredner 1. Ranges. In der Ortsgruppe München haben wir (-Ende September 1920-) über 2000 Mitglieder, während es im Sommer 19 noch keine 100 waren."
November 1919 - Hitlers zweite Rede in München
Über den zweiten Redebeitrag Adolf Hitlers im Rahmen monatlicher Versammlungen der schnell anwachsenden DAP wird in einem PND-Bericht vom November 1919 erwähnt:
"Anwesend: rund 300 Genossen. Der Saal war voll.(...) Hitler, (vom letzten Vortragsabend bekannt) in seiner lebhaften Weise: Viel Kritik wird geübt. Alle Verheissungen, nicht nur die vor dem Kriege gemacht wurden, sondern auch die, welche im Manifest vom 15. November (-1918-) versprochen wurden, sind restlos nicht erfüllt worden.(...) Sind wir Bürger oder Hunde? Wir leisten Widerstand. Wir fordern Menschenrecht der Besiegten und Betrogenen." (BArch Berlin: NS26/81, P.N.D.- Abschrift M35 S.14/Bl.3 - Versammlung im Eberlbräukeller v. 26.11.1919)

Werbeobmann Hitler bei seiner ersten Rede für die DAP - 1919 (Gemälde von H.O. Hoyer, Oberstdorf / Postkarte v. Foto Klinke & Co., Berlin)
Dezember 1919 - Hitlers dritte Rede in München
In dem darauf folgenden Versammlungsabend heißt es in der PND-Mitschrift zu Hitlers Vortrag:
"Wer nicht Hammer sein will, führt der Redner weiter aus, der muss Ambos sein. Wir sind jetzt in Deutschland Ambos. Doch die Erinnerung, dass wir 4 1/2 Jahre alles leisteten, was nur eine Nation zu leisten imstande ist, ist zu gross, um sich erniedrigen zu lassen.(...) Man kann uns nicht nachsagen, dass wir ehrlos waren. Ja, Geld fehlt uns, aber wir wollen unseren Gegnern zeigen, dass es auch noch etwas anderes gibt als Geld - nämlich deutschen Charakter. Charakter hat nicht nur der, der viel Geld hat, auch der einfachste Strassenfeger kann Charakter besitzen. Der Tag, an dem der deutsche Arbeiter einsieht, dass die deutsche Arbeit etwas gilt, ist nicht mehr fern. Mit 2 (-Harrer und Drexler-), dann 7 (-inkl. Hitler?-), dann 9 Mann haben wir die Arbeit begonnen. Die Partei wächst von Tag zu Tag und sie wird den Kampf nicht aufgeben, das werden sie nicht erleben. Wir bekämpfen das Geld. Arbeit allein, nicht Geld hilft uns. Die Zinsknechtschaft muss gebrochen werden. Die Rassen, die Vertreter des Geldes sind, bekämpfen wir. Charakter heißt bei diesen Geld.- Deutsche Partei heissen wir, weil wir deutsch sein wollen, den Kampf gegen das polnisch-jüdische Gesindel führen wir. Die Ministerposten dürfen nicht mit unfähigen Kerls besetzt sein, wir wollen Fachleute. Wir wollen ein deutsches Volk. Wir sind eine reaktionäre Partei und beweisen dies, indem wir die Juden bekämpfen und ihnen den Griff an die Gurgel legen. Schiller sagt: Was Menschenhände bauen, können auch Menschenhände wieder zerstören. Ein freies Volk im freien Deutschland wollen wir sein!
Harrer dankt dem Referenten für seine vorzüglichen Ausführungen und fügt an, dass die Ziele, die sich die D.A.P. steckte, zum Erfolg führen müssen." (BArch Berlin: NS26/81, P.N.D.-Abschrift M35 S.17-18/Bl.2-3 - Versammlung im Gasthaus Zum Deutschen Reich v. 10.12.1919)

DAP-Propagandaredner mit Plänen: Adolf Hitler - 1920 (Postkarte im Privatbesitz / Hoffmann - München)
Bereits ein Jahr nach der Machtübernahme von 1933 wird Adolf Hitlers Mitglieds-Nummer auf seinem alten Ausweis offenbar retuschiert, es verbleibt die mittlere 5. Auch der Völkische Beobachter veröffentlicht zu diesem Zeitpunkt einen Zeitzeugenbericht, in dem der Eintritt in die DAP bewußt an den Gründungstermin vom 5. Januar 1919 gerückt wird:
"Nachdem ich den Krieg von 1914 an als Freiwilliger mitgemacht hatte und 1917 einen Nervenschock davongetragen hatte, kam ich Anfang 1919 in den Kreis um Anton Drexler, der sich damals mit dem Gedanken trug, eine Deutsche Arbeiter Partei zu gründen. Ich weiß es noch wie heute, es war im Januar (-August-) 1919, als wir im Sternecker im Tal eine Zusammenkunft hatten, bei der Gottfried Feder über die Brechung der Zinmsknechtschaft sprach. Während des Vortrages fiel uns, wir waren vielleicht 30 Mann, ein Soldat ein einfacher Uniform auf, der still in einer Ecke des Zimmers saß und aufmerksam zuhörte. Nachdem Feder geendet hatte, meldete sich dieser Soldat zu Wort, es war der Gefreite Adolf Hitler. Kaum hatte er zu reden begonnen, waren wir auch schon im Bann seiner Rede. Die Gedanken und logischen Schlußfolgerungen überraschten und wir waren erstaunt über die Fülle und Größe der Gedanken, die dieser einfache Soldat in seiner verblichenen feldgrauen Uniform vor uns entwickelte." (BArch Berlin: NS26/514, S.475 - Erinnerungen aus der Kampfzeit von Hans Sippel: "Als der Führer das erste Mal zum Sternecker kam ..." - Bericht im V.B. v. 24.5.1934)
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Weltkriegsgefreiter Adolf Hitler - 1918 (Wikimedia Commons / o.Ang. - Datei: Hitler 1921.jpg - Passfoto der Waffenbesitzkarte v. 1918)
Weiter heißt es in dem von Georg Grassinger 1934 herausgebrachten Buch von Sebottendorff:
"Erst als durch jene schicksalhafte Fügung im Herbst 1919 Adolf Hitler in die damals noch so dünnen Reihen der Partei trat, kam die Wendung, die für das ganze Deutsche Volk große geschichtliche Bedeutung erlangte. Über den ersten Vortragsabend der Deutschen Arbeiterpartei berichtet der 'Völkische Beobachter‘ in Nr. 55 vom 22. Oktober 1919: (...) Die Diskussion gestaltete sich sehr lebhaft. Herr Hitler von der Deutschen Arbeiterpartei behandelte mit zündenden Worten die Notwendigkeit des Zusammenschlusses gegen den gemeinsamen Völkerfeind und begründete insbesondere die Unterstützung einer deutschen Presse, damit das Volk erfahre, was die Judenblätter verschweigen." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.184 ff. - 1933)
In den späteren Erinnerungen notiert Adolf Hitler zu seinem parteipolitischen Eintritt in die Münchener Parteipolitik:
"Fürchterlich, fürchterlich. Das war ja eine Vereinsmeierei aller ärgster Art und Weise. In diesen Klub also sollte ich eintreten? Es kamen dann die Neuaufnahmen zur Sprache, das heißt: es kam meine Einfangung zur Behandlung. Ich begann nun zu fragen. Es war außer einigen Leitsätzen nichts vorhanden; kein Programm, kein Flugblatt, überhaupt nichts Gedrucktes, keine Mitgliedskarten, ja nicht einmal ein armseliger Stempel, nur ersichtlich guter Glaube und guter Wille." (Hitler: "Mein Kampf", S.233 – 1924)
Seine letztendlich getroffene Entscheidung für den Eintritt in die Münchener Kleinstpartei begründet Hitler später wie folgt:
"Mich politisch zu betätigen, war ich schon längst entschlossen.(...) Ich wäre nie zu einer der bestehenden großen Parteien gegangen (...); deshalb aber schien mir diese lächerliche kleine Schöpfung mit ihren paar Mitgliedern den einen Vorzug zu besitzen, noch nicht zu einer 'Organisation' erstarrt zu sein, sondern die Möglichkeit einer wirklichen persönlichen Tätigkeit dem einzelnen freizustellen. Denn dies war der Vorteil, der sich hier ergeben mußte: man konnte hier noch arbeiten, und je kleiner die Bewegung war, umso eher war sie noch in die richtige Form zu bringen.(...) Denn was hier verkündet werden mußte, war eine neue Weltanschauung und nicht eine neue Wahlparole." (Hitler: "Mein Kampf", S.233 ff. - 1924)
Parteiführer Adolf Hitler - 1922 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-1753 / Hoffmann, Heinrich)
Der stellvertretende DAP-Vorsitzende Anton Drexler wirbt auch bei seinem Bekannten, dem Münchener Publizisten Dietrich Eckart, für die Ideen der jungen Partei. Dieser berichtet 1923 bei seiner polizeilichen Einvernahme:
"Anfangs 1919 besuchte mich Anton Drexler, der kurz zuvor die nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei gegründet hatte und machte mich mit seinen Ideen bekannt. Sie leuchteten mir ohne Weiteres ein und ich beschloss, der jungen Bewegung nach Kräften zu dienen. Einige Wochen oder Monate später kam ich zum ersten Mal mit Hitler zusammen. Ich fühlte mich zu seiner ganzen Art hingezogen und siehe da: sehr bald sah ich, dass er der richtige Mann für die junge Bewegung sei, und mein Verhältnis zu ihm wurde inniger während der Zeit des Kapp-Putsches (-März 1920-)." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, NS26/2180, S.7 - Erklärung Eckarts vor Münchener Polizei v. 15.11.1923 + Becker: "Der Dramatiker Dietrich Eckart", S.119 - 1969)
Der Münchener Publizist Eckart ist nach Auskunft von Georg Franz-Willing Mitglied des Germanen-Ordens. Hierzu heißt es:
"In der Thule machte Drexler auch die Bekanntschaft mit dem Zahnarzt Friedrich Krohn, der zu den geistigen Vätern der DAP und der Deutschsozialistischen Partei (DSP) gehörte. Drexlers Wirken wäre ohne die geistige Beeinflussung und Betreuung durch Männer wie Tafel, Eckart, Feder und Krohn nicht denkbar. Diese seine geistigen Mentoren gehörten der Thule und dem Germanenorden an." (Franz-Willing: "Die Hitlerbewegung – Der Ursprung 1919-1922", S.66 – 1962)
Anton Drexler und Dietrich Eckart besitzen, nach Sebottendorffs Buch "Bevor Hitler kam", bei der Thule-Gesellschaft jedoch nur einen Gaststatus, sind demnach kein Mitglied des Germanen-Ordens. Für Gottfried Grandel ist hingegen eine Mitgliedschaft anzunehmen, wobei es auffällt, dass er trotz offensichtlicher Schnittmengen in dem ausführlichen Personen- und Sachverzeichnis von 1933 durch Sebottendorff nicht eine einzige Erwähnung findet.
In der Kritischen Edition (I, S.592) zählt Dietrich Eckart bereits seit dem Sommer 1919 "mit seinen zahlreichen Verbindungen zu den Mitgliedern der DAP", wird jedoch in deren erster Mitgliederliste nicht aufgeführt.
Publizist und Verleger: Dietrich Eckart - 1922 (Bay. Staatsbibliothek: port 007215 / Kohlezeichnung: Böhringer, Karl)
Auch Gottfried Grandel unterhält zu dem Publizisten Dietrich Eckart enge Verbindungen. So notiert er rückblickend:
"Schon vor der Gründung der NSDAP hatte ich mit Dietrich Eckart in München persönliche Fühlung aufgenommen, der zu Beginn des Jahres 1919 seine (-antisemitische-) Zeitschrift 'Auf gut Deutsch' herausbrachte. Da mir deren Richtung gefiel, so unterstützte ich E.(ckart) mit Geld und warb auch selbst für die Ztsch (-Zeitschrift-)." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/Bl.1 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Für Dietrich Eckart bedient die junge Partei denn auch eines seiner Hauptanliegen: Den Antisemitismus. So schreibt Gottfried Feder, früher Theoretiker der Partei, über die Judenfrage:
"Der Nationalsozialismus hat bereits in seinem Programm vom 24. Februar 1920 in mehreren Punkten seine Stellungnahme zur Judenfrage unmißverständlich dargelegt.(...) Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein." (Bahr: "Der Jud ist schuld …? Diskussionsbuch über die Judenfrage", S.53 - 1932 + Hofer: "Der Nationalsozialismus", S.28-31 - 1979)
Die von Karl Harrer und Anton Drexler initiierte DAP befindet sich 1919 noch im Status einer rechtsextremen Splitterpartei. Sowohl Adolf Hitler in seiner neuen Funktion des partei-politischen "Trommlers", als auch der stellvertretende Parteivorsitzende Anton Drexler erhoffen sich daher, über die Werbung bei der völkischen Thule-Gesellschaft neue Verbindungen und einflussreiche Mitglieder für die noch junge Partei zu gewinnen.
Nach Georg Franz-Willings "Ursprung der Hitlerbewegung" (S.66) gehört auch Gottfried Feder dem Germanen-Orden an. Sein 1919 gezeigtes Engagement für die "Brechung der Zinsknechtschaft" wäre hier analog zu einem der drei Hauptforderungen des Germanen-Ordens aus der Weihnachtstagung von 1918 zu sehen:
"3. Verstaatlichung des Geldwesens. Unser Geldwesen liegt in den Händen von Privaten, besonders Juden und anderen internationalen Leuten. Das ist ein Unding an sich, da das Geld das Blut des nationalen Volkskörpers darstellt. Der Staat als Vertreter des Volkes kann nur wirklich regieren, wenn er die Verfügungsmacht über Geld und Geldwesen besitzt. Heute ist auch das Geld seinem Zwecke, ein bequemes Tauschmittel zwischen Arbeit und Lohn, Ware und Kaufpreis, zwischen Hersteller und Verbraucher zu sein, entfremdet und entzogen worden. Das Geld dient heute dazu, immer wieder Geld zu machen durch Bank- und Börsenmanöver, ohne wirkliche Arbeit." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.176 - 1933)
Die von Dr. Grandel erwähnte Flugblatt-Aktion für Gottfried Feder in Augsburg ähnelt den Schilderungen von Albert Reich über Dietrich Eckart, der ihm zufolge kurz vor der am 7. April 1919 in München ausgerufenen Räterepublik die von Gottfried Feder "abgefaßten Flugzettel aus Autos in die überall sich sammelnde Menge" werfen ließ. Zu Gottfried Feder erinnert sich später der Berliner Graf Ernst von Reventlow:
"Hitler erzählte von seinen Anfängen, daß eine Rede des Ingenieurs Gottfried Feder einen besonders tiefen Eindruck auf ihn gemacht habe mit ihrer Darlegung der Abhängigkeit der Völker vom Finanzkapital, die in der Forderung nach 'Brechung der Zinsknechtschaft' gipfelte.(...) Der von Feder verkündete, übrigens schon vor dem Kriege nicht selten behandelte Gedanke, bleibt im großen und ganzen richtig. Es ist unsinnig und eine wirtschaftliche Selbstverstümmelung des Staates, wenn er für seine Unternehmungen Geld vom Finanzkapital borgt und ewig Zinsen zahlt, sich deshalb beinahe niemals aus dieser Zinsknechtschaft lösen kann." (Reventlow: "Der Weg zum neuen Deutschland", S.159/160 - 1933)
Fabrikant Dr. Grandel hingegen weiß 1941 an das NSDAP-Hauptarchiv über Gottfried Feder zu berichten:
"Später wandte ich mich jedoch von seinen Bestrebungen ab und bedauerte seinen zunehmenden Einfluss." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
In der Rückschau fällt auf, dass sich Gottfried Grandel in seinem 1941 verfassten Bericht mehrmals von Personen distanziert, die er noch in der parteipolitischen Anfangsphase gezielt gefördert hatte.
Diese Wechselhaftigkeit korrespondiert jeweils mit der Haltung Hitlers. Zum einen: Konkurrenz war hier für den parteiinternen Führer ab 1921 nicht mehr vorgesehen, nur Unterwerfung. Zum anderen: Das Großkapital, von dem Hitler abhängig war, durfte mit manchen Forderungen nicht allzusehr verunsichert werden. Hatten die Kampf-Parolen gegenüber der Arbeiterschaft ihren Zweck erfüllt, kehrte Hitler ihnen gelegentlich wieder den Rücken zu. Auch Gottfried Feder trifft im Laufe der Parteientwicklung auf Vorbehalte Hitlers, der hierbei kleinlichst auf seinen Führungsanspruch achtet. Ab 1933 änderte Hitler dann einen Teil seiner bis dahin vertretenen Leitlinien, sodass auch Gottfried Feders "Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft" nicht mehr in das neue Konzept zu passen scheint. Hitlers Pläne benötigen offensichtlich das internationale Finanzkapital, Feders Überlegungen hatten somit ihren Dienst erfüllt.
Die Rolle der NSDAP wird im bayerischen Landtag erstmalig im Juli 1920 von dem deutschnationalen Landtagsabgeordneten Hilpert zum Ausdruck gebracht. Bei Masers Buchveröffentlichung heißt es hierzu:
"Wir erwarten und erhoffen von der nationalsozialistischen Bewegung nicht nur - (Unterbrechung durch Zurufe von links) - sind Sie nur zufrieden, Sie waren auch mal klein. Auch die nationalsozialistische Bewegung fängt naturgemäß klein an ... Ein Volk kann auf die Dauer sich nicht vom nationalen Gedanken abwenden und ich spreche es hier offen aus, daß wir die Überzeugung haben, daß der nationale Gedanke, wenn er nur die sogenannten bürgerlichen Parteien erfaßt, nicht die Gesundung herbeiführen kann. Er muß und wird auch die deutsche Arbeiterschaft erfassen." (Maser: "Die Frühgeschichte der NSDAP", S.234 - 1965)
Januar 1920
Bei der Vorstandswahl am 5. Januar 1920 tritt der DAP-Reichsvorsitzende Karl Harrer nicht mehr an, er scheidet im Disput mit Hitler. Die Mitgliederliste wird von Ferdinand Wiegand zum 2. Februar 1920 eingeführt. Mit dem Datum 25. Januar 1920 erscheint hier die erste reguläre Zuordnung zu einer Mitgliedsnummer: 713 (-500).
Am 4. Februar 1920 entschließt sich auch Franz Schrönghamer/Passau, Mitglied der NSDAP zu werden. Zugeordnet wird ihm die Nummer 722. Der völkische Dichter ist eng mit Gottfried Grandel befreundet und gehört dem Germanen-Orden an.
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Gründungsmitglieder der DAP nach der 1920 angefertigten Mitgliederliste von Ferdinand Wiegand:
501 Abzinger, Josef
502 Albeze, Georg
503 Appel, Franz
504 Auer, Karl
505 Bartels v., Wolfgang - 1883/1938 - Tonkünstler/Pianist/Komponist
506 Baur, Eleonore, geb. Mayr, gen. "Schwester Pia" - 1885 Bad Aibling/1981 - Krankenschwester, befreundet mit Adolf Hitler
507 Baumann, Hans - 1875/1951 - Battaillonsführer WK1, Major, Mitgl d. Freikorps Epp, später NSDAP-Politiker
508 Bayer, Wilhelm - - Kaufmann
509 Beggel, Karl - 1892/27.12.1951 - Kompaniefeldwebel WK1, Parteikassier 1919/20
510 Beggel, Luisa -
511 Berstel, Josef -
512 Berstel, Karl - - Sattler
513 Birkhofer, Adolf - 1900/ - Student Ing., Erster Parteikassier
514 Bogner, Albert - 1890 -
515 Boepple Dr., Ernst - 1887/15.12.1950 - Oltn. WK1, Verleger, Alldeutscher Verband,, angestellt bei Julius F. Lehmann
516 Braussenretter, Karl - Student Ing.
517
518 Capito, Adolf - 1897/ - Kaufmann
519 Dallmayr Dr., Alois - 1882/
520 Dannehl, Franz - 1870/ - Mitglied der Thule und des Kampfbundes der Thule
521 Dellmuth, Heinrich
522 Deminger
523 Deutschenbauer, Josef
524 Dietl, Eduard
525 Dosenberg,
526 Drexler, Anton - 1884/
527 Eberhardt, Otto - 1877/ - Fabrikant, Pasing
528 Ebner, Albert
529 Ernst, Jens - 1884/ - Kaufmann
530 Escherich, Walter - 1895/ - Laborant
531 Feder, Gottfried - 1887/ - Ingenieur
532 Fink, Otto - 1898/ -
533 Frei, Anton - 1874/ -
534 Friedrich, Karl - 1888/ - Arzt
535 Freyhold v.,
536 Fuchs, Oskar - 1887/ - Obergärtner
537 Gathmann, Otto - 1877/
538 Geisenberger, Karl -
539 Gehle, Ludwig - 1895/ -
540 Glasinger, Hans - 1880/ - Kaufmann
541 Goeschen, Alfons - 1895/ - Student, Germanistik
542 Griehl, Artur - 1879/ - Richildenstr.60, neben Dietrich Eckart (58)
543 Grillmeier, Alois - 1887/ -
544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554
555 Hittler, Adolf - Maler
556 557 558 559 560
(BArch Berlin: NS26/230 + 2099 - (NS)DAP-Mitgliederliste, die Zählung beginnt ab der Nummer 501)
https://www.youtube.com/watch?v=so51vusy4Sw
Hitlers erster politischer "Nährvater": Dr. Grandel
(206-1919) Wer im Internet über den Augsburger Fabrikanten Gottfried Grandel recherchiert, stößt unweigerlich auf die politische Frühphase Adolf Hitlers.
So heißt es beispielsweise:
"Hitler fuhr (-am 17. Dezember 1920-) nach Augsburg und besuchte Dr. Grandel, einen dortigen Industriellen, den Hitler auf einer Soiree (-der Thule-Gesellschaft-) in München kennengelernt hatte und der für die Partei schon einige Male zur Brieftasche gegriffen hatte." (Schwarzwäller: "Hitlers Geld", S.95 - 1988)
Auch Dr. Grandel selbst bestätigt in seinem ausführlichen NSDAP-Archivbericht von 1941 eine frühe Kontaktaufnahme zu dem späteren Diktator:
"Ich war inzwischen im März 1920 (-nach der Veröffentlichung des Parteiprogramms-) Mitglied der 'Deutschen Arbeiterpartei' geworden.(...) Adolf Hitler hatte ich kurz vorher (-1918/19?-) in der Thule-Gesellschaft im Hotel Vier Jahreszeiten kennen gelernt und hörte ihn da als Diskussionsredner zum erstenmale sprechen.(...) In meinem Wohnsitz in Augsburg bestand noch keine Ortsgruppe. Ich fing an, für die Bewegung zu werben." (BArch Berlin: NS26/514, S.586-587/Bl.1-2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Die hier von Gottfried Grandel gewählte Formulierung "kurz vorher" ist dabei interpretationsfähig, doch gerade die Beantwortung, durch wen und wann genau Dr. Grandel den damals noch unbekannten Weltkriegs-Gefreiten Adolf Hitler kennenlernt, dürfte einen Hinweis auf die ihn fördernde Struktur geben.
Einen kurzen Einblick in Dr. Grandels Politisierungsphase gibt der Augsburger Georg Fischer. Der städtische Amtmann ist seit 1917 mit der Familie Grandel befreundet und beschreibt seine Eindrücke rückblickend:
"Ich kenne Herrn Dr. Grandel seit etwa 7 Jahren (-ab 1917-) und bin längere Zeit mit ihm und seiner Familie in freundschaftlichem Verkehr gestanden, bis ich diesen wegen der besonderen geistigen und politischen Einstellung G.'s allmählich einschränkte und vor etwa 1 ¼ Jahren (-im Herbst 1922-) aufgab, ohne dass ein eigentlicher Bruch stattfand.(...) Im Laufe der Zeit hatten wir manches längere politische Gespräch, es kam aber wegen seiner sehr einseitigen Einstellung niemals zu einer Übereinstimmung zwischen uns, sodass ich ihm mehrmals erklären musste, dass ich ihn nur noch besuchen könne, wenn von Politik überhaupt nichts mehr gesprochen würde, - trotz seiner jedesmaligen Versprechen kam er aber immer schon nach ein paar Minuten auf den alten Gegenstand zurück. Ich habe ihn allmählich so einschätzen gelernt, dass er sich dazu berufen glaubt, unter allen Umständen eine politische Rolle spielen zu müssen (...)." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R8048/672, S.37 - Amtmann Georg Fischer an Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
In einem späteren Selbstbekenntnis erklärt der Angeklagte Gottfried Grandel vor dem Berliner Landgericht:
"Bis zur Revolution (...) habe ich mich für Politik nicht besonders interessiert." (Digitalisiert auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.250, S.5 - "Die Aussage Dr. Grandels" v. 27.5.1924)

Relativ unpolitisch bis zum erzwungenen Rückzug des deutschen Kaisers: Dr. Gottfried Grandel - 1917 (Fotografie im Privatbesitz)
Die Thule-Gesellschaft, in deren Rahmen Dr. Grandel den späteren Propagandisten Adolf Hitler kennengelernt haben will, wird zum Ende des Jahres 1918 von dem bayerischen Ableger des Germanen-Ordens in München gegründet. Initiator Rudolf Glauer/v. Sebottendorff legt Wert darauf, dem Germanen-Orden gegenüber der Öffentlichkeit durch die organisatorische Auslagerung der Thule-Gesellschaft eine Tarnung zu verschaffen.

Tarn-Organisation für den Germanen-Orden: Die Thule-Gesellschaft (Wikimedia Commons / o.Ang. - Datei: Thule-Gesellschaft.jpg - 1919)
Bekanntere Schnittmengen zu Adolf Hitler sind hingegen den folgenden Informationen aus Gottfried Grandels Wikipedia-Eintrag zu entnehmen:
• Im März 1920 ermöglicht Dr. Grandel dem damaligen Polit-Einsteiger Adolf Hitler von Augsburg aus einen Hin- und Rückflug zum Berliner Kapp-Lüttwitz-Putsch, auf dem dieser als NSDAP-Werbeobmann den völkischen Publizisten Dietrich Eckart begleitet.
• Am 17. Dezember 1920 trägt Dr. Grandel auf Wunsch Adolf Hitlers mit einer fast hälftigen Bürgschaft zum parteigebundenen Erwerb des überschuldeten Völkischen Beobachters bei, einem der aktivsten Hetzblätter der Weimarer Republik gegenüber jüdischen Mitbürgern. Dieser wurde wiederum zuvor von dem Gründer der Münchener Thule-Gesellschaft, Rudolf v. Sebottendorff, betrieben.
Doch diese beiden Wegmarken sind nicht die einzigen Hilfestellungen des Augsburger Ölfabrikanten auf Adolf Hitlers Streben zur politischen Machtübernahme. Bei näherer Betrachtung tauchen weitere Hinweise zu seiner frühen Unterstützung der (NS)DAP auf.
In dem informativen Buch "Die Hitlerbewegung - Der Ursprung" beschreibt Georg Franz-Willing bereits 1961 Adolf Hitlers frühes Verhältnis zu den Augsburger Einflüssen. Dort heißt es:
"Neben ihm (-Dr. Otto Dickel-) spielte in der Augsburger Werkgemeinschaft als finanzkräftiger Hintermann Dr. Gottfried Grandel eine große Rolle. Hitler und die Münchener Deutsche Abeiterpartei waren gerade Dr. Grandel zu großem Dank verpflichtet, weil beide, Hitler persönlich wie die Deutsche Arbeiterpartei, in ihren Anfängen von dem Augsburger ausgiebig materiell und geistig unterstützt worden waren. Dickel und Grandel waren alte Völkische und suchten ihr Münchener Patenkind (-Adolf Hitler-) in ihrem Sinne zu steuern." (Franz-Willing: "Die Hitlerbewegung - Der Ursprung", S.109 - 1961)
Die hier angedeutete Steuerung Adolf Hitlers bezieht sich auf die Jahre 1919-1921, danach verliert auch Dr. Grandel als frühester Förderer den direkten Einfluss auf Adolf Hitler. Ein in der historischen Aufarbeitung bislang unberücksichtigter Aspekt aus der Frühphase der DAP findet sich in Paderborn. Aus den Dokumenten des Kreis- und Stadtarchives zum Nachlass des westfälischen Wanderredners Heinrich Dolle geht hervor, dass Dr. Grandel dem damaligen Gefreiten Adolf Hitler weit mehr ermöglichte, als es die derzeitige Literatur vermuten lässt - und dies zu einem deutlich früheren Zeitpunkt, als Adolf Hitlers parteipolitischen Ambitionen nach außen noch nicht erkennbar waren.

Streitbarer Wanderredner aus Westfalen: Heinrich Dolle - 1918 (GStA PK, I. HA Rep. 84a, Nr.55584 - Artikel aus: General-Anzeiger, Nr.3 v. 17.01.1920, S.2 - Portrait Heinrich Dolle / o.Ang.)
Aus den in Paderborn archivierten Schriftstücken ergeben sich Fragen:
• Hatte Gottfried Grandel bedeutenden Einfluss auf die frühe politische Willensbildung Adolf Hitlers genommen, bevor dieser im Herbst 1919 Mitglied der noch junge Münchener DAP wurde?
• Entspringt die politische Laufbahn des gebürtigen Österreichers gar einem breit angelegten völkischen Plan des geheimen Germanen-Ordens, für dessen Umsetzung sich Dr. Grandel schon Anfang 1919 an wichtiger Position mit verantwortlich fühlt?
Die Beantwortung der Fragen erscheint nicht einfach, denn Gottfried Grandel lebte förmlich in der ersten Hälfte der 20er-Jahre das politisch-geheime Handeln im Hintergrund. Gleichzeitig galt er in der völkisch-nationalen Szene der jungen Weimarer Republik als wissenschaftliche Leuchte, einflussreich und gut vernetzt.
Eine einzige Ausnahme zu dieser ansonsten sehr konsequenten Verschwiegenheit gegenüber der eigenen politischen Tätigkeit gewährt Dr. Grandel jedoch im Jahre 1941: In einem von ihm verfassten 11-seitigen NSDAP-Archivbericht finden sich verschiedene Hinweise auf seine Tätigkeit aus der sogenannten Kampfzeit der Nationalsozialisten, doch die bei Heinrich Dolle aufgezeigte Variante der frühen Politisierung des Gefreiten Adolf Hitler erfährt hier von ihm keine Erwähnung. Der Stil Gottfried Grandels verbleibt dabei oft im Ungefähren.

"Männer schreiben Geschichte": Hauptarchiv der NSDAP in München - 1938 (BArch: Bild 119-05-43-14 / o.Ang.)
Eine mögliche Erklärung für die auch noch späte Zurückhaltung: Der völkische Aktionsplan steht 1941 noch immer unter einer strikten Geheimhaltungspflicht des Germanen-Ordens. Gottfried Grandel hätte sich, falls er denn tatsächlich Mitglied des Ordens gewesen ist, lebenslang an das Schweigegelübte gebunden gefühlt: Auf "Gedeih und Verderb", wie es Karl Böhrer, ein frühes Mitglied der Augsburger NSDAP-Ortsgruppe und des Germanen-Ordens, in seinen 1941 verfassten Erinnerungen an das NSDAP-Hauptarchiv formuliert. Dessen ausführlichen Einlassungen sind es vermutlich, die das Parteiarchiv im Abstand von 20 Jahren überhaupt auf Dr. Grandel aufmerksam werden lassen. In keinem weiteren Archivbericht taucht der Name des frühen Förderers der Partei auf. Interessant in diesem Zusammenhang: Auch das Parteiarchiv selbst stellt nach der Kontaktaufnahme gegenüber Gottfried Grandel keine detaillierten Nachfragen zu dem Jahr 1919, in dem Adolf Hitler der DAP beitrat. Möglich wäre es auch, dass Gottfried Grandel zu Beginn der 20er-Jahre, wie Ludwig Müller von Hausen, zu den Feme-Rittern der Thule-Gesellschaft gehört, die zu Beginn der Weimarer Republik über Leben und Tod von politisch missliebigen Personen entscheiden. Zumindest hebt Gottfried Grandel in seinem NSDAP-Archivbericht die Rolle von Max Neunzert auffallend deutlich hervor, welcher im Zusammenhang mit verschiedenen Feme-Morden der beginnenden 20er-Jahre steht.
Im Rahmen von Dr. Grandels Attentatsplanungen gegenüber General v. Seeckt, dem Chef der deutschen Heeresleitung, erwähnt der kurz darauf verhaftete Fabrikant 1924 gegenüber dem Berliner Untersuchungsrichter Dr. Nothmann zumindest, dass hinter ihm eine "große Organisation" stünde, womit der Germanen-Orden bzw. die Organisation Consul gemeint gewesen sein könnte. Was hingegen durch das frühe Augsburger NSDAP-Ortsgruppenmitglied Karl Böhrer verbrieft ist: Gottfried Grandel ist im Jahre 1921 bereits Hochgradfreimaurer, der Arbeiter Karl Böhrer selbst auch seit 1919 Mitglied im Augsburger Germanen-Orden.

Träger des völkischen Aktionsplanes: Der Germanen-Orden - 1917 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/852, S.47)
Die Quellenlage bleibt aufgrund der Geheimstufe des Ordens überschaubar, dennoch ergeben die einzelnen Versatzstücke ein gewisses Bild. Der folgende Abschnitt ist daher der Versuch einer verspäteten Spurensuche.
Inwieweit Dr. Grandel mit Adolf Hitler und dem Germanen-Orden in Beziehung stand, wird sich jedoch im Abstand von 100 Jahren nicht mehr bis ins Detail klären lassen.
November 1918
Über den Vorlauf des Politikers Adolf Hitler schreibt Ernst Deuerlein in seiner Buchveröffentlichung:
"Hitler fand in der Armee des ersten Weltkrieges das, was er instinktiv gesucht hatte - einen Schutz vor äußerer Not, eine Gemeinschaft, die teils geduldig, teils spöttisch-lächelnd, seinen Reden zuhörte, und eine Aufgabe, die ihn ausfüllte. Im Lazarett Pasewalk bei Stettin erlebte Hitler die Veränderungen der politischen Verhältnisse in Deutschland im Herbst 1918 (-dortige Entlassung am 19. November 1918-). Daß er daraufhin den Entschluß fasste, Politiker zu werden, wurde ihm erst bei der Niederschrift des ersten Bandes seines Buches 'Mein Kampf ' 1924 bewußt.(...) Da Hitler in seinen nicht wenigen Reden bis zum Putsch vom 9. November 1923 kein Wort über den angeblich im Herbst 1918 gefaßten Entschluß, Politiker zu werden, verlor, drängt sich die Vermutung auf, seine Begegnung mit der Politik wurde nicht durch eigene Willensleistung, sondern durch bisher nicht bekannte Umstände (-im Auftrag des Germanen-Ordens?-) veranlaßt.(...) Was tat der Ende November 1918 in eine Münchener Kaserne (-2. Inf.Reg., 1. Ers.Bat., 7. Komp./Luisenschule-) zurückgekehrte Hitler in dieser Zeit? Alle bisherigen Ermittlungen und Befragungen geben keine erschöpfende und zweifelsfreie Auskunft. Zunächst scheint Hitler in München gewesen, später in ein Entlassungslager nach Traunstein kommandiert worden zu sein. Die sozialdemokratische Zeitung Münchens, die 'Münchener Post', berichtete später, Hitler habe sich im Winter 1918/19 mit dem Gedanken getragen, in die SPD einzutreten. Die Gründe, warum der Eintritt in die SPD scheiterte, sind nicht bekannt. Sie können sowohl an Hitler als auch der Haltung der SPD (-Ablehnungs des vom Germanen-Orden erwarteten Antisemitismus?-) liegen." (Deuerlein: "Hitler - Eine politische Biographie", S.40/41 - 1969)
In einem Rüblick auf Adolf Hitlers Zeit nach der Kapitulation des Heeres berichte Rudolf Schüßler:
"Ich war Ende 1918 Vizefeldwebel beim Ersatz-Bataillon des kgl. bayer. 2. Inf.-Regiments in (-den Baracken-) Oberwiesenfeld. Als Adolf Hitler (-ab dem 17. Februar 1919-) zu uns (-ins Kasernement des 2. Inf. Regt. in der Loth-/Infanteriestraße-) kam, fiel er seinen Vorgesetzten dadurch auf, daß er einer der wenigen war, die damals die militärische Grußpflicht befolgten. Auch war er der einzige, der sich im Gegensatz zu den anderen Soldaten, die vom Geist der roten Meuterer angesteckt waren, keine neue Uniform 'besorgte'." (BArch: NS 26/80, Der Sternecker - Sonderausgabe: "Aus dem ersten Kampfjahr der Bewegung" v. 1935 + Interview mit Rudolf Schüßler im Völkischen Beobachter v. 8.11.1933)
Januar 1919
Rückblickend wird der Traunsteiner Aufenthalt Adolf Hitlers verschiedentlich kommentiert. So schreibt Gerd Evers in einem 2018 gehaltenen Vortrag:
"Traunstein war damals zwar eine kleine Stadt mit rund 10 000 Einwohnern, dennoch aber während des Krieges aus mehrfachen Gründen von besonderer Bedeutung, und zwar über ihren Status als Sitz des Bezirksamtes und eines Landgerichts hinaus: Sie war Standort eines zentralen Internierungslagers für Zivilpersonen und Kriegsgefangene.(...) Das Lager wurde natürlich von einer militärischen Einheit bewacht, zu der von November 1918 bis Ende Januar 1919 der Gefreite Adolf Hitler gehörte." (traunsteiner-tageblatt.de: "Kriegsende und Revolution" - Abgedruckter Vortrag Gerd Evers v. 1.12.2018)
Zu dem Münchener Kasernen-Aufenthalt Adolf Hitlers in der Luisenschule heißt es:
"Er kam zur 7. Kompanie des 1. Ersatzbataillons, die in der Luisenschule lag, wo auch eine Propagandaabteilung untergebracht war, die von dem zehnköpfigen, linksorientierten Soldatenrat, der auch die Befehlsgewalt über die Münchener Kasernen hatte, eingerichtet worden war. In der Luisenschule fand Hitler also Soldatenräte vor, die sich durch die Revolution ein Führungs- und Befehlsrecht angeeignet hatten." (Münchener Stadtmuseum: "München - 'Hauptstadt der Bewegung'", S.71 - 2002)
Februar 1919
Am 21. Februar 1919 wird der bayerische USPD-Ministerpäsident Kurt Eisner erschossen.
"Mit dem 'Ziel der Entlassung aus dem Militärdienst' kam er am 12. Februar 1919 zur 2. Demobilmachungskompanie, wo er nichts zu tun und sehr viel Zeit hatte. Langsam wurde aus dem Nichtstuenden, unauffälligen, eher bescheidenen Hitler durch die konfusen Verhältnisse und sehr unterschiedlichen politischen Einstellungen der Soldaten einer der vielen polemisierenden und agierenden Soldaten der damaligen Zeit. Hitler begann, mit seinen Kameraden zu diskutieren, und scheinbar gefielen diesen Hitlers Ansichten. Jedenfalls wurde er im Februar 1919 zum Vertrauensmann des Demobilmachungsbataillons des 2. Infanterie-Regiments gewählt, der seine Aufträge und auch Schulungen von der Propagandaabteilung der Mehrheitssozialdemokraten erhielt. Seine Aufgabe bestand darin, die jeweils erscheinenden Beiblätter zu den Regimentsbefehlen beim Apell bekannt zu geben und jeden Dienstag Aufklärungsmaterial in der Propagandaabteilung Luisenschule abzuholen.(...) Hitlers damalige Annährung an die regierende SPD ist durch verschiedene Quellen, auch Zeitungsberichte, belegt. Freilich war ihm diese Zusammenarbeit später peinlich, obwohl die Mehrheitssozialdemokratie in der damaligen Situation zu den Kräften gehörte, die die Revolution abstoppen wollten." (Münchener Stadtmuseum: "München - 'Hauptstadt der Bewegung'", S.71 - 2002)
Es ist nicht ausgeschlossen, dass Adolf Hitler bereits im Februar 1919 der Münchener Thule-Gesellschaft zugearbeitet hat. Die Tarnorganisation des von Rudolf Glauer/v. Sebottendorff gegründeten Münchener Germanen-Ordens könnte ihn hier im Rahmen der Informationsbeschaffung direkt an den politischen Gegner geführt haben. Auch Dr. Grandel scheint in dieser politisch äußerst labilen Phase in Bezug auf Adolf Hitlers Werdegang eine entscheidende Rolle einzunehmen.
März 1919
Rudolf Schüßler berichtet weiter:
"Im März 1919 standen Adolf Hitler und ich am Marienplatz während der Rede des Marxisten (-Friedrich-) Ebert. Als mein Kamerad einen Zwischenruf machte, war sofort Polizei zur Stelle, die ihn wegbrachte." (BArch Berlin: NS 26/80, Der Sternecker - Sonderausgabe: "Aus dem ersten Kampfjahr der Bewegung" v. 1935 + Interview mit Rudolf Schüßler im Völkischen Beobachter v. 8.11.1933)
Der Versuch einer möglichst lückenlosen Chronologie von Adolf Hitlers Politisierung des Jahres 1919, dem hier Aufmerksamkeit beigemessen wird, stützt sich daher im Wesentlichen auf einen Brief des westfälischen Wanderredners Heinrich Dolle an General a. D. Erich Ludendorff, in dem folgende Aussagen getroffen werden:
"Adolf Hitler lebte, ehe er (-im August/September 1919-) Mitglied der NSDAP wurde, ¾ Jahre bei meinem Freunde Gottfried Grandel in Augsburg. Dort bekam er nicht nur die körperliche Nahrung; auch die geistige. Grandel zur Seite standen (-die Mitglieder des Germanen-Ordens Lorenz-) Mesch und (-der Heidelberger Privatdozent Dr. Arnold-) Ruge. Adolf Hitler wuchs über seine Nährväter hinaus und - - - vergas sie. Dietrich Eckart (-aus München-) war (-spätestens ab Mitte 1921-) sein neuer. Doch auch Dietrich Eckart nährte sich von den genannten. Er sog aus uns." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Maschinenschr. Brief Dolles an General Erich Ludendorff v. 25.11.1925)

Bei Grandels in Augsburg: "Nicht nur die körperliche Nahrung; auch die geistige" (Wikimedia Commons / o.Ang. - Datei: Hitler 1921.jpg - Passfoto der Waffenbesitzkarte v. 1918)

Nationalsozialistische Grundausbildung im Augsburger Betriebsgebäude? Rückansicht des Firmenkontors in der Johannes Haagstraße 18 - 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Der von Heinrich Dolle erwähnte Regensburger Architekt Lorenz Mesch und der Heidelberger Privatdozent Dr. Arnold Ruge laufen nachweislich im Jahre 1921 als Mitglieder des Germanen-Ordens Walvater. Dr. Arnold Ruge vermerkt später:
"Von Herrn Adolf Hitler hatte ich schon im Jahre 1920 seiner ersten Parteifahnen als Unterpfand kameradschaftlicher Treue geschenkt bekommen.(...) Obendrein bin ich Norddeutscher, was bisher keine gute Empfehlung in Bayern gewesen ist. Ich habe aus diesen Erwägungen heraus die dem akademischen Lehrer näherliegende Unterweisung in kleinen Kreisen betrieben, zu denen sich hin und wieder auch jetzige hohe Führer des Nationalsozialismus gesellten." (Digitalisiert auf //dfg-viewer.de: BayHStA, MK 17927, S.66/67, Bl.2/3 - Auszug über Dr. Arnold Ruge aus den Akten der Münchener Polizeidirektion, Ruge an Kultusminister Schemm v. 8.9.1933)
Zeitlich einzuordnen sind Heinrich Dolles Angaben wiederum anhand von Adolf Hitlers angenommenem Eintritt in die Münchener Parteipolitik. Nach Grebners "Der Gefreite Adolf Hiltler" gilt "der 26. September 1919 als wahrscheinlichstes Beitrittsdatum" Adolf Hitlers zur Deutschen Arbeiterpartei (DAP) in München. Eventuell steht dessen offizieller Politik-Eintritt im zeitlichen Zusammenhang mit dem kurz zuvor ergangenen Münchner Prozessurteil gegen Fritz Seidel, dem Verantwortlichen im sogenannten Geiselmord-Prozess. Fritz Seidels Todesurteil wird am 19. September 1919 in Stadelheim vollstreckt. Möglicherweise hätte er den Namen Adolf Hitler der bei einer Durchsuchung vom 26. April 1919 im Hotel Vier Jahreszeiten aufgefundenen Thule-Mitgliederliste zuordnen können.
Auch der Zeitzeuge, DSP-Gründer und ehemaliges Thule-Mitglied Georg Grassinger, bestätigt am 17. November 1961 in seinem Schreiben an Dr. Sonja Noller vom Münchener Institut für Zeitgeschichte:
"Daß Hitler schon im Sommer 1919 (-zu der von Hptm. Karl Mayr organisierten Propaganda-Schulung-) nach München einen Abstecher machte, ist mir selbstverständlich bekannt (...). Nun ist es doch so, daß Hitler zuerst im September (-1919-) zu uns (-DSP-) bzw. zu mir kam; was er vorher getrieben hat, wie oft und wie lange er in München war, interessiert mich nicht (-Schweigepflicht Germanen-Orden?-). Jedenfalls ist er politisch erst im September 1919 zum erstenmal aufgetreten." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: Grassinger, Georg, ZS-50-27)
Nachweisbar ist es nicht, aber Hans Georg Grassinger ist mit hoher Wahrscheinlichkeit im Jahre 1919 nicht nur Mitglied der Thule-Gesellschaft, sondern auch des geheimen Germanen-Ordens, da er im engsten Mitarbeiterverhältnis zu Rudolf Glauer/v. Sebottendorff steht, dem Gründer der bayerischen Sektion des Germanen-Ordens und der Thule-Gesellschaft. Er dürfte somit im Jahre 1919 über geheimgehaltene Vorgänge und Pläne innerhalb der Ordensleitung gut unterrichtet gewesen sein. Insofern ist wohl auch das von Georg Grassinger geäußerte Desinteresse gegenüber Adolf Hitlers biographischem Vorlauf der Schweigepflicht des Ordens geschuldet.
Der Zeitzeuge Georg Grassinger berichtet hier auch von Adolf Hitlers "Abstecher nach München", sodass der reguläre Aufenthaltsort des Gefreiten Hitlers zum Sommer 1919 von der Entfernung durchaus Augsburg gewesen sein könnte, zumindest aber demnach nicht eine Kaserne innerhalb Münchens gewesen sein kann.
In den Ausführungen von Rudolf Schüssler, dem ab Ende 1919 ersten bezahlten Geschäftsführer der DAP, heißt es rückblickend zu Adolf Hitlers Politisierung:
"Mir sind die Vorgänge noch gut in Erinnerung, da ich praktisch bei allen Handlungen usw. vom August 1919 an mit dem Führer als sein wirklich erster und engster Mitarbeiter beisammen war." (BArch Berlin: NS26/110 - Korrespondenz Rudolf Schüssler mit dem NSDAP-Hauptarchiv v. 11.3.1941)
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Nachgestellte Szene zur Eröffnung des Parteimuseums Sterneckerbräu: Kassensturz durch den Geschäftsführer Rudolf Schüssler - 8. November 1933 (Postkarte im Privatbesitz / Hoffmann, Heinrich)
Auch der damalige DAP-Vorsitzende Anton Drexler betont zu der zeitlichen Einordnung von Adolf Hitlers politischen Ambitionen:
"Die erste Berührung der Partei mit Adolf Hitler hat wohl schon im August 1919 stattgefunden. Dietrich Eckart war damals Mitglied geworden und sollte (-am 14. August 1919-) einen Vortrag halten." (BArch Berlin: NS26/82 - Erinnerungen von Anton Drexler v. 23.1.1936)
Der hier terminierte Eintritt in die Parteipolitik hieße nach Heinrich Dolles Ausführungen, dass sich Adolf Hitler bereits neun Monate zuvor, also um den Jahreswechsel 1918/19, bei seinem "Nährvater" Gottfried Grandel in Augsburg eingefunden habe. Dies korrespondiert mit weiteren national-völkischen Bausteinen, die in diesem Zeitraum initiiert werden:
- Ausbau des bayerischen Germanen-Ordens durch Rudolf Glauer/v. Sebottendorff
- Ausbau der Thule-Gesellschaft durch v. Sebottendorff als Tarnorganisation des Germanen-Ordens
- Erwerb des Münchener Beobachters/Verlag Franz Eher Nachf. durch v. Sebottendorffs Freundin Käthe Bierbaumer am 14. September 1918
- Gründung der Münchener DAP durch den 1. Vorsitzenden Karl Harrer, Mitglied der Thule-Gesellschaft und Sportredaktion des Münchener Beobachters am 5. Januar 1919
- Gründung der Münchener DSP durch den 1. Vorsitzenden Hans Georg Grassinger, rechte Hand von Rudolf v. Sebottendorff
Als Schlüsselfigur der konzertierten Aktion ist Rudolf v. Sebottendorff (geb. als Adam Rudolf Glauer) zu nennen, der sich ab 1917 als Vertreter des abgespaltenen Germanen-Ordens Walvater für den süddeutschen Raum verantwortlich zeigt. Sein geplantes Vorgehen von 1918 begründet er in einer späteren Buchveröffentlichung:
"Wollte man etwas erreichen, so mußten erst die Gedanken in einem größeren Kreise Wurzeln fassen, das Ackerland mußte erst bestellt werden. Da durch das gesprochene Wort nicht gewirkt werden konnte, sollte es durch das gedruckte ersetzt werden." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.43 - 1933)

Nach dem völkischen Erwerb: Münchener Beobachter zur Zeit der Revolution - 9. November 1918 (historisches-lexikon-bayerns.de - Münchener Beobachter)
In späterern Jahren betont Adolf Hitler zu den reaktionären Bestrebungen nach dem Ende des ersten Weltkrieges:
"Im Jahre 1918 konnte von einem planmäßigen Antisemitismus gar keine Rede sein. Noch erinnere ich mich der Schwierigkeiten, auf die man stieß, sowie man nur das Wort Jude in den Mund nahm. Man wurde entweder dumm angeglotzt, oder man erlebte heftigsten Widerstand. Unsere ersten Versuche (-Germanen-Orden/Thule-Gesellschaft?-), der Öffentlichkeit den wahren Feind zu zeigen, schienen damals fast aussichtslos zu sein, und nur ganz langsam begannen sich die Dinge zum Besseren zu wenden. So verfehlt der Schutz- und Trutzbund in seiner organisatorischen Anlage war, so groß war nichtsdestoweniger sein Verdienst, die Judenfrage als solche wieder aufgerollt zu haben. Jedenfalls begann (-durch die Aktivitäten des reichsweit aktiven Schutz- und Trutzbundes-) im Winter 1918/19 so etwas wie Antisemitismus langsam Wurzel zu fassen. Später hat dann allerdings die nationalsozialistische Bewegung (-ab 1920-) die Judenfrage ganz anders vorwärtsgetrieben. Sie hat es vor allem fertiggebracht, dieses Problem aus dem engbegrenzten Kreise oberer und kleinbürgerlicher Schichten herauszuheben und zum treibenden Motiv einer großen Volksbewegung umzuwandeln." (Hitler: "Mein Kampf", S.128 - 1939)
Journalistisch wird schon früh der Versuch unternommen, die politische Biographie Adolf Hitlers zu durchleuchten. Aus einem bei Joachimsthaler aufgeführten SPD-nahen Zeitungsartikel ist zu entnehmen, dass der gerade aus dem Lazarett nach München zurückgekehrte Adolf Hitler bereits zum Ende des Weltkrieges "1918 gerne Marxist geworden" wäre.
In dem in seinem Buch abgebildeten Artikel "Wo stand Adolf Hitler 1918" wird der ambitionierte Gefreite für das ablaufende Jahr 1918 mit den Worten zitiert:
"Er sagte zu einem seiner Kameraden wörtlich: 'Ich stehe in Verbindung mit dem SPD-Parteisekretär (-Erhard Auer?-), um in die Propaganda-Abteilung der SPD einzutreten.' Die Verhandlungen mit dem sozialdemokratischen Parteisekretär zerschlugen sich." (Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.200/204 - 2000)
Weiter heißt es:
"Alois Hundhammer erwähnte 1931 auch in einem staatsbürgerlichen Vortrag, daß die 'Münchner Post' behauptet, Beweise dafür zu haben, daß sich Hitler noch Anfang 1919 zur Sozialdemokratie bekannte." (Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.201 - 2000)
Parallel zu den beschriebenen Tendenzen Adolf Hitlers zur Sozialdemokratie heißt es in den Tagebuch-Aufzeichnungen des Thule-Mitglieds Johannes Hering:
"Am 5. Nebelungs (-November 1918-) Flieger über München und Sirenengeheul zur Einschüchterung der Bevölkerung. Der Halbjude (-und Führer der Thule-) Rechtsanwalt (-Hanns-) Dahn, Enkel des berühmten Schriftstellers und Germanenforschers (-Felix Dahn-), auf dessen Mitgliedschaft wir bei der T.(-uhle-) G.(-esellschaft-) stolz waren, fordert Zusammengehen mit den Sozialdemokraten, spielt auch sonst fortan eine zweifelhafte politische Rolle." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/865, S.23 - Erinnerungen des ehem. Thule-Vorsitzenden Johannes Hering an das NSDAP-Hauptarchiv - 15.6.1939)
Die im Zusammenhang mit Adolf Hitler erwähnten Verhandlungen mit dem sozialdemokratischen Parteisekretär könnten sich auf den während der Revolutionsmonate 1918/19 unter Kurt Eisner amtierenden Innenminister und vom Oktober 1922-1933 bei der Münchener Post arbeitenden Redakteur Erhard Auer beziehen:
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Adolf Hitlers früher Kontakt zur SPD? Partei-Funktionär Erhard Auer - 1918 (Bay. Staatsbibliothek: port-033410 / o.Ang.)
Die SPD steht zu Beginn des Jahres 1919 unter starkem politischen Druck: Sowohl der Spartakus-Bund von den kurz darauf ermordeten Politikern Rosa Luxenburg und Karl Liebknecht, als auch die Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) gründen zum Jahreswechsel 1918/19 die KPD, da ihnen SPD und USPD als zu gemäßigt gelten.
Etwas Wesentliches scheint jedoch im beginnenden Jahre 1919 dem geschilderten Ansinnen Adolf Hitlers entgegen zu stehen, innerhalb der SPD als Propagandist Fuß zu fassen.
Seine damalige Nachkriegs-Situation kann als prekär bezeichnet werden, auch die perspektivische Arbeits- und Wohnungsfrage ist für den Weltkriegs-Gefreiten zum November 1918 offenbar noch ungelöst. Gibt es also ein konkurrierendes Angebot, welches seine wirtschaftliche Situation stärker berücksichtigt oder sind es inhaltliche Gründe, die eine Abkehr von der SPD bedingen? Herrscht mit den SPD-Oberen Uneinigkeit in der anzustrebenden Staatsform? Ist es der von der SPD propagierte Internationalismus? Gibt es Vorbehalte in der propagandistischen Anwendung des massentauglichen Antisemitismus oder ist diese Überlegung im Frühjahr 1919 noch kein relevantes Thema für Adolf Hitler?
Eine weitere Möglichkeit, die zum Abbruch der Verhandlung mit dem sozialdemokratischen Parteisekretär geführt haben könnte: Der Gefreite Adolf Hitler täuscht sein frühes SPD-Interesse im Sinne seiner national-völkischen Auftraggeber des Germanen-Ordens nur vor, um als Spitzel auf den Erfahrungen der SPD eine eigene völkisch-nationale Propagandaabteilung zu organisieren.
Der spätere Parteiführer Hitler betont zumindest 1924 in der Münchener Prozess-Aussage nach seinem gescheiterten Putsch:
"Wir hätten es in unserer Fähigkeit, alle, wie wir hier sitzen, einst (-Februar 1919-) leicht gehabt, ins andere Lager zu gehen. Glauben Sie mir, ich wäre auch im anderen Lager mit offenen Armen aufgenommen worden." (IfZ: "Der Hitler-Prozess 1924", Teil 4, S.1584)
In dem bei Anton Joachimsthaler abgebildeten Artikel heißt es zu der damaligen Grundstimmung in München weiter:
"Die Verhandlungen mit dem sozialdemokratischen Parteisekretär zerschlugen sich. Den Grund hat Hitler nie angegeben. Im Januar 1919 schlug sich Hitler zu den Rechtsparteien (-Dr. Grandel?-). Wer die Lage in München (-nach der gescheiterten Bürgerwehr von Rudolf Buttmann-) nur etwas kennt, für den war es klar, daß jene (-Offiziers-)Kreise nicht vor das Volk treten konnten, um neue Ideen zu predigen. Also war es für sie ein Akt der Klugheit, sich einen Mann zu suchen, der von unten kam und öffentlich sprechen konnte. So konnten sie Hitler als willenlosen und vor der beruflichen Zukunft bangenden Menschen leicht für ihre Ziele gewinnen." (Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.200 - 2000; Artikel aus: Volks-Wacht, Nr.58 v. 10.3.32 + Westdeutsche Arbeiterzeitung v. 12.3.32)

(Abgedruckt in Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.200 - 2000; Artikel aus: Volks-Wacht, Nr.58 v. 10.3.32)
Die Erklärung für die Abkehr Adolf Hitlers von der SPD könnte jedoch auch mit dem tödlichen Attentat auf Kurt Eisner vom 21. Februar 1919 zusammenhängen. Rudolf Glauer/v. Sebottendorff erklärt hierzu rückblickend:
"Wie schon erwähnt, reichen die Ansätze zum (-Thule-)Kampfbunde bis zum Beginn der Revolution von (-8. November-) 1918 zurück, in Erscheinung trat er aber erst mit dem Tode (-des von Graf Arco am 21. Februar 1919 erschossenen Ministerpräsidenten Kurt-) Eisners. Bis zu diesem Zeitpunkte hatte die Hoffnung bestanden, von innen heraus die Regierung (-des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner über den SPD-Innenminister Erhard Auer-) auszuhöhlen, die rechtsstehenden Parteien zu einer starken völkischen Einheit zusammen zu bringen und die Frontsoldaten in einer völkischen Partei zusammen zu schweißen. Der Aufruf zur Gründung einer solchen Partei war (-vom Germanen-Orden?-) beschlossen worden und war (-am 5. 1.1919 mit der Gründung der DAP-) ergangen. Auch in der sozialdemokratischen Partei, besonders in der bayerischen, hatten sich viele Anzeichen der beginnenden Erkenntnis gezeigt, daß die Fremdlinge, wie man die Juden bezeichnete, die Fremdstämmigen an dem ganzen 'Saustall' die Schuld hätten.(...) Eisners Tod (-Attentat am 21.2.1919-) und die nachfolgenden Ereignisse hatten aber klar gemacht, daß es zu einem Kampfe (-zwischen roten und weißen Anhängern-) kommen mußte. Die Organisation des (-Thule-Kampf-)Bundes war in wenigen Stunden vollendet, jedes Glied (-und somit wohl auch Adolf Hitler-) fügte sich reibungslos an die Stelle, die ihm angewiesen wurde." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.105 - 1933)
Ein weiterer Aspekt:
"Der nächste Zeuge, städtischer Oberbibliothekar Hans Ludwig Held, bekundete, daß sich die sozialdemokratische Stadtratsfraktion (-im Februar 1919?-) mit dem Vorschlage befaßt habe, einen Aufruf zu erlassen, um die Unterstützung jüdischer Kreise für die nichtantisemitischen Parteien zu erlangen. Seines Wissens sei gesagt worden, daß jemand mit diesem Vorschlag an (-Kurt Eisners Innenminister Erhard-) Auer herangetreten sei und Auer wünsche, die Stellungnahme der Fraktion zu erfahren." (Digitalisiert auf digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.34, S. 7 - "Abg. Erhard Auer gegen Winter" v. 4.2.1925)
Auch zu der möglichen Verwendung Adolf Hitlers während der Räterepublik bietet Rudolf Glauer / v. Sebottendorff Anhaltspunkte:
"Die zweite Abteilung (-des Thule-Kampfbundes-), den Nachrichtendienst, hatte Leutnant Edgar Kraus in Händen. Kraus ist der Sohn des ersten Staatsanwaltes in Augsburg, der sich später im bayerischen Femeprozess einen Namen machte." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.107 - 1933)
Auf Führersuche
Der Münchener Publizist und völkische Dichter Dietrich Eckart wird bereits zur Mitte des Jahres 1919 in Bezug auf die Anführer-Suche mit dem Ausspruch zitiert:
"Am besten wäre ein Arbeiter, der das Maul auf dem richtigen Fleck hat, Herrgott, wenn Noske nicht solch ein - hier kam wieder ein Kraftausdruck - gewesen wäre ...!" (Heiden: "Adolf Hitler - Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit", S.77 - 1936)
Doch wenn Heinrich Dolles Aussagen über Adolf Hitlers politische Erstschulung in Augsburg zeitlich zutreffen sollten, dann wusste der eng mit Dr. Grandel befreundete Dietrich Eckart bereits Mitte 1919 mit hoher Wahrscheinlichkeit von dem völkischen Anliegen, den Weltkrigesgefreiten als redegewandten Propagandisten einzusetzen.
April 1919
Vielleicht ist es tatsächlich ein doppeltes Spiel, welches Adolf Hitler im Jahre 1919 mit der SPD betreibt. Bei Konrad Heiden heißt es weiter:
"In München tritt er während der Räterepublik (-April 1919-) bei seinen Kameraden für die sozialdemokratische Regierung ein und nimmt überhaupt in den erregten Diskussionen für die Sozialdemokratie und gegen die Kommunisten Partei. Darauf soll er (-während der Münchener Räterepublik am 27. April 1919-) verhaftet werden; er hält sich jedoch, wie er erzählt, das dreiköpfige Haftkommando mit dem Karabiner vom Leib. Nach dem Sturz der Räteregierung dringt eine 'weiße' Truppe in die Kaserne ein, wo Hitler mit einer 'wilden roten Rotte' (so drückt sich der Gewährsmann aus) in scheinbarer Eintracht lebt. Von den 'Roten' wird jeder zehnte Mann an die Wand gestellt, Hitler jedoch von vornherein ausgenommen. (Bericht eines Augenzeugen)." (Heiden: "Adolf Hitler - Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit", S.83 - 1936)
Eine Präzisierung von Adolf Hitlers Rolle nach dem Sturz der Münchener Räterepublik wird in der ersten Hitler-Biographie von 1923 vermerkt:
"Am 1. Mai tritt der Gefreite (-Adolf Hitler-) feldmarschmäßig in die Reihen des Schützenregiments 41 der (-weißen-) Befreiungsarmee. Zur Untersuchungskommission kommandiert, bringen seine Anklageschriften rücksichtslose Klarheit in die unsagbare Schändlichkeit militärischer Verrätereien der Judendiktatur der Rätezeit Münchens." (Koerber: "Adolf Hitler - sein Leben und seine Reden", S.7 - 1923)
Doch um die wirkliche Autorenschaft der ersten Hitler-Biographie gibt es Zweifel. Der Historiker Thomas Weber findet im Nachlass von Viktor Koerber u. a. eine eidestattliche Erklärung von dessen damaliger Ehefrau, die die Autorenschaft ihres Mannes bestreitet.
(welt.de: "Wer schrieb 'Sein Leben und seine Reden'?" v. 8.10.2016)
Möglicherweise wurde die Hitlerbiographie von Dr. Grandel mitiniziiert. Auffallend ist hierbei, dass der selbe Zeichner das Portrait Adolf Hitlers für das Deckblatt beisteuert, der sich auch während der Vorjahre schon für die von Dr. Grandel unterstützte Wochenschrift Dietrich Eckarts "Auf gut deutsch" verantwortlich zeigt: Baron Otto v. Kursell.
Denkbar ist auch, dass sich hier die Reden wiederfinden, die von Dr. Grandel für Adolf Hitler mit ausgearbeitet wurden. Diese Vermutungen bleiben jedoch spekulativ.
Es gibt hingegen im Bundesarchiv Koblenz einen auf den 29. November 1921 datierten Lebenslauf, angeblich aus der Feder Adolf Hitlers, der hier sowohl im zeitlichen, wie auch inhaltlichen Zusammenhang zu berücksichtigen ist. Dort heißt es nach dem Abklingen der parteiinternen Führungskrise einleitend:
"Lieber Herr Doktor (-Grandel?-)! Wie mir Herr (-Dietrich-) Eckart mitteilt, haben Sie wieder einmal Interesse über meine Entwicklung zum Parteiführer gezeigt. Ich erlaube mir deshalb, Ihnen einen kurzen Aufriß über meine Person zu geben."

Selbstvermarktung unter falschem Namen? Adolf Hitlers erste Biographie - September 1923 (Fotografie im Privatbesitz / Zeichnung: Otto v. Kursell)
Der zum 1. April 1919 gegründete Deutsche Volksverlag von Verleger Dr. Ernst Boepple gibt bereits 1919 die Kampfschrift Mein politisches Erwachen von DAP-Mitbegründer Anton Drexler heraus, welche für Adolf Hitler nach seinem ersten DAP-Besuch später als politische Initialzündung dargestellt wird. Doch wenn Dr. Grandel als einer der ersten Finanzgeber der noch unbedeutenden Münchener DAP neben Dietrich Eckarts Auf gut deutsch auch diese Kampfschrift von Anton Drexler finanziert haben sollte, dann wusste Adolf Hitler sicher schon vor seinem ersten parteibezogenen Auftritt im August 1919 von diesem Heft des Werkzeugschlossers. Somit wäre die Erzählung der ersten Kontaktaufnahme Adolf Hitlers zur DAP ein in Teilen konstruierter Verlauf, um von der eigentlich bestimmenden Organisationssstruktur des Geheimordens abzulenken.
In der Münchener Post vom März 1923 wird später rückblickend zu Adolf Hitlers frühem parteipolitischen Interesse aus dem ersten Halbjahr 1919 ausgeführt:
"Nach dem Zusammenbruch sehen wir Hitler beim Ersatzbataillon des 2. Regiments in der Luisenschule. Dort war vom Arbeiter und Soldatenrat eine Propagandaabteilung eingerichtet worden, die an Hand von textlichen und bildlichen Material die drei großen politischen Strömungen: die vergangene autokratische Gedankenrichtung, den demokratischen Staatsgedanken und den Bolschewismus veranschaulichen wollte und es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, die demokratisch-republikanische Staatsform als das erstrebenswerte politische Ziel zu unterstreichen. Zu diesem Zweck wurden in jener Propagandaabteilung eine Reihe von aufklärenden Vorträgen für Arbeiter und Soldaten gehalten. In dieser Propagandaabteilung, deren Vater der revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat war ... saß Adolf Hitler ... er hielt es damals mit seinen Anschauungen verträglich, daß er in dieser Propagandaabteilung für die demokratisch-republikanische Staatsform Vorträge hielt! Der gleiche Adolf Hitler, der heute das Wort 'Novemberverbrecher' stündlich auf den Lippen trägt, galt seiner politischen Überzeugung nach in den Kreisen der Propagandaabteilung als (-MSPD-)Mehrheitssozialist und gab sich auch als solcher aus, wie so viele, war er aber nie politisch und gewerkschaftlich organisiert." (Münchner Post, Nr.57, v. 24./25.3.1923, S.3 + Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.200/201 - 2000)
Im Zusammenhang mit Adolf Hitlers Zugehörigkeit zum in München kasernierten Ersatzbataillon des 2. Infanterie-Regiments fügt sich eine weitere Begebenheit, die auf den frühen Einfluss der Thule-Gesellschaft zurückzuführen ist; sie stammt aus dem späteren Parteiarchiv der NSDAP:
"Am 28. Mai 1919 hat der Führer in der Kaserne des 2. I.R. bereits seine antisemitische Propaganda eingesetzt und für ein nationales Deutschland gesprochen. Der seinerzeitige Kommandant Oberst Leibrock liess Adolf Hitler und seinen Anhängern eine strenge Verwarnungsschrift erteilen. Dies zeigt der Originalmeldezettel. Die Benachrichtigung musste Pg. Schüssler an die Beteiligten schreiben."
Weiter führt das NSDAP-Hauptarchiv zu diesem Vorgang aus:
"Das erste Anzeichen des erwachenden Deutschlands, angeschlagen Mai 1919 in der Kaserne des 2. I.R. am 'Schwarzen Brett', in welcher der Führer als Soldat nach der Revolution einquartiert war. Der beigesetzte Spruch stammt von einem Gegner. In der Regimentskanzlei entstand heftige Aufregung über die Frechheit, dass ein Hakenkreuz an die amtliche Tafel angeklebt wurde. Wer der Täter war, blieb trotz Nachforschungen unbekannt. (Es war Adolf Hitler)" (BArch Berlin: NS26/2600 - Negativ.Nr.91/1 + 91/2)
Folgt man den hier aufgeführten Behauptungen, dann befand sich Adolf Hitler bereits im Frühjahr 1919 unter dem Einfluss des Germanen-Ordens bzw. der ihm dienenden Tarnorganisation Thule-Gesellschaft. Diese hatten das Hakenkreuz-Symbol für Dekorationszwecke schon bei der Münchener Logen-Einweihung im Herbst 1918 in Verwendung. Im zeitlichen Zusammenhang könnte die Schilderung des Hauptarchivs auch mit der Beerdigung von Mitgliedern der Thule-Gesellschaft stehen, die zum Ende der Münchener Räterepublik als Geiseln erschossen werden.

Todesanzeige für die erschossenen Mitglieder der Thule-Gesellschaft - 8. Mai 1919 (Bay. Staatsbibliothek - Sign.: 2Eph.pol.108g-1919,2 - Bild: port-026755)
Zeitlich passt dieser aufgezeigte Zusammenhang in die von dem westfälischen Wanderredner Heinrich Dolle erwähnte Kontaktaufnahme Adolf Hitlers zu Gottfried Grandel. Diese wird von ihm auf neun Monate vor Hitlers DAP-Beitritt, also auf den Dezember 1918 bzw. Januar 1919 terminiert.
In einem unbeantwortet gebliebenen Brief an Adolf Hitler, der daraufhin von dem Augsburger Dr. Otto Dickel in der Wochenzeitung "Volk, Freiheit, Vaterland" veröffentlicht wird, wiederholt und ergänzt Heinrich Dolle noch einmal seine zuvor schon gegenüber General Ludendorff aufgestellten Behauptungen:
"Dr. Dickels Arbeit für die Rettung des deutschen Volkes war früher da, als Drexler mit der NSDAP und früher als Ihr, Adolf Hitler. Ihr wißt das, denn Ihr habt 9 Monate lang in Augsburg bei Dr. Grandel gelebt, habt dort nicht nur körperliche Nahrung erhalten, sondern auch geistige. Und auch die Gedanken Dr. Dickels kennen gelernt, und erst dann seid Ihr nach München gekommen und habt in der NSDAP gewirkt." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Unbeantwortet gebliebener Brief Heinrich Dolles an Adolf Hitler v. 24.1.1926, der daraufhin von dem Augsburger Dr. Otto Dickel in seiner Wochenzeitung "Volk, Freiheit, Vaterland" am 11.2.1926 veröffentlicht wird)
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(Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Z126, 1923-1926, F20, S.2 - "Volk, Freiheit, Vaterland", Nr.20, S.2 v. 11.2.1926)
Die am 24. Januar 1926 verfasste Brief-Aussage von Heinrich Dolle ist recht klar und es erscheint erst einmal kein Ansatz, warum er hier konstruierte Behauptungen aufgestellt haben sollte. Auch der sich zur Veröffentlichung bereit erklärende Verleger Dr. Otto Dickel ist über den ehemals engen Kontakt zu Dr. Gottfried Grandel gut informiert. Ihm wären Unterstellungen, Widersprüche oder Falschaussagen in dem veröffentlichten Brief von Heinrich Dolle aufgefallen. Dieser gibt sich auch noch Monate nach der Veröffentlichung streitbar. In einem weiteren Brief an Otto Dickels Werkgemeindler schreibt Heinrich Dolle:
"Um Hitler und den Nationalsozialismus mag ich mich auch nicht mehr kümmern. Mein Brief (-vom 24.1.1926-) an Hitler ist von vorn bis hinten und in allen Einzelheiten Wahrheit. Wer glaubt, durch Gerichtsklagen daran etwas wandeln zu können, mags wagen. Mir wärs schon recht, wenns anders wäre. Um unserer Volksrettungsarbeit willen." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Sammelbrief von Heinrich Dolle an Dr. Stock, Oskar Müller und Ludwig Dickel v. 26.4.1926)

Propaganda-Nutzen vor Wahrheits-Liebe: Parteiführer Adolf Hitler - 1921 (Reich/Achenbach: "Vom 9. November 1918 zum 9. November 1923, die Entstehung der deutschen Freiheitsbewegung", S.36 - 1933)
Doch stellt sich hier unmittelbar die Frage:
Wer ist eigentlich Heinrich Dolle, dass er diese Zusammenhänge aus der Innenperspektive einer Parteigründung benennen kann?
In "Dolle Geschichten - Große Sachen für kleine Leute" von 1937 finden sich Antworten. Hier schildert der völkische Wanderredner seine angeblich erste Kontaktaufnahme zu Dietrich Eckart, der ihm im Jahre 1921 einen "schönen Brief" zukommen lässt:
"Dietrich Eckart war ein Großer Mensch!(...) - So war denn seine Kritik des Buches 'Aus Not zu Brot' für mich und für unsere Genossenschaft der Kleinviehzüchter im Kreise Moers eine große Freude. - Im folgenden Jahre, - 1921 - schrieb er mir dann einen schönen Brief, und wieder ein Jahr später, - 1922 - schickte er einen Papier-Dollar (inflationsbedingt) für meine Reise nach München, - und da sprachen wir uns aus, - und da lernte ich den Kreis seiner Freunde kennen: Anton Drexler, der Vorsitzende der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei -
(-1922 war Drexler nur noch Ehrenvorsitzender, Hitler hatte ihn im Sommer 1921 zur Niederlegung des NSDAP-Vorsitzes genötigt-),
- Adolf Hitler, der Propagandaleiter der NS-Partei.
(-Hitler ist bereits im Sommer 1921 zum Parteiführer mit diktatorischen Vollmachten ernannt worden-)
- Dr. Gottfried Grandel, der kluge, tatstarke und weitsichtige Mann aus Augsburg, und dessen Helfer:
- Baumeister Lorenz Mesch aus Regensburg,
(-Regionalleiter des Germanen-Ordens-)
- Dr. Ruge aus Heidelberg,
(-Dr. Arnold Ruge, Mitglied des Germanen-Ordens, lernt Dolle nach eigener Schilderung schon im Januar 1921 bei Dr. Blümel in Hamm kennen-)
- und der fromme, feinsinnige Erzähler Schrönghamer/Heimdall.
(-Dichter Franz Schrönghamer ist neben Mesch und Ruge Mitglied des Germanen-Ordens Walvater-)
Dazu noch manchen andern überragenden Menschen. Innerer Drang und äußerer Zwang hatte sie nach München und da zusammengeführt: Äußerlich (und oberflächlich) betrachtet war es die Not der Zeit und das Gesetz zum Schutze der Republik, das nach der Tötung Rathenau' 1922 kam. Dieses Gesetz galt nicht für Bayern. Alle, die im übrigen Reiche davon verfolgt wurden, zogen nach Bayern. So sammelten sich in Bayerns Hauptstadt München ungeheure politische Energien. Die Geldentwertung (Inflation) kam dazu und steigerte sie bis zum Furchtbaren!" (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: "Letztwillige Verfügung/Dolle Geschichten - Große Sachen für kleine Leute", S.3 - 1937)
Zu den süddeutschen Aktivitäten des Westfalen Heinrich Dolle schreibt Wilhelm Grabe aus dem Kommunalarchiv Paderborn einen 2015 veröffentlichten Beitrag zur Regionalgeschichte. Unter dem Titel "Als erster trug er den Nationalsozialismus nach Westfalen" führt Wilhelm Grabe zu Heinrich Dolle aus:
"Die Verbindung zur NSDAP kam über Dietrich Eckart (1868-1923) zustande, der Dolles 'Aus Not zu Brot' in seinem Wochenblatt 'Auf gut deutsch' 1920 überschwänglich gelobt hatte.(...) Anfang November 1922 hielt der Agitator aus dem Westfälischen seinen ersten politischen Vortrag in München. Mit den Worten 'Bleiben Sie doch bei uns!' soll Adolf Hitler Dolle für verschiedene Veranstaltungen verpflichtet haben.(...) Am 13. Dezember folgte eine weitere Massenkundgebung, auf der Dolle neben Julius Streicher, Hermann Esser (1900-1981), Anton Drexler (1884-1942) und Adolf Hitler sprach. Und auch auf dem NSDAP-Parteitag am 27. Januar 1923 stand Dolle - ohne 'Pg.' (Parteigenosse) zu sein - neben der Parteiprominenz auf der Rednerliste. Sein radikales Auftreten ging einher mit nicht zu überbietender Hetze. Frei nach der Methode 'Provokation als Strategie' machte er schnell auf sich aufmerksam. Auf einer Kundgebung in Augsburg soll er die Zuhörer aufgefordert haben, wenn es einmal losgehe, die Banken zu plündern und die schwarzen und die weißen Juden aufzuhängen." (Grabe: "Als erster trug er den Nationalsozialismus nach Westfalen" - Beitrag zur Regionalgeschichte, Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn - 2015)
Auch Dr. Gottfried Grandel widmet dem antisemitischen Wanderredner Dolle in seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv einen eigenen Abschnitt. Dort heißt es:
"Als Gegenspieler gegen Dickel liess ich den Bergarbeiter Heinrich Dolle aus Westfalen kommen, er wohnte einige Monate bei mir. Im Einverständnis mit Hitler liess ich ihn sowohl in Augsburg, als auch in vielen bayerischen Städten mit Ausnahme von München sprechen, wodurch es mehrfach zur Gründung neuer Ortsgruppen kam." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Dr. Grandels Selbstauskunft legt die Vermutung nahe, dass der westfälische Agitator Heinrich Dolle für "einige Monate" die Grandel'sche Betriebsleiterwohnung in der Johannes-Haag-Straße 18/I bewohnt oder zumindest in diesem Gebäude ein Zimmer bezieht, bevor er schließlich als Propaganda-Redner zum Ende des Jahres 1922 in Süddeutschland seine erste nationalsozialistische Verwendung findet.

"Einige Monate" bei Gottfried Grandel in Augsburg: Rückansicht der Betriebs- und Wohngebäude Gottfried Grandels (m) in der Johannes-Haagstraße 18-20 - 1926 (Fotografie im Privatbesitz)
Diese Betriebsleiterwohnung ist zuletzt Gottfried Grandels jüngererm Bruder Georg für 1918 im Augsburger Telefonbuch zugeordnet, der jedoch nach seinem Kriegsdienst laut Adressbuch um 1921 in die Schwabeckerstraße 2/0 umzieht und daraufhin als Gärtner tätig wird.
Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass Heinrich Dolle in seinen Schilderungen lediglich Adolf Hitler benennt, der vor seinen politischen Aktivitäten "9 Monate lang in Augsburg bei Dr. Grandel gelebt" habe. Unerwähnt bleibt indessen, dass Heinrich Dolle vor seinem eigenen Einsatz für die süddeutsche NSDAP, laut seinem Freund Dr. Grandel, auch "einige Monate" dessen Schulungs- und Beherbergungsangebot auf diese Weise wahrnimmt.
Gilt also die mögliche Verschwiegenheitsverpflichtung des Germanen-Ordens auch für Heinrich Dolle? War er dessen Mitglied oder nur gegenüber Dr. Grandel der Verschwiegenheit verpflichtet?
Bei Gottfried Grandels NSDAP-Archivbericht verhält es sich umgekehrt: Dr. Grandel erwähnt Heinrich Dolle als seinen Wohnungsnutzer, jedoch lässt er Adolf Hitler diesbezüglich unerwähnt.
Von wem Heinrich Dolle letztendlich die Information über Adolf Hitlers vermeintliche Beherbergung bei Familie Grandel in Augsburg bekommen hat, lässt sich hier nur vermuten. Adolf Hitlers früher Rivale, Dr. Otto Dickel, der bereits im März 1921 mit seiner neugegründeten Augsburger Werkgemeinschaft in Konfrontation zu Hitlers Ambitionen und damit später schließlich in die politische Bedeutungslosigkeit gerät, hat sicherlich detailierte Einblicke in diese Zusammenhänge gehabt.
Vielleicht ist Heinrich Dolles Teil-Veröffentlichung des vermeintlich völkischen Planes auch mit dem Einverständnis des von Adolf Hitler vorgeführten Germanen-Ordens erfolgt. Der Geheim-Orden sah schließlich seinen Einfluss auf Adolf Hitler ab dem Jahr 1921 kontinuierlich schwinden und versucht daher einiges, um sich nicht am Ende dem Diktat des vormals protegierten Propagandaredners unterordnen zu müssen.
Es ist daher denkbar, dass die 1926 vorgenommene Veröffentlichung des zuvor unbeantwortet gebliebenen Briefes an Adolf Hitler seinen Zweck im Sinne der völkischen Agenda verfolgt, ihn wieder aus Sicht des Ordens zur Kooperation zu bringen.
Es könnte auch durchaus möglich sein, dass Heinrich Dolle schon vor seinem angeblich ersten Besuch im Jahre 1922 in Süddeutschland zusammen mit Lorenz Mesch, Dr. Arnold Ruge, Franz Schroenghamer und Dr. Grandel in die geheime Schulung des propagandistischen Redetalents Adolf Hitler involviert ist.
Es wird auch seinen Grund haben, weshalb der redselige und schreibintensive Heinrich Dolle nirgends auf seine Augsburger Schulungsphase bei Dr. Grandel hingewiesen hat.
Nachdem das parteipolitische Fusions-Vorhaben um den Augsburger Dr. Otto Dickel durch Adolf Hitler im Sommer 1921 ein jähes Ende findet, schwenkt Dr. Grandel um. Auf Nachfrage präzisiert er rückblickend gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv nochmals seine damaligen Überlegungen zu Heinrich Dolle:
"Den Bergarbeiter Heinrich Dolle ließ ich zu mir nach Augsburg kommen aus verschiedenen Erwägungen. Ich hielt es für gut, wenn nicht immer die gleichen bayerischen Männer redeten; die Bewegung sollte nicht so ausschließlich bayerisch sein (-unerwähnt bleibt hier der vorgelagerte Bruch Adolf Hitlers mit der strategischen Vorgabe des Germanen-Ordens-). Dolle brachte in der Tat, wie von mir gewünscht, eine andere erfolgreiche Note herein.(...) Endlich sollte Dolle die Gedanken des Nationalsozialismus bei mir und in München in sich aufnehmen und sie dann in Norddeutschland verbreiten helfen. Das tat Dolle auch. Dolle sprach über das Programm der NSDAP. Er war sehr beliebt." (BArch Berlin: NS26/514, S.597/Bl.1 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 6.11.1942)
Der politisch engagierte Gottfried Grandel beschreibt sich an diesem Beispiel als impulsgebenden Initiator für die Verbreitung national-sozialistischen Gedankengutes. Es ist daher nicht abwegig, ihm diesen Anspruch der Initiative auch gegenüber Adolf Hitler für das Jahr 1919 zuzutrauen.
In einer Leserzuschrift aus dem Sommer 1920 bezieht sich Dr. Grandel in seiner Grundmotivation auf das von dem Gründer des Germanen-Ordens bereits 1918 verfasste Buch "Anti-Rathenau", zu dem er vermerkt:
"Landauf, landab suche ich seit langem selbstlose deutsche Männer, die das Gleiche wollen, sich aber nicht mit der Erkenntnis und dem Wunsche begnügen, sondern wirkliche Arbeit leisten. Der wahrhaft deutsche Rechtsstaat, den wir klar vor uns sehen, enthält die Grundzüge, die Sie in Ihrer Schrift anführen. Viel Leid und Enttäuschung ist dem beschert, der sein Volk sehend machen und zum Heile führen möchte. Der rechte Weg ist aber jetzt erkannt ... Augsburg, 19.7.20." (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Dr. Grandels Leserbrief an Theodor Fritsch in "Hammer - Blätter für den deutschen Sinn", Nr.437, S.334 v. 1.9.1920)
Doch nicht nur Heinrich Dolle sieht Dr. Grandel als national-sozialistischen Impulsgeber Hitlers, auch der Augsburger Parteiarchivar Franz Maria Miller weiß rückblickend zu berichten:
"Dr. Grandel erzählte mir einmal (-nach der 1926 erfolgten Veröffentlichung von Heinrich Dolles Brief an Adolf Hitler?-), dass er Hitler nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst etwa ¼ Jahr lang bei sich beherbergte und ihm damals seine früheren Kolleghefte zur Weiterbildung zur Verfügung stellte. Dabei habe er mit Erstaunen festgestellt, wie selbständig Hitler über alles urteilte und z.B. mit den Thesen des liberalen Münchener Nationalökonomen Dr. Lujo Brentano (-der während der Bayerischen Räterepublik von 1919 Wirtschaftsminister war-) keineswegs einverstanden war." (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Sign. 4 Enc 216-9, S.28 - "Wie Hitler Augsburg eroberte - Erlebnisbericht aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung in der bayrisch-schwäbischen Metropole", undatiertes und mit Hand korrigiertes Typoskript von Franz Maria Miller - vermutlich v. 1961)
Im Zusammenhang mit der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Schriften von Dr. Lujo Brentano ist Rudolf Buttmann zu nennen, seinerzeit Bibliothekar des Bayerischen Landtages und 1919 Mitbegründer der Deutschnationalen Volkspartei in Südbayern. (invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 5-VI/17552, S.168 aus "Das Archiv", Nachschlagewerk für Politik, Wirtschaft und Kultur - Oktober 1935)
Zu Rudolf Buttmann heißt es weiter:
"Wahrscheinlich war wohl der Bürgerratsausschuss auch an dem Gründungsversuch einer Münchner Bürgerwehr im Dezember 1918 beteiligt, der von dem SPD-Ministern Erhard Auer (1874-1945) und Johannes Timm (1866-1945) unterstützt wurde. Dieser von Rudolf Buttmann (1885-1947), dem späteren NSDAP-Vorsitzenden in Bayern, welcher auch der Thule-Gesellschaft nahestand, initiierte Versuch wurde jedoch von der Polizei frühzeitig unterbunden und führte zu einer schweren Regierungskrise. FN 106: Rudolf Buttmann (1885-1947) promovierte bei Lujo Brentano und neigte zunächst den Nationalliberalen zu. Nach der Revolution (-von 1918-) politisierte er sich, baute die Münchner Bürgerwehr auf, war bei der Gründung der BMP beteiligt, stand in engem Kontakt mit dem späteren Justizminister Christian Roth und war bestens in völkischen Kreisen vernetzt. Nachdem er eine Regierungsbeteiligung der BMP ablehnte, verließ er die Partei und neigte der NSDAP zu. Nach dem Hitlerputsch war er einer der Organisatoren des Völkischen Blocks, leitete nach Hitlers Haftentlassung die NSDAP-Fraktion im bayerischen Landtag und übernahm nach der Machtergreifung die Leitung der kulturpolitischen Abteilung im Innenministerium, was ihn u.a. maßgeblich in die Aushandlung des Konkordats involvierte." (Appolt: "Münchens katholische Akademiker zwischen Räterepublik und Hitlerputsch", S.68 - 2023)
Zu dem von Dr. Grandel vermerkten frühen Bildungsgrad Adolf Hitlers notiert Rudolf Heß als dessen späterer Vertrauter in einem Brief vom April 1921 an seine Cousine:
"In seiner Jugend hat er neben seinem Studium Straßen in Wien gekehrt, um leben zu können. Stammt aus ganz einfachen Verhältnissen. Hat sich aber ein gewaltiges Wissen angeeignet, das ich immer wieder bestaune." (Wolf Rüdiger Heß (Hrsg.), "Rudolf Heß. Briefe 1908-1933", S. 267 - 1987)
Doch der Nachweis, dass Dr. Grandel hier methodisch als eine Art Durchlauferhitzer für national-antisemitische Propagandaredner fungiert, wird von ihm selbst nur in Bezug auf Heinrich Dolle bestätigt; Adolf Hitler erwähnt er in seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv in diesem Zusammenhang nicht.
Auch Hitler selbst vermeidet in seinen bekannten Schriften jeglichen Hinweis auf seinen frühen Förderer aus Augsburg.
Es stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage, wie der einfache Gefreite Adolf Hitler zum Jahreswechsel 1918/19 überhaupt in Kontakt mit dem Augsburger Dr. Grandel gekommen sein könnte.
Der Urenkel von Lorenz Mesch gibt hierzu in einer Mail am 3. November 2021 folgenden Hinweis:
"Eine wichtige Rolle scheint Karl Lippert zu spielen. Er war im 1. Weltkrieg eine Zeitlang der militärische Vorgesetzte von Hitler und ein Freund von Mesch. Hitler vermittelte ihm einen 'Job' im Braunen Haus in München und dann in der Reichszeugmeisterei. Lippert war nach der NS-Klassifizierung Jude."

Kontakt zum Regionalleiter des Germanen-Ordens: Unteroffizier Karl Lippert (unten, 3.v.l.), direkter Vorgesetzter des Gefreiten Adolf Hitler (unten, 1.v.l.) im Kreise seiner Kriegskameraden - 1915 (erenow.net: "Hitler in the Great War" + Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-5080 / o.Ang. - Von u.l.n.r.: Gefr. Adolf Hitler, Uffz. Josef Wurm, Uffz. Karl Lippert, Josef Kreidmayer - Mittlere Reihe: Karl Lanzhammer, Ernst Schmidt, Uffz. Jacob Höfele, Jacob Weiss - Oben: Karl Tiefenböck)
Unteroffizier Karl Lippert (1890-1986), der seit dem 22. November 1914 als Ordonanzführer beim Regimentsstabs des Königlich-Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr.16 dient, fungiert bis zum 9. März 1916 als direkter Vorgesetzter des Gefreiten Adolf Hitler. Der hiernach mit Karl Lippert bekannte Regensburger Architekt Lorenz Mesch steht nach Angaben des Wanderredners Heinrich Dolle wiederum mit Dr. Grandel in enger Verbindung:
"Adolf Hitler lebte, ehe er Mitglied der NSDAP wurde, ¾ Jahre bei meinem Freunde Gottfried Grandel in Augsburg. Dort bekam er nicht nur die körperliche Nahrung; auch die geistige. Grandel zur Seite standen Mesch und Ruge." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Dolle an Erich Ludendorff v. 25.11.1927)
Weiter heißt es hierzu bei Heinrich Dolle:
"... und da lernte ich den Kreis seiner Freunde kennen: Anton Drexler, der Vorsitzende der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei,- Adolf Hitler, der Propagandaleiter der NS-Partei,- Dr. Gottfried Grandel, der kluge, tatstarke und weitsichtige Mann aus Augsburg und dessen Helfer: Baumeister Lorenz Mesch aus Regensburg, Dr. Ruge aus Heidelberg und der fromme, feinsinnige Erzähler Schrönghamer/Heimdall." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: "Letztwillige Verfügung/Dolle Geschichten - Große Sachen für kleine Leute", S.3 - 1937)
Diese Überlegung würde auch die Angaben des Regensburger Lorenz Mesch erklären, der später behauptet, bereits 1919 einen frühen Kontakt zu Adolf Hitler gehabt zu haben. Durch seine Regionalleiter-Tätigkeit innerhalb des Germanen-Ordens und Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes steht er wiederum in Kontaktebene zu Dr. Arnold Ruge, der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls Mitglied der Geheimloge ist. Auch Franz Schroenghamer-Heimdal findet sich auf der Mitgliederliste des geheimen Germanen-Ordens Walvater wieder.
Dr. Grandel bezeichnet 1924 gegenüber dem Gerichtsgutachter Dr. Stoermer das Ordensmitglied Schroenghamer als seinen einzigen und wichtigsten Freund.
Der Künstler-Namenszusatz "Heimdal" steht laut Wikipedia nach der altnordischen Mythologie für einen "Gott aus dem Göttergeschlecht der Asen, der als Wächter der Götter dargestellt wird".
Bei dieser Kontaktdichte zu Mitgliedern des Germanen-Ordens erscheint es naheliegend, dass auch Gottfried Grandel dieser Geheimloge nicht nur nahe stand, sondern sie auch zeitweise in führender Funktion vertreten haben könnte, doch eine offizielle Mitgliedschaft zu dem seit 1916 abgespaltenen Zweig Walvater leugnet Dr. Grandel zeitlebens.
Zumindest bestätigt er als Angeklagter laut einem Schreiben des Germanen-Ordens Walvater an das Berliner Landgericht vom 29. Mai 1924, "vier Wochen Fühlung" zu einem "Lehrer Heye" gehabt zu haben, der "ihn für ein Amt im Germanenorden vorgeschlagen habe. Er, Grandel, habe aber den Beitritt für den Orden abgelehnt".
Bei dem hier erwähnten "Lehrer Heye" handelt es sich um den Hauptlehrer Richard Hayen, Gaumeister des Germanen-Ordens Friesland, Schwaneberger Moor/Amt Friseuthe.
Zu der Wohnsituation Gottfried Grandels lässt sich für das Jahr 1919 folgendes zusammenfassen:
Der Augsburger Öl-Fabrikant lebt mit seiner Familie in direkter Nachbarschaft zu der offiziell unbewohnten Betriebsleiterwohnung 18/I auf firmeneigenem Gelände. Nach späteren Erzählungen seiner halbjüdischen Frau Helene Grandel saß die älteste gemeinsame Tochter Christine als Kleinkind gelegentlich auf dem Schoß von Adolf Hitler, was auf eine engere Vertrauensebene hinweisen könnte. Christine Grandel ist zum fraglichen Zeitraum 1919 noch keine zwei Jahre alt. In dem Abschiedsbrief zum Tode von Gottfried Grandels ältester Tochter heißt es:
"Du hast erzählt, dass Hitler in seinen politischen Anfängen mehrfach zu Gast war im Grandelschen Haus und Du auf seinem Schoß gesessen hättest. Vater Grandel war, wie Du später mit Entsetzen feststellen musstest, einer seiner Geldbgeber..." (Nach dem Tod von Christine geb. Grandel: "Abschiedsbrief an die Verstorbene" von ihrer Bremer Schwiegertochter Lisa B., S.2 v. Juli 2011)
Doch was hätte es für Adolf Hitlers politische Glaubwürdigkeit bedeutet, wenn bekannt geworden wäre, dass er unter der Direktive eines neuheidnischen Geheimbundes bei einem "jüdisch versippten" Industriellen als Propaganda-Redner für die Arbeiterklasse geschult worden wäre?
Zusammen mit Dr. Grandels jüdischen Stiefkindern Hans (7), Nora (5) und deren halbjüdischer Mutter Helene könnte Adolf Hitler 1919 im Wohnzimmer der Grandels andächtig der Musik von Richard Wagner gelauscht haben, während er sich parallel dazu als völkisch-antisemitisches Werkzeug vom Ölfabrikanten Dr. Grandel vorbereiten ließ.
Dr. Grandels Stiefsohn Hans Winternitz wird in späteren Jahren über den Augsburger Oratorienverein ein begeisterter Wagnerianer, der zum Selbstschutz vor rassischer Verfolgung in den frühen 40er-Jahren auch den direkten Kontakt zu der mittlerweile eng mit Adolf Hitler stehenden Winifred Wagner nutzen kann.
Adolf Hitlers Angaben über seine Tätigkeiten des Jahres 1919 sind indess überschaubar und geben diesbezüglich keine klaren Hinweise. Nach Historikermeinung gibt es mit der Machtübernahme im Deutschen Reich deutliche Bestrebungen, seine frühe Biographie in Teilbereichen weiter zu verschleiern. Auch Zeitzeuge und vermutliches Mitglied des bayerischen Germanen-Ordens, Georg Grassinger, schreibt rückblickend:
"Es ist eine irrige Auffassung, wenn Sie meinen, daß mich die Angaben aus dem Geschichts-Ploetz von 1938 überzeugen können. Das war für mich selbstverständlich, daß die Nationalsozialisten die Geschichte geschrieben haben, wie sie es wollten, das habe ich persönlich zur Genüge erfahren." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: Grassinger, Georg, ZS-50-87)
In einem im Koblenzer Bundesarchiv hinterlegten und im Anschluss an die parteiinterne Machtergreifung ausgestellten frühen Lebenslauf vom 29. November 1921 führt Adolf Hitler zu seinen Aktivitäten des Jahres 1919 maschinenschriftlich aus:
"Lieber Herr Doktor (-Grandel?-)! Wie mir Herr Eckart mitteilt, haben Sie wieder einmal Interesse über meine Entwicklung zum Parteiführer gezeigt. Ich erlaube mir deshalb, Ihnen einen kurzen Aufriß über meine Person zu geben: (...). Da meine Erblindung in verhältnismäßig kurzer Zeit wieder wich und das Augenlicht allmählich wieder zurückkehrte, außerdem ja am 9. Nov. die Revolution ausgebrochen war, ersuchte ich um möglichst schnelle Überführung nach München und war seit Dez. 18 wieder beim Ersatzbatl. 2. Inf. Regts. Während der Räteperiode auf der Konscriptionsliste stehend, wurde ich nach Niederschlagung der roten Herrschaft in die Untersuch. Kommiss. des 2.J.Regts. kommandiert und von dort als Bildungsoffizier dem Schützenregiment 41 überwiesen. Ich hielt in diesem Regiment sowie in anderen Formationen nun zahlreiche Aufklärungsvorträge über den Wahnsinn der roten Blutdiktatur und konnte mit Freude erleben, daß aus den infolge der allgemeinen Reichswehrminderung aus dieser ausscheidenden Heeresangehörigen die erste Truppe meiner späteren Anhänger entstand.
Am Juni 19 schloß ich mich der damals 7 Mitglieder zählenden Deutschen Arbeiterpartei an, in der ich nun endlich auf politischem Gebiete die Bewegung gefunden zu haben glaubte, die meinem Ideal entsprach."
Auffallend an diesem Schriftstück ist das unklare DAP-Beitrittsdatum:
"Am Juni 19 schloß ich ..."
Durch die offen gelassene Tagesangabe deutet der Brief darauf hin, dass das offizielle Eintrittsdatum zu diesem Zeitpunkt noch nicht endgültig festgelegt wurde und der Brief daher einen internen Entwurfsstatus besitzt. Da der Parteieintritt für Adolf Hitler keinen unbedeutenden Vorgang darstellt, ist nicht klar, warum er ihm nicht bekannt gewesen sein sollte. Zumindest weicht der Juni 1919 von seiner späteren Schilderung ab, die den September 1919 erwähnt.
Selbst die von ihm erwähnte Mitgliederanzahl 7 ist im Juni 1919, wo die DAP bereits gut 6 Monate existiert, schon deutlich höher.
So findet sich im ersten Mitglieder-Verzeichnis der (NS)DAP Adolf Hitlers Mitgliedschaft unter der Nr. 555 und dem Eintrag vom 27. August 1919.
(BArch Berlin: NS26/230: "Adolf Hitler's Mitkämpfer 1919-1921")
Die von Hitler aufgeführte Zahl 7 deutet auf den Umstand hin, dass er in dieser Zeit allgemein den Zahlen eine große Bedeutung zubilligt und daher nichts dem Zufall überlassen will. Die geschichtlich und kulturell symbolträchtige 7 wird von vielen als Glückszahl empfunden.

Mit Hang zur Glücks-Symbolik: Adolf Hitler mit Schornsteinfegern - 1921 (Postkarte im Privatbesitz / Hoffmann - München)
Möglicherweise bleibt das genaue Eintrittsdatum im Brief noch offen, da sich Adolf Hitler über die Symbolkraft noch nicht abschließend Gedanken gemacht hat, bzw. das zu diesem Zeitpunkt ihm wohl bekannte Datum ein Negativ-Image beinhaltet. Es kann aber auch sein, dass er fremdbestimmt gar keinen direkten Einfluß auf die Mitglieds-Entscheidung nehmen konnte und somit im Unklaren war, auf wann genau diese zu terminieren wäre. Im ersten Teil der kritischen Edition von "Mein Kampf" wird auf Seite 598 zu dem unklaren Beitrittsdatum vom Münchener Institut für Zeitgeschichte aufgeführt:
"Selbst Hitler behauptete 1921 irrtümlich, er sei bereits im Juni 1919 der DAP beigetreten."
Der geringe zeitliche Abstand von rund 2 ½ Jahren klingt für ein irrtümliches Verhalten Adolf Hitlers jedoch unwahrscheinlich, zumal auch das Jahr 1919 für ihn ein sehr prägnantes war und er selbst in der Korrektur seiner schriftlichen Korrespondenz allgemein als sehr genau gilt. Dass ihm am Beginn des neuen Absatzes ein möglicher Tippfehler von "Im" zu "Am" nicht aufgefallen wäre, ist daher nicht anzunehmen, denn an anderen Stellen finden sich von ihm mehrere Korrekturen. Denkbar ist daher schon hier das Bestreben, den eigenen Lebenslauf einer gewissen Verschleierung und Kosmetik zu unterziehen.
Im Zuge einer polizeilichen Hausdurchsuchung werden (am 17.1.1924?) bei Dr. Gottfried Grandel nach seinen eigenen Angaben wichtige Papiere beschlagnahmt. Vielleicht gelangt das Formular auf diese Weise in den Umlauf, beweisbar ist dies hingegen nicht.
Weiter fällt an Adolf Hitlers frühem Lebenslauf von 1921 auf, dass in der politisch bewegten Zeit des Jahres 1919 lediglich eine ihn aufführende Rekrutierungs- bzw. "Konscriptionsliste" Erwähnung findet. Eine konkrete Tätigkeit gibt er für den Zeitraum bis zur "Niederschlagung der roten Herrschaft" hingegen nicht an.
Auch findet nach der Niederschlagung der Räterepublik kein nahtloser Übergang von seiner Tätigkeit im Untersuchungsausschuss (10.5.-7.6.1919) zu der von ihm erwähnten Verwendung als "Bildungsoffizier" statt. So heißt es dazu in Plöckingers 2013 erschienenem Buch:
"Die letzte nachweisbare Aktion von Hitlers Untersuchungskommission fand am 7. Juni 1919 statt.(...) Womit er nach dem Ausklingen der Untersuchungen im Regiment konkret beschäftigt war, ist unbekannt. Dies ist insofern von Bedeutung, da bis zu seiner nächsten nachweisbaren Aktivität entgegen bisheriger Annahmen mehrere Wochen vergingen." (Plöckinger: "Unter Soldaten und Agitatoren", S.98-101 - 2013)
In der IfZ-Ausgabe von "Mein Kampf - Eine kritische Edition (I)" wird auf Seite 577 zudem vermerkt, dass Adolf Hitler in seinem 1924 verfassten Buch ...
"... einen ganzen Abschnitt seiner Biographie ausblendet: Seine Zeit im Aufklärungskommando im Durchgangslager für Kriegsheimkehrer in Lechfeld bei Augsburg im August 1919 sowie die darauffolgenden Monate, in denen Hitlers persönliche Zukunft völlig ungeklärt war."

Lager (-Lechfeld?-) nahe Augsburg - 1945 (BArch: N 1578 Bild-0130 / Berg, Erich R.)
Zu Adolf Hitlers diesbezüglichen Darstellungen heißt es in der kritischen Edition zum Kapitel "Die Deutsche Arbeiterpartei" auf Seite 581:
"Im Text selbst suggeriert Hitler durch zahlreiche Ungenauigkeiten oder falsche Angaben, dass sein Weg in die Politik geradlinig gewesen und in kürzester Zeit erfolgt sei. Bereits die ersten Worte des Kapitels machen dies deutlich: Er sei 'eines Tages' von seiner vorgesetzten Dienststelle (-Hptm. Karl Mayr-) zur 'Deutschen Arbeiterpartei' befohlen worden. Beides ist falsch und steht beispielhaft für Hitlers Selbstinszenierung. Erstaunlich ist dabei, dass er seine ersten erfolgreichen Auftritte als Redner im Durchgangslager für Kriegsheimkehrer in Lechfeld bei Augsburg Ende August 1919 unerwähnt lässt, obwohl gerade diese eine wichtige biographische Zäsur darstellten."

(Postkarte im Privatbesitz / Verlag Denzel, Schwabmünchen, No.2 - 1913)
Die Frage ist tatsächlich berechtigt: Warum bleibt in Adolf Hitlers eigener Biographie-Darstellung das Durchgangslager Lechfeld bei Augsburg gänzlich unerwähnt? War es die räumliche Nähe zu Dr. Grandels ungenutzter Betriebsleiterwohnung, die für ihn mit 20 km Entfernung gut zu erreichen war und vermutlich von ihm auch genutzt wurde? Hing es zusammen mit den Vorgesetzten und Kameraden, die darüber hätten Auskunft geben können?
Möglicherweise besaß Adolf Hitler in der Phase der vorläufigen Reichswehr, entgegen der allgemeinen Kasernierungspflicht, eine Ausnahmegenehmigung, galt als "Heimschläfer zur besonderen Verwendung" mit entsprechend hinterlegter Adresse bei seinem Vorgesetzten Hauptmann Karl Mayr; belegbar ist aber auch dieses nicht. Adolf Hitler selbst äußert sich nur einmal zu seinen frühen Augsburger Bezügen, und dies auch nur indirekt. In der Jubiläumsbeilage der Augsburger Nationalzeitung von 1937 wird vermerkt, dass Augsburg eine Stadt sei, "die persönliche Erinnerungen und Erlebnisse Adolf Hitlers aus seiner ersten politischen Tätigkeit birgt, lange bevor eine Ortsgruppe der Bewegung bestand". Welche dies sind, wird in der Sonderbeilage vom 21. November 1937 nicht weiter erläutert, doch zumindest der von Gottfried Grandel iniziierte Gründungszeitraum der ersten Augsburger Ortsgruppe ist bekannt: Anfang 1921.
Ehemalige Kameraden aus der Münchener Kaserne berichteten später, der Gefreite Adolf Hitler ...
"... redete und ging im Schlaf umher und wurde ganz allgemein lästig. Er bekam daraufhin ein kleines separates Zimmer im zweiten Stock. Es war früher ein Vorratsraum gewesen; die Fenster waren vergittert, doch Hitler schien in seiner Zelle glücklich zu sein." (Toland: "Adolf Hitler", S.84 - 1976)
Es ist schwer vorstellbar, dass Hitler das Krisenjahr 1919 überwiegend auf diesem engen Raum verbringt. Schon sein Kriegskamerad Ernst Schmidt berichtet zu dem Kasernierungs-Zeitraum vom Dezember 1918:
"Dann, eines Tages, wurden Freiwillige als Wachen für das Gefangenenlager Traunstein gesucht ... Hitler sagte zu mir: 'Sag, Schmidt, geben wir unsere Namen an, Du und ich. Ich kann es hier nicht mehr länger aushalten.' ... Es war Mitte Dezember (-6.12.1918-), als wir nach Traunstein gingen." (Heinz: "Germany's Hitler", S.102 + Joachimsthaler: "Hitlers Weg", S.189)
Nach Joachimsthaler Vermutung (S.191) dauert der Wachdienst in Traunstein für Hitler bis zum 24./25. Januar 1919. Ob er sich nach diesem Einsatz wieder in der Münchener Kompanie einfindet, bleibt unklar.
Eine vollbesetzte Nachkriegskaserne, mit zum Teil schwerst-traumatisierten Kriegsheimkehrern, bietet für Hitler keine ideale Voraussetzung, um sich das notwendige Wissen eines politisch versierten Propagandaredners anzueignen.
Adolf Hitler dürfte als solcher im Jahr 1919 einiges nachzuholen gehabt haben, was seinen damaligen Bildungsstand anbelangte. Selbst umfassende Werke wie "Das Kapital" von Karl Marx nahm er sich nach eigenen Angaben als Lektüre vor.
(Hitler: "Mein Kampf", S.226 - 1924)
Auch Buchveröffentlichungen wie "Psychologie der Massen" (1895) bzw. "Die Massenseele" (1919) wird Adolf Hitler bereits zur ersten Hälfte des Jahres 1919 studiert haben, denn sein Handeln bei der DAP zielte in der zweiten Hälfte des Jahres 1919 konzentriert auf diese Entwicklung ab.
Zu Mitte Juli 1919 beginnen dann für ihn die von Hauptmann Karl Mayr organisierten Aufklärungskurse zum Propagandaredner. Für den darauf folgenden Einsatz im Durchgangslager Lechfeld bei Augsburg werden schließlich vom 19.-25. August 1919 rund zwei Dutzend geschulte "Bildungsoffiziere" des Aufklärungskommandos abgestellt, zu denen sich auch Adolf Hitler zählt. Der Propagandaeinsatz verfolgt das Ziel, die überwiegend aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Soldaten von bolschewistischer Vereinnahmung fernzuhalten und ihnen wieder nationale Gesinnung zu vermitteln. Im späteren Monatsbericht (M Inn 66281) wird an das bayerische Innenministerium als Anlass für diese Aktion erwähnt, dass Anfang August Zivilpersonen im Durchgangslager Propaganda und Putschgerüchte unter die Soldaten streuten:
"Beide fragten, warum denn in Augsburg der Putsch nicht hochgekommen sei heute, es sei doch ein allgemeiner Putsch geplant gewesen am 1. und 2. des Monats.(...) Eine kolossale Gärung ..."
... sei daraufhin bei den im Durchgangslager Beschäftigten entstanden.
Die kommunistische Räterepublik war zuvor vielerorts mit Waffengewalt beendet worden, doch setzte sich deren Gedankengut in den Köpfen der demoralisierten Kriegsheimkehrer noch immer leichter fest, als es der bayerischen Heeresführung lieb war.
Der sogenannte "Bildungsoffizier" Hitler (Unteroffiziersrang) bietet nun als geschulter Redner an verschiedenen Tagen Vorträge zur Weltkriegsschuld, zu Friedensbedingungen, Wiederaufbau und Auswanderung an. Zu seinem letzten Einsatz vor den kriegsmüden Soldaten heißt es in Werner Grebners "Der Gefreite Adolf Hitler" auf Seite 67:
"Ebenfalls im Schlußbericht von Olt. Bendt wurde ein Vortrag Adolf Hitlers mit dem Thema 'Sozial- und wirtschaftspolitische Schlagworte' erwähnt, in dem Adolf Hitler über den Kapitalismus sprach und dabei die Judenfrage 'streifte'. Olt. Bendt hielt in seinem Bericht fest, daß in Zukunft zu deutliche Hinweise auf die dem deutschen Volk fremde Rasse nach Möglichkeit zu vermeiden seien, da diese Form der Erörterung (offenbar so, wie von Adolf Hitler praktiziert, Anm. d. Verf.) 'den Juden Anlaß geben (könnte), die Vorträge als eine Judenhetze zu bezeichnen."
Zwei Wochen darauf bekommt Hitler von seinem Vorgesetzten Hauptmann Mayr die schriftliche Reaktion eines Vortragsteilnehmers zur Beantwortung vorgelegt. Der 26-jährige Adolf Gemlich aus Ulm hatte eine ...
"... Frage über das Verhältnis der SPD zum Judentum gestellt, ob ihr (der Juden, Anm. d. Verf.) verderblicher Einfluß bloß überschätzt oder die Gefahr von der Regierung verkannt werde. Hptm. Mayr erteilte Adolf Hitler den Auftrag, diese Frage im Umfang von 1-2 Seiten für ihn zu beantworten, da er 'derzeit sehr in Anspruch genommen' sei. Mit Schreiben vom 16. September 1919 führte Adolf Hitler diesen Auftrag aus. Er schrieb in dieser Stellungnahme, daß der Antisemitismus als politische Bewegung nicht durch Gefühlsmomente, sondern durch die Erkenntnis von Tatsachen bestimmt werden müsse. Das Judentum sei unbedingt als Rasse und nicht als Religionsgemeinschaft aufzufassen. Das Wirken der Juden führe zur Rassentuberkulose der Völker. Schließlich fordert Adolf Hitler folgende Maßnahmen:
- kein Antisemitismus des Gefühls, der zu Pogromen führt,
- statt dessen ein Antisemitismus der Vernunft, der zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung der Juden führt,
- Fremdgesetzgebung für die Juden
- die Entfernung der Juden überhaupt."
Wenn Adolf Hitler also ab 1919, wie Heinrich Dolle behauptet, "9 Monate lang in Augsburg bei Dr. Grandel gelebt" und "dort nicht nur körperliche Nahrung erhalten, sondern auch geistige" zugeteilt bekam, dann erscheint es naheliegend, dass Dr. Grandels Gedankengänge in Hitlers Vorträge im Lager Lechfeld und schließlich in die Beantwortung des Briefes an Adolf Gemlich mit einfließen.Der Antisemitismus wird 1919 über die Lehrgangsausbilder thematisch zumindest nicht forciert, hingegen steht Dr. Grandel vermutlich schon 1919 mit dem Gründer des Germanen-Ordens Theodor Fritsch in enger Verbindung.
Dieser gilt als antisemitischer Wegbereiter des späteren Holocaust.
Im 1. Band der kritischen Edition zu Hitlers "Mein Kampf" wird auf Seite 576 speziell auf die diesbezüglich zurückhaltende Rolle der Reichswehr hingewiesen:
"Der spätere Journalist und Nationalsozialist Hermann Esser besuchte ebenfalls einen der Aufklärungskurse und beschwerte sich im Anschluß daran bei Hauptmann Karl Mayr darüber, daß die Kursleitung jede Form einer antisemitischen Propaganda unterbunden habe."
Der radikal-antisemitische Impuls wird daher im Jahre 1919 von außen an Hitler herangetragen, doch ist für ihn schon längst erkennbar, dass der politische Antisemitismus eine massentaugliche Agitationsform beinhaltet. Von dem Augsburger Verwaltungs-Amtmann Georg Fischer ist aus einem Brief bekannt, dass sein damaliger Freund Gottfried Grandel um das Jahr 1918 herum vom Alldeutschen Verband nicht sonderlich überzeugt war, "weil dieser die Judenfrage nicht scharf genug herausstelle". In Fischers Rückschau wird Dr. Grandel als "der glühende Judenhasser" tituliert, der nicht Willens gewesen sei, sich einer Organisation wie dem Alldeutschen Verband des Heinrich Class unterzuordnen. Stattdessen verfolge er mit weiteren Individualisten lieber seine eigene Agenda. Georg beschreibt Gottfried Grandel zudem "als aufgeregten Wirrkopf, der aber durch seine Gedankengänge und Beweisführungen auf den ersten Augenblick verblüffen kann". Er sei in dieser Phase zudem ein "Hansdampf in allen politischen Gassen" gewesen, ein politischer "Streber von unbezähmbarem Ehrgeiz", der überzeugt gewesen sei, "daß seine Vaterstadt bei dem Wiederaufbau Deutschlands die (oder eine) führende Rolle spielen müsse, dafür werde er sorgen!".
(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R8048/672, S.37 ff. - Amtmann Georg Fischer an Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Folgt man allein den Beschreibungen Dolles, Millers und Fischers, dann zeigt Gottfried Grandel bereits 1919 einen starken politischen Gestaltungswillen. Dieses frühe politische Selbstbewusstsein eines bis zum Weltkriegsende unpolitischen Fabrikanten ist jedoch ohne übergeordnete Organisationsform nicht denkbar. Einen diesbezüglichen Unterstützer-Hinweis gibt der Westfale Heinrich Dolle dann auch in dem bereits erwähnten Brief vom 25. November 1925 an General Ludendorff:
"Adolf Hitler lebte, ehe er Mitglied der NSDAP wurde, ¾ Jahre bei meinem Freunde Gottfried Grandel in Augsburg. Dort bekam er nicht nur die körperliche Nahrung; auch die geistige. Grandel zur Seite standen (-die Mitglieder des Germanen-Ordens Lorenz-) Mesch und (-Dr. Arnold-) Ruge."
In seinem NSDAP-Archivbericht erwähnt Gottfried Grandel die "überaus rührig und tätig(-en-)" Leistungen von Lorenz Mesch:
"M.(esch) unterhielt als Leiter eines germanischen Ordens zahlreiche Verbindungen im In- und Auslande(...). Mesch kam oft mit Hitler, Pöhner, Frick, Röhm, Eckart und dem damals in München versteckten Kapitän Erhardt (-Organisation Consul-) zusammen (...)." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Karl Lorenz Mesch - 1920 (Portrait: Stadtarchiv Regensburg, Familienbögen)
Konkreter wird Gottfried Grandel bei der Ordensbenennung nicht. Er hinterlässt für 1919 keinen klaren Hinweis auf eine ihn verbindende Ebene zu dem Regensburger Architekten Lorenz Mesch, spricht lediglich vom "Leiter eines germanischen Ordens", nicht vom dem Germanen-Orden, als würde er mit dieser Struktur selbst nicht in direkter Verbindung stehen. Die Tatsache, dass es sich hierbei tatsächlich um den Germanen-Orden Walvater handelt, lässt sich anhand der aufgefundenen Mitgliederlisten für 1921 belegen: Lorenz Mesch und Dr. Arnold Ruge gelten als gesicherte Mitglieder dieser geheimen, germanisch-völkischen Loge. Auch im Buch "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus" (S.101) bezeichnet der Autor den Regensburger Architekten Lorenz Mesch für das Jahr 1920 als "den örtlichen Führer des Germanen-Ordens". Ein weiterer Hinweis zu der frühen Kontaktebene von Lorenz Mesch zu Adolf Hitler entstammt einem Artikel des Astrologen Theodor Keysers in der Zeitschrift Meridian von 1988:
"... es ist aber kaum bekannt, dass neben der Reichsregierung noch einige Dienststellen der höheren Führung einen eigenen Astrologenstab gehalten haben, der sich intern mit dem Schicksal der Nazigrößen beschäftigt hat.(...) Die Beratung für diese Dienststellen und die Horoskope wurden von einem Architekten namens Lorenz Mesch aus Lochham (Oberbayern) im Abonnement geliefert, der nach eigenen Angaben mit Hitler schon 1919 in vielfache persönliche Beziehungen kam." (Röbel: der-rote-reiter.de)
Der letzte Satz korrespondiert hier mit der Aussage Heinrich Dolles, der im Brief an General Ludendorff zu Hitlers Unterstützung in Augsburg für das Jahr 1919 bemerkte: "Grandel zur Seite standen Mesch und Ruge." Im Gegensatz zu Lorenz Mesch und Dr. Arnold Ruge lässt sich jedoch bei Gottfried Grandel eine direkte Ordens-Mitgliedschaft nicht belegen. Das Augsburger Mitglied des Germanen-Ordens und der NSDAP, Karl Böhrer, bezeichnet Gottfried Grandel zumindest mit dem Begriff "Hochgradfreimaurer" als aktives Logenmitglied. Gottfried Grandel selbst benennt für 1919 seine Teilnahme an einer Veranstaltung der Münchener Thule-Gesellschaft, einer ausgegliederten Tarnorganisation, dem äußeren Ring der geheimen Germanen-Loge. So schreibt er in seinem späteren NSDAP-Archivbericht:
"Adolf Hitler hatte ich kurz vorher (-vor dem Kapp-Putsch vom März 1920-) in der Thule-Gesellschaft im Hotel Vier Jahreszeiten kennen gelernt und hörte ihn da als Diskussionsredner zum erstenmale sprechen." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/Bl.1 - Gottfried Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
War der politische Hitler also lediglich das aus dem Ruder gelaufene Produkt und Werkzeug dieser okkulten Geheimloge? Jahre später vertraut Adolf Hitler seiner Sekretärin Christa Schroeder an, dass er manchmal das Gefühl gehabt habe, "wie ein Affe im Zoo vorgeführt" zu worden sein.
(Schroeder: "Er war mein Chef", S.69 - 1985)
Aus heutiger Betrachtung wirkt es tatsächlich so, dass Adolf Hitlers Redetalent von dem Germanen-Orden anfangs nur als nützliches Propaganda-Mittel eingeplant wird. Die Stimmung der in großen Teilen desorientierten Gesellschaft, und hier insbesondere der dynamischen Arbeiterschaft, soll mit seinen agitatorischen Fähigkeiten zugunsten völkisch-nationaler Machtstrukturen beeinflusst werden.
Der junge Adolf Hitler zieht dann auch, zum Wohlgefallen seiner frühen Förderer, mit dem Thema Antisemitismus zunehmend die Massen in Versammlungen an, doch bestimmen und regieren wollen schließlich die "Wissenden" der geheimen Logenverbindung.
Vermutlich ist nach Dr. Grandels Vorstellung der gebildete und weltgewandte Dr. Otto Dickel aus Augsburg für die eigentliche völkisch-antisemitische Führungsaufgabe eingeplant.
Das Selbstvertrauen Adolf Hitlers wächst jedoch mit der rasant steigenden Anzahl seiner Versammlungsteilnehmer an, sodass der vormals lenkbare "Affe" sich schließlich seinen eigenen Weg aus dem "Zoo" zu suchen beginnt, diesen dann im Sommer 1921 durch seine parteiinternen Diktatur-Vollmachten auch findet. Dr. Grandel schreibt zu diesem Zeitraum dann auch:
"Seit dem Sommer 1921 leide ich unter seelischen Depressionen. Eine Hoffnungslosigkeit sondergleichen hat sich meiner bemächtigt." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: R 8048/672, S.299 + Stadtarchiv Stralsund: N- Fan 86 - Brammer: "Attentäter, Spitzel und Justizrat Claß", S.9 - 1924)
Bestärkt wird der neue Parteiführer Adolf Hitler in dieser Entwicklung durch seinen neuen Mentor aus der bayerischen Hauptstadt. Im Gegensatz zu Gottfried Grandel sieht dessen Münchener Freund Dietrich Eckart ausbaufähige Führungspotentiale bei Adolf Hitler. Albert Reich notiert hierzu:
"Es ist die Zeit, sich immer mehr des Mannes zu erinnern, der (-mit der von Gottfried Grandel finanziell unterstützten Wochenschrift 'Auf gut deutsch'-) als einer der ersten in den Dezembertagen 1918 unerschrocken den Kampf gegen die Novemberverbrecher und ihre rote Meute aufgenommen hat, der seit Ende 1919, die seltenen Führereigenschaften Adolf Hitlers erkennend, sich diesem unterstellte und sein bester und weitest blickender Berater in den ersten schweren Kampfjahren (-1919-23-) geworden ist." (Illustrierter Beobachter, Nr.43, S.1408, darin Albert Reich: "Dietrich Eckart - Der deutsche Dichter und Vorkämpfer der Freiheitsbewegung" v. 29.10.1933 + Reich: "Dietrich Eckart - ein deutscher Dichter und der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.5 - 1934)

Aufstieg eines Propagandisten: "In Adolf Hitler zuerst den Führer erkennend" - 1924(Postkarte im Privatbesitz)
Während Adolf Hitlers Augsburger Anfangsförderer Dr. Otto Dickel und Dr. Gottfried Grandel mit Adolf Hitler in erster Linie den nützlichen "Trommler" verbinden, glaubt der geschulte Propagandist selbst mittlerweile nicht mehr an die veralteten, zurückhaltenden Stilmittel der völkisch-akademischen Vertreter. Für seine Versammlungs-Agitationsform benötigt er zudem einen konsequenten Saalschutz, den ihm die kultivierte Akademikerriege nicht bieten kann.
So sucht sich der neue Parteiführer einflussreichere Kontakte und verbindet dies zunehmend mit den von ihm vorgegebenen Bedingungen. Von den völkischen Vorarbeiten seiner Unterstützer hat Adolf Hitler inhaltlich und strukturell profitieren können, denn selbst die Gründungsphase der Deutschen Arbeiterpartei wurde durch den Germanen-Orden mit gelenkt und unterstützt; zumindest steht die ausgelagerte Tarn-Organisation Thule-Gesellschaft über das führende Thule-Mitglied Karl Harrer bei diesem Prozess deutlich Pate.
Bereits am 5. Januar 1920, ein Jahr nach der Parteigründung und rund 3 Monate nach seinem offiziellen Parteieintritt, drängt Werbeobmann Adolf Hitler den DAP-Vorsitzenden Karl Harrer aus dessen Amt. Dieses Datum gilt als Hinweis auf die Entkoppelung Adolf Hitlers von der bislang lenkenden Geheimbund-Struktur des Germanen-Ordens bzw. der ihm untergeordneten Thule-Gesellschaft und korrespondiert mit der von Albert Reich erwähnten engeren Einflussnahme durch Dietrich Eckart, der den geheimen Ordensaktivitäten als Freigeist schon zu diesem Zeitpunkt kritisch gegenüber steht
In seinem DAP-Geschäftsordnungsentwurf vom Dezember 1919 formuliert Adolf Hitler dann auch für die am 5. Januar 1920 bevorstehende Mitgliederversammlung der Deutschen Arbeiterpartei:
"Das Vertrauen der Ausschussmitglieder zueinander schließt jede Form der Bevormundung einer Über- oder Nebenregierung, sei es als Zirkel oder Loge, ein für allemal aus." (Harald Steffahn: "Adolf Hitler", FN 110 - 2016)
Spätestens hier dürfte den Ordensvertretern und somit wohl auch Gottfried Grandel klar geworden sein, dass ihnen die Führung des Trommlers entgleitet.Es scheint im Rückblick recht eindeutig, dass Gottfried Grandel noch lange nach diesem Systemwechsel eine innerliche Bindung zu Adolf Hitler beibehält. Selbst im Abstand von zwei Jahrzehnten notiert er in einer rechtlichen Auseinandersetzung mit seinen ehemaligen Hamburger Firmen-Teilhabern:
"Dass mir von Seiten der Partei und nachdem die Firma arisiert wurde, heute die gewünschte Unterstützung mit Nachdruck zuteil werden würde, werden Sie nicht bezweifeln. Denn es ist Ihnen und besonders Herrn Rupp bekannt, dass der Führer mich kennt und meine Verdienste um die Partei nicht vergessen hat.Diese Verdienste sind ja auf der Gründungsfeier der NSDAP, Ortsgruppe Augsburg, in Gegenwart des Führers erneut anerkannt worden." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG-Teilhaber, Bl.11 v. 7.1.1941)

Dr. Gottfried Grandel - 1942 (Fotografie im Privatbesitz)
In dem nach dem Machtwechsel 1933 von Rudolf v. Sebottendorff verfassten und wenig später durch die Gestapo wieder eingezogenen Buch "Bevor Hitler kam", führt dieser in seiner Widmung vom 9. November 1933 zu der historischen Einordnung seines Werkes aus:
"Thule-Leute waren es, zu denen Hitler zuerst kam und Thule-Leute waren es, die sich mit Hitler zuerst verbanden!" (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam - Urkundliches aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung", S.8 - 1933)
Die Thule-Gesellschaft wird im Jahre 1918 in München initiiert - durch den in Bayern von Adam Glauer alias Rudolf von Sebottendorff geleiteten Ableger des Germanen-Ordens.
Stellt man nun die Aussage Heinrich Dolles neben die von Sebottendorff, so war Dr. Grandél also Mitglied der Thule-Gesellschaft:
"Adolf Hitler lebte, ehe er (-im August/September 1919-) Mitglied der NSDAP wurde, ¾ Jahre bei meinem Freunde Gottfried Grandel in Augsburg. Dort bekam er nicht nur die körperliche Nahrung; auch die geistige. Grandel zur Seite standen (-die Mitglieder des Germanen-Ordens Lorenz-) Mesch und (-der Heidelberger Privatdozent Dr. Arnold-) Ruge." (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Maschinenschr. Brief Dolles an General Erich Ludendorff v.. 25.11.1925)
Die Räterepublik in Augsburg und München
(207-1919) Um die politische Entwicklung Gottfried Grandels in den frühen 20er-Jahren zu verstehen, braucht es einen Blick auf die vorherigen Rahmenbedingungen.
Die 1919 weit verbreitete Revolutionsstimmung im Deutschen Reich gehört im Wesentlichen dazu. Der Augsburger Arbeiter Karl Böhrer berichtet:
"Als 1918 Deutschland am inneren Feinde zusammenbrach und mich das deutsche Schicksal als Soldat in München den Verrat am 9. Nov. 1918 erleben ließ, zwang es mich mit aller Gewalt, dieses Schicksal nicht anzunehmen, sondern dagegen anzukämpfen." (BArch Berlin: NS26/158, S.1/Bl.126 - Bericht vom Pg. Karl Böhrer über die Vorkommnisse um die Gründung der Augsburger Ortsgruppe der NSDAP - 20.4.1941)

Eisendreher Karl Böhrer - 1921 (Digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_B_3251)
"Als ein Pionierhauptmann meines Bat.(-tailons-) Freiwillige suchte, meldete ich mich sofort. Ich nahm an, den (-kommunistischen-) Putsch niederzuschlagen, aber leider entließ uns der Hauptmann wieder. Ich fuhr dann in Zivil nach Hause, meldete mich bei meiner Dienststelle beim Abnahme-Kommando (-in Augsburg-). Hier nahm mich der Offizier auf die Seite und frug mich, ob ich mit dem Abnahmetechniker Philipp Böhrer aus München verwandt sei. Ich verneinte: 'Habe noch nie von diesem Herrn gehört.' Darauf der Offizier:
'Achten Sie auf den Mann, er ist nicht einwandfrei und als politisch gefährlich gemeldet.'
Das Abnahmekommando wurde aufgelöst und ich konnte nicht länger verbleiben und wurde wieder zu meinem Truppenteil zur Entlassung geschickt. Nun hatten sich Arbeiter u. Soldatenräte gebildet. Böhrer Philipp war sofort hier (-in Augsburg-) tätig und (-ich-) kam damit nun mit diesem Mann in Berührung." (BArch Berlin: NS26/158, S.1/Bl.126 - Bericht vom Pg. Karl Böhrer über die Vorkommnisse um die Gründung der Augsburger Ortsgruppe der NSDAP - 20.4.1941)
In einer kurz nach der Augsburger Räterepublik aufgezeichneten Stellungnahme des Verwaltungs-Referats III heißt es über den Augsburger Karl Böhrer:
"Es erscheint der Eisendreher Karl Böhrer und erklärt, er sei wohl seinerzeit auf Veranlassung des Philipp Böhrer (-ab dem 1.4.1919-) im Wohnungsamt (-als Kontrolleur für die auf Zimmer- und Bewohnerzahl rationierten Wohnungen-) eingestellt worden (-, um zu beurteilen, ob Wohnräume abgetreten werden können-), sei aber mit Philipp Böhrer nicht näher verwandt; er habe ihn vorher auch gar nicht gekannt. Er habe vorher keiner politischen Partei angehört, insbesondere nicht der u.(-nabhängigen-)S.P. Lediglich durch Philipp Böhrer sei er in die kommunistischen Umtriebe hineingezogen worden." (Karl Böhrer auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20110/Personalakten P6/70 v. 31.5.1919)
Über die Augsburger Revolutionszeit von 1919 berichtet Karl Böhrer später an das NSDAP-Hauptarchiv weiter:
"Dazu lernte ich mehrere Offiziere kennen, darunter den (-am 18.8.1871 geb. und am 30.4.1943 in Stadelheimer Untersuchungshaft ermordeten Augsburger Kaufmann-) Leutnant (-Wilhelm-) Olschewski (-Aufbruch-Bewegung, KPD-). Dieser wurde zum Garnisonsrat und Führer des Soldatenrates (-in Augsburg-) gewählt. Seine rechte Hand war der Sergeant (-Karl-) Hörath (Damenschneider). Hauptkommandant war der Major Masler (völkisch). Nachdem ich 1914-16 im freiwilligen Hilfspolizeidienst tätig war, meldete ich mich wieder bei der neugebildeten Polizeitruppe. (-Kurt-) Eisner wurde (-am 21.2.1919 durch den von monarchistischen Motiven geleiteten Graf Arco-) erschossen; - Räterevolution in Augsburg. Nach meiner Entlassung vom Militär arbeitete ich wieder bei meiner Firma, Augsburger Zahnräderfabrik vorm. Renk, als Eisendreher." (BArch Berlin: NS26/158, S.1/Bl.126 - Bericht vom Pg. Karl Böhrer über die Vorkommnisse um die Gründung der Augsburger Ortsgruppe der NSDAP - 20.4.1941)

Letzter Tag des Generalstreiks während der 2. Rärerepublik: Truppenschau der Roten Armee in der Münchener Ludwigstraße - 22. April 1919 (BArch: Bild Y 1-470-21480, Aufnahme: Heinrich Hoffmann + VEB Volkskunstverlag Reichenbach: "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", Teil III + Kriegsgeschichtiche Forschungsanstalt: "Die Niederwerfung der Räteherrschaft in Bayern, 1919", S.128/Tafel 5 - 1939 + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-REV-054)
Politische Vereinigungen wie USPD, KPD und Spartakusbund planen bereits für den April den Umsturz der bayerischen Landesregierung. Unter den heimkehrenden Soldaten der geschlagenen Reichswehr finden die Parteifunktionäre den idealen Nährboden für ihre teils radikalen Gesellschaftstheorien. Durch die folgende Machtübernahme russischer Kommunisten organisiert sich schließlich ab dem 7. April 1919 in München eine Rote Armee; Chaos entsteht in der Stadt.
Als sich jedoch nach wenigen Wochen ein Scheitern der Revolution abzeichnet, bekommt Matrose und KPD-Mitglied Rudolf Egelhofer (23) eine unerwartete Gelegenheit geboten: Als Stadtkommandant und Anführer der örtlichen Rotarmisten gerät im Verlauf einer Hoteldurchsuchung die Mitgliederkartei der 1917 gegründeten lokalen Thule-Gesellschaft, Tarnorganisation des geheimen Germanen-Ordens, in seine Hände. Für die Thule zeigt sich der vermögende Vorsitzende Rudolf Glauer/Freiherr von Sebottendorff verantwortlich, der zeitgleich als Herausgeber des Münchener-Beobachters fungiert - eines seit 1918 antisemitisch ausgerichteten Vorstadtblattes der völkischen Bewegung.
In einer Buchveröffentlichung heißt es:
"Auch der 1912 auf Initiative von Theodor Fritsch entstandene völkische Geheimbund 'Germanen-Orden' war in München aktiv; am 1. November 1918 soll er allein in München ca. 200 Mitglieder gehabt haben, in ganz Bayern waren es ca. 1500. Da der Germanen-Orden nicht an die Öffentlichkeit treten wollte, gründeten einige seiner Mitglieder Ende 1917 einen Verein namens 'Thule-Gesellschaft', der bald die ganze Prominenz der Völkischen in München zu seinen Mitgliedern zählte." (Möller/Wirsching/Ziegler: "Nationalsozialismus in der Region", darin Auerbach: "Regionale Wurzeln und Differenzen der NSDAP", S.65 - 2009)
Ursprünglich sollte nach Vorstellung v. Sebottendorffs die Thule-Gesellschaft lediglich als Instrument zur Mitgliedersiebung für den geheimen Germanen-Orden dienen. Die einsetzende Revolutionsbewegung und Ausrufung der kommunistischen Räterepublik erfordert jedoch ein Umdenken bei den Mitgliedern der Geheimgesellschaft.
Am 18. November 1918 wird bereits der Kampfbund Thule gegründet, der daraufhin in der zweiten Aprilhälfte 1919 in das Freikorps Oberland übergeht. Das Thule-Symbol erhält daraufhin das ergänzende Schwert:

Im Widerstand zur bayerischen Räterepublik: Der Kampfbund der Thule - 1919 (Wikimedia Commons - Datei: Thule-Gesellschaft.jpg / o.Ang. - 1919)
Die aus München geflohene und unter Druck geratene Regierung Hoffmann (SPD) besitzt ein erhöhtes Interesse an Kooperationen. So berichtet Adolf Hitlers späterer Flugzeugführer Johannes Baur in einem Zeitzeugenbericht:
"Bamberg war damals der Regierungssitz (-von Ministerpräsident Johannes Hoffmann-) gewesen. Ich habe mich da drüben (-mit der Verkehrsmaschine Rumpler CI am 8.4.1919-) gemeldet, die waren kollossal erfreut, daß ich da war, weil sie hatten ja keinerlei Maschinen. Sie sagten, es wäre enorm wichtig, daß wir Kuriere in München absetzen, Zeitungen abwerfen. Mehrmals am Tag sind wir dann immer von Bamberg aus nach München runtergeflogen, haben Zeitungen abgeworfen, haben Kuriere abgesetzt in der Umgebung von München und haben die Roten von München aus laufend auf die Maschinen geschossen. Wir flogen nur 2/300 Meter über die Stadt weg über Bahnhof, da waren vor allem MG-Nester aufgestellt." (Ton-Mitschnitt auf youtube.com von Hans Baur: "Ich war Hitlers Chefpilot" - 1977)
Es fehlt der aus Müchnen zurückgewichenen Regierung zum bayerischen Machterhalt an zusätzlicher Wehrfähigkeit, doch die Zeit drängt:
"Leider kamen diese Freikorps zur Befreiung Münchens zumeist zu spät, da ihre Aufstellung und Ausrüstung zu viel Zeit verschlang. Die Regierung Hoffmann hatte eben allzulange die Zügel am Boden schleifen lassen. Nur dem 'Freikorps Oberland' und dem 'Waldler-Bataillon' war es beschieden, noch am Angriff auf München Anteil nehmen zu dürfen. Als Wiege des Freikorps Oberland kann gewissermaßen der Kampfbund Thule angesehen werden. Als nähmlich seinem Gründer und Leiter, Rudolf (-Glauer/-) von Sebottendorff, nach dem Gefecht bei Dachau der Boden in München doch zu heiß wurde, beschloß er, nun im Norden von Bayern Freikorps anzuwerben und aufzustellen.(...) In der Tat empfing dann Rudolf von Sebottendorff am 19. April (-1919-) in Bamberg vom Militärministerium die Vollmacht, in Treuchtlingen ein 'Freikorps Oberland' zu errichten. Für dessen militärische Leitung und Führung hatte Sebottendorff, da er selbst in Nürnberg zu verbleiben gedachte, unterdessen den Major (-Albert-) von Beckh, zuletzt Kommandeur des Reserve-Infanterie-Regiments 23, gewonnen.(...) Am 27. April (-1919-) zählte das Freikorps etwa 250 Köpfe." (Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt: "Die Niederwerfung der Räteherrschaft in Bayern, 1919", S.86/87 - 1939)

Mit der Lizenz zu kämpfen: Gründungsermächtigung für das Freikorps Oberland - 19. April 1919 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/2234, S.2 - "Rudolf Freiherr von Sebottendorf, Unterlagen des Freikorps 'Oberland' und der Thule-Gesellschaft" v. 19.4.1919)
Doch Rudolf Glauer/v. Sebottendorff nimmt es mit Kompetenzen und der Aufgabenverteilung nicht allzu genau; es kommt zu Reibungsverlusten mit der militärischen Führung:
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(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/2234, S.4 - "Rudolf Freiherr von Sebottendorf, Unterlagen des Freikorps 'Oberland' und der Thule-Gesellschaft" v. 21.6.1919)
Der neugegründete Kampfbund Thule versteht sich seit Ausrufung der Räterepublik als Zentrum des paramilitärischen Widerstandes gegen USPD-, KPD-, Spartakus- und Räteherrschaft.
Verleger Georg Grassinger, nach Scheitern der Räteherrschaft ab dem 10. Mai 1919 Betriebsleiter des Münchner Beobachters und vorsitzender Mitbegründer der Deutsch-sozialistischen Partei, erscheint während der Münchener Räterepublik als Thule-Mitglied besonders geeignet für Sonderaufgaben:
"Er stellte Studenten kommunistische Ausweise aus, damit sie in kommunistische Sektionen gehen und spitzeln konnten." (Digitalisiert auf ifz-muenchen.de: Grassinger, G., ZS-50-1, Georg Franz, 19.12.51)

Thule-Mitglied Georg Grassinger - 1932 (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S. - 1933)
Diese ausgegliederte Tarnorganisation der völkisch-antisemitischen Geheimverbindung hält der kommunistische Stadtkommandant Egelhofer für "gemeingefährlich", sodass es zu einer Durchsuchung der Geschäfts- und Versammlungsräume kommt:
"Die auf die Gründung der Thule-Gesellschaft bezüglichen Schriftstücke, die ersten Mitgliederlisten und Bücher sind durch die Spartakisten mit Schreibmaschinen, Möbeln und dergleichen geraubt worden." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/865, S.17 - Beiträge zur Geschichte der Thule-Gesellschaft - Johannes Hering, 1918 Mitglied des Germanen-Ordens und ab 1919 Gründungs- und Vorstandsmitglied der Thule - 1939)
Nach Auswertung der im Hotel Vier Jahreszeiten aufgefundenen Mitgliederkartei läßt Rotgardist Rudolf Egelhofer sofort nach den aufgeführten Unterstützern suchen.
Auch Dietrich Eckart gerät in das Visier der Rotgardisten, denn politische Äußerungen in Revolutionszeiten sind nicht ungefährlich. In dieser Situation interpretieren die selbsternannten Machthaber Münchens den antikommunistischen Einsatz des völkisch-antisemitischen Verlegers Dietrich Eckart als besonders übergriffig:
"Amtliche Bekanntmachung - Das Verhalten von Offizieren, Studenten und anderen Bürgersöhnen seit der Ausrufung der Räterepublik, die die öffentliche Sicherheit in höchstem Maße bedrohenden antisemitischen Aufreizungen durch Flugblätter, welche von feigen Gesellen aus rasend dahinfahrenden Autos herausgeworfen werden, wird ohne Zweifel in kürzester Frist die Regierung dazu zwingen, alle Personen, die die Ruhe der Stadt München gefährden, festzunehmen und sofort vom Revolutionstribunal aburteilen zu lassen. - Der revolutionäre Zentralrat der Räterepublik Baiern." (Reich: "Dietrich Eckart - Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.71 - 1934 + Eckart: "Auf gut deutsch", Nr.14/15, Artikel "Sturmtage", S.230 v. 24.5.1919)

Münchener Räterepublik: Dietrich Eckarts Verteilung der Flugblätter "An alle Werktätigen" - 6. April 1919 (Aus Albert Reich: "Dietrich Eckart - Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.68 - 1934 / Zeichnung: Reich, Albert)
Aus den Aufzeichnungen von Alfred Rosenberg, der zum Zeitpunkt der Münchener Räterepublik bereits für die von Dr. Grandel finanziell unterstützte und von Dietrich Eckart betriebene Zeitschrift Auf gut Deutsch Artikel verfasst, geht eine weitere Flugblattaktion hervor:
"Aus diesem so herbeigesehnten Demonstrationszug wurde weiter nichts, da die sich stauenden Menschenmassen jede Formierung eines Zuges praktisch verhinderten, im Übrigen aber bekannt wurde, dass schon rote Patrouillen auf dem Wege waren, um den widerspenstigen Redner (-Alfred Rosenberg an der Mariensäule auf dem Münchner Rathausplatz-) festzunehmen. Es ist oft ein schicksalhaftes Zusammentreffen, dass Menschen, ohne sich jemals gesehen (-?-) oder ohne sich zu reden, zu gleicher Zeit das Gleiche beginnen. Ich war kaum mit meiner Rede zu Ende, da fuhr in einem grossen Tempo durch die Menschengasse hindurch ein Auto und aus diesem Auto flatterten vierseitige grüne Flugblätter, auf der Titelseite mit einem Sensemann geziert. Und der Inhalt war ein Aufruf antisemitischer Art schärfster Natur, der sich in erbittertster Weise gegen Judenherrschaft über Deutschland wandte. Später stellte sich heraus, dass dieses Flugblatt von der Thule-Gesellschaft stammte und von unserem späteren treuen Parteigenossen, dem Musiker und Liederkomponisten Franz Dannehl verfasst und herausgeschleudert worden war. Am nächsten Morgen konnte man in der kommunistischen Münchener Neuesten Nachrichten (sie war von der Regierung beschlagnahmt worden) lesen, dass unverantwortliche Hetzer das Volk mit antisemitischen Reden und Flugblättern irre führen wollten und dass die neue Regierung Anweisung gegeben habe, rücksichtslos nach den Volksverhetzern zu fahnden und sie dingfest zu machen." (BArch: NS 8/20, S.56/56 bzw. 9/10 - Alfred Rosenberghs Erinnerungen an die Anfänge der NS-Bewegung)

(Brenner: "Der lange Schatten der Revolution", S. - 2019)
Zu dem Flugblatt heißt es später:
"Toller hatte den Mut, in diesem Manifest gegen die antisemitische Hetze offen aufzutreten, die 1919 bereits zu Pogromen aufwiegelte.(...) Toller ahnte nicht, daß sein Name unter diesem Aufruf weniger überzeugend wirken mußte als der eines bayerischen Revolutionärs wie Kohlschmid, Wimmer oder Mehrer. Auch die jüdischen revolutionären Denker Gustav Landauer und Erich Mühsam, die ihre Aufrufe an das Volk in Bayern (sie waren auch Revolutionäre der Rechtschreibung und schrieben sogar manchmal 'Baiern') richteten, waren sich ihrer Legitimität so sicher, daß sie das Problematische der Situation nicht erkannten. Sie alle bezahlten ihre Liebe zur Freiheit mit dem Leben." (Fitz Rosenthal, später Religionsphilosoph Shalom Ben-Chorin: "Jugend an der Isar", S.88 - 1974)
München, 14. April 1919
Das gescheiterte Aufbegehren der Regierungstruppen am Palmsonntag gilt ab dem 14. April 1919 als Wendepunkt der Münchener Räterepublik.

(Wikimedia Commons - Datei: Stadt-Kommandantur München - Beschluss! Sämtliche Bürger ... 14. April 1919.jpg / Egelhofer - 14.4.1919)
Der Augsburger Vollzugsratsvorsitzende Ernst Niekisch wird in München entmachtet. Durch die Übernahme der KPD verschiebt sich die Gewichtung der politischen Ausrichtung:
"Unmittelbar nach der Ausrufung der zweiten Räterepublik verlangten die Vertreter der KPD tiefgreifende Maßnahmen, die die Münchner Bürgerschaft weit über die Revolutionszeit hinaus traumatisieren sollten. Dazu gehörten die Bewaffnung der Arbeiterschaft, der Aufbau einer Roten Armee, die Entwaffnung der Bourgeoisie, die Vergesellschaftung von Betrieben, Banken und Großgrundbesitz, die Sozialisierung der Presse, die Einführung einer revolutionären Gerichtsbarkeit und die Sperrung großer Bankguthaben." (Hellerer: "Die kommunistische Räterepublik", S.32)
22. April 1919 - München
"In einer Zusammenkunft seines engsten Freundeskreises hat Dr. (-Max-) Levien strengvertrauliche Eröffnungen gemacht. Er erklärte unumwunden, daß der Mangel an Lebensmitteln und Geld in Kürze zum Zusammenbruch der Münchener Kommunistenherrschaft führen müßte. Die Aufforderung an die Bevölkerung, alles in ihren Händen befindliche Bargeld abzuliefern, widrigenfalls es ihr mit Gewalt genommen würde, hat nicht das erhoffte Ergebnis gehabt. Man hat deshalb, um wenigstens etwas Burgeld zu bekommen, den Straßenbahnbetrieb wieder aufgenommen. Erst sei die Situation aussichtsvoll gewesen, so lange man es mit Volkswehren zu tun gehabt habe. Den jetzt aufgestellten Freikorps kann man dagegen nicht standhalten. Es muß jetzt jeder daran denken, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Auf Grund dieser Informationen wurde vereinbart, das im Nottall Dr. Levien und seine Begleiter, zusammen vier Personen, unter Mitnahme der in den Banken beschlagnahmten Gelder (-und Schmuck-) im Flugzeug nach Budapest flüchten. Levien hofft, von dort in fünf bis sechs Wochen nach München zurückzukehren, und dann endgültig die Räterepublik errichten zu können.Vermutlich wirds den Herrschaften aber auch in Budapest nicht ganz geheuer und turihre werten Persönlichkeiten nicht sicher genug sein. Denn nach neueren Meldungen ist die Lage in Budapest höchst kritisch. Es rücken tschecho-slowakische und rumanische Truppen auf Budapest vor, erstere durch Großwardein, letztere durch Waitzen. Einige Räteminister sind nach Debreczin geflüchtet. Die Regierung fordert alle Waffenfähigen auf, sofort in das Rote Heer einzutreten. Die Anmeldungen sind noch sehr spärlich." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Rheinische Volkswacht, Nr.112, S.1 - "Abzug nach Budapest" v. 23.4.1919)
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"Es muß jetzt jeder daran denken, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen": Dr. Max Levien - 1936 (Wikimedia Commons - Datei: Levien Max (1885).jpg / o. Ang. - 1936)
München, 26. April 1919
Die Rotgardisten können schließlich insgesamt sieben der aufgelisteten Thule-Mitglieder ab dem 26. April 1919 aufspüren und festnehmen.
In der Zwischenzeit formiert sich rund um die Stadt München eine größere Truppenansammlung der Weißen Garde, Kommandant Egelhofer gerät zunehmend unter Druck. Zahlenmäßig ist seine Rote Arme mit rund 2000 Soldaten deutlich unterlegen. In seiner Ausweglosigkeit plädiert er dafür, bourgoise Münchener als Geiseln auf der Theresienwiese zu sammeln und bei einem Angriff auf die Stadt zu erschießen, jedoch: Der Plan findet innerhalb der revolutionären Führungsriege keine mehrheitliche Zustimmung.
Nach dem schon vor Wochen gestellten Hilfegesuch der aus München geflüchteten bayrischen Landesregierung unter Johannes Hoffmann (SPD) an den Berliner Reichswehrminister Noske (SPD) soll München nun geordnet von den Regierungstruppen der Weißen Garde am 2. April 1919 eingenommen werden.
Kurz zuvor macht jedoch die verstörende Nachricht von standrechtlichen Erschießungen die Runde: Am 30. April 1919 werden auf dem Schulhof des Münchener Luitpold-Gymnasiums zehn Personen von Rotarmisten ohne Gerichtsurteil erschossen, sieben von ihnen gehören der lokalen Thule-Gesellschaft bzw. dem Germanen-Orden an.

Todesanzeige für die erschossenen Mitglieder der Thule-Gesellschaft - 1919 (Bay. Staatsbibliothek - Sign.: 2Eph.pol.108g-1919,2 - Bild: port-026755)
In seinen Erinnerungen schreibt Pg. Julius Rüttinger, damaliges Mitglied des Nürnberger Germanen-Ordens:
"Das Jahr 1919 kam ins Land, der schwerste Kampf um Deutschland sollte beginnen. Wir versuchten unsere (-Germanen-Orden-)Organisation neu aufzubauen, Versprengte zu sammeln und dem Münchener Juden-Terror Widerstand entgegen zu setzen. Da kam (-aus München-) die trübe Botschaft von der Ermordung unserer Ordensbrüder und die uns drohende Gefahr des gleichen Schicksals. Die Judenmeute in Nürnberg lauerte schon länger darauf, weil wir mit öffentlichen Aufrufen usw. nicht sparten. In diesen schicksalschweren Stunden mußte Dietrich Eckart, einer der Getreuesten unseres Führers, unter den damaligen trostlosen Verkehrsverhältnissen bei Nacht und Nebel München verlassen, um nicht ebenfalls den Rotmordbanden in die Hände zu fallen. Nach seinem eigenen Bericht, den er uns gab, wurde Eckart von seinem Hausportier gewarnt (trotzdem er selbst Kommunist war), sofort zu verschwinden, sonst würde er am nächsten Tage wegen seiner Judengegnerschaft an die Wand gestellt werden. Eckart war seit Tagen fast nicht zur Ruhe gekommen und befand sich in einem bedauernswerten Zustande." (BArch Berlin: NS26/1308, Sachakte Dietrich Eckart - Pg. Julius Rüttinger, Nürnberg aus "Erinnerungen aus vergangener Zeit" v. 10.7.1935 an das NSDAP-Hauptarchiv, Tgb.-Nr.4889, Bl.3, Akten-Auszugsabschrift durch das NSDAP-Hautarchiv v. 17.8.1935)
1919 im Fokus der Roten Armee: Gründungsmitglieder der Ortsgruppe Nürnberg des Hammerbundes: Hochstein, Mulzer, Julius Rüttinger, Schiller, Schmiedel, Seidel, Spindler - 1933 (BArch: Bild 119-0197-02 / o.Ang.)
Im Verlauf der anschließenden Besetzung Münchens durch Soldaten der Weißen Garde wird Stadtkommandant Egelhofer wiederum als Oberbefehlshaber der Roten Armee "noch während des Verhörs ohne Gerichtsurteil erschossen".
"Als die Freikorps, unterstützt von Regierungstruppen und Verbänden der sogenannten 'Vorläufigen Reichswehr', die inzwischen den Ring um München vosständig geschlossen hatten, Ende April schließlich auf die Innenstadt vorrückten, mussten die Kämpfer der Räterepublik die meißten Außenposten räumen. Dazu zählte auch Dachau, das am 30. April aufgegeben wurde. Und als am nächsten Tag der Häuserkampf in München begann, trat die Rote Armee trotz heftiger Gefechte schon nicht mehr als geschlossener Verband in Erscheinung. Aus Sicht von (-Rudolf-) Hess, der sich seit dem Mittag des 1. Mai am Hotel Reichsadler und in der Sonnenstraße an den Kämpfen beteiligte, geschah die Einnahme der Stadt indessen viel zu langsam. Noch in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai war für ihn die Lage kritisch. Wenn 'die Roten' mehr Angriffsgeist entwickelt hätten, wäre es ihm schlecht ergangen, berichtete er später seinen Eltern." (Görtemaker: "Rudolf Hess, der Stellvertreter", S./FN67 - 2023)
Aus Sicht der Rotgardisten berichtet ein Teilnehmer des Abwehrkampfes:
"In den engen Straßen der Innenstadt entwickelte sich ein zäher, verbissener Kampf um jedes Gebäude, besonders um die Matthäuskirche in der Sonnenstraße, die den Hauptzugang zu den südlichen Stadtteilen verriegelte. Diese Stellung fiel erst in den späten Abendstunden (-des 1. Mai 1919-) und veranlaßte unseren Rückzug auf die südlichen Stadtteile." (//muenchen.dgb.de: Erlebnisbericht des Rotgardisten Max Schwaiger vom Mai 1919)

Spuren des Straßenkampfes: Zerschossene Schaufenster in der Münchener Sonnenstraße - 3. Mai 1919 (Postkarte im Privatbesitz + BArch: Bild 146-2006-0029 / o.Ang.)

München: Motorgeschütz der Weiße Garde am Sendlinger Tor - 3. Mai 1919 (Postkarte im Privatbesitz)

Goethestraße in München: Gepanzertes Auto der Weißen Garde/Freikorps Görlitz - 2. Mai 1919 (Postkarte im Privatbesitz / Hoffmann, Heinrich / München, Artikel 44990 + Rose: "Die Thule-Gesellschaft", S.63 - 1994 + BArch: BildY 1-470-19471 / Hoffmann, Heinrich - 2.5.1919)

Durch Geschütz-Granate stark beschädigt: Gasthaus Waltherhof in der Münchener Maistraße 24/Ecke Waltherstraße - 2. Mai 1919 (Postkarte im Privatbesitz / Schneider, E. + BArch: Bild 146-2006-0033 / Schneider, E.)

Nach erfolgreicher Einnahme Münchens: Mitglieder des Freikorps Werdenfels in bayerischer Tracht - 8. Mai 1919 (Postkarte im Privatbesitz / Hoffmann, Heinrich - München + historisches-lexikon-bayerns.de + Bayerische Staatsbibliothek: hoff-5214)

Nach Niederschlagung der Räterepublik: Erinnerungsfoto für die Freikorps-Mitglieder aus Württemberg - Juni 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
Bei den politisch aufgeladenen Ereignissen oft mit dabei: Der umtriebige Münchener Fotograf Heinrich Hoffmann:
"Als dann Ende April 1919 Reichswehr-Verbände und Freikorps die (-Münchener-) Revolution blutig niederschlugen, wurde Hoffmann rasch zum Fotografen der (-weißen-) Gegenrevolution. Er fotografierte jetzt mit Vorliebe Truppenparaden triumphierender Soldaten, die in München gesiegt hatten. Offenbar hoffte der Fotograf, mit den Soldaten ins Geschäft zu kommen. Es gibt Aufnahmen vom Regensburger Freikorps, von württembergischen Einheiten, vom Freikorps Oberland und von dem Werdenfelser Freikorps, das in Tracht aufmarschierte. " (ovb-heimatzeitungen.de: "Revolutions-Fotograf und Hitler-Verehrer" v. 6.10.2018)
Das spätere Gerichtsverfahren gegen den Kommunistenführer Eugen Leviné wird begleitet von sich ausbreitender antisemitischer Propaganda; es endet mit dem Todesurteil.
Es ist nicht abwegig, dass Dr. Gottfried Grandel zu dieser Zeit bereits Mitglied des Germanen-Ordens ist und in der Phase der Revolution dem äußerst gefährdeten Personenkreis angehört. Beweisen läßt sich dies über eine Mitgliederliste jedoch nicht.
Augsburg, 3. April 1919
Augsburg entwickelt sich zum Vorreiter der bayerischen Räterepublik:
"In der 'Schwäbischen Volkszeitung' rief der Arbeiter- und Soldatenrat zu einer für den 3. April 1919 angesetzten 'Großen Volksversammlung im Ludwigsbau' zum Thema 'Die zweite Revolution' auf. Als Referent wurde (-der auch für die Schwäbische Volkszeitung als Redakteur tätige-) Ernst Niekisch angegeben, der in Augsburg als Lehrer tätig war und nicht nur dem dortigen Arbeiter- und Soldatenrat, sondern auch seit dem Attentat auf (-Kurt-) Eisner dem Zentralrat der Bayerischen Republik vorstand. Somit fungierte er faktisch als Bayerns Regierungschef, konkurrierend mit dem erst kurz amtierenden Ministerpräsident Hoffmann und dessen Anhängern. Bei der Veranstaltung wurde die Etablierung einer Räterepublik gefordert." (Holl-Enzler: "Zwischen Provinz und Staatstheater", S.98 - 2024)
Zu den Augsburger Vorgängen heißt es weiter:
"Zuerst kam es in Augsburg zur Explosion. Nach einem Referat von (-Ernst-) Niekisch, der allerdings die Zeit für das Rätesystem noch nicht gekommen sah, wurde ein Antrag angenommen, der Zentralrat in München sei aufzufordern, sofort die Räterepublik auszurufen. Unterdessen hat man in München von den Augsburger Vorgängen Kenntnis bekommen." (Digitalisiert auf bavarikon.de: "Ein Jahr bayrische Revolution im Bilde", S.11 - 1919)
Mitten im revolutionären Geschehen: Der Augsburger Arbeiter Karl Böhrer, welcher rückblickend berichtet:
"Es war beschlossen, mit einem Flugzeug nach Ungarn zu fliegen zu (-dem kommunistischen Journalisten und Politiker-) Béla Run, wegen (-der-) Richtlinien zur (-dort Ende März 1919 gegründeten-) Räterepublik." (BArch Berlin: NS26/158, S.129/Bl.4 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)

Von Dr. Grandel ab 1918 finanziell unterstützt: Dietrich Eckarts antisemitische Wochenschrift 'Auf gut deutsch' mit dem Konterfei von Béla Run - Mai 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
"Ein Arbeiterführer (-Albert-) Berger (Kaufmann) u. Feldwebel, sowie (-Karl-) Marx (Kaufmann), Zentrumskreisen angehörend, wie auch der Matrosenführer Mair mit (-dem Anführer der Arbeiterschutzwache Wilhelm-) Olschewski und Böhrer Philipp, waren in den (-Augsburger-) Rumplerwerken vorstellig, um ein Flugzeug zu erhalten: Es wurde bewilligt für Ungarn. Berger sollte fliegen, aber sie alle hatten keinen Mut dazu und so wurde beschlossen, eine Delegation nach München zu schicken, um das Programm der Räterepublik zu holen. Die (Münchener Landes-)Regierung war nun in Bamberg. Es war (-in Augsburg-) eine Rathausversammlung einberufen, wo die Konstituierung erfolgen sollte. Ich wurde mit noch einigen Herren vom Augsburger Magistrat nach München gesandt, um dort das Programm für die Räterepublik zu holen. In Wirklichkeit aber sollte ich 'erledigt' werden, als Spitzel. Der Flieger-Berg fuhr das beschlagnahmte Auto der 'M.A.N.'. Wir sollten bis abends wieder zurück sein, um den Bericht für die Rathausversammlung zu bringen." (BArch Berlin: NS26/158, S.129/Bl.4 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Weiter heißt es zu der Augsburger Delegation:
"Während das Ministerium - Hoffmann ist nach Berlin gereist - eine Sitzung abhält, erscheinen plötzlich die Augsburger Abgesandten und verlangen stürmisch die Ausrufung der Räterepublik." (Digitalisiert auf bavarikon.de: "Ein Jahr bayrische Revolution im Bilde", S.12 - 1919)
"Am 3. April (-1919-) kommt eine Delegation aus Augsburg nach München, um im Auftrag einer Massenversammlung der SPD für die Räterepublik in Bayern zu werben, der Versammlung folgt am 4. April ein Generalstreik der Arbeiter von Augsburg. Die Vertreter aus Augsburg fordern den Zentralrat in München auf, unverzüglich die Räterepublik zu proklamieren: im ganzen Land würde man nur auf das Signal von München warten. Nachdem der Gegner bereits eine rätefeindliche Regierung geschaffen habe, den Landtag zum 8. April einberufen wolle, müsse man nun unwiderrufbare Tatsachen schaffen. Am 4. und 5. April treffen sich in München Vertreter der SPD, USPD und KPD, um über die Vorgänge in Augsburg und gleichlautende Beschlüsse für die Räterepublik in anderen Städten Bayerns zu beraten." (Hitzer: "Der Mord im Hofbräuhaus", S.50 - 1981)
"Von besonderem Interesse ist die Aussage des Ministers für soziale Fürsorge, Segitz. Er gibt Auskunft über die Ministerrats-Sitzung vom 4. April (-1919-), in der eine Abordnung aus Augsburg erschienen sei und berichtet habe, in Augsburg habe man einstimmig (-die-) Ausrufung der Räterepublik beschlossen. Man verlange Anerkennung durch den Ministerrat." (Digitalisiert auf //collections.fes.de: Vorwärts, Nr.345, S.7 - "Erich Mühsam und Genossen vor dem Standgericht" v. 9.7.1919)
In seinen politischen Erinnerungen schreibt der völkische Unterstützer Dr. Grandel:
"In jener Zeit (-1919-) kam ich auch mit Gottfried Feder in Berührung, half ihm (-im April 1919 vor der Ausrufung der Augsburger Räterepublik?-) zu einem Vortrag in Augsburg und liess dort auch seine Flugblätter zur 'Brechung der Zinsknechtschaft' verteilen." (BArch Berlin: NS26/514 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv, S.587/Bl.2 v. 22.10.1941)
Augsburg, 7. April 1919
Auch in Dr. Grandels Heimatstadt Augsburg hinterläßt die rote Revolution ihre Spuren.

Absetzung von Oberbürgermeister und Stadtmagistrat: Proklamation des revolutionären Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrats - 7. April 1919 (Thieme/Lamprecht: "Mein Augsburg", S.37 - 1983)
In einer stenographischen Mitschrift der späteren Reichstagssitzung wird vom Augsburger Kommunistenführer Wendelin Thomas vermerkt:
L.o.: "Ich darf hier noch auf eine andere Sache kommen. Sämtliche politischen Führer der bayerischen Arbeiterbewegung sitzen heute hinter Schloß und Riegel. Mit der Zeit hat sich herausgestellt, daß sie auf Grund von falschen Angaben verurteilt wurden.
(Hört! Hört! bei den vereinigten Kommunisten.)
Am 7. April 1919 wurde in Augsburg die Räterepublik ausgerufen , nachdem von München der bestätigte Bescheid eingetroffen war, daß Bayern Räterepublik sei. Schon am 12. April entsandte der Augsburger Arbeiter- und Soldatenrat an die Regierung in Bamberg eine Deputation, bestehend aus zwei Mehrheitssozialisten, darunter den Stadtkommandanten Edelmann, einen unabhängigen Sozialdemokraten und zwei bürgerlichen Vertretern, die angesichts drohender Ernährungsschwierigkeiten mit dem Ministerium Hoffmann über einen modus vivendi verhandeln sollten. Die Beratungen führten zu folgendem Abkommen:
1. Die Räteregierung wird rückgängig gemacht und die Regierung Hoffmann als die allein richtige anerkannt.
2. Sämtliche Maßnahmen, Bankbeschlagnahmungen usw. der Räteregierung werden rückgängig gemacht.
3. Magistrat und Gemeindekollegium werden sofort wieder in ihre alten Rechte
(-R.o.:-) und Volksmasse als für die Regierung, deren loyale Innehaltung von beiden Seiten. Die Augsburger Arbeiterschaft hat sich strengstens an die unterzeichneten Punkte gehalten, und es darf daran erinnert werden, daß ein Zweifel an der Loyalität des Kontraktpartners die Rätebewegung sofort wieder akut gemacht hätte, was bei der bedeutungsvollen Stellung Augsburgs als Industriestadt den Verlauf der späteren Ereignisse sehr wesentlich hätte beeinflussen müssen. Ein weiteres Abkommen wurde zwischen den Vertretern der Bevölkerung Augsburgs und der Regierung in Bamberg am 15. April getroffen, wonach die Regierung dem Vertreter der Stadt Augsburg, Stadtkommandanten Edelmann, die Anerkennung der Neutralität Augsburgs in den bevorstehenden Kämpfen zusicherte. Die Vereinbarung erstreckte sich auch darauf, daß Truppen weder nach noch durch Augsburg kommen sollten. Trotzdem wurden am nächsten Tage Militärzüge durch Augsburg geleitet.
(Hört! Hört! bei den Unabhängigen Sozialisten)" (Reichstag: "Verhandlungen: Stenographische Berichte", Bd.3, S.1933 - 52. Reichstagssitzung, Abgeordneter Wendelin Thomas/KPD v. 20.1.1921)
15. April 1919 - Augsburg
"Auf die Nachricht hin, daß ein Teil der Münchener Roten Armee im Anzuge sei, ist der Bahnkörper bei Mehring aufgerissen worden. Der Zugverkehr zwischen München und Augsburg ist vollständig eingestellt." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Solinger Tageblatt, Nr.85, S.1 - "München wieder in der Hand der Spartakisten" v. 15.4.1919)
18. April 1919 - Augsburg
"Heute nachmittag erschienen verschiedene Flugzeuge über Augsburg und warfen Flugblätter ab. Ein Flugblatt hatte folgenden Wortlaut:
An die Bevölkerung Bayerns! Würtembergische Truppen sind auf der Fahrt nach Bayern und bitten um Euer Vertrauen. Wir kommen nicht als Eindringlinge, sondern sondern sind von Eurer Regierung dringend gerufen worden. Wir wollen Euch helfen, die Macht der jetzigen Machthaber in München zu brechen, die danach streben, ihre unrechtmäßige Gewalt auf das ganze Land auszudehnen. Diese große Gefahr ist für Euch und für uns, Eure Nachbarn, eine gemeinsame und gemeinsam wollen wir sie bekämpfen, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen, um es jedem zu ermöglichen, ungefährdet seiner Arbeit nachzugehen" (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Badischer Beobachter, Nr.85, S.2/3 - "Aufgebot Württembergischer Truppen" v. 19.4.1919)
Augsburg, 20. April 1919 (Ostersonntag)
Die Stimmung unter den Räterevolutionären des Jahres 1919 inspiriert vermutlich den Augsburger Berthold Brecht in späteren Jahren zu folgendem Text:
https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=uiVhimqdqbk
Die Ballade von der Höllen-Lili gilt als mögliche Anspielung auf das Leben der Augsburger Spartakistin Lilly Prem, geb. Elisabeth Krause.
Die von der aus München geflüchteten Regierung Hoffmann (SPD) zur Hilfe gerufenen Regierungstruppen des Reichsministers Noske (SPD) bereiten indes am 19. April 1919 auch die Einnahme der Stadt Augsburg vor, welche als logistisches Drehkreuz vor der Einnahme Münchens strategische Bedeutung besitzt. Doch die Verhältnisse wirken am Abend des 20. April 1919 für die regierungstreuen Verbände wenig überzeugend:
"Nach den vorliegenden Nachrichten waren an die aufrührerische Arbeiterschaft wohl an die 10.000 Gewehre und auch Maschinengewehre verteilt worden. Major Hierl aber verfügte nur knapp über 2000 Mann, zum Teil rasch zusammengeraffte Truppenverbände, denen zumeist jegliche Erfahrung im Bürgerkrieg mangelte." (Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt: "Die Niederwerfung der Räteherrschaft in Bayern, 1919", S.65 - 1939)
Der Agsburger Arbeiter Karl Böhrer berichtet rückblickend an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Um das Unheil abzuwenden, benützte ich die Abwesenheit des ... gge Olschewsky, ließ diese (-Arbeiter-) antreten an der Turnhalle, zog dann nach dem Augsburger Rathaus, besetzte dieses und erklärte den Garnisonsrat Valentin Bauer mit den anderen als verhaftet. - Das war ein Husarenstückchen, das mir teuer zu stehen kam: Die Offiziere hatten mich im Stich gelassen, ich hätte vorzeitig gehandelt und doch wäre ohne einen Schuss alles in Ordnung gewesen und die wahren Volksbetrüger und Handlanger der Augsburger Großindustrie, der Juden und Freimaurer entlarvt. Doch es war noch nicht so weit. - Am Ostersonntag (-20.4.1919-) in der Frühe fielen programmmäßig die Alarmbomben durch die S.P.D. Ich sprang aus dem Bette, brach zusammen, denn ich hatte Wundfieber. Doch ich musste dabei sein, ließ mich frisch verbinden und ging ins Rathaus. Ein Matrosenführer gesellte sich zu mir, wir nahmen Gewehre und Handgranaten und da trat der Gewerkschaftsführer (-Friedrich?-) Wernthaler zu mir und sagte: 'Nun, wo sind Eure Führer?' Empört warf ich ihm Verrat vor, und sagte: Das ist Euer Werk. - Schon krachten Schüsse, ich hörte die telefonischen Meldungen, sah die Maschinengewehre an - unbrauchbar. Das ist kein Kampf mehr, das ist Arbeitermord, Verrat, absichtlich gewollter Putsch. Mich ekelte es an. Ich legte das Gewehr zurück mit dem Gurt Patronen, bat meinen (-Matrosen-)Begleiter, dasselbe zu tun, verlangte (-ihm-) seine Pistole ab, nahm seine Matrosenmütze und schickte ihn zu Weib und Kind heim. Nun rückten die Autos der 'Weißgardisten' ein. Voran mit dem Stabe (-der Weißgardisten-) der Sozialistenführer (-und Stadtkommandant der Rotgardisten-) Edelmann, der zwar die Geiseln verhaften ließ und mit den anderen die Räterepublik vom Rathaus ausrief - und die Alarmbomben werfen ließ, (-und-) der auf Anruf seiner Wache am Pulvermagazin beim Anrücken der „Weißen" befahl, die Stellung zu halten.- Das war meine Geburtsstunde zum aktiven völkischen Kämpfer, zum späteren Nationalsozialisten." (BArch Berlin: NS26/158, S.6/8 bzw. Bl.131/133 - Bericht vom Pg. Karl Böhrer über die Vorkommnisse um die Gründung der Augsburger Ortsgruppe der NSDAP - 20.4.1941)

Geballte Kampfkraft gegen kommunistisch-revolutionäre Ideen: Artillerie-Bereitstellungsraum vor der Fronhof-Westfront der Regierung von Schwaben, nahe dem Augsburger Dom - 19. April 1919 (Postkarte im Privatbesitz)

Halderstraße in Augsburg: Minenwerfer hinter einer behelfsmäßigen Deckung (v. Salomon: "Das Buch vom deutschen Freikorpskämpfer", S.100 - 1938 + Stadtarchiv Augsburg + Thieme/Lamprecht: "Mein Augsburg", S.37 - 1983)
Der gelernte Friseur und Sanitäts-Vizefeldwebel Karl Wahl erlebt hier am Ostersonntag 1919 die Augsburger Räterepublik in ihren letzten Zügen. In seinen Erinnerungen schreibt er:
"Das Stadtinnere ist voller Menschen. Der ganze Janhagel der Revolution gibt sich ein Stelldichein. Die ausgefallensten Typen sind darunter. Viele tragen leere Rucksäcke mit sich und hoffen, mit vollen nach Hause zu kommen. Das Volk spricht von 'Rucksackspartakisten'. Der Kampf um die Säuberung der Stadt ist in vollem Gange. In den Anlagen neben dem Stadttheater feuert ein Geschütz in direktem Beschuß in Richtung Grottenau-Ludwigsplatz. Der Richtkanonier ist nicht ganz auf Draht, der erste Schuß nimmt an der Grottenau den Balkon eines Privathauses mit." (Wahl: "... es ist das deutsche Herz", S.36 - 1954)

Unter Beschuss: Einzug der Regierungstruppen in Augsburg - 20. April 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
"Eine vom Königsplatz vorgehende Menschenmenge versucht, das Theater, in dem Regierungstruppen sind, zu stürmen, ebenso das feuernde Geschütz in den danebenliegenden Anlagen. Plötzlich erscheinen am Theatereingang Soldaten und bringen ein Maschinengewehr in Stellung. Das macht die tobende Menge wieder vernünftig.(...) Gegen Abend ist die Stadt in der Hand der Regierungstruppen." (Wahl: "... es ist das deutsche Herz", S.37 - 1954)
"Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Tote (-je 6-) und Schwerverwundete. Auch unter der Zivilbevölkerung sind (-18, darunter zwei weibliche und ein Kind-) Menschenleben zu beklagen, hauptsächlich deshalb, weil die Spartacisten aus zwei ihnen in die Hände gefallenen Geschützen verschiedene Stadtteile wahl- und planlos mit Granaten beschossen. Es ist natürlich dadurch auch beträchtlicher Häuserschaden entstanden." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Berliner Tageblatt, Nr.182, S.5 - "Die Regierung in Augsburg Herr der Lage" v. 24.4.1919)
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Maschinengewehr 08/15 im Anschlag: Soldaten zum Ostersonntag 1919 in Augsburg (BArch: Bild 146-1982-159-16 / o.Ang.)
Karl Wahl wird rund zehn Jahre später Kreisleiter der Augsburger NSDAP, Gauleiter für Schwaben und SS-Gruppenführer.
23. April 1919 - Augsburg
"Nachdem gestern nachmittag (-23. April 1919-) die Regierungstruppen noch den letzten Vorort Lechhausen besetzt haben, beherrschen sie vollkommen die Lage. Die Arbeiterschaft sowohl wie die Bolschewisten sind entwaffnet und die Haupträdelsführer verhaftet worden. Der von den Arbeitern beabsichtigte allgemeine Ausstand unterbleibt, dank dem Entgegenkoinmen des Führers der Truppen, der den Wünschen der Arbeiter soweit wie möglich nachgab. Heute wird in allen Betrieben die Arbeit wieder aufgenommen. In der Stadt selbst wird es langsam ruhig.
In Augsburg trat während des Nachmittags durch wilde Gerüchte eine Verschärfung der Lage ein. Die Waffenstillstandsbedingungen wurden an der Wertach von einigen Elementen nicht gehalten. Mit zwei Geschützen führten sie eine planlose Schießerei auf die Siadt durch, was Tote und Verwundete kostete. Die Truppen brachten die Geschütze zum Schweigen. Ein Regierungsflieger, der Flugblätter abwarf, wurde abgeschossen und konnie nur durch das Eingreifen eines verantwortungsbewußten Arbeiters gerettet werden. Die neu eingIeiteten Verhandlungen führten zur Annahme der Regierungsbedingungen." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Deutsche Allgemeine Zeitung, Nr.197, S.2 - "Die Durchführung der Ordnung in Augsburg" v. 24.4.1919)
"Heute sprach in der Magistratssitzung der Vorsitzende, Rechtsrat Deutschenbaur, den Dank der Bevölkerung Augsburgs für die Befreiung durch die Regierungstruppen aus, die gerade noch zur rechten Zeit die neuen Umsturzabsichten der nicht bodenständigen und auf Auflösung jeder staatlichen Ordnung hinarbeitenden Elemente vereitelt haben. Die Truppen wären so schonungsvoll vorgegangen, wie sie es den Umständen nach hätten tun können, und hätten Augsburg von der Gewaltherrschaft einer gewissenlosen Minderheit befreit." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Berliner Tageblatt, Nr.182, S.5 - "Die Regierung in Augsburg Herr der Lage" v. 24.4.1919)
Augsburg, 22. Mai 1919
Nach dem Scheitern der Augsburger Räterepublik heißt es über den Arbeiter Karl Böhrer weiter:
"Er habe vorher keiner politischen Partei angehört, insbesondere nicht der u.S.P.(-D unter Ministerpräsident Kurt Eisner-) Lediglich durch (-den Münchener-) Philipp Böhrer sei er in die kommunistischen Umtriebe hineingezogen worden. Dies habe auch seine Verhaftung am 22.V.19 zur Folge gehabt. Durch eine vorgezeigte Bestätigung des I. Staatsanwaltes beim Standgericht Augsburg, Herrn Staatsanwalt (-Hermann-) Kraus, vom 25.V.19, wurde erklärt, daß das Verfahren gegen ihn am 24.V.19 eingestellt wurde." (Karl Böhrer auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20110/Personalakten P6/70 v. 31.5.1919)
Der Betroffene führt 1941 zu diesem Vorgang gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv aus:
"Nach einigen Tagen (-22. Mai 1919-) wurde ich aus dem Büro, dem ich zugeteilt war (Wohnungsamt) verhaftet, dem Polizeioffizier Graf Luxburg vorgeführt, zur Vernehmung. Ich lachte ihm höhnisch ins Gesicht und sagte, er solle sich schämen, mit dieser roten Bande zu paktieren. Er soll machen, was er will. Der Herr Kamerad Graf Luxburg war derart verblüfft, dass er nur einen Verhaftungsbefehl schrieb, Einzelhaft. - Ich wollte ihm ins Gesicht schleudern, daß ich die ganze Lumperei kenne und die doppelten Ausweise, rot u. weiß, doch ich schwieg und ging ins Gefängnis mit, von Kriminalbeamten begleitet, mit denen ich (-zuvor als Wohnungskontrolleur der Augsburger Räterepublik-) zuerst Verhaftungen vornahm. Noch hatte ich Gewehre zu Hause, da traf ich einen Bekannten, die Kriminaler gingen voraus, und ich hätte fliehen können, jedoch ich bat nur, meine Frau solle die Gewehre abliefern, dieses auszurichten und wo diese versteckt sind. Dann schlossen sich die Gitter hinter mir. Neun Tage allein ohne Vernehmung, krank, ohne Verband, gänzlich verlaust, so besuchte mich (-ca. 1. Juni 1919-) mein Pfarrer Thomas Breit (-St. Ulrich-). Ich durfte in das Zimmer des Gefängnisdirektors eintreten. Hier standen zwei Freimaurer, ich dazwischen als Opfer; ich war hellsichtig geworden. Ich gab dem Pfarrer meine Ringe und bat, diese meiner Frau zu geben, und wenn ich ein Hochverräter sein soll, dann verlange ich sofortige Erschießung. Von dieser Stunde an wurde ich anständig behandelt, bekam Bücher und durfte etwas kaufen. Nun wurde ich dem Untersuchungsrichter vorgeführt, ebenfalls Freimaurer, verlangte einen Verteidiger, lehnte jede der Anschuldigungen zurück und verlangte meine Entlassung. (Der Gefängnisdirektor am Katzenstadel hatte seine blonde Tochter an den Juden (-de-)Carro, 3 Mohren Augsburg verheiratet.) Im Gefängnis schwur ich, nach meiner Entlassung nicht zu ruhen und zu rasten, um für Deutschland gegen diese Volksverräter zu kämpfen. Nach zwei Monaten (-Tagen-) wurde ich entlassen. Nun war ich ein Revolutionär geworden, für die deutsche Revolution." (BArch Berlin: NS26/158, S.8/9 bzw. 133/134 - Bericht vom Pg. Karl Böhrer über die Vorkommnisse um die Gründung der Augsburger Ortsgruppe der NSDAP - 20.4.1941)
Die Ausführungen Karl Böhrers wirken in dieser Frage nicht plausibel, denn das Strafmaß für sein kommunistisches Engagement fällt nach dem Verwaltungsbericht des Referats III vom 31. Mai 1919 doch sehr gering aus: Schon zwei Tage nach seiner Inhaftierung wird am 24. Mai 1919 das Verfahren für beendet erklärt. Karl Böhrer selbst hingegen erwähnt in seinem späteren Bericht, er sei nach zweimonatiger Haft, von denen er allein 9 Tage in Einzelhaft verbracht habe, aus der Haft entlassen worden. Der schnelle Umschwung im Umgang mit dem Räte-Revolutionär Karl Böhrer manifestiert sich auch über dessen weitere Protegierung durch die Verwaltung. Hierzu vermerkt nach Haftentlassung der Verwaltungsbericht vom 31. Mai 1919:
"Die verschiedenen Papiere wurdem dem Böhrer zurückgegeben, damit er sich beim Kriegsfürsorgeamt um eine Unterstützung für sich und seine Familie während der Dauer der Haftzeit bewerben und auch wieder um Arbeit umsehen könne. Gleichzeitig bittet (-Karl-) Böhrer, wenn möglich, in einem anderen städt. Betrieb untergebracht zu werden.
II. Dem Direkturium in Vorlage. (Böhrer macht persönlich einen sehr guten Eindruck; im Wohnungsamt kann er allerdings nicht mehr verwendet werden)" (Karl Böhrer auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20110/Personalakten P6/70 v. 31.5.1919)
Juni 1919
Die Verhaftungen nach der gescheiterten Räterepublik in Süddeutschland sind zahlreich. So heißt es hierzu in einer Reichstagsrede von 1921:
"Ich darf hier noch auf eine andere Sache kommen. Sämtliche politischen Führer der bayerischen Arbeiterbewegung sitzen heute hinter Schloß und Riegel. Mit der Zeit hat sich herausgestellt, daß sie auf Grund von falschen Angaben verurteilt wurden.
(Hört! Hört! bei den vereinigten Kommunisten.)
Den Leuten ist es aber nicht möglich, ein Wiederaufnahmeverfahren einzuleiten. Ich habe hier einen Brief der Augsburger Festungsgefangenen Olschewski, Blößl, Lammert, Höck und Mühlbauer, den ich zur Kenntnis des hohen Hauses bringen werde:
'Wir in der Festungsanstalt Niederschönenfeld untergebrachten politischen Gefangenen wenden uns an die Parlamente und Justizministerien und ersuchen um Aufhebung der Stand- und Volksgerichtsurteile, durch die wir zu Unrecht in unsere Lage versetzt sind. Wir begründen unser Verlangen mit der Behauptung, daß unsere Prozessierung ungesetzlich war und den Bruch eines von der Regierung Hoffmann in Bamberg feierlich gegebenen Versprechens bedeutet." (Reichstag: "Verhandlungen: Stenographische Berichte", Bd.3, S.1933 - 52. Reichstagssitzung, Abgeordneter Wendelin Thomas/KPD v. 20.1.1921)

Festungshaft in Niederschönenfeld: Politische Gefangene der Weimarer Republik. Mitte-vorn, sitzend: Erich Mühsam. Rechts, sitzend: Wilhelm Olschewski 2. Reihe v.l.n.r.: Markus Reichardt, Anton Waibel, Hartwig, Grassl, August Hagemeister (BArch: BildY 1-551-14123 / o.Ang. - 1919)

Gefangene Räterepublikaner in der Festungshaft Niederschönenfeld - V.l.n.r., stehend: 1. Karl Zimmet, 1 J. 3 Mon.; 2. Alfred Kleiner, 1 J. 3 Mon.; (mit Vollbart), 1- J.; 5. Rudolf Podubezki, 3 J.; 6. Erich Wollenberg (dahinter), 2 J.; 7. Georg (Karl?, 21.7.1882, Nürnberg) 3. Rudolf Hartig. 2 J.; 4. August Hagemeister [Knader]; 8. Hans Kain, 6 J.; 9. Josef Marschall, 3 J.; 10. Hans Seffert, 3 J.; 11. Albert Dandistel, 6 J.; 12. Ludwig Egensperger, 7 J.; 13. Ernst Günther, 1 J. 9 Mon.; 14. Ferdinand Mayer (mit Vollbart), 2 J.; 16. Peter Regler, 2 J.; Günther, 2 J. Gef., 3 J. Festung; 15. Hans Elbert[;] 17. Wilhelm Duske, 2 J.; 18. Wilhelm Olschewski, 7 J.; 19. Josef Renner (dahinter), 4 J.; 20. Peter Blössl, 10 J.; 21. Hans Wiedemann (erhöht stehend), 1 J. 3 Mon.; 22. Ernst Kiesewetter, 2 1/2 J.; 23. Jakob Tobiasch, 2 1/2 J.; 24. Hans Koberstein (dahinter erhöht stehend); 25. Adolf Schmidt, 3 J.; 26. Arthur Schinagel (fast verdeckt), 1 J. 3 Mon.; 27. Lo Reichert, 2 J.; 28. Fritz Sauber, 12 J.; 29. Wilhelm Reichardt (dahinter), 3 J.; 30. Toni [Anton] Waibel, 15 J.; 31. Paul Förster (erhöht stehend), 3 J.; 32. Ludwig Bedacht (daneben erhöht stehend), 5 J.; 33. Eugen Maria Karpff, 12 J.;
V.l.n.r., knieend: 1. Josef Seidl, 3. J.; 2. Adolf Vollmeier; 3. Paul Zammert, 3 J.
V.l.n.r., sitzend: 1. Ernst Toller, 5 J.; 2. Ernst Niekisch, 2 J.; 3. Valentin Hartig, 7 J.; 4. Gustav Klingelhöfer, 5 1/2 J.(BArch: BildY 1-470-1222 / o.Ang)
In dem Tagebuch von Erich Mühsam v. 18.10.1921 wird vermerkt:
"Der Genosse Marx ist also am 15ten freigelassen worden. Vielleicht hat er das wesentlich dem Umstand zu danken, daß er einer der Augsburger ist, denen seinerzeit vertraglich von der Regierung Hoffmann volle Straffreiheit zugesichert wurde, wenn sie dem Einzug der Regierungstruppen keinen Widerspruch entgegensetzen würden. Dieses Übereinkommen ist dann von Bamberg einfach gebrochen worden, und grade die Augsburger Urteile, an denen ja der Staatsanwalt (-Hermann-) Kraus erheblichen Anteil hat, sind berüchtigt geworden (Blößl 10 Jahre, Olschewski 7 Jahre Festung, (-Philipp/Karl?-) Böhrer 12 Jahre Zuchthaus etc.)."
Der hier von Erich Mühsam erwähnte Augsburger Staatsanwalt Hermann Kraus (50) wird direkt nach der gescheiterten Räterepublik aus München nach Augsburg versetzt. Er leitet ab Mitte Mai 1919 die Festungshaftanstalt Niederschönenfeld. Zum Oktober 1921 wird er zum Oberstaatsanwalt am Oberlandesgericht in Augsburg berufen.
Familie Kraus dürfte auch Gottfried Grandel aus der Zeit der Münchener Räterepublik bekannt gewesen sein:
"Die zweite Abteilung (-des Thule-Kampfbundes-), den Nachrichtendienst, hatte Leutnant Edgar Kraus (-22-) in Händen. Kraus ist der Sohn des ersten Staatsanwaltes (-Hermann Kraus-) in Augsburg, der sich später im bayerischen Femeprozess einen Namen machte. (-Edgar-) Kraus hatte als siebzehnjähriger Fähnrich von Beginn des Weltkrieges an bis zum bitteren Ende mitgekämpft, er hatte sich bei seinen Leuten sehr beliebt gemacht und nun zeigte es sich, daß diese zu ihm hielten." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.107 - 1933)
"Die Aussenleitung (-des Kampfbundes-) hatte der Oberleutnant Edgar Kraus." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2234, S.14, Bl.2 - Sebottendorff über "Thulegesellschaft, Beobachter, Freikorps Oberland")
Den 1. Weltkrieg überstanden: Oelfabrik Grandel in Augsburg
(208-1919) Als mittelständischer Industriefabrikant befindet sich Dr. Gottfried Grandel zum Jahreswechsel 1918/19 im Strudel einer schwer zu fassenden Zeit.
Die alte Ordnung ist nahezu zusammengebrochen, eine absehbar sich daraus entwickelnde Perspektive wirkt auf ihn bedrohlich. Zudem fürchtet er bei einer erfolgreichen kommunistischen Revolution nicht nur um seinen Besitz durch Enteignung bzw. Sozialisierung, sondern als vermögender Unternehmer bei der sich abzeichnenden Umwälzung auch um das Wohlergehen seiner Familie.

Auf dem Augsburger Betriebshof mit Blick zum östlich gelegenen Hanreibach: Fabrikant Dr. Gottfried Grandel mit seiner ersten Tochter Christine - Frühjahr 1918 (Fotografie im Privatbesitz)

Nach dem Brand von 1925: Blick vom Wohnhaus Nr. 18 auf das Augsburger Betriebsgelände, auf dem die querstehende Fabrikationshalle im Vordergrund fehlt - 1927 (Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG")

Entwurfsplan eines neuen Fabrikgebäudes für die Ölkautschuk-Produktion - 7. Juli 1914 (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827)

Übersichtsplan für ein neues Ölkautschuk-Produktionsgebäude - 7. Juli 1914 (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827)
Trotz der erheblichen Rohstoffverknappung gelingt es Dr. Grandel, zusammen mit der auf rund 10 Fabrik-Mitarbeiter reduzierten Stammbelegschaft seine Familie relativ stabil durch die letzten Kriegsjahre zu bringen.

Fabrikgelände mit Blick auf die mit Balkon ausgestattete Betriebsleiterwohnung an der Johannes-Haagstraße 18/I - 1930 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Blick auf das seitliche Betriebsgebäude in der Johannes-Haagstraße 18: Helene Grandel auf dem hofseitigen Balkon der benachbarten Privatwohnung Nr. 20 - Sommer 1928 (Fotografie im Privatbesitz)
Zwar schweigen seit der Kapitulation vom November 1918 die Waffen, doch droht nun die desolate Wirtschaftssituation im Ringen um die geeignete Staatsform das ehemals stolze Kaiserreich vollends in den Ruin zu stürzen. Allein die Umbruchnachrichten aus Berlin und München führen Dr. Grandel die revolutionäre Dramatik des direkten Nachkriegsjahres drastisch vor Augen.

Vielen Stürmen standgehalten: Das Jakoberthor, hinter dem unweit entfernt die Augsburger Ölfabrik Grandel liegt - 1919 (Postkarte im Privatbesitz / Südd. Kunstverlag M. Seidlein, München, Nr.9)

Stadtplan von Augsburg - 1920 (Lithurgische Anstalt v. G. Stempfle, Augsburg)

Obere Bildmitte: Der Straßenverlauf auf das Jakobertor. Hinter dem wuchtigen Tor der mittelalterlichen Stadtbefestigung befindet sich an der oberen Bildrandmitte die Ölfabrik Dr. Grandel - 1930 (Fotografie im Brivatbesitz)
In dieser schwierigen Phase, kurz vor der Münchener Räterepublik, entscheidet sich Dr. Grandel am 1. April 1919 für die Neueinstellung eines zum 31. März 1919 in Kempten aus der Armee entlassenen Handlungsgehilfen, der ihm zukünftig 12 Jahre beruflich zur Seite stehen wird. Laut einer späteren Jubiläums-Festschrift heißt es über den engagierten Mitarbeiter:
"1919 war bei ihm ein junger (-24-) kaufmännischer Mitarbeiter eingetreten, der schnell Prokura erhielt, Josef Rupp (-24.9.1894 - 19.8.1952-). Er entlastete Dr. Grandel in der kaufmännischen Leitung der Firma, so daß dieser sich chemischen Entwicklungsarbeiten zuwenden konnte." (Jubiläums-Festschrift: "50 Jahre DOG", S.10 - 1952)

Schon in jungen Jahren ziel- und leistungsorientiert: Josef Rupp - September 1919 in Bad Endorf (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)

Durch die Festanstellung in der Augsburger Ölfabrik eine gute Partie: Kaufmann Josef Rupp mit Ehefrau Josepha, geb. Strauß, Großtante von dem späteren Ministerpräsidenten Bayerns - 22. Juni 1920 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Doch Dr. Grandels "chemischen Entwicklungsarbeiten" dürften nicht der einzige Grund für die Neueinstellung des ehemaligen Unteroffiziers im Verwaltungsdienst gewesen sein; vielmehr sind es die parteipolitischen Aufbauarbeiten, denen sich Dr. Grandel zunehmend zeitlich, wie auch finanziell, verpflichtet fühlt.
Da der Katholik Josef Rupp in späteren Jahren aussagt, einer Loge angehört zu haben, währe hier die Augsburger Freimaurer-Loge Augusta naheliegend.
Gleichfalls wird Dr. Grandel von dem Augsburger Karl Böhrer rückblickend auf das Jahr 1920 als Hochgradfreimaurer bezeichnet. Die Gottfried Grandel entlasstende Stellenbesetzung durch Josef Rupp könnte in den Wirren der Nachkriegszeit aber auch im Zusammenhang mit dem in Augsburg sehr aktiven Germanen-Orden zu sehen sein. (Staatsarchiv Hamburg, Spruchkammerakte: Selbstauskunft Josef Rupp v. 4.1.1946)

Unter der Grossloge Zur Sonne gegründet am 4. Dezember 1872 in Augsburg: Johannis-Loge Augusta - 1913 (Fotografie im Privatbesitz)
Der Augsburger Ölfabrikant Dr. Grandel scheint zu diesem Zeitraum bereits einem germanischen Orden nahe zu stehen und dabei einem übergeordneten völkischen Geheimplan zu folgen; initiiert durch die Führung einer arischen Geheimloge, die in Süddeutschland nach Beendigung des Weltkrieges rund 1500 Mitglieder umfasst. Beweisen lässt sich diese Vermutung über eine Mitgliederliste bislang nicht.
In einem späteren medizinischen Gutachten beschreibt der Kaufmann Josef Rupp den Augsburger Fabrikanten wie folgt:
"Herr Dr. Grandel ist ein sehr fleissiger Arbeiter und wissenschaftlich sehr ausgebildeter Chemiker, der in seiner Fabrik von morgens früh bis spät abends tätig ist und sich eine Schonung sehr selten oder gar nicht auferlegt. Mir ist wiederholt insbesondere bei Erregungen des Herrn Dr. Grandel aufgefallen, dass seine Pupillen eine veränderte Stellung einnehmen und ebenso sein Blick sich ändert, dass er auch dann eine blasse Gesichtsfarbe hat und auch wiederholt später nicht weiss, was er in diesen Zuständen gesagt oder angeordnet hat. Auch sogar bestreitet, derartige Angaben gemacht oder Anordnungen getroffen zu haben. Herr Dr. Grandel klagt auch häufig über seinen Herzzustand und meint, diese Herzzustände auf eine als Chemiker erlittene schwere Chlorvergiftung, bei der er mit knapper Not vom Tode gerettet ist, oder auf einen besonderen Zustand seines Herzens zurückführen zu müssen. Dr. Grandel hat sich auch während dieser Zeit ohne Rücksicht auf seinen Körperzustand zu nehmen, den Einwirkungen chemischer Gifte ausgesetzt, insbesondere bei Versuchen mit Kampfer und mit Schwefel." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.1/Bl.250 + Bl.101 - Prozessakte Thormann-Grandel - Befragungbericht von Josef Rupp durch/an Medizinalrat Dr. Stoermer v. 26.1.1924)
Der von Dr. Grandel eingestellte Prokurist entstammt einer Familie, die in Augsburg nicht unbekannt ist: Josefs Vater Alois Rupp betreibt als Handwerksmeister um die Jahrhundertwende eine renomierte Bäckerei.

Übernahme der Bäckerei durch Bäckermeister Alois Rupp (m), rechts mit Ehefrau Josefa und Sohn Josef (v) - 1907 (Fotografie im Privatbesitz der Hamburger Enkeltochter von J. Rupp)
Zu dem Leistungsumfang der Ölfabrik zählt neben der Raffinerie von Öl die Firniskocherei, der Betrieb der alten Gewürzmühle und die Fabrikation von Kautschuk/Faktis.
September 1921
Im Bausenats-Beschluss wird vermerkt:
"Die Errichtung einer Oelkautschukfabrik im Anwesen Johannes-Haagstraße No 18 dahier wird hiermit nach Maßgabe des unterm 13.9.21 gestellten Antrages des vorgelegten Planes vom September 1921 und der Beschreibung vom 13.7.1914 unter den in der Beilage enthaltenen allgemeinen baupolizeilichen Bedingungen und unter folgenden besonderen Anordnungen bau- und gewerbepolizeilich genehmigt:
1. Die Kessel, in denen die Einwirkung des Schwefels auf Rüböl vonstatten geht, sind unter einem gemeinsamen Dunstfange aufzustellen und die entweichenden Dämpfe mittels Rohrleitung und elektrisch betriebenem Ventilator von genügender Stärke in den im Jahre 1913-1914 erbauten Turmkamine abzuführen. Dieser Ventilator muß während des Betriebes stets in Tätigkeit gesetzt sein. In den genannten Kamin dürfen keinerlei Feuerungen einmünden.
2. Sollten durch den Betrieb der Oelkautschukfabrik trotz der vorgeschriebenen Einrichtungen fernerhin erhebliche Nachteile, Gefahren oder Belästigungen für dieBesitzer bezw. Bewohner der benachbarten Grundstücke oder für das Publikum überhaupt oder für die im Betriebe beschäftigten Personen eintreten, so bleibt Unternehmer gehalten, ohne Anspruch auf Entschädigung alle diejenigen Maßnahmen zu treffen, welche zur Abhilfe jener Uebelstände erforderlich befunden werden. Vom Standpunkte des Arbeiterschutzes wird verlangt:
- 1. Die von den Arbeitsräumen ins Freie führenden Türen müssen nach außen aufschlagen.
- 2. Für Feuerlöschzwecke sind zweckmäßig angebrachte Schlauchstationen vorzusehen. Die Bereithaltung erprobter Löschgranaten ist ebenfalls geboten.
- 3. Wände und Decken sind glatt zu verputzen und hell zu streichen.
- 4. Die Fußböden müssen eben, dicht und leicht zu reinigen sein und aus undurchlässigem, feuerfesten Material bestehen; und cor den ständigen Arbeitsplätzen aus Holz oder anderem gut isolierendem Materiale bestehen." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Bausenats-Beschluß unter Vorsitz Ackermann v. 10.10.1921)
3. Januar 1922
Das Thema Geruchsbelästigung bleibt für die Augsburger Ölfabrik ein dauerhaftes:
"In der Sache Errichtung einer Oelkautschukfabrik im Anwesen Johannes-Haagstraße Nr. 18 in Augsburg beschliesst die Regierung von Schwaben und Neuburg, Kammer des Innern, im I. Senat auf Grund der in öffentlicher Sitzung am 3. Januar 1922 gepflogenen mündlichen Verhandlung in II. Instanz:
I. Der Rekurs der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei in Augsburg A.G., Johannes-Haagstrasse 19, gegen den Beschluss des Stadtrats Augsburg vom 10. Oktober 1921 wird zurückgewiesen." (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/20904/HAV, Aktengebiet 2/827 - Bausenats-Bescheid Nr. VI 10234 v. 11.1.1922)
Geschäftliche Verbindung unterhält Dr. Grandel in diesem Zeitraum zu den Augburgern Otto Hassenmüller (Prokurist/Gärtnerstraße), Karl Ebert (Bankdirektor, Klinckerberg 32) und Hans Schlögl (Kaufmann/Lange Gasse). Auch postalische Werbemaßnahmen gehören zu der Firmenstrategie:


"Kaufen Sie in Leinölkitt stets das Beste!": Werbepost der Ölfabrik Grandel aus Augsburg - 15. September 1921 (Postkarte im Privatbesitz)

"Vorzugspreise bei Abnahme von 50 Zentnern": Kraftwagen der Firma Krupp - 1920 (Digitalisiert auf //zefys.staatsbibliothek-berlin.de: Die Voss, Nr.22, S.11 v. 31.5.1924)
Wirtschaftlich ist Firmeninhaber Dr. Grandel bemüht, weitere Geschäftfelder zu aquirieren. So plant er neben dem Öl- und Kittwerk auch den für den späteren Fensterkitt erforderlichen Grubenabbau von Kreide. Hierzu vermerkt er später:
"Ich war hauptsächlich wegen der Erlangung einer Einfuhrbewilligung für österreichische Kreide bei der Außenhandelsstelle für Grob-Keramik in Berlin." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, Bl.55 - Prozessakte Thormann-Grandel - Dr. Gottfried Grandels Vernehmungsprotokoll vor dem Augsburger Amtsrichter Dr. Herrmann v. 19.1.1924)
Rückblickend berichtet er 1924 bezüglich der Kreide auch gegenüber seinem medizinischen Gutachter:
"Er sei der Entdecker der Tatsache, dass nahe der Tiroler Grenze eine Kreideerde (-Scharnitzer Kreidegraben-) von bestimmter chemischer Zusammensetzung, ähnlich der Kreide auf Rügen, existiere und da die Tiroler Grenze zu Augsburg viel näher liege wie Rügen, so hätte er sich vor Jahr und Tag bemüht, die Einfuhrbewilligung für diese Kreide zu erhalten." (LArch Berlin: A Rep. 358-01, Nr.6011, S.267/Bl.18 - Prozessakte Thormann-Grandel, Gutachten von Medizinalrat Dr. Robert Stoermer an Untersuchungsrichter Dr. Friedrich Nothmann v. 25.3.1924)

"Bestimmte chemische Zusammensetzung": Kreideabbau auf Rügen (Wikimedia Commons - Datei: Fotothek df ps 0002536 Kreidewerk.jpg / Richard Peter - 1963)
Das Familienleben auf dem Fabrikgelände am Augsburger Hanreibach entwickelt sich in Dr. Grandels Sinne: Schon ein Jahr nach der Heirat der Kriegerwitwe Helene Winternitz, geb. Willner, kommt am 27. Oktober 1917 das erste von drei gemeinsamen Kindern zur Welt: Maria-Christine Grandel.

Tauftermin: Familie Grandel im Sommer 1918 - Hintere Reihe v.l.n.r.: Sohn aus erster Ehe Felix (12), zweite Ehefrau Helene (32) und Gottfried (40) Vordere Reihe: Hans Winternitz (5), Christine (1), Haushaltshilfe Lena Randy (27) und Eleonore Winternitz (4) (Fotografie im Privatbesitz)
Das Fabrik- und Wohngelände am Augsburger Hanreibach bietet der Familie, neben dem Trubel der geschäftlichen Aktivitäten, auch erholsame Rückzugsbereiche:

Im eigenen Garten: Helene Grandel (32) mit Tochter Christine (1) am Eisbach, dem in Richtung Garbenstraße verlaufenden Abzweig des Hanreibaches. Im Hintergrund das Firemengebäude der Parkett-Fabrik Karl Walter - Sommer 1918 (Fotografie im Privatbesitz)
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Mutterglück: Helene Grandel mit ihrer zweiten Tochter Christine - Sommer 1918 (Fotografie im Privatbesitz)

Helene Grandels Töchter: Eleonore Winternitz (5) mit ihrer fast zweijährigen Halbschwester Christine Grandel - Sommer 1919 (Fotografie im Privatbesitz)
Während die Ernährung auch Dank des eigenen Obstgartens gesichert scheint, treten in der Augsburger Innenstadt starke Verwerfungen auf:
"Zum Beispel nach der Erschießung von Teilnehmern einer Hungerdemonstration vor dem Rathaus im September 1920 (...)." (Theiss: "Geschichte der Stadt Augsburg", S.582 - 1985)

Selbstversorgung: Gottfried Grandel mit Stiefsohn Hans Winternitz bei der Obsternte im eigenen Garten - 1921 (Fotografie im Privatbesitz)

Im eigenen Garten: Helene und Gottfried Grandel am Eisbach, mit Helenes Tochter Eleonore Winternitz (3) - Herbst 1917 (Fotografie im Privatbesitz)
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Gottfried Grandel mit Stiefsohn Hans Winternitz (5) am betriebsangrenzenden Eisbach, der sich in den Hanreibach ergießt - 1917 (Fotografie im Privatbesitz)
Das Verhältnis von Gottfried Grandel zu seiner Geburtsstadt ist, im Gegensatzt zum Augsburger Bertold Brecht (1898-1956), ein übersteigertes. Dem begabten Theaterautor der Dreigroschenoper wird hingegen ein distanziertes Verhältnis zu Augsburg bescheinigt, welches sich in einer Grundhaltung zusammenfassen läßt:
"Das Schönste an Augsburg ist der D-Zug nach München."
Für Gottfried Grandel gelten andere Maßstäbe. Sein damaliger Freund Georg Fischer merkt hierzu an:
"Wie er mir (-1919-) nach der Rückkunft von einer seiner öfteren Berliner Reisen erzählte, erklärte er bei einer Zusammenkunft, daß 'seine Vaterstadt (-Augsburg-) bei dem Wiederaufbau Deutschlands die (oder eine) führende Rolle spielen müsse', dafür werde er sorgen!" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 8048/672, S.37, Augsburger Amtmann Georg Fischer an den Münchener Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Seine Ehefrau Helene hat sich hingegen, nach altem Rollenmuster, für Politik nicht zu interessieren. Sie entwickelt andere Schwerpunkte in ihrem Leben. So notiert sie auf der Rückseite eines der Familienbilder die Anfangszeilen eines Gedichtes:
"Geh fleißig um mit deinen Kindern! Habe sie Tag und Nacht um Dich, und liebe sie, und laß Dich lieben einzig-schöne Jahre;
Denn nur den engen Traum der Kindheit sind sie Dein, nicht länger! Mit der Jugend schon Durchschleicht sie Vieles bald - was Du nicht bist, und lockt sie Mancherlei - was du nicht hast. Erfahren sie von einer alten Welt, die ihren Geist erfüllt; die Zukunft schwebt nun ihnen vor. So geht die Gegenwart verloren.
Mit dem Wandertäschchen dann voll Nöthigkeiten zieht der Knabe fort, Du siehtst ihm weinend nach bis er verschwindet, und nimmer wird er wieder Dein! Er kehrt zurück, er liebt, er wählt der Jungfrau'n Eine, er lebt! Sie leben, Andre leben auf aus ihm - Du hast nun einen Mann an ihm, hast einen Menschen - aber mehr kein Kind! Die Tochter bringt vermählt Dir ihre Kinder aus Freude gern noch manchmal in Dein Haus! Du hast die Mutter - aber mehr kein Kind - Geh fleißig um mit Deinen Kindern! Habe sie Tag und Nacht um Dich, und liebe sie, und laß Dich lieben einzig-schöne Jahre." (Joseph von Eichendorff)

Ausflug in die Geburtsstadt Reichenberg: Helene Grandels Reisegesuch vom 15. Januar - 10. Februar 1921 (StadtAA/20118/Einwohneramt/338)
Völkische Ortsgruppen-Gründungen in Augsburg
(209-1919) Durch den verlorenen Weltkrieg und die daraus entstandenen Härten rückt der radikal-völkische Aspekt verstärkt in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung.
Verbunden wird dieser Reflex mit der gesellschaftlichen Schuldfrage: Wer ist verantwortlich für den Niedergang des einst stolzen Reiches? Bei der Suche nach den Ursachen des Zusammenbruchs landen viele der gestrandeten Reichsbürger bei den Juden. Schon in vergangenen Jahrhunderten gab es immer wieder eine latente Judenfeindlichkeit in Teilen der Bevölkerung. So wundert es nicht, dass gerade nach der Kapitulation des Kaiserreiches auf dieses alte Muster zurückgegriffen wird. Bereits während des Krieges war es auch in Augsburg zu Verstimmungen gekommen:
"Im Januar 1918 war es notwendig gewesen, der in verschiedenen Zeitungen verbreiteten Meldung, das für die Eindeckung der neuen Augsburger Synagoge verwandte Kupfer sei durch die Militärbehörden von der Beschlagnahme ausgenommen worden, entgegenzutreten. Wenige Wochen nach der am 1. März 1917 angeordneten Enteignung der Kirchenglocken und Orgelpfeifen für Heereszwecke hatte König Ludwig III. den Synagogen-Neubau besichtigt." (Theiss: "Geschichte der Stadt Augsburg", S.588 - 1984)
Zu dem Vorfall heißt es in der Allgemeinen Zeitung des Judentums:
"In sehr starker Weise zogen die Antisemiten neuerdings (-1917-) gegen die Augsburger Gemeinde los, indem sie dieser den Vorwurf machten, sie habe sich geweigert, das Kupferdach der neuerbauten Synagoge auszuliefern. Wie wenig begründet diese Vorwürfe sind, erweist eine ausfühliche Erklärung des Vorstandes der Augsburger Gemeinde, die in dem 'Gemeindeboten' Nr. 52 abgedruckt worden ist. Aus diesem Grunde dürfen wir auf eine Wiederholung dieser Erklärung verzichten, wir wollten es aber doch bei der Wichtigkeit der Sache und bei der hier zutage getretenen besonderen Perfidie unserer Gegner nicht unterlassen, auch an dieser Stelle auf diesen Einzelfall hinzuweisen." (Digitalisiert auf sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Allgemeine Zeitung des Judentums, Heft 1, S.4 v. 4.1.1918)
Auch in Augsburg treten ab dem Jahre 1919 vermehrt völkisch-antisemitische Gruppierungen im Stadtbild auf. Es ist aber nicht nur der Zusammenbruch einer alten, vertrauten Ordnung, es ist auch der darauf folgende kommunistische Machtanspruch einer aus Russland inspirierten und aufgewiegelten Arbeiterklasse, der viele Bürger verunsichert. Der 41-jährige Augsburger Fabrikant Dr. Gottfried Grandel ist im Jahre 1919 über das Stadium dieser Verunsicherung hinaus; mittlerweile im hohen Maße politisiert, handelt er bereits auf völkisch-reaktionäre Weise - mit dem antisemitischen Germanen-Orden im Rücken.

Den Willen zur politischen Gestaltung: Dr. Gottfried Grandel - 1918 (Fotografie im Privatbesitz)
Vermutlich bestehen schon Anfang 1919 enge Beziehungen Gottfried Grandels zu dem Regensburger Architekten Lorenz Mesch, der zugleich als Regionalleiter des Germanen-Ordens Walvater fungiert. Dessen Antisemitismus wird bereits im Frühjahr 1919 in der Regensburger Presse erwähnt:
"Ganz anders der einige Jahre in Regensburg wohnhafte, in Ansbach geborene Architekt und Antisemit, der 38jährige Lorenz Mesch. Er entfaltete nach dem Weltkrieg (-1919-) 'eine das Leben und Eigentum der jüdischer Bürger bedrohende Hetze'. In einer 'flammenden Rede' widersprach am 24. März 1919 Dr. Meyer dem Architekten während einer Versammlung von etwa 1000 Personen im großen Saale des Paradiesgartens, wobei Dompfarrkooperator Wolfgang Prechtl den Rabbiner unterstützte.(-Deutsche Israelitische Zeitung - Regensburg, 43. Jg. v. 29.1.1926-) Der Geistliche riet dem reformfreudigen Antisemiten, mit Verbesserungen bei sich selbst zu beginnen. Auf den Beitrag Israels zum Christentum könne man nicht verzichten. Wenn man vom Alten Testament abstrahieren wolle, so komme ihm das vor, als wenn man den 2. Stock - das Christentum - schön einrichte, dann aber das Fundament zerstöre. Das werde - so schloß der Domkooperator - der Referent als Architekt doch wohl verstehen. Gleichzeitig zirkulierte in Regensburg ein anonymes Flugblatt, in dem mit Zitaten 'aus Talmud und Schulchan' die Juden als böse Menschen dargestellt wurden. Schließlich verteidigte Lorenz Mesch im Regensburger Anzeiger die Behauptung des Flugblattes. Dabei berief er sich auf Übersetzungen des 'Herrn Dr. Justus . . . und des Herrn Prof. Dr. Rohling'. Mesch habe - entgegnete der Talmud- und Tenachkenner Dr. Meyer - die in antisemitischen Machwerken abgedruckten Darlegungen nur deswegen als bewiesen angesehen, weil er ihnen von vornherein glauben wollte. Der Distriktsrabbiner widerlegte in einem gelehrten Leserbrief, welcher im Regensburger Anzeiger abgedruckt wurde, Punkt für Punkt die Behauptungen des Antisemiten Mesch, wurde aber vermutlich nur von einigen wenigen denkwilligen und sprachkundigen Regensburgern verstanden. Schließlich konnte im Frühjahr 1919 ein über 60 Jahre alter
Oberstleutnant, der in seiner Pensionärsfreizeit nachts antisemitische Zettel an Regensburger Hauswände geklebt hatte, ertappt und - als er die Flucht ergriff - 'erreicht' und zur Anzeige 'wegen Vergehens gegen das Preßgesetz und wegen unbefugten Plakatierens' gebracht werden." (Siegfried Wittmer auf heimatforschung-regensburg.de: "Geschichte der Regensburger Juden zwischen Monarchie und Diktatur", S.131/132 - 1988 + Wittmer: "Regensburger Juden: Jüdisches Leben von 1519 - 1990", S.241/242 - 1996)
Eine weitere Schilderung über Lorenz Mesch liefert der in diesem Zeitraum für Dietrich Eckarts und von Gottfried Grandel mitfinanzierten Wochenschrift Auf gut deutsch arbeitende Alfred Rosenberg:
"Aus Regensburg war ein antisemitischer Architekt (-1919-) zu Dietrich Eckart gekommen, um ihn ebenfalls zu unterstützen und in Regensburg weiter zu arbeiten. Nach meiner Rede (-vom April 1919-) auf dem Marienplatz in München fragte er mich, ob ich nicht bereit sei, in einer grossen Kundgebung in Regensburg zu sprechen und zwar ebenfalls gegen Kommunismus und Judentum. Ich sagte das zu und fuhr wenige Tage darauf nach Regensburg, um dort meine Rede zu halten. Die Regensburger Kommunisten aber waren offenbar noch nicht so fein geschliffen, wie die Herren in Moskau und hatten nun nach ganz und gar bürgerlicher Weise den Vortrag verboten, anstatt mich ruhig hinkommen zu lassen, einfach fest zu nehmen und nicht wieder los zu lassen. So trollte ich unverrichteter Dinge wieder nach München und hier schien es Eckart und mir dann doch geraten, ebenfalls den heißen Boden Münchens zu verlassen und im Isartal frische Luft zu schnappen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 8/20, Alfred Rosenbergs "Erinnerungen an die Anfänge der NS-Bewegung", S.57/10 - o.D.)
Zu Lorenz Mesch vermerkt Gottfried Grandel später in seinen Aufzeichnungen an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Durch (-Dietrich-) Eckart lernte ich (-1919-) auch Architekt Lorenz Mesch in Regensburg kennen, der überaus rührig und tätig war. M.(-esch-) unterhielt als Leiter eines germanischen Ordens zahlreiche Verbindungen im In- und Auslande und zielte sehr früh darauf ab, die etwas zur Absonderung neigenden bayerischen völkisch-politischen Kreise in Fühlung mit den norddeutschen zu bringen." (BArch Berlin: NS26/514, S.587/Bl.2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

Regionalleiter des Regensburger Germanen-Ordens: Hochmeister Lorenz Mesch - 1920 (Stadtarchiv Regensburg: Familienbögen - Portrait Karl Lorenz Mesch)
Bei der Gestaltungs-Initiative gegen das auf sie bedrohlich wirkende Szenario ist davon auszugehen, dass Gottfried Grandel und Lorenz Mesch sich bereits in einem größeren Organisations-Zusammenhang befinden. Beweisen lässt es sich nicht, doch ist Gottfried Grandel möglicherweise 1918 schon als Mitglied, zumindest jedoch im engeren Kontakt zu Vertretern des reichsweit in Lesezirkeln und Logen organisierten Hammerbundes und Germanen-Ordens zu finden.
Einer der Hinweise für diese These: Im Juli 1920 wird sein Leserbrief in der von dem Ordens-Gründer Theodor Fritsch herausgegebenen Halbjahresschrift "Hammer - Blätter für den deutschen Sinn" veröffentlicht. Diese bezeichnet sich im Untertitel als "parteilose Zeitschrift für nationales Leben", bezieht jedoch schon durch den rassisch geprägten Antisemitismus eine klare republikfeindliche Position.
Die auffallend einseitig gehaltene Zuschrift Gottfried Grandels an den Herausgeber des Hammer besitzt dabei einen klaren Aufforderungscharakter:
"Es ist eine große Seltenheit, daß ich einem Buche meine ganze Zustimmung geben kann, wie Ihrer kleinen Schrift 'Anti-Rathenau'. Seit einem halben Jahre habe ich sie oft gelesen und kein Fehl darin gefunden. Alle die wichtigen Dinge, die Sie darin besprechen, bewegen auch mich aufs stärkste und ich habe mir Ihre Verwirklichung zum Ziele gesetzt. Landauf, landab suche ich seit langem selbstlose deutsche Männer, die das Gleiche wollen, sich aber nicht mit der Erkenntnis und dem Wunsche begnügen, sondern wirkliche Arbeit leisten. Der wahrhaft deutsche Rechtsstaat, den wir klar vor uns sehen, enthält die Grundzüge, die Sie in Ihrer Schrift anführen. Viel Leid und Enttäuschung ist dem beschert, der sein Volk sehend machen und zum Heile führen möchte. Der rechte Weg ist aber jetzt erkannt ..." (Fritsch: "Hammer - Blätter f. d. deutschen Sinn", Nr.437, S.334, 1.9.1920 - Grandel an F. Roderich-Stoltheim/d.i. Theodor Fritsch v. 19.7.1920)
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(Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: "Hammer - Blätter f. d. deutschen Sinn" - 1.9.1920)
Der Alldeutsche Verband
Über die Augsburger Gruppierung des Alldeutschen Verbandes vermerkt ein vom Ortsgruppenvorsitzenden und Kaufmann Jakob Brindlinger und seinem Stellvertreter und Buchhändler Friedrich Schott im April 1917 unterzeichnetes Werbeblatt:
"Die Aussichten sind trüb, wenn der einzelne Deutsche in Zukunft nicht mehr politischen Sinn und nicht mehr politisches Verantwortlichkeitsgefühl beweist, wie bisher. Darum schließe sich jeder Gleichgesinnte unserem Verbande an und werbe für ihn!(...) Der Alldeutsche Verband ist in Augsburg durch eine junge, aber kräftig aufblühende Ortsgruppe vertreten. Diese hält allwöchentlich am Montag Abend im Gasthof zur Post, Fuggerstraße 7, zwanglose Zusammenkünfte ab, zu welchen Gleichgesinnte freundlich eingeladen sind.(...) Wer sich über das Wirken des Alldeutschen Verbandes unterrichten will, dem seien als Lesestoff empfohlen: Die 'Deutsche Geschichte' von Einhart, die Monatszeitschrift 'Deutschlands Erneuerung' (Verlag Lehmann, München) und von der Alldeutschen Presse: Die 'Deutsche Zeitung', welche seit 1. April (-1917-) unter neuer Leitung erscheint (Graf Zeppelin gehörte zu den Gründern des neuen Unternehmens), ferner die 'Deutsche Tageszeitung' und die 'Tägliche Rundschau'." (Augsburger Werbeblatt vom Alldeutschen Verband unter //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40002/Schriftdokumentation/130)

Augsburg: Werbeblatt für den Alldeutschen Verband - April 1917 (//recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40002/Schriftdokumentation/130)

"Zwanglose Zusammenkünfte": Hotel und Gastronomie zur Post, vermutlich im März 1921 auch Gründungslokalität der ersten Augsburger NSDAP-Ortsgruppe - 1917 (Postkarte im Privatbesitz)
Der Augsburger Fabrikantensohn Dr. Grandel scheint für seine Heimatstadt politisch hoch motiviert, zeigt dabei jedoch schon früh eine klare Tendenz zum radikalen Antisemitismus. So notiert der seit 1917 mit der Familie befreundete Augsburger Amtmann Obersekretär Georg Leonhard Fischer (3.5.1860-11.1.1933):
"Auf meine (-Alldeutsche Anwerbe-)Einladungen hin hat er (-Gottfried Grandel-) in der ersten Zeit unserer Bekanntschaft (-1917/18-) gemeinsam mit seiner Frau (-Helene-) einigen Versammlungen und Vorträgen im Alldeutschen Verband (-möglicherweise 10. Mai + 11. Juni 1917 im Hotel Drei Mohren-) beigewohnt, er hat mir dann aber jedesmal erklärt, dass er dem 'Verein' nicht beitreten werde, weil dieser die Judenfrage nicht scharf genug herausstelle und er auch sonst einiges Misstrauen habe.(...) Unser Ortsgruppenvorsitzender, Herr (-J.-) Brindlinger, teilte mir schon damals mit, dass man auf seine Mitgliedschaft keinen Wert zu legen brauche, weil er - milde ausgedrückt - trotz seiner reichen Begabung nicht ernst zu nehmen, sondern vom psychologischen Standpunkte zu beurteilen sei (...)." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 8048/672, S.37, Georg Fischer an Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)

Augsburg: Eintrittskarte für den Alldeutschen Verband - 11. Juni 1917 ("Verständigungsfrieden oder Deutscher Frieden", Hotel Drei Mohren v. 11.6.1917 unter //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40002/Schriftdokumentation/130)
Als Augsburger Referent des Alldeutschen Abends fungiert der 63-jährige Münchener Universitätsprofessor Max von Gruber.

Nationalist im Alldeutschen Verband: Mediziner Max von Gruber - 1913 (Wikimedia Commons - Datei: Max_Gruber._Photograph,_1913._Wellcome_V0028709 / Wellcome Images - 1913)
Zu dem Alldeutschen Verband wird weiter berichtet:
"Allerdings standen ihnen seit April 1917 mit der Übernahme der Deutschen Zeitung und der Gründung der Zeitschrift Deutschlands Erneuerung (-Verlag Julius Friedrich Lehmann - München-) zwei eigene, frei einsetzbare Presseorgane zur Verfügung, die jetzt eine neue Kampffront eröffneten. Mit einer 'Kriegserklärung an das Alljudentum', wie die interne Sprachregelung des stellvertretenden Vorsitzenden von Gebsattel lautete, versuchten sie im Juni 1917 in die laufende Debatte um die Friedensresolution einzugreifen und denunzierten mit der Konfrontation 'Alldeutsch - vielleicht alljüdisch?' jegliche Bestrebungen für einen Verständigungsfrieden und für Demokratisierung als Ausdruck jüdischer Machteroberungsgelüste." (Jungcurt: "Alldeutscher Extremismus in der Weimarer Republik", S. - 2016)

Alldeutscher Verband: "Bedenke, daß Du ein Deutscher bist!" (Digitalisiert auf digital.slub-dresden.de: Risaer Tageblatt und Anzeiger, Nr.274, S.12 v. 24.11.1928)
Das hier von Georg Fischer beschriebene Grundinteresse Dr. Grandels am Alldeutschen Verband könnte sich ableiten aus der Aufforderung des Germanen-Ordens, bei einem politischen Gestaltungswillen sich doch innerhalb dieser Organisation zu betätigen. So heißt es im ersten Jahrgang der vom bayerischen Logenmeisters Rudolf Glauer/v. Sebottendorff herausgegebenen Zeitschrift Runen:
"Wer von den Mitgliedern sich politisch betätigen will, trete dem mächtigen, scharf antisemitischen 'Alldeutschen Verbande' bei."
Bei seinem Misstrauen gegenüber dem Alldeutschen Verband wird Gottfried Grandel folgender Artikel des Herausgebers Graf v. Bothmer nicht entgangen sein, der bereits im Juni 1917 in der Zeitschrift Die Wirklichkeit eine Veröffentlichung findet:
"Warum ist es eigentlich der alldeutschen Bewegung unter diesen ungewöhnlich günstigen Bedingungen der Kriegszeit nicht gelungen, die Massen in ganz Deutschland für ihre Idee zu gewinnen? Ich kann mir dieses Nichtgelingen nur damit erklären, daß zwischen der alldeutschen Idee und dem Deutschtum, wie es heute ist, doch Gegensätze bestehen, mindestens insoweit, daß das Wesen dieses Deutschtums umfänglicher ist, als daß es in der alldeutschen Idee erfaßt werden könne."
Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts vermerkt hierzu:
"Entgegen der sonstigen Behauptung, die Alldeutschen hätten das deutsche Volk hinter sich, wird hier offen zugegeben, daß die mit ungeheuren Geldmitteln geführte Propaganda ergebnislos geblieben ist." (Digitalisiert auf fes.imageare.de: Vorwärts, Nr.172, S.3 v. 26.6.1917)
Der Augsburger Fabrikant Gottfried Grandel kann sich hingegen für den ab 1918 tätigen Chefredakteur der Deutschen Zeitung begeistern, der zugleich auch noch Mitglied des Berliner Germanen-Ordens ist - Reinhold Wulle. In einer juristischen Auseinandersetzung heißt es später in einem Brief an den Berliner Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes:
"Da Dr. Grandel ein fanatischer Parteigänger (-Reinhold-) Wulles war, hatte ich sofort den Verdacht, dass hier gemeinsam von diesen beiden Leuten gegen Sie (-Heinrich Class-) gearbeitet würde, um es auf diese Weise fertig zu bringen, Sie unmöglich zu machen.(...) (-Der Augsburger Amtmann und Freund der Familie Grandel Georg-) Fischer hat mir Herrn Dr. Grandel verschiedentlich schon früher als einen ganz unklaren Wirrkopf hingestellt, der immer die grössten Reden im Munde führte und die Juden immer Dutzend-weise umlegen wollte. Ich bedauere nur, dass Sie den Menschen überhaupt zu sich gelassen haben. Hätten Sie sich bei mir nach dem Herrn erkundigt, so hätte ich Sie auf das eindringlichste gewarnt. Jetzt kann ich es nur nachträglich tun, doch ist Ihnen vielleicht der Hinweis, dass der Herr Doktor die längste Zeit in Augsburg stets gegen Sie gehetzt habe und dass er ein Gesinnungsgenosse und Mitarbeiter von (-Reinhold-) Wulle ist, immerhin wertvoll zu wissen. Sie können vielleicht dementsprechend Massnahmen treffen. Es sollte mich freuen, wenn es Ihnen gelänge, durch diese Mitteilung den Leuten auf die Spur zu kommen, die gegen Sie arbeiten." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.35/36 - Der Münchener Verleger Julius F. Lehmann an den Alldeutschen Verbandsvorsitzenden Heinrich Class aus Berlin v. 1.2.1924)
Der in diesem Zusammenhang von Julius Friedrich Lehmann kontaktierte Amtmann Georg Fischer aus Augsburg notiert zur Person Gottfried Grandel:
"Als eifriger Leser der ihm von mir (-ab dem April 1917-) empfohlenen Deutschen Zeitung, an deren Haltung er übrigens manches auszusetzen hatte, trat er in Verbindung mit (-dem Chefredakteur-) Reinhold Wulle (-Alldeutscher Verband/Germanen-Orden-) und anderen mir nicht genannten Berliner Herren (-vermutlich vom Germanen-Orden Walvater-). Wie er mir nach der Rückkunft von einer seiner öfteren Berliner Reisen erzählte, erklärte er bei einer Zusammenkunft, dass 'seine Vaterstadt bei dem Wiederaufbau Deutschlands die (oder eine) führende Rolle spielen werde, dafür werde er sorgen!'. (-Reinhold-) Wulle hat einen starken und nachhaltigen Einfluss auf ihn ausgeübt, der scheint seine schwache Seite, nämlich seinen persönlichen Ehrgeiz, sein Nichtunterordnenkönnen und seine Eifersucht auf andere hervorragende Führer bald erkannt zu haben. Schon einige Monate vor dem Bruch des Herrn J.(-ustiz-)-R.(-at-) Class mit Wulle (-Dezember 1920-) erzählte mir Grandel, dass er auf Grund zuverlässiger Mitteilungen W.'s bestimmt versichern könne, Cl.(-ass-) sei Freimaurer und auch hinsichtlich jüdischer Verbindungen nicht hasenrein. Als ich ihm - etwa im Februar 1921 - sagte, dass W.(-ulle-) in einem an den Vorsitzenden der B.(-ayerischen-) Mittelspartei geschriebenen Brief diese Behauptungen zurückgenommen habe und ihn fragte, ob dies auch ihm gegenüber geschehen sei, wie es die Pflicht von jedem ehr- und wahrheitsliebenden Mann erfordere, erklärte er mir ausweichend, dass Wulle dies im Drang seiner vielen Geschäfte übersehen haben müsse. Nun muss ich hier allerdings einschalten, dass mir die Mitteilung von dem Brief Wulles an Dr. (-Hans-) Hilpert von (-dem Augsburger-) Oberstleutnant (-Hermann-) v. Schleich (-laut dem Augsburger Karl Böhrer GO-Mitglied-) gemacht wurde, mir aber Hilpert, den ich noch gestern im (-Bayerischen-) Landtag aufsuchte, erklärte, dass er hiervon nichts mehr wisse.(...) Jedenfalls steht für mich auf Grund vieler Äusserungen Grandels fest, dass er an Herrn J. R. Class nicht nur ständig zu mäkeln hatte, sondern ihn auch glühend hasste, - ganz wie sein Freund Wulle. Ich stehe auch - allerdings ganz für mich persönlich - unter dem Eindruck, dass er, - allein oder auf andere Mitveranlassung, - sich sogar an Class herangemacht habe, um ihn für den Plan gegen Seeckt zu gewinnen, nicht nur wegen (-General Hans v.-) Seeckt allein, sondern auch, um Class gleichzeitig zu erledigen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.37/38 - Amtmann Georg Fischer an Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Reinhold Wulle verschaft sich zum Ende des Weltkrieges unter anderem in der Frage des breit diskutierten Frauenwahlrechts Gehör:
"In den Tagen der Revolution rückte das Frauenstimmrecht schließlich endgültig in erreichbare Nähe. Nun ergriff, eine äußerst seltene Erscheinung, der Chefredakteur der D(-eutschen-) Z(-eitung-) in der Frauenbeilage persönlich das Wort. Reinhold Wulle schlug zur Abwendung des Frauenwahlrechts die Einrichtung eines 90-köpfigen Frauenparlaments vor, das die 'Sonderinteressen' der berufstätigen Frauen vertreten sollte. Nur für diese Gruppe sei dies nötig, da alle verheirateten Frauen weiterhin durch ihre Männer vertreten sein sollten. Wulle zeigte sich bei diesem letzten Versuch, den Urnengang von Frauen abzuwenden, durchaus phantasievoll und legte ein detailliertes Konzept vor." (Steubel: "Radikale Nationalistinnen", S.105/106 - 2006)
Augsburg - 1919
Die gesellschaftliche Grundstimmung nach dem verlorenen Weltkrieg ist auch in Augsburg höchst angespannt:
"In den Jahren 1919 und 1920, als die nach Lockerung der Zwangsbewirtschaftung eintretenden Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Textilien und Schuhen zeitweise zu schlimmeren Versorgungsnotständen als während des Krieges führten, fand das Aufzeigen eines personifizierten Feindbildes im schachernden Juden auch in Augsburg dankbaren Widerhall. Die Aufdeckung von Wucherhandel in einem Wäschegeschäft ließ im Oktober 1919 einige Tage lang eine Art von Pogromstimmung aufkommen. Etwa um die gleiche Zeit meldeten die Behörden erste Aktivitäten betont antisemitischer Verbände, wie des Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes." (Theiss: "Geschichte der Stadt Augsburg", S.588 - 1984)
Im Schreiben des Augsburger Stadtrates und der Sicherheitsabteilung vom 25./27. August 1919 wird dann auch für das Stadtgebiet vermerkt:
"Die Stadt Augsburg meldete schon im Spätsommer 1919 eine heftig einsetzende Judenhetze seitens eines 'Deutschen Schutz- und Trutzbundes Hamburg'. Diese nahm im Laufe der Zeit immer mehr zu und fand (-am 10.10.1919-) ihren Niederschlag in der Gründung einer Ortsgruppe." (Hamburger Beiträge zur Zeitgeschichte, Bd.6, S.305 - 1970)
Ortsgruppe Bund für deutsches Recht
Der politisch vereinnahmte Dr. Grandel hat zu diesem Zeitpunkt in Augsburg bereits, wie in dem Leserbrief an Theodor Fritsch selbst ermunternd gefordert, "wirkliche Arbeit" geleistet: In seiner Geburtsstadt gründet er zum Winter 1919 reichsweit die erste Ortsgruppe für den vom Bochumer Amtsgerichtsrat Prof. Dr. jur. Arnold Wagemann ins Leben gerufenen Bund für Deutsches Recht. Dieser läßt bereits vor dem ersten Weltkrieg in einer Publikation verlauten:
"Was uns von altem germanischen Recht überliefert ist, was unbewußt in unseren Vorfahren gewirkt hat und auch heute noch in uns wirkt, das ist das Streben, nicht privaten Wünschen in erster Linie gerecht zu werden, sondern den Anforderungen des Lebens." (Wagemann: "Geist des deutschen Rechts", S. - 1913 + Stolleis/Simon: "Rechtsgeschichte im Nationalsozialismus", S.37 - 1989)
Der ehemalige Amtsrichter schreibt über den Hintergrund seiner Bemühungen:
"Aus der Erfahrung heraus, daß die bei uns herrschende römisch-byzantinische Rechtsordnung dem Rechtsbedürfnis des deutschen Volkes nicht allein nicht genügt, sondern es aufs gröblichste verletzt, hat sich ein Bund für Deutsches Recht gebildet, der sich das einzige Ziel gesetzt hat, die Aufgaben, welche das Recht im Volksleben zu erfüllen hat, bis ins Einzelnste klarzustellen, und die Kenntniss seiner Arbeitsergebnisse dem deutschen Volke unmittelbar zugänglich zu machen." (§ 1 der Satung des "Bundes für Deutsches Recht" v. 5.11.1920)
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Von Dr. Grandel für Arnold Wagemann finanziert: "Haben wir heute deutsches Recht?" - Augsburg, 1921 (Fotografie im Privatbesitz)
Weiter wird über den inhaltlichen Vorstoß Arnold Wagemanns berichtet:
"Fort mit dem römischen Privatrecht!
Von Geheimrat Dr. Konrad Küster-Berlin.
Das römische Privatrecht ist als Fremdling zu uns gekommen und hat das alte deutsche Recht, das auf viel richtigeren Grundsätzen aufgebaut war, vollständig verdrängt. Trotzdem im Laufe der Jahrhunderte immer mehr seine Unrichtigkeit und seine unheilvolle Wirkung erkannt wurde, ist es doch wieder, wenn auch im Widerspruch mit dem berühmten Rechtslehrer Exzellenz v. Gierke, in das Bürgerliche Gesetzbuch als deutsches Recht aufgenommen worden und hat seine wirtschaftlichen Verwüstungen nicht nur fortsetzen, sondern in erschreckender und steigender Weise bis auf den heutigen Tag fortsetzen können. Das alte deutsche Recht setzte in erster Reihe die Pflichten gegen das Gemeinsame fest, gegen die Familie, Gemeinde, Stamm, Volk, Menschheit, und dann erst die Berechtigungen der einzelnen als Folge erfüllter Pflichten. Das römische Privatrecht gestattet dagegen dem einzelnen, mit seinem Eigentum zu machen und zu lassen, was er will, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Allgemeinheit und Privater. Er konnte und durfte über Leichen schreiten. Dieses wahnsinnige Recht hat heute die ganze Welt unterjocht und hat die furchtbare Bewucherung unseres Volkes in und nach dem Kriege ermöglicht, die den Darbenden das Nötigste so lange vorenthielt, bis Preise erzielt werden konnten, welche der Habgier des Eigentümers genügend erschienen. Das Geld wurde eine furchtbare Waffe, das, seiner Rolle als Anstandshilfe entkleidet und als Wert an sich betrachtet, ein Uebergewicht gewann über alle übrigen Lebenserhaltungsmittel und als Kapitalismus die ganze Kulturwelt unter seine Knechtschaft zwang. Recht wird fast nur in Geldsachen gesprochen. Das verzinsliche Darlehen ist der Henkersknecht, der die Werte schaffende Arbeit in Fesseln schlägt. Nach altem deutschem Recht war der Hof, war die Mühle das Gemeingut, das Erbgut der Familie, der Sippe, das von dem Tüchtigsten für sie verwaltet wurde. Machte dieser Schulden, so musste er sie durch Arbeit persönlich tilgen, der Hof, die Mühle konnten vom Gläubiger niemals angetastet werden. Jetzt wird nach dem römischen Privatrecht der Hof einfach subhaftiert, wird für eine sehr niedrige Summe Eigentum des Gläubigers, die Familie wird hilflos auf die Straße gesetzt. Dies ist eine Verwüstung unserer wirtschaftlichen Zustände. Das Traurige bei dieser geradezu verbrecherischen Einrichtung ist, daß im Namen der Staatsgewalt der Richter dem zahlungsunfähigen Schuldner das Letzte nimmt, was er irgend entbehren kann, und ihn arbeits- und erwerbsunfähig macht, während dem Kreditgeber Summen zugeführt werden, von denen er ohne Arbeit schlemmen kann. Infolge dieses Staatsschutzes wird das Kreditgeben oft sogar unnötig zum Verderben des Kreditnehmers aufgeschwatzt. Man ist ja sicher, Vorteil davon zu haben. Nach altem deutschen Recht war dieser Staatsschutz nicht vorhanden. Man hütete sich wohl, Darlehen zu geben aus Profitgier, es geschah dies als Freundschaftsdienst bei Notlagen und auf eigene Gefahr hin. Ein Kulturstaat ist besser entwickelt, je mehr bei ihm der Allgemeinsinn entwickelt und gepflegt wird. Daß dementsprechend das alte deutsche Recht weit über dem römischen steht und zu einer gesunden Kulturentwicklung allein die feste Unterlage schafft, kann nach obigen Ausführungen nicht mehr zweifelhaft sein. Seit Jahrzehnten erschallt daher der Ruf nach Schaffung des deutschen Rechts. Zu den Rufern gehören auch Juristen, an der Spitze Arnold Wagemann, Richter am Amtsgericht Bochum. Seine hervorragende, so überzeugende (-und durch Gottfried Grandel finanzierte-) Schrift: 'Schafft deutsches Recht!' ist ungehört verhallt. Auch bei den Justizministern der Republik, trotzdem diese doch in erster Reihe bemüht sein müßten, ein allgemeines Volksrecht zu schaffen, und ein Recht, das die Schwachen gegen die Kapitalisten schützt und nicht umgekehrt den Geldmännern behilflich ist, die Geldarmen und in Notlage Befindlichen zu erdrosseln." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek: Beilage zum Zschopauer Tageblatt u. Anzeiger, Nr.94, S.5 - "Fort mit dem römischen Privatrecht" v. 11.08.1923)
Parallel dazu nimmt Gottfried Grandel zur scharf-antisemitischen Ortsgruppe des aus Hamburg geführten Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes Kontakt auf, welcher schließlich landesweit mit dem Reichshammerbund von Theodor Fritsch fusioniert.
Bei seinen ersten politischen Gestaltungsversuchen scheinen Dr. Grandel besonders die "langjährigen Arbeiten auf dem Gebiet der Biologie des Rechts" von Arnold Wagemann zu beeindrucken. So schreibt der Bochumer Amtsgerichtsrat a. D. im Frühjahr 1924 laut einer "Erklärung in der Untersuchungssache gegen Dr. Grandel" dem Berliner Landgericht:
"Meine Bekanntschaft mit Dr. Grandel wurde vor längeren Jahren (-1919?-) durch einen Besuch eingeleitet, den er mir in Bochum machte, weil er von meinen Arbeiten zwecks Rückgewinnung eines deutschen Rechts gehört hatte. Er war von den Wahrheiten, die erkennbar geworden waren, so innerlich ergriffen, dass er sofort an meine Seite trat und von Stund an mit überzeugenden Worten und freigebiger Hand für das Deutsche Recht zu wirken begann. Er veranlasste eine Werbeschrift (-'Haben wir heute deutsches Recht?', Augsburg 1921-) und gab sie auf eigene Kosten heraus, hielt Vorträge, sammelte Lehrgemeinden, ging ganz in dieser Idee auf." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.233, Bl.1 - Arnold Wagemanns "Erklärung in der Untersuchungssache Grandel" v. 2.3.1924 + N 2170/294, Sachakte Wagemann)
Weiter heißt es in diesem Zusammenhang zu Dr. Arnold Wagemann:
"Von dem Angeklagten (-Dr. Grandel-) hat der Zeuge (-Dr. Arnold Wagemann-) die Mittel erhalten zur Ausschreibung eines Entwurfs über ein deutsches Recht, wie es in völkischen Kreisen propagiert wird." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Volkswacht: Organ der Sozialdemokratie, Nr.126, S.9 - "Das Attentat auf Seeckt" v. 31.5.1924)
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Völkischer Amtsgerichtsrat a. D.: Dr. Friedrich Albert Arnold Wagemann (66) - 27. Mai 1924 (GStA PK: I.HA Rep.84a Justizm., Nr.55584, S.81 aus "8 Uhr Abendblatt", Nr.125 v. 28.5.1924)
Auch Gottfried Grandel äußert sich bezüglich der von ihm initiierten 1. Ortsgruppengründung des Rechts-Bundes in Augsburg. In seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv schreibt er zu seinen ersten öffentlichen Polit-Aktivitäten des Jahres 1919:
"In meinem Wohnsitze Augsburg hatten die Schwarzen und die Roten alle politische Macht in Händen. Der Oberbürgermeister (-1919 bis 1929-) Dr. (-Kaspar-) Deutschenbaur war Demokrat (-Bayerische Volkspartei-). Trotzdem besuchte ich ihn öfters und gab ihm Aufklärung über die Ziele der Partei. Es war überaus schwierig, diese schwarzrote Hochburg für den völkischen und nationalsozialistischen Gedanken zu gewinnen. Ich begann meinen Versuch mit Vorträgen über Deutsches Recht, zu denen vorwiegend Mitglieder des kurz vorher (-1.10.1919-) entstandenen 'Deutschvölkischen Schutz- u. Trutzbundes' erschienen. Den Gedanken des Deutschen Rechts hatte ich lebhaft aufgegriffen in Zusammenarbeit mit dem Richter Wagemann aus Bochum, der ein mutiger Kämpfer war; ich gründete in Augsburg die I. Ortsgruppe des Bundes für Deutsches Recht, der zahlreiche Zuhörer meiner Vorträge beitraten." (BArch Berlin, NS26/514, Gottfried Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv, S.588/Bl.3 v. 22.10.1941)

"Deutschenbaur war Demokrat. Trotzdem besuchte ich ihn öfters": Augsburg Oberbürgermeister mit Gattin - 1927 (Süddeutsche Woche, Sonderbeilage der Neuen Augsburger Zeitung, Nr.26 - 1927)

Von 1919 für zehn Jahre im Amt: Ölgemälde von Augsburgs Oberbürgermeister Kaspar Deutschenbaur - 1927 (Wegele: "Augsburg, so wie es war", S.6 - 1974 + digitalisiert auf //recherche-stadtarchiv.augsburg.de: StadtAA/40100/Fotosammlung/FS_FA_A_6720)
Das von Dr. Grandel gewählte Vortragsthema Deutsches Recht wirkt auf den ersten Blick etwas technisch, wenn nicht gar sperrig. Warum also organisiert Gottfried Grandel für seinen anfänglichen Versuch völkisch-nationaler Mitgliederwerbung ausgerechnet Vorträge über diesen Themenkomplex und welche konkreten Inhalte hatten seine Veranstaltungen?
Mögliche Antworten finden sich in dem Buch "Bevor Hitler kam" des umtriebigen Ordensbruder Rudolf von Sebottendorf. Der Gründer des bayerischen Germanen-Ordens hatte dieses, zum Unwillen Hitlers, 1933 von dem Münchener Verleger Georg Grassinger veröffentlichen lassen, um den Verlauf der nationalsozialistischen Frühphase aus eigener Anschauung noch einmal klarzustellen. Zu der dort aufgeführten Programmatik des Germanen-Ordens heißt es:
"Auf der Weihnachtstagung des Jahres 1918 beschloß der Germanen-Orden den folgenden Aufruf an das Deutsche Volk." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.171 - 1933)
Der Aufruf beinhaltet insgesamt zwölf Hauptanliegen, zu denen Sebottendorff u. a. schreibt:
"Dementsprechend fordern wir:
1. Freien Grund und Boden, (...)
2. Ablösung des bisherigen Römischen Rechtes durch ein Deutsches Gemeinrecht." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.174/175 - 1933)
Dr. Arnold Wagemann deckt schon mit seinen Vorkriegs-Veröffentlichungen genau diese Themenfelder ab. Seine Bücher lauten:
"Unser Bodenrecht. Eine kritische Studie", Jena 1912.
"Geist des deutschen Rechts", Jena 1913.
Zeitlich und inhaltlich korrespondiert v. Sebottendorffs Nachkriegs-Aufruf mit der daraufhin von Dr. Grandel in Augsburg organisierten Veranstaltungsreihe für Deutsches Recht. Es wirkt so, als würde ein bereits bestehender Plan, durch den 1. Weltkrieg lediglich verzögert, nach Kriegsende nun durch den einflussreichen Germanen-Orden zur weiteren Umsetzung gelangen.
So schreibt der Eisendreher Karl Böhrer über den Ordens-Einfuss und das Binnenverhätnis in der von Dr. Grandel ab März 1921 gelenkten Augsburger NSDAP-Ortsgruppe:
"Vorsitzender war Herr Schröffer, Schriftführer Dr. Grandel. Auch der 'Schutz- u. Trutzbund' war, hier zuhause, ebenso der 'deutsche (-Germanen?-)Orden'." (BArch Berlin, NS26/158, handschr. Bericht Karl Böhrer, S.9/10 v. 20.4.1941)
In der Buchveröffentlichung von Sebottendorff heißt es rückblickend weiter:
"Das Römische Recht ist entstanden zur Zeit des untergehenden, von Juden überfluteten Rom, es ist unsozial und schützt den privaten Gewinn auf Kosten der Gemeinschaft. Es ist ein Recht der Gerissenen und der Schlauen. Auf diesem undeutschen Rechtsboden ist der Deutsche dem Juden immer unterlegen. Tatsachen beweisen das Gesagte. Deshalb muß dem Deutschen Volke ein Recht seiner Art und seiner Gesinnung nach gegeben werden, das dem alten Grundsatz: Gemeinnutz geht vor Eigennutz entspricht. Die tief eingerissene Habsucht, Unredlichkeit, Unmoral, die sich im Handel und Wandel breit machen, die Verjudung unseres Volkes ist auf das Römische Recht zurückzuführen, ebenso das Auswachsen unserer Wirtschaft zu einer ausgesprochenen Interessenwirtschaft, die der Welt letzten Endes unter der Führung der jüdischen Rasse den Krieg und das Elend der letzten Jahre gebracht hat." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.175 - 1933)
Für den Germanen-Orden ist damit in wenigen Sätzen die Verantwortung für die Kriegs-Katastrophe klar definiert, die Schuldigen an der gesellschaftlichen Verwerfung "mit der jüdischen Rasse" allzu leicht gefunden.
In seiner Aussage vor dem Berliner Landgericht ist sich Amtsgerichtsrat a. D. Arnold Wagemann, der Dr. Grandel zuletzt 1922 gesehen haben will, hingegen sicher:
"Ich habe auf dem Gebiet des deutschen Rechtes einen Entwurf hergestellt und mit Grandel viel darüber gesprochen. Wenn heute der Ruf nach dem deutschen Recht durch das Volk geht, verdanken wir das Dr. Grandel, der die Mittel für meine Arbeiten, für Druckschriften usw. gab." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.249 - "Claß als Zeuge", S.3 v. 28.5.1924)

Buchveröffentlichung von Dr. Arnold Wagemann - 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
Januar 1920
Das Thema "Deutsches Recht" findet auch Eingang in die Entwicklungsphase der noch jungen Deutschen Arbeiterpartei. Im Kassenbuch der Münchener DAP findet sich vor der parteipolitischen Ausschusssitzung vom 11. Januar 1920 folgender Eintrag:
"Diskussionsabend Dr. Grandel, Dtsch. Recht. Boden-, Gemeinderecht. Der Boden ist nicht verkäuflich. Der Erblasser das Besitztum übergeben. Unbemittelten von der Gemeinde einen Zuschuss geben." (BArch, NS26/229, Bl.99, erstes Kassenbuch der NSDAP von 1920, Abschrift, S.91)
Weiter heißt es dort:
"Deutsches Recht Dr. Grandl 24.I.20 Sprechabend. 2. Vortrag." (BArch, NS26/229, Bl.99, erstes Kassenbuch der NSDAP von 1920, Abschrift, S.92)

"Abends Vortrag in München": Grandels Kalenderblatt vom 24. Januar 1921
Die im Kassenbuch für 1920 aufgeführte Versammlung Dr. Grandels ist eingebettet zwischen Adolf Hitlers Vesammlungsrede vom 17. Januar 1921 und einem Hinweis auf die Hammer-Publikation vom 15. Januar 1921, sodass es sich bei der Jahresangabe zu Dr. Grandel Vortrag um einen Schreibfehler handeln könnte. Die Eintragung im Privatkalender Gottfried Grandels weißt dann auch für den 24. Januar 1921 einen abendlichen Vortrag in München aus.
5. Oktober 1920 - Vortrag auf Einladung der NSDAP in München
Zu den Aktivitäten Dr. Arnold Wagemanns heißt es:
"Als eigentlich juristischer Inspirator des frühen völkischen Rechtsdenkens wirkte vielmehr der Bochumer Amtsgerichtsrat Arnold Wagemann (geb. 1858), der einen 'Bund für deutsches Recht' gegründet hatte und um 1920 in den völkischen Splitterparteien als großer Rechtsdenker galt. Wagemann stand schon 1920 mit der NSDAP in Verbindung und hielt ihr am 5.10.1920 einen Vortrag." (Stolleis/Simon: "Rechtsgeschichte im Nationalsozialismus", S.18 - 1989)
Über die NSDAP-Verwendung von Dr. Arnold Wagemanns Rechts-Thesen wird weiter vermerkt:
"Zum 5. Oktober 1920 bat die NSDAP den in völkischen Kreisen angesehenen Vorkämpfer für ein deutsches Recht, den Amtsgerichtsrat Arnold Wagemann aus Bochum, zu einem Vortrag (-im Münchener Hofbräuhaus-) und lud dazu wichtige Parteigenossen und Freunde der Partei schriftlich ein - ein sonst nicht nachweisbares Verfahren, das vermuten läßt, daß man dem Thema einiges Gewicht beimaß.(...) Anschließend kümmerte sich die Parteigeschäftsstelle auch um die Übersendung der nach dem Vortrag ausgesprochenen Beitrittserklärungen zu Wagemann 1920 gegründeten Bund für deutsches Recht." (Tyrell: "Vom Trommler zum Führer", S.88/FN S.246 - 1975, Fußnote auf S.247: Brieftagebuch, Nr. 293 v. 12.10.1920; VB Nr. 90 v. 14.10.1920)
Von der Münchener NSDAP werden zu dem erwähnten Vortrag Dr. Wagemanns am 5. Oktober 1920 eingeladen:
Lauböck - Rosenheim
Dosch - Rosenheim
Gorsleben - Freiham/München (Germanen-Orden)
Schrönghamer - Neuburg a. Inn (Germanen-Orden)
Eckart, Dietrich - München (Verleger v. 'Auf gut deutsch')
Mauer - München
Wieselbauer - München
Horadam - München
Rosenberg, Alfred - München (Redakt. Mitarbeiter v. Dietrich Eckart)
Assesor Mayer - München (BArch Berlin: NS26/222 NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.241 v. 30.9.1920)
Bei dem hier aufgeführten Freund Dr. Grandels handelt es sich um den in der Ariosophen-Szene Münchens gut bekannte Heinrich Christian H. Meyer. Dieser gründet bereits während seiner Zeit als Gerichtsassesor um 1912 die deutschvölkische Vereinigung Urda-Bund, der Bezug nimmt auf die Schicksalsgöttin der Vergangenheit:
"Diese Organisation vertrat u. a. die Ideen des Ariosophen Guido von List, ihre bald erfolgte Abspaltung Asgard (-Götterwohnung-) schloß sich unter Meyers Leitung der Münchener Sektion der Germanisch-deutschreligiösen Gemeinschaft an, von der bis heute nur der Name kekannt zu sein scheint.(...) Meyer ist in der völkisch-religiösen Szene besonders hervorgetreten durch seine Einführungen in die Edda. Außerdem hat er der Bewegung" (Puschner/Schmitz/Ulbricht: "Handbuch zur 'Völkischen Bewegung' 1871-1918", S.295 - 2012)
12. Oktober 1920
Bereits am 12. Oktober 1920 wird in der Auslauf-Verfügung an Dr. Arnold Wagemann vermerkt:
"Zusendung der Mitgliederliste für 'Bund deutsches Recht'- Arnold Wagemann, Bochum, Marktstr. 5." (BArch Berlin NS26/222, NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.241 v. 30.9.1920)
26. November 1920
Von einer Versammlung in Stuttgart heißt es:
"Auf Einladung des deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbundes sprach am Freitag abend (-26. November 1920-) Amtsgerichtrat (-Dr. Arnold-) Wagemann aus Bochum über unser geltendes Recht, das wegen angeblicher Verleugnung des deutschen Gedankens den Redner zu scharfer Kritik veranlaßte. Er warf die Frage auf, ob wir augenblicklich überhaupt noch ein wirkliches Iebendes Recht haben und sieht in der zwingenden Form der Gesetzesbestimmungen, die mit dem wirklichen Leben überhaupt nicht Schritt halten könnten, das Haupthindernis. Infolge der historischen Entwicklung sei das Recht heute nur noch als Erkenntnisergebnis des Einzelrichters oder Richterkollegiums zu bewerten, da die Norm ja vorgeschrieben sei. Ueberhaupt verweist Wagemann die ganze Gesetzeskunde in das technische Gebiet, um nicht zu sagen handwerksmäßige, da es sich nur um eine Beherrschung der Form nach handle, um eine rein formale Erledigung eines Zwiespalts ohne Berücksichtigung des Rechtsinstinkts, des natürlichen Rechtsgefühls, das früher als Naturgebot über der Form stand. Worin der Redner den Kern des Uebels sieht, ergab sich aus seiner Schilderung der Entwicklung zu dem Heute. Der Reiz der Idee des orientalischen Machtstaats habe ein Hervortreten der Persönlichkeit, der privaten Interessen ergeben müssen, im Gegensatz zur deutschen Auffassung, die das soziale Empfinden vor das persönliche Wollen stelle. Eine Besserung sei nur durch ein Studium der Entwicklungsgeschichte, einer Biologie des Rechts, insbesondere durch ein stärkeres Betonen des Heimatgedankens möglich. Damit wird kaum den Mißständen zu steuern sein. Denn wie das ethische Rechtsempfinden ohne vorgeschriebene Rechtsnormen in der Praxis auskommen soll, ließ der Redner unentschieden. Jedenfalls wäre dann im Einzelfall, statt der Ansicht des Einzelrichters über den Willen des Gesetzgebers, was jetzt Wagemann zur Kritik veranlaßt, eine ganz persönl. Rechtsansicht zu erwarten. Außerdem hat bei der Kodifikation des römischen Rechts auch der Humanismus eine Rolle gespielt. Es ist doch nicht so, wie man nach den Ausführungen des Redners glauben konnte, daß ein modernes deutsches Recht vorhanden ist, und nur übernommen zu werden braucht. Würde heute eine neue Kommission zusammentreten, auch diese Fachmänner würden als Kinder ihrer Zeit sich nicht von überkommenen und zwingenden Notwendigkeiten freimachen können. Eine derartige, selbst gut gemeinte Kritik kann das ohnehin recht bedenklich geschwächte Rechtsgesühl noch mehr mindern." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Schwäbischer Merkur, Nr.541, S.15 - "Vortrag" v. 27.11.1920)
In Reaktion auf die Berichterstattung führt Dr. Arnold Wagemann gegenüber der Redaktion an:
"Zu der Besprechung des Vortrages von Amtsgerichtsrat Wagemann über Deutsches Recht im Abendblatt v. 27. Nov. (-1920-) erhalten wir von dem Vortragenden (-Dr. Arnold Wagemann-) nachfolgende Erklärung mit der Bitte um Aufnahme:
'Die Behauptung: 'Es ist doch nicht so, daß ein modernes deutsches Recht vorhanden ist und nur übernommen zu werden braucht' beruht auf Irrtum. Bereits in Nr. 5-8 d. J. brachten die 'Deutschen Aufgaben' (damals in Königsberg, jetzt in Berlin) den Entwurf einer deutschen Rechtslehre, der im 'Völkischen Beobachter', München in Nr. 81-85 eingehend besprochen und in seinen Forderungen anerkannt wurde. Dieser Ausfassung schlossen sich nach und nach alle deutschvölkischen Verbände an; der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, die Deutsch-Sozialistische Partei, die Fichtegesellschaft von 1914 und der Allg. deutsche Kulturbund, Weimar. Auch die 'Deutsche Zeitung' und die 'Deutsche Freiheit' haben sich von der Berechtigung der aufgestellten Forderungen überzeugt. Es handelt sich also nicht um eine gutgemeinte aber nutzlose Kritik, der die Fruchtbarkeit fehlt, sondern um Aufschluß über schon Vorhandenes, aber in Stuttgart noch Unbekanntes. Um über diese Frage aufzuklären, dazu wurde der Vortrag gehalten, der im einzelnen verweisen mußte auf das Buch 'Vom Rechte, das mit uns geboren ist'. (Hamburg 36, Holstenplatz 2, Deutschnationaler Verlag). Inzwischen sind auch kleinere Schriften über diese Frage erschienen, nämlich: Deutsches Recht. Entwurf einer Volkseinrichtung auf deutschrechtlicher Grundlage (Geschäftsstelle des Deutschen Sozialist Nürnberg, Theresienplatz 5 und Das deutsche Recht (Deutschvölkische Buchhandlung München, Thierschstraße 15.)'" (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Schwäbischer Merkur, Nr.583, S.11 v. 22.12.1920)
Weiter heißt es zu Dr. Wagemanns gesellschaftlicher Ideologie-Ausrichtung:
"1920 sieht Wagemann in seinem rechtspolitischen Entwurf 'Deutsches Recht' bereits die 'Blutszusammengehörigkeit' als Voraussetzung der Volksbildung, kennt ein 'Fremdenrecht' und führt zu den Juden aus: 'Juden sind Blutsfremde und sind solange als Gäste der Gemeinde zu betrachten, in der sie wohnen, als ihre Aufnahme nicht beantragt und beschlossen wurde."(Stolleis/Simon: "Rechtsgeschichte im Nationalsozialismus", S.21 - 1989)
1921
Zu den Aktivitäten Dr. Arnold Wagemanns wird notiert:
"Im Januar (-1921-) entstand eine 'Lehrgemeinde innerhalb der Partei ..., in der die Grundzüge des deutschen Rechtes durchgearbeitet werden' sollten, und nach einem weiteren Vortrag, den Wagemann auf dem Parteitag der NSDAP im Januar 1922 hielt, trat die NSDAP auf Beschluß der Parteileitung kollektiv dem Bund bei." (Fußnote auf Seite 247: VB Nr. 8 und 13 v. 27.1. bzw. 13.2.1921; Mitteilungsblatt Nr.12 v. 11.2.1922, BArch, NS26/95, Mitteilungsblätter der NSDAP Mitteilungsblatt Nr. 12 v. 11.2.1922)
In dem Halbjahresbericht des von ihm gegründeten Bundes führt Dr. Arnold Wagemann schon im Februar 1922 rückblickend das besondere Engagement Gottfried Grandels an:
"Das kleine Heft: 'Haben wir heute deutsches Recht?' ist dank der Opferwilligkeit unseres Bundesfreundes Dr. Grandel, Augsburg, der auch die erste Auflage veranlasst und bezahlt hat, in zweiter Auflage unter dem Titel: 'Schafft deutsches Recht!' (-1921-) erschienen, zustimmend unterstützt von der Kulturkanzlei Weimar." (Zweiter Halbjahresbericht von Dr. Arnold Wagemann an die Freunde des Rechts v. Februar 1922)

(Fotografie im Privatbesitz)
Zu der von Johannes Lehmann-Hohenberg initiierten Kulturkanzlei wird ausgeführt:
"Dieser Kulturkanzlei waren u. a. verbunden: Dietrich Eckart, Alfred Brunner, Hauptlehrer Ernst Krieck, (später NS-Philosoph), Gottfried Feder, Julius Streicher, eine Reihe von evangelischen Pfarrern und Publikationen wie 'Der deutsche Heiland' und 'Biblischer Antisemitismus'." (Stolleis/Simon: "Rechtsgeschichte im Nationalsozialismus", S.21 - 1989)
Zur Kulturkanzlei wird weiter vermerkt:
"Die 'Kulturkanzlei' in Weimar fordert in einem von Professor Lehmann-Hohenberg, Hauptmann Schmude und Amtsgerichtsrat Wagemann gezeichneten Aufruf einen Volksentscheid zur Erlangung von Siedlungsland. Allen Deutschen, die kein Heim und Nutzungsland zu eigen haben, die aber zu landwirtschaftlicher Arbeit befähigt und gewillt sind, soll unentgeltlich, nur gegen eine angemessene jährliche Abgabe aus dem Ertrage, ackerbaufähiges Land für eine Einfamilienwirtschaft zur Siedlung und Bebauung zum unverkäuflichen Besitz als privatrechtlich unverschuldbares und mit seinem späteren Zubehör unpfändbares Erblehen für sich und ihre Nachkommen überwiesen werden." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Hannoverscher Kurier, Nr.182, S.3 - "Volksland durch Volksentscheid" v. 19.4.1922)
31. Januar 1922
Der Einfluss Arnold Wagemanns wird wie folgt beschrieben:
"Am 31.1.1922 hielt er vor dem ersten Parteitag der NSDAP in München einen weiteren Vortrag über deutsches Recht, der nach einem im NSDAP-Mitteilungsblatt veröffentlichten Bericht Hitlers 'tiefen Eindruck erregte' und die Parteileitung der NSDAP veranlaßte, geschlossen dem Bund für deutsches Recht beizutreten. Hitler nennt Wagemann in diesem Bericht 'den bekannten Rechtsgelehrten'." (Stolleis/Simon: "Rechtsgeschichte im Nationalsozialismus", S.18 - 1989)
Nach der parteiinternen Machtergreifung Adolf Hitlers heißt es auf dem ersten darauf folgenden NSDAP-Parteitag in einem Mitteilungsblatt des nunmehrigen Vorsitzenden über die zwei Wochen zuvor stattfindende Tagung:
"Unter den nicht zur Bewegung zu rechnenden Gästen war auch der bekannte Rechtsgelehrte Arnold Wagemann. Wagemann, einer der Vorkämpfer für deutsches Recht, wurde eingeladen, in einem kurzen Vortrag die Richtlinien seiner Auffassung über ein deutsches Recht bekanntzugeben. Der Vortrag, der am Dienstag Vorm.(-ittag, den 31. Januar 1922-) stattfand, erregte sehr tiefen Eindruck und veranlaßte die Parteileitung, geschlossen dem Bunde für deutsches Recht beizutreten." (BArch Berlin, NS 26/95 NSDAP-Mitteilungsblatt Nr.12, Bericht Adolf Hitlers v. 11.2.1922 + "Hitler - Sämtliche Aufzeichnungen", S.571 - 1980)
1923
Über die Aktivitäten Dr. Wagemanns wird von einer Pfingst-Tagung für verschiedene Richtungen der Erneuerungsbewegung in Weimar berichtet:
"Für den ebenfalls verhinderten Amtsgerichtsrat (-Dr. Arnold-) Wagemann, Bochum, sprach Prof. Lehmann-Hohenberg, Weimar, über deutsches Recht und Geheimrat Gerstenhauer, Meiningen (Deutschbund), über germanisches Bodenrecht." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Aufwärts: Christliches Tageblatt, Nr.141, S.2 - "Der Bund für deutsche Lebenserneuerung" v. 20.6.1923)
August 1924
Während der Festungshaft Adolf Hitlers wird über Dr. Arnold Wagemanns Rede auf dem Weimarer Parteitag der Nationalsozialisten berichtet:
"Am Sonnabend fanden in Weimar Massenversammlungen der Nationalsozialisten statt, in denen die bekanntesten Redner sprachen.(...) Der heutige Sonntag war dann den letzten Verhandlungen gewidmet. Amtsgerichtsrat Wagemann - Berlin hielt einen Vortrag über 'Deutsches Recht'. Die Ausführungen des Redners gipfelten in der Forderung, in Deutschland wieder deutsches Recht einzuführen und das römische oder besser orientalische Recht abzuschaffen." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Merseburger Tageblatt, Nr.194, S.5 - "Der Nationalsozialistische Parteitag beendet" v. 19.8.1924)
Von dem Parteitag wird weiter berichtet:
"Über deutsches Recht sprach Amtsgerichtsrat Wagemann. Er verlangte ein wirkliches arisches deutsches Recht an Stelle des semitisch beeinflußten römischen Rechts. Der Grundgedanke des deutschen Rechts müsse der Heimatgedanke sein, d. h. Ausbildung des Kreises der Lebensgenossen als eine Brüderschaft, Eidgenossenschaft, Gilde. Die äußere Erscheinungsform dieser Bildungen soll die deutsche Heimatgemeinde bestehend aus der Stadt und den dazu gehörenden Dörfern (Kreis der Lebensgenossen) und der Stamm (Kreis der Blutgenossen), letzterer allmählich erweitert zum Volk sein. Das Verhältnis der Rechtsgenossen solle nicht vom Gedanken des Erwerbs sondern der Fürsorge beherrscht werden." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Kölnische Zeitung, Nr.194, S.2 - "Die Nationalsozialisten in Weimar" v. 18.8.1924)
"Am Montag sprach ein Berliner Amtsgerichtsrat namens Dr. Wagemann über deutsches Recht. Er behauptete, daß das Römische Reich schon zur Zeit der punischen Kriege von semitischem Händlergeist durchsetzt war und formulierte das Epigramm: 'Das bürgerliche Gesetz in Deutschland ist von Juristen gemacht worden, aber die Juristen sind keine Deutschen, sondern orientalisierte Deutsche', wobei er Zustimmung, aber auch Widerspruch fand." (Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: Bürener Zeitung, Nr.108, S.5 - "Aus der politischen Kinderstube" v. 19.8.1924)
Zum Oktober 1924 spricht Dr. Arnold Wagemann auch vor der Deutschnationalen Volkspartei:
"Der völkische Reichsausschuß der Deutschnationalen Volkspartei veranstaltet vom 8.-11. November (-1924-) seine zweite Völkische Tagung. Es sind Vorträge vorgesehen über: 'Völkischer Staat', Prof. Dr. M. Wundt/Jena und Prof.Dr. Martin Spahn/Berlin. 'Deutsches Recht', Amtsgerichtsrat Wagemann, Prof. Dr. Jung/Marburg, Landgerichtsrat Dr.Jenne, 'Altgermanische Weltanschauung', nach der Helden-Edda, Dr. Niedlich, nach der Götter-Edda, Dr. Grunewald,„Schrifttum und Bühne",Schrifttum: Alfred Mühr, Bühne: Otto Krauß:Daran sollen sich freie Aussprachen unter Ausschluß parteipolitischer Erörterungenan schließen.Zur Teilnahme werden die völkischen Landesausschüsse der Deutschnationalen Partei, die überparteilichen völkischen Organisationen sowie hervorragende völkische Persönlichkeiten eingeladen werden." Digitalisiert auf deutsche-digitale-bibliothek.de: (Bielefelder Abendzeitung, Nr.240, S.9 - "Die völkische Bewegung im Kulturkampf" v. 11.10.1924)
Auch der mit Gottfried Grandel während der frühen Weimarer Republik über Jahre befreundete Wanderredner Heinrich Dolle äußert sich 1937 zum Themenkomplex des deutschen Rechts:
"Denn wir sollten uns nicht täuschen: wir sind noch nicht durch: das Herz- und Kernstück unseres Parteiprogramms (und unseres Strebens von Anfang an, lange vor der Gründung der NSDAP) - 'Brechung der Zinsknechtschaft' - ist noch nicht erreicht! - Es mußte zurückgestellt werden, um erst einmal die Macht im Staate, und die Wehr-Hoheit (wieder) zu bekommen. Von anderem zu schweigen. Nur zart andeuten will ich: Deutsches Recht! - und Los von Rom! Hier liegen die tiefsten Beweggründe der großen Not, der inneren Not, der Seelen-Not unseres Deutschen Volkes." (Staatsarchiv Detmold: L 113, Nr.1167, S.1 - Heinrich Dolle an August Hunke v. 7.1.1937)
Völkische Gruppenmitgliedschaften Gottfried Grandels
In dem Buch "'Machtergreifung' in Augsburg" wird auf Seite 268 davon ausgegangen, dass Gottfried Grandel "Mitglied des Alldeutschen Verbandes und des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes" gewesen sei, was aber wohl eher nicht der Fall gewesen ist. Zumindest stellt die Alldeutsche Verbandsführung in einer späteren Mitteilung an die eigenen Ortsgruppen klar:
"Herr Claß wurde vor den Untersuchungsrichter berufen und hat dort als Zeuge bekundet, welcher Art seine und anderer Herren der Verbands- und Geschäftsleitung Beziehungen zu Dr. Grandel, der übrigens nicht Mitglied des Verbandes ist, waren." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.21 v. 26.1.1924)
Auch Dr. Grandels Freund Georg Fischer führt in seinem Schreiben weiter aus:
"Ich habe ihn (-Gottfried Grandel-) allmählich so einschätzen gelernt, daß er sich dazu berufen glaubt, unter allen Umständen eine politische Rolle spielen zu müssen, daß er nicht imstande ist, sich einem größeren Verbande einzufügen und sich unterzuordnen, sondern - allein oder gemeinsam mit einem oder dem anderen weiteren Außenseiter - mit allen Mitteln etwas anderes unternehmen mußte. Er veranstaltete hier Vorträge des Herrn Dr. Gottfried Feder, hielt selbst Vorträge über die Schaffung eines deutschen Rechtes und schuf im Anschluß daran gemeinsam mit Dr. Dickel die Anfänge der hiesigen nationalsozialistischen Bewegung." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 8048/672, S.37, Georg Fischer an den Münchener Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
Der 1918 entstandene Schutz- und Trutzbund, mit dem Dr. Grandel in Augsburg schon früh Kontakt aufnimmt, ist eine aus dem Alldeutschen-Verband heraus entwickelte Gruppierung, die als zentrale Organisation für antisemitische Agitation Verwendung findet. Die Aufgabe zur Bekämpfung des Judentums umreißt der alldeutsche Verbandsbeauftragte Konstantin von Gebsattel im Oktober 1918 mit der Aufforderung,
"... die Lage zu Fanfaren gegen das Judentum und die Juden als Blitzableiter für alles Unrecht zu benutzen." (Plöckinger: "Unter Soldaten und Agitatoren", S.195 - 2013)
Der überzeugte Antisemit Gebsattel, bayerischer General der Kavallerie, widmet sich schon seit 1910 der Politik, tritt im Jahre 1916 dem Germanen-Orden als Großmeister bei und fungiert 1918/19 als alldeutsch-völkischer Agitator.
Ian Kershaw schreibt in dem ersten Biographie-Band "Hitler 1889 - 1936" auf Seite 807:
"Wie Tyrell (Trommler, S.110) zeigt, brachte Grandel auch die Anhänger des Schutz- und Trutzbundes, den er in Augsburg aufgebaut hatte, mit in die NSDAP, nachdem er der Partei im August 1920 beigetreten war." (Kershaw: "Hitler 1889 - 1936", FN S.807 - 2013)
Tyrell selbst schreibt über Grandels Augsburger Ortsgruppengründungen wie folgt:
"Im August 1920 trat er der NSDAP bei und begann, die von ihm gesammelten Anhänger des Schutz- und Trutz-Bundes und der von ihm gegründeten Ortsgruppe des Bundes für deutsches Recht der Partei zuzuführen." (Tyrell: "Vom 'Trommler' zum 'Führer'", S.110 - 2013)
Gottfried Grandel stellt die Gründungsphasen hingegen in seinem Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv so dar, dass er die von ihm initiierte Ortsgruppe Bund für Deutsches Recht zusammen mit dem bereits existierenden Schutz- und Trutzbund in die von ihm 1920/21 neugegründete NSDAP-Ortsgruppe Augsburg lenkt:
"Ich begann meinen Versuch mit Vorträgen über Deutsches Recht, zu denen vorwiegend Mitglieder des kurz vorher entstandenen 'Deutschvölkischen Schutz- u. Trutzbundes' erschienen.(...) Aus diesen Gruppen sammelte ich die kleine Schar von Männern, mit denen ich dann die Ortsgruppe Augsburg der NSDAP gründete.(...) Die Ortsgruppe Augsburg der NSDAP ist auf meine Initiative im Winter 1920/21 gegründet worden." (BArch Berlin, NS26/514, Gottfried Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv, S.588 ff., Bl.3 v. 22.10.1941, Bl.3/4 u. 6.11.1942, Bl.1)
Auch heißt es in einer weiteren Beschreibung der Augsburger Verhältnisse:
"Seit 1919 waren in Augsburg völkische Gruppen hervorgetreten. 1921 hatte auch die NSDAP Fuß gefaßt, nachdem Hitler am 12. Januar auf Einladung einer völkischen Vereinigung ('Bund für Deutsches Recht' - gegründet von dem Ölmühlenbesitzer Dr. Gottfried Grandel) in einem Café in der Maximilianstraße zum ersten Mal in Augsburg gesprochen hatte."
Für einen relativ unerfahrenen politischen Akteur zeigt Dr. Grandel hierbei ein erstaunliches Gespür für gruppenbezogene Effizienz, vermutlich handelt er aber auch lediglich auf Anweisung einer größeren Organisation, wie der des geheimen Germanen-Ordens.
Gottfried Grandel wirkt zumindest in dieser Phase durchdrungen von politischem Ehrgeiz. Sein damaliger Freund Georg Fischer merkt hierzu an:
"Wie er mir nach der Rückkunft von einer seiner öfteren Berliner Reisen erzählte, erklärte er bei einer Zusammenkunft, daß 'seine Vaterstadt (-Augsburg-) bei dem Wiederaufbau Deutschlands die (oder eine) führende Rolle spielen müsse', dafür werde er sorgen!" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 8048/672, S.37, Georg Fischer an den Münchener Verleger Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)
In Berlin befindet sich zu dieser Zeit der Hauptsitz des Germanen-Ordens. Doch Gottfried Grandels Engagement für den Bund für deutsches Recht hält nicht lange an. Der ehemalige Amtsrichter Dr. Arnold Wagemann gibt hierzu vor Gericht einen kurzen schriftlichen Einblick:
"Er (...) ging ganz in dieser Idee auf. - Das hielt an bis vor etwa einem Jahre (-1922/23-).- Dann liess er alles liegen, wandte sich anderem mir unbekanntem Umgang zu (-u. a. Organisation des Freikorps-Einsatzes während des Ruhrkampfes-) und zog sich schliesslich seelisch bedrückt auf sein Familienleben zurück, hat, wie seine Frau (-Helene-) mir sagte, auch noch kurz vor seiner (-attentatsvorbereitenden-) Abreise (-im Januar 1924-) nach Berlin geäussert, dass er mit öffentlichen Dingen nichts mehr zu tun haben wolle." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R 8048/672, S.233, Bl.1 - Arnold Wagemanns "Erklärung in der Untersuchungssache Grandel" v. 2.3.1924)
Juli 1923
Der frühe rechtspolitische Weggefährte Gottfried Grandels führt zu der Rassefrage in einer Buchveröffentlichung weiter aus:
"Der Begriff des Volkes ist durch die orientalische Lüge verwirrt. Volk ist etwas ganz anderes, als was bisher als solches auftrat. Die Regierenden fühlten sich nicht im Volk verwurzelt, glaubten sich über ihm stehend, neigten mithin zum falschen orientalischen Machtgedanken. Tatsächlich liegt die Sache umgekehrt. Ein großer Teil dieser Regierenden (...) hat für unser Volksleben nur noch den Charakter der Schlacke; es sind undeutsch gewordene Volks-Bestandteile, welche das Leben als zweckwidrig ausscheiden wird. In dieser Schicht lag bisher mehr, als man sich eingestand, die Schwäche unseres Volkes; seine Stärke hat von jeher in der Masse der Schaffenden geruht, die auf dem Lande oder in der Stadt mit redlicher Arbeit sich und die Ihrigen ernährten.(...) Unser wirkliches Volk ist rein geblieben. Trotz einer bereits ein Jahrtausend währenden Beschmutzung durch fremde Einflüsse hat es sich völkisch rein gehalten. Kein deutscher Bauer und kein deutscher Arbeiter mischt sich mit Orientalenblut, nur die sogenannte Oberschicht leistet sich dieses völkische Verbrechen." (Wagemann: "Schafft deutsches Recht", in "Hammer" 22, S.249/250 f. - Juli 1923 + "Völkische Wissenschaften: Ursprünge, Ideologien und Nachwirkungen", S.104)
Ostern 1925
Zu Ostern 1925 bringt der gut mit Gottfried Grandel bekannte Hamburger Robert F. Eskau eine Broschür heraus, die in völkischen Kreisen zu einer erhöhten Aufmerksamkeit, aber auch zu Irritationen führt. Unter der Fahne der Hermannssöhne zitiert er in seinem Abschnitt an die deutschen Richter und Staatsanwälte:
"Der Richter Arnold Wagemann sagt in seinem (-1922 erschienenen-) Buche: 'Deutsche Rechtsvergangenheit als Wegweiser in eine deutsche Zukunft':
Seite 2: 'Ich zeige am Werdegang unseres Rechtsgegners, des römischen Gesetzes, daß es sich bei der heutigen Rechtsnot der Völker um eine Menschheitserkrankung handelt, um eine Welle des Unrechts, welche vom Orient aus erst Hellas, dann Rom ergriff und vernichtete, dann von Rom aus auf Germanien und von hier aus auf den ganzen Erdkreis übergriff, nun aber nicht mehr siegte, sondern den Kampf entfachte, in dessen letzter Schlacht wir heute stehen. Es handelt sich um das Ringen der menschlichen Seele, um ihr Erheben zur Wahrheit gegen die noch im Tierhaften klebenden rein körperlichen Wünsche, denen das Streben nach Wahrheit und Reinheit fremd geblieben ist.'
S. 106: 'Aber wir sehen hier ein lehrreiches Beispiel, wie lange schon die zersetzenden Kräfte jüdischen Wuchersystems an den Grundmauern des Römertums nagten, um schließlich das römische Recht in das zu verkehren, als was es heute alle Welt unter seinen Fuß gezwungen hat, als eine Darbietung des Unrechts im äußeren rechtlichen Gewande des Gesetzes.'-" (BArch Berlin: R8048/350, S.3 - "Hermanns Botschaft - An die deutschen Richter und Staatsanwälte" - Ostern 1925)
Weiter schreibt der Hamburger Robert F. Eskau in seinen Auführungen:
"Im 'Bund für Deutsches Recht', Göttingen, Stegenmühlenweg 1, ist eine Stelle geschaffen worden, wo dem deutschen Rechtsgedanken die so dringend nötige Förderung zuteil wird.(...) Dagegen betrachte man sich einmal den am 4. und 5. Dezember 1924 in Hamburg stattgefundenen Prozeß der Herren Max Warburg und Dr. Melchior gegen Theodor Fritsch! Hier standen sich die prominentesten Vertreter der jüdisch-materialistischen Weltanschauung und der germanisch-arischen Weltanschauung gegenüber. Und ein einzelner Richter von etwa 35 Jahren sprach Recht über Dinge, die heute die ganze Welt bewegen und Aufstieg und Untergang der germanisch-arischen Kulturepoche bedeuten. Es waren Luthertage von erhebender Größe! Weltereignisse ungeheuerlicher Art, wie der verflossene Weltkrieg und seine Auswirkungen für unser deutsches Volk, spielten in der zweitägigen Gerichtsverhandlung eine hoch bedeutsame Rolle. Der so außerordentlich wertvolle, vollständige Prozeßbericht erschien gedruckt im Hammer-Verlag, Leipzig, unter dem Titel: Mein Streit mit dem Hause Warburg. - Was hat die Welt dank der jüdischen Pressemacht von dieser ganzen Sache erfahren? Nur das eine: der 73jährige - natürlich arg verleumdete - Theodor Fritsch ist wegen 'Beleidigung' der Kläger zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden!" (BArch Berlin: R8048/350, S.3 - "Hermanns Botschaft - An die deutschen Richter und Staatsanwälte" - Ostern 1925)
Es gibt in der thematischen Aufmachung der Hermanns-Botschaft deutliche Schnittmengen zu Gottfried Grandels Interessengebiet, die sich hier auch auf seinen umfänglichen NSDAP-Archivbericht von 1941 beziehen. Es wäre naheliegend, wenn sich unter den 1925 anonym auftretenden Hermannssöhnen auch der Name Dr. Grandels finden ließe.
Großmeister Theodor Fritsch, der sich bereits ab 1880 erfolgreich bemüht, über seine Verlagstätigkeit hinaus einen Deutschen Müllerbund zu organisieren, findet auch in Gottfried Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv eine kurze Erwähnung. Hierbei hält es Dr. Grandel offen, aus welchen Zusammenhängen der Kontakt zu dem umtriebigen Mühleningenieur Theodor Fritsch entsteht. Gottfried Grandel notiert:
"Ausgezeichnete Aufklärungsarbeit in völkischer Hinsicht leistete Theodor Fritsch in Leipzig, Herausgeber der Ztschr. 'Hammer', den ich ebenfalls persönlich kennen lernte. Ein kluger und mutiger Mann, musste er als 70-Jähriger (-73-jähriger, 1925-) noch ins Gefängnis wandern, weil er den Juden (-Max-) Warburg in Hamburg gekränkt hatte. Nur eine total verjudete Justiz konnte sich zu einem solchen Fehlurteil entschliessen." (BArch Berlin, NS26/514, S.593/ Bl.8 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)

(BArch Berlin: R8048/350, S.3 - "Hermanns Botschaft" - Ostern 1925)
Auch Heinrich Dolle, der in den Anfangsjahren der Weimarer Republik Gottfried Grandel nahe steht, hält die Frage des Bodenrechtes für relevant:
"Die Bauernhochschule rettet nicht. Bodenrecht muss kommen, muss erkämpft werden, wenn wir vor dem Untergang uns schützen sollen. Nicht schöngeistige und litterarische Vorträge in Bauernhochschulen. Besser wird es nicht durch Litteraten, sondern nur durch 'Springt auf den Spaten!'" (Kreis- u. Stadtarchiv Paderborn: Sammelbrief von Heinrich Dolle an Dr. Stock, Oskar Müller und Ludwig Dickel v. 6.4.1926)
"Ihre Macht (-Juden, Jesuiten, Junker-) ist hin, wenn Ihnen die Geldwirtschaft genommen wird und ersetzt wird durch Deutsche, zinslose Wirtschaft und Deutsches Recht, vor allem Boden-recht, - wenn Ihnen diese Wahlen und Parlamente ersetzt werden durch Deutsche Ordnung: Selbstverwaltung von der Sippe angefangen über die Nachbarschaften, Heimat-Gemeinden, Gaue, Länder, bis zum Reiche. Jeweils mit Führern, die auf außerordentliche Opfer- und Aufbauleistungen zurückblicken können, die von den Nachbarschaften, darinnen jeder jeden kennt, gewählt werden und aufsteigen. Aufsteigen in vorbildlicher, aufbauender Arbeit. Die satanische Macht von Jude, Jesuit und Junker ist hin, wenn drittens ihrem heuchlerischen, orientalischen Kirchenkram ein Deutsches Gottum entgegengesetzt wird." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle + Augsburger Stadtbibliothek: Volk-Freiheit-Vaterland, Nr.49 - "Sollen wir noch einmal wählen? - Nein!" v. 1929)

"Völkischer Vorkämpfer" aus Westfalen: Heinrich Dolle - 1928 (BArch Berlin: NS26/1215 - Portraitfoto Heinrich Dolle / Fotografie im Privatbesitz)
Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund aus dem Alldeutschen Verband
(210-1919) Gezielt wird 1919 der überparteiliche Schutz- und Trutzbund mit verhetzenden Inseraten als antisemitisches Sammelbecken des erniedrigten Nationalgefühls hervorgehoben.
So heißt es bei Franz Willing:
"Unter allen völkischen Vereinigungen war der Deutsch-Völkische Schutz- und Trutzbund in der kurzen Zeit seines Bestehens der aktivste und wichtigste. Er wurde am 18. Februar 1919 als 'Tochterverband' des 'Alldeutschen Verbandes' gegründet." (Franz-Willing: "Ursprung der Hitlerbewegung", S.70 - 1974)
In seinen Hauptarchiv-Erinnerungen beschreibt Dr. Gottfried Grandel seine Kontaktaufnahme zum Privatdozenten Dr. Paul Köthner:
"Die Gründung des 'Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes' ist von (-Dr. Paul-) Köthner ausgegangen". (BArch Berlin: NS26/514, S./Bl.8 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
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(Wikimedia Commons / Pablito2015 - Datei: Ruez_im_dvstb_1920)
Zu der Neugründung heißt es in geschalteten Anzeigen:

(Wilhelm: "Dichter, Denker, Fememörder", S.171 - 1989 + Stadtarchiv München / Mikrofilm: "Völkischer Beobachter", Nr.2, S.3 v. 7.1.1920)
27. Mai 1919
Der politische Kampfgefährte Gottfried Grandels, der Münchener Publizist Dietrich Eckart, schreibt nach der Niederschlagung der bayerischen Räterepublik an einen Vertreter des Schutz- und Trutzbundes:
"Zum Schluß melde ich mich noch als Mitglied zu Ihrem (-Schutz- und Trutz-)Bund an. Könnte mit ihm nicht die 'Deutsche Bürgervereinigung' eine Art Kartell schließen?" (Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: BPH, Rep.119, Nr.4123, Bl.164 - Dietrich Eckart auf Verlagspapier an "Sehr geehrten Herr" v. 27.5.1919)
In einem kritischen Aufklärungsblatt des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hält dieser argumentativ gegen den anwachsenden Antisemitismus des Jahres 1919:
"Und wer ist denn ein Deutscher im Sinne des Deutschen Schutz- und Trutz-Bundes? Nicht das genügt, daß man an Deutschland mit allen Fasern seines Herzens hängt, daß man für Deutschland gestrebt, gekämpft, geblutet hat, daß man, um die Worte jenes Aufrufs zu gebrauchen, 'vom besten Willen beseelt ist'. Man muß deutscher Abstammung sein. Nur dann ist man würdig und fähig, den Deutschen zu helfen!(...) Deutschland den Deutschen! Das fordern auch wir, die wir ein Recht darauf haben, uns Deutsche zu nennen, die wir seit Jahrhunderten auf deutschem Boden wohnen, deren Denken und Fühlen deutsch ist, die wir - wie leider nicht alle Deutsche! - Deutschland treu bleiben wollen auch in diesen schmerzlichen Tagen deutscher Schmach, die wir, um es mit einem Worte zu sagen, Deutschland lieben als unser Vaterland!" (Albert Holländer, 1. Vorsitzender Ortsgruppe Hamburg v. Sommer 1919)

Gegen eine wachsende Pogromstimmung: Aufklärungsblatt des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens - 1919 (Albert Holländer, 1. Vorsitzender Ortsgruppe Hamburg v. Sommer 1919)
Dezember 1919
Über die erste öffentliche Versammlung des Schutz- und Trutzbundes berichtet der Völkische Beobachter:
"Im vollbesetzten Konzertsaale des Wagner-Hotels, München, sprach Herr Diplom-Ingenieur Gottfried Feder über das Thema: Der Mammonismus, die Weltkrankheit und seine Bekämpfung durch Brechung der Zinsknechtschaft." (Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.102 - 1933 + Völkischer Beobachter, Nr.68 v. 6.12.1919)
Dieser gezielte Prozess der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Mitbürgern jüdischer Religionszugehörigkeit "nahm seinen Ausgang in der judengegnerischen 'Aufklärungsarbeit' des Schutz- und Trutz-Bundes", der im Jahre 1919 auch in Augsburg mit hetzerischen Flugblättern, Klebezetteln und öffentlichen Versammlungen einhergeht. Der Weltkriegsgefreite Adolf Hitler wird in dieser Phase bereits zu solch Veranstaltungen als Redner gebucht.
(Lohhalm: "Völkischer Radikalismus", S.307 - 1970)
Für Augsburg zeichnet sich Karl Breul, Reisingerstraße 23/II, als verantworlicher Ortsgruppen-Kontakt gegenüber der Hamburger Schutzbund-Zentrale aus. Kaufmann Breul ist zugleich Mitglied im bayerischen Landesvorstand des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes und gehört später dem Gründungsausschuss der Verlagsgenossenschaft der Deutschen Werkgemeinschaft an.
(BArch Berlin: R8048/256 - Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund)

(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/887, S.343 - DvSuT-Bund, Mitgliedskarte Julius Rüttinger v. 1920)
In einem vertraulichen Anschreiben, welches kurz darauf vom sozialdemokratischen Zentralorgan Vorwärts 1919 veröffentlicht wird, kommen die Grundüberlegungen bezüglich der Gründung des Schutz- und Trutzbundes zur Sprache. In dem zitierten Schreiben heißt es:
"Lieber Bundesfreund!
Die Erkenntnis, daß es ein Gebot der Stunde ist, alle antisemitischen Verbände zusammenzuschließen, hat dazu geführt, daß in unserer Mitgliederversammlung am 24. d. M. (-Juli 1919-) nach einstimmigem Beschluß aller anwesenden Mitglieder unsere bisherige Ortsgruppe des Deutsch-Völkischen Bundes übergegangen ist in den Deutschen Schutz- und Trutzbund. Damit sind wir ein großes Stück vorwärts gekommen. Parteipolitische Erörterungen jeder Art und konfessionelle Fragen sind von nun an sowohl in unseren Versammlungen, als auch bei Werbung neuer Mitglieder, unter allen Umständen grundsätzlich streng zu meiden. Werben Sie in Zukunft ausschließlich für den Deutschen Schutz- und Trutzbund. Suchen Sie darum auch in die Kreise der Jungmänner einzudringen. In ihnen herrscht Mut und Eifer zur Vollstreckung unserer Pläne. Lenken Sie alle Gespräche vorsichtig und kühl auf die Judenfrage und reizen Sie die Leute, Farbe zu bekennen. Hier ein Aufnahmegesuch. Trachten Sie danach, bis zu unserer nächsten Versammlung (Donnerstag, den 31. d. M., 8 Uhr, Wachsnings Hotel) ein Mitglied zu werben. So oft Sie Gleichgesinnte kennenlernen, notieren Sie sich stets Namen und Wohnung. Bearbeiten Sie diese Leute - aber kein Wort von Parteipolitik! - und übermitteln Sie uns stets allwöchentlich zu unseren Versammlungen die gesammelten Anschriften. Kaufen Sie alles, was irgend möglich, bei unseren Mitgliedern! Das ist oberste Pflicht! Der Deutsche muß zum Deutschen halten. Keinen Pfennig dem Juden! Weisen Sie alle Freunde stets darauf hin. Kennzeichnen Sie stets das 'Berliner Tageblatt' und die 'Berliner Illustrierte' als die Alljudenblätter! Eine vorzügliche antisemitische parteilose Zeitschrift ist der 'Hammer' (14täglich, vierteljährlich 2,50 Mark, Leipzig, Königstraße 17). Halten Sie die Namen unserer Mitglieder, den Ort und die Art unserer Arbeit Unerforschten gegenüber durchaus geheim. Das Judentum arbeitet geheim; wir müssen hierin von ihm lernen. Dann werden wir eine Macht. Mit deutschem Gruß! Ortsgruppe des Deutschen Schutz- und Trutzbundes. Voigts - Geheim! Sie haben die Ortsgruppenmitgliedsnummer 260. Sie wollen diese Mitteilung aufbewahren und sich die Nummer aus bestimmten Gründen genau merken. Sie genügt u. a. auch bei Zuschriften an uns und bei Eintragungen in die Anwesenheitsliste während unserer Versammlungen. - Aus unserer Mitte wollen wir eine Kerntruppe zusammenstellen, die bei besonders vertraulichen Angelegenheiten in Tätigkeit treten soll. Sind Sie bereit, einzutreten? Ja/nein Bedingung: Subordination!" (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr. 610, S.2 - "Antisemitische Geheimbündelei" v. 29.11.1919 + sammlungen.ub.uni-frankfurt.de: Allgemeine Zeitung des Judentums, Heft 50, S.567 v. 12.12.1919)
Doch es gibt auch Kritik zu den verstärkt aufkommenden antisemitischen Bestrebungen:
"Eindeutig bezog 1919 ein Aufruf der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in der Regensburger Neuen-Donaupost Stellung: Hetzblätter tauchten in den Wohnhäusern, in den Fabriken und Kasernen auf. 'Die antisemitischen Schmierfinken ... wollen, daß ... in Deutschland jene scheußlichen Morde, feigen Metzeleien, Räubereien, Brandstiftungen ins Werk gesetzt werden, durch die das alte Rußland (mit seinen Pogromen) ... sich und die menschliche Kultur m i t ... Schande befleckt hat.'
Die SPD führe keinen Rassen-, sondern einen Klassenkampf. Es habe im Weltkrieg in gleicher Weise christliche wie jüdische Drückeberger, Schieber und Kriegsspekulanten gegeben. Hinter den Antisemiten steckten alldeutsche, schwerindustrielle und monarchische Drahtzieher." (Siegfried Wittmer auf heimatforschung-regensburg.de: "Geschichte der Regensburger Juden zwischen Monarchie und Diktatur", S.131 - 1988 + Wittmer: "Regensburger Juden: Jüdisches Leben von 1519 - 1990", S.241 - 1996)
Mai 1920
In Reaktion auf eine DvST-Veranstaltung des mit Dr. Grandel befreundeten Germanen-Orden-Mitgliedes Dr. Arnold Ruge entschließt sich die jüdische Gemeinde in Stuttgart zu einer ungewöhnlichen Gegenmaßnahme:

(Digitalisiert auf //digital.wlb-stuttgart.de/sammlungen: Württemberger Zeitung, Nr.117, S.6 v. 21.5.1920)
Juni 1920 - Einladung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes in Augsburg
Auf Einladung der Augsburger Sektion des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes reist der NSDAP-Schriftführer Ferdinand Wiegand am 1. Juni 1920 in Vertretungs-Funktion der Deutschvölkischen Arbeitsgemeinschaft von München nach Augsburg. Im Hotel Bayerischer Hof plant zu diesem Zeitpunkt der Augsburger Schutz- und Trutzbund eine öffentliche Versammlung nach bereits in Rosenheim bewährtem Muster. Der vorgesehene Versammlungsort: Der für Großveranstaltungen geeignete Ludwigsbau in Augsburg.

Für große Versammlungen geeignet: Der Augsburger Ludwigsbau - 1922 (Postkarte im Privatbesitz / Verlag v. Kunst für Kirche u. Haus, Augsburg, Nr.1)

Konzertsaal: König Ludwigsbau im Stadtgarten - 1930 (Postkarte im Privatbesitz / Brack, J.J. + Wißner: "175 Jahre Philhamonischer Chor Augsburg", S.45 - 2018)
Neben dem antisemitischen Agitator Kurt Kerlen aus Nürnberg wird auch Ferdinand Wiegand gebeten, die Veranstaltungsrede zu halten, doch es kommt anders: Die Versammlung wird von politischen Gegnern massiv gestört.
Am 2. Juni 1920 berichtet Ferdinand Wiegand seinem Parteigenossen, dem Münchener NSDAP-Vorsitzenden Anton Drexler:
"In der leider gesprengten öffentlichen Versammlung des Dv. Sch.- u. Tr.-B. (-Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes-) in Augsburg habe ich gestern Abend (-1.6.1920-) die aussichtsreichen Vorarbeiten zur Gründung einer Ortsgruppe unserer Partei vorgenommen. Ich habe in Aussicht gestellt, dass von unserer Partei-Leitung jemand im Laufe der nächsten Woche nach Augsburg kommen und dort vor einem grösseren Kreis sprechen wird. Ich möchte nun die Angelegenheit zunächst einmal mit Ihnen beraten und bitte deshalb, mich doch anzurufen oder mich noch möglichst in dieser Woche zu besuchen." (BArch Berlin: NS26/111, Bl.17 - Ferdinand Wiegand an Anton Drexler v. 2.6.1920)
In einem Bericht des Augsburger Arbeiters Karl Böhrer erwähnt auch dieser die Störung einer Augsburger DvST-Versammlung:
"Zuvor hatte ich mich auch wieder dem deutschen Orden genähert, besuchte (-in Augsburg-) Versammlungen des 'Alldeutschen Verbandes', wurde Mitglied des Germanenordens und des Schutz- u. Trutzbundes. Als hier eine (-Schutz- u. Trutzbund-)Versammlung von Juden und Kommunisten (-am 1.6.1920-) unter schweren Schlägereien gesprengt wurde, sagte ich dem Kommunistenführer (-Wendelin-) Thomas persönlich den Kampf an." (BArch Berlin: NS26/158, S.9/Bl.134 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)

Weimarer Republik: Saalschlacht zwischen den Extremen (Symbolbild: bpk-Bildagentur: 30003926 / Filmausschnitt)
Auch die SPD-nah aufgestellte Schwäbische Volkszeitung vermerkt in ihrer Berichterstattung:
"Eine stürmische Antisemitenversammlung - Daß in einer Industriestadt wie Augsburg mit antisemitischer Hetze keine politischen Geschäfte zu machen sind, das mußte die Ortsgruppe Augsburg des deutschvölkischen 'Schutz- und Trutzbundes' erfahren, als sie nach mehreren Versuchen - die früher anberaumten Versammlungen wurden immer wieder abgesagt - am Dienstag im Ludwigsbau zum erstenmal an die Öffentlichkeit trat. Zunächst glaubten die Veranstalter wohl, gute Aussichten zu haben, denn der Saal war dicht besetzt. Schon zu Beginn der Versammlung aber zeigte andauernde Unruhe, daß neben 'neutralen' Neugierigen die Mehrzahl der Anwesenden aus Gegnern der Antisemiten bestand. Nachdem der Referent (-Kurt-) Kerlen - Nürnberg endlich zu sprechen beginnen konnte, riefen seine zum großen Teil leicht widerlegbaren, zahlreiche sachliche Unrichtigkeiten enthaltenden Ausführungen Zwischenrufer auf den Plan. Als er schließlich behauptete, daß die anwesenden Gegner 'von ihren Freunden (womit er die Juden meinte. D.B.) zur Versammlung kommandiert worden‘ seien, wurde der Widerspruch so stark, daß er nicht mehr weitersprechen konnte. Im gleichen Augenblick entstand in der Mitte des Saales ein Wortwechsel zwischen einem 'Deutschvölkischen' und einigen Gegnern. Der Erstgenannte griff nach seiner Tasche, was seine Widersacher zu dem Glauben veranlaßte, daß er einen Revolver ziehen wollte. Er hatte aber nur einen Gummiknüttel. Dieser wurde ihm abgenommen, der Mann verprügelt und hinausgeworfen. Nun stürmten die Antisemiten-Gegner das Rednerpult und die Bühne und verdrängten den Referenten. Der Führer der Augsburger USP, Redakteur (-Wendelin-) Thomas, sprach dann in längeren Ausführungen gegen die Antisemiten. Nach Schluß seiner Ausführungen verließen die meisten Versammlungsbesucher den Saal. Es setzte sodann eine Aussprache ein, in der unter weiter andauernder Unruhe beide Richtungen zum Worte kamen. Aus dem Gesamtverlauf werden die Veranstalter wohl gesehen haben, daß ihre Bestrebungen bei der Mehrzahl der Augsburger Bevölkerung keine Gegenliebe finden und daß namentlich die Arbeiterschaft die antisemitische Hetze entschieden ablehnt, daß sie für die Rassenhetze nicht zu haben ist und ihr Ziel allein in der Beseitigung des Kapitalismus - ob er jüdisch oder christlich ist - sieht! Im übrigen aber stehen die Behauptungen der Deutschvölkischen - nach der hier genossenen Kraftprobe - sachlich auf so schwachen Füßen, daß man im Interesse des Kampfes gegen den Antisemitismus besser dem Referenten Gelegenheit gegeben hätte, seine Ausführungen zu vollenden, um der Augsburger Bevölkerung einmal ein eigenes Urteil über die Hakenkreuztrottelei zu ermöglichen!" (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: Schwäbische Volkszeitung, S.6 - "Eine stürmische Antisemitenveranstaltung" v. 4.6.1920, Mikrofilmrolle)

Bereit zur Konfrontation: Kommunistenführer Wendelin Thomas - 1924 (Digitalisiert auf: //maitron.fr)
In Coburg kommt es aufgrund einer gesprengten Veranstaltung zu einem juristischen Nachspiel:
"'... trat dann wieder Ruhe ein. Da ich befürchten mußte, daß dem Redner des Abends etwas zustoßen könnte, ließ ich ihn von 3 Polizeibeamten zu seiner Wohnung geleiten.' Der vorzeitig abgebrochene Vortrag hat ein gerichtliches." (Fromm: "Die Coburger Juden: Geschichte und Schicksal", S.18 - 1990)
Der nationalsozialistische Parteigenosse Ferdinand Wiegand lässt sich von der verhinderten Vortragsveranstaltung in Augsburg nicht verunsichern. Laut einem Anschreiben vom 7. Juni 1920 informiert er die ihm bereits bekannten Augsburger NSDAP-Interessenten Benno Schmidtner, Otto Kötterle, Heinrich Schmidt und Hans Klaiber über sein geplantes Vorhaben:
"Ich beabsichtige nun am nächsten Samstag (-12.6.1920-) nachmittags nach Augsburg zu kommen, um abends in einem von Herrn Klaiber zu besorgenden Lokal zunächst (-im Rahmen der Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Versammlung-) einen informierenden Vortrag über Entstehung, Ziel und Aufgaben der Deutschen Arbeiter-Partei zu halten und dann, wie ich hoffe, die Gründung einer (-NS-)Ortsgruppe Augsburg vorzunehmen." (BArch Berlin: NS26/111, Bl.18 + EHRI XXIX. Akte Wiegand, Korrespondenz der DAP 1920/21, Gruppe III, Stück 111, 7., Bl.41-50 u. Wiegand to a potential member in Augsburg, 7 June 1920, HA, roll 4, folder 111; VB, 2 Sept. 1920)
Parallel dazu wendet sich ein weiterer Augsburger Interessent an die Partei. Für den 8. Juni 1920 notiert das Posteingangsbuch der Münchener NSDAP zu der Anfrage des Stadtsekretärs Robert Rogg, Fuggerhaus, wohnhaft in der Kirchgasse A 218/II:
"Ob Werbeschriften gesandt werden können, wer in Augsbg. der Führer ist, wie es steht mit der Gründung einer Ortsgruppe." (BArch Berlin: NS26/222 - Eintrag NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.30 v. 8.6.1920)
Die Werbeschriften werden sodann von der Partei zugesandt und dem Augsburger Interessenten ein Redner für die nächste Zeit in Aussicht gestellt. Doch plötzlich tritt eine Störung des Ablaufes ein, die innerhalb der Korrespondenz nicht definiert wird. Obwohl Ferdinand Wiegand mit nur fünf Tagen Vorlauf seinen Augsburger Kontakten bereits den 12. Juni 1920 als Gründungstermin avisiert, findet dieser nicht statt.
Zum 14. Juni 1920 informiert daraufhin der Augsburger Stadtsekretär Rogg erneut die NSDAP-Geschäftsstelle in München, diese notiert:
"Sendet 2 Aufnahmescheine und bittet um weitere Programme. R.(-ogg-) will zur Gründung einer Ortsgr. helfen." (BArch Berlin: NS26/222 - Eintrag NSDAP-Posteingangsbuch, lfd.Nr.45 v. 14.6.1920)
Als Antwort an Robert Rogg wird am 15. Juni 1920 vermerkt:
"Dank für die Bereitwilligkeit zur Gründung einer Ortsgr. Mitgl.karten liegen bei, Werbematerial wird gesandt."
6. Juli 1920 - Augsburg
Die Ortsgruppe Augsburg des Schutz- und Trutzbundes veranstaltet derweil eine weitere Veranstaltung im Augsburger Ludwigsbau, jedoch ohne Ferdinand Wiegand:
"Am 6. Juli 1920 hielt im Ludwigsbau, Augsburg, in einem geschlossenen Vortragsabend Herr Rechtsanwalt Dr. Utz aus München einen Vortrag über: 'Die Weisen von Zion und der Zusammenhang von Krieg und Revolution mit der jüdischen Weltherrschaft'. Der Vorsitzende erläuterte einführend Zweck und Richtlinien des Bundes; dem jede Bedrängung rechtschaffender Menschen, also auch rechtschaffender Juden fernliegt, der aber seine Pflicht in entscheidender Abwehr sieht gegen angemaßte jüdische Vor- und Führerrechte über das deutsche Volk und gegen wirtschaftliche, geistige und sittliche Schädigungen unseres Volkes durch das Judentum, wie sie seit Kriegsbeginn besonders grell offenbar geworden sind. Der Vortrag von Dr. Utz ging von dem Gedanken aus, daß deutsches Wesen - statt das Salz der Erde sein zu wollen - zunächst dem eigenen deutschen Volk zurückerobert werden muß. Hauptkampfmittel muß der alte deutsche Rechtsgedanke sein." (Stadtarchiv München/Mikrofilm: Völkischer Beobachter, Nr.63, S.3 - "Aus der Bewegung" v. 11.7.1920)
In diesem Zeitraum läuft jedoch etwas Wesentliches konträr zu Ferdinand Wiegands Absichten hinsichtlich der Schutz- und Trutzbund-angelehnten Ortsgruppengründung der NSDAP. Rund einen Monat nach dem ursprünglich geplanten Gründungs-Termin wird am 9. Juli 1920 im NSDAP-Posteingangsbuch zu Ferdinand Wiegand lediglich festgehalten:
"Ersuchen, zur nächsten Ausschußsitzung bestimmt zu erscheinen" (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch v. 9.7.1920)
Diese Formulierung deutet auf ein Abtauchen Ferdinand Wiegands hin, welches er nicht mit der Parteiführung kommuniziert hatte. Die folgende NSDAP-Notiz vom 14. Juli 1920 zu Schriftführer Wiegand lautet wiederum:
"Kann zur Versammlung nicht kommen." (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch v. 14.7.1920)
Der fürt den Augsburger Gruppenaufbau zentrale Organisator Ferdinand Wiegand entzieht sich der weiteren Aufbauphase. Zwischenzeitlich scheint sich dessen politischer Rückzug auch beim Augsburger Schutz- und Trutzbund herumgesprochen zu haben. Am 28. Juli 1920 wird zu dem Anliegen des Augsburgers Max Flemming im NSDAP-Posteingangsbuch notiert:
"Anfrage, ob nicht eine Stelle frei ist als Werbemann." (BArch Berlin: NS26/222 - Ortsgruppe München, DAP-Posteingangsbuch v. 28.7.1920)
Die organisatorische Aufbauarbeit des ersten NSDAP-Schriftführers, die in Kombination mit dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund besonders in Rosenheim zielgerichtet und engagiert verläuft, endet nach weniger als 6 Monaten Parteiarbeit ungewöhnlich abrupt. So heißt es bei Joachimsthaler:
"Am 22. Juli 1920 hat Wiegand infolge einer Erkrankung gekündigt und ist nach Meisdorf zurückgegangen und hat die NSDAP verlassen." (Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München", S.366 - 2000)

Redner für den DvST: Rudolf John Gorsleben, Mitglied des Germanen-Ordens - Juli 1920 (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Rosenheimer Anzeiger, Nr.154, S.4 v. 5.7.1920)
Der Verlauf klingt nach einem unfreiwilligen Ende einer intensiven Zusammenarbeit. Für die Tagesordnung der Münchener NSDAP-Ausschusssitzung vom 8. Juli 1920 vermerkt Kassierer Karl Riedl in seinem Kassen-Tagebuch nur kurz:
"Wiegand. Fall - 1893 (-Geburtsjahr-)" (Jäckel: "Hitler - Sämtliche Aufzeichnungen", S.161 - 1980 + BArch Berlin: NS26/229)
Einen ursächlichen Hinweis auf ein parteiinternes Zerwürfnisse liefert die folgende Formulierung:
"Hinzu kam ein grundlegender Richtungsstreit, wodurch innerhalb der Partei zwei grundsätzliche Strömungen zu Tage traten: auf der einen Seite die Gruppe um Drexler und den Journalisten Karl Harrer, die ihren Rückhalt in der Arbeiterschaft, dem Handwerk sowie den kleinen Geschäftsleuten besaß und ähnlich wie die Thule-Gesellschaft am Logengedanken festhielt und auf der anderen Seite die hauptsächlich aus ehemaligen Frontsoldaten bestehende Hitler-Gruppe, die den Idealen der bürgerlichen Gesellschaft ablehnend gegenüberstand und mittels einer starken Versammlungstätigkeit sowie einem offensiv geführten Kampf um neue Anhängerscharen die Partei in eine Massenbewegung verwandeln wollte. Gemeinsam war beiden Richtungen indes eine völkisch-nationalistische Gesinnung. Als eindeutiger Sieger aus diesem Konflikt ging schließlich Hitler hervor, weshalb (-DAP-Vorsitzender und Thule-Mitglied Karl-) Harrer Anfang 1920 der DAP den Rücken kehrte und im Zusammenhang mit der Führungskrise des Sommers 1920 auch offiziell ausgeschlossen wurde." (Wagner: "Entwicklung, Herrschaft und Untergang der nationalsozialistischen Bewegung", S.21/22 - 2007)
Ferdinand Wiegand wird schließlich seiner Funktion entbunden, sodass auch die für Augsburg über den DvST geplante NSDAP-Ortsgruppengründung wieder in sich zusammenfällt.
Eine weitere mögliche Erklärung für das Verhalten Ferdinand Wiegands: Gottfried Grandels Geburtsstadt Augsburg ist in der Phase der geplanten NSDAP-Ortsgruppengründung eine Sonderzone, hier bestimmt im Hintergrund offenbar der geheime Germanen-Orden als übergeordnete "Nebenregierung". Einen deutlichen Hinweis zu dieser Vermutung liefert der Augsburger Arbeiter Karl Böhrer. Als anfängliches Mitglied des Germanen-Ordens vermerkt er in seinen späteren Ausführungen:
"Die erste (-Ortsgruppengründungs-?-)Versammlung im 'Hotel Post' (-in-) Augsburg (-vom Febr./März 1921?-) machte keinen guten Eindruck auf mich. Lauter Doktoren, Ingenieure usw. (-aus dem 'Bund für deutsches Recht'?-), nur keine Arbeiter. Ich ließ mich aufnehmen in die NSDAP. Vorsitzender war (-Dr. Grandels Ölfabrik-Vorarbeiter-) Herr (-Josef-) Schröffer, Schriftführer Dr. Grandel. Auch der (-Augsburger-) 'Schutz- u. Trutzbund' war hier zu Hause, ebenso der 'deutsche (-Germanen-?-)Orden' (-über den 'Bund für deutsches Recht' bzw. 'Augsburger Herrenklub'?-). Bald merkte ich, daß hier zwei Richtungen gegen einander standen." (BArch Berlin: NS26/158, S.9-10/Bl.134/135 - Bericht Karl Böhrer v. 20.4.1941)
Unabhängig von den Augsburger Verwerfungen innerhalb der völkischen Szene setzt der Bund seine Aktivitäten für Augsburg fort:
"Der Schutz- und Trutzbund, Ortsgruppe Augsburg, hat, wie in der letzten Versammlung mitgeteilt wurde, bereits 12.000 Unterschriften gesammelt für eine Eingabe an das Parlament zwecks Einführung der Todesstrafe auf Wucher." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.478, S.6 "Vermischte Nachrichten aus Bayern" v. 16.11.1920)
1921/22: Mesch, Gorsleben und Dr. Ruge auf Konfrontation
Anfang 1922 gerät der aus Hamburg geführte Bund in einen Konflikt mit bayerischen Mitgliedern: Das aus seiner Perspektive intrigante Verhalten von Lorenz Mesch und Rudolf John Gorsleben veranlasst den Hamburger Geschäftsführer Alfred Roth schließlich zu der Aussage:
"Als den bösen Geist und Urheber der ganzen traurigen Zustände erkenne ich Dr. Ruge und sein Wirken, wir werden über ihn auf der Tagung auch ein deutliches Wort sprechen müssen." (BArch Berlin: R8048/255, Bd.4 - Alfred Roth an Justizrat v. Zezsohwitz/München, Pfandhausstr.17, S.19/Bl.2 v. 11.1.1922)

Dr. Arnold Ruge vor der Heidelberger Universität - 1936 (Universitätsarchiv Heidelberg, PA 5551 / o.Ang.)
Für 1921 baut der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund den völkischen Redner Dr. Ruge in seine Veranstaltungskonzeption mit ein. Doch es gibt Kritik. So heißt es in einer Leserbriefreaktion zu einer diesbezüglichen Versammlung in Ulm:
"Nach der Ankündigung an den öffentlichen Anschlagsäulen spricht Herr Dr. Ruge über die Judenfrage unter dem Titel: 'Wo steht der Feind?' Auf die Frage, wo der Feind steh', gibt es, vollends nach den letzten Erfahrungen, für jeden Deutschen nur eine Antwort: 'In Paris und London!' Hierüber bedarf es auch einer besonderen Aufklärung nicht. Wohl aber darüber, was mit dem Vortrag des Herrn Ruge bezweckt werden will. Es soll zum Kampf aufgerufen werden gegen die jüdischen Mitbürger. In welch maßlos demagogischer und hetzerischer Weise dies geschieht, hat der vor einigen Monaten zunächst unter anonymer Flagge eingeführte erste Ulmer Vortrag des Dr. Ruge gezeigt. Während der Redner jegliche Diskussion, jeglichen Verkehr mit einem 'Juden' als eines 'Deutschen' unwürdig bezeichnet, und ablehnte, hatte er wenige Stunden zuvor hier in Ulm einer Dame jüdischen Glauben, in deren Haus er früher lange Zeit Verkehr gepflogen und freudigen Herzens Wohltaten entgegengenommen hatte, seinen Besuch und Gruß anbieten lassen - was beides dankend abgelehnt wurde." (LArch Karlsruhe: Nachlass Dr. Arnold Ruge, Leserbrief von Rechtsanwalt Dr. Rathan v. 12.2.1921)

Der mit Dr. Grandel eng verbundene Dr. Arnold Ruge ist im politischen Zusammenhang kein einfacher Charakter. So schreibt der Völkische Beobachter:
"Der Vertretertag des Schutz- und Trutzbundes der Ortsgruppen und Kreise Bayerns unter der ebenso sachlichen wie gewandten Leitung des Herrn Kühn hat endlich die Luft gereinigt zwischen Hamburg und Bayern. Der Hauptgeschäftsführer des Bundes, Herr Alfred Roth, wies an der Hand unwiderleglicher Beweisstücke nach, dass die heimliche und doppelzüngige Minierarbeit (-Unterwanderung zwecks Sprengung-) John-Gorslebens und Meschs tatsächlich bestand und die einheitliche Leitung des Bundes aufs schwerste gefährdete. Mit ihnen nahm an dem unsauberen Treiben teil ein Professor Otto alias Ruge (!) aus Heidelberg, vor dem hiermit dringend gewarnt wird. Die ganzen Loslösungsbestrebungen von Hamburg scheinen ein weitgestecktes politisches Ziel gehabt zu haben, von dem noch bei gegebener Zeit zu sprechen sein wird." (BArch Berlin: R8048/255 - Auseinandersetzungen im Bund mit Gorsleben, Mesch, Dr.Ruge und Hertzberg/Roth, Bl.39 v. 1.2.1922 + VB, Nr.7 v. 25.1.1922)
Auch die Deutschvölkischen Blätter vermerken kritisch:
"Dabei (gemeint sind die Vorgänge in Bayern) stellte es sich heraus, dass leider der 'Wälsungen Orden' (-ab Juli 1921 dem Germanen-Orden beigetreten-) und dessen Beauftragter Dr. Ruge in unerhörter Weise in die Belange des (-Schutz- u. Trutz-) Bundes eingegriffen haben und damit die bedauerlichen Vorgänge - wohl mit Absicht und Willen - herbeigeführt haben." (BArch Berlin: R8048/255 - Auseinandersetzungen im Bund mit Gorsleben, Mesch, Dr.Ruge und Hertzberg/Roth, Bl.39 v. 1.2.1922 + Deutschvölkische Blätter, Nr.4 v. 26.1.1922)
Desweiteren kommt der aus Hamburg geleitete Schutz- und Trutzbund zu folgendem Ergebnis:
"Arnold Ruge-Spende: Schon seit geraumer Zeit werden von Regensburg aus Aufrufe verbreitet, worin für allerhand Zwecke Gelder gesammelt werden sollen. Teilweise tragen die Aufrufe die Unterschriften namhafter Persönlichkeiten oder gar des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes Gauverband Nordbayern. Das erschwerte die Ermittlungen der Absichten ihrer urheber sehr. Eingehende Feststellungen haben aber nunmehr ergeben, dass die Namen vieler Unterzeichner ohne deren Wissen missbraucht worden sind und dass auch die Sammlung selbst ganz eigenartigen Zwecken diente. Der Bundesvorstand des Schutz- und Trutzbundes sah sich deswegen genötigt, zu diesen Vorgängen Stellung zu nehmen. ERr fasste in seinmer Gesamtsitzung am 29. Januar 1922 dazu folgenden Beschluss:
'Der Bundesvorstand erklärt nach eingehender Prüfung aller in Betracht kommender Verhältnisse, dass die Sammlung für die Ruge-Spende kein Unternehmen ist, dass die Förderung deutsch-völkischer Kreise verdient. Der Bundesvorstand warnt deshalb die Mitglieder und Gliederungen des Bundes vor dieser Sammlung und fordert sie auf, künftig nur solchen Unternehmungen ihre Unterstützung zu leihen, die vom Bundesvorstande wirklich gutgeheissen sind oder empfohlen werden. Nur so ist es möglch, unerwünschten Zersplitterungen vorzubeugen und dem Aufkommen politischer Freibeuternaturen in der Bewegung wirkungsvoll zu steuern." (BArch Berlin: R8048/255 - Auseinandersetzungen im Bund mit Gorsleben, Mesch, Dr.Ruge und Hertzberg/Roth, Bl.39 v. 1.2.1922)
Auch Dr. Grandels Bekannter, Dr. Arnold Ruge, findet in dem Untersuchungsbericht des Amtsrichters Erwähnung:
"Ruge war Privatdozent in Heidelberg und gehört zu den Führern des Antisemitismus. Er wird öfter erwähnt und spielt eine ziemliche Rolle in dem Orden." (Landesarchiv Duisburg: BR 0007, Nr.15638 - Schreiben des Amtsrichters, Bl.3 v. 22.11.1921)
Aus den in Regensburg beschlagnahmten Unterlagen geht desweiteren hervor, dass der "Schriftsteller Gorsleben, Rudolf John (Wieland), Föhringerallee 44" sich 1921 als Hochmeister des Münchener Germanen-Ordens "Jotunheim" (Heim der Riesen) verantwortlich zeigt. Möglicherweise fungiert er hier als Nachfolger von Rudolf v. Sebottendorff. Laut Wikipedia heißt es bei "Schwarze Magie - Braune Macht" (S.22 f.) über Hochmeister Gorsleben:
"Für das Anfang 1919 geschaffene Reichswehrkommando 4, die Nachrichten-, Presse- und Propagandaabteilung, die die politische Aufklärung der Truppe zur Aufgabe hatte, wurde er (-Gorsleben-) von dessen Leiter, Hauptmann Mayr, ebenso wie Gottfried Feder und Karl Alexander Müller als politischer Leiter angeworben."
In dieser Reichswehr-Ausbildungseinheit wird schließlich auch Adolf Hitler 1919 in Propagandakursen ausführlich geschult. Lorenz Meschs Ordens-Bruder Gorsleben, Anhänger des neugermanischen Heidentums, überträgt darüber hinaus im gleichen Jahr die Edda ins Deutsche.
Im Jahre 1921 machen die beiden Mitglieder des geheimen Germanen-Ordens schließlich mit dem judenfeindlichen Schutz- und Trutzbund auf sich aufmerksam. Ihre Absicht: Loslösung vom Hamburger Zentralismus, verkörpert durch Alfred Roth, und Ausrichtung im Sinne des verdeckt agierenden Germanen-Ordens:
"Gleichzeitig kündigen die beiden Gauleiter von Nord- und Südbayern, Lorenz Mesch und Rudolf John Gorsleben, der Zentrale (-in Hamburg-) die Gefolgschaft auf und unternehmen den Versuch, einen eigenen bayerischen Schutz- und Trutzbund zu gründen." (Breuer: "Die Völkischen in Deutschland", S.160 - 2008)
In einem Schreiben des von Lorenz Mesch und Rudolf John Gorsleben geführten Landesvorstandes an die bayerischen Bundesbrüder heißt es:
"Der von der bayerischen Landesleitung betretene neue Weg richtet sich in keiner Weise gegen die Einheitlichkeit des Gesamtbundes; er führt aber heraus aus der politischen Ohnmacht der einzelnen Länder und fort von einer entkräftenden Zentralisation." (BArch Berlin: R8048/255, Bl.515 - Bayerischer Landesvorstand an die Mitglieder - Dezember 1921)
Es ist davon auszugehen, dass auch diese Initiative von den zwei Mitgliedern unter der Regie des Germanen-Ordens initiiert wird, doch ihr Versuch scheitert:
"Damit ist die auf Grund der Bestimmungen der Satzung und Gliederungsordnung des Bundes vollzogene Enthebung der Herren Gorsleben und Mesch von ihren Ämtern durch den Gesamtvorstand bestätigt worden; gleichzeitig sind die Genannten wegen schwerster Schädigung der Bundesbelange und wegen ehrenrühriger Handlungen aus dem Bunde ausgestossen." (BArch Berlin: R8048/255 - Auseinandersetzungen im Bund mit Gorsleben, Mesch, Dr.Ruge und Hertzberg/Roth, Bl.40 - Alfred Roth an bayrische Ortsgruppen v. 1.2.1922)
Als Vereinssymbol wird vom Trutzbund bereits das Hakenkreuz verwendet, auch hier ist die Mitgliedschaft nur mit "Arier-Nachweis" möglich. Der Bund stellt im Jahre 1919 mit rund 25.000 Mitgliedern in 85 Ortsgruppen die weitaus größte völkisch-antisemitische Organisation der Weimarer Republik. Inhaltlich beschäftigt er sich hauptsächlich mit Rassetheorien und Deutschtumforschung.
Das Buch "Wenn ich der Kaiser wär" von Heinrich Class, dem langjährigen Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes, dient dem Schutz- und Trutzbund als theoretische Grundlage und praktisches Ziel seiner Politik, die als expansionistisch, völkisch und rassistisch gilt.
In dem "Kaiserbuch" fordert Justizrat Class schon 1912, zur Abwehr der "jüdischen Gefahr" die Einwanderung von Juden zu verbieten, die landansässigen Juden vom öffentlichen Leben auszuschließen, den Entzug des Wahlrechts und die Reduzierung des Anteils jüdischer Studenten auf den der jüdischen Bevölkerung zu beschließen. Sein Kampfruf lautet: "Deutschland den Deutschen", einen "universellen Humanismus" lehnt er ab.
Seine "Bamberger Erklärung" vom 18. Februar 1919 benennt darüber hinaus als politisches Ziel die Überwindung der Weimarer Demokratie durch eine "nationale Diktatur".
Für den Berliner Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes ist Dr. Grandel Anfang der 20er-Jahre kein Unbekannter:
"Claß hatte den in bayerischen nationalen Kreisen wegen seiner wirtschaftspolitischen Kentnisse und Beziehungen sehr geschätzten Dr. Grandel im April 1923 in Hamm, auf einer Konferenz der Vertreter der Nationalen Arbeiterschaft des Ruhrgebiets, kennengelernt, als dort Maßnahmen gegen die französische Besatzung im Ruhrgebiet besprochen wurden. Grandel hatte die Tagung als Vertreter nationaler Gruppen in Bayern besucht." (Chamberlin: "Der Attentatsplan gegen Seeckt 1924", S.427/428)
In späterern Jahren betont Adolf Hitler:
"Im Jahre 1918 konnte von einem planmäßigen Antisemitismus gar keine Rede sein. Noch erinnere ich mich der Schwierigkeiten, auf die man stieß, sowie man nur das Wort Jude in den Mund nahm. Man wurde entweder dumm angeglotzt, oder man erlebte heftigsten Widerstand. Unsere ersten Versuche (-Germanen-Orden/Thule-Gesellschaft?-), der Öffentlichkeit den wahren Feind zu zeigen, schienen damals fast aussichtslos zu sein, und nur ganz langsam begannen sich die Dinge zum Besseren zu wenden. So verfehlt der Schutz- und Trutzbund in seiner organisatorischen Anlage war, so groß war nichtsdestoweniger sein Verdienst, die Judenfrage als solche wieder aufgerollt zu haben. Jedenfalls begann (-durch die Aktivitäten des reichsweit aktiven Schutz- und Trutzbundes-) im Winter 1918/19 so etwas wie Antisemitismus langsam Wurzel zu fassen. Später hat dann allerdings die nationalsozialistische Bewegung (-ab 1920-) die Judenfrage ganz anders vorwärtsgetrieben. Sie hat es vor allem fertiggebracht, dieses Problem aus dem engbegrenzten Kreise oberer und kleinbürgerlicher Schichten herauszuheben und zum treibenden Motiv einer großen Volksbewegung umzuwandeln. Kaum aber, daß es gelungen war, dem deutschen Volk in dieser Frage den großen, einigenden Kampfgedanken zu schenken, als der Jude auch schon zur Gegenwehr schritt. Er griff zu seinem alten Mittel. Mit fabelhafter Schnelligkeit hat er in die völkische Bewegung selbst die Brandfackel des Zankes hineingeworfen und den Zwiespalt gesät." (Hitler: "Mein Kampf", S.128 - 1939)
Der Einfluss Dietrich Eckarts (1868 - 1923)
(211-1919) Der Augsburger Fabrikant Dr. Grandel gilt seit 1918 als finanzieller Förderer von Dietrich Eckarts völkisch-antisemitischer Wochenschrift Auf gut deutsch, die in München erscheint.
Auf der gemeinsamen Suche nach einem Ausweg aus der gesellschaftlichen Krise entwickelt sich auf diese Weise nicht nur eine finanzielle, sondern in den Anfangsjahren auch eine freundschaftliche Verbindung zwischen den zwei völkischen Vertretern.

Letzte Aufnahme von Dietrich Eckart (23.3.1868-26.12.1923) (BArch Berlin: NS26/2252 - "Das Junge Deutschland" v. Dezember 1933 + BArch Berlin: NS26/1308 - B.Z. an Mittag, Nr.264 v. 4.11.1935 + Bay. Staatsbibliothek, hoff-877 / Hoffmann, Heinrich)
Wie Gottfried Grandel wird auch Dietrich Eckart in der frühen Phase der Weimarer Republik dem völkisch-antisemitischen Lager zugerechnet, einer Gruppierung, die das eigene Volk zum alleinigen Maßstab erhebt und den Einfluss jüdischer Kreise innerhalb der Gesellschaft zu unterbinden versucht.
1915 - Dietrich Eckart in Berlin
Der Schriftsteller selbst vermerkt zu den Anfängen seines politischen Werdegangs:
"Ich lebte ca. 13 Jahre in Berlin und brachte dort verschiedene Bühnenwerke (-aus-) meiner Feder im dortigen Kgl. Schauspielhaus zur Aufführung.(...) Bei Ausbruch des Weltkrieges hatte ich vor, mich irgendwie auf dem Kriegsschauplatz zu betätigen, bekam aber von dem damaligen Generalintendanten der Kgl. Schauspiele in Berlin, dem Grafen Hülsen Häseler, den dringenden Rat, mich in der Heimat zur Hebung der heimatlichen Begeisterung auch weiterhin dichterisch zu betätigen. 1915 siedelte ich mit meiner Frau in meine engere Heimat Bayern, in diesem Fall nach München über und wirkte dort in dem angegebenen Sinn. Bei Ausbruch der Revolution empfand ich das Bedürfnis, politisch hervorzutreten, umsomehr, als ich meine angeborene Abneigung gegen das Judentum durch den jüdischen Ministerpräsidenten Eisner verhundertfacht fühlte." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/2180, S.7, Erklärung Dietrich Eckarts bei polizeilicher Vernehmung v. 15.11.1923)

Schriftsteller und Publizist: Dietrich Eckart - 1908 (Reich: "Dietrich Eckart: der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.45 - 1934)
Der politische Antisemitismus wird auch Gottfried Grandel zum Ende des ersten Weltkrieges auffallend wichtig. Seine Kontaktaufnahme zu Dietrich Eckart basiert dabei vermutlich auf der Grundlage eines völkischen Planes, der in München von dem Leiter der bayerischen Sektion des Germanen-Ordens, Rudolf v. Sebottendorff, offensiv vorangetrieben wird.
Da es sich Bei dem Germanen-Orden um einen Geheimbund handelt, ist die Quellenlage gering. Es fällt hingegen auf, dass gerade in Dietrich Eckarts Wochenschrift Auf gut deutsch schon früh für die bayerische Sektion der Arier-Loge wiederholt Werbeanzeigen geschaltet werden:

Werbeanzeige in Eckarts Wochenschrift Auf gut deutsch - 13. Juni + 17./23. Juli 1919
Auch der mit Gottfried Grandel eng befreundete Franz Schrönghamer-Heimdal nutzt Dietrich Eckarts Wochenheft für seine Aufsätze. So erscheint am 31. Oktober 1919 der Artikel Sonnengebot.

Dichter Franz Schrönghamer-Heimdal - 1926 (Wikimedia Commons - Datei: Schroenghamer 1926.jpg / o.A.)
Franz Schrönghamer ist laut der 1921 bei Lorenz Mesch in Regensburg beschlagnahmten Liste Mitglied des Germanen-Ordens Walvater. Seine Einstellung zu Dietrich Eckarts Blatt formuliert der Dichter wie folgt:
"Eine feine, eigenartige Wochenschrift. Der Herausgeber, Dietrich Eckart, ist einer der vorzüglichsten Kenner der Judenfrage; seine Arbeiten umfassen alle Höhen und Tiefen des Gegenstandes, so daß sie Wahrheit und Weisheit atmen, wie man sie anderwärts kaum finden dürfte." (Digitalisiert auf bavarikon.de: "Ein Jahr bayrische Revolution im Bilde - Photobericht Hoffmann", Werbeanzeige S.34 - 1919 + Schrönghamer-Heimdal: "Judas, der Weltfeind" - 1919)
Die Wochenschrift Auf gut deutsch erscheint ab dem 7. Dezember 1918, doch gibt sich Herausgeber Eckart schon gleich zu Beginn des ersten Quartals gegenüber dem Vertreter des bayerischen Germanen-Ordens misslaunig, was die Frage der Finanzierung betrifft:
"Die Gründung dieser Zeitschrift gab Anlaß zur Feindschaft Eckarts gegen Sebottendorff. Eckart hatte sich durch den Thulebruder (-und im März 1919 als Kassenwart der Thule agierenden Prokuristen Eduard Julius-) Kneil an Sebottendorff gewandt, daß dieser die Zeitschrift finanzieren solle. Da aber die Thule Gesellschaft und der Beobachter finanziell schon ganz von Sebottendorff erhalten werden mußten, lehnte er ab; der Inhaber der Münchener Zeitung (-Julius Kneil war Leiter des Anzeigenteils der MZ-) hatte dann die verlangten 10.000 Mark gegeben."(Sebottendorff: "Bevor Hitler kam", S.77 - 1933)

Konfliktfreudig und fordernd: Dietrich Eckart - Sommer 1918 (Reich: "Dietrich Eckart: der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.64 - 1934)
Der antisemitische Wesenszug Eckarts wird durch die teils harsche Kritik ausgelöst, der er sich laut Joachimsthaler "als erfolgloser Dichter und Journalist" im Berlin der Jahrhundertwende ausgesetzt fühlt. In Margarete Plewnias Zusammenfassung über Dietrich Eckart heißt es hingegen:
"Am 18. März 1914 schrieb (-der Intendant der Kgl. Schauspiele, Graf Georg von-) Hülsen an den erfolgreichen Nachdichter: 'Seitdem ich den Peer Gynt an einem Abend gebe (-vorher auf zwei verteilt-), ist er fast immer ausverkauft und das Publikum tief ergriffen. Seine Majestät der Kaiser besuchte die Vorstellung zweimal hintereinander, hat sich sehr gelegentlich nach Ihnen erkundigt und sich an der schönen und gehaltvollen Sprache der Übersetzung sehr erfreut.'" (Plewnia: "Auf dem Weg zu Hitler", S.22 - 1970)
Die arisch-christliche Nachdichtung von Henrik Ibsen bringt Eckart seit 1914 einen überschaubaren Bühnenerfolg ein. In einem Schreiben des General-Intendanten der Preußischen Staatstheater heißt es später:
"'Peer Gynt' in der freien Übertragung für die deutsche Bühne von Dietrich Eckart wurde in der Zeit vom 18. Februar 1914 bis 29. Mai 1930 am hiesigen Staatlichen - früher Königlichen - Schauspielhaus insgesamt 716 mal zur Aufführung gebracht." (BArch Berlin: NS26/2183, Korrespondenz zu Dietrich Eckart an Emil Gansser v. 14.3.1938)

Völkische Nachdichtung: Die Schmuckausgabe von Peer Gynt - 1917 (Fotografie im Privatbesitz)
Die schreibende Zunft in Berlin ist geteilter Meinung. National eingestellte Kritiker loben hingegen das Drama der Hofbühne, welches in den Kriegsjahren insgesamt 183 Aufführungen erlebt. So wird im Winter 1917 von der Erstaufführung in München berichtet:
"Am 19. November (-1917-) d. J. gelangte am Schauspielhause unter Leitung von Dr. Hanns Herrmann Cramer Ibsens 'Peer Gynt' in der Bearbeitung von Dietrich Eckart zur Erstaufführung. Das ausverkaufte Haus spendete nach jedem Bilde reichen Beifall, der sich zum Schluß zum Sturm erhob. Cramer und Eckart mußten zahlreichen Hervorrufen Folge leisten." (Literarisches Centralblatt für Deutschland: "Die schöne Literatur", S.367 - 8.12.1917)

"Der deutschen Mentalität angepasst": Dietrich Eckarts Umsetzung von Peer Gynt für die deutschen Bühnen - Januar 1918 (Digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de:DE-1992-PL-19164)
Journalist Siegfried Jacobsohn von der Schaubühne nennt Dietrich Eckart in der Ausgabe Nr.9 hingegen einen "Pfuscher", bescheinigt ihm gar "makellose Schwatzhaftigkeit" und benennt Beispiele:
"Was ist denn das? Es klingt so fein - und auch die Sonne stellt sich ein."
Oder:
"Höre auf, ich hab' genug, was Du sagst ist Lug und Trug."
Bei Plewnia heißt es zu dem Berliner Dichter weiter:
"Der 'Türmer' (-Nr.7-) hing Eckart der angeblich verstümmelten Ibsen-Dichtung wegen den Spitznamen der 'böse Eckart' an."
Dietrich Eckart musste schon bei seinem Stück Froschkönig von 1905 derbe Kritik einstecken. Das Urteil vom Berliner Tageblatt ist hier eindeutig; zum Philosophen würde er nicht taugen:
"Die sogenannte romantische Komödie des Herrn Eckart ist eine einzige Phrasengeschwulst, die reichlich Unsinn auseitert." (Eckart: "Auf gut deutsch", S.6 v. 31.1.1919)
Plewnia schreibt in ihrem Buch über Eckarts Berliner Erfahrungen:
"Eckart ging der jüngste Verriß seines Stückes - der ihn, wie er sich bei einem Bekannten beklagte, die Gunst seiner Verleger und 'sämtlicher Freunde' gekostet hatte - sehr nahe. Er beschloß - was er allerdings dann doch nicht ausführte -, das nächste Werk unter einem jüdischen Pseudonym auf die Bühne zu bringen, um einer geneigten Kritik sicher zu sein." (Plewnia: "Auf dem Weg zu Hitler", S.20 - 1970)
Der Gescholtene spricht später im Zusammenhang mit den Kritiker-Angriffen von der Macht des "großen Krummen". Plewnia weiter:
"Das Hungern habe er, so pflegte er später zum Besten zu geben, in Berlin gelernt, 'dank der Freundlichkeit', mit der ihm der 'jüdische Einfluß die Schriftstellerei zur brotlosen Kunst' werden ließ." (Plewnia: "Auf dem Weg zu Hitler", S.28/29 - 1970)
In einer weiteren Buchveröffentlichung wird zu dieser Phase vermerkt:
"Ab 1901 befaßt sich Dietrich Eckart mit einer Nachdichtung von Ibsens Drama 'Peer Gynt', das er der deutschen Mentalität anpassen wollte.(...) Dietrich Eckart machte sich mit diesem Werk einen Namen und es wurde sein größter Erfolg. Nach Rauschgift- und Alkoholexzessen war er bis zum Frühsommer 1915 wieder in Berlin (Blankenburg), wo er viele führende Leute der rechten völkisch-nationalen Szene kennenlernte. Ab Juni 1915 wohnte der nunmehr stramm völkisch-nationalistische und aggressiv-antisemitische Eckart in München." (Joachimsthaler: "Hitlers Liste", S.63 - 2003)
Zum 20. Mai 1916 gibt der Münchener Publizist schließlich im Anzeigenteil des Buchhandels seine zweite Verlagsgründung bekannt:
"Unter obiger Firma habe ich am hiesigen Platze (-München, Tengstraße 38, anfang April 1916-) einen Verlag errichtet (...). Den Verlag Herold in Berlin-Steglitz gebe ich auf." (sachsen.digital: "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", Nr.113, Anzeigenteil/Bekanntmachungen S.9/39 v. 17.5.1916)
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(sachsen.digital.de: "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", Nr.113, Anzeigenteil/Bekanntmachungen S.9/39 v. 17.5.1916)
März 1917
Zu der publizistischen Tätigkeit Dietrich Eckarts wird in dieser Zwischenphase vermerkt:
"Die von Wilhelm Kiefer bisher unter dem Titel 'Bühne und Welt' herausgegebene Monatsschrift wurde in den Kritiken der Presse übereinstimmend als das führende und bahnbrechende Organ der geistigen und künstlerischen Erneuerung bezeichnet, und sie erbringt mit ihrem soeben erschienenen Märzheft wiederum dafür den Beweis. Eine Abhandlung des Dichters Dietrich Eckart 'Der Heilige und der Narr' leitet das Heft ein: sie ist eine tiefgehende Auseinandersetzung über deutsche Weltanschauung." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Ostdeutsche Rundschau, Nr.96, S.10 - "Deutsches Volkstum" v. 29.4.1917)
Doch schon nach einem Jahr heißt es plötzlich über Dietrich Eckarts Neugründung:
"Der Verlag Hoheneichen ist aus dem Besitze des Herrn Eckart (-am 1.4.1917-) in den der offenen Handelsgesellschaft Emil Liecke (...) übergegangen." (Digitalisiert auf sachsen.digital.de: "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", Nr.112, S.//3307 v. 15.5.1917)
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(sachsen.digital.de: "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", Nr.112, S.//3307 v. 15.5.1917)
Der Dichter und Publizist Dietrich Eckart wird seinen Verlag zum Frühjahr 1917 nicht freiwillig abgetreten haben. Möglicherweise hatte er sich im Vorwege mit der Herausgabe seiner Nachdichtung Peer Gynt verkalkuliert.
Der darauf entstehende Vorläufer von Dietrich Eckarts späteren Zeitschrift "Auf gut deutsch - Wochenschrift für Ordnung und Recht" fällt in die Zeit von Verleger Emil Liecke. Dieser gründet am 20. Februar 1917 mit drei weiteren Unterstützern seine eigene politische Wochenzeitschrift:
"1917 bot sich eine günstige Gelegenheit. Sein langjähriger Freund Emil Liecke, der wohl auch politisch auf Gerlichs Linie lag, kam durch eine Erbschaft zu Geld. Er war bereit, einen Teil davon zur Gründung einer Zeitschrift zur Verfügung zu stellen. Anfang März 1917 erschien das erste Exemplar der Zeitschrift 'Die Wirklichkeit' mit dem Untertitel 'Deutsche Zeitschrift für Ordnung und Recht'." (Niedermeier: "Ein Kämpfer für Wahrheit und Recht: Fritz Gerlich", S.29 - 1995)
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(Fotografie im Privatbesitz)
1917 - Herausgabe von "Die Wirklichkeit"
Die Idee und Programmatik der Zeitschrift stammen von Assessor und Hauptschriftleiter Dr. Fritz Michael Gerlich (1883-1934) und Schriftsteller Friedrich Freksa, die von dem anonymen Text der handlichen Zeitschrift etwa 70% selbst zu verantworten haben. Als Herausgeber des samstäglichen Heftes fungiert der journalistisch erfahrene Karl Graf v. Bothmer.
(BArch R 8048/302 + N 253/62)
Der gegen die ihm zu gemäßigte Kriegszielpolitik der Reichsleitung polemisierende Journalist Gerlich(.com) scheint in seinen scharfen Leitartikeln hoch motiviert:
"Es liegt nahe, diese erste Gerlische Wochenschrift 'Die Wirklichkeit' mit jener zu vergleichen, mit der er sein publizistisches Leben abschloß, der Zeitung 'Der gerade Weg'. Beiden lag der gleiche Gedanke zugrunde." (BArch Berlin: N253/62, S.81: Verleger-Brief an Kgl.Bayr.Kriegsm./München v. 19.2.1918)
Die Artikel der neuen Zeitschrift bedienen die Interessen einer national-gestimmten Leserschaft:
"Vor allem militärische und militaristische Kreise empfanden 'Die Wirklichkeit' als ihr Sprachrohr." (Niedermeier: "Ein Kämpfer für Wahrheit und Recht: Fritz Gerlich", S.30 - 1995)
So wird beispielsweise in der vierten Ausgabe anlässlich des Todes durch den Artikel "Persönliche Erinnerungen an den Grafen Zeppelin" gedacht.
(marchivum.de: "Mannheimer General-Anzeiger", Nr.141, S.2/3 v. 24.3.1917)
Doch mit der realen Wirklichkeit gibt es Probleme. Bei Niedermeier heißt es weiter:
"Der Obrigkeit in Berlin paßte der Tenor der Wochenzeitschrift ganz und gar nicht. Zunächst wurden einzelne Ausgaben konfisziert. Im Spätherbst 1917 wurde die Zeitschrift schließlich ganz verboten. 'Die Wirklichkeit' mußte ihr Erscheinen einstellen." (Niedermeier: "Ein Kämpfer für Wahrheit und Recht: Fritz Gerlich", S.30 - 1995)
Nach insgesamt 29 Ausgaben wird die Wochenschrift schließlich durch das bayerische Kriegsministerium zum 29. September 1917 verboten. In den Dresdner Nachrichten heißt es zu der Zensurdebatte des Berliner Hauptausschusses:
"Kriegsminister v. Stein: (...) Wo sich pazifistische Schriften nur mit der ethischen Seite beschäftigen, steht ihnen nichts im Wege. Aber die Grenze ist schwer zu ziehen, und wir dürfen den festen Boden für die Armee nicht unter den Füßen verlieren. Daß die Erlasse nicht sofort im nächsten Augenblick die Dinge zurechtrücken, ist selbstverständlich. Sie brauchen Zeit, um zu wirken. Sie werden auch mißverstanden. Es bestehen ausländische Bestrebungen, fremden und schädigenden Geist in die Armee hineinzutragen. Dem müsse entgegengetreten werden.(...)
Abg. v. Graefe:(...) Das Vorgehen in Bayern gegen so nationale Männer wie den Grafen Bothmer sei doch nicht zu billigen. Die Politik des Reichskanzlers zu kritisieren, müsse jedem erlaubt sein, nur dürfe man den Kaiser nicht mit in die Debatte ziehen.(...) Die Zensur müsse sich auf militärische Dinge beschränken.(...) Der bayische Militär-bevollmächtigte erklärte, der bayrische Kriegsminister halte die Zensur für ein notwendiges Übel.(...) Graf Bothmer sei unverbesserlich gewesen. Jetzt sei unter neuer Redaktion der 'Wirklichkeit' eine Einigung erfolgt. -
Major Grau führte aus: Die Angriffe auf die Reichstagsmehrheit gingen die militärische Zensur nichts an." (Dresdner Nachrichten, Nr.19, S.2 v. 19.1.1918)
Durch die verordnete Verbotsphase findet im Verlag Hoheneichen intern eine Neuausrichtung statt, die schließlich im Februar 1918 zur Einstellung des Projektes führt. So heißt es in dem Schreiben an das Kgl. Bayrische Kriegsministerium:
"Die ergebenst Unterzeichneten als die Beteiligten am Verlag der 'Wirklichkeit' (-Freksa, Gerlich, Liecke-) beehren sich dem Kgl. Kriegsministerium die im nebenstehenden Betreffe mit dem Herrn Oberleutnant Falkner v. Sonnenburg stattgehabten Unterredungen ihres Vertreters dahingehend zu bestätigen, dass sie die Zeitschrift 'Die Wirklichkeit' zur Liquidation gebracht haben. Dies geschah nicht des Zensurverbots wegen, sondern weil ein weiteres Zusammenarbeiten mit dem Herausgeber Karl Graf v. Bothmer uns unmöglich erschien. Karl Graf v. Bothmer hat unser in ihn gesetztes Vertrauen in schwerster Weise getäuscht. Und zwar sowohl in menschlicher als auch in geschäftlicher Beziehung.(...) Wir bitten das Kgl. Kriegsministerium demgemäß um Aufhebung des Verbotes der 'Wirklichkeit'. Wir versichern, dass Karl Graf v. Bothmer als Herausgeber ausscheidet." (BArch Berlin: N253/62, S.81/83: Verl.-Brief v. 19.2.18 an Kgl.Bayr.Kriegsm. München)
Emil Liecke bietet nach den gesammelten Erfahrungen seinen Verlag im Verlauf des Jahres 1918 wieder dem eigentlichen Gründer, Dietrich Eckart, zum Rückkauf an. Liecke schreibt am 20. Februar 1918 an Grossadmiral v. Tirpitz:
"Sie mögen daraus entnehmen, welche Gründe uns bewogen haben, die Zeitschrift 'Die Wirklichkeit' eingehen zu lassen." (BArch Berlin: N253/62, S.81/83: Verl.-Brief v. 19.2.18 an Kgl.Bayr.Kriegsm. München)
In dem daraufhin von Bothmer angestrengte Prozess gegen seine ehemaligen Geschäftspartner unterliegt dieser zum März 1918.

Dietrich Eckart mit Ehefrau Rose und zwei seiner Stieftöchter - Sommer 1918 (Aus Albert Reich: "Dietrich Eckart: der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.63 - 1934)
Winter 1918 - Rückkauf des Verlages Hoheneichen
Durch den Rückkauf des Verlages durch Dietrich Eckart taucht nun zum Dezember 1918 sein ursprünglicher Vertriebspartner, der Leipziger Carl Fr. Fleischer, in den Werbeanzeigen des Hoheneichen-Verlages wieder auf. Dank eines Kontaktes zu dem Augsburger Fabrikanten Dr. Grandel erwirbt Dietrich Eckart im November 1918 seinen bereits im April 1916 gegründeten Verlag wieder zurück.
Seit diesem Zeitraum sind laut Münchener Amtsgericht als Verlags-Gesellschafter bis 1929 mitbeteiligt der Eisenbahninspektor Anton Pessenbacher und Buchdruckereibesitzer Georg Schwankl (der II.).
(Richildenstraße 58, Wolfratshausen b. München, später Obermarkt, Schwankl, geb. 21.1.1880, Scheidung von Maria geb. Steigenberger 1921, ab 1934 Verleger des Wolfratshauser Beobachters, wird ab 1949 Mitverleger des Münchner Merkur)
Zum Dezember 1918 reaktiviert Dietrich Eckart unter dem Eindruch der für ihn bedrohlich wirkenden Revolution das Konzept der zuletzt von Bothmer vertriebenen politischen Wochenschrift; er übernimmt dabei die Gestaltung, das Größenformat und die Kundenkartei seiner gescheiterten Verlags-Vorgänger. In deutlicher Anlehnung an das Vorgängerblatt benennt Dietrich Eckart die von Liecke und Gerlich entwickelte Publikation "Die Wirklichkeit - Deutsche Zeitschrift für Ordnung und Recht" kurzerhand um:
"Auf gut deutsch - Wochenschrift für Ordnung und Recht"
.jpg)
(Sachsen.digital.de: Werbenanzeige im "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", Nr.292, S.7334 v. 18.12.1918)
Nach Ryback tritt der Münchener Publizist Dietrich Eckart bereits vor diesem Rückkauf mit dem Fabrikanten Dr. Grandel in Verbindung:
"1917 finanzierte (-Dietrich-) Eckart zusammen mit Gottfried Grandel, einem reichen Augsburger Geschäftsmann, den (-Rück-)Kauf des Hoheneichen Verlags und trat ein Jahr später (-mit ihm-) als Kapitalgeber von 'Auf gut deutsch' auf." (Ryback: "Hitlers Bücher", S.61 - 2010)
23. November 1918
In einer späteren Erbschaftsangelegenheit heißt es über die Besitzverhältnisse nach Beendigung des Weltkrieges:
"Der (...) Schriftsteller Dietrich Eckart hat am 23. November 1918 durch 'Verlagscontrakt' überschriebenes Abkommen mit Herrn Georg Schwankl und Herrn Anton Pessenbacher den 'Hohen-Eichen-Verlag' München erworben, sich aber als alleinigen Inhaber eintragen lassen" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26 / 1321, S.61 - Auseinandersetzungsvertrag v. 22.2.1924)
Die Namensgebung des Wochenheftes könnte zurückzuführen sein auf das vaterländische Drama in 5 Akten: Unser General York von 1858

Obwohl vor dem Kriegsende demnach der Kapitalgeber Dr. Grandel für Eckart "den Kauf des Hoheneichen-Verlags" realisiert und ihm damit zum Herbst 1918 die Herausgabe der völkisch-antisemitischen Zeitschrift "Auf gut deutsch" ermöglicht, erwähnt Eckart Dr. Grandels Engagement nicht:
"Ich gab aus eigenen Mitteln die Wochenschrift 'Auf gut Deutsch' heraus und zwar rund drei Jahre lang." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS 26/2180, S.7, Erklärung Eckarts bei polizeilicher Vernehmung v. 15.11.1923)
Wohl auf ausdrücklichen Wunsch Dr. Grandels vermeidet der Herausgeber auch hier die Benennung seines finanziellen Förderers, was wiederum auf den Hintergrund des Germanen-Ordens deuten könnte.
Auch die Adresse seiner Münchener Privatwohnung dürfte nicht jedem im Umfeld bekannt gewesen sein: Amalienstr. 5/I, b. Umhau.
In Plewnias Buch "Auf dem Weg zu Hitler" (S.119) heißt es, dass Eckart laut Münchener Amtsgericht ab November 1918 als alleiniger Verlags-Besitzer eingetragen wird.
In den Wirren der Revolutionsstimmung ist Dietrich Eckart schon in seiner ersten Ausgabe des neuen Wochenheftes klar:
"Zur Seite habe ich niemand, auch nicht einen. Wer meinem Streben helfen will, sei willkommen; aber binden kann ich mich nicht an ihn, weder an einen einzelnen, noch gar an eine Partei. Nur Echo für meine Stimme brauche ich, ich brauche Leser. Sonst ist jedes weitere Opfer zwecklos, der Anfang das Ende." (Eckart: "Auf gut deutsch", Heft 1, Aufsatz "Männer" v. 7.12.1918 + BArch Berlin: NS26/2183, Wilhelm Grün: "Dietrich Eckarts politischer Kampf", S.6)
Doch Dietrich Eckarts Zeitungsambitionen erhalten schon nach der ersten Probe-Ausgabe einen deutlichen Dämpfer:
"Die Zeitschrift 'Auf gut deutsch' fand nicht das erhoffte Echo. Das erste Heft war zu Werbezwecken in einer sehr hohen Auflage von 25.000 Exemplaren hergestellt und an 'alle irgendwie bekannten Persönlichkeiten' verschickt worden, aber die Resonanz war 'gleich Null'." (Piper: "Alfred Rosenberg: Hitlers Chefideologe", S.73 - 2015)
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Titelblatt der ersten Probe-Ausgabe von "Auf gut deutsch" - 7. Dezember 1918 (Reich: "Dietrich Eckart, ein deutscher Dichter und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.66 - 1934 + Dresler/Maier-Hartmann: "Dokumente der Zeitgeschichte", S.102 - 1938)
Einem späteren Leserbriefschreiber zufolge gilt Dietrich Eckarts neue Publikation als ausgesprochener Teil "rassenverhetzender Schriften". (Sachsen.digital.de: "Börsenblatt f.d. dt. Buchhandel", Nr.191 v. 26.8.1920)
Neuer Mitarbeiter: Alfred Rosenberg
In der Gründungsphase von "Auf gut deutsch" taucht in Eckarts Redaktionsräumen eine weitere Person auf: Alfred Rosenberg, späterer Wegbereiter der jüdischen Massenvernichtung:
"Rosenberg war der eigentliche Ideologe des Nationalsozialismus. Gern und mit Recht ließ er sich selbst als den Vater des nationalsozialistischen Schrifttums bezeichnen."
(Rosenberg/Lang/Schenck: "Portrait eines Menscheitsverbrechers", S.6 - 1947)
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Redaktioneller Mitarbeiter: Alfred Rosenberg - 1921
(Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-3280 / Hoffmann, Heinrich)
Nach Alfred Rosenbergs Memoiren heißt es zu der 1918/19 in München begonnenen Kontaktaufnahme mit Dietrich Eckart:
"Am Nachmittag ging ich gewöhnlich etwas in der Stadt spazieren. Bei solchen Gelegenheiten studierte ich meistens die Litfaßsäulen, um die Theaterspielpläne kennenzulernen und sonstige Ankündigungen verfolgen zu können. Da lese ich eines Tages plötzlich: 'Tänze. Edith von Schrenck'. Fäulein von Schrenck hatte mit meiner Frau in Petersburg zusammen gearbeitet. Ich hatte sie zwar nicht persönlich kennengelernt. Immerhin gedachte ich, sie zu sprechen, um allenfalls meiner Frau, die jetzt in Arosa war, darüber schreiben zu können. Im Laufe des Gesprächs erzählte ich ihr von meiner Reise, auch vom Willen, irgendwie über den Bolschewismus und die Judenfrage zu schreiben. Sie sagte mir, sie kenne einen Schriftsteller, der ebenso denke und eine Zeitschrift in diesem Sinne herausgebe: Dietrich Eckart. Am nächsten Tag machte ich meinen Besuch. Er bedeutete für mich Anschluß in München, mein Schicksal. Hinter einem mit Papieren bedeckten Schreibtisch erhob sich eine hohe Gestalt. Ein glattrasierter Schädel, hohe zerfurchte Stirn, eine dunkle Hornbrille vor blauen Augen. Die Nase leicht gebogen, etwas kurz und fleischig. Ein voller Mund, ein breites, ja vielleicht brutales Kinn. Nach einer kleinen spöttischen Bemerkung über Fräulein von Schrenck, die Eckart im Sanatorium kennengelernt hatte, hörte er mich aufmerksam an. Er könne sicher Mitarbeiter brauchen. Hier sei die erste Nummer von 'Auf gut deutsch', seiner Zeitschrift." (Rosenberg/Lang/Schenck:"Portrait eines Menscheitsverbrechers", S.48/49 - 1947)

Völkischer Verleger: Dietrich Eckart - 1921 (Aus "Dietrich Eckart: Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer", S.95 + Bay. Staatsbibliothek: hoff-874 / Hoffmann, Heinrich)
Zu seiner anfänglichen Tätigkeit für Eckarts neue Wochenschrift heißt es:
"(-Alfred-) Rosenberg war erstmals in Heft 8 vertreten, das am 21. Februar 1919, also wenige Wochen nach seiner Ankunft in München, herauskam." (Piper: "Alfred Rosenberg: Hitlers Chefideologe", S.72 - 2005)
Weiter schreibt Alfred Rosenberg:
"Zu Mittag ging ich jetzt täglich mit eigenem Löffel in die Volksküchen. An der Theresienstraße und in einer Querstraße zur Kauffingerstraße saßen in denkbar schlichter Weise viele zusammen, die jetzt vom Schicksal erfaßt worden waren. Da aßen wir nun täglich unsern 'Auflauf', Knödel oder Kohlsuppe. Das alles streckte meine geringen Mittel. Dietrich Eckart honorierte mir ab und zu meine Aufsätze, aber das reichte nicht aus, um mein Leben auf die Dauer zu sichern." (Rosenberg/Lang/Schenck: "Portrait eines Menscheitsverbrechers", S.51 - 1947)
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Erinnerungsfoto aus der "Kampfzeit": Alfred Rosenberg (links stehend) mit Dietrich Eckart (m), zwischen ihnen Albert Reich - 1919 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/887, S.345 / Verlag P. Herden - Nürnberg + Dresler/Maier-Hartmann: "Dokumente der Zeitgeschichte", S.107 - 1938)
Der Balte Alfred Rosenberg sieht als neuer Angestellter bei Dietrich Eckart seinen redaktionellen Schwerpunkt im Judentum und Bolschewismus, doch für ein mobilisierendes Massenblatt taugt Eckarts Zeitungsprojekt dennoch nicht.
Für den Kapitalgeber Dr. Grandel scheint jedoch festzustehen: Alles, nur keinen Bolschewismus nach russischem Vorbild. Als Mitarbeiter der seit 1918 von ihm finanziell großzügig unterstützten Münchener Wochenschrift "Auf gut deutsch" steht auch Alfred Rosenberg in engem Kontakt zu Gottfried Grandel.
Publizist Dietrich Eckart erhofft sich durch das neue Redaktionsmitglied, die Verbreitung seines judenfeindlichen Blattes weiter zu fördern. Alfred Rosenberg hat die kommunistische Revolution von 1917 als Student in Moskau miterlebt und fasst im Jahre 1922 seine Erfahrungen in dem Buch "Pest in Russland" zusammen. Er gilt seit seinem bereits 1919 erfolgten Eintritt in die DAP (Nr.625) laut Wikipedia als früher Partei-Ideologe:
"Ab 1920 trug (-Alfred-) Rosenberg mit zahlreichen rassen-ideologischen Schriften erheblich zur Verschärfung des Antisemitismus in Deutschland bei.(...) Als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete (...) verfolgte er im Rahmen seiner Ostpolitik das Projekt der Germanisierung der besetzten Ostgebiete bei gleichzeitiger systematischer Vernichtung der Juden."
Das berufliche und politische Engagement ist für den Verleger Dietrich Eckart bestimmend. Das Risiko, welches er persönlich dabei bereit ist einzugehen, ist nicht nur im finanziellen Bereich existenziell. Seine Ehe steht kurz vor der Trennung, die Zahl seiner politischen Feinde wächst, doch im Februar 1919 erfährt Eckart Resonanz von Wolfgang Kapp aus Berlin:
"Sehr verehrter Herr Geheimrat, immer nur von Weitem durfte ich mich Ihres Wesens freuen, und auf einmal sind Sie mir so nahe gerückt! Gleich mit der Tat (-Spende über 1000,- RM-), und mit welcher Tat!(...) Was mich aber am meisten erhebt, ist die Gewissheit, die Sie mir damit geben, dass ich mein Blatt im rechten Sinn, dass ich es in Ihrem Sinn führe. Wenn mir etwas das Weiterbauen erleichtert, ist es diese Beruhigung. Lockerlassen gibt es nicht mehr! Sie werden sehen: ich schaffe es. Bis jetzt habe ich rund 500 Abonnenten (-Germanen-Orden/Hammerbund?-), darunter eine ganze Menge Halbjahres- und Jahresbezieher. Lauter echte Deutsche, wie es den Eindruck macht. Denn sie werben mit Feuereifer in ihren einzelnen Kreisen, sodass die Zahl beständig wächst, trotzdem ich selbst schon seit dem 1. Heft nicht mehr werbe. Demnächst will ich aber eine neue Propaganda loslassen, um mit einem Schlag kräftiger in die Höhe zu schnellen. Nur weiss ich nicht recht, wie. Aufs Geratewohl, nach dem ungesichteten Material eines Adressenbüros Hefte verschicken, wie ich es zu Beginn tat, geht furchtbar ins Geld, ohne besonders zu flecken. Das meiste verzettelt sich. Guter Rat ist hier verdammt teuer. Aber - es wird sich schon machen. Ich werde schon einen Ausweg finden. Das Dumme ist, dass ich auch das Geschäftliche ganz allein zu erledigen habe und noch für eine ganze Weile allein erledigen muss. Trotzdem macht es Spass, sich so zwischen Skylla und Charybdis hindurchzuzwängen. Erheblich leichter wäre es freilich, wenn ich bloss meine Artikel zu schreiben brauchte; aber für das Leichte sind wir nun einmal nicht auf der Welt. Mit den Mitarbeitern steht es nicht günstig. Kaum einer unter den Wenigen, der klar sähe, auf Grund einer geschlossenen Weltanschauung." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch N1309/7, S.65/66, Eckart an Kapp v. 11.2.1919)
April 1919 - Die Münchener Räterepublik
In der deutschen Gesellschaft brodelt es zu Beginn des Jahres 1919. Das Kaiserreich ist überwunden, doch welches Staatsmodell das alte System ersetzen wird, bleibt weiterhin strittig.

Truppenschau der Roten Armee in der Münchener Ludwigstraße - 22. April 1919 (BArch, BildY 1-470-21480 / Hoffmann, Heinrich)
Räterepublik Bayern: Dietrich Eckarts Flugblatt
Über die kurze Phase der Räterepublik heißt es in einer über Dietrich Eckart erschienenen Propagandaschrift von Albert Reich, einem mit dem Verleger eng befreundeten Maler und Nationalsozialisten der ersten Stunde:
"Einen Tag vor Errichtung der 'Räterepublik Baiern' verteilte er (-mit Alfred Rosenberg am 6. April 1919-) ein von ihm und G(-ottfried-) Feder verfaßtes Flugblatt 'An alle Werktätigen', das den Kampf gegen das Leihkapital predigte. - Freunde und freiwillig sich meldende Arbeiter waren es, die in Tausenden von Exemplaren den eindringlich abgefaßten Flugzettel aus Autos in die überall sich sammelnde Menge warfen." (Reich: "Dietrich Eckart - Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.71 - 1934)
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Dietrich Eckarts Beitrag zur bevorstehenden Räterepublik in München: "An alle Werktätigen" - 6. April 1919 (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS26/2181, S.3 v. April 1919 + digitale-sammlungen.de: "Sammlung von Flugblättern betreffend die Münchener Räterepublik 1919", Bild 18)
In seinen politischen Erinnerungen schreibt Dietrich Eckarts Augsburger Unterstützer Dr. Grandel:
"In jener Zeit (-1919-) kam ich auch mit Gottfried Feder in Berührung, half ihm zu einem Vortrag in Augsburg und liess dort auch (-direkt vor der Räterepublik Anfang April 1919?-) seine Flugblätter zur 'Brechung der Zinsknechtschaft' verteilen." (BArch Berlin: NS26/514 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv, S.587/Bl.2 v. 22.10.1941)

Münchener Räterepublik: Verteilung der Flugblätter "An alle Werktätigen" - 6. April 1919 (Aus Albert Reich: "Dietrich Eckart - Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.68 - 1934 / Zeichnung: Reich, Albert)
Politische Äußerungen in Revolutionszeiten sind nicht ungefährlich. Auch in dieser Situation interpretieren die selbsternannten neuen Machthaber Münchens den antikommunistischen Einsatz des völkisch-antisemitischen Verlegers Dietrich Eckart als übergriffig:
"Amtliche Bekanntmachung - Das Verhalten von Offizieren, Studenten und anderen Bürgersöhnen seit der Ausrufung der Räterepublik, die die öffentliche Sicherheit in höchstem Maße bedrohenden antisemitischen Aufreizungen durch Flugblätter, welche von feigen Gesellen aus rasend dahinfahrenden Autos herausgeworfen werden, wird ohne Zweifel in kürzester Frist die Regierung dazu zwingen, alle Personen, die die Ruhe der Stadt München gefährden, festzunehmen und sofort vom Revolutionstribunal aburteilen zu lassen. - Der revolutionäre Zentralrat der Räterepublik Baiern. -" (Reich: "Dietrich Eckart - Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.71 - 1934 + Eckart: "Auf gut deutsch", Nr.14/15, Artikel "Sturmtage", S.230 v. 24.5.1919)
In seinen Erinnerungen schreibt Parteigenosse Julius Rüttinger, damaliges Mitglied des Nürnberger Germanen-Ordens:
"Das Jahr 1919 kam ins Land, der schwerste Kampf um Deutschland sollte beginnen. Wir versuchten unsere (-Germanen-Orden-)Organisation (-für Bayern-) neu aufzubauen, Versprengte zu sammeln und dem Münchener Juden-Terror Widerstand entgegen zu setzen. Da kam (-am 1. Mai 1919 aus München-) die trübe Botschaft von der Ermordung unserer Ordensbrüder (-Geiselerschießung-) und die uns drohende Gefahr des gleichen Schicksals. Die Judenmeute in Nürnberg lauerte schon länger darauf, weil wir mit öffentlichen Aufrufen usw. nicht sparten. In diesen schicksalschweren Stunden mußte Dietrich Eckart, einer der Getreuesten unseres Führers, unter den damaligen trostlosen Verkehrsverhältnissen bei Nacht und Nebel München verlassen, um nicht ebenfalls den Rotmordbanden in die Hände zu fallen. Nach seinem eigenen Bericht, den er uns gab, wurde Eckart von seinem Hausportier (-am 26. April 1919?-) gewarnt (trotzdem er selbst Kommunist war), sofort zu verschwinden, sonst würde er am nächsten Tage wegen seiner Judengegnerschaft an die Wand gestellt werden. Eckart war seit Tagen fast nicht zur Ruhe gekommen und befand sich in einem bedauernswerten Zustande." (BArch Berlin: NS26/1308, Sachakte Dietrich Eckart - Pg. Julius Rüttinger, Nürnberg aus "Erinnerungen aus vergangener Zeit" v. 10.7.1935 an das NSDAP-Hauptarchiv, Tgb.-Nr.4889, Bl.3, Akten-Auszugsabschrift durch das NSDAP-Hautarchiv v. 17.8.1935)
In einer nach dem Scheitern der Münchener Räterepublik folgenden Ausgabe von Auf gut deutsch vermerkt Dietrich Eckart zu der von Dr. Grandel unterstützten Flugblattaktion:
"Wie geschickt das wieder, Offiziere, Studenten und Bürgersöhne vorzutäuschen, um nur ja den Groll der Arbeiter zu wecken und sie gleich gegen die 'Antisemiten' einzunehmen! Nicht ein Offizier, nicht ein Student oder sonst ein Bürgersohn saß in den Autos! Ebensowenig sind diese wie rasend dahingefahren. Es ging in einem recht mäßigen Tempo, und zuweilen wurde überhaupt angehalten, z.B. am Bahnhof, um die herandrängende Menschenmenge befriedigen zu können. Wo die 'Feigheit stecken soll, nachdem doch alle Flugblätter mit meinem vollen Namen und meiner genauen Adresse unterzeichnet waren, bleibt gleichfalls unerfindlich. Man sieht, wie's gemacht wird. Und was die 'Arbeiterfreunde' im revolutionären Zentralrat (-, als sie-) das Heft in der Hand hatten, diese Spiegelfechter, die meinen Angriff auf das kapitalistische Grundübel sofort mit den erbärmlichsten Mitteln zu verdecken suchten. Wer mein Flugblatt kennt (...), weiß, daß (...) in ihm nur Tatsachen und nichts als Tatsachen enthalten sind. Wenn diese antisemitisch klingen, ist's doch wahrhaftig nicht meine Schuld. Das Wort 'Jude' kommt überhaupt nicht vor. Ungezählte Zuschriften und Besuche bewiesen mir, daß ich mit dem Inhalt der Flugblätter (der in der Hauptsache auf die Anregung Gottfried Feders zurückgeht) den Nagel auf den Kopf getroffen habe. Ich lud zu einer Versammlung ein. Thema: Brechung der Zinsknechtschaft. Da kamen zwei Münchener Bürger zu mir und rieten mir dringend ab. Zwei Leute von echtdeutschem Schrot und Korn, also höchst seltene Erscheinungen. Meine Absicht sei schon durchgesickert, und wir würden unser blaues Wunder erleben. Während des Gesprächs erfuhr ich, daß der Plan, gegen die Räterepublik einen Bürgerstreik zu organisieren, innerhalb der Bürgerzunft gescheitert (-S.231-) war, und zwar am Widerstand ihrer jüdischen Vorstandschaft. Aus dem selben Grund scheiterte auch der Ärztestreik. Immer und überall nur ein 'paar', aber - sie schaffen's. Deutscher Michel, du bist ein fürchterlicher Esel. Einige Stunden vor der Versammlung begab ich mich (-am 7. April 1919?-) mit Gottfried Feder in die Höhle des Löwen, zu (-Nationalrevolutionär Ernst-) Niekisch ins Wittelsbacher-Palais. ...

Zentrale der Münchner Räterepublik: Wittelsbacher Palais - 1919 (muenchenwiki.de - Datei: Muewittelsbacherpal187x.jpg / o.Ang)
... Unglaublich, wie es dort aussah und zuging.(...) (-Ernst-) Toller wurde mir gezeigt.(...) An Niekisch aber war nicht heranzukommen. Endlich erbot sich eine (anscheinend russische) Jüdin, unsere Frage an ihn, ob der Versammlung Bedenken entgegenstünden, zu vermitteln.(...) Ich wollte es schriftlich.(...) Kurz vor Beginn der Versammlung wurde ich aufs neue gewarnt, von einem, den ich als 'Wissenden' kannte (-Rudolf v. Sebottendorff?-). Die Kommunisten, unter Levien, seien auf dem Sprung, das Niekisch-Regiment zu stürzen, und dann würde ich augenblicks verhaftet werden. Der Befehl dazu läge bereits unterschrieben vor.(...) Ich fuhr schnell zu der vereinbarten Stätte, traf dort viele bereits Wartende (...), sprach die nötigen Worte der Aufklärung und verschob, unter allgemeiner Zustimmung, die Debatte auf ruhigere Zeiten." (Eckart: "Auf gut deutsch", Nr.14/15 - Artikel "Sturmtage", S.230/231 v. 24.5.1919 + BArch Berlin: NS26/2183, Wilh. Grün - "Dietrich Eckarts politischer Kampf", S.15)
Albert Reich vermerkt in seinen Erinnerungen weiter:
"In München hatte mittlerweile die Unsicherheit begonnen, täglich wurden Leute festgenommen, und so war es kein Wunder, wenn das Augenmerk der Rätegewaltigen sich auch auf Eckart richtete und er vor dem Zimmer der Thule-Gesellschaft auf der Treppe verhaftet wurde." (Reich: "Dietrich Eckart - Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.73 - 1934)
"Trotzdem wurde Eckart den Machthabern verdächtig und vor dem Zimmer der Thule-Gesellschaft, in welcher er als Gast oft verkehrte, verhaftet." (Lembert: "Dietrich Eckart: Ein Künder und Kämpfer des Dritten Reiches", S.38 - 1934)
Dietrich Eckarts antisemitisches Zeitungsprojekt Auf gut deutsch ist dabei ein leicht zu identifizierendes Ziel für seine politischen Gegner:
"Unter voller Namensnennung arbeitete er, gleiches verlangte er von seinen Mitarbeitern." (BArch Berlin: NS26/2183, Wilhelm Grün: "Dietrich Eckarts politischer Kampf", S.6)
Die an der Verhaftung beteiligten Matrosen der Roten Armee fahren demnach mit Dietrich Eckart in seine Wohnung, jedoch lassen sie "ihn nach Vorzeigen seiner Flugblätter und nach einer politischen Debatte" wieder frei. Obwohl Dietrich Eckart weiter Kontakt zu den Spartakisten der Wache des Realgymnasiums hält, entschließt er sich letzlich doch zur Flucht. In Anbetracht der brenzligen Situation verlässt Dietrich Eckart in den darauf folgenden Tagen seinen Wohnort München. Auf der Zugfahrt Richtung Augsburg begegnet ihm zufällig ein Journalist aus Berliner Zeiten, der seine Reise-Beobachtungen in einem späteren Artikel mit einfließen lässt:
"Das einzige Fluchtloch aus München war der Isartalbahnhof.(...) Der Zug der Isartalbahn war überfüllt. Alles Flüchtlinge aus München, sozialdemokratische Frauen, besorgte Mütter mit Kindern, bedrohte Gewerkschaftsbeamte, aber auch gelassene, wohlgenährte Mitbürger, die hamstern fuhren. Plötzlich steht so ein aufgepolsterter Herr auf und verteilt Aufrufe gegen das jüdische Kapital. Dann steht er in der Mitte des langen Waggons und schmettert eine Rede heraus. Eine Frau hat den Aufruf gelesen und nickt dem Redner zu: 'Ihna kenn i scho.' 'Vielleicht von mein' Peer Gynt her?' Es ist Herr Dietrich Eckart, der auf der Flucht Volksversammlungen im Eisenbahnwagen hält. Eine Sozialdemokratin antwortet ihm. Da dreht sich der Dichter des Peer Gynt um und erklärt: 'Wissen S', mit Damen politisier ich nicht, jetzt scho gar nicht.' Alles lacht. Herr Eckart wird vor Vergnügen noch dicker." (Digitalisiert auf staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung - "Reise München-Berlin", S.2 v. 22.4.1919)
Ende der bayerischen Räterepublik: Geiselermordung in München
Albert Reich schreibt:
"Die grauenhafte Ermordung der Geiseln im Luitpoldgymnasium einige Tage später zeigte, welch ein Geschick auch Dietrich Eckart geblüht hätte." (Reich: "Dietrich Eckart - Ein deutscher Dichter und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.73 - 1934)
Als Augenzeuge berichtet der politische Dichter und Dramatiker während der Räterepublik seinem Augsburger Freund Gottfried Grandel vom Umbruch in der bayerischen Landeshauptstadt.
Auch Dr. Grandel steht als mutmaßliches Mitglied des geheimen Germanen-Ordens und der ausgelagerten Thule-Gesellschaft nahe und somit auch im potentiellen Fokus der roten Revolutionäre:
"Am 30. April (-1919-) hatten fanatisierte Mitglieder der revolutionären Roten Armee im Münchner Luitpold-Gymnasium zehn Gefangene regelrecht hingerichtet - darunter zwei Soldaten eines preußischen Husaren-Regiments und mehrere Anhänger der rechtsextremen, sekten-ähnlichen Thule-Gesellschaft. Diese Geisel-Erschießungen lösten (-nicht nur-) im Münchner Bürgertum nachgerade Panik aus - und wurden von den Gegnern der Revolution weidlich zu Propagandazwecken ausgenutzt." (ovb-heimatzeitungen.de: "Revolutions-Fotograf und Hitler-Verehrer" v. 6.10.2018)
In der öffentlichen Wahrnehmung steht jedoch Dietrich Eckart in vorderster Linie, so dass der bayerische Bauernführer Dr. Georg Heim rückblickend zu der Einschätzung gelangt:
"Er war einmal mein Leidensgenosse während der Tage der Räteregierung. Auch er (-Dietrich Eckart-) wurde mit Drohungen überhäuft und wenn man seiner habhaft geworden wäre, wäre er sicher ein Genosse der ermordeten Geiseln geworden." (Digitalisiert auf //digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.307, S.1/2 - "Bayern um die Kapp-Wende" v. 10.11.1928 + Deutsche Presseforschung, Bd.14, S.65 - 1958)
In seiner Funktion als Vertreter der Bauernschaft ist Dr. Heim mitverantwortlich für die Boykotthaltung konservativer Landwirte, die in der Zeit der bayerischen Räterepublik der kommunistischen Regierung in München die dringend benötigten Lieferungen von Lebensmitteln verweigern.
Das von Dietrich Eckart herausgegebene Kampfblatt Auf gut deutsch wird schließlich in München ab dem Juni 1919 von Hauptmann Karl Mayr für politische Aufklärungskurse innerhalb der bayrischen Reichswehr in den Umlauf gebracht. Der umtriebige Hauptmann ist während der Münchner Räterepublik militärisch wie nachrichtendienstlich Verbindungsmann zu der lokalen Thule-Gesellschaft, der Dr. Grandel und Verleger Eckart als Gäste nahe stehen, bzw. angehören.
Die Thule gilt nach der gewaltsamen Niederschlagung der Räterepublik als personelle wie inhaltliche Keimzelle der späteren NSDAP.
Weltkriegsgefreiter Adolf Hitler nimmt zum Sommer 1919 als Mitglied der vorläufigen Reichswehr an den von Hauptmann Mayr organisierten politischen Schulungen teil und gerät spätestens auch hier in Kontakt mit den Wochenschriften Auf gut deutsch.
Darüber hinaus erfährt Adolf Hitler zu dieser Zeit nachrichtendienstliche Verwendung, um Hauptmann Karl Mayr regelmäßig politische Informationen von verschiedenen Parteien zukommen zu lassen.
Der Reichswehr-Hauptmann beschreibt in einem späteren Brief den Publizisten Dietrich Eckart als einen "gutdeutschen Mann, wenn auch etwas blindwütigen Antisemiten".
(DZA Merseburg, Rep. 92 Kapp, E II 26, Bl.339-344 - Brief von Karl Mayr an Wolfgang Kapp v. 24.9.1920)
Mai 1919: Deutsche Bürgervereinigung
16. Mai 1919
In der zweiten Ausgabe (Nr.16) nach dem Scheitern der bayerischen Räterepublik plaziert Dietrich Eckart im Münchener Beobachter einen großen Aufruf, der von ihm neu gegründeten Deutschen Bürgervereinigung beizutreten. Der mit Dietrich Eckart eng befreundete Kunstmaler Albert Reich führt zu diesen Bemühungen weiter aus:
"Nach Niederschlagen des Rätespukes beschäftigte er sich mit dem Plan, alle 'Gut und Redlich'-Gesinnten, gleich, ob Arbeiter, ob Bürger, zusammenzubringen, und so entstand 'Die deutsche Bürgervereinigung'; denn wie jeder nur Bürger sein könne, der arbeite, so sei jeder Arbeiter ein Bürger. Aber über einige Versammlungen, über Reden und Theorien kam dieselbe nicht hinaus. Dazu gesellte sich teilweise der Standesdünkel. Bitter urteilt er einmal darüber:
'Es ist unglaublich, welcher Mangel an mutiger Art in unseren Kreisen herrscht. Überall das Geschiele, ob's auch nirgends, namentlich nicht bei der Judenheit, Anstoß erregt. Traurigster Geschäftsgeist, wohin man hört und sieht. Die neu gegründete 'Deutsche Bürgervereinigung' kann ein nettes Lied davon singen. Und solche Leute wagen es, auf den Arbeiter herunterzusehen! Schämen sollten sie sich in ihren vier Wänden, statt vom hohen Balkon den Regierungstruppen zuzujubeln.'
Die Bürgervereinigung entschlief denn auch sehr bald ohne Todeskampf. Vielleicht war diese Erfahrung notwendig, um Eckart zu der Überzeugung zu bringen, daß das Bürgertum zu einem Neuaufbau unbrauchbar sei und um ihm den Weg frei zu machen zu der 'deutschen Arbeiterpartei' und zu Adolf Hitler." (Lembert: "Dietrich Eckart: Ein Künder und Kämpfer des Dritten Reiches", S.38 - 1934)

Werbeplakat für die Deutsche Bürgervereinigung - Mai 1919 (BArch: Plak 002-033-049 + Dresler/Maier-Hartmann: "Dokumente der Zeitgeschichte", S.105 - 1938 + stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-BUR-1659-1, Deutsche Bürgervereinigung an Regierung Hoffmann v. Mai 1919 + Dr. Rudolf Buttmann in Illustrierter Beobachter, Nr.20, S.283 - "Erinnerungen aus der bayerischen Revolution" v. 30.10.1927)
27. Mai 1919
Einen Monat nach dem Ende der Räterepublik schreibt Dietrich Eckart:
"Sie können selbstverständlich mein Flugblatt 'An alle Werktätigen' unter Anfügung eines beliebigen Zusatzes Ihres Schutz- und Trutzbundes nachdrucken lassen, und zwar so oft Sie wollen; nur möchte ich, um meine Zeitschrift 'Auf gut deutsch' bzw. ihren Geist tunlichst zu verbreiten, daß der ganze Wortlaut meiner Unterschrift stehen bleibt.(...) Zum Schluß melde ich mich noch als Mitglied zu Ihrem Bund an. Könnte mit ihm nicht die 'Deutsche Bürgervereinigung' eine Art Kartell schließen?" (Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: BPH, Rep.119, Nr.4123, Bl.164 - Dietrich Eckart auf Verlagspapier an "Sehr geehrten Herr" v. 27.5.1919)

(Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: BPH, Rep.119, Nr.4123, Bl.164 - Dietrich Eckart auf Verlagspapier an "Sehr geehrten Herr" v. 27.5.1919)
30. Mai 1919
Vor der Thule-Gesellschaft hält Dietrich Eckart im Mai 1919 einen Vortrag.
(Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/865 - Johannes Hering: "Beiträge zur Geschichte der Thule-Gesellschaft" v. 21.6.1939)
Juli 1919
Weiter notiert Dietrich Eckart über seine strategischen Überlegungen zur Vermarktung seiner Wochenschrift:
"Sehr geehrter Herr Puls,
'Auf gut deutsch' wächst zwar ununterbrochen, aber zu langsam. Außerdem ist noch ein anderer Haken dabei: Die Wirkung geht nicht in die Massen, höchstens auf großen Umwegen. Aus der oberen Schicht kann aber der Geistesumschwung nicht kommen; sie ist zu bequem dafür. Die Massen müssen gewonnen bzw. ihren bisherigen (jüdischen) Führern entzogen werden! Ich trage mich deshalb mit dem Gedanken, meine Wochenschrift in eine Tageszeitung umzuwandeln, die zunächst einmal in der Woche (Sonnabend), allmählich aber täglich erscheinen soll. Titel etwa:
'Der freie Arbeiter. Eine Zeitung auf gut deutsch', mit einem entsprechenden Zusatz, wonach unter 'Arbeiter' jetzt dort Arbeit verstanden wird. Im Anfang, etliche Nummern, kostenlose Verteilung, dann Straßenverkauf, am liebsten bis auf Weiteres 5 P(-fennig-) das Exemplar.
Meine Abonenten würden mir wohl alle mitgehen, sodaß gleich ein guter Stamm vorhanden wäre. Etliche aufrechte Männer hätte ich nun hier, die mir bei der Sache mit unter die Arme griffen, doch langte das ebenfalls nicht. Ich müsste noch andere Kreise gewinnen, im beträchtlichen Umfang.
Ihr Brief vom 30. Juni (-1919-) bringt mich nun auf ihren Bund. Wie wäre es, wenn er von jeder Nummer der neuen Zeitung im Voraus eine erhebliche Anzahl Exemplare abnähme, um sie dann wie Flugblätter vertreiben zu lassen? Ich würde künftighin den Inhalt noch weitaus volkstümlicher halten als bisher, ohne hinsichtlich der Tiefe zu versagen.
Nichts ketzerisches! Das ist der Grundfehler der meisten Judengegner. Es fehlt fast überall an einer geschlossene Weltanschauung; daher das verhängnisvolle, den besten Willen unterbindene Irrlichter(tum). Meinetwegen mag es anmaßend klingen: Es gibt wenige unter uns, die es an Wahrheit und Eindringlichkeit des deutschen Gedankens mit mir aufnehmen können, von der Technik gar nicht zu reden.
Noch besser wäre es, wenn Sie gleich Ihre gute Beziehungen, von denen Sie schreiben, für (-die Sache?-) ausnützen würden, insofern dadurch Kapital aufgebracht werden würde. Mir persönlich, der ich das eigentlich (-ablehne?-), ist nichts unbehaglicher, als politische Betätigung, und am liebsten zöge ich mich wieder aus meinem (-Betätigungsfeld?-) zurück; womit ich sagen will, daß ich mit meinem Plan nicht den geringsten selbstsüchtigen (-Zweck verfolge-). Es handelt sich aber jetzt um's Ganze, also auch um das Deutschtum nördlich (-des Rheins-). ... wir (-müssen jetzt?-) alle zusammenhalten, und alle gemeinsam wagen. Abgesehen nun von dem allen: aus 'Auf gut deutsch' können Sie nachdrucken lassen, was Sie wollen." (Geh. Staatsarchiv Preuß. Kulturbesitz: BPH, Rep.119, Nr.4123, Bl.164 - Dietrich Eckart auf Verlagspapier an H. Puls, Burgstraße 27 / Bürohaus Börse, Berlin C.2 v. 7.7.1919)
In dieser Phase erlebt Konrad Heiden den völkischen Dichter in Münchener Zusammenhängen. In seiner Hitler-Biographie von 1936 notiert er:
"Wer das historische Glück gehabt hat, an einem Sommerabend des Jahres 1919 die Weinstube 'Brennessel' in dem Münchener Künstlerquartier Schwabing zu betreten, der konnte dort an einem Stammtisch der Erfindung Adolf Hitlers beiwohnen. Oder der Erfindung der Hitler-Legende. In dem Schwabinger Weinlokal saß der Dichter Dietrich Eckart.(...) 'Eine deutsche Bürgerpartei soll es sein', erzählte er (-nach dem Zusammenbruch der Räterepublik-) den Künstlern und Studenten in der Brennessel. 'Auch der Arbeiter ist Bürger, wenn er deutscher Volksgenosse ist. Und ist denn jeder seßhafte Bürger oder Bauer schon ein Kapitalist oder Faulenzer? Er muß doch auch arbeiten, um seinen Besitz zu erhalten. Es muß auch Schluß gemacht werden mit der Protzerei. Wir müssen wieder einfach werden.' Dann setzte er seine Pläne zur Organisation der neuen Partei auseinander: 'Ein Kerl muß an die Spitze, der ein Maschinengewehr hören kann. Das Pack muß Angst in die Hosen kriegen. Einen Offizier kann ich nicht brauchen, vor denen hat das Volk keinen Respekt mehr. Am besten wäre ein Arbeiter, der das Maul auf dem richtigen Fleck hat, Herrgott, wenn Noske nicht solch ein' - hier kam wieder ein Kraftausdruck - 'gewesen wäre ...! Verstand braucht er nicht viel, die Politik ist das dümmste Geschäft auf der Welt, und soviel, wie die in Weimar, weiß bei uns in München jedes Marktweib. Ein eitler Affe, der den Roten eine saftige Antwort geben kann und nicht vor jedem geschwungenen Stuhlbein davonläuft, ist mir lieber als ein Dutzend gelehrte Professoren, die zitternd auf dem feuchten Hosenboden der Tatsachen sitzen.' Und als letzte Weisheit verkündete er: 'Es muß ein Junggeselle sein! Dann kriegen wir die Weiber.'
Es leben noch viele Zeitgenossen, die sich an dieses prophetische Bild erinnern, das Dietrich Eckart in einer Schwabinger Weinkneipe von Adolf Hitler entwarf." (Heiden: "Adolf Hitler - Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit", S.76/77 - 1936)
So prophetisch braucht Dietrich Eckart im Sommer 1919 nicht sein, denn Adolf Hitler ist nach Auskunft Heinrich Dolles zu diesem Zeitpunkt bereits seit 6 Monaten in geistiger Ausbildung bei Dietrich Eckarts Augsburger Verlags-Finanzier Dr. Gottfried Grandel. Im Grunde gibt der Münchener Redakteur hier wohl nur etwas verpackt die Strategie-Überlegungen Dr. Grandels wieder, welche sich kurz vor der Umsetzung befinden.
Der von Dietrich Eckart an seinen Mitbürgern kritisierte "Mangel an mutiger Art" gilt offenbar nicht für den Augsburger Öl-Fabrikanten. Dr. Grandel agiert politisch zwar vorwiegend im geschützten Raum, doch für Dietrich Eckart ist es nicht nur die finanzielle Zuwendung in der Abwehr der Münchener Räterepublik, die ihn in dieser Zeit zu einer besonderen Geste veranlassen. Auch die geglückte Umsetzung seines "prophetischen Bildes" zum Herbst 1919 hebt des Dichters Stimmung. Als Ausdruck höchster Wertschätzung überreicht er "seinem lieben Freund Herrn Dr. Gottfried Grandel zum Weihnachtsfest 1919 herzlichst" eine Schmuck-Ausgabe seines Dramas Peer Gynt - mit handschriftlicher Widmung.

(BArch Berlin: NS26/514, S.594/Bl.9, Gottfried Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Weiter führt Dr. Grandel auf Nachfrage gegenüber dem NSDAP-Hauptarchiv aus:
"In der Beilage sende ich Ihnen eine Fotokopie des Titelblattes aus dem mir von Dietrich Eckart überreichten Werk 'Peer Gynt' mit dem prachtvollen Spruch 'Im Fallen laufen, im Stürzen springen, wie will mans taufen? Gelingen!' und mit Eckarts Widmung." (BArch Berlin: NS26/514, S.597/Bl.2, Gottfried Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 6.11.1942)
Die Vers-Widmung Dietrich Eckarts wird nach dessen Tod noch einmal aufgegriffen von seinem frühen Mitarbeiter Alfred Rosenberg. Dieser vermerkt in einer Buchveröffentlichung:

Doch bei dem Weihnachtsgeschenk handelt es sich auch um den Abbau eines älteren Lagerbestandes: Dietrich Eckart beklagt sich in einem Brief an Wolfgang Frhr. von Gersdorff, dass noch immer ein Berg unverkaufter Exemplare bei ihm herumliege. Durch den Verriss der Kritiker hatte Eckart die Nachfrage hinsichtlich seiner Nachdichtung von Peer Gynt offenbar falsch eingeschätzt.
(BArch Berlin: NS 26/1307 - Eckart an Wolfgang Freiherr von Gersdorff v. 7.6.1913)
Der Münchener Publizist tritt bereits in der Gründungsphase für die DAP als Redner auf, jedoch ohne Mitglied der bislang unbedeutenden Kleinstpartei zu sein. In den frühen Mitgliederlisten der Partei taucht er nicht auf.
Nachdem er Adolf Hitler in Diskussionsrunden reden hört, ist er sofort beeindruckt von seinem Redetalent. Er fördert ihn daraufhin in vielfältiger Weise, wird schließlich zu seinem Mentor. In einer polizeilichen Vernehmung betont er:
"Anfang 1919 besuchte mich Anton Drexler, der kurz zuvor (-5.1.1919-) die nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei gegründet hatte und machte mich mit seinen Ideen bekannt. Sie leuchteten mir ohne Weiteres ein, und ich beschloss, der jungen Bewegung nach Kräften zu dienen. Einige Wochen oder Monate später kam ich zum ersten Mal mit Hitler zusammen. Ich fühlte mich zu seiner ganzen Art hingezogen, und siehe da: sehr bald sah ich, dass er der richtige Mann für die junge Bewegung sei, und mein Verhältnis zu ihm wurde inniger während der Zeit des Kapp-Putsches (-13.-17.3.1920-)."(Deuerlein: "Der Aufstieg der NSDAP", S.112 + BArch Berlin: NS26/2180 - Eckart bei poliz. Vernehmung, S.2 v. 15.11.1923)
Im Zusammenhang mit den bayerischen Aktivitäten zum Kapp-Putsch vom März 1920 berichtet Dr. Georg Heim:
"Schon an diesem Morgen kam ich mit ihm (-Dietrich Eckart-) wegen seines Rassen-Antisemitismus in Meinungsverschiedenheit, da er sogar die Gottesperson und die der göttlichen Mutter Maria in bekannter rassenantisemitischer Weise als Juden nicht gelten lassen wollte. Er mußte empfinden, daß er sich über meine Einstellung bedeutend geirrt hatte, und daß zwischen meiner und seiner Anschauung eine ganze Welt liege." (//digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten, Nr.307, S.1/2 - "Bayern um die Kapp-Wende" v. 10.11.1928 + (Renner: "Georg Heim, der Bauerndoktor", S.185 - 1960)
Der in Berlin tätige alldeutsche Verbandsvorsitzende Heinrich Class erinnert sich an den Einfluss, der auf Adolf Hitler während der frühen Weimarer Republik wirkte:
"Ich stelle fest, dass ich mir nie eingebildet habe, ich hätte mit meinen Ausführungen über die elementare Bedeutung des Kampfes gegen das Judentum irgendwie dabei (-am DAP-Parteiprogramm-) mitgewirkt. Ich kam bei der Überlegung dieser Frage damals zu der Ansicht, dass wohl Dietrich Eckarts Einfluss entscheidend gewesen sei, der nicht nur überzeugter, sondern fanatischer Gegner der Juden war. Später habe ich erfahren, dass dies nicht der Fall sein konnte, da Hitler mit Dietrich Eckart erst (-nach dem Kontakt zu Gottfried Grandel-) Ende des Jahres 1920 in (-engere-) Zusammenarbeit trat." (Class: "Politische Erinnerungen", S.866/867 - 1936)
Auch Gottfried Grandel kommt nach eigener Schilderung in dieser Zeit mit dem DAP-Vorsitzenden Anton Drexler in Verbindung. Möglicherweise geschieht das zeitgleich mit einer Veranstaltung der Thule-Gesellschaft, an der auch Dietrich Eckart teilnimmt. Dietrich Eckart gibt zu Protokoll:
"Anfang 1919 (-Januar?-) besuchte mich Anton Drexler, der kurz zuvor (-am 5. Januar 1919-) die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei gegründet hatte (-DAP-) und machte mich mit seinen Ideen bekannt. Sie leuchteten mir ohne weiteres ein, und ich beschloß, der jungen Bewegung nach Kräften zu dienen. Einige Wochen oder Monate später kam ich zum erstenmal mit Hitler zusammen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS 26/2180, S.7/2 - Polizeiliches Verhör Dietrich Eckarts v. 15.11.1923 + Deuerlein: "Der Aufstieg der NSDAP 1919-1933 in Augenzeugenberichten", S.112 - 1968 + Joachimsthaler: "Hitlers Weg begann in München 1913-1923", S.276 - 2000)
In seinem Archivbericht von 1941 notiert Dr. Grandel:
"Adolf Hitler hatte ich kurz vorher (-vor dem Kapp-Putsch vom 13.3.1920-) in der Thule-Gesellschaft im Hotel Vier Jahreszeiten kennen gelernt und hörte ihn da als Diskussionsredner zum erstenmale sprechen. Auch Anton Drexler begegnete mir dort und erklärte mir (-im Januar 1919?-) die Ziele seiner 'Deutschen Arbeiterpartei'." (BArch Berlin NS26/514, S.586/Bl.1/2 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Nach der schriftlichen Auskunft des westfälischen Wanderredners Heinrich Dolle ist die Schilderung Gottfried Grandels jedoch etwas irreführend. Ihm zufolge lernt Dr. Grandel den ehemaligen Weltkriegs-Gefreiten Adolf Hitler bereits zum Jahreswechsel 1918/19 kennen und beherbergt ihn daraufhin für 9 Monate in Augsburg:
"Adolf Hitler lebte (-1919-), ehe er (-im September 1919-) Mitglied der NSDAP wurde, ¾ Jahre bei meinem Freunde Gottfried Grandel in Augsburg. Dort bekam er nicht nur die körperliche Nahrung; auch die geistige. Grandel zur Seite standen (-GO-Mitglied Lorenz-) Mesch und (-GO-Mitglied Arnold-) Ruge. Adolf Hitler wuchs über seine Nährväter hinaus und - - - vergas sie. Dietrich Eckart war (-ab 1920-) sein neuer. Doch auch Dietrich Eckart nährte sich von den Genannten. Er sog aus uns. Wir gaben gern, aus Liebe zum Werk. Mit großer Sorge sahen wir aber auch, wie Dietrich Eckart, und (-Hermann-) Esser und (-Max-) Amann und andere unsere Eingebungen erst mit 'Champus' (-Champagner Wein-) und scharfen Schnäpsen in der Fledermaus (oder wie die Saubude genannt wurde) tauften, und erst mit dieser Luft behaftet, ins Leben wirkten. Und schlimmeres noch: wie der Jesuit Stempfle und andere Zweifelhaften die Schwächen Eckarts nutzten. Was für opfervolle, oft demütigende (besonders für die anderen drei) Taten wir wirkten, zur Ausgleichung der Schäden, ist heute und auch hier nebensächlich." (Kreis-und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Brief Heinrich Dolle an General a.D. Erich Ludendorff v. 25.11.1925)
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Schriftsteller mit Schwächen: Dietrich Eckart - 1923 (Reich: "Dietrich Eckart: der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung" - 1934 + Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-878 / Hoffmann, Heinrich + Dresler/Maier-Hartmann: "Dokumente der Zeitgeschichte", S.102 - 1938 + picryl.com: Dietrich Eckart / Narodowe Archiwum Cyfrowe Poland + digitalisiert auf //stadtarchiv.muenchen.de: DE-1992-FS-PER-E-0023-01)
Gottfried Grandel vermerkt rückblickend nichts über diesen schwelenden Konflikt und die damit auch für ihn zusammenhängenden Demütigungen. Er beschränkt sich auf folgende Beschreibung:
"Wiederholt waren Dietrich Eckart und Adolf Hitler bei mir in Augsburg gewesen, und wir hatten uns gut verstanden.(...) Leider entzweite sich (-Heinrich-) Dolle mit Hitlers Umgebung in München." (BArch Berlin: NS 26/524 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Dieser Darstellung folgend dürfte auch der Erstkontakt Adolf Hitlers zu Dietrich Eckart im ersten Quartal 1919 im Rahmen einer Veranstaltung der Thule-Gesellschaft gelegen haben.
Der zunehmende Einfluss des Publizisten Eckart auf Adolf Hitler erstreckt sich 1919/20 nicht nur auf den Bereich der Umgangsformen, auch die Einführung in gesellschaftlich einflussreiche Kreise wird durch seinen Münchener Förderer massiv vorangetrieben. Neben Sprach- und Schauspieltraining legt Dietrich Eckart besonderen Wert auf das ideologische Rüstzeug. Seine Schriften, wie "Der Wille zum Unmöglichen", aber auch seine Nachdichtung von Peer Gynt und die Wochenzeitschrift "Auf gut deutsch" nehmen auf die frühe Entwicklung seines politischen Zöglings Adolf Hitler Einfluss.
Der Augsburger Fabrikant Dr. Grandel schreibt rückblickend über Dietrich Eckart:
"Schon vor der Gründung der NSDAP hatte ich mit Dietrich Eckart in München persönliche Fühlung aufgenommen, der zu Beginn des Jahres 1919 seine Zeitschrift 'Auf gut deutsch' herausbrachte. Da mir deren Richtung gefiel, so unterstützte ich Eckart mit Geld und warb auch selbst für die Zeitschrift. Ich besuchte Eckart oft in seinem Hause in Nymphenburg, Richildenstr. 58, und dort lernte ich (...) zahlreiche(n) andere(n) Persönlichkeiten (...) kennen." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/Bl.1 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
In einer weiteren Schilderung heißt es:
"Dietrich Eckart rühmt sich 1922 im 'Beobachter': 'Was Hitler zur Ausgestaltung der Partei an Geld zufloß, ging auf mich zurück. Woher ich selbst die Mittel hatte, geht die Sozialdemokraten einen Dreck an ...'" (Heiden: "Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit". S.261 - 1936)
Der Zusammenhang zu diesem Zitat lautet in Dietrich Eckarts zitierten Beobachter-Antwort auf die am 24. Oktober 1921 (Nr.247) erfolgten Angriffe der Münchener Post:
"Hitler, beziehungsweise unsere Bewegung sind niemals von Leuten, die mit dem Fall Erzberger in Zusammenhang gebracht wurden, pekuniär unterstützt worden. Was ihm zur Ausgestaltung der Partei an Geld zufloß, ging auf mich zurück; es war, weiß Gott, wenig genug. Woher ich selbst die Mittel hatte, geht die 'Post' einen Dreck an. Verraten will ich ihr aber, daß meine nicht unerheblichen Bühneneinkünfte mich zu mancher Hilfe in der Not befähigt haben.
Die Beziehungen, die Hitler zu Pöhner hatte, waren die gleichen, die mich mit diesem 'verbanden': sie beruhten auf dem gemeinsamen Widerwillen gegen alles Niederträchtige vom Schlage der 'Post', beschränken sich aber sonst auf Zensurkämpfe. Die 'Post' kann meinetwegen Hitler und mich für wunder wie blödsinnig halten - dies auch bei Herrn Pöhner zu tun, müßte ihr, dächte ich, doch wohl die Erfahrung längst ausgetrieben haben." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Deutsche Arbeiter-Presse/Wien, Nr.38, S.2 - "Verschiedenes - Enthüllungsdelirium der 'Post'" v. 5.11.1921)
Über die Ansammlung zeitgenössischen Widerspruchsgeistes und die Eigenarten Dietrich Eckarts wird vermerkt:
"Er (-Adolf Hitler-) lud seine Gäste zu einem Schoppen Wein in das Schwabinger (-Künstler-)Lokal 'Brennessel' ein (-Leopoldstr. 58, Ecke Nicolaistraße-). Hier wurde er von einem betrunkenen Mann lautschallend begrüßt. Es war Dietrich Eckart; unentwegt schimpfte der auf die Juden; und man sah ihm an, daß er ein Trinker war. Hier schien Hitler viel zu verkehren, denn hierher kamen am gleichen Abend noch eine Reihe von Gesinnungsgenossen (...)." (v. Walden: "... und morgen die ganze Welt?", S.19 - 1960)
Weiter wird in einer Publikation darauf hingewiesen:
"Eckart war ein aufgekratzter Saufpoet aus Münchens Bohème. Wenn er nüchtern war, unterwies er als führendes Gründungsmitglied (-?-) der NSDAP seinen jungen Schüler. (Metzger/Riehn: "Richard Wagner: Wie antisemitisch darf ein Künstler sein?", S.17 - 1999)
"... 'Germanenorden' oder Cosimas Gralsritter, zeigte er sich nach außen als 'aufgekratzter Saufpoet', der seine Tage in der Weinstube 'Brennessel' und seine Nächte in der 'Fledermausbar' verbringt; vor eingeweihten dagegen entpupte er sich als Graue Eminenz, als wohl erfolgreichster Kontaktknüpfer des völkischen Lagers, auf dessen Wort gehört wurde. Der an Schopenhauer und Wagner geschulte Radikaldenker, der als Verseschmied nach Art der 'Meistersinger' eine gewisse ..." (Köhler: "Wagners Hitler: Der Prophet und sein Vollstrecker", S.216 - 1997)
Desweiteren wird vermerkt:
"Waren die Kontakte angebahnt, zog sich (-Dietrich-) Eckart, Nachtschwärmer und Dunkelmann, in die 'Brennessel' oder die 'Fledermausbar' zurück oder versteckte sich, wenn er etwa wegen 'schwerer Beleidigung' polizeilich gesucht wurde, in einem Berchtesgadener Bauernhof , wo auch 'Wolf' (-Adolf Hitler-) bei Gefahr unterkroch. Man erzählt, Eckart sei gegen Ende seines Lebens (-Herbst 1923-) an seinem Protegé irre geworden, da diesem der Erfolg zu Kopf gestiegen war. Geradezu wütend habe ihn, so Hanfstaenl, Hitlers Äußerung gemacht, er ..." (Köhler: "Wagners Hitler: Der Prophet und sein Vollstrecker", S.225 - 1997)
Heinrich Dolle an Adolf Hitler:
"Wie ich Euch gesagt habe: Das wächst nicht aus Euch - so hat gestern abends (-vermutlich ist das Frühjahr 1921 gemeint-) Dietrich Eckart in der Bar Fledermaus (oder so ähnlich) gesprochen. (-Hermann-) Esser und (-Max-) Amann waren dabei und der Jesuit (-Pater Bernhard-) Stempfle. Ich bange um Euer Werk. Eure Politik wird in der Bar gemacht, bei Seckt und scharfen Schnäpsen, und im Bratwurstglöckel, und überall sitzt lauernd der Jesuit dabei. Der bläst es dem Dietrich Eckart ein, und Esser und Amann sprechen wie Eckart und nun auch Ihr." (Staats- u. Stadtbibliothek Augsburg: Z126, 1923-1926, F20, S.2 - "Volk, Freiheit, Vaterland", Nr.20, S.2 - "Heinrich Dolle an Adolf Hitler" v. 11.2.1926 + digitalisiert auf collections.fes.de: Sozialdemokrat, Nr.86, S.4 - "Wo wird völkische Politik gemacht?" v. 11.4.1926)
Juli 1921
In der schweren Parteikrise vom Sommer 1921 bekennt sich Dietrich Eckart im Gegensatz zu Dr. Grandel eindeutig zu der Vorgehensweise Adolf Hitlers. Im Völkischen Beobachter schreibt er:
"Der Gaunerstreich gegen Hitler -(...) Selbstloser, opferwilliger, hingebender und redlicher kann meiner festen Überzeugung nach überhaupt kein Mensch einer Sache dienen, als Hitler sich der unsrigen widmet. Aber auch nicht zielbewußter und wachsamer. Gerade diesen beiden Eigenschaften Hitlers haben wir es zu danken, daß der unlängst aufgetauchte Plan, das Schwergewicht unserer Bewegung von München hinweg nach einem anderen Ort zu verlegen (wodurch sie zumindest ein gut Teil ihrer Stoßkraft eingebüßt hätte) im Keim erstickt wurde. Sogar der Name unserer Partei hätte abgeändert werden sollen, ja nicht nur das, auch ihr Programm war für eine grümdliche Umgestaltung vorgesehen worden. Aber da griff mit eiserner Faust Hitler ein und aus war es mit dem Spuk! Bedarf es noch mehr, um zu zeigen, wer unser Vertrauen verdient, und in welchem Umfange er es verdient? Ich denke, nein." (Dietrich Eckart in Völkischer Beobachter, Nr.61 v. 4.8.1921 in Franz-Willing: "Die Hitlerbewegung - Der Ursprung", S.122 - 1962)
1922 - Dietrich Eckart in Coburg
Auch der Publizist Dietrich Eckart nimmt an dem national-völkischen Treffen in Coburg teil. In dem posthumen Propaganda-Buch seines Freundes, dem Maler Albert Reich, wird hierzuzu folgendes berichtet:
"... er sprach begeisternde Worte zu den ihn nach Überwindung der marxistischen Hetzer umdrängenden Sturmkolonnen und Parteigenossen. Heute sei der erste Freiheitszug durch Bayern gefahren, meinte Eckart, und nur eine Bewegung kenne er, auf die allein er baue, nur eine einzige, und das sei die nationalsozialistische." (Reich: "Dietrich Eckart - der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.108 - 1934)
13. Dezember 1922 - Massenveranstaltungen in München
Während sich in vielen Haushalten schon die vorweihnachtliche Stimmung einstellt, liefern sich SPD und NSDAP in München einen Veranstaltung-Maraton. Im Vorwege hatten die Sozialdemokraten fünf Massenveranstaltungen angekündigt, woraufhin die Nationalsozialisten mit einer doppelten Anzahl von Versammlungen reagieren. So werden Mitte Dezember insgesamt 15, davon zehn nationalsozialistische Kundgebungen zeitgleich von verschiedenen Partei-Rednern bestritten, während Adolf Hitler in einem geliehenen Auto von Dietrich Eckart jeweils für 10-15 Minuten als Gastredner zwischen den Veranstaltungsorten der Nationalsozialisten pendelt.
(StA München, Pol. Dir. Mü 6700, Bl.27: Zeitungsausschnitt "15 Massenveranstaltungen")
Neben der gesamten Redner-Riege der NSDAP bestreitet auch Dietrich Eckart zusammen mit Pfaffenzell und Wachenfeld im Festsaal des Hofbräuhauses eine derser Versammlungen.

(BArch: Plak 002-041-036-T2 / o.Ang.)
Zu der von Dietrich Eckart frequentierten Versammlung wird vermerkt:
"Bei dieser Gelegenheit hetzte Dietrich Eckart gegen ein Konzert Henri Marteaus im Hotel Bayerischer Hof. Die Polizei konnte nicht verhindern, dass beim Auftritt des deutsch-französischen Geigers, der nach dem Ersten Weltkrieg zudem die schwedische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, im Konzertsaal Stinkbomben flogen." (Osterloh: "Ausschaltung der Juden und des jüdischen Geistes", S.129 - 2020)
Die Vossischen Zeitung greift in ihrer Berliner Ausgabe den Vorfall mit auf:
"Während Dietrich Eckart vom 'Völkischen Beobachter' in einer Versammlung mitteilte, jetzt konzertiere Henry Marteau, der während des Krieges in Deutschland als Spion verhaftet worden sei, warf im Konzertsaal selbst ein den besseren Ständen angehörender Herr, unterstützt von zahlreichen anderen Demonstranten, Stinkbomben, die eine tränenerregende Flüssigkeit verbreiteten, so daß der Aufenthalt im Saal unmöglich wurde. Die Störer wurden verhaftet." (staatsbibliothek-berlin.de: Vossische Zeitung, Nr.592 , S.6 - "Radau in München" v. 15.12.1922)
Weiter wird über den Geiger Marteaus berichtet:
"In seiner Wahlheimat Schweden hatte er 1920 nicht weniger als 101 Konzerte gegeben, im Jahr 1921 waren es 71, 1922 immerhin noch 31, im Jahr 1923 wieder 68. Die Verschleißerscheinungen des Künstlers im neuen Heimatland sind jedoch unübersehbar, wenn man feststellen muß, daß dann in den darauffolgenden elf Jahren bis zu seinem Tod insgesamt nur noch 65 Konzerte stattfanden, dabei kein einziges in den Jahren 1927 und 1928.
Völkische Proteste gegen Marteau in Deutschland -
Marteaus am dramatischsten gescheiterter Versuch, in Deutschland wieder Fuß zu fassen, fällt in das Jahr 1922. Sein Auftritt war im traditionsreichen Konzertsaal des Hotels 'Bayerischer Hof' in München geplant. Die mißlungene Veranstaltung zeigt exemplarisch, welchen Verdächtigungen, Verleumdungen und üblen Nachreden der Künstler ausgesetzt war. Der Eklat in München bestätigt, daß es für Marteau unmöglich war, auch vier Jahre nach Kriegsende, in seinem Mutterland wieder an frühere Zeiten anzuknüpfen. Der Bericht, den die Polizeidirektion München am 15. Dezember 1922 dem Bayerischen Staatsministerium des Äußeren über die 'Sprengung des Vortrages Henri Marteau (...) im Hotel Bayer. Hof' erstattete, ist erhalten geblieben. Das Ministerium leitete ihn, da Marteau schwedischer Staatsbürger war, an die schwedische Botschaft in Berlin weiter.
'Am 13. Dezember 1922 abends 7 1/2 Uhr sollte im Konzertsaal des Hotel 'Bayer. Hof' ein Violinkonzert des Künstlers Henri Marteau, veranstaltet durch das Konzertbüro Bauer, hier' stattfinden. Die Polizeidirektion war durch eine Zuschrift aus vaterländischen Kreisen darauf aufmerksam gemacht worden, daß man in nationalen Kreisen den Gedanken trage, das Konzert zu stören. Marteau wird als früherer französischer Offizier bezeichnet, der, wegen Spionage zum Tode verurteilt, durch den früheren Deutschen Kaiser aber wieder begnadigt wurde. Nach den polizeilichen Feststellungen befand sich Marteau bei Ausbruch des Krieges als Professor an der Kgl. Preuß. Hochschule in Berlin. Da er als französischer Reserveoffizier gegen ein Land, dessen Beamter er war, aber nicht zu Felde ziehen wollte, stellte er sich freiwillig zur Internierung. Diese wurde später auf Einwirkung des Kaisers wieder aufgehoben."
(Weiss: "Der grosse Geiger Henri Marteau (1874-1934)", S.187 - 2002)
Februar 1923 - Dietrich Eckarts geplante Vergiftung durch Dr. Arnold Ruge
Es mutet skuril an, doch im Laufe des Jahres 1923 geraten durch den Fuchs-Machhaus-Prozess Informationen an die Öffentlichkeit, die den völkischen Dichter Dietrich Eckart schwer getroffen haben müssen.
Nach einer Zeugenaussage vom 7. Juni 1923 sollten Dietrich Eckart mit Gift und Bauernführer Dr. Heim mit dem Dolche ermordet werden.
Die völkisch-nationale Bewegung drängt fieberhaft einem Putsch entgegen, von dem Dietrich Eckart gegenüber Adolf Hitler kurz vor der Umsetzung immer wieder abzuraten scheint. Der daraus folgende Mordplan ist nach Zeugenaussage auf Dr. Arnold Ruge zurückzuführen, der als Mitglied des Germanen-Ordens wiederum im engen Kontakt zu Dr. Grandel steht. Dietrich Eckart beschreibt sein Verhältnis zu Dr. Arnold Ruge im Herbst 1921 nach Angriffen der Münchener Post wie folgt:
"Was meinen ständigen Verkehr mit dem steckbrieflich verfolgten Privatdozenten a. D. Dr. (-Arnold-) Ruge betrifft, so beschränkte er sich bis jetzt auf ein zwei- oder dreimaliges Händedrücken und auf ein paar Briefe älteren Datums bezüglich seiner Vergewaltigung durch die Judenschaft." (Digitalisiert auf //anno.onb.ac.at: Deutsche Arbeiter-Presse/Wien, Nr.38, S.2 - "Verschiedenes - Enthüllungsdelirium der 'Post'" v. 5.11.1921)
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Selbst dem Parteiführer Adolf Hitler zu radikal: Dr. Arnold Ruge - 1936 (Universitätsarchiv Heidelberg: PA 5551, neg-i-01972_ruge - Ausschnitt aus Postkarte vor dem Portal der Neuen Universität Heidelberg)
Der Arbeiter Karl Böhrer, Mitglied des Germanen-Ordens und der Augsburger NSDAP, beschreibt den diesbezüglichen Zusammenhang:
"Der (-Nürnberger-) Redakteur (-Walter-) Kellerbauer, ein Schwager (-von-) Dr. Frank, war (-1922-) beauftragt, (-Julius-) Streicher in Nürnberg zu erledigen, die Zeitung (-Deutscher Volkswille-) an sich zu reißen und an Dr. Dickel auszuliefern.(...) Als ich jedoch erfuhr, was mit Streicher geschehen sollte, durchschlug ich den gordischen Knoten, meldete alles dem (-Germanen-?) Orden, wie den Giftmordversuch an Dietrich Eckart. Das Gift lieferte Dr. Grandel, Hochgradfreim.(-aurer-), an Dr. Otto Dickel, dies bewog Grandel (-Ende 1921?-) auszutreten aus der N.S.D.A.P. Der (-Austritts-)Satz bezog sich auf Dietrich Eckart, weil er (-im Völkischen Beobachter Nr.110 v. 8.6.1923?-) gegen (-Dr. Grandel,-) den Theosophen als 'Giftmischer' schrieb und ich zeichnete den 'Augsburger Herrenklub' (-Nebenregierung/Germanen-Orden?-) als Zersetzer des Kampfgeistes innerhalb der N.S.D.A.P. und Kampfverbände." (BArch Berlin: NS26/158, Bericht Karl Böhrer, S.11 v. 20.4.1941)
Auch nach eigenen Äußerungen ist Dr. Otto Dickel bestrebt, Dietrich Eckart politisch zu neutralisieren. So schreibt er bereits Anfang September 1921 an Julius Streicher in Nürnberg:
"Beide (-Pixis u. Fehn-) erhoffen sich immer noch eine Einigung (-zwischen Otto Dickel und Adolf Hitler-). Ich (-Dr. Dickel-) habe erklärt, dass eine solche nur denkbar ist, wenn (-Dietrich-) Eckart rücksichtslos beseitigt wird, weil er der Infektionsherd und die Stütze des hitlerschen Grössenwahns ist. Wenn ferner H.(-itler-) sich zu der Einsicht bequemt, dass er zwar als Agitator tätig sein kann, aber als nichts anderes. Um hier, wenn auch wohl vergeblich, Brücken zu bauen, habe ich den versöhnlichen Abschluss H.(-itler-) gegenüber gewählt. Es empfiehlt sich, den Aufsatz in der nächsten Nummer zu bringen. Wir warten dann ab, wie sich die Dinge gestalten und gehen dann ev.(-entuell-) mit dem gestriegen Artikel zum Angriff über. Zögern dürfen wir nach Lage der Dinge nicht mehr. Selbstverständlich brauchen wir eine sehr grosse Auflage dieser Kampfnummer." (StA Nürnberg: NS-Mischbestand - Sammlung Streicher 96, Dr. Otto Dickel, Werkgemeinschaft Augsburg an Julius Streicher v. 5.9.1921)

Im Fokus der Völkischen: Dietrich Eckart - 1922 (Aus Gerstmayer: "Die Fahne hoch! Die braune Reihe" v. 1933 + Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-33124 / Hoffmann, Heinrich)
Zu dem von Karl Böhrer angesprochenen "Giftmordversuch an Dietrich Eckart" berichtet auch Die Rote Fahne anlässlich des Fuchs-Machhaus-Prozesses:
"Der (-Starnberger-) Kaufmann Hug (-Gründungsmitglied des Blücher-Bundes-) sagt unter seinem Eide aus, dass der berüchtigte Dr. (-Arnold-) Ruge (-als Vorstandsmitglied des Blücher-Bundes Rudolf-) Weinbrecht und Breu (-Frankfurter Ortsgruppenleiter Alfons Bau-) als Meuchelmörder gedungen habe, um Dr. (-Georg-) Heim und (-Dietrich-) Eckart mit Dolch und Gift zu beseitigen. Der gleiche Zeuge beschwört, daß dieser Ruge den Apothekerlehrling Karl Görlitz und einen Stefan Stellmach auf der Straße von Schönau nach Kasimir erschießen ließ. Am 3. Juli 1921 wurden weitere sechs junge Leute des Bundes Oberland (-Vorläufer des Kampfbundes Thule-) dem Femegericht des Dr. Ruge übergeben und von diesem erschossen." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch Berlin, R43-I/1228, S.502, "Die Rote Fahne", Nr.132, S.2 v. 12.6.1923)
Der vor dem Untersuchungsrichter geständige Alfons Bau erklärt nach einem Selbstmordversuch im Kasseler Krankenhaus:
"Ich bin nur einem Herrn für alles innerlich haftbar: das ist (-Arnold-) Ruge. Alle anderen sind Schweine. Es stimmt, Dietrich Eckart wollte ich umbringen mit dem Gedanken und (-der-) Absicht: Die Kommunisten haben Dietrich Eckart ermordet. Dadurch wäre es dann losgegangen." (Bay. Staatsarchiv München: Mikrofilm S 329, Staatsanwaltschaften 2344/2-2344/5, Bl.710 ff v. 31.7.1923)

"Menschenschlächtereien": Die Rote Fahne - 12. Juni 1923 (Digitalisiert auf invenio.de: BArch Berlin, R43-I/1228, S.502, "Die Rote Fahne", Nr.132, S.2 v. 12.6.1923)
Nach den Schilderungen des Arbeiters Karl Böhrer beteiligt sich Hochgradfreimaurer Gottfried Grandel Anfang 1923 an den Vorbereitungen zu einem Giftmordanschlag auf Dietrich Eckart, dem auf ihn gefolgten Münchener "Nährvater" Adolf Hitlers. In dem sozialdemokratischen Zentralorgan Vorwärts heißt es zu der von Karl Böhrer angesprochenen "Giftlieferung" Dr. Grandels weiter:
"Am 17. Februar entwickelte Ruge dem Zeugen einen Plan zur Gründung einer Tscheka (lies: Feme) innerhalb des (-Blücher-)Bundes, einesteils zur inneren Ueberwachung des Bundes und weiter zur Beseitigung mißliebiger politischer Persönlichkeiten. Bei dieser Unterredung zeigte Ruge dem Zeugen auch 6 Flaschen mit tödlichen Giften, Flüssigkeiten und Salzen, die für diesen letzteren Zweck bestimmt waren. Sechs Stunden nach Genuß dieser Gifte würden sie einen unauffälligen Tod herbeiführen.(...) Kurze Zeit darauf besprach sich Ruge von neuem mit dem Zeugen (...). Bei dieser Besprechung betonte Ruge außerdem, daß er bereits zwei Männer zur Ausführung der Tscheka-Befehle gedungen habe, namens (-Rudolf-) Weinbrecht und Bau. Diese beiden würden zunächst den Dr. Heim erdolchen. Er selbst, Ruge, werde den Dietrich Eckart mit Gift beseitigen. Eckart sei deswegen zu beseitigen, weil er, ein enger Berater Hitlers, diesen immer wieder vordränge, um ihn dann im gegebenen Augenblick doch wieder zurückzuhalten. Dies sei auch der Grund, warum Hitler nicht schon lange losgeschlagen und reinen Tisch gemacht habe." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.263 -"Die Münchener Tscheka", S.7 v. 8.6.1923)
Mit Arnold Ruge stehen diesbezüglich noch weitere Erfahrungen im Zusammenhang. Nach einer Mitschrift von Heinrich Dolle erklärt Kautter zu der Person Arnold Ruge:
"Ruge hat Schwengauer zu uns - mir und Schäfer - geschickt, um uns zu erschießen. - Dr. Ruge ist furchtbar vorgegangen gegen uns. Er ist vollkommen verwirrt gewesen und hat keine innere Hemmungen mehr gekannt. Zum Kohlenhändler Munk ist ein Zeuge aus dem Machaus-Prozeß gekommen und hat ihm erklärt, unbesorgt zu sein: die Hauptzeugen Schäfer und Kauter würden vor Beginn der Hauptverhandlung 'um-gelegt'. Tatsächlich ist dann auch der Versuch dazu gemacht worden." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle - Übertragung handschriftlicher Niederschriften über Kautter vom Oktober 1923, S.4 v. 8.3.1942)
Der völkische Publizist Dietrich Eckart steht mit manchen seiner Einschätzungen im Herbst 1923 recht isoliert da. In einem Schreiben an den Geschäftsführer des Völkischen Beobachters, Max Amann, betont er:
"Lieber Aman! Dass mein (-kritischer-) Mussolini-Artikel nicht gebracht wird, regt mich nicht weiter auf. Über kurz oder lang wird ihn die Zeit gründlich belegen. Nichts ist geeigneter irre zu führen, als vorgefasste Meinungen. Die Werke rechtfertigen nicht; und Gold ist noch lange nicht alles, was glänzt. Mussolini bringt es fertig, vom glorreichen Anteil der italienischen Juden im Weltkrieg begeistert zu sprechen; huldvoll empfängt er den Erzgauner (-jüdische Bankier und Unternehmer Otto Hermann-) Kahn und lässt ihn zu allem Überfluss durch Parademarsch feiern - das allein schon müsste genügen! (BArch Berlin: R/936, 26522 - Abschrift: Dietrich Eckart an Max Amann v. 1.10.1923)
Das Time Magazine schreibt hierzu rückblickend:
"In den zwanziger Jahren hatten Sprecher der Demokratien den Faschismus gelobt und damit zu seiner Unterstützung beigetragen. Der Finanzier Otto Kahn hatte gesagt: 'Mussolini ist viel zu weise und zu vernünftig, um sein Volk in gefährliche Abenteuer im Ausland zu führen.'" (Time Magazine, Auslandsnachrichten/Italien: 'Achsenmächte v. 20.9.1943)
Weiter berichte Dietrich Eckart gegenüber Max Amann:
"Sein (-Mussolinis-) vorübergehendes Eintreten für die katholische Kirche beweist gar nichts; Rom und Jerusalem sind schon des öfteren zusammengegangen. Auf jeden Fall werde ich mir nach wie vor erlauben, meine Stimme zu erheben, wenn ich es für nötig halte. Ich lasse mich nicht kaltstellen, umsoweniger, als ich bis zum heutigen Tag noch auf keinen grundsätzlichen Irrtum festgenagelt werden konnte. Bleibt mir der 'Beobachter' gesperrt, werde ich 'Auf gut Deutsch' wieder aufmachen. Tatkräftige Freunde habe ich noch genug auf der Welt. Und mit meinem Witz kann ich, wenn's pressiert, noch ein paar Dutzend Redaktionen versorgen. Deinen Optimismus hinsichtlich der kommenden Ereignisse (-Hitler-Putsch/Marsch auf Berlin-) vermag ich leider nicht zu teilen. Das Judentum befindet sich durchaus nicht in der Hinterhand; es holt im Gegenteil zum entscheidenden Schlag aus. Wer, wie ich jetzt, seine ungeheure Macht bis in die Pharaonenzeit zurückverfolgt hat, gibt sich da keinen Illusionen hin. Der Durchschnitt der nichtjüdischen Menschheit heisst (-Gustav v.-) Kahr - man überlege sich das. Ich halte es nicht für gut, dass wir so mit (-General a. D.-) Ludendorff Spektakel machen. Wir sind eine Arbeiterpartei, kein Veteranenverein. Was Ludendorff über das Judentum weiss, hat er gelernt, nicht aus sich selber geschöpft. Während des Krieges ging er stockblind am wichtigsten vorüber. Genial ist anders. Seine grossen militärischen Verdienste leugne ich nicht; sie waren aber für die Katz', weil er den inneren Feind nicht sah. Dass er auch jetzt noch nicht aufhört, von seinem 'erhabenen' Kaiser, dem Stroh- (-mann?-) ...." (BArch Berlin: R/936, 26522 - Abschrift: Dietrich Eckart an Max Amann v. 1.10.1923)
Direkt nach seiner Verhaftung vermerkt Dietrich Eckart in der darauf folgenden polizeilichen Vernehmung:
"Abends (-8. November 1923-) traf ich mich vereinbarungsgemäß mit dem Drucker des Beobachters, meinem Duzfreund 'Adolf Müller', Schellingstr. 41, im Restaurant des Hotels Wagner, Sonnenstrasse, gegen 8 Uhr. Müller brachte den bekannten politischen Schriftsteller Nowak mit, der soeben aus Rom eingetroffen war. Wir drei gingen, nachdem wir gegessen hatten, gegen 1/2 10 Uhr in die 'Fledermausbar' Schwanthalerstrasse, weil der von der Reise sehr mitgenommene Herr Nowack das Bedürfnis hatte, mit einem Glas Wein seine Nerven aufzurichten. Müller lud uns zwei zu Sekt ein und wir tranken zusammen zwei Flaschen. Von Politik wurde selbstverständlich gesprochen, auch die möglichen Aussichten Hitlers erörtert, aber keiner von uns Dreien hatte auch nur einen blassen Dunst von den Dingen dieser Nacht. Herr Nowack wird das ohne weiteres bezeugen, auch Herr Adolf Müller. Kurz gegen 11 Uhr, als Herr Nowack eben im Begriffe war, heimzugehen, trafen unbestimmte Gerüchte ein, wonach die bayerische Regierung gestürzt worden sein sollte. Wir drei nahmen das nicht ernst und Herr Nowack ging denn auch, während wir - Müller und ich - noch etwas zusammenbleiben wollten, um den Rest der letzten Flasche auszutrinken. Die Gerüchte verdichteten sich immer mehr, jedesmal durch einen neuen Besucher des Lokals." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BAch NS 26/2180, S.11+13/4+5 - "Verhör des Dietrich Eckart zu Ereignissen am 9. Nov. 1923, Protokoll der Polizeidirektion München" v. 15.11.1923)
8./9. November 1923 - Hitler-Putsch in München
Der Putschversuch der nationalen Verbände um Adolf Hitler verläuft ohne die aktive Einbeziehung von Dietrich Eckart.
15. November 1923 - Schutzhaft für Dietrich Eckart
Albert Reich schildert im Abstand von 10 Jahren die Verhaftung seines Freundes Dietrich Eckart:
"Am Tag darauf (-15.11.1923-) ließ der nationale Kahr auch den kranken Dichter in Schutzhaft nehmen. - Über Neudeck kam er nach Stadelheim. Bei der Einlieferung fand man bei ihm Veronaltabletten, die er für sein krankes Herz gebrauchte und hielt dieselben für Gift (-Das Mittel besitzt relevante Auswirkungen auf Atmung, Blutdruck und Herzfrequenz und führt nach dauerhaftem Missbrauch zur körperlich-psychischen Abhängigkeit. Eine Überdosierung beinhaltet die Gefahr einer akuten Vergiftung-). - 'Warum sollte ich mich vergiften,' meinte ingrimmig Eckart, 'wenn schon, dann höchstens aus Ekel über diese Menschheit.'" (Reich: "Dietrich Eckart - ein deutscher Dichter und der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.122 - 1934)
Auch Alfred Rosenberg erinnert sich:
"Die große Welle war zusammengesunken. Die Führer tot, verhaftet oder von der Polizei verfolgt. Ich traf mich in den nächsten Tagen noch öfters mit Eckart, um zu beraten, wie die Freunde zu neuer Arbeit zusammengefaßt werden könnten, da an eine Organisierung der zersprengten und unter Zuchthausandrohung verbotenen N.S.D.A.P. unter gegebenen Umständen nicht zu denken war. Dann erfolgte Eckarts Verhaftung." (Rosenberg: "Dietrich Eckart, ein Vermächtnis", S.64 - 1927)
In einem weiteren Rückblick schildert Gottfried Feder die Inhaftierung von Dietrich Eckart:
"Im Laufe der nächsten Tage erfolgten andauernd weitere Verhaftungen der Führer der Bewegung, so wurde Dietrich Eckart (-am 15.11.1923-) in Schutzhaft genommen, der von den ganzen Ereignissen erst am nächstfolgenden Morgen erfahren hatte; in dieser Schutzhaft, die doch die leichteste Form der Haft darstellen soll, wurde er wie ein Verbrecher behandelt. In seiner kleinen Zelle mit tagsüber hochgeschlagener Pritsche war nicht einmal ein Stuhl vorhanden, sodass der nicht mehr junge Mann stehen oder am Boden hocken musste. Das Volksgericht, das ihn vollkommen freisprach, ebenso der Staatsanwalt beantragten seine Haftentlassung. Diese wurde jedoch vom Generalstaatskommissar untersagt und Eckart sitzt heute noch in Schutzhaft in Stadelheim." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch NS26/112, S.50, Gottfried Feder: "Die nationale Revolution vom 8./9. November 1923" - Dezember 1923)
"In der Zelle 420 war er nun, menschlich behandelt von seinem Wärter, bis er in den ersten Wochen des Dezember (-1923-) nach Landsberg kam, wohin mit Adolf Hitler auch Heß, Kriebel, Amann, Weber, Streicher, Maurice gebracht waren. Der bereits Schwerkranke war verzweifelt, da er nach Stadelheim mit der Entlassung gerechnet hatte. Mit schweren Anfällen hatte er in Landsberg zu kämpfen, so daß auch der Anstaltgeistliche zu ihm geholt wurde, - der allerdings einen schweren Stand bei Dietrich Eckart hatte." (Reich: "Dietrich Eckart - ein deutscher Dichter und der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.122/123 - 1934)
Der Inhaftierte selbst schreibt zu den Umständen seiner Verhaftung:
"Lieber Herr Doktor! Seit dem 15. November (-1923-) habe ich die Ehre, als Freund des Hitler-Unternehmens eingesperrt zu sein. Angeblich Schutzhaft. Einzelzelle, mit dem ganzen Drum und Dran der Verbrecherstrafe. Wie lange das noch dauern wird, wissen die Götter. Gesundheitlich geht es mir bei meinen 55 Jahren nicht gut, seelisch aber bin ich mobiler denn je. Gewiß, unsere Organisation hat einen harten Schlag abbekommen, die Bewegung aber ist unendlich gewachsen. Wir werden schneller, als man denkt, wieder hoch sein. Lassen Sie sich durch die Presse nicht irreführen! Das Lumpenzeug benützt jetzt unsere Knebelung, um das Blaue vom Himmel herunterzulügen. Wahrheit und Recht sind auf unserer Seite! Schon der erhabene Verlauf mit seinen 21 Todesopfern bezeugt das. Ich weiß nicht, ob ich das Leben noch ertragen würde, wenn ich nicht mit dabeigewesen wäre." (BArch Berlin: NS26/1308, Dietrich Eckarts Briefabschrift v. 9.12.1923)
26. Dezember 1923
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Todesanzeige Dietrich Eckart (BArch Berlin: NS26/2252)
In einer späteren Recherche des NSDAP-Hauptarchivs findet die Beisetzung Dietrich Eckarts besondere Erwähnung:
"Nach uns gewordenen Aussagen herrschte an dem Tage ein mächtiger Schneesturm. Im Ganzen waren etwa 450 bis 500 Leute zur Teilnahme anwesend. Die Salzburger SA ist auf Schiern hierüber gekommen und ging dem Sarg voraus mit geschulterten Schiern. Dies Bild soll besonderen Eindruck gemacht haben. Den Sarg bedeckte die bereits erwähnte O(-rts-)gru(-uppen-)-Fahne mit dem Watzmann-Bild.(...) Um politische Störungen bei dem Begräbnis zu vermeiden, hatte der damalige Bezirksamtmann, v. Feilitzsch, das Polizeiaufgebot des gesamten Chiemgaues zusammengezogen. Die polizische Stellungnahme v. F(-eilitschs-) war wohl mehr auf Seiten der NSDAP. Hierdurch war es auch möglich, dass die am Grabe gehaltenen Reden, sowie die ganze Trauerfeier überhaupt, ohne Störung durchgeführt werden konnten." (BArch Berlin: NS26/1308, "Ermittlungsarbeit Dietrich Eckart",S.4 v. 13.2.1940)

Begräbnis bei Schnee und Sturm - 30. Dezember 1923 (Reich: "Dietrich Eckart, der Vorkämpfer", S.121 - 1934)
Über den Tod des völkischen Schriftstellers vermeldet das sozialdemokratischen Zentralblatt Vorwärts:
"Die Frage der Haftfähigkeit müsse den Aerzten zur Beurteilung überlassen bleiben. Es sei eine kühne Behauptung, dass die Schutzhaft den Tod des Dietrich Eckart verursacht habe; dieser sei schon lange leidend gewesen." (Digitalisiert auf fes.imageware.de: Vorwärts, Nr.29, S.3 v. 18.1.1924)
Als Alleinerbin wird nach der Scheidung von seiner Frau Rose die junge Anny Rosner im Testament erwähnt. Die Grabpflege wird rund 100 Jahre später zu einer Aufgabenstellung der Gemeinde. Nachdem die private Unterhaltung des Grabes nicht verlängert wurde, ging die Grabstelle an die Friedhofsverwaltung über.
Ein unvollendetes Projekt Dietrich Eckarts befasst sich 1923 mit einem fiktiven Zwiegespräch zwischen Adolf Hitler und ihm. Hierzu berichtet der Hoheneichen-Verlag:
"'Einen mit aller Gewalt vernichten zu müssen, gleichzeitig aber zu ahnen, dass das rettungslos zum eigenen Untergang führt, daran liegt's. Wenn Du willst: Die Tragik des Luzifer.' -----
An dieser Stelle brechen die Aufzeichnungen Dietrich Eckarts ab. Die in Zusammenhang mit den Ereignissen des 8./9. Nov. 23 über ihn verhängte Schutzhaft und das unmittelbar nach seiner Entlassung aus ihr erfolgte Hinscheiden dieses rein deutschen Dichters und Kämpfers verhinderte die Vollendung dieses für die christliche Einstellung der völkischen Bewegung zeugenden, hoch bedeutsamen Werkes. Doch dürfen wir hoffen, dass Adolf Hitler nach der Beendigung des gegenwärtig gegen ihn in München anhängigen Hochverratsprozesses die Liebenswürdigkeit haben wird, die Vollendung dieses unmittelbar vor seinem Abschluss stehenden Werkes zu übernehmen." (Eckart: "Der Bolschewismus von Moses bis Lenin", S.50, Hoheneichen-Verlag/München - 1.3.1924)

Letzte Arbeit Dietrich Eckarts: Im fiktiven Zwiegespräch mit Adolf Hitler - 1923 (Fotografie im Privatbesitz)
In späteren Jahren kommt nach den Schilderungen eines Zeitzeugen Adolf Hitler zu folgendem Urteil über den verstorbenen Weggefährten:
"Dr. Ziegler traute seinen Ohren nicht, als Hitler unvermittelt sagte: 'Wissen S', der Dietrich Eckart hat Gedichte geschrieben, so schön wie Goethe.' Das war ein Schlag für mich. Ich wußte, daß der Münchener Schriftsteller Dietrich Eckart, der der Herausgeber der antisemitischen und antirepublikanischen Wochenschrift 'Auf gut deutsch' war, in den allerersten Jahren der Bewegung Hitler geistig sehr beeinflußt und auch finanziell unterstützt hatte. Und ich begriff, daß Hitler das Andenken dieses Mannes hochhielt, der bald nach dem Münchener Putsch gestorben war. Aber Dietrich Eckart in einem Atem mit Goethe zu nennen, erschien mir wie eine Lästerung. So lernte ich ganz früh einen Wesenszug Hitlers kennen, den Bismarck einmal als die verderblichste Eigenart des jungen Wilhelm II . bezeichnet hatte: 'Mangel an Augenmaß.'" (v. Schirach: "Ich glaubte an Hitler", S.24 - 1967)
In den Erinnerungen von Adolf Hitlers Sekretärin vermerkt diese:
"Hitler sprach sehr oft von der Kampfzeit und von Dietrich Eckart. Er erzählte einmal: 'Diese Freundschaft gehörte zu dem Schönsten, was mir in den Zwanziger Jahren zuteil geworden ist.' (S.65) Er war Hitler ein väterlicher Freund und half ihm oft aus finanziellen Nöten. Dies erzähhlte Hitler in allen Einzelheiten immer sehr bewegt. (...) Eckarts Tod ist für Hitler ein schwerer Schlag gewesen. 'Nie mehr habe ich in meinem späteren Leben einen Freund gefunden', so sagte er, 'mit dem mich eine ähnliche Harmonie des Denkens und Fühlens verbunden hat.' So oft er von Dietrich Eckart erzählte, trübten sich seine Augen. Wiederholt bedauerte er in der Zeit nach der Machtergreifung, daß dieser 'getreue Ekkehard' nicht mehr lebte und vor allem, daß er ihm jetzt, da es möglich wäre, nicht vergelten könnte, was er ihm Gutes getan hatte. Alles, was mit Dietrich Eckart in Zusammenhang stand, rührte Hitler. Als ich ihm eines Tages (-Mai 1941-) von einer Freundin erzählte, die in einer ihr von der Witwe Ernst von Wolzogens zugefallenen Erbschaft einige handgeschriebene Gedichte Dietrich Eckarts gefunden hatte, wollte er sie sofort kaufen. Und, da er sie als Eckarts Erstlingsgedichte erkannte, deren größter Teil von Eckarts eifersüchtiger Frau vernichtet worden waren, erhöhte er spontan den Kaufpreis (-auf 10000,- Mark-). So groß war seine Freude, etwas Handgeschriebenes von diesem Freund in den Händen zu haben." (Schröder: "Er war mein Chef", S.65/66 - 1985)
Auch der Kommunist Erich Mühsam beschäftigt sich in seinen während der Haft vorgenommenen Tagebuchaufzeichnungen mit Dietrich Eckart:
"Als ob der Zufall anstelle der Duplizität der Fälle auch mal eine Karikatur im Wechsel der Ereignisse aufzeigen und damit meine letzten Bemerkungen von vorgestern illustrieren wollte, läßt er eben eine der wenigen deutschen Persönlichkeiten sterben, die bei uns versuchten, Politik und Kultur gleichzeitig zu repräsentieren. Der grade aus der Schutzhaft entlassene Redakteur des Völkischen Beobachters, Dietrich Eckardt, ist in Berchtesgaden gestorben. Ich habe ihn persönlich kaum gekannt, hörte aber durch Hardekopf, der mit ihm verkehrte, schon vor langen Jahren näheres über ihn. Damals hatte ihn nur der literarische Ehrgeiz, den Politiker hatte er noch nicht in sich entdeckt. Aber was ist schließlich von seinen Werken auch nur über den engsten Kreis hinausgedrungen? Seine Peer Gynt-Bearbeitung, also ein Mühen im fremden Geschirr, und wenn auch hier Eckardts Eigenwille stärker zum Ausdruck kommt, als das bei Bearbeitungen gewöhnlich der Fall ist, so ist grade das der größte Fehler seiner Arbeit; denn Ibsen hat es weitaus besser gedichtet als Eckardt es umgedichtet hat. Nach dem Kriege war Eckardt dann plötzlich als völkischer Politiker bemerkbar. Schon unter Eisner kamen vorsichtig gefaßte Flugblätter von ihm zu meiner Kenntnis, die uns Juden durch die Blume allesamt der Begünstigung der Finanz bezichtigte[n]. Nachher gab er die widerliche Köpfesammlung 'Auf gut Deutsch' heraus, in der wir bekannteren Revolutionäre - zum Teil recht gut karrikiert - waren und zu jedem Kopf gab ein Zweizeiler von Dietrich Eckardt einen - in der Regel strohdummen - Kommentar. Das Widerliche an der Publikation lag darin, daß auch unsre ermordeten Genossen - Liebknecht, Rosa Luxemburg, Landauer, Eisner, Haase u.s.w. beschimpfend glossiert waren, und daß mit größter Offenheit alle übrigen als Freiwild für weitere Morde gekennzeichnet waren. Mehrere von ihnen sind ja inzwischen auch noch gefallen: Erzberger und Rathenau, und daß Harden noch lebt, ist nicht die Schuld dieses Eckardtschen Mordbuchs, das zum Schluß eine lange Namensaufzählung von Stigmatisierten zusammenstellte. In der Hitlerbewegung fand Eckardt endlich Beschäftigung als Redakteur des offiziellen Hakenkreuzblattes, in dem er eine öde Denunziationshetze gegen Juden und Republikaner betrieb. Als ihn der Staatsgerichtshof prozessieren wollte, machte er den unbeugsamen Helden, den man nur holen sollte, wenn man Schneid hätte, und obwohl das genügt hätte, um ihm seine Ruhe zu lassen vor allen, die in Deutschland die Republik schützen, ließ ihn sein Heldenmut doch so im Stich, daß er sich auch noch hinter ein ärztliches Gutachten verkroch, das ihm denn auch, da er ja gewiß kein Freund des Proletariats war, die völlige Sicherheit seiner beleibten Person verbürgte. Im Fuchs-Machhaus-Prozeß wurde erzählt, daß Eckardt, der professionale Mordanreger, von den 'vaterländischen' Konkurrenten des gegnerischen Flügels selber schon zum 'Umlegen' vorgemerkt war, und nun ist er ganz solide und sein Leben ohne jede Prozeßbehelligung abschließend an seiner Arterienverkalkung verendet. Die bayerische Sicherheitsbehörde hat Glück, daß der Tod nicht noch in Landsberg eintrat. Das hätte mehr Lärm gegeben als die Umstände, die Hagemeisters Tod veranlaßt haben. Ich bin aber überzeugt, daß die Gesinnungsfreunde des Toten trotzdem die Kahrioten des Mordes an Dietrich Eckardt bezichtigen werden, und mich interessiert dieser Fall im Augenblick grade aus sehr persönlichen Gründen." (muehsam-tagebuch.de: Heft 41 - Tagebucheintragung während der Festungshaft in Niederschönenfeld v. 29.12.1923)
Im Abstand von 20 Jahren wird Adolf Hitler im Rückblick zu Dietrich Eckart mit den Worten zitiert:
"So viele hervorragende Männer sind mir an der Tabakvergiftung verlorengegangen. Von meinem Alten Herrn (-Alois Schickelgruber-) angefangen, dann Dietrich Eckart (-26.12.1923-), Troost! (-Fotograf-) Hoffmann verliere ich auch noch daran." (Henry Picker: "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier", S.126 - 1976)
"Ein besonders klares Urteil habe über das Juristentum immer Dietrich Eckart gehabt, der selbst einige Semester Jura studiert gehabt habe. Nach seinen eigenen Äusserungen habe er sein Studium abgebrochen, 'um nicht ein vollendeter Trottel zu werden'. Dietrich Eckart habe auch die Art gehabt, den Krebsschaden der heutigen Rechtslehren für das deutsche Volk in völlig unmissverständlicher Weise anzuprangern. Er, der Chef, habe geglaubt, dass es genüge, wenn man den Menschen solche Dinge in verfeinerter Form sage. Erst mit der Zeit sei er darauf gekommen, dass das gar nichts nütze. Heute erkläre er deshalb klar und eindeutig, dass für ihn jeder, der Jurist sei, entweder von Natur defekt sein müsse oder aber es mit der Zeit werde. Wenn er all die Juristen, die einmal in sein Leben getreten seien, vor allem aber all die Advokaten und Notare, an seinem Auge vorüberziehen lasse, dann könne er nur immer wieder feststellen, wie gesund doch jener Stamm aufrechter, bodenverwurzelter Menschen sei, mit denen er zusammen mit Dietrich Eckart seinerzeit in Bayern seinen politischen Kampf aufgenommen habe." (Henry Picker: "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier", S.160/161 - 1976)

Modell zum Bronze-Relief am Neumarkter Denkmal von Bildhauer Lorenz Schwind - 1933 (Illustrierter Beobachter, Nr.43, S.1408, darin Albert Reich: "Dietrich Eckart - Der deutsche Dichter und Vorkämpfer der Freiheitsbewegung" v. 29.10.1933 + Reich: "Dietrich Eckart - ein deutscher Dichter und der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.125 - 1934)

Nach den Entwürfen von Albert Reich und Lorenz Schwind im Neumarkter Stadtpark: Denkmal für den früh verstorbenen Freund und Vorkämpfer - 1933 (Illustrierter Beobachter, Nr.43, S.1408, darin Albert Reich: "Dietrich Eckart - Der deutsche Dichter und Vorkämpfer der Freiheitsbewegung" v. 29.10.1933 + + Reich: "Dietrich Eckart - ein deutscher Dichter und der Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung", S.125 - 1934)

Dietrich Eckart: Zu jedem Kopf ein Zweizeiler - 1920 (Fotografie im Privbatbesitz / Zeichnung: Otto v. Kursell in Dietrich Eckarts Wochenschrift "Auf gut Deutsch", Heft 2-5 - "Novemberverbrecher" v. 1920 / Bibliothek der Monacensia + digitalisiert auf nsdoku.de)
Dr. Grandel und sein Verhältnis zu "den Juden"
(212-1919) Durch den Zusammenbruch des Kaiserreiches bekommen Abgrenzungsbegriffe wie Rasse, Arier, Jude und Jesuit eine stärkere Gewichtung innerhalb der deutschen Gesellschaft.
Das persönliche Verhältnis Gottfried Grandels zu Menschen jüdischer Abstammung bleibt unklar. Auch für ihn scheinen diese Kategorien erst ab dem Jahre 1918 an Bedeutung zu gewinnen, denn ein von ihm 1912 aufgesetztes Schreiben der Augsburger Monisten-Ortsgruppe an deren Altmeister Ernst Haeckel deutet hier auf eine offene Geisteshaltung hin, auch gegenüber der jüdischen Bevölkerungsgruppe, von der sich Unterschriften auf diesem Schreiben von Gottfried Grandel befinden:
"Die Ortsgruppe Augsburg des D.(-eutschen-) M.(-onisten-) B.(-undes-) sendet nach einem äußerst wirkungsvollen Vortrage des Herrn (-Generalsekretär-) Dr. Heinrich Schmidt ihrem hochverehrten Altmeister (-und Ehrenvorsitzenden Ernst Heinrich Haeckel-) herzliche Grüße!
Ergebenst!
Dr. Grandel
C. Hauck. R. Rascher. | Hanns Witzig. Dr. Marburg. Stella Marburg | Lotte Hahn. Laura Hahn. Dr. Hahn | Dr. (-Siegmund-) Eisenmann (-1881-1937-). Kalkart. Schreyer. Jos. Seibold. Karl Bolkart. Albert Haus. | Ludwig Ferdinand Jung. (-Karo-)Lina Eisenmann (-1887 geb. Binswanger, am 3. September 1943 nach Auschwitz deportiert-). Walter Krauß. Margarete Loyan | Anna Hauck. Erna Binswanger (-1896, verh. Obermeyer, gest. 1939 nach vorherigem Diabetisschock bei Ankunft in Ellis Island/New York-). | Ludwig Binswanger. H. Keller [et al.]
Einen herzlichen Gruß von Ihrem (-Dr.-) Heinrich Schmidt (-Jena-)" (Digitalisiert auf //haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_24400: Gottfried Grandel und weitere an Wissenschaftler und Monistenbund-Gründer Ernst Haeckel v. 8.2.1912)
Zu dem Augsburger Monistenbund wird berichtet:
"Bereits hatte die Münchner Ortsgruppe des Monistenbundes so zahlreiche Mitglieder aus Nürnberg und Augsburg zu verzeichnen, daß schon am 6. März 1907 im großen Stadtgartensaal zu Nürnberg auf Veranlassung und unter Leitung des Münchner Ausschusses, ein öffentlicher Vortrag 'über die Abstammung des Menschen' mit Lichtbildern stattfinden konnte; die Gründung einer selbstständigen Ortsgruppe in Nürnberg war die Folge. In gleicher Weise machten sich damals die Augsburger Mitglieder nach einigen einleitenden Vorträgen durch den Münchner Ausschuß selbstständig." (Deutscher Monistenbund: "Fünf Jahre Deutscher Monistenbund", S.22 - 1911)
Zu der Vereinigung heißt es:
"Der Deutsche Monistenbund war eine freidenkerische Organisation des frühen 20. Jahrhunderts. Sie wurde 1906 in Jena federführend von dem Naturwissenschaftler Ernst Haeckel gegründet. Ziel des Bundes war die Organisation und Verbreitung einer monistischen Weltanschauung. Der Bund hatte zunächst großen Zulauf und gewann bis 1912 6000 Mitglieder, darunter eine Reihe prominenter Namen (...). Mit dem Monistenbund entstand mit Unterstützung freidenkerischer Verbände eine neue freigeistige Bewegung, die einen betont philosophisch-naturwissenschaftlichen Bildungscharakter hatte. Der Monistenbund hatte auch zahlreiche jüdische Mitglieder.(...) Sein Internationalismus und auch, dass einige führende Monisten forderten, den Antisemitismus zu ächten, brachten den Bund in Gegensatz zu den Nationalsozialisten." (Wikipedia: Deutscher Monistenbund)
Der persönliche Lebenslauf Gottfried Grandels lässt auch während des Krieges keinen Antisemitismus erkennen. Im Jahre 1915 trennt er sich von seiner als arisch geltenden Ehefrau Auguste, geb. Richter und heiratet daraufhin 1916 die von einem jüdischen Vater abstammende Kriegerwitwe Helene Winternitz, geb. Willner aus Reichenberg. Durch die Heirat bedingt übernimmt er als Stiefvater auch die Verpflichtungen gegenüber den zwei Kindern seines an der Front verstorbenen ehemaligen jüdischen Kommilitonen Fritz Winternitz.
Wenn Dr. Grandel, wie er es in späteren Jahren immer wieder zu erkennen gibt, doch schon 1916 antisemitische Vorstellung verinnerlicht gehabt hätte, dann wäre es nicht zu der eh schon im Verwandtenkreis kritikbehafteten Auswechselung seiner ersten Ehefrau gekommen.
Helenes erster Mann, Dr. Fritz Winternitz, auch böhmisch-jüdischer Abstammung und ehemals befreundeter Chemie-Kommilitone Gottfried Grandels, verliert gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges als Offizier und Kompanieführer in der Schlacht um Gródek sein Leben an der russisch-galizischen Front.

Abschied vom Sohn Hans: Dr. Fritz Winternitz vor dem Fronteinsatz - August 1914 (Fotografie im Privatbesitz)

(Fotografie im Privatbesitz)
Schon kurz nach dem Verlust ihres Ehemannes heiratet Helene Winternitz den vermögenden Unternehmer Gottfried Grandel in Augsburg.
Auch wenn die Freude über die neue Verbindung offenbar für eine offizielle Hochzeitsfeier nicht ausreicht: Fabrikant Gottfried Grandel gibt durch die kurzfristige Heirat mit Helene ihren volljüdischen Kindern Nora (2) und Hans Winternitz (4) ein sicheres Zuhause in unruhiger Zeit.

Neustart auf der Beziehungsebene: Helene und Gottfried Grandel - Winter 1919/20 (Fotografie im Privatbesitz)
Diese Begebenheit bleibt im zunehmend judenfeindlich gesinnten Umfeld der Grandels nicht unkommentiert, obwohl sie einem weiteren Kreis erst durch Gottfried Grandels Berliner Landgerichtsprozess von 1924 bekannt wird.
Der seit 1917 anfangs noch freundschaftlich mit dem Paar verbundene städtische Magistratsobersekretär und Verwaltungs-Amtmann Georg Fischer (mind. 1916-26 a.D.: Baumgartnerstraße 17 1/2 / II) vermerkt hierzu in seinem an den völkischen Verleger Julius Friedrich Lehmann nach München gesandten Brief:
"Zu seiner Kennzeichnung muß ich auch erwähnen, daß er, der glühende Judenhasser, unter Hintansetzung aller Rücksichten auf Rassegrundsätze, die Witwe eines im Kriege gefallenen jüdischen Ingenieurs Winternitz mit 2 Kindern heiratete, obwohl er, wie mir gestern auf der Heimfahrt der Bruder (-Gottfried Richter jun.-) seiner ersten Frau (-Auguste, geb. Richter-) erzählte, von dem Sachverhalt volle Kenntnis hatte, und daß er seiner Frau (-Helene-) gestattet, alle Einkäufe im jüdischen Warenhaus (-Gebr. Landauer-) zu machen. - Also ein Mann von Grundsätzen!" (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: BArch R 8048/672, S.39 - Georg Fischer an Julius F. Lehmann v. 31.1.1924)

"Alle Einkäufe im jüdischen Warenhaus": Helene Grandel - 1921 (Fotografie im Privatbesitz)
Amtmann Georg Fischer kann zuvor Einsicht in die amtlichen Augsburger Familienbögen der Grandels nehmen. Zeitgleich zu seiner zweiten Ehe mit Helene unterstützt Gottfried Grandel in der Person Dietrich Eckarts ab dem Jahre 1918 radikal-antisemitische Bestrebungen in Politik und Verlagswesen - und dies mit großem, insbesondere finanziellem Engagement.
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Völkischer Dichter und radikaler Antisemit: Dietrich Eckart - 1923 (Bay. Staatsbibliothek: Bild hoff-878 / Hoffmann, Heinrich - Portrait Dietrich Eckart)
Zu Eckarts antisemitischer Wochenschrift Auf gut deutsch schreibt Dr. Grandel rückblickend an das NSDAP-Hauptarchiv:
"Schon vor der Gründung (-5. Januar 1919-) der NSDAP hatte ich mit Dietrich Eckart in München persönliche Fühlung aufgenommen, der zu Beginn des Jahres 1919 seine Zeitschrift 'Auf gut Deutsch' herausbrachte. Da mir deren Richtung gefiel, so unterstützte ich E.(-ckart-) mit Geld und warb auch selbst für die Ztsch (-Zeitschrift-)." (BArch Berlin: NS26/514, S.586/Bl.1 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941)
Ein Auszug aus Dietrich Eckarts Wochenschrift vom Oktober 1919 lautet:
"Die Arbeit der deutschen Antisemiten soll sein, dieser grausamen Notwendigkeit (einer Judenverfolgung), die unbedingt eintreten wird, wenn die jüdische Unersättlichkeit einen nicht mehr zu überbietenden Höhepunkt in der Beherrschung des deutschen Volkes erlangt hat, einen legalen Ausweg zu verschaffen, indem sie fordern, dass die Juden auf Grund eines Gesetzes aus allen Staatsämtern entfernt werden. Ein Volksreferendum muss schlimmstenfalls darüber entscheiden. Wird aber auch dieses hintertrieben und verhindert, dann muss das eintreten, was sich mit unentrinnbarer Folgerichtigkeit durch alle Jahrhunderte hindurch wiederholt hat: eine Judenverfolgung." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: NS8/21, S.1/4 - 'Auf gut deutsch', Auszug aus Alfred Rosenbergs 'Blut und Ehre' v. 23.10.1919)

Von Dr. Grandel finanziert: Antisemitisches Wochenheft - 1920 (Fotografie im Privatbesitz)
Der streitbare Publizist wird von der SPD-nahen Münchener Post auch mit folgendem Ausspruch zitiert:
"Wenn Sie sich nicht zu der Auffassung bekennen, daß die verkommenste deutsche Dirne, weil sie Arierin ist, noch tausendmal höher steht als die beste Jüdin, und das auch dann, wenn sich unter hundert Juden ein wirklicher Heiliger befände, selbst dieser wegen seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse gehängt werden muß, so sind Sie kein artbewußter Deutscher." (Digitalisiert auf invenio.bundesarchiv.de: Münchener Post, Nr.103 unter BArch NS 26/2180, S.31 - "Deutschlands anerkannter Dichter" v. 4.5.1923)
Über die Förderung Dietrich Eckarts hinaus greift Dr. Grandel die Augsburger Ortsgruppe des extremst judenfeindlichen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes mit auf. Diese wird aufgrund einer kurzzeitigen Augsburger Pogromstimmung auf Hamburger Initiative im Oktober 1919 in der Fuggerstadt gegründet und nimmt daraufhin regelmäßig an Dr. Grandels Vorträgen über Deutsches Recht teil. Diese Veranstaltungen wiederum organisiert Dr. Grandel vermutlich in Absprache mit dem geheimen Germanen-Orden, der nicht minder antisemitisch aufgestellt ist. Auch in der von ihm unterstützten Wochenschrift Auf gut deutsch von Dietrich Eckart tauchen 1919 Werbeanzeigen für die rassistisch orientierte Logenverbindung auf:

Werbeanzeige für den bayerischen Germanen-Orden Walvater in Dietrich Eckarts Wochenschrift "Auf gut deutsch" - 23. Juli 1919
Es ist anzunehmen, dass Dr. Grandels Kontaktaufnahme zu Dietrich Eckart und dessen Finanzierung über einen Beschluss des Germanen-Ordens erfolgt, denn noch bis zum Ende des Weltkrieges interessiert sich Dr. Grandel nach eigenem Bekunden nicht sonderlich für Politik. Sehr wahrscheinlich ist Dr. Grandel im Jahre 1919 selbst führendes Mitglied dieser völkisch-antisemitischen Geheimloge, die sich von jedem potentiellen Interessenten und dessen Ehepartner zuvor den Ariernachweis vorlegen lässt. Das würde in dieser Hinsicht bedeuten, dass Dr. Gottfried Grandel bereits vor seiner zweiten Ehe mit der jüdischstämmigen Helene Winternitz im Jahre 1916 die Mitgliedschaft in der Geheimloge erwirkte, wenn er denn tatsächlich Mitglied war. Der Nachweis ist bislang über eine Mitgliederliste nicht gelungen.
Von dem Augsburger Arbeiter Karl Böhrer, sowohl selbsterklärtes frühes Mitglied des Germanen-Ordens, der NSDAP-Ortsgruppe und der Werkgemeinschaft von Dr. Otto Dickel in Augsburg, ist lediglich der Vermerk hinterlegt, dass Dr. Grandel "Hochgradfreimaurer" gewesen sei. Nach seinen Ausführungen entwickelt sich innerhalb der Augsburger NSDAP-Ortsgruppe ab 1921 zudem eine starke Rivalität zwischen den Unterstützern des deutschen Ordens und der erstarkenden hitlertreuen Gefolgschaft.
1921
Der Standpunkt Dr. Otto Dickels, der in der Gründungsphase enge Verbindung zu Dr. Grandel hält, ist bezüglich des Judentums in dessen Buchveröffentlichung vom Januar 1921 festgehalten:
"Eine Abwehrfront gegen die jüdische Herrschaft und die Verknechtung des Volkes tut uns bitter nit. Die berufenen Pioniere, die sie erichten wollen, vollbringen eine vaterländische Tat. Sie haben sich durchaus nicht unter der Fahne des Antisemitismus zusammengeschart. Sie wissen, dass seine Vorkämpfer weit über das Ziel hinausschiessen. Sie vergessen zu häufig, dass der Kampf nicht dem Juden, sondern der Judenherrschaft zu gelten hat. Deshalb geraten sie nur zu leicht unter den Einfluss des Ostelbiertums, das von jeher gewöhnt war, Verwicklungen mit roher Gewalt zu lösen, dem ausserdem von jeher das Vaterlandsgefühl des freien deutschen Mannes ein Mittel zur Befriedigung eigener Machtgelüste gewesen ist.Das Volk kennt diese Sachlage nur allzugut. Es weiss aus der Geschichte, welch furchtbarer Rückschlag ihm droht, wenn die alten Machthaber die entrissenen Zügel wieder in die Hand bekommen. Es trägt ferner die Seele des Abendlandes, die sich nach Versöhnung, nach Werkgemeinschaft sehnt, in seiner Brust und lehnt deshalb Gewalt und Blutvergiessen ab, solange als nicht der furchtbarste Druck seine ungestüme und zugleich täppisch wütende Erhebung erzwingt. Das sind nur einige von den vielen Gründen, die dem Juden die Abwehr des Antisemitismus leicht machen. Er kennt die Volksstimmung, er versteht es, die wirksamen Schlagworte in die Masse zu werfen und nutzt dabei die Macht, die ihm das fast ausschliessliche Verfügungsrecht über die Presse gibt, geschickt und wirksam aus. Sehr zustatten kommt ihm seine ausgesprochene Schauspielerveranlagung, die es ihm ermöglicht, die Rolle des Befreiers und Volksfreundes meisterhaft durchzuführen. Andererseits ist er viel zu wenig Seelenkenner, als dass er die furchtbare Gefahr abschätzen könnte, in der sein ganzes Volkstum, die Schuldigen und die Unschuldigen, schwebt. Er sieht nicht, dass er die Dinge auf die Spitze treibt und nun seinerseits die Massen des Volkes in die Arme seiner Feinde drängt. Wie überall in der heutigen Zeit, so ist auch hier das ziellose Hin und Her zum Kennzeichen der Lage geworden. Die sachliche, gewaltlose Lösung der Frage ist das richtige, erreichbare Ziel. Sie dient der ruhigen Entwicklung des Ganzen und dient deshalb dem wahren Nutzen sowohl des Juden als des Abendländers. Im Gegensatze dazu ist die gewaltsame Ausschaltung des Judentums weder erstrebenswert noch möglich. Seine Söhne befruchten als geborene Kaufleute unseren, besonders im deutschen Binnenlande schwerfälligen Handelsverkehr. Sie sind deshalb für das Gedeihen unserer Volkswirtschaft von nicht zu unterschätzender Bedeutung, sodass ihre plötzliche Verdrängung unliebsame Folgen zeitigen würde." (Dr. Dickel: "Die Auferstehung des Abendlandes", S.80/81 - Neujahr 1921)

Verfechter des Werkgemeinschaft-Gedankens: Dr. Otto Dickel - 1925 (Bay. Staatsbibliothek, port-030746 / Fa. Scholle & Sonne - Portrait Dr. Otto Dickel)
Hinzu kommt u.a. der Hinweis aus dem Kreis- und Stadtarchiv Paderborn, dass nach Schriftstücken aus Heinrich Dolles Nachlass Adolf Hitler 1919 für 9 Monate bei den Grandels in Augsburg Wohnraum und geistige Nahrung erhält, bevor er sich zum Herbst 1919 in München parteipolitisch in der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) aktiviert.
Sollte diese Schilderung stimmen, dann wird der ideologische Einfluss Dr. Grandels in der politischen Ausrichtung Adolf Hitlers relevant gewesen sein. Heinrich Dolle bezeichnet Dr. Grandel diesbezüglich als ersten "Nährvater" Hitlers.
In der zweiten Hälfte des Jahres 1922 wird auch Heinrich Dolle bei Dr. Grandel geistige und körperliche Nahrung bekommen. Der Gastgeber notiert später über Heinrich Dolle:
"Als Gegenspieler gegen (-Dr. Otto-) Dickel liess ich den Bergarbeiter Heinrich Dolle aus Westfalen kommen, er wohnte einige Monate (-August bis November 1922-) bei mir.(...) Ich hielt es für gut, wenn nicht immer die gleichen bayerischen Männer redeten; die Bewegung sollte nicht so ausschliesslich bayerisch sein.(...) Ferner sollte er ein Gegenspieler gegen Dr. Otto Dickel in Augsburg sein, dessen infame Kampfweise mich abstiess und welcher ich als Redner nicht gewachsen war. Endlich sollte Dolle die Gedanken des Nationalsozialismus bei mir und in München in sich aufnehmen und sie dann in Norddeutschland verbreiten helfen." (BArch Berlin: NS26/514, S.589/Bl.4 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941 + S.597/Bl.1 v. 6.11.1942)
Der Bergarbeiter und Kleinbauer Heinrich Dolle verfügt bereits zu diesem Zeitpunkt über eine ausgeprägte Judengegnerschaft:
"Meine Wohnung in Düsseldorf konnte ich als Briefanschrift nicht angeben, weil ich keine Wohnung hatte, - weil das Haus, in dem mir bis dahin Obdach gegeben worden war, von Juden weggekauft, und dann zu einem jüdischen Bankhause gemacht wurde ... So schlief ich denn, weil meine Wohnung der Juden-Bank Platz machen musste,bald im Obdachlosenasyl, bald im Walde, bald in der Erdhütte der Siedlung 'Freie Erde', bald bei diesem, bald bei jenem Freunde ... So gab ich meine Arbeitsstelle (-als Briefadresse-) an. Das hat nun der Jude als Anlass genommen, bei der Kreisverwaltung ... zu beanstanden. Hört Ihr's, Ihr Juden und Ihr Judenbastarde! Ihr habt alles geschändet, was dem deutschen Wesen heilig war: Mannesehre, Frauentugend, König und Vaterland, Rechtschaffenheit und Treue und Aufrichtigkeit. Ihr habt alle Werte des deutschen Volkes zu Geld gemacht und verwertet. Unser ehedem so hehres, edles Volk ist durch Euch arm geworden an sachlichen Gütern und an sittlichen, seelischen. Es ist im ganzen genommen verludert und verkommen." (Kreis- und Stadtarchiv Paderborn: Nachlass Heinrich Dolle, Dolles Artikel an die Deutsche Zeitung über H.(-ermann?-) Disselmeyer v. 8.12.1921)

Völkischer Wanderedner und Antisemit: Heinrich Dolle - 1918 (GStA PK: I. HA Rep. 84a, Nr.55584 - Artikel aus: General-Anzeiger für Krefeld und den Niederrhein, Nr.3 v. 17.01.1920, S.2 - Portrait Heinrich Dolle / o.Ang.)
Um den Jahreswechsel 1920/21 überführt Gottfried Grandel schließlich die Mitglieder des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, zusammen mit der kurz zuvor von ihm gegründeten ersten Ortsgruppe des Bundes für Deutsches Recht, in die wiederum von ihm initiierte erste Augsburger Ortsgruppe der judenfeindlichen NSDAP. In späterern Jahren betont Adolf Hitler zu dieser Phase:
"Im Jahre 1918 konnte von einem planmäßigen Antisemitismus gar keine Rede sein. Noch erinnere ich mich der Schwierigkeiten, auf die man stieß, sowie man nur das Wort Jude in den Mund nahm. Man wurde entweder dumm angeglotzt, oder man erlebte heftigsten Widerstand. Unsere ersten Versuche (-Germanen-Orden/Thule-Gesellschaft?-), der Öffentlichkeit den wahren Feind zu zeigen, schienen damals fast aussichtslos zu sein, und nur ganz langsam begannen sich die Dinge zum Besseren zu wenden. So verfehlt der Schutz- und Trutzbund in seiner organisatorischen Anlage war, so groß war nichtsdestoweniger sein Verdienst, die Judenfrage als solche wieder aufgerollt zu haben. Jedenfalls begann (-durch die Aktivitäten des reichsweit aktiven Schutz- und Trutzbundes-) im Winter 1918/19 so etwas wie Antisemitismus langsam Wurzel zu fassen. Später hat dann allerdings die nationalsozialistische Bewegung (-ab 1920-) die Judenfrage ganz anders vorwärtsgetrieben. Sie hat es vor allem fertiggebracht, dieses Problem aus dem engbegrenzten Kreise oberer und kleinbürgerlicher Schichten herauszuheben und zum treibenden Motiv einer großen Volksbewegung umzuwandeln." (Hitler: "Mein Kampf", S.128 - 1939)
In einer kritischen Betrachtung vermerkt die Schwäbische Volkszeitung über den zunehmend stärker werdenden Augsburger Antisemitismus:
"Die 'antisemitische Bewegung' (lies: Judenhetze) hat in Bayern dank der passiven Haltung verschiedener Polizeibehörden einen Umfang angenommen, daß selbst das bayerische Ministerium des Innern die Notwendigkeit für gegeben hält, den Unfug, vielmehr dem gemeinen Treiben der Antisemiten entgegenzutreten. Und es ist höchste Zeit, sollen wir nicht Zustände bekommen, die an Vorgänge in Rußland vor dem Kriege erinnern. Auch in Augsburg unterhalten die 'Deutschvölkischen' eine eifrige Propagandatätigkeit, das Volk gegen die Juden aufzureizen. Erst gestern abend fand (-im Café Maximilian-) eine (-von Dr. Grandel organisierte-) 'Massenversammlung' (!) nationalsozialer Arbeiter (-mit Adolf Hitler als Redner-) statt. Juden haben keinen Zutritt, wie es auf den Plakaten hieß. Was ist der Zweck solcher Versammlungen. Wir haben es zur Genüge erfahren, wie bei derartigen Gelegenheiten immer wieder versucht wird, die Schuld an den jetzigen Zuständen auf das Judentum abzuwälzen. Die Juden Juden von solchen Versammlungen auszuschließen, damit sie nicht in der Lage sind, sich zu verteidigen, ist der höchste Grad der Feigheit. Als ob an dem Krieg und seinen traurigen Folgen nicht auch die Christen die gleiche Schuld tragen! Es ist wirklich an der Zeit, daß diesem gemeingefährlichen Treiben Einhalt geboten wird, auch in Augsburg!" (Staats- und Stadtarchiv Augsburg: Schwäbische Volkszeitung, Nr., S. - "Die antisemitische Bewegung" v. 11.5.1921)
Doch Dr. Grandel zeigt bei seinem praktizierten Antisemitismus, im Vergleich zu dem Münchener Dietrich Eckart, eine andere Gewichtung. In einem Brief vom 12. August 1921 schreibt er Dietrich Eckart zu Adolf Hitlers diktatorischen Parteiambitionen:
"Antisemitismus ist nötig, aber Vorarbeiten für das kommende Deutsche Reich sind auch vonnöten." (Ryback: "Hitlers Bücher", S.83 - 2008)
Nach den Ausführungen Heinrich Dolles hat der Münchener Dietrich Eckart seit dem misslungenen Berliner Kapp-Putsch vom März 1920 schrittweise die Funktion des "Nährvaters" Adolf Hitlers von Dr. Grandel entzogen. Dessen früher Einfluss und damit auch des von ihm vertretenen Ordens schwindet dadurch zunehmend. Adolf Hitler löst sich schon im Verlauf seiner frühen politischen Entwicklung konsequent von dem Diktat der bestimmenden Geheimloge. Der in Berlin tätige alldeutsche Verbandsvorsitzende Heinrich Class erinnert sich an den antisemitischen Einfluss, der auf Adolf Hitler während der frühen Weimarer Republik wirkte:
"Im Gegensatz zu dem, was Hitler mir kurze Zeit vorher (-vor der Münchener Parteiprogramm-Vorstellung vom 24.2.1920-) in Berlin erklärt hatte, fand ich, dass schon im vierten Satze ausgesprochen war, dass Volksgenosse nur sein könne, wer deutschen Blutes sei. 'Kein Jude kann daher Volksgenosse sein' und 'Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muss unter Fremdengesetzgebung stehen'. Das waren im Wesentlichen die Grundforderungen, die ich im März 1912 in meinem Kaiserbuch aufgestellt hatte. Wie es dazu gekommen ist, dass diese Sätze in das (-DAP-Partei-)Programm aufgenommen worden sind, weiss ich nicht, ich habe darüber nie etwas erfahren können. Ich stelle fest, dass ich mir nie eingebildet habe, ich hätte mit meinen Ausführungen über die elementare Bedeutung des Kampfes gegen das Judentum irgendwie dabei mitgewirkt. Ich kam bei der Überlegung dieser Frage damals zu der Ansicht, dass wohl Dietrich Eckarts Einfluss entscheidend gewesen sei, der nicht nur überzeugter, sondern fanatischer Gegner der Juden war. Später habe ich erfahren, dass dies nicht der Fall sein konnte, da Hitler mit Dietrich Eckart erst Ende des Jahres 1920 in Zusammenarbeit trat." (Class: "Politische Erinnerungen", S.866/867 - 1936)
Eine weitere judenfeindliche Verbindung Gottfried Grandels führt zu Theodor Fritsch, dem Alt-Antisemiten der völkisch-nationalen Szene. Publizist Fritsch, der sich schon ab 1880 bemüht, über eine Mühlen-Zeitschrift einen Deutschen Müllerbund zu organisieren, gründet 1912 aus der Hammer-Leserschaft den öffentlichen Reichshammerbund.
Parallel dazu initiiert er aber auch den geheimen Germanen-Orden. In Gottfried Grandels Bericht an das NSDAP-Hauptarchiv findet auch Theodor Fritsch Erwähnung:
"Ausgezeichnete Aufklärungsarbeit in völkischer Hinsicht leistete Theodor Fritsch in Leipzig, Herausgeber der Ztschr. 'Hammer', den ich ebenfalls persönlich kennen lernte. Ein kluger und mutiger Mann, musste er als 70-Jähriger noch ins Gefängnis wandern, weil er den Juden (Max) Warburg in Hamburg gekränkt hatte. Nur eine total verjudete Justiz konnte sich zu einem solchen Fehlurteil entschliessen." (BArch Berlin: NS26/514, S.593/Bl.8 - Dr. Grandel an das NSDAP-Hauptarchiv v. 22.10.1941 + S.597/Bl.1 v. 6.11.1942)
Zu dem von Dr. Grandel angesprochenen Prozess heißt es:
"In der Rubrik 'Politische Prozesse' wurde über den Prozeß von Max Warburg gegen den bekannten 'Alt-Antisemiten' Theodor Fritsch berichtet, der Warburg, 'den heimlichen Meister von Deutschland', beschuldigt hatte, sich während des Krieges zum Nachteile Deutschlands bereichert zu haben. Nach wiederholten Revisionsverfahren wurde Fritsch zu vier Monaten Gefängnis verurteilt." (Avraham Barkais: "Wehr Dich!", S.182 - 2002)
Zudem findet sich in der von Fritsch seit 1902 herausgegebenen Halbmonatsschrift Hammer ein abgedruckter Brief von Dr. Grandel an F. Roderich-Stoltheim (d.i. Theodor Fritsch), in dem es heißt:
"Sehr geehrter Herr! Es ist eine große Seltenheit, daß ich einem Buche meine ganze Zustimmung geben kann, wie Ihrer kleinen Schrift 'Anti-Rathenau'. Seit einem halben Jahre habe ich sie oft gelesen und kein Fehl darin gefunden. Alle die wichtigen Dinge, die Sie darin besprechen, bewegen auch mich aufs stärkste und ich habe mir Ihre Verwirklichung zum Ziele gesetzt. Landauf, landab suche ich seit langem selbstlose deutsche Männer, die das Gleiche wollen, sich aber nicht mit der Erkenntnis und dem Wunsche begnügen, sondern wirkliche Arbeit leisten. Der wahrhaft deutsche Rechtsstaat, den wir klar vor uns sehen, enthält die Grundzüge, die Sie in Ihrer Schrift anführen. Viel Leid und Enttäuschung ist dem beschert, der sein Volk sehend machen und zum Heile führen möchte. Der rechte Weg ist aber jetzt erkannt." ("Hammer-Blätter für den deutschen Sinn", Nr.437, S.334 v. 1.9.1920)
Die hier von Dr. Grandel hochgelobte Schrift von Theodor Fritsch wird in einer Buchveröffentlichung wie folgt beschrieben:
"1887 veröffentl. Fritsch unter dem Pseudonym Thomas Frey einen von Hitler in seiner Jugend gelesenen 'Antisemitismus-Catechismus' sowie 1918 unter dem Pseudonym Ferdinand Roderich-Stoltheim den 'Anti-Rathenau', eine extrem judenfeindl. Schmähschrift gegen Rathenau. Fritsch war Verfasser zahlreicher Bücher zur 'Judenfrage' sowie Hg. der antisemitischen Zeitschrift 'Der Hammer'." (Hentzschel-Fröhlings: "Walther Rathenau als Politiker", S.303 - 2007)
Allgemein ist durch den für viele unerwartet verlorengegangenen 1. Weltkrieg und den daraus folgenden Bedingungen der Siegermächte in der breiten Bevölkerung ein extrem verletzter Nationalstolz abrufbar. Verortet sich die Nation noch kurz zuvor als aufstrebende Kolonial- und Weltmacht, die sich lediglich mit Frankreich und England in Konkurrenz befindet, so sieht man sich unvermittelt auf der untersten Stufe der europäischen Hierarchie.
Die Verantwortlichkeit für dieses empfundene Desaster wird schnell an die ausgemachten Feinde des Reiches weitergereicht: Den erklärten Kriegsgegnern, den Roten, die während des Krieges die eigene Truppe und Bevölkerung zersetzt hätten. Auch die Juden werden hier zu Feinden erklärt, da sie mit dem Vaterland nur Geschäfte im Sinn gehabt hätten.
Im Wochenbericht des bayerischen Regierungspräsidenten vom 9. März 1920 wird berichtet:
"Man kann überall sagen hören: 'Wir werden von unserer Regierung den Juden ausgeliefert.'"
Auch die Behauptung, ...
"deutsche Juden hätten sich im 1. Weltkrieg als 'Drückeberger' dem Kriegsdienst entzogen ..."
... , wird in diesem Zusammenhang diffamierend verbreitet.
("Mein Kampf, eine kritische Edition", S.392)
In diesem Zusammenhang macht auch der Heimatfront-Dichter Dietrich Eckart auf sich aufmerksam:
"Nicht immer ist es indes möglich, diesen Wahrheitsfälschern so schnell und so kräftig auf die Finger zu klopfen, wie es in dem einen Falle eines gewissen Dietrich Eckart geschah. Dieser Herr, der eine Wochenschrift 'Auf gut deutsch' herausgibt, stimmte natürlich ebenfalls tapfer in die Anklage ein, die Juden hätten sich vor dem Frontdienst gedrückt, ein Vorwurf der ja unverfolgbar und so straflos wie sträflich ist. Aber er hatte überdies die Unvorsichtigkeit begangen, einen Preis von 1000 Mark auszusetzen für den Nachweis, daß auch nur eine jüdische Familie mehrere Wochen drei Söhne in der Kampffront und im Schützengraben gehabt hätte." (Poppelauer: "Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur", Bd. 24, S.2 - 1922)
In einer Buchveröffentlichung von 1935 heißt es zu diesem Fall weiter:
"Rabbiner Dr. Freund (Hannover) legte daraufhin dem Preisausschreiber ein Liste von zwanzig Familien seiner Gemeinde vor, auf die diese Voraussetzung zutraf. Da der Aussetzer des Preises den Nachweis nicht anerkennen wollte, erhob der Rabbiner Klage beim Landesgericht München auf Zahlung des ausgesetzten Preises. Nach Durchführung des Beweisverfahrens, in dem der Kläger ein Verzeichnis von weiteren fünfzig jüdischen Familien aus anderen Gemeinden vorlegte, die bis sieben und acht Söhne im Felde hatten und von denen einige den Verlust dreier Söhne zu beklagen haben, erkannte der Beklagte den erbrachten Nachweis an und zahlte an den Kläger den ausgesetzten Preis von 1000 Mark, der für gemeinnützige Zwecke verwendet wurde." (Irene Harand: "Sein Kampf", Antwort an Hitler, S.174/175 - 1935)
Am Beispiel von Augsburg wird hingegen deutlich, dass zu Beginn des Weltkrieges in der jüdischen Synagoge am 4. August 1914 um den Segen für die deutschen Waffen gebetet wurde, "254 Gemeindemitglieder (davon 29 Freiwillige) in die Armee eingetreten" und 24 im Krieg gefallen sind.
(Quelle: ikg-augsburg.com)
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(alemannia-judaica.de: Allgemeinen Zeitung des Judentums - "Die neue Augsburger Synagoge: eine deutsche Glanzleistung im Weltkriege" v. 18.5.1917 + Architekturmuseum Schwaben)
In dem Buch "Geschichte der Stadt Augsburg" wird darüber hinaus auf Seite 588 betont, dass ...
"... sich die seit der Zugehörigkeit Augsburgs zu Bayern (1805) zugewanderten Juden gerade in Notzeiten insgesamt als ein integrierter Teil der Bevölkerung erwiesen hatten, der sie in ihrer großen Mehrheit auch zu sein wünschten".
Trotz seiner erlernten Beobachtungsgabe als studierter Chemiker sieht Dr. Gottfried Grandel dies offensichtlich anders, zumindest ist er sich sicher: Der Antisemitismus verfängt sich massentauglich in verschiedenen Kreisen der Bevölkerung.
Neben der finanziellen Unterstützung Hitlers und der NSDAP, die sich schon früh gegen jeglichen jüdischen Einfluss innerhalb der Gesellschaft positioniert und Juden explizit von eigenen Veranstaltungen ausschließt, leistet er einen entscheidenden Beitrag zum Ankauf eines ausgesprochen antisemitischen Hetztblattes: Des Völkischen-Beobachters.
Für ihn scheint der Erwerb des extremst judenfeindlich ausgerichteten Blattes eine adäquate Antwort auf die Berichterstattung "der ganzen Judenpresse" zu sein.
(Zitat aus Dr. Grandels Schreiben a.d. Hauptarchiv)
Der Augsburger Ölffabrikant Dr. Grandel wird laut Buchautor John Toland in diesem Zusammenhang als "anti-semitic doctor" zugeordnet, der sich beim Kauf der Zeitung auf Wunsch Hitlers mit einer hohen notariellen Bürgschaft in den Dienst der NS-Bewegung stellt.
In einem Brief vom 1. Februar 1924 an den alldeutschen Verbandsvorsitzenden Heinrich Class beschreibt der Münchener Verleger Julius F. Lehmann seinen Parteigenossen Dr. Grandel mit deutlichen Worten. Lehmann selbst ist Planungsmitglied des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, seit März 1920 Mitglied der NSDAP, vor der Jahrhundertwende dem Alldeutschen-Verband beigetreten und auch als Gast in der Münchener Thule-Gesellschaft aktiv.
In dem Schreiben an Class bedauert er, vor Grandel nicht schon früher "auf das Eindringlichste gewarnt" zu haben. Er betont dabei, dass für ihn "Dr. Grandel ein fanatischer Parteigänger Wulles" sei.
Lehmanns Augsburger Freund Georg Fischer habe "Herrn Dr. Grandel verschiedentlich schon früher als einen ganz unklaren Wirrkopf hingestellt, der immer die größten Reden im Munde führte und die Juden immer dutzendweise umlegen wollte", schreibt Julius F. Lehmann über Gottfried Grandel.
Der hier erwähnte Reinhold Wulle (Deckname "Witiches") gehört 1921 laut Mitgliederliste dem Berliner Germanen-Orden Idafeld des Hochmeisters Dr. v. Brehmer an. Er ist darüber hinaus Teil des völkisch-antisemitischen Flügels der Deutschnationalen-Volkspartei, die seit Juni 1920 im Reichstag vertreten ist.
Nach dem gescheiterten Hitlerputsch vom 9. November 1923 orientiert sich Dr. Grandel offensichtlich an Reinhold Wulle, möglicherweise einer für ihn erfolgversprechenden Alternative zu dem in Landsberg inhaftierten Hitler.
Im Entnazifizierungsverfahren, welches Gottfried Grandels erster Sohn Felix von 1946-48 in Augsburg durchläuft, weist dieser in seinem politischen Lebenslauf vom 22. Juli 1946 auf folgende Aspekte hin:
"Es ist mir bekannt, daß mein Vater sich eine Zeitlang stark politisch betätigt hat und auch bei der Gründung der NSDAP Einfluß hatte, später aber mit dem Aufkommen der antisemitischen Strömung in der Partei wegen seiner Ehe mit einer Jüdin immer mehr ausgeschaltet wurde, sich im Jahr 1924 ganz zurückzog und dann heftiger Gegner der NSDAP wurde. (Staatsarchiv-Augsburg: Spruchkammer AUGSBURG-STADT I U. III AKTEN G 475, Felix Grandel - 1948)
Die Auskünfte des Sohnes wirken nicht schlüssig, eher unkritisch, taktisch-naiv, denn: An "dem Aufkommen der antisemitischen Strömung" dürfte gerade sein Vater schon allein durch die hohe Teil-Bürgschaft für den Völkischen-Beobachter einen entscheidenden Einfluss genommen haben.
Der von Felix Grandel erwähnte Rückzug seines Vaters aus der Politik ab dem Jahre 1924 ist zudem der Attentats-Anklage vor dem Berliner Landgericht geschuldet; politisch war Gottfried Grandel durch die rund fünfmonatige Untersuchungshaft und den daran anschließenden Prozess-Verlauf nicht weiter verwendungsfähig.
Die 1932 vollzogene Ehescheidung von seiner jüdischen Ehefrau Helene könnte hingegen tatsächlich dem erhöhten Parteidruck geschuldet gewesen sein. Gottfried Grandel wusste zudem genau, was seine Parteigenossen für die Machtübernahme mit der jüdischen Bevölkerung nach mehr als einem Jahrzehnt Vorbereitungszeit planten.
Als sogenannter Arier legte er auch keinen erhöhten Wert darauf, während der sich bereits ankündigenden nationalsozialistischen Herrschaft als jüdisch versippt zu gelten. Bei Wikipedia heißt es zu diesen Mischehen:
"Jüdisch Versippte" wurden diskriminiert; ihnen blieben bestimmte Berufe und Aufstiegsmöglichkeiten verschlossen.
Vielleicht erhofft sich Dr. Grandel im bevorstehenden III. Reich tatsächlich eine parteipolitische Karriere an führender Stelle. Theoretisch stand er ab 1933, nach vollzogener Trennung von Ehefrau, Familie und Firma, in Hamburg für einen "Ruf nach Berlin" bereit.
Als "heftiger Gegner der NSDAP", wie ihn sein Sohn Felix 1946 beschreibt, kann Gottfried Grandel hingegen nicht bezeichnet werden: Noch im Jahre 1934 empfiehlt sich der frühe Parteigenosse aus der Kampfzeit dem Führer mit einem detaillierten Fettschlachtplan für den Fall eines Krieges und hofft dabei tatsächlich auf einen Ruf nach Berlin, um dem Führer persönlich vorzutragen; doch Gottfried Grandel wartet vergeblich. Sein Versuch verläuft zweimalig im Sande.
Auch die sogenannte Zwangsarisierung von deutschen Firmen ist für Dr. Grandel ein Thema. Hier betrifft es im Kriegsjahr 1940 gerade die Firma, die seinen eigenen Namen trägt und deren Teilhaber er nach acht Jahren nun wieder zu werden wünscht. So schreibt er nach dem erzwungenen Ausscheiden des jüdischen Teilhabers Dr. Alexander in einer Kontaktaufnahme zur mittlerweile verwitweten DOG-Teilhaberin Berta Lohmann:
"Es ist ja an mir auch etwas gutzumachen, besonders Seitens des Herrn Rupp, und das wäre dann ein weiterer Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit. Im Falle Dr. W. Alexander hat sie sich ja schon betätigt; und er war der spiritus rector anno 1932 zu den Verunglimpfungen und Drohungen, die zu meinem Ausscheiden unter so ungünstigen Bedingungen führten. Wovon lebt er denn jetzt? Wird er immer noch von der Firma bezahlt?" (Dr. Grandels Brief an Berta Lohmann, Bl.3 v. 7.11.1940)
Zu den Perspektiven der jüdischen Bevölkerung führt Dr. Grandel weiter aus:
"Aus dem Land Baden-Baden, das wird Sie interessieren, sind ja alle Juden in letzter Zeit fortgeschafft worden, zunächst in die großen Lager in Südfrankreich, von da sollen sie nach Madagaskar u. in französische afrikanische Kolonien kommen u. da angesiedelt werden. Sie dürfen nur RM 100,- u. kleines Gepäck mitnehmen, und wurden in französischen Autobussen abtransportiert. Wie man allgemein hört, sollen auch aus dem übrigen Deutschland alle Juden fortgeschafft werden." (Dr. Grandels Brief an Berta Lohmann, Bl.4 v. 7.11.1940)

Baden-Baden: Kolonne von verhafteten Juden unter Bewachung von SS und Polizei auf der Sophienstraße - November 1938 (BArch: Bild 183-86686-0008 / o.Ang.)
Wikipedia schreibt zu der national-sozialistischen Erwägung, vier Millionen europäische Juden nach Madagaskar zu deportieren:
"Der antisemitische Plan wurde nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 im Reichssicherheitshauptamt und im Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches ausgearbeitet. Er wurde allerdings nie umgesetzt, insbesondere wegen des Seekriegs gegen Großbritannien und der damit nicht vorhandenen Hoheit über die entsprechenden Seewege. So endeten die Arbeiten am Madagaskarplan noch im selben Jahr. Stattdessen wurde letztlich ein Großteil der europäischen Juden im Holocaust ermordet."
Zu den von ihm behaupteten Begleitumständen seines 1932 vollzogenen DOG-Austrittes schreibt Dr. Grandel rückblickend weiter:
"Über die Beweggründe der anderen damaligen Gesellschafter glaube ich mich nicht zu irren, wenn ich annehme, dass den Herrn Dr. Alexander der Hass des Juden gegen mich als bekennendem nationalsozialistischen Freund und Förderer Adolf Hitlers antrieb, daneben auch geschäftliche Eifersucht." (Dr. Grandels Brief an Berta Lohmann, Bl.4 v. 7.11.1940)
In der Auseinandersetzung, die Dr. Grandel im Anschluss an den vorfühlenden Briefwechsel ab dem 7. Januar 1941 mit den Teilhabern der DOG führt, überzieht er bereits in seinem ersten Schreiben seinen ehemaligen und durch die Arisierung 1938 unfreiwillig ausgeschiedenen Teilhaber Dr. Alexander mit einer Reihe von antisemitischen Vorwürfen:
"Offenbar hat er (-Wilhelm Lohmann-) sich durch den Haupthetzer, den Juden Dr. Alexander, verleiten lassen ..." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.5 v. 7.1.1941)
"Es bedurfte jetzt nur noch eines Anlasses oder Vorwandes, und die Hetze gegen mich unter Anführung des Juden Dr. Alexander konnte beginnen;" (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.6 v. 7.1.1941)
"Leider hatte ich zu jener Zeit den Rücken nicht frei, weil mich der Ehescheidungsprozess in Anspruch nahm. Auch wusste ich ja bereits aus dessen Verlauf, dass ich ---- im Jahre 1932 ----- vor den mit Juden und Freimaurern besetzten Richtertischen den Kürzeren ziehen werde.(...) Was konnte ich unter den damaligen Zeitverhältnissen kurz vor Beginn des III. Reiches und Einer gegen Vier, darunter ein Jude, anderes tun, als in Verhandlungen einzutreten, welche mein Ausscheiden unter einigermassen befriedigenden Bedingungen zum Gegenstand hatten? Sollte ich die Handelskammer oder das Handelsgericht um Hilfe anrufen, an deren Spitzen damals Juden sassen?" (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.7 v. 7.1.1941)
"Der Ton seitens der vier gegnerischen Gesellschafter war äusserst agressiv, ganz im Geiste des Juden Dr. Alexander (...). Ich habe es jedenfalls bis heute nicht verwinden können, dass meine offenkundigen und evidenten Verdienste um die Bedeutung und Grösse der Firma seitens der damaligen Gesellschafter unter Anführung des Juden Dr. Alexander in einer solch masslos gehässigen Weise und mit der diffamierenden Drohung des Ausschlusses aus der O.H.G. gelohnt worden sind." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.8 v. 7.1.1941)
"Der Vertrag vom 26. Juli 1932 muss annulliert werden; ich weigere mich, ihn länger als bindend für mich anzuerkennen und bin für den Fall, dass die jetzigen Firmeninhaber meine Rehabilitierung ablehnen sollten, fest entschlossen, die Hilfe der heute zuständigen Stellen und der Partei anzurufen, mit der Begründung, dass ich seiner Zeit durch das vorwiegende Betreiben des jüdischen Gesellschafters Dr. Alexander unter mich provozierenden und schwer kränkenden Begleiterscheinungen aus der Firma hinausgedrängt worden bin, ohne damals hoffen zu können, vor den verjudeten Gerichten und vor der verjudeten Handelskammer in Hamburg Hilfe und Recht zu finden." (Dr. Grandels Einschreiben an die DOG, Bl.11 v. 7.1.1941)
In Reaktion auf die Anwürfe gegen den ehemaligen Seniorchef der Hamburger Ölfabrik vermerken die DOG-Teilhaber:
"Dr. Grandel war bekannt, daß Dr. Alexander Jude ist. Dies war Dr. Grandel genau so gut bekannt, wie die Tatsache, daß Dr. Grandel 1915 (-1916-) eine Halbjüdin, Frau Helene Winternitz heiratete.(...) Dr. Grandel hatte bei der Fusion nicht die geringsten Bedenken gehabt, auch mit Dr. Alexander eine geschäftliche Ehegemeinschaft einzugehen. Es muß daher als unfair bezeichnet werden, wenn Dr. Grandel nicht vorhanden gewesenen Haß oder Eifersucht als Motiv benutzt, um Dr. Alexander zu belasten." (DOG-Antwortbrief auf Dr. Grandels Einschreiben v. 7.1.1941 an die Teilhaber, S.4)
